In fünf Wochen ist Weihnachten. Hier drei Fotobände, die sich gut machen unter dem Baum, darunter ein neues Meisterwerk von Robert Bösch.
«Weil er da ist», war die schlichte Antwort von George Mallory 1924 auf die Frage, wieso er den Mount Everest besteigen wolle.
«Weil sie da sind», hätte meine Antwort lauten können auf die Frage, wieso ich diese Bilder machen wollte.
Der Berg war da, die Bilder waren da. Ich musste sie nur erkennen, während Mallory ihn besteigen musste, was er beim Versuch mit seinem Leben bezahlte. Bergsteigen und Fotografie – zwei völlig verschiedene Welten, die beide mein Leben geprägt haben. Während die Intensität und das Können meines Bergsteigens im Verlauf des Lebens bedauerlicherweise, aber naturbedingt nachgelassen haben, begleitet mich die Fotografie nach wie vor und hat mich immer wieder in für mich neue Bereiche weitergehen lassen.
So leitet der Schweizer Fotograf Robert Bösch das Vorwort in seinem jüngsten Bildband «Bilder, die ich gesehen habe – Pictures that I have seen» ein. Es ist dies ein rundum prächtiges Werk, 35 mal 25 Zentimeter gross, 252 Seiten schwer, mit einem schwarzweissen Titelbild, das den ganzen Umschlag füllt. Es zeigt – so liest man hinten im Index zu den 118 Fotos – die Mykerinos-Pyramide bei Kairo; ihre steinigen Kantenlinien könnten fast Felsgrate sein. Eine bildstarke Erinnerung daran, dass der heute 71jährige Bösch die künstlerische Karriere als Bergfotograf begann. Sein erstes Buch «Faszination Schnee. Traumhafte Skitouren zu weissen Gipfeln» – die französische Ausgabe heisst «Ski en liberté» – erschien 1988. Die Faszination Schnee ist geblieben, die Freiheit für den richtigen Bildausschnitt ebenfalls. Aber es ist eine neue Freiheit, die über den gebirgigen Horizont hinausgeht. Zu den Wolken allein, oder zum Schilf am Ägerisee im Zugerland, wo Röbi wohnt. Was für eine fotografische Weite, in die wir mit dem jüngsten Bildband von Bösch eintauchen, Seite für Doppelseite, mal farbig, mal schwarzweiss. Das letzte Foto zeigt einen präzis unscharf festgehaltenen Vogel auf seinem Flug, losgelöst von allem Irdischen. «Meine Bilder stehen für nichts anderes als für sich selbst» lesen wir im Vorwort. Es ist überschrieben mit «Das Meer ist schief».
Das Meer ist da. Immer wieder auf den 65 Duoton-Aufnahmen im Band «Gletscher» des im Mai 2025 verstorbenen brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado. Ein Essay der italienischen Physikerin und Klimaforscherin Elisa Palazzi ergänzt den Bildband. Die meisten Fotos stammen von der Antarktischen Halbinsel, den Südlichen Sandwich-Inseln, von Patagonien, Südgeorgien und vom kanadischen Kluane-Nationalpark aus den Jahren 2005 bis 2011. Heute wird es in diesen unwirtlichen Gegenden anders aussehen, viel Eis ist zu Wasser geworden, und noch viel mehr wird leider abschmelzen, wenn wir die Erde weiter so aufheizen. Salgados Gletscherbuch kann als Schwanengesang auf das scheinbar ewige Eis gesehen werden, obwohl – Schwäne sind auf den Fotos keine zu sehen, Pinguine hingegen schon. Was wird aus ihnen, wenn die Gletscher mal weg sind?
Und was wird aus der Schweizer Berglandschaft, wenn die Bergbauern dort nicht mehr arbeiten und leben? Wenn es ihnen zu mühsam, zu aufwendig, zu wenig ertragsreich geworden ist, wenn der Boden unter den Füssen, den Hufen, den Reifen, ja dem Heimetli wegrutscht? Der Walliser Agronom und Fotograf Raymond Zurschmitten zeigt in «Bergbauern. 12 Porträts aus der Schweiz» mit stimmigen schwarzweissen Fotos Familien in den Alpen und im Jura. Die kurzen Texte geben Auskunft zu Betrieb, Familie, Tierbestand, Arbeiten, Hauptprodukte (leider ohne genaue Angaben, wo man diese kaufen kann), Persönliches und Nachfolgeregelung. «Im Besonderen möchte ich mit diesem Buch Jugendliche und junge Erwachsene inspirieren», schreibt Zurschmitten am Ende seines Vorworts. «Vielleicht können sie sich nach der Lektüre vorstellen, selbst einmal auf einem Bergbetrieb zu arbeiten?»
Robert Bösch: Bilder, die ich gesehen habe – Pictures that I have seen. Christoph Merian Verlag, Basel 2025; signiertes Exemplar direkt bei www.robertboesch.ch. Fr. 130.-
Elisa Palazzi, Lélia Wanick Salgado (Hrsg.): Sebastião Salgado – Gletscher. Prestel Verlag, München 2025. € 45,00.
Raymond Zurschmitten: Bergbauern. 12 Porträts aus der Schweiz. Weber Verlag, Thun/Gwatt 2025. Fr. 49.-


