Gamsfreiheit. Vom Älplerleben in Vorarlberg

Ausdrucksstarke Schwarzweissbilder und Texte zeigen das arbeitsreiche Leben der Bergbauern in Vorarlberg mit Verständnis und Sensibilität.

25. Juni 2019

„Man hat do Alpodrang – as gaut do Bergo zuo.“

Und hoffentlich sind wir jetzt hoch oben in den Bergen, bei dieser Hochsommerhitze. Die Älpler jedenfalls, die sind schon seit ein paar Wochen oben, auf ihren lieben Alpen. Mit den Kühen und Schafen, den Schweinen und Pferden, dem Hausrat und der Hoffnung auf einen guten Sommer. In diesem Fall: in Vorarlberg, gleich östlich der Deutschschweiz. Dort sprechen sie ein Deutsch, das vielleicht nicht immer sofort verständlich ist. Die oben zitierte Zeile sollte es aber schon sein; sie stammt aus dem Lied „Meor sand vom Wäldarland.“ Vom Bregenzerwald also. Ein schönes Land mit schönen Alpen. Und mit einem ganz schönen Bildband: „Gamsfreiheit. Vom Älplerleben in Vorarlberg.“

Die Krimischriftstellerin Daniela Alge und die Fotografin Ursula Dünser porträtieren 17 Alpen zwischen Bregenz und St. Gallenkirch, Feldkirch und Zürs, von der Mittleren Spitalalpe bei Dornbirn bis zur Alpe Netza im Montafon. Und wie sie das tun! Da sind einerseits die kurzen, prägnanten und poetischen Texte der Autorin, immer wieder gekonnt versetzt mit kraftvollen Zitaten. Und da sind diese grossartigen schwarzweissen Aufnahmen von Ursula Dünser, die einen ungeschönten Blick auf das Älplerleben geben und erlauben. „Keine Verklärung, sondern Sichtbarmachung der Emotionalität der Beziehungen von Raum, Mensch und Tier“, um aus einem Mail von Bernhard Tschofen zu zitieren; der Professor für Populäre Kulturen am Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft der Universität Zürich rundet den Bildband ab mit „Mutmaβungen über die Liebe zum saisonalen Leben in den Bergen“.

„Gamsfreiheit“ ist nicht das erste Buch über das Leben und Überleben auf den Alpen oben. Und es wird auch nicht das letzte sein. Aber es gehört zu den besten, weil es ganz nah an dieses besondere Leben herangeht, ohne Pathos und mit viel Empathie. Zudem es hat einen schön doppelbödigen Titel. Herlinde und Günther Hänsler von der Alpe Galtsuttis im Hinteren Bregenzerwald schliessen ihr Vorwort, dem die Liedzeile vom Drang nach den Alpen vorangestellt ist, mit der Beschreibung des Alpabzugs im Herbst ab: „Nun haben die Gämsen ihr Revier wieder für sich allein. Gams-Freiheit!“

Ursula Dünser (Fotos), Daniela Alge (Texte): Gamsfreiheit. Vom Älplerleben in Vorarlberg. Bertolini Verlag, Bregenz 2018, € 34.-

Hütten, Hotels, Häuschen

Was gibt es Schöneres, als in den Bergen zu übernachten? Wenn man weiss wo. Fünf frische Führer stellen alte und neue Unterkünfte oben und auch unten vor.

19. Juni 2019

„Insgesamt ist das Angebot an Berghütten nicht nur grösser geworden. Es ist auch vielfältiger. Die Palette reicht vom abgelegenen Biwak über die klassische SAC-Hütte bis zum Berghotel in Seilbahnnähe. Egal, ob man eine Bleibe für eine Nacht sucht oder ein Basislager für eine ganze Tourenwoche, egal, ob man ein ruhiges Plätzchen bevorzugt, eine schöne Aussicht, eine gute Auswahl an lohnenden Bergtouren, eine hochstehende Küche oder eine sympathische Hüttencrew: In den Schweizer Alpen wird man stets fündig.
Und, ja: Es gibt weiterhin Bergtäler ohne Hütte. Auch das gehört zur Vielfalt.“

Schreiben Remo Kundert und Marco Volken in ihrem Klassiker „Hütten der Schweizer Alpen“, erstmals Anfang Sommer 1998 gedruckt und eben in der 11. Auflage erschienen. Ein paar Hütten sind nicht mehr aufgeführt, dafür ein paar andere erstmals dabei. Und was für neue unter den 350 Unterkünften, liebe Hüttenwanderfreunde! Nur vier Beispiele. 1) die Cabane d’Essertze (2196 m) im Val d’Hérémence, Chalets auf einer sonnigen Matte mit Liegestühlen – Sommeridylle par excellence. 2) die Planigrächti-Hütte (2233 m) auf der Varneralp zwischen Leukerbad und Montana – mon Dieu, eine gepflegtere Aussicht auf die Walliser Alpen gegenüber findet sich selten. 3) die Capanna Anzana (2044 m) zuunterst im Val Poschiavo, hoch oberhalb dem Schmugglerdorf Cavaione – wer dort nicht zur Ruhe kommt, ist selber schuld. 4) das Rifugio Corte Nuovo (1635 m) auf dem schmalen Grat zwischen Centovalli und Valle Onsernone – mamma mia, che bel posto! Allerdings weist diese Hütte, ein vor zwei Jahren umgebauter Stall, nur sechs Plätze auf; es könnte also etwas eng werden…

Die nächste Unterkunft vom Rifugio Corte Nuovo liegt rund anderthalb Stunden entfernt auf dem Monte di Comino; es ist das Ostello alla Capanna mit insgesamt 28 Plätzen. Diese Übernachtungsmöglichkeit ist in Richi Spillmanns „Berg-Beizli-Führer“ aufgelistet, in dem 1279 Bergrestaurants mit und ohne Betten in der Schweiz aufgeführt sind. Für die Ausgabe 2018-19 sind 62 neue Adressen dazugekommen – es gibt also einige nette neue Örtlichkeiten zu erwandern und zu entdecken, auch in kulinarischer Hinsicht. Das gilt noch viel mehr für Richis druckfrischen „Land-Beizli Guide“. Die aktuelle 14. Auflage lockt mit 104 in reizvollen Gegenden zusätzlich aufgenommenen Gastbetrieben. Da haben wir wirklich die Qual der Wahl.

Einfacher zu Hütten kommen Eltern mit dem Bergwanderführer „Familienausflüge zu SAC-Hütten“. 41 Hütten hat Heidi Schwaiger ausgewählt, zehn in der Zentralschweiz, neun im Graubünden, acht im Berner Oberland, sechs im Wallis und je vier im Tessin und in der Ostschweiz. Ein hübsch gemachtes, rucksacktaugliches Buch für Gross und Klein, selbstverständlich mit allen nötigen (wander)touristischen Infos, aber auch mit schlauen Hinweisen zum Sehen, Erleben und Staunen, mit Hintergrundinfos und manchmal mit Gipfelzielen am Hüttenweg. Jetzt muss der Nachwuchs bloss noch mitmachen – die Bootsfahrt auf dem Obersee ein paar Schritte südlich der Kröntenhütte wird den Kids aber bestimmt gefallen.

Apropos See: Alexander Hosch präsentiert in „Winzig alpin. Innovative Architektur im Mini-Format“ die Seehütte am Weissensee in Kärnten. Ein Bijou aus Holz mit 55 m2 Wohnfläche, direkt am Wasser mit einem Bootssteg – ein Traumhäuschen; das Beste kommt noch: Man kann es mieten! 12 ausgewählte Objekte ebenfalls. Andere kann man kaufen, wie das Polybiwak mit seinen 14 m2. Je eines erwartet die Berggänger am Rauhjoch im Südtirol und am Glunzeger in den Tuxer Alpen; weltweit gibt es etwa 40. Man könnte das Polybiwak auch im Garten aufstellen, aber wer will schon ein Alu-Oktogon als ruhiges Gartenhäuschen?

Remo Kundert, Marco Volken: Hütten der Schweizer Alpen/Cabanes des Alpes Suisses, Capanne delle Alpi Svizzeri. 11., vollständig überarbeitete Auflage. SAC-Verlag, Bern 2019, Fr. 49.-

Richi Spillmann: Berg-Beizli-Führer 2018-19. Spillmann Verlag, Zürich 2018. Fr. 39.-
Richi Spillmann: Land-Beizli Guide 2019-20. Spillmann Verlag, Zürich 2019, Fr. 39.-

Heidi Schwaiger: Familienausflüge zu SAC-Hütten. 41 erlebnisreiche Wanderungen mit Kindern. Erste Auflage. SAC-Verlag, Bern 2019, Fr. 49.-

Alexander Hosch: Winzig alpin. Innovative Architektur im Mini-Format. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2018, Fr. 46.-

Ossola und Urschweiz

Es gibt viel zu wandern (und klettern) in diesem Sommer – am Fuss der höchsten Gipfel der Schweiz so gut wie in ihrem Herzen.

12. Juni 2019

„Das Ossolagebiet und seine herrlichen Wege hatten es mir schon lange angetan. Sie sind vom Norden mit dem Zug schnell zu erreichen und doch ganz Süden, ganz alpines Italien. Ich glaubte die Region zu kennen. Jetzt weiss ich, dass ich nichts wusste.“

Mit diesen Sätzen leitet der Stadtberner Journalist und Schriftsteller Peter Krebs sein neues Buch ein: den Kulturwanderführer „Wanderregion Ossola und Simplon. 40 Touren zwischen Brig, Monte Rosa und Lago Maggiore“. Ein handliches, 248 Seiten starkes Werk über eine Region, durch die wir bestimmt schon mal durchgefahren sind auf dem Weg in den Süden, mit einem Mittelpunkt, an dem wir bestimmt schon mal umgestiegen sind und vielleicht auch einen Zug verpasst haben: Domodossola. Genau 1 Std. und 38. Min. vom Hauptbahnhof Bern entfernt, bei der schnellsten Verbindung. Also vor der Haustüre. Und jetzt wissen wir, was wir dort noch machen werden, als nur auf Züge warten und auf dem Mercato einkaufen (letzteres natürlich auch gerne, ma certo). Wandern natürlich, in den sieben Tälern des Ossola, tageweise und tagelang, mit dem Krebs im Rucksack. Mit den Wegen, die er für uns entdeckt und beschrieben hat. Mit den Geschichten, die er uns auftischt; Geschichten von Schmugglern und vom Schmelzwasser, von Walsern und vom Wein, vom Simplon, der zwei Alpenländer verbindet.

Die Buchvernissage von Peter Krebs‘ Italienbuch findet im Rahmen der 1. Internationalen Wandertage in Domodossola statt. Diese Wandertage sind ein italienisch-schweizerisches Projekt der Sezione Domodossola des Club Alpino Italiano CAI und des Schweizer Vereins Sentieri Ossolani. Sie stehen unter dem Patronat der Gemeinde Domodossola. Der Verein Sentieri Ossolani wurde 2018 mit Ziel gegründet, einen Beitrag an den Unterhalt der teils gefährdeten Wanderwege im Ossolagebiet zu leisten. In Zusammenarbeit mit dem CAI und mit lokalen Gruppen werden alljährlich Arbeitseinsätze mit Leuten aus der Schweiz und Italien organisiert. In diesem Jahr werden im Juli und September weitere Strecken im Valle di Bognanco und im Valle Anzasca instand gestellt; Freiwillige sich bitte melden!

Neue Wege gibt es aber nicht nur am Südrand der Schweiz zu entdecken, sondern auch mittendrin. Im Sommer 2018 ist die Via Urschweiz eröffnet worden, der Kulturwanderweg vom Urnersee zum Vierwaldstättersee, der durch mächtige Naturlandschaften und historisch prächtige Dörfer führt. Nun ist zusammen mit dem Autor Erich Herger und namhaften Fotografen der Region ein neuer Kulturführer entstanden. Es ist das erste Buch zur Region, das Kultur und Wandern verbindet und eine touristisch bislang wenig bekannte Region erschliesst. Auf geht’s, von Flüelen über Isenthal nach Beckenried, dann über Seelisberg zurück nach Flüelen. Und an welcher grünen, patriotischen Wiese am See kommen wir da vorbei? Friedrich Schiller beschreibt sie in der zweiten Szene des zweiten Aufzuges von „Wilhelm Tell“.

Kurz: Es gibt viel zu wandern (und zu lesen) in diesem Sommer – am Fuss der höchsten Gipfel der Schweiz so gut wie in ihrem Herzen. Und noch ein Hinweis auf diejenigen, die lieber klettern als wandern. Ebenfalls druckfrisch ist dieser Führer, der erstmals auf Deutsch erhältlich ist: „Ossola Rock. Sportklettern und alpines Klettern vom Lago Maggiore bis zum Simplon, vom Monte Rosa bis zu den Tälern von Devero, Formazza und Vigezzo“. Neu werden die Klettergebiete Nibbio, Onzo und Ponte Romano beschrieben. Anders gesagt: Vielleicht nehmen wir in Zukunft auch Seile und so mit, wenn wir mit dem Zug durch den Simplon fahren.

Peter Krebs: Wanderregion Ossola und Simplon. 40 Touren zwischen Brig, Monte Rosa und Lago Maggiore. AS Verlag, Zürich 2019, Fr. 39.80.

Am Samstag, 15. Juni 2019 um 14.30 Uhr in der Eingangshalle des Teatro Galletti in Domodossola, präsentiert Peter Krebs seinen neuen Führer im Rahmen der 1. Internationalen Wandertage. Vorgängig findet ein Kongress zum Thema Wandern und öffentlicher Verkehr statt, anschliessend an die Vernissage wandert man gemeinsam zum Sacro Monte Calvario hinauf. Und am Sonntag stehen geführte Wanderungen nach Masera und Montecrestese auf dem Programm. Weitere Informationen und Anmeldung unter www.sentieriossolani.ch.

Erich Herger: Wanderregion Urschweiz. Nidwalden – Uri. 20 Touren und fünf Tagesetappen entlang der Via Urschweiz. AS Verlag, Zürich 2019, Fr. 39.80.

Am Freitag, 21. Juni 2019 um 11.00 Uhr im Seerestaurant Seedorf in Seedorf, findet die Vernissage des Kulturführers „Via Urschweiz“ statt. Anmeldung unter info@regionklewenalp.ch.

Fabrizio Manoni, Maurizio Pellizzon, Paolo Stoppini: Ossola Rock. Sportklettern und alpines Klettern vom Lago Maggiore bis zum Simplon, vom Monte Rosa bis zu den Tälern von Devero, Formazza und Vigezzo. Edizioni Versante Sud, Milano 2019, € 35.-

Der Berg ruft – mehrmals

Der Berg ruft – die Echos sind im Gasometer Oberhausen und im Alpinen Museum Bern zu hören und zu sehen.

5. Juni 2019

«Bei Tagesanbruch setzten wir uns in Bewegung und begannen, den südwestlichen Grat zu ersteigen. Von einem Schlendern mit den Händen in den Taschen war keine Rede mehr; jeder Schritt war ein richtiges Klettern. Zum Glück war es ein höchst angenehmes Steigen. Die Steine lagen fest und waren nicht mit Geröll bedeckt. Die Spalten waren gut, wenn auch nicht zahlreich, und kamen wir in Gefahr, so verschuldeten wir sie selbst. So dachten wir wenigstens und riefen laut, um das Echo der Felsen zu wecken. Wir bekamen keine Antwort, das heißt jetzt nicht. Warten wir ein Weilchen und dann, da hier alles den großartigsten Maßstab hat, zählen wir ein Dutzend und hören von den Mauern der Dent d’Hérens, die stundenweit entfernt ist, Echos in reinen, sanften und musikalischen Tonwellen zu uns dringen.»

Es ist der 29. August 1861, Edward Whymper macht seinen ersten Versuch am Matterhorn, zusammen mit einem unbekannten Führer aus dem Berner Oberland. Die Nacht haben sie auf dem Col de Lion verbracht. Sie hatten ein Zelt dabei, aber es liess sich wegen des starken Windes nicht aufstellen; wenigstens konnten sie sich ins Zelttuch einhüllen. Es war die erste Nacht, die Alpinisten am Matterhorn (4478 m) verbrachten. Und es war der insgesamt achte Versuch, den unübersehbaren Berg auf dem italienisch-schweizerischen Grenzkamm zu besteigen, der damals die besten Alpinisten auf den Platz rief. Whymper und sein Führer kommen an diesem Donnerstag bis auf 3800 Meter am Liongrat. Der Engländer wird sieben weitere Versuche unternehmen, bis dann am 14. Juli 1865 endlich die Besteigung gelingt. Ein Triumph, der – wir wissen es – in einer Tragödie endete, mit dem Absturz von vier der sieben Erstbesteigern.

Seither steht das Matterhorn im Zentrum. In mannigfacher Hinsicht. Und es tut dies zur Zeit auch an einem Ort, wo die Berge höchstens gut 100 Meter hoch sind. Im Ruhrgebiet nämlich, genauer im Gasometer Oberhausen, einem einzigartigen Industriedenkmal, das in 118 Metern über dem Boden gipfelt. In dieser höchsten Ausstellungs- und Veranstaltungshalle Europas hängt das Matterhorn kopfüber im 100 Meter hohen Luftraum des Gasometers, als monumentale Skulptur, die mittels 3D-Technik im Wechsel der Tages- und Jahreszeiten beleuchtet wird. Die Skulptur spiegelt sich im Fussboden der Manege, so dass man den Berg der Berge doppelt sieht – sozusagen als visuelles Echo. Unvergesslich! „Der Berg ruft“ heisst die Ausstellung, die noch bis zum 27. Oktober 2019 zu sehen ist.

Dem Matterhorn begegnet man im Gasometer natürlich auch sonst immer wieder. Dort eine Foto, da das berühmte Gemälde vom Absturz, dort der Pickel von Whymper, hier ein Stück Gipfelfels, den man berühren darf; nicht ganz zufällig hat er die Form des Gipfelaufbaus! Im Erdgeschoss und im ersten Stock besteht die Ausstellung vor allem aus grossen und grossartigen Fotos, die viele und schöne Geschichten erzählen. Was jedoch fehlt, ist die kritische Auseinandersetzung zum Thema: Wintersport und Klimawandel werden kaum gezeigt, und schon gar nicht ihre unschönen Seiten. Schliesslich ruft der Berg nicht nur, er kommt auch.

„Es war unsere Lieblingsunterhaltung, durch laute Rufe dieses Echo zu wecken, das nach etwa 12 Sekunden jeden scharfen Schrei mehrmals sehr deutlich wiedergab“, erzählt Whymper in seinem berühmten Buch „Berg- und Gletscherfahrten in den Alpen, in den Jahren 1860 bis 1869“. Darin beschäftigt er sich immer wieder mit dem Echo. Er hätte also grosse Freude an der neuen Ausstellung im Alpinen Museum in Bern, die zusammen mit dem Musiker und Stimmkünstler Christian Zehnder entstanden ist: „Echo. Der Berg ruft zurück.“ Im Zentrum stehen sieben Echo-Aufnahmen aus verschiedenen Regionen der Schweiz. Mit einem hochsensiblen Kunstkopf-Mikrofon zeichnete Zehnder seine Jutze und Jodel so auf, dass sie ein dreidimensionales Hörerlebnis vermitteln. „Echo“ war aber immer weit mehr als das unterhaltsame akustische Phänomen, das im 19. Jahrhundert mit dem Einsatz von Echo-Kanonen touristisch vermarktet wurde. «Echo» steht auch für unser aller Bedürfnis nach Resonanz: Wir rufen – und freuen uns auf den Rückruf. Von der Lorrainebrücke in Bern, dem Jodlerclub „Echo von Niedergösgen“ und der Dent d’Hérens. Ho-la-re-di-ho…

Der Berg ruft. Herausgegeben von Peter Pachnicke. Klartext Verlag, Essen 2018; € 20.- in der gleichnamigen Ausstellung im Gasometer Oberhausen; bis 27. Oktober 2019.

Echo. Der Berg ruft zurück. Ausstellung im Alpinen Museum der Schweiz, Bern, Biwak #24; bis 27. Oktober 2019. Vielfältiges Veranstaltungsprogramm, das heute Mittwoch mit einem Jodelspaziergang durch Bern beginnt. www.alpinesmuseum.ch/de/veranstaltungen

Küstenpfade in Britain und in der Bretagne

Tage-, lang wochenlang auf Küstenwegen unterwegs sein. So vermischt sich das Salz des Meerwindes mit dem Salz des Lebens – und dem des Lesens.

31. Mai 2019

„Was vor uns lag? Der Weg, nur der Weg.“

Aber was für ein Weg! Besser wohl: Was für Wege! Der Weg fort von einem Zuhause, das es nicht mehr gibt. Der Weg voraus in ein vielleicht neues Leben. Und der längste und wildeste Küstenweg von England, der South West Coast Path.

Moth und Raynor Winn machten sich im Jahre 2013 auf, den gut 1000 Kilometer langen South West Coast Path zu wandern, von Somerset über Devon und Cornwall nach Dorset. Sie haben alles verloren – ihr Haus, ihr Vermögen und Moth seine Gesundheit. Alles, was das Paar noch besitzt, passt in zwei Rucksäcke. Ihr Zuhause ist nun immer dort, wo sie ihr kleines Zelt aufstellen, meistens direkt auf dem Weg, selten auf Campingplätzen, weil das zu viel kostet. Sie kämpfen mit Vorurteilen und Ablehnung, dem Wetter und der Sorge, dass das Geld für den nächsten Tag nicht reicht. Und zugleich entdecken Moth und Raynor auf ihrer langen Wanderung ein neues Glück: herzliche Begegnungen, ihre neu erstarkte Liebe und die Fähigkeit, Kraft aus der Natur zu schöpfen. Und natürlich erleben sie die Natur selbst, diese wilde, wind- und leider auch zu oft regengepeitschte Südwestküste Englands. Man möchte nur bedingt mitwandern.

Aber lesend mitgehen, das schon und unbedingt. Denn Raynor Winn beschreibt den Küsten- und Lebensweg so frisch, so echt, so überzeugend, dass wir gerne mit den beiden Mutigen unterwegs sind, Seite und Seite, Schritt um Schritt. Dazu nur ein Beispiel: „Blickte man nach vorn, zog sich der Weg über eine endlose Abfolge von Landzungen dahin und verlor sich in einer blau-grünen Unendlichkeit. Blau – grün – blau – grün. (…) Er stieg in Wellen auf und ab, auf, auf, ab, ab.“ Die Originalausgabe erschien 2018, The Times bezeichnete „The Salt Path“ als „das inspirierendste Buch des Jahres“. Das Salz des Küstenweges vermischt sich mit dem Salz des Lebens zu einem Leseabenteuer.

Lust aufs Lesen und Küstenwandern bekommen? Dann sei noch ein anderer Küstenweg empfohlen. Nämlich der 1700 Kilometer lange Sentier des douaniers rund um die Bretagne. Nun, es muss ja nicht die ganze Grande Randonnée 34 sein, schon auf einzelnen Abschnitten des durchgehend rot-weiss markierten Zöllnerpfades wird man die einmalige Schön- und Wildheit der Bretagne erleben, das ununterbrochene Wechselspiel von Ebbe und Flut spüren und die Meeresfrüchte inklusive passendem Weisswein in einem petit restaurant geniessen. Also, worauf warten Sie noch? Mais oui – auf den passenden Wanderführer! Hier ist er: „Küstenwandern in der Bretagne“ von Dagmar Beckmann und Christoph Potting. 18 Tagestouren stellen die beiden mit allen nötigen Infos vor; nur die Orientierung im Führer fällt nicht ganz leicht, aber vor Ort wird es ja dann einfach sein: immer dem Wasser entlang. Jede der Touren ist einem besonderen Thema gewidmet, von Austern über Leuchttürme und Militärbunker bis zum Segeln und Salz. Let‘s go, mes amies!

Raynor Winn: Der Salzpfad. DuMont Reiseverlag, Ostfildern 2019, Fr. 22.-

Dagmar Beckmann, Christoph Potting: Küstenwandern in der Bretagne. Entdeckungstouren auf dem Zöllnerpfad. Rotpunktverlag, Zürich 2019. Fr. 34.-

Bergkrimis, erste Staffel

Neue Bergkrimis aus der Schweiz und dem angrenzenden Ausland. Spannende Lektüre, aber nur an einem sicheren Ort in der Stadt…

22. Mai 2019

„Und dann, während sie das Panorama bewunderte, habe ich ihr einen harten Stoss versetzt. Es ging ganz leicht. Erschütternd leicht.“

Sagt Robert zu den Leuten, die ihn eben festgenommen haben. Sein Geständnis offenbart die Urszene im Bergkrimi: der Sturz in den Abgrund. Nicht durch eine Unachtsamkeit, ein Stolpern oder ein Ausrutschen, nicht durch einen ausbrechenden Griff, einen herunterfallenden Stein oder sonst etwas. Nein! Sondern durch eine nahe stehende Person: ein kleiner Schubser, ein harter Stoss, ja vielleicht gar nur ein Schreckruf oder ein falscher Tipp. Und schon stürzt das Opfer ab. Ob es dann einen Täter gibt, ist schwierig zu ermitteln. Der Plan von Robert wäre fast aufgegangen, wenn Monika beim Sturz nicht ihre Brille verloren hätte. Und die wird dann zufällig gefunden. „Weitsicht“ heisst der Niesenkrimi von Esther Pauchard, eine mit Werken des Kunstmuseums Thuns sinnig illustrierte Erzählung. Denkt also daran, wenn Ihr das Panorama bewundert, dass niemand in der Nähe steht…

„Doch bei diesem Wetter – ich weiβ nicht. Man muss durch den ‚Geltentritt‘. Das ist eine Felswand, die über eine Metallleiter und einen felsigen, glitschigen Pfad überwunden werden muss. Für ungeübte Berggänger ist das nicht zu empfehlen, erst recht nicht bei diesem Wetter. Wenn man abrutscht, ist der nächste Halt hundert Meter weiten unten, am Fuβ der Wand.“

Sagt Ludivine zu Cora auf Seite 79 in „Blutlauenen“ von Christof Gasser. 200 Seiten weiter hinten stehen sich die zwei Frauen genau im Geltentritt gegenüber, etwas weniger freundlich, denn plötzlich zückt – das verrate ich natürlich nicht. Nur so viel: Immerhin sind die beiden bis zu dieser schwierigen Wegpassage zwischen der Alp Chüetungel und der Geltenhütte hoch oben im Lauenental bei Gstaad noch am Leben. Für andere Mitglieder der Jugendclique nämlich, die sich im fiktiven Jagdhaus auf Chüetungel alias Blutlauenen zusammengefunden haben, um alte Erinnerungen aufzufrischen, wird der Ausflug in die Berge der letzte sein. Denkt also daran, wenn Ihr zu einem Wochenende in einer abgelegenen Hütte eingeladen seid, dass es erstens ungefährliche Fluchtwege und zweitens freundliches Wetter gibt…

„Ist ganz schön was los auf dem eisigen Berg, was? Und jetzt führ mich über den Gletscher. Ich will zum Cliff Walk. Traust du dir bei diesen Windböen zu, auf einer wackeligen Hängebrücke in die Tiefe zu blicken? Oder hast du Angst vor dem Berg?“

Sagt Staatsanwältin Eva Roos zum Luzerner Ermittler Cem Cengiz in Monika Mansours „Die Tote vom Titlis“. Die beiden machen ihre Hochzeitskurzreise auf den Titlis. Eine grosse Gruppe aber zelebriert die Heirat in der Gletschergrotte auf dem Titlis, doch kurz vor dem Jawort wird die Braut erschossen. Wegen eines aufkommenden Schneesturms muss die Luftseilbahn ihren Dienst einstellen. Und plötzlich gibt es noch mehr Tote. Nach dem Jagdhaus im Berner Oberland erneut ein tödliches Kammerspiel à la Agathe Christie, nun auf dem berühmten Eisberg in der Zentralschweiz. Denkt also daran: Nie bei Sturm auf den Titlis, und schon gar nicht dort oben heiraten…

„Gian, du kennst ja das Engadin auch sehr gut, bist als eingefleischter Bündner viel unterwegs. Der Munt la Schera ist dir ein Begriff?“

Sagt Giulia de Medici, Ermittlerin der Kapo Graubünden, zu ihrem Bekannten in Philipp Gurts „Bündner Treibjagd“. Genau an diesem Munt la Schera, einem der wenigen mit Wegen erschlossenen Gipfel im Schweizerischen Nationalpark, beginnt die Treibjagd. Allerdings nicht auf Tiere. Sondern auf Menschen wie Ladina Demarmels, einst eine erfolgreiche Biathlonistin, deren Karriere kaputt ging, als sie von einem Auto angefahren wurde. Und jetzt wird sie im Parc Naziunal Svizzer gejagt. Schicksal oder Zufall? Das versucht Giulia de Medici herauszufinden, gegen äussere und innere Widerstände. Und mit einem sehr überraschenden Schluss, zu dem sie in einer einsamen Alphütte gefunden hat. Denkt also daran, dass ein Aufenthalt in der Berghütte zu neuen Erkenntnissen führen kann, vielleicht auch zu schrecklichen…

„Hat sie denn etwas gesehen? Hat der Wolf das Mädchen in den Abgrund gestoβen? Könnte das so gewesen sein?“

Sagt Garmischer Kommissarin Kathi Reindl zu einer Zeugin. Mit dabei bei der Befragung ist ihre Kollegin Irmi Mangold, ganz entgegen ihrer Absicht. Denn im zehnten Alpenkrimi um Irmi Mangold, in „Wütende Wölfe“, lässt Autorin Nicola Förg die Hauptfigur eine Auszeit auf einer Alp nehmen. Aber drei bizarre Fälle – darunter ein toter Mann gefangen in den Schlageisen einer so genannten Wolfsgrube – erschüttern Irmi Mangold tief. Ihr Sabbatical als Alphirtin hin oder her: Sie muss nun doch Tatorte erfühlen, unbequeme Fragen stellen und zwischen tierischen und menschlichen Wölfen scharf unterscheiden. Denkt also daran: Es gibt Wölfe im Schafspelz, und umgekehrt…

„Ich hätte nicht gedacht, dass es hier so schön sein kann. Mal abgesehen von den Bergen, die ich immer noch ätzend finde, sind die Wiesen… Also solche grünen Wiesen hat Rom nicht so bieten.“

Sagt Rocco Schiavone, der von Rom nach Aosta strafversetzte, stellvertretende Polizeichef, im neuen Roman von Antonio Manzini. Es ist der vierte, der nun auf Deutsch vorliegt, und er passt perfekt in diesen Frühling: „Ein kalter Tag im Mai“. Sehr lesenswert, wie alle Romane und Erzählungen um Rocco Schiavone. Aber „Era di maggio“ ist kein Bergkrimi, obwohl er im Tal mit den höchsten Spitzen der Alpen spielt. Auf der Vorderseite ist zwar eine grüne Zinne zu sehen, und auf der Rückseite steht gross geschrieben „Mord mit Bergblick“. Denkt also daran: Nicht immer, wenn Gipfel auf dem Cover abgebildet sind, geht es um Verbrechen auf den Bergen…

Esther Pauchard: Weitsicht. Ein Niesenkrimi. In: Berge sammeln. Ein Projekt im Rahmen der Ausstellung Bergwärts im Thun-Panorama. Kunstmuseum Thun 2018, Fr. 14.-
Christof Gasser: Blutlauenen. Emons Verlag, Köln 2019, Fr. 19.-
Monika Mansour: Die Tote vom Titlis. Emons Verlag, Köln 2019, Fr. 19.-
Philipp Gurt: Bündner Treibjagd. Emons Verlag, Köln 2019, Fr. 19.-
Nicola Förg: Wütende Wölfe. Pendo Verlag, München 2019, Fr. 25.-
Antonio Manzini: Ein kalter Tag im Mai. Rowohlt Verlag, Reinbeck bei Hamburg, Mai 2019, Fr. 15.-

Sechzig Jahre Fels

Am Pfingstmontag vor sechzig Jahren kletterte ich zum ersten Mal am Seil auf einen Berg: den Altmann im Alpstein. Ein kleines Gedenken in Dankbarkeit.

14. Mai 2019

Richtige Bergschuhe besass ich noch nicht, Vaters alte Militärschuhe trug ich wohl, einen kleinen braunen Rucksack. Angst plagte mich bestimmt, wie ich da mit der JO des SAC Bachtel zur Chraialp hinaufwanderte, zum Pfingstkletterkurs im Alpstein. Schlaflos lag ich im Heu. Keine Ahnung vom Klettern, keine Ahnung, ob ich schwindelfrei sein würde. Abseilen im Dülfersitz hatte ich in der Pfadi gelernt, auch ein paar Knoten. Spierenstich, Führerknoten. Die Könner der Gruppe redeten von Spreizschritten, Verschneidungen, Piazzen. Fremdwörter für mich. Sie nahmen sich am Pfingstsonntag den Westgrat vor, die weniger Erfahrenen den Ostgrat des Altmann. Wir Anfänger übten an einem kleinen Kalkwändchen Dreipunkttechnik zum Klettern im Fels, Hände auf Augenhöhe!, Schultersicherung, Selbstsicherung an Felszacken. Aha! So geht das also! Ist ja gar nicht so schwer. Ich weiss nicht mehr, ob uns Walter Z., der IO-Leiter selber anleitete oder sein Stellvertreter Hannes K. Einer der beiden führte uns am Pfingstmontag, dem 18. Mai, durchs Schaffhauserkamin auf den Altmann, meinen ersten Klettergipfel. Im Kamin gab’s einen kleinen Zwischenfall. Die oberste Seilschaft löste einen Felsblock aus, der krachte zwischen uns durch in die Tiefe. Schwefelgeruch. Schwein gehabt. Auch das gehört zum Klettern, lernte ich.

Luftiges Stück auf dem Ostgrat, der Gipfel, Händeschütteln, Abstieg über speckige Kalkplatten und über Schneefelder. Ich hatte klettern gelernt, hatte heisse Hände und ein heisses Herz. Glück!

Der Altmann hat auch später eine Rolle gespielt in meinem Leben, erste Alleingänge über West- und Ostgrat, mit Lob des berühmten Bergführers Paul Etter auf dem Gipfel, erste Tour mit einer Freundin, erste Klettertour meiner späteren Ehepartnerin. Schöne Erinnerungen.

Weniger schön meine zweite Klettertour sieben Wochen später, Guppenwand am Vrenelisgärtli. Es war der 5. Juli, ein wolkenloser Tag. Weil ich im Kletterkurs war, durfte ich einer Seilschaft vorsteigen. Die Guppenwand ist ja nicht schwer, aber der Fels locker. Ein paar Meter über mir brach dem Tourenleiter Hannes K. ein Block aus, zerschlug das Hanfseil, er stürzte hundert Meter ab, starb nach zwei Monaten an schweren Verletzungen. Andere hätten vielleicht aufgehört mit klettern, aber mich hatte die Leidenschaft schon fest im Griff. Sie hat mich nie losgelassen.

Bin selber oft gestürzt, die Sicherungen und Sichernden haben gehalten, gelegentlich landete ich beim Arzt und einmal im Spital, habe Lawinen ausgelöst, wurde aber nie verschüttet, stand im schweren Steinschlag, doch der Felsblock tötete einen andern Menschen. Ich habe Glück gehabt – bis heute – blicke dankbar zurück, erinnere mich an Tausende von Stunden im Fels, kann mir ein Leben ohne den Kalk, den Granit, den Sandstein nicht vorstellen. Am 18. Mai werde ich klettern – so das Schicksal es mir erlaubt.

Tsum Glück. Ein entlegenes Tal im Himalaya

Stilles Glück weit, weit weg. Oder ganz nah – in einem prächtigen Bildband.

13. Mai 2019

„Zu den Dingen, die mich glücklich machen, zählen: Berge, Freunde, Bewegung, Ruhe, Natur, gutes Essen. Deshalb war ich auf vielfache Weise glücklich, dass ich im Herbst 2016 vier Wochen lang zusammen mit meinem Freund, dem Fotografen Enno Kapitza, im Himalaya unterwegs sein durfte. Wir wanderten ins Tsum-Tal, eine abgelegene Region in Nepal, das nur zu Fuβ erreichbar ist und im tibetischen Buddhismus als „Tal des Glücks“ oder „verstecktes Tal“ bekannt ist. Der Anmarsch dauerte fast eine Woche. Zeit genug, um sich zu akklimatisieren. Die Orte im Tal liegen in Höhen von 2.200 bis 3.400 Metern. Und eine gute Gelegenheit, um sich beim Gehen meditativ auf das Thema unserer Recherche einzustimmen: Was ist Glück?“

Schwierige Frage, nicht wahr? Vielleicht hätten wir schon am Welttag des Glücks eine Antwort erhalten. Doch der ist vorbei, am 20. März wird er jeweils gefeiert, am kalendarischen Übergang vom Winter zum Frühling. Bis zum nächsten Weltglücktag wollen wir dann doch nicht warten. Deshalb jetzt ein Buch über ein Tal, wo das Glück offenbar zu Hause ist. Das gerade jetzt, wo das Wetter einen nicht wirklich glücklich stimmt. Jedenfalls nicht in Bern mit bedecktem Himmel und bissiger Bise, an diesem Montag, 13. Mai 2019. Nur nebenbei: Heute vor 179 Jahren kam Alphonse Daudet, Schöpfer des unvergesslichen Romanhelden und Alpinisten Tartarin, auf die Welt. 1867, so meldet Wikipedia, heiratete der Schriftsteller Julia Allard: „Die Ehe war glücklich.“

Aber jetzt zurück ins glückliche Tal. Fotograf Enno Kapitza und Herausgeber Titus Arnu haben eine Region erkundet, die erst seit 2007 wieder von Touristen besucht werden darf. Wir erinnern uns: 1954 bereiste Peter Aufschnaiter das im Norden Nepals an der Grenze zu Tibet gelegene Hochtal. In diesem abgelegenen Tal, wird die ursprüngliche Lebensweise des tibetischen Buddhismus noch gelebt. Das Leben ist einfach und entbehrungsreich, doch strahlen die Menschen eine tiefe innere Zufriedenheit aus – ganz sicher jedenfalls auf den Fotos von Enno Kapitza. 140 Farbfotos zeigen uns eine ganz andere Welt, faszinierend zum Anschauen in diesem sorgfältig gemachten Bildband. Vielleicht gar verlockend zum Besuchen, doch das Tsum-Tal liegt schon etwas weit weg. Mit einem schönen Buch in den Händen lässt sich auf dem Sofa zufrieden reisen. Allerdings:

„Wenn man unglücklich ist, findet man auch auf einem weichen Sofa keinen Schlaf. Wir sind hier so glücklich, dass wir auch auf einem Felsen schlafen können“, sagt Nyima Dorze, ein Bauer im Tsum-Tal.

Enno Kapitza (Fotos): Tsum Glück. Ein entlegenes Tal im Himalaya. Herausgegeben von Titus Arnu. Texte von Nadine Plachta, Titus Arnu, Karénina Kollmar-Paulenz. Sieveking Verlag, München 2018, € 55.-

150 Jahre Deutscher Alpenverein

Heute wird der DAV 150 Jahre alt: Das will gefeiert, gelesen und gelaufen werden.

9. Mai 2019

„Aufgabe des Vereines ist: die Bergfreunde Deutschlands zu vereinter Thätigkeit zu verbinden.“

Das beschlossen 36 deutsche und österreichische Bergsteiger am Abend des 9. Mai 1869 im Gasthaus „Zur blauen Traube“ in München bei der Gründung des Deutschen Alpenvereins. Sie verstanden ihn als „bildungsbürgerlichen Bergsteigerverein“ und verfolgten das Ziel, die touristische Erschließung voranzutreiben und „die Kenntnis der Alpen zu verbreitern und ihre Bereisung zu erleichtern“. Die Aufgaben wurden bestens gelöst: Nach 10 Monaten gab es 22 Sektionen mit 1070 Mitgliedern. Heute hat der Deutsche Alpenverein 356 Sektionen mit insgesamt 1‘289‘641 Mitgliedern sowie 321 Berg- und Schutzhütten (eine liegt gar in der Schweiz, die Heidelberger Hütte). Der DAV ist die grösste nationale Bergsteigervereinigung der Welt, der fünftgrösste nationale Sportfachverband Deutschlands und auch der grösste Naturschutzverband des Landes. Eine eindrückliche Entwicklung, fürwahr.

Natürlich blickt das Alpenvereinsjahrbuch BERG 2019 auf die 150jährige Geschichte. So wird geschildert, wie die Gründungssektionen des DAV tatkräftig zur wirtschaftlichen Entwicklung der Alpentäler beitrugen, wie Ernst Enzensperger die Jugendarbeit im Verein einführte und förderte, wie der Durchbruch des Kletterns als Sportart in den 1980er- und 1990er-Jahren trotz Widerstände gelang. Stefan Glowacz, einer der Pioniere der deutschen Sportkletterszene, erinnert sich, wie sich altgediente Mitglieder ob den jungen Wilden entsetzten: „Was sollen wir mit diesen Affen im Alpenverein?“ Passend dazu der Text von Andi Dick, ob Bergsteigen Sport oder doch etwas mehr sei.

Lesenswert im neuen BERG sind auch die Beiträge zum Thema „Was treibt uns an?“ Und wie verhalten wir uns im Social-Media-Zeitalter: Welche Interessengruppen spiegeln sich in Facebook & Co. wider, und wie wirkt das wiederum auf den Sport selbst zurück? Spannende Fragen, auf die wir ebensolche Antworten erhalten. Gebietsmässig geht es diesmal ins Reich der Tauernkönigin, zur Hochalmspitze (3360 m), den höchsten Gipfel der Ankogelgruppe. Dieser Kogel selbst, 3250 Meter hoch, soll bereits 1762 bestiegen worden sein. Unterwegs im Gebirge waren die Menschen jedoch schon Jahrtausende früher: Das zeigt der jungsteinzeitliche Schneeschuh aus Birkenholz, der in der Nähe des Gurgler Eisjochs im Südtirol gefunden wurde und im Jahrbuch abgebildet ist. Die Beziehung Berg-Mensch ist also schon deutlich mehr als 150 Jahre alt…

Die Berge und wir. Unter diesem Motto steht das DAV-Jubiläum. Und so heisst auch die Ausstellung im Alpinen Museum in München – und die offizielle Publikation. Beide erzählen, so steht es im Ausstellungs-Flyer, „von der Freude am Entdecken der Bergwelt, der Suche nach einem intensiven, gefährlichen Leben, dem Versprechen von Freiheit und Genuss, dem Kampf um unerschlossene Landschaften, der Verlagerung des Bergsportes in die Stadt sowie den Versuchen, unserer digitalisierten Gesellschaft heute gerecht zu werden.“ Die 43, in fünf Seilschaften gegliederten Kapitel des 320 Seiten dicken, prächtig und prickelnd illustrierten Jubiläumsbuches vertiefen diese und weitere Themen so vorbildlich wie lesenswert.

Wer im Jubiläumsjahr aber tourenmässig mit dem DAV unterwegs sein will, nimmt sich das Jubiläumstourenbuch vor. Sektionen aus ganz Deutschland präsentieren ihre Favoriten: eine schöne Sammlung von leichten bis schwierigen, ein- bis mehrtägigen Ausflügen zwischen Harz und Hohen Tauern. Die 150 Touren führen zu besonderen Flecken in ganz Deutschland, in den österreichischen Alpen und im Südtirol, ein paar Mal gehen sie auch an den Rand der Schweiz (Piz Buin) oder ganz hinein. Und selbstverständlich wird auch die wahrscheinlich berühmteste Schweiz Deutschlands erwandert, die Sächsische Schweiz. Dorthin will ich schon seit Jahren, hoffentlich schaffe ich es in diesem besonderen Jahr.

BERG 2019. Herausgegeben vom Deutscher Alpenverein (DAV), Österreichischer Alpenverein (OeAV) und Alpenverein Südtirol (AVS); Redaktion Anette Köhler. Tyrolia-Verlag, Innsbruck 2018, € 18,90. www.tyrolia.at

Die Berge und wir. 150 Jahre Deutscher Alpenverein. Herausgegeben vom DAV. Prestel Verlag, München 2019, € 39.- www.randomhouse.de

Jubiläumstourenbuch. Die 150 schönsten Touren zwischen Harz und Hohen Tauern. Herausgegeben vom Deutscher Alpenverein. Rother Selection 2019, € 19.90. www.rother.de

„Die Berge und wir. 150 Jahre Deutscher Alpenverein“: Diese Ausstellung zeigt das Alpine Museum in München vom 12. Mai bis 13. September 2020. Mit Expertengesprächen, Führungen und Ferienworkshops. www.alpines-museum.de

Alpine Journal & alpine Events

Es gibt viel zu tun in nächster Zeit: lesen, zuhören, anschauen, essen, trinken. Und bergsteigen, das auch natürlich. Im Zentrum der Aktivitäten: London und Bern.

1. Mai 2019

„This year, on page 143, we publish the powerful, and to me unanswerable, argument that human activity is driving current climate change. Quite what John Muir would have made of Donald Trump and his decision to withdraw the US from the Paris climate agreement can only be guessed at. It’s hard to imagine Trump bedding down for the night beside a campfire.“

Tatsächlich: Das kann man sich nur ganz schwer vorstellen, dass der heutige Präsident der USA mit einem Natur- und Umweltschützer an einem Lagerfeuer hocken und zelten würde, wie dies sein Vorgänger Theodore Roosewelt 1903 mit John Muir im Yosemite Valley tat. In der Folge ordnete der damalige Präsident an, dass das Tal zum Nationalpark aufgewertet wurde. Den präsidialen Vergleich zog Ed Douglas im Vorwort zu dem von ihm herausgegebenen „Alpine Journal“ von 2017. Im Untertitel heisst das älteste und berühmteste Bergsteigerjahrbuch der Welt unverändert: „A record of mountain adventure and scientific observation“. Sport und Wissenschaft in den Bergen also. Nun liegen die Bände 121 und 122 der Publikation des 1857 in London gegründeten Alpine Club vor mir auf dem Pult, und immer wieder macht es Freude, darin zu blättern und zu lesen.

Ein paar Highlights aus dem Jahr 2017:
 „Lost in China“: Die haarsträubende Erstdurchsteigung der Südostwand von Kyzyl Asker (5842 m); beim dritten Anlauf im September 2016 schaffte es die deutsche Extremalpinistin Ines Papert mit ihrem slowenischen Seilgefährten Luka Lindič.
 „On Skis in the Ak-shirak“: Es muss ja nicht immer das Gantrisch-Gebiet sein, um stotzige Abfahrten zu machen. Das Ak-shirak-Massiv im zentralen Tien Shan böte sich als Alternative an; allerdings muss dann von Skiberg zu Skiberg ein Schlitten gezogen werden…
 „The Response of Glaciers to Climate Change“: Das ist genau der oben erwähnte Artikel auf Seite 143. Trump wird ihn nicht gelesen haben, im Gegensatz zu den Leuten der Gletscherinitiative.
 „The First Ascent of the Barre des Écrins“: Höchstwahrscheinich die richtige Antwort auf die schwierige Frage, wer nun zuerst zuoberst auf dem südlichsten Viertausender der Alpen stand: der Engländer Edward Whymper und seine Führer – oder französische Vermessungsoffiziere und ihre Gehilfen.

Und aus dem Jahr 2018:
 „The Spectre: An Antarctic Diary“: Mit dem Schlitten und Segel zu einem Granitzacken in der Antarktis gleiten – eiskalte Abenteuer am einen Ende der Welt.
 „Aiguille du Jardin“: Dass es aber noch gleich um die Ecke Neuland zu entdecken gibt, erst noch im eigentlich doch schon übererschlossenen Montblanc-Massiv, schildert Ben Tibbetts.
 „The Mountain Landscapes of Ferdinand Hodler“: Wunderbar, dass DER Schweizer Bergmaler einen farbigen Auftritt in diesem Jahrbuch erhält.
 „All By Themselves“: Die spannende Geschichte, wie der Alpine Club das führerlose Bergsteigen im 19. Jahrhundert gebremst und manchmal auch gefördert hat.

Und wie immer in „The Alpine Journal“: Buchbesprechungen, Nachrufe, die Rubrik „One Hundred Years Ago“. Sowie die umfassende Berichterstattung über neue Touren und Gipfel auf der ganzen Welt. Richtig: auch neue Gipfel! Solche, von denen man wohl noch nie etwas gehört hat. Zum Beispiel Nyel Japo (6150 m) im Tibet: Oh my God, sieht dieser Zahn steil und unzugänglich aus, ein Matterhorn hoch zwei. Ob dort oben schon jemand gezeltet hat?

Und dann steigen wir ab: ins Alpine Museum der Schweiz in Bern, wo in nächster Zeit alpine Events noch dichter beieinander liegen als Mixed-Kletterrouten in schottischen Wänden.
Crystallization. So heisst das neue SAC-Kulturprojekt für alle Sinne. Der Startschuss fällt am 4. Mai um 16 Uhr mit einer Tour d’Horzion. Mit dabei sind verschiedenen Persönlichkeiten, die sich mit dem alpinen Raum in irgendeiner Art und Weise beschäftigen – vom kulturellen, physischem bis hin zum musikalischen Umgang. Der Journalist Jürg Steiner moderiert den ersten «Salon Alpin» mit dem Titel: «Vergesst die Alpen, wir haben jetzt Tunnel. Die Alpen – ein Stachel in der mobilen Gesellschaft?» Eine Gesprächsrunde mit Bergführerin Carla Jaggi, Stadtwanderer Benedikt Loderer und Jon Pult, Präsident Alpen-Initiative. Ab 19 Uhr dann eine ganz besondere Tavolata mit Dominik Flammer, Autor von «Das kulinarische Erbe der Alpen». Würste sind die Stars des Abends, begleitet von auserwählten Kartoffelsorten und vielem mehr, zum Beispiel Gipfelwein.
Live Painting. Im Rahmen des Design Festivals Bern vom 4. und 5. Mai gestalten fünf Illustratorinnen und Grafiker in einer Live-Performance die Wände des wandelbaren Teils der Ausstellung «Schöne Berge» ganz neu.
Gletscherarchäologie. Die Alpengletscher schmelzen – und bringen archäologisch interessante Objekte zum Vorschein, die während Jahrzehnten, Jahrhunderten oder Jahrtausenden im Eis lagerten. Denn schon seit der Urgeschichte hinterlassen Menschen Spuren in hochalpinen Gegenden. Der kulturhistorische Wert solcher Funde ist bedeutsam. Sie erzählen Geschichten aus der Vergangenheit und tragen bei zur Klärung von Forschungsfragen. 6. Mai 2019: 9.15 bis 18 Uhr die Tagung der swiss academies of arts and sciences; um 18.30 Uhr dann die öffentliche Abendveranstaltung.
Berge erzählen. Ein Lesespaziergang mit Walter Däpp durch die Ausstellung „Schöne Berge“. Der Berner Autor und Alpinist philosophiert über das Edelweiss, erzählt, wie sich eine Bergwanderung anfühlt, und sinniert über den überbordenden Werbeklamauk in den Alpen. Er erfreut sich am Flug einer Bergdohle und schmunzelt über gurgelnde Bachnamen. 8. Mai um 20 Uhr.

The Alpine Journal, 2017 and 2018. Volumes 121 and 122. Edited by Ed Douglas. The Alpine Club, London 2017 and 2018, £ 26.- each. Erhältlich in der alpinen Buchhandlung Piz Buch & Berg in Zürich, www.pizbube.ch.

Alpines Museum der Schweiz, Bern:
Samstag, 4. Mai, 16 Uhr: Crystallization. Infos unter www.sac-cas.ch/crystallization; Platzreservierung unter cry@sac-cas.ch. Tickets für die Tavolata auf der gleichen Website.
Samstag, 4. Mai, und Sonntag, 5. Mai, je von 10 bis 17 Uhr: Live Painting in der Ausstellung „Schöne Berge.“
Montag, 6. Mai, 18.30 Uhr: Gletscherarchäologie, öffentliche Abendveranstaltung. Für die ganztägige Tagung sind noch wenige Pätze frei, Anmeldung unter www.sagw.ch
Mittwoch, 8. Mai, 20 Uhr: Berge erzählen mit Wale Däpp. www.alpinesmuseum.ch