Alte Bergromane

Lesen bleibt sicher. In Bergromanen sterben höchstens die (guten und/oder bösen) Helden. Auch in solchen, die zwischen der Spanischen Grippe und dem Beginn des Zweiten Weltkrieges herausgekommen sind.

29. April 2020

«An einem Schlechtwettertag verkündeten die Zeitungen, in Basel und Bern und fast allen Schweizerstädten seien die Schulferien der Grippe wegen verlängert worden. Bis in die obersten Alphütten war die Krankheit hinaufgekrochen und verschonte weder jung noch alt. Der Doktor setzte sich an die Betten und traf energische Maβregeln, um einer Verschleppung vorzubeugen. Aus Furcht vor Ansteckung flüchtete ein Kurgast nach der Concordia, und weil dort auch schon jemand auf der Pritsche fieberte, aufs Jungfraujoch, wo er, wie es später ruchbar wurde, mit allen bösen Erscheinungen der Seuche sich ins Bett werfen muβte.»

Ziemlich aktuell, dieser Roman von gestern, nicht wahr? Er erschien erstmals 1919 in der Grote’schen Verlagsbuchhandlung in Berlin; vor mir liegt die Ausgabe von 1920, mit dem Vermerk „Siebentes Tausend“. Vor etwas mehr als 100 Jahren wütete die Spanische Grippe auf der Welt und forderte Millionen von Toten. In „Bergluft. Eine Erzählung aus der Schweizer Hochgebirgssommerfrische“ thematisiert der Berner Schriftsteller Johannes Jegerlehner am Rande diese verheerende Grippe. Sie kann aber die gesunde Bergluft nicht kontaminieren, die Jugendlichen auf der Riederalp und aus der Stadt schon gar nicht. Trotz Influenza-Pandemie erleben diese glückliche Sommerferien am Rande des Aletschgletschers, und wir Leser mit ihnen. Zum Beispiel, wenn wir virtuell auf dem Riederhorn sitzen und die Aussicht geniessen: „Im Rücken die Fuß- und Fiescherhörner und mitten durch, von hundert Zungen und Firnwassern gespeist, eine Milchstraße der Erde, der in seinem Schrecken erhabene und in seiner Erhabenheit Schrecken gebietende Aletschgletscher.“

Auch wenn die Pandemie-Massregeln der Corona-Grippe nun gelockert wurden und werden, so ist es immer noch angeraten, auf dem sonnigen Balkon oder in der sicheren Stube ein Buch zu lesen. Und warum nicht einen zweiten alten Bergroman? Ludwig Ganghofer zum Beispiel. Vor rund vierzig Jahren habe ich viele Werke des bayerischen Schriftstellers verschlungen. Nun verbrachte ich einen ruhigen Abend mit „Der laufende Berg“. Höchst eindrücklich, wie er die (fast) vergeblichen Bemühungen der Bauern gegen Murgänge schildert – Katastrophen, die unseren Gebirgsgegenden auch immer wieder drohen. Natürlich sind neben dem Flechten von Abwehrzäunen noch Liebesgeschichten hineingeflochten – was wäre ein Roman ohne solche? „Vroni hatte die Stube verlassen und war vor die Haustür getreten. Hof und Garten waren hoch verschneit. Der Schnee funkelte in der Sonne, und lautlose Winterstille lag über dem weiβen Berggehäng. In diesem frostigen Schweigen tönte durch die klare Luft ein leiser, kaum noch vernehmbarer Hall aus dem Tal herauf: kling, kling, kling, kling. Das setzte immer aus und tönte nach einer Weile wieder: kling, kling, kling, kling. Mit finsterem Gesicht wandte sich Vroni in den Flur zurück und brummte: ‚So an Spitakel machen, daβ man’s bis da auffi hören muβ!‘ Verdrossen ging sie an ihre Arbeit.“ Der Schmied und die Vroni – nein, ich sage nichts.

„Du verstehst und entschuldigst alles“, tadelt ihn die Mutter, „genau wie dein Vater, und was hat er davon gehabt in seinem kurzen Leben? Was hat er gehabt, Bub?“
Da bricht es aus Jöri hervor: „Mutter, das versteht ihr Frauen nicht, das mit den Bergen.“
„Dummheiten“, grollt sie bitter, „Eis und Schnee und Steine, was mehr – schade um die Zeit und die Mühe!“
Ausschnitt aus dem Gespräche zwischen der Witwe Madji und ihrem Sohn Jöri, Bergführer wie sein Vater, der in den Bergen gestorben ist. „Der Bergführer Jöri Madji“ heisst der zweite Roman des St. Galler Schriftstellers Ernst Otto Marti, 1937 von der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart publiziert. Er spielt in den Bündner Bergen, ohne dass die Orte und Gipfel genau lokalisiert werden können. Es geht um Freund- und Feindschaften, um familiäre und andere (!) Beziehungen, um den Beruf des Bergführers. Und ums Bergsteigen, ja um Erstbegehungen. Etwas, das damals höchst aktuell war – die undurchstiegene Eigernordwand hatte 1935 und 1936 sechs Tote gefordert. In Max Frischs zweitem grösseren Werk, „Antwort aus der Stille. Eine Erzählung aus den Bergen“, im gleichen Jahr und Verlag wie Martis „Bergführer“ erschienen, erklettert der Held einen noch unerstiegenen, höchst schwierigen Nordgrat. Jöri liebt solche alpinistischen Herausforderungen ebenfalls:
„Und über diesen Grat sollen wir nun? fragt sich Jöri Madji. Noch einmal liest er in den trockenen Mienen der beiden Engländer.
Diese beharren darauf. Jöri steckt die Hand durch die Pickelschlaufe und macht den ersten Schritt ins Ungewisse. Er denkt jetzt nicht mehr daran, daβ sie eine Erstbegehung ausführen wollen. Jetzt geht es um Messerschärfe ums eigene Leben und das der andern. Der Fels ist gut.“

In meinem Büchergestell fand ich noch einen vierten Roman, über dessen Gratrücken ich bisher immer hinweggesehen habe: „Die Freundschaft von Ladiz. Roman aus den Bergen“ von Max Mohr. Ein spannender Erzähler und Dramatiker, geboren 1891 in Würzburg, gestorben 1837 in Schanghai. Im gleichen Jahr verstarb übrigens auch Johannes Jegerlehner. Offenbar ein ganz besonderes Jahr. Item, den Roman aus den Bergen des Karwendels und die schwierige Freundschaft zwischen dem Engländer Philipp Glenn und dem Einheimischen Xaver Ragaz habe ich nun gelesen; allerdings, es sei zugegeben, nicht ganz. Das erste Buch, mit „Die Apokalypse“ betitelt, konnte mich nur mässig erwärmen, ausser im sechsten Kapitel, wo von der „Aiguille de Ragaz“ im Montblanc-Massiv die Rede ist. Im zweiten Buch, ganz modern als „Das Missing-Link“ überschrieben, erfuhr ich, wie Philipps Freundin Fanny Purgasser in einem kleinen Schneebrett ums Leben kommt. In den dritten Romanteil, „Die Nordwand“, stieg ich voll ein und kraxelte durch Irrungen und Wirrungen bis auf den Gipfel. Hier ein Ausschnitt aus dem Hüttengespräch der beiden Helden auf Seite 246:
„Gut, trinken wir Burgunder, feiern wir die groβartige Suppe, begraben wir die Nordwand – morgen wird gefaulenzt.“
Glenn schlürfte erst an dem Becher, dann an dem Suppenlöffel.
„Und übermorgen wird auch gefaulenzt! Zwei Tage sind kaputt durch diesen Alkohol – schlürfen Sie nicht so gemein!“

Als ich das las, kam mir Anderl Heckmair in den Sinn, der Anführer der Viererseilschaft, die 1938 erstmals durch die Eigernordwand kletterte; 1937 hatte er mit Theo Lesch seinen ersten Versuch unternommen. Eines der Bonmots von Anderl war dasjenige nach der achten Begehung des Walkerpfeilers in der Nordwand der Grandes Jorasses, während der er eine Flasche Cognac trank, während sein Seilpartner Hermann Köllensperger abstinent blieb, aber im Gegensatz zu Heckmair Erfrierungen an Händen und Füssen erlitt: „Für mich ist das ein Beweis, daβ Alkohol, mäβig genossen, auch in gröβeren Mengen nicht schadet.“

In diesem Sinne: Gesundheit auf weitere (Lese)-Abenteuer!

Johannes Jegerlehner: Bergluft. Eine Erzählung aus der Schweizer Hochgebirgssommerfrische. Mit Zeichnungen von Hans Beat Wieland. Grote’sche Verlagsbuchhandlung, Berlin 1919.

Ludwig Ganghofer: Der laufende Berg. Hochlandroman. Adolf Bonz, Stuttgart 1899.

Ernst Otto Marti: Der Bergführer Jöri Madji. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1937.

Max Mohr: Die Freundschaft von Ladiz. Roman aus den Bergen. Georg Müller Verlag, München 1931.

StauWerke

So schön sind Staumauern und Stauseen. Wenn sie von einem Künstler fotografiert werden. Ein perfektes Buch für ausflugsfreie Tage, ja Wochen.

22. April 2020

«Die Stauseen gehören zweifellos zum Bestand der Schweizer Mythen wie das Matterhorn, der Gotthardtunnel für die Eisenbahn oder die AHV.»

Meint Köbi Gantenbein, Bündner und bekannt als Gründer und Macher der hochangesehenen Architektur- und Designzeitschrift „Hochparterrre“, im Vorwort zu einem Bildband von Simon Walther über einen dieser Mythen. Nicht über das (halbitalienische) Horn bei Zermatt, die Gotthardzugsröhren oder die AHV. Sondern über die Staumauern, Stauwehre, Staudämme und Stauseen der Schweizer Alpen und auch des Mittellandes. Denn, so Gantenbein: „Die Gewichtsstaumauer Pérolles an der Saane bei der Stadt Fribourg läutete 1872 ein Kapitel Schweizer Geschichte ein – dort steht die erste Staumauer in Europa, gebaut in Beton.“ Voilà. Und logo, dass es schon Publikationen zu diesen helvetischen Talsperren gibt. Doch nun haben sie eine fotografische Aufwertung erhalten, sind bild- und buchmässig veredelt worden.

Natürlich: Diejenigen, die sich gegen diese (für die Schweizer Wirtschaft und Gesellschaft eminent wichtigen) Anlagen wehren, weil sie die Landschaft auch verunstalten, weil sie die Fliessgewässer hemmen, werden an dieser Hommage der Stauwerke nicht eitel Freude haben. Doch sie werden zugeben müssen, dass die seitengrossen bis doppelseitigen Fotos von Simon Walther schon verdammt schön sind. Zum Beispiel die Doppelseite mit dem von oben fotografierten Lac des Dix, dem volumenmächtigsten Stausee der Schweiz hinter der höchsten Staumauer (285 Meter): einfach grünliches Gletscherwasser fast auf dem ganzen randlosen Bild, nur rechts seitenhoch ein Stück Staumauer, leicht gekrümmt und sich gegen oben verjüngend – ganz, ganz stark. Das lässt sich übrigens auch von Gantenbeins Vorwort und Essay sagen: Wie er da seine persönliche Geschichte hineinbringt, ist unbedingt lesenswert.

Selbstverständlich lebt der Bildband von den Fotos. Und von der Machart. Randlose seitengrosse Bilder nebeneinander. Das könnte stören. Tut es aber nicht. Verunsichert nur ab und zu, wenn man beim Betrachten nicht ganz sicher ist. Welcher See und welche Mauer abgebildet sind, findet man ganz hinten. Genauso wie Angaben zu den porträtierten Seen. Es sind bei weitem nicht alle (über 200 sind’s), müssen es auch nicht sein. Die beiden flächenmässig grössten Speicherseen der Schweiz, der Sihlsee und der Lac de la Gruyère, hat Simon Walther nicht aufgesucht. Aber das nur am Rande – des Sees. Und der Rand, das Ufer, macht ja auch eine Besonderheit der Stauseen aus. Nochmals Gantenbein: „Die eindrücklichen Aufnahmen der halb leeren Stauseen sind keine Wunden in der Landschaft mehr, sondern das Kraftwerk hat neue, faszinierende Landschaften geschaffen, die hervorkommen, wenn die Energielast ins Tal gedonnert ist und die verschwinden, wenn sie wieder aufgeladen wird.“

Wir allerdings laden unsere Energie auf, wenn wir zuhause auf dem Sofa oder dem Terrassenstuhl unsere Augen über diese (mythischen) Schweizer Landschaften wandern lassen. Bevor wir sie dann, hoffentlich im kommenden Sommer, zu Fuss erleben dürfen.

Simon Walther: StauWerke. Monuments of Power. Mit einem Vorwort und Essay von Köbi Gantenbein. Benteli Verlag, 2020. Fr. 58.-

Überlebenskünstler

Überleben: ein Stichwort zu den letzten düsteren Wochen – und zu den nächsten. Ein reich illustrierter Bildband zeigt, wie es Pflanzen in den Alpen machen.

16. April 2020

Us de Berge, liebi Fründi,
Schickst mer Alperösli zu;
Schribst derzu, si sige g’wachse
Aere hohe, wilde Flue.
Grüssist mi und seist mer no,
I söll o i d’Berge cho.

Nein! Erstens soll man während der Coronakrise zu Hause bleiben und nicht in die Berge fahren; ausser man wohne natürlich dort. Zweitens sollte man auch keine Bergblumen pflücken; wobei Alpenrosen ja nicht wirklich selten sind. Und überhaupt, liebi Bärgfründe: Was soll dieses holprige Gedicht von C. Wälti? Ich fand es in meinem Lieblings-Poesieband „Helvetiens Naturschönheiten“ von 1856; der Titel ist ein paar Zeilen länger. Das Gedicht von Wälti übrigens auch. Wie im Gedichtband noch andere Verse zu Alpenrosen zu finden sind, zum Beispiel diejenigen von A. Linden:

Holde Alpenrose
Dort auf hoher Firn,
Blühst an Felsenwänden,
Alpenflurgestirn!

Nur: Welche Alpenrosen die Poeten wohl meinen? Die Rostblättrige (Rhododendron ferrugineum) oder die Bewimperte (Rhododendron hirsutum)? Erstere kommt in den Schweizer Alpen häufiger vor als letztere, die vor allem in den Ostalpen anzutreffen ist. Treffen und kreuzen sich die beiden Alpenrosenarten, wird das Produkt Rhododendron intermedium genannt.

Rostblättrige und Bewimperte Alpenrose gehören zu den 50 aussergewöhnlichen Alpenpflanzen, die Thomas Schauer (Text) und Stefan Caspari (Zeichnungen und Fotos) im reich illustrierten Bildband „Überlebenskünstler“ porträtieren. Stürmische Winde, starke Sonneneinstrahlung, dicke Schneedecken, Wassermangel, extreme Temperaturschwankungen – Pflanzen müssen in den Bergen viel aushalten. Von Aurikel und Alpen-Mannschild über Gletscher-Hahnenfuss und Rundblättriges Täschelkraut bis zu Zirbe und Zwerg-Alpenrose (!) mit dem wissenschaftlichen Namen Rhodothamnus chamaecistus: Alle haben sie Strategien entwickelt, um unter harschen Bedingungen zu gedeihen. Mit behaarten oder fleischigen Blättern wappnen sie sich gegen Trockenheit, UV-absorbierende Pigmente setzen sie ein wie Sonnencrème und eine kompakte Bauweise schützt sie gegen Winde und Kälte. Und das Edelweiss? Ein Foto zeigt es mit dem Riffelhorn und Matterhorn im Hintergrund. Wenn ich das nächste Mal am Gornergrat unterwegs sein werde, muss ich die Stelle suchen. Aber pflücken werde ich keines, nur anschauen!

Bis wir wieder ungehindert zu den Bergblumen gehen können, studieren wir sie in diesem schönen Buch. Und lesen vielleicht noch das berühmte Gedicht „Die Alpen“ (1732) von Albrecht von Haller, der sich eingehend mit Botanik beschäftigt hat. Hier nur vier der 490 Verse:

Dort ragt das hohe Haupt am edlen Enziane
Weit übern niedern Chor der Pöbel-Kräuter hin;
Ein ganzes Blumen-Volk dient unter seiner Fahne,
Sein blauer Bruder selbst bückt sich und ehret ihn.

Thomas Schauer, Stefan Caspari: Überlebenskünstler. 50 außergewöhnliche Alpenpflanzen. Haupt Verlag, Bern 2019, Fr. 39.-

Das Landleben

Der neue Bätzing, der neue Schneider. Bei beiden geht es, ganz verschieden natürlich, um die Wechselwirkung von Land und Stadt.

8. April 2020

«Warum war selbstgebackenes Brot zehn Jahre zuvor nichts Besonderes, und warum kam damals niemand auf die Idee, ein Backofenfest zu machen?»

Diese Frage stellt Werner Bätzing, emerierter Professor für Kulturgeographie an der Universität Erlangen-Nürnberg und weitbekannt als DER Alpenforscher, in seinem jüngsten Buch „Das Landleben. Geschichte und Zukunft einer gefährdeten Lebensform“. Das „damals“ im obigen Zitat bezieht sich auf die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, als das Landleben sozusagen am Boden lag. Doch spätestens seit der Lancierung der Zeitschrift „Landlust“, die in kurzer Zeit sehr erfolgreich wurde, gilt das Leben auf dem Lande nicht mehr als beschränkt, borniert und rückständig, sondern „wird auf einmal schick und modern und steht für eine neue und naturnahe Zukunft.“ Aber ist dem wirklich so? In der Einführung zu seinem 300seitigen Werk fasst Bätzing die Grundsatzfrage so: „Kann das Landleben unter den heutigen Rahmenbedingungen wirtschaftlich tragfähig, kulturell bereichernd, sozial vielfältig sein, und kann es eine qualitativ gute Versorgung und eine vielfältige und gesunde Umwelt bieten?“

Auf diese grundsätzliche Frage, und auf diejenige nach dem Backofenfest, gibt Werner Bätzing umfassende Antworten. Das nach einer tiefgreifenden Analyse zur Entstehung und zur Geschichte des Landlebens, immer auch in Bezug zu seinem mächtigen Gegenüber, nämlich der Stadt. Höchst interessant, wie sich die Industrielle Revolution auf das Landleben ausgewirkt und wie die forcierte Modernisierung dieses zwischen 1960 und 1980 nochmals gründlich umgepflügt hat. Während Bätzing die Geschichte des Landlebens anhand von Europa, ja teils der ganzen Welt aufarbeitet, untersucht er das Landleben der letzten und jetzigen Zeit vor allem in Bezug auf Deutschland. Aber die Speckgürtel um die Metropolen, die Zwischenstädte, die isolierten Einkaufszentren, die ausufernden Gewerbebauten, die Einfamilienhaussiedlungen mitten im Grünen und abseits von Dörfern, die vom Verkehr geprägten gesichtslosen Siedlungsstrukturen auf dem Lande: All das erleben wir zum Beispiel auch in der Schweiz. Und nicht in geringem Ausmasse, oh nein.

Im achten und letzten Kapitel entwirft Bätzing sechs mögliche zukünftige Entwicklungen des Landlebens. Im dritten Szenario mit einer globalen Wirtschaftskrise, entstanden durch Spekulationen im Finanzsektor, heftige Handelskriege, internationale Kriege oder durch die Coronakrise (aber die gab’s noch nicht beim Schreiben des Buches!), werden die Auswirkungen auf dem Lande etwas milder ausfallen als in der Stadt. Lokale und regionale Produzenten und Dienstleister im ländlichen Raum würden wieder bessere Möglichkeiten erhalten; sie könnten zum Beispiel Brot backen, nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Städter.

Illustriert ist Bätzings „Landleben“ mit 26 klug ausgewählten und genau beschriebenen Abbildungen. Auf dem Cover findet sich – schön, aber nicht ganz zum Inhalt passend – ein einsamer Hof in der Toskana. Da kommt mir der neue Hunkeler-Krimi von Hansjörg Schneider in den Sinn, den ich zur gleichen Zeit wie den neuen Bätzing gelesen habe. Auf dem Titelbild von „Hunkeler in der Wildnis“ ein Fuchs; aber der Polizist a.D. hat ein Erlebnis mit einem Dachs. Nicht auf dem Lande, wo er die meiste Zeit lebt, sondern in der Stadt. In einer andern Szene fragt er den verdächtigen, aus dem Maderanertal stammenden Zgraggen: „Warum bist du in die Stadt gekommen?“

Werner Bätzing: Das Landleben. Geschichte und Zukunft einer gefährdeten Lebensform. Verlag C. H. Beck, München 2020, € 26.-

Hansjörg Schneider: Hunkeler in der Wildnis. Der zehnte Fall. Diogenes Verlag, Zürich 2020, Fr. 24.-

Léman

Léman und Literatur: eine wunderbare und wanderbare Beziehung. Zwei Frauen begleiten uns diesmal.

2. April 2020

«Der Anblick des Genfer Sees und seiner wunderbaren Ufer hatte für meine Augen stets einen besonderen Reiz, den ich nicht erklären kann und der nicht nur von der Schönheit des Schauspiels herrührt, sondern von etwas noch Fesselnderem, was mich bewegt und ergreift.»

Voilà! Die Leser von Jean-Jacques Rousseau verschlangen solche Zeilen wie diese aus seinen „Confessions“; der erste Teil der „Bekenntnisse“ erschien 1782. Tiefe, eigene Gefühle in schöner, besuchenswerter Landschaft: Eine Formel, die heute noch zieht. Millionen von Touristen fahren jährlich in die Alpen. Mehr noch als Albrecht von Hallers Gedicht „Die Alpen“ von 1732 hat nämlich Rousseaus Briefroman „Julie ou La nouvelle Héloïse“ aus dem Jahre 1761 die Begeisterung für die Alpen und vor allem den Tourismus dorthin ausgelöst. Erfolgreichere Fremdenverkehrswerbung hat es seither kaum gegeben. Wer am Léman wandert, stolpert dauernd über Bücher. Es gibt kaum eine andere Gegend in den Alpen, über die und in der so viel geschrieben wurde.

Bücher über Schriftsteller und Schriftstellerin, ja überhaupt über Leute, in deren Leben bzw. Werken und Briefen der Lac Léman eine Rolle spielt, gibt es mindestens so viele wie Städte und Dörfer an diesem grössten See Westeuropas (so auch meinen Rother-Wanderführer „Genfer See“). Das jüngste solche Buch erschien am 13. Januar 2020 in den Éditions Slatkine de Genève: „Ils ont changé le monde sur le Léman“. Béatrice Peyrani und Ann Bandle stellen zehn berühmte Literaten vor, die zwischen 1754 und 1914 für einige Tage oder Jahre an die Ufer des Léman gekommen sind: auf der Suche nach Sicherheit, nach Ruhe, nach neuer Motivation zum Schreiben. Das sind die „dix géants de la littérature“: Voltaire, Jean-Jacques Rousseau, Germaine de Staël, François-René de Chateaubriand, George Gordon Byron, Stendhal, Alexandre Dumas, Gustave Flaubert, Victor Hugo, Romain Rolland. Es hätte da natürlich noch andere literarische Grössen gegeben, die in dieser Zeit an den lemanischen Gestaden weilten: Hans Christian Andersen, Johann Wolfgang Goethe oder Lew Nikolajewitsch Tolstoi.

Die beiden Autorinnen schildern ausführlich und spannend Leben und Werk der neun Schriftsteller und der einen Schriftstellerin, und wie der Genfer See sozusagen als Katalysator in beide Richtungen gewirkt hat. Aber nicht nur der See, sondern überhaupt die Schweiz. Am Schluss eines jeden Kapitels findet sich eine kurze Zusammenfassung zur Beziehung und zu den Besuchen der Literaten in der Schweiz; manchmal auch Zitate, wie bei Hugo und „ses plus beaux mots sur la Suisse“. Wobei, was er da sagt zu den Monumenten von Lausanne, die alle durch schlechten Geschmack verdorben worden seien, ist nicht ganz schön. Flaubert seinerseits fühlte sich nicht allzu wohl am Genfer See und noch viel weniger auf der Rigi, wo er zur Kur weilen musste. Ihm, der die Weite der Normandie liebte (und brauchte), fielen dort oben die Berge auf den Kopf. „Je donnerais tous les glaciers pour le musée du Vatican“, schrieb er seiner lieben Bekannten (und Schriftstellerin) George Sand. Und seinem Freund Iwan Sergejewitsch Turgenew, ebenfalls Schriftsteller, gestand er: „Gestern war ich versucht, drei Kälber zu umarmen, die ich auf einer Alp traf, aus Menschenfreundlichkeit und Mitteilungsbedürfnis.“

Doch zurück von der Rigi an den Léman. Und zu Rousseau. Bevor ich Euch auf ein sonniges Lesewochenende mit Julie & Co. einstimme, noch ein Hinweis: Béatrice Peyrani und Ann Bandle gründeten 2015 die Kultur-Site www.damier.ch – eine Entdeckung und Bereicherung sondergleichen. Aber nun zu Jean-Jacques und „Julie oder Die neue Héloïse. Briefe zweier Liebenden aus einer kleinen Stadt am Fuβe der Alpen“, vierter Teil, 17. Brief:

«Mit Müh und Not gelang es uns endlich, bis nach Meillerie zurückzurudern. (…) Weil nach der Mahlzeit die Wellen noch immer hoch gingen und das Boot ausgebessert werden muβte, schlug ich einen Spaziergang vor. Julie wandte ein, der Wind sei zu heftig und die Sonne zu heiβ, und erinnerte mich an meine eigne Müdigkeit. Ich hatte jedoch meine Absichten und zerstreute alle Bedenken. ‚Ich bin‘, sagte ich, ‚seit meiner Kindheit an harte Leibesübungen gewöhnt; sie schaden meiner Gesundheit durchaus nicht, sondern stärken sie vielmehr (…). Was Sonne und Wind betrifft, so haben Sie ja Ihren Strohhut; wir werden bald im Schutz des Waldes sein; wir müssen nur zwischen etlichen Felsen hinaufsteigen (…).»

Béatrice Peyrani, Ann Bandle: Ils ont changé le monde sur le Léman. Éditions Slatkine, Genève 2020, Fr. 37.-

Mord im Alpenglühen

Das grosse Buch zum Schweizer Krimi. Und zwei neue Bergkrimis mit dem leider aktuellen Titel „Endstation“.

23. März 2020

«Der Bergkrimi ist ein Kriminalroman, der in den Bergen spielt, an sich nichts Aussergewöhnliches in einem Alpenland. Bergromane enthalten generell häufig dramatische Ereignisse (Naturkatastrophen) und ungeplantes Ableben (Unfälle?), was die Grenze zwischen Bergromanen und Bergkrimis unscharf macht. Der Spezialist für diese Art von Literatur ist Daniel Anker, und er betreibt einen Blog/Newsletter: www.bergliteratur.ch.»

Danke Paul! Der Eintrag zum Bergkrimi findet sich unter „Sachartikel“ in einem Buch mit einem gnadenlos schönen Titel: „Mord im Alpenglühen“. Darin befasst sich Paul Ott, der als Paul Lascaux selbst Krimis schreibt, auf 347 Seiten mit dem Schweizer Kriminalroman und seiner Geschichte und Gegenwart. Das Buch gibt einen umfassenden Überblick über die Schweizer Kriminalliteratur von den Verbrechensberichten und Gerichtsreportagen im 19. Jahrhundert bis zur heutigen Vielfalt des Kriminalromans. Der Autor zeigt Entwicklungslinien auf und beschreibt Werke von bekannten oder vergessenen Verfasserinnen und Verfassern aus allen Sprachregionen der Schweiz. Die Bibliografie enthält über 2000 Werktitel und biografische Angaben, von „Meurtres en sérail“ (2002) des seit 1995 in Genf lebenden Algeriers Charaf Abdessemed bis zum „Mord im Blauen Bähnli“ (1998) des Berners Thomas Zwygart.

„Mord im Alpenglühen“ ist erstmals 2005 aufgelegt worden. Nun hat Paul Ott sein Opus magnum überarbeitet und erweitert. Und das war eine Heidenbüez, boomt doch der Schweizer Krimi in den letzten Jahren gewaltig. Allein von Silvia Götschi zum Beispiel sind seit 2010 neunzehn Titel erschienen – „Jakobshorn“ und „Mattawald“ habe ich hier je vorgestellt. Ebenfalls den zweiten Krimi von Marc Voltenauer: „Qui a tué Heidi?“ Sein Erstling „Le dragon du Muveran“ tönt mehr nach Bergkrimi, ist es aber nicht. Dass bei diesem kriminalliterarischen Ausstoss dem Chronisten und Sammler Ott der eine oder andere, insbesondere jüngst erschienene Titel durch die Lappen gegangen ist, versteht sich. Aber dass Paul bei Emil Zopfi, dem Gründer von www.bergliteratur.ch, ausgerechnet dessen dritter Bergkrimi, „Finale“ aus dem Jahr 2010, vergessen hat! Nobody is perfect. Im Krimi erst recht nicht…

Doch nun vom Sachbuch zur Sache. Zwei im letzten Jahr erschienene Deutschschweizer Krimis, die ich je in meine Bergkrimisammlung aufnehme, führen zu einer Endstation. Diejenige von Lorenz Müller endet am Gotthard und drüben in der Leventina – als das Buch erschien, konnte man ja nicht wissen, dass dies seit ein paar Wochen eine Realität ist. Ein Mann verschwindet spurlos – und wird Monate später auf einer Strasse im Gebirge gefunden. Sein Bruder Daniel macht sich auf die Suche und wird bald selbst gejagt. „Direkt unter ihm lag die Bergstation der Standseilbahn im Felsen, und sein Blick folgte der Bahntrasse bis hinunter ins Tal.“ Plötzlich hört er das Brummen eines Automotors.

Bei Gian Maria Calonder – unter diesem Namen veröffentlicht Tim Krohn Krimis um den Polizisten Massimo Capaul – liegt die Endstation im Engadin. Die Fahrt mit der berühmten Albulabahn bereitet allerdings Probleme, nicht für ihn, sondern für einen Arbeiter im Albulatunnel. Kurz darauf kommt ein zweiter ums Leben, und Capaul muss teils zu Fuss Nachforschungen anstellen. „Der Marsch die Val Bever hinab wurde zäh. Die Landschaft war hinreiβend, die Lärchen verloren bereits ihre Nadeln und färbten die Waldhänge und Wiesen bronzefarben. Doch es war kalt geworden, er fror und schwitzte zugleich, auβerdem schmerzte der Zeh.“

Kein erfreuliches Alpenglühen also. Apropos Mord in diesem: Das Titelbild von Paul Otts Buch zeigt eine verpixelte Version des Umschlages zur zweiten Auflage von Friedrich Glausers „Wachtmeister Studer“ von 1939, mit dem unvergesslichen Heinrich Gretler im Fokus. Seit 1979 steht dieser Kriminalroman in meinem Büchergestell, mehrfach gelesen. Noch nie habe ich mich aber gefragt, ob die Alpen darin auch vorkommen. Auf Seite 76, am Anfang des Kapitels zum Interieur der Familie Witschi, werde ich fündig:

«Das Haus stand abseits auf einer Anhöhe, inmitten einer kleinen Wohnkolonie, aber es war älter als die Bauten, die es umgaben. Die Ladentüre war neben der Eingangstüre, links; daneben lag eine Art offener Veranda, an deren Hinterwand sich ein gemalter See vor Schneebergen ausbreitete, und die Schneeberge waren rosa, wie wässeriges Himbeereis. Ueber der Türe prangte in verschnörkelter Schrift der Spruch:
Grüβ Gott, tritt ein, bring Glück herein!
Unter den Fenstern des ersten Stockes in blauer Farbe der Name des Hauses:
„Alpenruh“.»

Paul Ott: Mord im Alpenglühen. Der Schweizer Kriminalroman – Geschichte und Gegenwart. Chronos Verlag, Zürich 2020, Fr. 38.-
Lorenz Müller: Endstation Gotthard. Emons Verlag, Köln 2019, Fr. 20.-
Gian Maria Calonder: Endstation Engadin. Ein Mord für Massimo Capaul. Kampa Verlag, Zürich 2019, Fr. 22.-

Wintersperre

Das perfekte Werk, auch für den düsteren Frühlingsanfang 2020. Ein neuer Meilenstein von Marco Volken.

20. März 2020

«Der Fotograf wird zum Expeditionsreisenden, der sich persönlich einer schwierigen Umgebung aussetzt und keine Gewissheit hat, ob die Reise gelingt oder abgebrochen werden muss. Eine Art Polarforscher unweit der Haustür. Polar waren manchmal auch die Wetterverhältnisse.»

Resümiert Marco Volken seine ganz besonderen Reisen auf Ski, manchmal auch auf Schneeschuhen, in den Wintern 2016/17 und 2017/18. Ganz alleine überquerte er, immer an einem Tag und bei unterschiedlichen Wetter- und Schneeverhältnissen, zahlreiche gesperrte Pässe in der Schweizer Alpen und selten auch im Jura. Dabei hielt er sich konsequent an die angelegten Strassen, was manchmal ziemlich (lawinen)gefährlich war. „Die Bildserien, die so entstanden sind, zeigen die Passübergänge im Zustand ihrer faktischen Nichtexistenz. Als Landschaften in der Schweiz, real und imaginär zugleich.“ So schliesst der Fotograf das Vorwort seines querformatigen Fotobandes mit dem dreisprachigen Titel „Wintersperre – Trève hivernale – Passi solitari“. Ein Meilenstein.

Das sind die neun Pässe, denen Marco Volken ein einmaliges fotografisches Denkmal gesetzt hat: Klausenpass, Grimselpass, Col du Chasseral, Nufenenpass, Forcola di Livigno, Col de la Croix, Col du Grand-Saint-Bernard, Passo del San Gottardo, Passo del San Bernardino. Einmalig aus mehr als einem Grund. Da wird uns eine von Menschen mitgeformte Landschaft gezeigt, die wir sonst kaum, ja nie sehen. Und wie wir sie sehen in diesen Fotos: ein Weiss so farbig wie die Palette; eine Poesie, die ins Dramatische kippen kann; ein Lachen, das im nächsten Bild einfriert. Da gibt es immer wieder Bilder, die sagen mehr als tausend Wort: zum Beispiel die breite Passstrasse am Gotthard, mit den Verankerungen am Strassenrand für die über den Winter abgeschraubten Leitplanken – allein das ein eindrückliches Foto; aber auf einer der Verankerungen hockt ein Bergfink und schaut ins weisse Nichts hinaus.

Anders gesagt: eine geniale Idee, Pässe mit Wintersperre zu fotografieren. Und mit brillanten Fotos heimzukommen. Doch dann ist daraus noch ein grossartiges Buch entstanden. Immer eine rote Doppelseite mit dem Verlauf der Passstrasse, dann eine Seite mit Start, Höhe des Passes und Ziel sowie mit dem Datum der Begehung, mehr nicht. Reduce to the max. Und das Maximum sind eben die Fotos. Dazu, dreisprachig je, das Vorwort von Marco Volken. Und das wirklich sehr lesenswerte und aufschlussreiche Nachwort des Alpenkultur-Wissenschaftlers Martin Scharfe zur Winterreise und zum historischen Wandel der Passüberschreitung: Es gab Jahrhunderte ohne Wintersperre.

Heute, 20. März 2020, ist der kalendarische Frühlingsanfang. Marco Volkens Meisterwerk beginnt mit einer doppelseitigen Foto der Schliessung des Albulapasses am 1. Dezember und endet mit der Schneeräumung des Sustenpasses am 15. Mai.

Marco Volken: Wintersperre – Trève hivernale – Passi solitari. Mit einem Nachwort von Martin Scharfe. AS Verlag, Zürich 2020, Fr. 48.-

Baden und trinken, essen und sein in den Bergen

Ein Aufenthalt in einem Kurbetrieb oder Hotel: Das ist gerade im Bündnerland angesagt. Mit passender Lektüre – wie denn sonst?

10. März 2020

«Mein Schatz. Ich bin in voller Cur, badete bisher täglich 1 mal, künftig 2 Male, und trinke 1½ Mass St. Moritzerwasser. (…) Ich hoffe, dass das Bad nützen werde, aber ich glaube nicht an dauerhafte Besserung meines fliegenden Übels.»

Be(r)ichtete am 21. August 1802 Johann Baptista von Tscharner seiner Frau in einem langen Brief von seinem Kuraufenthalt in Bad Alvaneu im Bezirk Albula in Mittelbünden. Wahrscheinlich wird die Kur mit Baden und Trinken nicht viel genützt haben, weil der Kurgast offenbar ja nicht daran glaubte. Vielleicht waren die täglich zwei Liter eisenhaltigen St. Moritzer Wasser nicht wirklich bekömmlich; allerdings gefiel Herrn von Tscharner der Wein auch nicht, wie er schreibt. Bestimmt würde es ihm heute besser gefallen in Bad Alvaneu. Auf der Homepage lesen wir: „Schwefelhaltige Quellen, wie sie in Alvaneu Bad vorkommen, gehören zu den bedeutendsten Heilquellen. Schwefel ist an vielen lebenswichtigen Prozessen des Stoffwechsels beteiligt. Schwefelbäder eignen sich zur Behandlung von rheumatischen Erkrankungen, Hautleiden, Kreislaufstörungen, Verdauungsstörungen wie auch von Leberkrankheiten.“

Kuren hat im Graubünden eine jahrhundertalte Tradition. Davon erzählt Karin Fuchs in „Baden und Trinken in den Bündner Bergen. Heilquellen in Graubünden 16. bis 19. Jahrhundert“. Das üppig illustrierte Buch bietet einen umfassenden Überblick zur Geschichte der bündnerischen Mineralquellen und Bäder und beleuchtet das Thema aus naturwissenschaftlicher, ökonomischer und gesellschaftlicher Perspektive. Da gibt es Bäder, die bis heute florieren, wie eben Alvaneu oder Vals. Von andern ist bloss ein Name auf der Landeskarte übrig geblieben, wie Bad Fideris im Prättigau. Dort gab es eine gedeckte Kegelbahn und natürlich die Promenade – man und frau konnten ja nicht den ganzen in der Badewanne bzw. im Bett liegen und gesundes Wasser trinken… Mit dem Werk von Karin Fuchs tauchen wir ein in den Medizintourismus von einst bis jetzt. Ein bebilderter Katalog listet alle als heilkräftig beschriebenen Quellen Graubündens auf. So auch das ominöse Kaltbad am Wepchen, das irgendwo zwischen dem Dorf Panix und dem Pass dil Veptga für wohl beschränktes Wohlbefinden sorgte.

Wo hingegen dieses Hotel steht, weiss die halbe Welt. Auch dank Friedrich Nietzsche, der im Dorf unterhalb des Hotels kurte und zu gedanklichen Höhenflügen aufbrach. Sils im Engadin also, auf einer Landzunge zwischen dem Lej da Segl und dem Lej da Silvaplauna gelegen. An erhöhter Stelle über dem Dorf, mit freiem Blick auf die Seen, die Wälder und die Berge, steht seit 1908 ein besonderes Fünfsternehaus: das Hotel Waldhaus Sils, gegründet von Amalie und Josef Giger-Nigg. Ihr Urenkel Urs Kienberger führte zusammen mit seiner Schwester Maria Kienberger und deren Mann Felix Dietrich-Kienberger das Hotel von 1989 bis 2014. Nun zeichnet er verantwortlich für das Jubiläumsbuch „111 Jahre Hotel Waldhaus Sils. Geschichte und Geschichten zu einem unvernünftigen Familientraum“. Das 344seitige Werk spannt den Bogen über mehr als ein Jahrhundert im Leben eines Hotels, mit all seinen kleinen und grossen Geschichten, die sich darin abgespielt haben. Kurze Essays über die Historie des Hotels, Porträts einiger Mitglieder der Besitzerfamilie und Gespräche mit Persönlichkeiten, die sie gut kannten, werden von historischen und aktuellen Fotografien begleitet. Die Wintersaison 2019/2020 dauert noch bis zum 19. April. Vom 16. bis 20. März geben der Weinkenner Stefan Keller und der Hotelsommelier Oscar Camalli Einblicke in den Waldhaus-Weinkeller. Was es dort zu trinken gibt, hätte unserem Kurgast vom Bad Alvaneu besser gemundet als die Gläser mit saurem Wasser bzw. Wein.

Karin Fuchs: Baden und Trinken in den Bündner Bergen. Heilquellen in Graubünden 16. bis 19. Jahrhundert. Hier und Jetzt Verlag, Baden 2019. Fr. 59.-

Urs Kienberger: 111 Jahre Hotel Waldhaus Sils. Geschichte und Geschichten zu einem unvernünftigen Familientraum. Ergänzt durch Gespräche mit Zeitzeugen von Andrin C. Willi und Texte von Rolf Kienberger. Neue Fotografien von Stefan Pielow. Scheidegger & Spiess, Zürich 2019, Fr. 49.-

Schnee von gestern

Welche Bretter bedeuten die Welt? Natürlich die Latten, mit denen wir durch den Schnee von gestern und heute kurven.

6. März 2020

«Haben Sie Ihre ersten Ski-Versuche auf Fassdauben, auf Attenhofer-Skiern oder auf Big Foots gemacht? Unabhängig von Ihrem Jahrgang ist die Chance gross, dass die Frage Ihrer Eltern morgens in der Talstation immer dieselbe war: ‚Hesch alles derbi?’»

Fragt sich Beat Hächler, Direktor des Alpinen Museum der Schweiz in Bern, im Begleitwort zur jüngsten Publikation seines Hauses: „Schnee von gestern. Fundstücke zur Skikultur aus der Sammlung. Ein Postkartenbuch“. Ein wunderbares Cover der legendären offenen Gondelbahn von Moléson-sur-Gruyères auf die Vudalla: Ein hübsches Paar – sie mit bunter Jacke, er mit Zipfelmütze, beide mit Holzski – steht in einer roten Télébenne und blickt etwas skeptisch hangaufwärts, was begreiflich ist, denn der Gipfelhang der Vudalla ist fast so steil wie der Hundschopf oder der Chuenisbärgli-Zielhang; hinten tief verschneit die mächtige Ostwand des Moléson. Diese Postkarte, und 39 andere, könnte man heraustrennen und verschicken – eine schöne Idee, gewiss. Aber auch schade für die rundum geglückte Publikation mit klugen Texten und eben wunderbar nostalgischen Fotos, Postern und arrangierten Fundstücken aus der Sammlung. Wer die Postkarten verschicken will, um zum Beispiel auf die jüngste Museumsattraktion aufmerksam zu machen, aufs „Fundbüro für Erinnerungen, № 1 Skifahren“, kauft sich am besten gleich zwei dieser Postkartenbücher!

Bleiben wir noch grad auf den Brettern, die unsere Welt bedeuten. Und gleiten vom Greyerzer Schnee ostwärts zum weltberühmten Arlberg. Das grösste Skigebiet Österreichs bildet den Schwerpunkt im Alpenvereinsjahrbuch Berg 2020. Vier Artikel gehen dem Arlberg-Gefühl und der Erfindung des Skilaufs als Lebensstil und als Wirtschaftsmacht auf den Grund. Dass der Arlberg auch im Sommer erfrischend sein kann, verrät uns Stephanie Geiger. Passend zum Schnee von gestern andere Themen im 144. Alpenvereinsband: das Eis. Wie Berge und Eis zusammengehören – oder vielleicht auch: zusammengehörten. Was kommt, wenn das Eis geht? Und wie sieht es tief drin in einem Alpengletscher aus. Andi Dick beschreibt die Faszination Eisklettern im Wandel der Zeit. Spannend wie immer in diesem Berg-Buch: die Chronik des Extrembergsteigens, mit einem Interview einer seiner Protagonisten, mit Robert Jasper. Sein Fazit: „In den Alpen gibt es noch wahnsinnig viel Potenzial.“ Zum Glück. Denn die 256-seitige Publikation hört mit diesem Text auf: „Die letzte Bergfahrt“. Damit ist nicht diejenige mit dem Lift zur Bergstation gemeint.

Schnee von gestern. Fundstücke zur Skikultur aus der Sammlung. Ein Postkartenbuch. Redaktion Michael Fässler, Stefan Hächler, Helen Moser. Alpines Museum der Schweiz/Scheidegger & Spiess, Bern/Zürich 2020, Fr. 24.-

BERG 2020. Herausgegeben vom Deutscher Alpenverein (DAV), Österreichischer Alpenverein (OeAV) und Alpenverein Südtirol (AVS); Redaktion Anette Köhler. Tyrolia-Verlag, Innsbruck 2019, € 18.90.

Hütten

Überlebenswichtig sind Hütten. Die Lektüre darüber ist so überraschend wie überzeugend.

27. Februar 2020

«Sich einen Ort schaffen, über den der Mensch bestimmt. An dem er der Natur nicht mehr ausgeliefert ist, sondern sich aus ihr nimmt, was er braucht. Ein Zuhause. Adams und Evas Hütte stellt nichts dar, sie ist nicht groβ, sie ist Bauen in seiner grundlegendsten Form: Sie schafft ein Drinnen, wo vorher nur Drauβen war. Sie ist ein Anfang.
Etwas von diesem Anfang scheint noch in jeder Hütte zu stecken, bis heute.»

Reflektiert Petra Ahne in „Hütten. Obdach und Sehnsucht“. Die Hütte, die Adam und Eva nach der Vertreibung aus dem Paradies bauen, findet sich als Zeichnung am Seitenrand einer italienischen Handschrift aus dem 15. Jahrhundert. Die Hütte besteht aus in den Boden gesteckten Ästen mit darübergelegten belaubten Zweigen. Sie wird nicht die erste gewesen sein. In Nizza wurden in den 1960er Jahren Spuren einer Urhütte entdeckt, 400‘000 Jahre alt. Eine Reihe tiefer Löcher im Boden interpretierten die Archäologen als Fundament einer mit Holzstämmen errichteten Hütte. Im Jahr 2000 fand man bei Tokio Pfostenlöcher und Werkzeuge, nochmals 100‘000 Jahre weiter zurück. Wie Hütten freilich heute aussehen, kann auf cabinporn.com eingesehen werden; 12‘000 Objekte auf der ganzen Welt wurden hochgeladen.

In dem schlicht und schön gebauten Buch mit 132 Seiten und 36 Abbildungen entwirft Petra Ahne Geschichte und Gegenwart der Hütten, anhand der vier Wände Ursprung, Obdach, Abseits und Sehnsucht. Das Dach sozusagen bildet der Bau einer eigenen, 34 Quadratmeter grossen Hütte an einem See in Brandenburg. Le Corbusiers Holzhütte an der Côte d’Azur wird eingehend und kritisch besichtigt wie diejenige von Henry David Thoreau am Walden Pond. Der Mythos von der (falschen) Hütte von Präsident Abraham Lincoln steht etwas schief zum Unterschlupf aus zwei umgedrehten Booten, unter denen 22 Männer der gescheiterten Shackleton-Expedition im Südpolarmeer vier Monate auf Rettung ausharrten. Wie die Autorin die Hütten von Heidi und Alp-Öhi, Lady Chatterley und ihrem Liebhaber und der Hexe im Märchen „Hänsel und Gretel in Beziehung setzt, hat Klasse. Nur einen ganz kurzen Seitenblick gibt es zu Hütten, welche die Bergsteiger am besten kennen.

Zu diesen Bauten ist dieser Tage die Nummer 88 der französischen Bergkulturzeitschrift „L’Alpe“ erschienen: „Refuges. De l’abri de fortune au tourisme d’altitude“. Ein wie immer grossartig und überraschend illustriertes Heft zu diesem Thema, mit einer Vielfalt von Themen, von altertümlichen Gebäuden bis zu den modernsten Biwakschachteln, von Uli Wiesmeiers heimeligen Interieurs bis zu Marco Volkens nicht immer ganz so heimeligen stillen Orte (dort verweilt man ja auch nicht zu lange). Von ihm stammt auch das grossartige Frontispitz von der Jenatsch-Hütte, hell erleuchtet von einem letzten Abendsonnenstrahl. Im hinteren Teil des Heftes wird über Ausstellungen, Begegnungen und Bücher informiert. Dass das Forum Schweizer Geschichte Schwyz die Ausstellung „Joggeli, Pitschi, Globi… beliebte Schweizer Bilderbücher“ zeigt (nur noch bis 15. März), erfuhr ich erst in einer Publikation von Grenoble…

Doch zurück zu den Hütten. Vor kurzem erstand ich im Buchantiquariat Daniel Thierstein in der Berner Altstadt „Im Gebirg und auf den Gletschern“ von Carl Vogt. Der deutsche und später in der Schweiz eingebürgerte Naturwissenschaftler und Politiker gehörte ab 1840 zu den Neuenburger Glaziologen um Louis Agassiz, die auf dem Unteraargletscher ihre bahnbrechenden Studien machten und die mit ihren Führern einige grosse Gipfel wie Lauteraarhorn und Rosenhorn erstmals bestiegen. 1863 veröffentlichte Vogt, 1874-75 erster Rektor der neugegründeten Uni von Genf, eine schlimm rassistische Schrift – auch Agassiz wurde ja zum Rassisten. Ein schaler Nebengeschmack also, wenn man heute Vogt liest. Dabei macht die Lektüre wirklich Spass. So wie hier über die von den Führern erbaute Hütte auf dem Sidelhorn ob dem Grimselpass, in der im Sommer 1841 eine Nacht verbracht wurde:

„Unsere Hütte war fertig, ein Meisterstück alpinischer Baukunst. Wenn diese Blätter und unser Andenken einst modern unter dem Staube der Vergessenheit, dann, hoffe ich, werden redliche Alterthumsforscher die Spuren einer cyclopischen, ohne Mörtel noch Kelle aufgeführten Mauer auf jenen Höhen entdecken und daraus die erstaunenswerthesten Schlüsse ziehen über frühere Bewohnbarkeit der Alpengipfel und die zunehmende Erkältung der Erde. Kann eine rohe Mauer von einigen Fußen Höhe und etwa 12 Fuß Länge, ein Geviert einschließend, nicht Stoff zu den längsten antiquarischen Abhandlungen geben? Jetzt ist sie freilich zerfallen, allein damals war sie doch solid genug, ein paar Alpenstöcke und ein Wachstuch zu tragen; jetzt mag ihr innerer Raum mit nieschmelzendem Schnee erfüllt fein; damals deckte ein reiner Wollteppich den steinigen Boden, ein dunkles Wachstuch das niedrige Dach. Als wir so hineinsahen in die reinliche Höhle, freuten wir uns auf die Nacht, welche wir darin zubringen sollten, und freuten uns des Gewitters in der Nähe, dessen vielstimmige Tafelmusik unseren Murmelthierbraten würzte, den wir als ein zu solchem Lager passendes Nachtessen von der Grimsel mit uns genommen. Wir wußten nicht was uns erwartete, sonst hätten wir noch jetzt den Rückzug angetreten!“

Petra Ahne: Hütten. Obdach und Sehnsucht. Naturkunden N° 53, Matthes & Seitz, Berlin 2019, CHF 35.60.

L’Alpe: Refuges. De l’abri de fortune au tourisme d’altitude. Printemps 2020. Édition Glénat, Musée Dauphinois, CHF 26.-

Carl Vogt: Im Gebirg und auf den Gletschern. Verlag von Jent & Gassmann, Solothurn 1843. www.e-rara.ch/zut/content/titleinfo/2235630