Der letzte Bildband über die Reuss, diesen urhelvetischen Fluss, erschien 1973. Schön, dass nun ein neuer vorliegt.
«Erhitzt von der Wanderung wage ich es, ins kalte Wasser einzutauchen. Eine Gletscherzunge ragt am anderen Ende des Sees ins Wasser, was der Szene ihren besonderen Reiz gibt. Ich bin allein; der Selbstauslöser der Kamera macht ein Bild von mir, dem See und dem Gletscher. Jahre später, unterdessen mit dem Schreiben dieses Buches beschäftigt, wird mir klar, dass ich damals in der Quelle der Reuss gebadet habe. Oder genauer, in einem von mehreren Quellseen des Flusses. Doch nur hier, im Witenwasserental, fliesst die Reuss direkt aus dem Gletschereis.»
Was für ein Einstieg ins Buch – und ins Wasser natürlich auch! Mehr noch: Mit dem Selbstauslöserbild des Autors beginnt «Die Reuss. In der Mitte der Schweiz und ihrer Geschichte». Nackt schreitet der Historiker und Wasserfachmann Jean-Daniel Blanc auf dem querformatigen Foto in den eiskalten Quellsee dieser Reuss. Auf der nächsten Seite gleich nochmals ein querformatiges Foto, wieder mit einem Gletschersee der Witenwasserenreuss, rechts davon das erste Kapitel mit dem Titel «Reusswasser aus vielen Gletschern» und mit dem oben zitierten Vorspann.
So frisch werden alle elf Kapitel eingeleitet, immer mit querformatigen Fotos des Autors und einem Vorspann, der gleichzeitig als Bildlegende dient. So sieht man beispielsweise im Kapitel «Grenzen, Kriege und immer mehr Brücken» aus der Untersicht eine Betonbrücke, die wir eigentlich alle kennen: «Die unzähligen Zugpassagiere, die täglich über die Brücke fahren, nehmen kaum Notiz von ihr, genauso wenig wie von der Reuss in der Tiefe.» Es ist das Eisenbahnviadukt von Mellingen auf der Strecke Olten-Lenzburg-Zürich. Oder zum Blick von der Halbinsel Isleten auf den Urner See und seine hohen Berge an einem sommerlichen Samstagabend notierte der Reuss-Fachmann: «Eine Idylle, aber vermutlich nicht mehr lang. Auch der Zeltplatz auf der grossen Wiese ist nur provisorisch. Werden hier bald Hotels stehen, Apartmenthäuser? Geniessen wir den Moment!»
Machen wir mit diesem vielfältigen, reichhaltig illustrierten Buch über den 164 Kilometer langen Fluss mitten in der Schweiz, der im Gotthard-Massiv beginnt und im Wasserschloss bei Brugg in die Aare mündet. Die Reuss, nach Rhein, Aare und Rhone der viertlängste Fluss der Schweiz, fliesst durch (oder entlang) sechs Kantone, mal abgesehen von Schwyz und Nidwalden, die am Vierwaldstättersee liegen. Fünf dieser sechs Kantone haben die Farbe Blau im Wappen. Blau wie der Himmel auf dem ersten Foto des Buches «Die Reuss».
Jean-Daniel Blanc: Die Reuss. In der Mitte der Schweiz und ihrer Geschichte. Hier und Jetzt Verlag, Zürich 2025. Fr. 44.-
Skandale in den Bergen: in den 1940er Jahren im Urnerland, 1965 und 1972 im Wallis.
«Es fällt mir nicht leicht, wenige Tage nach dem verheerenden Berg- und Gletschersturz von Blatten im Lötschental die Einleitung zu diesem Buch zu schreiben. So wie innerhalb weniger Augenblicke Ende Mai 2025 ein Dorf unter den herabdonnernden Eis- und Geröllmassen begraben wurde, so zerstörten Eismassen der abgebrochenen Zunge des Allalingletschers Ende August 1965 im hinteren Saastal Straßen und Wege, Baracken, Büros, Kantinen und Werkstätten, die für den Bau des Staudamms Mattmark errichtet worden waren. Während im Lötschental das Ausmaß der Zerstörungen von Landschaft und Dorf verheerend ist, so ist es bei der Katastrophe von Mattmark vor allem die große Zahl der Toten, die in Erinnerung bleibt.»
Schreibt die Herausgeberin Elisabeth Joris am Anfang des Buches «Mattmark 1965. Erinnerungen, Gerichtsurteile, italienisch-schweizerische Verflechtungen». Zur Erinnerung: In den zwei Millionen Kubikmetern Eis, die am 30. August 1965 kurz vor Schichtende um 17.20 Uhr das Barackendorf der Staudamm-Baustelle begraben, sterben 88 Menschen, 56 davon italienischer Nationalität, die meisten von ihnen Bauarbeiter; ein Drittel der getöteten Italiener stammt aus der Provinz Belluno im nördlichen Veneto. Elisabeth Joris lässt in ihrem Buch involvierte Frauen vom Saastal bis Belluno zu Wort kommen; auf dem eindrücklichen Cover eine junge Frau, die von zwei Männern wohl grad erfahren hat, dass ihr Liebster bei der Arbeit in der Schweiz umgekommen ist. Überhaupt die zahlreichen schwarzweissen Fotos im Buch: Sie machen die Katastrophe noch beklemmender als sie es ohnehin ist. Dazu trägt vor allem auch das Kapitel «Der steinige Weg vom Freispruch zum Fehlurteil» von Kurt Marti bei; Vasco Pedrina zeigt, dass der tödliche Gletscherabbruch wenigstens die gewerkschaftliche Migrationspolitik positiv beeinflusste.
«Mattmark 1965» ist ganz starkes Zeichen zu einem ganz schwachen Zeugnis schweizerischer Energie- und vor allem Justizpolitik. Dass die Baracken der Arbeiter unter den gefährlichen Allalingletscher – und das ohne Sicherheitsvorkehrungen – gestellt wurden, war schon skandalös. Dass die Experten, die vor einem plötzlichen Gletscherabbruch gewarnt hatten, dann nichts mehr davon wissen wollten und die Katastrophe als «unvorhersehbar» einstuften, war noch skandalöser. Dass das Walliser Kantonsgericht im Herbst 1972 alle Angeklagten, gegen wissenschaftliche Beweise zur Gefährlichkeit des Gletschers, frei sprach, war ein Justizskandal. Aber dass das Gericht damals den Familien der Opfer die Hälfte der Prozesskosten aufbürdete: Dafür fehlen die Worte. Die Zeitung L’Unità titelte zu Recht: «Schande».
Mehr zur vorhersehbaren Katastrophe im Roman «Ein unvorhersehbares Ereignis. Die Geschichte einer Katastrophe». Entlang seiner Figuren zeichnet Urs Hardegger ein lebendiges Bild der Wachstumseuphorie der 1960er Jahre und deren Auswirkungen auf Mensch und Natur. Themen, die bis heute nachwirken und noch immer hochaktuell sind. Der Roman beginnt so: «Wer ist schuld? Diese Frage lässt mir keine Ruhe mehr. Marios Tod raubt mir den Schlaf, auch diese Nacht habe ich wach im Bett gelegen, und meine Gedanken sind um ihn gekreist. Besonders jetzt, wo ich es niederschreibe, wühlt es mich auf. Man könnte sich fragen, warum erst jetzt? Warum hast du so lange geschwiegen, Hilfinger? Die Sache ist doch längst gegessen, liegt lange zurück.» Eben nicht. Und im Zeitalter der fortschreitenden, menschgemachten Klimaerwärmung mit immer unstabileren Bergen stellt sich die Frage nach Vorhersehbarkeit wohl noch häufiger als uns lieb ist.
Jetzt noch ein drittes Buch aus den Bergen, darin ebenfalls von einem Skandal die Rede ist. In «Die Nazis vom Schächenwald» deckt Reto Gamma eine Episode aus der jüngeren Urner Geschichte auf, nämlich die Aktivitäten einer Gruppe von Nationalsozialisten, die zu Beginn des Zweiten Weltkrieges in der im Schächenwald liegenden Munitionsfabrik Altdorf aktiv waren. Die verbotene Begeisterung für Hitler wurde bekannt, die Anführer wurden verhaftet und – knapp an der Todesstrafe vorbei – zu mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Was allerdings nicht vor Gericht landete, war die vertrauliche Reise des Direktors der Munitionsfabrik und des Chefs der Kriegstechnischen Abteilung des Militärdepartements zum deutschen Heereswaffenamt in Berlin anfangs Juni 1940. Die Deutschen wollten von der Waffenschmiede Oerlikon-Bührle 2000 Fliegerabwehrkanonen samt acht Millionen Schuss Munition kaufen. In der Folge erhielt die Munitionsfabrik Altdorf einen Grossauftrag von Bührle, sie musste gar von Zwei- auf Dreischichtbetrieb umstellen.
Zum versöhnlichen Abschluss noch eine persönliche Erinnerung zu Mattmark: Für die Untersuchung und Publikation von Otto Lütschgs „Über Niederschlag und Abfluss im Hochgebirge: Sonderdarstellung des Mattmarkgebietes. Ein Beitrag zur Fluss- und Gletscherkunde der Schweiz“ (1926 erschienen im Sekretariat des Schweizerischen Wasserwirtschaftsverbandes, Zürich) stellte mein Grossvater Hermann Anker Niederschlagsmesser auf und machte schwarz-weisse Fotos.
Und: Heute Mittwoch, 5. November, beginnt das Multimediafestival BergBuchBrig; es dauert bis zum Sonntag: www.bergbuchbrig.ch/programm/ Aus dem reichhaltigen Programm seien fünf Produktionen herausgepickt, wobei die Bücher der ersten drei auf bergliteratur.ch vorgestellt wurden:
▲ Spuren am Everest mit Jochen Hemmleb (Samstag, 13.00 Uhr).
▲ Über die Alpen – Pässe zu Fuss entdecken mit Marco Volken (Samstag, 17.00 Uhr).
▲ Et vous passerez comme des vents fous – Im Tal der Bärin; Lesung und Gespräch mit Clara Arnaud und Barbara Heynen (Sonntag, 15.00 Uhr).
▲ Speck auf dem Tödi: Ein theatralisch-musikalisches Erlebnis mit dem Schauspieler Gian Rupf und dem Akkordeonisten Fränggi Gehrig, zum Text von Emil Zopfi (Freitag, 19.00 Uhr).
▲ Walliser Stimmen zum Bergsturz von Blatten. Der Walliser NZZ-Journalist Samuel Burgener liest (literarische) Texte zu Blatten. Solche, die aufwühlen. Und solche, die zum Diskurs anregen. Klare Aussagen mischen sich mit sanften Zwischentönen (Samstag, 9.00 Uhr).
Vier Biographien zu Männern, die in der Welt der Berge mehr oder weniger bekannt sind.
«Dans cette tente étroite, on peut se demander si on campe réellement au mont Blanc. Au-dehors, on entend un mugissement continu tel que celui d’une mer démontée se brisant sur le rivage: c’est l’océan aérien qui est en mouvement. Un vent furieux secoue la toile de la tente qui se tend comme une voile de navire, les cordes chantent comme une harpe éolienne.»
Das fragte sich der Franzose Joseph Vallot (1854–1925) nach der ersten Nacht im Zelt auf dem Gipfel des Mont Blanc (4806 m) am 27. Juli 1887. Drei Nächte campierte er mit Freund Félix-Maxime Richard und zwei Bergführern auf dem Dach der Alpen, nicht zum Vergnügen, mais non. Vallot war Botaniker, Geologe, Meteorologe, Physiologe, Speläologe, Glaziologe und Astronom, ein Wissenschaftler mit unersättlicher Neugier, in Paris und Nizza und noch viel mehr am und auf dem höchsten Gipfel der Alpen. 34 Mal bestieg er ihn, zahlreiche Nächte verbrachte er dort oben, zuerst im Zelt, ab 1890 in seiner Hütte am Bosses-Grat rund 450 Meter unterhalb des Gipfels. Das Gebäude bestand anfänglich aus zwei Hälften, eine für die Wissenschaftler, die andere für die Alpinisten. Daraus entstanden zwei Gebäude. Sie bzw. ihre Nachbauten stehen heute noch am Mont Blanc-Normalweg: das Observatoire Vallot mit dem Laboratoire de glaciologie et géophysique de l’environnement und das Refuge Vallot. Letzteres ist eine Biwakschachtel ohne Komfort, hat aber schon vielen Alpinisten das Leben gerettet. Die Journalistin und Buchautorin Éliane Patriarca hat mit «Joseph Vallot. L’histoire méconnue d’un savant alpiniste» eine spannende Biografie über den Mann geschrieben, der am Mont Blanc nicht nur mit zwei Gebäuden verewigt ist, sondern auch mit den vier Vallot-Führern, der alpinistischen Bibel.
Nicht nur Joseph Vallot musste dem Wind in den Bergen trotzen. Das tat auch der St. Moritzer Kurarzt Peter Robert Berry (1864–1942), der sich in seiner zweiten Lebenshälfte zum Kunstmaler entwickelt hatte. Sein Lieblingsmalort war der Berninapass, und um die kraftvolle Natur draussen erfassen zu können, liess er eine Bretterwand errichten, an der er die Leinwand gut befestigen konnte. Doch einmal erfasste ein Sturm das Bild «Winterlicher Blick vom Berninapass» und trug es fort, im Frühling wurde es fünf Kilometer entfernt gefunden. «Die Wirkung des Wetters auf das unfertige Bild des Berninapanoramas gefiel Berry so gut, dass er es nicht mehr weiterbearbeitete», schreibt der Lektor und Autor Adrian Stokar in «St. Moritzer Metamorphosen. Der Arzt und Maler Peter Robert Berry 1864–1942». Abgebildet ist das Bild auf Seite 256. Die Biografie von Berry ist auch eine von St. Moritz, mit der Entwicklung vom verschlafenen Bergdorf zum mondänen Höhenkurort. Das Berry Museum befindet sich in der hundertjährigen Villa Arona im Herzen von St. Moritz; https://berrymuseum.com/
Starke Winde nicht nur am Mont Blanc und Berninapass, sondern auch an der Jungfrau: «Ihr Eisgebirge, Lawinen, der der Sturm in jähen Abgrund herniederfegt, kommt her, zerschmettert mich!» Kurzes Zitat aus «Manfred» von George Gordon Byron, 6th Baron Byron (1788–1824). Das 1817 publizierte Drama des englischen Poeten und Freiheitskämpfers spielt am Fuss der Jungfrau und machte für die Schweiz Reklame wie Schillers «Wilhelm Tell». Der Wunsch nach Zerstörung des Titelhelden und Touristen Manfred vereitelt ein einheimischer Gemsjäger. Lord Byron hielt sich 1816 auf der Wengernalp auf; eine Anhöhe daselbst hiess früher Byronhöhe. Ihr heutiger Name ist bekannter: Hundschopf. Der Waadtländer Schriftsteller, Philosoph und Übersetzer Étienne Barilier hat mit «Byron. Le poète en action» eine handliche Biografie über den höchst widersprüchlichen Menschen verfasst. Byron gilt als einer der Vorreiter der Romantik, doch sein Meisterwerk «Don Juan» verspottet diese Romantik immer wieder. Sein Leben war reich an Skandalen und Engagement, an moralischen Herausforderungen und körperlichem Mut, an wildem Egoismus und bewundernswerter Aufopferung. All das zeichnet Barilier nach. Mehr noch: Er hat zahlreiche Verse von Byron neu übersetzt, in ein Französisch, das man besser versteht als das englische Original. Die beste Lektüre für einen Ausflug an den Lac Léman und zum Schloss Chillon. Im stürmischen Sommer 1816 machten Byron und sein Dichterfreund Percy Bysshe Shelley einen langen Segeltörn auf dem Genfersee; in einem Sturm gerieten sie in Not, Byron als guter Schwimmer rettete Shelley. Dieser ertrank sechs Jahre später im Mittelmeer, nachdem das Segelboot gesunken war.
Der Stürme genug, mon Dieu. Wir retten uns in scheinbar ruhigere Gefilde, nämlich zum französischen Schriftsteller und Filmemacher Jean Giono (1895–1970). Seine Werke, die oft in der provenzalischen Bauernwelt verwurzelt sind, behandeln universelle Fragen zum Menschsein. Die alpine Kulturzeitschrift «L’Alpe» widmet «Giono» ihre Herbstausgabe. 1937 erschien sein Roman «Batailles dans la montagne»; die deutsche Ausgabe kam zwei Jahre später als «Bergschlacht» heraus. Im französischen Wikipedia hat dieser Bergroman einen eigenen Eintrag: «Situé le cadre de haute montagne du Trièves en Isère, il a pour sujet une haute vallée dévastée par une coulée d’eau et de boue qu’un héros sauvera en risquant sa vie pour combattre la catastrophe.»
Ich freue mich, dieses Werk von Giono zu lesen. Und natürlich auch die Berichte von Gabrielle Vallot, der Frau von Joseph, über die gemeinsamen Touren unter und über dem Erdboden: «Mes ascensions: les femmes ascensionnistes, la femme au mont Blanc» (Annuaire du Club alpin français, 1887) und «Grottes et abîmes, Basses-Cévennes» (1889). Ein Foto im Buch zeigt Gabrielle in eleganter Kleidung mit Hosen, Gamaschen, Pickel und Helm, eingerahmt von Ehemann und den Bergführern Alphonse Payot und Michel Savioz, die bei der Zeltpremiere auf dem Mont Blanc dabei waren.
Éliane Patriarca: Joseph Vallot. L’histoire méconnue d’un savant alpiniste. Édition Glénat, Grenoble 2025. € 20,00.
Adrian Stokar: St. Moritzer Metamorphosen. Der Arzt und Maler Peter Robert Berry 1864–1942. Mit einem kunsthistorischen Essay von Veronika Rall. Hier und Jetzt Verlag, Zürich 2024. Fr. 39.-
Étienne Barilier: Byron. Le poète en action. Savoir suisse, Lausanne 2025. Fr. 17.50.
Ein neues Buch über Josef Viktor Widmann, Autor von ersten belletritischen Erzählungen zu Eiger und Matterhorn. Sehr lesenswert. Und unerreicht im Preis-Leistungsverhältnis. Widmann wird wohl auch im Berggespräch im Beatus zu Merligen zu Wort kommen.
«Ihre Gedichte haben mir ans Herz gegriffen; ich habe alsobald gefühlt, daß da eine echte Note schwingt. Eines der Gedichte, ‹Meine Seele›, halte ich für die schönste Allegorie seit Schillers Gedicht ‹Kennst du das Bild auf zartem Grunde› über dieses Wohnen der Seele im Auge.»
Das schrieb der Schriftsteller, Redaktor und Literaturkritiker Josef Viktor Widmann (1842–1911) in einem Brief dem Schriftsteller und Lehrer Georg Küffer (1890–1970) zu dessen Gedichtband «Seelchen», der 1916 im Huber Verlag in Frauenfeld erschien; die dritte Auflage daselbst 1919. Die Berner Tageszeitung «Der Bund» urteilte folgendermassen:
«Das feine, kleine Büchlein ist zuverlässig keins von denen, die bald aus er Mode kommen. Dazu hat es viel zu gesunde Eigenart, viel zu schöne Form und zu viel Tiefe. Mehr sei nicht gesagt. Denn nicht um einen neuen Dichter entdeckt zu haben und an dem papiernen Himmel der Literaturgeschichte einen neuen Stern aufzuziehen, sind diese Zeilen geschrieben, sondern um ein Büchlein voll Poesie unter die Menschen zu bringen, die seiner bedürfen.»
Wahrscheinlich stammen diese Zeilen auch von Widmann. Denn als Feuilletonredaktor des «Bund» von 1880 bis 1911 publizierte er geschätzt 3500 Artikel; nach eigener Aussage besprach er rund 1000 Bücher pro Jahr. Gefunden habe ich die Urteile zum Gedichtband «Seelchen» in einer Verlagsanzeige hinten im Büchlein «Lenker Sagen» (1916) von Georg Küffer; 1925 gab er die «Sagen aus dem Bernerland» heraus. Von 1926 bis 1960 war Küffer als Deutschlehrer am Lehrerseminar Hofwil bei Bern tätig.
Nun hat das Robert Walser Zentrum in Bern – Widmann ist Walsers erster Entdecker und Förderer – eine ganz feine Publikation publiziert: «Mr. Feuilleton: Josef Viktor Widmann». Sieben Autorinnen und Autoren befassen sich in sieben Beiträgen mit dem «literarischen Wunderkind», «nervösen Zeitgenossen» und «Berner Literaturpapst», mit dem «Grenzgänger, ja Seiltänzer». In ihnen schwingt überall eine echte Note, selbstverständlich ebenfalls viel literarisches und kunsthistorisches Fachwissen. Und die Schrift bringt einen natürlich auch dahin, wieder mal Widmannsche Texte zu lesen. Beispielsweise «Der Held des Eiger» in den «Touristennovellen» (1892), «Die Matterhornbesteigung des Mr. Evertruth» aus «Spaziergänge in den Alpen. Wanderstudien und Plaudereien» (2. Auflage 1892) oder «Doktor Wilds Hochzeitsreise» (1923), eine Erzählung aus Mürren, die ich noch nicht kenne.
Die fünfte, vermehrte Auflage von «Spaziergänge in den Alpen. Wanderstudien und Plaudereien» (1909) hielt ich hingegen schon oft in der Hand. Aus aktuellem Anlass schlage ich «Beatenberg im Schnee» auf. Ich zitiere:
«Den Aufstieg [nach Beatenberg] hatte ich am Abend vorher, teilweise bei Mondschein, von dem Dorfe Merligen her gemacht; hier war gepfadet bis über den Wald hinaus und das Steigen also nicht allzu beschwerlich. Doch muß man sich auf sich selbst verlassen können. Denn auf dem ganzen Wege in nächtlicher Abendstunde ist mir kein Mensch begegnet, noch jemand hinter mir drein gekommen; ein Eichhörnchen, das über eine Waldlichtung lief und dem mein kleiner Hund mit lebhaften Sprüngen, aber natürlich umsonst nachsetzte, war das einzige lebende Wesen, das sich in dieser Einsamkeit zu spüren gab. Und wo findet man denn Nachtquartier? Nun! man ist nicht auf die Beatushöhle angewiesen.»
Nein, zum Glück nicht. Ich behaupte sogar, besser sei es, ganz auf den nächtlichen Aufstieg nach Beatenberg zu verzichten. Und gleich in Merligen ein Nachtquartier zu suchen. Oder wenigstens eine abendliche Veranstaltung. Denn im Rahmen des Programms «Wort, Kunst & Musik am See» des Beatus Wellness- & Spa-Hotels in Merligen sprechen Urs Heinz Aerni und Daniel Anker am Dienstag, 28. Oktober 2025, über die Berge und «Warum ein Leben ohne Berge sinnlos wäre». Ein mutiger Titel. In heutiger Zeit erst recht, wenn die Berge nicht mehr nur rufen, sondern vermehrt auch kommen, wuchtig und zerstörerisch. Wobei – die erste Sage in Georg Küffers Sammlung zur Lenk heisst «Die untergegangene Alp» und beginnt so:
«Wo jetzt am Abend die Gletscher leuchten und ihre Spalten tief und schaurig auseinanderklaffen, wo die geklüfteten Felsen kalt und kantig in die stürmischen Nächte ragen, der Sturmwind an die steile Felswand prallt und der Jodler des Sennen zerschmettert, da lachte einst eine farbige Pracht in die selige Welt hinaus. Saftige Matten nährten das köstlichste Gras; Alpenlilien und Sonnenröschen, Sterndöldchen und Goldklee säumten den sattgrünen Mantel der fruchtbaren Weiden und lagen darin zerstreut, wie die Sternlein am Himmel in einer Maiennacht.»
Wer die «Schweizer Bergwelten» benutzt, sieht weiter. Gilt auch für diejenigen, die am 15. Oktober 2025 in den PROGR in Bern wandern.
«Was mir schlaflose Nächte bereitet, ist die Tatsache, dass der Gletscherschwund nur ein Effekt des Klimawandels von vielen ist – neben absterbenden Korallenriffen, immer mehr Waldbränden, steigendem Meeresspiegel. Die Gletscher stehen nur exemplarisch für eine ganze Palette an Folgen des Klimawandels.»
Sagt der Glaziologie-Professor Daniel Farinotti, der an der ETH das enge Verhältnis zwischen Klima, Gletschern und Wasser erforscht. Wer gestern Montag die Sendung «Rendez-vous am Mittag» auf Radio SRF 1 gehört hat, weiss, wie schlimm es um die Korallenriffe steht. Wenn wir so weitermachen wie bisher, sterben sie unwiederbringlich ab, und zwar noch rascher als befürchtet. Die Folgen: weniger Küstenschutz am Meer, viel weniger Fische. Dazu der Meeresspiegel, der steigt. www.srf.ch/news/international/ungebremste-erderwaermung-klima-kipppunkte-ruecken-naeher-korallen-nicht-mehr-zu-retten. Kurz: Es wird immer ungemütlicher auf der Erde. Da hilft leider auch der Ausflug an die Herbstsonne überm Nebelmeer nur kurzfristig.
Das Interview mit Daniel Farinotti findet sich im grossen Buch «Schweizer Bergwelten. 100 Infografiken mit Weitsicht» von Fabian Lang. Das Interview ist illustriert mit einer Grafik, darin der Verlust des Gesamtvolumens aller Alpengletscher deutlich dargestellt ist, wobei die grüne Linie einem optimistischen Abnahmeverlauf entspricht, die rote einem pessimistischen. Beide Linien sinken aber beängstigend: Betrug das Gletschervolumen im Jahr 2003 120 km3, liegt es beim optimistischen Szenario im Jahr 2100 noch bei 37 m3, beim roten bei 4 km3. Den grössten Gletscher der Alpen wird man dazumal also noch knapp sehen.
Nicht alle Grafiken erschliessen sich so klar, andere manchmal erst auf den zweiten Blick. Aber dann: Was für erhellende Einsichten zur Schweiz und ihren Bergen, Bewohnern, Tieren und Pflanzen, angeordnet in den vier Kapiteln Klima, Wildnis, Kartografie und Mensch. Der Blick in die Aletsch-Zukunft: wie erwähnt – traurig. Die aufgezeichneten Flüge von Bartgeiern: absolut verblüffend. Die Kartengeheimnisse: zum Schmunzeln (auf Blättern der Landeskarte der Schweiz waren mal ein Murmeltier, ein Hecht oder ein Bergsteiger zu entdecken; das Hardermannli jedoch hat alle nachträglichen Korrekturen überlebt). Der Homo Montis: gleicht dem helvetischen Talmensch. Und was ist ein Quatterquetschi? Das gleiche wie ein Wetterguck oder Tatermännlein, nämlich ein Alpensalamander; 50 unterschiedliche deutschsprachige Bezeichnungen gibt es für ihn. Anders gesagt: «Schweizer Bergwelten» ist Fundgrube, Lexikon, Wegweiser und Standartwerk zugleich. Passt zudem bestens zur Diskussionsrunde am Mittwoch, 15. Oktober 2025, im PROGR in Bern: Wie steht es um unsere Berge?
Fabian Lang: Schweizer Bergwelten. 100 Infografiken mit Weitsicht. Helvetiq, Basel 2024. Fr. 69.-
Mittwoch, 15. Oktober 2025, 20 Uhr: Hauptsachen Talk – Wie steht es um unsere Berge? PROGR Kleine Bühne Podium, Bern. Der Klimawandel verändert die Berge der Schweiz. Wie wir damit umgehen sollen, müssen und können, diskutieren folgende Gäste: • René Maeder, Gemeinderatspräsident von Kandersteg und Grossrat (Mitte) • Nils Hählen, Leiter Abteilung Naturgefahren Kanton Bern • Philippe Wäger, Leiter Hütten und Umwelt beim SAC • Barbara Keller, Projektleiterin Ausstellung «Wenn Berge rutschen», Museum Alps Moderation: Hauptstadt-Redaktorin Jana Schmid Veranstalter: Hauptstadt, PROGR – Zentrum für Kulturproduktion www.progr.ch/de/agenda/hauptsachen-talk-wie-steht-es-um-unsere-berge-7774/
Drei klarsichtige Publikationen zum Gletscherschwund. Der Sommer 2025 war das viertschlimmste.
Die Ewigkeit schmilzt. Zurück bleibt der Sonne weisses Licht.
Die letzte der sechs Strophen im Gedicht «Gletscherschmelze» von Seraina Kobler, abgedruckt in der Nummer 232 der Schweizer Literaturzeitschrift «orte»; diese Ausgabe widmet sich dem Föhnrausch und anderen Naturphänomenen wie Bergsturz, Brockengespenst, Steinschlag oder Trogtal. Dichterische Texte wechseln ab mit sachlichen Beiträgen, illustriert mit perfekt abgestimmten Fotos von Marco Volken, dem selbst ein Porträt gewidmet ist.
Die Literaturzeitschrift «schliff» ihrerseits widmete 2023 eine ganze Ausgabe dem scheinbar ewigen Eis unter dem prägnanten Titel «Gletscherbersten». Sie bersten wirklich auseinander, nicht nur in den Alpen, sondern auf der ganzen Welt. An wenigen Orten zeigen sich die Folgen natürlicher Klimaschwankungen sowie des menschengemachten Klimawandels so drastisch wie in der Verflüssigung gigantischer Eismassen an den Polen. Aber in den Alpen sehen wir hier und jetzt, wenn das Eis weg ist und trostlose Geröllhalden zum Vorschein gekommen sind. Seitdem vielerorts von Gletschern auch als «Fieberthermometer» des Planeten die Rede ist, zeichnet sich eine erhöhte Aufmerksamkeit für das vermeintlich ewige Eis ab. In der fiktionalen Literatur so stark wie in der Sachliteratur. Und ganz einfach auch in einer Bildlegende, wie zu einem schwarzweissen Foto im Kapitel «Niedergang des Eises» von Matthias Huss: «Wo früher der Schwarzbachfirn war und über Jahre glaziologische Messungen durchgeführt wurden, blieb nach dem Sommer 2022 nur noch eine Steinwüste und etwas Toteis zurück.»
Es ist noch schlimmer gekommen. Am 1. Oktober 2025 ging folgende Meldung über die Bildschirme: «Drei Prozent weniger Gletschervolumen der Schweizer Gletscher. Das ist die Bilanz des Jahres 2025. Mit dem viertgrössten Schwund seit Messbeginn nahm die Eismasse damit in den letzten zehn Jahren um einen Viertel ab, wie das Schweizerische Gletschermessnetz (GLAMOS) und die Schweizerische Kommission für Kryosphärenbeobachtung der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz berichten.» Präsident von GLAMOS ist Matthias Huss. «Die stetig schwindenden Gletscher tragen dazu bei, dass sich das Gebirge destabilisiert», sagt er. Dies könne zu Ereignissen wie im Lötschental führen, wo im Mai 2025 eine Fels-Eis-Lawine das Dorf Blatten verschüttet habe. Man gehe davon aus, dass bis zum Ende dieses Jahrhunderts ein Grossteil unserer Gletscher verschwinden werde und anstatt der Eisriesen nur noch Geröllfelder zu sehen seien.
Die Gletscherlandschaft verändert sich vielerorts rasant. So musste etwa der Betrieb der Eisgrotte am Rhonegletscher im Sommer 2025 eingestellt werden. Denn der Eisblock, der längst vom Gletscher getrennt war und nur noch künstlich mit Tüchern geschützt wurde, ist zu klein und zu dünn geworden. Traurig hängen die Tücher über den letzten Eisresten. Auch andernorts versuchen solche Schutzdecken, das Abschmelzen des Eises zu verhindern. Nochmals Matthias Huss: «In rund zehn verschiedenen Schweizer Skigebieten wie beim Gurschengletscher auf dem Gemsstock, auf dem Titlis oder in Zermatt managt man das Abschmelzen der Gletscher mit Vliesabdeckungen». Dennoch könnten die Gletscher der Schweiz unmöglich mit technischen Massnahmen, sondern nur durch wirksamen, weltweiten Klimaschutz noch zum Teil gerettet werden. Nicht gerettet, sondern noch.
Passend zur glaziologischen Schreckensmeldung erschien der von vier Gletscherwissenschaftlern verfasste Bildband «Schweizer Gletscherlandschaften im Klimawandel. Eine Panorama-Zeitreise» mit so trefflichen wie tristen Fotos. Wunderbar leuchten Geröll und Stein auf den Panoramafotos von Andreas Wipf, und dort, wo es noch Schnee und Eis hat, gleisst das Weiss. Aber immer weniger, weil wir – eigentlich bekanntlich – seit Jahrzehnten das Klima aufheizen und die Gletscher überall auf der Welt verschwinden, der kleine Geltengletscher eben so schlimm Grönlands Eisschild. Der Bildband beleuchtet in 25 Kapiteln, wie schnell das scheinbar ewige Eis vom Trient bis Silvretta schmilzt. Und was neu entsteht. Ob uns das gefällt? Nochmals Seraina Kohler:
Erinnerungsspuren verschwinden unter Saharastaub und geteerten Schatten, dem Schutt bröselnder Berge.
Föhnrausch. In Kooperation mit «Alpentöne» und dem Urner Institut Kulturen der Alpen. Orte – Schweizer Literaturzeitschrift. Nr. 232, August 2025. Orte-Verlag, Schwellbrunn. Fr. 18.-
Kathrin Schuchmann, Alexander Honold, Boris Previšic (Hg.): Gletscherbersten. schliff Literaturzeitschrift N° 16. edition text+kritik, Köln 2023. € 9,80.
Andreas Wipf, Samuel U. Nussbaumer, Horst Machguth, Heinz J.Zumbühl: Schweizer Gletscherlandschaften im Klimawandel. Eine Panorama-Zeitreise. Haupt Verlag, Bern 2025. Fr. 48.- Buchvernissage am 13. November 2025 um 19.00 Uhr im Atelier 14B bei der Buchhandlung Haupt am Falkenplatz in Bern. Eintritt frei inkl. Apéro. https://hauptbuchhandlung.ch/kurse-events/13.11.2025-Schweizer-Gletscherlandschaften-im-Klimawandel
Krimis, die in Tourismusorten spielen, ein Krimivortrag in der Lenk im Simmental und das Schweizer Krimifestival in Bern. Gänsehaut im Oktober, trotz hoffentlich vielen Sonnenstrahlen.
«Sonja hob beherzt beide Wanderstöcke in Richtung des gegenüberliegenden Brückenkopfes und huschte mit leichten, schnellen Schritten über das Eis, noch ehe er reagieren konnte. ‹Uff, geschafft!›, frohlockte sie. André entfuhr erneut ein gepresstes ‹Mist!›. Jetzt war er an der Reihe. Er beäugte kritisch das dünne Eis. Immerhin wog er ein paar Kilo mehr als seine Gattin. Sie ermunterte ihn: ‹Komm schon, du Held!›. Er gab sich einen Ruck und betrat die Traverse mit einem ersten vorsichtigen Schritt, dann einem zweiten und einem … aber da geschah etwas für ihn völlig Unerwartetes.»
«Ewiges Eis» heisst die Krimigeschichte, in der Stefan Haenni diese Szene mit einem Touristenpaar bei einer Spalte des Grossen Aletschgletschers beschreibt. Wie wir wissen, schmilzt der grösste Gletscher der Alpen wegen des Klimawandels täglich traurig weiter ab. Eine Brücke über eine Spalte hält ohnehin nicht ewig – erst recht nicht, wenn… Das sei nicht verraten. Selber lesen im Buch «Müesli, Mord und Matterhorn». Es enthält 15 Kurzkrimis aus der Deutschschweiz und ist erschienen zum Schweizer Krimifestival vom Samstag, 18. Oktober 2025, im Hotel National in Bern. So spannend die Geschichten, wie «Schneeweiss» von Sunil Mann, die in den Hügeln von Spiez spielt; so sinnig das rote Titelbild mit Schweizer Kreuz und Eispickel; etwas fehlt: ein Kurzkrimi zum Matterhorn.
Dabei hätte Christine Bonvin – sie eröffnet die Anthologie mit «Geheime Würzmischung» – sicher eine Story zum berühmtesten Berg der Schweiz schreiben können. Schliesslich heisst ihr erster Krimi mit der Hotelfachfrau und Hobbyermittlerin Laura Pfeiffer «Matterzorn». Im dritten Band «Brand im Alpenland», der am 10. September 2025 erschienen ist, lebt und arbeitet sie in Crans-Montana, wo die Vorbereitungen für die Alpinen Skiweltmeisterschaften von 2027 auf Hochtouren laufen. Doch dann wird ein Gegner des Sportevents ermordet. Christine Bonvin tritt am Krimifestival in Bern auf.
Skiweltmeisterschaften, allerdings Nordische, fanden ebenfalls in Oberstdorf statt. In diesem südlichsten Dorf Deutschlands ist der Thriller «Die Schanze» angesiedelt, ohne dass Autor Lars Menz den Ort freilich benennt. Aber wo sonst hat es so hohe Schanzen und gleichzeitig noch alpine Skianlagen? An einer der Schanzen wird ein böser Einheimischer aufgehängt, ein anderer von einer der Pisten in eine Schlucht mit tödlichem Ausgang gestossen. All das, weil Ellen, die als Jugendliche ganz Schlimmes erlebt hat, als Ärztin in ihr Heimatdorf zurückkehrt und eine alte Praxis übernimmt. Die richtige Lektüre für die nächsten Wintersportferien, in Engelberg (ebenfalls bekannt für alpine und nordische Anlagen), Crans-Montana oder Oberstdorf (die Bahnfahrt dorthin dauert von Bern gleich lang wie nach St. Moritz).
Etwas weiter weg liegt ein anderer Wintersportort: Åre in Mittelschweden. Dort wurde am 6. Januar 1940 mit dem Lundgårdslift der erste Skilift des Landes eröffnet. 1954, 2007 und 2019 fanden die alpinen Skiweltmeisterschaften in Åre statt. Im Kriminalroman «Unter der Erde» von Sara Strömberg taucht beides auf, der Tourismus und der Klimawandel. «Die Natur hatte von neuen Skipisten und Liften in der Gegend die Nase voll.» Das zeigt sich nicht zuletzt in heftigen Regenfällen, was zu einem Erdrutsch führt, der eine verschwundene Person und dann unvergessene Geschichten offenlegt. Bevor wir weitergraben und weitere Leichen finden, noch ein weiterer kriminalistischer Hinweis, und zwar auf das Festival «LiteratureLenk. Der Röstigraben n’existe pas.» vom 10. bis zum 12. Oktober.
Am Sonntag, 12. Oktober um 13 Uhr, stelle ich im Vortrag «‹Als Simmentaler Sherlock Holmes unterwegs sein!› Tod am Wildstrubel» ein paar alte und neue Krimis vor. Von Zacharias Werners «Der vierundzwanzigste Februar» von 1809 bis zum Niesenkrimi «Weitsicht» von Esther Pauchard, und mittendrin die wieder aufgetauchte «Sage von der Plaine Morte» von Jakob Christeler. Mit dabei auch der Kurzkrimi «Die harte Tour» von Stefan Haenni. Hier ein Ausschnitt, wobei nicht verraten wird, ob die beiden Skitouristen den Gipfel des Wildstrubels noch erreichen werden:
«Bert schlägt Luca mit einem kameradschaftlichen Schlag auf den Rücken und reicht ihm die Trinkflasche. Durch den heftigen Rückenschlag wäre Luca beinahe gestürzt. Bert lacht. ‹Hoppla, Schorsch! Du scheinst bereits schwach zu werden.› Anschließend gewinnen die beiden Alpinisten schnell an Höhe. Sie marschieren über das markante Schneefeld. Bert und Luca folgen zuerst dem rechten Rand, dann links der Seitenmoräne des Strubelgletschers. Der Gletscher soll laut Routenbeschreibung spaltenreich sein.»
Paul Ott, Barbara Saladin (Hrsg.): Müesli, Mord und Matterhorn. Gmeiner Verlag, Meßkrich 2025. € 14,00.
Nur klettern ist schöner als schwimmen. Doch wer Brandungspfeiler erklettern will, muss durchs Wasser.
«La vie est un stack. L’homme, son oiseau de passage. Un jour, tout s’écroule.»
Compris? Mais non! Keine Ahnung, was ein Stack ist. Vielleicht hilft ein zweites Zitat aus einem Buch zum Stackisme:
«Le plus difficile dans l’alpinisme, ce sont les vagues.»
Damit kommen wir schon weiter bzw. höher. Bergsteigen und Wellen, also Meer. Genau darum geht es im jüngsten Buch des französischen Star-Reiseschriftstellers Sylvain Tesson: «Les piliers de la mer». Das sind die Brandungspfeiler vor Kliffküsten. Wer «Stack» beim Duden eingibt, kommt bei einer Bedeutung schon ans Meer, nämlich zur Buhne. Zum «(senkrecht zur Küste oder zum Ufer verlaufenden) dammartigen Küsten- oder Ufervorbau aus Pfählen, Steinen o. Ä. als Schutz vor Abspülung oder zur Anlandung.» Aber die Stacks, die Tesson zusammen mit seinem Bergführer Daniel du Lac rund um die Welt erklettert hat, sind genau das nicht. Kurzer Zugriff auf Wikipedia: «Brandungspfeiler sind vor einer Kliffküste aufragende Felsentürme und vergleichbare Formationen, die durch Brandungserosion gebildet wurden. Sie entstehen durch Einsturz von Brandungstoren oder Abtrennung von Brandungsgassen, vor allem in Landschaften, wo felsige Bergzüge bis ins Meer reichen.» Voilà. Also nicht von Menschenhand geschaffen. Höchstens von Menschen erklettert. Wenn sie denn das Gefährlichste an einer Besteigung geschafft haben. Und das ist nicht die Vertikale am Fels, sondern die Horizontale im Wasser. In den Wellen eben, durch die man schwimmend oder im Boot fahrend die Felssäule erreichen muss. Bei der Rückkehr vom Stack, so die englische Bezeichnung, dann nochmals die Brandung. Klettern für Wasserratten und Gipfelstürmer.
106 Stacks hat Tesson erklettert. Von der Aiguille creuse in Étretat an der französischen Atlantikküste (craie à silex, 55 mètres, 5c, canot à rame) bis Le Scalde (Rising og Kellingin) an der Färöer-Insel Streymoy (basalte, 70 mètres, 6b, Zodiac). Immer Angaben zu Ort, Felsart, Turmhöhe, Kletterschwierigkeit und Transportart auf dem Wasser; letzteres manchmal auch zu Fuss bei Ebbe, oft aber mit dem Zodiac-Festrumpfschlauchboot. Wenn die Kletterer keine Namen für ihre Meerespfeiler fanden, erfanden sie einen, manchmal auch, weil sie Lust dazu hatten. Bei Lipari tauften sie einen 30 Meter hohen Turm Claudia Cardinale, in Sardinien einen kleineren Ornella Muti. An der Küste von Zakynthos gaben sie einem 120 Meter hohen Kalkturm den Namen Penelope, während gleichenorts Odysseus mit einem 18 Meter hohen Türmchen Vorlieb nehmen muss. Armer Kerl.
Wie immer bei Tesson, wird die ganze Outdoor-Tätigkeit mit viel Geschichte, Literatur und Philosophie bedacht. Dass er an den schottischen Alpinisten und Autor Tom Patey erinnert, ist natürlich ein Muss; er verunglückte beim Abseilen von The Maiden, einem Brandungspfeiler bei Whiten Head vor der Küste von Sutherland, tödlich. Warum aber der deutsche Dichter Novalis auftaucht, erschliesst sich nicht sofort. Anderes hingegen schon. Wo Tesson die schwierigen und gegensätzlichen Bedingungen des Stackismus erläutert, schreibt er: «Les crabes, eux, excellent à ces contradictions. Dans l’eau, sur la roche: toujours contents.»
Wir sind es gleichfalls bei der Lektüre. Klar, muss man um die halbe Welt fliegen, um ein paar Brandungspfeiler zu besteigen? Doch diese Frage stellt sich nicht nur beim Bergsport, sondern überhaupt beim Reisen. In der Schweiz sind freistehende Felstürme im Wasser halt selten. Es gibt sie aber schon, wie den Schillerstein im Vierwaldstättersee. Kann bzw. darf man überhaupt auf ihn klettern? Ursprünglich 40 Meter hoch, wurde er 1838 um ein Drittel gekürzt, da herabfallende Steine vorbeifahrende Schiffe gefährdeten. «Un jour, tout s’écroule»: Kann auch von Menschenhand sein.
Sylvain Tesson: Les piliers de la mer. Éditions Albin Michel, Paris 2025. € 21,90. Mit ausklappbarer Karte zu den bestiegenen Stacks.
Zwei Ausstellungen und ein Buch mit Ferdinand Hodler im Zentrum. Passend dazu die Ernst-Kirchner-Show im Kunstmuseum Bern. Denn auch bei ihm blicken wir immer wieder auf die Berge.
«Im Laufe des 19. Jahrhunderts konzentrieren sich die Darstellungen der Schweizer Identität auf zwei Themen: Bauernschaft und Berglandschaft. In einem von Melancholie geprägten Rückzug auf sich selbst identifiziert sich die Schweiz mit der untergehenden ländlichen Welt und dem Alpenraum, für den sich allmählich der Tourismus interessiert. Das ehemals gefürchtete Gebirge wird zu einem Objekt der Faszination. Die alpinen Freizeitaktivitäten entwickeln sich dank des Aufschwungs im Transportwesen und in der Hotellerie – Hodler selbst verbringt Weihnachten und Neujahr regelmässig in Grindelwald in den Berner Alpen.»
Das lesen wir an einer Wand in der Ausstellung «Hodler. Un modèle pour l‘art Suisse» im Musée d‘art et d’histoire in Neuchâtel. Passend dazu die Wandinformation im Saal IV «Ode an die Alpen» der Ausstellung «Panorama Schweiz. Von Caspar Wolf bis Ferdinand Hodler» im Kunstmuseum Bern:
«Ein unübersehbares Charakteristikum der Schweiz und damit auch ein zentraler Gegenstand der Schweizer Kunst bildet die Alpenlandschaft. In das unwirtliche Hochgebirge wagen sich Künstler erst im 18. Jahrhundert, im Zeitalter von Aufklärung und Romantik, um als Begleiter von Naturforschern präzise Widergaben von Gipfeln, Gletschern und Bergseen zu schaffen. Zu ihnen zählt Caspar Wolf, der heute als einer der Pioniere der Schweizer Landschaftsmalerei gilt. (…) In der Moderne erfuhr die Alpenmalerei durch formal vereinfachende Herangehensweisen erneut eine Weiterentwicklung. Insbesondere Ferdinand Hodler gilt als Erneuer des Genres.»
Voilà. Hodler à Neuchâtel, Hodler in Bern. Mit Gemälden, die wir kennen. Das Jungfraumassiv von Mürren aus (1911), Le Grammont au soleil (1917), Le Léman vu de Caux au soleil couchant (1917). Weniger bekannt dürften Les Dents du Midi vues de Champéry (1916) sein. Ein Ausschnitt davon bildet das Titelbild des Buches «Hodler. Un modèle pour l’art suisse», das für die gleichnamige Ausstellung erschienen ist. Sie war im Winter und Frühling im Musée d’art de Pully und ist jetzt im Sommer und Herbst in Neuenburg zu sehen. Nicht verpassen! Denn so viele grossartige Bilder und Bergbilder konnten wir schon lange nicht mehr bewundern. Mehr noch: Gerade weil sie thematisch gehängt sind – beispielsweise der Grammont von Cuno Amiet, Oswald Pilloud und weiteren Kunstmalern –, können wir nachvollziehen, wie Hodler stilbildend gewirkt hat. Oder die Darstellungen bäuerlichen Lebens und Arbeitens: Stehen wir vor seinem Holzfäller, spüren wir die Kraft des Schlages, ja hören, wie die Axt niedersausen wird. Es ist halt immer wieder ein Erlebnis, wenn man Gemälde live sieht, mit Distanz, aber ebenfalls aus der Nähe. Auch aus diesem Grund: auf zum Hodler, seinen Vorgängern, seinen Zeitgenossen. Zudem gibt es Entdeckungen zu machen. Die Gletschergemälde von Annie Stebler-Hopf und Martha Stettler, der Mont Vully überm Neuenburgersee von William Röthlisberger: grossartig. Ebenso Viktor Surbeks Brienzersee bei Iseltwald oder Plinio Colombis Vorfrühling und Paysage d’hiver.
Und wenn wir schon in Bern sind: Seit drei Tagen zeigt das Kunstmuseum die Ausstellung «Kirchner x Kirchner». Im Zentrum steht die Wiedervereinigung der beiden wandfüllenden Werke von Ernst Kirchner, Alpsonntag. Szene am Brunnen und Sonntag der Bergbauern. Bauernschaft und Berglandschaft vereint.
Niklaus Manuel Güdel, Laurent Langer, Philippe Clerc: Ferdinand Hodler. Un modèle pour l’art suisse. Éditions Notari 2025. Fr. 30.- in der Ausstellung in Neuchâtel, sonst Fr. 40.-
Vom 10. bis 13. September 2025 findet in Altdorf die Tagung «Literaturen der Alpen» statt. Wir stellen hier zwei Bergromane vor. Allerdings spielt einer von ihnen in den Pyrenäen. Aber die Themen gleichen sich.
«Und Gaspard denkt, dass er wieder den Aufstieg wagen wird, dass das das einzig mögliche Leben ist, das große und raue Leben da oben, dass er die Schafe wieder auf die Alm und später von der Alm heruntertreiben wird. Denn alles fängt immer wieder von vorne an, es wird andere Bären geben, das Junge der großen Braunbärin, das vielleicht wiederkommt, weitere Dürren und gewittrige Sommer. Wenn er auf Jeans Rat hört, wenn er seinem Instinkt folgt, wird er langsam an Erfahrung gewinnen und ein richtiger Schäfer werden. Zehn Jahre auf derselben Alm, hat Jean gesagt. Vielleicht muss er den Gedanken akzeptieren, dass die Berge für ihn entscheiden.»
Was für eine bemerkenswerte Vorstellung unten auf Seite 337: … dass die Berge für jemanden entscheiden. Hier für den Schäfer Gaspard. Vielleicht aber auch für uns. Oder entscheiden wir uns für sie? Und dann bestimmen sie uns? Wie auch immer: Gaspard ist eine der drei Hauptfiguren im Roman «Im Tal der Bärin» der Französin Clara Arnaud. Sie lebt in den Pyrenäen, und dort spielt auch «Et vous passerez comme des vents fous» (so der Originaltitel). Die zweite Figur ist die Biologin Alma; sie erforscht am Zentrum für Biodiversität in Arpiet das Verhalten der hier wieder angesiedelten Bären und will herausfinden, wie ein Zusammenleben zwischen den Wildtieren und dem Menschen besser funktionieren kann – beziehungsweise überhaupt. Denn die Einheimischen halten gar nicht viel von den Bären, ihr Auftreten sorgt für ein ähnliches Durcheinander von Meinungen und Emotionen, Schutzvorkehrungen und Abschüssen wie bei uns der Wolf. Und dann ist da noch der Tanzbärenführer Jules, der einst ein Junges aus einer Bärenhöhle stahl und mit ihm um die Welt reiste. Mit dem Raub beginnt der Roman, mit der Erinnerungstafel an Jules schliesst er.
Das Zusammenleben in einem Bergtal ist eben nicht immer Idylle. Erst recht nicht, wenn ein Unternehmer von aussen überrissene Projekte an- und zugleich alte Wunden aufreisst, die das Militär mit atomaren Bunkern im Kalten Krieg getätigt hat. Im grossen Kloster findet sich die heile Welt bloss teilweise, und die Liebe blüht nur im Verborgenen. Wenn dann noch der Berg rutscht – mei Dieu! «Der Berg der Namenlosen» von Urs Augstburger spielt wie schon «Das Dorf der Nichtschwimmer» (2020) in der Surselva und insbesondere in Disentis; https://bergliteratur.ch/bergromane-erster-gang/. Die Hauptfigur Meret Sager kennen wir zudem noch aus «Das Tal der Schmetterlinge» (2023); https://bergliteratur.ch/die-katastrophen-von-mitholz/. Eine gebirgige Trilogie: das Tal, das Dorf, der Berg.
Wer sich für solche Literatur interessiert, sollte vom 10. bis 13. September 2025 nach Altdorf pilgern. Die Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft und das Urner Institut Kulturen der Alpen laden zur Tagung «Literaturen der Alpen» ein. Im Fokus stehen literarische Auseinandersetzungen mit der alpinen Welt – von Naturdarstellungen bis zu ökologischen Fragen im Anthropozän. Das Programm bietet Vorträge, Nachwuchskolloquien und eine Wanderung in die Urner Alpen; www.kulturen-der-alpen.ch/fileadmin/user_upload/Tagung_Literaturen_der_Alpen.pdf. «Alle Interessierten sind herzlich willkommen!», heisst es auf der Website. Am Donnerstag, 11. September um 14 Uhr, widmet sich Martina Kopf den Die Alpen in der europäischen Gegenwartsliteratur und fragt uns: «Und der Berg ruft immer noch?»
Clara Arnaud: Im Tal der Bärin. Antje Kunstmann Verlag, München 2025. € 25,00. Urs Augstburger: Der Berg der Namenlosen. Bilgerverlag, Zürich 2025. Fr. 35.-