Mr. Feuilleton: Josef Viktor Widmann

Ein neues Buch über Josef Viktor Widmann, Autor von ersten belletritischen Erzählungen zu Eiger und Matterhorn. Sehr lesenswert. Und unerreicht im Preis-Leistungsverhältnis. Widmann wird wohl auch im Berggespräch im Beatus zu Merligen zu Wort kommen.

«Ihre Gedichte haben mir ans Herz gegriffen; ich habe alsobald gefühlt, daß da eine echte Note schwingt. Eines der Gedichte, ‹Meine Seele›, halte ich für die schönste Allegorie seit Schillers Gedicht ‹Kennst du das Bild auf zartem Grunde› über dieses Wohnen der Seele im Auge.»

Das schrieb der Schriftsteller, Redaktor und Literaturkritiker Josef Viktor Widmann (1842–1911) in einem Brief dem Schriftsteller und Lehrer Georg Küffer (1890–1970) zu dessen Gedichtband «Seelchen», der 1916 im Huber Verlag in Frauenfeld erschien; die dritte Auflage daselbst 1919. Die Berner Tageszeitung «Der Bund» urteilte folgendermassen:

«Das feine, kleine Büchlein ist zuverlässig keins von denen, die bald aus er Mode kommen. Dazu hat es viel zu gesunde Eigenart, viel zu schöne Form und zu viel Tiefe. Mehr sei nicht gesagt. Denn nicht um einen neuen Dichter entdeckt zu haben und an dem papiernen Himmel der Literaturgeschichte einen neuen Stern aufzuziehen, sind diese Zeilen geschrieben, sondern um ein Büchlein voll Poesie unter die Menschen zu bringen, die seiner bedürfen.»

Wahrscheinlich stammen diese Zeilen auch von Widmann. Denn als Feuilletonredaktor des «Bund» von 1880 bis 1911 publizierte er geschätzt 3500 Artikel; nach eigener Aussage besprach er rund 1000 Bücher pro Jahr. Gefunden habe ich die Urteile zum Gedichtband «Seelchen» in einer Verlagsanzeige hinten im Büchlein «Lenker Sagen» (1916) von Georg Küffer; 1925 gab er die «Sagen aus dem Bernerland» heraus. Von 1926 bis 1960 war Küffer als Deutschlehrer am Lehrerseminar Hofwil bei Bern tätig.

Doch zurück zu Widmann und in die Hauptstadt, die ihn 1914 mit einem Brunnen unten am Hirschengraben ehrte. Die Widmannshöhe (1497 m) oberhalb Handeck im Grimselgebiet verschwand leider von der Landeskarte: https://bergliteratur.ch/josef-viktor-widmann/. Auch in zwei anderen bergliterarischen Beiträgen ist von Widmann die Rede: https://bergliteratur.ch/sommerwanderungen-und-winterfahrten/ und https://bergliteratur.ch/auf-nach-der-lenk/.

Nun hat das Robert Walser Zentrum in Bern – Widmann ist Walsers erster Entdecker und Förderer – eine ganz feine Publikation publiziert: «Mr. Feuilleton: Josef Viktor Widmann». Sieben Autorinnen und Autoren befassen sich in sieben Beiträgen mit dem «literarischen Wunderkind», «nervösen Zeitgenossen» und «Berner Literaturpapst», mit dem «Grenzgänger, ja Seiltänzer». In ihnen schwingt überall eine echte Note, selbstverständlich ebenfalls viel literarisches und kunsthistorisches Fachwissen. Und die Schrift bringt einen natürlich auch dahin, wieder mal Widmannsche Texte zu lesen. Beispielsweise «Der Held des Eiger» in den «Touristennovellen» (1892), «Die Matterhornbesteigung des Mr. Evertruth» aus «Spaziergänge in den Alpen. Wanderstudien und Plaudereien» (2. Auflage 1892) oder «Doktor Wilds Hochzeitsreise» (1923), eine Erzählung aus Mürren, die ich noch nicht kenne.

Die fünfte, vermehrte Auflage von «Spaziergänge in den Alpen. Wanderstudien und Plaudereien» (1909) hielt ich hingegen schon oft in der Hand. Aus aktuellem Anlass schlage ich «Beatenberg im Schnee» auf. Ich zitiere:

«Den Aufstieg [nach Beatenberg] hatte ich am Abend vorher, teilweise bei Mondschein, von dem Dorfe Merligen her gemacht; hier war gepfadet bis über den Wald hinaus und das Steigen also nicht allzu beschwerlich. Doch muß man sich auf sich selbst verlassen können. Denn auf dem ganzen Wege in nächtlicher Abendstunde ist mir kein Mensch begegnet, noch jemand hinter mir drein gekommen; ein Eichhörnchen, das über eine Waldlichtung lief und dem mein kleiner Hund mit lebhaften Sprüngen, aber natürlich umsonst nachsetzte, war das einzige lebende Wesen, das sich in dieser Einsamkeit zu spüren gab. Und wo findet man denn Nachtquartier? Nun! man ist nicht auf die Beatushöhle angewiesen.»

Nein, zum Glück nicht. Ich behaupte sogar, besser sei es, ganz auf den nächtlichen Aufstieg nach Beatenberg zu verzichten. Und gleich in Merligen ein Nachtquartier zu suchen. Oder wenigstens eine abendliche Veranstaltung. Denn im Rahmen des Programms «Wort, Kunst & Musik am See» des Beatus Wellness- & Spa-Hotels in Merligen sprechen Urs Heinz Aerni und Daniel Anker am Dienstag, 28. Oktober 2025, über die Berge und «Warum ein Leben ohne Berge sinnlos wäre». Ein mutiger Titel. In heutiger Zeit erst recht, wenn die Berge nicht mehr nur rufen, sondern vermehrt auch kommen, wuchtig und zerstörerisch. Wobei – die erste Sage in Georg Küffers Sammlung zur Lenk heisst «Die untergegangene Alp» und beginnt so:

«Wo jetzt am Abend die Gletscher leuchten und ihre Spalten tief und schaurig auseinanderklaffen, wo die geklüfteten Felsen kalt und kantig in die stürmischen Nächte ragen, der Sturmwind an die steile Felswand prallt und der Jodler des Sennen zerschmettert, da lachte einst eine farbige Pracht in die selige Welt hinaus. Saftige Matten nährten das köstlichste Gras; Alpenlilien und Sonnenröschen, Sterndöldchen und Goldklee säumten den sattgrünen Mantel der fruchtbaren Weiden und lagen darin zerstreut, wie die Sternlein am Himmel in einer Maiennacht.»

Lukas Gloor, Rea Köppel, Dominik Müller und Peter Utz (Hg.): Mr. Feuilleton: Josef Viktor Widmann. Robert Walser-Zentrum, Bern 2025 (Schriften des Robert Walser-Zentrums; 7), ISBN 978-3-9523586-6-5, Fr. 9.50. Bestellen unter info@robertwalser.ch. https://www.robertwalser.ch/de/rwz/publikationen/schriften-des-rwz/mr-feuilleton-josef-viktor-widmann

Josef Viktor Widmann: Doktor Wilds Hochzeitsreise. Rhein Verlag, Basel 1923. Neu herausgegeben in der Edition Wanderwerk, Burgistein 2017, Fr. 15.- www.wanderwerk.ch/programm/widmann/wilds_hochzeitsreise/wilds_hochzeitsreise.htm

Hotel Beatus in Merligen. Urs Heinz Aerni im Talk mit Daniel Anker, Dienstag, 28. Oktober 2025 um 21 Uhr. Eintritt Fr. 25.- pro Person inklusive Gutschein für ein Getränk im Wert von maximal Fr. 25.- https://shop.e-guma.ch/beatus/de/events/warum-ein-leben-ohne-berge-sinnlos-waere-2173782

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