Mit Ski zum Tag der Berge

Drei Skibücher zum Internationalen Tag der Berge. Mal philosophisch, mal historisch, mal touristisch. Die Piste ist geöffnet.

«La piste est la mise à plat du skieur. Si les visiteurs des stations modernes ne sont sans doute pas les premiers, dans l’histoire des véhiculations humaines, à avoir éprouvé le frisson de la glisse, ils sont en revanche les premiers à avoir planifié ce plaisir en compactant la neige sous le poids des dameuses.»

Eine kurze Worterklärung, bevor wir uns am internationalen Tag der Berge (11. Dezember) mit dem brusttaschentauglichen Buch «Traité de ski alpin par temps chaud» von Laurent Buffet auf die Piste machen. Dass sie, wenigstens am Morgen, so schön und eben gewalzt ist, das haben eben am Abend und oft noch in der Nacht die Dameuses gemacht, die Pistenraupen. Diese Fahrzeuge, im Südtirol nett auch Schneekatzen genannt, fahren im Kapitel auf, das mit «Kurvenführung der Pistenstrecken» überschrieben ist. Wobei dies natürlich mehr mit Gedanken als mit Gelände zu tun hat. Wie alles auf den hundert, mit fünf schwarzweissen Abbildungen illustrierten Seiten in dieser philosophischen Abhandlung zum alpinen Skilauf. Dass Roland Barthes mitkurvt, erstaunt nicht, eher schon Walter Benjamin mit seinem Werk zu Paris und den Passagen. Nun, die Pisten sind ja auch speziell gemachte Wege, um Menschen von A nach B zu bringen, mehrmals am Tag. Zum Vergnügen (hoffentlich) und mit Geschwindigkeit (wenn man’s kann). Wobei Laurent Buffet die Psychoanalyse als Pistenmarkierung hinstellt, was man beim lesenden Fahren vielleicht nicht immer mitkriegt. Das Folgende hingegen schon, kurz vor dem Abschwingen: «Auf der Suche nach einem anderen Leben hinterlässt der Skifahrer weiterhin seine Spuren auf den schmelzenden Schneeflocken.» Die beiden letzten Sätze dann wieder im Original: «On dit que la montagne est dangereuse. Le skier est sans doute le dernier des aventuriers.»

Ob er das wirklich ist, sei mal dahingestellt. Sicher ist: Der Skilauf, insbesondere der alpine, ist eindeutig mehr als einfach über eine schräge weisse Fläche zu gleiten und zu kurven, nicht unbedingt möglichst schnell, aber schon mit Fahrwind. Was der Skilauf historisch und gesellschaftlich mit dem Skiland Schweiz verbindet, erfahren wir im ebenfalls brusttaschengrossen Buch «La civilisation du ski. Une autre histoire de la Suisse». In zehn Kapiteln, vom Aufkommen des Skilaufs am Ende des 19. bis zum Après-Lift im 21. Jahrhundert, schildern Grégory Quin und Jean-Philippe Leresche von der Uni Lausanne und Laurent Tissot von der Uni Neuchâtel eindringlich und überzeugend, wie das Skifahren untrennbar mit der zeitgenössischen Geschichte der Schweiz verbunden ist. Lange Zeit war es als Sport und Freizeitbeschäftigung die Nummer 1 im Land, ein fester Bestandteil des helvetischen «Alpenmythos», der mit Albrecht von Haller einsetzte und mit Vreni Schneider und Pirmin Zurbriggen (sein «Knie der Nation» anno 1985!) Nachfolger fand. Dennoch wird heute die Zukunft dieses nationalen Wintersports aufgrund des Klimawandels und der sozialen und ökologischen Kosten zunehmend in Frage gestellt. Hinter den jüngsten Erfolgen der Schweizer Champions und der Freude am Skifahren verbergen sich allerdings weitreichendere Fragen zum Fortbestand einer echten Skikultur, die dieses tief schürfende Buch anhand ihrer historischen Wurzeln, ihrer Wirtschaftlichkeit, ihrer Technologien, ihrer Politik und ihrer alten und aktuellen Praktiken untersucht. Und das auch mit Tabellen zu Schneetagen, zur Grösse von Skigebieten, zur Anzahl von Skifahrern, Skiclubmitgliedern und verkauften Skis, zu den 230 durchgeführten Weltcuprennen in der Schweiz von 1967 bis 2025 (56 Mal in Adelboden; nur einmal zum Beispiel in Flühli im Entlebuch, ein Slalom 1987, inoffizielles Abschiedsrennen für Erika Hess mit Sieg von Corinne Schmidhauser). Ganz schön das fünfte Kapitel, das sich mit der Vorstellungswelt des Skilaufs beschäftigt, mit Plakaten, Filmen, Büchern. Schade eigentlich, dass «Heidi» zur berühmtesten Figur im Alpenland Schweiz aufstieg, lange bevor der Skilauf Fahrt aufnahm. Das wär doch eine schier göttliche Fügung gewesen, wenn Heidi der Klara aus Frankfurt das Skifahren beigebracht hätte…

Stopp, Querschwung! Es fährt ja Ski, das Heidi, in seinem Land nämlich, in der Ferienregion Heidiland zwischen Walensee und Sarganserland. Insbesondere natürlich im Skigebiet Wangs-Pizol mit dem «schönsten Skiberg der Ostschweiz». Das heisst es im Führer «111 Skipisten, die man in Deutschland, der Schweiz, Österreich & Südtirol gefahren sein muss» vonChristoph Schrahe, Thomas Biersack, Stefan Herbke. Der Führer war vor fünf Jahren erstmals erschienen (https://bergliteratur.ch/fuehrer-fuer-die-wintersaison/) und kurvt nun mit 20 neuen Pisten auf. Das heisst umgekehrt, dass gleichviele nicht mehr unbedingt gefahren werden müssen. Folgende sechs Pisten aus der Schweiz wurden gestrichen: La Dzorniva in Lax, Hockenhorngrat im Lötschental und die Skitour über die Lötschenlücke (letztere verständlicherweise wegen des Bergsturzes von Blatten!), Chälenegg auf der Klewenalp, Mythen-Skisafari und die Abfahrt von Stütze 2 am Säntis. Neu dabei sind vier eidgenössische Strecken: Grindel auf der Firstseite von Grindelwald, Säntisabfahrt nach Wasserauen, der Schwarze Diamant in Arosa und die Standart in Bivio. Insgesamt 32 Must-Runs in Switzerland. Neu dabei sind ebenfalls zwei ganz besondere österreichische Skipisten. Einerseits die Ulli-Maier-Strecke im Salzburger Land (am 29. Januar 1994 starb Ulli Maier wegen Aufpralls an einem Holzpfosten bei einem Super-G in Garmisch-Partenkirchen; die Piste an der Kreuzbodenalm, wo Ulli jeweils trainierte, trägt seit 2019 ihren Namen). Andererseits die Streif in Kitzbühel, neben dem Lauberhorn DIE Abfahrtsstrecke. Jeder «mordu de la vitesse», so eine Bezeichnung von Laurent Buffet, möchte dort mal runterfahren. Und gewinnen bzw. heil unten ankommen. Bonnes descentes, mes amis!

Wenn es denn Schnee hat. Im Weyerli in Bern hat es. Aus dem chemikalienfreien Abriebmaterial der Kunsteisbahn Weyermannshaus entsteht auf dem Abhang im Freibadgelände eine Miniskipiste inklusive eines begehbaren Förderbands. In Betrieb bis am 8. Februar 2026 jeweils am Mittwoch-, Samstag- und Sonntagnachmittag von 13 bis 17 Uhr; www.sportamt-bern.ch/schneespass-im-weyerli/.

Laurent Buffet: Traité de ski alpin par temps chaud. Éditions La Bibliothèque, collection Les Billets, Les Lilas 2025. € 14,00.

Grégory Quin, Laurent Tissot, Jean-Philippe Leresche: La civilisation du ski. Une autre histoire de la Suisse. Savoir Suisse des Presses polytechniques et universitaires romandes, Lausanne 2025. Fr. 17.50.

Christoph Schrahe, Thomas Biersack, Stefan Herbke: 111 Skipisten, die man in Deutschland, der Schweiz, Österreich & Südtirol gefahren sein muss. Überarbeitete Neuauflage. Emons Verlag, Köln 2025, € 19.-

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