Erdwerke in der Region Bern

2 Bände über 158 oft auf Anhöhen errichtete Anlagen, die rund 1000 Jahre alt sind. Anleitung zum Erwandern kaum bekannter Geschichte und Gefälle.

23. Februar 2019

„Ziel der vorliegenden Publikation ist es, die Existenz der Erdwerke wieder in Erinnerung zu rufen und dazu zu animieren, diese zum Beispiel in Rahmen eines Spaziergangs oder einer Wanderung einen Besuch abzustatten.“

Genau das machen wir. Gerade jetzt, wo das Wetter so schön und warm ist. Wo der Schnee in den Niederungen geschmolzen ist. Wo die Bäume noch keine Blätter tragen. Wo die Sonnenstrahlen schräg durch die Wälder fallen. Dann sehen wir diese besonderen künstlichen Berge am besten. Wobei Berge etwas gar hoch gegriffen ist. Aber um menschengemachte Aufschüttungen handelt es sich, die Heinz J. Moll in seinem zweibändigen Werk „Erdwerke in der Region Bern“ lokalisiert, erfasst und fotografiert hat.

Erdwerke? Genau. Manchmal auch Erdburgen genannt. Ganz einfach Plätze, die unsere Vorfahren vor rund 1000 Jahren geschaffen haben, indem sie Wälle und Gräben geschaufelt haben, am liebsten an Orten, wo die Natur sozusagen auf mehreren Seiten schon Abhänge geschaffen hat, so dass nur auf einer Seite ein Wall aufgeschüttet werden musste, um den Zugang zu erschweren. Aber es gibt auch Erdwerke, die ringsum erbaut wurden, wie zum Beispiel die Chnebelburg ob Bellmund bei Biel: Diese ovalförmige, 135 x 60 Meter grosse Erdburg wurde vor zuoberst auf dem Gipfel des Jäissberg (610 m) errichtet; die Mauern aus Holz sind natürlich längst verschwunden, aber das 10 Meter überhöhte Burgplateau, der Graben und der äussere Wall sind noch gut erkennbar. Von anderen Anlagen ist kaum noch etwas sichtbar, so von der Viereckschanze im Berner Bremgartenwald; diese prähistorische Wehranlage (be)suchten wir anfangs Februar, an einem trüben Sonntag mit Nassschnee auf dem Gestrüpp. Trotzdem standen wir auf einmal auf der einen Ecke, die etwas zu rechtwinklig war, als dass der Waldboden einfach so geworden wäre. Geschaffen wurden diese Erdwerke als Refugien für die Bevölkerung (bei Gefahr konnten sie aufgesucht werden) sowie teils auch als eigentliche Burgen, also mehr zur Überwachung eines Gebietes

Heinz J. Moll beschreibt 158 Erdwerke in der Region Bern, in Band 1 von Aarberg bis Muri bei Bern, in Band 2 von Niederhünigen bis Zwieselberg; also alphabetisch nach Gemeinden geordnet. Immer mit einem Auschnitt der 1:25‘000er Karte, mit einer 3D-Reliefschattierung, mit Fotos und mit Text, wobei da häufig aus schlecht zugänglicher Literatur zitiert wird. Was fehlt, ist eine Übersichtskarte über die Region Bern mit den Erdwerken, damit man sich schneller zurechtfindet und besser eine Frühlingswanderung gar über mehrere dieser so besonderen Relikte aus alter Zeit planen kann. Das höchste erfasste Erdwerk liegt auf dem Chalchstettepuggel (1053 m) nordwestlich von Guggisberg. Über seinen steilen Nordrücken kurvten Hans Peter Müller und ich vor acht Tagen hinab, bei Sonne und perfektem Pulverschnee. Und hinterliessen so ein vergängliches Schneewerk an einem Hügel, den ein jahrhundertealtes Erdwerk verschönert.

Heinz J. Moll: Erdwerke in der Region Bern. 2 Bände. Books on Demand, Norderstedt 2017. Ca. 50.- Bestellen bei heinz.moll@bluewin.ch

Bergromane, erste Staffel

Romane und Erzählungen, in denen Berge und Schnee an erster und zweiter Reihe stehen. Viel Spass beim Lesen in der geheizten Stube.

12. Februar 2019

„Gianni, tu as lu trop de romans.“

Sagt Dante zu Jean/Gianni, dem Ich-Erzähler im Roman „Alpini. De roc, de neige et de sang“ von Gérard Guerrier. Manchmal geht es mir auch so. Gleich vier Romane und ein Erzählband stapeln sich auf meinem schneeweissen Pult, und in allen spielt der Schnee eine Rolle. Beginnen wir mit dem Lesen, jetzt, wo die ersten Schneeglöcklein ganz zaghaft aus der kalten Erde stossen.

„Gehen Sie mit mir wandern?“ Fragt die eine weibliche die eine männliche Hauptperson in „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“, dem jüngsten Roman von Peter Stamm; er gewann den Schweizer Buchpreis 2018. Der Roman lotet das Doppelgängermotiv aus, spielt mit und zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Lena gleicht Magdalena, Chris gleicht Christoph – oder haben sich nur die Namen verkürzt, je älter sie und er wurden? Ein Verwirrspiel mit einem unergründlichen Sog. Auch wenn es hinauf geht in die Berge (des Engadins), wie am Schluss von Kapitel 10, wo Magdalena und Christoph einen winzigen See erreichen. Aber sie „wollte weiter auf einen nahen Gipfel, dessen Name es ihr angetan hatte. Eine halbe Stunde später kamen wir endlich oben an, und die Landschaft tat sich vor uns auf, weit unten war das Tal zu sehen und die Seen und auf der gegenüberliegenden Talseite eine Kette schneebedeckter Spitzen.“

Der Schnee! Auch in den letzten Tagen hat es teils bis in die Niederungen geschneit, fast im ganzen Schweizer Alpenraum ist die Lawinengefahr „erheblich“. Sie war auch schon „sehr gross“ in diesem Winter. In einem Schweizer Tal lebt man seit Jahrhunderten mit den Schneemassen, die zu Tale donnern und Mensch, Tier und Haus gefährden: im Tal von St. Antönien, einem Seitental des Prättigau. Millionenschwere und kilometerlange Verbauungen schützen das Tal vor Lawinen. Und doch: Der weisse Tod lauert im Winter ständig – und schlägt plötzlich zu. Wie im Roman „Widerschein“ der Prattigauerin Anita Hansemann. Die buchstäblich unter die Haut gehenden Lawinenkapitel in der Mitte des Buches sollte man nur an einem sicheren und warmen Ort lesen! Männliche Hauptfigur ist ein wilder Kerl, der Jenische Viid, der sich in seiner Jugend in die ebenso wilde Mia verliebte. Ein Geheimnis verbindet die beiden. Dann zog er von dannen, doch nun kehrt er zurück, auch auf der Suche nach der sagenumwobenen weissen Gämse. Dafür nimmt er gefährliche Klettereien in Kauf: „Hängst im Fels und wirst sentimental, schoss es ihm tadelnd durch den Kopf, Gefühle waren der schlimmste Feind eines jeden Jägers und Kletterers. Er musste sich auf den Weg vor ihm konzentrieren.“

Der Weg! Welchen wollen wir einschlagen? Denjenigen der Grosseltern, der Eltern, oder einen eigenen? Der Walliser Rolf Hermann weiss darum. In seinem Erzählband „Flüchtiges Zuhause“ blickt er fein und sinnig auf die Kindheits- und Jugendjahre im Rhonetal und auf den Bergen drumherum zurück. In „Ein Sonntag“, der längsten Erzählung, beschreibt er einen Skitag in Leukerbad, unbedingt lesenswert auch für solche, die nie an einem Sonntag mit der Familie Ski gefahren sind, nie „jauchzend über die Piste“ geflogen sind: „Mir war plötzlich, als würden all die schneebedeckten Krautbüschel und Hügel, die zugeschneiten Böschungen und Geröllhalden, all die groβen und kleinen Regel- und Unregelmäβigkeiten der Landschaft unmittelbar in jenem Moment entstehen, da ich mit ihnen in ekstatischer Fahrt schwungvoll und schwerelos in Berührung kam. Ich fühlte mich ganz in meinem Körper und gleich ganz auβerhalb von ihm.“ Doch dann – nein…

Das Unglück! Kann in den Bergen passieren. Gerade dort. Und am höchsten erst recht. Im Roman „The White Road“, auf Deutsch „Angstrausch“, schickt Sarah Lotz den Videojournalisten Simon auf eine Expedition zum Mount Everest, wo dieser auf die wahre Story von Alison Hargreaves stösst. Die Britin „wurde vor allem durch ihre ohne zusätzlichen Sauerstoff erfolgte Besteigung des Mount Everests im Jahr 1995 bekannt und erregte Aufsehen durch spektakuläre Solo-Klettereien“ (Wikipedia). Allerdings ist Simon gar kein erfahrener Alpinist und erfindet, um überhaupt am Everest zu sein, alpinistische Taten wie „Bonatti-Zappelli-Route an der Walkerpfeiler-Steilwand“. Die gibt es so zwar nicht; den beiden Italienern gelang im Januar 1963 die erste Winterbegehung des Walkerpfeilers.

Der Winter! Ein Traum kann er sein mit Schnee, der sich sanft wie ein Leintuch über die Landschaft legt. Es kann aber auch ein Leichentuch sein. Genau das war es im Gebirgskampf zwischen Italien und Österreich während des Ersten Weltkrieges. Davon handelt Gérard Guerriers Roman „Alpini. De roc, de neige et de sang“. Er beginnt 1913, mit einer Besteigung des Ortlers, damals noch der höchste Gipfel von Österreich-Ungarn. Jean/Gianni mit seiner Familie, seinem Cousin Dante, dem gemeinsamen Freund Walter auf grosser Tour. Die politischen Spannungen sind schon spürbar, gehen aber durch ein Unglück vergessen. Zwei Jahre später bricht der gnadenlose Gebirgskrieg aus, Walter an der einen, die Vetter an der andern Front. Grausam und grimmig. Zuweilen ein halb hoffnungsvoller Gedanke an Wärme. Bis beim Aufstieg durch nassen Neuschnee dieser Satz fällt:

„Gianni, tu as lu trop de romans.“
La pente se relève franchement, rendant maintenant toute conversation impossible.

Peter Stamm: Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt. S. Fischer Verlag, Frankfurt aM 2018, € 20.-
Anita Hansemann: Widerschein. Edition Bücherlese, Luzern 2018, Fr. 29.-
Rolf Hermann: Flüchtiges Zuhause. Edition Blau/Rotpunktverlag, Zürich 2018, Fr. 26.-
Sarah Lotz: Angstrausch. Goldmann Verlag, München 2018, € 10.-
Gérard Guerrier: Alpini. De roc, de neige et de sang. Éditions Glénat, Grenoble 2017, € 20.-

Supercouloir

Vom endlosen Schreibtisch hinweg lockte mich ein Bild aus einem Buch das ich las:
Cerro Fitz Roy, Supercouloir, eine dünne Spur Eis im Grund einer fallenden Schlucht.
-Es Zieht mich hinaus in den Wald.
-Hinaufkämpfen, biwakieren, abseilen im Schneesturm, tagelang nicht schlafen, nicht essen, nicht…
Und ich: Am Schreibtisch.
Warum bin ich nicht so wild?

7. Februar 2019

Draussen schien die Sonne matt, leichter Föhn. Da stand ich auf, ging zur Abstellkammer, zog Steigeisen und ein altes Eisgerät hervor, schob beides in den Rucksack und zog, schwere Schuhe an den Füssen, in den Winternachmittag hinaus. Hinter dem Dorf stapfte ich in den Wald hinauf und begann bald zu schwitzen und in den 30 Zentimeter tiefen Schnee einzubrechen.

Oberhalb von Berschis gibt es zwei steile Felsrippen im Wald, die linke trägt im unteren Teil ein Kreuz mit Gipfelbuch, die rechte bildet eine überhängende Wand zur linken hin. Zusammen schliessen sie ein Couloir ein das dreihundert Meter weiter oben von einem Fussweg gequert wird und das mich heute anzieht wie ein Sog der Freiheit. Ehemals nasser Lawinenschnee hinterliess eine dünne Spur kugeligen Eises über das ich immer schmäler steige und bald die Waden deutlich spüre, stehen bleiben muss, atmen muss, immer wieder, immer öfter, immer besser fühlt sich die kleine, immer rascher nahende Freiheit an.

Eine zweite Lawine hatte sich über einer Steilstufe in die erste gefressen und ein kleines Halbrund zum Steigen hinterlassen. Die Steigeisen knirschten im Eis, ein Vogel sang im Geäst. Meine Spur wurde steiler, schwang sich um Steilstufen, mal links mal rechts, wurde dünner und nochmal schmäler, und verlor sich auf einmal ganz zwischen Waldboden. Zwei Meter griffen die Zacken in erdige Blätter, dann hing ein Holz daran wie stollender Schnee, ich zog es ab, dann setzte die Spur wieder ein, dünn, steil, setzte wieder aus. Von oben rollten kleine Schneekugeln und von Zeit zu Zeit ein Steinchen mit einem Gämsenpfiff.

Dann bin ich, schwer atmend, am Fussweg der nicht zu sehen ist aber unter der abschliessenden Felswand, unter dem steilen Schnee nach rechts hinaus zieht. Ich weiss es. Da ist das kurze, ausgesetzte Band über das er führt, heute nur eine schräge Schneefläche zwischen dunklem, lotrechtem Stein. Jetzt ist es der Schnee der unter den Stegeisen stollt und der Stollen der Rutscht, über einer harten, ebenso schrägen älteren Schneeschicht. Vorsichtig taste ich mich die Aussicht entlang. Gerade war ich heute zu ihr aufgestiegen, direkt. Wie der Sog, wie der Wind.

Nach zwanzig Metern war ich am Ende des Bandes, zog den Rucksack ab, ass den Riegel, bückte mich, die Stegeisen auszuziehen. Vor mir stak der Eispickel im Schnee. Es fühlte sich gut an. Und ein wenig wild. Jetzt hörte ich die Autobahn. Im Bogen, den der Fussweg nimmt, stieg ich durch den Bergwald ab.

Skitouren – diesseits und jenseits der Schweiz

Drei neue Skitourenführer für die Schweiz – und für vier der fünf angrenzenden ausländischen Bergregionen.

„Es gibt Tage, da passt alles. Gipfel, Wetter, Schnee, Begleitung, Aussicht, Anschlüsse mit öV. Vor allem aber der Schnee: Pulverschnee bis an den Dorfrand von Oberdorf (500 m) im Waldenburgertal.“

Eintrag vom Dienstag, 5. Februar 2019, in mein Tourenbuch. In Stichworten: Reigoldswil – Wasserfallenbahn – Vogelberg/Passwang (1204 m) – Pulverschneeabfahrt bis unterhalb der Limmernkapelle – Wiederaufstieg aufs Chellenchöpfli – hinüber auf die Hinderi Egg, den höchsten Gipfel von Baselland – Pulverschneeabfahrt bis südöstlich Fussballplatz von Oberdorf BL – die Ski noch ein paar Minuten tragen zur Bahnstation. Und diese Aussicht vom Vogelberg: nach Frankreich (Grand Ballon, Mont Blanc), Italien (Monte Bianco), Österreich (rechts und links am Säntis vorbei), Liechtenstein (vielleicht), Deutschland (Feldberg). Mitgefahren an diesem Prachtstag ist meine Frau Eva. Ich wollte von der Hinderi Egg eher nach Wasserfallen zurückfahren, doch sie plädierte für die Abfahrt nach Oberdorf. Zum Glück.

Beschrieben ist diese Skirunde im Führer „Winterwelt Jura. Im Reich der kleinen Berge“ von Daniel & Michel Silbernagel. Im Dezember 2018 ist die dritte Auflage erschienen, mit 40 neuen Touren, nicht nur im Jura und Schwarzwald, sondern ganz neu auch in den Vogesen (7 Touren). Insgesamt 80 Skitouren für Einsteiger und Cracks, für wenig bis viel Schnee, für wolkenlose und bewölkte Tage, für die höchsten Gipfel dieser drei Gebirge. Einfach für alle, die neue Berge und neue Gegenden kennenlernen wollen. Das geht jetzt noch besser, weil die Routen auf topografischen Karten eingezeichnet, und noch schöner, weil die Fotos farbig sind. Mit dabei im Führer sind Eiskletter-, Mixed- und Drytooling-Gebiete sowie ein Vorschlag für eine Schwarzwald-Jura Ski-Haute-Route.

Ebenfalls in neuer Auflage ist der Skitourenführer für die Gebiete Glarus, St. Gallen und Appenzell herausgekommen, erweitert um Zürcher Oberland und Liechtenstein. Thomas Wälti und Samuel Leuzinger beschreiben zwischen dem Johannenböl (1010 m) und dem Tödi (3613 m), dem tiefsten und dem höchsten Skiberg, 250 klassische und unbekannte Skitouren. Das für kleine und grosse Tourenskiläufer, für Nachmittage und für lange Wochenenden. Für Schneefalltage, zum Beispiel am Schnebelhorn, dem höchsten Zürcher Gipfel. Und für Sonnentage, wofür sich der Schönberg bei Malbun bestens eignet, Sonnenhorn und Sunnenberg im Glarnerland sowieso. Wer ohnehin Gipfel mit besonderen Namen bevorzugt, wird um den Chrüppel ob Triesenberg FL keinen Stemmbogen machen können.

Und dann wechseln wir vom westlichen nördlichen und östlichen Rand der Schweiz noch zum südlichen, in eine Region mit den höchsten und berühmtesten Gipfeln der Alpen. Mont Blanc, Matterhorn und Monte Rosa. Nein, es ist nicht das Wallis. Sondern das Aostatal. Die flächen- und bevölkerungsmässig kleinste der 20 Regionen Italiens. Aber die Gipfel der Valle d’Aosta – mon Dieu, mamma mia! Das Paradies für Skitouren, nicht nur am Grand Paradis. In der Skitourenführer-Kollektion der Editions Olizane von Genf ist nun der Band zur Vallée d’Aoste erschienen. Philippe Ertlen stellt 109 Touren vor, mit zahlreichen Varianten. Sowie sechs mehrtägige Unternehmen, wie die Tour du Cervin (3 Etappen) oder die Grande Haute Route valdôtaine (17 Etappen).

Anders gesagt: Es gibt einiges zu tun in dieser Skitourensaison. In der nächsten bestimmt auch. En route, mes amis!

Daniel & Michel Silbernagel: Winterwelt Jura. Im Reich der kleinen Berge. 80 Skitouren im Jura, Schwarzwald und Vogesen. topoverlag, Basel 2018, Fr. 45.-

Thomas Wälti, Samuel Leuzinger: Skitouren Glarus, St. Gallen, Appenzell und Liechtenstein. SAC Verlag, Bern 2018, Fr. 49.-

Philippe Ertlen: Ski de randonnée Vallée d’Aoste. Editions Olizane, Genève 2019, Fr. 39.-

Wunderbare Schweiz

So schön kann unser Land sein. Wenn man zur richtigen Zeit am richtigen Ort steht – und richtig gut fotografieren kann.

31. Januar 2019

„Der Neuenburger Jura ist
bekannt für seine tiefen
Wintertemperaturen. Der Waldhügel Mont Brenin liegt auf 1277 Metern Höhe. Kein Wunder, gibt es hier, zwischen Couvet im Val de Travers und La Brévine, auch mal richtig winterliche Verhältnisse.“

Das letzte Foto im Bildband „Wunderbare Schweiz“ zeigt einen frisch verschneiten Strauch auf dem Mont Brenin, von der tief stehenden Sonne kräftig angestrahlt. Dort sollte man nun übers Feld stapfen können. Nie ist das Land schöner als jetzt zwischen Piz Chavalatsch und La Dôle, Wachbuck und Dosso Pallanza, um nur die äussersten Gipfel im Osten und Westen, Norden und Süden zu nennen. Wobei heute Morgen auch tieferen Orts in der Schweiz weisse Fluren zum Hinterlassen von Spuren lockten. Einfach so. Vornehmer gesagt: „Ganz Zeit ohne Ziel.“ Wie es einst Friedrich Nietzsche am Ufer des Silsersees im Oberengadin formulierte. Er fand dort einen Platz, der ihm die Möglichkeit zu Konzentration und Ruhe in wundervoller Gegend bot. Der bekannte Landschaftsfotograf Roland Gerth hat den Silsersee auch für sein jüngstes Werk aufgenommen. Eigentlich hätte der Philosoph ebenfalls am Husemersee (ZH), am Nussbaumersee (TG) oder am Gräppelensee (SG) hocken und sinnieren können, um nur drei weniger bekannte Seen aus der östlichen Schweiz zu nennen. Denn sie und andere 140 wundervolle Locations hat Gerth fotografiert. Und wie er das tat: So urcool und unversehrt kann also unser Land sein, im Winter so gut wie im Sommer. Wenn man zur richtigen Zeit am richtigen Ort steht – und richtig gut fotografieren kann. Nun schauen wir einfach diesen traumhaft schönen Fotoband an, zu dem der Geograf Roland Baumgartner die Einleitung und die Bildlegenden verfasst hat. Und wählen für uns ein paar Ziele aus. Ich werde mich, am besten wohl mit Schneeschuhen, auf den kleinen Ankerballen begeben – pardon: Dieser genau 999 Meter hohe, mit einem Weg erschlossene Gipfel im Baselbieter Jura heisst natürlich Ankenballen.

Roland Gerth, Roland Baumgartner: Wunderbare Schweiz. AS Verlag, Zürich 2018. Fr. 48.-

Gabriel Loppé. Peintre – Alpiniste

Gabriel Loppé stieg auf Gletscher und Gipfel und malte dort oben. Eine klasse Monografie würdigt Werk und Leben.

25. Januar 2019

„The weather is superb. It is a sharp frost but perfectly still. I had a stroll of 2 hours with Melchior before lunch & another in the afternoon with the Loppés. I never saw anything more lovely than the sunset & the Alpine glow tonight & a walk home afterwards through the pine forest along the sleigh tracks, with a wolf round every corner but quiet & peaceful & the Zermatt lights & a good inn in the distance. Loppé was working hard at a picture, so long as the daylight holds. He was painting this morning when I went out to see him after breakfast.”

Am 25. Januar 1887 schrieb Leslie Stephen in Zermatt diesen Brief seiner geliebten Ehefrau Julia. Von ihm wird man schon gehört haben, und wenn nicht, dann von den Bergen, die er als erster bestiegen hat: Bietschhorn, Rimpfischhorn, Alphubel, Blüemlisalphorn, Schreckhorn, Monte Disgrazia, Zinalrothorn. Oft mit dabei: der Oberhasler Bergführer Melchior Anderegg. Nachzulesen am schönsten in Stephens „The Playground of Europe“, 1871 erstmals erschienen – eine der wichtigsten Schriften zum Alpinismus. Im gleichen Jahr machte Stephen seine letzte grosse Erstbesteigung: den Mont Mallet (3989 m) im Montblanc-Massiv. In der Seilschaft finden wir Melchior Anderegg – und den Franzosen Gabriel Loppé. Den Künstler also, der an jenem kalten Januartag vor 132 Jahren eifrig an einem Bild malte. Aber dieser Loppé war nicht nur Maler und Alpinist, sondern auch Fotograf. Neben der Seite mit dem zitierten Brief von Leslie an Julia ist im Buch „Gabriel Loppé. Peintre – Alpiniste“ ein Foto seitengross abgebildet, auf dem Elizabeth Loppé an einem sonnigen Wintertag auf einem gepfadeten Weg bei Zermatt neben gefrorenen Wasserfällen wandert.

Die Monografie über Gabriel Loppé (1925–1913) hat William J. Mitchell verfasst, selbst Alpinist und Co-Leiter von John Mitchell Fine Paintings; seit 2001 kuratiert er alljährlich die Ausstellung Peaks & Glaciers, zu der jeweils ein prächtiger Katalog erscheint. Im aktuellen von 2019 sind neben zwölf Fotos drei Gemälde von Loppé zu bewundern (und zu kaufen), darunter eines vom Schatten des Montblanc beim Sonnenuntergang, gemalt am 6. August 1873 auf dem Gipfel selbst. Gabriel Loppé war ein echter Bergsteiger-Maler oder Maler-Bergsteiger. Und das merkt man hautnah beim Anschauen der abgebildeten Gemälde. Vor allem Gletscher mit ihren Spalten und Brüchen hat Loppé so eindrücklich mit dem Pinsel erfasst wie kaum ein anderer Künstler, so realitätsnah und doch umgesetzt in Farbe, in die Sprache des Malers. Klasse! Dazu gehören selbstverständlich auch die Porträts des Matterhorns; es steht ja auch auf dem Titelbild des Buches. Darin zeichnet Mitchell das Leben und Wirken von Gabriel Loppé gekonnt nach, erzählt die Geschichte vom Musée Loppé in Chamonix, knüpft den Maler an die Kunstgeschichte seiner Zeit an, berichtet von seinen alpinistischen Taten. Und von seinen fotografischen Erfolgen: so von der Aufnahme vom Eiffelturm mit drei einschlagenden Blitzen am 3. Juni 1902.

William J. Mitchell: Gabriel Loppé. Peintre – Alpiniste. John Mitchell Fine Paintings, London 2018, £ 40.- www.johnmitchell.net. Dort findet man auch den Katalog Peaks & Glaciers 2019 – unbedingt reinschauen!

Neige, Glace et Mixte

François Damilano hat sein Standardwerk für eisige Anstiege im Mont-Blanc-Massiv überarbeitet: ein Muss für alle, die es steil und kalt mögen.

18. Januar 2019

La Ginat. IV 5. Jean Ginat, Gilles Modica, Jean-Pierre Simond et Jean-Marc Troussier, 24 juillet 1978. Jean Ginat trouva la mort au cours de la descente sur le versant Talèfre. Parcours solo de Ueli Steck en 2h08, janvier 2010.

Das ist sozusagen Vers 233 der Bibel. Aber nicht derjenigen von Luther oder, zur Zeit sehr aktuell, von Zwingli. Sondern derjenigen von Damilano, ebenfalls sehr angesagt. Allerdings nicht für religiöse Fragen und Antworten. Sondern für bergsportliche Aktivitäten, und das im Mekka. Also in Chamonix. Und was macht man dort, wenn man nicht die steilsten Hänge hinunterkurvt? Man klettert die noch viel steileren Wände hoch, wenn möglich im Eis. Und was nimmt man mit neben Ankerpickeln, Steigeisen, Seil und dem ganzen restlichen Material? Den Führer von François Damilano, Bergführer und Führerautor. Sein erster Band von „Neige, Glace et Mixte“ in der Reihe „Le topo du massif du Mont-Blanc“ liegt neu in der dritten Auflage vor und umfasst alle Eis- und gemischten Eis/Fels-Routen zwischen dem schweizerischen Plateau du Trient und der Dent du Géant. Es sind dies auf 356 Seiten 772 Routen mit genauen Angaben des Verlaufs (aufs Fotos eingezeichnet), der Schwierigkeiten, der Erstbegeher.

Eben: Die Bibel für alle, die im östlichen Mont-Blanc-Massiv steil hochkommen wollen. Und die die Übersicht behalten wollen. Zum Beispiel in der Nordwand des tiefsten Viertausenders der Alpen, der Droites (4000 m). Der Playground für Spezialisten der Eisvertikalen: 1000 Meter hoch, 500 Meter breit, durchzogen von den Routen 225 bis 247, erstmals durchstiegen von Philippe Cornuau und Maurice Davaille vom 5. bis 10. September 1955. Diese Route wird aber, so weiss Damilano, kaum noch ganz begangen; man kombiniert sie unten mit der Messner-Führe und oben mit der Ginat. Voilà! So wird Ueli Steck vor neun Jahren hochgerannt sein. Ein anderer berühmter Schweizer Alpinist hat in der Droites-Nordwand ebenfalls seine Spuren hinterlassen: Erhard Loretan. Mit Pierre Morand eröffnete er am 4./5. August 1978 den Éperon helvétique (Nummer 235, gleich rechts der Ginat). Und nebenan verlockt schon die Colton-Brooks. Anders gesagt: Für Neurouten-Sucher ist es in dieser berühmten Wand etwas eng geworden.

Doch: Es gibt Abhilfe, das heisst Auswege nach oben. In der Südwestwand der Pointe Isabella (3761 m) hat François keinen einzigen roten Strich gezogen. Avis aux amateurs! Den Namen erhielt die Spitze übrigens von Isabella Straton, einer englischen Alpinistin; im Sommer 1875 machte sie die erste Besteigung mit den Führern Jean-Estéril und Pierre Charlet. Am 31. Januar 1876 gelingt ihr mit Jean-Estéril und Sylvain Couttet, Michel Balmat und Gaspard Simond die erste Winterbesteigung des Mont-Blanc. Im November des gleichen Jahres heiraten Isabella und Jean-Estéril. Schnee, Eis und Fels können also auch schön warm geben.

François Damilano: Neige, Glace et Mixte. Le topo du massif du Mont-Blanc. Tome 1 – du bassin du Trient au bassin du Géant. Troisième édition. JMEditions, Chamonix 2018, € 29.50. www.jmeditions.fr

Und: Über den Eiskletterpionier, Bergführer, Führerautor und Filmer François Damilano ist eine dicke Biografie von Cédric Sapin-Defour erschienen: Les sept vies de François Damilano (Éditions Guérin 2018, € 39.50).

Höher und höher

Zahlen und Berge beim Ruedi Horber und Groupe Alpin Genevois. Aber beim Panorama-Lotto im Alpinen Museum in Bern geht es nur Gipfel.

7. Januar 2019

„Ankunft um 22 Uhr auf einem Voralpengipfel bei Vollmond, dann ein ausgiebiges Fondue im Freien um Mitternacht, und das alles im kalten Winter: Dazu braucht es schon eine gehörige Portion Selbstüberwindung und Abenteuerlust. Nun, wir fühlen uns überhaupt nicht mondsüchtig, als wir unter der kundigen Führung von Walter, einem älteren Tourenleiter des SAC Bern, am Freitagabend des 29. Februar 1980, also an einem ganz speziellen Datum, zu zehnt der Hengstkurve im Gantrischgebiet zusteuern.“

FIGUGEGL – Fondue isch guet u git e guete Luun, auch in den Berner Voralpen und erst recht an einem 29. Februar! Hier auf dem Westgipfel (2044 m) der Alpiglemären zubereitet von Ruedi Horber, Alpinist und Volkswirtschaftler, geboren in Zug und seit 1976 in der Nähe von Bern wohnend. Mitarbeiter in der Bundesverwaltung, dann im Schweizerischen Gewerbeverband, nun Pensionär mit einigen Mandaten. Und Verfasser eines kleinen, aber feinen Bergbuches: In „Höher und höher“ stellt Horber seine 90 attraktivsten Gipfel vom Gran Cratere (391 m) der Liparischen Inseln bis zum Huayna Potosí (6088 m) in Bolivien vor. Gipfel, die er alle ein bis mehrmals bestiegen hat; auf der Chrummfadenflue, wie die Alpiglenmären ebenfalls in der Gantrisch-Kette liegend, war er 88 Mal – bei Redaktionsschluss des Buches. Im Anhang sind noch kurze Berichte zu ein paar verfehlten Gipfelzielen wie der Volcán Calbuco (2015 m) in Chile oder die Pointe Isabelle (3761 m) im Mont-Blanc-Massiv zu lesen. Ein paar neue Ziele sind auch aufgeführt, darunter der Ätna. Diesen höchsten Vulkan Europas muss der Vulkanliebhaber Ruedi ja unbedingt noch besteigen – hoffen wir, dass er sich mal ohne Aschewolken zeigt. Jeder Berg wird auf einer Doppelseite beschrieben, inklusive ein paar Stichworten. So erfahren wir, dass die Besteigung des Volcán Antuco (2979 m) durch Eduard Poeppig im Jahre 1829 die Geburtsstunde des Bergsports in Chile war. Auch für Ruedi Horber war es der erste Vulkan – am 5. Januar 1995.

Um Zahlen geht es ebenfalls in diesem Buch „Sur les traces du GAG. 40 récits pour 40 ans d’histoire de la Section carougeoise du Club Alpin Suisse“. Der GAG, das ist le Groupe Alpin Genevois, gegründet im Januar 1977 von Mitgliedern der altehrwürdigen Section genevoise des Club Alpin Suisse. Die Spaltung kam zustande, weil die abtrünnigen Mitglieder wollten, dass auch Frauen Mitglieder des SAC werden und auf Touren mitkommen konnten. Das war eben vor über 40 Jahren noch nicht möglich. Die kleine Revolution am Fusse des Salève hat auch dazu beigetragen, dass der SAC und der SFAC, der Schweizerische Frauen-Alpen-Club, auf das Jahr 1980 fusionierten. Der GAG macht seither ebenfalls wieder mit im Schosse des SAC. Im Jubiläumsbuch beschreiben 40 Mitglieder des GAG, wie sie zum Bergsport gefunden haben, wie sie ihn betreiben und was ihnen der GAG bedeutet. Prominentestes Mitglied ist sicher Michel Piola; seine unzähligen Neurouten finden wir auf der ganzen Welt, so auch in den Berner Alpen, insbesondere in der Eiger-Nordwand.

Eiger, Alpiglemären und Chrummfadenflue: Diese drei Gipfel sind dabei an einem ganz besonderen Abend im Alpinen Museum der Schweiz in Bern. Am 12. Januar 2019 führt das alps das erste Mal ein Panorama-Lotto durch: Statt Zahlen werden 90 Gipfelnamen aus den Berner, Walliser und Bündner gezogen, statt Nummernfeldern Bergspitzen in Alpenpanoramen abgedeckt. Das Restaurant „las alps“ serviert dazu Ghacktes, Hörnli und Gipfelwein. Ein Spielabend für echte Peakfinder und alle, die es noch werden möchten.

Ruedi Horber: Höher und höher. Meine 90 attraktivsten Gipfel vom kleinen Hügel bis zum Sechstausender. Eigenverlag, Niederscherli 2018, Fr. 32.- Zu bestellen bei: r.horber@gmx.ch

Sur les traces du GAG. 40 récits pour 40 ans d’histoire de la Section carougeoise du Club Alpin Suisse. Eigenverlag, Carouge 2017-2018, www.cas-le-gag.ch

Alpenpanorama-Lotto im Alpinen Museum in Bern, Samstag, 12. Januar 2019, 18 Uhr. Anmeldeschluss am Dienstag, 8. Januar: booking@alpinesmuseum.ch (bitte angeben: mit oder ohne Essen? vegan oder Fleisch?). Kosten: pro Lotto-Karte Fr. 10.- (gültig für alle Spielgänge); Ghackets und Hörnli Fr. 15.-. www.alpinesmuseum.ch

Spektakuläre Bergwelten

Extremer Bergsport heute mit extrem starken Aufnahmen: Damit geht’s voll hinauf ins neue Berg(buch)jahr.

3. Januar 2019

«WAS TUE ICH EIGENTLICH HIER?», scheint sich Renan Ozturk zu fragen, als er am Morgen des zehnten Tages der Expedition seine luftige, 5800 Meter hoch gelegene Behausung öffnet. Das am Vorabend bei stürmischem Wetter errichtete Camp 4 befindet sich in der Nordwestwand des Meru-Mittelgipfels (6310 m) im Garwhal-Massiv des indischen Himalaja. Im Oktober 2011 gelingt den US-amerikanischen Alpinisten Conrad Anker, Jimmy Chin und Renan Ozturk eine neue Route; sie wird Shark’s Fin („Haiflosse“) genannt. Ein Beweis dafür – so es denn einen braucht –, dass die Fotografen dieses Bildbands zum grössten Teil selbst begeisterte Abenteurer sind.

Jimmy Chin ist einer der siebzehn Fotografen des ebenso grossartigen wie –formatigen Bildbandes „Spektakuläre Bergwelten“. Herausgeber, Textautor und Fotograf Guillaume Vallot hat für sieben Kapitel, vom Einstieg über Fels und Eis bis zum Abheben in die Luft, 93 Fotos ausgewählt, wovon knapp die Hälfte doppelseitig abgebildet sind. Atemberaubende Fotos von bergsportlichen Aktivitäten auf der ganzen Welt. Hochtouren und Höhenbergsteigen, Eis- und Felsklettern, Steilabfahrten und Gleitschirmflüge, Base Jumping und Slacklining – immer eingefangen zu einem ganz besonderen Zeitpunkt an einem richtigen und wichtigen Ort. Nun gekonnt in Szene und auf 160 Seiten gesetzt und mit genauen und ausführlichen Legenden versehen. Damit wir Stubenhocker und Vielleicht-Höseler noch mehr feuchte Hände und weiche Knie kriegen, wenn wir den Extremskifahrer Cody Townsend sehen, wie er gleich einen knapp skibreiten Riss in den Chugach Mountains an der Westküste Alaskas durchfahren wird. Nach dem Bravourstück, das eher nach freiem Fall als nach Skifahren aussieht, meinte Cody: „Noch nie im Leben habe ich ein so furchterregendes Ding durchgezogen.“

Das ist ja genau das, was gute Bergpublikationen ausmacht: Wir können mitkurven und mitklettern, mitjauchzen und mitjammern, mitfiebern und mitfrieren, ohne dass die Finger oder Zehen gefühllos werden, um nur einen Berührungspunkt weiter auszudrücken. Guillaume Vallot nimmt uns mit seinem spektakulären Bildband mit auf eine solche Reise in die Berge.

Und ich selbst freue mich, Euch fürderhin mit „Ankers Buch der Woche“ auf bergpublizistische Ausflüge mitzunehmen. Vom Mont Vully am Murtensee (seine Welse können es nicht ganz mit Haien aufnehmen…) bis auf die höchsten und hintersten Gipfel der Welt.

Guillaume Vallot: Spektakuläre Bergwelten. AS Verlag, Zürich 2018, Fr. 65.-

Bergkrimis, vierte und letzte Seillänge 2018

Draussen an der Sonne oder drinnen am Kaminfeuer des Chalet in den Bergen einen winterlichen Bergkrimi lesen. Wann, wenn nicht jetzt? Viel Spass und alles Gute!

28. Dezember 2018

„Drauβen empfing Annabelle ein kühler, bedeckter Morgen. Blassgrau hing der Himmel über den Berggipfeln. Die Helligkeit hatte etwas seltsam Milchiges, hinter den diesigen Wolkenschleiern konnte man die Sonne nur ahnen. Auch die Spitze des Drachensteins hüllte sich in dunstigen Nebel. Als sei nichts gewesen, ragte der Hausberg hoch über dem Dorf auf; als hätte er nicht wie flüssige Lava geglüht am vorherigen Abend und damit, laut Sepp, ein böses Vorzeichen nach Puxdorf geschickt.“

Böse Vorzeichen zuhauf in diesem (fiktiven) Dorf in den bayerischen Alpen. Nicht nur von den tief verschneiten Bergen, die in der Abendsonne hell aufleuchten. Und das ausgerechnet während der Festtage am Jahresende. Vom 19. bis zum 31. Dezember spielt der vierzehnte Roman von Ellen Berg mit dem wenig weihnächtlichen Titel „Ich küss dich tot“. Der Untertitel liest sich auch nicht feierlich: „(K)ein Familienroman“. Noch schlimmer: Auf der Rückseite des 400seitigen Taschenbuch steht „Endlich wird gemordet!“ Und wie! Wenn ich richtig gezählt habe, müssen vier allerdings nicht eben sympathische Männer und Frauen in den Schnee beissen. Annabelle zum Glück nicht, schliesslich ist sie die Hauptperson in diesem winterlich-bös-kitschigen Familien-, Dorf-, Liebes- und Hotelroman, der nebenbei auch noch als Bergkrimi daherkommt. Der fünfte Mord passiert fast auf einer Wanderung. Wäre es soweit gekommen, hätte es kein Happy-End gegeben zwischen Annabelle und – nein, verrat ich nicht, den Namen des Märchenprinzen. Nur so viel: Sepp ist es nicht.

„Es musste die ganze Nacht geschneit haben. Bei jedem Schritt versanken Eleanors Stiefel tief im Schnee, und obschon er noch frisch und locker lag, machte er das Gehen beschwerlich. Margrit war zielstrebig auf die Treppe zugegangen, stieg behutsam hinunter und zerstörte dabei die Stufen aus Schnee, die sich darübergelegt hatten. ‚Irgendwo hier muss der Weg sein‘, murmelte Eleanor, als sie unten ankam.“

Aber wo? Viel Zeit haben die Cousinen Eleanor und Margrit nämlich nicht, aus diesem verwunschenen, bis vor kurzem leer gestandenen Hotel „Bel Veder“ auf der (fiktiven) Finsteralp im Berner Oberland zu fliehen. Ihr Cousin Victor ist den beiden auf der Spur. Aber will er ihnen Böses oder Gutes? Die Fliehenden wissen es nicht, die Leser auch nicht. Ob sie davonkommen, erzähle ich freilich auch in diesem Fall nicht. Mit „Bel Veder“ hat Mirko Beetschen eine klassische Gothic Novel verfasst. Also ein Werk der Gattung, die Horace Walpole 1764 mit „The Castle of Otranto“ begründete. Die architektonische Hauptrolle in diesem neuen Schauerroman spielt das Hotel, in das sich die Verwandten begeben, um das Testament des Hotelgründers anzuhören. Wer erbt es, ja, wer will diesen geheimnisvollen riesigen Kasten überhaupt erben? Victor sicher, noch mehr seine Verlobte Claire. Vielleicht auch Allan, der Bewunderer der Hauptfigur Eleanor. Aber Allan fällt auf einer Wanderung im Hotelgelände in eine Schlucht, aus einem Moment der Unachtsamkeit oder weil… Genau das passiert ja immer wieder in einem Bergkrimi.

„In diesem Moment gab ihm der Startrichter das Zeichen, sich fertig zu machen. Und plötzlich fühlte Marc, wie der ganze Stress von ihm abfiel. Fast so unbekümmert wie als Teenager rutschte er zur Startlinie vor. Was hatte er schon zu verlieren? Er besaβ doch bereits alles, was er zum Leben braucht.“

Wirklich? Hatte der Schweizer Skirennfahrer Marc Gassmann alles? Aber was ist denn mit seiner Off/On-Freundin Andrea Brunner? Und mit dem Sieg auf der Oympia-Abfahrt in Pyeongchang im Februar 2018? Für die er gleich starten wird – drei, zwei eins, go. Kein ungefährliches Unterfangen, solche Abfahrtsrennen. Doch auf Marc und Andrea warten in der Schweiz und in Südkorea noch ganz andere Abenteuer, wirklich lebensgefährliche. In „Eiskalte Spiele“, dem dritten Skikrimi von Marc Girardelli & Michaela Grünig, geht es um Doping im Leistungssport, und da wird so geheim wie gemein gehandelt.

„Geschafft. Geschafft? Jennerwein fasste den Spitzstichel fester, den er immer noch in der Hand hielt. Dann bekam er einen Schlag auf den Kopf, der ihn zu Boden schleuderte. Die Wand! Die Rückwand der Hütte brach krachend auf und neigte sich nach auβen! Als er nach oben blickte, sah er, dass das Dach halb weggesprengt worden war. Werkzeuge, Bretter, altes Gerümpel aus dem Speicher stürzten auf ihn herunter. Ein Ski kam mit der Spitze voraus auf ihn zu.“

Nein! Doch nicht das Ende von Kommissar Hubertus Jennerwein? In seiner alten Hütte oben am Berg will er am ersten Weihnachtsfeiertag mit seinem Team endlich einmal gemütlich zusammensitzen, ohne Verbrechen und Verbrecher. Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt, ganz anders. Bei Jörg Maurer sowieso. Auch in seinem elften Alpenkrimi mit Jennerwein & Co., passend zum Jahresende mit dem nicht ganz warmherzigen Titel „Im Schnee wird nur dem Tod nicht kalt“. Mehr möchte ich wirklich nicht preisgeben, nur die Empfehlung, wie immer bei Maurer: lesen! Diesmal aber vielleicht nicht in einer Hütte. Was da alles passieren kann – mein Gott! Nur ein kurzes Zitat soll noch angefügt werden. Der drittletzte Satz lautet: „Na dann: auf ein Neues.“ Ein neues Werk von Maurer. Ein neues Buch der Woche von Anker. Vor allem aber:

Es guets Nöis!

Ellen Berg: Ich küss dich tot. (K)ein Familienroman. Aufbau Verlag, Berlin 2018, Fr. 17.-
Mirko Beetschen: Bel Veder. Zytglogge Verlag, Basel 2018, Fr. 32.-
Marc Girardelli & Michaela Grünig: Eiskalte Spiele. Emons Verlag, Köln 2018, Fr. 17.-
Jörg Maurer: Im Schnee wird nur dem Tod nicht kalt. Fischer Verlag, Frankfurt aM 2018, Fr. 25.-