Dutch Mountains

Erfanden die Niederländer um 1660 unsere Berge? Vielleicht etwas mutig ausgedrückt. Aber die Holländer malten die Alpen auf neue, wegweisende Art. Mit dabei: der Zürcher Conrad Meyer. Mehr zu diesem Kulturaustausch im Kunstmuseum Winterthur und im Ausstellungskatalog.

1. August 2018

I was born in a valley of bricks,
Where the river runs high above the rooftops.
I was waiting for the cars coming home late at night –
From the Dutch mountains.

So startet der Song “In the Dutch Mountains” im gleichnamigen Album, das die niederländische Band The Nits 1987 veröffentlichte. Seit knapp einem Monat sind die holländischen Berge im Kunstmuseum Winterthur zu sehen – jedoch weder die einen, an die sich die Songschreiber erinnern, noch die andern, die es in den Niederlanden ja tatsächlich geben soll (der höchste Hügel, der Vaalserberg, liegt immerhin 322 Meter über der Nordsee). Nein, Ausstellung und Katalog „Dutch Mountains. Vom holländischen Flachland in die Alpen“ beleuchten die Landschaftsmalerei vom 16. bis ins 19. Jahrhundert und zeigen, wie holländische Maler die Darstellung von Gebirge neu kreierten, zuerst in Ideallandschaften, denen keine oder nur vereinzelt reale Natur zu Grunde lagen. Aber vor allem mit Jan Hackaert (1628–1690) begann eine ganz neue Ära, indem er zeichnete und malte, was er draussen sah. 1655 bereiste er die Schweiz im Auftrag des Amsterdamers Rechtsanwaltes Laurens von der Hem und schuf 40 grossformatige, wirklichkeitsgetreue Zeichnungen der Schweizer Gebirgslandschaft. Er war aber nicht alleine unterwegs; in Zürich lernte er nämlich den einheimischen Künstler Conrad Meyer (1618–1689) kennen, und gemeinsam zeichneten und aquarellierten sie am Zürichsee und in den Glarner Alpen. Faszinierend zu sehen, wie sich ihre Werke gleichen und doch nicht. Um 1660 malten dann sowohl Meyer wie Hackaert grosse Ölgemälde mit Bergen, der eine vom Gonzen ob Sargans, der andere von den Glarner Alpen am Horizont ob dem Zürichsee.

Überhaupt dieser Conrad Meyer: Da wäre eine grosse Ausstellung fällig. Immerhin sind in Ausstellung und Katalog elf seiner Werke zu bewundern. Namensvetter Felix Meyer (1653–1713) hat ebenfalls einen schönen Auftritt; bei seinem um 1700 entstandenen Ölbild „Berglandschaft mit See (Oeschinensee)“ dürfte es sich um das erste Gemälde dieses beliebten Sees am Fuss von Blüemlisalp und Doldenhorn handeln, auch wenn sich da Phantasie und Realität bei der Felsdarstellung noch etwas gar mischen. Da ist Caspar Wolfs „Das Oeschinental bei Kandersteg“ von 1777 realistischer und dramatischer zugleich – Wolf ist halt ein unerreichter Meister seines Fachs, genauso wie auf seine Art Alexandre Calame; er malt den Schlusspunkt der „Dutch Mountains“. Spannend zu sehen und zu lesen ist nun aber, wie die Gebirgsdarstellungen berühmter Schweizer Kunstmaler niederländische Wurzeln und Einflüsse haben. Eben: Vom holländischen Flachland in die Alpen. Ein Kulturaustausch entlang des Rheins, davon auch später noch die Rede sein wird. In der Erzählung „Wie die Berge in die Schweiz kamen“ berichtet Franz Hohler im Jahr 2000, wie Benedikt Matter den Holländern vorschlug, ihre Gipfel gegen die helvetischen Tulpen zu tauschen. Und so „nannte man den schönsten Berg in der Schweiz zu seinen Ehren das MATTERHORN.“ Schade eigentlich, dass Jan Hackaert nicht auch nach Zermatt gereist ist; dann hätte er bestimmt das erste Bild dieser Felspyramide gemalt.

Vom Malen singen The Nits in ihrer zweiten Strophe:

I met a woman in the valley of stone,
She was painting roses on the walls of her home.
And the moon is a coin with the head of the queen –
Of the Dutch mountains.

Dutch Mountains. Vom holländischen Flachland in die Alpen. Herausgegeben von Konrad Bitterli, Andrea Lutz und David Schmidhauser. Hirmer Verlag, München 2018, € 30.- Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Kunst Museum Winterthur vom 7. Juli 2018 bis 20. Januar 2019. www.hirmerverlag.de, www.kmw.ch

Anfängerglück: Die Schlinge

Wie aus einer einfachen Route ein Hochrisikospiel wird. Zum Thema Vandalismus am Fels

31. Juli 2018

Das Steinschlagnetz bei der Route Anfängerglück.

Da hing sie, sauber in eine felsenfeste Sanduhr gefädelt, gelegentlich auch wieder von Kletterern ersetzt, die sich um die Sicherheit ihrer Kolleginnen und Kollegen sorgen: die Schlinge. Und nun sie einfach weg. Ohne Ersatz. Abgeschnitten, ein Rest klemmt noch im Spalt. Die Sicherung – gewiss nicht so sicher wie ein guter Bohrhaken – fehlte. Letzte Woche und auch gestern klettere ich wieder mal, nach längerer Zeit, die Route «Anfängerglück» auf der Galerie. Sie ist ein Klassiker und gehört zur Geschichte dieses Klettergartens, seit wohl dreissig Jahren. Sie war unsere erste Route und schon damals hing da die Schlinge, die einem die Stufe bis zum nächsten Bohrhaken mindestens psychisch absicherte. Denn der nächste steckt in einer glatten Platte, und um ihn einzuhängen brauchen kleine Leute wie ich relativ kleine Krallgriffe. Man könnte also, im schlimmsten Fall, stürzen. Gut, ich kenne die Stelle, ich weiss, wie sie geht und besonders schwer ist sie ja auch nicht. Ich klettere sie auch ohne die Schlinge, ich weiss ja, was kommt. Aber es ist wahrscheinlich, dass hier auch Anfänger ihre ersten Kletterschritte auf der Galerie versuchen möchten, der Name lädt ein dazu und auch der Schwierigkeitsgrad: 6a+. Und für die könnte es doch recht kritisch werden.

Die Route hat sich verändert im Lauf der Jahre. Durch den Bau der Steinschlagnetze ist der untere Teil durch eine, von Transa gesponserte Leiter überbrückt worden. Sie beginnt nun bei einem Stahlpfeiler der gigantischen Steinschlagnetze, die der Kanton vor einigen Jahren in die Wand spannte und damit einige Routen teilweise oder ganz zerstörte. (Siehe Beitrag: Das Ende von Anfängerglück.) Nach dem zweiten Bohrhaken folgt die Stelle mit der nun fehlenden Schlinge. Vier Meter sind es ungefähr bis zum nächsten Haken, das ergibt mindestens acht Meter Sturz. Ist man gerade mit Einhängen beschäftigt, eine Hand in einen kleinen Griff gekrallt, die Füsse auf etwas abschüssigen Tritten, dann ergibt das der Seildehnung einen Zehnmetersturz – direkt auf den Stahlträger des Steinschlagnetzes. Es ist also sozusagen ein Selbstmordversuch, diese Stelle zu klettern.

Wer die Schlinge abgeschnitten hat, ohne für eine Ersatzsicherung mit einer neuen oder einem Bohrhaken zu sorgen, ist entweder sträflich gedankenlos, ein narzistischer Schwerkletterer oder schlicht ein Vandale am Fels. Aus einer schönen Route für Anfänger ist damit ein Hochrisikospiel geworden.

So High

Tennisfans greifen zu Martin Helgs „Wir sind Roger! Die Geschichte des Tenniskönigs Roger Federer“, erschienen im SJW Schweizerischen Jugendschriftenwerk. Kletterer und Comicliebhaber zu „So High“. Druckfrisch sind beide Publikationen.

28. Juli 2018

HÉHÉ… ÇA VA… C’EST PLUTÔT MARRANT… RIEN À VOIR AVEC LE TENNIS EN TOUT CAS!

Nein, Klettern, hat wirklich nichts mit Tennis gemeinsam. Das merkt der junge Romain Desgranges sofort bei seinem ersten Besuch in einer Kletterhalle. Eigentlich hätte er viel lieber Fussball gespielt, aber die Eltern wollten keinen Sport, bei dem an jedem Wochenende ein Match stattfindet. Stattdessen sollte der Sohn Tennis spielen, schwimmen gehen oder gar einen Kampfsport ausüben, aber dafür zeigte Romain jeweils null Talent und Motivation. Klettern hingegen, ça joue, von Anfang an. Wieder zuhause nach der première séance d‘escalade, ruft er seiner Maman: „ON POURRA ALLER ACHETER DES CHAUSSONS D’ESCALADE CE WEEK-END?“

Szenen aus dem dicken Comic „So High“ von Romain Desgranges & Flore Beaudelin. Mais oui! Romain Desgranges, 1982 geborener französischer Profikletterer und 2017 Gesamtweltcupsieger im Schwierigkeitsklettern, hat seine Geschichte aufgeschrieben und zusammen mit der Zeichnerin Flore Beaudelin in Buchform gebracht. Ein sehens- und lesenswertes Buch über einen, der auszog, Schwerkraft und Ängste zu überwinden. Denn so leicht sich die ersten Schritte an künstlichen Tritten und Griffen gestalten, so schwierig werden die Felsen draussen, insbesondere dann, wenn man wie Romain am Limit bouldert. Bouldern definiert sich ja als Klettern ohne Seil und Haken an Felsblöcken in Absprunghöhe, doch da gibt es ein paar Blöcke, an denen ein Absprung einem eher fatalen Absturz gleicht. Nach einer Tour du Monde zu Topzielen in Frankreich, Neuseeland und Südafrika kehrt Romain wieder in den Joshua Tree National Park in Kalifornien zurück, in dieses Wunderland der Felsen und Bäume. Rötliche, glattgeschliffene Granitblöcke und Monolithe unter einem knallblauen Himmel. Eine Route nach der andern schafft Romain, zuletzt bleibt So high übrig, eine überhängende Linie an einem Felsblock, der an einen riesigen Tennisball erinnert. Wer da ein paar Meter ob Boden plötzlich noch mit feuchten Händen und flatternden Nerven so kämpfen hat, wird sich vielleicht fragen, warum man nicht beim Tennisspielen geblieben ist. Doch oben, welch ein Gefühl! Auf Youtube gibt es dazu ein starkes Video mit Romain Desgranges: www.youtube.com/watch?v=u9tGGRvue0E. Ein guter Einstieg, bevor wir den gezeichneten autobiografischen Erlebnisbericht zur Hand nehmen. „Les conquérants de l’inutile“ heisst eines der berühmtesten französischen Bergbücher. „So High“ setzt die Eroberung des Nutzlosen fort.

Romain Desgranges & Flore Beaudelin: So High. Éditions Guérin, Chamonix 2018, € 24.90. www.editionspaulsen.com. Das Buch gibt es auch in einer englischen Ausgabe.

Zäsenberg und Emmental

Die Spuren der Vergangenheit sichten, am Zäsenberg im Berner Hochgebirge so gut und spannend wie im Emmental. Aufgeschichtete Steine und Erdhügel offenbaren Geheimnisse, wenn richtig gelesen wird.

18. Juli 2018

„Da aber diese ganze Route im Schatten liegt, so ist der Schnee überall schlecht, trocken und mehlig und läßt meist tief einsinken. Erst um 8 Uhr 30 Min. erreichen wir das Hüttchen am Zäsenberg, und hier wird endlich Frühstückspause gemacht. Ein warmer Thee belebt wieder, und über eine Stunde lassen wir’s uns wohl sein in dem Eskimo-Loch.“

Es sich wohl ergehen lassen in einem kühlen Loch – das wär’s doch bei diesen hochsommerlichen Temperaturen! Am Zäsenberg, dieser grünen Insel auf rund 1900 Metern zwischen dem Unteren Grindelwaldgletscher und den Eismeeren des Eigers und des Schreckhorns, dürfte es allerdings auch im Sommer nicht zu heiss werden. Im Winter ist es dort immer eisig kalt, und trotzdem fühlten sich der Zürcher Seidenindustrielle Carl Seelig, sein Kollege Jakob Weber-Imhoof aus Winterthur sowie die Grindwalder Bergführer Christian Jossi und Rudolf Kaufmann am 3. Januar 1890 bestens aufgehoben in der einfachen Hütte aus Trockensteinmauern, die im Sommer jeweils den Hirten diente, die dort ihre Schafe hüteten. Die Vierergruppe stapfte noch weiter zur Berglihütte, wo übernachtet wurde, bevor am andern Tag der Mönch bestiegen wurde, nun bei wirklich kühlen Bedingungen. Nochmals Carl Seelig im Bericht „Winterfahrt auf den Mönch“ aus dem „Jahrbuch des Schweizer Alpenclub“ von 1890: „Endlich punkt 11 Uhr ist das Gipfelplateau erreicht und ‚Hurrah Mönch‘ tönt’s, ‚dich hämm‘ mer!‘ Feierlicher Händedruck und stilvoller Schmollis bei einem Schluck Cognac, dem einzig noch tropfbar Flüssigen.“

Die Zäsenberghütte war also nur eine Zwischenstation auf der frostigen Fahrt auf den Mönch. Auch andere Alpinisten legten dort eine Pause ein, manchmal schlugen sie gar ein richtiges Lager auf, wie der Solothurner Alpenforscher Franz Josef Hugi 1828. Im neuen Jahrbuch des Archäologischen Dienstes des Kantons Bern ist ein fünfseitiger Beitrag zur Gletscheralp Zäsenberg mit ihren Resten von Alpwirtschaft und frühem Alpinismus zu finden. Eine spannende Spurensuche, die einen geradezu herausfordert, selbst einmal diese Insel in den Eismeeren zu besuchen, auch wenn die Gletscher schwinden.

Thematischer Schwerpunkt der Vernissage von „Archäologie Bern/Archéologie bernoise 2018“ im Chüechlihus in Langnau vom Ende Juni war das Referat von Jonas Glanzmann, der aktuelle Ergebnisse zur Burgen- und Verkehrslandschaft im Oberen Emmental vorstellte. In seinem Aufsatz diskutiert er neu entdeckte Burgstellen und Verkehrswege im Oberen Emmental. Von Glanzmann selbst liegen zudem zwei neue Bücher vor. Einerseits die knapp 500-seitige, A4-grosse und üppig bebilderte Publikation „Emmental. Eine Landschaft erzählt Geschichte“. Darin verknüpft der Autor schriftliche Quellen mit den Spuren der Vergangenheit in der Landschaft. „Archäologische, geographische, ortsnamenkundliche und verkehrstechnische Begebenheiten als einzelne Puzzleteilchen, ergeben zusammen ein grosses Bild davon, wie die ersten Emmentaler gelebt und die Landschaft besiedelt haben.“ Insbesondere Burgstellen und Kirchen werden eingehend untersucht und beschrieben.

Passend zu diesem Monumentalwerk erschien Glanzmanns „Das obere Emmental. Wanderungen zu Geschichte und Kultur“. Mit diesem rucksacktauglichen Führer inklusive Karte (auf der Kartenrückseite ist alles Wichtige auch noch drauf) sind wir bestens unterwegs von Zollbrück über Sankt Oswald bis Zwygarten. Die elfte der zwölf Touren, mit sechs Stunden auch die längste, führt auf dem Weg der Mönche von Trachselwald nach Trub. Mönche gibt es eben nicht nur in den Hochalpen… Das Titelbild des Führers zeigt die Berner Alpen, aufgenommen von einem der bewaldeten Emmentaler Höger: links das Finsteraarhorn, rechts die drei Fiescherhörner. Der Nordfuss des Kleinen, das ist der Zäsenberg.

Jahrbuch Archäologie Bern 2018. ISBN 978-3-9524659-5-0, Fr. 56.-

Jonas Glanzmann: Emmental. Eine Landschaft erzählt Geschichte. Landverlag, Langnau 2018, Fr. 80.- www.landverlag.ch; www.historiarum.ch

Jonas Glanzmann: Das obere Emmental. Wanderungen zu Geschichte und Kultur. Landverlag, Langnau 2018, Fr. 30.-

Matterhorn Stories

Vom 11. Juli bis 28. Oktober 2018 zeigt das Alpine Museum der Schweiz auf dem Gornergrat ob Zermatt „Matterhorn Stories. Eine Ausstellung über den grössten Bücher-Berg“. Auf der Fahrt dorthin könnten wir einen alten und doch höchst aktuellen Bergtourismusroman lesen, darin das Matterhorn selbstverständlich auch seinen Auftritt hat: „Tartarin in den Alpen.“

12. Juli 2018

«Die Schweiz, Herr Tartarin, ist gegenwärtig nur noch ein grosser vom Juni bis zum Oktober geöffneter Kursaal, ein Panorama-Casino, wohin man aus allen vier Himmelsrichtungen zu seiner Zerstreuung sich begibt, und das von einer ungeheuer reichen Compagnie mit hundert Millionen Milliarden ausgebeutet wird. Ein wahres Heidengeld hat es natürlich gebraucht, um dieses ganze Gebiet, Seen, Wälder, Berge und Wasserfälle zu pachten, sauber auszuputzen und zu schmücken, um ein ganzes Volk von Angestellten und Statisten zu besolden, und auf schwindelnder Höhe glänzende Hotels mit Gas, Telegraph, Telephon zu erbauen….

– Das ist wirklich wahr.

– Na, ob! Aber, Sie haben noch gar nichts gesehen…. Gehen Sie etwas weiter ins Land hinein, Sie finden da nicht einen Winkel, der nicht wie die Versenkungsräume des Opernhauses seine Kniffe und Maschinen-Geheimnisse hätte: Wasserfälle taghell beleuchtet, Drehkreuze am Eingang zu den Gletschern, und bis auf die höchsten Gipfel eine Menge hydraulischer oder Zahnradbahnen. Immerhin, aus Rücksicht auf die englische Kundschaft und amerikanische Kletterer, bewahrt die Compagnie einigen berühmten Alpengipfeln, wie Jungfrau, Mönch und Finsteraarhorn, ihr gefahrvolles, wildes Aussehen, obgleich da nicht mehr zu riskieren ist als anderwärts.

– Nicht möglich! Und die Spalten, mein Lieber, die schrecklichen Gletscherspalten! Wenn Sie da hineinfallen?

– Sie fallen auf Schnee, Herr Tartarin, und Sie tun sich nicht sehr weh. Unten, in der Tiefe, steht immer ein Portier, ein Jäger, irgend Jemand da, der Sie aufhebt, Sie abbürstet, schüttelt und höflichst sich erkundigt: «Haben der Herr auch Gepäck?»

– Na, na, na…. Was schwatzen Sie da, Gonzague?

– Der Unterhalt dieser Gletscherspalten ist eine der grössten Ausgaben der Compagnie.

– Mag sein, mein lieber Freund, aber wie erklären Sie sich die entsetzlichen Katastrophen? Die vom Matterhorn zum Beispiel?

– Das ist schon sechszehn Jahre her, die Compagnie existierte damals noch nicht, Herr Tartarin.

– Aber noch letztes Jahr der Unfall auf dem Wetterhorn, die beiden Führer mit den Reisenden verschüttet!

– Das gehört leider auch dazu, um die Bergsteiger anzulocken… Einen Berg, auf dem sich noch niemand fast mehr oder weniger Genick gebrochen, sehen die Engländer nicht für voll an… Das Wetterhorn verlor seit einiger Zeit an Ansehen. Nach dem kleinen Unfall, von dem alle Blätter berichteten, stiegen auch da wieder die Einnahmen.

– Und die beiden Führer?

– Befinden sich wohl und munter wie die Touristen. Man hat sie nur verschwinden lassen, auf ein halbes Jahr ins Ausland geschickt… eine kostspielige Reklame, aber die Compagnie ist reich genug, um sich das leisten zu können.»

Mon Dieu! Was für ein Gespräch über den (Berg)-Tourismus in der Schweiz zwischen dem südfranzösischen Möchtegernalpinisten Tartarin und seinem zeitweiligen Gefährten Gonzague Bompard. Nachzulesen im vierten und fünften Kapitel des humoristisch-authentischen Bergromans „Tartarin dans les Alpes“ von Alphonse Daudet, erstmals 1872 in Buchform erschienen und seither zu Recht immer wieder und in verschiedenen Sprachen aufgelegt. Matterhorn oder Wetterhorn will der Romanheld nicht besteigen, ihn lockt die Jungfrau und dann noch der Mont Blanc. Wo es zum Unglück kommt – was wäre schliesslich ein Bergroman ohne solches (und ohne Liebesgeschichte)? Nochmals Originalton Daudet: „In dem Hotel in Courmayeur, in welchem Tartarin Unterkunft fand, war von nichts anderem die Rede als von einer fürchterlichen Katastrophe auf dem Mont Blanc, die ganz und gar an das Unglück auf dem Matterhorn erinnerte. Wieder ein Alpinist, der infolge Durchschneidens des Seiles in den Abgrund gestürzt war.“

Bezeichnend, dass in einem Bergroman immer wieder auf die Katastrophe am Matterhorn bei der ersten Besteigung vom 14. Juli 1865 erinnert wird, als nur drei der sieben Erstbesteiger heil zurückfanden. Triumph und Tragödie, Sieg und Niederlage, Freund- und Feindschaft, Verrat und Verdächtigungen, Egoismus und Nationalismus, ein (vielleicht absichtlich) gerissenes Seil und eine verschwundene Leiche: Wenn das keine Geschichte hergibt, was dann? Ein gutes Dutzend der über 70 belletristischen, poetischen und dramatischen Werke, die sich mehr oder minder dem Matterhorn widmen, befassen sich eingehend mit der Erstbesteigung.

Gestern nun wurde auf dem Gornergrat oben der dritte Pop-Up-Auftritt des Alpinen Museums der Schweiz gestartet: „Matterhorn Stories. Eine Ausstellung über den grössten Bücher-Berg.“ Im zeltähnlichen Shelter – 2017 diente er als Essraum, als die Hörnlihütte umgebaut wurde – zeigt das alps eine schlüssige Auswahl aus der gipfelhohen Matterhornliteratur. Jedes der über 30 ausgestellten Bücher wird von einem kurzen Zitat (Originalsprache und Englisch) begleitet. Als Führer bei der literarischen Matterhornbesteigung dient Carl Haensels Tatsachenroman „Der Kampf ums Matterhorn“, der 300‘000-mal verkauft, einmal in einem SJW-Heft verkürzt, achtmal übersetzt und ein paar Mal verfilmt wurde.

Während der Ausstellung findet ein Kürzestgeschichten-Wettbewerb statt. Das Alpine Museum sucht die besten Matterhorn-Stories von Gornergrat-Gästen. Die Geschichten können in der Ausstellung oben geschrieben oder auch per E-Mail nachgereicht werden. Zu gewinnen gibt es jeweils einen Preis für die beste Monats-Story und zum Projektende einen Hauptpreis für zwei Personen im 3100 Kulmhotel Gornergrat. Tartarin würde nochmals staunen.

Alphonse Daudet: Tartarin in den Alpen. Die Besteigung der Jungfrau und andere Heldentaten. AS Verlag, Zürich 2011, Fr. 29.80, www.as-verlag.ch

Matterhorn Stories. Eine Ausstellung über den grössten Bücher-Berg. Auf dem Gornergrat ob Zermatt vom 11. Juli bis 28. Oktober 2018, www.alpinesmuseum.ch

Klettern Berner Oberland und Freiburg

Nur klettern ist schöner als baden. Auf geht’s: Zwei neue Kletterführer stellen die schönsten Routen am Gelmersee, Oeschinensee, Lac de Montsalvens und anderswo im südlichen Berner Oberland und im Freiburgischen vor.

7. Juli 2018

„Wahrhaftig ein luftiges Plätzchen für zwei Mann. Auf drei Seiten der gähnende Abgrund, vor uns der Gipfel steil und wirklich grifflos. Die Sache scheint uns etwas heikel, aber sie sollte doch wenigstens probiert werden. Noch 6 Meter sind zu erklimmen; eine glatte, dürre, zum Klettern sehr unangenehme Flechtenart bedeckt den Fels. Von unserem Standort aus zieht sich eine Art stumpfe Kante, immer steiler werdend, zum obersten Punkt. Nach dem ersten Drittel der Kante verflacht sich dieselbe auf eine Länge von 15 cm und mag dem Kletterer einen kleinen Ruhepunkt gewähren. Etwas Ruhe, einige Reserveatemzüge, und die Kletterei beginnt. Auf dem Bauche rutschend, mich mit Händen und Armen durch Andrücken haltend, mit den Knien und Füßen emporstemmend, gelange ich zu oben erwähnter Stelle. Wieder einige gute Atemzüge und in gleichem Stile wird weiter geklettert; die Reserveatemzüge hatten Gutes geleistet, denn ich gebe meinen letzten aus, als ich die obere Kante erfasse und mich hinaufschwinge. Mein Kamerad folgt mir rasch nach, und wir stehen beide glücklich auf dem Gipfel. Ein kleinerer Block, der sich hier befindet, wird so aufgestellt, um, von Guttannen gesehen, einen Steinmann darzustellen; die übliche Gipfelflasche wird mit unsern Namen versehen und darunter gebettet. Bleistift haben wir nicht, doch versehen einige befeuchtete Schwefelzündhölzchen im Notfalle den gleichen Dienst. Noch auf keinem Gipfel habe ich die gleiche Empfindung gehabt wie auf dieser Gneisnadel, gewaltig wirkt diese Steilheit; ein Sprung und man wäre im Gelmersee, in der Handegg, auf der Gelmeralp.“

Wahrhaftig wunderbar, wie der Berner Albert Weber hier die Erstbesteigung des Kleinen Gelmerhorns (2605 m) im östlichen Berner Oberland beschreibt. Vor allem das mit den Reserveatemzügen muss man sich merken, wenn es gilt, scheinbar unüberwindliche Schwierigkeiten doch zu meistern. Wobei natürlich auch die richtigen Utensilien mit von Partie sein sollten – an jenem 9. Juli 1901 hätten mit einem Bleistift die Namen der Erstbesteiger einfacher aufs Blatt Papier geschrieben werden können. Und: Weber trug Kletterschuhe, während sein Gefährte, Bergführer Alexander Tännler aus Wyler bei Innertkirchen, mangels solch spezieller Schuhe in den Socken kletterte! Noch ein Satz je zu den beiden Kletterern: Albert Weber gehörte zur Fünferseilschaft, die am 26. Juli 1903 erstmals den Hauptgipfel der Uschba (4737 m) bestieg; Tännler war bei der Skierstbesteigung des Mont Blanc am 25. Februar 1904 mit dabei. Grosse Namen also, die im Sommer 1901 das Klettern in den Granitzinnen ob dem Gelmersee einführten.

Wer das Kleine Gelmerhorn heute besteigen will, wenn möglich mit Übergang zum Grossen, oder eine der genussvollen Routen an den Gelmerspitzen kennenlernen möchte – ja, wer überhaupt kletternd im Haslital bis zur Grimsel, im Gadmer-Tal bis zum Susten, in den Engelhörnern, im Grindelwald-, Lauterbrunnen- oder Kandertal unterwegs sein möchte, dem oder der sei der neue Führer „Berner Oberland Süd“ von Martin Gerber empfohlen. 7 Regionen, 70 Klettergebiete, 1000 Routen und unzählige Seillängen: Sie sollten reichen für diesen Sommer, und sicher noch für den nächsten. Tolle Fotos (mit eingezeichneten Linien und Schwierigkeitsangaben) lassen einen träumen vom Sektor „Sommerloch“ am Räterichsbodensee und von den Routen „Im siebten Himmel“ oder „Novembersommer“ an der siebten Gelmerspitze.

Wenn aber im November das Klettern im südlichen Berner Oberland mit Gipfeln wie Doldenhorn, Eiger und Scheideggwetterhorn doch schon ziemlich winterlich sein kann, so dass Kletterfinken UND dicke Socken getragen werden müssen, gibt es westlich des westlichen Oberlandes eine grosse Region, wo oft kürzere Seillängen in Talnähe verlocken. Der 2010 erstmals aufgelegte Führer „Escalade Fribourg/Klettern Freiburg“ von Daniel und Martin Rebetez ist in einer zweiten Auflage herausgekommen, mit 227 neuen Routen, zum Beispiel im ebenfalls neuen Gebiet Châtel-sur-Montsalvens ob dem gleichnamigen See. Oder im Nagelfluh-Klettergarten bei Riffenmatt mit alleine 52 Routen, darunter „Mais tire!“, „Kuschelrock“ und „Kletterer a.D.“

Von beiden letzteren Begriffen hat indirekt auch Albert Weber im Beitrag „Zwei neue Besteigungen im Haslithal“ für das „Jahrbuch des Schweizer Alpenclub“ von 1902 geschrieben, nachdem er und Tännler noch in der Nacht in Guttannen aufgebrochen waren: „Im Handegghotel schläft noch alles — oh ihr Philister und Schlafmützen! kommt doch heraus zu uns, die köstliche, frische Morgenluft zu genießen, den erwachenden Tag zu sehen, mit uns euch zu stärken an fröhlicher Bergfahrt. Nein! bleibt lieber im Bette, wir können sie nicht gebrauchen, die zerbrechlichen Knochengestelle, zu unserer heutigen Besteigung.“

Martin Gerber: Kletterführer Berner Oberland Süd. SAC Verlag 2018, Fr. 59.-

Daniel et Martin Rebetez: Escalade Fribourg/Klettern Freiburg. Éditions Grimper.ch, 2018, Fr. 45.-

Silence

Einen besseren Zeitpunkt für dieses Buch als die letzten und kommenden Wochen gibt es kaum. Wenn laufend fussballerische Jubelschreie und Wehklagen ertönen, ist Stille Balsam – zum Beispiel mit diesem eindrücklichen Bildband von Caroline Fink.

27. Juni 2018

„Stille bedeutet die Freiheit, zu hören, was man hören will, und nicht, was man hören muss, weil man ihm freiwillig nicht entgehen kann.“

Schreibt der Schweizer Schriftsteller Beat Sterchi – sein bekanntestes Werk „Blösch“ spielt teilweise an einem ganz lauten Ort, nämlich im Schlachthaus – im Vorwort zu einem ganz stillen Buch. Einem, das nicht um Aufmerksamkeit schreit, nicht mit knalligem Titel verblüfft und nicht mit einem lauten Cover zum Kauf verführt. „Silence“ heisst es. Das französische und englische Wort für Stille, Ruhe, Schweigen, Geräuschlosigkeit, auch Pause (in der Musik). Mit einem Ausrufezeichen versehen, bedeutet es: „Ruhe bitte!“ Wir halten uns daran. Und nehmen das Buch von Caroline Fink, Fotografin, Autorin und Filmerin, ganz sorgfältig zur Hand.

„Stille heisst, ein Pause einlegen, um Dinge wiederzuentdecken, die uns Freude bereiten.“ Schreibt der Norweger Erling Kagge in seinem 2017 erschienen Buch „Stille. Ein Wegweiser.“ Genau hier ist diese Stille, von Caroline Fink mit der Kamera erfasst. Mit vier Seiten Text auch noch beschrieben. Aber „Silence“ ist natürlich in erster Linie ein Fotobuch. Ein visueller Wegweiser, wo Stille gehört werden kann. Mit diesen Bildern tauchen wir ein in eine stille Welt aus der halben Welt, vom Uetliberg bis zur Dune du Pyla in Frankreich, vom Klöntal bis nach Spitzbergen. Nahaufnahmen wechseln ab mit Panoramabildern. Eine Symphonie der Farben, aber nicht durcheinander, sondern in sich ruhend. Weisse Landschaften immer wieder, schön und stumm. Grüne Oasen. Himmel. Sand. Eine Geröllhalde, die wir glücklich nur anschauen. 84 ein- bis doppelseitige Fotos, die eindringlich eine Ruhe beschwören, die uns abhanden gekommen ist.

„Die Stille kann man betreten. Die Bilder in diesem Buch laden dazu ein.“ Schreibt Sterchi. So ist es. Man kann sie sehen, fühlen, vielleicht auch riechen und schmecken. Die Stille ist greifbar auf diesen Fotos, weniger mit der Hand als mit Kopf und Bauch. Es gibt Fotos, die sind wie fast monochrome Gemälde. Anders gesagt: Man möchte sie nicht nur zusammen gebunden sehen. Sondern auch einzeln und grossformatig, in einem ruhigen Raum. Doch warum nicht auch an einem lärmigen Ort. Als Kontrapunkt, Aufforderung, Erinnerung: „Silence!“

„Es begann mit Schnee. Ab und zu machte ich während Skitouren Bilder, auf denen fast nur Weiss zu sehen war“, schreibt Caroline Fink in der Einleitung. „Die Bilder entstanden absichtslos. Sie machten mir Freude. (…) Erst mit der Zeit fragte ich mich: Warum fand ich Gefallen an Bildern, die kaum etwas zeigten? Verschiedene Antworten tauchten auf: Weil ich leere Landschaften mag. Weil ich das Subtile mag. Weil es mich amüsiert, Bilder zu machen, die das Gegenteil der ‚lauten‘ Bilder im Bereich Bergsport sind.“

Caroline Fink: Silence. AS Verlag, Zürich 2018, Fr. 48.- www.as-verlag.ch, www.caroline-fink.ch

Tektonikarena Sardona

Die Entstehung der Alpen auf Papier, 30 x 24 x 2 cm in Ausdehnung und Dicke. Das Buch „Tektonikarena Sardona – Faszination UNESCO-Welterbe“ macht’s möglich.

22. Juni 2018

„Endlich waren wir nun wieder in Sicherheit und durften ruhig und ohne Sorge für’s Weiterkommen an die Sonne auf ein ebenes Rasenstück liegen, um den Schauplatz der heutigen Arbeit zu betrachten. Aber ich hatte so genug von Felsköpfen bekommen, dass mir schon das Aufblicken zu ihnen fast übel machte; um so gemüthlicher schlenderten wir über den Schnee hin zum Segnespass. Ein Gang durch’s Martinsloch hatte keinen Reiz mehr und unterblieb auf Elmer’s Bemerkung hin: „Äch, mer müessted wieder chlättere!“

Mehr als verständlich, diese Bemerkung von Bergführer Heinrich Elmer nach der ersten Überschreitung der Tschingelhörner mit der ersten Besteigung des Grossen Tschingelhorns (2849 m) in den Glarner Alpen, ausgeführt am 23. Juli 1867 zusammen mit seinem 16-jährigen Sohn Peter und mit Dr. med Fridolin Schläpfer aus Tägerwilen. Der Gast beschrieb im sechsten „Jahrbuch des Schweizer Alpenclub“ von 1869-70 die „schlimme Kletterei“ über den „schauerlich zerrissen und nackt dastehenden Tschingelkopf, der wie alle seine Kumpane aus erzfaulem, abbrökelndem, in den verschiedenen Richtungen gelagertem grauem Schiefer besteht.“ Freundliche Felsbezeichnungen sucht man im Text so vergeblich wie die Tschingelhörner-Besteiger nach festen Griffen tasten. Auf dem Hauptgipfel bauten die Elmers einen Steinmann, während der Gast aus dem fernen Thurgau einen Zettel beschrieb, der in eine ausgetrunkene Flasche gesteckt und hinter einer Steinplatte deponiert wurde: „Wer meine Stimmung auf dem so mühsam errungenen, grausigen Gipfel erfahren will, den muss ich bitten, selbst hinzugehen und den Zettel zu lesen.“ Gipfelliteratur der ganz besonderen Art. Perfekt passend zu diesen ganz besonderen Hörnern aus brüchigem Fels.

Die Tschingelhörner nämlich, einst auch „Mannen“ oder „Jungfrauen“ genannt, sind das Herz des UNESCO-Weltnaturerbes Tektonikarena Sardona. Seit 2008 ist das gebirgige Dreieck der Kantone Glarus, Graubünden und St. Gallen auf der prestigeträchtigen Liste, die in der Schweiz zwölf Stätten umfasst: neun des Weltkulturerbes (zum Beispiel die Altstadt von Bern) und drei des Weltnaturerbes (noch die Schweizer Alpen Jungfrau-Aletsch und der Fossilienberg Monte San Giorgio). In der Tektonikarena Sardona lässt sich die Gebirgsbildung so eindrücklich erleben wie nirgendwo sonst auf der Welt. Das wäre natürlich ein Grund, die sogenannte Glarner Hauptüberschiebung vor Ort zu besichtigen, wandernd und vielleicht auch kletternd, zum Beispiel zum Martinsloch.

Das 18 m hohe und 15 Meter breite Loch ist ein einzigartiges Ziel. Jedes Jahr zur Sonnenwende im März und September scheint die Sonne durch dieses Loch unter dem Grossen Tschingelhorn auf das Glarner Dorf Elm und beleuchtet den Kirchturm rund zweieinhalb Minuten lang. Ganz selten blickt auch der Vollmond durchs Martinsloch auf Elm hinunter. Ein solches Naturschauspiel beeindruckt noch heute die Menschen; vielleicht noch eindrücklicher ist es, wenn man selbst in diesem riesigen Felsenfenster steht. Man blickt schier senkrecht nach Elm hinunter, man spürt den Wind, der hindurch düst, man begreift die Alpenfaltung, die sich hier in der Glarner Hauptüberschiebung so klar wie sonst nirgends zeigt.

Gemütlicher ist es aber, den neuen Bildband „Tektonikarena Sardona“ von Roland Gerth, Adrian Pfiffner und ihren Mitarbeitern zu bestaunen und zu lesen. Grossartige Boden- und Luftaufnahmen, aufschlussreiche geologische Fotos und verständliche Texte machen das Buch zum unverzichtbaren Begleiter drinnen und draussen. Millionenalte Erd- und Naturgeschichte wird auf 124 Seiten wirklich greif- und erlebbar. Die erste Doppelseite zeigt natürlich die durchs Martinsloch scheinende Sonne mit den schauerlich zerrissenen Tschingelhörnern. Ihnen – und der magischen Linie des Lochsitenkalks zwischen Flysch-Gesteinen unten und Verrucano-Gesteinen oben – begegnen wir immer wieder in diesem überaus reizvollen Buch, das nicht nur die eigentliche Tektonikarena Sardona umfasst, sondern auch Tödi, Calanda und Churfirsten, Tamina- und Rheinschlucht. Und den Bergsturz von Flims. Kurz: Langweilig wird es einem mit und in diesem Stück Schweiz nicht. Oder um es mit dem „Führer für Flims und Umgebung“ zu sagen:

„Es gibt wenig Gegenden, die, wie Flims, eine solche Mannigfaltigkeit von Spaziergängen und Wanderungen umfassen, vom gemächlichen Schlendern durch wohlgepflegte Parkanlagen bis zur tagelangen Berg- und Klettertour, auf welcher der höhendurstige Mensch oder der klubistische Fanatiker sein letztes Restchen Atem auspumpen kann.“

Roland Gerth, Ruedi Homberger (Fotos); Adrian Pfiffner, Thomas Buckingham, Harry Keel (Texte): Tektonikarena Sardona – Faszination UNESCO-Welterbe. AS Verlag, Zürich 2018, Fr. 48.-, www.as-verlag.ch

Les nouveaux alpinistes

Es wird immer neue Alpinisten geben, die noch wildere Sachen machen als die Vorgänger. Diese Geschichte seit 1982 untersucht Claude Gardien in einem spannenden Werk, allerdings etwas frankreichlastig, wie das halt so ist.

16. Juni 2018

«En 1982, un jeune homme de 21 ans escalade une des plus grandes parois des Alpes au petit trot, seul. Il est vêtu d’un pantalon de toile blanc et d’un sweatshirt tout aussi immaculé. Pas de sac, pas de casque: un foulard noué autour de la tête qui, s’il ne le protège pas des chutes de pierres, apporte une touche finale à un look assumé, décontracté, et à la mode des ces années-là.»

So beginnt ein neues Buch zur Geschichte des neuen Alpinismus, und so begann, mit diesem 21-jährigen Kletterer in hellen Klamotten und mit einem Stirnband, eine neue Ära im Bergsteigen. Diesen Beginn jedenfalls setzt Claude Gardien, französischer Bergführer, Bergjournalist und Bergbuchautor, in seinem jüngsten Werk „Les nouveaux alpinistes“. Der junge Kletterer heisst Christoph Profit; die Route, die er am 30. Juni 1982 in gut drei Stunden free solo durchstieg, ist die „Directe américaine“ in der Westwand des Petit Dru ob Chamonix. 1100 Meter senkrechter Granit, 1962 erstmals gemacht von den US-Amerikanern Gary Hemming und Royal Robbins. Einer der ganz grossen Anstiege der Alpen. Und dann kam dieser Kerl aus dem alpenfernen Rouen, schick gekleidet, und liess den Mythos erzittern – oder neu aufleben, je nach Standpunkt. Yves Ballu, grand seigneur der französischen Alpinismushistoriker, sah in diesem Solo la „fin de l’alpinisme“, wie Gardien etwas schadenfreudig anzumerken scheint. Denn Ballu veröffentlichte 1984 das Werk „Les alpinistes“. Und nun eröffnet Gardien mit „Les nouveaux alpinistes“ eine neue Seillänge; nur verständlich, dass er seinen Vorgänger in der Bibliographie ganz einfach vergessen hat… Mais oui, c’est la vie, im Tal unten und in den Högern oben.

Claude Gardien teilt sein Buch in zwei Hauptteile. Die knappe erste Hälfte blickt zurück auf etwas jüngere Geschichte nach 1982, als Traditionen in den Abgrund geschubst wurden, als die années fun für Furore und farbige Cover sorgten, als der Alpinstil im Himalaya so richtig in Fahrt kam und als der Kandertaler Jürg von Känel das Plaisirklettern erfand: «Le succés est immédiat. (…) Le concept est vite à la mode, il s’étendra un peu partout, y compris dans les montagnes de plus haute niveau.» Der zweite Teil behandelt die „histoire en marche“, vom El Capitan über die 8000er bis zum Cerro Torre.

Längere Textabschnitte zum neuen Klettern und Bergsteigen als Breitensport vermisst man un peu dans „Les nouveaux alpinistes“. Grosse und kleine, bekannte und unbekannte Namen an den höchsten und schwierigsten Wänden und Gipfel der Welt (und natürlich auch im Mont-Blanc-Massiv, mais bien-sûr!) machen den Hauptteil des Buches aus, und da verliert man manchmal ein wenig die Übersicht. Zumal dann hinten eine Chronologie und ein Verzeichnis der Alpinisten, Gipfel und Routen fehlen (excuse-moi Claude, aber bei Yves ist das alles drin!). Trotzdem: Es ist immer wieder gut, wenn die Geschichte des Alpinismus fortgeschrieben wird, gerade auch die jüngere und die jüngste.

Und dem Fazit von Claude Gardien auf Seite 245 wird man bestimmt vorbehaltlos zustimmen, ob die Kletterer nun drei Stunden oder drei Tage für die „Directe américaine“ brauchen, ob Bergwanderer vom Schafhubel aus nur die Nordwestwand des „Grindelwald Dru“ bewundern, wie das Scheideggwetterhorn vom Erstbesteiger genannt wurde:

«Tant qu’il y aura des montagnes, des femmes et des hommes pour lever les yeux vers elles, pour les aimer, il y aura des alpinistes, qui partiront chercher la réponse des hauteurs.»

Claude Gardien: Les nouveaux alpinistes. Éditions Glénat, Grenoble 2018, € 20.- www.glenatlivres.com

Simboli della montagna

“Der Pickel ist für den Bergsteiger, was die Pistole für den Cowboy“: Eine der überraschenden Erkenntnisse aus dem so breit wie tief angelegten Buch über die Symbole des Berges. Dazu gehört auch lo chalet svizzero.

6. Juni 2018

„Manchmal war mein Vater abends mit den Vorbereitungen für seine Bergtouren beschäftigt. Er kniete auf dem Boden und schmierte seine Schuhe und diejenigen meiner Brüder mit Walfischfett ein; er glaubte, er allein könne das richtig machen. Dann war im ganzen Haus ein groβes Geklirr von Eisenzeug zu hören: er suchte die Steigeisen, die Kletterhaken, die Pickel. Wo habt ihr meinen Pickel hingeräumt? donnerte er. Lidia! Lidia! Wo habt ihr meinen Pickel hingeräumt?“

Ausschnitt aus „Mein Familien-Lexikon“ von Natalia Ginzburg, das ich 1985 meiner Frau Eva als Lektüre für eine Skitourenwoche im April (im Tessin und Puschlav) schenkte, wie der Widmung zu entnehmen ist. Selbst habe ich das Buch auch gelesen; denn in die Seite 8, wo Tochter Natalia von den Bergtouren ihres Vaters Giuseppe Levi schreibt (Mutter Lidia Tanzi blieb lieber im Ferienhaus), machte ich ganz fein ein Eselsohr. Offenbar interessierte ich mich schon damals für das Schreiben über die Berge.

Und nun halte ich ein Buch in den Händen, darin hat es mehr als ein Eselsohr. Sollte man natürlich nicht machen. Doch bei der Lektüre von spannenden neuen, aber nicht teuren Werken ist das manchmal leider die einzige Methode, ein paar Schlüsselstellen zu markieren, wenn grad kein Schreibwerkzeug zur Hand ist. Das Werk, das ich so malträtierte, stammt von Franco Brevini, Dozent an der Universität Bergamo, Mitarbeiter beim „Corriere della Sera“ und Autor von rund 30 Büchern, darunter „Alfabeto verticale“ (2015). Auf dem Cover ein Ausschnitt aus dem Gemälde „Matterhorn“ von Hans Maurus. Klar doch: Dieser Berg ist ein, wenn nicht DAS Symbol der Berge. Die fünf andern, die Brevini in seinem Buch eingehend untersucht, sind: Die Tiere der Alpen (Adler, Gämse, Steinbock und Hirsch), lo chalet svizzero, das Edelweiss, Heidi und der Pickel.

Das Buch ist mit 26 meist farbigen Abbildungen illustriert, vom berühmten Scheuchzerschen Drachen über den Salewa-Adler und die SAC-Gämse bis zur Matterhorn-Toblerone und zu einem Pornostar mit dem Übernamen „Edelweiss“. Ein breit und tief angelegtes Buch, das die Bergsymbole auch dort aufgreift, wo man sie kaum vermutet. Und seine Fundstücke und Quellen sind nicht nur italienischer Herkunft, sondern stammen aus ganz Europa und darüber hinaus. Klar begegnet man bekannten Grössen und Büchern, insbesondere beim Cervino. Aber gerade beim Schweizer Chalet lernt man Ansichten und Ecken kennen, die man so noch nie gesehen hat. Kurz: Ein Buch, das seinem Titelbildgipfel alle Ehre macht. Einziger Nachteil: Im Italienischen sollte man etwas mehr verstehen als „monte“, „cima“ oder „zio dell‘Alpe“ (Alpöhi). Diesen Satz hier am Beginn des Kapitels zum sechsten Symbol der Berge dürfte man jedoch verstehen: „La piccozza per lo scalatore è come la pistola per il cowboy.“

Franco Brevini: Simboli della montagna. Il Mulino, Bologna 2017, Reihe “Intersezioni”, N°491, € 16.-. www.mulino.it