Oberwalliser Sonnenberge

Ein Muss für Heimwehwalliser und Üsserschwiizer, Fusstouristen und Stubenhocker: der neue Wanderführer von Marco Volken.

27. August 2019

„Es gibt Berge, denen es nicht ganz zum Viertausender reicht, die das Manko aber locker mit anderen Werten wettmachen und eine ungleich gröβere Ausstrahlung und Faszination ausüben als manch einer ihrer höhergestellten Kollegen. In Graubünden etwa der leuchtende Piz Palü (3900 m), im Berner Oberland des düstere Eiger (3970 m). Und im Wallis ganz eindeutig das 3934 Meter hohe Bietschhorn.“

Meint Marco Volken zu Recht. Er weiss es. Erstens als Oberwalliser – die Volkens kommen von Fiesch, die Mama war eine Grichting, und die stammen von Leukerbad. Zweitens als Mitautor des grossen Bildbandes „Die Viertausender der Schweiz“. Drittens als Mitherausgeber der Bergmonografie „Bietschhorn – Erbe der Alpinisten“. Und viertens als Verfasser und Fotograf des Wanderführers „Oberwalliser Sonnenberge. Wandern und Geschichten vom Goms bis zur Gemmi“, vor wenigen Tagen im Zürcher Rotpunktverlag herausgekommen.

Ein durch und durch sonniges Werk! Von den 25 Touren über die 38 Hintergrundtexte bis zu den 203 Volken-Fotos und den vielen historischen Illustrationen – einfach bietschhornwürdig. Dieser Gipfel hat natürlich auch seinen Auftritt, auf zwei Hüttentouren kommen wir ihm ganz und höchst erfreulich nah; dem sehr unsympathischen Stifter der Baltschiederklause übrigens auch. Wo Sonne, ist halt auch Schatten; das ist zwischen dem Sidelhorn ob der Grimsel und dem Schwarzhorn ob der Gemmi nicht anders.

Zwischen diesen Pässen breitet sich eine Landschaft aus, die kaum vielfältiger sein könnte. Sie reicht vom Aletschgletscher, dem grössten der Alpen, bis zur heisstrockenen Felsensteppe, von Lappland bis Sizilien. Die unmittelbare Nähe arktischer und mediterraner Lebensräume fasziniert seit vielen Jahrhunderten Reisende, Literaten, Naturwissenschaftler – und natürlich auch Marco Volken bzw. uns Wanderer, die wir ab sofort mit seinem Führer unterwegs sein werden. Gerade im Herbst, wenn der Himmel tiefblau, die Vier- und Dreitausender schon schneeweiss und die Lärchen goldengelb leuchten. Das rucksacktaugliche Werk weist 312 Seiten auf und umfasst 18 Tages- und 3 Zweitagestouren, 4 Winterwanderungen sowie einen ausführlichen Serviceteil. Auf der Hinfahrt, der Rückfahrt und hoffentlich auch beim Übernachten in einer gemütlichen Unterkunft, dann begleitet von einem Glas aus den Oberwalliser Rebbergen, lesen wir die Geschichten: vom einst wichtigen Hotel Jungfrau und vom „Negerdorf“ in Naters, von unverwirklichten Ingenieurs- und von erlebbaren Gourmetträumen, von den Lötschbergtoten und von Glaubenszeichen am Wegrand.

Vor gut 100 Jahren erschienen die ethnografischen Monografien „Das Goms und die Gomser“, „Am Lötschberg: Land und Volk von Lötschen“ und „Sonnige Halden am Lötschberg“ von Friedrich Gottlieb Stebler (1852–1935); gesuchte Werke, die neu aufgelegt wurden. Marco Volkens „Oberwalliser Sonnenberge“ wird ebenfalls ein Klassiker. Denn: So wie es Gipfel und Gipfel gibt, gibt es auch Bücher und Bücher. Anders gesagt: Hüerugüet!

Marco Volken: Oberwalliser Sonnenberge. Wandern und Geschichten vom Goms bis zur Gemmi. Rotpunktverlag, Zürich 2019, Fr. 39.- www.rotpunktverlag.ch, www.marcovolken.ch

Adieu «Schöne Berge»! Am Sonntag, 1. September 2019, findet die Finissage der Ausstellung «Schöne Berge» im Alpinen Museum der Schweiz statt. Darauf verschwinden die gemalten Gipfel wieder in der Museumssammlung, darunter auch Oberwalliser Sonnenberge wie Aletschhorn, Bietschhorn oder Olmenhorn (dieses spiegelt sich in einem See von Märjelen auf dem Cover des druckfrischen Buches!). Spaziert also ein letztes Mal mit Mitwirkenden durch das aufgehängte Bergpanorama, geniesst die Aussicht bei einer Qigong-Lektion oder beweist beim Panorama-Lotto Gipfel-Kenntnisse; letzteres von 16.15 bis 17.00 Uhr, moderiert vom Verfasser der wöchentlichen Bergbuchtipps. Er freut sich mächtig auf Eure Teilnahme! www.alpinesmuseum.ch/de/veranstaltungen/schoene-berge?article=schoene-berge-grosse-finissage

Pizol – Bilder im Wandel

Wer mit den eigenen Kindern Orte besucht, die man selbst mit Kinderaugen sah, der weiss, dass alle Veränderung auch Anfang ist.
Wer seit Jahrzehnten in die Berge steigt sieht, oft voll Wehmut, wie überall die Gletscher schwinden. So hat jeder und jede seinen oder ihren Ort des Schmerzes und des Neuanfangs. Meiner liegt am Pizol.

20. August 2019

War ich neun, zehn oder elf Jahre alt, als mich mein Grossvater mit auf die Fünf-Seen-Wanderung nahm? Ich weiss es nicht mehr. Sicher aber war es in jener Zeit, als ich schon in Karten von Bergen las, mir sehr genau ihre Höhen merkte und wusste, welche der hohen unter ihnen man auf einem Weg besteigen konnte. Um diese bat ich dann meinen Grossvater: «Können wir nicht einmal dort hinauf?».

Immer höher wollte ich, wie jedes heranwachsende Kind.

Auf der Wildseeluggen, wo  sich der Blick zum Pizol öffnet, hatten wir damals eine Pause gemacht. In meiner Bubenerinnerung umschlossen dunkle, zackige Felstürme einen Gletscher, der sich in weissen Mulden das Hochtal hinabsenkte, bis zu einem See, der uns zu Füssen lag. Seilschaften gingen über die Firnflächen auf die Höchste der Felszacken zu und neben uns machte sich eine Gruppe bereit. Ich sah Steigeisen, Pickel und Seil. Echte Bergsteiger waren es, bewundernd schaute ich zu ihnen auf. Zwischen ihnen und mir lag, wie eine unsichtbare Pforte, der Gletscher. Als wären sie Helden in einem Märchenland, schritten sie auf ihn, und über ihn höher hinaus.

Kinderaugen erscheint alles grösser. Der Pizol war für mich ein hochalpines Ziel, vielleicht für später einmal, wenn ich älter sein würde. In das Heranwachsen, das anderswo geschah, nahm ich ein Erinnerungsbild mit, das blieb. Als Jugendlicher, als Student ging ich Bergsteigen, auch richtig, mit Seil, Pickel und Steigeisen, und hatte den Pizol auch noch mit wallendem Gletscher und dunklen Felsspitzen im Hinterkopf als ich, Jahrzehnte später, zurückkehrte.

2019: Mit meinen beiden Buben, sie sind acht und zehn, planen wir eine Bergtour. Und da kommt mir der Pizol in den Sinn. Das alte Bild, erweitert um das Hörensagen. Gibt es dort nicht mittlerweile einen Steig um den Rest des Gletschers herum? Mit einigen Drahtseilen? Das fänden die beiden total spannend! Und ein neuer Höhenrekord wäre es bestimmt. Letzteres lässt sich rasch in Erfahrung bringen, ich muss sie nur fragen, sie wissen die Höhen aller Gipfel, die sie schon bestiegen haben, auf den Meter genau. Wir sind begeistert und der Plan ist gefasst.

An der Wildseeluggen spielen Wolkenreste um die Grauen Hörner. Der höchste Punkt ist der hinterste, der, an dessen Fuss der Hang, blaugrau, an einer Stelle blankes Eis zeigt.

„ Ist das der Gletscher?», fragen die Buben. Wie im Flug steigen wir über die Flächen, die mit runden Buckeln das Hochtal ansteigen und steinig, dabei rötlich, grünlich, braun, beige, gelb, grau und schwarz sind, jedenfalls alles andere als weiss, wie sie in meiner Erinnerung waren. Vor uns, über uns, zwischen den friedlich ziehenden Nebeln, steigen buntgekleidet Menschen durch die dunklen Felsen.

«Da gehen wir auch hinauf», jauchzen die Buben begeistert und klettern später voll Freude über blockige Felsstufen, hängen die Karabiner ihrer Bandschlingen in die Drahtseile, den Markierungen nach, um immer neue Ecken, zu immer nächsten Stufen.

Der neue Weg umgeht den alten Gletscher in weitem Bogen und es ist schon spät als wir den Gipfel erreichen. Um Sechzehn Uhr fährt die letzte Bahn. Ich rechne. Über den Firn des alten Gletschers wären wir schneller, auch wenn er oben recht steil ist für die weichen Kinderbergschuhe. Die beiden sind noch unsicher auf dem Firn, rutschen leicht und trauen sich nicht recht. Trotzdem biegen wir am Pizolsattel links ab und erreichen, kurz über steiles Geröll, den obersten Schnee. Hier hole ich die dreissig Meter Reepschnur, die ich für alle Fälle mitgenommen habe heraus und binde uns zur Gletscherseilschaft zusammen. Nicht unbedingt der Spalten wegen, die es wohl kaum noch hat, sondern, um die beiden von oben zu halten, sollten sie auf dem ungewohnt geneigten, ausgleitenden Grund ins Rutschen geraten. So gehen wir erst gerade, dann in einem Rechtsbogen um den ausgeaperten Teil herum, die wenigen hundert Meter das Gletscherchen hinab. Da ist es kein schmerzlicher sondern ein glücklicher Moment als ich, am Ende des Seiles gehend, die Seilschaft meiner liebsten Menschen vor mir sehe und mit ihnen zusammen den Pizolgletscher begeh, nun doch noch wie ein echter Bergsteiger.

Was werden die Kinder für Bilder mitnehmen? Sie, die den Pizol gleich besteigen konnten als sie ihn zum ersten Mal sahen? Was wird ihr Leben bringen? Welche Berge, welche Höhen im echten oder übertragenen Sinn? An einem Seelein vorbei, dass es in meiner Kindheit noch nicht gab, steigen wir hinab. Die Generationen, die aufeinander folgen, gemeinsam durch die Landschaft, die in stetem Wandel ist. Was für ein schöner Tag.

Klettern wie wild

Fünf neue Kletterführer für die Schweiz mit insgesamt 1864 Seiten: „Genügend Stoff für ein ganzes Kletterleben“ (Sandro von Känel).

„Etwas verwaist und vergessen döste das kleine Klettergebiet Les Chenevières bis anhin hoch über dem Vallon de St-Imier. Kein Wunder, mit fünf gebohrten Routen und einem alten Sektor mit rostigen Normalhaken war es nicht gerade ein Kletter-Hotspot. Eigentlich schade, denn der Fels ist trotz waagrechter Schichtung erstaunlich fest. Es gibt viele Risse, und die Aussicht vom gemütlichen Grillplatz oberhalb der Felsen ist fantastisch und lädt zu längerem Verweilen ein. Alles gute Gründe, Les Chenevières aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken. In Rücksprache mit den Locals und Erstbegehern setzten wir eine neue Idee gleich in die Tat um: Ein Clean-Climbing Übungsklettergarten.“

Et voilà! Gelesen – aber noch nicht geklettert! – in einem ganz neuen und ziemlich anderen Kletterführer, mit einem ganz originellen, doppeldeutigen Titel: „C(H)lean“. Im Untertitel heisst das 464-seitige Gemeinschaftsprodukt von Schweizer Alpen-Club und Mountain Wilderness Schweiz so: „Klettern mit Friends und Keilen in der Schweiz“. Silvan Schüpbach und Tim Marklowski stellen 64 Gebiete vor, in welchen das Klettern mit mobilen Sicherungsmitteln erlernt und angewendet werden kann. Dabei reicht die Auswahl von Granit bis Kalk und von Plaisir bis Psychoterror. Und das in diesen acht Regionen: Jura-Schwarzwald, Unterwallis, Oberwallis-Domodossola, Berner Oberland, Zentralschweiz, Alpstein-Ostschweiz, Graubünden, Leventina-Locarno und Täler. Also mehr als die halbe CH, um clean zu klettern. Und um sauber zu grillieren…

Klettern boomt, ohne und vor allem an Bohrhaken. So auch im Glarnerland. Auf 348 Seiten warten Samuel Leuzinger und Thomas Wälti mit 516 Gebieten zwischen Klausenpass, Panixerpass und Walensee auf. Ob gemütlich im Klettergarten Urnerboden oder auf einer wilden Tour in den Jegerstöcken, ob in den sonnigen Linien am Brüggler oder in den schattigen Toprouten der Nordgalerie am Walensee – das Glarnerland bietet klettermässig für alle und jederzeit das passende Ziel. Alpin-, Sport- oder Kinderklettern, Bouldern, ja sogar Aid climbing ist möglich; der Führer „Glarnerland“ beschreibt die Reviere mit allen wichtigen Angaben.

Mit den beiden neuen Kletterführern ist der SAC seinem Ziel, dereinst die Klettermöglichkeiten an den Felsen der Schweiz umfassend in gedruckter Form zu erfassen und vorzulegen, ein paar schöne Seillängen näher gekommen. Allerdings gibt’s noch Lücken, insbesondere in der westlichen Schweiz; sie werden gefüllt durch andere Kletterführer.

Zum Beispiel durch die bekannten Führer aus der Edition Filidor. Gerade ist Schweiz plaisir WEST in fünfter Auflage erschienen – und erstmals in zwei Bänden. „Das liegt zum einen daran, dass immer wieder neue Plaisirgebiete entstehen oder alte saniert werden“, schreibt Sandro von Känel in der Einleitung. Zudem wurden die Klettergebiete am Susten- und Furkapass von Ost nach West umverteilt. Gibt zusammen 652 Seiten mit schier unzähligen Seillängen, in der Schweiz und ein bisschen noch in der Haute-Savoie. Die gehört(e) schliesslich ebenfalls zur Schweiz, wenigstens touristisch: „Cook’s Tourist’s Handbook for Switzerland“ von 1884 enthielt selbstverständlich auch die Tour of Mont Blanc.

Hierzulande verbleibt das berühmteste kletternde Brüderpaar, wenn es nicht gerade auch in Griechenland neue Routen eröffnet: Claude und Yves Remy. Unermüdlich sind die beiden kletternd unterwegs, Claude seit letztem Jahr gar als Rentner. Nun legen sie ihr (vorläufiges) Opus magnum vor, mit dem schlichten Titel Haupttitel „Escalades“. Auf 400 Seiten präsentieren sie 6000 Seillängen im Waadtland und Unterwallis, wie gewohnt mit allen nötigen Infos und viel Hintergrundwissen, mit Porträts von Kletterern und tollen Fotos. Nachhaltige Lektüre und Anleitung für unvergessliche Stunden am Steilfels.

Wir bleiben dran, mais bien-sûr!

Silvan Schüpbach, Tim Marklowski: Kletterführer C(H)lean! Klettern mit Friends und Keilen in der Schweiz. D/F. SAC-Verlag/Mountain Wilderness, Bern 2019, Fr. 59.-

Samuel Leuzinger, Thomas Wälti: Kletterführer Glarnerland. Urnerboden, Braunwald, Vorab, Chärpf, Glärnisch, Klöntal, Schilt, Brüggler, Näfels, Gäsi. SAC-Verlag, Bern 2019, Fr. 59.-

Sandro von Känel: Schweiz plaisir WEST, Band 1, Fribourg bis Furkapass; Schweiz plaisir WEST, Band 2, Wallis bis Lac d’Annecy. Edition Filidor, Reichenbach 2019, je Fr. 44.-

Claude et Yves Remy: Escalades. 6000 longueurs pour tous les niveaux. Vaud, Chablais, Bas-Valais, Sanetsch. Coloria Graphic Design, Vevey 2019, Fr. 55.-

Montag, 2. September 2019, 19 Uhr: Vernissage des Kletterführers Glarnerland in den Kletterhallen und Boulderhalle lintharena Näfels. Letztere ist mit 850 m2 Boulderfläche die grösste in der Ostschweiz.

La montagne sous presse

„Die Fernrohre in Grindelwald waren wie Flakgeschütze auf uns gerichtet.“ So erlebte der Eigernordwand-Erstdurchsteiger Wiggerl Vörg die Sensationslust der Reporter und Touristen. Das neue Buch von Yves Ballu beleuchtet an ausgewählten Beispielen und mit ausgezeichnetem Bildmaterial die Geschichte und das Verhältnis von Alpinismus und Journalismus.

12. August 2019

„Wir werden an die Wand gedrängt, und das Trommelfeuer der Fragen ist fast schlimmer als dasjenige des Steinschlags auf dem Eiger.“

Schimpfte der tschechische Kletterer Radovan Kuchař über den Empfang durch die Journalisten nach der ersten tschechischen Durchsteigung der Eigernordwand anfangs September 1961, zusammen mit Zdeno Zibrín. Alpinismus und Journalismus ist eine stotzige Sache. Gerade am Eiger, wo die Reporter (und die Leute) live mitverfolgen konnten, wie die Nordwandhelden durch- und umkamen. „Eine wichtige Aufgabe fällt im Kampfe gegen das Nordwandfieber der Presse zu. Sie sollte darnach trachten, die unersättliche Sensationslust des Publikums nicht zu befriedigen“, erklärte Samuel Brawand, Grindelwalder Bergführer und Erstbegeher des Mittellegigrates am Eiger, im Sommer 1937, als die Belagerung der Wand durch Alpinisten, Journalisten und Touristen nach den ausgeschlachteten Tragödien von 1935 und 1936 wieder voll einsetzte. „Man hat leider schon Bilder publiziert, die zum Pietätlosesten gehören.“ Der Appell von Brawand in der „Neuen Zürcher Zeitung“ nützte gar nichts, die Eigerwand und ihre Begeher blieben gnadenlos im Rampenlicht. „Blonde Münchner Sekretärin Daisy brach ein Tabu an der mörderischen Wand“, titelte zum Beispiel der „Blick“ 1964 über die erste Durchsteigung der Wand durch eine Frau, Daisy Voog. Schlagzeilen wie Steinschlag. Bis heute.

Aber nicht nur am Eiger, mais non! Der Mont Blanc mit dem bösen Nachspiel nach der Erstbesteigung 1786, oder mit der Tragödie 1961, als nur drei von sieben Topalpinisten aus der tagelangen Hölle hoch oben am Freney-Pfeiler lebend herauskamen. Die Erstbesteigung des Matterhorn 1865, mit dem gleichen Verhältnis von tot bzw. am Leben nach Abschluss der Tour. Mon Dieu, gab das zu schreiben und zu publizieren, zu schauen und zu lesen! Immer noch. Und jetzt erst recht, mit diesem Buch des Alpinismushistorikers Yves Ballu: „La montagne sous presse. 200 ans de drames et d’exploits.“

Der Altmeister der französischen Bergpublizistik hat seinen 304-seitigen Bildband in neun Seillängen gegliedert, vom Mont Blanc über den Cervin, die Frauen und Führer bis Unfälle und Tragödien sowie Persönlichkeiten, die es immer wieder auf die Seite 1 von Zeitschriften brachten, wie Maurice Herzog oder Walter Bonatti. Am Schluss ein Ausblick auf die heutige Zeit, mit Catherine Destivelle (Verlegerin des Buches), Alex Honnold, Ueli Steck und Dani Arnold. Im Zentrum steht (natürlich) der höchste Berg der Alpen. Der Eiger und seine Helden haben aber seitenlange Auftritte.

Der Text ist eine Mischung von Kommentar und Zitaten, letztere oft aus unbekannten Publikationen. Das verspricht eine neue Lektüre von vielleicht schon bekannten Geschichten. Und dann – und allein deswegen ist „La montagne sous presse“ eine ganz vorzügliche Publikation – sind da noch die Illustrationen: alte seltene Stiche, vergessene Fotos, Covers von unbekannten Zeitschriften, Ausschnitte aus Zeitungen, Broschüren – eine verblüffende Vielfältigkeit. Dass der „Paris Match“ immer wieder alpinistische Ereignisse gross mit exklusiven Fotos aufzog, ist bekannt. Die Zeichnungen von „Domenica del Corriere“ hat man vielleicht auch schon gesehen. Oder die neckischen Titelbilder von „La Vie Parisienne“ – so am 30. Juli 1921 mit einer Schönheit, die im flatternden, nicht ganz alle Haut bedeckenden Kleid auf einer Zinne steht, die eine behandschuhte Hand am Alpenstock, die andere am Hut, und meint: „Oh! que c’est beau! je crois que j’aperçois la Tour Eiffel.“ Ein Schock jedoch das Titelbild der Zeitschrift „Qui? Police“ vom 15. November 1979, auf dem ein Mann eben das Seil zu seiner Gefährtin mit einem Sackmesser durchgeschnitten hat: „Tuée par son mari durant l’escalade.“

Yves Ballu: La montagne sous presse. 200 ans de drames et d’exploits. Éditions du Mont-Blanc, Chamonix 2018, collection Montagne-Culture. € 45.-

Adolf Traugott von Gersdorfs Schweizer Reise 1786

Ein dickes Buch zum (und vom) deutschen Adeligen, der 1786 die Schweiz bereiste und wichtigster Zeuge der Erstbesteigung des Mont Blanc wurde.

8. August 2019

„Den 8.ten Aug. Dienstags. (…)
Ich zeichnete viel aus, bis ich endlich von vielen sich versammelnden Leute hörte, daß der Herr Doct. Paccard von hier nebst dem jungen Burschen, Jaques Balmat welcher schon heuer im Juny nahe am Montblanc gewesen war und im Schnee übernachtet hatte, gestern zu Mittage weggegangen wäre, (…)
Sie hielten sich zwischen dem Felsen etliche Minuten auf, giengen von da fort um 5h 45m, waren beÿ 2. sehr kleinen durch den Schnee ausstehenden Felsen d. um 6h 12m, giengen von da wieder fort, immer etwas links, und waren auf dem Gipfel des Mont blanc um 6h 23m. so wie ich ihren Weg durch Punkte angezeigt habe. Einer ging von c. an immer wohl 100 Schritte voraus. Sie blieben öfters einen Augenblick stehen.“

Ausschnitt aus einem der wichtigsten Dokumente der Geschichte des Alpinismus. Wer das ganze lesen möchte, hat zwei Möglichkeiten: 1) online auf https://gersdorf.collegium.ethz.ch/page/563; auf S. 569 und 570 die Beschreibung des Erreichens des Gipfels des Mont Blanc durch den Dorfarzt Michel-Gabriel Paccard und den von ihm als Träger engagierten Kristallsucher Jacques Balmat am 8. August 1786 um 18.23 Uhr. 2) auf Papier im Buch „Adolf Traugott von Gersdorfs Schweizer Reise 1786“.

Die aus der sächsischen Oberlausitz stammenden Adligen Adolf Traugott von Gersdorf (1744–1807) und Karl Andreas von Meyer zu Knonow, die sich anfangs August 1786 auf einer Forschungsreise in Chamonix befanden, wurden Augenzeugen der Erstbesteigung des höchsten Gipfels der Alpen. Beide fertigten Zeichnungen der Erstbesteigungsroute an. Gersdorf hielt darüber hinaus einen ausführlichen Bericht in seinem Reisetagebuch fest. Sein gut tausend Seiten umfassendes Reisejournal «Bemerkungen auf einer Reise durch die Schweiz in Gesellschaft meiner Frau und des Herrn von Meyers im Jahre 1786» ist nun erstmals vollständig transkribiert digital zugänglich. Mit dabei sind natürlich die zahlreichen Zeichnungen; sehr interessant sind aus topographisch/kartografischer Sicht die Panoramen samt der Benennung der Gipfelnamen, darunter die Nünenen in der Gantrisch-Kette, einer meiner Kletterberge aus der Jugendzeit.

Das neue Buch mit 440 Seiten, 11 schwarzweissen und 76 farbigen Abbildungen besteht aus zwei Teilen: einerseits gibt es zwei Auszüge aus dem Reisetagebuch (Bern und der Ausflug ins Berner Oberland, Genf und der Ausflug nach Chamonix), anderseits sieben wissenschaftliche Beiträge, die Gersdorfs Schweizerreise aus verschiedenen Perspektiven beleuchten. So geht es um die Landschaftswahrnehmung im Reisetagebuch, um naturgeschichtlichen Wissensaustausch in der Spätaufklärung, um den Berner Theologen, Naturforscher und Reiseschriftsteller Jakob Samuel Wyttenbach, mit dem Gersdorf in engem Kontakt stand, und um die geowissenschaftlichen Objekte der Forschungsreise. Denn Gersdorf sammelte unterwegs ununterbrochen besondere Steine.

Das kostbarste Stück ist die Gesteinsprobe von der Erstbesteigung des Mont Blanc: Michel-Gabriel Paccard nahm das 40 Gramm schwere Stück Chlorit-Flasergneis etwa elf Minuten vor dem Erreichen des Gipfels von Felsklippen, die nordöstlich des Gipfels aus dem Schnee herausragten. Er schenkte es am 9. August Gersdorf – ein ganz besonderes Zeugnis dieser epochalen Erstbesteigung. An der Paccard den Hauptverdienst hat, da er die Besteigung vorgeschlagen, durchgesetzt und auch geführt hat, mit dem Finden der richtigen Route. Allerdings galt bis vor ein paar Jahrzehnten – und leider teils noch immer – Balmat als massgeblicher Erstbesteiger des Mont Blanc. Deshalb weist auch nur er im berühmten Denkmal in Chamonix dem Mont-Blanc-Förderer und -Drittbesteiger de Saussure den Weg durch die gewaltige Gletscherwelt. Umso peinlicher also, dass das Buch über den Mann, der die Erstbesteigung des Mont Blanc vor Ort mitverfolgte, diese so genau wie möglich dokumentierte und der vom Wissenschaftler der beiden Erstbesteiger ein Stück vom höchsten Felsen am Berg geschenkt erhielt, mit diesem Satz beginnt: „Die Erstbesteigung des Montblanc gelang Jacques Balmat (1762–1834) am 8. August 1786.“

Vanja Hug, Martin Schmid, Gerd Folkers (Hg.): Adolf Traugott von Gersdorfs Schweizer Reise 1786. Edition Collegium Helveticum 10. Chronos Verlag, Zürich 2018, Fr. 78.-

Gipfelkreuze – Träume, Triumphe, Tragödien

Hans-Joachim Löwer beschreibt und bebildert 100 besondere Gipfelkreuze in den Alpen, 18 aus der Schweiz.

1. August 2019

„Sie steigen von oben in die steile Rinne, die sich vom Gipfel nach unten zieht. 10, 15 oder 20 Meter tiefer finden sie, was sie suchen. Zwei schlanke, längliche Felsbrocken, die an ihren Enden spitz auslaufen – genau das, was sie brauchen. Sie zerren sie mit bloβen Händen nach oben. Den einen Brocken stecken sie senkrecht in das Steinmanndli und klemmen ihn fest. Den anderen Brocken binden sie waagrecht mit einer Reepschnur daran, die sie im Rucksack dabeihaben. Und fertig ist das Kreuz.“

Das Gipfelkreuz auf dem Bristen (3073 m), dem Wahrzeichen des Urnerlandes. Spontan erbaut im Sommer 2001 von Wildhüter Alois Herger und seinen Gefährten. 2006 hätte es durch ein Kreuz von neun Metern Höhe und fünf Metern Breite ersetzt werden sollen – die Stiftung Landschaftsschutz war dagegen. Auch gegen eine kleinere Variante. 2009 zersplitterte ein Blitz das Kreuz. Seither steht ein ebenso steinerner Nachfolger dort oben. Aber nicht alle Kreuze, welche auf den Gipfeln der Alpen in den letzten 220 Jahren errichtet wurden, sind so schlicht und natürlich.

Wofür steht das Gipfelkreuz überhaupt? Setzt es (noch immer) ein religiöses Zeichen? Zementiert es einen Glauben? Spricht es einen Dank aus? Erinnert es an einen in den Bergen Verunglückten? Trägt es bloss den Gipfelbuchbehälter? Wehrt es das Unwetter ab? Sühnt es eine Tat? Markiert es eine Grenze? Definiert es den Kulminationspunkt? Dient es als Beweis, dass man oben gewesen ist, wenn man die entsprechende Foto zurück ins Tal bringt – ja schon von oben verschickt? Hat es vorab einen touristischen Zweck? Ist es ein Wäscheständer, um die verschwitzen Kleider zu trocknen? Wollen sich Einzelpersonen und Firmen verewigen? Ist es eine verkappte Liftfasssäule? Oder nur ein halb kaputtes Triangulationssignal? Ist es schlicht schön? Oder stört es als religiöses Symbol des Todes und der Macht? Darf und kann es noch Gipfel ohne menschliche Spuren geben? Gehört das Kreuz nicht einfach auf einen Gipfel?

In einem dicken Bildband stellt der Reporter und Buchautor Hans-Joachim Löwer 100 faszinierende Gipfelkreuze aus den Alpen Österreichs (41), Italiens (34, davon 19 im Südtirol), der Schweiz (17) und Deutschlands (6) vor; zwei Kreuze stehen auf der Grenze von Österreich zu Italien (Weisskugel) bzw. zur Schweiz (Piz Buin). Gegliedert ist das Buch in folgende Kapitel – in Klammern jeweils, welches CH-Gipfelkreuz dabei ist: Kraftakte (Bristen); Bastionen (Sassariente, Les Millets, Kaiseregg); Konfrontationen (Piz Buin); Naturgewalten (Rophaien); Tragödien (Schwarzmönch, Böshorn); Gedenken; Gedanken (Tguma, Stecknadelhorn); Gelübde; Traditionen (Augstbordhorn); Talente (Wasserbergfirst, Bietenhorn); Freundschaften (Dent de Savigny, Vanil de l’Ecri, Mändli); Frustrationen; Provokationen (Vanil Noir, Freiheit); Signale.

An die 100 Gipfelkreuze nagelt Löwer spannende, überraschende, bedenkliche, tragische und auch fröhliche Geschichten von gestern und heute, immer illustriert durch sorgfältig ausgewählte Fotos. Zudem gibt er kurz die üblichen Zustiegswege an, mit Zeitangaben und Schwierigkeiten. Ob es die 100 faszinierendsten Kreuze und Geschichten sind, bleibe dahingestellt, da Gipfelkreuze aus den Alpenländern Frankreich, Liechtenstein und Slowenien fehlen. Das Kreuz auf dem Matterhorn, von dem es gar einen grossen Bildband und eine fesselnde Novelle gibt, fehlt eigentlich auch. Und noch zwei kleine Korrekturen: Das gemauerte Kreuz auf dem Mändli zwischen Lungern und Sörenberg steht nicht auf dem Nord- (2059 m), sondern auf dem Südgipfel (2055 m) – dorthin gehen auch die meisten Besteiger, insbesondere im Winter. Auch bei Les Millets ist eine falsche Höhe angegeben: Nicht auf dem Hauptgipfel (1885 m) erhebt sich das Kreuz, sondern auf dem vorgelagerten Westgipfel (1858 m). Damit es vom Tal aus besser sichtbar ist. Und genau darum ging es, als es 1943 bei einem Anlass der katholisch-stockkonservativen Volksmission in Lessoc gezimmert wurde. An einem regnerischen Maisonntag im Jahre 1944 wurde es dann oben aufgestellt, während in der Kirche unten Vikar Auguste Carrel predigte: „Das Kreuz, das auf unseren Bergen aufragt, ist ein Zeichen für das Kreuz, das wir in den Tiefen unserer Herzen befestigen.“ Der Wettergott kümmerte sich nicht um solche Glaubenssätze und zerstörte 1977 das Kreuz aus Holz auf dem Millets-Westgipfel. Seither wacht eines aus Metall, fest verankert in einem Betonsockel, über die Haute Gruyère. Auf der Südseite des Sockels wurde vor einigen Jahren gar eine Bank angeschraubt, ein Behälter fürs Gipfelbuch ist am Stamm angebracht. Braucht es mehr im Leben als einen sonnig-göttlichen Picknickplatz, an dem man erst noch seinen Namen hinterlassen kann?

Hans-Joachim Löwer: Gipfelkreuze – Träume, Triumphe, Tragödien. Athesia Verlag, Bozen 2019, Fr. 41.50. www.hajoloewer.de/bücher

Wild Swim

Freischwimmen im Gebirgsland Schweiz: nie schöner als jetzt. Zwei neue Führer verraten, wo es am coolsten ist.

25. Juli 2019

„Eintauchen: Wandern ist schön, baden schöner, beides zusammen ist am besten. Badevergnügen am Ende der Valle del Salto, oberhalb des Dorfes Maggia.“

Bildlegende aus der zweiten Auflage meines Wanderführers „Gipfelziele im Tessin“ von 2003. Das Bild zeigt das grosse Granitbecken des Riale del Salto, in das mehrere Wasserfälle niederrauschen; in ihrer Gischt bildet sich ein Regenbogen. Im Vordergrund Badegäste, die gleich ins kalte Wasser eintauchen werden oder von dort kommen. In der ersten Auflage des Führers von 1993 ist hingegen ein ganzseitiges Bild eines tiefklaren Wasserbeckens hoch oben in der Valle del Salto drin, vorne liegen Rucksack, Kleider und Schuhe auf glattpoliertem Fels, hinten kreischt die Trägerin dieser Sachen vor Freude und Schreck über das kühle Wasser.

Baden in Bergseen und Flüssen, ja überhaupt abseits von Pools, ist beliebt. Und erfrischend, ja erforderlich bei dieser Hitze. Nur nennt man es heute anders, nämlich Wild Swim oder Wildswimming. Gleich zwei neue Bücher empfehlen uns Freischwimmorte in der Schweiz und in den Ostalpen.

„Die Schweiz: In dieser von Land umgebenen Insel in der Mitte Europas gibt es fast überall kristallklares Wasser. Sie ist voller atemberaubender Teiche in grosser Höhe, voller frisch daherfliessender Wasserläufe an nahezu jeder Ecke, und fjordähnliche Gletschersee sind über das ganze Land verteilt.“ Schreibt Steffan Daniel in der Einleitung zu seinem Bildbandführer „Wild Swim Schweiz/Suisse/Switzerland.“ Er stellt die 99 „schönsten Gegenden zum Schwimmen in der Schweiz“ vor, vom Lac de Joux im Waadtländer Jura bis zur Aua da Val Mora in einem Nebental des Val Müstair, vom Paradiesli am Rhein bei Langwiesen bis zum See am Col du Grand St-Bernard (also dort wird es obercool sein!). Neben einem ganzseitigen Bild finden sich kurze Texte in drei Sprachen, ein Kartenausschnitt und (bade)touristische Infos. Am besten muss es dem Autor am Walensee gefallen haben, denn ihm widmet er gleich zwei Badeplätze.

„Bekanntlich sind die Eidgenossen ja ambitionierte Freiwasserschwimmer: Man denke nur an die Rheinschwimmer in Basel, die Limmatschwimmer in Zürich oder die Aareschwimmer in Bern. Neben diesen traditionsreichen Flussbadestellen bietet die Alpenrepublik aber viele weitere fantastische Spots fürs Wilddipping oder Wildswimming.“ Schreibt Hansjörg Ransmayr in seinem Führer „Wildswimming Alpen. Entdecke die schönsten Bergseen, Bäche und Wasserfälle in Österreich, Deutschland, der Schweiz, Italien und Slowenien.“ Von den 130 Plätzen stammen sechs auf dem Tessin und je drei aus der Zentralschweiz bzw. dem Glarnerland. Die kurzen Texte und Infos können dank QR-Codes für Smartphone und Tablet erweitert werden, insbesondere mit der genauen Ortsangabe. Im Anhang gibt der Autor überlebenswichtige Tipps zum Freiwasserschwimmen, insbesondere zur Schwimmboje und zur Restube-Boje. Auf dem Titelbild ist der Talalpsee in den Glarner Alpen abgebildet (in diesen See tauchen wir auch mit „Wild Swim“). Und neben dem Inhaltsverzeichnis sehen wir ein grosses Bild, auf dem eine Frau im Bikini in ein Granitbecken springt, über dem sich ein Regenbogen im Wasserfallgischt krümmt.

Steffan Daniel: Wild Swim Schweiz/Suisse/Switzerland. Bergli Books, Basel 2019, Fr. 39.90.

Hansjörg Ransmayr: Wildswimming Alpen. Entdecke die schönsten Bergseen, Bäche und Wasserfälle in Österreich, Deutschland, der Schweiz, Italien und Slowenien. Haffmans & Tolkemitt, Berlin 2019, Fr. 35.90.

Joseph, le skieur – Fritz, der Opportunist

Zwei literarisch-wissenschaftliche Publikationen, in denen sich hochspannende und -brisante Artikel zum Bergsteigen, Skifahren und darüber hinaus verstecken.

20. Juli 2019

„Je chouques!“

Versteht Ihr wohl nicht. Dorothy Pilley muss es am 20. Juli 1928 ähnlich ergangen sein, bei der ersten Begehung des sehr schwierigen Nordgrates der Dent Blanche (4358 m). Ihrem Mann Ivor Armstrong Richards wohl auch. Aber der vierte der Seilschaft, der Träger Antoine Georges, wird sofort begriffen haben, was sein Bruder Joseph rief, nachdem dieser die überhängende Schlüsselstelle des Nordgrates überwunden hatte. In ihrem Buch „Climbing days“ von 1935 schreibt Dorothy Pilley denn auch zum Ausruf ihres Führers von oben: „It sounded like.“ Vielleicht rief Joseph Georges auch „ché choùk“; auf jeden Fall meinte er: „Je suis en haut“ oder „Ça y est, je suis passé.“ Und das war ja auch das Entscheidende bei dieser Erstbegehung: Hätte Joseph es nicht geschafft, hiesse es auf Wikipedia zu Dorothy Pilley Richards nicht: „In 1928, she made the celebrated first ascent of the north north west ridge of the Dent Blanche.“

Die Geschichte dieser Premiere an einem ganz grossen Gipfel der Walliser Alpen – selten genug war bei solchen Touren eine Frau dabei, und noch viel seltener hat sie dann auch noch darüber geschrieben – findet sich in einem neuen Porträt zu Joseph Georges (1892–1960), genannt le skieur. Er erhielt diesen Übernamen, weil er als junger Mann selbst Ski fabrizierte, weil er der erste und anfangs auch einzige Skifahrer im Val d’Hérens war, und weil man ihn so von den vielen anderen Josephs und Georges in diesem Tal unterscheiden könnte. Zu finden ist der Text, editiert mit genauen Fussnoten, mit alten und neuen Fotos, mit Kopien von Zeitungsartikeln und von Seiten des Führerbuches von Joseph Georges, in der Nummer 46 der Revue „Conférence“; Verfasser ist Christophe Carraud, Gründer und Direktor dieser edlen französischen Literatur- und Kunstzeitschrift. Der Schwerpunkt „Guides et voies“ beleuchtet zudem den Führer Jacques Balmat, Erstbesteiger des Mont-Blanc, und sein berühmtes Denkmal in Chamonix. Im weiteren wird der italienische Germanist Guido Devescovi aus Triest vorgestellt; aus seinem Werk „Ritorno alla montagna“ sind Auszüge ins Französische übersetzt. En tout Bergliteratur für Connaisseurs.

Spannende neue Bergliteratur gibt es auch im folgenden Werk zu entdecken: „Images des Sports in Österreich: Innensichten und Außenwahrnehmungen.“ Von den 26 Aufsätzen behandeln folgende direkt berg- und skisportliche Themen:
– Wintersport in Österreichs »alpiner Peripherie« am Beispiel des »Schneepalasts« in der Wiener Nordwestbahnhalle.
– »Skifahren ist für uns Deutsche in den Alpenländern mehr als nur ein Sport.« Der österreichische Skisport als politische Kampfzone der 1930er-Jahre.
– »Sepp Bradl – der Welt bester Sprungläufer«. Zur Theatralisierung des sportlichen Erfolges im Dienste der NS-Propaganda.
– Fritz Kasparek und die Erstbesteigung der Eiger-Nordwand in den österreichischen Erinnerungskulturen.
– Hohe Ansprüche, große Breitenwirkung. Ein Bild des österreichischen Skisports in den 1950er- und 60er-Jahren.
– Innsbruck 1976: Das »Skisprungwunderteam« und die Pfiffe vom Bergisel.
– »Bergamazonen« und »Himalaya-Girls«. Mediale Repräsentation von Geschlecht und (Extrem)-Alpinismus am Beispiel der ersten Österreichischen Frauenexpedition 1994.

Empfehlenswerte Artikel, auch wenn es einem beim Lesen ab und zu gehörig kalt über den Rücken läuft. Dass die Alpenvereinssektion Austria erstmals 1921 und in der Folge der ganze Deutsche und Österreichische Alpenverein den Arierparagraphen durchsetzte, ist allgemein bekannt. Dass der Österreichische Skiverband ebenso deutschvölkisch und antisemitisch geprägt war und den Arierparagraphen im Oktober 1923 beschloss, wusste ich bisher nicht. Und: Der Lehrer und Schriftsteller Karl Springenschmid war einer jener völkischen Vertreter im ÖSV, die den Anschluss Österreichs an das Hitler-Deutschland herbeisehnten und dann entsprechend feierten; sein Roman „St. Egyd auf Bretteln“ (1935) stand bisher ohne Bedenken zuvorderst in meiner Skibibliothek.

Ja, und dann sind da noch 15 Seiten über Fritz Kasparek, die den Erstdurchsteiger der Eigernordwand im Juli 1938 in neuem Licht zeigen, aber nicht als Sieger, sondern als Gewinnler. Autor Gunnar Merz zieht folgendes, mit neuem Material unterlegtes Resümee: „Kasparek kann als ein Bergsportler beschrieben werden, der aus einfachen Verhältnissen und langer Arbeitslosigkeit kommend, mit der Erstbesteigung der Eiger-Nordwand überregional bekannt wurde und sich von der NS-Propaganda uneingeschränkt einspannen ließ. Im Jahr 1938 war er dadurch kurzfristig materiell soweit abgesichert, dass er seinem Kletterpartner Karl Kinzl ein Darlehen für die »Arisierung« eines Sportartikel-Großhandels geben konnte. Vor dem Einsatz seiner guten Verbindungen in Parteikreise schreckte er nicht zurück, um die Übernahme des geraubten Betriebes und den Vertrieb des »Kletterschuhs Kasparek« voranzutreiben. Auch nach 1938 war er kein überzeugter Nationalsozialist geworden, wollte aber dennoch von der Verfolgung und Beraubung von Menschen mit jüdischem Hintergrund profitieren.“

Conférence, N° 46, printemps 2018: Guides et voies. € 35. www.revue-conference.com

Images des Sports in Österreich: Innensichten und Außenwahrnehmungen. Herausgegeben von Matthias Marschik, Agnes Meisinger, Rudolf Müllner, Johann Skocek und Georg Spitaler. Zeitgeschichte im Kontext, Band 13. V&R unipress GmbH, Vienna University Press. Göttingen 2018. € 45. www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com

Matterhorn: Grenzen – und Ladies

Grenzen werden gezogen, markiert – und überschritten. Am und gegenüber vom Matterhorn, gerade in diesem Sommer. Auf nach Zermatt!

13. Juli 2019

„Une histoire qui titille la curiosité. Partons donc à la découvert pédestre et historique des paysages sublimes qui portent la frontière italo-valaisanne entre le Mont Dolent, surplombant La Fouly, et le Piccolo Corno Gries non loin du Nufenen.“

Schreibt Olivier Cavaleri im Vorwort zu seinem fünften Führer zur „Histoire de bornes“ in der Westschweiz. Nach der geschichtlichen Erkundung des Grenzverlaufs im Jura neuchâtelois und vaudois, rund um Genf sowie zwischen Frankreich und dem Wallis hat sich der welsche Grenzsteinspezialist der 201 Kilometer langen Grenze zwischen dem Wallis und den italienischen Regionen Valle d’Aosta und Piemont angenommen. Also der höchsten, schwierigsten und wahrscheinlich auch schönsten Grenze der Schweiz, mit Gipfeln wie Dent d’Hérens, Nordend und Pizzo Cervandone und Pässen wie Col du Grand Saint-Bernard, Jazzilücke und Forca d’Aurona. 15 Wanderungen zu den Pässen und zahlreiche Exkurse lassen die Herzen der Grenzschlängler höher schlagen. Interessant zu lesen und zu sehen, wie sich die Grenze mit dem Gletscherrückgang verändert – und mit Bauten, die darauf entstehen. Paradebeispiel dafür ist der Theodulpass und seine Nachbarschaft mit Furggsattel, Testa Grigia und Gobba di Rollin: Insgesamt 17 Steine, Metalltafeln und Inschriften direkt auf Fels, erstellt von 1931 bis 2006, legen den Grenzverlauf genau fest. Die beiden höchstgelegenen Grenzmarkierungen befinden sich bei der Capanna Regina Margherita auf der Signalkuppe/Punta Gnifetti (4553 m); auf dem Grenzgipfel (4617 m), dem höchsten Punkt der Schweizer Grenze, gibt es offenbar keine Borne. Auf dem berühmtesten Gipfel nicht nur auf der Grenze Italien-Wallis, sondern überhaupt auf der Schweizer Grenze, fehlen die Grenzmarkierungen offenbar ebenfalls: am und auf dem Matterhorn. Der Cervino ist natürlich auf dem Cover von Cavaleris jüngstem Buch abgebildet, mais bien-sûr!

Um Matterhorn und Grenzen geht es in diesem Sommer auch in zwei Events in Zermatt. Allerdings nicht um staatliche Grenzen, sondern um gesellschaftliche, sportliche, biologische, materielle. 1871, sechs Jahre nach der Erstbesteigung, will die 34-jährige Engländerin Lucy als erste Frau auf den Gipfel des Matterhorns steigen. Vier Jahre zuvor wäre ihr Félicité Carrel beinahe zuvor gekommen; sie musste auf 4300 Metern Höhe umkehren, weil sie mit Rock kletterte und an den heftigen Gipfelwinden scheiterte. Lucy hingegen kämpft nicht mit unpassender Kleidung, doch gegen den Willen ihrer Eltern, die Gesetze ihres Standes und geschlechterspezifische Vorurteile. Und gegen ihre Konkurrentin in Sachen Erstbesteigungen durch Frauen, die US-Amerikanerin Meta Brevoort. Lucys Lieblingsführer Melchior Anderegg hört von deren Plänen und eilt sofort nach Zermatt, damit seine treueste Klientin die first Lady on top of the Matterhorn wird. Ist aber Lucy nur das, oder etwas mehr? Dazu ein kurzer Dialog zwischen Bergführer Peter Perren und Matti, Dorforiginal von Zermatt, im Schauspiel „Matterhorn: No Ladies please!“ von Livia Anne Richard, das in diesem Sommer im Rahmen der Freilichtspiele Zermatt auf dem Riffelberg aufgeführt wird und das am vergangenen Donnerstag Premiere feierte:

Matti: Melchior, Melchior – ich kheere numma no «Melchior».
Peter: Bischt appa schalüsa?
Matti: Mich nimmt numma wunner, ob där mit ira numme gheyt ga chlättru.
Peter: Was dü in diinem Chpof öi immer zämenschtudierscht.
Matti: Ich tetti ämel nid numma chlättru, mit dära.

Aber, aber Matti! Auch an den dritten Freilichtspielen Zermatt erleben wir spannende Stunden, hoffentlich mit abendsonnigem Blick aufs Matterhorn.

Begleitet wird das Theaterstück durch die Ausstellung „Matterhorn Ladies“ des Alpinen Museum der Schweiz. Erzählt wird auf dem Gornergrat oben, mit Texten, Fotos, Büchern und Ausrüstungsgegenständen die Geschichte von vierzehn Matterhorn-Pionierinnen aus der Schweiz, Italien, England, Belgien, Frankreich, USA und Japan. So die Matterhorn-Hochzeitsreise von Maud Wundt-Walters im Sommer 1894. Oder der erste All-Female-Ascent am 13. August 1932 durch die Französin Alice Damesme und die US-Amerikanerin Miriam O’Brien. Und der überhaupt erste Flug vom Gipfel im Wingsuit durch die Westschweizerin Géraldine Fasnacht im Juni 2014.

Olivier Cavaleri: Histoire de bornes. La frontière entre le Valais et l’Italie. Balades – découvertes – histoire. Editions Slatkine, Genève 2019, Fr. 32.-. www.histoiredebornes.ch

Matterhorn: No Ladies please! Riffelberg, 11. Juli bis 1. September 2019; www.freilichtspiele-zermatt.ch
Matterhorn Ladies. Gornergrat, 29. Juni bis 27. Oktober 2019; www.alpines-museum.ch

Turner – Das Meer und die Alpen

Luzern feiert seinen berühmtesten Maler mit einer grossartigen Ausstellung und ebensolchen Publikationen. Unübersehbar im Mittelpunkt: die Rigi.

6. Juli 2019

„Ein Berg aus Licht ist die Rigi, sie scheint über dem Wasser zu schweben, doch wie ist das möglich? Kann ein Berg schweben? Hier kann er es.“

Schreibt der holländische Schriftsteller Cees Nooteboom in seinem Beitrag zum Ausstellungskatalog eines Künstlers, dessen Werke ab heute Samstag, 6. Juli, bis zum 13. Oktober 2019 im Kunstmuseum Luzern gezeigt werden. Der vielversprechende Titel der Ausstellung lautet „Turner – Das Meer und die Alpen“. Dass das Kunstmuseum Luzern gerade mit Joseph Mallord William Turner (1775–1851) das 200-Jahr-Jubiläum der Kunstgesellschaft Luzern, also seinen Trägerverein, feiert, ist natürlich kein Zufall. Kein anderer Maler hat die Stadt, den See und seine bekanntesten Berge, den Pilatus und vor allem die Rigi, derart gekonnt und dicht, lichtdurchflutet und unverwechselbar gemalt, aquarelliert und gezeichnet wie Turner. Nochmals Cees Nooteboom zum Aquarell „The Blue Rigi“, 1842 gemalt, 29,7 x 45,0 cm gross, sonst in der Tate in London ausgestellt – die Ausstellung in Luzern ist denn auch in Kooperation mit ihr entstanden: „Wir sehen Vögel in einem Lichtfleck auf dem Wasser, rechts möglicherweise die düstere Form eines kleinen Boots, noch weiter entfernt ein kleines Schiff, die Menschen darauf von einem einzigen Lichtfleck punktförmig erfasst, weiter oben fliegen ein paar Vögel, als wäre das Sonnenlicht ihre Domäne, und darunter, blau, von Licht- oder Nebelschwaden berührt, segelt, schwimmt die Form der Rigi und erwartet den Tag.“ Klasse, nicht wahr? Der Berg, der den Tag erwartet, und wir schauen ihm dabei zu, auf dieser mit Wasserfarben auf Papier gezauberten Landschaft. Es erstaunt nicht, dass ein Ausschnitt der „blauen Rigi“ das Cover des Kataloges „Turner – Das Meer und die Alpen“ bildet.

Anders gesagt: Diese Ausstellung ist ein Muss, aber nicht allein wegen der „blauen Rigi“, sondern auch wegen des Aquarells „A Storm over the Rigi“, des Ölgemäldes „Sunset from the Top of the Rigi“ und – ich kann sie gar nicht aufzählen, all diese Bilder voller Farbe und Licht. Und dann das Aquarell „Beach and Sailboat“ – weniger geht nicht, mehr auch nicht. Reduce to the max. Also: Auf ins Kunstmuseum Luzern, und nicht vergessen, den Katalog zu kaufen. Nicht allein wegen der Bilder, sondern auch wegen der Texte. Cees Nooteboom ist wirklich lesenswert, wie auch der „Wetterbericht“ der Kunstmuseumsdirektorin Fanni Fetzer und die Untersuchung von Beat Wismer zur (abstrakten) Modernität von Turner. Ja, ein zweites Buch sollten wir auch noch gleich mitnehmen: das „Luzerner Skizzenbuch“ von Turner, ein gediegen gestaltetes Faksimile. Da schauen wir dem heute weltberühmten Maler sozusagen über die Schulter, wie er 1844, bei seinem sechsten und letzten Besuch in der Schweiz, immer wieder seinen Berg, die Rigi, festhält.

William Turner ist selbstverständlich auch im neuen Band der Reihe „Wandern wie gemalt – auf den Spuren bekannter Gemälde“ von Ruth Michel Richter und Konrad Richter dabei. Nach den Bänden zum Berner Oberland und zu Graubünden wird nun die Gotthardregion farblich und künstlerisch aufgemischt. 14 attraktive, mit allen wandertouristischen Infos und viel Hintergrund zu Land, Leuten und natürlich Künstlern vorgestellten Wanderungen führen zu 22 Standorten für bekannte und weniger bekannte Gemälde, Skizzen, Stiche und Aquarelle; zu stillen Bergseen und lauten Schluchten, düsteren Tälern und hellen Hochebenen. Wunderbare Szenerien, festgehalten von Alexandre Calame, Rudolf Koller, Caspar Wolf, Heinrich Danioth oder Fritz Zbinden und, immerhin ein Gemälde von einer Frau, Isabelle Tabin-Darbellay. Wanderung 10 geht nach Bellinzona und zum Bild „Bellinzona: The Curch of SS Pietro e Stefano, and the Castello Grande, from the East“. Gemalt hat es unser William Turner anno 1843, auf seiner fünften Schweizer Reise. Auf seiner ersten im Jahre 1802 kam er in Martigny vorbei und malte dort die Burg La Bâtiaz. Das Ölbild ist in Luzern ausgestellt.

Fanni Fetzer, Beat Wismer: Turner – Das Meer und die Alpen. Kunstmuseum Luzern/Hirmer Verlag, 2019, Fr. 39.-

J.M.W. Turner: Luzerner Skizzenbuch. Mit einer Einleitung von David Blayney Brown. Kunstmuseum Luzern/Hirmer Verlag, 2019, Fr. 25.-

Ruth Michel Richter (Text), Konrad Richter (Fotos): Wandern wie gemalt – Gotthardregion. Auf den Spuren bekannter Gemälde. Seelisberg – Bellinzona – Disentis – Goms. Rotpunktverlag, Zürich 2019, Fr. 43.-

Kunstmuseum Luzern: Turner – Das Meer und die Alpen. 6. Juli bis 13. Oktober 2019. www.kunstmuseumluzern.ch/ausstellungen/turner-meer-alpen/