Naturnaher Tourismus

Der wichtigste Ausrüstungsgegenstand des Bergsteigers ist … nein, nicht das Seil … es ist das Auto. Sagt ein Bonmot. Damit das nicht so bleibt, bringt ein umfassendes Handbuch Vorschläge für naturnahen Tourismus. Damit wir, wie weiland der gute Ebel, zu Fuss «nützlich und genussvoll» durchs Gebirge streifen und «fetter, muntrer» und mit gutem Gewissen wieder per OeV nach Hause zurückkehren.

Cover Naturnaher Tourismus„Die Alpen gelten als Wiege des Fremdenverkehrs und sind seit 200 Jahren gesellschaftlich und wirtschaftlich auch durch den Tourismus geprägt. Der Alpentourismus durchlief alle Epochen, von der frühen Alpenbegeisterung und den Bergsteigertourismus des 18. und 19. Jahrhunderts, über den insbesondere mit dem Wintersport Einzug haltenden Massentourismus des 20. Jahrhunderts bis zu den seit einigen Jahrzehnten populären ökologischen Formen des Tourismus. Heute sind in den Alpen eine steigende Nachfrage nach naturnahen Angeboten und ein Trend zum naturnahen Tourismus festzustellen.“

Schreiben Dominik Siegrist, Susanne Gessner und Lea Ketterer Bonnelame von der HSR Hochschule für Technik Rapperswil in ihrer gross angelegten Studie zum naturnahen Tourismus. Wandern im Sommer, Schneetouren im Winter – der naturnahe Tourismus ist weit verbreitet. Für viele Destinationen, besonders in den Berggebieten, stellt der naturnahe Tourismus ein wichtiges ökonomisches Standbein dar. Für viele Schweizerinnen und Schweizer sind die heimischen Erholungsorte ein unverzichtbarer Bestandteil der Feriengestaltung. Seit der Aufgabe der Euro-Franken-Untergrenze sind die Tourismusregionen in der Schweiz noch stärker unter Druck.

Die drei Autoren haben in ihrem 309 Seiten umfassenden, mit 137 Fotos und 21 Tabellen angereicherten Werk zehn Standards für sanftes Reisen in den Alpen entwickelt. Diese wurden unter Einbezug von Experten aus sechs Alpenländern erarbeitet und in Fallstudien und von einem alpenweit tätigen Reiseveranstalter überprüft. Zu den Standards zählen Schutz der Natur, Pflege der Landschaft, gute Architektur, Raumplanung und Angebotsentwicklung, aber auch naturnahes Marketing.

Mit einer Checkliste wird Verantwortlichen von Destinationen und Regionen in der Schweiz, Frankreich, Italien, Österreich, Slowenien und Deutschland ein Werkzeug in die Hand gegeben, mit dem sie die Attraktivität ihrer Standorte steigern können. Naturnaher Tourismus spricht vor allem Inlandgäste und zahlungskräftigeres Klientel an. Die Stärkung des naturnahen Tourismus hilft somit auch, den Schweizer Bergtourismus gegen Wechselkursschwankungen widerstandfähiger zu machen. Dies ist wichtig für viele Alpenregionen, in denen es kaum wirtschaftliche Alternativen zum naturnahen Tourismus gibt. Und zugleich ist diese Art von Tourismus eine Rückkehr zu seinen Wurzeln.

„Es giebt sicher keine gesundere, stärkendere, die Lebenskräfte vermehrende Bewegung als das Reisen zu Fuss in einem gebirgigten Lande“, schreibt Johann Gottfried Ebel in seiner 1793 erstmals erschienenen „Anleitung auf die nützlichste und genussvollste Art in der Schweitz zu reisen“, dem Ur-Buch der Reiseführer für die Schweiz. Seine drei Nachfolger vom ILF Institut für Landschaft und Freiraum an der HSR listen in der Tabelle zu 33 Natursportarten gleich sechs verschiedene Arten von Fussreisen auf, vom Alpin- bis zum Winterwandern. Nochmals Ebel: „Die nicht zu starke und nicht zu milde Erschütterung des Unterleibs, das Athmen der reinen Bergluft, die verstärkte allgemeine und gleiche Ausdünstung, und die einfachen Nahrungsmittel, besonders die Milchspeisen, lassen die Gründe leicht begreifen. Deswegen sieht man die meisten Fussreisenden aus den Gebirgen fetter, muntrer, und an Körper und Seele thätiger zurückkehren.“ Und den Bereisten ergeht es hoffentlich ähnlich gut oder besser.

Dominik Siegrist, Susanne Gessner, Lea Ketterer Bonnelame: Naturnaher Tourismus. Qualitätsstandards für sanftes Reisen in den Alpen. «Bristol Schriftenreihe» Band 44. Haupt Verlag, Bern 2015, Fr. 36.- www.haupt.ch

Die Buchvernissage findet am Dienstag, 17. März 2015, um 19 Uhr im Alpinen Museum der Schweiz in Bern statt. Ansprachen von Lea Ketterer Bonnelame und Dominik Siegrist, Mario Broggi von der Bristol-Stiftung sowie von Nationalrätin Silva Semadeni, Präsidentin Pro Natura. Anschliessend gibt es Apéro.

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