Berge und Steine 4: Abtauchen

Als Geologe kartiere ich nicht nur das Hochgebirge. Wo keine Täler ins Gestein erodiert sind, tauche ich entlang von Bohrungen in die Tiefe. Und durchstreife dabei ganz andere Welten. Parallelwelten?

9. Februar 2021

Neben dem Aufarbeiten der Beobachtungen des Sommers, beschäftigt mich derzeit fast täglich das Beschreiben von Bohrkernen aus Tiefbohrungen der nagra. Um den Schichtaufbau besser zu verstehen, führt die nationale Genossenschaft für Endlagerung rund um die drei Standortgebiete für ein mögliches Tiefenlager Kernbohrungen durch. Entlang vertikaler, bis eineinhalb Kilometer langer Linien, gewinnt sie damit eine rund zwölf Zentimeter dicke Punktinformation zu jedem Horizont. Die Bohrkerne werden in eine Lagerhalle im unteren Aaretal gebracht, wo ein paar Kollegen und ich sie uns anschauen und bestimmen. Aus der vertikalen Linie von Punktergebnissen schaffen wir ein geologisches Profil der Schichtenreihe. Wir teilen die Linie in Abschnitte und geben den Abschnitten ihre Namen. Namen, die sie dort haben, wo die Gesteine an die Oberfläche ausstreichen und wir sie aus Aufschlüssen kennen. So reisen wir, wenn wir Zentimeter für Zentimeter die Bohrkerne entlang das Gestein unter die Lupe nehmen, in die Abfolge der nacheinander ineinander sich wandelnden, wieder und wieder sich verändernden Landschaften, die einmal waren und dann nach und nach vergingen.

Stunden, tagelang bewege ich mich durch den Grund eines offenen Meeres an dem feine Kalkschlämme sich über Schwammmatten legten. Bis ich eines Tages erst kleine, grün leuchtende Glaukonite, dann in dunklen Schlieren Tone darin finde. Sie zeigen Land an, dass, da ich mich die Bohrkerne entlang nach unten arbeite, vorher einmal in der Nähe des Meeres war. Meine Arbeitsstunden in die Tiefe gehen in der Zeit zurück. Die Jahre, Jahrmillionen des tonigen Meeresgrundes mit seinen schneckenförmigen Ammoniten führen mich, Stunden später auf einen Hardgrund. Eine ehemalige krustige Oberfläche, vielleicht unter einem mesozoischen Himmel, vielleicht auch nur bei Ebbe zwischen Wellen kurz entblösst. Es ist ein Kalkstein, der sich aus Sanden entwickelte, die einmal ein Korallenriff überschütteten, bevor sie im tiefen Wasser abnahmen, wie Starkregen, der vertöpfelt, Salzwasser, das nach dem körnigen Schauer ruhiger und flacher, vielen kalkschalenbildenden Tieren Heimat wurde, ehe die Ebbe dem Sediment am Boden rhythmisch den Blick zum Himmel öffnete. Doch während meine Arbeitszeit voranschreitet, gehe ich in der Erdzeit zurück. Das mit dem Korallenriff, das vorher war, erkunden meine Hände, meine Lupe erst Tage später. Am Bohrkern, dem schönen, geschliffenen Stein, fahren sie dabei sachte entlang. Voller Muster und Farben ist er, Girlanden in Ocker, rot, weiss und braun. Und manchmal Drusen, ausgekleidet mit Kristallen.

Die Steine reden nicht, sie erzählen. Von sich, wie sie sind. Ihre Unterwasserwelten sind mir bald vertrauter als die Menschenwelt, die immer mehr hinter Masken verschwindet. In der kaum noch jemand redet. So ziehe auch ich mich zurück und bin, reise mit den Steinen durch die Erdgeschichte. Eine Erinnerung kommt mir dabei an die Zeit, in der wir noch zu zweit arbeiteten und Peter J, der um zwanzig Jahre ältere, erfahrenere Geologe, nach einer Pause, in der ich Notizen aufschrieb, so, sagte, so muss man sich das vorstellen, und mir sein Handy hinhielt. Auf dem Bildschirm sah ich das Foto einer Flusslandschaft aus der Luft. Die Wolga, fuhr er fort, irgendwo hat es Rinnen, da und dort, er zeigte auf Flussarme, aber die meisten Flächen sind die dazwischen, die mit den tonigen Überflutungssedimenten. Nur in den wenigen Rinnen ist der Schilfsandstein tatsächlich ein Sandstein. So ging es immer wieder. Wir hatten beobachtet und diskutiert, ich schrieb es auf und er fand am Handy eine Bild dazu. Von irgendwo auf der Welt. Ich sah Deltas, Lagunen, tropische Strände. Auch wenn ich nun allein arbeite, kann ich tagelang, wochenlang die Meeresböden durchsteigen, mit meinen Fingerkuppen, der Lupe, Zentimeter für Zentimeter die Bohrkerne entlang. Muscheln, „storm-beds“, Strömungsanzeiger, Kalkschlämme, Wurmbauten, Untiefen im warmen, glasklar türkisblauen Wasser.

 

So sind diese stillen Tage auf andere Art intensiv. Früh stehe ich auf, verlasse das Haus und das Bergtal im Dunkeln und komme spät, wieder im Dunkeln, zurück, liege zuhause bald still im warmen Nest und sehe, wenn ich die Augen schliesse, vor mir die Sedimentstrukturen des Tages. Die dunklen Peloide in den hellgelben Kalksteinen, die schlierigen Sandfahnen, die den Opalinuston durchwehen. Zwischen den verschwundenen Landschaften der Erdgeschichte und meinem traumumsponnenen Bett, sitze ich jeweils ein paar Stunden in Zügen durch die Städte, durch eine graue, sich in sich zurückziehende Welt, die, wie die alten Landschaften, langsam verschwindet. Kaum noch wahrnehmbare Menschen…

Cortina, Toggenburg & Mammoth Mountain

Passende Lektüre zur Ski-Weltmeisterschaft in Cortina d’Ampezzo. Auch für Nicht-SkifahrerInnen.

8. Februar 2021

«Cortina d’Ampezzo 1224 (mit Trecroci 1820 m und Pocol 1543 m).
Erster Wintersportplatz der Dolomiten, internationales Publikum, Rodel- und Bobsleigh-Naturbahn auf der Dolomitenstraβe, 5½ km. Groβer Eisplatz, Skisprungschanze, Skihochturen, vorzügliches Skiterrain, markierte Skiwege, autorisierte Skiführer, Skiunterricht. Gute Schneeverhältnisse, herrliches Dolomitenpanorama, Postautomobil-Verbindung mit Schnellzugsstation Toblach. Komfortable Hotels mit Zentralheizung und elektrischer Beleuchtung.»

Anzeige in „Ski-Chronik“ von 1913, dem fünften Jahrgang des Jahrbuches des Deutschen und Österreichischen Ski-Verbandes. Gestern Sonntag, 7. Februar 2021, ging in Cortina d’Ampezzo die Eröffnungsfeier der 46. Alpinen Skiweltmeisterschaft über die Bühne; sie dauert bis zum 21. Februar. Bereits 1932 und 1941 fanden diese Rennen im berühmten italienischen Wintersportort statt. Und 1956 war Cortina Austragungsort der Olympischen Winterspiele. Der Österreicher Toni Sailer gewann alle drei alpinen Skirennen und dazu auch die nur für die Weltmeisterschaftswertung geltende Goldmedaille in der Kombination. Bei den Damen siegten die Schweizerinnen Madeleine Berthod (Abfahrt und Kombination) und Renée Coillard (Slalom). Hans Forrer aus Wildhaus wurde 13. in der Abfahrt auf der Piste „Olimpia Tofana“, trotz eines Sturzes bei der Waldausfahrt. Im gleichen Jahr gewann Forrer in sämtlichen Disziplinen an den Ostschweizer-Skiverbands-Meisterschaften. Ein kleiner Toni Sailer aus dem Toggenburg also.

Wer sich für den Anfang des Skilaufs zwischen Churfirsten und Alpstein interessiert, darf das „Toggenburger Jahrbuch 2021“ zur Hand nehmen. Auf dem Titelbild das dynamische und geniale Werbeplakat von Martin Peikert für die „Schweiz. Skirennen Unterwasser“ vom 3. bis 5. März 1939: ein Rennläufer in voller Fahrt, gezeichnet von oben, wie mit einer Drohne fotografiert. Im Innern sind weitere feine Abbildungen zu sehen, zum Beispiel die Skimarken „Säntis“ oder „Toggenburg“. In einem anderen Jahrbuch-Text wird an den Unternehmer Peter Kauf erinnert, der mit seinen Hemden bekannt wurde und bei der Skilift Girlen AG in Ebnat-Kappel tatkräftig mithalf. Den ersten Girlen-Riesenslalom hatte am Neujahrstag 1968 Edi Bruggmann gewonnen (vier Jahre später holte er sich an der Olympiade von Sapporo in der gleichen Disziplin die Silbermedaille), den letzten Slalom Vreni Schneider im März 1993.

Im gleichen Jahr hatte die Elmerin den Weltcup-Slalom von Cortina d’Ampezzo gewonnen, ein Jahr später holte sie sich in Mammoth Mountain den Sieg. Insgesamt stand Vreni Schneider 34 Mal in einem Weltcup-Slalom zuoberst auf dem Podest. Mammoth Mountain in der Eastern Sierra zählt zu den besten Skigebieten Kaliforniens und ist dasjenige mit den grössten Schneefällen. Die Skisaison dauert von November bis Juni. Dass man dort so gut skifahren kann, ist einem Mann – und einer Frau – zu verdanken. Der Hydrograph Dave McCoy kaufte 1941 den Übungslift des Eastern Sierra Ski Club und baute in den Folgejahren mit unermüdlicher Schaffenskraft, tatkräftig unterstützt von seiner Frau Roma, die Mammoth Mountain Skiarena weiter aus. Der erste richtige Lift lief 1955, 1966 folgten zwei Gondelbahnen.

Die Kalifornierin Robin Morning hat nach ihrem Bildband „Tracks of Passion. Eastern Sierra Skiing, Dave McCoy & Mammoth Mountain“ (2008) die Geschichte des skibegeisterten Ehepaares aufgezeichnet – die richtige Lektüre für einen romantischen Abend am Kaminfeuer der Lodge. „For the Love of It. The Mammoth Legacy of Roma & Dave McCoy“ erhielt vor kurzem den Skade Award der International Skiing History Association. „The highlight for me is“, schrieb mir Robin, „that before Dave passed away in February 2020, I was able to share a finished copy with Roma and him (at the time, 99 and 104 years old respectively). Dave cradled the book in his hands as he examined the cover and his eyes lit up as he thumbed through the pages. Roma just smiled.“

Robin Morning fuhr Rennen für Dave McCoy und sein Mammoth Ski Team. Von 1965 bis 1968 war sie Mitglied der US-Nationalmannschaft und wurde 1968 in das olympische Skiteam der USA berufen. Am Tag vor den Eröffnungsfeierlichkeiten in Grenoble brach sie sich bei einer Trainingsabfahrt das Bein. In Cortina d’Ampezzo, das bei den Damen die Rangliste mit den häufigsten Weltcuprennen (174) anführt, ist Robin Morning nicht gestartet: Erst seit dem Winter 1974/75 veranstaltet der „erste Wintersportplatz der Dolomiten“ Weltcupskirennen.

Wer sich nun aber für Skirennen nicht richtig erwärmen kann, aber in Cortina trotzdem dabei sein möchte, dem oder der kann ich nur das folgende Buch empfehlen: „Cortina. Dicono di lei. Le Dolomiti nella Letteratura“. Ein literarischer Reader zur Perle der Dolomiten, mit clever arrangierten Zitaten von Ernest Hemingway, Dino Buzzati, Antonia Pozzi und zahlreichen andern SchriftstellerInnen. Sie werden teils näher vorgestellt, so etwa die Alpinistin, Skiläuferin und Partisanin Giovanna Zangrandi. Ihrem Namen und ihren Büchern bin ich noch nie begegnet. Auch Milena Milani ist eine Lektüre wert; nur ein Satz aus ihrem auch ins Deutsche übersetzten Roman „La ragazza di nome Julius“ sei hier wiedergegeben: „La Tofana era una delle mie passione.“

Toggenburger Jahrbuch 2021. Toggenburger Verlag, Schwellbrunn 2020, Fr. 34.-

Robin Morning: For the Love of It. The Mammoth Legacy of Roma & Dave McCoy. Blue Ox Press, Mammoth Lakes 2020, $ 20.- Erhältlich bei www.blueoxpress.com, www.amazon.com und natürlich vor Ort.

Cortina. Dicono di lei. Le Dolomiti nella Letteratura. Testi a cura di Lorenzo Notte. Elleboro Editore, Bologna 2019, € 15.-

Noch zwei weitere Hinweise zur Geschichte des Skilaufs:

La grande histoire du ski auf RTS 2, mit atemberaubenden Aufnahmen und fundierten Gesprächspartnern: https://pages.rts.ch/docs/sur-les-docs/11807191-la-grande-histoire-du-ski.html

LET IT SNOW! Una mostra dedicata alla cultura sportiva invernale. Diese Ausstellung im Museo di Leventina in Giornico ist bis zum 24. Oktober 2021 verlängert worden.

Le goût de l’hiver – et du chocolat

Un peu de chocolat? Mais bien-sûr! Die Schoki lassen wir im Mund schmelzen, während wir zwei geschmackvolle neue Publikationen zur Hand nehmen.

1. Februar 2021

«An Feinheit und Kraft des Aromas unerreicht.»

Werbezeile aus der ganzseitigen Schokolade-Reklame von Lindt & Sprüngli in „Ski. Jahrbuch des Schweiz. Ski-Verbandes“ von 1908. Themen in diesem vierten Jahrgang waren unter anderen „Eine Besteigung der Bürglen im Gantrischgebiet“, „Die Entwicklung des Skikjöring in St. Moritz“, „Verzeichnis der Skihütten in der Schweiz“ sowie „Die Schweizer am II. internationalen Skirennen in Chamonix“. Diese gewannen am 3. und 4. Januar 1908 den internationalen Patrouillenlauf und bei den internationalen Amateurrennen sowohl das Springen wie den Dauerlauf. Am vergangenen Wochenende wurde Ramon Zenhäusern zweimal Zweiter in den beiden Weltcup-Slaloms in Chamonix; dank fulminanten zweiten Läufen fuhren Luca Aerni am Samstag noch auf den vierten Platz und Sandro Simonet gestern Sonntag gar auf den dritten. Ob die Skirennläufer, einst und heute, mit Schokolade Power und Souplesse erhöht haben?

Gut möglich. Schaut man sich jedenfalls die Reklamen an, die der Bildband „Choc! Suchard fait sa pub. 130 ans d’affiches chocolatières“ versammelt hat, fällt auf, dass Berge und Bergsport beliebte Sujets bilden. Besonders gefällt das grosse Milka-Plakat von 1910, auf dem ein Knabe mit roter Jacke und Zipfelmütze auf einer Tafel Milchschokolade über Schnee hinabgleitet – Wassersurfer werden freilich einwenden, dass der Schnee mehr einer Welle gleicht. Tant mieux, wird sich die lila Kuh sagen, die vor dem Panorama der Berner Alpen steht und dafür wirbt: „La più delicata tentazione da quando esiste il cioccolato.“

Die Schokoladenindustrie ist einer der werbetechnisch dynamischsten Zweige der Lebensmittelindustrie. Suchard, 1826 in Neuchâtel gegründet, ist da keine Ausnahme. Parallel zur weltweiten kommerziellen Expansion entwickelte sich schnell eine intensive Werbetätigkeit. Der Bildband und die Ausstellung im Musée d’Art et d’Histoire in Neuenburg beleuchten die Schokoladenwerbung von Suchard von 1860 bis 1990. Die Autoren untersuchen das idealisierte Bild der Berge, aber auch die klischeehafte Darstellung von Frauen und Kindern. Sie analysieren die bekanntesten Motive wie die Milka-Kuh oder den Suchard-Express und hinterfragen gleichzeitig den Stellenwert des kostbaren exotischen Rohstoffs Kakao, der für die Herstellung von Schokolade notwendig ist. Immer aber geht es auch um Geschmack, sowohl des Produktes wie seiner Anpreisung.

„Neige et glace. Le goût de l’hiver“ lautet der Titel der aktuellen Nummer der französischen Vierteljahresschrift «L’Alpe». Auf der Coverfoto von Eric Franceschi eine Jugendliche, die in dichtem Schneefall eine Eisscheibe mit eingelagerten welken Blättern vors Gesicht hält – die Scheibe erinnert an ein Stück weisser Schokolade, oder, aktueller, an eine Maske. Auch im Innern, wie immer, sorgfältig ausgewählte Illustrationen zum Thema, beispielweise auf einer Doppelseite links Albert Ankers Gemälde „Sonntagnachmittag“ und rechts Cuno Amiets „Schneelandschaft“ mit dem einsamen Skiläufer in der weissen Einöde. Très amusant zu lesen ist das Exklusivinterview mit der „Schneekönigin“ von Christian Andersen. Etwas traurig stimmt der Bericht zur Snowstalgie. Dieser Winter mit – leider nur vorübergehend – viel Schnee bis in die Niederungen dürfte ja eine Ausnahme sein. Vor gut 100 Jahren entdeckten die Städter, dass die kalte Jahreszeit in den Bergen wunderbar warm sein kann. Die Pariser Zeitung „Le Petit Journal“ unterstrich an Weihnachten 1923 auf der Titelseite, ein paar Wochen vor der ersten Winterolympiade in Chamonix, diesen Wechsel in der Wahrnehmung des Winters. Was gab es nun plötzlich Schmackhafteres, als draussen an der Sonne mit Mütze, aber ohne Handschuhe, eine heisse Schokolade zu schlürfen?

Chantal Lafontant Vallotton (Dir.), avec la ollaboration de Vincent Callet-Molin, Lisa Laurenti, Philippe Lüscher et Maelle Tappy: Choc! Suchard fait sa pub. 130 ans d’affiches chocolatières. Éditions Livreo-Alphil/Musée d’art et d’histoire de Neuchâtel, Neuchâtel 2020, Fr. 39.-

Das Musée d’art et d’histoire de Neuchâtel zeigt bis zum 7. März 2021 die Ausstellung «Choc! Suchard fait sa pub»; www.mahn.ch/fr/expositions.

L’Alpe, N° 91: Neige et glace. Le goût de l’hiver. Hiver 2021, Fr. 26.00.

Passend dazu die Ausstellung «Winter» im Lötschentaler Museum in Kippel (bis 28. März 2021). Sie ist in fünf Themen gegliedert:
Winter früher – Schnee als Produktionshemmnis
Der neue Winter – Schnee als Produktionsfaktor
Die weisse Gefahr – Schnee als Bedrohung
Erstarrte Natur – Schnee als Metapher
Klimawandel – Schnee als Mangelware.
www.loetschentalermuseum.ch/sonderausstellungen/

Le Léman

Léman mon amour: Ob rund um den See bzw. darauf oder vom Cervin her gespiesen – der grösste See der Alpen ist immer auch eine Buchreise wert.

25. Januar 2021

«Ich möchte gern denen, die Geschmack und Gefühl haben, sagen: Geht nach Vevey, seht das Land, betrachtet die Gegenden, fahrt auf dem See und sagt, ob die Natur nicht dies schöne Land für eine Julie, eine Clara und einen St. Preux geschaffen hat; aber suchet sie nicht dort.»

Empfahl der Genfer Jean-Jacques Rousseau in seinen „Bekenntnissen“, die 1782, vier Jahre nach seinem Tod, veröffentlicht wurden. Eine vergebliche Empfehlung. Denn die Leser seines Briefromans „Julie oder Die neue Héloïse. Briefe zweier Liebenden aus einer kleinen Stadt am Fuβe der Alpen“, der 1761 erstmals herausgekommen war und unzählige Auflagen in mehreren Sprachen erlebte, machten genau das. Die Schauplätze des Romans, Vevey und Clarens an der schweizerischen Riviera sowie Meillerie drüben am französischen Ufer, sie wurden Wallfahrtsorte. Und blieben es. Wer am und auf dem Léman unterwegs war und ist, begegnet dauernd Büchern. Es gibt kaum eine andere Gegend in den Alpen, über die und in der so viel geschrieben und publiziert wurde.

Im November 2020 erschien ein neues Werk über den wasserreichsten und zweitgrössten See Mitteleuropas – der Balaton (Plattensee) in Ungarn ist 14 km² grösser. Lagus Lemanus. Lago di Losanna. Genfersee. Lake of Geneva. Oder einfach Le Léman: Das Wort „See“ braucht‘s gar nicht, so wie man auch nur sagt: der Atlantik. Und so lautet denn auch nicht zufällig der Titel des Photobandes von Claude Dussez und Vincent Guignet mit Texten von Blaise Hofmann: „Léman. Bien plus qu’un lac“. Eine ganze Welt natürlich. Aus Wasser und Land. Aus Wolken und Bäumen. Aus Menschen und Tieren. Aus Fischern und Schwimmern. Aus Schiffen und Schlössern. Aus Schwarz und Weiss. Mais oui. Kein Blau auf den 240 Seiten. Kein Grün der Reben. Und trotzdem sozusagen farbig. Ein grossartiges, vielschichtiges Porträt des grössten See Frankreichs und der Schweiz. So sehenswert die Fotos, so lesenswert die zehn Wortbeiträge. Im ersten, mit „Lémanitude“ überschrieben, lesen wir: „Le Léman est à votre image. En amont, le passé. En aval, l’avenir. L’eau coule sans jamais s’arrêter. Vous ne vous baignerez jamais deux fois dans le même lac.“

Und wenn wir schon am Seebaden bzw. Buchschauen sind: Ebenfalls im November 2020 kam ein weiterer Bildband mit dem Ziel Léman heraus. In „La voix des eaux. Des Alpes au Léman“ geht die Autorin und Fotografin Claude Bernhard den Gewässern des Wallis nach, von der Quelle der Rhone bis zur Mündung in den grossen See; sie fliesst ab Branson etwas östlich des Rhoneknies zwischen den Kantonen Wallis und Waadt. Das Buch behandelt vieles, was mit dem Walliser Wasser zusammenrinnt, ebenfalls mit historischen Fotos. Gletscher und Seen, Suonen und Grotten, Wasserfälle und Thermalbäder. Verblüffend sind die unterirdischen Fotos, aber darauf hat sich Madame Claude auch spezialisiert. Die Gletschergrotten und vor allem la grotte des Crêtes de Vaas, die längste Gipshöhle der Alpen; sie versteckt sich am rechten Rhoneufer zwischen Siders und Sitten und kann nur von Spezialisten besichtigt werden. Und dann gibt oder gab es da noch das Kettle Hole unterhalb des Glacier du Mont Miné; den Toteissee hat die Fotografin zu jenem Zeitpunkt aus der Luft aufgenommen, als er kreisrund und blau war – eine phantastisches Bild. Das Motto des Buches – und damit gleiten wir zurück zu berühmten Autoren – stammt aus Rainer Marias Rilkes Zyklus „Les Quatrains valaisans“; die Walliser Vierzeiler entstanden im Spätsommer 1924 in französischer Sprache. Zwei Zeilen seien hier nur zitiert: „Les bruits épars, quittant le jour, se rangent/et rentrent tous dans la voix des eaux.“

Claude Dussez, Vincent Guignet (photographies), Blaise Hofmann (textes): Léman. Bien plus qu’un lac. Éditions Glénat, Grenoble 2020, Fr. 60.-

Sicher bis zum 15. August 2021 ist im Musée du Léman in Nyon die Ausstellung „Léman. Bien plus qu’un lac“ zu sehen; www.museeduleman.ch. Ein sehr guter Grund, wieder mal eine Reise an den Genfersee, pardon: an den Lago di Losanna zu planen. Und falls das Museum wegen Corona geschlossen ist, ein Spaziergang durch Nyon mit dem römischen Forum, dem Schloss und den Spuren von Tintin lohnt sich allemal, auch im Winter. Zudem ging der Wakkerpreis 2021 des Schweizer Heimatschutzes an den Nachbarsort Prangins. En route, mes amis!

Claude Bernhard: La voix des eaux. Des Alpes au Léman/The Voice of Water. From the Alps to Lake Geneva. Éditions Slatkine, Genève 2020, Fr. 48.-

Bergsteiger. Auf den Spuren grosser Alpinisten

Ein grosses Buch zur Geschichte der Bergbegeisterung und des Alpinismus in verkleinerter Neuauflage.

18. Januar 2021

«Vom Pioniergeist des Bergsteigens bis zum alpinen Extremsport von heute: über 100 weltbekannte Bergmenschen in einem Buch.»

Fett und gross gedruckter Rückseitentext des Bildbandes „Bergsteiger. Auf den Spuren grosser Alpinisten“ von Ed Douglas. Ein (fast) unveränderter Nachdruck der Erstausgabe von 2012. In der NZZ vom 18. Januar 2013 stellte ich das Buch unter dem Titel „Hoch hinaus. Eine Geschichte des Alpinismus“ so vor:

«Kennen Sie den ersten Bergsteiger? Ist’s der Südtiroler Reinhold Messner? Nein, da sind schon andere vor ihm auf die Berge gestiegen – und haben darüber Bücher veröffentlicht. Zum Beispiel der vor kurzem verstorbene Franzose Maurice Herzog, Erstbesteiger der Annapurna im Jahre 1950; eigentlich schrieb er nur ein Buch über diese Expedition, dafür verkaufte es sich millionenfach. Der Engländer Edward Whymper, 1865 Sieger des Matterhorns, war ebenfalls bestsellertüchtig – und keineswegs der erste Alpinist. So wenig wie sein Landsmann Albert Smith, der seine Besteigung des Mont Blanc von 1851 gnadenlos vermarktete.
Doch war es vielleicht der Solothurner Naturforscher Franz Josef Hugi? Ja, in gewisser Weise schon. Er war nämlich der erste Bergsteiger, der sich im Winter freiwillig in die vergletscherten Hochalpen hinauf wagte. Am 12. Januar 1832 erreichten er und seine Führer den Stahleggpass (3332 m) oberhalb Grindelwald, an Hugi erinnern heute Hugisattel und Hugihorn. Aber der Erste, der in der Höhe herumstiefelte, war auch er nicht. Am 26. Juni 1492 kletterten Antoine de Ville und seine Gehilfen auf den 2087 Meter hohen, noch immer unzugänglich scheinenden Mont Aiguille unweit Grenoble. Die Geburtsstunde des Alpinismus? Wahrscheinlich die erste schwere Bergtour.
Auf die Berge wurde freilich noch viel früher gestiegen: Der Mönch En-no-gyoja bestieg anno 663 den Fuji (3776 m) in Japan – die erste bekannt gewordene Besteigung eines Gipfels. Und doch: „Der erste bekannte Bergsteiger der Welt“, so schreibt der englische Journalist und Alpinist Ed Douglas in seinem gewichtigen Bildband „Bergsteiger. Auf den Spuren großer Alpinisten“, war der Ötzi. Also Messners 5000 Jahre alter Vorfahre, dessen Leiche am 19. September 1991 an der Grenze von Südtirol gefunden wurde.
Spannend, die Geschichte des Bergsteigens, die uns Douglas, früher Herausgeber des renommierten „Alpine Journal“, da auf 360 grossformatigen Seiten mit 800 Fotografien, Illustrationen, Karten und Tabellen ausbreitet. Die Führer durch 5000 Jahre Alpininstikgeschichte sind 100 Alpinisten und Alpenkenner (17 aus der Schweiz) sowie nur 10 Alpinistinnen, die näher vorgestellt sind. Reine Kletterer wie der ebenfalls kürzlich verstorbene Patrick Edlinger kommen leider gar nicht vor; ein Clarence King, Vater des amerikanischen Bergsteigens, ebenfalls nicht.
Aber halten wir uns an das, was vorliegt. Und das ist viel, insbesondere bildmässig: ein Schwelgen in bekannten und noch kaum gesehenen Helgen. In den Texten selbst sind Doppelspurigkeiten nicht zu übersehen, was freilich weniger stört als die Übersetzung, die zwischen Erstbesteigung (eines Gipfels), Erstdurchsteigung (einer Wand) und Erstbegehung (einer Route) nicht zu unterscheiden weiss. Im Englischen heisst es halt einfach „first ascent“. Patzer gibt es auch beim Porträt von Oscar Eckenstein; so wird er mit Jules Jacot Guillarmod verwechselt. Fehltritte wird es immer geben, gerade beim Bergsteigen. Die Geschichte des Alpinismus ist nachvollziehbar aufbereitet, mit vielen Einschüben zum Leben in den Bergen, zu sechs legendären Gipfeln (aus der Schweiz ist es nicht der Eiger!), zur Entwicklung wichtiger Ausrüstung wie Seil und Pickel sowie zu den Bergen in Malerei, Fotografie, Film und Literatur. Vor allem aus englischer Sicht – of course!
Übrigens: Das Vorwort stammt von Gerlinde Kaltenbrunner, die als erste Frau alle 14 Achttausender ohne künstlichen Sauerstoff bestieg. Früher war es immer Messner gewesen, der die Vorworte zu Bergbüchern schrieb. Offenbar hat er eine Nachfolgerin gefunden.»

Wie gesagt, ein unveränderter Nachdruck. Die Fehltritte – es gibt mehr als die erwähnten – sind nicht korrigiert. Einzig auf der letzten Doppelseite werden David Lama und Ueli Steck als verstorben gemeldet. Und Alex Honold wurde neu aufgenommen; ins Personenregister hat er es aber nicht geschafft. Ja, und noch etwas ist anders: das Format. Statt 31 x 26 cm neu 26 x 22 cm. So haben die „Bergsteiger“ besser Platz im Büchergestell.

Ed Douglas: Bergsteiger. Auf den Spuren großer Alpinisten. In Zusammenarbeit mit The Alpine Club und Royal Geographical Society. Dorling Kindersley Verlag, München 2020, € 30.-.

Das Alpenbuch

Ein neues Alpenbuch aus Hamburg vermittelt auf vergnügliche und überraschende Art ein tieferes Verständnis für das berühmte Gebirge. Allerdings mit ein paar Stolpersteinen.

13. Januar 2021

«TRIGLAV 2864 m. Was das Matterhorn für die Alpen insgesamt darstellt, ist der Triglav für Slowenien. Als bekanntestes Wahrzeichen des östlichsten Alpenlandes befindet sich dessen höchster Berg unter anderem auf der Nationalflagge und sogar auf den slowenischen 50-Cent-Münzen. Bis zur Unabhängigkeit Sloweniens 1991 war der Triglav auch die höchste Erhebung Jugoslawiens.»

Hätten Sie gewusst, nicht wahr? Vielleicht waren Sie sogar mal bei der roten Metalltonne zuoberst auf dem Gipfel. Aber kennen Sie die andern höchsten Erhebungen der acht Alpenstaaten auch? Da sind die Schweiz (Dufourspitze) und ihre fünf Nachbarn (Mont Blanc/Monte Bianco, Zugspitze, Grossglockner und Vorder Grauspitz). Macht sechs bzw. sieben höchste Punkte. Der achte (und kleinste) Alpenstaat geht in diesem Umfeld gerne vergessen, obwohl er dort liegt, wo die Mittelmeerwellen gegen den Alpenwall klatschen: das Fürstentum Monaco! Sein höchster Punkt ist leider nicht der Mont Agel (1148 m), auf dessen Ausläufer die Hochhäuser von Monaco und Monte Carlo stehen, sondern der Chemin des Révoires, 164 Meter über der Küste. Und Monaco nimmt nur 0,001 % Prozent der alpinen Gesamtfläche ein. Auf Platz eins in diesem Ranking thront Österreich (29 %), knapp vor Italien (27 %) und deutlich vor Frankreich (21 %). Und die Schweiz? Bloss 13 %. Dafür stehen im alpinen Helvetien die meisten 4000er. Und dort ist auch am häufigsten grosse Bergliteratur entstanden, wie die entsprechende Doppelseite in „Das Alpenbuch. Zahlen, Fakten und Geschichten in über 1000 Infografiken, Karten und Illustrationen“ zeigt: Von den 12 vorgestellten Büchern zwischen der neuen Heloise (1761) und dem finsteren Tal (2010) spielen gleich sieben in der Schweiz.

284 Seiten mit hunderten Infografiken und Illustrationen, Tabellen und Karten vermitteln in diesem Alpenbuch aus dem alpenfernen Hamburg auf erfrischende Art Facts and Figures zum gesamten Alpenraum. Eben inklusive Slowenien und den beiden Kleinstaaten, die sonst in solchen Büchern oft aussen vor liegen. Behandelt wird alles, von Geografie bis zu Kulinarik, von Skijöring bis zu Mythen und Legenden, von Tieren über Naturschutz bis zu Bergsport, von Verkehrsröhren bis zu Salzbergen. Ein Buch für alle, die sich für die Berge im Allgemeinen und für die Alpen im Besonderen interessieren – ob sie nun die höchsten Kanzeln der Alpenstaaten erklettern oder lieber von der Plage du Larvotto an der Avenue Princesse Grace auf das Ende (oder den Anfang) des Alpenbogens hochblinzeln.

Wie es auf der Rückseite des A4 grossen und 1,2 kg schweren Buches heisst, entstand es in Kooperation mit den Alpenvereinen aus Deutschland, Österreich und Südtirol. Und da erstaunt es doch, dass einige Stolpersteine nicht vermieden wurden. Ein paar Beispiele:
– Bei der Angabe der Sprache, die im Alpenland Italien gesprochen wird, steht nur „Italienisch“. Da werden sich die Bewohner von Meran und Courmayeur doch etwas wundern.
– Die Cascade de Pissevache rauscht im Wallis und nicht in Frankreich.
– Der Rheinfall, der Lac de Neuchâtel und der Kanton Basel-Land (mit dem Burgermeisterli-Schnaps) liegen nicht in den Alpen.
– Die meisten Viertausender erheben sich nicht im Mont Blanc-Massiv, sondern in den Walliser Alpen.
Also mit eingeschalteter Stirnlampe von der Côte d’Azur über die Rothörner und Corni Neri bis zum Schneeberg unweit Wien (höchster Berg Niederösterreichs, östlichster und nördlichster Zweitausender der Alpen) lesend gehen.

Das Alpenbuch. Zahlen, Fakten und Geschichten in über 1000 Infografiken, Karten und Illustrationen. Herausgegeben von Lana Bragin und Stefan Spiegel. Marmota Maps, Hamburg 2020, Fr. 48.-

BERG 2021

Das neue Jahr mit dem neuen Alpenvereinsjahrbuch beginnen – ma certo! Gerade im 2021 mit dem Schwerpunkt Karnischer Kamm.

4. Januar 2021

«I bintsch a glickseligis nais johr, s’òlte is gor unt s’naje is do.
A vrischis, a gesunts unt a lòngis lebm unt òlbm gearn gebm.»

Verstanden? Aber gewiss doch, liebi Bärgfründe. Wenigstens der Spur nach. Zur Sicherheit sei dieser Neujahrswunsch auf Plodarisch hier noch auf Hochdeutsch wiedergegeben: „Ich wünsche ein glückliches neues Jahr, das alte ist um, das neue ist da. Ein neues, gesundes und langes Leben und alleweil gerne geben.“ Klar, machen wir. Hoffen wir, gerade auf ein gesundes Leben. Aber um Gottes Willen, was ist denn das für eine Sprache: Plodarisch? Dieses deutsche Idiom, verwandt mit dem Zahrischen und dem Tischlbongarischen, wird in der Sprachinsel Sappada-Plodn gesprochen, einer von vier deutschsprachigen Enklaven auf der italienischen Seite der Karnischen Alpen. Die drei andern sind Sauris-Zahre, Timau-Tischlbong und Val Canale-Kanaltal. Nachzulesen ist der Beitrag über die deutschen Sprachgemeinschaften in Friaul-Julisch Venetien, einer der 20 Regionen von Italien, im Alpenvereinsjahrbuch BERG 2021. Haupthemen im frischen Jahrgang: der Karnische Kamm und das Wandern.

Wandern ist einer der bevorzugten Freizeitbeschäftigungen von Österreichern, Deutschen und Schweizern. Der Soziologe Hartmut Rosa erklärt im Gespräch die grundlegende Resonanzerfahrung, die das Gehen in der Natur ermöglicht. Weitere Beiträge widmen sich den gesundheitlichen Aspekten des Wanderns, folgen der dreimonatigen Wanderung von Joseph Kyselak durch die Ostalpen anno 1825 oder beleuchten Wanderwege unter E-Bike-Strom knapp 200 Jahre später.

Die Rubrik BergMenschen bringt neben einem Porträt der bayerischen Bergsteigerlegende Hermann Huber (der langjährige Chef von Salewa feierte 2020 seinen 90. Geburtstag) auch eines mit Andrea Eisenhut. Die erste deutsche Meisterin im Sportklettern (1991) klettert auch mit 60 Jahren noch im 10. Grad und hat in den letzten Jahren zahlreiche schwierige Alpinrouten erschlossen. Mit Christoph Ransmayr steht einer der großen Erzähler der Gegenwart im Blickpunkt der Rubrik BergKultur. Warum haben unverfügte Räume wie Gebirge, Meere und Wüsten in seinem Werk eine so zentrale Bedeutung? In BergWissen geht es unter anderem um das im Zuge des Klimawandels wachsende Risiko von Steinschlag auf alpinen Wegen, und wie man es beurteilen und mit ihm umgehen kann.

Aufgepasst also, liebe Bergwanderer, wenn Ihr in diesem Jahr den Karnischen Höhenweg unter die Füsse nehmen wollt (sofern denn ein Wandern im Ausland wegen der Coronapandemie überhaupt möglich ist). Auf der Höh muss ja kaum mit herabfallenden Steinen gerechnet werden. Aber der Weg (er dauert eine knappe Woche) quert auch abschüssige Hänge. Und wer unterwegs gar noch den Monte Coglians/die Hohe Warte (2780 m), den höchsten Gipfel der Karnischen Alpen, erklimmen will, muss auf der Normalroute durch die Südseite mit losem Fels umgehen können. Die zahlreichen Totentafeln auf dem Gipfel scheinen eine klare Sprache zu sprechen. Am 18. Juli 2013 fotografierte ich unter anderem eine zweisprachige Erinnerungsplakette: „A Davide fra la sŏs monts“.

BERG 2021. Alpenvereinsjahrbuch, herausgegeben vom Deutscher Alpenverein (DAV), Österreichischer Alpenverein (OeAV) und Alpenverein Südtirol (AVS). Redaktion Anette Köhler und Axel Klemmer. Tyrolia-Verlag, Innsbruck 2020, € 20.90.

Letzte Bergfahrt

Ein etwas skitrauriges Buch, das Hoffnung macht. Perfekt für die Fahrt ins nächste Jahr.

31. Dezember 2020

Orario di Servizio/Betriebszeiten
Servizio da/Betrieb ab 9.00
Ultimo corsa/Letzte Fahrt 16.00
Ultimo controllo piste/
Letzte Pistenkontrolle 16.15

Das verkündete die Anzeigentafel bei der Talstation des Skigebietes Confin beim Südportal des San Bernardino-Tunnels am 13. März 2019. Die Uhr auf der Tafel zeigte 10 vor 12. Das stimmte, als Uhrzeit. Aber eigentlich war bzw. ist es zehn nach zwölf. Denn das Skigebiet mit einer Gondelbahn, einem Sessellift, drei langen Skiliften, einem Kinderlift und einem Bergrestaurant ist seit dem Winter 2012/13 geschlossen. Ob die Lifte je wieder laufen werden, ist höchst ungewiss. Confin/San Bernardino ist ein LSAP – Lost Ski Area Project. Wie viele andere in der Schweiz (und überhaupt in den Bergen).

Dem Begriff LSAP war ich am 27. Februar 2017 zum ersten Mal begegnet, auf der Skitour auf den einst auch von Liften erschlossenen Erner Galen. Beim Gipfelkreuz zog ich, müde vom Aufstieg, die Felle ab und begann die Abfahrt – im Bruchharsch. Erst auf den breiten, gepfadeten Wegen rund um Chäserstatt machte das Skifahren Spass. Ich setzte mich auf die Sonnenterrasse des neuen Restaurant und notierte ins Tourenbuch Nr. 33: „Ein spannendes Projekt dort oben: Ausflugsbeiz und Seminarhotel, sehr schön gemacht, das Hotel in der ehemaligen Bergstation der Sesselbahn, sonnig, tolle Aussicht, starke Speisekarte.“ Im Restaurant drinnen lag ein Buch auf, das ich gleich kaufte und später mit dieser Notiz im Innentitel versah: „Am 27.2.2017 auf Chäserstatt/Ernengalen gekauft – der perfekte Ort. Man müsste dort oben das Buch lesen, bei einem Glas Weisswein zu Apéro und Abendsonne.“ Das Buch heisst „Aufgebaut, aufgegeben und ausgestorben. Verlassene Skigebiete in der Schweiz“, 2016 im Essener Klartext Verlag herausgegeben von Matthias Heise und Christoph Schuck. Es behandelt die Ex-Skigebiete Erner Galen und Hungerberg (je im Oberwallis) sowie Hospental bei Andermatt.

Nun haben die beiden alpenfernen Herausgeber – Christoph Schuck ist Professor für Politikwissenschaft und seit 2016 Dekan der Fakultät Humanwissenschaften und Theologie an der Technischen Universität Dortmund, Matthias Heise ist Dozent an der gleichen Uni – mit ihren sieben Mitarbeitern ihr hochinteressantes Buch im Zürcher AS Verlag neu und erweitert herausgegeben: „Letzte Bergfahrt. Aufgegebene Skigebiete und ihre touristische Neuausrichtung“. Neben den drei erwähnten Ex-Gebieten wird nun eben auch Confin bis zum obersten Masten untersucht, aus welchen Gründen genau dieses sonnige Skigebiete in der italienischen Schweiz seinen Pistenbetrieb einstellte.

Das ski- und tourismuswissenschaftliche Buch besticht aber nicht nur durch seine Analysen, sondern auch mit seinen alten und aktuellen Fotos, aufgenommen im Winter und Sommer. Da schwingt jeweils Melancholie mit, bei all den geschlossenen, abgebauten oder verwundenen Anlagen und Pisten, die einst voller Freude benützt wurden. Doch auf einer doppelseitigen Aufnahme kurvt ein Skitourenfahrer elegant und entschlossen unter den Skiliftmasten durch den Frühlingsschnee gegen die Alp Confin Basso hinab. Diese Bild wollen wir mitnehmen ins neue Jahr. In diesem Sinne: gute und gesunde Fahrt ins 2021.

Matthias Heise, Christoph Schuck (Hrsg.): Letzte Bergfahrt. Aufgegebene Skigebiete und ihre touristische Neuausrichtung. Vorwort von Daniel Anker. AS Verlag, Zürich 2020, Fr. 58.-

Steiners Postauto – Gygers & Klopensteins Skifotos

Zweimal Bildgeschichte für die Weihnachtstische.

21. Dezember 2020

«Als wir Ende 2005 in unserem Haus in Punt Muragl Weihnachten feierten, war mein Vater zweiundneunzig Jahre alt; meine Mutter war im gleichen Jahr achtzig geworden. Eva und ich schenkten meinen Eltern eine Fotografie von Albert Steiner. Diese Aufnahme berührt ihr Leben auf verschiedene Weise, und auch meines – doch ihnen mag dies im ersten Moment kaum aufgefallen sein.»

So beginnt ein Buch, das ursprünglich gar kein Buch sein wollte oder sollte. Der Architekt Marcel Meili (1953–2019) legt in „Steiners Postauto. Eine Bildgeschichte“ dar, warum er zusammen mit seiner Frau, der Künstlerin und Kuratorin Eva Afuhs (1954–2011), den gerahmten Fotoabzug „Postauto ob Silvaplana“ des berühmten, aus Frutigen stammenden und dann im Engadin wirkenden Fotografen Albert Steiner (1877–1965) seinem Vater 2005 zu Weihnachten schenkte. Was zuerst bloss eine Erklärung war, wuchs mit der Zeit zu einem Werk heran, das weit über das Foto mit dem Postauto-Cabriolet auf der Julierpassstrasse hinausfährt. Am 13. August 2006 vollendete Meili den Text, am Tag, als sein Vater starb. 2007 erschien „Steiners Postauto“ zum ersten Mal, als Privatdruck von 30 Exemplaren, illustriert mit rund 200 Abbildungen, die Meili auf seiner überraschenden Fahrt durch die Foto-, Tourismus-, Infrastruktur-, Technik-, Kunst- und Engadingeschichte gesammelt hat. 2013 kam eine zweite Auflage von 20 Exemplaren heraus. Nun liegen diese hochspannenden, weit über das Familiäre herausragenden Ausführungen zu einem auf den ersten Blick braven Weihnachtsgeschenk in einer gediegenen Ausgabe bei Scheidegger & Spiess vor. Tatsächlich „ein assoziationsreiches Lesevergnügen“, wie die Buchbanderole verspricht. Nur ein kleiner Wachsflecken sei vermerkt: Die wirklich klug und überraschend ausgewählten Abbildungen hätte man durchaus etwas grösser zeigen dürfen.

Und wenn wir schon grad mit Fotos von Berner Fotografen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts unterwegs sind. Emanuel Gyger (1886–1951) und Arnold Klopfenstein (1896–1961) aus Adelboden gehören zu den bekanntesten Berg- und Skifotografen ihrer Zeit. Vor allem ihre schwarzweissen Skibilder mit den schwarz gekleideten Sportlern im unverspurten weissen Untergrund, eine Wolke aus Pulverschnee im Gegenlicht herziehend, gehören zu den Ikonen der Fotografie. Nicht zuletzt deshalb, weil viele der Fotos als Postkarten Verbreitung fanden. Der von Daniel Müller-Jentsch herausgegebene Bildband „Emanuel Gyger & Arnold Klopfenstein: Pioniere der Skifotografie“ zeigt 153 Fotos sowie Tourismusbroschüren von 1933/34. Auf fast allen Fotos leuchtet der Schnee, so auch auf den drei Fotos, welche die Busse zwischen Adelboden und Geils am Hahnenmoospass festhalten. Steiner hat solche Fahrzeuge ebenfalls im Wintereinsatz fotografiert. Aber was heisst da Winter? Abbildung 179 zeigt ein Postauto mit offenem Deck zwischen meterhohen Schneemauern auf dem Julierpass im Sommer. Genau: Ab morgen werden die Tage wieder länger. Frohe Weihnachten, mit oder ohne Schnee!

Marcel Meili: Steiners Postauto. Eine Bildgeschichte. Scheidegger & Spiess, Zürich 2020, Fr. 39.-

Emanuel Gyger & Arnold Klopfenstein: Pioniere der Skifotografie. Herausgegeben von Daniel Müller-Jentsch. Regenbrecht Verlag, Berlin 2020, € 30.-

Berge und Steine 3: Sandwald

Wenn ich bei der Feldarbeit durch den Bergwald oder über das baumlose Hochland streife, ist in Gedanken oft auch der ein oder andere der alten Geologen dabei. In ihren Ausführungen und Kartenskizzen habe ich vorher gelesen, sie sind meine Grundlagen.

19. Dezember 2020

Einmal begleitet mich P. von Schumacher, dann Felix Frey, Hans Widmer oder Friedrich Weber, Theodor Hügi oder Geoffrey Franks, der auf Englisch schrieb. Sie alle arbeiteten in einem Teilgebiet und oft am Detail. Jeder erschuf sich eine Welt und beschrieb sie in einer Monographie, die keine Zweifel zulässt. Frey, der stets versucht Heim zu widerlegen und sich so zwischen den Zeilen als Schüler Staubs verrät. Schumacher, der offensichtlich alpinistisch einiges auf dem Kasten hatte, da er es nicht lassen kann, haarsträubende Mergelbänder am Bocktschingel und Speichstock als gut zugängliche Aufschlüsse zu beschreiben und im Nebensatz als Wegabkürzungen zu loben. Immer wieder ergeht es mir gleich mit ihren wohlgeschliffenen Argumentationsketten aus schlingen- und adjektivreichen Sätzen in hundert-, zweihundert-, dreihundertseitenlangen Monographien: Draussen, am Wandfuss, am Tobelbach, bleibt es ernüchternd rätselhaft. Die Kalke, die alle geschiefert und rekristallisiert sind, oder die Granite, Gneise, Quarzite, die alle feinkörnig, hart und grünlich aussehen. In Gedanken diskutiere ich mit den Alten, verwerfe ihre Details. Ich soll ja zusammenfassen, denke ich, und steige weiter zum nächsten Aufschluss.

Dort dann wieder Rätselraten. Gedanken verfolgen mich: Wie haben die früheren Geologen das gemacht? Ihre Augen müssten doch ungefähr dasselbe gesehen haben wie meine. Ich werde den Verdacht nicht los, auch nach so vielen Jahren keine Ahnung von der Gesteinsansprache zu haben. Was konnten sie, dass ich nie gelernt hatte? Ich steige die nächste Halde hinauf und versetze mich währenddessen in meine Vorgänger. Waren sie nicht alle «nur» junge Doktoranden? Wie ich einmal? Ich denke zurück wie das war, jung und voller Forscherelan. Wie viele Hänge bin ich seitdem hinaufgestiegen? Wie viele Steine habe ich seitdem gesehen? Und wie wenig wusste ich damals? Ich erreiche den Wandfuss über dem Märenwald und blicke über die Alp Hinter Sand zur Tentiwang. Aus der eigenen Erfahrung verstehe ich meine Vorgänger besser. Jeder schuf sich aus dem Chaos seiner Beobachtungen eine eloquent formulierte Welt, um zu bestehen. Und deshalb widersprechen sie sich auch. Deshalb denke ich bei dem einen Aufschluss: ah, das hat Franks gemeint! Und beim nächsten: Widmer hatte doch das bessere Konzept! Dann diskutiere ich in Gedanken nicht mehr mit dem einen oder dem anderen, sondern lasse sie untereinander das Streitgespräch führen. Franks, der zwanzig Jahre später Widmer mit neuen Untersuchungsmethoden kommt und Widmer, der ältere, der denkt: dieser junge Spund!

Anders ist es mit Jakob Oberholzer. Er war Vorgänger auch der anderen. Seine Monographie ist stolze 626 Seiten lang. Und er hat dazu eine Karte veröffentlicht, nicht nur eine Übersichtsskizze. Oder, wie Weber, eine Karte ohne jede Beschreibung. Wenn ich bisher etwas anders kartierte als Oberholzer, dann weil ich es präzisierte. Wenn ich in einem Tobel oder irgendwo im Wald einen Aufschluss entdeckte, dann fand ich ihn so oder zumindest in der seiner Zeit entsprechenden Form auch auf der Oberholzer-Karte. Das machte Eindruck. Mit einem Lächeln nahm ich dann, tief im Erlengestrüpp, zur Kenntnis: Oberholzer war hier wohl auch! Mit Oberholzer diskutiere ich in Gedanken nie.

 

Kürzlich, im November, stand der Sandwald auf meinem Kartierprogramm. Zwischen der Einmündung des Limmerenbachs und der Alp Vordersand gelegen, nahm ich ihn bisher nur als Etappe beim Zustieg wahr. Auch auf der topographischen Karte wirkt der Sandwald unscheinbar. Ein einziger, gleichmässiger Hang wie er typisch für überwachsene Geröllhalden ist. Von der Kiesstrasse erscheint es im Augenwinkel ebenso: Quinten-Formation, die die darüberliegenden Wänden aufbaut, liegt in Blöcken herum.

Zunächst umkreiste ich ihn. Vom Vorderleger dem Wandfuss entlang umging ich die Sandrisi, die man kaum durchsteigen kann. Bei der Seilrichti bog ich um die Bergecke in den Schatten, in dem dünn etwas Schnee lag, und erst am Nachmittag drang ich von der Nordseite her in den eigentlichen Sandwald ein. An einem Kamm aus alter Moräne absteigend, erreichte ich den Punkt 1307 m, der eine Sackgasse ist. Die Vorstellung der Gasse ist allerdings irreführend. Es schliessen sich nicht ringsum die Häuser, man kommt hier nicht weiter, weil es ringsum hinuntergeht, der Boden wegbricht. Zehn Meter vor der äussersten Kanzel liess mich ein auffälliger Spalt zögern. Halt, läuteten Alarmglocken, das sieht wacklig aus! Nein, da stehen Bäume, mein Fliegengewicht mag es auch noch leiden. Ein Sprung. Nichts geschah. Zurück, wo der Waldboden breiter ist, malte ich auf meine Feldkarte um den Punkt 1307 die Farbe für den Nummulitenkalk. Dann drang ich südwärts vor. Der Waldboden war steil und ich musste vorsichtig gehen. Unter mir war es felsig. Auf der Oberholzer-Karte ist hier Quintenkalk eingetragen. Fast zweihundert Meter ging ich nach Süden, ehe ich absteigen und die Felsen von unten erreichen konnte.

Und da, da stimmt doch etwas nicht!

Dickbankige Sandsteine und Feinkonglomerate tauchen aus den herabgefallenen Blättern. So sieht keine Quinten-Formation aus. Ich suche weiter nach Süden und weiter unten. Überall dasselbe. Manchmal auch grobspätige Kalke. Das ist Bürgen-Formation. Abgelagert in einer viel jüngeren Zeit und in küstennahem Flachwasser, nicht im offenen Meer auf einem Aussenschelf. Für einmal ist es eindeutig.

Eindeutig ist auch: Hier war Oberholzer nicht! Ein Bann ist gebrochen. Wird auch er sich nun einreihen in den Kreis meiner Begleiter, einer zwischen Schumacher, Hügi und Franks? Wie wird es sein mit ihm zu diskutieren? Noch kann ich es mir nicht vorstellen. Ich bin gespannt und ein wenig verunsichert.