Skandale in den Bergen: in den 1940er Jahren im Urnerland, 1965 und 1972 im Wallis.
«Es fällt mir nicht leicht, wenige Tage nach dem verheerenden Berg- und Gletschersturz von Blatten im Lötschental die Einleitung zu diesem Buch zu schreiben. So wie innerhalb weniger Augenblicke Ende Mai 2025 ein Dorf unter den herabdonnernden Eis- und Geröllmassen begraben wurde, so zerstörten Eismassen der abgebrochenen Zunge des Allalingletschers Ende August 1965 im hinteren Saastal Straßen und Wege, Baracken, Büros, Kantinen und Werkstätten, die für den Bau des Staudamms Mattmark errichtet worden waren. Während im Lötschental das Ausmaß der Zerstörungen von Landschaft und Dorf verheerend ist, so ist es bei der Katastrophe von Mattmark vor allem die große Zahl der Toten, die in Erinnerung bleibt.»
Schreibt die Herausgeberin Elisabeth Joris am Anfang des Buches «Mattmark 1965. Erinnerungen, Gerichtsurteile, italienisch-schweizerische Verflechtungen». Zur Erinnerung: In den zwei Millionen Kubikmetern Eis, die am 30. August 1965 kurz vor Schichtende um 17.20 Uhr das Barackendorf der Staudamm-Baustelle begraben, sterben 88 Menschen, 56 davon italienischer Nationalität, die meisten von ihnen Bauarbeiter; ein Drittel der getöteten Italiener stammt aus der Provinz Belluno im nördlichen Veneto. Elisabeth Joris lässt in ihrem Buch involvierte Frauen vom Saastal bis Belluno zu Wort kommen; auf dem eindrücklichen Cover eine junge Frau, die von zwei Männern wohl grad erfahren hat, dass ihr Liebster bei der Arbeit in der Schweiz umgekommen ist. Überhaupt die zahlreichen schwarzweissen Fotos im Buch: Sie machen die Katastrophe noch beklemmender als sie es ohnehin ist. Dazu trägt vor allem auch das Kapitel «Der steinige Weg vom Freispruch zum Fehlurteil» von Kurt Marti bei; Vasco Pedrina zeigt, dass der tödliche Gletscherabbruch wenigstens die gewerkschaftliche Migrationspolitik positiv beeinflusste.
«Mattmark 1965» ist ganz starkes Zeichen zu einem ganz schwachen Zeugnis schweizerischer Energie- und vor allem Justizpolitik. Dass die Baracken der Arbeiter unter den gefährlichen Allalingletscher – und das ohne Sicherheitsvorkehrungen – gestellt wurden, war schon skandalös. Dass die Experten, die vor einem plötzlichen Gletscherabbruch gewarnt hatten, dann nichts mehr davon wissen wollten und die Katastrophe als «unvorhersehbar» einstuften, war noch skandalöser. Dass das Walliser Kantonsgericht im Herbst 1972 alle Angeklagten, gegen wissenschaftliche Beweise zur Gefährlichkeit des Gletschers, frei sprach, war ein Justizskandal. Aber dass das Gericht damals den Familien der Opfer die Hälfte der Prozesskosten aufbürdete: Dafür fehlen die Worte. Die Zeitung L’Unità titelte zu Recht: «Schande».
Mehr zur vorhersehbaren Katastrophe im Roman «Ein unvorhersehbares Ereignis. Die Geschichte einer Katastrophe». Entlang seiner Figuren zeichnet Urs Hardegger ein lebendiges Bild der Wachstumseuphorie der 1960er Jahre und deren Auswirkungen auf Mensch und Natur. Themen, die bis heute nachwirken und noch immer hochaktuell sind. Der Roman beginnt so: «Wer ist schuld? Diese Frage lässt mir keine Ruhe mehr. Marios Tod raubt mir den Schlaf, auch diese Nacht habe ich wach im Bett gelegen, und meine Gedanken sind um ihn gekreist. Besonders jetzt, wo ich es niederschreibe, wühlt es mich auf. Man könnte sich fragen, warum erst jetzt? Warum hast du so lange geschwiegen, Hilfinger? Die Sache ist doch längst gegessen, liegt lange zurück.» Eben nicht. Und im Zeitalter der fortschreitenden, menschgemachten Klimaerwärmung mit immer unstabileren Bergen stellt sich die Frage nach Vorhersehbarkeit wohl noch häufiger als uns lieb ist.
Jetzt noch ein drittes Buch aus den Bergen, darin ebenfalls von einem Skandal die Rede ist. In «Die Nazis vom Schächenwald» deckt Reto Gamma eine Episode aus der jüngeren Urner Geschichte auf, nämlich die Aktivitäten einer Gruppe von Nationalsozialisten, die zu Beginn des Zweiten Weltkrieges in der im Schächenwald liegenden Munitionsfabrik Altdorf aktiv waren. Die verbotene Begeisterung für Hitler wurde bekannt, die Anführer wurden verhaftet und – knapp an der Todesstrafe vorbei – zu mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Was allerdings nicht vor Gericht landete, war die vertrauliche Reise des Direktors der Munitionsfabrik und des Chefs der Kriegstechnischen Abteilung des Militärdepartements zum deutschen Heereswaffenamt in Berlin anfangs Juni 1940. Die Deutschen wollten von der Waffenschmiede Oerlikon-Bührle 2000 Fliegerabwehrkanonen samt acht Millionen Schuss Munition kaufen. In der Folge erhielt die Munitionsfabrik Altdorf einen Grossauftrag von Bührle, sie musste gar von Zwei- auf Dreischichtbetrieb umstellen.
Zum versöhnlichen Abschluss noch eine persönliche Erinnerung zu Mattmark: Für die Untersuchung und Publikation von Otto Lütschgs „Über Niederschlag und Abfluss im Hochgebirge: Sonderdarstellung des Mattmarkgebietes. Ein Beitrag zur Fluss- und Gletscherkunde der Schweiz“ (1926 erschienen im Sekretariat des Schweizerischen Wasserwirtschaftsverbandes, Zürich) stellte mein Grossvater Hermann Anker Niederschlagsmesser auf und machte schwarz-weisse Fotos.
Und: Heute Mittwoch, 5. November, beginnt das Multimediafestival BergBuchBrig; es dauert bis zum Sonntag: www.bergbuchbrig.ch/programm/ Aus dem reichhaltigen Programm seien fünf Produktionen herausgepickt, wobei die Bücher der ersten drei auf bergliteratur.ch vorgestellt wurden:
▲ Spuren am Everest mit Jochen Hemmleb (Samstag, 13.00 Uhr).
▲ Über die Alpen – Pässe zu Fuss entdecken mit Marco Volken (Samstag, 17.00 Uhr).
▲ Et vous passerez comme des vents fous – Im Tal der Bärin; Lesung und Gespräch mit Clara Arnaud und Barbara Heynen (Sonntag, 15.00 Uhr).
▲ Speck auf dem Tödi: Ein theatralisch-musikalisches Erlebnis mit dem Schauspieler Gian Rupf und dem Akkordeonisten Fränggi Gehrig, zum Text von Emil Zopfi (Freitag, 19.00 Uhr).
▲ Walliser Stimmen zum Bergsturz von Blatten. Der Walliser NZZ-Journalist Samuel Burgener liest (literarische) Texte zu Blatten. Solche, die aufwühlen. Und solche, die zum Diskurs anregen. Klare Aussagen mischen sich mit sanften Zwischentönen (Samstag, 9.00 Uhr).
Elisabeth Joris (Hg.): Mattmark 1965. Erinnerungen, Gerichtsurteile, italienisch-schweizerische Verflechtungen. Rotpunktverlag, Zürich 2025. Fr. 32.-
Urs Hardegger: Ein unvorhersehbares Ereignis. Die Geschichte einer Katastrophe. Nagel & Kimche Verlag, Zürich 2025. Fr. 34.90.
Reto Gamma: Die Nazis vom Schächenwald. Ein historischer Bericht. Alpenrot-Verlag, Bern 2025. Fr. 32.- www.alpenrot.ch


