Mörderische Berge

Auf der Alm, da gibt’s ka Sünd, und Verbrechen schon gar nicht. Von wegen…

1. Februar 2022

«Natürlich kann hier oben in den Bergen manches Verbrechen ungesühnt bleiben, wer vermöchte zu sagen, ob es ein Fehltritt oder der Stoß des Begleiters war, was einen Unglücklichen über den Grat riß?»

Das ist die Frage, die sich bei „Verbrechen in den Hochalpen“ immer wieder stellt. Der berühmte Reporter Egon Erwin Kisch stellte sie in der gleichnamigen Reportage, die er 1926 in den Sammelband „Hetzjagd durch die Zeit“ aufnahm. Manchmal allerdings braucht es nicht einmal einen Stoss der Begleiterin. Wie in der Kurzgeschichte „Gipfelglück“ von Heidi Troi:

«Ben lachte lauthals los. „Angst?“ Er trat einen weiteren kleinen Schritt zurück. Direkt hinter ihm der Abgrund. Ein Windstoß brachte ihn ins Straucheln.
Er fing sich wieder.
„Noch ein Stück“, verlangte Tina.
„Nein, Schatz, wirklich nicht.“
„Du hast doch Angst.“
Er schnaubte. „Ich!“
Da zeigte Tina auf einen Punkt über Ben. „Oh, schau mal! Der Adler! Er ist genau über dir!“
Ben riss den Kopf hoch, strauchelte. Ein letzter Windstoß tat sein Übrigens.»

Also, liebe Bergfreundinnen und Bergfreunde, denkt daran beim Fotografieren (und beim Planen einer Hochzeit, wie Tina und Ben): nie zu nahe an den Abgrund! Überhaupt lauert der Tod in den Bergen überall, erst recht, wenn sie auf einer Busreise besucht werden. „Gipfelglück“ ist einer der 25 Alpenkurzkrimis, die Carola Christiansen und Mareike Fröhlich in der Jubiläumsanthologie „Tour de Mord“ zusammengestellt haben, um so 25 Jahre Mörderische Schwestern zu feiern, ein Netzwerk von über 650 Autorinnen, Leserinnen und Bücherfachfrauen. Auf dem Cover des sehr lesenswerten Bandes ein altes Postauto im Lötschental. Dort allerdings ist keine der kriminellen Geschichten, die alle mit einer Busreise in Verbindung stehen, verortet: 13 in Österreich, fünf in Deutschland, vier in der Schweiz und drei in Italien. Wir bleiben grad in diesen vier Alpenländern, obwohl der Abgrund verdammt nahe lauert.

«Sie steigen weiter zur Südspitze, beginnen, den hier sehr ausgesetzten Grat zu überqueren. An einer Stelle sehen sie seitlich in die mächtige Ostwand. Sie bleiben stehen. Hier sind sie nicht gesichert, aber das Band ist relativ breit. Heike kann nicht mehr. Ihre Augen flimmern vor Angst. Jetzt kracht ein Blitz in die Ostwand. Gleich darauf ein infernalischer Donner. Es ist, als ob der ganz Watzmann zittert.»

Achtzehn Sekunden bzw. Zeilen später passiert es. Heike und ihr Mann Stefan stürzen in den Abgrund, in die Watzmann-Ostwand, die höchste Wand der Ostalpen. Oder werden sie gestürzt? Eigentlich wollten sie dort oben und später dann im Luxushotel ihre silberne Hochzeit feiern. „Mord am Watzmann“ heisst der Berchtesgaden-Krimi von Felix Leibrock. Also nur lesen, wenn es nichts zu feiern gibt, schon gar nicht in den offenbar mörderischen Högern.

Dort gefällt es Commissario Tasso gar nicht. Er wäre lieber in seiner Heimatstadt Rom. Aber er muss halt in Bozen ermitteln. Zum Glück hat er mit Mara, der Tochter des Bürgermeisters, eine tüchtige Stagiaire, die für ihn die Kohlen aus dem Feuer bzw. dem Schnee holt, in Meran und vor allem in Cortina d’Ampezzo. Kurze Szene:

«Verdrießlich betrachtete Tasso den Hang und die unberührte Schneedecke. Es war nicht zu erkennen, wo ein Pfad zu der Hütte führte – und ob überhaupt.
Er wandte sich ab und wollte weitergehen. Dann hörte er hinter sich ein Geräusch wie von einem rutschenden Schneebrett. Er fuhr herum.
„Mara, was machen Sie denn, Sie können doch nicht … Madonna mia!“»

Gianna Milanis „Commissario Tasso auf dünnem Eis“ spielt 1962. Auf eine sommerliche Fortsetzung freue ich mich, hoffentlich wieder mit Mara. Tasso dürfte es nun in Bozen auch besser gefallen, da er jemanden kennengelernt hat, die noch besser kocht als Mama oder Tante Hedwig.

Ein ungleiches Duo bilden ebenfalls die Mailänder Journalisten Marco Besana und Ilaria Piatti. An sich nichts Ungewöhnliches bei Kriminalromanen, wenn man an Sherlock Holmes und Doktor Watson denkt. In „Stiller als der Tod“ von Dario Correnti recherchieren sie im Engadin – und in der besseren Gesellschaft. Dummerweise verliebt sie Marco noch in eine Dame von Welt. Ilaria behält einen kühlen Kopf. Weniger Giacomo in der einsamen Hütte oben – ob er der Serienmörder ist?

«Aber heute Morgen hat er sich nicht gut gefühlt, das hat er schon gemerkt, als er an der Hütte aufgebrochen ist. Ein heftiger Kopfschmerz. Wieder diese verdammte Neuralgie. Aber davon hat er sich nicht beirren lassen. Er ist trotzdem losmarschiert. Auch von den ersten Wolken über dem Piz Palü hat er sich nicht aufhalten lassen. Kurz darauf fing es an zu schneien.»

Immer dieser Schneefall, der alle Spuren verwischt. Immer dieses aufziehende Schlechtwetter, das nichts Gutes verheisst. Im Gebirge lauern eben nicht nur Abgründe, und zwar solche jeglicher Art, gebirgige und gesellschaftliche…

«Der Grosse und der Kleine Mythen thronten wie gigantische Wächter über Schwyz. Ihre Felsen düster und unheimlich im aufkommenden Wind, der schwere Wolken aus dem Süden vor sich herschob.“

Kurze Wetterbeobachtung aus Silvia Götschis „Etzelpass“, ihrem siebten Krimi in der Valérie-Lehmann-Reihe. Andere Titel aus dieser Reihe lauten „Muotathal“, „Einsiedeln, „Itlimoos“ und „Lauerzersee“. In zwei anderen Reihen stehen „Jakobshorn“, „Mattawald“, „Bürgenstock“, „Engelberg“ und „Interlaken“ für tödliche Orte. Langsam wird es unheimlich im Lande, auch wenn die Verbrechen jeweils aufgeklärt werden. Trotzdem: Den Etzel (1097 m) beim gleichnamigen Pass, den ich schon lange mal besteigen wollte – ich weiss nicht, alleine werde ich mich dort hinauf nicht wagen, bei nebligem Wetter schon gar nicht. Und der Jakobsweg, der in der Nähe vorbeiführt, scheint auch mehr teuflisch als göttlich zu sein. Doch wohin sollen wir uns wenden?

Klar, nach Garmisch-Partenkirchen! Dort standen 1936 bei den IV. Olympischen Winterspielen erstmals Wettbewerbe im alpinen Skisport auf dem Programm (ohne Schweizer Medaille übrigens). Und dort spielen auch meine liebsten Verbrechen in den Alpen, diejenigen mit Kommissar Jennerwein. Titel des vierzehnten Bandes von Jörg Maurer: „Bei Föhn brummt selbst dem Tod der Schädel.“ Schon wieder diese Wetterfühligkeit – liegt offenbar in der Luft. Mehr jedenfalls als das Lesen von Alpenkrimis – Ausschnitt von Seite 188:

«Jennerwein hatte von diesen Büchern gehört, aber er hatte noch nie eines davon in der Hand gehabt. Sie handelten von seinen eigenen Kriminalfällen, die er im Lauf der letzten dreizehn Jahre gelöst hatte. Der Autor hatte sich die Arbeit gemacht, jeden der Fälle penibel zu recherchieren, und Jennerwein hatte sie eigentlich deswegen nicht gelesen, weil er fürchtete, dass die Ereignisse nicht wahrheitsgetreu dargestellt worden waren. Der Klappentext der Bücher sprach zwar von knallharter Recherche, unverfälschten Fakten und leidenschaftlicher Detailtreue. Aber bei solchen Romanen wusste man ja nie…»

Egon Erwin Kisch: Verbrechen in den Hochalpen, in: Hetzjagd durch die Zeit, 1926. Online: www.projekt-gutenberg.org/kisch/hetzjagd/chap005.html

Carola Christiansen & Mareike Fröhlich (Hg.): Tour de Mord. 25 kriminelle Kurzgeschichten im Alpenraum. Servus Verlag, Wals bei Salzburg 2021, € 14,00.

Felix Leibrock: Mord am Watzmann. Ein Berchtesgaden-Krimi. Servus Verlag, Wals bei Salzburg 2021, € 14,00.

Gianna Milani: Commissario Tasso auf dünnem Eis. Bastei Lübbe Verlag, Köln 2021, € 12,90.

Dario Correnti: Stiller als der Tod. Penguin Verlag, München 2021, € 10,00.

Silvia Götschi: Etzelpass. Emons Verlag, Köln 2021, € 15,00.

Jörg Maurer: Bei Föhn brummt selbst dem Tod der Schädel. S. Fischer Verlag, Frankfurt aM 2021, € 17,00.

Skibuchslalom

Skifahren kann mehr sein als einfach im Schnee kurven. Vier Bücher erzählen das auf ihre eigene Art.

24. Januar 2022

«En mettant un peu plus d’angle, ma chaussure droite frotte la neige et m’envoie à terre, droit dans les décors. Un misérable ski intérieur que sonne le glas de mes espoirs, de ma carrière, de ma vie.»

Wem die Stunde bzw. die Sekunde schlägt: eine kleine Unaufmerksamkeit während des Skirennens, ein übler Sturz, noch einer, es ist nicht der erste. Und vorbei ist der Lauf, die Laufbahn, und auch das Leben? Nein, das dann doch nicht, aber die erhoffte, erträumte, angestrebte Karriere als Skirennfahrer, das muss der 17-jährige River nun an den berühmten Nagel hängen. Von nun kann er im TV zuschauen, wie es andere junge Talente schaffen, bis weit oben, vielleicht sogar so weit wie ein Marco Odermatt.

Sven Papaux, 1991 in Vevey geboren, war auf dem Weg zum erfolgreichen Schweizer Skisportler, als ihn eine Verletzung zum Abbruch dieser Laufbahn zwang. Nun arbeitet Papaux als Journalist. Seine Geschichte als hoffnungsvoller, dann am Boden zerstörter Skirennläufer hat er zum eindringlichen Roman „Au carrefour des intentions“ gestaltet. Sozusagen stellvertretend für alle, die so hart daran arbeiten, einmal schon nur die Abfahrten von Kitzbühel oder Cortina bestreiten zu dürfen, geschweige denn in die vorderen Ränge zu fahren, und die irgendwie gebremst werden, nicht nur durch einen Sturz. Ein erhellendes Buch über die Schattenseite des Spitzensports.

Er aber hat es geschafft, bis ganz oben: Giorgio Rocca, 1975 in Chur geboren (seine Mutter ist Schweizerin), aufgewachsen in Livigno, wo er immer noch lebt. Er gewann an Ski-WM drei Bronzemedaillen (zwei im Slalom, eine in der Kombination). In der Saison 2005/06 sicherte er sich den Sieg im Slalom-Weltcup. So heisst denn auch seine mit Thomas Ruberto verfasste Autobiografie: „Slalom. Vittorie e sconfitte tra le curve della mia vita“. Das erste Kapitel dieser Siege und Niederlagen beim Kurvenlauf des Lebens beginnt so: „Una montagna e un pendio innevato da affrontare con un paio di sci a piedi: non esiste luogo al mondo in cui mi trovi meglio. In fondo basta poco per farmi stare bene: quando scio, sono a mio agio ovunque.“ Wie wahr!

Wenn ich Ski fahre, fühle ich mich überall gut. Ein Feststellung, die Giorgio Daidola, Jahrgang 1943, sofort unterschreiben würde, allerdings mit dem Zusatz: Wenn ich mit Telemarkskis fahre. Von Gipfeln auf allen Kontinenten ist Giorgio mit seinen sci da telemark elegant hinab geschwungen. Und hat darüber zahlreiche Artikel und Bücher geschrieben. Sein jüngstes Werk behandelt die winterliche Dolomiten-Königin: „Marmolada bianca“. Allerdings scheinen die Hänge der Marmolada (3343 m) nicht mehr makellos weiss zu sein. Einerseits dreht an der Punta Rocca das übliche laute Seilbahn-Pisten-Karussell, am riesigen Nordhang unter der Punta Penia läuft aber nicht mehr viel, seit eine riesige Lawine das Rifugio Pian dei Fiacconi zerstört hat. Daidola plädiert für die Aufnahme eines einfachen Skitourismus, mit einer kleinen Sesselbahn und einem Berggasthaus, damit an der Marmolada nicht nur einsame Skitourenwölfe ihre Spuren ziehen. Wer die verschneite Regina delle Dolomiti besteigen möchte, findet bei Daidola alle Infos. Und das müsste man wohl einmal machen, mit oder ohne Telemarkskis.

Und wenn wir schon am Planen sind. Letzte Woche hätte ja wie üblich im Januar das WEF in Davos über die Bühne gehen sollen; nun findet es dort vom 22. bis 26. Mai 2022 statt – hoffentlich, mit Corona weiss man ja nie. Im Januar 2020 wählten vier Italiener eine ganz besondere Anreise nach Davos: von Chiareggio im Val Malenco auf der Südseite des Bernina-Massivs mit Tourenski über Pässe und Gipfel hinweg, an Hütten und Dörfern vorbei, bis ans WEF. Über diese skitouristisch-umweltpolitische Annäherung auf schmalen Brettern hat einer der Teilnehmer ein ungewöhnliches Skibuch verfasst: „Sciare in un mondo fragile. Quattro amici sul filo della crisi climatica“. Skitouren als Protest gegen die Mächtigen der Welt: eine schöne Idee.

Sven Papaux: Aux carrefour des intentions. Éditions Slatkine, Genève 2021, Fr. 28.-

Giorgio Rocca, Thomas Ruberto: Slalom. Vittorie e sconfitte tra le curve della mia vita. Ulrico Hoepli Editore, Milano 2021, € 19,90.

Giorgio Daidola: Marmolada bianca. Edizioni dal Faro, Trento 2021, € 15,00.

Marco Emanuele Tosi: Sciare in un mondo fragile. Quattro amici sul filo della crisi climatica. Monte Rosa Edizioni, Gignese 2021, € 19.90.

Das Skivirus

Nur Skibücher und Skiausstellungen sind schöner als Skifahren. Oder umgekehrt.

17. Januar 2022

«Dieses Buch ist für alle, die das Gefühl der Schwerelosigkeit lieben. Für die, deren Herz aufgeht bei der Verbindung von Sport und Natur, die den Rausch der Geschwindigkeit genießen oder die unmöglichsten Sprünge und Tricks ausprobieren. Für diejenigen, die ihre Schneetage in den Bergen zusammen mit ihrer Familie verbringen, und ebenso jene, die den ganzen Winter über nach dem einsamsten Tiefschneehang jagen.»

So beginnt „Das Skibuch“ mit dem etwas langen Untertitel „Alles über Alpinski, Snowboard & Langlauf, Skigebiete, Touren, Technik und vieles mehr in über 1000 Infografiken, Illustrationen und Karten“. Verfasst hat das Werk Steffen Heycke aus Hamburg. Die Stadt an der Elbe und Skilauf? Was auf den ersten Blick nach sich kreuzenden Spuren aussieht, ergibt auf den zweiten regelmässige Parallelschwünge. 1891 publizierte die Verlagsanstalt und Druckerei A. G. (vorm. J. F. Richter) in Hamburg das erste deutschsprachige Buch zum Skilauf: „Auf Schneeschuhen durch Grönland“. Schneeschuhe waren damals auch die langen Holzlatten, nicht nur die runden, mit Schnüren bespannten Holzrahmen. Der norwegische Originaltitel des 1890 in Christiania erschienenen Werkes von Fridtjof Nansen heisst denn auch „På ski over Grønland“. Das Buch löste in den Alpenländern einen, genau genommen den Skiboom aus.

Etwas Skigeschichte taucht auch im neuen Hamburger Skibuch auf. Dass allerdings St. Moritz das älteste Skigebiet sei, ehrt zwar den superlativverwöhnten Ort im Oberengadin, erweist sich leider aber als Sturz. Schon eher kommt diese Ehre der bis 1924 Christiania genannten Hauptstadt Norwegens zu: Die Mitglieder des 1877 gegründeten Christiania Ski Club unternahmen jeweils Ausflüge auf den schmalen Latten in die Umgebung von Oslo. Mehr noch: Nach dem Skilaufen liessen sie Aquavitgläser kreisen, worauf Kartoffeln gegessen wurden, um die Wirkung des Alkohols zu mildern – das war auch der Beginn des Après-Ski.

Doch vor dem Anstossen wollen wir noch etwas skilaufen. Zum Beispiel im sechst- bzw. achtgrössten Skigebiet der Alpen. Die beiden heissen Via Lattea bzw. Les Sybelles. Noch nie gehört. Müsste man als PistenskifahrerIn wohl mal hin, immerhin weist das „Milchweg“-Gebiet zwischen Italien und Frankreich 400 Pistenkilometer auf. Das Problem dabei: die Anreise. Exakt das zeigt „Das Skibuch“ an einem Skiurlaub in Lech am Arlberg mit An-/Rückreise von/nach Dresden im Auto auf: Dieser verursacht mit 296 kg CO2-Ausstoss die grösste Umweltbelastung, während die Carbon Footprints von Unterkunft (85 kg CO2), Verpflegung (32 kg CO2), Aktivitäten vor Ort (10 kg CO2) vergleichsweise gering ausfallen.

Weitere Themen in dem von Fanny Huppmann klar illustrierten Skibuch: Skitechnik, Snowboard, Leistungsport, Skitouren, alpine Gefahren und Wirtschaft. Dagegen nimmt sich die Skikultur bescheiden aus. Und die Bemerkung auf der letzten Seite, dass Après-Ski und Literatur schwer zusammenpassten, verpasst ein Tor: Die Skiliteratur der 1930er Jahre beschreibt die Aktivitäten nach dem Skifahren noch fast ausführlicher als das Gleiten auf Schnee.

„Après-ski“: So lautet der Titel eines Docufiction genannten Buches von Johann Pellicot (Text) und Sophie Rodriguez (Fotos) über eine Woche Schneeurlaub in Villard-de-Lans im Naturpark Vercors unweit von Grenoble. Darin erhält der Begriff eine neue Bedeutung: Was passiert in einem nicht sehr hoch gelegenen Skigebiet, wenn der Schnee ausbleibt, sei es der natürliche oder künstlich hergestellte. „Après-ski“ schildert locker und präzis, amüsant und traurig, wie die Einheimischen und Touristen mit dem Klimawandel umgehen. „Il faut s’adapter, trouver des alternatives. C’est pour ça qu’on fait du kart sur la terre quand y a pas de neige“, sagt Musher Jiri, der seit 20 Jahren Touren mit Schlittenhunden anbietet, zum Möchte-gern-Skifahrer Johann, der seinerseits gesteht: „Je ne suis pas prêt à abandonner mes rêves de neige.“ Wer schon, der mal das erlebt hat, wovon Fridtjof schreibt: „Kann man sich etwas Frischeres, Belebenderes denken, als schnell wie der Vogel über die bewaldeten Abhänge dahinzugleiten, während die Winterluft und die Tannenzweige unsere Wangen streifen und Augen, Hirn und Muskeln sich anstrengen, bereit, jedem unbekannten Hindernis auszuweichen, das sich uns jeden Augenblick in den Weg stellen kann?“

Davon, von diesem ansteckenden Gefühl und Erlebnis des Gleitens auf Schnee, handelt die neue Ausstellung im Alpinen Museum der Schweiz in Bern: „Das Skivirus. Eine Spurensuche.“ Der Skibazillus (so der Titel eines Buches von Hubert Mumelter aus dem Jahre 1936) breitete sich in der Zwischenkriegszeit rasant im Alpenraum und in den Mittelgebirgen aus. Skifahren wurde zum Lebensgefühl einer jungen, vor allem auch städtischen Generation. „Zum Skifahren gehörten das Naturerlebnis, das Adrenalin der Schussfahrt, die waghalsigen Sprünge, das Spiel der Geschlechter, Mode, Skiromane, Musik – und die Fotografie, die dieses Lebensgefühl festhält und vervielfacht“, schreibt das Alpine Museum. Kronzeugen dieser Skikultur sind die Adelbodner Fotografen Emanuel Gyger und Arnold Klopfenstein. „Skivirus“ zeigt ihre genialen Schwarzweissfotos und kontrastiert diese mit Videoaufnamen zur neuen Pionierzeit des Skifahrens im heutigen China.
In diesem Sinne: Es lebe der Skilauf -滑雪运动万岁!

Steffen Heycke: Das Skibuch. Alles über Alpinski, Snowboard & Langlauf, Skigebiete, Touren, Technik und vieles mehr in über 1000 Infografiken, Illustrationen und Karten. Marmota Maps, Hamburg 2021, € 35,00.

Johann Pellicot & Sophie Rodriguez: Après-ski. Préface de Tony Parker. Docufiction. Éditions Glénat, Grenoble 2021, € 20,00.

Das Skivirus. Eine Spurensuche. Ausstellung im Raum Biwak des Alpinen Museum der Schweiz in Bern, 22. Januar bis 1. Mai 2022. www.alpinesmuseum.ch/de/ausstellungen/biwak. Mit Führungen und Veranstaltungen; so einer Skitour auf den Gurten (sofern Frau Holle mitmacht) und einem Leseabend mit Skiliteratur der 1930er Jahre (am 5. April 2020).
Vernissage von Skivirus: Freitag, 21. Januar 2022, 18.30 Uhr. Die Platzzahl ist beschränkt; Anmeldung booking@alpinesmuseum.ch oder Tel. 031 350 04 42.

Die Erfolgsgeschichte des internationalen Schneesports. Ausstellung im ersten Schweizer Schaufenstermuseum, im MiniMuseumMürren. 29. Dezember 21 bis 30. November 2022. www.minimuseummuerren.ch/wp/wp-content/uploads/2021/11/MiniMuseum-Mu%CC%88rren-Erfolgsgeschichten-Schneesport-Broschu%CC%88re-web.pdf

Après-Lift

Vom Après-Ski zum Après-Lift: SchneesportlerInnen, die mit Fellen an den Brettern hochsteigen, geniessen die weissen Hänge ehemaliger Pistenberge in neu-alter Frische. Mit einem neuen Buch im Rucksack.

11. Januar 2022

«Einfach Traumhänge bis hinunter. Schade eigentlich, dass es den Lift nicht mehr gibt. Aber drüben am Chuenisbärgli, da läuft er noch, nur grad jetzt, anfangs Dezember, nicht, zu wenig Schnee. Der steile Zielhang, so gefürchtet bei Athleten, so Furcht erregend bei Zuschauern, sieht von der Fläckli-Perspektive flach aus.»

Das war der Start, am 20. Dezember 2003. Der Start zum Erkunden und dann Vorstellen von Bergen, die einst mit einem Lift oder einer Bahn erschlossen waren und die nach dem Abstellen bzw. Abbruch der mechanischen Aufstiegshilfen wieder zu reinen Skitourenzielen wurden. Hier das Fläckli (1862 m) bei Adelboden, gegenüber dem weltberühmten und skiweltcup-erprobten Chuenisbärgli. Der Fläckli-Lift war ein Stangenschlepplift mit kuppelbaren Klemmen nach dem System Poma, das vor allem in der Westschweiz und in Frankreich im Einsatz war und immer noch ist. Der 1,25 km lange Lift lief von 1962 bis 1999. Die Talstation befand sich auf ca. 1293 m, die Bergstation auf ca. 1825 m; das Häuschen dort steht noch – ein kleiner Lost Place im Schatten des Lohner, mit „nachmittagssonnigen Hängen“, wie ich in meinem Tourenbuch Nr. 19 2003/04 notierte.

In der Saison 2004/05 erkundete ich dann bewusst weitere Skiberge, an denen einst die PistenskifahrerInnen ihre Schwünge hinlegten, wie den Regelstein im Toggenburg, wie La Riondaz ob Leysin und den Lasenberg am Stockhorn ob Erlenbach. Dort waren wir winterlang mit dem steilen Skilift hinaufgefahren, um anschliessend vor allem neben den Pisten hinabzukurven. Der Lift war von 1968 bis 2004 in Betrieb. Daran erinnert nur noch das Holzhäuschen auf dem Gipfeldach des Lasenbergs; verlassen steht es dort oben. In meinem druckfrischen Führer „Après-Lift. 49 Skitouren auf Ex-Bahn-Berge der Schweiz“ ist es gleich zweimal abgebildet.

2005 war in der SBB-Zeitschrift „Via“ mein Artikel „Skitouren. Lustvolles Schwingen an liftfreien Hängen“ erschienen. Im Dezember 2017 veröffentlichte der „Naturfreund“ auf acht Seiten „Neue Skitourenberge erhält das Land“, mit 20 Tourentipps von der Barilette im Waadtländer Jura bis zur Cùlmina im Centovalli. Und nun also „Après-Lift“ mit 373 Seiten. Das Buch widmet sich abgestellten und abgebauten Transportanlagen für Skifahrer und Snowboarderinnen, allerdings nur solchen, die auf oder gegen Gipfel führten. Es stellt 78 Skilifte, 17 Sessel- und 8 Seilbahnen in der ganzen Schweiz vor, die nicht mehr laufen; von der Tête de Ran bei La Chaux-de-Fonds bis zum Passo del Bernina, vom Ottenberg ob Weinfelden bis zu den drei Gipfelskiliften am Monte Lema im Südtessin. Wie schon die wissenschaftlich angelegte Publikation „Letzte Bergfahrt“ (vgl. https://bergliteratur.ch/letzte-bergfahrt/) geht mein zwölfter (und letzter) Skitourenführer in kurzen Schwüngen auch der Frage nach, warum es an diesen fürs Pistenskifahren eigentlich günstigen Bergen keinen Skilauf und schon gar kein Après-Ski mehr gibt. Oder doch? In den verlassenen Tal- und Bergstationen liessen sich doch groovige Einkehrschwung-Partys durchführen – ein unwiderstehlicher Cocktail aus Hula Palu und Lost Places.

„Anregend wirkt auch auf den Gast / der sehr romantische Kontrast / des Schnees, der Kälte, der Gefahr / und hintennach der warmen Bar, / wo man durchnässt und wieder trocken / bei einem Fünfuhrtee kann hocken.“ Was Hubert Mumelter in der „Ski-Fibel“ (1933) zu schreiben vergass, zeigte er auf seiner Zeichnung: Das hübsche Paar, er an den Tresen anlehnend, sie auf dem Barhocker sich räkelnd, trinkt nicht Tee – mais non! Man stelle sich nun vor, neben abgehängten Skiliftbügeln, rostenden Kabinen, herabhängenden Drahtseilen einen „Fünfuhrtee“ zu schlürfen, während sich die Musik mit dem Heulen des Windes vermixt – echt cool, Leute!

Geeignete Lost Ski Places finden sich einige in „Après-Lift“. Zum Beispiel die Talstation der Télécabine Col de Menouve in Super Saint-Bernard; die Bergstation liegt fast auf der Grenze Schweiz-Italien. Wer verlassene Bauten in bella Italia besuchen will, greift zum Führer von Diego Vaschetto: „Fantasmi di montagna. Escursioni ai più spettacolari luoghi abbandonati sulle Alpi del Nordovest”. Fünfzehn „escursioni imperdibili“, unumgängliche Wanderungen, werden vorgeschlagen. Vier Touren zu ehemaligen Seilbahnstationen für den Skilauf enthält der Wanderführer, so auch diejenige zur Cima di Furggen (3491 m) auf dem Verbindungsgrat zwischen Klein und Gross Matterhorn. Die Bergstation ist der höchste Flecken in „Après-Lift“.

Daniel Anker: Après-Lift. 49 Skitouren auf Ex-Bahn-Berge der Schweiz. AS Verlag, Zürich 2022, Fr. 42.80.

Diego Vaschetto: Fantasmi di montagna. Escursioni ai più spettacolari luoghi abbandonati sulle Alpi del Nordovest. Edizioni del Capricorno, Torino 2021, € 13,00.

Radio SRF 1 widmet sich am Donnerstag, 13. Januar 2022, den (winterlichen) Lost Places. Als Morgengast zwischen 7:17 und 7:22 Uhr hat man mich ausgewählt. Skitourenfahrer sind es ja gewohnt, früh aufzustehen, wenigstens im Frühling…

BERG 2022

Das neue Jahr mit dem neuen Alpenvereinsjahrbuch beginnen – gewiss doch! Im Fokus: Ortler, Freiheit und zwei mutige Alpinistinnen/Ballonfahrerinnen.

4. Januar 2022

«An der „Roten Schule“ läuft knapp unter Höhe des ersten Stockwerkes ein schmaler Sims um das ganze Gebäude mit all seinen Eck- und Schmuckpfeilern. Uns auf diesem Sims entlangzutasten, Rücken an der Wand, war uns höchste Wonne! Das Schönste dabei – nervenkitzelnd, so daß das Herz ein wenig klopfte! –: das sich Halbumdrehen und Hinumgreifen und -treten um den Pfeiler wie am Floitentritt der Zsigmondyspitze! Nur hieß es leider: gleich nach Bezwingung des Eckpfeilers wieder kehrtmachen; denn die Straße kam in Sicht! Dann, ehe die Treppe gebaut ward, Schi-Abfahrt auf Schuhsohlen über sehr steile, blanke Eisbahn von dem Renaissancebau des Tuchmachertores hinab bis zur Eingangstür der Stadtkirche! So kurz die Bahn war: in einem Schuß ging es hinab – wir beide mit Jungen um die Wette!»

Hoffentlich habt Ihr, liebe Bergfreundinnen und Bärgfründe, den Rutsch ins Neue Jahr so gut überstanden wie Margarete (1876–1951) und Elsbeth Grosse (1879–1947) jeweils ihre gefährlichen Schi-Abfahrten auf Schuhsohlen in Meißen. Und vielleicht habt Ihr die verschiedenen Festessen des Jahresendes bzw. -beginns gar auf Meissener Porzellan genossen. Gefunden habe ich das jugendlich-übermütige Zitat im Buch „Frauen auf Ballon- und Bergfahrten. Ein Lebensbuch. Dem Andenken meiner einzigen Schwester und Lebensgefährtin Elsbeth Grosse gewidmet von Margarete Grosse“; es erschien 1951 im Verlag der Österreichischen Bergsteiger-Zeitung in Wien, offenbar in einer sehr kleinen Auflage. In schweizerischen Bibliotheken ist das Werk nicht vorhanden, obwohl beschriebene Touren von der Rigi über die Grosse Windgälle und die Jungfrau bis aufs Matterhorn führen.

Margarete und Elsbeth Grosse waren Pionierinnen im Berg- und Ballonsport. Von 1899 bis 1944 unternahmen die Schwestern aus Meißen – immer selbständig organisiert – über 40 Alpen-, Gebirgs- und Italienfahrten. Darüber berichteten sie in alpinen Zeitschriften und in öffentlichen Vorträgen, ein ziemliches Novum in jenen Tagen. Und gleichzeitig wurde über die beiden sächsischen Frauen berichtet, insbesondere über ihre Ballonfahrten. Die Ungarn-Fahrt im März 1910 mit gut 22 Stunden Dauer, 871 Kilometern Entfernung und einer erreichten Höhe von 6000 Metern galt als Weltbestleitung. Mehr zu den Grosse-Frauen im Beitrag von Joachim Schindler im Alpenvereinsjahrbuch BERG 2022. Haupthemen im frischen Jahrgang: Ortler und Freiheit.

Nirgendwo in den Arbeitsgebieten der Alpenvereine von Deutschland, Österreich und Südtirol geht es höher hinauf als auf den Ortler (3905 m); der gewaltige Gletscherberg liegt nur gerade 7,5 Kilometer südöstlich der italienisch-schweizerischen Cima Caribaldi oberhalb des Stilfserjochs. Also sozusagen am Rande der Schweiz. Der zweithöchste Gipfel des Ortler-Massiv ist die Königsspitze (3851 m), auch Gran Zebrù genannt. Die erste Skibesteigung machten am 8. Januar 1911 Guido Miescher, Rudolf Staub und Karl Steiner, alle Mitglieder des Akademischen Alpenclubs Zürich; zuoberst zog Steiner in der warmen Wintersonne das Hemd aus – und hisste die Schweizer Fahne. Apropos Skilauf: Matthias Heise und Christoph Schuck widmen sich im neuen BERG dem „Après-Ski ohne Party. Stillgelegte Skigebiete in den Alpen“.

Der Schwerpunkt des neuen Alpenvereinsjahrbuches befasst sich mit der Freiheit, dem immer wieder angestrebten und vielleicht auch erfüllten Versprechen des Bergsteigens. Verschiedene Autorinnen und Autoren geben auf die Frage, warum wir uns in den Berg frei fühlen (können bzw. konnten), ganz verschiedene und immer lesenswerte Antworten – zum Nachdenken und -ahmen, zum Schmunzeln und Mutschöpfen. Insgesamt ist BERG 2022 ein starker Jahrgang. Da knotet sich der Satz, mit dem Margarete Grosse das Buch „Frauen auf Ballon- und Bergfahrten“ ausklingen lässt, bestens ein: „Als Höhenfeuer lodre der edle Dreiklang: Friede – Freiheit – Freundschaft.“

Margarete Grosse: Frauen auf Ballon- und Bergfahrten. Ein Lebensbuch. Dem Andenken meiner einzigen Schwester und Lebensgefährtin Elsbeth Grosse gewidmet. Verlag der Österreichischen Bergsteiger-Zeitung, Wien 1951.

BERG 2022. Alpenvereinsjahrbuch Band 146, herausgegeben vom Deutscher Alpenverein (DAV), Österreichischer Alpenverein (OeAV) und Alpenverein Südtirol (AVS). Redaktion Axel Klemmer. Tyrolia-Verlag, Innsbruck 2021, € 20.90.

Die Alpen im Fieber

Antworten und Fakten rund um Geschichte, Gegenwart und Zukunft des alpinen Klimas inklusive Anregungen, wie wir mit einem für die Natur geschärften Bewusstsein die Erwärmung bremsen könnten: das passende (Berg-)Buch zum Jahresende.

31. Dezember 2021

«Die Gretchenfrage im Winter: Können wir in Zukunft noch skifahren? Schnee ist das „weiße Gold“ der Alpen. Im ökonomischen Sinn als Grundlage des Wintertourismus, aber auch im ökologischen Sinn als Wasserspeicher für die Alpen und die umliegenden Länder. Bis heute konnte man sich mit aufwendigem Schneemanagement touristisch gut behaupten. Ohne aktiven Klimaschutz wird das aber immer schwieriger. Es lohnt sich, gegen jedes Zehntel Grad Erwärmung zu kämpfen. Wir entscheiden heute über den Schnee der Zukunft.»

Andreas Jäger, Meteorologe, Geophysiker, Wissenschaftsjournalist und Autor des Buches „Die Alpen im Fieber“, formuliert griffig und gut verständlich. Zwei weitere Beispiele: „An Stürmen, Dürren und Überschwemmungen dreht nicht mehr der Wettergott, sondern wir.“ Allerdings: „Die Klimakrise ist real – aber wir können noch etwas tun.“ Der Autor zeigt in seinem von Lana Bragin klar illustrierten Buch über die Klimakrise, wie es dazu kam und wie wir sie vielleicht meistern könnten, wenn… Genau, wenn dieses Wörtchen nicht wäre. Mit kurzen und langen Textblöcken jagt uns Jäger durch die Klimageschichte der Alpen und schildert eindringlich, wie alles zusammenhängt, von den Neandertalern bis zum Skiliftsterben (auch Klimaskeptiker werden sich seinen Argumenten beugen müssen). Im dritten Teil werden uns sachlich und unaufgeregt Lösungen an die Hand gegeben: Was können wir, jede(r) einzelne von uns, tun, um den Klimakollaps zu verhindern. Heute, nicht morgen. Deshalb, als erster Schritt: „Die Treibhausgase so schnell wie möglich reduzieren.“ Nur wie? Lesen – und handeln.

Die Alpen im Fieber. Die Gesellschaft im Fieber. Die Weltpolitik im Fieber. Und wenn das nicht genug wäre: Oft Regenwetter in der letzten Jahreswoche, statt blauer Himmel über weiss verschneiter Landschaft. Trotzdem bzw. grad erst recht: es guets u gsunds nöis Jahr!

Andreas Jäger: Die Alpen im Fieber. Die 2-Grad-Grenze für das Klima unserer Zukunft. Bergwelten Verlag, Salzburg 2021, Fr. 47.90.

Matterhorn, legendär

Der Berg der Berge sorgt immer wieder für Überraschungen. Auch zu Weihnachten.

22. Dezember 2021

«A la tombée de la nuit, Acaste retrouva ses parents. Il se retourna pour contempler ce qui restait de la roche du matin: des pics, des crevasses et, là-haut, où il avait tenu bon, un sommet magnifique.
Il en était orgueilleux. On n’avait jamais vu une montagne si belle.
Tout le monde en était fier, mais personne ne pouvait s’imaginer que cette aiguille de roche serait appelée, de milliers de siècles plus tard: le Cervin.»

Mit diesen Zeilen geht «La légende du Mont Cervin» zu Ende, eine Geschichte, die zusammen mit «La fée de Rechanté» in der Publikation «La vallée des légendes» von Serge Bertino (Text) und Mario Bonilauri (Illustrationen) vorliegt. Ein ganz besonderes und seltenes Werk: 40 Textseiten in losen Blättern, 16 farbige Bildtafeln (je acht zu den beiden Legenden), 32 x 25 cm gross, zusammengehalten in einer grünen Stoffmappe mit Klappen. 1945 erschienen in der Presse française et étrangère in Paris, in einer limitierten Auflage von 500 Exemplaren; 30 enthalten originale Zeichnungen, 470 wurden normal gedruckt. Mein Exemplar hat die Nr. 314. Sozusagen mein eigenes Weihnachtsgeschenk.

Der junge Höhlenbewohner Acaste verlässt seine Eltern, um den Berg zu erforschen und zu besteigen, der plötzlich in der Landschaft steht und von einem Drachen bewacht wird: Wenn ich von dieser Legende Kenntnis gehabt hätte, als ich das Kapitel über die fiktive Literatur in meiner Monografie „Matterhorn – Berg der Berge“ (2015) verfasste, hätte ich sie natürlich aufgenommen. Man lernt nie aus, beim legendären Berg zwischen Zermatt und Breuil-Cervinia schon gar nicht.

«Cervino. La montagna leggendaria»: So heisst das neue Buch von Hervé Barmasse. Der Bergführer aus Valtournenche hat es am 2. Dezember 2021 in der Sala Excelsior im Anteo Palazzo del Cinema in Milano vorgestellt. Barmasse kennt den Berg wirklich wie seine Hosentasche, hat fast alle Routen begangen, zahlreiche neu eröffnet, im Winter wie im Sommer, in Seilschaft mit seinem Vater Marco und mit Freunden, sowie auch alleine. Schon in seinem Erstling „Der innere Berge. Zum Matterhorn und darüber hinaus“ (2017; „La montagna dentro“, 2015) stand la Gran Becca, wie das Horn im Valtournenche auch genannt wird, im Zentrum. Im neuen, 336-seitigen und reich illustrierten Buch erzählt Barmasse insbesondere die alpinistische Geschichte, von den Anfängen bis heute, gerade bis heute mit all den höchst schwierigen Routen in der Nord- und Südwand. Wer die Topos genau studiert, wird vielleicht festellen, dass an der Zmuttnase noch eine neue Linie erklettert werden könnte; ich habe sie schon mal eingetragen…

Im Vorwort meint Luca Castaldini, dass das neue Buch „il primo scritto sul Cervino da un alpinista“ sei. Da hat sich der Journalist bei „Sportweek – La Gazetta dello Sport“ aber tüchtig verklettert: Guido Rey, Fast-Erstbegeher des Furggengrates 1899, und Giuseppe Mazzotti, Erstdurchsteiger der Ostwand 1932, schrieben je ein Matterhorn-Buch, wie auch der Bergsteiger Charles Gos und der Nordwand-Spezialist Toni Hiebeler. Man lernt nie aus.

Gestern, am Tag der Wintersonnenwende, las ich in der Berner Tageszeitung „Der Bund“ folgenden Artikel: „Weihnachten gibt es seit 5000 Jahren.“ In diesem Sinne: joyeux Noël!

Serge Bertino (texte), Mario Bonilauri (illustrations): La vallée des légendes. Presse française et étrangère, Paris 1945.

Hervé Barmasse: Cervino. La montagna leggendaria. In collaborazione con Alessandra Raggio. Rizzoli, Milano 2021, Euro 30.00.

Brillante Bündner Bauten

Zwei grossformatige und -artige Bildbände zu verschwundenen und verschwiegenen Bauten von Bündner Konstrukteuren und Kreativen.

16. Dezember 2021

«Herr Richard Coray versteht es nicht nur, Brücken und Seilbahnen und komplizierte Anlagen zu bauen, er ist auch ein grosser Freund der alpinen Natur und ein wackerer Alpinist, der die höchsten Berge mit der Leichtigkeit und Sicherheit eines Jünglings besteigt.»

Urteilte die romanischsprachige Wochenzeitung „Casa Paterna“ am 6. Januar 1938. Im Jahr zuvor hatte die SAC-Sektion Piz Terri ihren Mitbegründer Richard Coray (1869–1946) zum Ehrenmitglied ernannt, in erster Linie nicht wegen seiner damals schon weltberühmten Lehrgerüste für Brücken und Viadukte, sondern wegen seiner massgebenden Arbeit beim Bau der Terrihütte an der Greina (1925) und der Camona da Nagens ob Flims (1937). Bei der Terrihütte gab es die Punt Coray, einen originell konstruierten Übergang über den jungen Somvixer Rhein. Und ein wackerer Alpinist war Coray tatsächlich: Noch mit 68 Jahren bestieg er den Ringelspitz/Piz Barghis (3247 m), den höchsten Gipfel seiner Heimatgemeinde Trin. Das obige Zitat ist enthalten in der rundum gewichtigen Monografie von Johann Clopath: Richard Coray (1869–1946), Leben und Werk. Lehrgerüste für Brücken und Viadukte. Mit dabei in diesem edlen, reichhaltig illustrierten Werk sind zwei Beiträge der Brückenspezialisten Jürg Conzett und Andreas Kessler.

Wir alle sind dem genialen Holzkonstrukteur aus Trin wahrscheinlich schon begegnet, ohne es zu wissen: Pont de Pérolles in Fribourg, 1922 eröffnet und damals die längste Brücke Europas, Soliser und Wieser Viadukte der Albulabahn, Langwieser Viadukt der Arosabahn. Für diese Brücken, und für zahlreiche andere, wie die Gürbetalbahn-Brücke über den Amletebach bei Uetendorf, konstruierte und erstellte Coray mit seinen Arbeitern sogenannte Lehrgerüste. Sie dienten dazu, dass die eigentlichen Brücken, meistens waren es Bogenbrücken, überhaupt gebaut werden konnten. Sobald dies der Fall war, wurden die wuchtigen und zugleich filigranen Lehrgerüste aus Holz wieder abgebaut, oft zusammen mit schmalen Hängebrücken, die errichtet worden waren, damit die Zimmermänner überhaupt von einem Ufer zum andern gelangen konnten. Zum Foto einer Rheinbrücke bei Zizers von 1922 heisst es: „Auch dieses Werk musste verschwinden, nachdem es seinen Zweck erfüllt hatte.“

Verschwunden draussen, aber nicht drinnen. In den Köpfen und Plänen der Ingenieure. In Publikationen, immer wieder, bis jetzt zu dieser Gesamtschau von Johann Clopath. Auf dem Schuber ist das Lehrgerüst für die Tarabrücke in Montenegro abgebildet (1939): 141 Meter hoch, das weltweit höchste Lehrgerüst aus Holz, das je gebaut wurde. Nur zum Vergleich: Der Prime Tower in Zürich ist 126 Meter hoch, der Roche-Turm 1 in Basel 178, die Stütze der neuen Zugspitze-Seilbahn 127 Meter. Ebenso eindrücklich war Corays Holztransportbahn in der Viamala: 600 Höhenmeter und 700 Meter in seitlicher Distanz, ohne Stützen natürlich.

Für gestandene und angehende Ingenieure ist das Werk von Johann Clopath ein Muss (erst recht zu Weihnachten). Aber auch für Nicht-Fachleute, die in der Schweiz mit all ihren Bergen und Hügeln, Tälern und Schluchten unterwegs sind und schon zuweilen einen Gedanken daran haben dürfen, dass es Leute wie Richard Coray waren, die mit ihrer Arbeit dieses Land überhaupt erfahrbar und erlebbar mach(t)en, zu jeder Tages- und Jahreszeit.

Diesem Zweck dient ebenfalls der 2019 eingeweihte Unterhaltsstützpunkt Berninapass. Damit die Strasse zwischen Engadin und Puschlav das ganze Jahr offen gehalten werden kann, müssen nach Schneefall die Räumfahrzeuge rasch ausrücken können, zu beiden Seiten des 2328 Meter hohen Passes. Dafür hätte man einen hässlichen Infrastrukturbau hinstellen können. Hat man zum Glück nicht gemacht. Das Architekturbüro Bearth & Deplazes schuf einen sehr bemerkenswerten Bau, der sich perfekt sowohl in die hochalpine Natur wie in die hochalpine Kulturlandschaft mit den geschwungenen Linien von Bahnlinie, Autostrasse und Staumauern, mit den geraden Linien der Hochspannungsleitung (die Skilifte, die einst dort oben liefen, wurden abgebaut) und mit dem wuchtigen Ospizio Bernina einfügt. Eine sanft gekrümmte, mit senkrechten Mauern regelmässig unterteilte Sichtbetonfassade, gekrönt von einem freistehenden Siloturm (genau genommen sind es zwei aneinander gebaute, aber den hinteren, dünneren sieht man von der Strasse aus kaum): So definiert das neue Bauwerk den alten Pass neu. Und dies mit einer zusätzlichen Sehenswürdigkeit: Der Unterhaltungsstützpunkt ist mit der Camera Obscura auf dem Silo auch ein Observatorium. Der dunkle Raum mit einem Loch in der Wand, wo man im Sommer die Landschaft kopfüber sieht, ist eigentlich ein Reserveraum für mehr Split, der im Silo gelagert wird.

Der Passo del Bernina war schon immer ein ganz besonderer Übergang. Nun hat er noch eine Kurve dazulegt. Draussen und drinnen. Denn zu diesem Unterhaltungsstützpunkt ist der Fotoband „Bernina transversal“ von Guido Baselgia erschienen. Der im Engadin aufgewachsene Fotograf hat den neuen Bau, ja die alten Bauten auf dem Pass und die Landschaft dort oben in eindringlichen, schwarz-weissen Schneefotos aufgenommen. So eindrucksvoll wie eiskalt. Dazu steuern Philip Ursprung, Professor für Kunst- und Architekturgeschichte an der ETH Zürich, und der Bündner Schriftsteller Reto Hänny feine Texte bei. Ein ganz starkes Buch für einen Abend in der warmen Stube, wenn der Wind um die Mauern heult und das Holz im Cheminée knistert.

Johann Clopath: Richard Coray (1869–1946), Leben und Werk. Lehrgerüste für Brücken und Viadukte. Mit Beiträgen von Jürg Conzett und Andreas Kessler. Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich 2021, Fr. 79.-

Guido Baselgia, Bearth & Deplazes: Bernina transversal. Mit Beiträgen von Philipp Ursprung und Reto Hänny. Dreisprachig D, I, E. Park Books, Zürich 2021, Fr. 69.-

Die Camera Obscura im Unterhaltungsstützpunkt Berninapass ist im Winter geschlossen. Wiederöffnung im Juni 2022; www.camera-obscura.ch.

Velo, Schnee & Gruyère

Drei prächtige Bildbände, mit französischen Texten. Pas de problème: Wir bewundern ja die Fotos.

9. Dezember 2021

«Le voyage à vélo, seul ou à deux? À cette phase de l’aventure, au moment où Coralie est rentrée poursuivre ses études et non par dégoût de l’effort, un état solitaire s’est développé.»

Ziemlich genau in der Hälfte des einzigartigen Reisebildbandes «Les Alpes à vélo» sagen sich Coralie Antille und Nicolas Richoz au-revoire, auf einem Foto, das ihre Beine zeigt, schön braun bis dort, wo jeweils die Velohose beginnt, beide in gelben Socken, sie steht auf den Zehenspitzen, er mit der ganzen Sohle auf dem Boden der Unterkunft. Ein starkes Bild. Und es gibt noch zig andere in diesem grossen (25 x 30 x 4 cm), dicken (528 S.) und schweren (gut 3 kg) Alpen-Velo-Foto-Buch. Zwei Beispiele noch? Das Radpaar beim Aufstieg zum Speichersee Finstertal im Kühtai in Tirol, auf der Strasse durch den aus Felsblöcken gebildeten Damm, aber so fotografiert, dass die Strasse nicht sichtbar ist. Und dann fast am Schluss der Reise, Nicolas alleine bei der Abfahrt auf der frisch verschneiten Strasse des Col de la Couillole in den Alpes Maritimes, sich selbst mit der Drohne aufnehmend. Überhaupt diese Luftaufnahmen: Schwindel erregend! All diese Haarnadelkurven der Passstrassen von oben, da kriegt man schon nur beim Anschauen müde Beine bzw. Finger (vom Bremsen bei der Abfahrt…).

Im Sommer und Herbst 2019 radelte der Westschweizer Ingenieur und Triathlet, zuerst in Begleitung seiner Freundin, dann alleine, von Wien längs und quer durch den ganzen Alpenbogen ans Mittelmeer, 9600 Kilometer und 210‘000 Höhenmeter in 125 Tagen, über grosse und kleine Pässe, mit Abstechern zu Stauseen (was erlaubte, mal nicht das ganze Gepäck mitschleppend – die Fotoausrüstung aber schon). Und mit den Fotos nimmt uns Nicolas Richoz eben mit auf eine Alpenreise, wie man sie bisher noch nicht gesehen hat. Sie animiert uns, dort mal selbst die Pedale zu treten – bei Sonnenschein. Wir beginnen mit dem Training gleich nach den Jahresendschlemmereien.

Bei der folgenden Sportart werden wir uns wahrscheinlich mit dem Anschauen begnügen, in der warmen, sicheren Stube. Denn was uns die Fotografen in dem von Gilles Chappaz et Bruno Kauffmann editierten Bildband «Neige spectaculaire» vor Augen führen, ist Atem beraubend, wenigstens auf vielen der Fotos. Natürlich gibt es auch unberührte Pulverschneehänge, die nicht zu steil sind, wo wir vielleicht ebenfalls schöne, schnelle Kurven hineinzaubern könnten – aber dann fehlte immer die Person, die uns fotografierte… Bei andern Fotos läuft es uns eiskalt über den Rücken, dort beispielsweise, wo Kirsten Rowley am Mount Baker ein Schneebrett auslöst. Grant Gunderson, von ihm stammen zahlreiche Fotos, drückte weiter auf den Auslöser, die Skifahrerin, so klärt die Bildlegende, kam unverletzt aus der Schneefalle. Ein gelungenes Buch, das uns auf die Schönheit und Gefährlichkeit der sportlichen Wintersaison perfekt einstimmt.

Und dann begeben wir uns ins Greyerzerland, einen der sieben Bezirke des Kantons Freiburg, wahrscheinlich gar der schönste, jedenfalls beim Betrachten des Bildbandes «La Gruyère. Une terre en lumière» von Fabrice Savary. Diese Berge, vor allem die Gastlosen; dieser See – der Lac de la Gruyère ist der längste Stausee der Schweiz; diese Dörfer und Schlösser, allen voran Gruyères. Fotografiert im richtigen Licht, in der passenden Saison. Magnifique! Vielleicht hätte man auch den unbändig in die Landschaft hinauswachsenden Bezirkshauptort Bulle bei Sonnenuntergang ein paar Mal aufnehmen sollen, insbesondere für das dritte Kapitel „Urbanisme et eau“. Aber die Dent de Folliéran, das Matterhorn der Freiburger Alpen, ist in Gottes Namen pittoresker als das Gruyère Centre Pôle Sud in Bulle, die Île d’Ogoz im Greyerzersee malerischer als die drei Wohnblöcke, die gegenüber mitten ins Gras gestellt wurden. Doch wir wollen nicht mäkeln. Schliesslich habe ich am Rande des Bezirks Greyerz am Montag alleine die neue Skitourensaison gestartet.

Nicolas Richoz: Les Alpes à vélo. Éditions Slatkine, Genève 2021, Fr. 65.-
Gilles Chappaz, Bruno Kauffmann: Neige spectaculaire. Éditions Glénat, Grenoble 2021, € 39.50.
Fabrice Savary : La Gruyère. Une terre en lumière. Éditions Alphil, Neuchâtel 2021, Fr. 49.-

Frauen am Berg

Eine Ausstellung, ein Fundbüro und ein Postkartenbuch: A Women’s Place is on top. Ab sofort im Alpinen Museum der Schweiz in Bern – und überhaupt.

5. Dezember 2021

«Eine liebere, bessere Kameradin kann ich mir nicht denken am Berg.»

Notierte der Alpinist, Skipionier und Führerautor Eugen Wenzel (1900–1989) auf Seite 129 in sein Tourenbuch 2 1923–1926; im Hauptberuf wurde er Buchhalter im Haute Couture Geschäft seiner Frau an der Brandschenkenstrasse in Zürich. Rosa Wenzel-Hofer (1906–1998), die ihren Mann auch auf den schweren Fahrten sommers und winters begleitete, ist auf seinen Fotos immer wieder zu sehen; so in den Berichten, die er in „Die Alpen“, der Zeitschrift des Schweizer Alpen-Clubs, veröffentlichte. 1500 Stereoglasdias, 200 Farbdias und sechs Tourenbücher sind in der Sammlung des Alpinen Museum der Schweiz enthalten. Seit dieser Woche hat Rösli, wie Eugen seine Lebensgefährtin nannte, ihren grossen Auftritt: Auf dem Titelbild von „A Women’s Place“, dem Postkartenbuch zu „Frauen am Berg“, dem Fundbüro für Erinnerungen N° 2, macht die modisch gekleidete Rosa Wenzel einen atemberaubenden Sprung auf einem Felsgrat am Fergenkegel in der Silvretta, um 1930 perfekt ins Szene gesetzt und fotografiert von ihrem besten Kameraden.

„Frauen am Berg“ also, die neue Ausstellung zum Anschauen und Mitmachen am Helvetiaplatz in Bern. Das freute hoffentlich Helvetia, ganz sicher aber Rosa. Das partizipative Sammlungsprojekt „Fundbüro für Erinnerungen“ – N° 1 war dem Skifahren gewidmet – zeigt Objekte und Fotos von Bergsteigerinnen aus der Sammlung des Alpinen Museums und befragt Bergführerinnen und Expeditionsteilnehmerinnen, Alpinistinnen und Sportkletterinnen nach ihren Geschichten. Eine von ihnen ist die Bernerin Heidi Lüdi, die 1982 als erste Schweizerin mit American Women’s Himalayan Expeditions auf der Ama Dablam (6814 m) stand; sie schenkte dem Museum zahlreiche Ausrüstungsgegenstände, sie ziert das Auftaktbild zu „Frauen am Berg“, aufgenommen auf einer Skitour am Pik Juchina in Kirgistan, 1974. Und sie war dabei an der Vernissage von „Frauen am Berg“ und „A Woman’s Place“ am Freitag, 3. Dezember 2021. Genauso wie Nicole Niquille, die erste Bergführerin der Schweiz, wie Rita Christen, seit Herbst 2020 Präsidentin des Schweizer Bergführerverbandes. Oder wie Trudi Wyss; von ihrem Schwiegervater Rudolf Wyss ist im Postkartenbuch ein ganz besonderes Foto zu sehen: Ein Bergführer kontrolliert etwas überheblich den Seilknoten einer Alpinistin, aber sie lässt sich davon nicht einschüchtern.

Diese Postkarte, und 39 andere, könnte man heraustrennen und verschicken – eine schöne Idee, gerade jetzt: zum Beispiel diejenige von Nicole Niquille mit einer Ampulle… Aber es wäre sehr schade für die rundum geglückte Publikation mit klugen Texten sowie fein ausgewählten Fotos und arrangierten Fundstücken aus der Sammlung. Wer die Postkarten verschicken will, kauft besser gleich zwei dieser Postkartenbücher! Und wünscht mit Rosa einen sicheren Sprung ins Neue Jahr.

Ich habe Rosa Wenzel auf Umwegen noch kennengelernt. In einem Artikel für „Die Alpen“ von 1993 über eine Skitour auf den Pizzo Stella (3163 m) zuhinterst in der Valle di Lei, einem Seitental des Avers, hatte ich Text und Fotos mit dem Bericht von Eugen Wenzel aus dem Jahre 1936 verwoben. Daraufhin schrieb mir Rosa Wenzel auf dem Papier des Hotels „Post“ in Bivio, wo sie immer wieder logierte und auch ihren 90. Geburtstag feierte, einen Brief: „Die Skifahrerin auf dem Bild von Eugen Wenzel bin ich.“

A Woman’s Place. Fundstücke von Bergsteigerinnen aus der Sammlung. Ein Postkartenbuch. Mit Beiträgen von Rita Christen, Rebecca Etter, Beat Hächler, Monika Hofmann, Michelle Huwiler, Anita Mischler und Ingrid Runggaldier. Alpines Museum der Schweiz / Scheidegger & Spiess, Bern / Zürich 2021, Fr. 24.-

Fundbüro für Erinnerungen, № 2: „Frauen am Berg“. Alpines Museum der Schweiz in Bern, 4. Dezember 2021 bis Oktober 2023. Frauen sollen ihre Berggeschichten mitteilen: direkt im Untergeschoss des Museums oder auf www.e-fundbuero.ch/de/fb2/ Am Donnerstag, 20. Januar 2022, 17.30 bis 19 Uhr, erzählt Sophie Lavaud von ihren elf Achttausendern. Und auch, wie sie die restlichen drei noch besteigen will.