Die Alpen im Fieber

Antworten und Fakten rund um Geschichte, Gegenwart und Zukunft des alpinen Klimas inklusive Anregungen, wie wir mit einem für die Natur geschärften Bewusstsein die Erwärmung bremsen könnten: das passende (Berg-)Buch zum Jahresende.

31. Dezember 2021

«Die Gretchenfrage im Winter: Können wir in Zukunft noch skifahren? Schnee ist das „weiße Gold“ der Alpen. Im ökonomischen Sinn als Grundlage des Wintertourismus, aber auch im ökologischen Sinn als Wasserspeicher für die Alpen und die umliegenden Länder. Bis heute konnte man sich mit aufwendigem Schneemanagement touristisch gut behaupten. Ohne aktiven Klimaschutz wird das aber immer schwieriger. Es lohnt sich, gegen jedes Zehntel Grad Erwärmung zu kämpfen. Wir entscheiden heute über den Schnee der Zukunft.»

Andreas Jäger, Meteorologe, Geophysiker, Wissenschaftsjournalist und Autor des Buches „Die Alpen im Fieber“, formuliert griffig und gut verständlich. Zwei weitere Beispiele: „An Stürmen, Dürren und Überschwemmungen dreht nicht mehr der Wettergott, sondern wir.“ Allerdings: „Die Klimakrise ist real – aber wir können noch etwas tun.“ Der Autor zeigt in seinem von Lana Bragin klar illustrierten Buch über die Klimakrise, wie es dazu kam und wie wir sie vielleicht meistern könnten, wenn… Genau, wenn dieses Wörtchen nicht wäre. Mit kurzen und langen Textblöcken jagt uns Jäger durch die Klimageschichte der Alpen und schildert eindringlich, wie alles zusammenhängt, von den Neandertalern bis zum Skiliftsterben (auch Klimaskeptiker werden sich seinen Argumenten beugen müssen). Im dritten Teil werden uns sachlich und unaufgeregt Lösungen an die Hand gegeben: Was können wir, jede(r) einzelne von uns, tun, um den Klimakollaps zu verhindern. Heute, nicht morgen. Deshalb, als erster Schritt: „Die Treibhausgase so schnell wie möglich reduzieren.“ Nur wie? Lesen – und handeln.

Die Alpen im Fieber. Die Gesellschaft im Fieber. Die Weltpolitik im Fieber. Und wenn das nicht genug wäre: Oft Regenwetter in der letzten Jahreswoche, statt blauer Himmel über weiss verschneiter Landschaft. Trotzdem bzw. grad erst recht: es guets u gsunds nöis Jahr!

Andreas Jäger: Die Alpen im Fieber. Die 2-Grad-Grenze für das Klima unserer Zukunft. Bergwelten Verlag, Salzburg 2021, Fr. 47.90.

Matterhorn, legendär

Der Berg der Berge sorgt immer wieder für Überraschungen. Auch zu Weihnachten.

22. Dezember 2021

«A la tombée de la nuit, Acaste retrouva ses parents. Il se retourna pour contempler ce qui restait de la roche du matin: des pics, des crevasses et, là-haut, où il avait tenu bon, un sommet magnifique.
Il en était orgueilleux. On n’avait jamais vu une montagne si belle.
Tout le monde en était fier, mais personne ne pouvait s’imaginer que cette aiguille de roche serait appelée, de milliers de siècles plus tard: le Cervin.»

Mit diesen Zeilen geht «La légende du Mont Cervin» zu Ende, eine Geschichte, die zusammen mit «La fée de Rechanté» in der Publikation «La vallée des légendes» von Serge Bertino (Text) und Mario Bonilauri (Illustrationen) vorliegt. Ein ganz besonderes und seltenes Werk: 40 Textseiten in losen Blättern, 16 farbige Bildtafeln (je acht zu den beiden Legenden), 32 x 25 cm gross, zusammengehalten in einer grünen Stoffmappe mit Klappen. 1945 erschienen in der Presse française et étrangère in Paris, in einer limitierten Auflage von 500 Exemplaren; 30 enthalten originale Zeichnungen, 470 wurden normal gedruckt. Mein Exemplar hat die Nr. 314. Sozusagen mein eigenes Weihnachtsgeschenk.

Der junge Höhlenbewohner Acaste verlässt seine Eltern, um den Berg zu erforschen und zu besteigen, der plötzlich in der Landschaft steht und von einem Drachen bewacht wird: Wenn ich von dieser Legende Kenntnis gehabt hätte, als ich das Kapitel über die fiktive Literatur in meiner Monografie „Matterhorn – Berg der Berge“ (2015) verfasste, hätte ich sie natürlich aufgenommen. Man lernt nie aus, beim legendären Berg zwischen Zermatt und Breuil-Cervinia schon gar nicht.

«Cervino. La montagna leggendaria»: So heisst das neue Buch von Hervé Barmasse. Der Bergführer aus Valtournenche hat es am 2. Dezember 2021 in der Sala Excelsior im Anteo Palazzo del Cinema in Milano vorgestellt. Barmasse kennt den Berg wirklich wie seine Hosentasche, hat fast alle Routen begangen, zahlreiche neu eröffnet, im Winter wie im Sommer, in Seilschaft mit seinem Vater Marco und mit Freunden, sowie auch alleine. Schon in seinem Erstling „Der innere Berge. Zum Matterhorn und darüber hinaus“ (2017; „La montagna dentro“, 2015) stand la Gran Becca, wie das Horn im Valtournenche auch genannt wird, im Zentrum. Im neuen, 336-seitigen und reich illustrierten Buch erzählt Barmasse insbesondere die alpinistische Geschichte, von den Anfängen bis heute, gerade bis heute mit all den höchst schwierigen Routen in der Nord- und Südwand. Wer die Topos genau studiert, wird vielleicht festellen, dass an der Zmuttnase noch eine neue Linie erklettert werden könnte; ich habe sie schon mal eingetragen…

Im Vorwort meint Luca Castaldini, dass das neue Buch „il primo scritto sul Cervino da un alpinista“ sei. Da hat sich der Journalist bei „Sportweek – La Gazetta dello Sport“ aber tüchtig verklettert: Guido Rey, Fast-Erstbegeher des Furggengrates 1899, und Giuseppe Mazzotti, Erstdurchsteiger der Ostwand 1932, schrieben je ein Matterhorn-Buch, wie auch der Bergsteiger Charles Gos und der Nordwand-Spezialist Toni Hiebeler. Man lernt nie aus.

Gestern, am Tag der Wintersonnenwende, las ich in der Berner Tageszeitung „Der Bund“ folgenden Artikel: „Weihnachten gibt es seit 5000 Jahren.“ In diesem Sinne: joyeux Noël!

Serge Bertino (texte), Mario Bonilauri (illustrations): La vallée des légendes. Presse française et étrangère, Paris 1945.

Hervé Barmasse: Cervino. La montagna leggendaria. In collaborazione con Alessandra Raggio. Rizzoli, Milano 2021, Euro 30.00.

Brillante Bündner Bauten

Zwei grossformatige und -artige Bildbände zu verschwundenen und verschwiegenen Bauten von Bündner Konstrukteuren und Kreativen.

16. Dezember 2021

«Herr Richard Coray versteht es nicht nur, Brücken und Seilbahnen und komplizierte Anlagen zu bauen, er ist auch ein grosser Freund der alpinen Natur und ein wackerer Alpinist, der die höchsten Berge mit der Leichtigkeit und Sicherheit eines Jünglings besteigt.»

Urteilte die romanischsprachige Wochenzeitung „Casa Paterna“ am 6. Januar 1938. Im Jahr zuvor hatte die SAC-Sektion Piz Terri ihren Mitbegründer Richard Coray (1869–1946) zum Ehrenmitglied ernannt, in erster Linie nicht wegen seiner damals schon weltberühmten Lehrgerüste für Brücken und Viadukte, sondern wegen seiner massgebenden Arbeit beim Bau der Terrihütte an der Greina (1925) und der Camona da Nagens ob Flims (1937). Bei der Terrihütte gab es die Punt Coray, einen originell konstruierten Übergang über den jungen Somvixer Rhein. Und ein wackerer Alpinist war Coray tatsächlich: Noch mit 68 Jahren bestieg er den Ringelspitz/Piz Barghis (3247 m), den höchsten Gipfel seiner Heimatgemeinde Trin. Das obige Zitat ist enthalten in der rundum gewichtigen Monografie von Johann Clopath: Richard Coray (1869–1946), Leben und Werk. Lehrgerüste für Brücken und Viadukte. Mit dabei in diesem edlen, reichhaltig illustrierten Werk sind zwei Beiträge der Brückenspezialisten Jürg Conzett und Andreas Kessler.

Wir alle sind dem genialen Holzkonstrukteur aus Trin wahrscheinlich schon begegnet, ohne es zu wissen: Pont de Pérolles in Fribourg, 1922 eröffnet und damals die längste Brücke Europas, Soliser und Wieser Viadukte der Albulabahn, Langwieser Viadukt der Arosabahn. Für diese Brücken, und für zahlreiche andere, wie die Gürbetalbahn-Brücke über den Amletebach bei Uetendorf, konstruierte und erstellte Coray mit seinen Arbeitern sogenannte Lehrgerüste. Sie dienten dazu, dass die eigentlichen Brücken, meistens waren es Bogenbrücken, überhaupt gebaut werden konnten. Sobald dies der Fall war, wurden die wuchtigen und zugleich filigranen Lehrgerüste aus Holz wieder abgebaut, oft zusammen mit schmalen Hängebrücken, die errichtet worden waren, damit die Zimmermänner überhaupt von einem Ufer zum andern gelangen konnten. Zum Foto einer Rheinbrücke bei Zizers von 1922 heisst es: „Auch dieses Werk musste verschwinden, nachdem es seinen Zweck erfüllt hatte.“

Verschwunden draussen, aber nicht drinnen. In den Köpfen und Plänen der Ingenieure. In Publikationen, immer wieder, bis jetzt zu dieser Gesamtschau von Johann Clopath. Auf dem Schuber ist das Lehrgerüst für die Tarabrücke in Montenegro abgebildet (1939): 141 Meter hoch, das weltweit höchste Lehrgerüst aus Holz, das je gebaut wurde. Nur zum Vergleich: Der Prime Tower in Zürich ist 126 Meter hoch, der Roche-Turm 1 in Basel 178, die Stütze der neuen Zugspitze-Seilbahn 127 Meter. Ebenso eindrücklich war Corays Holztransportbahn in der Viamala: 600 Höhenmeter und 700 Meter in seitlicher Distanz, ohne Stützen natürlich.

Für gestandene und angehende Ingenieure ist das Werk von Johann Clopath ein Muss (erst recht zu Weihnachten). Aber auch für Nicht-Fachleute, die in der Schweiz mit all ihren Bergen und Hügeln, Tälern und Schluchten unterwegs sind und schon zuweilen einen Gedanken daran haben dürfen, dass es Leute wie Richard Coray waren, die mit ihrer Arbeit dieses Land überhaupt erfahrbar und erlebbar mach(t)en, zu jeder Tages- und Jahreszeit.

Diesem Zweck dient ebenfalls der 2019 eingeweihte Unterhaltsstützpunkt Berninapass. Damit die Strasse zwischen Engadin und Puschlav das ganze Jahr offen gehalten werden kann, müssen nach Schneefall die Räumfahrzeuge rasch ausrücken können, zu beiden Seiten des 2328 Meter hohen Passes. Dafür hätte man einen hässlichen Infrastrukturbau hinstellen können. Hat man zum Glück nicht gemacht. Das Architekturbüro Bearth & Deplazes schuf einen sehr bemerkenswerten Bau, der sich perfekt sowohl in die hochalpine Natur wie in die hochalpine Kulturlandschaft mit den geschwungenen Linien von Bahnlinie, Autostrasse und Staumauern, mit den geraden Linien der Hochspannungsleitung (die Skilifte, die einst dort oben liefen, wurden abgebaut) und mit dem wuchtigen Ospizio Bernina einfügt. Eine sanft gekrümmte, mit senkrechten Mauern regelmässig unterteilte Sichtbetonfassade, gekrönt von einem freistehenden Siloturm (genau genommen sind es zwei aneinander gebaute, aber den hinteren, dünneren sieht man von der Strasse aus kaum): So definiert das neue Bauwerk den alten Pass neu. Und dies mit einer zusätzlichen Sehenswürdigkeit: Der Unterhaltungsstützpunkt ist mit der Camera Obscura auf dem Silo auch ein Observatorium. Der dunkle Raum mit einem Loch in der Wand, wo man im Sommer die Landschaft kopfüber sieht, ist eigentlich ein Reserveraum für mehr Split, der im Silo gelagert wird.

Der Passo del Bernina war schon immer ein ganz besonderer Übergang. Nun hat er noch eine Kurve dazulegt. Draussen und drinnen. Denn zu diesem Unterhaltungsstützpunkt ist der Fotoband „Bernina transversal“ von Guido Baselgia erschienen. Der im Engadin aufgewachsene Fotograf hat den neuen Bau, ja die alten Bauten auf dem Pass und die Landschaft dort oben in eindringlichen, schwarz-weissen Schneefotos aufgenommen. So eindrucksvoll wie eiskalt. Dazu steuern Philip Ursprung, Professor für Kunst- und Architekturgeschichte an der ETH Zürich, und der Bündner Schriftsteller Reto Hänny feine Texte bei. Ein ganz starkes Buch für einen Abend in der warmen Stube, wenn der Wind um die Mauern heult und das Holz im Cheminée knistert.

Johann Clopath: Richard Coray (1869–1946), Leben und Werk. Lehrgerüste für Brücken und Viadukte. Mit Beiträgen von Jürg Conzett und Andreas Kessler. Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich 2021, Fr. 79.-

Guido Baselgia, Bearth & Deplazes: Bernina transversal. Mit Beiträgen von Philipp Ursprung und Reto Hänny. Dreisprachig D, I, E. Park Books, Zürich 2021, Fr. 69.-

Die Camera Obscura im Unterhaltungsstützpunkt Berninapass ist im Winter geschlossen. Wiederöffnung im Juni 2022; www.camera-obscura.ch.

Velo, Schnee & Gruyère

Drei prächtige Bildbände, mit französischen Texten. Pas de problème: Wir bewundern ja die Fotos.

9. Dezember 2021

«Le voyage à vélo, seul ou à deux? À cette phase de l’aventure, au moment où Coralie est rentrée poursuivre ses études et non par dégoût de l’effort, un état solitaire s’est développé.»

Ziemlich genau in der Hälfte des einzigartigen Reisebildbandes «Les Alpes à vélo» sagen sich Coralie Antille und Nicolas Richoz au-revoire, auf einem Foto, das ihre Beine zeigt, schön braun bis dort, wo jeweils die Velohose beginnt, beide in gelben Socken, sie steht auf den Zehenspitzen, er mit der ganzen Sohle auf dem Boden der Unterkunft. Ein starkes Bild. Und es gibt noch zig andere in diesem grossen (25 x 30 x 4 cm), dicken (528 S.) und schweren (gut 3 kg) Alpen-Velo-Foto-Buch. Zwei Beispiele noch? Das Radpaar beim Aufstieg zum Speichersee Finstertal im Kühtai in Tirol, auf der Strasse durch den aus Felsblöcken gebildeten Damm, aber so fotografiert, dass die Strasse nicht sichtbar ist. Und dann fast am Schluss der Reise, Nicolas alleine bei der Abfahrt auf der frisch verschneiten Strasse des Col de la Couillole in den Alpes Maritimes, sich selbst mit der Drohne aufnehmend. Überhaupt diese Luftaufnahmen: Schwindel erregend! All diese Haarnadelkurven der Passstrassen von oben, da kriegt man schon nur beim Anschauen müde Beine bzw. Finger (vom Bremsen bei der Abfahrt…).

Im Sommer und Herbst 2019 radelte der Westschweizer Ingenieur und Triathlet, zuerst in Begleitung seiner Freundin, dann alleine, von Wien längs und quer durch den ganzen Alpenbogen ans Mittelmeer, 9600 Kilometer und 210‘000 Höhenmeter in 125 Tagen, über grosse und kleine Pässe, mit Abstechern zu Stauseen (was erlaubte, mal nicht das ganze Gepäck mitschleppend – die Fotoausrüstung aber schon). Und mit den Fotos nimmt uns Nicolas Richoz eben mit auf eine Alpenreise, wie man sie bisher noch nicht gesehen hat. Sie animiert uns, dort mal selbst die Pedale zu treten – bei Sonnenschein. Wir beginnen mit dem Training gleich nach den Jahresendschlemmereien.

Bei der folgenden Sportart werden wir uns wahrscheinlich mit dem Anschauen begnügen, in der warmen, sicheren Stube. Denn was uns die Fotografen in dem von Gilles Chappaz et Bruno Kauffmann editierten Bildband «Neige spectaculaire» vor Augen führen, ist Atem beraubend, wenigstens auf vielen der Fotos. Natürlich gibt es auch unberührte Pulverschneehänge, die nicht zu steil sind, wo wir vielleicht ebenfalls schöne, schnelle Kurven hineinzaubern könnten – aber dann fehlte immer die Person, die uns fotografierte… Bei andern Fotos läuft es uns eiskalt über den Rücken, dort beispielsweise, wo Kirsten Rowley am Mount Baker ein Schneebrett auslöst. Grant Gunderson, von ihm stammen zahlreiche Fotos, drückte weiter auf den Auslöser, die Skifahrerin, so klärt die Bildlegende, kam unverletzt aus der Schneefalle. Ein gelungenes Buch, das uns auf die Schönheit und Gefährlichkeit der sportlichen Wintersaison perfekt einstimmt.

Und dann begeben wir uns ins Greyerzerland, einen der sieben Bezirke des Kantons Freiburg, wahrscheinlich gar der schönste, jedenfalls beim Betrachten des Bildbandes «La Gruyère. Une terre en lumière» von Fabrice Savary. Diese Berge, vor allem die Gastlosen; dieser See – der Lac de la Gruyère ist der längste Stausee der Schweiz; diese Dörfer und Schlösser, allen voran Gruyères. Fotografiert im richtigen Licht, in der passenden Saison. Magnifique! Vielleicht hätte man auch den unbändig in die Landschaft hinauswachsenden Bezirkshauptort Bulle bei Sonnenuntergang ein paar Mal aufnehmen sollen, insbesondere für das dritte Kapitel „Urbanisme et eau“. Aber die Dent de Folliéran, das Matterhorn der Freiburger Alpen, ist in Gottes Namen pittoresker als das Gruyère Centre Pôle Sud in Bulle, die Île d’Ogoz im Greyerzersee malerischer als die drei Wohnblöcke, die gegenüber mitten ins Gras gestellt wurden. Doch wir wollen nicht mäkeln. Schliesslich habe ich am Rande des Bezirks Greyerz am Montag alleine die neue Skitourensaison gestartet.

Nicolas Richoz: Les Alpes à vélo. Éditions Slatkine, Genève 2021, Fr. 65.-
Gilles Chappaz, Bruno Kauffmann: Neige spectaculaire. Éditions Glénat, Grenoble 2021, € 39.50.
Fabrice Savary : La Gruyère. Une terre en lumière. Éditions Alphil, Neuchâtel 2021, Fr. 49.-

Frauen am Berg

Eine Ausstellung, ein Fundbüro und ein Postkartenbuch: A Women’s Place is on top. Ab sofort im Alpinen Museum der Schweiz in Bern – und überhaupt.

5. Dezember 2021

«Eine liebere, bessere Kameradin kann ich mir nicht denken am Berg.»

Notierte der Alpinist, Skipionier und Führerautor Eugen Wenzel (1900–1989) auf Seite 129 in sein Tourenbuch 2 1923–1926; im Hauptberuf wurde er Buchhalter im Haute Couture Geschäft seiner Frau an der Brandschenkenstrasse in Zürich. Rosa Wenzel-Hofer (1906–1998), die ihren Mann auch auf den schweren Fahrten sommers und winters begleitete, ist auf seinen Fotos immer wieder zu sehen; so in den Berichten, die er in „Die Alpen“, der Zeitschrift des Schweizer Alpen-Clubs, veröffentlichte. 1500 Stereoglasdias, 200 Farbdias und sechs Tourenbücher sind in der Sammlung des Alpinen Museum der Schweiz enthalten. Seit dieser Woche hat Rösli, wie Eugen seine Lebensgefährtin nannte, ihren grossen Auftritt: Auf dem Titelbild von „A Women’s Place“, dem Postkartenbuch zu „Frauen am Berg“, dem Fundbüro für Erinnerungen N° 2, macht die modisch gekleidete Rosa Wenzel einen atemberaubenden Sprung auf einem Felsgrat am Fergenkegel in der Silvretta, um 1930 perfekt ins Szene gesetzt und fotografiert von ihrem besten Kameraden.

„Frauen am Berg“ also, die neue Ausstellung zum Anschauen und Mitmachen am Helvetiaplatz in Bern. Das freute hoffentlich Helvetia, ganz sicher aber Rosa. Das partizipative Sammlungsprojekt „Fundbüro für Erinnerungen“ – N° 1 war dem Skifahren gewidmet – zeigt Objekte und Fotos von Bergsteigerinnen aus der Sammlung des Alpinen Museums und befragt Bergführerinnen und Expeditionsteilnehmerinnen, Alpinistinnen und Sportkletterinnen nach ihren Geschichten. Eine von ihnen ist die Bernerin Heidi Lüdi, die 1982 als erste Schweizerin mit American Women’s Himalayan Expeditions auf der Ama Dablam (6814 m) stand; sie schenkte dem Museum zahlreiche Ausrüstungsgegenstände, sie ziert das Auftaktbild zu „Frauen am Berg“, aufgenommen auf einer Skitour am Pik Juchina in Kirgistan, 1974. Und sie war dabei an der Vernissage von „Frauen am Berg“ und „A Woman’s Place“ am Freitag, 3. Dezember 2021. Genauso wie Nicole Niquille, die erste Bergführerin der Schweiz, wie Rita Christen, seit Herbst 2020 Präsidentin des Schweizer Bergführerverbandes. Oder wie Trudi Wyss; von ihrem Schwiegervater Rudolf Wyss ist im Postkartenbuch ein ganz besonderes Foto zu sehen: Ein Bergführer kontrolliert etwas überheblich den Seilknoten einer Alpinistin, aber sie lässt sich davon nicht einschüchtern.

Diese Postkarte, und 39 andere, könnte man heraustrennen und verschicken – eine schöne Idee, gerade jetzt: zum Beispiel diejenige von Nicole Niquille mit einer Ampulle… Aber es wäre sehr schade für die rundum geglückte Publikation mit klugen Texten sowie fein ausgewählten Fotos und arrangierten Fundstücken aus der Sammlung. Wer die Postkarten verschicken will, kauft besser gleich zwei dieser Postkartenbücher! Und wünscht mit Rosa einen sicheren Sprung ins Neue Jahr.

Ich habe Rosa Wenzel auf Umwegen noch kennengelernt. In einem Artikel für „Die Alpen“ von 1993 über eine Skitour auf den Pizzo Stella (3163 m) zuhinterst in der Valle di Lei, einem Seitental des Avers, hatte ich Text und Fotos mit dem Bericht von Eugen Wenzel aus dem Jahre 1936 verwoben. Daraufhin schrieb mir Rosa Wenzel auf dem Papier des Hotels „Post“ in Bivio, wo sie immer wieder logierte und auch ihren 90. Geburtstag feierte, einen Brief: „Die Skifahrerin auf dem Bild von Eugen Wenzel bin ich.“

A Woman’s Place. Fundstücke von Bergsteigerinnen aus der Sammlung. Ein Postkartenbuch. Mit Beiträgen von Rita Christen, Rebecca Etter, Beat Hächler, Monika Hofmann, Michelle Huwiler, Anita Mischler und Ingrid Runggaldier. Alpines Museum der Schweiz / Scheidegger & Spiess, Bern / Zürich 2021, Fr. 24.-

Fundbüro für Erinnerungen, № 2: „Frauen am Berg“. Alpines Museum der Schweiz in Bern, 4. Dezember 2021 bis Oktober 2023. Frauen sollen ihre Berggeschichten mitteilen: direkt im Untergeschoss des Museums oder auf www.e-fundbuero.ch/de/fb2/ Am Donnerstag, 20. Januar 2022, 17.30 bis 19 Uhr, erzählt Sophie Lavaud von ihren elf Achttausendern. Und auch, wie sie die restlichen drei noch besteigen will.

Voyage gourmand dans les Alpes

Ein feines, dickes Buch, das nach Berghütte und Kaminfeuer duftet, aber nicht nur…

26. November 2021

«Ma journée idéale à Zermatt commence par un café à une table du Zum See dès l’ouverture, suivi par une petite randonnée de deux heures jusqu’au Chalet-Étoile, à Cervinia, pour un déjeuner de pâtes. Retour en fin de journée à ma pension préférée, l’Alpenblick, avant de ressortir pour une fondue au Whymper Stube (du nom d’Edward Whymper, alpiniste, premier ascensionniste du Cervin, et écrivain.»

Wer kriegte da nicht Hunger, wer käme da nicht mit? Wenigstens im Winter und Frühling, wenn auf den Pisten bis Zermatt und Breuil-Cervinia gefahren werden kann. Denn ohne Ski dürfte die kleine Wanderung, immerhin über den fast 3330 Meter hohen Theodulpass, kaum in zwei Stunden zu machen sein. Und die Seilbahnverbindung „Alpine Crossing“ mit dem erstmaligen Abschnitt Klein Matterhorn – Testa Grigia nimmt erst Ende 2022 den Betrieb auf; dann werden wir ohne Ski- oder Bergschuhe zwischen den Gourmetdörfern dies- und jenseits des Matterhorns hin und her pendeln können. Etwas körperliche Bewegung tut allerdings gut. Wenigstens wenn wir all die feinen Speisen essen möchten, die uns die kanadische Journalistin Meredith Erickson in ihrem 360-seitigen Buch „Voyage gourmand dans les Alpes“ auftischt. Zum Beispiel die Foie de veau à la poêle avec du rösti im Restaurant Zum See; wie das Gericht zubereitet werden muss, erfahren wir natürlich Gang für Gang.

Sechs Jahre lang reiste Meredith Erickson durch die Alpen von Italien, Österreich, Frankreich und der Schweiz, mit dem Auto, zu Fuss, auf Ski und mit Seilbahnen, um ein Gourmet-Inventar zu erstellen, Restaurants zu testen und Rezepte zu finden. Slowenien und Liechtenstein liess sie aussen vor, von Deutschland serviert sie die Saucisse blanche de Munich, inklusive Thomy-Senf! Die besten Macaronis du berger (Älplermakkaronen) ass sie im Hotel Alpenland in Lauenen, die besten Nussgipfel beim Gässli-Beck in Habkern. Die Rezepte dazu auf den Seiten 236 und 239; dort noch gleich der Tipp, wie man gewöhnliche Gipfeli vom Vortag in frische Nussgipfel verwandeln kann.

Vom vielen Schlemmen und Kochen, Probieren und Dekantieren fielen ein paar geografische, touristische und geschichtliche Sachen sozusagen zwischen die Pfannen, Teller und Gläser. In der Schweiz gibt es nicht nur neun Alpenkantone (Glarus und Unterwalden zum Beispiel gingen vergessen), es gibt sechs (und nicht fünf) Messner Mountain Museums, und Alfred Wills bestieg das Wetterhorn nicht erst 1865, sondern schon 1854. Zudem hätten ein paar Bildlegenden mehr nicht geschadet. Trotzdem: ein appetitanregendes Buch mit 75 Rezepten und vielen Farbfotos. Und wenn wir all die Antipasti valdôtains im Les Neiges d’antan in Cervinia verspeist haben, begleitet von einem Torrette oder Fumin aus dem Alta Valle d’Aosta und zuletzt noch von einem Gläschen „Schnapps à l’arolle“, brechen wir auf zu einem kleinen Verdauungsspaziergang. Bon appétit et bonne balade!

Meredith Erickson (Text), Christina Holmes (Foto): Voyage gourmand dans les Alpes. Italie – Autriche – Suisse – France. Recettes, rencontres et adresses incontournables. Éditions Glénat, Grenoble 2021, € 39,00.

Alte Alpinisten

Zwei Bücher mit zwölf Biographien grosser Alpinisten.

17. November 2021

«Ich bleibe Bergsteiger bis zu meinem Tod.»

Finaler Satz von Oswald Oelz in dritten Kapitel des neuen Buches von Ulrich Remanofsky mit dem munteren Titel: „Die wilden Alten. Zehn Extrembergsteiger – ein Leben lang am Limit“. Das Cover zeigt den Schweizer Marcel Remy, geboren am 6. Februar 1923, am scharfen Ende des Seils im schwierigen Klettergebiet Saint-Loup. Neben diesem uralten Sportkletterer porträtiert Remanofsky, mit Jahrgang 1943 selbst nicht mehr der Jüngste, folgende alten Alpinisten: die beiden Söhne Claude und Yves von Marcel Remy, Bernd Arnold, Peter Habeler, Pit Schubert, Walter Spitzenstätter, Manfred Sturm, Otti Wiedmann und eben Oswald Oelz. Wie man das schafft, zwischen Eintreten ins Rentenalter und Abtreten noch dermassen Auftreten zu können, zeigt Remanofsky in eindrücklichen Porträts. Habeler zum Beispiel, der mit fast 75 Jahren noch locker durch die Eigernordwand klettert. Marcel Remy, der sich noch sicher in der Senkrechten bewegt, wenn andere längst ins Waagrechte verschwunden sind. Gleichzeitig erinnern sich die Alten gerne an frühere wilde grosse Touren – auch das gehört selbstverständlich zum Älterwerden, und dem wird in diesem Buch auch unterhaltsam nachgelebt. Wie immer bei einer Auswahl kann diese befragt werden: warum nur schweizerische, deutsche und österreichische Bergsteigern, warum nur Männer? Oder gibt es keine weiblichen wilden Alten? Doch: Martine Rollande (Jg. 1949), um nur einen Namen zu nennen. Catherine Destivelle, Lynn Hill und Nives Meroi haben zwar grad die Schwelle von 60 überklettert, aber dann gehört frau noch nicht zur alten Garde, mais non!

Fredy Hächler hingegen tut es mit Jahrgang 1932. Am 18. Juli 1959 erreichte er zusammen mit Alois Strickler (1924–2019) den Gipfel des Matterhorns, nach der 13. Durchsteigung der Nordwand. „Wenn du auf dem Gipfel oben ankommst, bist du nicht mehr derselbe Mensch, der unten eingestiegen ist, und dies für dein ganzes restliches Leben.“ So wird Hächler im Buch zitiert, das Bruno Bollinger über ihn und Strickler geschrieben hat. „Eine besondere Seilschaft“ schildert ausführlich und mit vielen zeitgenössischen Abbildungen das Leben der zwei Spitzenbergsteiger. Wilde Zeiten haben beide Schweizer erlebt, im Fels wie auf dem Wasser. Strickler war der zweite Alpinist, der die sechs klassischen Nordwände (Grandes Jorasses, Dru, Matterhorn, Eiger, Badile und Grosse Zinne) durchstieg, die Gaston Rébuffat von 1945 bis 1952 gemacht hatte und 1954 im Buch „Étoiles et tempêtes“ verewigte. Und die auch bei jungen Bergsteigern immer noch für Herausforderungen sorgen. Den Einstieg zur Doppelbiographie markiert ein Zitat von Alois Strickler: „Schwierige Touren machen viele, die Kunst ist dabei alt zu werden.“

Erhard Loretan konnte das leider nicht erleben. Bei der Ausübung seines Berufes als Bergführer stürzte er am 28. April 2011 am Gross Grünhorn in den Berner Alpen zu Tode. Es war sein 52. Geburtstag. Zu Ehren von Erhard Loretan finden im Alpinen Museum in Bern und im Musée gruérin in Bulle Gedenkveranstaltungen statt. Im Zentrum stehen seine bisher kaum veröffentlichten Filme. Mit dabei sind Renata Loretan, die Mutter von Erhard, sowie Berggefährte Jean Troillet, mit Jahrgang 1948 ein ziemlich wilder Alter.

Ulrich Remanofsky: Die wilden Alten. Zehn Extrembergsteiger – ein Leben lang am Limit. Alpinverlag, Bad Häring 2021, € 13.00 www.alpinverlag.at

Bruno Bollinger: Eine besondere Seilschaft. Alois Strickler – ein lebenslang leidenschaftlicher Kletterer. Fredy Hächler – ein lebenslang leidenschaftlicher Abenteurer. Munggenverlag, Erstfeld 2020, Fr. 40.00 www.munggenverlag.ch

Hommage an Erhard Loretan: Höher, schneller, leichter. Mittwoch, 17. 11. 2021, 18.30 Uhr, Alpines Museum der Schweiz. Mittwoch, 24. 11. 2021, 19.30 Uhr, Musée gruérien in Bulle (leider je ausgebucht).

Helvetische Abgründe

Vier neue Schweizer Krimis, mehr oder weniger alpin angehaucht.

10. November 2021

«Elle ne vit pas le fil de métal tendu au travers du chemin. Elle sentit plus qu’elle ne vit sa chaussure de course empêchée d’aller plus loin, son pied d’appel pris par le filin, comme un renard au collet, puis libéré brutalement. Instinctivement, dans son vol plané, elle tendit les paumes vers l’avant, mais ses mains ne rencontrèrent que le vide.»

Die erste Tote im ersten Krimi der Westschweizerin Emmanuelle Robert, ein vielversprechendes, hochspannendes Debut. Mit einem leichten Nachteil: Auf all den Schwindel erregenden Wegen hoch über dem Lac Léman, zum Beispiel auf dem Gratweg vom Rochers de Naye hinab zur Grande Chaux de Naye, werden wir nach der Lektüre von „Malatraix“ noch stärker als bisher auf den Boden blicken. Schon immer durften wir dort nicht stolpern, aber wenn jetzt plötzlich noch ein Draht quer über den Weg gespannt wäre, dann würde es wirklich gefährlich. Trailrunnerin Catherine „Kate“ Humair hatte an jenem Freitag Abend im September 2020 keine Chance mehr. Nun, zur Beruhigung: Der Mörder, der die Waadtländer und Walliser Berglauf-Community brutal verunsicherte (und dezimierte), wird zuletzt eliminiert. Wer’s ist, verrate ich natürlich nicht.

Rochers de Naye, Pléiades, Pic Chaussy, Cape au Moine und Malatraix: In diese fünf Bergkapitel ist Roberts Kriminalroman aufgeteilt. Letztgenannter Gipfel ist eine bewaldete Felskuppe (1767 m) schier senkrecht über Villeneuve. Von 1844 bis 1932 war mit „Malatrait“ auf der Landeskarte der Schweiz ein gipfelähnlicher Grasbalkon weiter oben auf rund 1930 Metern bezeichnet – einer der schönsten Panoramapunkte am Lac Léman. Dort oben findet dann auch der Show-down statt, so viel darf ich schon verraten. Und vielleicht noch das: Zwischen den Zeilen ist der buchstäblich atemberaubende Trailrunning-Krimi „Malatraix“ auch ein Matterhorn-Roman.

Machen wir grad noch eine Runde in der Romandie. Genauer: im Val Nendaz, im Skigebiet Quatre Vallées, dem grössten der Schweiz. Dort spielt „Black Justice 2.0“ von Nicolas Feuz, ein Ski(lager)krimi aus heutiger Zeit mit (digitaler) Realität, aufgeteilt in die zehn FIS-Regeln. Falls Ihr diese, liebe Bärg- und Schifründe, nicht mehr ganz präsent haben solltet, hier sind sie: https://de.wikipedia.org/wiki/FIS-Regeln. Der neue Jugendkrimi von Feuz erschien in der Collection „Frissons suisses“ der Éditions Auzou in Paris. Diese Reihe für LeserInnen zwischen zehn und zwölf Jahren begründete Feuz zusammen mit seinem Schweizer Kollegen Marc Voltenauer, der auf www.bergliteratur.ch auch schon ein paar Kurven hinlegte.

Vom Wallis hinüber ins Berner Oberland, für Trailrunners ein lockerer Lauf. Locker gibt sich ebenfalls Luke Mischler, einer der Promotoren von „Honeymoon-Alp“ auf der Bussalp oberhalb von Grindelwald, bei der Vorstellung seines Projektes: „Feiern und Flittern am gleichen Ort. Rauschende Feste, romantische Nächte, verbunden mit dem atemberaubenden Ausblick auf die drei Natur-Trauzeugen Eiger, Mönch und Jungfrau.“ Das arme Dreigestirn, nun muss es noch eine weitere Funktion übernehmen… Allerdings werden sie eher Zeugen, wie die erste Hochzeitsfeier ziemlich bachab geht – Gäste landen mit einer Magen-Darm-Grippe im Spital; eine Person war an der gleichen Krankheit ein paar Wochen früher gar gestorben. Irgendetwas muss ziemlich faul sein auf der sonnenverwöhnten Bussalp. Bernhard Schmutz lässt im Umweltkrimi „Schweizer Wasser“ das ungewöhnliche Duo Lisa und Wim ermitteln. Und wir LeserInnen werden in Zukunft auf der Bussalp, nach der Ski- oder Schlittelabfahrt vom Faulhorn, den Durst nicht mit Bergwasser, sondern mit Weissem von Villeneuve (oder einer anderen Waadtländer Appellation) löschen. Und dazu etwas essen – aber sicher keine Pilze.

Jedenfalls nicht nach der Lektüre des Kurzkrimis „Der Feinschmecker“ von Adelheid Blättler-Schmid. Er wird aufgetischt in „Berner Krimis“, einer Anthologie mit kriminellen Stories von 37 Autorinnen und Autoren des Berner Schriftstellerinnen und Schriftsteller Vereins, der heuer sein 80. Jubiläum feiert. Gourmet Hans Kampe befindet sich auf der Heimfahrt von einer Wanderung mit Pilzkenner Nolde, freut sich schon aufs frische Pilzgericht – und darüber, wie der Ausflug verlaufen ist: „Ganz sanft war sein Geschäftsfreund runtergestürzt – nein – man konnte nicht mal von einem Sturz sprechen. Es war in seiner Erinnerung nur wie ein lautloses Hinabgleiten gewesen und ihm wirklich so vorgekommen, als sei Nolde, den man als Leichtgewicht bezeichnen konnte, nur ein bisschen gestolpert. Mehr als ein sanftes Stupsen mit der Hand hatte es nicht gebraucht.“

Emmanuelle Robert: Malatraix. Éditions Slatkine, Genève 2021, Fr. 30.-
Nicolas Feuz: Frissons suisses. Black Justice 2.0. Mit Illustrationen von Julia Wytrazek. Éditions Auzou, Paris 2021, Fr. 14.-
Bernhard Schmutz: Schweizer Wasser. Gmeiner Verlag, Meßkirch 2021, Fr. 23.-
Berner Krimis. Eine Anthologie des Berner Schriftstellerinnen und Schriftsteller Vereins. Tredition, Hamburg 2021, Fr. 19.-

Vernissage Berner Krimis mit Marathonlesung: Mittwoch, 17. November 2021, 19 Uhr in der Casa d’Italia in der Berner Länggasse.

Le Salève de A à Z

Und wieder ein neues Buch zum Salève, den französischen Hausberg von Genf. Uetliberg, Gurten, St. Chrischona und Freudenberg schauen neidisch zur Léman-Metropole.

4. November 2021

«Самой красивой прогулкой за все время моего пребывания была прогулка по Салеве. Внизу – море тумана; в Женеве везде темно, а на горе – великолепное солнце; снег; маленькие санки, хороший русский зимний день.»

Das schrieb Wladimir Iljitsch Lenin 1904 seiner Mutter in einem Brief. Seit 1895 hatte sich der Revolutionär und spätere Begründer der Sowjetunion verschiedene Male in der Schweiz aufgehalten, so auch immer wieder in Genf. Dort nahm er jeweils das Tram nach Veyrier und wanderte über den steilen Pfad des Pas-de-l’Échelle auf den Salève, den Genfer Hausberg. Manchmal erreichte er die Höhe auch per Zahnradbahn. Lenins Wanderungen sind erwähnt im druckfrischen Buch „Le Salève de A à Z. Dictionnaire d’une montagne modeste et géniale“ von Dominique Ernst. Vor sechs Jahren hatte der Autor, ebenfalls in den Éditions Slatkine de Genève, das Buch „Le Salève – des histoires et des hommes“ herausgegeben. Mehr dazu hier: https://bergliteratur.ch/le-saleve/

Der 19 Kilometer lange und die Genfer Landschaft um 800 Meter überragende Bergrücken mit den Petit (899 m) und Grand Salève (1309 m) sowie dem Grand Piton (1379 m) gehört politisch zu Frankreich, gesellschaftlich, touristisch und psychologisch freilich zu Genf. Bergsportlich erst recht. Aufregend sind die Pfade in der eigentlichen Westflanke des Grand Salève. Nicht nur der Sentier des Etiollets, sondern auch seine Fortsetzung, der Sentier des Etournelles. Wer auf diesem ausgesetzten und nur an den allernötigsten Stellen versicherten Weg nicht hundertprozentig trittsicher und schwindelfrei ist, wird es bereuen, dass die Freizeitaktivität nicht auf die Genfer Seepromenade mit dem 145 Meter hochschiessenden Jet d’Eau beschränkt worden ist. Eine Abzweigung vom Etournelles-Pfad führt noch auf den Felsturm der Sphinx: Da wird man dann definitiv (zu) viel Luft unter den Wanderschuhsohlen haben.

Im Innern der Sphinx versteckt sich die gleichnamige Höhle, auch Grotte de Mule genannt. Bekannter ist jedoch das Trou de la Tine, wo der Sentier des Etournelles in den Salève-Höhenweg, den Sentier de la Corraterie, mündet. Eine riesige Höhle im obersten Felsband, deren Decke eingestürzt ist: Wenn man innen steht, hat man einen Triumphbogen vor sich, von dem Kletterer manchmal im Freien abseilen. Der Genfer Naturforscher und Alpinismuspionier Horace Bénédict de Saussure hat das Trou de la Tine um 1760 entdeckt. Er steht oben in der langen Liste grosser Alpinisten, die am Salève ihre ersten Touren gemacht haben. „Das erste Mal, dass ich zu diesem einzigartigen Ort kam und in diesen Riss eindrang, empfand ich eine Erregung, der ich mich kaum wehren konnte. Ich war allein, sehr jung und kaum gewöhnt an ein solches Spektakel. Diese jähen Felsen, diese angehäuften Blöcke davor lösten Vorstellungen von Zerstörung und Ruinen aus. Diese tiefe Einsamkeit wurde nur von Raben gestört, die in diesen Felsen nisteten und die in Angst um ihre Jungen eine Front gegen mich machten, wobei sie hässliche Krächzlaute ausstiessen, welche das Echo vertausendfachten.“

Lenin und de Saussure, Ella Maillart und Alexandra David-Néel, Voltaire und Rousseau, der fast Everest-Erstbesteiger Raymond Lambert: Sie alle fanden Aufnahme im 328-seitigen Lexikon. Auch Mary Shelley ist drin mit ihrem weltberühmt gewordenen Roman „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“. Allerdings nicht unter dem Stichwort „Shelley“, sondern unter „Frankenstein“. Leider gibt es keinen Index, der das neue Salève-Buch von Dominique Ernst detailreich erschliesst. So findet man den Fakt, dass die Asche des in Genf gestorbenen Schriftstellers Robert Musil auf dem Salève verstreut wurde, nur unter „Fragments de littérature“ und nicht auch unter „Musil, Robert“.

Aber wir wollen den Hinweis auf dieses neue Salève-Werk nicht mit einer Kritik beenden. Sondern mit dem, was Lenin seiner Mutter schrieb: «La plus belle promenade de mon séjour a été sur le Salève. En bas il y a la mer de brouillard; partout dans Genève, il fait sombre et sur la montagne il y a un soleil magnifique; de la neige; des petits traîneaux, une bonne journée d’hiver russe.»

Dominique Ernst: Le Salève de A à Z. Dictionnaire d’une montagne modeste et géniale. Éditions Slatkine, Genève 2021, Fr. 33.-

Piz Bernina & Piz Palü

Zwei neue Bergromane zu den beiden berühmtesten Gipfeln des Engadins. Als Routenführer taugen sie nur bedingt. Müssen sie ja auch nicht.

30. Oktober 2021

Der Schauspieler machte eine Geste hinauf zu den Gipfeln, die das Grand Arnold wie ewige Wächter umstanden. «Wenn ich hinaufsteige, würdest du mir Gesellschaft leisten?»
«Wo soll es denn hingehen?» Corinne sah in an. Die Sonne verwandelte sein Haar in eine leuchtende Corona.
O.W. blinzelte vergnügt. «Was hältst du davon, wenn wir unser Glück noch einmal auf dem Piz Palü versuchen?»

«Da ist er, der Piz Bernina.» Katharina drehte sich Selma zu: «Das ist die Westseite. Von der Diavolezza aus sahen wir die Ostseite.»
«Von hier sieht er viel mächtiger und gefährlicher aus», entgegnete Selma. «Habe ich wirklich gesagt, dass ich mitkomme?»
«Hast du», sagte Julia lachend.
«Na toll», murmelte Selma und betrachtete den imposanten Biancograt, den weissen Firn, die Himmelsleiter. Es sah aus, als würde der Grat auf einer fast senkrechten Felswand thronen. Ihr wurde etwas schwindelig.

Und auch. Immer wieder Bernina und Palü. Zum Beispiel die Romane „Der König der Bernina“ und „Der Todesweg auf den Piz Palü“. Oder der Film „Die weisse Hölle vom Piz Palü“. Klar, liegen schon ein paar Jahrzehnte zurück. In diesem Jahr aber gab es frisch wie der erste Herbstschnee auf dem Piz della Palù (erhebt sich ebenfalls auf der Grenze Graubünden-Lombardei): die Romane „Piz Palü“ von Marie Brunntaler und „Gipfelkuss. Die Reporterin am Piz Bernina“ von Philipp Probst.

Die Reporterin Selma Legrand-Hedlund kennen wir bestens, da wir sie schon zum „Alpsegen“ am Lauenensee begleitet und in Engelberg mit ihr „Wölfe“ entdeckt haben. Diesmal geht es ganz hoch hinaus: Auf dem König der Ostalpen soll Selma den Hochzeits-Gipfelkuss eines Promipaars fotografieren. Die Deutsche Julia wird den Gipfel über den Biancograt erreichen, ihr Verlobter, der Italiener Stefano, über den Spallagrat. Wenn das nur gut kommt! Natürlich geht das gut, wenigstens bis zum Gipfelkuss. Was nachher kommt, gehört mehr zur fiktiven als zur realen Bergliteratur. Mehr möchte, darf ich Euch nicht verraten. Oder soviel: Nach Gstaad, Engelberg und Pontresina schickte der Autor seine Heldin. Wie wär’s in Band 4 mit Zermatt, Grindelwald oder Montreux? Oder mit einem Dorf, in dem meines Wissens noch nie ein Bergroman angesiedelt wurde: Viano. Eine Wiese südlich des Ortes heisst Palü. Von dort erblick man den gleichnamigen Piz.

„Piz Palü“ also. Hotelroman und Bergkrimi in einem. Spielt irgendwo zwischen Pontresina und dem berühmten Berg, mit Diavolezza und Lago Bianco. Bei den alpinistischen Szenen gibt es einen Seilsalat, um es mal so zu sagen. Bei den Schweizer Weinen macht die Autorin ebenfalls ein kleines Durcheinander, wenn ein Marsanne blanche als typischer Wein des Tessins kredenzt wird. Wir stossen trotzdem an auf dieses flott erzählte Stück kitschiger Bergliteratur. Welche Berge auf dem Cover abgebildet sind, konnte ich nicht herausfinden. Sicher nicht Palü oder Bernina. Aber vielleicht der Piz Zupò, der höchste Gipfel der Lombardei. Zu ihm erschien 1898 im Verlag des Rauhen Hauses in Hamburg ein Roman von Anna Weidenmüller: „Piz Zupô. Eine Geschichte aus dem Touristenleben der vornehmen Welt im obern Engadin.“ Muss ich mal lesen. Zum Beispiel auf der Fahrt ins Oberwallis ans Multimedia-Festival BergBuchBrig.

Marie Brunntaler: Piz Palü. Eisele Verlag, München 2021, Fr. 30.-

Philipp Probst: Gipfelkuss. Die Reporterin am Piz Bernina. Orte Verlag, Schwellbrunn 2021, Fr. 38.-

BergBuchBrig. Das Multimedia-Festival Natur, Kultur, Freizeit und Abenteuer in den Bergen findet vom 3. bis zum 7. November statt. www.bergbuchbrig.ch.