Mörderische Berge

Auf der Alm, da gibt’s ka Sünd, und Verbrechen schon gar nicht. Von wegen…

«Natürlich kann hier oben in den Bergen manches Verbrechen ungesühnt bleiben, wer vermöchte zu sagen, ob es ein Fehltritt oder der Stoß des Begleiters war, was einen Unglücklichen über den Grat riß?»

Das ist die Frage, die sich bei „Verbrechen in den Hochalpen“ immer wieder stellt. Der berühmte Reporter Egon Erwin Kisch stellte sie in der gleichnamigen Reportage, die er 1926 in den Sammelband „Hetzjagd durch die Zeit“ aufnahm. Manchmal allerdings braucht es nicht einmal einen Stoss der Begleiterin. Wie in der Kurzgeschichte „Gipfelglück“ von Heidi Troi:

«Ben lachte lauthals los. „Angst?“ Er trat einen weiteren kleinen Schritt zurück. Direkt hinter ihm der Abgrund. Ein Windstoß brachte ihn ins Straucheln.
Er fing sich wieder.
„Noch ein Stück“, verlangte Tina.
„Nein, Schatz, wirklich nicht.“
„Du hast doch Angst.“
Er schnaubte. „Ich!“
Da zeigte Tina auf einen Punkt über Ben. „Oh, schau mal! Der Adler! Er ist genau über dir!“
Ben riss den Kopf hoch, strauchelte. Ein letzter Windstoß tat sein Übrigens.»

Also, liebe Bergfreundinnen und Bergfreunde, denkt daran beim Fotografieren (und beim Planen einer Hochzeit, wie Tina und Ben): nie zu nahe an den Abgrund! Überhaupt lauert der Tod in den Bergen überall, erst recht, wenn sie auf einer Busreise besucht werden. „Gipfelglück“ ist einer der 25 Alpenkurzkrimis, die Carola Christiansen und Mareike Fröhlich in der Jubiläumsanthologie „Tour de Mord“ zusammengestellt haben, um so 25 Jahre Mörderische Schwestern zu feiern, ein Netzwerk von über 650 Autorinnen, Leserinnen und Bücherfachfrauen. Auf dem Cover des sehr lesenswerten Bandes ein altes Postauto im Lötschental. Dort allerdings ist keine der kriminellen Geschichten, die alle mit einer Busreise in Verbindung stehen, verortet: 13 in Österreich, fünf in Deutschland, vier in der Schweiz und drei in Italien. Wir bleiben grad in diesen vier Alpenländern, obwohl der Abgrund verdammt nahe lauert.

«Sie steigen weiter zur Südspitze, beginnen, den hier sehr ausgesetzten Grat zu überqueren. An einer Stelle sehen sie seitlich in die mächtige Ostwand. Sie bleiben stehen. Hier sind sie nicht gesichert, aber das Band ist relativ breit. Heike kann nicht mehr. Ihre Augen flimmern vor Angst. Jetzt kracht ein Blitz in die Ostwand. Gleich darauf ein infernalischer Donner. Es ist, als ob der ganz Watzmann zittert.»

Achtzehn Sekunden bzw. Zeilen später passiert es. Heike und ihr Mann Stefan stürzen in den Abgrund, in die Watzmann-Ostwand, die höchste Wand der Ostalpen. Oder werden sie gestürzt? Eigentlich wollten sie dort oben und später dann im Luxushotel ihre silberne Hochzeit feiern. „Mord am Watzmann“ heisst der Berchtesgaden-Krimi von Felix Leibrock. Also nur lesen, wenn es nichts zu feiern gibt, schon gar nicht in den offenbar mörderischen Högern.

Dort gefällt es Commissario Tasso gar nicht. Er wäre lieber in seiner Heimatstadt Rom. Aber er muss halt in Bozen ermitteln. Zum Glück hat er mit Mara, der Tochter des Bürgermeisters, eine tüchtige Stagiaire, die für ihn die Kohlen aus dem Feuer bzw. dem Schnee holt, in Meran und vor allem in Cortina d’Ampezzo. Kurze Szene:

«Verdrießlich betrachtete Tasso den Hang und die unberührte Schneedecke. Es war nicht zu erkennen, wo ein Pfad zu der Hütte führte – und ob überhaupt.
Er wandte sich ab und wollte weitergehen. Dann hörte er hinter sich ein Geräusch wie von einem rutschenden Schneebrett. Er fuhr herum.
„Mara, was machen Sie denn, Sie können doch nicht … Madonna mia!“»

Gianna Milanis „Commissario Tasso auf dünnem Eis“ spielt 1962. Auf eine sommerliche Fortsetzung freue ich mich, hoffentlich wieder mit Mara. Tasso dürfte es nun in Bozen auch besser gefallen, da er jemanden kennengelernt hat, die noch besser kocht als Mama oder Tante Hedwig.

Ein ungleiches Duo bilden ebenfalls die Mailänder Journalisten Marco Besana und Ilaria Piatti. An sich nichts Ungewöhnliches bei Kriminalromanen, wenn man an Sherlock Holmes und Doktor Watson denkt. In „Stiller als der Tod“ von Dario Correnti recherchieren sie im Engadin – und in der besseren Gesellschaft. Dummerweise verliebt sie Marco noch in eine Dame von Welt. Ilaria behält einen kühlen Kopf. Weniger Giacomo in der einsamen Hütte oben – ob er der Serienmörder ist?

«Aber heute Morgen hat er sich nicht gut gefühlt, das hat er schon gemerkt, als er an der Hütte aufgebrochen ist. Ein heftiger Kopfschmerz. Wieder diese verdammte Neuralgie. Aber davon hat er sich nicht beirren lassen. Er ist trotzdem losmarschiert. Auch von den ersten Wolken über dem Piz Palü hat er sich nicht aufhalten lassen. Kurz darauf fing es an zu schneien.»

Immer dieser Schneefall, der alle Spuren verwischt. Immer dieses aufziehende Schlechtwetter, das nichts Gutes verheisst. Im Gebirge lauern eben nicht nur Abgründe, und zwar solche jeglicher Art, gebirgige und gesellschaftliche…

«Der Grosse und der Kleine Mythen thronten wie gigantische Wächter über Schwyz. Ihre Felsen düster und unheimlich im aufkommenden Wind, der schwere Wolken aus dem Süden vor sich herschob.“

Kurze Wetterbeobachtung aus Silvia Götschis „Etzelpass“, ihrem siebten Krimi in der Valérie-Lehmann-Reihe. Andere Titel aus dieser Reihe lauten „Muotathal“, „Einsiedeln, „Itlimoos“ und „Lauerzersee“. In zwei anderen Reihen stehen „Jakobshorn“, „Mattawald“, „Bürgenstock“, „Engelberg“ und „Interlaken“ für tödliche Orte. Langsam wird es unheimlich im Lande, auch wenn die Verbrechen jeweils aufgeklärt werden. Trotzdem: Den Etzel (1097 m) beim gleichnamigen Pass, den ich schon lange mal besteigen wollte – ich weiss nicht, alleine werde ich mich dort hinauf nicht wagen, bei nebligem Wetter schon gar nicht. Und der Jakobsweg, der in der Nähe vorbeiführt, scheint auch mehr teuflisch als göttlich zu sein. Doch wohin sollen wir uns wenden?

Klar, nach Garmisch-Partenkirchen! Dort standen 1936 bei den IV. Olympischen Winterspielen erstmals Wettbewerbe im alpinen Skisport auf dem Programm (ohne Schweizer Medaille übrigens). Und dort spielen auch meine liebsten Verbrechen in den Alpen, diejenigen mit Kommissar Jennerwein. Titel des vierzehnten Bandes von Jörg Maurer: „Bei Föhn brummt selbst dem Tod der Schädel.“ Schon wieder diese Wetterfühligkeit – liegt offenbar in der Luft. Mehr jedenfalls als das Lesen von Alpenkrimis – Ausschnitt von Seite 188:

«Jennerwein hatte von diesen Büchern gehört, aber er hatte noch nie eines davon in der Hand gehabt. Sie handelten von seinen eigenen Kriminalfällen, die er im Lauf der letzten dreizehn Jahre gelöst hatte. Der Autor hatte sich die Arbeit gemacht, jeden der Fälle penibel zu recherchieren, und Jennerwein hatte sie eigentlich deswegen nicht gelesen, weil er fürchtete, dass die Ereignisse nicht wahrheitsgetreu dargestellt worden waren. Der Klappentext der Bücher sprach zwar von knallharter Recherche, unverfälschten Fakten und leidenschaftlicher Detailtreue. Aber bei solchen Romanen wusste man ja nie…»

Egon Erwin Kisch: Verbrechen in den Hochalpen, in: Hetzjagd durch die Zeit, 1926. Online: www.projekt-gutenberg.org/kisch/hetzjagd/chap005.html

Carola Christiansen & Mareike Fröhlich (Hg.): Tour de Mord. 25 kriminelle Kurzgeschichten im Alpenraum. Servus Verlag, Wals bei Salzburg 2021, € 14,00.

Felix Leibrock: Mord am Watzmann. Ein Berchtesgaden-Krimi. Servus Verlag, Wals bei Salzburg 2021, € 14,00.

Gianna Milani: Commissario Tasso auf dünnem Eis. Bastei Lübbe Verlag, Köln 2021, € 12,90.

Dario Correnti: Stiller als der Tod. Penguin Verlag, München 2021, € 10,00.

Silvia Götschi: Etzelpass. Emons Verlag, Köln 2021, € 15,00.

Jörg Maurer: Bei Föhn brummt selbst dem Tod der Schädel. S. Fischer Verlag, Frankfurt aM 2021, € 17,00.

Kommentar abgeben