Eiskalt und sonnenheiss

Zwei Führer und ein Lesebuch für Leute, denen schwitzen nichts ausmacht, vor Angst, vor Anstrengung und/oder vor Hitze.

2. März 2022

«Mittwoch, 24. Mai 1922
Mit Hans Bürgi vom AACB per Velo nachmittags nach Wattenwil. Bei glühender Hitze Aufstieg durch den Gürbengraben – Kuhberg – Nünenenhütte (verschlossen) – u[ntere] Gantrischhütte 1480 [m]
Donnerstag, 25. Mai (Auffahrt)
u. Gantrischhütte ab 5h. Aufstieg auf die vom N-Grat herabkommende Rippe, jenseits hinunter und über die Nordwand auf d. Gantrisch 2177. Herrliches Frühsommerwetter. Gipfelrast 8h-9h. Abstieg zum Leiternpass + Aufstieg auf Nünenen direkt über allen Westgrat (mit Ausnahme einer Wandtraverse auf brüchigem Gestein nach links). Gipfel 12½ – 1½ (allein). Abstieg über Ostgrat zum Känzeli + Rückkehr zum Westgrat, wo die Rucksäcke deponiert sind. Abstieg zur Nünenenhütte – Wattenwil. Per Rad nach Bern.»

Ausschnitt aus dem zweiten Tourenbuch (ab 1920) von Willy Richardet (1902–1925), forscher Berner (Ski)alpinist und Zahnarzt, Erstdurchsteiger der Nordwand des Blüemlisalphorns, Skierstbesteiger des Eigers, Mitglied des SAC Bern und des Akademischen Alpen-Clubs Bern, Mitbegründer des Schweizerischen Akademischen Skiclubs 1924, am 11. August 1925 von einem Stein erschlagen an der Aiguille Noire de Peuterey. Richardet hätte seine Freude an einem neuen Führer, der vier Routen durch die Nordwand des Gantrisch enthält, plus neun kürzere Routen an einem schattigen Pfeiler, der vom Gäntu-Nordgrat herabkommt. An der Nünenen ist ebenfalls eine Route eingezeichnet, sowie an der Gemsflue und am Ochsen (der allerdings seinen Namen zu Osche gewechselt hat…). Tant pis! Wir packen trotzdem unsere Steigeisen und Ankerpickel ein und besuchen mit Simon Chatelan die westliche Schweiz. „Drytooling & Mixte Suisse Ouest“ heisst sein Topoführer und stellt 44 Gebiete im Jura sowie in den Walliser, Freiburger, Waadtländer und Berner Alpen vor, die sich zum Klettern in Eis, Fels und Gras sowie zum „Trockengerätlen“ eignen – nicht immer hat es ja genügend gefrorene Wasserfälle, weshalb sich KönnerInnen dann mit den Zacken der Steigeisen und Pickel an kleinsten felsigen Ritzen und Löchern in die Höhe hangeln. Nichts für Arm- und Nervenschwache, und für Gförlis schon gar nicht. Die Spannweite im Führer reicht von ganz kurzen Routen in der Twannbachschlucht bis zu den tausend Meter hohen Nordwänden von Matterhorn und Dent Blanche.

Andiamo! Aber vielleicht doch nicht ins Corona-Couloir in der Gäntu-Nordwand, sondern zur Grotta degli Svizzeri am Monte Gallo bei Palermo. Wenn wir den siebten Grad beim Klettern so locker beherrschen wie das Bestellen eines Caffè oder eines Bicchiere da vino blanco. Aber es gibt zum Glück noch unzählig leichtere Routen auf Sizilien. Massimo Cappuccio und Giuseppe Gallo haben sie gesammelt in ihrem 559seitigen Führer „Die Roccia di Sole – Klettergärten. Klettern auf Sizilien“. Ein Jahr wird nicht reichen, nur schon einen Teil der Routen zu klettern. Die Schweizergrotte wird so schmackhaft gemacht: „Die Qualität des hellen, kompakten Gesteins lässt nicht zu wünschen übrig. Das ruhige, nur wenige Minuten vom Meer entfernte Gebiet ist aber nicht nur bei Regen perfekt, sondern bietet sich auch an heißen Tagen an.“ Worauf warten wir noch?

Und falls es mal wirklich zu warm zum Klettern sein sollte, sei folgende Lektüre von Bernadette McDonald empfohlen: „Winter 8000. In eisiger Kälte auf den höchsten Bergen der Welt.“ Nach den drei packenden Werken „Klettern für Freiheit“ (die polnische Ära im Himalaya), „Der Weg zur Spitze. Die Geschichte des slowenischen Alpinismus“ sowie „Die Kunst der Freiheit. Voytek Kurtyka – Leben und Berge“ rollt die kanadischen Bestsellerautorin die eiskalte Geschichte der Winter(erst)besteigungen der vierzehn Achttausender auf, vom Everest am 17. Februar 1980 bis zum K2 am 16. Januar 2021. Die erste Frau, die im Winter auf einem 8000er stand, ist die Schweizerin Marianne Chapuisat, am 10. Februar 1993 auf dem Cho Oyu (8188 m). Ausschnitt aus dem von Jochen Hemmleb übersetzten Buch:

«Chapuisat war Mitglied eines internationalen Teams, das ohne Sherpa-Unterstützung und ohne zusätzlichen Sauerstoff unterwegs war. Für Marianne war eine Winterbesteigung des Cho Oyu so unwahrscheinlich wie ein Mondflug. Sie war erst 24 und ihr höchster Gipfel war bis dahin der 6959 Meter hohe Aconcagua gewesen. Ein Achttausender im Winter war daher eindeutig nicht der nächste logische Schritt. Aber Liebe ignoriert Logik. Als sie sich in den argentinischen Kletterer Miguel Sánchez verliebte, nahm sie seine Einladung zum Cho Oyu an. Sánches stand mit ihr auf dem Gipfel, begleitet vom Spanier Luis Arbues. (…)
Mehr als 25 Jahre danach ist Marianne noch immer von ihrer Besteigung begeistert. „Diese letzten Meter auf dem Gipfelplateau sind mir noch immer so deutlich in Erinnerung, als wäre es gerade erst gestern gewesen: die Gefühle sind intakt und stark, eine Art euphorisches Lebensgefühl, eine intensive Freude.“»

Simon Chatelan: Topo Drytooling & Mixte Suisse Ouest. Eigenverlag, 2021. Fr. 55.- bei Piz Buch & Berg in Zürich, www.pizbube.ch.

Massimo Cappuccio, Giuseppe Gallo: Di roccia di sole – Klettergärten. Klettern auf Sizilien. Edizioni Versante Sud, Milano 2022 (fünfte Auflage). € 35,00.

Bernadette McDonald: Winter 8000. In eisiger Kälte auf den höchsten Bergen der Welt. AS Verlag, Zürich 2022, Fr. 39.80.

Geschichte(n) des Alpinismus

Seit die Menschen bewusst und freiwillig Berge besteigen, haben sie sich auch schriftliche Gedanken zu ihrem Tun jetzt und einst gemacht. Vier neue Bücher befassen sich unterschiedlich mit der Geschichte des Alpinismus.

22. Februar 2022

«1965 bewies Walter Bonatti es sich selbst und allen anderen ein letztes Mal: Zum hundertjährigen Jubiläum der Matterhorn-Erstbesteigung kletterte er eine neue Direktroute durch die Nordwand des berühmtesten aller Alpengipfel, allein und im Winter. Dann war Schluss mit Bergsteigen. […] Bonatti wurde einundachtzig Jahre alt, die letzten dreißig Jahre war er verheiratet mit der Schauspielerin Rossana Podestà. Einer ihrer Filmtitel beschrieb den Charakter ihres Gatten recht gut: Männer ohne Tränen

Das macht den Reiz und das Lesevergnügen von Malte Roepers „Eine kleine Geschichte des Bergsteigens. Von der Erstbesteigung des Mont Blanc zum Free Solo am El Capitan“ aus: der Blick über die Wand und den Berg hinaus. Alpinismus ist für die meisten Menschen ein Abseits vom Alltag, aber auch Profibergsteiger kehren immer wieder auf den flachen Boden (der Gesellschaft) zurück, wo sich ganz gut neue Tiefen oder Höhen zeigen können. Roeper kletterte nicht nur selbst am scharfen Ende des Seils in vereisten Fluchten ob Chamonix, er klettert auch zügig und gezielt durch die Geschichte dieses Sportes, wobei er gleich zwei Kapitel der Freikletterrevolution ab den 1970er Jahren widmet. Ein paar kleine Stolperer in der Frühzeit des Bergsteigens sind zu vermerken, eigentlich nicht der Erwähnung wert. Seine kleine Geschichte des Alpinismus ist gross und hat erst noch gut im Rucksack Platz. Im Kapitel „Achttausender und die Eisenzeit“ beleuchtet er die damals in der Fachpresse arg kritisierte Superdirettissima in der Nordwand der Grossen Zinne vom Januar 1963, die mit einem von Italienern organisierten Fest gefeiert wurde: „Einer der Kletterer, Rainer Kauschke, verliebte sich in die junge Signorina Milva Cuberli. Sie haben geheiratet und leben noch heute glücklich in Toblach. Soll nochmal einer sagen, die Direttissima-Kletterer hätten irgendetwas verkehrt gemacht.“

Besondere Geschichten tischt ebenfalls Claude Gardien in „Une histoire de l’alpinisme“ auf. Zum Beispiel diejenige der US-Amerikanerin Chantel Astorga, die im Juni 2021 die erste Frauen-Solobegehung der Cassin-Ridge am Denali, dem höchsten Gipfel von Nordamerika, machte: „Sur son sac, une paire de skis qu’elle utilise pour la descente. Les filles, désormais, osent tout!“ Die Frauen wagten aber schon früher alles, wie Loulou Boulaz und Paula Wiesinger; im Fels waren die beiden Sestogradistinnen noch erfolgreicher unterwegs als auf Skis. Sie haben je ihren Eintrag im Buch von Gardien, das nach Jahreszahlen angeordnet ist, von 3300 v. Chr. (Ötzi, wer sonst!) bis 2021 (Wintererstbesteigung des K2, des zweithöchsten Gipfels der Welt), mit je einer Seite Text und Bild. Gut und spannend gemacht, auch zu Themen wie Eröffnung der Seilbahn auf die Aiguille du Midi (1955) oder zur Jümar-Steigklemme (1958). Ein paar Ausrutscher passieren, wie auf Seite 32, auf der Melchior Anderegg mit Christian Almer verwechselt wird, ausgerechnet mit seinem grössten Konkurrenten bei Premieren. Tant pis! 1980 ein Eintrag zu Walter Bonatti, „aujourd’hui encore un phare pour l’alpinisme moderne“; das Foto zeigt ihn zusammen mit Rosanna vor der Bergbuchhandlung in Courmayeur.

Wer viel über Bonatti lesen möchte und seine Sprache fast so beherrscht wie Walter einst Fels und Eis, greift zu „Storia dell’alpinismo. Le grandi sfide tra l’uomo e la montagna”. Auf 145 Seiten schildert Claudio Gregori Bonattis wichtigste Touren, dabei zahlreiche Quellen und Literatur benützend – Fussnoten 375 und 379 zitieren Goethe bzw. Shakespeare. Schwerpunkt im 800-seitigen Buch (ohne Abbildungen) bilden neben Bonatti weitere italienische Alpinisten: Luigi Amedeo di Savoia-Aosta, Tita Piaz, Emilio Comici, Ettore Castiglioni, Giusto Gervasutti, Riccardo Cassin und – keine Frage, wer das ist, wahrscheinlich der berühmteste Bergsteiger überhaupt: Reinhold Messner. 114 Seiten sind seiner Karriere gewidmet, vom Ortsteil Pitzack in Villnöss im Südtirol über die 14 Achttausender, die er als Erster alle bestieg, bis zum Messner Mountain Museum an sechs verschiedenen Standorten in Alto Adige und Veneto.

Mit der Geschichte des Alpinismus hat sich Reinhold Messner immer wieder auseinander gesetzt. Mit „Zwischen Durchkommen und Umkommen. Die Faszination des Bergsteigens“ legt er eine neue Publikation vor, die sich insbesondere mit dem traditionellen Alpinismus befasst; das Freiklettern wird nur am Rande behandelt. Während der Bildband durch tolle Abbildungen besticht, gibt es doch Einiges zu bemängeln, gerade auch bei den Illustrationen; auf einer Doppelseite zur Erstbesteigung des Matterhorn wird auch Whympers Zeichnung von Christian Almers Sprung während der Erstbesteigung der Barre des Écrins im Jahr 1864 gezeigt, ohne weitere Erklärung. 70 Seiten listen Daten und Fakten des „Trad Alpinism“ (so Messner im Vorwort) auf, und dort hat es ein paar Ungenauigkeiten zu viel. Ein Beispiel mag genügen, von 1963: „Walter Bonatti besteigt mit Cosimo Zappelli den Grand Pilier d’Angle.“ Mehr steht nicht. Im Oktober 1963 besteigen Bonatti und Zappelli tatsächlich den Grand Pilier d’Angle, und zwar erstmals über die sonnige Ostwand. Alpinistisch wichtiger ist aber ihre erste Durchsteigung der Nordostwand des gleichen Gipfels im Juni 1962. Diese Erstbegehung fehlt bei Messner. Bonatti bezeichnete sie als seine härteste Tour im Mont-Blanc-Massiv; Originalton aus Bonattis Buch „Groβe Tage am Berg“ von 1972: „Diese etwa tausend Meter hohe ‚Hölle‘ in Form eines riesigen Trichters erweckt bares Grausen.“

Malte Roeper: Eine kleine Geschichte des Bergsteigens. Von der Erstbesteigung des Mont Blanc zum Free Solo am El Capitan. Riva Verlag, München 2021, € 15,00.

Claude Gardien: Une histoire de l’alpinisme. Éditions Glénat, Grenoble 2021, € 25,00.

Claudio Gregori: Storia dell’alpinismo. Le grandi sfide tra l’uomo e la montagna. Diarkos editore, Santarcangelo di Romagna 2021, € 23,00.

Reinhold Messner: Zwischen Durchkommen und Umkommen. Die Faszination des Bergsteigens. Ludwig Verlag, München 2021, € 32,00.

Mit Tintin auf dem Gipfel

«Tintin au Tibet» von Hergé: Ob im Original, auf Deutsch oder gar auf Bärndütsch – immer eine Lektüre wert. Ein neues Buch über die Gipfelwelt des Comicszeichners und seine Beziehungen zur Schweiz ist es ebenfalls.

16. Februar 2022

«Si das ächt Badwanne vom Evi?»
«Sicher nid, das Fröilein fahrt viu besser Ski!»

Nicht autorisierte, von Hand mit einem schwarzen Stift eingefügte Sprechblasen zu Sherpa Tharkey und Kapitän Haddock auf dem Titelbild von „Täntän z Tibet“, der 1989 beim Emmentaler Druck in Langnau publizierten berndeutschen Fassung von „Tintin au Tibet“. Georges Remi alias Hergé bezeichnete dieses stark persönlich gefärbte Abenteuer, darin Tintin seinen nach einem Flugzeugabsturz im Himalaya vermissten Freund Tschang sucht und findet, später als seine Lieblingsgeschichte. Im bärndütsche Comics knurrt der Hund Milou beim Anblick von grossen Spuren im Schnee, Tintin stellt die Frage „Schpure vo gruusigs Schneemönsch!?!“, doch Haddock stellt klar: „Jä, Seich!… Dasch d Fährte vo mene Bär! Mi weiss ja, dass die mängisch uf de Hingerscheiche ufrächt gö!“ Für alle Leser, die des Berndeutschen nicht ganz mächtig sind: „Quatsch! Das ist die Fährte eines Bären. Man weiss ja, dass diese manchmal aufrecht auf den Hinterbeinen gehen.“ Oder stammen die Abdrücke nicht doch vom Yeti?

Selber lesen! In welcher Sprache auch immer: Die 24 Comic-Alben um Tintin (alias Tim im Hochdeutschen) erschienen in rund 100 Sprachen; Tibet ist der 20. Band. Dramatische Szene auf Seite 40, Haddock ist beim Nachklettern ins Seil gestürzt, hängt nun hilflos unter einem Überhang, Tintin vermag ihn aber nicht hochzuziehen, Haddock ruft verzweifelt hinauf:

«Coupez la corde, c’est la seule solution!»
«Jamais! Nous nous sauverons ensemble ou nous périrons ensemble!»
«C’est malin, ce que vous dîtes là!… Mieux vaut une seule victime que deux, non?»

Ein Opfer statt deren zwei? Oder gar drei? Dieser Frage gehen die beiden Autoren des Kapitels „Tintin au Tibet. Hergé et son héros entre «cimes et abîmes»“ im Buch „Hergé au sommet“ nach. Als der Schaffer von Tintin seine Helden im fernen Tibet in der Vertikalen zappeln lässt, musste er sich zuhause in Belgien selbst eine solch existenzielle Frage stellen: seine Ehe mit Germaine opfern, um sich selbst und seine Geliebte Fanny zu retten. Im Comic befreit Tharkey seine Bergkameraden aus der misslichen Lage. Ein anderes hochspannendes Kapitel im erwähnten Buch ist mit „L’imaginaire helvétique d’Hergé“ überschrieben und befasst sich mit den Reisen von Georges Remi in die Schweiz – und wie sie ihre Spuren in seinem Werk hinterlassen haben. „Il y a de si jolies montagnes en Suisse. Et de si beaux lacs“ schrieb Hergé einem Freund. Mais oui, Monsieur Tintin, mais oui.

Die Vorveröffentlichung der dreiundsechzig Tafeln von „Tintin au Tibet“ begann am 17. September 1958 in den Spalten des „Journal Tintin“ mit einer Tafel pro Woche und dauerte bis zum 25. November 1959. Die Albumversion, die 62 Seiten umfasst, wurde 1960 bei Casterman herausgegeben. Die Zeitschrift „Tintin“, auch „Le Journal Tintin“ genannt, erschien von 1946 bis 1988 und richtete sich, so der Untertitel, an „jeunes de 7 à 77 ans“. Auf der letzten Seite wurden jeweils die Abenteuer von Tintin gedruckt, im Heftinnerin gab es weitere Comics sowie Geschichten, Nachrichten und Werbung. Am 20. Dezember 1956 erschien, mit dem Titelbild eines Kletterers in grösster Not im Seil hängend und sich noch mit einer Hand an den Fels klammernd, folgende Bande dessinée: „Victoire sur le Cervin“. Darin hat Louis Hache auf vier Seiten gezeichnet, wie zwei junge Zermatter ihren in Bergnot geratenen Vater und Bergführer retten, in dem sie bei drohendem Gewitter über den schwierigen Furggengrat hochklettern und dann über den Hörnligrat absteigen, noch grad rechtzeitig eintreffend: „Mes enfants… Vite… Je sens que je lâche prise.“

Hergé au sommet. Coordonné par Olivier Roche. Éditions Sépia, Paris 2021, € 20,00. www.zoomsurherge.fr

Fundstücke in Intra

Bergliterarische Entdeckungen am grössten südseitigen gemeinsamen Alpenrandsee von Italien und der Schweiz. Nichts wie hin!

11. Februar 2022

«Dove sono le rocce?, chiede Heidi.»

Keine Frage, aus welchem Bergbuch dieses Kurzzitat stammt: aus dem weltweit berühmtesten, am meisten gedruckten und übersetzten Schweizer Buch. Genau genommen sind es zwei Bücher: „Heidis Lehr- und Wanderjahre“ (1880) und „Heidi kann brauchen, was es gelernt hat“ (1881) von Johanna Spyri. Unter dem Titel „Heidi e Peter“ findet sich ein anderthalb seitiger Ausschnitt aus dem ersten Heidi-Buch in der 2021 erschienenen Anthologie „Guida letteraria di montagna. Pagine di altura dai più grandi scrittori d’ogni tempo e latitudine“. Anna Maria Foli hat 185 kurze Texte von 157 Autorinnen und Autoren ausgewählt; je drei Texte stammen von Jean-Jacques Rousseau und Edward Whymper sowie von Edmondo De Amicis (am Matterhorn führt die Cresta De Amicis auf den Pic Tyndall) und Grazia Deledda (sie erhielt 1926 den Nobelpreis für Literatur). 15 Texte schrieben Frauen, 13 SchweizerInnen. Bekannte Namen sind dabei, wie Tartarin und Frankenstein; dass Karen Blixen, Franz Kafka und Vergil auch schöne Sätze zu den Bergen verfassten, dürfte vielleicht überraschen.

Ich fand den Bergliteratur-Führer am letzten Freitag in Intra, der Stadt am Lago Maggiore, die zusammen mit Pallanza seit 1939 die Stadt Verbania bildet. In Intra gibt es gleich drei Buchhandlungen mit je gut dotierten und sich nicht vollständig überschneidenden Abteilungen „Montagna“. Es sind dies die Libreria Libraccio an der Uferstrasse sowie der Mondadori Bookstore und die Buchhandlung Alberti 1954 südlich der Basilica di San Vittore. Im Folgenden noch ein paar weitere Titel, die den Weg von Intra in die Bergbibliothek in der Berner Muesmatt fanden.

„Ossola. Scialpinismo senza confine. Volume 1. Valle Strone, Valle Anzasca (Monte Rosa), Valle Antrona” von Giancarlo Zucchi, Riccardo Vairetti und Gabriele Tartari (Idea Montagna Edizioni, Villa di Teolo 2021, € 26,00). Drei Täler auf der rechten Talseite zwischen Villadossola und Lago d’Orta mit schier unendlich vielen, vor allem schwierigen Skitouren. Immerhin, auf der Punta dell’Usciolo (2187 m) standen Brigitte, Ralph, Hans Peter und ich am 12. März 2006. Am Tag zuvor hatten wir La Colma (1747 m) am Beginn der Valle Anzasca bestiegen; dieser Gipfel fehlt überraschenderweise im neuen Führer. In den drei kommenden Wintern folgen die weiteren drei Bände für Skitourenmöglichkeiten im Ossola. Nichts wie hin also! Nur sollte es dann etwas mehr Schnee haben als jetzt, wo die Hänge bis 2000 Meter hinauf grün sind.

„A piedi sulle colline di Langhe, Roero e Monferrato“ von Stefano Camanni und Franco Correggia (Edizioni del Capricorno, Torino 2020, € 13,00). Hügelwandern südlich von Turin, rund um die Städte und Dörfer Asti, Alba und Barolo. Hört sich köstlich an, nicht wahr? Gemütlicher und ungefährlicher als die strengen Ossola-Skitouren auf jeden Fall. Und jederzeit machbar, ausser vielleicht bei chrisdickem Nebel. Auf den zahlreichen Fotos ist aber fast immer blauer Himmel zu sehen. Nichts wie hin! Ausser Mitte Oktober, wenn in Alba das internationale Trüffelfest gefeiert wird. Dann wird man kaum eine Bleibe zum Essen und Übernachten finden. Und nur Wandern ohne Schlemmen – ma no!

„C’era una volta la villeggiatura. Vacanze d’altri tempi in Piemonte fra montagna e laghi“ von Gianbattista Aimino, Gian Vittorio Avondo und Andrea Rebora (Edizioni del Capricorno, Torino 2017, € 9,90). Wir bleiben grad im Piemont und tauchen mit Plakaten und schwarz-weissen Fotos ein in die Sommer- und Wintefrischen von einst. Wunderbar, einfach wunderbar, die alten Hotels, Hütten und Villen, die Transportmöglichkeiten über die Ebenen und hinauf in die Höhen. Eine Reklame zeigt Ghiffa am Lago Maggiore und lobt die „cure naturali“. Dort suchten wir uns am letzten Samstag einen windstillen Picknickplatz am Strand und genossen die feinen Speisen, die wir in Intra gekauft hatten. Feriengefühle und Vorfreude auf den Frühling.

„Il Grand Tour alla rovescia. Illuministi italiani alla scoperta delle Alpi“ von Marco Ferrazza (CDA & Vivalda Editori, collana Tascabili n° 16, Torino 2003, € 11,50). Ein rucksacktaugliches Buch, das man wohl lesen sollte. Allerdings musste ich schon nur den Titel mit deepl.com übersetzen: „Die Grand Tour in umgekehrter Reihenfolge (oder: im Rückwärtsgang). Italienische Aufklärer auf Entdeckungsreise in den Alpen.“ Einen Namen unter diesen Wissenschaftler kannte ich: Allessandro Volta; freilich wusste ich nicht, dass er sich auch mit den Alpen befasst hat. Sehr interessant ist hinten die Doppelseite mit einer Übersicht wichtiger Besteigungen im 18. Jahrhundert, vom Cimon del Cavallo (1726) über La Dôle (1769) bis zum Monte Generoso (1791). Und auf dem Cover die Zeichnung eines Alpenforschers, der auf einem umgestürzten Baum rittlings einen Abgrund überwindet. Das erinnerte mich sofort an das Foto in meinem ersten Buch „L’Oberland bernois à skis“ (Denoël 1990): Sämu und Mänu auf einem Baumstamm über dem Steiwasser am Sustenpass, die Skis auf dem Rucksack aufgebunden.

„Sci estroso“ von Marileno Dianda (Centro Documentazione Alpina, collana Tascabili n° 9, Torino 2001, € 8,80). Estroso heisst wunderlich, skurril, launisch. Und solchen Skilauf hatte ich schon einigen erlebt in den nun 50 Jahren, in denen ich mit Fellen auf verschneiten Högern unterwegs bin. Ich freue mich jedenfalls auf die Lektüre von „Sci estroso“, auch wenn ich nicht alles verstehen werde. Diesen Abschnitt aber schon: „la discesa di un breve canale, strettissimo – la strozzatura inferiore non è più larga di due metri – e ripido (52°/47°/40°).“ Stürzen verboten also. Und besser mit den kürzeren Skis abfahren. Oder einfach die Steilrinne in Ruhe lassen – und aus dem Rucksack noch ein siebtes Buch hervornehmen.

„Confini“ von Antonio Manzini, in der Kurzkrimi-Anthologie „Una settimana in giallo“ (Sellerio editore, Palermo 2021, € 16,00). Ohne mindestens einen Bergkrimi gekauft (oder entdeckt) zu haben, das scheint es für den Anker nicht zu geben. Und er wurde auch hier fündig, im jüngsten Band der Krimi-Reihe „in giallo“. Diese gibt es zu Themen wie Weihnachten, Ferien, Fussball, Ferragosto etc. Im Krimi-Wochen-Band ganz hinten nun die Story von Antonio Manzini. Diesmal löst Vicequestore Rocco Schiavone von Aosta in einer Woche einen Grenzfall bei der Bergstation Pointe Helbronner ob Courmayeur, wo Seilbahnangestellte eine Leiche finden und diese von Frankreich nach Italien schleppen. Oder umgekehrt. Kommt jedenfalls nicht gut. Schon besser entwickelt sich die Zusammenarbeit von Rocco mit Isabelle, der Amtskollegin von Chamonix. Während im Italienischen vor ein paar Tagen mit „Le ossa parlano“ der elfte Kriminalroman um Rocco Schiavone erschienen ist, sind auf Deutsch erst fünf Bände übersetzt worden. Wir warten ungeduldig auf die weiteren: Dove sono i nuovi volumi?

Anna Maria Foli: Guida letteraria di montagna. Pagine di altura dai più grandi scrittori d’ogni tempo e latitudine. Edizioni Terra Santa, Milano 2021, € 16,00.

PS: Kurzer Abstecher auf die Alpensüdseite gefällig? Dann nichts wie hin ins Kunstmuseum Bern, in die grosse Ausstellung „Meret Oppenheim. Mon exposition“, die nur noch bis Sonntag, 13. Februar 2022, zu bewundern ist. Einer der Arbeitsorte der weltberühmten Künstlerin war die Casa Constanza in Carona; dort befindet sich auch ihr Grab. Ausgestellt in Bern sind die Gemälde „Berge gegenüber Agnuzzo (Tessin), 1937“, „Sonne über Alpenberglein, 1970“ und „Dunkle Berge, rechts gelb-rote Wolken, 1977-1979“ sowie die geniale Installation „Frühlingsanfang, 1961“. Nicht verpassen! https://meretoppenheim.kunstmuseumbern.ch/

Mörderische Berge

Auf der Alm, da gibt’s ka Sünd, und Verbrechen schon gar nicht. Von wegen…

1. Februar 2022

«Natürlich kann hier oben in den Bergen manches Verbrechen ungesühnt bleiben, wer vermöchte zu sagen, ob es ein Fehltritt oder der Stoß des Begleiters war, was einen Unglücklichen über den Grat riß?»

Das ist die Frage, die sich bei „Verbrechen in den Hochalpen“ immer wieder stellt. Der berühmte Reporter Egon Erwin Kisch stellte sie in der gleichnamigen Reportage, die er 1926 in den Sammelband „Hetzjagd durch die Zeit“ aufnahm. Manchmal allerdings braucht es nicht einmal einen Stoss der Begleiterin. Wie in der Kurzgeschichte „Gipfelglück“ von Heidi Troi:

«Ben lachte lauthals los. „Angst?“ Er trat einen weiteren kleinen Schritt zurück. Direkt hinter ihm der Abgrund. Ein Windstoß brachte ihn ins Straucheln.
Er fing sich wieder.
„Noch ein Stück“, verlangte Tina.
„Nein, Schatz, wirklich nicht.“
„Du hast doch Angst.“
Er schnaubte. „Ich!“
Da zeigte Tina auf einen Punkt über Ben. „Oh, schau mal! Der Adler! Er ist genau über dir!“
Ben riss den Kopf hoch, strauchelte. Ein letzter Windstoß tat sein Übrigens.»

Also, liebe Bergfreundinnen und Bergfreunde, denkt daran beim Fotografieren (und beim Planen einer Hochzeit, wie Tina und Ben): nie zu nahe an den Abgrund! Überhaupt lauert der Tod in den Bergen überall, erst recht, wenn sie auf einer Busreise besucht werden. „Gipfelglück“ ist einer der 25 Alpenkurzkrimis, die Carola Christiansen und Mareike Fröhlich in der Jubiläumsanthologie „Tour de Mord“ zusammengestellt haben, um so 25 Jahre Mörderische Schwestern zu feiern, ein Netzwerk von über 650 Autorinnen, Leserinnen und Bücherfachfrauen. Auf dem Cover des sehr lesenswerten Bandes ein altes Postauto im Lötschental. Dort allerdings ist keine der kriminellen Geschichten, die alle mit einer Busreise in Verbindung stehen, verortet: 13 in Österreich, fünf in Deutschland, vier in der Schweiz und drei in Italien. Wir bleiben grad in diesen vier Alpenländern, obwohl der Abgrund verdammt nahe lauert.

«Sie steigen weiter zur Südspitze, beginnen, den hier sehr ausgesetzten Grat zu überqueren. An einer Stelle sehen sie seitlich in die mächtige Ostwand. Sie bleiben stehen. Hier sind sie nicht gesichert, aber das Band ist relativ breit. Heike kann nicht mehr. Ihre Augen flimmern vor Angst. Jetzt kracht ein Blitz in die Ostwand. Gleich darauf ein infernalischer Donner. Es ist, als ob der ganz Watzmann zittert.»

Achtzehn Sekunden bzw. Zeilen später passiert es. Heike und ihr Mann Stefan stürzen in den Abgrund, in die Watzmann-Ostwand, die höchste Wand der Ostalpen. Oder werden sie gestürzt? Eigentlich wollten sie dort oben und später dann im Luxushotel ihre silberne Hochzeit feiern. „Mord am Watzmann“ heisst der Berchtesgaden-Krimi von Felix Leibrock. Also nur lesen, wenn es nichts zu feiern gibt, schon gar nicht in den offenbar mörderischen Högern.

Dort gefällt es Commissario Tasso gar nicht. Er wäre lieber in seiner Heimatstadt Rom. Aber er muss halt in Bozen ermitteln. Zum Glück hat er mit Mara, der Tochter des Bürgermeisters, eine tüchtige Stagiaire, die für ihn die Kohlen aus dem Feuer bzw. dem Schnee holt, in Meran und vor allem in Cortina d’Ampezzo. Kurze Szene:

«Verdrießlich betrachtete Tasso den Hang und die unberührte Schneedecke. Es war nicht zu erkennen, wo ein Pfad zu der Hütte führte – und ob überhaupt.
Er wandte sich ab und wollte weitergehen. Dann hörte er hinter sich ein Geräusch wie von einem rutschenden Schneebrett. Er fuhr herum.
„Mara, was machen Sie denn, Sie können doch nicht … Madonna mia!“»

Gianna Milanis „Commissario Tasso auf dünnem Eis“ spielt 1962. Auf eine sommerliche Fortsetzung freue ich mich, hoffentlich wieder mit Mara. Tasso dürfte es nun in Bozen auch besser gefallen, da er jemanden kennengelernt hat, die noch besser kocht als Mama oder Tante Hedwig.

Ein ungleiches Duo bilden ebenfalls die Mailänder Journalisten Marco Besana und Ilaria Piatti. An sich nichts Ungewöhnliches bei Kriminalromanen, wenn man an Sherlock Holmes und Doktor Watson denkt. In „Stiller als der Tod“ von Dario Correnti recherchieren sie im Engadin – und in der besseren Gesellschaft. Dummerweise verliebt sie Marco noch in eine Dame von Welt. Ilaria behält einen kühlen Kopf. Weniger Giacomo in der einsamen Hütte oben – ob er der Serienmörder ist?

«Aber heute Morgen hat er sich nicht gut gefühlt, das hat er schon gemerkt, als er an der Hütte aufgebrochen ist. Ein heftiger Kopfschmerz. Wieder diese verdammte Neuralgie. Aber davon hat er sich nicht beirren lassen. Er ist trotzdem losmarschiert. Auch von den ersten Wolken über dem Piz Palü hat er sich nicht aufhalten lassen. Kurz darauf fing es an zu schneien.»

Immer dieser Schneefall, der alle Spuren verwischt. Immer dieses aufziehende Schlechtwetter, das nichts Gutes verheisst. Im Gebirge lauern eben nicht nur Abgründe, und zwar solche jeglicher Art, gebirgige und gesellschaftliche…

«Der Grosse und der Kleine Mythen thronten wie gigantische Wächter über Schwyz. Ihre Felsen düster und unheimlich im aufkommenden Wind, der schwere Wolken aus dem Süden vor sich herschob.“

Kurze Wetterbeobachtung aus Silvia Götschis „Etzelpass“, ihrem siebten Krimi in der Valérie-Lehmann-Reihe. Andere Titel aus dieser Reihe lauten „Muotathal“, „Einsiedeln, „Itlimoos“ und „Lauerzersee“. In zwei anderen Reihen stehen „Jakobshorn“, „Mattawald“, „Bürgenstock“, „Engelberg“ und „Interlaken“ für tödliche Orte. Langsam wird es unheimlich im Lande, auch wenn die Verbrechen jeweils aufgeklärt werden. Trotzdem: Den Etzel (1097 m) beim gleichnamigen Pass, den ich schon lange mal besteigen wollte – ich weiss nicht, alleine werde ich mich dort hinauf nicht wagen, bei nebligem Wetter schon gar nicht. Und der Jakobsweg, der in der Nähe vorbeiführt, scheint auch mehr teuflisch als göttlich zu sein. Doch wohin sollen wir uns wenden?

Klar, nach Garmisch-Partenkirchen! Dort standen 1936 bei den IV. Olympischen Winterspielen erstmals Wettbewerbe im alpinen Skisport auf dem Programm (ohne Schweizer Medaille übrigens). Und dort spielen auch meine liebsten Verbrechen in den Alpen, diejenigen mit Kommissar Jennerwein. Titel des vierzehnten Bandes von Jörg Maurer: „Bei Föhn brummt selbst dem Tod der Schädel.“ Schon wieder diese Wetterfühligkeit – liegt offenbar in der Luft. Mehr jedenfalls als das Lesen von Alpenkrimis – Ausschnitt von Seite 188:

«Jennerwein hatte von diesen Büchern gehört, aber er hatte noch nie eines davon in der Hand gehabt. Sie handelten von seinen eigenen Kriminalfällen, die er im Lauf der letzten dreizehn Jahre gelöst hatte. Der Autor hatte sich die Arbeit gemacht, jeden der Fälle penibel zu recherchieren, und Jennerwein hatte sie eigentlich deswegen nicht gelesen, weil er fürchtete, dass die Ereignisse nicht wahrheitsgetreu dargestellt worden waren. Der Klappentext der Bücher sprach zwar von knallharter Recherche, unverfälschten Fakten und leidenschaftlicher Detailtreue. Aber bei solchen Romanen wusste man ja nie…»

Egon Erwin Kisch: Verbrechen in den Hochalpen, in: Hetzjagd durch die Zeit, 1926. Online: www.projekt-gutenberg.org/kisch/hetzjagd/chap005.html

Carola Christiansen & Mareike Fröhlich (Hg.): Tour de Mord. 25 kriminelle Kurzgeschichten im Alpenraum. Servus Verlag, Wals bei Salzburg 2021, € 14,00.

Felix Leibrock: Mord am Watzmann. Ein Berchtesgaden-Krimi. Servus Verlag, Wals bei Salzburg 2021, € 14,00.

Gianna Milani: Commissario Tasso auf dünnem Eis. Bastei Lübbe Verlag, Köln 2021, € 12,90.

Dario Correnti: Stiller als der Tod. Penguin Verlag, München 2021, € 10,00.

Silvia Götschi: Etzelpass. Emons Verlag, Köln 2021, € 15,00.

Jörg Maurer: Bei Föhn brummt selbst dem Tod der Schädel. S. Fischer Verlag, Frankfurt aM 2021, € 17,00.

Skibuchslalom

Skifahren kann mehr sein als einfach im Schnee kurven. Vier Bücher erzählen das auf ihre eigene Art.

24. Januar 2022

«En mettant un peu plus d’angle, ma chaussure droite frotte la neige et m’envoie à terre, droit dans les décors. Un misérable ski intérieur que sonne le glas de mes espoirs, de ma carrière, de ma vie.»

Wem die Stunde bzw. die Sekunde schlägt: eine kleine Unaufmerksamkeit während des Skirennens, ein übler Sturz, noch einer, es ist nicht der erste. Und vorbei ist der Lauf, die Laufbahn, und auch das Leben? Nein, das dann doch nicht, aber die erhoffte, erträumte, angestrebte Karriere als Skirennfahrer, das muss der 17-jährige River nun an den berühmten Nagel hängen. Von nun kann er im TV zuschauen, wie es andere junge Talente schaffen, bis weit oben, vielleicht sogar so weit wie ein Marco Odermatt.

Sven Papaux, 1991 in Vevey geboren, war auf dem Weg zum erfolgreichen Schweizer Skisportler, als ihn eine Verletzung zum Abbruch dieser Laufbahn zwang. Nun arbeitet Papaux als Journalist. Seine Geschichte als hoffnungsvoller, dann am Boden zerstörter Skirennläufer hat er zum eindringlichen Roman „Au carrefour des intentions“ gestaltet. Sozusagen stellvertretend für alle, die so hart daran arbeiten, einmal schon nur die Abfahrten von Kitzbühel oder Cortina bestreiten zu dürfen, geschweige denn in die vorderen Ränge zu fahren, und die irgendwie gebremst werden, nicht nur durch einen Sturz. Ein erhellendes Buch über die Schattenseite des Spitzensports.

Er aber hat es geschafft, bis ganz oben: Giorgio Rocca, 1975 in Chur geboren (seine Mutter ist Schweizerin), aufgewachsen in Livigno, wo er immer noch lebt. Er gewann an Ski-WM drei Bronzemedaillen (zwei im Slalom, eine in der Kombination). In der Saison 2005/06 sicherte er sich den Sieg im Slalom-Weltcup. So heisst denn auch seine mit Thomas Ruberto verfasste Autobiografie: „Slalom. Vittorie e sconfitte tra le curve della mia vita“. Das erste Kapitel dieser Siege und Niederlagen beim Kurvenlauf des Lebens beginnt so: „Una montagna e un pendio innevato da affrontare con un paio di sci a piedi: non esiste luogo al mondo in cui mi trovi meglio. In fondo basta poco per farmi stare bene: quando scio, sono a mio agio ovunque.“ Wie wahr!

Wenn ich Ski fahre, fühle ich mich überall gut. Ein Feststellung, die Giorgio Daidola, Jahrgang 1943, sofort unterschreiben würde, allerdings mit dem Zusatz: Wenn ich mit Telemarkskis fahre. Von Gipfeln auf allen Kontinenten ist Giorgio mit seinen sci da telemark elegant hinab geschwungen. Und hat darüber zahlreiche Artikel und Bücher geschrieben. Sein jüngstes Werk behandelt die winterliche Dolomiten-Königin: „Marmolada bianca“. Allerdings scheinen die Hänge der Marmolada (3343 m) nicht mehr makellos weiss zu sein. Einerseits dreht an der Punta Rocca das übliche laute Seilbahn-Pisten-Karussell, am riesigen Nordhang unter der Punta Penia läuft aber nicht mehr viel, seit eine riesige Lawine das Rifugio Pian dei Fiacconi zerstört hat. Daidola plädiert für die Aufnahme eines einfachen Skitourismus, mit einer kleinen Sesselbahn und einem Berggasthaus, damit an der Marmolada nicht nur einsame Skitourenwölfe ihre Spuren ziehen. Wer die verschneite Regina delle Dolomiti besteigen möchte, findet bei Daidola alle Infos. Und das müsste man wohl einmal machen, mit oder ohne Telemarkskis.

Und wenn wir schon am Planen sind. Letzte Woche hätte ja wie üblich im Januar das WEF in Davos über die Bühne gehen sollen; nun findet es dort vom 22. bis 26. Mai 2022 statt – hoffentlich, mit Corona weiss man ja nie. Im Januar 2020 wählten vier Italiener eine ganz besondere Anreise nach Davos: von Chiareggio im Val Malenco auf der Südseite des Bernina-Massivs mit Tourenski über Pässe und Gipfel hinweg, an Hütten und Dörfern vorbei, bis ans WEF. Über diese skitouristisch-umweltpolitische Annäherung auf schmalen Brettern hat einer der Teilnehmer ein ungewöhnliches Skibuch verfasst: „Sciare in un mondo fragile. Quattro amici sul filo della crisi climatica“. Skitouren als Protest gegen die Mächtigen der Welt: eine schöne Idee.

Sven Papaux: Aux carrefour des intentions. Éditions Slatkine, Genève 2021, Fr. 28.-

Giorgio Rocca, Thomas Ruberto: Slalom. Vittorie e sconfitte tra le curve della mia vita. Ulrico Hoepli Editore, Milano 2021, € 19,90.

Giorgio Daidola: Marmolada bianca. Edizioni dal Faro, Trento 2021, € 15,00.

Marco Emanuele Tosi: Sciare in un mondo fragile. Quattro amici sul filo della crisi climatica. Monte Rosa Edizioni, Gignese 2021, € 19.90.

Das Skivirus

Nur Skibücher und Skiausstellungen sind schöner als Skifahren. Oder umgekehrt.

17. Januar 2022

«Dieses Buch ist für alle, die das Gefühl der Schwerelosigkeit lieben. Für die, deren Herz aufgeht bei der Verbindung von Sport und Natur, die den Rausch der Geschwindigkeit genießen oder die unmöglichsten Sprünge und Tricks ausprobieren. Für diejenigen, die ihre Schneetage in den Bergen zusammen mit ihrer Familie verbringen, und ebenso jene, die den ganzen Winter über nach dem einsamsten Tiefschneehang jagen.»

So beginnt „Das Skibuch“ mit dem etwas langen Untertitel „Alles über Alpinski, Snowboard & Langlauf, Skigebiete, Touren, Technik und vieles mehr in über 1000 Infografiken, Illustrationen und Karten“. Verfasst hat das Werk Steffen Heycke aus Hamburg. Die Stadt an der Elbe und Skilauf? Was auf den ersten Blick nach sich kreuzenden Spuren aussieht, ergibt auf den zweiten regelmässige Parallelschwünge. 1891 publizierte die Verlagsanstalt und Druckerei A. G. (vorm. J. F. Richter) in Hamburg das erste deutschsprachige Buch zum Skilauf: „Auf Schneeschuhen durch Grönland“. Schneeschuhe waren damals auch die langen Holzlatten, nicht nur die runden, mit Schnüren bespannten Holzrahmen. Der norwegische Originaltitel des 1890 in Christiania erschienenen Werkes von Fridtjof Nansen heisst denn auch „På ski over Grønland“. Das Buch löste in den Alpenländern einen, genau genommen den Skiboom aus.

Etwas Skigeschichte taucht auch im neuen Hamburger Skibuch auf. Dass allerdings St. Moritz das älteste Skigebiet sei, ehrt zwar den superlativverwöhnten Ort im Oberengadin, erweist sich leider aber als Sturz. Schon eher kommt diese Ehre der bis 1924 Christiania genannten Hauptstadt Norwegens zu: Die Mitglieder des 1877 gegründeten Christiania Ski Club unternahmen jeweils Ausflüge auf den schmalen Latten in die Umgebung von Oslo. Mehr noch: Nach dem Skilaufen liessen sie Aquavitgläser kreisen, worauf Kartoffeln gegessen wurden, um die Wirkung des Alkohols zu mildern – das war auch der Beginn des Après-Ski.

Doch vor dem Anstossen wollen wir noch etwas skilaufen. Zum Beispiel im sechst- bzw. achtgrössten Skigebiet der Alpen. Die beiden heissen Via Lattea bzw. Les Sybelles. Noch nie gehört. Müsste man als PistenskifahrerIn wohl mal hin, immerhin weist das „Milchweg“-Gebiet zwischen Italien und Frankreich 400 Pistenkilometer auf. Das Problem dabei: die Anreise. Exakt das zeigt „Das Skibuch“ an einem Skiurlaub in Lech am Arlberg mit An-/Rückreise von/nach Dresden im Auto auf: Dieser verursacht mit 296 kg CO2-Ausstoss die grösste Umweltbelastung, während die Carbon Footprints von Unterkunft (85 kg CO2), Verpflegung (32 kg CO2), Aktivitäten vor Ort (10 kg CO2) vergleichsweise gering ausfallen.

Weitere Themen in dem von Fanny Huppmann klar illustrierten Skibuch: Skitechnik, Snowboard, Leistungsport, Skitouren, alpine Gefahren und Wirtschaft. Dagegen nimmt sich die Skikultur bescheiden aus. Und die Bemerkung auf der letzten Seite, dass Après-Ski und Literatur schwer zusammenpassten, verpasst ein Tor: Die Skiliteratur der 1930er Jahre beschreibt die Aktivitäten nach dem Skifahren noch fast ausführlicher als das Gleiten auf Schnee.

„Après-ski“: So lautet der Titel eines Docufiction genannten Buches von Johann Pellicot (Text) und Sophie Rodriguez (Fotos) über eine Woche Schneeurlaub in Villard-de-Lans im Naturpark Vercors unweit von Grenoble. Darin erhält der Begriff eine neue Bedeutung: Was passiert in einem nicht sehr hoch gelegenen Skigebiet, wenn der Schnee ausbleibt, sei es der natürliche oder künstlich hergestellte. „Après-ski“ schildert locker und präzis, amüsant und traurig, wie die Einheimischen und Touristen mit dem Klimawandel umgehen. „Il faut s’adapter, trouver des alternatives. C’est pour ça qu’on fait du kart sur la terre quand y a pas de neige“, sagt Musher Jiri, der seit 20 Jahren Touren mit Schlittenhunden anbietet, zum Möchte-gern-Skifahrer Johann, der seinerseits gesteht: „Je ne suis pas prêt à abandonner mes rêves de neige.“ Wer schon, der mal das erlebt hat, wovon Fridtjof schreibt: „Kann man sich etwas Frischeres, Belebenderes denken, als schnell wie der Vogel über die bewaldeten Abhänge dahinzugleiten, während die Winterluft und die Tannenzweige unsere Wangen streifen und Augen, Hirn und Muskeln sich anstrengen, bereit, jedem unbekannten Hindernis auszuweichen, das sich uns jeden Augenblick in den Weg stellen kann?“

Davon, von diesem ansteckenden Gefühl und Erlebnis des Gleitens auf Schnee, handelt die neue Ausstellung im Alpinen Museum der Schweiz in Bern: „Das Skivirus. Eine Spurensuche.“ Der Skibazillus (so der Titel eines Buches von Hubert Mumelter aus dem Jahre 1936) breitete sich in der Zwischenkriegszeit rasant im Alpenraum und in den Mittelgebirgen aus. Skifahren wurde zum Lebensgefühl einer jungen, vor allem auch städtischen Generation. „Zum Skifahren gehörten das Naturerlebnis, das Adrenalin der Schussfahrt, die waghalsigen Sprünge, das Spiel der Geschlechter, Mode, Skiromane, Musik – und die Fotografie, die dieses Lebensgefühl festhält und vervielfacht“, schreibt das Alpine Museum. Kronzeugen dieser Skikultur sind die Adelbodner Fotografen Emanuel Gyger und Arnold Klopfenstein. „Skivirus“ zeigt ihre genialen Schwarzweissfotos und kontrastiert diese mit Videoaufnamen zur neuen Pionierzeit des Skifahrens im heutigen China.
In diesem Sinne: Es lebe der Skilauf -滑雪运动万岁!

Steffen Heycke: Das Skibuch. Alles über Alpinski, Snowboard & Langlauf, Skigebiete, Touren, Technik und vieles mehr in über 1000 Infografiken, Illustrationen und Karten. Marmota Maps, Hamburg 2021, € 35,00.

Johann Pellicot & Sophie Rodriguez: Après-ski. Préface de Tony Parker. Docufiction. Éditions Glénat, Grenoble 2021, € 20,00.

Das Skivirus. Eine Spurensuche. Ausstellung im Raum Biwak des Alpinen Museum der Schweiz in Bern, 22. Januar bis 1. Mai 2022. www.alpinesmuseum.ch/de/ausstellungen/biwak. Mit Führungen und Veranstaltungen; so einer Skitour auf den Gurten (sofern Frau Holle mitmacht) und einem Leseabend mit Skiliteratur der 1930er Jahre (am 5. April 2020).
Vernissage von Skivirus: Freitag, 21. Januar 2022, 18.30 Uhr. Die Platzzahl ist beschränkt; Anmeldung booking@alpinesmuseum.ch oder Tel. 031 350 04 42.

Die Erfolgsgeschichte des internationalen Schneesports. Ausstellung im ersten Schweizer Schaufenstermuseum, im MiniMuseumMürren. 29. Dezember 21 bis 30. November 2022. www.minimuseummuerren.ch/wp/wp-content/uploads/2021/11/MiniMuseum-Mu%CC%88rren-Erfolgsgeschichten-Schneesport-Broschu%CC%88re-web.pdf

Après-Lift

Vom Après-Ski zum Après-Lift: SchneesportlerInnen, die mit Fellen an den Brettern hochsteigen, geniessen die weissen Hänge ehemaliger Pistenberge in neu-alter Frische. Mit einem neuen Buch im Rucksack.

11. Januar 2022

«Einfach Traumhänge bis hinunter. Schade eigentlich, dass es den Lift nicht mehr gibt. Aber drüben am Chuenisbärgli, da läuft er noch, nur grad jetzt, anfangs Dezember, nicht, zu wenig Schnee. Der steile Zielhang, so gefürchtet bei Athleten, so Furcht erregend bei Zuschauern, sieht von der Fläckli-Perspektive flach aus.»

Das war der Start, am 20. Dezember 2003. Der Start zum Erkunden und dann Vorstellen von Bergen, die einst mit einem Lift oder einer Bahn erschlossen waren und die nach dem Abstellen bzw. Abbruch der mechanischen Aufstiegshilfen wieder zu reinen Skitourenzielen wurden. Hier das Fläckli (1862 m) bei Adelboden, gegenüber dem weltberühmten und skiweltcup-erprobten Chuenisbärgli. Der Fläckli-Lift war ein Stangenschlepplift mit kuppelbaren Klemmen nach dem System Poma, das vor allem in der Westschweiz und in Frankreich im Einsatz war und immer noch ist. Der 1,25 km lange Lift lief von 1962 bis 1999. Die Talstation befand sich auf ca. 1293 m, die Bergstation auf ca. 1825 m; das Häuschen dort steht noch – ein kleiner Lost Place im Schatten des Lohner, mit „nachmittagssonnigen Hängen“, wie ich in meinem Tourenbuch Nr. 19 2003/04 notierte.

In der Saison 2004/05 erkundete ich dann bewusst weitere Skiberge, an denen einst die PistenskifahrerInnen ihre Schwünge hinlegten, wie den Regelstein im Toggenburg, wie La Riondaz ob Leysin und den Lasenberg am Stockhorn ob Erlenbach. Dort waren wir winterlang mit dem steilen Skilift hinaufgefahren, um anschliessend vor allem neben den Pisten hinabzukurven. Der Lift war von 1968 bis 2004 in Betrieb. Daran erinnert nur noch das Holzhäuschen auf dem Gipfeldach des Lasenbergs; verlassen steht es dort oben. In meinem druckfrischen Führer „Après-Lift. 49 Skitouren auf Ex-Bahn-Berge der Schweiz“ ist es gleich zweimal abgebildet.

2005 war in der SBB-Zeitschrift „Via“ mein Artikel „Skitouren. Lustvolles Schwingen an liftfreien Hängen“ erschienen. Im Dezember 2017 veröffentlichte der „Naturfreund“ auf acht Seiten „Neue Skitourenberge erhält das Land“, mit 20 Tourentipps von der Barilette im Waadtländer Jura bis zur Cùlmina im Centovalli. Und nun also „Après-Lift“ mit 373 Seiten. Das Buch widmet sich abgestellten und abgebauten Transportanlagen für Skifahrer und Snowboarderinnen, allerdings nur solchen, die auf oder gegen Gipfel führten. Es stellt 78 Skilifte, 17 Sessel- und 8 Seilbahnen in der ganzen Schweiz vor, die nicht mehr laufen; von der Tête de Ran bei La Chaux-de-Fonds bis zum Passo del Bernina, vom Ottenberg ob Weinfelden bis zu den drei Gipfelskiliften am Monte Lema im Südtessin. Wie schon die wissenschaftlich angelegte Publikation „Letzte Bergfahrt“ (vgl. https://bergliteratur.ch/letzte-bergfahrt/) geht mein zwölfter (und letzter) Skitourenführer in kurzen Schwüngen auch der Frage nach, warum es an diesen fürs Pistenskifahren eigentlich günstigen Bergen keinen Skilauf und schon gar kein Après-Ski mehr gibt. Oder doch? In den verlassenen Tal- und Bergstationen liessen sich doch groovige Einkehrschwung-Partys durchführen – ein unwiderstehlicher Cocktail aus Hula Palu und Lost Places.

„Anregend wirkt auch auf den Gast / der sehr romantische Kontrast / des Schnees, der Kälte, der Gefahr / und hintennach der warmen Bar, / wo man durchnässt und wieder trocken / bei einem Fünfuhrtee kann hocken.“ Was Hubert Mumelter in der „Ski-Fibel“ (1933) zu schreiben vergass, zeigte er auf seiner Zeichnung: Das hübsche Paar, er an den Tresen anlehnend, sie auf dem Barhocker sich räkelnd, trinkt nicht Tee – mais non! Man stelle sich nun vor, neben abgehängten Skiliftbügeln, rostenden Kabinen, herabhängenden Drahtseilen einen „Fünfuhrtee“ zu schlürfen, während sich die Musik mit dem Heulen des Windes vermixt – echt cool, Leute!

Geeignete Lost Ski Places finden sich einige in „Après-Lift“. Zum Beispiel die Talstation der Télécabine Col de Menouve in Super Saint-Bernard; die Bergstation liegt fast auf der Grenze Schweiz-Italien. Wer verlassene Bauten in bella Italia besuchen will, greift zum Führer von Diego Vaschetto: „Fantasmi di montagna. Escursioni ai più spettacolari luoghi abbandonati sulle Alpi del Nordovest”. Fünfzehn „escursioni imperdibili“, unumgängliche Wanderungen, werden vorgeschlagen. Vier Touren zu ehemaligen Seilbahnstationen für den Skilauf enthält der Wanderführer, so auch diejenige zur Cima di Furggen (3491 m) auf dem Verbindungsgrat zwischen Klein und Gross Matterhorn. Die Bergstation ist der höchste Flecken in „Après-Lift“.

Daniel Anker: Après-Lift. 49 Skitouren auf Ex-Bahn-Berge der Schweiz. AS Verlag, Zürich 2022, Fr. 42.80.

Diego Vaschetto: Fantasmi di montagna. Escursioni ai più spettacolari luoghi abbandonati sulle Alpi del Nordovest. Edizioni del Capricorno, Torino 2021, € 13,00.

Radio SRF 1 widmet sich am Donnerstag, 13. Januar 2022, den (winterlichen) Lost Places. Als Morgengast zwischen 7:17 und 7:22 Uhr hat man mich ausgewählt. Skitourenfahrer sind es ja gewohnt, früh aufzustehen, wenigstens im Frühling…

BERG 2022

Das neue Jahr mit dem neuen Alpenvereinsjahrbuch beginnen – gewiss doch! Im Fokus: Ortler, Freiheit und zwei mutige Alpinistinnen/Ballonfahrerinnen.

4. Januar 2022

«An der „Roten Schule“ läuft knapp unter Höhe des ersten Stockwerkes ein schmaler Sims um das ganze Gebäude mit all seinen Eck- und Schmuckpfeilern. Uns auf diesem Sims entlangzutasten, Rücken an der Wand, war uns höchste Wonne! Das Schönste dabei – nervenkitzelnd, so daß das Herz ein wenig klopfte! –: das sich Halbumdrehen und Hinumgreifen und -treten um den Pfeiler wie am Floitentritt der Zsigmondyspitze! Nur hieß es leider: gleich nach Bezwingung des Eckpfeilers wieder kehrtmachen; denn die Straße kam in Sicht! Dann, ehe die Treppe gebaut ward, Schi-Abfahrt auf Schuhsohlen über sehr steile, blanke Eisbahn von dem Renaissancebau des Tuchmachertores hinab bis zur Eingangstür der Stadtkirche! So kurz die Bahn war: in einem Schuß ging es hinab – wir beide mit Jungen um die Wette!»

Hoffentlich habt Ihr, liebe Bergfreundinnen und Bärgfründe, den Rutsch ins Neue Jahr so gut überstanden wie Margarete (1876–1951) und Elsbeth Grosse (1879–1947) jeweils ihre gefährlichen Schi-Abfahrten auf Schuhsohlen in Meißen. Und vielleicht habt Ihr die verschiedenen Festessen des Jahresendes bzw. -beginns gar auf Meissener Porzellan genossen. Gefunden habe ich das jugendlich-übermütige Zitat im Buch „Frauen auf Ballon- und Bergfahrten. Ein Lebensbuch. Dem Andenken meiner einzigen Schwester und Lebensgefährtin Elsbeth Grosse gewidmet von Margarete Grosse“; es erschien 1951 im Verlag der Österreichischen Bergsteiger-Zeitung in Wien, offenbar in einer sehr kleinen Auflage. In schweizerischen Bibliotheken ist das Werk nicht vorhanden, obwohl beschriebene Touren von der Rigi über die Grosse Windgälle und die Jungfrau bis aufs Matterhorn führen.

Margarete und Elsbeth Grosse waren Pionierinnen im Berg- und Ballonsport. Von 1899 bis 1944 unternahmen die Schwestern aus Meißen – immer selbständig organisiert – über 40 Alpen-, Gebirgs- und Italienfahrten. Darüber berichteten sie in alpinen Zeitschriften und in öffentlichen Vorträgen, ein ziemliches Novum in jenen Tagen. Und gleichzeitig wurde über die beiden sächsischen Frauen berichtet, insbesondere über ihre Ballonfahrten. Die Ungarn-Fahrt im März 1910 mit gut 22 Stunden Dauer, 871 Kilometern Entfernung und einer erreichten Höhe von 6000 Metern galt als Weltbestleitung. Mehr zu den Grosse-Frauen im Beitrag von Joachim Schindler im Alpenvereinsjahrbuch BERG 2022. Haupthemen im frischen Jahrgang: Ortler und Freiheit.

Nirgendwo in den Arbeitsgebieten der Alpenvereine von Deutschland, Österreich und Südtirol geht es höher hinauf als auf den Ortler (3905 m); der gewaltige Gletscherberg liegt nur gerade 7,5 Kilometer südöstlich der italienisch-schweizerischen Cima Caribaldi oberhalb des Stilfserjochs. Also sozusagen am Rande der Schweiz. Der zweithöchste Gipfel des Ortler-Massiv ist die Königsspitze (3851 m), auch Gran Zebrù genannt. Die erste Skibesteigung machten am 8. Januar 1911 Guido Miescher, Rudolf Staub und Karl Steiner, alle Mitglieder des Akademischen Alpenclubs Zürich; zuoberst zog Steiner in der warmen Wintersonne das Hemd aus – und hisste die Schweizer Fahne. Apropos Skilauf: Matthias Heise und Christoph Schuck widmen sich im neuen BERG dem „Après-Ski ohne Party. Stillgelegte Skigebiete in den Alpen“.

Der Schwerpunkt des neuen Alpenvereinsjahrbuches befasst sich mit der Freiheit, dem immer wieder angestrebten und vielleicht auch erfüllten Versprechen des Bergsteigens. Verschiedene Autorinnen und Autoren geben auf die Frage, warum wir uns in den Berg frei fühlen (können bzw. konnten), ganz verschiedene und immer lesenswerte Antworten – zum Nachdenken und -ahmen, zum Schmunzeln und Mutschöpfen. Insgesamt ist BERG 2022 ein starker Jahrgang. Da knotet sich der Satz, mit dem Margarete Grosse das Buch „Frauen auf Ballon- und Bergfahrten“ ausklingen lässt, bestens ein: „Als Höhenfeuer lodre der edle Dreiklang: Friede – Freiheit – Freundschaft.“

Margarete Grosse: Frauen auf Ballon- und Bergfahrten. Ein Lebensbuch. Dem Andenken meiner einzigen Schwester und Lebensgefährtin Elsbeth Grosse gewidmet. Verlag der Österreichischen Bergsteiger-Zeitung, Wien 1951.

BERG 2022. Alpenvereinsjahrbuch Band 146, herausgegeben vom Deutscher Alpenverein (DAV), Österreichischer Alpenverein (OeAV) und Alpenverein Südtirol (AVS). Redaktion Axel Klemmer. Tyrolia-Verlag, Innsbruck 2021, € 20.90.

Die Alpen im Fieber

Antworten und Fakten rund um Geschichte, Gegenwart und Zukunft des alpinen Klimas inklusive Anregungen, wie wir mit einem für die Natur geschärften Bewusstsein die Erwärmung bremsen könnten: das passende (Berg-)Buch zum Jahresende.

31. Dezember 2021

«Die Gretchenfrage im Winter: Können wir in Zukunft noch skifahren? Schnee ist das „weiße Gold“ der Alpen. Im ökonomischen Sinn als Grundlage des Wintertourismus, aber auch im ökologischen Sinn als Wasserspeicher für die Alpen und die umliegenden Länder. Bis heute konnte man sich mit aufwendigem Schneemanagement touristisch gut behaupten. Ohne aktiven Klimaschutz wird das aber immer schwieriger. Es lohnt sich, gegen jedes Zehntel Grad Erwärmung zu kämpfen. Wir entscheiden heute über den Schnee der Zukunft.»

Andreas Jäger, Meteorologe, Geophysiker, Wissenschaftsjournalist und Autor des Buches „Die Alpen im Fieber“, formuliert griffig und gut verständlich. Zwei weitere Beispiele: „An Stürmen, Dürren und Überschwemmungen dreht nicht mehr der Wettergott, sondern wir.“ Allerdings: „Die Klimakrise ist real – aber wir können noch etwas tun.“ Der Autor zeigt in seinem von Lana Bragin klar illustrierten Buch über die Klimakrise, wie es dazu kam und wie wir sie vielleicht meistern könnten, wenn… Genau, wenn dieses Wörtchen nicht wäre. Mit kurzen und langen Textblöcken jagt uns Jäger durch die Klimageschichte der Alpen und schildert eindringlich, wie alles zusammenhängt, von den Neandertalern bis zum Skiliftsterben (auch Klimaskeptiker werden sich seinen Argumenten beugen müssen). Im dritten Teil werden uns sachlich und unaufgeregt Lösungen an die Hand gegeben: Was können wir, jede(r) einzelne von uns, tun, um den Klimakollaps zu verhindern. Heute, nicht morgen. Deshalb, als erster Schritt: „Die Treibhausgase so schnell wie möglich reduzieren.“ Nur wie? Lesen – und handeln.

Die Alpen im Fieber. Die Gesellschaft im Fieber. Die Weltpolitik im Fieber. Und wenn das nicht genug wäre: Oft Regenwetter in der letzten Jahreswoche, statt blauer Himmel über weiss verschneiter Landschaft. Trotzdem bzw. grad erst recht: es guets u gsunds nöis Jahr!

Andreas Jäger: Die Alpen im Fieber. Die 2-Grad-Grenze für das Klima unserer Zukunft. Bergwelten Verlag, Salzburg 2021, Fr. 47.90.