Neue Bergromane

„Ich bleibe hier“: Der Titel des Bestsellers von Marco Balzano ist Programm und Hoffnung in hoffnungslosen Zeiten. Im Südtirol so gut wie im Valle di Blenio oder auf der Alp Chüetungel ob dem Lauenensee.

5. August 2020

«Ich glaube, das ist eine der grossen Herausforderungen unserer Zeit: Zu bleiben, um den Ort zu verändern, an dem wir sind. Zu kämpfen für eine Landschaft, für die Rechte einer Gemeinschaft. Wenn wir es nicht tun, haben wir schon verloren.»

Antwortete der Mailänder Schriftsteller Marco Balzano auf die Frage von Susanna Kübler, weshalb er über Menschen schreibe, die gegen alle Widerstände ausharren. Titel des Interviews, das am 20. Juli 2020 in der Berner Tageszeitung „Der Bund“ erschienen ist: „Ganz Italien wird zu einem riesigen Museum“. Illustriert ist das Gespräch mit einem Foto des Kirchturms von Graun am Reschenpass, der seit August 1950 halb versunken im Reschen-Stausee in der Nordwestecke von Südtirol unweit der Schweiz steht; ein Symbol des verlorenen Machtkampfes der Einheimischen gegen auswärtige Interessen – und heute ein beliebtes Motiv für Selfies. Der Glockenturm ist (natürlich) auch auf dem Cover von Marco Balzanos Roman „Ich bleibe hier“ abgebildet. „Resto qui“ ist in Italien ein preisgekrönter Bestseller mit weit über 100‘000 verkauften Exemplaren und mittlerweile in elf andern Ländern erschienen. Mehr noch: Netflix Italia hat die 7-teilige Serie „Curon“ über den Reschensee gedreht; laut der „Coopzeitung“ von gestern Dienstag ist sie zur Spitze der Charts aufgestiegen.

Auf die Frage, wie er als Mailänder eigentlich auf das Thema Südtirol gekommen sei, gab Marco Balzano zur Antwort: „Per Zufall, ich habe mich verfahren. Und stand plötzlich an diesem See, aus dem der Kirchturm ragt. Das Bild hat mich getroffen wie ein Blitz. Ich habe die Arbeit an einem anderen Roman unterbrochen, um darüber zu schreiben.“ Zum Glück für uns LeserInnen. Entstanden ist ein dichtes, historisch verblüffendes und emotional tief berührendes Buch über eine Familie und ein Dorf im Länderdreieck Italien-Österreich-Schweiz, das überflutet wird von Katastrophen, die nicht nur als Kriege hereinbrachen, sondern auch als (vermeintlicher) Fortschritt. Die Hauptfigur Trina leistet Widerstand, zuerst gegen Mussolinis Faschisten, die ihr verbieten, als Deutschlehrerin tätig zu sein, später gegen den Energiekonzern, der Felder und Häuser überfluten will. Eigentlich ist das Buch ein langer Brief an ihre Tochter, die zwischen diesen beiden Ereignissen abgehauen ist, ein vermeintlich besseres Leben. Im Roman zerreisst Trina Hefte und Briefe an sie und an ihre Freundin: „Wörter konnten nichts ausrichten gegen die Mauern, die das Schweigen errichtet hatte. Sie sprachen nur von dem, was es nicht mehr gab. Also war es besser, wenn keine Spur davon blieb.“ Marco Balzano beweist mit seinem Roman das Gegenteil.

„Resto qui“: Das hat sich ebenfalls der alte Felice gesagt, der im Dorf Leontica im Valle di Blenio bescheiden und einfach lebt, Holz hackt, Schnee schaufelt, den Einwohnern hilft, die Bar besucht, mit seinem altersschwachen Suzuki durchs Tal kurvt. Und der sich es sich selbst im Winter bei Schnee nicht nehmen lässt, am frühen Morgen ein Bad in einer Gumpe oberhalb des Dorfes zu nehmen. „La pozza del Felice“ heisst den auch der originale Titel des Romans des Tessiner Schriftstellers und Filmwissenschaftlers Fabio Andina. „Tage mit Felice“ trifft den Inhalt dieses preisgekrönten Buches gleichfalls sehr gut. Denn ein Ich-Erzähler begleitet Felice durch ein gute Woche, in welcher der Winter kommt, und sonst einiges passiert, leise nebenbei und doch immer stärker an der Oberfläche auftauchend. Dabei sind die Berge stumme Zeugen dieser scheinbar stillen Tage: der Simano, die Adula (nicht der – ein kleiner Misstritt bei der Übersetzung). „Tage mit Felice“ schildert das Hereinbrechen der Zeit(en) in einem (Tessiner) Bergdorf, kunstvoll festgehalten: eine Leseerfahrung, in die wir eintauchen sollten.

Und dann wartet da noch „Alpsegen. Die Reporterin am Lauenensee“ von Philipp Probst, Autor, Journalist und Chauffeur bei den Basler Verkehrs-Betrieben. In dieser Stadt arbeitet die Reporterin Selma. Ein Werbeauftrag führt sie auf die Alp Chüetungel hoch über dem Lauenensee im westlichen Berner Oberland, wo die Älplerfamilie Kohler recht und schlecht den Sommer verbringt; der Vater will die Alp gar verkaufen. Für Sonne sorgt wenigstens die Sennerin Martina, die sich aber dummerweise in jenen Sohn der Familie verliebt, den Selma bei früheren Ferien in Gstaad etwas näher kennengelernt hat. Was wäre ein echter Bergroman ohne Liebesgeschichte? Mehr sei nicht verraten zum „Alpsegen“. Nur soviel: Johannes Jegerlehner und Gustav Renker hätten grosse Freude an Philipp Probst. Und: Morgen Donnerstag wandere ich auf Chüetungel hinauf; vielleicht bleibe ich dort.

Marco Balzano: Ich bleibe hier. Diogenes Verlag, Zürich 2020, Fr. 30.-
https://www.derbund.ch/italien-wird-zu-einem-riesigen-museum-340549972984

Fabio Andina: Tage mit Felice. Edition Blau im Rotpunktverlag, Zürich 2020, Fr. 28.-

Philipp Probst: Alpsegen. Die Reporterin am Lauenensee. Orte Verlag, Schwellbrunn 2020, Fr. 34.-

Eine Handvoll neue Kletterführer

Was ist schöner als baden? Klettern – aber sicher.

31. Juli 2020

«1996 – Die erste je durch eine Frau im Basler Jura entdeckte, eingerichtete und erstbegangene Route: Adriana Zanetti eröffnet Girls just wanna have fun 7b (Originalbewertung 6c+). Seither haben um Basel lediglich Martina Stutz, Martina Pongratz, Kaddi Lehmann und Rhea Schenker noch einmal die Bohrmaschine geschwungen.»

Ob man eine Bohrmaschine schwingt, sei dahingestellt… Tatsache ist, dass Girls viel seltener Kletterrouten einbohren und eröffnen als Männer. Im Basler Jura und anderswo. Umso verdienstvoller, wenn solches besonders hervorgehoben wird, wie im neuen Kletterführer „Basler Jura / Jura bâlois“ von Chris Frick und Carine Devaux Girardin. Für Interessierte an der Geschichte des Bergsteigens hat die Kletterhistorie im Basler Jura einige Überraschungen, viel Unbekanntes und bemerkenswerte Fotos bereit. Eingeweihte könnten wissen, dass 1986 Antoine le Menestrel die im Jahr zuvor von Wenzel Vodicka am Chuenisberg eröffnete Route Ravage rotpunkt kletterte und damit die zu ihrer Zeit schwerste Sportkletterroute der Welt.

Der neue SAC-Kletterführer beschreibt vollständig, detailliert und liebevoll alle aktuell für das Klettern frei zugänglichen Felsen (Routen sowie eine Auswahl Boulder). Die Region Baselland, Thierstein, Dorneck und Soyhiéres bildet eines der ältesten und wichtigsten Klettergebiete der Schweiz. Und auch wer im Basler Jura lieber das Wanderbein schwingt als sich durch senkrechte bis überhängende Felsen turnt, wird Spass daran finden, all die Routennamen zu lesen und oft die Geschichten dahinter. Im Gebiet Wasserschloss im Pelzmühletal warten neben Adriana Zanettis Meisterwerk zum Beispiel noch folgende Wege auf armkräftige WiederholerInnen: Alice im Wunderland, Hohle Gasse oder No woman, no cry.

Aber nehmen wir einen zweiten frisch erschienenen Kletterführer zur Hand und begeben uns ganz in französischsprachiges Gebiet. In „Alpes françaises du Nord – Escalade Plaisir“ stellt Hervé Galley 206 Routen in der Schwierigkeit 4a bis 6a+ inklusive bequemen Zugang vor. Plaisir eben. Von den Aiguilles Rouges bei Chamonix bis hinunter ins Devoluy-Massiv bei Gap. Wie wär’s mit der Route Crakoukass am Clocher du Brévent, vor 20 Jahren eröffnet durch Manu Méot mit Julie Balmat und Patrice Hanrard? Oder mit Allez-y Madame Mummery in der Südwand des Jallouvre? Mary Mummery übrigens ging in die Alpinismusgeschichte ein als Erstbegeherin des Südwestgrates des Täschhorns, besser bekannt als Teufelsgrat, zusammen mit ihrem Mann Albert Frederick Mummery und den beiden Saaser Bergführern Alexander Burgener und Aloys Anthamatten.

Wir setzen die alpinhistorische Kletterreise fort, auf der italienischen Seite des Mont Blanc. Da geht’s zur Sache, mamma mia! Lang und wild und hoch. Auch wenn es in Talnähe moderne Sportkletterrouten gibt, so verlocken doch die ganz grossen Routen an den 4000ern: die Gervasutti-Route in der Ostwand der Grandes Jorasses, der Pilone centrale del Freney am Monte Bianco di Courmayeur, Divine Providence am Grand Pilier d’Angle. Diese von Patrick Gabarrou und François Marsigny 1984 erstbegangene Route ist laut www.planetmountain.com „one of the absolute symbols of mountaineering“. Die erste freie Begehung durch eine Frau gelang im Juli 2016 der Schweizerin Nina Caprez, zusammen mit Merlin Benoit. Im Führer „Mont Blanc. Alle Felsrouten. Italienische Seite“ werfen Fabrizio Calebasso und Matteo Pasquetto einen Blick auf das rundum anspruchsvollste Klettergebiet der Alpen. Und zwar ohne Topos, sondern mit Fotos, auf denen die Routen eingezeichnet sind. Oft sogar mit zwei gleichen Fotos auf einer Doppelseite, links ohne, rechts mit den Routenverläufen… na ja. Geordnet sind die Anstiege nach Hütten, die teilweise auch Wanderern zugänglich sind. Die klettertechnischen Infos, die Übersetzung aus dem Italienischen und die alpinhistorischen Anmerkungen sind teils mager. Trotzdem: Wenn ich endlich wieder mal nach Courmayeur fahren werde, nehme ich diesen Führer mit.

Wir klettern weiter durch Italien, mit den Edizioni Versante Sud und ihrer Collana Luoghi Verticali. Zuerst machen wir ein paar Seillängen und Gipfel aus „Dolomiti new age. 130 ausgewählte Sportrouten bis 7a“ von Alessio Conz. Von der Brenta über die Sella-Gruppe bis zum Monte Agner wurden in den letzten Jahrzehnten schier unzählige neue Routen eröffnet, die einen Besuch unbedingt lohnen. Beispielweise Pordoi Plaisir in der 800 Meter hohen Westwand des Sass Pordoi. Am 12. Juli 1974 kletterte ich mit drei Gefährten auf der klassischen Route durch diese Wand. Ins Tourenbuch notierte ich: „Beim Quergang hatte ich Angst. Nach dem Kessel 4 schöne Seillängen (die schwierigsten der Tour IV+). Nach der Schuttterrasse 200 m hoher Riss. Wunderbare Spreizkletterei. (…) Auf dem Gipfel bestiegen wir die Seilbahn.“

Fern der Alpen begannen wir unsere Kletterreise. So wollen wir sie auch beschliessen. Mit Raffaele Giannettis Führer „Toskana und Elba. 91 Klettergärten zwischen Apuanen und Argentario“. Auf Seite 445 sehen wir Luiza Imaeva beim Klettern im Gebiet Fetovaia auf der Isola d’Elba. Trüge sie nicht Kletterschuhe und –gurt, würden wir sie Strandferien zuordnen. Warum eigentlich nicht? Nur baden ist doch schöner als klettern.

Chris Frick, Carine Devaux Girardin: Kletterführer Basler Jura / Jura bâlois. Baselbiet / Bâle-Campagne, Thierstein–Dorneck, Soyhières. SAC Verlag, Bern 2020, Fr. 59.-

Hervé Galley: Alpes françaises du Nord – Escalade Plaisir. Editions Olizane, Genève 2020, Fr. 39.-

Fabrizio Calebasso, Matteo Pasquetto: Mont Blanc. Alle Felsrouten. Italienische Seite. Edizioni Versante Sud, Milano 2020, € 39.-

Alessio Conz: Dolomiti new age. 130 ausgewählte Sportrouten bis 7a. Edizioni Versante Sud, Milano 2020, € 35.-

Raffaele Giannetti: Toskana und Elba. 91 Klettergärten zwischen Apuanen und Argentario. Edizioni Versante Sud, Milano 2020, € 38.-

Bündner Passgeschichten

Drei in vieler Hinsicht schwergewichtige Bücher für lockere Mussestunden auf Fahrten über hohe Pässe.

20. Juli 2020

«Ein Steinmann wurde erbaut, jedoch auf dem Schnee, der den Gipfel krönt, so dass er wahrscheinlich wenig dauerhaft sein wird.»

Pech, wenn der Schnee schmilzt. Dann wird der Steinmann wohl auseinanderfallen, und die nachfolgenden Bergsteiger werden den Steinhaufen nicht als ein von früheren Alpinisten errichteten Beweis für eine erfolgreiche Besteigung halten. Vielleicht so passiert auf dem Piz Platta (3392 m) zwischen dem Avers und dem Surses (Oberhalbstein). Die erste bekannte und touristische Besteigung erfolgte am 7. November 1866 durch den Kunstmaler mit dem etwas kunstvollen Namen Étienne-Edmond Martin, Baron de Beurnonville, zusammen mit seinem St. Moritzer Bergführer Stefan Hartmann, einem Hotelier Balzer und dem Verwalter Gadient von Mulegns (Mühlen). Von diesem Ort an der Strasse über den Julierpass (2284 m) bestiegen die vier Männer den Piz Platta in einem Tag. Der Baron verfasste einen Kurzbericht für das vierte „Jahrbuch des Schweizer Alpenclub“ von 1867. Der Redaktor desselben fügte an: „So viel bekannt, ist diess die erste Ersteigung der höchsten Spitze dieses Berges, frühere Erzählungen sind nicht glaubwürdig.“ Im SAC-Führer „Bündner-Alpen, III. Band, Calanca – Misox – Avers“ von 1921 lesen wir aber, dass ein Oberhalbsteiner Jäger schon zuvor hinaufgestiegen ist – vielleicht hat er auch einen Steinmann auf Schnee errichtet…

Wir werden es nie erfahren. Wohl genau so wenig, welcher Balzer denn an jenem kalten Novembertag bei der festgehaltenen Erstbesteigung des „Matterhorn des Oberhalbsteins“ dabei war. War es Johann Balzer, der 1874 nach Buenos Aires auswanderte, wo er das Hotel Continental betrieb? Oder war es sein Bruder Christian Balzer (1839–1912), Hotelpionier in Graubünden, mächtigster Postpferdehalter für die Linie Chur – Julierpass – St. Moritz und vor allem bekannt geworden als Patron des einst berühmten „Post Hotel Löwe“ in Mulegns? Wie auch immer: Die Geschichte dieses Hotels am wichtigsten Zugang ins Engadin hat nun Basil Vollenweider in einem prächtigen Buch verewigt: „Post Hotel Löwe. Von den Anfängen des Tourismus bis zum Ersten Weltkrieg“.

Auf 275 Seiten wird die Geschichte dieser besonderen Station an einer Verkehrsader aufgerollt und ihre Blütezeit festgehalten. Alle von Norden anreisenden Touristen Richtung Engadin mussten im Nadelöhr Mulegns bzw. vor dem „Post Hotel Löwe“ absteigen und oft auch über Nacht bleiben; bis 22‘000 Übernachtungen jährlich wurden verbucht. Mit der Eröffnung des Albula-Eisenbahntunnels 1903 begann der Abstieg – oder, wenn man an den Steinmann auf einem Höhepunkt denkt, das Schmelzen des Schnees unter demselben. Das Buch ist mit vielen historischen Abbildungen illustriert (da und dort wären genauere Legenden erwünscht). Zudem hat Benjamin Hofer auf doppelseitigen Farbfotos den heutigen Zustand dokumentiert. Hoffentlich wird das „Post Hotel Löwe“ bald ein Swiss Historic Hotel. Dann könnte auch der von Christian Balzer angeregte Wanderweg am Tgarnet wieder ganz aktiviert werden.

Ein anderer berühmter Bündner Pass ist der San Bernardino (2067 m) zwischen dem Rheinwald und der Mesolcina. Das handliche Buch „Entdeckungen am San Bernardino“ von Barbara Beer, Marco Buchmann und Marco Marcacci befasst sich mit Natur, Landschaft und Geschichte des Passes und des gleichnamigen Dorfes und schlägt 14 Exkursionen vor, im ganzen Misox und zwischen Passo und Villagio. Die Mischung von trutzigen, mit Steinplatten bedeckten Bauten von einst mit hingeklotzten Beton-Appartment-Hotel-Blocks, angereichert mit romanischer Kapelle und klassizistisch-barocker Rundkirche sowie aufgelockert durch südlich umflorte Berner Oberländer Chalets und lombardisch angehauchte Villen gibt San Bernardino seinen unverwechselbaren Charme. Er wird in der Nachsaison noch gesteigert, wenn die Rollläden heruntergelassen und die Sportläden, Hotels, Pizzerias und Coiffeursalons chiuso sind. Nur die eisenhaltige Mineralheilquelle sprudelt weiterhin, die Laster rauschen fast ununterbrochen zum oder aus dem Autobahntunnel, und im Ristorante „Postiglione“ treffen sich ein paar Einheimische, Soldaten vom Panzerschiessplatz Hinterrhein und hoffentlich jetzt Escursionisti mit diesem Buch im Rucksack.

Und wenn wir schon am Wandern und Lesen im Bündnerland sind: Von Splügen im Rheinwald gelangen wir über den Pass namens Safierberg (2482 m) ins Safiental, ein tief eingeschnittenes, 30 Kilometer langes Tal hinunter zum Vorderrhein. Über den Safierberg haben einst die Walser das Tal bevölkert; ihre Nachkommen – vereint mit Zuzügern – versuchen insbesondere heute ein Auskommen in diesem gleichzeitig unwirtlichen und wildromantischen Gebirgsland. Das Safiental bildet den Schwerpunkt in der wissenschaftlichen Arbeit von Christian Reichel mit dem etwas sperrigen Titel „Mensch – Umwelt – Klimawandel. Globale Herausforderungen und lokale Resilienz im Schweizer Hochgebirge“. Man lasse sich vom Klappentext nicht einschüchtern: „Anhand neuer ethnographischer Daten und partizipativer Kartographie veranschaulicht Christian Reichel, wie der globale Klimawandel Teil einer lokalen Lebenswirklichkeit wird: (Trans-)Lokale Wissensressourcen werden für die Entwicklung von mitigativen und Resilienz fördernden Maßnahmen genutzt, um dynamisch auf neue sozioökonomische Herausforderungen im Kontext destruktiver Mensch-Umwelt-Beziehungen reagieren zu können.“ Im Gespräch mit Einheimischen bleiben die Sätze verständlich. Zum Beispiel dort, wo über Wetterzeichen gesprochen wird. So gibt es Sonnenschein und steigende Temperaturen („Heuwetter“), wenn „Schneefinken oder Alpendohlen abends gegen 17 Uhr Richtung Talende fliegen, dort übernachten und morgens um ca. halb zehn zurückkommen und im Tal bleiben.“

Basil Vollenweider: Post Hotel Löwe. Von den Anfängen des Tourismus bis zum Ersten Weltkrieg. Forschungen zur Geschichte des Post Hotel Löwe in Mulegns. Verlag Nova Fundaziun Origen, Riom 2019. Fr. 54.- www.origen.ch

Barbara Beer, Marco Buchmann und Marco Marcacci: Entdeckungen am San Bernardino. Natur, Landschaft und Geschichte einer Passregion. Hier und Jetzt, Baden 2020. Fr. 39.-

Christian Reichel: Mensch – Umwelt – Klimawandel. Globale Herausforderungen und lokale Resilienz im Schweizer Hochgebirge. Transcript Verlag, Bielefeld 2020. € 40.-

Makers Bible The Alps

Ein dickes Buch voller Überraschungen. Für zuhause und unterwegs.

13. Juli 2020

«Sie saugten die dampfende Mischung auf; der Käse floss in langen Fäden, die sich in den Schnurrbärten des Roten verfingen, aber der alte Mann kaute langsam weiter, sein Opinel-Messer weit geöffnet in der rechten Hand, der Ellenbogen auf dem Tisch ruhend, das Béret hinter die Stirn zurückgeschoben.»

Bon appétit! Joseph Ravanat und Pierre Servettaz beim Mittagessen in einem Chalet auf der Alp Fréty hoch oberhalb Courmayeur. Die Älplerin hatte ihnen eine heisse Suppe serviert, in die sie Brot- und Käsestücke schnitten. Mit dem Opinel natürlich, dem urfranzösischen Sackmesser. Ausschnitt aus dem vierten Kapitel des Romans „Premier de cordée“ von Roger Frison-Roche; 1941 erschien dieser urfranzösische Bergroman, der gleich ins Deutsche übersetzt wurde. Mehr dazu unter https://bergliteratur.ch/premier-de-cordee/.

Das Opinel also, 1890 konstruiert von Joseph Opinel, als er 18 Jahre alt war, in der Werkstatt seines Vaters, einem Werkzeugmacher im Dorf Albiez-Le-Vieux bei Saint-Jean-de-Maurienne. Das Klappmesser mit dem Holzgriff wurde ein Welterfolg: „a cult classic“. So urteilt die „Makers Bible The Alps“. In diesem schön gemachten Buch zu „101 brands from valleys & rocks“ werden Produkte und Unternehmen aus dem Alpenbogen vorgestellt, die sich durch Qualität, Leidenschaft und Handwerkskunst besonders auszeichnen. Macher und Marken werden mit prägnanten Texten und Fotos porträtiert, die das Beste aus den Alpen hervorholen und herausbringen. Aus Stein, Holz und Tuch. Aus Wurzeln, Früchten und Kühen. Als Butter und Konfitüre. Als Restaurant und Hotel. Als Hut und Ski. Als Stockwappen.

Stockwappen? Genau. Diese ein paar Zentimeter hohen, leicht gerundeten Metallplättchen nagelte man einst auf die Wanderstöcke, vorzugsweise mit einem Abbild des Ortes, wo man war. Nun gibt es sie mit modernen Sujets, und selbstklebend für die Trekkingstöcke. Alles weitere unter www.derberghammer.com. Der Sitz dieses Unternehmens ist freilich ziemlich alpenfern. Ab 300 Stück kann man sogar sein eigenes Stockwappen kreieren lassen. „Bärgfründe“ wär doch was. Damit sich diese erkennen, wenn sie unterwegs. Auf Fréty so gut wie in Surfrête bei Chemin-Dessus ob Martigny.

Makers Bible The Alps. Melville Brand Design, München 2020. € 35.-

Weltreisen in der Schweiz

Die Welt in der Schweiz finden. Zwei Publikationen weisen den Weg.

7. Juli 2020

«A mile further, at a waters-meet, stands Sonogno, a deserted savage-looking cluster of dingy stone houses, which, but for the whitewashed church, might be in Ossetia.»

Diesen überraschenden Vergleich zwischen Sonogno hinten im Val Verzasca und einem Dorf in Ossetien, einem gebirgigen Gebiet im zentralen Kaukasus, zieht Douglas William Freshfield in „Italian Alps. Sketches in the mountains of Ticino, Lombardy, the Trentino, and Venetia“; das Buch erschien erstmals 1875. Nicht der einzige Vergleich übrigens: Beim flachen Basodinogletscher kommt dem Autor die ägyptische Ebene in den Sinn. Ein in der Vallemaggia angetroffener Hirte, der ihm Kaffee serviert, gleicht einem orientalischen Scheich. Und der Tiefblick auf Geröllhalden zwischen den erwähnten Tälern erinnere an denjenigen von syrischen Hügeln auf Städteruinen – wenigstens für diejenigen, die diese Aussicht mal erlebt hätten. Freshfield hat sie – of course; der Präsident des Alpine Club und der Royal Geographic Society kannte sich aus im ganzen Alpenraum, auf Korsika, in den Pyrenäen, im Kaukasus, im Morgenland, in Kanada, im Himalaja, in Japan und in Afrika, ja einfach auf der halben Welt. In der Schweiz stand er als Erster zum Beispiel auf folgenden Gipfeln: Tinzenhorn, Pizzo Cengalo, Cima di Castello, Piz Varuna, Piz dal Teo.

Dass Freshfield Orte in der Schweiz mit solchen auf der Welt verglich, war ungewöhnlich. Das Gegenteil ist nämlich der Fall. In seiner Studie „Transferprozesse der Moderne. Die Nachbenennungen Alpen und Schweiz im 18. bis 20. Jahrhundert“ (Peter Lang Verlag, 2017) zählt Philippe Frei insgesamt 540 Schweiz-Nachbenennungen auf, von Little Switzerland in South Carolina bis zur Suíça Brasileira; die meisten finden sich in Deutschland, von der Altenburger bis zur Zeitzer Schweiz (je in Sachsen-Anhalt). Dazu kommen die rund 250 Matterhörner, die sich auf der ganzen Welt erheben.

In diesem Jahr aber findet der Weltenbummel der Schweizer coronabedingt im eigenen Land statt. Von der Copacabana bis Grönland, von den Dolomiten bis zu den Everglades, von den Malediven bis Neuschwanstein: Gibt es alles vor der Haustüre. Wozu also tagelang und teuer reisen – und dann eventuell noch in der Quarantäne landen bei der Rückkehr nach Helvetien? Plage des Eaux-Vives in Genève oder Château Gütsch ob Luzern sind in ein paar Stunden erreichbar. Fjorde erstrecken sich auch hier Kilometer lang und hoch. In Lenk im Simmental erwartet uns die Iguazù-Fälle bei den Sieben Brünnen sowie die Kraterlandschaft von La Soufrière auf Basse-Terre, einer der beiden Hauptinseln von Guadeloupe, auf dem Betelberg oben, gäbig erwanderbar dank der Gondelbahn. Und der Panamakanal verbindet doch den Murtensee mit dem Lac de Neuchâtel, mais bien-sûr!

Gleich zwei neue Publikationen schlagen eine Weltreise durch die Schweiz vor. Genau unter diesem Titel stellt Arthur Kilian Vogel 60 Locations vor, jeweils mit einem möglichst passenden Foto und einem kurzen Text. Nicht immer klappt der Aha-Effekt so gut wie bei Solothurn als Vilnius oder Celerina als Banff. Beim Bachalpsee will sich ein Irlandgefühl kaum einstellen, zu wuchtig und bekannt markieren Wetter-, Schreck- und Finsteraarhorn den Horizont der Berner Alpen.

Die Reisekulturzeitschrift „Transhelvetica“ verblüfft im Juni-Juli-Heft mit der Geschichte „In 80 Seiten um die Welt“. Ralf Schlatter (alias Phileas Fogg) entführt uns mit seiner Partnerin Ruth Grünenfelder (alias Passepartout) an 25 Orte hierzulande, von Hawaii über Gibraltar bis Japan, mit starken Fotos, witzigen Texten, erhellenden Vergleichen (der Christo von Pfäfers contra denjenigen von Rio), mit Vorschlägen und Tipps, was sich an einem dieser besonderen Weltorte machen, lesen, hören und essen lässt. Und, ganz fein: An jedem Ort lässt sich der Besuch mit einem Stempel bestätigen. Das Heft wird so zu einem helvetischen Weltpass. Jules Verne wäre très enchanté, Douglas William Freshfield very pleased.

Arthur Kilian Vogel: Eine Weltreise durch die Schweiz vor. Sieh, das Gute liegt so nah. Wörterseh Verlag, Lachen 2020, Fr. 34.90.

Transhelvetica, # 59, Juni-Juli 2020: In 80 Seiten um die Welt. Fr. 10.-

Tessiner Sommer

Baden und lesen im Ticino. Perfetto. Mit diesen Büchern erst recht.

1. Juli 2020

„Wir verliessen die Strasse nach Muggio und betraten einen Fusssteig, der uns über den wasserarmen Bach führte, der dem kleinen Val Luasca entrieselt und vor seiner Vereinigung mit der Breggia einige schöne Wasserbecken bildet, die zum Bade einladen.»

Der erfrischenden Einladung konnten Johann Jakob Weilenmann und sein Mitwanderer im August 1857 nicht Folge leisten, weil sie noch eine Schlafgelegenheit in einem der Dörfer des hinteren Valle di Muggio suchen mussten, um anderntags den Monte Generoso zu besteigen. Dieser frühe Hinweis auf die Bademöglichkeit in einem Tessiner Gewässer findet sich in Weilenmanns Bericht „Der Monte Generoso bei Lugano“, abgedruckt im ersten Band der „Berg- und Gletscher-Fahrten in den Hochalpen der Schweiz“, die Gottlieb Studer, Melchior Ulrich und Weilenmann 1859 herausgaben.

Entzückt wäre Weilenmann über den Führer, der genau das enthält, worin er sich oft erfrischt hat: „Wild und frisch – Tessin. Die schönsten Badeplätze an Seen, Flüssen und Wasserfällen“. Iwona Eberle (Text) und Christoph Hurni (Fotos) stellen verlässlich und verlockend 120 Badeplätze vor, vom Lago di Tom oben im Sopraceneri bis zu den Gole della Breggia ganz unten im Sottoceneri. Immer mit wichtigen Hinweisen zu Liegeflächen, Schwimmmöglichkeiten, Wassertemperaturen und Sonnenzeitfenster im Juli und August, zur Anreise und zum Zugang, mit Kärtchen und mit Koordinaten. Alle Plätze sind in höchstens einer Stunde zu Fuss ab ÖV-Haltestelle oder Parkplatz erreichbar. Deshalb sind auch einige bekannte Badeseen, wie der Lago d’Alzasca, im Führer nicht beschrieben. Es gibt genügend andere, an denen wir jetzt wohl nicht mehr ganz alleine sein werden. Denn die Wasserbecken, die uns Iwona und Christoph präsentieren, laden unbedingt zum Baden ein. Zum Sonnenbaden ebenfalls.

Und was machen wir, wenn wir auf den glattpolierten Gneisfelsen liegen? Lesen natürlich. Zum Beispiel den Krimi „Tessiner Verwicklungen. Der erste Fall für Tschopp & Bianchi“ von Sandra Hughes. Die Basler Polizistin Emma Tschopp weilt mit ihrem Campingbus im Tessin, ferienhalber. Aber eine Tote in der Pastamanufaktur Savelli in Meride am Fusse des Saurierberges Monte San Giorgio im Südtessin macht einen Strich durch die Urlaubspläne. Zusammen mit Commissario Bianchi löst sie den tragischen und verzwickten Fall. Am Schluss sitzen die beiden in einem Grotto am Lago di Lugano und rollen den Fall – für sich und für uns – auf. Nun sind wir gespannt, ob und wie es weitergeht mit Emma und Marco.

Bestens in den Baderucksack passt das von René P. Moor herausgegebene und mit Anmerkungen versehene Buch „Alpensüdseiten. Reiseberichte aus dem Tessin“. Von Otto Julius Bierbaum und Frederike Brun über Erich Mühsam und Gottlieb Studer bis Josef Viktor Widmann und Heinrich Zschokke: fünfzehn vor allem ältere Texte schildern uns den gebirgigen Kanton, Schritt für Schritt eine Welt offenbarend, die oft genug bachab gegangen ist. Apropos Bach: Weilenmann – sein Generoso-Bericht ist auch abgedruckt – kommt dann doch noch zum Bad, nachdem er erfahren hat, dass in Scudellate ein Nachtquartier zu finden sei: „Hierüber beruhigt, konnte ich der Versuchung, in eines der Wasserbecken zu tauchen, nicht länger widerstehen. (…) Das Wasser war kühler, als sich erwarten liess.“

Iwona Eberle (Text), Christoph Hurni (Fotos): Wild und frisch – Tessin. Die schönsten Badeplätze an Seen, Flüssen und Wasserfällen. Salamander Verlag, Zürich 2020, Fr. 40. www.salamanderverlag.ch

Sandra Hughes: Tessiner Verwicklungen. Der erste Fall für Tschopp & Bianchi. Kampa Verlag, Zürich 2020, Fr. 19.90. www.kampaverlag.ch

René P. Moor (Hrsg.): Alpensüdseiten. Reiseberichte aus dem Tessin. Edition Wanderwerk, Burgistein 2019. Fr. 19.80. www.wanderwerk.ch

Fünf helvetische Wanderführer

Nie war es einladender als jetzt, in der Schweiz zu wandern. Auf geht’s, schnürt die Stiefel, konsultiert die Führer!

22. Juni 2020

»Treffen Sie mich morgen nachmittag um drei Uhr in der Gorge du Chauderon.«
»Wo liegt denn das?« fragte Templar erstaunt. »Ich kenne die Gegend nicht so genau.«
»Sie gehen den Abhang nach Glion hinunter, wenden sich nach rechts, gehen durchs Dorf und kommen dann auf eine Straße, die nach Les Avants führt. Dicht vor der Brücke, die sich über die Talschlucht zieht, finden Sie einen Fußweg nach der Schlucht und kommen an das Ufer des kleinen Flusses. Es ist ein schöner, ruhiger Platz, wo wir wahrscheinlich nicht gestört werden.«
»Aber warum wollen wir denn die Sache nicht hier abmachen? Ich könnte doch heute abend auf Ihr Hotelzimmer kommen …«
»Sie bekommen Ihr Schandgeld in der Gorge du Chauderon oder überhaupt nicht«, entgegnete Somerville kurz.

Nehmen Sie die Kriminalgeschichte „Der Selbstmörder“ von Edgar Wallace erst nach der Wanderung durch die Gorge du Chauderon zur Hand – die Schlucht zwischen Montreux und Les Avants ist beengend und beängstigend genug. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich die Geschichte nicht kannte, obwohl ich doch für meinen Rother-Wanderführer „Genfer See“ ausgiebig Literaturstudien betrieben hatte. Nun habe ich „The Man Who Killed Himself” auf Deutsch gelesen; das Original erschien erstmals in „The Royal Magazine“ (Februar 1920) und dann im „Hush Magazine“ (N° 4, September 1930).

Auf die Chauderon-Story von Edgar Wallace stiess ich im Führer „Wanderungen durch die schönsten Schluchten der Schweiz“; allerdings fehlt dort der Titel. Nachteiliger ist aber, dass der Ausstieg aus der Chauderon-Schlucht falsch eingezeichnet ist. Für Abenteuer am stotzigen Léman-Ufer ist also gesorgt. Doch das haben Schluchtwege sowieso an sich. Hajo Degen und Ragna Kilp stellen 47 Touren in der Schweiz und je eine in ihren vier grossen Nachbarstaaten vor. Ob es wirklich die schönsten sind? Die Cholereschlucht am Thunersee und das Küsnachtertobel am Zürichsee gehören eigentlich auch dazu. Bei der Combe du Pilouvi am Bielersee ist zudem nur die obere Hälfte erfasst, obwohl die untere grad so erlebnisreich ist. Trotzdem: Wer diesen wasserreich illustrierten Führer mitnimmt und dann hoffentlich nicht neben einem stiebenden Wasserfall studiert, lernt ganz neue Seiten der Schweiz kennen. Genau genommen jeweils immer zwei: die rechte und die linke Schluchtwand. Oft verbindet eine Brücke beide Wände.

„Über sieben Brücken mußt du gehen“ ist ein 1978 von der DDR-Rockband Karat veröffentlichtes Lied. Berühmt wurde es vor allem in der Version von Peter Maffay; auch Vicky Leandros und Helene Fischer nahmen den Hit in ihr Repertoire auf. Philipp Bachmann nun, Geograf und Wanderführerautor, singt (zum Glück?) nicht, sondern befiehlt uns: „Über 30 Brücken musst du gehen“. Die 30 Wanderungen in der ganzen Schweiz führen über mindestens eine für Fussgänger attraktive Brücke, zweimal sogar über acht Brücken: in der Aaschlucht bei Engelberg und – der Name sagt es bereits – in Brugg. In der Stadt Bern schlägt Bachmann eine Sechsbrückentour vor. Mit zwei bis drei Stunden Wanderzeit und nicht allzu grossen Höhendifferenzen sind die Wanderungen auch für Familien bestens geeignet. Zur Charles Kuonen Hängebrücke müssen knapp 700 Höhenmeter auf- und abgestiegen werden, aber für die mit knapp 500 Metern längste Fussgänger-Hängebrücke der Welt darf man schon etwas ins Schwitzen kommen! Alle Wanderungen sind gut mit Bahn und Bus erreichbar und bieten meistens auch eine Einkehrmöglichkeit. Ein Ausflug allerdings ging bachab: der Flimser Wasserweg mit seinen sieben Brücken.

Bachab gehen auch die Gletscher! Der Winter 2019/2020 war der wärmste seit Messbeginn 1864. Aber vor 24‘000 Jahren, da war es bei uns noch richtig schön kalt, da lagen sieben Achtel der Schweiz unter Gletschereis. Den Spuren dieser Gletscher begegnen wir überall. Nicht nur bei den Findlingen, sondern auch bei Drumlins und Schluchten, Mooren und Seen. Jürg Alean und Paul Felber nehmen uns mit auf 14 „Eiszeit-Wanderungen“ zwischen dem Kesslerloch bei Schaffhausen und den riesigen erratischen Blöcken bei Monthey, mit einem Besuch des neuen Gletschersees auf dem Klausenpass (inklusive Minieisbergen) und einem überraschenden Abstecher in die Altstadt von Bern. Zu jeder Route gibt es Hintergrundinformationen, Karten, genaue Wegbeschreibungen und zahlreiche Fotos. Mehr noch: Mit aktuellen Vergleichsfotos aus arktischen Regionen zeigen die beiden Autoren, wie es damals hierzulande wohl ausgesehen hat. Allerdings, und das sollte uns zu denken geben: Wie der Morteratschgletscher in den letzten 30 Jahren geschrumpft ist – unseretwegen!

Zugegeben: Manchmal sind wir auch froh, dass die Gletscher zurückgegangen sind. So können wir Steigeisen und Pickel, Seil und Karabiner zuhause lassen, müssen dafür aber mit Geröll und Schutt Vorlieb nehmen, was die Fortbewegung da und dort gar schwieriger macht. Auf der achten Etappe des 2019 eröffneten Weitwanderweges „Via Glaralpina“ lernen wir solche Veränderungen hautnah kennen. Die schwierige Etappe führt vom Urnerboden über das Gämsfairenjoch (2846 m) zur Claridenhütte SAC; Gipfelstürmer steigen noch zum Gipfelkreuz des Gämsfairenstock (2971 m). Der von Maya Rhyner und dem Team Via Glaralpina gemachte Führer stellt mit allen nötigen Infos, mit tollen Fotos, hintergründigen Geschichten und mit den Wandertipps von Gabi die 19 Etappen rund um den Kanton Glarus vor. 230 Kilometer und 18‘000 Höhenmeter Auf- und Abstieg von Ziegelbrücke via Glärnischhütte zur Bifertenhütte und via Naturfreundehaus Fronalp zurück nach Ziegelbrücke: Das werden unvergessliche drei Wochen sein im Sommer oder Herbst 2020. Wer kommt mit?

Wir! Aber nicht nur ins Glarner-, sondern auch ins Walliserland. In dem am 18. Juni 2020 erschienenen Wanderführer „Oberwalliser Südtäler“ stellt Iris Kürschner mit sehr schönen Texten und Fotos sechs Mehrtagestouren mit insgesamt 29 Etappen zwischen Simplon, Zermatt und Turtmanntal vor. Dreimal dient Zermatt als Start bzw. als Ziel, zweimal schultern wir die Rucksäcke bereits in Visp, je einmal umrunden wir den Monte Leone und Weissmies-Fletschhorn. Immer aber geniessen wir diese grossartige Landschaft mit den höchsten Eis- und Rebbergen der Schweiz, mit gemütlichen Hotels und Hütten, mit chüschtigen Alpkäsereien und spannenden Geschichten. Zum Beispiel diejenige von den Murmeltieren, den zutraulichen von Saas Fee sowie unglücklichen, die in der Pfanne landeten. Oder eine andere von den Bauherren der Simplon-Strasse, von den berühmten Bergführern im Saas- bzw. im benachbarten Nikolaital, vom blauen Wunder in Zermatt. Ein Wanderführer zum Laufen und Lesen.

Und falls uns der Lesestoff ausgehen sollte: Hier noch eine zweite Empfehlung für eine kriminalistische Kurzgeschichte. Sie stammt von Bram Stoker, bekannt geworden als Autor des Romans „Dracula“ (erstmals publiziert am 26. Mai 1897). Im gleichen Jahr erschien auch „The Secret of Growing Gold“. Nur eine kurze Passage daraus: „And then there came a rumour, certified later on, that an accident had occurred in the Zermatt valley.“

Hajo Degen, Ragna Kilp: Wanderungen durch die schönsten Schluchten in der Schweiz. AT Verlag, Aarau 2020. Fr. 29.90. „Der Selbstmörder“ von Edgar Wallace gibt’s hier: http://estories.x10.mx/der-selbstmorder/

Phillip Bachmann: Über 30 Brücken musst du gehen. Wanderungen zu den attraktivsten Fussgängerbrücken der Schweiz. Ott Verlag, Bern 2020. Fr. 38.-

Jürg Alean, Paul Felber: Eiszeit-Wanderungen. 14 Routen zu Zeugen der Eiszeit in der Schweiz. Haupt Verlag, Bern 2020. Fr. 38.-

Via Glaralpina. AS Verlag, Zürich 2020. Fr. 28.-

Iris Kürschner: Oberwalliser Südtäler. Wanderungen und Geschichten zwischen Simplon, Zermatt und Turtmanntal. Rotpunktverlag, Zürich 2020, Fr. 39.-

Bergkrimis – Einstieg

Mordspannende Berglektüre für den Sommer. Auch wenn die Toten teils im Schnee liegen.

16. Juni 2020

«De toute façon, personne ne meurt en vacances, non?»

Diese – wie sich herausstellen wird – vergebliche Frage beschliesst das erste Kapitel im Krimi „La revanche des hauteurs“ von Guillaume Desmurs. Er spielt in einer französischen Retortenskistation. Die besondere Architektur dort: mörderisch schön, und insofern mit fatalem Einfluss auf Einheimische und Urlauber, bis hin zu Selbstmord. Der Plan neige, mit dem in den 1960er Jahren solche Skiorte aus dem Alpboden gestampft wurden, wird zum Plan suicide. Vielleicht sogar gewollt vom Architekten, als Rache dafür, dass das Alphüttli der Vorfahren dem betonierten Skitourismus zum Opfer gefallen ist. Aber nach zwei Dritteln des Romans verliert die Geschichte Plausibilität und Plaisir. Schade, denn eigentlich war es spannend, den Reisenden und Bereisten im fiktiven Ort Pierre-Fontes in Moonboots nachzustiefeln.

«Wenn sich Märki derart sichtbar macht, denke ich, dass er Richtung Morgetepass will. Der Weg ist breit genug für ein Schneemobil, denn er wurde von der Armee befestigt. Wir werden es bald sehen.»

Diese – wie sich zeigen wird – nur halbwegs zutreffende Aussage macht Privatdetektiv Heinrich Müller im zwölften Krimi von Paul Lascaux um die Berner Detektei Müller & Himmel. Der Titel lautet „Schwarzes Porzellan“, es geht um Mitglieder der New-Wave-Band „Black China“, die spurlos verschwinden bzw. überraschend das Zeitliche segnet. Leser, die mit Musik der 1980er Jahre immer noch ins Stampfen kommen, werden die entsprechenden Lieder und Passagen goutieren. Skitourenfahrer und Schneeschuhläufer hingegen werden sich im Abschnitt „Montag, 25. Februar 2019“ wundern, denn der eigentlich breite Weg in den Morgetepass wird jeweils ab den ersten Schneefällen der Saison von Schneerutschen zugeschüttet, so dass das Gelände mörderisch steil wird. Ein Schneemobil jedenfalls käme nie durch, aber sein Fahrer wird ohnehin anderweitig aus dem Sitz gehebelt.

«Ach, du Scheiβe!», rief Kathi voller Inbrunst. Sie stutzte. «Und das heiβt, dass wir wieder mal in die Bergnatur müssen? Als hätte das letzte Jahr auf deiner Alm nicht gereicht!»

Diese – wie das halt die Art von Kommissarin Kathi Reindl ist – ziemlich ungehobelte Äusserung zu ihrer lieben Kollegin Irmi Mangold fällt auf Seite 55 in Nicola Förgs „Flüsternde Wälder“. Ein Einsatz im Eschenlainetal unweit des Walchensees in Oberbayern steht an. Na, so schlimm ist es dann doch nicht, mit den Gipfeln. Eher, was die beiden Chefinnen der Mordkommission unter den Wipfeln finden: eine Frau, überfahren von einem Traktor und halb erschlagen von einer gefällten Fichte. Sie badete offenbar im Wald (ja, so nennt man das heut: waldbaden, also eins und ruhig werden mit dem Gehölz). Ein skurriler Fall, den uns Nicola Förg in ihrem elften Alpenkrimi mit den Garmischer Kommissarinnen vorlegt. Deftig, zeitkritisch pointiert, da und dort sanft moralinsauer. Den Wald freut‘s, dass sich jemand seiner Sache vehement annimmt. Und die Auflösung der Fälle ist bittertraurig. Für Irmi ihrerseits scheint es ein Happyend zu geben. Es wär ihr so zu gönnen.

«Du schaust ins Tal und siehst sie heraufkraxeln, weil sie nicht unten bleiben wollen, diese Talbewohner, weil sie auch das Glück spüren wollen, das die Hirtenjungen empfinden. Und die dann, wenn sie es überhaupt schaffen und nicht vorher abrutschen, das Glück am Gipfel mit einem Selfie verwechseln.»

Diese – wie wir merken werden – kritischen Sätze stehen sowohl im Prolog wie auf Seite 242 im fünften Südtirol-Krimi von Lenz Koppelstätter mit Commissario Grauner und Ispettore Saltapepe: „Das Leuchten über dem Gipfel“. Kein schönwetteriges Leuchten allerdings, sondern ein lebensgefährliches, nicht nur über dem Gipfelkreuz, sondern vor allem drunten im Tal. Da donnert es gewaltig und ganz unterschiedlich: Wenn Gustav Mahler gespielt wird, wenn der SSC Napoli ein Trainingsspiel absolviert, wenn ein Hirtenjunge dazwischen funkt. Es geht um grosse Einsätze: beim Wetten, beim Bauen, beim Klettern. Und bei der Liebe auch. Der Epilog, wie schon bei Förg, hat es in sich. Bitte freilich erst am Schluss lesen! Es gibt nämlich Krimileser, die fangen hinten an – da fällt doch die Spannung ab, wenn man das Ende schon kennt.

«Sie haben doch früher mit Ihren Eltern Klettersteige gemacht», versuchte Susi mich zu beruhigen. «Sie werden sehen, das ist gar nicht so schlimm.»

Diese – wie man lesen wird – ahnungsvolle Beruhigung steht unten auf Seite 104 im Sektor „Rätsel“ des Alpenkrimis „Wenn er fällt, dann stirbt er“ von Marion Ambros. Der Münchner Hauptkommissar Joe Bichelmaier fällt schon, allerdings weder in einem Klettersteig und noch in einer Kletterroute der Hörndlwand in den Chiemgauer Alpen, sondern fast auf die hübsche Lilo herein. Die hat es mordsdick hinter den Ohren, aber mehr verrat ich nicht. Selber lesen, diesen Krimi, der zwischen Bier- und Klettergarten hin- und herpendelt. „Ein echter bayerischer Krimi – witzig, steil und spannend“: So das Urteil des Topalpinisten Alexander Huber; er kommt darin auch vor.

«Ich bin geübte Alpinisten, und als solche würde ich in den seltensten Fällen die Knie zum Einsatz bringen. Nur Hände und Füβe, denn damit finde ich die bestmögliche Kontrolle und Balance. Knie sind klobige Gelenke und wenig hilfreich in solchen Fällen. Wenn wir davon ausgehen, dass Claudia keine Sportkletterin war, hätten wir hier ein schwerwiegendes Verdachtsmoment.»

Dieses – wie zu vermuten ist – folgenreiche Indiz äussert die Ärztin Fabiola in Kapitel 21 von Martin Walkers „Connaisseur“, dem zwölften Fall für Bruno, Chef de police. „The Body at the Castle Well“ lautet der originale Titel, der wesentlich besser als ist der deutsche, denn Bruno ist seit dem ersten Fall im Jahre 2008 ein Connaisseur durch und durch. Wir sind gespannt, wie der dreizehnte Fall, „The Shooting at Chateau Rock“, übersetzt werden wird. Doch zurück zum (unfreiwilligen) Fall von Claudia in einen tiefen Burgbrunnenschacht: Obwohl der/die Täter auch dank bergsportlichen Erkenntnissen überführt werden können, ist „Connaisseur“ kein Bergkrimi. Aber allemal lesenswert.

«Ja, warum? Warum sollte jemand einen deutschen Solartechniker und eine britische Umweltschützerin umbringen? Konnten sie sich gekannt haben? Was mochte diese beiden miteinander verbinden? Was außer dem Wanderweg? Dem Weg, auf dem auch Liliana möglicherweise unterwegs war.»

Diese – in unserem siebten Buch – zentrale Frage stellt sich Chefinspektor João Almeida am Ende des 19. Kapitels in „Tödliche Algarve“ von Carolina Conrad. Auch seine Freundin, die deutsch-portugiesische Journalistin Anabela Silva, geht solchen Fragen nach. Gefährlicherweise oft alleine, und erst noch auf dem offenbar mörderischen Wanderweg, der Via Algarviana. Dieser Weitwanderweg geht 300 Kilometer durchs Hinterland der Algarve, von Alcoutim am Fluss Guadiana bis zum Cabo de São Vicente, der Südwestspitze des europäischen Festlands. Am 16. Juni 2020 kommt der Wanderkrimi heraus. Ob wir den Sommer 2020 dann immer noch auf der Via Algarviana verbringen wollen, hängt freilich nicht nur von dieser Lektüre ab.

Guillaume Desmurs: La revanche des hauteurs. Neige Noire. Éditions Glénat, Grenoble 2019. € 15.-

Paul Lascaux: Schwarzes Porzellan. Bern-Krimi. Gmeiner Verlag, Messkirch 2020. € 13.-

Nicola Förg: Flüsternde Wälder. Ein Alpen-Krimi. Pendo Verlag, München 2020. € 16.-

Lenz Koppelstätter. Das Leuchten über dem Gipfel. Ein Fall für Commissario Grauner. Kiwi Verlag, Köln 2020. € 11.-

Marion Ambros: Wenn er fällt, dann stirbt er. Alpenkrimi. Rother Bergverlag, München 2020. € 13.-

Martin Walker: Connaisseur. Der zwölfte Fall für Bruno, Chef de police. Diogenes Verlag, Zürich 2020. € 20.-

Carolina Conrad: Tödliche Algarve. Anabela Silva ermittelt. Rowohlt Verlag, Hamburg 2020. € 10.-

Sihlwald – Wild und schön

So fesselnd und fotogen, fantastisch und farbig kann ein Wald sein. Auf in den Sihlwald bei Zürich! Mit Caroline Fink.

10. Juni 2020

«Verlasse ab und zu die Stadt und erklimme einen Berg oder verbringe eine Woche im Wald. Wasche deinen Geist rein.»

Forderte der US-Amerikaner John Muir (1838–1914), Umweltschützer der ersten Stunde, Anreger mehrerer Nationalparks in den USA, Naturphilosoph, Schriftsteller, Alpinist und Gründer des Sierra Club. „Break clear away, once in a while, and climb a mountain or spend a week in the woods. Wash your spirit clean.” Machen wir sofort, John! Aber nicht in der John Muir Wilderness in der kalifornischen Eastern Sierra, wo der Mount Agassiz (4235 m) und der Chocolate Peak auf erfahrene Wanderer warten. Noch in der Ansel Adams Wilderness mit dem Mount Ritter (4006 m), den Du 1872 als Erster bestiegen hast. Sondern im Sihlwald westlich des Zürichsees, mit der Bürglen (915 m) in der Albiskette als höchstem Gipfel. Und mit Caroline, geboren 1977, Fotografin, Autorin und Filmemacherin. Sorry, John!

Muirs Aufforderung findet sich zweisprachig im ersten, mit „Wildnis – Unerhört notwendig“ überschriebenen Kapitel des druckfrischen Bildbandes „Sihlwald – Wild und schön“ von Caroline Fink. Ein grosses Werk zu einem kleinen Stück Wildnis fast am Rande der grössten Stadt der Schweiz. Der Wildnispark Zürich Sihlwald ist schweizweit der erste und bisher einzige Naturerlebnispark, rund 12 Quadratkilometer gross. Nicht viel, aber viel seitig, viel sagend, viel bereichernd, viel farbig. Draussen (was ja in den letzten zehn Wochen nicht immer angesagt war). Und drinnen. Nämlich im 174 seitigen Meisterwerk von Caroline.

Zum einen: Spannende Texte und Interviews. Mit Leuten, die den Sihlwald besser als ihre Hosentasche kennen. Und dann die Fotos! Wald ist ja, grobastig gesagt, einfach Holz und Blätter. Von wegen. Gerade die vier jahreszeitlichen Strecken mit doppelseitigen Fotos bringen uns den Wald näher, als wenn wir selbst in ihm wären. Wenigstens visuell. Riechen und spüren können wir ihn auf Papier nicht, aber Finks Fotos waschen dieses „wenigstens“ beinahe weg. Mit ihnen sind wir im Sihlwald voll drin. Und wenn wir auch in diesem ganz besonderen Wald umher stiefeln möchten (doch, doch, das dürfen wir!), dann hat’s im Buch ein paar Tipps drin. Also, let’s do it!

By the way, John: On page 123, you’ll see Caroline walking in the Sihl Woods.

Caroline Fink: Sihlwald – Wild und schön. AS Verlag, Zürich 2020. Fr. 48.-

Gipfelglück und Gipfelpech

Zwei neue Gipfelbücher bekannter Autoren. Eines kann man sehr gut aufschlagen.

3. Juni 2020

«Hundertundeine Geschichte über die berühmtesten Gipfel der Alpen: die Höchsten, die Schönsten, die Schwersten, die Schicksalsberge, die Sagenhaften, die Unscheinbaren…»

Steht auf der Rückseite des Buches „101 Gipfel der Alpen – und was Sie über diese schon immer wissen wollten“. Vom Stuhleck (1782 m), dem ersten Skiberg Österreichs, bis zum Mont Aiguille (2087 m), der 1492 erobert wurde, als Kolumbus nach Amerika segelte, hat Uli Auffermann besondere Gipfel mit interessanten Geschichten ausgewählt. Klar: Wenn ein schweizerischer, französischer, italienischer oder slowenischer Verleger ein solches Buch auf den Markt brächte, hätten der Gaisberg (1287 m) oder das Dürrnbachhorn (1776 m) kaum Aufnahme gefunden, der Hahnenkamm (1712 m) mit der Streif-Abfahrt vielleicht schon, obwohl auch das Lauberhorn (2472 m) einen Podestplatz verdient hätte. 22 der 101 vorgestellten Gipfel stehen (wenigstens halbwegs) in der Schweiz, wobei es in Wirklichkeit mehr sind, denn die Nr. 75 mit den Churfirsten weist sieben Gipfel auf, die Nr. 81 mit dem Mont Rosa deren sechs (insgesamt sogar neun, wovon drei ganz in Italien). Und, ein schöner Zufall: Bei 22 Nummern konnte ich ein Gutzeichen dahinter setzen; allerdings stand ich nicht auf allen Firsten zwischen Walensee und Toggenburg, am Monte Rosa fehlen mir einige Spitzen, an der Drusenfluh mindestens zwei Türme. Wie vor drei Wochen geschrieben, verpasste ich die Pointe Walker der Grandes Jorasses (Nr. 95) um 350 Höhenmeter. Die Nr. 88, die Rocciamelone (3538 m) im Piemont, die möchte ich einmal besteigen: „Man braucht kein Sünder zu sein, um sich den höchsten Wallfahrtsort der Alpen einmal anzusehen“, heisst es in diesem handlichen und empfehlenswerten Gipfelbuch.

„Bunter, facettenreicher und kurzweiliger ist die Alpingeschichte nie erzählt worden.“ Steht auf der Rückseite des Buches „Das ist doch der Gipfel. Geschichten von den Bergen der Welt“. In fünfzehn Kapiteln beleuchtet Andreas Lesti Persönlichkeiten aus der Geschichte des Alpinismus und des alpinen Tourismus, von Belsazar Hacquet und Johann Wolfgang Goethe über Jemima Morell, Meta Brevoort und Aleister Crowley bis zur Familie Barmasse und zu David Lama. Als ich das handliche Gipfelbuch erstmals aufschlug, geriet ich zufällig auf die Seite 45 mit „Die letzten sieben unbestiegenen Alpengipfel“. Höchst interessant, fand ich. In der Einleitung zur Aufzählung steht, dass das goldene Zeitalter des Alpinismus 1854 begann, „als gerade mal 39 Alpengipfel übrig geblieben waren, und endete im Sommer 1865, da waren es noch sieben Viertausender.“ Als siebtletzter Gipfel wird das Matterhorn aufgeführt, obwohl der sechstletzte (Aiguille Verte) und der fünftletzte (Obergabelhorn) früher erstmals bestiegen wurden; als letzter die Pointe Walker, deren erste Besteigung allerdings erst 1868 erfolgte. Soweit schon leicht falsch. Aber: 12 der 48 Viertausender der Schweiz wurden erst nach 1865 erstmals bestiegen, die schwierigsten des Montblanc-Massivs, die fünf Aiguilles du Diable, gar erst zwischen 1923 und 1928. Soweit ganz falsch. Dass es 1854 noch 39 unbestiegene Alpengipfel gegeben haben soll, widerlegt schon allein die alpingeschichtliche Tatsache, dass 58 Alpingipfel im Jahre 1865 erstmals bestiegen wurden. Nach dem Lesen der Seite 45 klappte ich dieses Gipfelbuch wieder zu.

Uli Auffermann: 101 Gipfel der Alpen – und was Sie über diese schon immer wissen wollten. Bruckmann Verlag, München 2020, Fr. 22.-

Andreas Lesti: Das ist doch der Gipfel. Geschichten von den Bergen der Welt. Bergwelten Verlag, Wals bei Salzburg 2020, Fr. 26.-