Triumphe und Tragödien in der Sächsischen Schweiz

Klettern und Kriminalen im Elbsandsteingebirge. Beides ist teuflisch spannend.

7. Mai 2021

«Viel Zeit bleibt mir nicht mehr. Hilfesuchend geht mein Blick zu Günter am Ring. „Du schaffst es, wir haben es doch immer geschafft…“ Sicher denkt er das. Das Seil, unsere Verbindung, wird zur Lebensader. Ich versuche seine Ruhe aufzunehmen, versuche, meine Gedanken und Bewegungen zu ordnen. Jetzt, von Angst, Wut und Tränen getrieben, das letzte mir mögliche Aufbäumen. Die winzigen Zähne des Bohrers haben gefaßt, er steckt fest. Gerettet. Eine Stunden später ist der Ring platziert. Dann stehe ich oben auf der Teufelsspitze, im letzten Sonnenlicht, bin glücklich, juble, schreie meine Freude hinaus, hinaus in den noch freien, geradezu himmlischen Raum.»

Der da im Kletterhimmel angekommen ist, heisst Bernd Arnold, und der Gipfel, auf dem er steht, heisst Teufelsspitze. Ein fünfzig Meter hoher, schlanker Sandsteinsturm im Gebiet der Affensteine im Elbsandsteingebirge, dessen deutscher Teil zur Sächsischen Schweiz gehört. Die neue Route, die Bernd Arnold am 10. Juli 1971 zusammen mit Günter Lamm und Armin Börnert geglückt ist, zieht durch die Talseite empor, mit der Schwierigkeit IXb, was einem französischen 7a entspricht. 2007 fand Robert Leistner im rechten Teil der Teufelsspitze-Südwand gar einen XIa-Weg, der den prophetischen Namen „Visionen gegen die Härte der Welt“ erhielt.

Willkommen im Freiklettermekka der Welt! Seit 150 Jahren wird in der Sächsischen Schweiz geklettert, auf eine einzigartige Weise, nämlich frei, also ohne künstliche Hilfsmittel. Aber eine genau bestimmte Anzahl Ringe darf schon in den Sandstein gesetzt werden, sonst würde es ja teuflisch gefährlich. Zudem darf nur an freistehenden Türmen geklettert werden. Das bestimmten die Pioniere. Und so ist es bis heute. Das Angebot an Klettergipfeln ist sowohl in der Menge (rund 1100) als auch von den Formen schlicht grossartig. Wer sich ein Bild über diese Türme und ihre Besteigungsgeschichte machen will, greift zu „Das Buch der Gipfel. Klettern in der Sächsischen Schweiz“ von Vater Frank und Sohn Martin Richter. Auf 304 Seiten mit gefühlt der dreifachen Anzahl Fotos wird uns das Felsparadies links und rechts der Elbe gezeigt, sehen wir die Kletterer in Action, von den Anfängen bis zur Gegenwart. Der Name, der dabei am häufigsten fällt, kennen wir bereits: Bernd Arnold.

Am 13. April 2018 habe ich als „Ankers Buch der Woche“ den ersten Band der Biografie von Peter Brunnert über den besten und bekanntesten ostdeutschen Kletterer vorgestellt: „Bernd Arnold – Ein Grenzgang“. Jetzt liegt der zweite Band der Trilogie vor, wieder mit einem cleveren Titel: „Bernd Arnold – Barfuß im Sand“. Tatsächlich hat Arnold zahlreiche seiner über 900 Erstbegehungen im Elbsandsteingebirge barfuss gemacht; es gibt Fotos, da sehen wir ihn warm angezogen inklusive Wollmütze in senkrechter Flur, die nackten Zehen auf kleinsten Tritten platziert. Brunnert beschreibt die Zeit von 1947 bis 1988, also bis vor die Wende. Im Anhang sind Arnolds Erstbegehungen in der Sächsischen Schweiz aufgelistet, vom „Alten Weg“ an der Tiefblickspitze (1959) bis „Mit gutem Gefühl“ am Förster, einem beliebten Gipfel am Pfaffenstein am Rande des Bielatals, grad gegenüber der sagenumworbenen Barbarine, einer 42 Meter hohen Felsnadel, die 1905 erstmals erklettert und 70 Jahre später mit einem Kletterverbot belegt wurde.

„Drei Gipfel im Bielatal“ notierte der Kletterer Walter Wetzel am 8. Mai 1945 in sein Fahrtenbuch, das im Archiv des Sächsischen Bergsteigerbundes (SBB) in Dresden aufbewahrt wird. Der Eintrag vom 9. Mai 1945 lautet so: „Zusammenbuch des Deutschen Reiches; 1.5.1945: Adolf Hitler wird in Berlin totgesagt. 9.5.1945: Waffenstillstand der Deutschen Truppen, Einmarsch der Polen und Russen in Schmilka.“ Und dann beschreibt Wetzel, wie er mit Leuten vor den Soldaten floh und sich in der Höhle „Bärenklause“ in den Sandsteinbergen versteckte. Solche Höhlen, in denen Kletterer noch heute übernachten, werden in der Sächsischen Schweiz Boofen genannt. Für das umfassend und das Unfassbare dokumentierende Buch „1945. Kriegsende in der Sächsischen Schweiz“ schrieb der Dresdener Alpinismushistoriker Joachim Schindler das Kapitel „Zuflucht und Versteck in der Felsenwelt“. „Trotz Krieg und Bomben, trotz Hunger und Elend, trotz Arbeitsdienst und Verkehrseinschränkungen“, so das Fazit von Schindler, wurde „in den Felsen des Elbsandsteingebirges geklettert.“ Einer von ihnen war Karlheinz Gonda, der am 22. August 1953 zusammen mit dem Schweizer Ueli Wyss vom Gipfelgrat des Eigers nach erfolgreicher Durchsteigung der Nordwand abstürzte.

Beim Bergsteigen liegen Himmel und Hölle, Erfolg und Misserfolg verdammt nah beieinander. Aber auch sonst. Sandra Kruse und Leo Reisinger, Kommissare bei der Kripo Dresden, wissen das bestens. In „Blut und Blüten“, Thea Lehmanns sechstem und jüngstem Krimi um das sächsisch-bayerische Duo, steht Leo nach einem Einsatz im Bielatal mit dem Auto bei einem Aussichtspunkt unweit des Kurortes Gohrisch: „Die Sonne warf ihre letzten Strahlen mit winterlichem Eifer auf die gegenüberliegende Felsformation der Schrammsteine, die wie ein riesiger urzeitlicher Drachenschwanz zur Elbe hinauslief. Die typischen Formen des sächsischen Sandsteingebirges, die abgerundeten Säulen, die kugeligen Felsen, die senkrecht abfallenden Wände wurden vom warmen Abendlicht übergossen, leuchteten rot und orange und wirkten durch die tiefen Schatten so plastisch wie selten. Es war so märchenhaft, dass Leo ausstieg, um das zauberhafte Panorama zu genießen. Die Kälte störte ihn nicht, im Gegenteil, die scharfe Luft stanzte die gegenüberliegenden Felsformation scharf wie einen Scherenschnitt in den Himmel.“

Frank und Martin Richter: Das Buch der Gipfel. Klettern in der Sächsischen Schweiz. Verlagsgruppe Husum, Husum 2020, € 35.-

Peter Brunnert: Bernd Arnold – Barfuß im Sand. Panico Alpinverlag, Köngen 2020, € 30.-

Joachim Schindler: Zuflucht und Versteck in der Felsenwelt, in: 1945. Kriegsende in der Sächsischen Schweiz. Pirnaer Museumshefte – Schriften des Stadtmuseums Pirna. Band 16. Herausgegeben von René Misterek, Pirna 2020, € 20.-

Thea Lehmann: Blut und Blüten. Dresdner Kriminal, DDV Edition, Dresden 2020, € 13.-

Das Berner Oberland in untergegangenen Büchern

Ein anderes Heidi, ein falsches Oberland, ein böser Fluss und ein unbekanntes Tal: Erkundungen im bergliterarischen Hinterland.

28. April 2021

«Am Sonntag gab es ein Festessen. Die Köchin machte zum Schlegel einen mit süβer Butter begossenen Erdäpfelstock. Ein guter grüner Salat paβte ausgezeichnet dazu. Während des Mahles war viel von Annelis Vater die Rede. Das Mägdlein war glücklich. Eifrig hantierte es in seinem Teller mit Gabel und Löffel.
Da lachte die Frau Direktor hell heraus: „Was hast du auch gemacht, Anneli?“
Auf einmal guckten alle nach seinem Teller. Errötend gab es Auskunft und deutete die Berge seines Kartoffelstockes: „Das ist der Eiger, das der Mönch, und hier ist die Jungfrau. Da geht’s nach dem Breithorn, da liegt Mürren, und diese Spitze ist das Schilthorn.“»

Hunger? Heimweh? Bei Anneli natürlich das zweite. Auf Schenkelfleisch am Sonntag hätte das Mürrener Mädchen bei der Fabrikantenfamilie am Zürichsee bestimmt verzichten können. Aber diese Sehnsucht nach den heimatlichen Bergen! Wir kennen das. Die halbe Welt auch. Heidi! Das berühmteste und auflagenstärkste Buch der Schweiz, 1880 erstmals erschienen. Bei Ernst Eschmann (1886–1953) ist aus dem Heidi ein Anneli geworden: „Das Klöppel-Anneli. Eine Geschichte aus dem Berner Oberland“. Die erste Auflage 1928, die vierte 1954, jeweils bebildert von Hans Tomamichel. Ein Jugendroman über ein armes, härzigs, vaterloses Meitli, an dem Feriengäste aus dem fernen Zürich Gefallen finden, so dass es dort einmal ein paar Monate bei seiner gelähmten Freundin und deren Eltern verbringt. Ich glaube, am Schluss heiratet Anneli den Christian, von wo der auch immer kommt – vielleicht vom Züriberg statt vom Allmendhubel? Den Hinweis auf die kulinarische Relief-Inszenierung fand ich in „Volk und Dichtung des Berner Oberlandes“ (1976) des Seminarlehrers Hans Sommer – eine Fundgrube sondergleichen. Und weil sich die Schweizerische Nationalbibliothek nur ein paar Fahrradminuten entfernt von der Muesmatt befindet, wo ich lebe und arbeite, so können solch vergessene Preziosen der schweizerischen bzw. der oberländischen (Berg-)literatur an einem sonnigen Nachmittag angeschaut und teilgelesen werden.

Das Berner Oberland also. DAS Oberland. Dabei gibt es noch acht andere in der Schweiz. Krak Ehler, offenbar ein Pseudonym für Albert Friedenthal (1862–1921), hatte den Überblick nicht ganz, nicht mal über das bekannteste. Denn in seinem 1907 herausgekommenen Bericht „Auch eine Schweizer Reise und anderes“ weilt der Berliner in Meiringen und will anderntags das Berner Oberland besuchen. Dabei liegt Meiringen schon im Oberland. Aber lesen wir selbst in diesem von Paul Haase illustrierten Buch:

«In Meiringen besuchte ich die weit und breit gerühmte Aareschlucht, eine der groβartigsten Unternehmungen der Natur, die man sich denken kann. Mit wildem Geheul schluchzt hier die Aare in der Tiefe, gefesselt durch himmelhohe Felswände. Eine vor mir gehende Miβ sprach zu ihrer Begleiterin, sie wäre simply spellbound; dabei redete sie fortwährend. Ich schlieβe nun, indem ich tief Atem schöpfe, um das nächste Mal die gröβte Sehenswürdigkeit der Schweiz zu schildern, die zu genieβen mir noch bevorstand: das Berner Oberland – beinahe hätte ich geschrieben Berliner Oberland.»

Von der Aareschlucht in die Kanderschlucht. Von nature made zu man made. Bis 1714 floss die Kander unkontrolliert und zu Überschwemmungen führend durch das Glütschbachtal und über die Thuner Allmend in die Aare. Deshalb bohrte man vor 300 Jahren durch den Strättlighügel, der die Kander vom Thunersee abhielt, einen Stollen, der später dann einstürzte, so dass die Kander nun durch eine Schlucht ihr Wasser und Geschiebe in den See entlässt. Der Kanderdurchstich war die erste grössere Gewässerkorrektion in der Schweiz. Er löste Probleme und schuf neue. Erstens kam es nun in Thun selbst zu Überschwemmungen, weil die Abflusskapazität der Aare beim Seeausfluss nicht – wie ursprünglich vorgesehen – vor der Einleitung der Kander in den See vergrössert wurde. Und zweitens erodierten die Flussbette der Kander und der Simme, die zwei Kilometer vor dem Strättlighubel in die Kander einmündet, um beinahe 40 Meter in die Tiefe. Was wiederum Gegenmassnahmen erforderte – und dies noch immer tut. Vom Jahrhundertbauwerk Kanderdurchstich erzählt Hans Schmitter (1913–1988) in „Benz. Eine Geschichte von wilden Wassern und krummen Wegen“. Kurzer Ausschnitt aus dem von Heiner Bauer geschmückten Jugendbuch aus dem Jahre 1960:

«Der Kampf mit der Kander gehörte für die Anwohner am Unterlauf des Bergwassers zum harten Leben wie der Kampf gegen Schnee und Eis, gegen Hitze und Trockenheit. Die Leute litten unter dem Flusse. Was sollten sie aber tun? Kann man sich auflehnen gegen den Blitz, gegen den Frost? Jedes Kind wuβte es: Schneeschmelze und Regen im Frühling – die Kander wird aus ihrem Bette treten. Heftige Gewitterregen im Sommer – sie übersteigt die Ufer, unvermeidlich, unerbittlich.»

Ja, diese Gewässer – im Berner Oberland. Zu dichterischen Höhenflügen anregend, wie der Staubbach bei Lauterbrunnen (Johann Wolfgang Goethe). Zu kriminalliterarischen Abgründen verhelfend, wie die Reichenbachfälle bei Meiringen (Arthur Conan Doyle). Zu ohrwurmigen Liedtexten führend, wie der Louwibach bei Lauenen (Georges «Schöre» Müller) – in seinem Lied geht es natürlich um den See, nicht um den Bach. Ebenfalls im Saanenland angesiedelt hat der in Gsteig geborene Johann Jakob Romang (1831–1884) viele seiner Werke. Auf der Rüschbachbrücke gleich neben dem „Bären“ ist eine Gedenktafel für ihn angebracht. Die Erzählung „Der alte Gemsjäger“, abgedruckt in einem Sammelband von 1864, führt uns der Autor durch das Tschärzistal zum Arnensee hinauf. In seinem Oberlauf heisst der Bach Aigue Courbe, weil er dort noch durch Waadtländer Boden plätschert. Und genau dort kurvte ich am letzten Freitag mit dem Ski zum See hinab, bevor es dann zu Fuss dem Bach entlang nach Feutersoey ging. Lesend wechseln wir nun den Lauf:

«Steigt man dem wildbrausenden Tschärzisbache nach dieses Alpenthal hinan, so hat man oben rechts von sich die zackigen Tschärzisflühe mit ihren braunen malerischen Wänden, weiter unten grüne Tannenwälder und zunächst die Vorsaβen mit ihrem üppigen Graswuchs, ihrer bunten Flora. Links braust in waldigen Schluchten der Tschärzisbach, weiβschäumend von einem Felsblock, der seinen hastigen Lauf hemmen will, an den andern prallend.»

Ernst Eschmann: Das Klöppel-Anneli. Eine Geschichte aus dem Berner Oberland. Orell Füssli, Zürich 1928.

Krak Ehler: Auch eine Schweizer Reise und anderes. Harmonie, Verlagsgesellschaft für Literatur und Kunst, Berlin 1907.

Hans Schmitter: Benz. Eine Geschichte von wilden Wassern und krummen Wegen. Francke, Bern 1960.

Johann Jakob Romang: Der alte Gemsjäger, in: Aus Ost und West. Gesammelte Erzählungen, Novellen und Gedichte. Band 1. Rieder & Simmen 1864.

Ein faustgrosser Stein

Am Donnerstag gehe ich den Mastenweg! Dann wird er wieder offen sein, der kleine Steig durch die wilde Bergflanke. Mitten hinein in diese freudige Erwartung kommt am Mittwochabend die Nachricht: Confinement!

24. April 2021

Sie werden nicht kommen können! Die, die mir am wichtigsten sind, für die wir unser Fest jetzt feiern wollten. Die Einschränkungen betreffen mich normalerweise kaum. Deshalb bin ich emotional noch nicht abgestumpft. Und deshalb kommt, obwohl ich früh raus will, der Schlaf heute lange nicht. Stattdessen wühlen die Gedanken in der Dunkelheit. Solange bis ich sie zwinge an das zu denken, was mich morgen Schönes erwartet. An den langen Aufstieg vor Sonnenaufgang im Wald, an den dünnen Pfad hoch oben zwischen den Felsen. Doch während ich ihn steige verfangen sich die Träume wieder in der Realität und an dem was nicht möglich sein wird. Warum? bohren sie und drehen sich öfter als die Wegkehren. Die Unmöglichkeit wird mir aufgezwungen, jedenfalls empfinde ich es so und brüte dumpf vor mich hin. Als meine Blicke wie zufällig den Waldboden streifen, holen Leberblümchen und Buschwindröschen mich in den Frühling zurück. Mit den Buben hier zu steigen, wäre schön. Ich schlucke und unterdrücke die Tränen. Nein, es kann nicht sein! Ich kann es nicht einsehen! Schneereste, und am Waldboden nassgeweinte, flachgedrückte, graue Blätter, wieder brütende Gedanken. Sie brodeln immer mehr, kochen hoch, und oben auf einem Felskopf brülle ich, ihr Arschlöcher, ins Tal. Dann schleudere ich einen faustgrossen Stein zu den Häusern hinab. Soll er töten. Es ist meine Wut, meine Verzweiflung. Und so entlädt sie sich. Ein beruhigender, ein in den Schlaf tragender Gedanke.

Im Aufstieg am nächsten Morgen, allein im Wald über dem Dorf, höre ich die Vögel singen und spüre meinen Körper arbeiten. Kraftvolle Ruhe. Und draussen auf dem Felskopf sehe ich gar nicht das Tal sondern die im Schnee leuchtenden Berge, spüre um mich die Sonne und ihre im Laub knisternde Wärme, die den Milan vor mir in die Weite trägt. Der faustgrosse Stein den ich in der Hand wog, sicher fünfzehn Minuten lang, dann wieder zurücklegte, besteht nur aus Mineralien die Elementverbindungen sind. Doch die Tränen, die ich weinte und die auf ihn fielen, sie trockneten in seiner Wärme, sie waren echt.

Schliesslich ziehe ich ein letztes Mal die Nase hoch:

„Emotionen sind zurückzuhalten! Vernunft ist jetzt geboten, ist die alles erlösende Macht. Geduld. Mit Steinen wirft man nicht! Was wäre auch, liessen wir Emotionen zu. Sie sind irrational, ihr Nutzen nicht nachweissbar. Zu schnell geraten sie uns ausser Kontrolle, schneller als ein Virus. Emotionen sind verboten!“

-Emotionen sind Lieder, Romane, grosses Kino, Guns and Roses.

„Die bejubelten Dramen, lassen wir sie in den Büchern! Das ist vernünftiger. Viel zu gefährlich ist so ein plötzlich aufkommender Wind. Für das tägliche Leben haben wir die Wissenschaft, die Wissen hat. So sind wir vor dem Wind geschützt, da werfen wir mit keinem Stein!“

 

Was ist er wirklich, mein faustgrosser Stein? Ein Meeressediment? Eine Elementverbindung? Ein kaltes Herz? Ein hartes Bruchstück meines Herzens? Ein warmes Gefühl in meiner Hand, dass meine Tränen trocknet? Er gab mir die Kraft weiterzugehen.

 

Irgendwann stand ich wieder auf und stieg über Wurzeln, die den Fels umfassen und sprengen zugleich,

die ihn eines Tages über dem Abgrund

…liegen lassen

Für den Wind vielleicht

Oder für meinen Schritt

Der zu wenig leicht…

 

Der dünne Pfad führte mich weiter hinein in die Wildnis. Fast ganz war er verschüttet vom Geröll das die winterlichen Schneerutsche unter sich mitzogen. Föhren rankten in die Sonne und Aurikel leuchteten in den Wänden.

 

 

Ob ich gebrüllt und den faustgrossen Stein geworfen habe,

den ersten oder viele oder keinen,

wieviel ich geweint habe,

was ich sage, was ich denke und was nicht,

ich behalte es für mich.

Hier oben bin ich allein,

hier oben kann ich

-ich sein.

The Last Great Mountain

Zwei Bücher zum dritthöchsten Gipfel der Welt. Ein altes von einer Frau und ein neues von einem Mann. Sie ergänzen sich bestens.

22. April 2021

Khunza, den 22. April [1930]
Liebe Kinder!
Der 20. war wohl der anstrengendste Tag meines Lebens (ausgenommen die Tage, an denen Ihr geboren wurdet, und meine Operationen). Wir brachen ganz zeitig auf, ich ging von vornherein sehr langsam, weil ich mir schon dachte, was für ein Vergnügen mir bevorstand, – zunächst vier Stunden lang ganz steil in die Höhe, von 4200 Meter an jeder Schritt eine Qual. Dann zwei Stunden lang immer rauf und runter; ich hatte das Gefühl, über siebzehn Pässe gegangen zu sein, es sollen aber nur drei gewesen sein. Dann endlich verkündete Bara Sahb (so wird Papa von den Trägern genannt; es heiβt: der grosse Herr, der Kommandant), nun ginge es abwärts, dem neuen Zeltplatz zu. Groβe Freude allerseits; denn auch für die Kulis war es eine Mordsschinderei gewesen, dauernd auf und ab im Schnee zu stampfen! Also los, hinunter! Der erste Schritt ging noch, aber dann brach man ein, knietief, bauchtief!

So beginnt der Brief, den Hettie Dyhrenfurth (1892–1972) ihren drei Kindern zu Hause in der Schweiz schrieb, auf der von ihrem Mann Günter Oskar geleiteten Internationalen Himalaya Expedition von 1930 zum Kangchendzönga (8586 m), dem dritthöchsten Berg der Welt. Aber Harriet Pauline Dyhrenfurth, geborene Heymann, war mehr als eine Begleiterin des Leiters: Sie hatte die Expedition nicht nur logistisch vorbereitet, sondern war auch für die Logistik vor Ort verantwortlich. Mehr noch: Hettie Dyhrenfurth schrieb ein sehr lesenswertes Buch über die erfolgreiche Expedition, die am Kangchendzönga wegen schlechter Wetter- und Schneeverhältnissen zwar scheiterte, aber mit der Erstbesteigung von drei anderen Sechs- und Siebentausendern dennoch ein grosser Erfolg wurde. Das Buch heisst „Memshab im Himalaya“ und zeigt die Autorin auf dem Cover mit Skistöcken und Ski vor mächtigen Schneegipfeln; auf dem ersten Foto im Bildteil sehen wir sie als sportliche Tennisspielerin. Ja, die Hettie hielt den Schläger und ihr Leben im Griff. 1934 war sie nochmals die Co-Leiterin einer Dyhrenfurth-Expedition; mit der Besteigung des 7315 Meter hohen Westgipfels des Sia Kangri stellte sie einen neuen Frauenhöhenrekord auf, der zwei Jahrzehnte galt.

Dem deutsch-schweizerischen Powerpaar (1936 erhielten die Dyhrenfurths den Prix olympique d’alpinisme bei den Olympischen Sommerspielen) begegnete ich wieder mal in einem neuen Buch zur Besteigungsgeschichte des Kangchendzönga: „The Last Great Mountain“ von Mick Conefrey, einem international anerkannten Filmemacher und Autor; er hat mehrere BBC-Dokumentarfilme über Erforschung und Bergsteigen produziert. Das neue Buch ist der letzte Teil von Mick Conefreys Höhen-Trilogie; die beiden anderen befassen sich mit dem Everest und dem K2. Auf der Grundlage von Interviews, Tagebüchern und unveröffentlichten Berichten beginnt Mick Conefrey seine Geschichte 1905 mit dem ersten, katastrophalen Versuch eines Teams unter der Leitung von Aleister Crowley und Jules Jacot Guillarmod, erforscht die dramatischen Expeditionen der 1920er und 1930er Jahre und bringt das Ganze mit der Erst- und Zweitbesteigung des Kangchendzönga durch Joe Brown und George Band am 25. Mai 1955 und Norman Hardie und Tony Streather am 26. Mai zum Höhepunkt. Conefrey schliesst seine fundierte Trilogie mit diesem Satz: „If Kangchenjunga has not become the commercial escalator that Everest is today, perhaps its relative anonymity is not such a bad thing.“ Wie wahr!

Hettie Dyhrenfurth: Memsahb im Himalaja. Verlag Deutsche Buchwerkstätten, Leipzig 1931. Antiquarisch auf www.zvab.com.

Mick Conefrey: The Last Great Mountain. The First Ascent of Kangchenjunga. Eigenverlag, Oxford 2020, Fr. 32.-

Bergsportlerinnen

Drei Publikationen, die viermal jährlich erscheinen. Frauen klettern ganz stark mit.

15. April 2021

«Es reizt mich sehr, einmal im Hochgebirge unterwegs zu sein. Die Eigernordwand ist dabei sicher ein Traum, sie ist so geschichtsträchtig und mächtig und inspirierend. Allerdings gibt es dort ja auch weniger steile und schwierige Routen. Als Schweizer Kletterin muss man dort einmal raufgeklettert sein.»

Sagt Petra Klingler, die für die Schweiz an den geplanten Olympischen Sommerspielen in Tokio 2021 am erstmals ausgetragenen Wettbewerb Sportklettern teilnehmen wird, in einem grossen Interview im aktuellen zweiten Heft „Sportlerin. Das Schweizer Frauen-Sportmagazin“ zur scheinbar unumgänglichen Frage, ob sie den Weg nach oben auch an einer grossen Felswand wie der Eigernordwand fände. Petra Klingler ergänzt: „Ich müsste sicher das Handling mit dem Seil besser lernen, aber ich käme wohl rauf.“ Zweifellos, auch wenn die Routen am Eiger etwas länger sind als diejenigen beim Bouldern (Klettern auf Absprunghöhe); in dieser Bergsportdisziplin wurde Petra Klingler 2016 Weltmeisterin. Aber sie nimmt auch an Eiskletterwettbewerben teil, weshalb ihre angedachte Durchsteigung einer der Eigernordwandrouten nur im Fels oder mit Eisstrecken fast realistischer scheint als die Olympiade in ein paar Monaten. Wir leben ja seit über einem Jahr in ziemlich unsicheren Zeiten. Sicher allerdings sehr lesenswert, was Petra Klinger zur Faszination ihres Sports sagt. Topfrau in „Sportlerin“ N°2 ist übrigens Martina Hingis, „die grösste Sportlerin der Schweiz“.

Bleiben wir aber am Fels hängen. In Nummer 2/2021 von „Inspiration“, dem Bergsportmagazin von Bächli Bergsport, findet sich ein ebenfalls lesenswertes Interview mit Katherine Choong, die als erste Schweizerin eine Route im Schwierigkeitsgrad 9a rotpunkt kletterte. Ausschnitt: „Natürlich freut mich das, wobei ich sicher bin, dass es auch andere Frauen gibt, die so stark sind wie ich und die eine 9a einfach noch nicht versucht haben – vielleicht, weil ihr Fokus anderswo liegt, im Wettkampfklettern oder in Mehrseillängenrouten. 9a heisst deshalb nicht, dass ich die beste Schweizer Kletterin bin, wie ich übrigens eh der Meinung bin, dass Felsketterer diese Schwierigkeitsgrade, die ja sehr subjektiv sind, viel zu ernst nehmen. Stundenlang können sie darüber diskutieren, ob eine Route eine 9a oder eine 9a+ ist.“ Unvorstellbar schwierig ist beides.

Verdammt schwierig, und vom Wetter her verdammt unsicher, ist der Cerro Torre in Patagonien. Die Österreicherin Babsi Vigl, Staatlich geprüfte Sportkletterlehrerin und in Ausbildung zur staatlich geprüften Berg- und Skiführerin, erzählt in Heft 73 von „Alpinist“, dem führenden Alpinismusmagazin aus den USA, von ihrer geglückten Besteigung dieses so unberechenbaren Turmes zusammen mit zwei Kollegen. Und sie kleidet die Story ein in zwei schwarzweisse Fotos des grossen Hermann Buhl, der einer der engsten Freunde ihres Grossvaters und Götti ihres Vaters war. Das eine Foto zeigt Buhl angesichts des wolkenumhüllten Matterhorns, geradezu ein Sinnbild von Berg und Mensch. Auf dem anderen sehen wir Buhl, wie er Babsis Vater als Bébé auf den Armen hält. Zu beiden Fotos gesellt sich das unscharfe Selfie des Trios auf dem Cerro Torre – Klettern ist mehr als den nächsten Griff suchen. Viel mehr.

www.sportlerin-magazin.ch. Einzelheft Fr. 10.-, Jahresabo (4 Ausgaben) Fr. 30.-

www.baechli-bergsport.ch. Inspiration erscheint viermal jährlich und ist kostenlos erhältlich in den Bächli-Filialen.

www.alpinist.com. Einzelheft $ 14.95, Jahresabo (4 Ausgaben) $ 49.95.

150 Jahre Johannes Jegerlehner

Als Johannes Jegerlehner, Autor von Werken wie „Bergluft“ oder „Bergführer Melchior. Ein Jungfrau-Roman“, am 17. März 1937 verstorben war, reimte die St. Galler „Volksstimme“ im Nachruf: „Kein Dichter ist zwar Jegerlehner/Doch findet viel Verleger jener.“ Am 9. April 2021 gedenken wir seines 150. Geburtstages.

9. April 2021

«Ein herzliches Glückauf zur Halbjahrhundertwende und wärmste Segenswünsche zu erfolgreichem Wirken in der vollen Kraft der Reife von Ihrem ergebenen R.v.Tavel.
6. IV. 1921 auf d.Abreise begriffen.»

Postkarte des bekannten Berner Mundartschriftstellers Rudolf von Tavel an: Herrn Dr. Johannes Jegerlehner, Bern, Rabbenthalstrasse 39a. Die Karte musste nach Miège s/Sierre nachgeschickt werden, wo Jegerlehner, einst ein vielgelesener (Berg-)schriftsteller, Märchen- und Sagensammler, am 9. April 1921 seinen 50. Geburtstag feierte. Heute gedenken wir seines 150.

Die Postkarte mit der Gratulation von Autor zu Autor fand Beat Hodler zufällig im Mai 2020 auf einer Strasse in seinem Schosshaldenquartier in Bern. Die Schwiegertochter von Johannes Jegerlehner, bei der dessen Nachlass lagerte, war gestorben. Offenbar wussten die Erben und/oder die mit der Räumung der Wohnung Beauftragten nicht, was mit dem Jegerlehnerschen Schriftgut und Archiv zu machen sei. Deshalb wurde es kurzerhand in Säcken und Schachteln auf und neben einem Trottoirmäuerchen deponiert. Wenn dieses Erbe niemand gesehen und gemerkt hätte, was da Einmaliges liegt, wäre es im Abfall gelandet. Beat Hodler rettete vom Nachlass von Johannes Jegerlehner so viel als möglich. Nun soll er im Schweizerischen Literaturarchiv eine würdige Bleibe finden.

Und wir würdigen Johannes Jegerlehner an seinem 150. Geburtstag mit ein paar Zitaten aus seinem breiten und breit gefächerten Werk. Mehr zu diesem einstigen Erfolgsschriftsteller aus Thun im Literaturwanderbuch „Dies Land ist maßlos und ist sanft. Literarische Wanderungen im Wallis“ (Rotpunktverlag, 2006) sowie auf Wikipedia und www.bergliteratur.ch.

Ein Adler im Käfig, das ist wie ein Bergsenn in der Stadt.
Johannes Jegerlehner: Bergluft. Eine Erzählung aus der Schweizer Hochgebirgssommerfrische. Mit Zeichnungen von Hans Beat Wieland. G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung, Berlin 1920.

Ob man in Basel oder am Bodan, auf Genfer Erde oder im Tessin die Schweiz betritt, alle Wege führen ins Gebirge, in die lauter wie Silber strahlende Hochalpenwelt.
Johannes Jegerlehner: Die Schweiz. Eine Wanderung durch das Gesamtgebiet der Schweiz. 236 der schönsten Landschaftsbilder in Tiefdruck. Union Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 1925.

Mit dem Abendzug bist du angekommen und rammelst in der Frühe die Balken auf. Es ist nicht zu schildern. Weissglut schlägt dir entgegen. Die Eigerwand, schaurig und überwältigend zugleich, starrt vor dir in ihrem jähen, himmelhohen Sturz.
Johannes Jegerlehner: Das Berner Oberland. Velhagen & Klasing, Bielefeld 1930.

„Im Tessin reden wir Italienisch.“
„Domodossola – Maloja – Servola – Polenta.“
„Sehen Sie, das klingt ja wie ein Sonett.“ Das Fräulein kicherte und stöckelte auf den Zoccoli *) um eine Ecke weiter. „Ein Stück Kuchen, Herr Adjutant?“
„No, un cafè negro,“ erwiderte Schwarzpeter schroff.
„Negro? Die Neger sind in Afrika.“ Und weg war sie.
*) Holzschuhe [Anmerkung unten auf der Seite]
Johannes Jegerlehner: Grenzwacht der Schweizer. G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung, Berlin 1915.

Berauscht von dem Likör und dem vorher genossenen Wein, dem Duft ihres üppigen Haares und der begehrenden Zärtlichkeit, schlang er beide Arme um das Mädchen, sank und sank, ohne Halt unter den Füssen in ein fernes unheimisches Land, wo keine Wünsche mehr aufsteigen, weil sie alle, bevor sie sich melden, gestillt werden.
Johannes Jegerlehner: Unter der roten Fluh. Roman aus den Walliser Alpen. Grote’sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 1923.

Lord Douglas jammert leise, er erfriere. Nein, nein, verbessert er rasch, er habe nicht kalt. Nur auf der Stirne Hadows rinnen die Schweisstropfen.
„Nochmals den Kognak“, heischt Michel Croz. Ich packe aus meinem Tornister das Fläschchen aus, das noch halb gefüllt ist, es wandert von Mund zu Mund, Michel Croz trinkt den Rest und schleudert das leere Gefäss in die kristallklare Luft.
„Wie tief – wie tief!“ sagte Lord Douglas, „man hört nicht einmal ein leises Splittern.“
Johannes Jegerlehner: Die Todesfahrt auf das Matterhorn. Grote’sche Verlagsbuchhandlung, Berlin 1928.

„Ich steige noch rasch dem Mannli über den Buckel hinauf“, sagte Domi im halben Nachmittag zu Walter. „Begleitest du mich?“ Walter lachte abenteuerfroh. „Wenn du einen vernünftigen Trott gestattest, gerne. Ich bin kein Heuschreck und habe nicht deine geflügelten Beine.“
Johannes Jegerlehner: Kampf um den Gletscherwald. Eine Erzählung für die Jugend. Morgarten-Verlag, Zürich 1935, illustriert mit neun Zeichnungen von Sohn Hans Jegerlehner.

Ein breiter Wasserstrahl zischte säulengerade aus einem Gletscherschrunde und zerstäubte klatschend auf den untersten Hüttendächern. Jetzt noch einer und wieder einer, jeder höher und wuchtiger. Am Rande des Gletschers wälzte sich eine braune Wasserschlange heran, auf der silberne Schaumkronen tanzten. Klaus zog die Brauen zusammen und faßte das Kirchlein ins Auge. Er hatte den Knecht hinunter gesandt, damit er den Strang ziehe, wenn der See komme. Nun schellte das Glöcklein in schrillen, heftigen Schlägen, die rasch schwächer und schwächer wurden und im wilden Gebrüll der vorbeistürmenden Wogen erstarben. „Vater, kommt, hier sind wir nicht sicher“, flehte die Tochter und zerrte an seinem Arm.
Johannes Jegerlehner: Das verlassene Dorf. Huber Verlag, Frauenfeld 1917 (zusammen mit der Erzählung Der Hackbrettler; Reihe Schweizerische Erzähler, Band 8); das Titelbild stammt vom bekannten Plakatmaler Emil Cardinaux.

Jeder Baum in seiner Art und Urwüchsigkeit ist Kraft und Schönheit. Keiner gleich wie der andere, alle aber Kämpen voller Narben, Wunden und Siege. Hellgrün und sonnetrunken die Lärche, düster und weltabgekehrt das Gros der Arven. Stürme zausen das Geäst, acht Monate starren sie im eisigen Frost. Sie stöhnen, wenn die Äste brechen, der Blitz die Krone zerspellt und treiben wieder neue Sprossen. Wo die Tannen längst den Geist aufgegeben hätten, erheben sie das Haupt zur stolzen Wucht und Erhabenheit.
Johannes Jegerlehner: Der Aletschwald als Nationalpark, in: Schweizerische Zeitschrift für Forstwesen, 1933.

Sobald einer der drei Stummen, die man als Schutzengel des Dorfes hoch in Ehren hielt, starb, wurde ein anderer geboren, so dass man bis in die jüngste Zeit hinein im Dorfe immer drei Stumme zählte, nicht einen weniger und nicht einen mehr, während in den Nachbardörfern die Stummen zur Seltenheit geworden sind.
Neulich ist wieder einer der drei Stummen gestorben, und die Leute von Issert glauben, es werde bald wieder einer geboren werden. Sie glauben es nicht nur, sie sind dessen ganz sicher; der dritte Stumme muss ersetzt werden, sonst wird der Wildbach wieder anschwellen, und die Geister werden Macht über ihn gewinnen und dann wehe dem Dorfe!
Johannes Jegerlehner: Die drei Stummen von Issert, in: Was die Sennen erzählen. Märchen und Sagen aus dem Wallis. A. Francke, Bern 1907.

„Juhei, da bin ich!“
Heiri Schmidlehn setzte sich quer auf die First des im Winkel abgebogenen Wehrganges, der das Schloß schirmte, und blickte gen Mittag zu den Eisbergen hinüber, die glänzten, in die Nähe rückten und ihre dicken Schneepelze lockerten, sonst aber so wenig als um den Winter, sich um den Lenz zu kümmern schienen.
Johannes Jegerlehner: Die Schlossberger. Geschichte einer Jugend. Grote’sche Verlagsbuchhandlung, Berlin 1920. Jegerlehner wurde am 9. April 1871 als Sohn des Gefangenenwärters auf Schloss Thun geboren.

Eiskalte Krimis

Winterkrimis, wenn mitten im Frühling der Sommer vor der Türe steht: Das sorgt für (tödliche) Spannung.

31. März 2021

«Aus der Silvaschlucht stieg ein feiner Nebel herauf, doch er war anders als der eiskalte Nebel des Winters. Er brachte den ersten Duft des Frühlings mit, den Duft der Blumen, die die Erdkruste zu durchstoβen begannen und zum Licht strebten. Auch das Wasser war nicht mehr unbeweglich wie vor einigen Wochen noch, es gurgelte, sprudelte und sprang inzwischen wieder munter über die Steine. Schnee- und Eisreste fanden sich nur noch an Stellen, wo die Sonne nicht hinkam. Der Winter war wie eine geschlagene Armee auf dem Rückmarsch.»

Allerhöchste Zeit, auf vier winterliche Krimis hinzuweisen, jetzt, wo der Frühling voll da ist, wo gar der erste Sommertag mit 25°C im Schatten angekündigt ist. Die Alpen leuchten zwar noch tief verschneit, ja sogar an hohen Juragipfeln glitzern letzte weisse Südhänge. Was gibt es da Wärmeres, als auf der Terrasse, im Garten oder im Park an der Sonne zu liegen – und zu lesen? Zum Beispiel den Thriller „Eiskalte Hölle“ von Ilaria Tuti. Im Original heisst er „Fiori sopra l’inferno“, was besser zum Frühling passte, wenn da nicht dieses einsame Dorf irgendwo in den winterlichen Bergen Norditaliens wäre, an dessen Rand „der mit Raufreif überzogene Körper“ lag. Wer das ist, warum er dort liegt, was für grausame Geschichten sich dahinter verbergen, wie Teresa und Massimo die Fragen unter Einsatz ihrer Leben beantworten: Das sei hier nicht verraten. Nur so viel – der Epilog auf Seite 409 beginnt so: „Aus der Silvaschlucht stieg ein feiner Nebel herauf.“

„La route coupée“ ist der zweite Skikrimi von Guillaume Desmurs. Er spielt wiederum in einer fiktiven Station in den französischen Alpen, die von den 1960ern Jahren inspiriert ist, mit gigantischen Gebäuden und unheimlichen Gängen. Und diesmal mit einer Zufahrtstrasse, die von einer gigantischen Lawinen verschüttet wird, so dass der Ort von der Umwelt abgeschieden bleibt. Und dann passieren Morde. Wir kennen das: ein Zug, der stecken bleibt; ein Hotel, aus dem es kein Entrinnen gibt; ein Toter oder eine Tote, und der Mörder, die Mörderin ist unter den Eingeschlossenen zu finden. Nur ist es diesmal ein ganzes Dorf. Da haben der phlegmatische Allgemeinmediziner Marc-Antoine und die ehrgeizige Journalistin Alix alle Hände voll zu tun. Diese stecken in Handschuhen, denn es ist kalt in Pierre-Fontes, verdammt kalt.

In welchem Skiort Nancy Spain ihren 1949 erstmals publizierten Skikrimi „Death Goes on Skis“ angesiedelt hat, konnte ich leider nicht herausfinden. Das Dorf Kesicken, wo die Story um tödliche Familienfehden hauptsächlich spielt, hört sich nicht berner oberländisch an, Mönchegg, wohin eine Zahnradbahn fährt, und Lavahorn, erschlossen mit einem Lift, schon eher. Die Einheimischen sprechen deutsch, das Zimmermädchen wird Trudi gerufen, aber die Region oder das Land hat die Autorin „Schizo-Frenia“ genannt. Never mind. Wir bleiben dran und nehmen teil am Skirennen: „The course started on a little plateau on the top of the Lavahorn, shot over an almost perpendicular precipice and turned abruptly to the left over a shelf of frozen rock.“ Könnte doch der Hundschopf sein, zumal dann noch die Wasserstation nahe der Zahnradbahn passiert wird? Zum Rätsel, warum Regan Flaherté und ein zweiter Gast starben bzw. sterben mussten, gesellt sich dasjenige zum Playground dieses urenglischen Hotels-Ski-Kriminalromans. Etwas aber ist sonnenklar: „The weather was glorious. There was nothing to do but ski and eat and sleep.“

Und lesen, of course! Zu einem Zacken Toblerone als Zwischenverpflegung auf dem Sesselift oder als kleine Nachspeise vor dem Kaminfeuer passt der Winterkrimi-Erzählband „Todlerone“ von Stefan Haenni. In der gleichnamigen Geschichte wird das Aufrichten eines zu grossen Weihnachtsbaumes in der Wohnung von Studenten der Uni-Tobler ziemlich blutig. In „Schreckalp“ gerät ein belgisches Rentnerpaar an die Grenzen des Zusammenlebens bzw. darüber hinaus, und das nicht bei der geplanten Schneeschuhtour auf der Lombachalp bei Habkern, sondern schon bei der Autofahrt dorthin. Und dann liegt da noch die „Gefahrenzone“ in einem Walliser Bergdorf: „Der ursprüngliche Schutzwald aus alten Bergföhren ist wegen der globalen Erwärmung gröβtenteils verdorrt und deshalb ausgedünnt. Den langen Trockenperioden im Sommer sind die Nadelhölzer nicht mehr gewachsen.“ Am schönsten sind doch Frühling und Herbst, wenn es weder eiskalt noch brühwarm ist. In diesem Sinne: frohe Ostern!

Ilaria Tuti: Eiskalte Hölle. Penguin Verlag, München 2019, € 10.-

Guillaume Desmurs: La route coupée. Neige noire, Éditions Glénat, Grenoble 2021, € 15.-

Nancy Spain: Death Goes on Skis. Virago Press, London 2020, £ 9.-

Stefan Haenni: Todlerone. Winterkrimis. Gmeiner Verlag, Meβkirch 2020, € 15.-

Let’s Talk about Mountains

Der 2744 Meter hohe Paektusan ist einer heiligsten Berge der Welt. Er steht (auch) im Zentrum einer Ausstellung in Bern und eines Buches zu Nordkorea. Auf keinen Fall verpassen.

27. März 2021

«Vom 1363 Meter hohen Gipfel hat man einen atemberaubenden Blick auf die umliegende voralpine Bergwelt. In rund 20 Kilometer Ferne ist das Blau des Meeres zu sehen. Die Vögel singen, kein Autolärm ist zu hören. Der Region rund um den Berg Taehwa wohnt ein ihr eigener Zauber inne. Diesem Reiz werden jedoch nur wenige Personen im Laufe ihres Lebens erliegen. Denn die Region befindet sich an der Ostküste Nordkoreas – ein Land, in das sich westliche Touristen kaum verirren. Nach den Vorstellungen der Machthaber in Pjöngjang soll sich dieser Umstand jedoch ändern. Das Gebiet rund um die am Ostmeer, das in Japan als Japanisches Meer bezeichnet wird, gelegene Küstenstadt Wonsan soll zu einer Touristendestination auf Weltklasseniveau ausgebaut werden. So lauten die kühnen Träume der nordkoreanischen Politikelite.»

So leitet Matthias Müller, Asien-Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung, seinen Beitrag zu einem der spannendsten und überraschendsten Bergbücher ein, die mir je begegnet sind. Der Beitrag „Hoch hinaus. Wie Nordkorea mit einer pittoresken Bergwelt und Traumstränden um die Gunst internationaler Touristen buhlt“ findet sich in der Begleitpublikationen zu einer ebenso ungewöhnlichen Ausstellung im Alpinen Museum der Schweiz in Bern, die heute Samstag, 27. März 2021, ihren Vorhang hebt: „Let’s Talk about Mountains. Eine filmische Annäherung an Nordkorea.“

„Es war das langwierigste und schwierigste Projekt, das wir je angepackt haben, aber es hat sich gelohnt», sagen die Ausstellungsmacher Beat Hächler (Direktor Alpines Museum der Schweiz, Bern) und Gian Suhner (Filmemacher und Regisseur Chur/Berlin) im Rückblick. Nordkorea gilt als eines der unzugänglichsten Länder der Welt, sein Ruf ist schlecht. Totalitärer Führerstaat, Menschenrechtsverletzungen, Ernährungskrisen und militärische Drohgebärden – das sind nur einige der häufigsten Assoziationen beim Stichwort „Nordkorea“. Weniger deutlich ist das Bild, wie es den rund 25,5 Millionen Nordkoreanerinnen und Nordkoreanern tatsächlich geht und wie sie über ihre Welt denken. Und ebenso wenig wissen wir, wie das Land aussieht: ein Land voller Berge (wie die Schweiz), deren Abbildungen auch im Alltag eine wichtige Rolle spielen (wie bei uns). Deshalb der gelungene Versuch, sich dem Land über die Berge zu nähern, so über den Paektusan (2744 m): der höchste Berg der koreanischen Halbinsel und der Berg der Berge Nordkoreas. Zehntausende Bewohner des Landes pilgern jährlich auf den „Heiligen Berg der Revolution“.

Ein Filmteam des Alpinen Museums der Schweiz bereiste in der kurzen Phase des innerkoreanischen Tauwetters 2018/19 Nordkorea. Davon erzählen die filmischen Mikrogeschichten erzählen in der Ausstellung. „Die Filmbilder kommentieren nicht, aber selbstverständlich suchen wir die aktive Vertiefung und Auseinandersetzung“, sagt Beat Hächler, der Kurator von „Let’s Talk about Mountains“. Im letzten Ausstellungsraum können die Besucherinnen und Besucher ihre Kommentare und Fragen deponieren. Diese werden regelmässig veröffentlicht und mit Expertinnen und Experten diskutiert. Und die 200seitige reich bebilderte Begleitpublikation bietet Hintergrundwissen – ein idealer Begleiter für die Ausstellung, aber auch ohne diese ein höchst interessantes Werk über Berge und Menschen. Mit ganz starken Fotos und Texten von westlichen und östlichen Autoren. Da sieht man zum Beispiel auf Seite 185 ein casual gekleidetes Paar beim Bewundern und Fotografieren des Kuryong-Wasserfalls im Kumgangsan-Nationalpark – rötliche Granitfluchten, die an das Yosemite Valley erinnern. Auf einer glatt geschliffenen Felsplatte entdeckt man koreanische Schriftzeichen, die vielleicht dem Staat und seiner Herrscher-Dynastie huldigen. Aber bevor wir nun den Kopf schütteln über die politische Vereinnahmung von Bergen, sollten wir an das Mount Rushmore National Memorial mit den monumentalen Porträtköpfen von vier US-Präsidenten denken oder an das Suworow-Denkmal im Granit der Schöllenenschlucht.

Am Schluss des Textteils von „Let’s Talk about Mountains“ ist das Gedicht „Winter“ der in der Schweiz lebenden südkoreanischen Schriftstellerin Elisa Shua Dusapin abgedruckt. Die erste und letzte Strophe lautet so:

Auf den Höhen, den Himmel zerreissend,
Der steile Fels,
Des Berges atemberaubende Unendlichkeit,
Fällt langsam Schnee.

Let’s Talk about Mountains. ISBN 978-3-9520873-9-8. Alpines Museum der Schweiz, Bern 2020, Fr. 14.-

Die Ausstellung „Let’s Talk about Mountains. Eine filmische Annäherung an Nordkorea“ im Alpinen Museum der Schweiz in Bern dauert bis zum 3. Juli 2022. Sie wird von einem vielfältigen Veranstaltungsprogramm begleitet. Dieses entstand in Kooperation mit dem Kunstmuseum Bern, das von 30. April bis 5. September 2021 „Grenzgänge – Nord- und südkoreanische Kunst aus der Sammlung Sigg“ zeigt. Weitere Veranstaltungen sind in Zusammenarbeit mit dem Kino Rex Bern und der Asia Society Switzerland geplant.
www.alpinesmuseum.ch/de/ausstellungen/let-s-talk-about-mountains

Berge und Steine 5: Steine, die vom Himmel fallen

Die Kartierarbeit im Hochgebirge ist ernst und schön. Sie ist, an manchen Tagen weniger, an anderen mehr und an einzelnen besonders, wie ein schmaler Grat. Hoch und am Abgrund zugleich, besonders ernst und dabei ganz nah bei mir.

21. März 2021

Einmal, im späten August, wollte ich die Gelbe Wand kartieren. Am frühen Morgen war ich hinter der Grünhornhütte auf den aperen Gletscher abgestiegen und hatte, im Zickzack auf den Eismäuerchen zwischen den Spalten gehend, den Kessel unter der Schneerus erreicht. Hier lagen unangenehm viele unangenehm grosse Eistrümmer herum und Seracs dräuten über die Gelbe Wand, funkelnd im ersten Morgenlicht. Wenig später stand ich auf Zehenspitzen am Rand des zurückgeschmolzenen Eises und erreichte mit der ausgestreckten Hand ein an den untersten Eisenstift geknotetes Seil. Der glatte Felsen ist hier bauchig. Ich hätte mich hinauf hangeln können, zögerte aber. Kein Gurt, dachte ich, kein Seil. Geht das später auch zurück? Um hinabzuspringen wäre es zu hoch. Ausserdem wäre dort, wo ich auf Zehenspitzen stand, kein guter Landeplatz für einen Sprung. Nur ein wirres Gekeile wackliger Blöcke, die einen Bergschrund, wer weiss schon wie gut, verstopfen. Nachdenklich sah ich auf den Gletscher hinab. Bald würden die Eistrümmer dort unten in die Sonne kommen. Die Seracs oben sind es schon länger. Es ist erstaunlich, dachte ich, wie still es noch immer ist…

Plötzlich kehrte ich um, hastete den Zickzack zurück und schwer atmend zur Grünhornhütte hinauf. Planänderung!

Von hier steige ich nun gegen Nordnordwest über Geröll zum Wandfuss und um das Eck in die Nordflanke des Ostgratvorbaus, wo ich über blockige Felsen dem Band des gelben Rötidolomits folge. Das Gelände ist unübersichtlich. Wandartig, dabei stark zerbrochen. Und die Geologie? Mehrere Formationen laufen gefaltet hindurch. Ich werde mich vortasten soweit es geht. Unmerklich wird dabei das Gelände wandartiger und zerbrochener. Die Felsstufen, die sich mir immer wieder in den Weg stellen, werden enger, höher und wackeln immer mehr. Immer öfter denke ich: Durchkommen wäre besser, zurück unangenehm! Und dann ist da auch wieder, ganz flüchtig erst, der Gedanke, wie peinlich es wäre, müsste man mich ausfliegen, weil ich nicht weiter- und auch nicht zurückkäme. Verletzt wäre zwar schmerzhaft, dafür entschuldbar. Und tot…

Wie oft ich abwäge, vor einem Schritt die Länge der Sturzbahn bestimme, sollte der Tritt nicht halten, und mir eine Strategie zurechtlege, wohin ich im letzten Moment zu springen versuche. Wägen, dann tun oder lassen.

Über den Tod redet man nicht, an den Tod denkt man nicht, der Tod ist ein Tabu. Und heute denke ich, der Tod ist inzwischen sogar verboten.

Mein Wägen. Ist es Todesverachtung? Ist es Glück? Ich spüre, es ist Freiheit. Der Tod, denke ich, ist eigentlich generös. Er lässt mich entscheiden. Lässt mich wägen, tun oder lassen.

Die Gedanken tragen mich zu einem etwa zehn Meter breiten Schneeband, das mich rechts hinab zum Hinteren Rötifirn bringen könnte. Vor mir ragt die Schattenwand über den halben Himmel. Hoch oben glitzern fallende Tropfen in der Sonne, die sich vom Rand, der über den Zenit läuft, lösen und im Nichts verschwinden. Eine Erosionsrinne, die von der Wand her das Schneefeld zerteilt, zerreisst bald die gerade aufgekommene Hoffnung. Gestemmt gegen die Schattenmauer gelange ich auf den Rinnengrund und müsste von dort einige Meter auf schmalen Leisten die fast senkrechte Wand zu einem Eck hin queren. Darunter bricht der Rinnengrund in einen Schlund ab, der, was er schluckt, tief unten ausspuckt und in breitem Fächer über den halben Gletscher verteilt.

Ich wäge. Im letzten Moment abzuspringen? – Nirgendwohin.

Die Sturzbahn? – Klar ist: Unten käme nur noch der Körper an.

Umkehr? – Ein unangenehmer Gedanke.

Ich setzte alles auf eine Karte und denke noch, oh shit, da macht es kurz und deutlich pffffttt, und hinter mir, auf dem Schneeband, liegt dunkel ein faustgrosser Stein. Ich konzentriere mich auf die Leisten, taste mich um das Eck und querend abwärts, bis ich wieder steilen Schnee erreiche. Er ist betonhart gefroren und während ich balancierend die Steigeisen anlege, macht es erneut pffffttt. Steinschlag? – Ist anders. Ist ein Rollen und Poltern, man schaut hinauf, sieht Steine springen, mit Glück etwas seitwärts, mit Pech direkt oberhalb und man sucht Deckung. Hier ist die Wand links und die Steine kommen rechts. Einzeln und direkt vom Himmel, gefallene Sterne. Pffffttt. Dieses Mal vorher ein längeres, leiseres fffffffffffftt… Der war wohl näher. Faustgrosse Gerölle stecken im Schnee und meine Gedanken stellen vergleichende Betrachtungen an zwischen den Härten meines Helms, des Firns, den darin steckenden Steinen und meinen darauf herumkratzenden Steigeisenspitzen, und rufen mir zu: Mach, dass du hier wegkommst!

Um vier Uhr bin ich bei der Hütte zurück. «Wo bisch gsi?», fragt mich Lisä, die Wirtin.

Ich sehe schwankende Felsstufen und sehe mich im Sternenregen stehen, lache: «I wüeschtem Gländ!»

 

Migrationen

Lokale und globale, freiwillige und verzweifelte Migration. In den Alpen so gut wie anderswo.

20. März 2021

«Le 5 mars, ils tentent de franchir le col de l‘Échelle pour passer de l’Italie à la France. Leur traversée devient un enfer. Ils sont exténués, désespérés. Ils s’en sortiront. Amputation des pieds pour Mamadou. Amputation d’une partie de notre dignité pour nous, les montagnards. En apprenant la nouvelle, je suis choquée. Un tel drame est inacceptable et ne peut se reproduire. Pas à ma porte, dans mes belles montagnes. C’est un déclic, une évidence, pour moi comme pour d’autres. C’est décidé, nous irons patrouiller dans les montagnes tant qu’il le faudra, tant que les pouvoirs publics ne prendront pas de mesures humanitaires pour éviter d’autres drames similaires.»

Sagt Stéphanie Besson zu Recht. Mit Überzeugung. Mit Wut im Bauch. Und mit Beschämung, dass sich solch ein Drama vor ihrer Haustüre abspielen konnte. Die Hölle für die Migranten, die im März 2016 bei winterlichen Verhältnissen den Col de l’Échelle (1762 m) zwischen Bardonecchia und Briançon überschritten. Beziehungsweise zu überschreiten versuchten, bis sie im Schnee stecken blieben und schliesslich gerettet werden konnten, aber teils gravierende Erfrierungen erlitten. Der Col de l’Échelle: bei Radfahrern eine beliebte Strecke im Sommer, bei Flüchtlingen eine Transitroute über die Alpen, vom Mittelmeer Richtung Paris und London.

Die aus Briançon stammende Wanderleiterin Stéphanie Besson begann sich nach den Dramen auf dem Col de l’Échelle mit Gleichgesinnten aktiv für die Flüchtlinge einzusetzen. Versuchte sie erstmals unterzubringen, Kleider und Nahrung zu verschaffen, und dann Perspektiven. Forderte für die Gestrandeten ein Recht auf Leben in einem Staat, dessen offizielles Logo „Liberté, Égalité, Fraternité“ lautet, der aber bei den Migranten die Brüderlichkeit oft ziemlich vermissen liess. Besson und ihre Freunde gründeten die Organisation „Tout Migrants“. Im Buch „Trouver refuge. Histoires vécues par-delà les frontières“ schildert Stéphanie Besson engagiert die Hilfsaktionen für die Flüchtlinge und lässt diese unfreiwilligen Alpenwanderer ausführlich selbst zu Wort kommen. Ein Buch, das unter die Haut geht.

Einen passenderen Titel für seinen vierten Roman hätte der im Briançonnais lebende François Labande nicht finden können: „L’échelle de l’espoir“. Einerseits kann die Hoffnung auf tiefen oder hohen Sprossen spriessen, andererseits steht der Leiterpass zwischen Italien und Frankreich für eine (letzte) Hoffnung auf ein besseres Leben. Der Pass spielt denn auch eine wichtige Rolle im Leben des jungen Arztes Farid. Er wird bei einem Einsatz in Beirut, wo sein Vater lebt, schwer verwundet und erholt sich bei seiner Mutter in Briançon. Er findet Arbeit und wird konfrontiert mit der Tatsache, dass Menschen nicht nur im Libanon und in Syrien ums Überleben und für Menschenrechte kämpfen, sondern auch in den heimatlichen Bergen. Wo findet Farid, hin und her migrierend zwischen Südalpen und Nahost, seine Destination?

Die Fragen nach der Bestimmung, nach dem Lebensziel und ganz konkret nach der Verdienstmöglichkeit stellen sich auch diejenigen Migranten, die in die Alpen einwandern, um dort zu arbeiten. Die also nicht Flüchtlinge im engeren Sinne sind, sondern Jobsuchende. Dazu hat die Ethnologin Flurina Graf, Senior Researcher am Institut für Kulturforschung Graubünden, eine grossangelegte Untersuchung gemacht. In „Migration in den Alpen. Handlungsspielräume und Perspektiven“ ist sie der Frage nachgegangen, wie es sich als Migrantin und Migrant in der hoch touristischen Region Oberengadin und im ländlich-peripheren Avers und Schams lebt. Wie richten sie sich am Ort und zwischen den Orten ein? Wie entstehen und gestalten sich Zugehörigkeiten? Welche Potenziale bietet die Region den zugewanderten Portugiesen (sie bilden ein gutes Drittel der ausländischen ständigen Bevölkerung in beiden Regionen) und welche Ressourcen bringen sie und die ebenfalls zahlreichen Italiener und Deutsche mit? Sehr interessante Lektüre, gerade auch für diejenigen von uns, die zwischen Zuoz und Maloja gerne Ferien machen.

Und noch eine Lektüreempfehlung, aber für alle. Im Extraheft „Zeit Literatur“, das der „Zeit“ vom 18. März 2021 beiliegt, findet sich ein Gespräch mit Parag Khanna zu seinem am 22. März erscheinenden Buch „Move. Das Zeitalter der Migration“. Darin zeigt der indisch-amerikanische Politikwissenschaftler, wie der nicht mehr aufzuhaltende Klimawandel eine neue Weltordnung mit globaler Migration schafft: „Chinesen, Inder und andere Asiaten, deren Heimat unbewohnbar wird, werden sich in Zentralasien niederlassen – und vor allem in den Weiten Sibiriens.“

Stéphanie Besson: Trouver refuge. Histoires vécues par-delà les frontières. Éditions Glénat, Grenoble 2020, € 20.-

François Labande: L’échelle de l’espoir. Roman. Éditions du Fournel, L’Argentière-La Bessée 2020, € 22.-

Flurina Graf: Migration in den Alpen. Handlungsspielräume und Perspektiven. Eine Publikation des Instituts für Kulturforschung Graubünden. Transcript Verlag, Bielefeld 2021, € 40.- Kann auf www.transcript-verlag.de gratis heruntergeladen werden.

Parag Khanna: Move. Das Zeitalter der Migration. Rowohlt Verlag, Hamburg 2021, € 24.-