Vier Ferienkrimis

Bei diesem katastrophalen Wetter hilft vielleicht lesen, wenn es die Umstände überhaupt zulassen.

15. Juli 2021

«Im strömenden Regen war vor ihren Augen ein einziges Flimmern, ein gleißendes Licht. Über dem Meer riss der Himmel auf. Die Wolkendecke schien von unsichtbarer Hand wie ein Verdeck aufgerollt zu werden, Meter für Meter. Cirillo traute ihren Augen nicht. Sie konnte zusehen, wie ein tiefes Blau zum Vorschein kam und die Sonne das Meer nach und nach in einen glitzernden Teppich verwandelte. Tausende Lichter begannen auf der Wasseroberfläche zu tanzen, während sie hier oben, auf dem Monte Capello, dem zweithöchsten Berg von Capri, im Regen stand.»
Luca Ventura: Bittersüße Zitronen. Der Capri-Krimi. Diogenes Verlag, Zürich 2021, € 16,00. Der zweite Fall für Enrico Rizzi und Antonia Cirillo. Gefiel mir besser als der erste. Und das nicht nur, weil eine entscheidende Passage beim Gipfelkreuz des Monte Capello (514 m) spielt.

«Doch es war zu früh, um aufzuatmen. Das Gewitter war nicht vorbei, und schon hörte Alexa wieder das dunkle Geräusch des Donners. Als sie sich umblickte, erschrak sie. Den Weg, dem sie zu folgen glaubte, konnte sie nirgends mehr ausmachen. Sie blieb stehen, sah sich um. Eindeutig: Da war nichts. Keine Spur, kein Pfad. Sie hatte sich verlaufen! Verzweifelt suchte sie die Stämme ringsum nach Markierungen ab, aber auch da war nichts. Die Karte war mittlerweile schon völlig durchweicht, außerdem hatte sie keine Ahnung, wo sie sich überhaupt befand. Wütend stopfte sie sie in den Rucksack. Dann kramte sie nach ihrem Handy, doch wie nicht anders zu erwarten, hatte sie keinen Empfang. Und das Funkgerät lag in der Einsatzzentrale.»
Anna Schneider: Grenzfall. Der Tod in ihren Augen. Fischer Taschenbuch, Frankfurt a.M. 2021, € 11,00. Der erste Fall für das deutsch-österreichische Ermittlerteam Alexa Jahn und Bernhard Krammer. Aber keiner für zarte Seelen, denn der Kletterunfall entpuppt sich als grausam inszenierter Mord. Wir fürchten uns schon vor dem zweiten Fall.

«Die Brücke war einfach verschwunden. Wo vor einigen Stunden noch Längsträger und Querbretter gelegen hatten, tobte ein brauner Fluss mit weißer Gischt. Der ohrenbetäubende Lärm der Wassermassen übertönte sogar den Gewitterdonner. Ein paar der Bretter kreisten im strudelnden Kehrwasser hinten den Felsen, der ehemals die Brücke getragen hatte. Der Großteil der Konstruktion war vom Adratsbach mitgerissen worden und driftete mittlerweise vermutlich in der Steinacher Achen oder schon in der Vils. Die tiefe Schlucht war fast bis zum Oberrand mit Wasser gefüllt, der kleine Bach, den man normalerweise an vielen Stellen mit einem Sprung überwinden konnte, war auf eine Breite von mindestens acht Metern angeschwollen.»
Hans Compter: Der Donner bringt den Tod. Alpenthriller. Bergverlag Rother, München 2021, € 13,00. Ein Bergkrimi von leider beängstigender Aktualität. Der vermeintliche Zufluchtshof in einem Bergasthaus wird zu Hölle, und die Fluchtwege sind überschwemmt. Also erst lesen, wenn sich die Hochwassergefahr wieder verzogen hat.

«Du liest zu viele Krimis.»
«Und du gehst lieber laufen, als mir zu glauben. Sport, Sport, Sport, du denkst ja an gar nix anderes mehr. Diese Franzi ist nicht gut für dich.»
«So, das reicht. Ich geh.»
«Dann geh halt.»
«Tu ich auch.»
«Bitte.»

Joe Fischler: Totentanz im Pulverschnee. Ein Fall für Arno Bussi. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021, € 11,00. Ja dann geh nur, für Pulverschnee ist es eh noch ein paar Wochen zu früh. Andererseits sind wir auch froh, wenn der zu viele Niederschlag als Schnee fällt, das verzögert das Abfliessen der Wassermassen. Allerdings sind es Schneemassen, in denen Arno bei seinem dritten Fall versinkt. Nicht nur er. Wie auch immer: Schnee, Hagel, Regen. Einfach H2O. Wir möchten aber S hoch drei, nämlich rundum Sonne. Schöne Ferien, trotz allem!

Auf in die Romandie!

Vamos a la playa! Neue Führer stillen unsere Bergsseensucht im Welschland.

6. Juli 2021

– Haide, Wilda, sa facem bagne.
– Aga est mult frea pentru mi, Schnidi.

Verstanden? Mais non! Verständlich: Wilda und Schnidi sprechen auch Proto-Indo-Europäisch, die Sprache der Jungsteinzeit, und diese Epoche liegt ja schon ein paar Jahrtausende zurück. Die Sprache mag sicher anders getönt, Wilda und Schnidi anders geheissen haben. Aber die Location mit einem (kalten) See zum Baden, die existiert noch heut: Es ist der Lac de Téné (2440 m) auf der Südabdachung der Berner Alpen; bis zum Jahr 2018 nannte die Landeskarte der Schweiz den ovalförmigen Karstsee auf der Sonnenseite des Wildhorn-Massivs noch Lac de Ténéhet. Wie ihm die jungzeitsteinlichen Berggänger gesagt haben, die über das Schnidejoch (2755 m) vom Berner Oberland ins Wallis wechselten, wissen wir nicht. Sie verloren dort oben ab und zu Gegenstände, die nun – Gletscherrückgang sei dank – ans Tageslicht kommen. Das Schnidejoch ist eine ganz wichtige archäologische Fundstätte in den Alpen. Einfach ein Schnidi (analog zum Ötzi) oder eine Wilda wurden (noch) nicht gefunden.

Im Führer „À la recherche des lacs secrets de Suisse romande“ von Stefan Ansermet taucht der Lac de Téné auf. Ihn kannte ich, weil ich schon über das Schnidejoch gewandert bin. Auch auf dem steinigen Weg von der Cabane des Audannes über den Col des Eaux Froides zum Rawilpass kam ich bei diesem grünblauen Auge vorbei. Ob ich darin gebadet habe? Es könnte sein. Jedenfalls ist ein Bad verlockender als im Lac de Mongeron oberhalb von Gruyères, denn dieser erdig-grasige Tümpel galt früher als Eingang zur Hölle. Auch andere der 17 vorgestellten geheimnisvollen Seen sind mehr Wander- als Badeziele. Wie man am schnellsten hinkommt, verrät uns der Autor. Was ihr Geheimnis ist, ebenfalls. Bei den Fotos allerdings fehlt die (jahreszeitliche) Abwechslung. Tant pis!

Seen in den heimatlichen Alpen und Jura sind in neuen Publikation aus der Romandie ganz gross im Kurs. Zum Beispiel auch im Führer „Balades vers les plus beaux lacs de montagne de Suisse Romande“. Südwestlich des Röstigrabens liegen ja wirklich ein paar schönste Seen: Lac Noir (in der Dütschschwyz bekannter als Schwarzsee), Lac de la Gruyère, Lac de Derborence, Lac de Taney, Lac Léman (der grösste Alpenrandsee!) oder Lac de Joux sind unbedingt eine Wanderfahrt und ein Eintauchen wert. Letzteres gilt beim namenlosen See neben dem Bivouac de l’Envers des Dorées (2986 m) im Walliser Teil des Montblanc-Massivs jedoch nur für wirklich kälteresistente Wildas und Schnidis. Dito für den Weingartensee (3056 m) am Westfuss des Alphubels.

Ob mit oder ohne Badekleider im Rucksack: auf ins Wallis, mes amis de montagne! Unser Begleiter heisst diesmal Jean-Louis Pitteloud avec son guide „En balade au fil des lacs de montagne du Valais. 50 itinéraires“. Im Wallis glitzern mehr als 380 Seen, einer schöner als der andere; die Landeskarte benennt 230. Einige von ihnen trocknen im Laufe des Sommers aus. Der Autor hat 50 Routen ausgearbeitet, um 150 interessante Seen zu entdecken. Kriterien für die Auswahl der Seen waren unter anderem die Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln, ob sie nur zu Fuß erreichbar sind und die Lage in den Bergen. Die mehr als 50 Stauseen hat er bewusst nicht mit einbezogen. Macht nüt!

Und dann ist bzw. wäre noch der Familienwanderführer „Les 50 plus belles balades de Suisse Romande“. Ob wirklich die 50 schönsten Wanderungen zwischen Delémont und Dent Blanche, La Dôle und La Valsainte vorgestellt werden? Ich weiss es nicht. Beim Betrachten des Titelbildes tauchten mir Zweifel auf: Es zeigt den Gantrisch. Vielleicht waren die Auswahlfähigkeiten für ein passendes Cover nach dem Bad im Gantrischseeli etwas eingefroren bzw. verschlammt.

Stefan Ansermet: À la recherche des lacs secrets de Suisse romande. Éditions Favre, Lausanne 2021, Fr. 25.-

Balades vers les plus beaux lacs de montagne de Suisse Romande. Creative Publishing, Les Paccots 2021, Fr. 25.-

Jean-Louis Pitteloud: En balade au fil des lacs de montagne du Valais. 50 itinéraires. Editions Attinger, Colombier 2021, Fr. 34.-

Les 50 plus belles balades de Suisse Romande. Le guide des randos en famille. General Media, Lausanne 2021, Fr. 19.-

Roger, Mirka & Globi

Roger Federer als Bergsteiger? Der Federispitz jedenfalls spielt oberhalb der Linthebene gross auf. Und Roger alias Rodger tut dies in tenuefrischen Bildgeschichten.

29. Juni 2021

– J’ARRÊTE LE TENNIS!!!
– TU DÉLIRES! ÇA DOIT ÊTRE L’ALTITUDE! TU NE PEUX PAS ARRÊTER MAINTENANT! PAS À TON ÂGE, PAS AVEC TON CLASSEMENT!
– JE VIENS DE COMPRENDRE! JE NE SUIS PAS FAITE POUR LES SOMMETS: PLUS J’AVANCE, PLUS ILS RECULENT.

Ausschnitt aus einem der wichtigsten Gespräche zwischen Roger Federer und Miroslawa „Mirka“ Vavrinec – auf einer Schneeschuhtour mit Blick aufs Matterhorn. Er fragt sie, ob es mit ihrem schmerzenden Fuss gehe, und sie antwortet, dass sie beschlossen habe, ihre Tenniskarriere zu beenden – und dass er der grösste Tennischampion aller Zeiten werden könnte. Das letzte Bild dieser auf vier Seiten gezeichneten Episode im Comic „Mirka & Rodger“ zeigt sie voller Tatenlust zuoberst auf einer Schneewechte, den schlaffen Roger im Schlepptau. Was für eine Szene, mon Dieu! Tatsächlich beendete Mirka ihre Karriere wegen einer Fussverletzung im Jahre 2002. Sie hatte Roger am Rande der Olympischen Spiele 2000 in Sydney kennengelernt. 2003 gewann er seinen ersten Grand-Slam-Titel – in Wimbledon, of course!

Dass Mirka und Roger je eine solche Schneeschuhtour unternahmen – mit Rackets an den Füssen, notabene – ist eher unwahrscheinlich. Spielt aber keine Rolle. Ausser eben, dass die beiden welschen Zeichner Vincent Di Silvestro, genannt Vincent, und Gérald Herrmann, genannt Herrmann, diese Schlüsselszene in den verschneiten Bergen platzierten. Auch wer als Schweizer auf dem Court viele Gipfel erreicht hat und dies noch weiter tun will, kommt um die hohen Gipfel nicht herum. Mais non. Nach „L’enfance de l’art“ (2018), das Rogers Jugend beschrieb, folgen im neuen Comic die ersten professionellen Schritte des Tennisgenies bis zum ersten Wimbledon-Titel, einschliesslich der Begegnung mit Mirka. Das Titelbild zeigt die beiden in Sydney, sie als Julia und er als Romeo mit dem Racket als Gitarre. Magnifique!

Etwas braver, aber durchaus mit cleveren Szenen gestaltet, tritt ein zweites Federer-Comic auf: „Globi und Roger“ von Daniel Frick und Boni Koller. Globi, die erfolgreichste Schweizer Kinderbuch-Figur neben Heidi und Schellen-Ursli, begegnet endlich einem der erfolgreichsten Schweizer Sportler. Er trifft ihn – nicht ganz zufällig – in den Bergen. Schliesslich haben Roger und Mirka mit ihren Zwillingen den Hauptwohnsitz seit 2015 in Lenzerheide-Valbella. Und dort nimmt eine gemeinsame Reise Fahrt auf, die die beiden Helden über Wimbledon und Afrika zurück in die frisch verschneiten Alpen führt, wobei Globi seinen Helden bei der Pokalübergabe in Londons Süden vor einer Blamage rettet. Am Schluss schenkt Roger seinem Balljungen mit dem Papageien-Schnabel und der rot-schwarz karierten Hose zwei Rackets. Dreimal raten, was Globi mit ihnen im tiefen Schnee macht: „Und so stapft er froh nach Haus.“

Ob sein Idol heute Dienstag Nachmittag bei seinem ersten Match in Wimbledon 2021 gegen den Franzosen Adrian Mannarino ebenso froh auf- und dann abtritt? On verra.

Herrmann, Vincent: Mirka & Rodger. Herrmine Editions, Genève 2021, Fr. 24.80.

Daniel Frick, Boni Koller: Globi und Roger. Orell Füssli/Globi Verlag, Zürich 2021, Fr. 24.90.

Der Tatzelwurm

Gibt es den Tatzelwurm, den Verwandten von Nessie und Yeti? Ein etwas anderes Tierbuch.

25. Juni 2021

«Während aber die Drachen in der jetzigen Schweiz als ausgestorben oder vertilgt betrachtet werden, ist das Oberland noch voll von Sagen und Zeugnissen über ein schlangenartiges Unthier, welches mit dem einheimischen Namen des Stollenwurms bezeichnet, und nach unverdächtigen Zeugnissen vieler Landleute fast jährlich hier oder dort gesehen wird. Man beschreibt dieses Wesen als eine Art von Schlange, die ganz kurze Füßchen habe; und da die Schlangen überhaupt Würmer heißen, ein kurzer dicker Fuß aber ein Stollen genannt wird, so entstand der besondere Name für dieses Geschöpf. Fast durchgängig giebt man ihm einen runden Katzenkopf, und bald 2, bald 4, bald mehrere Füße, nach der Art, wie die Raupen sie haben. Mitunter schildert man es als behaart, und gewöhnlich als verhältnißmäßig dick aber kurz. Ich wage jedoch keineswegs die Eigenthümlichkeit dieses Geschöpfes als erwiesen anzunehmen.»

Aber kroch dieser Stollenwurm nicht doch durchs Berner Oberland? Entgegen der Ansicht des Berner Dichters und Philosophen Johann Rudolf Wyss, der sich da im zweiten Band seiner „Reise in das Berner Oberland“ von 1817 ziemlich skeptisch zu diesem fabelhaften Alpentier äusserte. Die „Berliner Illustrirte Zeitung“ brachte am 17. April 1935 nämlich folgende Story: „Der Tatzelwurm – das geheimnisvolle Fabeltier der Alpenwelt zum ersten Mal fotografiert?“ Immerhin ein Fragezeichen, denn auf dem Foto sieht das angeblich bei Meiringen aufgespürte Tier so lebendig aus wie ein am Boden liegender Baumstamm, dem man zwei Augen und ein breites Gebiss angemalt hat. Die Zeitung setzte gar eine Belohnung von 1000 Reichsmark aus für diesen Tatzelwurm. Dummerweise lag am angeblichen Fundort zu viel Schnee, so dass keine Spur gefunden wurde. Aber so war es immer mit dem Tatzel- oder Stollenwurm: Sobald man nachforschte, verschwand er. Auch Kadaver oder Knochen waren plötzlich unauffindbar, als sie wissenschaftlich untersucht werden sollten.

Im Buch „Der Tatzelwurm. Porträt eines Alpenphantoms“ hat Ulrich Magin über 430 Augenzeugenberichte gesammelt und analysiert. Das Ergebnis ist eine aufregende zoologische Schnitzeljagd und zugleich eine spannende Traditionsgeschichte des gesamten Alpenraums. Bei der Lektüre der Berichte wird klar, dass der Tatzelwurm ein wandelbares Geschöpf ist. Er kann scheu oder aggressiv und giftig sein; manche empfehlen sogar seinen Verzehr – pfui Teufel. Sicher ist: Im Verlauf der Zeit ist er immer kleiner geworden. „Der Tatzelwurm ist“, so Magin, „ein Mischwesen wie der Zentaur, die Seejungfrau oder die Ungeheuer mit Menschenkörper und Vogelschwingen der griechischen Sage – ein Kriechtier mit Katzenkopf, das nicht einmal der wagemutigste Gentechniker in der Retorte zusammenpanschen könnte.“

Allerdings gibt es Vorbilder für den Tatzelwurm. Zum Beispiel die Gila-Krustenechse oder die europäische Stutzechse, beide bösartig aussehende Reptilien. Da sieht der Scheltopusik direkt lieblich aus; auch er könnte für den Tatzelwurm gehalten worden sein. Nur kommen diese Viecher nicht in den Alpen vor. Wohl aber Fischotter und Marder, natürlich Murmeltier und Kreuzotter: Alle sind mit dem Fabelwesen verwechselt worden. „Der Tatzelwurm ist keine Tierart, sondern ein Sammelbegriff“, heisst es im Schlusskapitel des fein illustrierten sowie mit Anmerkungen und Literatur ausgestatteten Buches. „Weil an den Tatzelwurm geglaubt wird, weil man weiß, wie er aussieht und wie er sich verhält, kann alles zum Tatzelwurm werden.“

Ulrich Magin: Der Tatzelwurm. Porträt eines Alpenphantoms. Edition Raetia, Bozen 2020, € 18.00.

Bergliebe

Ein dickes Buch und zwei Ausstellungen schlagen alte und neue Seiten zu den Bergen und zum Bergsteigen auf.

18. Juni 2021

– Demain, je t’emmène à la montagne, m’annonça Rinri au téléphone. Mets tes chaussures de marche.
– Ce n’est peut-être pas une bonne idée, dis-je.
– Pourquoi ? Tu n’aimes pas la montagne ?
– Je suis une amoureuse de la montagne.
– Allons, c’est décidé, trancha-t-il, indifférent à mes paradoxes.
À peine eut-il raccroché que je sentis monter ma fièvre: les montagnes du monde entier, à la plus forte raison celles du Japon, exercent sur moi une séduction alarmante. Je savais pourtant que l’aventure ne serait pas sans risque: passé mille cinq cents mètres d’altitude, je deviens quelqu’un d’autre.

Kurze Passage aus dem 2007 publizierten, mit dem Prix de Flore ausgezeichneten Roman „Ni d’Ève, ni d’Adam“ (Der japanische Verlobte, 2010) der belgischen Schriftstellerin Amélie Nothomb. Insgesamt sind drei Seiten aus diesem Roman, nämlich die Besteigung des Fuji, abgedruckt im 536 Seiten dicken Reader „Montagne. Les plus belles pages de l’Antiquité à nos jours“, herausgegeben von Frédéric Thiriez und mit einem Vorwort versehen von Pierre Mazeaud (mais oui, er weilt immer noch unter uns, der Seilgefährte von Walter Bonatti und Toni Hiebeler). Selbstverständlich finden sich auch ein paar Seiten aus dem ersten alpinistischen Buch von Mazeaud, „Montagne pour un homme nu“, schön brav eingebunden zwischen Anderl Heckmair und René Desmaison.

73 Autoren und sieben Autorinnen hat Frédéric Thiriez für seine Anthologie ausgewählt, vom römischen Kaiser Hadrian bis zur französischen Alpinistin Odette Bernezat – „Que la montagne est belle!“ heisst eines ihrer Bücher. Es gibt, neben bekannten Bergsteigern und Schriftstellern wie Hermann Buhl, Johann Wolfgang Goethe, Reinhold Messner und Charles Ferdinand Ramuz, noch unbekannte Bergliteraten zu entdecken: Hippolyte Taine, Paolo Morelli oder Stéphanie Bodet. Und natürlich, wie immer bei Auswahlwerken, vermisst man ein paar, zum Beispiel Hans Morgenthaler und Reinhard Karl. Ihre alpinen Schriften gibt es halt nicht in französischer Übersetzung.

Tant pis. Aber die Originaltitel der zitierten Werke hätte Thiriez angeben müssen. So erfährt man nicht, wie „Le Terrain de jeu de l‘Europe“ von Leslie Stephen heisst, als dieser Klassiker 1871 erschien. Und wenn ich schon den Rotstift zur Hand habe – hier ein ziemlicher Ausrutscher. In der Einführung zu Edward Whymper heisst es: „Le huitième essai fut le bon. Le 13 juillet 1865, l’Anglais, qui avait choisi intelligemment l’arête du Hornli, se dressait au sommet du «Matterhorn».“ Richtig ist: Der neunte Versuch führte am 14. Juli über den Hörnligrat auf den Gipfel. Und: Das Matterhorn muss nicht in Anführungszeichen gesetzt werden.

Für den Rucksack eignet sich „Montagne“ nur bedingt: zu dick und zu schwer. Aber als Reiselektüre schon. Und reisen sollten wir, zu zwei gebirgigen Ausstellungen. Diejenige in Bern, „home over time“, ist nur noch bis am 27. Juni zu bewundern, an einem ganz besonderen Ort. Im grossen Saal des mächtigen Turms von Schloss Holligen zeigt der Berner Fotograf Rob Lewis neun 1,5 Meter hohe Fotos von Felsen an Schweizer Pässen. Höchstaufgelöste Felsbilder, perfekt gerahmt in einheimischem Holz und hinter Glas, auf dem je nach Lichteinfall kurze Gedichte des Berner Dichters Jürg Halter zu lesen sind. An der Grimsel fragt der Lyriker den Berg: „wie viel licht/erreicht dich/dort drinnen/und was siehst du?“ Und das sehen wir: ein Stück Fels, Gestein, jahrtausendalt, hervorgeholt und an die mittelalterliche Wand gehängt, greifbar nah und doch poetisch entrückt. Eine alpine Seherfahrung der ganz besonderen Art. In der Ausstellung liegt der jüngste Lyrikband „Gemeinsame Sprache“ (Dörlemann Verlag, 2021) von Jürg Halter auf. Aus Gedicht „Offenes Weiß“ die zweite Strophe: „Augenblicklich Schnee über Schnee,/die Idee, dass da jemand vorausging,/den ich nicht kannte – die Sehnsucht,/niemandem zu folgen als mir selbst./Keine Spuren zu hinterlassen als…“.

Spuren hinterlassen im Gebirge. Das machen die Menschen, seit sie in die Berge gehen. Spuren am Berg, wie Hütten und Wege. Spuren vom Berg, wie Hüttenbücher und Wegbeschreibungen. Spuren aber auch in uns selbst, wenn wir hinaufsteigen in die Berge, über 1500 Meter und weiter, wenn das Fieber steigt und der Horizont sich erweitert. Genau davon, von dieser Geschichte voller Leidenschaft, Risiko und Sehnsucht, erzählt eine Ausstellung im Museum.BL in der Altstadt von Liestal, im Rahmen von 100 Jahre Sektion Baselland des Schweizer Alpen-Clubs SAC. Simone Ochsner hat mit ihrer Seilschaft eine kleine und sehr feine Ausstellung gemacht, die geschickt und überraschend dem Bergsteigen durch Höhen und Tiefen nachgeht, für Auge und Ohr, Hand und Fuss, Frau und Mann, klein und gross. Titel der Ausstellung im prächtigen basellandschaftlichen Museum, das kurz nach der Kantonstrennung 1836 als „Naturaliencabinett“ gegründet wurde, heisst schlicht und umfassend: Bergliebe.

Frédéric Thiriez: Montagne. Les plus belles pages de l’Antiquité à nos jours. Éditions du Mont-Blanc, Chamonix 2020, € 25.00.

Rob Lewis mit Jürg Halter: home over time. 10. – 27. Juni 2021. Kultur im Turm – Schloss Holligen, Holligenstrasse 44, 3008 Bern. Öffnungszeiten: Do – Fr 16.30 – 21.00 Uhr, Sa – So 13.30 – 17.00 Uhr. Do, 24.6.: Barbetrieb und Meet the Artists; So, 27.6.: Finissage mit Barbetrieb und Konzert Mich Gerber. www.schlossholligen.ch

Bergliebe. 100 Jahre SAC Baselland. Museum.BL, Zeughausplatz 28, 4410 Liestal. 5. Juni bis 17. Oktober 2021. Öffnungszeiten: Di – So 10.00 – 17.00 Uhr. www.museum.bl.ch

Wallis: Bergseensucht und mehr

Vier Bücher machen Lust auf Ferien im Wallis. Man möchte am liebsten den Rucksack packen und hinreisen.

9. Juni 2021

«Der Jüngling unter den Walliser Badeseen – wurde er doch erst 2003 auf dem ehemaligen Flugplatzgelände Ulrichen eingeweiht. Der östliche Teil liegt in einem Naturschutzgebiet. In den Sommermonaten ist der Geschinersee ein Paradies für Schwimmer, Stand-up-Paddler und Fischer – im Winter kann man auf ihm Schlittschuh fahren.»

Ist dieser See im Goms ein Ziel für den Sommer 2021? Mais bien-sûr! Der Anusee im Lötschental auch, der Lac Le Louché im Val de Réchy ebenfalls. Den Mässersee im Binntal kennt man nicht. Den Riffelsee und den Stellisee ob Zermatt hingegen haben alle schon mal gesehen, wenn nicht in Natura, so doch auf Fotos. Denn in ihnen zeigt sich der Berg der Berge einfach doppelt schön. Die Mischabelgruppe macht das Gleiche in einem namenlosen Schmelzwasserseelein auf der Moosalp zwischen Törbel und Bürchen. Das Seelein nennt Bettina Mattia zu Recht „Zaubersee“ – wirklich zauberhaft, wie sich Dom & Nadelhorn im letzten Abendlicht auf der glatten Oberfläche spiegeln. Das Foto bildet das Cover des Bildbandes, darin die in Brig-Glis lebende Wahlwalliserin 67 der über 230 Bergseen des Wallis auf je zwei Seiten mit grossen Fotos und kurzen, zweisprachigen Texten porträtiert. „Bergseensucht“ heisst dieses Buch – ein genialer Titel, nicht wahr?

Bergseensucht definiert Bettina Mattia so: „Widerfährt einem, wenn man innerhalb von drei Sommermonaten mehr als fünf Bergseen im Kanton Wallis erwandert. Liebesgefühl, das sich unaufhaltsam im Körper und der Seele des Menschen einnistet.“ Bei ihr haben sich solche Emotionen erstmals am Lac de Mont d’Orge offenbart. Selbstverständlich hat die Bergseefee das versteckte Kleinod ob Sion in ihr Wasserwerk aufgenommen. Damit wir nun mit unserer entfachten Seensucht nicht plötzlich auf dem Trockenen bleiben, gibt es zu jedem der 67 stillen Gewässer einen QR-Code, dank dem wir sofort auf map.geo.admin.ch eintauchen. Die Ferien im Wallis können gebucht werden.

Und was nehmen wir mit als Lektüre? Drei Vorschläge. Hautnah passend zur Seen- und Seelenverwandten Bettina das Tagebuch des Wallisers und Wahlgenfers Guy Mettan. Der Journalist und Politiker ist in den Sommern 2019 und 2020 in 55 Etappen durch das Wallis gewandert, von Saint-Gingolph auf der linken Talseite hoch zum Nufenenpass und auf der rechten zurück nach Collonges. „Jeden Abend schrieb ich das Protokoll des Tages. Oft aus keinem anderen Grund als dem Vergnügen, das Vergnügen und manchmal auch den Schmerz des Gehens zu bemerken, auf und ab, auf und ab ad infinitum.“ Das Tagebuch liegt jetzt vor: „Le monde à deux mille mètres. Journal d’un voyageur des cimes“. Nochmals Guy Mettan: „In diesem Sinne war diese Umrundung des Wallis auf der Höhe der Gipfel, an der Grenze des Waldes und des Hochgebirges, wo Leben und Sauerstoff im Überfluss vorhanden sind und menschliche Sorgen selten sind, eine Verzauberung“. Zwei Bemerkungen seien erlaubt: „voyageur des cols“ wäre ein besserer Untertitel gewesen, da die Gipfel zwar am Weg liegen, aber nur selten überschritten werden. Und: Der Berg, der den Weitwanderer im Taleinschnitt des Goms beeindruckt, heisst Weisshorn und nicht, wie er schreibt, Dent Blanche.

Nächster Vorschlag für Wallisurlauber: „Wandern, wo andere forschen.“ Der rundum gewichtige Führer behandelt auf acht Touren im Ober- und Mittelwallis die Themen Gletscherlandschaft, Waldbeobachtung, Trockenheit, Waldbrand, Siedlungsentwicklung, Murgang und Steinschlag, Lawinen sowie Jahrringe. Die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL befasst sich in dieser Region seit dreissig Jahren mit Lebensräumen und Naturgefahren und gibt nun entlang von leichten Wanderungen faszinierende Einblicke in ihre wichtige Arbeit, gerade in Zeiten des fortschreitenden Klimawandels. Hintergrundinfos zu einzelnen Tier- und Pflanzenarten von Arve über Mistel und Waldgärtner bis Ziegelmelker (ist ein Vogel) ergänzen den umfassend bebilderten Führer. Das ausführliche Register hilft bei der Themensuche. Mehr noch: Das Sachbuch lohnt sich auch für eine Reise in eine andere Bergregion, ja sogar bestens fürs Zuhausebleiben.

Der letzte Buchtipp beinhaltet, wie dem Titel „The Little Swiss Ski Chalet“ unschwer zu entnehmen ist, eher leichtere Kost. Aber die perfekte Lektüre, um am Geschinersee oder am Lac de Derborence einen Sommernachmittag zu verbringen. Mina Campbell liebt leckeres Essen und gesellige Dinner mit Freunden. Kein Wunder, immerhin arbeitet sie in einer Testküche und probiert ständig neue Kreationen aus. Ein Rezept gegen Liebeskummer hat sie allerdings nicht gefunden. Im ersten Teil von Julie Caplins Roman wird Minas Herz und Job gebrochen. Für eine Auszeit reist sie zu ihrer Patentante, die eine feine Pension in Reckingen betreibt. Mina blüht auf. Vor allem die Schweizer Küche hat es ihr angetan, zum Beispiel die Basler Kirschenbrottorte (das Rezept ist abgedruckt) – wer braucht da schon einen Mann, um glücklich zu sein? Wäre da nicht der charmante Luke Love, der Mina das verschneite Wallis von seiner romantischen und sportlichen Seite zeigt, auf Skiabfahrten am Eggishorn und Langlauftouren durchs Goms.

Bettina Mattia: Bergseensucht. 67-mal auftauchen, eintauchen und abtauchen. Mattia matters GmbH, Glis 2020. Zweisprachig Deutsch & Französisch. Fr. 39.- Zu bestellen bei www.bergseefee.ch. Erhältlich auch in den ZAP-Filialen des Wallis (Brig, Visp, Zermatt) und bei Piz, Buch & Berg in Zürich.

Guy Mettan: Le monde à deux mille mètres. Journal d’un voyageur des cimes. Éditions Slatkine, Genève 2021. Fr. 32.-

Christine Huovinen, Thomas Wohlgemuth: Wandern, wo andere forschen. Ober-und Mittelwallis. Haupt-Verlag/Eidg. Forschungsanstalt WSL, Bern 2021. Fr. 38.-

Julie Caplin: The Little Swiss Ski Chalet. Harpers Collins Publishers, London 2021. Fr. 16.50. Im Oktober 2021 erscheint das Buch bei rororo auf Deutsch: Das kleine Chalet in der Schweiz, als Band 6 in der Reihe Romantic Escapes.

Sommeranfang mit Klimaspuren und ÉTÉ

Quer durch die Schweiz und durch Frankreich. Mal zu Fuss. Mal mit Fotos. Immer vor Augen: den Klimawandel. Sommergefühle der etwas anderen Art.

1. Juni 2021

«Hitzesommer 2018. Der Regen bleibt aus, die Flüsse werden zu trockenen Rinnsalen, die Wiesen und Felder der Bauern verdorren. In den Städten ist es bei diesen Temperaturen kaum auszuhalten. Plötzlich ist der Klimawandel wieder ein Thema und bereitet vielen Menschen Sorge. Es ist einer dieser heissen Sommertage, als Zoe Stadler und Dominik Siegrist in Köbi Gantenbeins Garten zu Tisch sitzen.»

So begann es, was heute beginnt. Am 1. Juni 2021, pünktlich zum klimatologischen und meteorologischen Sommeranfang. Die sechswöchige Wanderung „Klimaspuren“ von llanz nach Genf, vom 1. Juni bis zum 12. Juli. Zu Fuss natürlich, dem Alpenrhein entlang nach St. Gallen, durchs Mittelland zum Jura und schliesslich hinunter an den Lac Léman. Mit fünfzig Ortsterminen gegen die Klimakatastrophe. Mit dem Kernteam Zoe, Dominik und Köbi sowie Lucie Wiget und Sylvain Badan. Begleitet jeweils von 25 Mitwanderern; Corona lässt leider nicht mehr zu. Es hat noch Plätze frei. Anmelden, mitwandern, mitlesen. Auf www.klimaspuren.ch seid Ihr dabei, liebi Bärgfründe.

„Was können wir tun gegen den Klimawandel, konkret und praktisch?“ Das fragte sich das Trio damals in Köbis Garten in einem alten Bauernhaus im Weindorf Fläsch in der Bündner Herrschaft. „Lasst uns das Schöne mit dem Nützlichen verbinden. Planen wir eine Klimawanderung quer durch die Schweiz. Wir besuchen Menschen und Projekte, die Spielräume und Möglichkeiten für den Klimaschutz nutzen. Und wir demonstrieren, wo die Unvernunft das Klima malträtiert.“ Am 21. Juni, dem astronomischen und somit kalendarischen Sommeranfang, führt die Wanderung von Wildegg nach Aarau, am Tag drauf gibt es in Aarau eine grosse Podiumsdiskussion zur Schweizer Klimapolitik. Nach der Abstimmung über das CO2-Gesetz am 13. Juni 2021 ist die Gletscher-Initiative das nächste wichtige Geschäft in der Klimapolitik. Im Sommer will der Bundesrat die Botschaft zur Gletscher-Initiative ins Parlament schicken. Zukunftswichtige Fragen kommen dann auf die Tische der Parlamentarier. Zum Beispiel diese: Was braucht es noch, um den Schweizer Beitrag zu der Erreichung der Ziele des Pariser Klimaabkommens einzuhalten?

Und wenn wir schon den Abstecher nach Frankreich gemacht haben: Zu den Skistationen in diesem Alpenland kam im letzten Jahr ein brutal schöner Bildband heraus. Olaf Unverzart und Sebastian Schels fotografierten in den Sommern 2018 und 2019 die vor allem in den 1960er und 1970er Jahren am Reissbrett entworfenen Retortenstationen wie Val d’Isère, Méribel und Les Deux Alpes; insgesamt 28 Stationen inFrankreich, drei in den italienischen Westalpen und eine in der Schweiz (Torgon). Diese Hochhäuser, Appartmentblöcke, Ferienhauskonglomerate, diese buchstäblich ver-rückte Architektur in den Bergen – aufgenommen ohne den kaschierenden Schnee, ohne Touristen, ohne Leben. Dazu die vorübergehend stillgelegte skitouristische Infrastruktur, trostlos auf der halbgrünen Matte liegend – Wahnsinn! Ob man dort in der warmen Jahreszeit Ferien machen könnte oder möchte? Der Titel dieses ganz besonderen Bergbuches ist so schlicht wie verlockend: été. Was sich freilich anhören kann wie: était. Wenn die Grenze des Schnees weiter steigt und er auch kaum mehr künstlich produziert werden kann, bleiben die Retortenstationen als unübersehbare Zeugen des Klimawandels stehen. Klimaspuren eben.

Klimaspuren. Themenheft von Hochparterre, Mai 2021, Fr. 15.- Zu bestellen bei info@klimaspuren.ch oder herunterzuladen hier: www.klimaspuren.ch.

Olaf Unverzart und Sebastian Schels (Fotos), Dietrich Erben (Text): ÉTÉ. Verlag Kettler, Dortmund 2020, Fr. 72.-

Schaurige Orte in der Schweiz

Neue Schweizer Krimis, die zum Lesen einladen. Aber lieber zuhause als vor Ort.

25. Mai 2021

«Ich wohne im Kurhaus auf dem Weissenstein und muss dorthin zurück. Können Sie mir den Weg erklären?»
Meieli sieht ihn erschrocken an. «Sie wollen auf den Berg, allein, um diese Zeit? Es ist schon dunkel und Sie müssen durch den Franzoseneinschlag.»
«Ich habe bereits Schlimmeres durchgemacht als einen Nachtmarsch auf einen Berg.»

Sagt Lord William Mallory zur Wirtshaustochter Meieli im „Kreuz“. Eben hat er sie vom aufdringlichen Jost gerettet, nun will er alleine durch die Nacht in sein Logis hoch oben auf dem Solothurner Hausberg. Was er nicht kennt, ist der Franzoseneinschlag zwischen der Stadt Solothurn und dem Dorf Rüttenen; ein unheimlicher Ort, den auch furchtlose Engländer in der Nacht nicht alleine durchwandern sollten. Ob das also gut geht an diesem kalten Oktoberabend anno 1834? Die Geschichte findet ihre beklemmende Fortsetzung im Oktober 2019. Zu finden ist sie im Reader „Schaurige Orte in der Schweiz“, den Lutz Kreutzer herausgegeben hat. Zwölf unheimliche Geschichten tischt er mit seinen Mitautoren auf, vom Mord in eisiger Höhe (Säntis) über den Galgen von Ernen, den Oger von Grindelwald und den Ritter von Scheidegg bis eben zum Schatz im Franzoseneinschlag. Spannende Ziele zum Lesen. Zum Bereisen vielleicht weniger. Im Folgenden noch ein paar andere alpin angehauchte Schweizer Krimis.

Gerade als Thomas zu einem entschiedenen verbalen Rückzugsappell ansetzen wollte, passierte es. Er rutschte auf einem feuchten Stein aus und lag kurz darauf, ohne Badehosen, dafür mit Jeans, Pullover und Jacke, im Schwarzwasser. Das Bad dauerte nicht lange. Lisa staunte, wie flink sich Zigerli bewegen konnte, wenn es drauf ankam.
«Elender Mist», jammerte Lisas Kumpel. «Mir reicht’s mit deinem beschissenen Nachtspaziergang!»
«Hast du dir wehgetan?», erkundigte sich Lisa in ihrer charmantesten Art.

Kriminalistische Arbeit fordert halt manchmal besonderen Einsatz – und Opfer. Das muss Thomas Zigerli im Schwarzwassercanyon unweit von Bern in kalter Novembernacht 2019 hautnass erfahren. Seine Kollegin Lisa Manaresi erst recht bei den folgenden Ermittlungen. Das ungleiche Duo steht im Zentrum von „Das Schweigen der Aare“, dem Erstling von André Schmutz. Ein Krimi, der tüchtig unter die Haut geht. Über die Berner Kirchenfeldbrücke wird man in Zukunft mit anderen Augen gehen; dito beim Baden im Schwarzwasser, wenn es denn wie die Aare endlich zu sommerlichen Aktivitäten einladen wird.

Sie erreichten die erste Brücke. Die Aare passierte dort eine Schleuse. Das Wasser, weisse Gischt, trotzte im Flussbett dem Wehr. Max legte einen Halt ein, sah hinunter auf die Elemente, die gegeneinanderspielten: Luft, Erde, Wasser.
«Kommst du?»

Lieber nicht! Jedenfalls nicht nach Interlaken, weder am Tag noch in der Nacht. Dort geht der Tod um – in „Interlaken“ von Silvia Götschi, der fleissigsten Krimiautorin der Schweiz. Nach den Ermittlungen auf dem „Bürgenstock“ und in „Engelberg“ führen die Privatdetektive Maximilian von Wirth und Federica Hardegger solche nun in der Aarestadt im Berner Oberland, bei den Giessbachfällen, auf dem Beatenberg, dem Jungfraujoch und an anderen spektakulären Orten durch, wo ein leichter Schubser genügen könnte, um einen Gegner – oder auch Ermittler – zum Schweigen zu bringen. Eine extra gelöste Schlaufe im Sitzgürtel eines Gleitschirms reicht eigentlich ebenfalls aus. Das Berner Oberland ist nicht nur eine unheimlich schöne Gegend, sondern auch schön unheimlich. Ob es im Emmental weniger gefährlich ist, diesem Land der tausend Höger und Chrächen?

«Auf der Wanderkarte tragen die kleinsten Täler überhaupt keinen Namen. Darauf ist kein Verlass.»
Gwendolin griff nun ihrerseits zur Detailkarte und zählte auf: «Wenn wir von oben beim Hochänzi beginnen: Schwandgrabe, Ländergrabe, Säugrabe, Rappegrabe, Rehgrabe, Spichersgrabe unter der Zuckeralp, Cholgrabe, Fischgrabe, Schwendigrabe, Ruchsitegrabe, Vorders Riedgrebli, Haggrabe, Weichelgrabe, und das sind nur diejenigen links und rechts des Hornbachs. Nur ganz hinten gibt es zwei Ausnahmen: Hochstaule und Arnistaule.»

Da wird einem ja ganz schwindlig vor lauter Gräben! Bestens passt dazu der Titel des jüngsten Krimis von Paul Lascaux: „Emmentaler Alpträume.“ Diesmal ist die Detektei Müller & Himmel inklusive den Grazien Gwendolin & Co. unterwegs im geografisch und gesellschaftlich unübersichtlichen Napf-Massiv. Doch die Spurensuche dehnt sich aus auf meinem ehemaligen Hausberg Belpberg: Auf dem Chutzen liegt eine Leiche. Am 7. Mai 2020 war das zum Glück nicht der Fall; damals bewunderte ich dort oben wieder mal das Panorama. Aber wohin denn nun im offenbar rundum mörderischen Bernbiet? Warum nicht ins ehemalige bernische Untertanengebiet, ins Waadtland, genauer in die Salzminen von Bex?

«Julien noua une corde à son sac à dos, ceignit un baudrier et entama l’ascension.
Quelques semaines avant la prise d’otages, Mélanie l’avait accompagné pour vérifier si la voie équipée d’ancrages de sécurité était toujours en état depuis le dernier exercice qu’elle avait fait aves les aspirants de l’Académie de police. Comme personne ne s’aventurait dans cette zone, pas même les mineurs, ils y avaient déposé tout le matériel nécessaire.»

Ob es Julien gelingt, auf einem geheimen Gang ins Innere des Salzbergwerkes zu gelangen, wo ein Verbrecher Geiseln in Haft genommen, ja mindestens eine schon erschossen hat. Ein mörderisches Unterfangen für den Geiselnehmer wie für Inspektor Andreas Auer in seinem vierten Fall. „Les protégés de Sainte Kinga“ von Marc Voltenauer beginnt etwas langatmig, nimmt dann aber mit der geplanten Erstürmung der Salzminen und der Flucht der Bösen über Pässe hinweg ins Aostatal gehörig Fahrt auf. Macht allerdings auch nicht wirklich Lust, diese Stollen in den Waadtländer Alpen zu besichtigen. Ob es vielleicht in östlicheren Berggebieten gemütlicher ist? Wir lesen uns vorsichtig ein:

Er schüttelte den Kopf. «Fehlanzeige. Da unten ist nichts.»
«Und nun?»
«Wir werden wohl nie erfahren, was wirklich geschehen ist.»
Sie stiegen am Drahtseil zur Grünhornhütte hinauf, wärmten sich an der Sonne, sprachen wenig. «Hast du dich für die Saurier entschieden?», fragte er einmal.
«Ja», sagte sie.
«Und auf den Tödi kommst du auch mal mit?»
«Vielleicht.»
Faseriges Gewölk zog auf, als sie abstiegen.
«Kein gutes Zeichen», meinte er.

Ausschnitt aus einem der acht kurzen Krimis, die Emil Zopfi für das Buch „Tod am Tangoball“ zusammengestellt hat. Titel dieser unheimlichen Geschichte: „Tod am Tödi.“ Alles klar: Wir wandern nur von Seite zu Seite, möglichweise auch nachts, weil es so spannend ist.

Lutz Kreutzer (Hrsg.): Schaurige Orte in der Schweiz. Unheimliche Geschichten. Gmeiner Verlag, Meβkirch 2021. € 13.-
André Schmutz: Das Schweigen der Aare. Gmeiner Verlag, Meβkirch 2021. € 14.-
Silvia Götschi: Interlaken. Emons Verlag, Köln 2020. € 15.-
Paul Lascaux: Emmentaler Alpträume. Gmeiner Verlag, Meβkirch 2021. € 13.-
Marc Voltenauer: Les protégés de Sainte Kinga. Slatkine & Cie, Genève 2020. € 22.-
Emil Zopfi: Tod am Tangoball. Acht kurze Krimis. Epubli 2021. Fr. 20.- Zu bestellen bei: https://zopfi.ch/books/

Zwei neue Top-Kletterführer

Gibt es noch Felsen in der Schweiz ohne Kletterrouten? Die neu aufgelegten Führer Tessin und Ostschweiz verraten neue vertikale Traumgebiete, ohne die herkömmlichen zu vergessen. Let’s go climbing!

19. Mai 2021

«Linescio ist ein kleines Dorf im Val Rovana: es ist vor allem für seine Terrassierungen bekannt: 25 Kilometer Trockenmauern, ein einzigartiges Zeugnis der bäuerlichen Vergangenheit, zu dem sich die prächtige römische Brücke über die Rovana gesellt. Die Geisha wall, versteckt im Wald über dem Dorf, ist sicher einer der schönsten Klettergärten des Maggiatals und bietet eine Reihe aussergewöhnlicher Routen von ausserordentlicher Schönheit und in hervorragendem Fels.»

Nichts wie hin, cari amici della montagna! Aber nur, wenn Ihr genügend „Speuz“ habt, also Kraft und Saft. „Speuz“ ist der Name der Route 10 im Sektor Chablis wall; die Kletterschwierigkeit dieser von Egon Bernasconi eingerichteten Route konnte Glauco Cugini in seiner eben erschienenen vierten Auflage des SAC-Kletterführers „Ticino/Tessin“ noch nicht genau angeben, aber unter 6a geht in Linescio ohnehin niente. Deshalb werde ich statt an die Chablis Wand eher an das Chablis Glas die Hand legen. Obwohl in Osteria Sascola in Linescio (mit Terrasse!) wohl kein Chablis ausgeschenkt wird, und in den Grotti von Cevio unten ebenfalls nicht. Muss auch nicht sein. Erstens gibt es im Ticino genug feinen eigenen Wein. Und zweitens sind wir ohnehin zum Klettern und nicht zum Trinken ennet den Gotthard gereist. Zum Klettern, klettern, klettern. Denn Glauco hat nochmals voll zugelangt: 21 neue Klettergebiete im Tessin und in den angrenzenden südbündnerischen Tälern Calanca und Misox hat er aufgenommen. Zusammen mit neuen Routen in schon bekannten Gebieten, wie dem Sektor Lo Hobbit im absoluten Topgebiet Ponte Brolla-Tegna, sind in diesem 576-seitigen Führer mehr als 1500 Routen erstmals veröffentlicht. Mamma mia, gibt das viel tun. Cameriere, può portarmi un altro bicchiere di vino bianco, per favore?

«Eingebettet im Wanderparadies Pizol liegt der Klettergarten “Twärchamm”. Der griffige Gneis und die perfekte Absicherung bieten Genusskletterei für Jung und Alt. Dank der Höhenlage eignet sich das Gebiet für den Sommer.»

Andiamo, liebi Bärgfründe! Da komme ich mit, sogar bis zu diesem sonnigen Fels nur eine Viertelstunde von der Pizolhütte entfernt. Die Route „Schneekönigin“ sollte ich noch im Vorstieg schaffen, vielleicht auch „Oktoberschnee“ und „Tante Gabi“. Bei „Onkel Heiri“ müsste wohl mein Neffe Silvan vorausklettern. Oder Daniel Schaffhauser, der auf einem Foto abgebildet ist und zu den Erschliessern gehört. Das mit dem Maximum von vier Sternen bewertete Klettergebiet „Pizol“ ist neu beschrieben in der neuen Auflage von „plaisir OST“; der Band präsentiert auf 432 Seiten insgesamt 77 Gebieten. Die plaisir-Kletterführer sind die beliebtesten und decken die ganze Schweiz, oft auch angrenzendes Ausland ab; im neuen Band Ost sieben Gebiete im Tirol, so erstmals den Rammelstein mit Routen wie „Stille Zeit“, „Amsel“ oder „Elfenweg“, um ein paar brave zu nennen. Wenn Sandro von Känel unbekannte Gebiete wie jetzt mit Pizol, Holzegg, St. Jöri, Plattenkreuz-Plattenwand oder Matlusch vorstellt, so freuen sich auswärtige Genusskletterer. Bei Twärchamm natürlich auch die Pizolbahnen. Und bei Matlusch in der Bündner Herrschaft diejenigen, die weder klettern noch wandern. Denn der 845 Meter hohe Matluschkopf ist der Hausberg des Dorfes Fläsch. Dort gibt es zwar auch keinen Chablis. Aber zum Beispiel einen meiner liebsten Weissweine, den Sauvignon Blanc von Jann Marugg.

Glauco Cugini: Kletterführer Ticino/Tessin. SAC Verlag 2021. Dreisprachig I, F, D. Fr. 59.-

Sandro von Känel: plaisir OST. Edition Filidor, Reichenbach 2021. Dreisprachig D, F, E. Fr. 54.-

Berge und Grenzsteine im Jura

Auf in den Jura, je nach Route und Regeln (zu Corona) mehr oder weniger in der Schweiz bzw. in Frankreich.

13. Mai 2021

«La Motte bzw. Bressaucourt nur je 2 Std. von Bern, rein zeitmässig. Aber mental viel weiter weg. Doch oben auf dem Grenzstein 544 auf der CH-Seite der Berner Bär – klar doch, bis 1978 war das Kt. BE.»

Notiz in meinem Tourenbuch vom 11. Februar 2021, zur Skitour von La Motte am Doubs über den Hügelzug Les Laives (910 m) und vorbei am aufgegebenen Skilift beim Col de Montvoie nach Bressaucourt in der Ajoie – für mich das erstmalige Skifahren im jüngsten Kanton der Schweiz. Zum Grenzstein 544 stieg ich etwa 15 Minuten über französisches Territorium auf, was irgendwie gut tat in Corona-Zeiten.

Seither sind zwei neue Bücher zum Thema Grenze, Gipfel und Jura erschienen. Beginnen wir mit demjenigen, darin der Grenzstein 544 abgebildet ist. Olivier Cavaleri hat sich in seinem sechsten Führer zur „Histoire de bornes“ in der westlichen Schweiz dem Grenzverlauf zwischen dem Kanton Jura und Frankreich angenommen; seine anderen Bücher behandeln die Grenzsteine in den Kantonen Wallis (zwei Bände), Genf, Waadt und Neuenburg. Der neue Führer bietet die Möglichkeit, die Geschichte der französisch-jurassischen Grenze auf zwei Arten zu entdecken. Die eine ist unterhaltsam durch 16 genau beschriebene Wanderungen zwischen Lucelle und Biaufond, einer wenig besuchten Regionen von unverfälschtem Charme. Die andere ist wissenschaftlich mit einer detaillierten und vollständigen Darstellung der Grenzmarkierungen. Die internationale Grenze zwischen dem Kanton Jura und Frankreich hat eine reiche und überraschende Geschichte; „mein“ Grenzstein 544 zum Beispiel datiert von 1747.

Der andere Führer stellt 100 Wanderungen auf Gipfel und Anhöhen im schweizerisch-französischen Jurabogen vor, vom Doubs bei St-Ursanne bis hinunter zu den uns kaum besuchten Bergen südwestlich von Genf. Oder ist der Rocher du Grand Angle bekannt, der Mollard de Don? Mais non! Pro Doppelseite sind immer zwei Wanderungen beschrieben, die sich ergänzen, so dass eine kurze oder längere Runde möglich ist. „Le Jura est une montagne vivante et authentique où il fait bon vivre. Les amoureux de nature, de verdure, de patrimoine et de gastronomie trouveront ici leur bonheur parmi une sélection de 100 itinéraires de tous niveaux et d’une journée au maximum, qui les mèneront vers la plupart des sommets du massif, où la vue porte jusqu’aux Alpes“, heisst es auf der Rückseite des rucksacktauglichen Buches. Einer der vorgestellten Berge ist der Weissenstein mit der Röti. Dort stand ich am 7. Januar 2021. Ins Tourenbuch notierte ich:

«Die frisch verbiechteten Bäume und Äste – grossartig. Dazu noch fast blauer Himmel. Bloss die Sicht auf die Alpen fehlte – aber braucht es die? Der Jura ist sich selber genug.»

Olivier Cavaleri: Histoire de bornes. La frontière entre le canton du Jura et la France. Balades – découvertes – histoire. Editions Slatkine, Genève 2021, Fr. 35.-. www.histoiredebornes.ch

Jean-Luc Girod, Guy Mazuez: Montagnes du Jura. Les plus belles randonnées. 100 randonnées en France et en Suisse. Éditions Glénat, Grenoble 2021, Fr. 25.-