Nicolas de Staël

Grossartige Gemälde mit Meer und Bergen: jetzt nach Lausanne, später mal nach Antibes.

«Bei den Remparts in der Altstadt von Antibes gehe ich nicht zum Strandtor – man käme nicht weiter –, sondern steige hoch auf die Umfriedungsstrasse auf der Mauer oben zwischen Meer und Stadt. Am ersten Hau entdecke ich zufällig die Erinnerungstafel für Nicolas de Staël, französisch und russisch. Er lebte in diesem Haus und stürzte sich am 16.3.1955 vom Balkon oben hinab.»

Eintrag vom 7. Februar 2017 im 33. Tourenbuch von Daniel Anker zur Küstenwanderung von Nizza nach Antibes, inkl. Besteigung der Anhöhe Notre Dame de Bon Port de la Garoupe (75 m) auf dem Cap d’Antibes. Ich wusste schon, dass sich Nicolas de Staël, einer meiner Lieblingsmaler, in Antibes das Leben genommen hatte. Aber wenn man dann in dieser Strasse steht, in der er tot lag, und hinaufschaut zur Terrasse seines Ateliers, von wo er gesprungen ist, dann ist das ein ziemlicher Schock. Nun ist das Werk des französischen Malers russisch-baltischer Herkunft (1914–1955) in einer grossartigen Retrospektive in der Formation de l’Hermitage hoch oberhalb der Altstadt von Lausanne zu bewundern.

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, darin sehr viele der einzigartigen Gemälde und Zeichnungen von Nicolas de Staël abgebildet sind. Und auch ein Foto der Terrasse des Ateliers, mit Blick aufs Meer und das Cap d’Antibes. Diese Sicht hat de Staël immer wieder festgehalten, zum Beispiel in „Le Fort Carré d’Antibes“, einem fast zwei Meter breiten Ölgemälde, das im Musée Picasso in Antibes zu sehen ist, oder im kleinformatigen „Le Bateau“ ebenfalls von 1955, darauf ein dick aufgetragenes rotes Rechteck inmitten grau-blau-schwarz-weisser Farbschichten hervorsticht. Ein solcher roter Farbfleck findet sich auch auf „Pont de Bercy“ von 1939, das den Anfang der Ausstellung in der Fondation macht.

Farben, Farbschichten, abstrakt oder später immer mehr figurativ: Nicolas de Staël setzte in seiner Kunst neue, bis heute überraschende und überzeugende Akzente in Farbe. 1934 weilte er in den Bergen oberhalb Grenoble und schrieb seiner Adoptivmutter: „Imaginez une ferme à mi-pente d’une montagne, grands toits gris-rouge, petites fenêtres, la vigne y grimpe n’importe comment et tout autour, les Alpes avec le vent. Vers le couchant un pic couvre d’une ombre verte ou noire l’avant-plan du tableau. De-ci de-là des masses grises peu éclairées. Puis très loin, en face de nous un massif puissant et rocailleux en pleine lumière – radieux. Il semble un diamant aux mille couleurs fortement encastré dans le vieil or des blés qui ornent la vallée.“ Was er da sah und beschrieb, das malte de Staël in seinem Leben. Nicht Berge, aber Landschaften und Städte am Meer. So Agrigento in Sizilien – atemberaubend die Gemälde, die in der Hermitage hängen. Die Tochter Anne de Staël sagt im Interview im Ausstellungskatalog von ihrem Vater: „Son regard pouvait conduire les choses à leur idéal. Agrigente, c’est pareil. C’est l’abîme, c’est l’horizon, il n’y a presque rien, il y a une chute de lumière. C’est là la forme d’imagination visuelle de ce peintre.“

Also, nicht zögern: auf nach Lausanne! Und wenn wir schon dort sind, könnten wir noch das neue Musée cantonal des Beaux-Arts ein paar Schritte westlich des Bahnhofs besuchen. Im zweiten Raum im ersten Stock sind drei grossformatige Gemälde zu entdecken – Ikonen der Bergmalerei: „Le glacier de Rosenlaui“ (1841) von François Diday, „Taureau dans les Alpes“ (1884) von Eugène Burnand und „Lioba! Berger de l’Oberland bernois rappelant son troupeau“ (1886) von Auguste Baud-Bovy. Vor allem der Stier ist eine echte Wucht: Stehen wir direkt vor ihm, sind wir irgendwie froh, dass er gemalt ist.

Noch ein zweiter Hinweis auf Bergmalerei: Der Katalog „Peaks & Glaciers 2024“ von John Mitchel Fine Paintings ist da. Wie immer sind wunderbare Berggemälde zu sehen (und vielleicht zu kaufen). Mehrere Werke stammen von Charles-Henri Contencin (1898–1955) und Angelo Abrate (1900–1985): Ihre „The Wetterhorn in Winter“ bzw. „The Lac de Goillet and the Cervino“ würde ich sofort aufhängen. Einen de Staël selbstverständlich ebenfalls.

Apropos Nicolas: Sein letztes Gemälde, „Le Concert“, unglaubliche dreieinhalb auf sechs Meter gross, hängt im Musée Picasso in Antibes. Am 16. März 1955 schrieb er dem Kunsthändler Jacques Dubourg: „Je n’ai pas la force de parachever mes tableaux. Merci pour tout ce que vous avez fait pour moi. De tout cœur. Nicolas.“

Weilt man in Antibes, sollte man dieses Museum unbedingt besuchen. Das machte ich am 10. Februar 2017, nach der Wanderung von Cannes her, immer am Meer entlang. Den Aufstieg zum Caroupe-Hügel liess ich diesmal aus. Den Blick über die Baie des Anges hinweg auf die weissen Alpes Maritimes hatte ich noch gut vor Augen. Auch die eine Votiftafel drinnen in der Église Notre-Dame: Sie zeigt einen im März 1865 von einer Leiter stürzenden Mann.

Nicolas de Staël. Sous la direction de Charlotte Barat et Pierre Wat. Fondation de l’Hermitage, Lausanne 2024. Fr. 58.-
Die Ausstellung Nicolas de Staël in der Fondation de l’Hermitage in Lausanne ist noch bis 9. Juni 2024 zu sehen; alle weiteren Infoshier https://fondation-hermitage.ch/ . In der Buchhandlung liegen zahlreiche weitere Publikationen zu de Staël auf.

Musée cantonal des Beaux-Arts à Lausanne; www.mcba.ch

Peaks & Glaciers 2024, John Mitchel Fine Paintings; www.johnmitchell.net

Alle «Bücher der Woche» unter: www.bergliteratur.ch

Von ruhigen Männern und regen Frauen

Drei ganz unterschiedliche Romane, geschrieben von zwei Frauen und einem Mann. Zweimal sind Männer die Hauptfiguren, einmal Frauen. Zweimal sind die Walliser Alpen der Schauplatz, einmal Berner Oberland, Bayern und Berlin.

«Inzwischen hat sich Galel zu seinen Freunden auf die große Holzbank gesetzt, Paul hat Wein in das dritte Glas eingeschenkt, sie stoßen auf ihr Wiedersehen an. Paul und Jonas fällt auf, dass Galel eine kleine Baldrianblüte hinter dem Ohr hat. Sie lächeln darüber und wissen nicht warum. Sie trinken Wein, und man sieht ihnen beim Trinken zu. Man sieht ihnen zu, wie sie miteinander lachen, wie sie sich in einer Sprache unterhalten, die nur für sie zu existieren scheint, nur für sie in diesem Moment.»

Szene aus dem Roman „Galel“, der 2023 den Schweizer Literaturpreise erhielt und nun auf Deutsch vorliegt, unter dem passenden Titel „Berghütte“. Die Lausannerin Fanny Desarzens, geboren 1993, erzählt in ihrem Erstling von den Begegnungen der drei Männer Paul, Jonas und Galel, denen sich manchmal der Hirte Joseph anschliesst. Paul und Joseph arbeiteten einst als Bergführer, Jonas und Galel sind es noch immer. Einmal im Jahr treffen sie sich in der von Paul geführten Hütte, sprechen über ihre Touren, über ihr Leben vielleicht, über ihre Berge sicher. Es sind die Walliser Alpen, irgendwo im Unterwallis, Fanny Desarzens verrät nicht wo genau, den Mont Osanne, die Aiguille du Suleg oder die Cabane de l’Orsinal wird man auf der Landeskarte nicht finden. Um lokalisierbare Orte geht es in diesem Roman auch nicht, sondern ganz allgemein um das Unterwegssein in Bergen und das Ankommen, um Freundschaft und wie sie sich verändern kann, wenn ein Ereignis die gewohnte Bahn stört. Wie der Sturz von Galel, ausgerechnet von ihm. Fanny Desarzens erzählt in ruhigen, unaufgeregten Sätzen, Schritt für Schritt, wie auf einer Bergtour. Dass ihr dabei der grosse Waadtländer (Berg-)Schriftsteller Charles Ferdinand Ramuz (1878–1947) über die Schulter mit dem Rucksackriemen schaut, macht das Lesen und Schreiten nur angenehmer.

«Endlich entdeckte er am Waldende, zwei oder dreihundert Meter über sich, die Scheune von Prariond. – Gut, das ist von nun an deine Heimat… Als er klein war, hatte er in der Schule einen ähnlichen Satz auswendig lernen müssen. Er setzte sich, denn der Pfad ging nun steil und schnurgerade den Abhang hinauf, ehe er das Häuschen erreichte, das ihm da oben in der Lichtung gehörte. Er musste wieder Kraft schöpfen. – Das ist nun deine Heimat…»

Szene aus dem Roman „L’homme aux herbes“, der 1980 bei Denoël in Paris erschien und nun – endlich – auf Deutsch publiziert wurde, von einem kleinen Verlag in Berlin. „Der Kräuterarzt“ ist ein Alterswerk des einst viel gelesen und hoch geschätzten Walliser Autors Maurice Zermatten (1910–2001). Doch 1970 kippte die Bewunderung, weil Zermatten, damals Präsident des Schweizerischen Schriftstellerverbandes, das arg reaktionäre „Zivilverteidigungsbuch“ ins Französische übersetzt hatte und sich davon nicht distanzieren wollte. In der Folge traten viele (Deutsch-)Schweizer Schriftsteller aus dem Verband aus und gründeten die Gruppe Olten. Nun ist der Verfemte zurück auf der literarischen Bühne, passend mit einem Roman aus den Walliser Alpen. Der alte Dorfdoktor Niclas, der seine Leute mehr oder weniger erfolgreich mit selbst gesammelten Kräutern und gemachten Tinkturen heilte, fürchtet die Konkurrenz eines modernen Arztes aus dem Tal und zieht sich zurück in seine Alphütte, begleitet von einem Hund und einer Ziege. Dort oben lebt und überlebt er im Sommer und Herbst, nur noch ab und zu Kräuter wie Edelraute und Baldrian suchend. Zermatten begleitet seinen Helden hautnah, die Erzählhaltung wechselt dauernd von draussen nach drinnen, von der Gegenwart zur Vergangenheit, von Naturbeobachtungen zu Selbstgesprächen. Erlebte Geschichten als Arzt, als Ehemann, als Vater tauchen immer wieder auf. Nur die Leute vom Dorf tun das nicht, lassen ihn verkümmern dort oben in den Bergen. Man muss sich Zeit lassen bei der Lektüre, sich einstellen auf diesen Lebensfluss, der auf Prariond bei der uralten Lärche zum Rinnsal wird. Sie wird die Winterstürme überleben, das Häuschen wohl auch. Aber der welkende Mann?

«Die Zelte waren schnell aufgestellt. Nachdem Hedis stand, machten sich Thomas, Anderl und Hias an ihr eigenes. Derweil legte Hedi ihre Ausrüstung sorgfältig auf dem Boden aus. Eishaken, Mauerhaken, Karabiner, zwei Eispickel, Kletterhammer, Steigeisen, Hanfseile, Benzinkocher, Verbandszeug, Arznei. Die Provianttasche stellte sie in die Ecke, ihren Rucksack mit Kleidung und Pflege daneben. Dann ging sie hinaus. Thomas und Hias saßen vor dem Eingang des Männerzeltes. „Wo ist Anderl?“, fragte sie.»

Szene aus dem Roman „Am Ende des Seils“ von Birgit Zimmermann. Sie lebt in der Eifel, ihr grösstes Interessengebiet sind, so heisst auf dem Klappentext, „starke Frauenfiguren, die gegen die Konventionen ihrer Zeit ankämpfen und dabei auch ihre Liebe finden.“ Genau das passiert der jungen Lehrerin Hedi Landauer aus Bayrischzell im Jahre 1936. Ihre Leidenschaft gilt dem (Frauen-)Bergsteigen – und Thomas Leitner. Und wenn beides nun unter und in der undurchstiegenen Eigernordwand klappte? Im Zelt finden Hedi und Thomas ihr Gipfelglück, aber bei der versuchten Durchsteigung stürzen Anderl und Thomas ab, Hedi rettet sich und Hias im eigertypischen Schneesturm zurück ins Leben. Es wird noch schlimmer, denn die Nazis überwachen immer stärker das Land, Leni verliert ihre Stelle, weil sie Hitlers Partei nicht beitreten will, und ihr Anliegen eines alpinen Frauenvereins gerät ebenfalls in politischen Steinschlag. Birgit Zimmermann hat einen spannenden, zuweilen auch etwas kitschigen (Berg-)Roman in einer spannungsgeladenen Zeit geschrieben. Nur schade, dass das, was „Am Ende des Seils“ in der Eigerwand passiert ist, ziemlich unwahrscheinlich ist. Mehr sei nicht verraten. Selber lesen, am besten auf der sonnigen Bank an der Holzwand einer Berghütte.

Fanny Desarzens: Berghütte. Atlantis Verlag, Zürich 2023. Fr. 28.-
Maurice Zermatten: Der Kräuterarzt. Edition Noack & Block, Berlin 2023. € 22,00.
Birgit Zimmermann: Am Ende des Seils. HarperCollins, Hamburg 2023. € 16,00.

Carl Egger

Wiederentdeckung eines alpinen Schriftstellers, der auf den Tag genau vor 4 mal 38 Jahren geboren wurde.

«Wenn ich dagegen z.B. an die Scheidegg denke mit ihrem ganzen Jahrmarkt, der Fernrohrbatterie, dem Glockenspiel, den farbigen Gläsern, dem lächerlichen Kinderkanönchen, den ausgestopften Gemsen und – so wird es noch kommen – ausgestopften Bergsteigern – –; wo der Hotelwirt es nicht unter seiner Würde hält, bei Ankunft eines neuen Zuges selbst mit einem Plakat „Eigerbesteigung“ oder „Gemsen zu sehen!“ auf der Tischplatte herumzutrommeln – –! Ich sah ihn, als ich einmal zur Guggihütte abmarschierte, an den Tischen herumrennen und den Gästen auf deutsch und englisch zuzurufen: Aufbruch eines Führerlosen nach der Jungfrau! Worauf wir, der Obexer und ich, aus Rache in der Nähe der Hütte unter einem Wasserfall hüllenlos badeten, damit die Zeissgucker unten auch auf ihre Rechnung kämen.»

Erfrischender Ausschnitt aus dem Kapitel „Montanvert“ in „Aiguilles. Ein Bergbüchlein von Carl Egger“, das vor 100 Jahren erschienen ist. Hier wird die Kleine Scheidegg dem ebenso berühmten und mit einer Zahnradbahn erschlossenen Aussichtspunkt Montanvers ob dem Mer de Glace gegenüber gestellt. Und mit den titelgebenden Aiguilles sind natürlich die Granitnadeln von Chamonix gemeint, inklusive ein paar zackige Gipfel in der Nähe. Wie die Dent du Géant (4013 m), an der Egger eine weitere hübsche Fernrohrgeschichte platzierte. Eine berühmte Bergsteigerin, leider wird kein Namen verraten, liess sich von einem jungen Bergsteiger den Hof machen; ob damit der Autor gemeint ist, wird ebenfalls offengelassen. Sie unternahmen zusammen Touren, zuletzt noch auf die Dent du Géant. Aber da schaute der Verlobte dem Kletterpaar zu, und zwar vom nahen Rifugio Torino, wohin ihn vier Führer geschleppt hatten:

«Nun begab sich etwas wie schöner nicht im Kino! Der dicke Mann am Fernrohr wurde rot vor Aufregung und der Schweiss perlte ihm an der Stirn. Was enthüllte das verräterische Rund? Er sah, wie sich – Teufel! – ein Arm immer fester um eine Taille legte, wie sich zwei Köpfe immer näher gegeneinander neigten, wie sich sogar ein Lippenpaar zum Kusse spitz – – in diesem Moment wurde alles grau! Ein Nebelchen stieg und wallte, gütig das Unvermeidliche verdeckend, oben um die granitene Spitze des Géant, und ein Fleischkoloss unten knirschte aus Wut vor der leeren Bildfläche – –.»

Nicht alle der neunzehn Geschichten sind so amüsant und elegant zu lesen. Da legt sich dann schon immer wieder echt deutsches alpines Pathos auf den Text. Trotzdem: Die „Aiguilles“ lohnen durchaus eine Wiederlektüre, und die hinten beigelegten sechzig schwarzweissen Fotos korrespondieren oft mit den beschriebenen Klettereien an den berühmten Spitzen; es sei nur der Mummery-Riss am Grépon erwähnt. Mein Exemplar stammt aus der Bibliothek meines Grossvaters Hermann Anker und hat die Nummer 451. Ein Wort noch zu Franz Obexer, Mitglied des Akademischen Alpen-Clubs Zürich wie Egger selbst: Er stürzte am 12. August 1912 bei einer Erstbegehung kurz unterhalb des Gipfels des Pflerscher Tribulaun in den Stubaier Alpen wegen Seilriss zu Tode.

Dem am 20. Februar 1952 verstorbenen Carl Egger gelangen 36 Erstbegehungen in den Schweizer Alpen. 1914 war er zusammen mit Guido Miescher im Kaukasus; neben neun Erstbesteigungen machten sie am 29. Juli die erste Skibesteigung des Elbrus (5642 m). „Miescher schlief auf dem aperen Boden der Westseite lang ausgestreckt den Schlaf des Siegers. Ich aber machte ein paar Aufnahmen, pflanzte auf den höchsten Punkt in Ermangelung eines besseren mein Appenzeller Halstuch mit dem Alpaufzug am Skistock auf, um doch wenigstens etwas Schweizerisches an der Stange zu haben, und saβ vergnügt wie ein Schneekönig in Hemdsärmeln an der warmen Sonne.“ Eggers Bericht über die Sommerskitour erschien im Jahrbuch des Schweizerischen Ski-Verbandes von 1914 und im Jahr darauf in seinem ersten Buch mit dem Titel „Im Kaukasus. Bergbesteigungen und Reiseerlebnisse im Sommer 1914.“

Weitere Bücher des gelernten Kaufmanns, Kunstmalers und Ehrenmitgliedes des Schweizer Alpen-Clubs (1934) folgten. Neben kunsthistorischen Abhandlungen und einem Gedichtband sind dies wichtige Werke zur Geschichte des Alpinismus: „25 Jahre Ski-Club Basel, 1904-1929“, „Die Eroberung des Kaukasus“ (1932), „Michel-Gabriel Paccard und der Montblanc“ (1943) sowie – bei mir immer griffbereit – „Pioniere der Alpen. 30 Lebensbilder der grossen Schweizer Bergführer von Melchior Anderegg bis Franz Lochmatter“ (1946). Eine besondere Ehre erfuhr Carl Egger 1930, als er mit seinen Schriften in die Reihe „Grosse Bergsteiger“ des Bergverlages Rudolf Rother aufgenommen wurde. Acht Bände erschienen, darunter von so herausragenden Alpinisten und Autoren wie Mummery, Purtscheller, Weilenmann und Zsigmondy. Eggers Buch, darin „Im Kaukasus“ und erweitert „Aiguilles“ Platz fanden, heisst „Höhenluft. Erlebtes und Erfühltes.“ Die Einleitung beginnt so:

«Höhenluft, frische, belebende – sie hat zwiefach in mein Leben hineingeweht: einmal hat sie mich körperlich geheilt und gekräftigt und mir dann, in einem Lebensabschnitt voll tiefer Entmutigung, das seelische Gleichgewicht wieder verschafft. Deshalb, zum Dank, stehe hier das Wort voran!

Soweit es nun auf mich ankäme, wären damit eigentlich meine biographischen Mitteilungen erledigt. Denn die Berge machen nicht geschwätzig, sondern herb und verschlossen. Was braucht es noch mehr der Alltäglichkeiten wie: geboren am 29. Februar 1872 in Basel?»

Aiguilles. Ein Bergbüchlein von Carl Egger. Orell Füssli, Zürich 1924.

Carl Egger: Höhenluft. Erlebtes und Erfühltes. Bergverlag Rudolf Rother, Reihe „Große Bergsteiger“, München 1930.

Beide Werke sind auf zvab.com erhältlich. Und in der Nationalbibliothek Bern und der Zentralbibliothek Zürich ausleihbar. Die andern Bücher von Carl Egger ebenfalls.

Nées pour skier

In einem eleganten Bildband porträtiert Lucy Paltz 27 Skifahrerinnen aus der halben Welt, viele Französinnen, aber auch eine Schweizerin.

«Quand je m’élance et que je glisse sur la neige, tout s’évanouit: les doutes, le stress, les contrariétés. Il ne reste que l’instant présent, l’envie d’aller vite, la maîtrise de mes trajectoires, l’adrénaline et l’ultra-concentration.»

Sagt die beste aktive Skirennfahrerin der Schweiz. Sie ist im Moment auch diejenige, die das Zwischenklassement im alpinen Skiweltcup anführt, vor der verletzten Mikaela Shiffrin. Die US-Amerikanerin ihrerseits sagt: „Je préfère la notion d’établir des records sportifs plutôt que les battre.“ Leicht gesagt, aber schwierig zu machen. Nun, Mikaela wird die 100 Weltcup-Siege noch einfahren, wenn nicht in diesem Winter, dann im nächsten. Eine Landsfrau von ihr hat im Weltcup zwischen 2004 und 2018 82 mal gewonnen.

Die Schweizerin heisst Lara Gut-Behrami, die zurückgetretene Rennfahrerin Lindsey Vonn. Das Trio gehört zu den 27 Skifahrerinnen aus der halben Welt, die Lucy Paltz im Bildband „Nées pour skier“ porträtiert. Mit Texten, in denen die Skifahrerinnen direkt von ihrem Leben und ihrer Passion sprechen. Mit tollen, oft ganzseitigen Fotos, die die Sportlerinnen bei und neben ihrer Lieblingstätigkeit zeigen. So Federica Brignone, „la reine de la polyvalence“, in voller Montur ausser Helm und Brille, wie sie in der Hocke in ein Schwimmbecken getaucht ist.

Wer ist sonst noch dabei in dieser Buch gewordenen Ode an Wettkämpferinnen und Extremskifahrerinnen, an Pulverschneejägerinnen und Biathletinnen, an Skitourenläuferinnen und Freestylerinnen, an Pionierinnen in Sachen weiblicher Bergsport mit den Gründungen von Sister Summit und Girls on the Top? Die Namen Tessa Worley und Tina Maze dürften noch bekannt sein, vielleicht kennt man auch die ehemalige Kletterweltmeisterin Liv Sanzoz, die heute als Bergführerin arbeitet. Andere Namen waren auch dem Skichronisten und Skibuchsammler neu. Natürlich, was auffällt: Ein solches Buch aus einem französischen Verlag, gesponsert von Rossignol, porträtiert viele Französinnen. Aber dass Lara Gut eine andere Marke fährt, ist gut lesbar.

Was fast in jedem Text vorkommt, ist das, was der Titel dieser eleganten Publikation zum Skilauf und Frauensport sagt: „Nées pour skier“ – zum Skifahren geboren. So Marie Bochet, Gewinnerin von 102 Weltcup-Rennen und acht Goldmedaillen an den Paraolympischen Spielen: „Je suis née par un frais matin d’hiver, un 9 février, comme prédestinée à la neige et au ski.“ Dass ihr links Hand und Unterarm fehlen, hat sie überhaupt nicht vom leidenschaftlichen Skifahren zurückgehalten.

Zum Schluss noch eine traurige Nachricht zu einer Skiläuferin, die ihr Leben ebenfalls diesem Sport geweiht hat; sie ist im Buch nicht porträtiert. Die 1970 geborene US-Amerikanerin Catherine „Kasha“ Rigby galt als eine der besten Telemarkfahrerinnen; so fuhr sie als erste Person mit den Telemarkski vom Cho Oyu (8188 m) ab. Am 13. Februar 2024 löste sie im Skigebiet Brezovica im Kosovo ein Schneebrett aus, das sie mitriss und gegen einen Baum drückte. Dabei zog sie sich schwere innere Verletzungen zu. Obwohl Magnus Wolfe Murray sofort bei ihr war und Wiederbelebungmassnahmen ergriff, konnte er seine Kasha nicht mehr retten. Die beiden waren verlobt, im September dieses Jahres wollten sie heiraten. Geboren zum Skifahren kann leider auch verdammt tragisch enden.

Lucy Paltz: Nées pour skier. Éditions Glénat, Grenoble 2023. € 36,00.

Gipfelsturm und Talliebe

Zwei neue Serien um Rettung und Liebe am Berg und im Tal. Nur lesen ist schöner als fernsehen. Am Valentinstag erst recht.

«Es knackte in ihrem Funkgerät. „Gottverdammt, was tust du?“, schrie Jonas in ihr Ohr. „Bist du okay?“

Sie gab keine Antwort, sondern hob nur den Daumen, wissend, dass er ihren Aufstieg mit dem Fernglas verfolgte. Der Schock hatte ihre Nervosität vertrieben. Sie lauschte auf ihren Herzschlag und atmete wieder ein paar Mal tief ein und aus, um sich zu beruhigen. Dann erst stieg sie weiter, Armlänge und Armlänge, bis sie endlich die Höhe des Vorsprunges erreicht hatte.»

Kurzes Aufschnaufen auch unsererseits. Das war knapp für Lena Veith, Hauptfigur in der Romanserie „Die Bergwacht“ von Sophie Zach. Und der lebensgefährliche Rettungseinsatz am berühmten Jubiläumsgrat an der Zugspitze, dem höchsten Gipfel Deutschlands, ist noch keineswegs vorbei. Denn hinter dem Vorsprung liegt Franz. Ob es der jungen Bergführerin und dem ganzen Team der Bergwacht gelingen wird, den Schwerverletzten heil ins Tal zu bringen?

Aber um Gottes Willen, heute ist doch Valentinstag! Da möchte man andere Passagen lesen, schon auch solche mit Knistern, aber nicht im Funkgerät. Bitte: «Während Ramsauer die Sitzung eröffnete und zunächst ein paar unwichtigere Dinge besprochen wurden, war sich Lena Bens Nähe so deutlich bewusst, dass sie fast versucht war, mit ihrem Stuhl etwas nach hinten wegzurutschen. Es erschien ihr geradezu ungehörig, so nah beieinanderzusitzen. Sie konnte die Wärme spüren, die Bens Körper ausstrahlte, nahm seinen Geruch nach frischer Luft, Holzrauch und irgendetwas Herbem wahr und wagte es nicht, den Kopf zu drehen und ihn anzuschauen. Ihr war heiß.»

Uns auch! Ausgerechnet der unsympathische Ben, den Lena seit der Schulzeit kennt. Und was ist eigentlich mit Jonas, dem Kollegen im Team der Bergwacht im fiktiven Ort Bichlbrunn bei Garmisch-Partenkirchen? Selber lesen und mitfiebern in den beiden erschienenen Bänden „Alpenglühen“ (daraus das erste Zitat) und „Gipfelsturm“ (daraus das zweite). Und sich freuen auf den dritten Band, der allerdings erst in einem Jahr erscheinen wird.

Action am Berg und in der Stube, unterbrochen von idyllischen und herzzerreissenden Szenen. Die Berge, die so unberechenbar wie das Leben sind. Man kennt das von erfolgreichen alpinen TV-Serien. Im ZDF treten die „Die Bergretter“ auf, deren ersten Folgen ab November 2009 unter dem Namen „Die Bergwacht“ ausgestrahlt wurden; 2012 erfolgte die Umbenennung in „Die Bergretter“. Im ORF hilft „Der Bergdoktor“ seit 2008 am Berg wie im Tal; die Arztserie ist eine Neuauflage der gleichnamigen deutsch-österreichischen Fernsehserie „Der Bergdoktor“ (1992–1997). Beide basieren auf Motivvorlagen der erfolgreichen Heftromanserie gleichen Namens. Lesen und fernsehen verstehen sich gut.

Dieser Meinung war offenbar nicht nur der Rowohlt Verlag mit „Die Bergwacht“. Denn ebenfalls im letzten Jahr startete der Ullstein Verlag die Serie „Der Bergretter“ von Vero Adler. Auch sie spielt in Garmisch-Partenkirchen und am Jubiläumsgrat, auch da gibt es alpine Rettungseinsätze sowie Konflikte und Konsolation weiter unten. Hauptfiguren sind Leonhard Gerstorff, Arzt in der Kinder-Rheumaklinik, und Frederika Altenberger, Mitglied der Bergwacht. Finden sich die beiden endlich, oder kommen immer Einsätze sowie Leonhards Exfrau dazwischen? Genau so ist es. Ein dritter Band ist noch nicht angekündigt. Doch so offen soll der Lektüre-Hinweis am Valentinstag nicht enden. Deshalb hier ein Zitat von Seite 250 in Band 2: „Oft lief Leonhard abends mit Frederika durch die erleuchteten Straßen, meist schneite es, und das machte alles noch viel schöner.“ Schön wär’s, diese Bemerkung sei erlaubt, wenn es auch ausserhalb von Romanen wieder mal schneite.

Sophie Zach: Die Bergwacht. Band 1: Alpenglühen; Band 2: Gipfelstürme. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 2023. Der dritte Band, Schneetreiben, erscheint im Januar 2025. Je € 12,00.

Vero Adler: Der Bergretter. Band 1: Zwischen den Gipfeln das Glück; Band 2: Zwischen den Gipfeln die Liebe. Ullstein Verlag, Berlin 2023. Je € 12,00.

Der Schneehase

Der Schweizerische Akademische Skiclub SAS feiert den 100. Geburtstag mit der 41. Edition seiner Publikation „Der Schneehase“. Ein Wurf, wie immer.

«Damit erfolgt der Startschuss!»

Er ertönte gestern Mittwoch Abend im ersten Stock beim Restaurant Du Théâtre in Bern, vor rund 80 bestens gelaunten und gekleideten Skifahrerinnen und Skifahrern, die meisten von ihnen im Blazer, im legendären V-Ausschnitt-Pullover, mit Krawatte oder Foulard, immer aber mit den drei Buchstaben SAS. Der Schweizerische Akademische Skiclub wird hundert Jahre alt, und mit ihm seine Publikation „Der Schneehase“. Und genau diese gab es gestern zu feiern: die Edition 41 für die Jahre 2020 bis 2024. Einmal mehr ein grossartiges Werk: 320 Seiten voller feinen, fundierten, überraschenden Artikeln zur Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Skilaufs, immer passend illustriert. Zum letzten Mal editiert von Ivan Wagner; wer der neue, erst siebte Schriftleiter des „Schneehasen“ sein wird, ist noch halb geheim. Der erste war der SAS-Mitbegründer Walter Amstutz; seine Enkelin Alexandra Gozon sass gestern unter den Gästen. Und erfreute sich wie alle andern am überraschenden Dessert, das in Form eines Schneehäslein im Teller lag.

„Endlich ist der Hasensprung gelungen! Zum ersten Male erscheint der ‚Schneehase‘ in gedruckter Form.“ So leitete Walter Amstutz sein Geleitwort für die Nummer 1 ein; sie deckt die Jahre 1924 bis 1927 ab. Sein Hinweis auf die Form des SAS-Jahrbuchs ist richtig, denn 1925 und 1926 erschien der „Schneehase“ nur in vervielfältigter Version mit wenigen Seiten. In der ersten Ausgabe schreibt Hermann Gurtner, Mitbegründer des Clubs und sein erster Präsident, der SAS sei „ein junges Häslein, dem aber aller Voraussicht nach die Löffel noch wachsen werden. Vor Jahresfrist ist es dem warmen Moosnest entsprungen und hat sich seither in allerhand Hackensprüngen versucht.“ In der zweiten Ausgabe kommt Gurtner auf das Springen zurück: „Schon seit Neujahr hat dieser zweite Schneehase die Löffel gestellt, doch zum Abhüpfen ist er erst heute gekommen, nachdem der Schweizerische Ski-Verband seinen landesväterlichen Segen erteilt hat. Seit dem 6. Januar 1926 sind wir Mitglied des schweizerischen Landesverbandes.“ Der heutige Präsident von Swiss-Ski, Urs Lehmann, ist Mitglied des SAS Zürich. Er hielt gestern Abend eine Ansprache, und im druckfrischen „Schneehasen“ findet sich ein wegweisendes Interview zum Potenzial des SAS. Seine Publikation bezeichnet er als „lebende Legende“.

Daraus hebe ich ein paar Beiträge hervor. Gleich zwei befassen sich mit dem Thema Bergfotografie; Robert Bösch konnte seine klugen Überlegungen gleich mit eigenen Bildern illustrieren. Martin Berthod – Sohn Marc kennen wir als Co-Kommentator der alpinen Männer-Skirennen – befasst sich mit seinem St. Moritz als „Wiege des ‚modernen‘ Wintersports“. Einen neuen Mann am Skimikrofon im Fernsehen kennen wir seit diesem Winter: Beat Feuz; im 41. „Schneehasen“ sehen wir ihn als Kind auf den schmalen Brettern, die die Welt bedeuten – so härzig und gleichzeitig dynamisch. Um alte Skigeschichte geht es im Beitrag über den 1893 gegründeten Czech Ski Club Prague, den ältesten nationalen Skiverband der Welt. Und wo wurde der Slalom erfunden? In Mürren oder doch nicht? Adam Ruck vom Kandahar Ski Club, der am 30. Januar 1924 in Mürren gegründet wurde, beantwortet die Frage. Neben SAS und KSC feiert in diesem Jahr noch eine dritte Skiorganisation ihren 100. Geburtstag: Es ist die FIS, die Fédération Internationale du Ski. 36 Delegierten aus 14 Ländern beschlossen am 2. Februar 1924 in  Chamonix im Rahmen der „Internationalen Wintersportwoche“, die später als I. Olympische Winterspiele anerkannt werden sollte, die Gründung der FIS.

Wenn wir schon am Feiern sind: Bald kann der Skierstbesteigung des Eiger (3967 m) durch den Engländer Arnold Lunn und die Schweizer Fritz Amacher, Walter Amstutz und Willy Richardet am 18. Mai 1924 gedenkt werden. Im Jubiläumsjahrbuch des „Schneehasen“ von 1974 kommt Amstutz in „Die Skiwelt von gestern“ zurück auf die Skipremiere: „Auf unserer Eigertour konnte ich Willy Richardet für die Gründung eines SAS erwärmen. Arnold, Willy und ich unterhielten uns während einer längeren Rast auf dem Eigerjoch über das, was wir gemeinsam tun könnten, um unserem Anliegen Gehör zu verschaffen. Manz Gurtner und ich hatten uns bereits im März anlässlichen unserer täglichen Schildgratabfahrten über die Gründung eines Akademischen Ski Club unterhalten. In den Sommerferien entwarf ich die Statuten, und am 26. November 1924 trafen wir uns zu dritt im Restaurant du Théâtre im 1. Stock in Bern, um die Idee in die Tat umzusetzen.“

Der Schneehase. Edition 41, 2020–2024. Schweizerischer Akademischer Skiclub SAS.  Schriftleitung Ivan Wagner. Fr. 59.- Zu beziehen bei: SAS-Verlag c.o. Kessler AG, Forchstrasse 95, 8032 Zürich, info@kessler.ch.

Schöne Skiliteratur

Tout simplement tout schuss. Mit fünf ganz unterschiedlichen Brettern bzw. Büchern.

«Es waren einmal zwei Schneeschuhläufer.
Der eine konnte hervorragend laufen besaß aber, da er sehr arm war, nur billigste Bindung auf schlechten Brettern.
Der andere konnte überhaupt nicht laufen, höchstens stehen, besaß aber, da er sehr reich war, vorteilhafteste Bindung auf wundervollgeschwungenen Brettern.
Nun sprang der Arme über den Hügel so an die vierzig Meter, brach sich aber der vermaledeiten Bindung wegen den Knöchel.
Der Reiche sah ihm dabei zu und dachte nicht daran zu springen; war vielmehr froh, daß er stand.
Und der Sachverständige sprach:
‚Nur auf die Bindung kommt es an!‘»

So heisst auch dieses Sportmärchen von Ödön von Horváth: „Nur auf die Bindung kommt es an!“. Die 27 Sportmärchen entstanden etwa 1923/24 und wurden erstmals in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht. Zwei von ihnen befassen sich mit dem Wintersport. Das zweite heisst „Sommer und Winter“.

Kurzweilige Lektüre gibt es auch hier: Mit Schuss. Geschichten vom Wintersport und Après-Ski“. Einige der 30 ausgewählten Geschichten kennt man vielleicht, wie „Ein Alpenpass auf Skiern“ von Arthur Conan Doyle: die Beschreibung der zweiten Skitour über die Maienfelder Furgga von Davos nach Arosa im Jahr 1894 und gleichzeitig der Start der englischen Skiliteratur. Den Horváth haben die Herausgeber nicht aufgenommen, dafür Italo Calvino, Ernest Hemingway, Erich Kästner, Tim Krohn, Zara del Buono, um nur ein paar zu nennen. Und John Irving; „Das Wochenende in Aspen“ stammt aus seinem Alterswerk „Der letzte Sessellift“, mit dem ich seit ein paar Wochen fahre. Irgendwie hat der Lift auf Seite 924 angehalten. Bis zur Bergstation sind es noch 156 Seiten. Aber ich hab ja noch etwas Zeit, es verbleibt noch ein Wintermonat.

Gar keinen richtigen Winter gibt es in im kleinen (fiktiven) französischen Alpenskiort im Erstlingsroman „Hors saison“ von Basile Mulciba. Yann, ein junger Mann in den Zwanzigern, bricht sein Medizinstudium ab, um als Saisonarbeiter zu arbeiten. Er wurde von Hans angeworben, der das alte Hotel leitet, das er von seinem Vater geerbt hat, und der wie alle anderen unter den Folgen des fehlenden Schnees zu leiden beginnt. Als sich der Ort langsam leert, beschliessen die beiden Männer zu bleiben. Eindringlich beschreibt Mulciba, wie die Hoffnung auf Schnee immer kleiner wird, dafür die Gefühle der beiden Hauptfiguren zueinander grösser. Aber schneien sollte es schon einmal, sonst wird die Nebensaison ganz zur Hauptsaison, ohne Touristen und mit geschlossenen Läden und Liften.

Um eine Skistation im Vollbetrieb geht es im Roman „Escape to the Swiss Chalet“, dem ersten Roman von Carrie Walker. Die 28jährige Holly Roberts sucht und findet nach der geplatzten Hochzeit in London Trost und Tätigkeit als Koch- und Weingehilfin in einem Luxuschalet in Verbier, und lernt zudem noch Ski fahren. Selbstverständlich – was wäre ein Skiroman ohne Liebesgeschichte? – findet sie im Walliser Skiort auch eine neue Liebe. Nur weiss sie nicht, wem sie das Herz schenken soll, dem smarten Xavier oder smashing Luca. Zum Glück wird neben all den teuren Gerichten und Getränken, Gewändern und Gebäuden auch noch mit einem Brett oder deren zwei gekurvt. Also richtig, nicht nur Après-Ski (wobei das schon sehr zelebriert wird). „Skiing down a mountain was certainly something I never ever saw myself doing, but maybe it wasn’t all freezing cold lifts and wet bums after all. There was something about the fierce concentration needed on the slopes that resulted in pure, unadulterated freedom. (…) There was no time to think about anything else but getting down the mountain safely.“ Wenn die Bindung hält…

Ödön von Horvath: Sportmärchen. Online lesen lassen sie sich hier: https://www.projekt-gutenberg.org/horvath/sportmae/ Zu kaufen gibt‘s ein edles Exemplar im www.sportantiquariat.ch.
Margaux de Weck, Silvia Zanovello (Hg.): Mit Schuss. Geschichten vom Wintersport und Après-Ski. Diogenes Verlag, Zürich 2023. Fr. 19.-
John Irving: Der letzte Sessellift. Diogenes Verlag, Zürich 2023. Fr. 47.-
Basile Mulciba: Hors saison. Éditions Gallimard, Paris 2023. € 19,50.
Carrie Walker: Escape to the Swiss Chalet. Head of Zeus, London 2023. £ 10.-

Im Geheimdienst von James Bond

Mit dem Erinnerungsbuch des Berner Oberländer Stuntman Stefan Zürcher (Berg-)Filme vor und hinter den Kulissen miterleben. Winter und Frühling ebenfalls.

«1969 wurde ein Teil des James Bond-Klassikers „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ im Äbnit und am Winterberg in Heiligenschwendi gedreht. Nach erfolgreicher Flucht von James Bond (George Lazenby) und Tracy (Diana Rigg) im Schneegestöber versteckten sie sich im Bauernhaus der Familie Kämpf im Äbnit. Dort verbrachten James und Tracy die kalte Nacht im Heu. Am nächsten Morgen, als die Truppe von Blofild mit den Skiern vom Winterberg her kam, waren Tracy und James schon wieder weg. Doch schon bald klebten die Verfolger an ihren Fersen.»

Diese Filmgeschichte erzählt Posten 9 des „Eulenweg am Winterberg“ in Heiligenschwendi, einer sonnigen Terrasse hoch über dem Thunersee, besser bekannt für das dortige Berner REHA Zentrum der Inselgruppe als für Verfolgungsjagden auf Ski und Liebesszenen im Heu. Am vergangenen Wochenende stand ich gleich zweimal auf dem Winterberg (1217 m), bei blauem Himmel und besten Schneeverhältnissen. Ohne verfolgt zu werden, zogen wir die ersten Spuren in den Nordhang und vorbei am Äbnithof. Heute ist dort oben alles grün, wie auf der Webcam https://rehabern.roundshot.com/#/ zu bewundern bzw. zu betrauern ist.

Dass „On Her Majesty’s Secret Service” auch am Winterberg in Heiligenschwendi gedreht wurde, war mir nicht bewusst. Einer der Hauptschauplätze ist bekanntlich das Schilthorn (2969 m) ob Mürren, im Film und seither Piz Gloria genannt. Wer mehr wissen möchte zu den Dreharbeiten und insbesondere zu den spektakulären Skiszenen, darf zu diesem Buch greifen: „Stefan Zürcher. Im Geheimdienst von James Bond. Meine Erlebnisse mit Stars und Stunts aus über 50 Jahren Filmgeschäft“, verfasst von Roland Schläfli. Der in Wengen aufgewachsene Zürcher (Jg. 1945) war bei zehn Bond-Filmen mit dabei. Er ist der einzige, der mit jedem Bond-Darsteller gearbeitet hat, ausser mit Sean Connery. Mit ihm drehte er einen andern Film, den Bergfilm-Klassiker „Five Days one Summer“ (1982).

Im neuen Buch erzählt Stefan Zürcher von seiner Arbeit als Stuntman, als Location Finder, als Übersetzer und Koordinator für deutsche und englische Teams, als Produzent von eigenen Werbefilmen. Er war der Experte für Aufnahmen im Schnee: „Szenen im Schnee müssen beim ersten Versuch gelingen, ansonsten muss man viel Zeit aufwenden, um in die Position zurückzukehren und die Spuren im Schnee zu verwischen – oder, noch aufwendiger, um die ganze Crew in eine alternative Location zu transportieren.“ Fast so spannend wie Verfolgungsjagden an einem winterlichen Berg oder in der Wüste sind die Hintergrundgeschichten, wie die atemberaubenden Szenen gedreht wurden – und wo. Eben am braven Winterberg ob Heiligenschwendi. Auf dem Pilz am Rande der Eigernordwand. Auf dem Zweiersessellift in Meiringen-Hasliberg. Nur schade, dass es am Schluss des Buches kein Verzeichnis der Filme gibt, an denen Stefan Zürcher mitgewirkt hat, mit den originalen und den deutschen Titeln. Der Sessellift-Streifen heisst „The Swiss Conspiracy“ bzw. „Per Saldo Mord“. Klickt mal https://alpentower.roundshot.com/#/ an: Ganz oben am Hasliberg ist noch Winter, während auf dem Winterberg der Frühling eingezogen ist. Verrückt, wenn man denkt, dass wir vor fünf Tagen dort und am benachbarten Vesuv Schwünge in den frischen Pulverschnee gezogen haben.

Roland Schläfli: Stefan Zürcher. Im Geheimdienst von James Bond. Meine Erlebnisse mit Stars und Stunts aus über 50 Jahren Filmgeschäft. Weber Verlag, Thun/Gwatt 2023. Fr. 59.-

Fundstücke

Für einmal skihistorische Raritäten. Auf Anfrage gibt es gerne fotografische Kopien.

«Plaisirs d’hiver! Ces mots, en France, évoquent des souvenirs de Cannes, des journées chaudes au Golfe Juan, des soirées de clair de lune où l’Estérel se dessine comme un arc illuminé sur le ciel.

Douceur, parfums, repos, silence, tiédeur qui alanguit et immobilise… Journées de lumière sur des plages de fleurs, joie des yeux qui n’ont vu que les plaines grises et les tristes brouillards des pays du Nord.

Er pourtant cet enchantement du Sud béni lasse inassouvi le besoin d’expansion et de mouvement des corps souples et jeunes. Ils veulent des risques et des dangers, ils aiment les frissons de périls et tempêtes, pour eux les plaisirs de l’hiver sont les plaisirs de la neige, des glissades folles en ski, des descentes vertigineuses à plat ventre sur un skeleton, des virages affolants sur un bob où les corps dans un poudroiement de neige rasent la piste glacée… Pour les jeunes de notre époque où l’on reste jeune très longtemps, la joie de l’hiver commence au dessus de mille mètres.»

Mit diesen die neuen Freuden des Wintersports genau treffenden Sätzen leitet Herausgeber Alexandre Castell (1883–1939) das 1921 in Paris publizierte Buch Les Jeux sur les Cimes.  Souvenirs sportifs“ ein. Mehrere Autoren schreiben über die Berge im Winter, über den Schnee, über die Reise an die Sonne (über dem Nebel in den Bergen und nicht an der Côte d’Azur!), über Bergfilme und Eiskunstlaufen, über den Cresta-Run in St. Moritz – und immer wieder über die weisse Herrlichkeit. Illustriert ist das taschenbuchgrosse Buch mit 16 schwarzweissen Fotos aus den winterlichen Bergen der Schweiz, von Sainte-Croix (im Jura) und Villars über das Berner Oberland (Gstaad, Adelboden, Mürren und Grindelwald) und die Zentralschweiz (Andermatt und Engelberg) bis ins Bündnerland (Arosa, Davos, St. Moritz und Pontresina). Das Frontispiz zeigt einen Skispringer auf dem Jungfraujoch, im Vordergrund Zuschauer, hinten der Mönch; die Foto machte Max Amstutz, der ältere Bruder von Walter Amstutz.

Kurz: ein schönes, kluges, wichtiges Buch zur Geschichte des Wintersportes und des Skilaufs. Insbesondere das Skifahren kam nach dem Ende des Ersten Weltkrieges in Mitteleuropa so richtig in Fahrt, etwas langsamer in Frankreich als in der Schweiz. Wie ich von den „Jeux sur les Cimes“ Kenntnis erhielt, weiss ich nicht mehr. Ich konnte es in der Nationalbibliothek in Bern für den Lesesaal ausleihen und fand dann, es gehörte eigentlich auch in meine Skibibliothek. Bei Harteveld Rare Books in Fribourg fand ich ein zahlbares Exemplar.

Im gleichen Buchantiquariat hatte ich im letzten Jahr eine andere publizistische Rarität erstanden: „Joies et Misères du patrouilleur alpin“. Gezeichnet vom Premier-lieutenant Michel Cuénod, Vorwort von Oberstleutnant de Gautard, Alpinoffizier der 1. Divison, und publiziert 1948 durch Korporal Froesch in seiner Druckerei in Genf. Eine alpinmilitärische Publikation also, in Erinnerung an die Grenzbesetzung im Zweiten Weltkrieg, die Auflage betrug 100, mein Exemplar trägt die Nr. 12 und ist Philippe de Weck gewidmet, „en souvenirs de quelques belles heures passées ensemble sur neige, glace et rocher.“ Ob ohne oder mit Uniform: Was die Alpinsoldaten im Sommer und Winter erlebten, war nicht immer lustig – aber die 24 A4-grossen Blätter mit den Strichzeichnungen von Cuénod sind es. So zeigt das letzte Blatt eine Dreierseilschaft beim Abfahren am Seil von der Tête Blanche gegenüber dem Matterhorn, mit dieser Legende: „Les joies du ski encordé.“ Der mittlere Skifahrer sieht aber alles andere als erfreut aus…

„Auf, zu frohem Treiben in Schnee und Sonne!“ So lautet der Titel des 16-seitigen Kataloges von Sport-Sonderegger St. Gallen für den Winter 1946/47. Ski, Bindungen und Stöcke natürlich, aber auch Felle, Wachse, Lawinen-Schaufel und Ersatzspitze gab es da zu kaufen, und Après-Ski-Schuhe! Bei diesen „wählt vor allem das Auge mit. Aber wie geborgen sind die Füße darin! Kein Wunder, daß sie auch den Alltag erobert haben!“ Schon vor 77 Jahren also die Mode, Sportsachen auch abseits sportlichen Tätigkeiten zu tragen. Was den Katalog aber so besonders macht, sind die Zeichnungen von Franco Barberis (1905–1992). Er war „der Star der Sportkarikaturisten seiner Zeit“, sagt Gregory Germond vom Sportantiquariat in Zürich; in seinem Neuheiten-Newsletter hatte ich den Sonderegger-Katalog entdeckt (und gleich gekauft). Während rund 45 Jahren arbeitete Barberis auch für den „Nebelspalter“; bekannt war er vor allem für seine Sportlerfigur Tschutti. Es macht richtig Spass, in diesem elegant-fröhlichen Katalog zu blättern. Auf Seite fünf sehen wir einen Skifahrer mit kecker Schirmmütze, vorübergebeugt unter grosser Last, während sie locker erhobenen Kopfes dahingleitet. Oben auf der Seite lesen wir: „Rucksäcke, Lunchtaschen anschnallen und dafür sein allfälliges Sorgenbündel abwerfen! Es lockt ja die Freude!“

Skitouren und Skipisten – für mehr als ein Jahr

Drei neue Skiführer für diejenigen, die wenn möglich während zwölf Monaten und in ganz Europa Ski fahren wollen.

«Plötzlich das schöne Wetter, da musste ich hinauf, in die Weite. Und dann der Schnee, der gleisst in der Herbstsonne, der leistungsorientierte Wunsch, im September doch noch skizufahren, um in jedem Monat auf den Brettern gestanden zu haben. War sackstark, den verschneiten Hang hinaufzusteigen, eine einsame Spur hineinzulegen. Und oben die Rundsicht, Gefühl von Schwerelosigkeit. Oben war der Schnee nicht ganz perfekt, doch dann bis zur Mitte schön weich, und Erinnerungen an das Rhythmusgefühl. Die Lockerheit fehlte noch. Zurück zur Wasserscheide die Skis tragen, was macht’s aus?»

Eintrag vom 30. September 1981 im dritten Tourenbuch von Daniel Anker, Chrummfadenfluh (2075 m) in der Stockhorn-Gantrisch-Kette der Berner Voralpen. Meine Heimatberge. Tatsächlich machte ich in diesem Jahr auch noch im Oktober und November je eine Skitour, bei zu wenig bzw. zu viel Schnee. Aber am 12. Dezember 1981 notierte ich dann: „Endlich guter Pulverschnee.“ Die Skisaison konnte weitergehen. Ich schaffte es seither nicht mehr, in einem Jahr in jedem Monat Ski zu fahren. Umso mehr freute mich das Mail von Anna Rösch vom Panico Alpinverlag vom 14. Dezember 2023:

„Hallo Daniel, wie jede Saison gibt es auch diesen Winter wieder neue Skitourenführer von uns. Darunter ist vor allem ‚Skitouren für das ganze Jahr‘ von Andreas Brunner hervorzuheben, der ein dickes Paket an beeindruckenden Skitouren im gesamten Alpenraum geschnürt hat. Ich habe dir den kurzen Pressezettel angehängt und bringe ein Exemplar des Skiführers auf den Weg zu dir. Wenn du Lust hast, das Buch zu besprechen, freuen wir uns sehr! Es ist das Erstlingswerk des Autors und mE mit viel Liebe zum Detail zusammengetragen. Falls du mehr Informationen benötigst, melde dich gerne einfach bei mir! Viele Grüße, Anna.“

Diese Anna kenne ich nicht, den Verlag, in dem sie arbeitet, hingegen schon. Der macht starke Kletter- und Skitourenführer. Und ein solches Werk ist auch dasjenige von Andreas Brunner: „Skitouren für das ganze Jahr. 68 Skitouren von Oktober bis Juni“, inklusive GPS-Tracks, Ausrüstungstipps, Materialpflege, Lawinenwissen, Wetterkunde, Strategie und Planung. Seitenweise (überlebens-)wichtige Ratschläge, damit wir von Juli bis September auch etwas zu tun haben, wenn wir schon nicht auf den Brettern stehen können. Die ausführlich und mit vielen Farbfotos vorgestellten Touren stammen vor allem aus den Ostalpen. Aus den Westalpen dabei sind solche von Saas Fee (Oktober), Monte Rosa (November), Valle Maira (Jänner), Berner Oberland (März), Gran Paradiso (April) und Chamonix (Mai); ein ganz besonderer Tipp ist der Gran Sasso (2912 m) in den Abruzzen (Februar). Den Dom (4546 m) hätte ich allerdings nicht für den März angegeben, sondern für den Juni, da die Ski ohnehin bis fast zur Domhütte SAC (2937 m) getragen werden müssen; auf dem ausgesetzten Hüttenweg durch die Festiflüe wird man froh sein, wenn es keinen Schnee hat. Nicht von ungefähr machten Arnold Lunn und Josef Knubel die erste Skibesteigung des Doms am 18. Juni 1917, mit Abfahrt vom Gipfel.

Weniger anstrengend sind die Aufstiege und Abfahrten (Abstiege gibt es höchstens kurze vom Gipfel zum Skidepot), die Simon Wohlgenannt in „Freeride. Bucket List Vorarlberg“ vorstellt, mit vielen Fotos (oft mit eingezeichneten Verläufen) und genauen Karten. Allen 50 Touren im Montafon, am Arlberg und im Klostertal, im Bregenzerwald und im Kleinwalsertal gemeinsam sind kurze, liftunterstützte Aufstiege und aussergewöhnliche, lohnende Abfahrten. Mit dabei sind die Schwierigkeitsgrade von grün und L (leicht) bis rot und SS (sehr schwierig). Bei den letzteren Touren muss man schon sicher auf den zwei Brettern bzw. auf dem einen Brett stehen. Das Guidebook richtet sich nämlich nicht nur an Variantenskifahrer und Freeriderinnen, sondern auch an Split- und Snowboarderinnen, also an solche Schneesportler, die mit Schneeschuhen und dem Board auf dem Rucksack bzw. mit einem Brett, das sich für den Aufstieg teilen und mit Fellen bekleben lässt, durch verschneite Hänge aufsteigen, um dann locker durch Pulverschnee in die Tiefe zu gleiten. Viele Fotos im Führer zeigen diese Tätigkeit – dieses Gefühl, weswegen wir immer wieder unterwegs sind, auch im Frühherbst, wenn es frisch geschneit hat.

68 Touren im ganzen Jahr, 50 im Vorarlberg. Und jetzt noch „111 Skipisten in Europa, die man gefahren sein muss“. Christoph Schrahe, Jimmy Petterson und Patrick Thorne präsentieren grossartige, legendäre, einzigartige und oft unbekannte Skiabfahren quer durch Europa. Zuoberst auf dem Podest Frankreich mit 18 Pisten, wovon 13 in den Alpen, die andern im Massif central, in den Vogesen und Pyrenäen sowie auf Korsika. An zweiter Stelle mit 17 Abfahrten Italien, wo sich auch im Apennin und auf Sizilien bestens skifahren lässt. Platz drei belegt Norwegen mit sieben Abfahrten. Den vierten teilen sich mit je vier Abfahrten Schweden sowie Österreich und die Schweiz. Viele Abfahrten dieser beiden Alpenländer sind in „111 Skipisten, die man gefahen sein muss“ beschrieben (vgl. https://bergliteratur.ch/fuehrer-fuer-die-wintersaison/). Von Europas grossen Skigebirgen im neuen Führer ist der Jura nicht dabei. Dafür, und das macht auch den Reiz des Führers aus, sind einige wirklich wilde und exotische Skiwinkel zu entdecken, in den baltischen Staaten und Niederlanden, in Osteuropa, auf Zypern. Oder in Portugal, auf dem Torre (1997 m) in der Serra da Estrale. Zu Weihnachten 2023 kriegte ich von Schwägerin und Schwager eine Büchse mit Milchschokolade, auf dem Deckel hinten die beiden Kuppeltürme, das Wahrzeichen auf dem höchsten Gipfel von Festland-Portugal, vorne eine sich in der Luft befindende Skifahrerin im Ami-Look der 1950er Jahre: ein Gefühl von Schwerelosigkeit.

Andreas Brunner: Skitouren für das ganze Jahr. Panico Alpinverlag, Köngen 2024. € 44,80.

Simon Wohlgenannt: Freeride. Bucket List Vorarlberg. Tyrolia Verlag, Innsbruck 2023. € 29,00.

Christoph Schrahe, Jimmy Petterson, Patrick Thorne: 111 Skipisten in Europa, die man gefahren sein muss. Emons Verlag, Köln 2023. € 18,00.