Oscar Schuster und die (Sächsische) Schweiz

Dass die Sachsen das moderne Klettern erfunden haben, ist bekannt. Weniger dagegen, dass einer der ihren auch die erste Skibesteigung des höchsten Schweizer Gipfels verbuchen konnte. Also der «richtigen» Schweiz, nicht etwa der sächsischen. Die sächsischen Bergsteiger pflegen auch heute noch sorgfältig ihre Geschichte und das Andenken an ihre grossen Persönlichkeiten – Oscar Schuster zum Beispiel.

„Nach einer recht gut verbrachten Nacht verliessen am 23. März [1898] Moser und ich 3h 10m früh die Hütte, die zu den besten des Schweizer Alpen-Clubs gehört, die ich kenne. Bald mit, bald ohne Hilfe der Schneeschuhe stiegen wir zur oberen Plattje hinan. 6h 52m löschten wir das Licht, und von nun an benützen wir die Skier ununterbrochen bis unter den Sattel des Monte Rosa (bis ca. 4250 – 4300 m Höhe). In grossen Windungen schlängelte sich unser Weg über die weiten, von Spalten durchfurchten Schneefelder in die Höhe. Meinem Führer habe ich zu Anfang des Winters ein Paar Schneeschuhe mit der Aufforderung, sich fleissig zu üben, geschickt. Leider erweis sich die Technik aber durchaus als ungenügend, und Moser kam trotz ausserordentlicher Anstrengung nur langsam vorwärts und erschöpfte immer mehr seine Kräfte, sodass ich ernstliche Sorgen um das Gelingen der Partie hegte. Aber mit Unrecht!“

Und wie! Um 17.20 Uhr nämlich standen der Zillertaler Bergführer Heinrich Moser und deutsche Arzt Oscar Schuster auf der Dufourspitze (4634 m) – und auf dem ersten Skiviertausender der Alpen. Um 18.17 waren sie wieder beim Skidepot unten, aber erst um 23.12 erreichten sie die Bétempshütte – so hiess die Monte-Rosa-Hütte damals noch. Grund für die Verspätung war das Nichtbeherrschen der Ski durch Moser, weshalb die beiden Pioniere in der Dunkelheit die letzten 900 Höhenmeter zu Fuss abstiegen, die Ski auf dem Rucksack. Aber wenn eine „gastliche Stätte“ auf einen wartet, darf man auch etwas spät eintreffen. Fazit von Schuster in der „Oesterreichischen Alpen-Zeitung“ von 1898: „Ohne Skier wäre die geschilderte Unternehmung unmöglich gewesen.“ Ohne Hütte wohl auch.

Die Skierstbesteigung des höchsten Gipfels der Schweiz war nur ein Höhepunkt in der alpinistischen Laufbahn von Oscar Schuster, am 1. Oktober 1873 im sächsischen Markneukirchen geboren, am 2. Juni 1917 in einem Internierungslager in Astrachan an Typhus gestorben. Er ist einer der grossen Pioniere des Felskletterns in den Sandsteintürmen des Sächsischen Schweiz, erkletterte zahlreiche Gipfel und Routen als Erster, entwickelte schon vor 1900 die heute weitgehend noch immer gültigen Kletterregeln für das dortige Gebiet, beschrieb als erster Autor für die Sächsische Schweiz Gipfel und Anstiege in einer Reihe von Publikationen. In den Alpen und zuletzt im Kaukasus gelangen Schuster ebenfalls mehrere Erstbesteigungen und Erstbegehungen. An erster Stelle zu nennen: die Erstbesteigung des Uschba-Südgipfels (4737 m) am 26. Juli 1903 zusammen mit vier Gefährten; damals galt die Uschba als einer der schwierigsten Gipfel der Welt. Was für eine Karriere, die so unglücklich an der Wolga endete!

Zum Gedenken an Oscar Schuster wurde am 17. Oktober 1919 die Schusterplakette auf halber Höhe im von ihm 1892 erstbegangenen Schusterweg am Falkenstein im Elbsandstein eingeweiht. Und natürlich wurde auch einer der Türme nach ihm benannt. Wer übrigens wissen will, wie all die Elbsandstein-Nadeln heissen, gibt www.bergsteigerbund.de/gipfelbucharchiv_datenbank.php ein. Und wer noch mehr zu ihren Namen von Adam und Eva über Liebespaar Südturm bis Zyklopenmauer erfahren will, kann dies mit einer ganz neuen Publikation tun.

Ebenfalls ganz neu, ja noch druckfrisch: Das Buch über Oscar Schuster, verfasst von den drei Elbsandstein-Koryphäen Bernd Arnold, Frank Richter und Joachim Schindler. Ein Buch auch über die Schweiz – und ihre sächsische Schwester. Alpinhistoriker Schindler stellt es vor am Hohnsteiner Bergsommerabend von Bernd Arnold vom 12. Juli 2013. Wann auch immer: Einmal sollte man in dieser wichtigen Wiege des Klettersports klettern. Aber wo? Natürlich am Schusterturm im Bielatal. In seinem Tagebuch schrieb der junge Oscar über die zweite Besteigung „seines“ Turmes mit Fritz Böhme am 12. November 1893: „Wir deponierten ein Fremdenbuch in Blechhülse“. Wahrscheinlich war das das erste Gipfelbuch in der Sächsischen Schweiz. Heute kann man sich dort oben ins 10. Gipfelbuch einschreiben. Bei weitem kein Rekord: Auf der Nonne zum Beispiel wartet das 53. Gipfelbuch auf Einträge der Kletterer, auf dem Falkenstein das 51. Die beliebteste Route auf diesen fast 100 Meter hohen, freistehenden Turm (381 m): der Schusterweg.

Bernd Arnold, Frank Richter, Joachim Schindler: Oscar Schuster (1873-1917). Bergsteiger – Alpinist – Erschließer – Arzt – Publizist. Dresden, Juli 2013, € 16.- Vierte Publikation in der Reihe „Monografien Sächsisches Bergsteigen“, die vom Sächsischer Bergsteigerbund, einer Sektion des Deutschen Alpenvereins, herausgegeben wird.

Hans Pankotsch, Dietmar Heinicke: Die Namen unserer Klettergipfel, 2013, € 10.-
Gerd Uhlig, Joachim Schindler: Gipfelbücher & Bergsprüche, Liβner Druckerei, Dresden 2003. € 7.-
Alle Publikationen erhältlich auf der SBB-Geschäftsstelle in Dresden, mail@bergsteigerbund.de, www.bergsteigerbund.de.

Ein Kommentar to “Oscar Schuster und die (Sächsische) Schweiz”

  1. Lutz Schmidt sagt:

    Bernd Arnold, Frank Richter, Joachim Schindler: Oscar Schuster (1873-1917). Bergsteiger – Alpinist – Erschließer – Arzt – Publizist. Dresden, Juli 2013, € 16.- Vierte Publikation in der Reihe „Monografien Sächsisches Bergsteigen“, die vom Sächsischer Bergsteigerbund, einer Sektion des Deutschen Alpenvereins, herausgegeben wird.

    Guten Tag,

    Kurze Frage !!
    Gib es das Buch noch, hab dafür nämlich Interesse.

    Danke Mit freundlichen Grüßen

    Lutz Schmidt

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