Pelzli

Ein heisser Tag im klassischen Trainingsgebiet der Basler Kletterelite. Abgesang auf die anarchistische Kletterkultur.

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Die Hitze lagert zwischen Gebüsch und Fels, eine Jugendgruppe trainiert an einer der wenigen schattigen Wänden, brav mit Helmen ausgerüstet, irgendwo schreit ein Baby. Familienklettern ist angesagt. Mit dem Plaisierführer in der Hand wandern wir hin und her, da ist’s zu heiss, dort zu schwer. «Pelzli» –  nur schon der Name treibt einem den Schweiss aus den Poren. Im Jura soll die Bewertung hart sein, hat man uns vorgewarnt. Trotzdem versuchen wir mal eine Route 6b mit dem vielversprechenden Namen Bakunin. Kleine Griffe, marmorpoliert. Im Pelzli hat schon in den Sechzigerjahren die Basler Kletterelite trainiert, als Training unter Kletterern noch ein Fremdwort war. Man wunderte sich, die Basler, die Jurassier überhaupt, fern von den hohen Bergen, waren einfach besser. Albin Schelbert, Eugen Bender, Legenden. Bescheiden und stark, Chalchschijen, Schweizerweg an der westlichen Zinne. Fernab vom Medienhype heutiger Grössen.
Die Route hat trotz ihres Namens nichts Anarchistisches an sich: sauber eingeklebte Ringe, gut gesichert also. Fernab auch die wilden Siebziger- und Achtziger, als man das Risiko suchte, kiffte und kletterte und an Demos mitmarschierte. Als junge Jurakletterer, die in besetzten Häusern in Basel wohnten, ein antiautoritäres Blatt herausgaben, die «Flueziitig». Tempi passati, heute ist Hochglanz der Stil, dreiviertel Inserat, der Rest viel Bild und wenig Poesie.
Aus den Kreisen der hausbesetzenden Basler Kletterer stammt vielleicht die Route im Gedenken an den Vater aller Anarchisten, Michail Alexandrowitsch Bakunin, der die revolutionären jurassischen Uhrmacher 1871  in einer Juraföderation organisierte, der wildesten Sektion der ersten sozialistischen Internationalen. Nicht zu Ehren des adeligen Anarchisten haben wir die kurze Route ausgesucht, sondern wegen dem angenehmen Schatten, in dem sie noch liegt. Und – weil wir durch einen leichten Riss bequem ein Toprope hängen können. Pragmatik statt Politik also. Nach unserer sportlich-historischen Tat rufen die Gartenbeiz und das Bier.
Im Militärdienst vor unendlich vielen Jahren lag ein Soldat neben mir auf der Pritsche, Eugen stellte er sich vor, und irgendwie kamen wir aufs Klettern zu sprechen. Eugen Bender. Vielleicht tranken wir auch noch ein Bier zusammen. Wenig später hörte ich, dass ihn in den Kreuzbergen ein Blitz erschlagen hat.

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