Skigeschichte(n)

Nur Ski fahren ist schöner als Ski lesen. Wer’s (nicht) glaubt, kurvt durch Schnee und Seiten.

11. Dezember 2019

„Wollen Sie selbst Ski fahren?“, fragte die Verkäuferin ungläubig. „Ich dachte, das sei ein Sport für Männer.“
„Selbstverständlich möchte ich selbst Ski fahren“, schnaufte Mizzi Kauba. „Aber ich entnehme Ihrer Antwort, dass Sie mir keine passende Kleidungsempfehlung geben können.“

Und natürlich auch keine Ski! Wohin rutschten wir ab, wenn sich die Frauen auf einmal auch der schmalen Bretter bedienten? Wenn möglich gar noch in praktischen Hosen statt in knöchellangem Rock? Schickt sich nicht. Einfach nicht. Da war aber Mizzi Langer-Kauba (1872–1955) ganz anderer Meinung. Die Sportlerin und Alpinistin führte anfangs des 20. Jahrhunderts das erste Sportgeschäft Wiens in der Kaiserstrasse 15; der Schriftzug „Mizzi Langer-Kauba“ belebt noch immer die Fassade. Vor zwei Monaten ist der Roman „Lottes Traum“ von Beate Maly erschienen, darin es genau um das geht: um das Fahrt-Aufnehmens des Skilaufs, vor allem in Wien, und auch für Frauen, aber bitte in neumodischer Bekleidung; um den alpinen Skipionier Mathias Zdarsky, der am 19. März 1905 am Muckenkogel bei Lilienfeld den ersten Torlauf der Skigeschichte organisierte, mit 24 Teilnehmern, darunter Mizzi Langer-Kauba als einzige Frau.

Entdeckt hätte ich diesen historischen Skiroman nie, wenn nicht auf dem Titelbild eine Frau mit Holzski, Stöcken und kurzem Rock über Hosen posierte, darunter ein Foto vom winterlichen Wien. Mizzi ist in diesem 543-seitigen Buch nur eine wichtige Nebenfigur. Als Hauptakteurin kurvt die junge Charlotte Seidl aus dem Berg- und Skiort Mürzzuschlag zwischen Kaiserstrasse, Prater und Lilienfeld, zwischen passender Skiausrüstung, sozialen Schichten und den Blicken angesehener Männer. Ein atmosphärisch und skisporthistorisch schneedichter Roman. Auf die geplante Fortsetzung sind wir so gespannt wie auf den sonnigen Morgen, wenn es in der Nacht geschneit hat.

In der Wartezeit nehmen wir zwei andere flockenfrische Skibücher zur Hand. Zum einen das mit feinen und vielen Fotos, Plakaten und Zeichnungen illustrierte Werk „Une histoire du ski“. Gilles Chappaz & Guillaume Desmurs spuren kraft- und humorvoll in fünf Kapiteln von 1850 („Et le ski devint alpin“) bis heute („La métamorphose permanente“). Ab 1970 wird dem „État de glisse“, den Rennen und dem Freeride allerdings etwas gar viel Platz zum Abheben eingeräumt, während dem weltweiten Skitourismus mit Rummel und Gerammel, mit Carvingwonne und Pistenwahnsinn, mit Liftausbau, aber auch –abbau, nur ein Anfängerhang zugeschoben wird. Tant pis! Machen wir einen eleganten Sprungschwung in Keilhosen mit der US-Amerikanerin Andrea Mead Lawrence, Doppelolympiasiegerin an den Olympischen Winterspielen 1952 in Oslo, dem ehemaligen Christiania. Und hocken wir mit Arnold Lunn nach einem strengen Skitag am sonnigen Hotelfenster in Mürren und lesen zu „skiing“ mit seinen beiden „i“ in der Wortmitte das hier: „Une particularité graphique qui évoque deux traces parallèles dans la neige ou deux ski plantés dans la neige.“ Nice, isn’t it?

Und selbstverständlich haben Arnold Lunn und Mürren ihren Auftritt im jüngsten „Schneehasen“, dem Jahrbuch des Schweizerischen Akademischen Skiclubs SAS, 1924 in Bern gegründet durch den Mürrener Walter Amstutz. Die 40. Ausgabe dieser so wendigen wie trendigen, so traditionellen wie überraschenden Schrift schwingt auf knapp 300 Seiten durch eine Fülle von Themen und Geschichten in Deutsch, Französisch und English. Ein paar markante Passagen mögen und müssen genügen: The History of the Kitzbühel Ski Club and the Hahnenkamm Races; die Skierstbesteigung des Mont Blanc 1904 (also genau in dem Jahr, in dem Lotte Seidl nach Wien kommt); Porträt von Roman Zenhäusern, Olympiasieger und SASler; von Sarah Springmann, ETH-Rektorin und ehemalige Spitzensportlerin; von Ester Ledecká, Doppelolympiasiegerin in zwei verschiedenen Schneesportarten und Siegerin der Abfahrt in Lake Louise vom vergangenen Samstag. Am Berührendsten aber ist der überzeugende Beitrag von Arnold Koller, alt Bundesrat und Mitglied des SAS Fribourg, der sich auch mit 86 Jahren noch „jedes Jahr auf den Winter und besonders das Skifahren freut wie ein kleiner Bub“. Wir wedeln ihm nach, mais bien-sûr!

Beate Maly: Lottes Träume. Blanvalet, München 2019. Fr. 15.90.

Gilles Chappaz & Guillaume Desmurs: Une histoire du ski. Éditions Glénat, Grenoble 2019, € 25.-

Der Schneehase. Edition 40, 2016–2019. Schweizerischer Akademischer Skiclub SAS. Schriftleitung Ivan Wagner. Fr. 79.- Zu beziehen bei: SAS-Verlag c.o. Kessler AG, Forchstrasse 95, 8032 Zürich, Tel. 044 387 87 11, info@kessler.ch.

Zwei Ausstellungen und eine Suchaktion zum Thema Ski & Schnee:

Irans Winter. Abseits der Piste. Ausstellung im Alpinen Museum der Schweiz in Bern (bis 12. April 2020). Biwak#25 lässt Iranerinnen und Iraner über ihre Berge erzählen. Was lockt sie in die Berge? Was entdecken sie in den Bergen? Wie privat ist der öffentliche Raum der Berge im Vergleich zur Stadt? Am Freitag, 13. Dezember 2019 um 19 Uhr, findet ein Skitourenabend mit folgenden Gästen statt: Bergführer Jürg Anderegg, der im Iran regelmässig mit Kunden abseits der Piste unterwegs ist; Filmerin und Fotografin Caroline Fink, die die Ausstellung kuratiert hat; Manfred Heini, passionierter Berggänger, der mit seiner Familie seit knapp zwei Jahren im Iran lebt.

Der grosse Schnee. Ausstellung in der Galerie Luciano Fasciati an der Süsswinkelgasse 25 in Chur (bis 28. Dezember 2019). Basis der Ausstellung bildet das Kinderbuch „Der grosse Schnee“ von Selina Chönz aus dem Jahr 1957, das von Alois Carigiet illustriert wurde. Es werden Originalzeichnungen in Kombination mit zeitgenössischen Arbeiten von Kunstschaffenden wie Judith Albert, Hans Danuser, Ursula Palla, Roman Signer, Jules Spinatsch und Not Vital gezeigt. Am Mittwoch, 11. Dezember 2019 um 19 Uhr, Führung durch die Ausstellung mit der Kunsthistorikerin Seraina Peer. luciano-fasciati.ch

Fundbüro für Erinnerungen. Unter dem Motto „Bring Leben in unsere Sammlung!“ sucht das Alpine Museum der Schweiz in der Bevölkerung Material, Fotos, Filme und Geschichten zum Thema Skifahren. Die Suchaktion mit Start am Internationalen Tag der Berge (11.12.19) kündet gleichzeitig den neuen Ausstellungsraum Fundbüro für Erinnerungen an, der am 15. Februar 2020 eröffnet. Ski-Material und Geschichten anmelden unter: fundbuero.alpinesmuseum.ch

Kirkpatrick, Kurtyka & Hainz

Drei ganz unterschiedliche (Auto)biographien von drei Topalpinisten aus drei Ländern und zwei Generationen. Sie passen perfekt zum Internationalen Tag der Berge am 11. Dezember 2019.

5. Dezember 2019

„Ich weinte auf dem Gipfel des El Capitan, nach meinem Solo der Aurora, als ich dachte, dass dies ein guter Ort für meine Asche sei, und mir ausmalte, wie meine jungen Kinder sie hier verstreuten. Vermutlich hatte ich gehofft, dass mich meine Vorstellungskraft etwas länger am Leben lassen würde.“

Ausschnitt aus einem neuen Buch, das ich allen fest empfehle: Bergsteigern und solchen, die es nie werden wollen. Das Buch heisst „Ungekannte Freuden. Über das Leben, den Tod, das Klettern und alles dazwischen“. Geschrieben – und gezeichnet! – hat es Andy Kirkpatrick, Jahrgang 1971. Dieser verrückte Engländer, der uns seit 2008, seit dem Erstlingswerk „Psychovertical“, sein Leben erzählt. Besser wohl: sein Überleben. Seinen Weg vom Hilfsschüler mit einer erst spät diagnostizierten Legasthenie zum Alpinisten und Schriftsteller, zum Ehemann und Vater. Mit seinen haarsträubenden Touren, den Enttäuschungen und Zweifeln, den Ängsten und Gewissensbissen, der Trauer und immer wieder: der Freude am Leben, am Überleben natürlich auch. Ein Lesegenuss, ein Leseabenteuer für alle. Gerade auch für diejenigen, die mit dem Bergsteigen gar nichts an der Mütze haben.

Sie hat eine Schwäche für die starken osteuropäischen Bergsteiger, die Kanadierin Bernadette McDonald, Autorin und Fachfrau in Sachen Bergliteratur und -film. Nach den preisgekrönten Werken zum polnischen Alpinismus („Klettern für Freiheit“) und zum slowenischen („Der Weg zur Spitze“) legt sie nun die Biografie eines polnischen Ausnahmebergsteigers vor: „Die Kunst der Freiheit. Voytek Kurtyka – Leben und Berge“. Der 72-jährige Kurtyka ist ein ganz besonderer Kerl. Nicht nur ein herausragender Meister seines Fachs (und immer noch am Leben, was bei vielen seiner Gefährten leider nicht mehr der Fall ist), sondern auch ein Exzentriker, ja ein Genie, der es bewundernswert gelang, Leben und Überleben, Egoismus und Kameradschaft zu verknüpfen. Bernadette McDonald versteht es, diesen Mann den Hobby- und Nichtbergsteigerinnen hautnah näher zu bringen. Eine Lesebergtour, die von polnischen Felstürmen über die Hohe Tatra und das Mont-Blanc-Massiv zum Hindukusch, Karakorum und Himalaya führt, Familienleben inklusive.

Und er, er hat sich ganz den Bergen verschrieben, der 1961 in Mühlwald im Südtirol geborene Extremkletterer und Bergführer Christoph Hainz. Nach seinem vergriffenen ersten Buch „Ausstieg in die Senkrechte“ (2005) liegt nun sein zweites Buch vor. Darin erzählt er von seinem Alltag als Berg- und Skiführer und von seinen grossen Tagen am Berg, so von den drei Zinnen über die Eigernordwand bis zur Erstbegehung des Nordpfeilers am Shivling im Himalaya. Der bekannte Alpinhistoriker Jochen Hemmleb, heute in Lana bei Meran zuhause, hat Hainz während der Arbeit an der neuen Autobiographie „Nur der Berg ist mein Boss“ federführend am Schreibtisch begleitet. Entstanden ist so das lesenswerte, mit vielen Fotos illustrierte Portrait eines Allround-Bergsteigers im höchsten Sinne.

Drei ganz unterschiedliche (Auto)biographien von drei Topalpinisten aus drei Ländern und zwei Generationen. Sie passen perfekt zum Internationalen Tag der Berge am 11. Dezember 2019. Denn seit 2015 wird dieser Tag mit „Berge lesen“ gefeiert. Solche „Berge lesen Festivals“ werden an verschiedenen Orten durchgeführt, zum Beispiel im Alpinen Museum der Schweiz in Bern. Oder in der Zentralbibliothek des SAC in der ZB Zürich zum Thema „Fake News im Alpinismus“. Ja, lügen die Alpinisten? Leiden sie unter Lügen? Mehr dazu in Mario Casellas Buch „Die Last der Schatten. Wenn Alpinisten nicht die ganze Wahrheit sagen“ – und eben am Mittwoch, 11. Dezember, 18 Uhr in der ZB Zürich www.sac-cas.ch/de/der-sac/fake-news-im-alpinismus-21310/

Das letzte Wort aber überlassen wir Andy Kirkpatrick, mit der zweiten Strophe seines Gedichtes „Der Berg“:

Der Berg verrät nicht,
betrügt nicht, täuscht nicht.
Sagt nicht ja, wenn er nein meint.
Handelt nicht aus Angst.
Handelt nicht aus Liebe.
Zieht dich nicht rein und wirft dich dann zurück,
lehnt dich nicht ab,
führt dich weder in die Irre
noch nach Hause.

Andy Kirkpatrick: Ungekannte Freuden. Über das Leben, den Tod, das Klettern und alles dazwischen. AS Verlag, Zürich 2019, Fr. 34.90.

Bernadette McDonald: Die Kunst der Freiheit. Voytek Kurtyka – Leben und Berge. AS Verlag, Zürich 2019. Fr. 39.80.

Christoph Hainz mit Jochen Hemmleb: Nur der Berg ist mein Boss. Das Leben des Südtiroler Extremkletterers und Bergführers. Mit einem Vorwort von Frank-Walter Steinmeier, Beiträgen von Thomas Engel und Gerda Schwienbacher sowie einem Nachwort von Hans Kammerlander. Tyrolia-Verlag, Innsbruck 2019, Fr. 39.90

Die schönsten Brockis der Schweiz

Wenn Sie noch kein Weihnachtsgeschenk gefunden haben, dann schenken Sie doch dieses schöne Buch – mit ihm werden die Beschenkten bestimmt fündig. Sie selbst natürlich auch. Am Fusse des Glärnisch so gut wie hinter den 77 Geleisen in Zürich.

27. November 2019

„Kurz hinter Glarus, der selbsternannten kleinsten Hauptstadt der Schweiz, schwingt sich die Strasse zum Klausenpass sanft hinauf, in Richtung eines Weilers mit dem bezaubernden Namen Mitlödi. Fast könnte man sie verpassen: die Abfahrt links herab zum Schweizerhaus. Dort, mitten in den Matten, liegt das Toni-Brocki. Wer sich an das gleichnamige Milchfabrik-Areal in Zürich erinnert fühlt, liegt falsch. Hier lockt die Provinz. Kommt man im Sommer, hört man mit grosser Wahrscheinlichkeit Kuhglocken läuten, Insekten summen, und man schaut zum Glärnisch hoch, der einem wie eine pompöse Theaterkulisse vor der Nase emporwächst. Im Winter bläst der Wind mit der Linth, und es ist kalt, draussen und manchmal auch drinnen. Sollen wir überhaupt rein? Ja, wir sollen!“

Und nicht nur in die Brockenstube von Toni im Gebirgskanton Glarus müssen wir hinein. Nein, auch in die Brocki im Zeughaus Brig, also präzis dorthin, wo im November jeweils die BergBuchBrig stattfindet. Selbstverständlich ebenfalls zu dem in einem Hotel ausgestellten Trödlermarkt in Goldswil, dem Alpinistenwohnort bei Interlaken – Roger Schäli und Stephan Siegrist sind zwar eher in der Eigernordwand anzutreffen. Das Brockenhaus auf dem Brünigpass liegt ohnehin an unserem wintersportlichen Weg: Die Schneeschuhtour über Ochsen und Schafplätz lassen wir mit dem Kauf einer Kuhglocke ausklingen, die Abfahrt vom Gibel feiern wir mit der Anschaffung einer alten Skiausrüstung. Diese Gegenstände hat der Grümpel-Sepp vom Brünig mehrfach auf Lager. Und sie sind im druckfrischen Bildband „Die schönsten Brockis der Schweiz“ abgebildet.

Ein Buch über Brockenstuben also – das erste Buch zu diesem Thema überhaupt. Es kommt zur richtigen Zeit. Nur ein paar Stichworte: Recycling, Zero Waste, Nachhaltigkeit und soziales Engagement. Iris Becher und David Knobel (Text), Sasi Subramaniam (Fotos) präsentieren einundzwanzig besondere Brockenhäuser aus der Deutschschweiz. Ausladende Bilder und einladende Texte führen uns durch Räume voller spannenden Gegenstände und Geschichten. Portraits von Mitarbeitenden geben Einblick ins Engagement und Leben der in den Brockenstuben tätigen Menschen. Im Anhang finden sich Infos über Organisation, Besonderheiten, Öffnungszeiten und Erreichbarkeit der jeweiligen Institution. Ein einleitender Essay führt in Geschichte und Begriffsgeschichte der Brockenstuben ein. Und: Stories von Alex Capus, Tim Krohn und Franz Hohler runden den von Urs Bolz wie gewohnt grossartig gestalteten Bildband ab. Wenn Sie noch kein Weihnachtsgeschenk gefunden haben, dann schenken Sie doch dieses schöne Buch – mit ihm werden die Beschenkten bestimmt fündig. Sie selbst natürlich auch. Am Fusse des Glärnisch so gut wie hinter den 77 Geleisen in Zürich.

Iris Becher und David Knobel (Text), Sasi Subramaniam (Fotos): Die schönsten Brockis der Schweiz. AS Verlag, Zürich 2019, Fr. 48.-

Vernissagen: Am Freitag, 29. November 2019, 18.30 Uhr in der Bärner Brocki am Hofweg 5 in der Lorraine; die Bärner Brocki ist das älteste Brockenhaus der Schweiz, es eröffnete am 1. Dezember 1895 in der Nägeligasse 1 in der Berner Altstadt seine Türen.
Am Samstag, 14. Dezember 2019, 15.30 Uhr, in der Brockenstube Toni in Schweizerhaus, Glarus-Mitlödi.

Und: Am Mittwoch, 27. November 2019, 17–21 Uhr, findet in der Heiteren Fahne an der Dorfstrasse 22/24 in Wabern bei Bern der Alpinflohmi von Mountainwilderness und Public Eye statt. Ein Flohmarkt, auf welchem Privatpersonen gebrauchte Bergsportausrüstung anbieten respektive erwerben können. www.dieheiterefahne.ch/events/662/27-11-2019/alpinflohmi

Der Niesen im Spiegel der Kunst

Den Niesen geniessen, mit einem Prachtsband.

18. November 2019

„Der Niesen erhebt sich von fern betrachtet dreiteilig oder dreiwinklig.“

Das hielt Benedikt Marti 1587 fest in „Kurze Beschreibung des Stockhorns und Niesens, Schweizerberge im Gebiet der Berner, und der auf ihnen wachsenden Pflanzen“, auf Lateinisch allerdings. In beiden Sprachen zu finden in „Niesen und Stockhorn: Bergbesteigungen im 16. Jahrhundert“ von Max A. Bratschi (Ott Verlag 1992). Marti, der sich Aretius nannte, bestieg als einer der Ersten Stockhorn und Niesen, schrieb darüber einen begeisternden Bericht – zu einer Zeit, als die Berge mehrheitlich als gefährliche Zonen galten. Andere SchriftstellerInnen sind ihm gefolgt. Eine kleine Auswahl in zeitlicher Reihenfolge:

„Trois jour après la catastrophe du Cervin, et le jour même où cette sommité fut pour la première fois atteinte par le versant italien, l’auteur de ces lignes faisait sa première ascension dans les Alpes, celle du Niesen, près de Thoune.“

William Augustus Brevoort Coolidge: Les Alpes dans la nature et dans l’histoire. Payot, Lausanne-Paris 1913. Der US-Amerikaner Coolidge verbrachte 33 Saisons hintereinander vor allem in den Westalpen, führte rund 1750 Touren aus, darunter fast 80 Erstbesteigungen und Erstbegehungen. Auf dem Niesen am 17. Juli 1865 war seine Tante Meta Brevoort dabei, der Hund Tschingel noch nicht.

„Einst habe ich Dich den Berg der Berge genannt. Heute nenne ich Dich einfach den Berg. Denn Du bist das Urbild eines solchen. Was im menschlichen Bewusstsein je Berg geheissen hat und heissen wird, ist in Deinem Bilde verkörpert, in Deiner Gestalt gegeben und vollendet.“

Hermann Hiltbrunner: Zwiesprache mit dem Berg, in: Neue Schweizer Bibliothek, Band 47, Schweizer Druck- und Verlagshaus, Zürich um 1940.

„Wohin gehen wir nun?“
Das wollen die sechs Kinder vom Grossvater zu Beginn der Sommerferien wissen. Dieser macht es ganz anschaulich und baut mit seinen Enkeln ein Relief in den Sandkasten und fragt nun die vier Buben und zwei Mädchen:
„Und nun hier, der Kander entlang, ein anderer Bergzug, ungefähr rechtwinklig zum Thunersee?“
„Der Niesen“, schrie Werner.

Gertrud Heizmann: Die Sechs am Niesen. Eine Feriengeschichte für Kinder von 8 bis 12 Jahren. Francke Verlag, Bern 1941. Das Niesen-Buch ist die Fortsetzung von „Sechs am Stockhorn“ (1939).

„Dann am Seeufer in Gunten. Der Wind wirft kleine Wellen auf. Das blaue Geglutsch und Geschwapp sagt mir wenig im Moment, es kommt mir albern vor. Jenseits des Sees, näher jetzt, noch eindrucksvoller, der Niesen. Das Stockhorn, weiter weg, hüllt sich in dunstige Wolken.“

Kurt Marti: Höhenluft, Niesenblicke, in: Högerland. Eins Fussgängerbuch. Luchterhand Literaturverlag, Frankfurt aM 1990.

Der Niesen, Pyramide und Wahrzeichen des Thunersees, war seit dem 16. Jahrhundert immer wieder ein Anziehungspunkt für Literaten – und für bildende Künstler. Die auffällige Form wusste diverse Künstler zu inspirieren, was zu einer Vielzahl von Abbildungen des Niesen führte. Annäherung und Untersuchung der Wahrnehmung unternimmt Matthias Fischer mit Gefährten im Bildband „Der Niesen im Spiegel der Kunst“. In der Neuauflage des Originalwerks von 1999 wird die Auswahl an Darstellungen noch erweitert. Mit 172 Abbildungen illustriert Fischer, wie unterschiedlich der Niesen wahrgenommen wurde, von Diebold Schilling anno 1484/85 über Hodler, Amiet und Klee bis Christian Helmle im Jahr 2015. Grossartig sind die Holzschnitte von Martha Cunz und die Ölbilder von Martha Steller. Etwas mager ist das Kapitel zu den Tourismus-Plakaten. So fehlt das geniale Plakat von Clara Ibach mit dem Wortspiel Niesen und geniessen. Es ist allerdings brandneu, nämlich von 2019.

Matthias Fischer: Der Niesen im Spiegel der Kunst. Mit Textbeiträgen von Rosmarie Hess und Thomas Schmutz. Werd & Weber Verlag, Thun/Gwatt 2019, Fr. 49.-

Buchvernissage am Mittwoch, 27. November 2019, um 18.15 Uhr im Kunstmuseum Thun. Anmeldung bis zum 25. November unter mail@weberag.ch

Gehen

Geht doch! Vor und nach dem Lesen – oder auch gleich beim. Viel Spass!

11. November 2019

„Das Gehen reduzierte das Leben aufs Wesentliche, auf Essen, Schlaf, Begegnungen, Gedanken. Keine Erfindung aus unserer Epoche half uns dabei – auβer in gutes Paar Schuhe und in meinem Fall noch das Buch im meinem Rucksack.“

Kernsatz im neuen Buch von Paolo Cognetti, das am 11.11.19 auf Deutsch erscheint. Auf 121 Seiten nimmt uns der italienische Autor, berühmt geworden mit dem Bestseller „Acht Berge“, mit auf ein Trekking durch das abgeschiedene Dolpo im Nordwesten Nepals. Mit zwei Freunden machte er sich im Jahr 2018 auf diesen weiten Weg, sozusagen sein Geschenk zum vierzigsten Geburtstag. Mit dabei im Rucksack war das Buch „Auf der Spur des Schneeleoparden“ von Peter Matthiessen. Und natürlich das Notizheft, in das Cognetti seine Gedanken und Gefühle, seine Beobachtungen und Begegnungen notierte, oft visualisiert durch Zeichnungen, die teilweise auch im veröffentlichen Buch abgedruckt sind. Immer wieder hielt Cognetti fest, was sich seit der Matthiessens Tour im Jahre 1873 im Dolpo, dieser Ecke Nepals an der Grenze zu Tibet, geändert hat. Und wie sein Vorbild und er selbst durch das tagelange Gehen zu sich selbst fanden.

Nach dem Welterfolg von „Acht Berge“ (vgl. https://bergliteratur.ch/acht-berge-und-fontane-%e2%84%961/) war man natürlich gespannt auf Cognettis nächstes Buch. Das Unverwechselbare und die Archaik sind hier nicht mehr so präsent, so zwingend. Was auch daran liegen mag, dass Cognettis Aostatal nicht das ferne Dolpo ist und dass Matthiessens Buch nicht immer Erleuchtung verheisst, sondern manchmal auch als Gehstock auftritt. Vielleicht hat das Cognetti gespürt; auf Seite 69 schreibt er: „Mach, dass ich sehen kann und die Wort finde, um zu beschreiben, was ich gesehen habe.“ Das gelingt ihm auf feine Art und vielerorts, und wir gehen gerne mit ihm durch jenes hochgelegene Land.

„Gehen und Denk gelten seit der Antike als eng miteinander verknüpft, ja das Gehen erscheint geradezu als Voraussetzung für geistige Fortbewegung.“

Notierte Florian Werner in seinem rucksacktauglichen Buch „Auf Wanderschaft. Ein Streifzug durch Natur und Sprache“. Der deutsche Schriftsteller hat zu 30 Stichworten – von Aufrecht über Gesang, Karte und Wanderin bis Zwecklos – eigene und fremde Überlegungen und Passagen gesammelt und präsentiert sie so überraschend wie feinsinnig. Zum Beispiel so: „Ein altes Sprichwort besagt, dass man sich beim Unterwegssein nicht an hölzernen (oder gar metallenen) Stecken, sondern lieber an erbaulichen Schiften festhalten sollte: Der beste Wanderstab ist der Buchstab.“ Im grasig-felsigen, nun schon ziemlich überschneiten Geh-Lände halte ich mich aber doch lieber an Stöcke…

„Das Wandern ist des Müllers Lust,
Das Wandern!
Das muß ein schlechter Müller sein,
Dem niemals fiel das Wandern ein,
Das Wandern.“

Habt Ihr mitgesungen beim Lesen? Oder singt Ihr dieses berühmte Lied von Wilhelm Müller beim Gehen? Florian Werner summt davon beim Stichwort „Wanderlust“. Und zitiert auch die Definition des Oxford English Dictionary: „An eager desire or fondness for wandering or travelling.“ Wanderlust also, vom Deutschen ins Englische gewandert. Die US-amerikanische Schriftstellerin, Journalistin und Kulturhistorikerin Rebecca Solnit nannte so ihr vor knapp 20 Jahren erschienenes Buch: „Wanderlust. A History of Walking“. Nun ist diese umfassendste und tiefgehendste Geschichte des Gehens endlich auf Deutsch erschienen, unter dem Titel „Wanderlust“. Let’s go – and read it.

Paolo Cognetti: Gehen, ohne je den Gipfel zu besteigen. Penguin Verlag, München 2019, Fr. 22.-

Florian Werner: Auf Wanderschaft. Ein Streifzug durch Natur und Sprache. Duden Verlag, Berlin 2019, Fr. 12.-

Rebecca Solnit: Wanderlust. A History of Walking. Viking, New York 2000; auch als Taschenbuch erhältlich. Wanderlust. Eine Geschichte des Gehens. Matthes & Seitz Berlin Verlag 2019, Fr. 42.-

Bergromane, zweite Staffel

Ein Rucksack voller fiktiver Bergbücher, die hart an Realitäten emporklettern.

4. November 2019

„Der Schnee kam über Nacht. Er kam gewaltsam, wie ein Überfall, er fiel so dicht, dass am Morgen beides unmöglich schien: Bleiben oder gehen.“

Ein überaus starker Beginn. Knapp drei Zeilen, und schon ist man voll drin im Drama. Wir als Leser. Die drei Figuren Kathrin, Myriam und Leon erst recht. Aufgestiegen sind sie mit Skiern bei nicht schlechten Wetterprognosen in eine Hütte. Und wurden überrascht von einem Schneesturm, der tagelang anhalten wird. Gehen, solange noch nicht zu viel Schnee liegt? Oder bleiben und ausharren und hungern in der Hütte? Lebensentscheidende Fragen, die Peter Weibel in „Schneewand“ stellt. Eine wuchtige, elementare Erzählung, deren Sog man sich nicht entziehen kann, schon gar nicht diejenigen, die sich solche Fragen auch schon stellen mussten. Und vielleicht ebenfalls die falsche Entscheidung getroffen haben. Hoffentlich passiert solches nicht wieder auf der nächsten Skitour.

„Der Ausflug in die Berge war ein Versuch, die Fäden, die in Griechenland durcheinander geraten waren, wieder zu entwirren. Doch das Gelände war denkbar schlecht gewählt, steinig und hart.“

Beziehungen können in den Bergen verknotet, aber auch gelöst werden. Gerade, wenn plötzlich Situationen auftreten, in denen es um Leben und Tod geht. Wenn ein Sturz eine Lawine von Gefühlen, Gedanken und Erinnerungen auslöst. Wie bei der Ich-Erzählerin Monika im Roman „Meer und Berge“ von Annette Lory; im Spital reflektiert sie die Freundschaft, die Griechenlandreise, die unglückliche Versöhnungstour mit Helen. Und ihre Kindheit in der Enge des Urnerlandes, die Flucht in die grosse Stadt am See, die Suche nach Helens Vater. Das Buch, das Helen unterwegs liest, heisst „Der Schneesturm.“ Wir entkommen ihm nicht.

„Die Tage waren kürzer, und es war kälter geworden, Raureif überzog die Natur oft schon bis in den Vormittag, und auf den Bergspitzen lag der erste Schnee.
Agnes lehnte sich an einen Felsbrocken und verschnaufte. Sie war so schnell unterwegs gewesen, dass sie auβer Atem war.“

Die 15-jährige Agnes ist die Heldin im Roman „Wolfsegg“ von Peter Keglevic; er spielt in einem engen Dorf in einem engen Bergtal. Eine himmeltraurige Geschichte, in welcher der Vater brutal zusammengeschlagen wird und die Mutter erbärmlich verreckt. Worauf Agnes mit ihren beiden kleinen Geschwistern in eine Hütte in den Bergen flieht. Aber ob sie dort Hilfe findet? Sicher das Repetiergewehr, das ihr der Vater einmal gezeigt hat. Wer im Gebirge leben muss, kann ganz böse daran krepieren. Allerdings weniger an den Gipfeln als an der Gesellschaft. Ein Leseerlebnis wie eine happige Bergtour.

„Hast du den Bergkoller?“

Fragt der Einheimische Noldi den halb Zugezogenen Al von Rickenbach im Roman „Reduit“ von David Weber. Der Zürcher Architekt versucht mit wenig Überzeugung in Wassen einen Bereich des ehemaligen Reduits zu kaufen, der im Zweiten Weltkrieg von der Schweizer Armee als Rückzugsort genutzt wurde. Dort sollen bombensichere Rückzugsplätze für kaufkräftige Ausländer geschaffen werden. Die Dorfbevölkerung versucht, aus dem Vorhaben Profit zu schlagen, stellt sich aber gleichzeitig dagegen. Einzig die kubanische Kellnerin Lisa unterstützt Al in der Hoffnung, aus ihrer Knechtschaft freizukommen. Al jedoch verstrickt sich immer mehr „in ein Netz aus unkontrollierbaren Emotionen, moralischen Zweifeln und frustrierenden Sachzwängen. Viel zu spät realisiert er, dass der Berg ein dunkles Geheimnis birgt“ (Klappentext). Welches, sei nicht verraten. Selber herausfinden, auch wenn sich bei der Lesetour ab und zu Koller einstellt.

„Plusieurs alpinistes arrivent au camp de base. Ils confirment que Matthieu était le dernier à atteindre le sommet aujourd’hui. (…) Le nombre de summiters ne sera par mirobolant cette année.“

Was mirobolant auf Deutsch heisst, musste ich nachschlagen: phantastisch. Bestens plaziert an dieser Stelle. Denn bei „année“ hat die Autorin Mélanie Valier diese Fussnote hingesetzt: „En réalité, il n’y a pas eu de summiters en 2016 au K2.“ Voilà! Ein Bergroman muss nicht Wort für Wort und Jahr für Jahr der Realität entsprechen. Soviel ich weiss, ist noch niemand mit dem Snowboard vom zweihöchsten Berg der Welt runtergekurvt. Der Chamoniarde Matthieu Charraz aber schafft es in „Reprends ton souffle“, auch wenn er nur ganz, ganz knapp den Atem wiederfindet. Eigentlich hätte er gar nicht aufsteigen sollen, doch es gab eine Verwechslung beim Funkspruch, gewollt oder ungewollt. Mit am Berg (und im Bett) ist schon wie in Valiers Erstling „Et si tout s‘arrêtait là?“ die amerikanische Soziologiestudentin Emma Lindley. Nun sind wir gespannt auf die Fortsetzung ihrer Liebesgeschichte.

„,Tu vois, Edi, j’ai réussi‘, sagte Chavez und lächelte leicht, sein Blick war von innerem Strahlen erfüllt.
Edi trat ans Bett und lächelte ihm ebenfalls zu. Er seufzte. So schlimm konnte es also nicht sein.“

Begegnung zwischen Geo Chavez aus Paris und dem Briger Bergbauernbub Edi im Spital von Domodossola, kurz nachdem der peruanisch-französische Luftfahrtpionier am 23. September 1910 mit seinem Eindecker Blériot XI von Ried bei Brig den Simplon und somit erstmals den Alpenhauptkamm überflogen hat. Bei der Landung allerdings brach das Flugzeug auseinander, Chavez verletzte sich schwer beim Sturz aus zehn bis zwanzig Metern und starb am 27. September. Mit „Über den Simplon“ erzählt Mirjam Britsch noch einmal diese Pioniertat, bringt aber mit der Begegnung zwischen dem Helden und seinem Bewunderer Edi noch eine andere, rührende Geschichte zum Tragen. Der aus armen Verhältnissen stammende Edi ist fasziniert von den Flugapparaten. Hautnah erlebt er in Ried-Brig die von zahlreichen Touristen besuchten Startversuche mit. Und so wie sich Chavez mutig in die Bergluft aufschwingt, befreit sich Edi aus den dörflichen Machtstrukturen.

In dieser Woche reisen die Bergfreunde zum Simplon. Vom Mittwoch, 6., bis Sonntag, 10. November, findet in der Alpenstadt Brig-Glis das Multimediafestival BergBuchBrig statt. Ein paar Hinweise und Titel für Bergromanleser: „Gommer Herbst“, „Geh, wilder Knochenmann“, „Die Toten von Falein“, „Bel Veder“ und „Rilke erwandern“. Das ganze Programm unter www.bergbuchbrig.ch.

„Schon Tage zuvor nahmst du den Rucksack hervor, die Steigfelle, das Skizzenbuch mit den Notizen von der letzten Bergfahrt.“ (Peter Weibel)

Peter Weibel: Schneewand. edition bücherlese, Luzern 2019, Fr. 26.-
Annette Lory: Meer und Berge. Kommode Verlag, Zürich 2018, Fr. 22.-
Peter Keglevic: Wolfsegg. Penguin Verlag, München 2019, Fr. 32.-
David Weber: Reduit. Knapp Verlag, Olten 2019, Fr. 27.-
Mélanie Valier: Reprends ton souffle. Éditions Glénat, Grenoble 2019, € 20.-
Mirjam Britsch: Über den Simplon. Zytglogge Verlag, Basel 2019, Fr. 34.-

Die Kunst der Panoramakarte

Die Panoramakarte kennt man aus Ski- und Wanderferien. Zwei neue Bildbände zeigen ausführliche Beispiele. Leider ohne illustrierte Geschichte dieser ganz besondere Ansicht der Berge.

27. Oktober 2019

„Panoramen haben nicht die Aufgabe, Natur und Landschaft möglichst exakt abzubilden. Sie dürfen, nein, sie müssen betonen, überhöhen, verzerren, vielleicht sogar weglassen. Nur so schaffen sie es, im Betrachter Empfindungen zu wecken. Und ein Gefühl für die Landschaft, der er sich gegenüber steht.“

Schreibt Tom Dauer in der Einleitung zu einem ganz besonderen Alpenbuch. „Die Kunst der Panoramakarte“ heisst, und darum geht es: um Panoramakarten. Nicht um Panoramen, die man normalerweise meint; also um das möglichst exakte Abbilden eines Landschaftausschnittes, eines Horizontes oder einer Aussicht, mit dem Stift oder mit der Kamera, meistens horizontal, mit Bezeichnung der Gipfel und Örtlichkeiten, die bei guten Verhältnissen sichtbar sind. Nein, Panoramakarten haben einen anderen Zweck und sehen anders aus. Die Panoramakarte ist laut Duden eine „meist als Werbemittel für Touristikgebiete hergestellte (Land)karte, auf der der ganze Horizont oder ein Teil davon in vereinfachter, bildhafter Form dargestellt wird“. Eine ganz eigenständige Mischung von topographischer Karte und Ansichtszeichnung, die nicht der Wirklichkeit entsprechen muss. Sondern eine eigene Realität schafft, in der sich die Benützer am gäbigsten zurecht finden können. Auf einer Panoramakarte können die Liftanlagen und Einkehrmöglichkeiten, die Pisten und Wanderwege gut und übersichtlich eingezeichnet werden; auch diejenigen, die eigentlich hinter einem Berg versteckt sind – der Zeichner kann ja den Berg etwas drehen…

Die ersten sogenannten Panoramakarten tauchten in der Zwischenkriegszeit auf, als das Skifahren modern wurde. Und es gibt sie immer noch, in Prospekten und Flyern, auf grossen Tafeln bei den Seilbahnstationen sowie zum Downloaden als PDF. Der Österreicher Heinrich C. Berann (1915–1999) gilt, so Tom Dauer in seinem Essay, „als Begründer der modernen Panoramamalerei und bis heute als unerreichter Meisters seines Fachs“. Mit –––BERANN––– signierte er seine Werke. Auch das Atelier Pierre Novat schuf unzählige Panoramakarten.

Der Band präsentiert 90 Panoramakarten von den 1950er-Jahren bis heute aus vielen Alpenregionen. Das Schwergewicht liegt auf den Dolomiten. Andere Alpenregionen wurden nur spärlich oder leider gar nicht berücksichtigt. Die östlichsten Berge Österreichs (Rax), die Slowenischen (Maribor) und Cottischen (Sestriere) Alpen fehlen, ja sogar die Walliser Alpen. Dabei ist das Gebiet zwischen Zermatt und Cervinia doch ziemlich gross und gut zum Skifahren, ein paar bekannte Gipfel stehen dort auch, und es wäre interessant zu sehen, wie es dem Panoramazeichner gelingt, alle Bahnen, Pisten und Berge zwischen dem Unterrothorn und den Cimes Blanches ob Valtournenche auf einem Blatt Papier zu arrangieren. Was auch fehlt, ist eine illustrierte Geschichte dieser besonderen Karten; denn Panoramakarten sind eigentlich eine Fortsetzung alter Karten, auf denen vor allem die Berge als solche, also dreidimensional, gezeichnet wurden, und nicht mit Schraffuren oder Höhenlinien.

Freuen wir uns aber an den ins Buch aufgenommenen Panoramakarten. Faszinierende Winterdarstellungen, in denen die spezielle Topografie der Landschaft durch den Schnee besonders hervorgehoben wird, stehen neben nicht minder detailreichen Sommerkarten. Und dann gibt es noch solche, die uns leise verunsichern. Auf derjenigen vom Beatenberg wird die Wetterlatte zum Morgenberghorn, die nicht gezeichneten Gipfel hinter den Berner Hochalpen sind mit der bündnerischen Plattagruppe angeschrieben, und der Eiger ist zum Viertausender mit dem Namen „Jungfrau“ gewachsen. Die Panoramakarte vom Crêt de la Neige, dem höchsten Gipfel des Jura, hat den Neuenburgersee zum Lac de Joux verkleinert, und die erste Stadt Frankreichs an der Rhone heisst nicht mehr Bellegarde, sondern Bellevue – mais pourquoi pas?

Und wenn wir schon grad in Frankreich sind: Der französische Meister der Vogelschaukarten heisst Pierre Novat (1928–2007). Während 35 Jahren schuf er über 250 Ansichten französischer Skigebiete der Alpen und des Jura. Das Buch „Plans des pistes. Les domaines skiables de France dessinés par Pierre Novat“ zeigt ausgewählte Werke und Stationen, darunter bekannte wie Alpe d’Huez oder Mégève, aber auch unbekannte wie Saint-Sorlin-d’Arves oder La Toussuire. Schaut man sich all die weissen Hänge und Gipfel an, kriegt man grad unbändig Lust, dort eigene Schwünge hinzupinseln, auf und neben der Piste.
Bon ski, mes amis!

Alpen – Die Kunst der Panoramakarte. Mit einem Essay von Tom Dauer. Prestel Verlag, München 2019, € 40.-
Arthur Novat, Frédérique Novat, Laurent Belluard: Plans des pistes. Les domaines skiables de France dessinés par Pierre Novat. Éditions Glénat, Grenoble 2019, € 30.-

Alpenwanderer Dominik Siegrist

„Ich möchte meine Berge sehen“: So heisst ein neues Buch zu den Schweizer Alpen. Dominik Siegrist hat die ganzen Alpen gesehen, auf dem langen Marsch von Wien nach Nizza.

11. Oktober 2019

Herr Siegrist, vor 26 Jahren haben Sie die Alpen schon einmal durchquert. Was hat sich seitdem verändert?
Dominik Siegrist: Das Auffälligste sind die Gletscher. Wie sehr das Eis in den vergangenen Jahren zurückgegangen ist – das ist schon extrem.

Ausschnitt aus dem Interview mit dem Geografen Dominik Siegrist (*1957), befragt von der Tageszeitung „Die Welt“ zur zweiten Durchquerung des gesamten Alpenbogens vom 3. Juni bis 29. September 2017. Das Interview beschliesst sein Buch „Alpenwanderer. Eine dokumentarische Fuβreise von Wien nach Nizza“. Siegrist, Leiter des Instituts für Landschaft und Freiraum und Professor für naturnahen Tourismus und Pärke an der HSR Hochschule für Technik Rapperswil, wanderte 1992 schon einmal von Wien nach Nizza, als Teil der Gruppe TransALPedes. „Wir wollten damals“, so schreibt er heute, „ein Zeichen setzen gegen die Zerstörung der Alpen, gegen den Massentourismus, die Betonierung der Berge.“ Nun, mit „whatsalp Wien-Nice 2017“, ging es darum, die ökologischen, sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Veränderungen festzuhalten, den Zustand der Alpen zu dokumentieren.

Mit Dominik wandern wir mit vom Stephansplatz in Wien bis zur Promenade des Anglais: 119 Tage mit 93 Wander- und 26 Ruhetagen, 1800 Kilometer zu Fuss und selten in flachen Alpentälern mit dem Radl, 75‘000 Höhenmeter auf und ab, begleitet von insgesamt 200 Mitwanderern, zahlreichen Leuten begegnend, unzählige Eindrücke erlebend. Schön gebündelt und sauber Schuhe, Rucksack und Themen geschnürt: Hochspannend und tiefschürfend erzählt Siegrist von dieser Fussreise durch das Gebirge, das wie kein anderes auf der Welt von Menschen beeinflusst wird. Und trotzdem immer noch Natur pur zeigt – einfach mit weniger Eis und mehr Geröll. Im Jahr 2042, so gibt Siegrist im Interview bekannt, will eine Gruppe Jugendlicher, die mit whatsalp abschnittsweise mitwanderten, die Alpendurchquerung wiederholen. Sie werden wieder eine stark veränderte Alpenlandschaft antreffen.

In einem anderen Alpenbuch, ebenfalls jüngst im Berner Haupt Verlag herausgekommen, verfasste Dominik Siegrist das Kapitel „Vom alpinen Naturraum zur Kulturlandschaft – eine Reise vom Säntis zur Adula“. Andere Kapitel befassen sich mit der Geologie, dem Wasser, den Bergwäldern, der Fauna und der Flora in den Schweizer Alpen. Der Herausgeber heisst Franz Ebner, der Titel „Ich möchte meine Berge sehen. Von der Vielfalt und Schönheit der Alpen.“ Illustriert ist das Buch mit eher wenigen, dafür starken Farbfotos. Die meisten doppelseitigen Aufnahmen sowie das Coverbild (mit Piz Palü und Piz Bernina) stammen von Marco Volken. Ein Bild zeigt Kistenstöckli und Piz d’Artgas im Bündner Oberland – eine rötlich-braun-graue Gebirgslandschaft, mit ein paar allerkleinsten weissen Flecken. Ob die Alpen in der Mitte unseres Jahrhunderts vor allem so aussehen werden?

Dominik Siegrist: Alpenwanderer. Eine dokumentarische Fuβreise von Wien nach Nizza. Haupt Verlag, Bern 2019, Fr. 29.-

Franz Ebner (Hrsg.): Ich möchte meine Berge sehen. Von der Vielfalt und Schönheit der Alpen. Mit Beiträgen von Hanspeter Baumgartner, Peter Brang, Constanze Conradin und Sonja Hassold, Mark Feldmann, Bruno Schädler, Dominik Siegrist, Urs Tester. Haupt Verlag, Bern 2019, Fr. 44.-

Doppelvernissage «Alpen» zu den beiden vorgestellten Büchern am Montag, 28. Oktober 2019, um 19.00 Uhr in der Buchhandlung Haupt am Falkenplatz 14 in Bern. Eintritt frei, Platzreservation empfohlen unter www.haupt.ch/Events/Doppelvernissage-Alpen.html.

Bergkrimis, zweite Staffel

Fünf neue Bergkrimis zum Thema Mord im Gebirge. Das gilt für Alpinisten und Kletterer so bös wie für den Wolf.

4. Oktober 2019

„War dort oben vielleicht irgendetwas geschehen, was hatte vertuscht werden müssen?“

Das ist die Frage, die sich in Bergkrimis immer wieder stellt. Was passierte genau dort oben? Übrigens nicht nur in Bergkrimis, auch sonst natürlich eine Frage, auf die sich manchmal keine eindeutigen Antworten finden lassen. Alpine Kriminalromane aber leben davon, dass die Ermittler und mit ihnen die Leserinnen und Leser genau wissen wollen, wie und warum dort oben etwas Unerfreuliches, das heisst meist Tödliches geschehen ist.

Dort oben also: In unserem ersten Fall am Everest. Warum konnte Klara Engelmann nicht gerettet werden? Und warum starb ihr Sherpa Nima Rita zehn Jahre später als Obdachloser in Stockholm? „Millennium“-Journalist Mikeal Blomkvist findet es heraus, nicht alleine, sondern mit Hilfe der Polizei. Und mit Hilfe seiner Freundin Lisbeth Salander. Blomkvist & Salander, das Duo, mit dem Stieg Larsson in drei Romanen everesthohe Auflagen erreichte. Nach dem Tod von Larsson setzte David Lagercrantz die Millenium-Reihe fort. Nun kam sein dritter Band heraus: „Vernichtung“, darin die Geschehnisse am höchsten Berg der Welt eine Schlüsselstelle bilden. Da kennt sich Lagercrantz aus: Sein erstes Buch schrieb er zusammen mit dem schwedischen Bergsteiger Göran Kropp über dessen Solotour auf den Everest 1996.

„Möglicherweise hatte Thomas Lippmann aus Wut über Stefan Schüppels Schwärmerei für seine eigene Verlobte Heike aus der Kletterwand gerissen.“

Dort oben zum zweiten. Wobei: Weit oben ist dieser Tatort gar nicht, nicht mal 400 Meter über Meer ist die Zyklopenmauer, wo das Unglück passierte, das einen Toten und einen Verletzten forderte. Abstürzen, freiwillig oder nicht, das kann man an den schier unzähligen Felsen des Elbsandsteingebirges in Ostdeutschland allerdings schon. Und wenn dann noch die falsche Ausrüstung, nämlich ein neues Westseil eingesetzt wird, kann Unvorhergesehenes passieren. Aber warum geht dann an der gleichen Stelle in der Nähe der berühmten Sehenswürdigkeit Kuhstall das Leben von Unternehmer Schüppel zu Ende? Thea Lehmann, in Oberbayern aufgewachsen und mit einem Sachsen verheiratet, verfasste bisher fünf Krimis, die in der Sächsischen Schweiz spielen. „Tatort Kuhstall“ ist ein knotenstarker Bergkrimi, am schönsten zu lesen auf dem Malerweg durch die Sächsische Schweiz oder in der Kuhstallbar auf der Mägisalp in der helvetischen. Lehmanns jüngster Band heisst „Tödliches Schweigen im Sandstein“. Fels also auch da.

„Da, sehen Sie“, rief der Mann plötzlich. „Da klettert einer!“
„Wo?“
„Na, da!“

Dort oben zum dritten, in einer Szene aus dem 12. Band von Jörg Maurers Krimireihe um Kommissar Hubertus Jennerwein. Wieder ein ganz besonderer Titel: „Am Tatort bleibt man ungern liegen“. Lässt sich freilich oft nicht vermeiden, jedenfalls nicht für das Opfer. Diesmal erwischt es Alina Rusche, Putzfrau in der KurBank in Garmisch-Partenkirchen. Dort putzte sie auch den Schliessfachraum, wo nicht nur Geld gehortet wird, sondern auch (tödliche) Geheimnisse. Wie immer bei Maurer werden noch andere Schauplätze aufgestellt – und Figuren. Witzig im jüngsten Fall: der kleine Dicke und der grosse Hagere, die sich in den bayrischen Kurort verirren. Hier ein kurzer Dialog zwischen den beiden berühmten Helden der Weltliteratur. Der Ritter Don Quijote zu seinem Diener Sancho: „Betrachte die ehrwürdigen Alpen! Sind sie nicht herrlich!? Es ist wahrlich ein Bollwerk der Natur, das sich wuchtig in unermessliche Höhen schwingt, Wind und Wetter trotzend, den Göttern so nah!“ – „Es ist ein Steinhaufen, Herr, der einfach im Weg rumsteht. Eine Ansammlung von Kalk, Lehm und Muschelschalen, nichts weiter. Ein Hindernis für jeden Wanderer.“

„In diesem Moment durchbrach ein schauriges Heulen die Stille. Ein Wolf! Amalia führ zusammen. Dabei stieβ sie an einen Ast des Baumes hinter sich, der mit einem deutlich vernehmbaren Knacken brach. Schnee rieselte auf sie herab. Frau Acherer richtete sich auf und sah genau in ihre Richtung. Konnte sie sie sehen?“

Dort oben zum vierten. In einem tief verschneiten Wald im Pustertal im Südtirol. Zwei Skitourengeherinnen, die Fotografin Amalia Engl und die Hoteldirektorin Sieglinde Acherer. Und schon kommt es zum Showdown im Tiefschnee. Wer gewinnt, sei nicht verraten. Vielleicht gar Felix, der Noch- bzw. Wiederfreund von Amalia? Was wäre ein Roman ohne Liebesgeschichte? Und ein Krimi ohne Tote(r)? Hier erwischt es gleich zu Beginn die Wildtierbiologin Celina auf einer abendlichen Skitour. Ihre Leiche sieht so aus, als wäre sie von einem Wolf angefallen worden. Pro und contra Wolf: das Hauptthema in „Die Bildermacherin und der böse Wolf“ von Christiane Omasreiter und Kathrin Scheck. Und passend zur heutigen Bewilligung des Bundesamtes für Umwelt, dass aus dem Rudel am Piz Beverin im Bündnerland vier Wölfe geschossen werden sollen. Oder müssen?

„Auf der anderen Seite des Felsen kam das Tier wieder zum Vorschein: ein mittelgrosser schlanker Vierbeiner mit eher kurzer Rute, der sich zügig in Richtung des Passo Grigio bergauf bewegte.
Ein Wolf!, begriff Kauz plötzlich. Das gibt’s doch nicht!“

Dort oben zum Fünften. Auf einer Herbstwanderung hinten im Walliser Binntal entdeckt der Wahlgommer und Expolizist Alois Walpen, genannt Kauz, das Tier, das seit Jahren für ziemliche Unruhe sorgt, auch in der Schweiz und gerade im Wallis. Mussten wegen des Wolfs auch ein Wildhüter und ein Journalist sterben? Oder hat der Doppelmord ganz andere Gründe? „Gommer Herbst“ heisst der dritte Band von Kaspar Wolfensberger um den Ermittler Kauz, am besten zu lesen vor und nach einem feinen Essen mit Hirschschnitzel, Rehrücken oder Gemspfeffer. 2016 erschien „Gommer Sommer“, 2017 „Gommer Winter“. Nun freuen wir uns schon auf den vierten Band. Denn Wolfensberger schreibt packend, spannend, überzeugend. Bettet die Handlungen geschickt ins Goms ein und macht für diese unvergleichliche Landschaft nebenbei noch Reklame wie Thea Lehmann für die Sächsische Schweiz. Oder, mais bien-sûr, wie Jean-Luc Bannalec mit seinen Dupin-Krimis für die Bretagne.

David Lagercrantz nach Stieg Larsson: Vernichtung. Heyne Verlag, München 2019, Fr. 34.-
Thea Lehmann: Tatort Kuhstall. Saxophon Verlag, Dresden 2018, Fr. 17.-
Jörg Maurer: Am Tatort bleibt man ungern liegen. Fischer Verlag, Frankfurt aM 2019, Fr. 26.-
Christiane Omasreiter, Kathrin Scheck: Die Bildermacherin und der böse Wolf. Athesia Verlag, Bozen 2019, Fr. 24.-
Kaspar Wolfensberger: Gommer Herbst. Bilgerverlag, Zürich 2019, Fr. 38.-

Kaspar Wolfensbergers »Gommer Herbst« wird am 31. Oktober 2019 um 18.15 Uhr im GZ Hottingen in Zürich an einem Walliser Buchfest gefeiert (mit Franziskus Abgottspon, Martin Nanzer und Walliser Jägern und Köchen etc.). Anmeldung an bilger@bilgerverlag.ch.

Rother Wanderführer Schweiz

Wer wandert, nimmt die roten Rother Wanderführer mit. Neu auch für den Aargau.

30. September 2019

„Gewiss: Im schweizerischen Mittelland gibt es unzählige erratische Blöcke, aber nur der Erdmannlistein bei Wohlen kann von sich behaupten, sogar einen eigenen Bahnhof zu haben.“

So leitet Jürg Schrammel die blaue Tour 41 „Erdmannlistein – Boswil – Wohlen“ in seinem eben erschienen Rother Wanderführer „Aargau mit Basel und Luzerner Mittelland“ ein. Der Führer präsentiert mit allen nötigen (wander)touristischen Infos 55 Touren zwischen Basel und Luzern: aussichtsreiche Gratwandrungen, gemütliche Spaziergänge an See- und Flussufern, Streifzüge durch historische Ortskerne. Die Vorschläge reichen von 1 Std. 45 Min. bis zu 8 Stunden; ja, der Reussuferweg von Sins nach Brugg dauert gar drei Tage. Von der Schwierigkeit her sind die allermeisten Touren blau; immerhin stellt der aus dem Aargau stammende Autor zwölf rote und vier schwarze vor, so die Walhalla an der Lägern.

Mit dem Band „Aargau“ schliesst die insgesamt 370 Titel umfassende Reihe der roten Rother Wanderführer eine grosse Lücke in der Schweiz. 22 Bände decken nun fast das ganze Land ab. Zu den erfolgreichsten gehören, nicht weiter verwunderlich, „Oberengadin“, „Berner Oberland Ost“, „Vierwaldstättersee“ und „Oberwallis“; letzterer kommt demnächst in aktualisierter Auflage heraus. In vollständig neu bearbeiteter Auflage erschien eben der Band „Glarnerland“. Das gilt auch für „Ossola“; dort führt aber nur eine Tour kurz durch die Schweiz. Im Weiteren bietet der Rother Verlag andere Führer für die Schweiz an, so die meist grünen Wanderbücher und die blauen Skitourenführer.

Hier erhält man einen guten Überblick über die roten Bände:
www.google.com/maps/d/viewer?mid=1FU0uooNn12OoVu2XFT1pioaN3Vs&ll=46.674188626174775%2C7.07528637283292&z=10. Drei grössere weisse Flecken fallen da auf: das untere Toggenburg zwischen Wattwill und Uzwil, das Reusstal zwischen Rotkreuz und Bremgarten (wird aber mit der dreitägigen Reussufertour aus dem neuen Band „Aargau“ durchschritten). Und, wirklich auffällig nicht rot eingefärbt: das welsche Mittelland zwischen Lac de la Gruyère und Lac de Neuchâtel, Murten- und Genfersee. An allen vier Seen führen zwar rote Routen aus verschiedenen Rother Wanderführern entlang. Aber sonst? Die grosse Leere. Was vielleicht auch daran liegen mag, dass deutschsprachige Benützer von Führern nicht allzu gern in die Romandie reisen; Band „Gruyère – Diablerets“ von 2006 kriecht immer noch in der ersten Auflage am Moléson und am Oldenhorn herum. Ein anderer Grund könnte die Ebene der Broye sein, die in Lac de Morat mündet: Das Flachland dort und seine hügeligen Ränder sind das grösste wanderwegfreie Gebiet der Schweiz, ausser natürlich den vergletscherten Regionen in den Alpen. Dabei gäbe es im Gebiet zwischen den vier erwähnten Seen einiges zu erwandern und zu erleben. Auch erratische Blöcke; so den 267 Tonnen schweren, 300 Millionen alten, 5 Meter hohen und erkletterbaren Findling Pierre à Cambot bei Romanel-sur-Lausanne.

Jürg Schrammel: Aargau mit Basel und Luzerner Mittelland. Rother Wanderführer, München 2019, Fr. 21.90.