Fundstücke

Für einmal skihistorische Raritäten. Auf Anfrage gibt es gerne fotografische Kopien.

«Plaisirs d’hiver! Ces mots, en France, évoquent des souvenirs de Cannes, des journées chaudes au Golfe Juan, des soirées de clair de lune où l’Estérel se dessine comme un arc illuminé sur le ciel.

Douceur, parfums, repos, silence, tiédeur qui alanguit et immobilise… Journées de lumière sur des plages de fleurs, joie des yeux qui n’ont vu que les plaines grises et les tristes brouillards des pays du Nord.

Er pourtant cet enchantement du Sud béni lasse inassouvi le besoin d’expansion et de mouvement des corps souples et jeunes. Ils veulent des risques et des dangers, ils aiment les frissons de périls et tempêtes, pour eux les plaisirs de l’hiver sont les plaisirs de la neige, des glissades folles en ski, des descentes vertigineuses à plat ventre sur un skeleton, des virages affolants sur un bob où les corps dans un poudroiement de neige rasent la piste glacée… Pour les jeunes de notre époque où l’on reste jeune très longtemps, la joie de l’hiver commence au dessus de mille mètres.»

Mit diesen die neuen Freuden des Wintersports genau treffenden Sätzen leitet Herausgeber Alexandre Castell (1883–1939) das 1921 in Paris publizierte Buch Les Jeux sur les Cimes.  Souvenirs sportifs“ ein. Mehrere Autoren schreiben über die Berge im Winter, über den Schnee, über die Reise an die Sonne (über dem Nebel in den Bergen und nicht an der Côte d’Azur!), über Bergfilme und Eiskunstlaufen, über den Cresta-Run in St. Moritz – und immer wieder über die weisse Herrlichkeit. Illustriert ist das taschenbuchgrosse Buch mit 16 schwarzweissen Fotos aus den winterlichen Bergen der Schweiz, von Sainte-Croix (im Jura) und Villars über das Berner Oberland (Gstaad, Adelboden, Mürren und Grindelwald) und die Zentralschweiz (Andermatt und Engelberg) bis ins Bündnerland (Arosa, Davos, St. Moritz und Pontresina). Das Frontispiz zeigt einen Skispringer auf dem Jungfraujoch, im Vordergrund Zuschauer, hinten der Mönch; die Foto machte Max Amstutz, der ältere Bruder von Walter Amstutz.

Kurz: ein schönes, kluges, wichtiges Buch zur Geschichte des Wintersportes und des Skilaufs. Insbesondere das Skifahren kam nach dem Ende des Ersten Weltkrieges in Mitteleuropa so richtig in Fahrt, etwas langsamer in Frankreich als in der Schweiz. Wie ich von den „Jeux sur les Cimes“ Kenntnis erhielt, weiss ich nicht mehr. Ich konnte es in der Nationalbibliothek in Bern für den Lesesaal ausleihen und fand dann, es gehörte eigentlich auch in meine Skibibliothek. Bei Harteveld Rare Books in Fribourg fand ich ein zahlbares Exemplar.

Im gleichen Buchantiquariat hatte ich im letzten Jahr eine andere publizistische Rarität erstanden: „Joies et Misères du patrouilleur alpin“. Gezeichnet vom Premier-lieutenant Michel Cuénod, Vorwort von Oberstleutnant de Gautard, Alpinoffizier der 1. Divison, und publiziert 1948 durch Korporal Froesch in seiner Druckerei in Genf. Eine alpinmilitärische Publikation also, in Erinnerung an die Grenzbesetzung im Zweiten Weltkrieg, die Auflage betrug 100, mein Exemplar trägt die Nr. 12 und ist Philippe de Weck gewidmet, „en souvenirs de quelques belles heures passées ensemble sur neige, glace et rocher.“ Ob ohne oder mit Uniform: Was die Alpinsoldaten im Sommer und Winter erlebten, war nicht immer lustig – aber die 24 A4-grossen Blätter mit den Strichzeichnungen von Cuénod sind es. So zeigt das letzte Blatt eine Dreierseilschaft beim Abfahren am Seil von der Tête Blanche gegenüber dem Matterhorn, mit dieser Legende: „Les joies du ski encordé.“ Der mittlere Skifahrer sieht aber alles andere als erfreut aus…

„Auf, zu frohem Treiben in Schnee und Sonne!“ So lautet der Titel des 16-seitigen Kataloges von Sport-Sonderegger St. Gallen für den Winter 1946/47. Ski, Bindungen und Stöcke natürlich, aber auch Felle, Wachse, Lawinen-Schaufel und Ersatzspitze gab es da zu kaufen, und Après-Ski-Schuhe! Bei diesen „wählt vor allem das Auge mit. Aber wie geborgen sind die Füße darin! Kein Wunder, daß sie auch den Alltag erobert haben!“ Schon vor 77 Jahren also die Mode, Sportsachen auch abseits sportlichen Tätigkeiten zu tragen. Was den Katalog aber so besonders macht, sind die Zeichnungen von Franco Barberis (1905–1992). Er war „der Star der Sportkarikaturisten seiner Zeit“, sagt Gregory Germond vom Sportantiquariat in Zürich; in seinem Neuheiten-Newsletter hatte ich den Sonderegger-Katalog entdeckt (und gleich gekauft). Während rund 45 Jahren arbeitete Barberis auch für den „Nebelspalter“; bekannt war er vor allem für seine Sportlerfigur Tschutti. Es macht richtig Spass, in diesem elegant-fröhlichen Katalog zu blättern. Auf Seite fünf sehen wir einen Skifahrer mit kecker Schirmmütze, vorübergebeugt unter grosser Last, während sie locker erhobenen Kopfes dahingleitet. Oben auf der Seite lesen wir: „Rucksäcke, Lunchtaschen anschnallen und dafür sein allfälliges Sorgenbündel abwerfen! Es lockt ja die Freude!“

Skitouren und Skipisten – für mehr als ein Jahr

Drei neue Skiführer für diejenigen, die wenn möglich während zwölf Monaten und in ganz Europa Ski fahren wollen.

«Plötzlich das schöne Wetter, da musste ich hinauf, in die Weite. Und dann der Schnee, der gleisst in der Herbstsonne, der leistungsorientierte Wunsch, im September doch noch skizufahren, um in jedem Monat auf den Brettern gestanden zu haben. War sackstark, den verschneiten Hang hinaufzusteigen, eine einsame Spur hineinzulegen. Und oben die Rundsicht, Gefühl von Schwerelosigkeit. Oben war der Schnee nicht ganz perfekt, doch dann bis zur Mitte schön weich, und Erinnerungen an das Rhythmusgefühl. Die Lockerheit fehlte noch. Zurück zur Wasserscheide die Skis tragen, was macht’s aus?»

Eintrag vom 30. September 1981 im dritten Tourenbuch von Daniel Anker, Chrummfadenfluh (2075 m) in der Stockhorn-Gantrisch-Kette der Berner Voralpen. Meine Heimatberge. Tatsächlich machte ich in diesem Jahr auch noch im Oktober und November je eine Skitour, bei zu wenig bzw. zu viel Schnee. Aber am 12. Dezember 1981 notierte ich dann: „Endlich guter Pulverschnee.“ Die Skisaison konnte weitergehen. Ich schaffte es seither nicht mehr, in einem Jahr in jedem Monat Ski zu fahren. Umso mehr freute mich das Mail von Anna Rösch vom Panico Alpinverlag vom 14. Dezember 2023:

„Hallo Daniel, wie jede Saison gibt es auch diesen Winter wieder neue Skitourenführer von uns. Darunter ist vor allem ‚Skitouren für das ganze Jahr‘ von Andreas Brunner hervorzuheben, der ein dickes Paket an beeindruckenden Skitouren im gesamten Alpenraum geschnürt hat. Ich habe dir den kurzen Pressezettel angehängt und bringe ein Exemplar des Skiführers auf den Weg zu dir. Wenn du Lust hast, das Buch zu besprechen, freuen wir uns sehr! Es ist das Erstlingswerk des Autors und mE mit viel Liebe zum Detail zusammengetragen. Falls du mehr Informationen benötigst, melde dich gerne einfach bei mir! Viele Grüße, Anna.“

Diese Anna kenne ich nicht, den Verlag, in dem sie arbeitet, hingegen schon. Der macht starke Kletter- und Skitourenführer. Und ein solches Werk ist auch dasjenige von Andreas Brunner: „Skitouren für das ganze Jahr. 68 Skitouren von Oktober bis Juni“, inklusive GPS-Tracks, Ausrüstungstipps, Materialpflege, Lawinenwissen, Wetterkunde, Strategie und Planung. Seitenweise (überlebens-)wichtige Ratschläge, damit wir von Juli bis September auch etwas zu tun haben, wenn wir schon nicht auf den Brettern stehen können. Die ausführlich und mit vielen Farbfotos vorgestellten Touren stammen vor allem aus den Ostalpen. Aus den Westalpen dabei sind solche von Saas Fee (Oktober), Monte Rosa (November), Valle Maira (Jänner), Berner Oberland (März), Gran Paradiso (April) und Chamonix (Mai); ein ganz besonderer Tipp ist der Gran Sasso (2912 m) in den Abruzzen (Februar). Den Dom (4546 m) hätte ich allerdings nicht für den März angegeben, sondern für den Juni, da die Ski ohnehin bis fast zur Domhütte SAC (2937 m) getragen werden müssen; auf dem ausgesetzten Hüttenweg durch die Festiflüe wird man froh sein, wenn es keinen Schnee hat. Nicht von ungefähr machten Arnold Lunn und Josef Knubel die erste Skibesteigung des Doms am 18. Juni 1917, mit Abfahrt vom Gipfel.

Weniger anstrengend sind die Aufstiege und Abfahrten (Abstiege gibt es höchstens kurze vom Gipfel zum Skidepot), die Simon Wohlgenannt in „Freeride. Bucket List Vorarlberg“ vorstellt, mit vielen Fotos (oft mit eingezeichneten Verläufen) und genauen Karten. Allen 50 Touren im Montafon, am Arlberg und im Klostertal, im Bregenzerwald und im Kleinwalsertal gemeinsam sind kurze, liftunterstützte Aufstiege und aussergewöhnliche, lohnende Abfahrten. Mit dabei sind die Schwierigkeitsgrade von grün und L (leicht) bis rot und SS (sehr schwierig). Bei den letzteren Touren muss man schon sicher auf den zwei Brettern bzw. auf dem einen Brett stehen. Das Guidebook richtet sich nämlich nicht nur an Variantenskifahrer und Freeriderinnen, sondern auch an Split- und Snowboarderinnen, also an solche Schneesportler, die mit Schneeschuhen und dem Board auf dem Rucksack bzw. mit einem Brett, das sich für den Aufstieg teilen und mit Fellen bekleben lässt, durch verschneite Hänge aufsteigen, um dann locker durch Pulverschnee in die Tiefe zu gleiten. Viele Fotos im Führer zeigen diese Tätigkeit – dieses Gefühl, weswegen wir immer wieder unterwegs sind, auch im Frühherbst, wenn es frisch geschneit hat.

68 Touren im ganzen Jahr, 50 im Vorarlberg. Und jetzt noch „111 Skipisten in Europa, die man gefahren sein muss“. Christoph Schrahe, Jimmy Petterson und Patrick Thorne präsentieren grossartige, legendäre, einzigartige und oft unbekannte Skiabfahren quer durch Europa. Zuoberst auf dem Podest Frankreich mit 18 Pisten, wovon 13 in den Alpen, die andern im Massif central, in den Vogesen und Pyrenäen sowie auf Korsika. An zweiter Stelle mit 17 Abfahrten Italien, wo sich auch im Apennin und auf Sizilien bestens skifahren lässt. Platz drei belegt Norwegen mit sieben Abfahrten. Den vierten teilen sich mit je vier Abfahrten Schweden sowie Österreich und die Schweiz. Viele Abfahrten dieser beiden Alpenländer sind in „111 Skipisten, die man gefahen sein muss“ beschrieben (vgl. https://bergliteratur.ch/fuehrer-fuer-die-wintersaison/). Von Europas grossen Skigebirgen im neuen Führer ist der Jura nicht dabei. Dafür, und das macht auch den Reiz des Führers aus, sind einige wirklich wilde und exotische Skiwinkel zu entdecken, in den baltischen Staaten und Niederlanden, in Osteuropa, auf Zypern. Oder in Portugal, auf dem Torre (1997 m) in der Serra da Estrale. Zu Weihnachten 2023 kriegte ich von Schwägerin und Schwager eine Büchse mit Milchschokolade, auf dem Deckel hinten die beiden Kuppeltürme, das Wahrzeichen auf dem höchsten Gipfel von Festland-Portugal, vorne eine sich in der Luft befindende Skifahrerin im Ami-Look der 1950er Jahre: ein Gefühl von Schwerelosigkeit.

Andreas Brunner: Skitouren für das ganze Jahr. Panico Alpinverlag, Köngen 2024. € 44,80.

Simon Wohlgenannt: Freeride. Bucket List Vorarlberg. Tyrolia Verlag, Innsbruck 2023. € 29,00.

Christoph Schrahe, Jimmy Petterson, Patrick Thorne: 111 Skipisten in Europa, die man gefahren sein muss. Emons Verlag, Köln 2023. € 18,00.

2023 – 2024

Die Jahrbücher des Alpine Club sowie des Deutschen Alpenvereins, des Österreichischen Alpenvereins und des Alpenvereins Südtirol bieten alle Jahre wieder gebirgige Lektüre vom Feinsten.

«Es war so leicht.»

Die Französin Alice Damesme (1894–1974) und die US-Amerikanerin Miriam O’Brien Underhill (1899–1976) machen am 13. August 1932 die erste reine Frauenbesteigung des Matterhorns mit Auf- und Abstieg über den Hörnligrat. Im Buch «Give Me the Hills» schreibt Miriam O’Brien Underhill im Kapitel «Manless climbing» über den Erfolg, als «first women to climb the Matterhorn alone». Ihr Kommentar: «It was as easy as that.» Im Aufstieg hilft sie sogar einer männlichen, führerlosen Dreierseilschaft, die richtige Route zu finden. Und auf dem Gipfel erhalten die beiden Frauen Proviant von andern Alpinisten, denen vor Anstrengung und Höhenkoller der Appetit vergangen ist.

In einem Artikel für «The National Geographic Magazine» vom August 1934 hielt Miriam O’Brien Underhill den Grundsatz des männerlosen Bergsteigens fest: «Bergsteigen ohne Führer besteht grundsätzlich in der Übernahme der ganzen Verantwortung für die Tour, von der Planung bis zur Durchführung. Genau das macht Spass, und ich sah keinen Grund darin, dass dieses Vergnügen den Frauen vorbehalten sein sollte.» An Miriam O’Brien erinnern die 1927 von ihr miteröffnete Via Miriam in der Südwand des Torre Grande (2361 m) der Cinque Torri in den Ampezzaner Dolomiten. Sowie der Miriam Peak (3987 m) in der Wind River Range im US-Bundesstaat Wyoming; Miriam O‘Brien machte die Erstbesteigung 1939 zusammen mit ihrem Mann Robert Underhill, den sie 1932 geheiratet hatte. Nun ist in «The Alpine Journal 2023» ein Beitrag über Miriam O‘Brien zu lesen: Wie sie durch ihre Touren und ihre Schriften den Klettersport in den USA beeinflusste und wie sie auch mit Bergführern oft am scharfen Ende des Seils kletterte.

Überhaupt wartet das neue Jahrbuch des Alpine Club mit lesenswerten Artikeln zum Frauenalpinismus auf. Elaine Astill deckt erstmals die Namen der beiden Engländerinnen auf, die am 19. August 1822 «the First Female Crossing of the Col du Géant» machten; über diesen Pass (3365 m) führte einst die gängigste Verbindung zwischen den Montblanc-Ortschaften Chamonix und Courmayeur. Elizabeth Campell hielt die Überschreitung in genau beschrifteten Aquarellen fest; atemberaubend, wie die achtzehnjährige Tochter Thomasina im roten Rock oberhalb einer Spalte im Gletscherabbruch sich kniend und unangeseilt fortbewegen muss, während hinter ihr ein Führer der Mama die Hand gibt. Bisher ebenfalls namenlos war die Alpinistin, die am 31. August 1877 das Matterhorn bestieg; ihr Ehemann James Curtis Leman schrieb ins Führerbuch von Franz Biner nur «I was accompanied by my wife». Die Ehefrau Jane Margaret, geborene Hart, begleitete ihren Gatten auf mehreren grossen Hochtouren und machte am 28. August 1882 die erste Fauenbesteigung des Mont Pelvoux in den Dauphiné-Alpen. Und dann ist da noch die Genferin Erika Stagni, die die erste Wintertraversierung der Aiguilles du Diable im Februar 1938 unverletzt überlebte, während ihre beiden Begleiter sowie die Retter schlimme Erfrierungen davontrugen; John Wilkinson enthüllt unbekannte Details des Dramas. Tragisch das Ender der Niederländerin Line van den Berg, der zusammen mit der Britin Fay Manners die erste Frauenbegehung der höchst schwierigen Route Phantom Direct an den Grandes Jorasses gelang; am 19. Mai 2023 geriet sie mit ihren beiden Begleitern beim Abstieg vom Grosshorn in den Berner Alpen in eine Lawine.

Zurück ins Leben, zu andern Bergsteigerinnen. Das «Alpenvereinsjahrbuch Berg 2024» bringt unter dem Titel «Die Poesie der Kälte» ein Gespräch mit der Fotografin Monica Dalmasso (mehr zu ihr hier: https://bergliteratur.ch/eine-handvoll-bildbaende/). Als Innsbrucks kühnste Kletterin galt Cenzi Sild, die einst den mächtigen Uschba geschenkt erhielt. Buchstäblich von sich reden macht heute Barbara Babsi Vigl, mit gewagten Besteigungen in Patagonien und Texten dazu. Wir klettern weiter «hart an der Grenze», wie Andi Dick seine Alpinismus-Chronik überschreibt. Da gibt es sehr abenteuerreiche Unternehmungen wie diejenige von Nadia Royo Cremer, Caro North und Capucine Cotteaux, die zusammen mit fünf Wissenschaftlerinnen mit dem Segelboot in sechs stürmischen Wochen nach Grönland schippern, dort in einer Woche eine neue Route am Northern Sun Spire (1517 m) eröffnen und in vier Wochen zurück nach Festlandeuropa segeln. Es gäbe noch viel zu erzählen von «Berg 2024». In Zentrum stehen diesmal die Berchtesgadener Alpen; ihr König ist der Watzmann (2713 m), zu seiner Familie gehören die Frau und die sieben Kinder. Die Watzmann-Überschreitung ist keineswegs leicht, wird aber an Spitzentagen von 300 Leuten angegangen. Zwei junge Bergsteigerinnen werden so zitiert: «Is halt a Klassiker, muss man halt mal g’macht haben.» Wie das Matterhorn auch. Nur dauerte es am Cervino von der Erstbesteigung 1865 bis zum ersten All-Female-Ascent 67 Jahre.

Ed Douglas (Hrsg.): The Alpine Journal 2023. Volume 127. The Alpine Club, London 2023; in der Schweiz erhältlich bei www.pizbube.ch, Fr. 38.00.

Axel Klemmer (Hrsg.): BERG 2024. Alpenvereinsjahrbuch 148. Tyrolia Verlag, Innsbruck 2023, € 20,90.

Besser leben

Mit zwei geschichtlichen Werken den Gang ins Neue Jahr antreten – und bestimmt mit einigen Vorsätzen. Wo kämen wir sonst hin?

«Langsam gegessen ist halb verdaut, denn durch klares Zerkauen der Speisen werden sowohl der Mund- als später auch der Magenspeichel, zwei wichtige Verdauungssäfte, reichlich abgesondert und unter den Speisebrei gemischt, auch wird gleichzeitig der Geschmackssinn früher befriedigt.»

Das ist ein kluger Vorsatz, nicht wahr? Leicht zu befolgen in den nächsten Tagen, weil wir nach der Weihnachtsschlemmerei ohnehin grad nicht soo viel essen mögen. Aber man sollte/kann/darf das Langsamessen selbstverständlich auch an Silvester beherzigen – und im nächsten Jahr sowieso. Als einer der Vorsätze, die wir uns doch immer wieder vornehmen.

Der zitierte Ernährungsstipp lieferte der in Wangen an der Aare geborene Arnold Rikli (1823–1906) in seinem 1895 publizierten Hauptwerk „Die Grundlehren der Naturheilkunde einschliesslich die atmosphärische Cur ‚Es werde Licht‘“. Bis am 28. März 2023 hatte ich noch nie von diesem Naturheilkundler gehört. An jenem sonnigen Dienstag wanderten Hans Peter Müller, Eva Feller und ich von Deitingen über Oliberg, Chnubel und Gensberg nach Wangen, wo Hans Peters Grosseltern gewohnt hatten. Seit dem 12. Februar 2023 gibt es in dem Aare- und Militärstädtchen eine neue Sehenswürdigkeit: den Arnold Rikli Platz zwischen Alte Ösch/Mühlibach und Rotfarbgasse; wir kamen an ihm vorbei auf der Suche nach dem Garten der Grosseltern. Riklis Vater Abraham war ein erfolgreicher Politiker und Besitzer einer Rot-Färberei. Der Junior aber brannte für Naturheilkunde. Mit seiner Familie gründete der Pionier der Lebensreform 1854 in Veldes (heute Bled) in den Julischen Alpen in Slowenien eine eigene Kuranstalt.

Auf Infotafeln am Arnold Rikli Platz erfährt man, wie Rikli seinen Patientinnen und Patienten kombinierte Wasser-Luft-Licht-Therapien verordnete: Sie sollten sich nackt in den Parks an der freien Luft bewegen, turnen und baden. Auch vegetarische Speisen empfahl der Sonnendoktor. Seine Gäste empfing der Gesundheitsapostel stets barfuss und nur minimal bekleidet. Ab 1895 gab es fünf Kurparks; einer hiess Riklikulm, ein anderer Arnoldshöhe. Bekannte Personen wie Franz Kafka und Rudolf Steiner kurten in Veldes. In Riklis Anstalt lernten sich auch der Industriellensohn Henri Oedenkoven, die Pianistin Ida Hofmann und die Brüder Karl und Gusto Gräser kennen, die 1900 einen Weinberg über Ascona besiedelten. Seither heisst dieser Hügel Monte Verità; dort gab es Luft-Licht-Hütten nach Rikli‘schem Vorbild. Wer hätte das vermutet: Der Berg der Wahrheit hat seinen Ursprung an der Aare.

Arnold Rikli hat seinen Auftritt selbstverständlich ebenfalls in „Monte Verità am Säntis. Lebensreform in der Ostschweiz 1900–1950“ von Iris Blum. Fasziniert begann ich im vergangenen Herbst zu lesen, wie um 1900 nicht nur im Tessin, sondern auch in Appenzell Ausserrhoden, St. Gallen und Thurgau Idealistinnen und Reformpädagogen, Vegetarier und Tänzerinnen die Welt, die Gesellschaft und sich selbst verbessern wollten, mit Luft- und Sonnenbädern, fleisch- und alkoholfreien Gaststätten. Um 1900 begann „eine Aufbruchstimmung, die unsere Gesellschaft bis ins 21. Jahrhundert geprägt hat“, liest man auf dem Klappentext des materialreichen, gediegen gemachten und illustrierten Werkes. „Forderungen nach naturnahem Wohnen, veganer Ernährung und alternativen Heilmethoden sind nicht neu – oder hätten Sie gedacht, dass schon 1923 jemand sagen konnte: ‚Alle machen Yoga‘?“ Natürlich nicht. Und so staunt man beim Lesen immer wieder, was vor 100 Jahren gedacht, ausprobiert, empfohlen und verordnet wurde. Ganz einfach: besser, gesünder, freier leben. Hat (leider) nicht immer geklappt. So wenig wie das mit unseren Neujahrsvorsätzen…

Einer von ihnen liesse sich eigentlich gut durchführen – wenn man nicht nur Bücher über Berge lesen und vorstellen tät, sondern auch in den Högern oben wohnte. Ich entdeckte die Empfehlung im sehr empfehlenswerten Buch „Sinneslandschaften der Alpen. Fühlen / Schmecken / Riechen / Hören / Sehen“, herausgegeben von Nelly Valsangiacomo und Jon Mathieu. Im Kapitel über das Fühlen mit dem Titel „Landschaft hautnah“ begegnen wir seitengross und -lang Arnold Rikli; ich glaub, ich muss mal eine Kurreise nach Bled antreten, um an „Riklis Sporttagen“ oder „Rikli-Wanderungen“ teilzunehmen. Das Kapitel über Alpendüfte geht auf die vielgepriesene Heilung durch die Luft in den Alpen ein. Bereits Johann Gottfried Ebel hatte in seiner „Anleitung auf die nützlichste und genussvollste Art die Schweitz zu bereisen“ von 1809 empfohlen: „Tägliche Spaziergänge in reiner Bergluft.“

In diesem Sinne: Alles Gute und Gesunde im Neuen Jahr!

Iris Blum: Monte Verità am Säntis. Lebensreform in der Ostschweiz 1900–1950. VGS Verlagsgenossenschaft St. Gallen, St. Gallen 2022. Fr. 42.- www.gpwb.ch/arnold_rikli

Nelly Valsangiacomo, Jon Mathieu (Hg.): Sinneslandschaften der Alpen. Fühlen / Schmecken / Riechen / Hören / Sehen. Böhlau Verlag, Wien 2022. € 30,00.

Die Katastrophen von Mitholz

Vor 76 Jahren explodierte im Kandertal ein Fels voller Munition. Die ganzen Folgen sind noch nicht ausgestanden, im Gegenteil. Alles dazu in der Ausstellung „Heimat. Auf Spurensuche in Mitholz“ im Alpinen Museum in Bern und in der begleitenden Publikation „Mitholz. Über Heimat nachdenken“.

«Am 19. Dezember 1947 um 23.10 Uhr riss eine Reihe von Explosionen die Menschen in Mitholz aus dem Schlaf. Im Munitionslager der Schweizer Armee oberhalb von Mitholz explodierten Munition und Sprengstoff. Aus den Eingängen schossen Feuer bis zu 70 Meter in die Höhe. Die Öffnungen des Stollens wirkten wie Kanonenrohre und schleuderten die explodierenden Bomben und Granaten sowie Gesteinsbrocken durch das Tal. Einzelne Geschosse und Steine flogen zwei Kilometer weiter bis nach Kandergrund. Kurz nach Mitternacht brachte die grösste Explosion einen Teil der Felswand oberhalb des Munitionslagers zum Einsturz. Eine Wolke aus Rauch und Staub überdeckte das Dorf. Die Katastrophe zerstörte 39 Häuser, neun Menschen kamen ums Leben.» Wandtext im zweiten Saal der Ausstellung „Heimat. Auf Spurensuche in Mitholz“ im Alpinen Museum der Schweiz in Bern.

«Am 25. Februar 2020 erhalten die Bewohnerinnen und Bewohner des Berner Oberländer Dorfs Mitholz eine Nachricht, die ihr Leben verändert: In zehn Jahren sollen sie ihr Heimatdorf für zehn Jahre verlassen. Der Grund sind Räumungsarbeiten im ehemaligen Munitionsdepot unter der Fluh.» Aus dem Flyer zu dieser Ausstellung.

Der Berg ruft. Das kann man immer wieder lesen. Und auch spüren, wie jetzt, wenn es unten grau und kalt ist und oberhalb des Nebels blau und warm. Aber der Berg kommt auch. Das kann man immer wieder lesen. Und auch spüren, wie zum Beispiel einige Bewohner in Schwanden im Glarnerland, die nicht mehr in ihre Häuser zurückkehren können und dürfen, weil am 20. August 2023 nach Starkregen Erdrutsche einen Teil des Dorfes zerstört und beschädigt haben; weitere Rutsche drohen.

Der Berg kommt aber auch, wenn man unsachgemäss mit ihm umgeht. Wenn man tonnenweise Munition und Sprengstoff darin verbunkert und nicht überlegt, dass das alles mal in die Luft fliegen und verheerende Folgen haben könnte. Wie beim Dorf Mitholz im Kandertal, als die Fluh ob der Kurve der Lötschberg-Bahnlinie vor 76 Jahren  auseinanderbrach. Tonnen von Munition und Sprengstoff explodierten, 3500 Tonnen wurden bis Ende 1948 geräumt, etwa gleich viel werden noch im Bahntunnel und unter den Trümmern der Fluh vermutet. Jetzt soll alles geräumt werden. Nach einer zehnjährigen Planungs- und Vorbereitungsphase soll Mitholz während der Munitionsräumung evakuiert werden. 51 Personen müssen, 87 Personen können wegziehen.

Was bedeutet das, die Heimat ungewollt zu verlassen? Was macht überhaupt Heimat aus? Diesen existenziellen Fragen geht die Ausstellung im Alpinen Museum nach. Klug und tief, überraschend und einleuchtend, empathisch und explosiv. Man erlebt dieses Mitholz, dieses wohl schon oft befahrene Dorf zwischen Blausee und Autoverladestation Kandersteg, mit ganz anderen Augen. Man fragt sich plötzlich nach Ursachen, wenn und warum der Berg kommt. Rutscht. Explodiert. Verbrennt. Austrocknet. Aber die Fragen bohren noch tiefer. Wie gehen wir damit um, wenn die Heimat abhanden kommt? Die Ausstellung gibt Antworten auf all diese Fragen. Die begleitende Publikation „Mitholz. Über Heimat nachdenken“ ebenfalls. Wie gefährdet leben wir? Wie gerecht ist die Schweiz? Was machen Häuser mit Menschen? Warum glaubt ein Land an Berge? 65 grossartige Seiten für zehn Einfränkler – an ein besseres Preis/Leistungs-Verhältnis in Sachen (Berg-)Literatur kann ich mich nicht erinnern.

Zurück in die Ausstellung, in den Hodler-Saal. Dort ist das von Kathrin Künzi komponierte Jodellied „Läb wohl Mitholz“ zu hören. 35 Sängerinnen und Sänger aus Mitholz und den Nachbargemeinden haben das Lied in der Kirche Kandergrund gesungen. Die erste Strophe, in der hochdeutschen Fassung:

Wir müssen gehen, Nachbarn, Häuser und Gärten hinter uns lassen. Niemand will gehen und den Holunder, den Rhabarberstrauch und die Rose hier lassen.

PS1. Zur Katastrophe von Mitholz hat Urs Augstburger den Roman „Das Tal der Schmetterlinge“ geschrieben. Der Rückseitentext beginnt so: „Ein geheimes Munitionsdepot fliegt in die Luft, im Bergsee verenden Hunderte von Forellen. Augstburgers Bergdrama handelt von Schuld und Verbrechen des Militärs in den Bergen – und versöhnt mit einer traurig-schönen Liebesgeschichte. Die Wissenschaftlerin Meret Sager soll im Auftrag eines Investors im Berner Oberland ein energieautarkes Dorf planen und bauen.“ Liest sich sehr aktuell. Das Fischsterben im Blausee und Corona ebenfalls. Die ehemalige Zündholzindustrie im Kandertal kommt auch noch vor. Gar viele Themen, manchmal droht man sich zu verlaufen wie in geheimen Felsgängen. Auf Seite 346 passiert es: „Im selben Moment explodierte das Eingangsportal, eine Stichflamme schoss heraus und wuchs zu einem gewaltigen Feuerball, der von der Fluh aufstieg.“

PS2. Einen in die Luft fliegenden Felsberg gibt es ebenfalls im Island-Roman „Kalmann und der schlafende Berg“. Er heisst Heiðarfjall (266 m) und beherbergte von 1957 bis 1970 eine Radarstation der NATO; nach dem Abzug blieben Schadstoffe und Bleibatterien zurück. Der verstorbene Grossvater von Kalmann hatte irgendwie mit diesem geheimnisvollen Berg zu tun. Auf Seite 276 der Romans erwacht der Heiðarfjall: „Der Berg erhob sich vor meinen Augen, richtete sich wie in Zeitlupe auf – oder war es der Riese, der seinerzeit in den Berg einbetoniert worden war, ein Drache vielleicht, der einen Goldschatz bewachte? Der ganze obere Teil des Berges hob ab und flog in die Luft, vom Rumpf losgelöst, ein blendend heller Feuerball.“

Daniel Di Falco, Barbara Keller (Hg.): Mitholz. Über Heimat nachdenken. Alpines Museum der Schweiz, Bern 2022. Fr. 10.-

Urs Augstburger: Das Tal der Schmetterlinge. bilgerverlag, Zürich 2023. Fr. 36.-

Joachim B. Schmidt: Kalmann und der schlafende Berg. Diogenes Verlag, Zürich 2023. Fr. 32.-

Heimat. Auf Spurensuche in Mitholz. Ausstellung im Alpinen Museum in Bern. 19. November 2022 bis 11. August 2024. www.alpinesmuseum.ch/de/ausstellungen/heimat

Skiland Schweiz. Eine Geschichte

Der prächtig und frisch illustrierte Bildband zeigt aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln, wie sich der Skilauf seit 1892 bis heute entwickelt hat. Endlich das passende Buch zum Hit „Alles fahrt Schi, alles fahrt Schi, Schi fahrt die ganzi Nation“!

«Rennunfälle sind per Definition individuell erlebte Ereignisse, in der Einsamkeit der Konfrontation mit der Rennstrecke, und es ist immer der einzelne Körper, der die Narben tragen wird. Denken wir an den Bündner Abfahrer Silvano Beltrametti, der seit seinem Sturz 2001 in Val-d’Isère querschnittsgelähmt ist; an den vielseitigen Skifahrer Daniel Albrecht, der 2009 bei der Abfahrt von Kitzbühel durch einen furchtbaren Unfall ein Schädel-Hirn-Trauma erlitt. Oder in der Nachkarriere die desaströsen Schicksale wie die der Meisterin Michèle Rubli, der ersten Frau des 1996 in Kanada bei einer Lawine ums Leben gekommenen Bernhard Russi.»

Was?? Nein!! Er lebt, Bernhard Russi. Aber seine erste Frau, die Skirennfahrerin Michèle Rubli, sie starb 1996 in einer Lawine. Das war so, leider. Deshalb heisst es im Original: „…les destins funestes tels ceux de la championne Michèle Rubli, la première épouse de Bernhard Russi, décédée dans une avalanche au Canada en 1996.“ Bei der Übersetzung ins Deutsche passierte der Unfall, aus dem weiblichen „décédée“ wurde ein männliches „décédé“. Ja, wenn man weder die Sprache noch die Geschichte gut kennt, geschieht Desaströses. Aber jetzt, nach der Korrektur, lebt der Bernhard auch im deutschen Text: „Denken wir (…) an das Schicksal der Skirennfahrerin Michèle Rubli, der ersten Frau von Bernhard Russi, die 1996 in einer Lawine in Kanada ums Leben kam.“

Bernhard Russi lebt also. Und wie er lebt, auf vielen Seiten in einem schönen, schwungvollen, umfassenden, fein bebilderten Buch zur Geschichte des schweizerischen Nationalsportes. Eigentlich hätte ich ein „sehr“ vor die Adjektive setzen wollen, doch ich traute mich nicht. Weil ich an „Skiland Schweiz. Eine Geschichte“ bzw. „Le ski en Suisse. Une histoire“ mitgearbeitet habe. Vier der fünfzig Kapitel (inklusive Vorwort von Daniel Yule) sind von mir, zudem überprüfte und korrigierte ich die sturzvolle Übersetzung aus dem Französischen ins Deutsche. Die Mehrheit der 24 MitarbeiterInnen schrieb ihre Beiträge in der Sprache von Roland Collombin und nicht von Russi. Und weil ich also an diesem Standardwerk zum Skilauf in der Schweiz mitgewirkt habe, erlaube ich mir, hier aus dem Klappentext zu zitieren:

«Hedy Schlunegger, Bernhard Russi, Marie-Theres Nadig, Pirmin Zurbriggen, Erika Hess, Peter Müller, Vreni Schneider, Didier Cuche, Lara Gut, Marco Odermatt … die Schweizer Meisterinnen und Meister des alpinen Skilaufs gehören zu den herausragendsten Persönlichkeiten der Schweizer Sportgeschichte. Sie sind die Heldinnen und Helden einer kollektiven Vorstellung, die an grosse Wettkämpfe wie die Olympischen Spielen 1948 in St. Moritz und 1972 in Sapporo oder wie die Weltmeisterschaften 1987 in Crans Montana erinnert, aber auch an symbolträchtige Orte in der Schweiz, von Zermatt über St. Moritz, Davos oder Grindelwald bis Mürren. (…)

Die Erinnerungen gehen jedoch weit über die Bildschirme der nationalen Fernsehsender hinaus. Sie sind in persönlichen Erlebnissen verankert, die in der Skischule, im Familienskigebiet oder während des Skilagers gemacht wurden. Skilaufen ist Teil eines eingebetteten nationalen Erbes, das in die Praxis umgesetzt und von allen täglich gelebt wird. Skilaufen ist ein Nationalsport par excellence, was in der Schweiz ein wichtiges soziales Phänomen darstellt, aber auch ein politisches Projekt und ein kollektiver Wille. (…)

Von den ersten Skiclubs um 1900 über die Gründung eines nationalen Verbands im Jahre 1904 und die ersten Abfahrten mit Zeitmessung in den 1920er Jahren bis hin zur Bestätigung des weissen Goldes in den 1970er Jahren und schließlich zu den neuen klimatischen und ökologischen Herausforderungen um die Jahrtausendwende hat der Schweizer Skilauf eine einzigartige Geschichte: nämlich diejenige einer „Nation der Bergsteiger“ hin zu einer „Nation der Skifahrerinnen und Skifahrer“. Dieses sehr reichhaltig illustrierte Nachschlagewerk erzählt, was der Skisport mit der Schweiz gemacht hat!»

Eine ziemlich erfolgreiche Geschichte. Insofern passt es schon ein wenig, wie der folgende Satz anfänglich ins Deutsche übersetzt wurde. Es geht um die Übertragung der Lauberhornabfahrt und darum, wie Nationalheld Bernhard Russi ab 1989 die Strecke befuhr, mit einer Livekamera in der Hand, damit die Zuschauer vor dem Bildschirm die Realität noch näher erleben konnten. Das Original: „(…) dès 1989, par une caméra «embarquée» qui sera tenue — à la main dans les premiers temps — par Bernhard Russi en personne.“ Der (übersetzungstechnische) Unfall: „Für den Regisseur war es an der Zeit, dem Zuschauer ein echtes ‚Eintauchen‘ in die Rennbedingungen zu ermöglichen, und zwar durch Aufnahmen aus dem Hubschrauber und dann, ab 1989, durch eine ‚Bord‘-Kamera, die in der Anfangsphase von Bernhard Successful persönlich von Hand gehalten wurde.“ Russi wurde wohl zu „réussi“, also „erfolgreich“. Und das wiederum, weiss der Teufel warum, zu „successful“. Nice, nicht wahr?

Richtig nett sind aber die beiden Geschichten, die ich am letzten Samstag erlebte, als ich dieses „Buch der Woche“ schrieb. Erstens sah ich am Bildschirm, wie Marco Odermatt den Weltcup Riesenslalom in Val-d’Isère gewann, zum dritten Mal in seiner Karriere. Und zweitens fuhr ich mit dem Velo von der Länggasse ins Weyerli zur Eröffnung des kleinsten Skigebietes im Kanton Bern, ja vielleicht der Schweiz. Aus dem chemikalienfreien Abriebmaterial der Kunsteisbahn nebenan entstand auf einem Abhang im Freibadgelände eine Miniskipiste inklusive eines Zauberteppichs, eines begehbaren Förderbands. Das Ganze gesponsert vom Skigebiet Gstaad-Saanenland, inklusive Skischule. An diesem Samstag anwesend war Mike von Grünigen aus Schönried, der viermal den Riesenslalom von Val-d’Isère gewann.

Grégory Quin, Laurent Tissot, Jean-Philippe Leresche: Skiland Schweiz. Eine Geschichte. Weber Verlag, Editions Château & Attinger, Thun/Gwatt, Orbe 2023. Fr 69.-

Grégory Quin, Laurent Tissot, Jean-Philippe Leresche: Le ski en Suisse. Une histoire. Editions Château & Attinger, Orbe 2023. Fr. 69.-

Vernissage von „Skiland Schweiz. Eine Geschichte“ im Hotel Regina in Mürren am Freitag, 29. Dezember 2023, um 17 Uhr. Grégory Quin und Daniel Anker im Gespräch mit Luzia Stettler. https://www.reginamuerren.ch/events/skilauf-in-der-schweiz-eine-geschichte/

Schneespass im Weyerli: https://www.sportamt-bern.ch/schneespass-im-weyerli/

Eine Handvoll Bildbände

Sie sind schwer. Sie sind gross. Sie machen sich gut unterm Weihnachtsbaum. Verpackt jedenfalls bestimmt. Die Fotobücher. Hier sind fünf.

«Un jour blanc horrible, sous la pluie, et il fallait shooter des champions de ski de fond! Alors on s’est concentré sur l’essentiel, le geste, en travaillant avec des vitesses lentes, jusqu’à obtenir, après une bonne centaine de passages, le geste le plus épuré.»

Dieses Zitat der französischen (Berg-)fotografin Monica Dalmasso aus ihrem intensiven Bildband „Sauvage!“ wählte ich auch deshalb aus, weil es draussen fast genau so war, als ich diese Rezension verfasste: wunderbar weiss am Morgen, widerwärtiger Wasserschnee am Abend. Nur musste ich nicht fotografieren, sondern konnte in der trockenen, warmen Stube fünf neue Fotobücher anschauen. Und da gefielen mir die Fotos von Monica Dalmasso besonders gut. Das schwarzweisse mit den zwei Skatern, die als schwarze Schemen kräftig durchs Weisse flitzen – Klasse! Eine weisse Welt ebenfalls, diesmal aber vertikal, auf dem Foto mit dem Eiskletterer Nicolas Gette am linken Ufer des Glacier d’Argentière: rot die Jacke und der Helm, grün der Rucksack; die beiden Seile, die nach oben zum nicht sichtbaren Bergführer Louis Laurent verlaufen, ebenfalls rot und grün; die Route mit der Schwierigkeit TD- heisst „Home wet Home“ – passt rundum perfekt. Ich könnte noch viele andere Fotos mit den treffenden  Legenden von Monica Dalmasso hervorholen. Wer noch die Texte von Cédric Sapin-Defour verstehen will, muss tief in die Französisch-Tasche greifen. Doch die Bilder sprechen bestens für sich, mais oui!

Bleiben wir noch am Argentière-Gletscher, mit „Les photographes Gay-Couttet. Un siècle d’images autour du Mont-Blanc“ von Hubert Gay-Couttet. Über ein Jahrhundert lang lagen die Gipfel zwischen Mont-Blanc und Matterhorn vor den Linsen von vier Generationen der Fotografen französisch-schweizerischer Herkunft: Michel Couttet, Auguste Couttet, Justin Gay, Roland Gay-Couttet. Wie die Familie Tairraz gehörte auch die Familie Gay-Couttet zu den einheimischen Fotografen, die sich in ihrer vertrauten Umgebung bewegten. Und die nicht nur die grossen Momente festhielten, sondern auch ganz alltägliche. Sowie Motive für die Touristen, die eine gedruckte Erinnerung heimnehmen wollten. Mit den schwarzweissen Fotos von Gay-Couttet tauchen wir ein in das Chamonix von einst: der Bau der Seilbahnen, Szenen vor den Hütten, Eiskunstlauf in der Stadt. Und immer wieder Fotos von klassischen Hochtouren, mit Alpinisten auf verwächteten Graten und hinten die granitenen Zinnen – zeitlos schöne Bilder aus dem Hochgebirge. Zum Beispiel auf Seite 105: Traversée des Courtes. En arrière-plan, les aiguilles Ravanel et Mummery, et le Triolet. Möchte man am liebsten wandgross aufhängen.

Und weiter geht die Fotoreise, von Chamonix der Arve entlang nach Genf und an den Lac Léman. Nach dem Bildband „Genève dans l’oeil du drone“ (2019) folgt nun die Fortsetzung des Rundflugs, wieder mit den Fotos von Olivier Riethauser und kommentiert von Christian Vellas: „Le tour du Léman dans l’oeil du drone“. Eine Fahrt auf dem Schweizer Ufer bis nach Saint-Gingolph – mit Lavaux und Chillon, um nur zwei weltbekannte Sehenswürdigkeiten zu nennen. Dann zurück über das savoyische Ufer, Evian, Thonon, Yvoire… Ein Spaziergang in der Luft, der alle Besonderheiten dieser Ufer aus modernem Blickwinkel offenlegt. Jacques-Louis Manget freute sich mächtig. Im Vorwort zu seinem ersten Werk mit dem etwas umständlichen Titel „Description et itinéraire des bords du Lac de Genève, ou manuel du vovageur dans la Vallée du Léman“ stellt er fest: „Eine Wegbeschreibung der Rundtour um den Genfersee war seit langem gefragt; nicht dass schon beinahe alles über diese Landschaft gesagt wurde, aber noch niemand hatte sich bisher die Mühe genommen, das Ganze zu beschreiben, und zwar unter den verschiedenen Aspekten, die den Touristen interessieren können.“ Schön gesagt – anno 1822. Übertroffen wurde es vom im folgenden Jahr publizierten Werk „Voyage pittoresque autour du Lac de Genève“. Zu Mangets Text kommen elf Ansichten, die man alle einrahmen könnte.

Das könnte man auch mit vielen Fotos in Thomas Biasottos „Berner Oberland“ machen. 256 Seiten mit 130 Abbildungen, davon 24 in Farbe, gebunden, Hardcover, 23 x 34,9 x 3,5 cm gross, knapp zwei Kilo schwer. Ein Prachtband mit der Gipfelwelt vor allem der östlichen Berner Hochalpen, oft mit dramatischen Wolken und Schattenwürfen, oft aus dem Helikopter fotografiert, kaum mit menschlichen Hinweisen ausser da und dort eine Spur, ein paar einsame Alpinisten, mal die Sphinx auf dem Joch, mal eine Hütte ob dem Oeschinensee. Wie ein Wesen aus der Urzeit die Nordwestwand des Wetterhorns, schrecklich abwärtsgeschichteter Fels, ein paar letzte Firnflecken: was für eine Aufnahme! Und doch: nach dem neunten Schreckhorn und dem elften Mönch hätte man gerne mal die Gelmer- und Sustenhörner, die Fünffinger- oder Wendenstöcke à la Biasotto gesehen. Sie gehören schliesslich auch zum Berner Oberland. Erst recht, wenn frisch verschneit.

Zurück zum Schnee und zu „Powder. Auf Boards und Skiern durch die weiße Welt“. Ein Autorenkollektiv stellt mit Aufnahmen verschiedener Fotografen verlockende Skiregionen und -orte aus fünf Kontinenten vor. Aus den Alpen sind es, nicht ganz überraschend, St. Moritz, Kitzbühel, Chamonix und Cortina d’Ampezzo, aus Amerika San Carlos di Bariloche, Pemberton und Aspen. Aber nicht die Auswahl der Orte soll bemängelt werden, sondern die oft unpräzisen Legenden zu den leider nicht immer passenden Fotos. Einen bösen Sturz in dieser Hinsicht passiert auf Seite 101 im Abschnitt „Das legendäre Herz der Dolomiten“. Zur Legende „Bei seiner großen Beliebtheit unter den Wintersportfans ist es kein Wunder, dass Cortina d’Ampezzo einer der Austragungsorte der Olympischen Winterspiele 2026 ist“ zeigt das farblich blasse Bild zwei Skitouren- und einen Snowboardgänger auf einer hartgefrorenen, schneearmen und flachen Piste gegen einen Lift marschieren, wo Schneekanonen mächtig am Speien sind. Schnell zurückblättern zum Vorwort von Lindsey Vonn. Es startet so: «Nirgendwo sonst fühle ich mich so frei, so voller Kraft und so präsent wie in den Bergen – denn hier ist alles möglich. Wenn du auf dem Gipfel eines Berges stehst und nach unten schaust, siehst du unendlich viele Möglichkeiten.» Wenn der Schnee nicht zu nass ist…

Monica Dalmasso: Sauvage! Textes de Cédric Sapin-Defour. Éditions Glénat, Grenoble 2023. € 30,00.

Hubert Gay-Couttet: Les photographes Gay-Couttet. Un siècle d’images autour du Mont-Blanc. Éditions Slatkine, Genève 2023. Fr. 57.55.

Olivier Riethauser (photographies), Christian Vellas (textes): Le tour du Léman dans l’oeil du drone. Éditions Slatkine, Genève 2023. Fr. 65.-

Thomas Biasotto: Berner Oberland. Vorwort von Adolf Ogi. Verlag TB swiss creative, Appenzell 2023. Fr. 97.- https://tb-photo.ch/buch-berner-oberland

Powder. Auf Boards und Skiern durch die weiße Welt. Vorwort von Lindsey Vonn. Benevento Verlag, Wals bei Salzburg 2023. € 45,00.

Klettergeschichte

Ein Comic und ein Führer, darin Klettergeschichte geschrieben wird. Viel Freude beim Ansehen und Angehen.

–  HANS, C’EST TOI LE MEILLEUR GRIMPEUR!

–  PEUT-ÊTRE, MAIS DU AS BEAUCOUP PLUS D’AUDACE QUE MOI.

~  ON DIRAIT DEUX COQS…

Imaginiertes Gespräch zwischen Paul Preuss und Hans Dülfer in einem Bierkeller in München um 1912, belauscht und in Gedanken kommentiert von Dülfers Freundin Hanne Franz. Die beiden „Gockel“ gehörten damals zu den weltbesten Kletterern und machten mit atemberaubenden Neutouren sowie bahnbrechenden Techniken und Vorsätzen von sich reden – Preuss mit dem Freiklettern und dem Verzicht auf Hilfsmittel wie Felshaken, Dülfer mit der Gegendrucktechnik und einem Abseilsitz. Aber auch Hanne Franz war eine ausgezeichnete Kletterin: Mit Hans machte sie die erste Winterbesteigung und die erste Winterüberschreitung der südlichen Vajolett-Türme sowie die Winterbegehung der Fehrmann-Kamine am Stablerturm. Sie bewunderte seine Eleganz nicht nur beim Klettern, sondern auch beim Pianospielen: „Tu caresses les touches comme les prises quand tu grimpes, mon amour.“

Die Komplimente beim Bier bzw. Klavier finden sich auf Bildern im Comic „Il était une fois l’escalade“ von David Chambre und Catherine Destivelle (scénario), Laurent Bidot (dessin) und Clémence Jollois (couleur). Auf 196 Seiten mit sieben Kapiteln sowie einem Prolog (Homo sapiens, un grimpeur-né) und einem Epilog (objectif Tokyo) wird die Geschichte des Klettern gezeichnet, von den Engländern im Lake District und den Deutschen im Elbsandsteingebirge über die Wände im Yosemite, die Blöcke im Tessin (eine Seite, immerhin) und die künstlichen Strukturen beim Wettkampfklettern bis zu den atuellen Stars wie Adam Ondra, Alex Honnold und Laura Rogora. Am Schluss gibt es noch eine Übersicht berühmter Kletterarenen (Drei Zinnen, Verdon, El Capitan, Fontainebleau, Eiger und Buoux), ein Glossar und eine Vergleichstabelle der Kletterschwierigkeiten. Die Routen von Preuss und Dülfer bewegten sich im Bereich VI (UIAA-Skala) bzw. 5b (franz. Skala), die schwierigsten heute sind mit XII/9c bewertet. Da kommt man nur beim Zuschauen feuchte Hände, was beim Comiclesen allerdings nicht stört.

Ein Tal, in dem auch Klettergeschichte geschrieben wurde, liegt sozusagen nur einen Steinwurf von der Schweiz entfernt: das Val di Mello im südlichen Teil der berühmten Bergeller Alpen – einer ihrer Gipfel, der Pizzo Cengalo, machte 2017 mit einem grossen Bergsturz von sich reden. Apropos Sturz: Am Precipizio degli Asteroidi, einem dieser glattgeschliffenen Granitberge, mit denen das Val di Mello glänzt, kam das Klettern dort so richtig in Gang. Oceano irrazionale heisst einer der Klassiker, 1977 von der Seilschaft Guerini-Villa eröffnet. Andere berühmte Routen im Tal sind Luna Nascente und Il Paradiso può attendere. Niccolò Bartoli beschreibt im Führer „Val di Mello. Trad- und Sportklettern in der Wiege des Freikletterns in Italien“ die Routen und die Klettergeschichte des Tales. Was fehlt, ist der Index aller Anstiege. Doch wer sich mit Seil und Kletterfinken ins Val di Mello aufmacht, wird sich bestimmt zurechtfinden. Die Andern bewundern die Kletternden in den granitenen Fluchten, lesen die spannenden Stories und Porträts, träumen vielleicht davon, mal Vertical holidays am Monte Qualido zu erleben.

Vom Münchner Bierkeller und Val di Mello zurück nach Bern, genauer nach Ostermundigen in die Kletterhalle O’BLOC. Dort findet am Donnerstag, 30. November 2023, die Veranstaltung „Erhard Loretan – (R)evolutionen im Bereich des Kletterns“ statt. Im Sommer 2024 eröffnet im Alpinen Museum der Schweiz eine Ausstellung über den Alpinisten Erhard Loretan. Als Vorgeschmack werden erste Highlights aus Loretans Nachlass präsentiert, der im Museum aufbewahrt und erschlossen wird. Erhard Loretan, der die Grenzen zwischen Mut und Unbekümmertheit auslotete, verbrachte in seinen Jugendjahren jede freie Minute beim Klettern in den Gastlosen. In einer Diskussion im O’BLOC werden Experten über die Entwicklung des Kletterns sprechen, seit Erhard Loretan 1975 seine ersten Routen in den Gastlosen eröffnete.

David Chambre und Catherine Destivelle (scénario), Laurent Bidot (dessin) und Clémence Jollois (couleur): Il était une fois l’escalade. Éditions du Mont-Blanc/Les Arènes BD, Les Houches/Paris 2023. € 27,00.

Niccolò Bartoli: Val di Mello. Trad- und Sportklettern in der Wiege des Freikletterns in Italien. Edizioni Versante Sud, Milano 2023. € 38,00.

Erhard Loretan – (R)evolutionen im Bereich des Kletterns. Veranstaltung des Alpinen Museum im O’BLOC in Ostermundigen, Donnerstag, 30.11.2023, 18.30 bis 20.00 Uhr. Die Veranstaltung ist kostenlos und ohne Anmeldung. https://obloc.ch/

Am Rande von und in Helvetien

Spurensuche mit drei neuen Büchern in der Schweiz und an ihrer Grenze. Jetzt, wo das Parlament vollständig ist.

«Maja schlägt das Büchlein auf und erklärt, was es mit dem neuen Design auf sich hat: Auf der Doppelseite sind alle Kantone aufgelistet, aber nicht alphabetisch sortiert, sondern nach der höchsten Erhebung innerhalb des Kantons. Der Kanton Wallis steht zuoberst, als letzter der Kanton Genf und knapp davor mit nur fünf Höhenmetern Unterschied Basel-Stadt, unser heutiges Ziel.

‹Da lernt man ja richtig was, mit diesem neuen Pass›, sage ich.»

Mit den folgenden drei Büchern hoffentlich auch. In „Closeby. Die Welt vor deiner Tür“ stellen Maja Haus und Karin Rey 15 Touren aus der ganzen Schweiz vor. Ausflüge, die wir auch in der Welt machen könnten: Grand Canyon, Krka-Nationalpark in Kroatien, Lavendelfelder in der Provence, Hafen von Shenzhen. Gibt es alles eben auch hierzulande, vielleicht nicht ganz so gross, aber doch ähnlich: Creux du Van, Simmenfälle, Farnern im Oberaargauer Jura, Rheinhafen. Ist schneller und bequemer erreichbar. Verbraucht deutlich weniger CO2. Macht Spass, auch wenn das Wetter nicht immer mitspielt. Und wo es genau durchgeht, kann mit dem QR-Code runtergeladen werden. Nichts wie los also. Denn: Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah. Wenn man weiss, wo. Zudem können 15 Postkarten hinten im Wanderführer herausgetrennt und verschickt werden: schöne Grüsse beispielsweise vom Seealpsee (statt von einem norwegischen Fjord).

Mit dem nächsten Buch mögen wir die Grüsse von einem kaum bekannten Gewässer senden: vom Thurtalerstofelseeli. Es liegt, namenlos in der Landeskarte der Schweiz, auf der Nordseite der Churfirsten. Vorgestellt von Silvan Schlegel im Bildbandführer „Lost In the Alps 2. Spektakuläre Wanderungen in den Schweizer Bergen“ des Fotografenkollektivs „The Alpinists“. Der erste Band (https://bergliteratur.ch/alte-und-neue-wege-in-den-alpen/) enthält 63 Touren, der neue 65, wiederum nur aus den Alpen, wie wenn die Gipfel des Jura nicht zu den Schweizer Bergen gehörten. Aber das kennen wir leider, diese Nichtberücksichtigung des zweiten helvetischen Gebirges! Item, jetzt der zweite Alpinists-Band, eine Mischung aus Bekanntem und Unbekanntem, aus Bergwanderungen, Hoch- und Skitouren, ergänzt mit Beiträgen von GastautorInnen. Die Fotos überzeugen nicht auf jeder Seite, die Bildlegenden auch nicht.

Um Wasser geht es oft im Ausflugsführer „Aux confins de la Suisse. 36 lieux le long de la frontière“. Im Genfer- und Bodensee, Lago di Lugano und Rhein verläuft die Grenze zwischen der Confoederatio Helvetica und seinen fünf Nachbarstaaten. Die längste (und gebirgigste) ist diejenige zu Italien, die kürzeste (und auf rund zwei Dritteln ganz flache) diejenige zu Liechentstein. Fabrice Grossenbacher stellt 36 spannende Orte am eidgenössischen Rand vor, Gipfel, Gebäude und Gewässer, Museen, Institutionen und Hotels, Sehenswürdigkeiten aller Art, erweitert um historische Geschichten. Mit dabei auf diesen Erkundungen sollte man immer den Pass haben. Oder – nochmals zurück zu Maja und Karin:

«‹Deine ID hast du aber dabei? Wir überqueren heute mehrmals die deutsch-schweizerische Grenze.›

Ich habe meine ID dabei. Wir laufen los.»

Karin Rey, Maja Haus: Why go far away when everything is Closeby. Die Welt vor deiner Tür. Ein Wanderführer. Rotpunktverlag, Zürich 2023. Fr. 29.-

The Alpinists: Lost In the Alps 2. Spektakuläre Wanderungen in den Schweizer Bergen. AT Verlag, Aarau 2023. Fr. 46.-

Fabrice Grossenbacher: Aux confins de la Suisse. 36 lieux le long de la frontière. Editions Favre, Lausanne 2023. Fr. 33.-

Kartenwelten

Drei neue Bücher auf Papier, die sich ganz unterschiedlich mit Karten befassen. Sonst fassen wir ja solche fast nur noch auf dem Bildschirm an.

«Wie ist der Name der Gebirgsgruppe, die die Halbinsel von Sorrent prägt, und wie hoch ist ihr höchster Gipfel?»

So lautet die vierte Frage bei Nummer 37 des Buches „Landkarten Rätselreise Europa“, das „44 abwechslungsreiche Augenreisen“ anbietet. Die Nr. 37 führt unter die Zitronenbäume der Amalfiküste. Die beiden vorangehenden Nummern befassen sich mit dem Bosco Verticale in Mailand bzw. mit San Marino, der ältesten Republik der Neuzeit, immer auf einer Doppelseite mit Foto und Hintergrundtext, auf der nächsten mit einem passenden Kartenausschnitt und mit sieben bis acht Fragen, die nach „ankommen –  aufwärmen – durchstarten“ angeordnet sind. Im Anhang dieses Buches können Entdeckernaturen, Europafans und Rätselfreundinnen nachschauen, ob sie die Fragen begriffen und die Karten gut lesen konnten. Hier die Lösung von Frage 4 bei Nr. 37: „Gesucht sind die Monti Lattari, also die Milchberge, deren höchster Gipfel 1444 Meter hoch ist.“ Sein Name verrät die Karte auch noch: M. Sant’Angelo a tre Pizzi.“ Und wie heissen nun diese drei Spitzen? Ich nehme mein Telefonino zur Hand, klicke auf Mapout und vergrössere den Ausschnitt (den Sektor habe ich früher schon mal runtergeladen), bis ich dort die Namen lesen kann: Monte San Michele (Molare), 1444 m hoch; Monte di Mezzo (Canino), 1426 m; Monte Catello (Caldara), 1390 m; je erschlossen mit Routen in der Schwierigkeit T2 bis T6. Gäbiger zum Wandern ist es in Milano Marritima; dieser schicke Ort am Mare Adriatico wird in der vierten Frage von Rätsel 36 gesucht.

Aber den ganzen Tag am Strand liegen bzw. auf- und abgehen mögen wir ja nicht unbedingt. Etwas Lektüre kann nicht schaden. Für die folgenden Bücher müssen jedoch mehrere Tage eingeplant werden. In „Karten, die die Welt veränderten. Die bedeutendsten Werke der Kartografie von den Anfängen bis heute“ nimmt uns Philip Parker mit auf eine spannende Reise durch die Geschichte der Kartografie. Anhand der wichtigsten kartografischen Werke und ihrer Entstehungsgeschichte zeigt der britische Historiker und ehemalige Diplomat auf, wie sich die Kunst der Kartenerstellung und -darstellung über die Jahrhunderte entwickelt hat, und wie die Welt, wie wir sie heute kennen, Gestalt angenommen hat. Die um 500 v. Chr. geschaffene Weltkarte von Hekataios, die im Grossen das Mittelmeer und angrenzenden Landflächen zeigt, sieht schon ziemlich einfacher aus als die Weltkarte in Peters-Projektion der Oxford Cartographers von 2022. Der Stiefel von Italien aber hat sich kaum verändert! Etwas schade finde ich, dass für das reich bebilderte Werk kein grösseres Format gewählt wurde; so sind die Abbildungen manchmal nur schwer leserlich.

In dieser Hinsicht gefällt das 23 x 29 cm grosse Werk „Le Valais à la carte. Cartographie valaisanne à travers les âges“ besser. Über 1000 gedruckte Karten mit Bezug zum Wallis hat die Mediathek Wallis-Sitten im Laufe der Jahrzehnte zusammengetragen. Sie deckt einen Zeitraum von der Mitte des 15. Jahrhunderts bis heute ab und behandelt sehr unterschiedliche Themen. Dieses Buch zeigt einen schönen und reichhaltigen Querschnitt durch die Schätze der Institution. Es ermöglicht es, die aussergewöhnliche Fülle an kartografischen Darstellungen des Kantons Wallis zu entdecken, von Ptolemäus über die immer genaueren topografischen Karten bis hin zu touristischen Plakaten, zu politischer Werbung und Karikaturen, die ihre Botschaften immer wieder mit der Gestalt des Rhonekantons verkünden. Auf Seite 117 wartet zudem das Wallis à la Tolkien: Sion heisst nun Minas Tirith, Brig Edoras, das Matterhorn Mount Doom I. Und die Gipfel zwischen Monte Rosa und Weissmies sind mit White Mountains angeschrieben, Berge also, die weiss wie Milch sind. Hier aber wegen der Gletscher und nicht wegen des hellen Gesteins wie auf der Halbinsel von Sorrent.

Nadine Ormo, Michael Laufersweiler: Landkarten Rätselreise Europa. DuMont Reiseverlag, Ostfildern 2023. € 16,95.

Philip Parker: Karten, die die Welt veränderten. Die bedeutendsten Werke der Kartografie von den Anfängen bis heute. Haupt Verlag, Bern 2023. Fr. 42.-

Simon Roth, Samuel Hubert: Le Valais à la carte. Cartographie valaisanne à travers les âges. Edition Monographic, Sierre 2023. Fr. 50.-