Ran an den Fels

Nur klettern ist schöner als lesen. Vier neue Führer für Wände und Grate zwischen Val Ferret und Val d’Arpette, Lauterbrunnental und Riviera. Anseilen bitte!

«Aiguille Savoie (3603 m) arête SE und face SE. La Voie Preuss qui remonte l’éperon S de l’Aiguille Savoie est l’itinéraire classique du bassin de Triolet. Récemment rééquipée, la voie Favola d’amore en face SE connaît un regain d’intérêt et est utilisée come voie de descente (rappels) de la Voie Preuss

Der Österreicher Paul Preuss, geboren am 19. August 1886 in Altaussee und abgestürzt am 3. Oktober 1913 an der Nordkante des Nördlichen Mandlkogels im Dachsteingebirge, gilt als einer der besten und einflussreichsten Kletterer der Alpinismusgeschichte. Seine mutigen Solobegehungen und sein Verzicht auf Hilfsmittel (wenn möglich) machen ihn zu einem Vorbild bis heute. Insbesondere die Erstdurchsteigung der Ostwand der Guglia di Brenta in den Dolomiten am 28. Juli 1911 – allein, ohne Seil, ohne jegliche Sicherung und in nur zwei Stunden – erweckt immer noch Bewunderung. Kaum bekannt ist aber, dass Preuss auch in den Westalpen Spuren hinterliess. So eben am 13. August 1913 an der Aiguille Savoie im östlichen Montblanc-Massiv; ein Grenzgipfel zwischen dem französischen Talèfre-Becken und dem italienischen Glacier de Triolet, nur drei Kilometer Luftlinie vom Dreiländergipfel Mont Dolent entfernt.

Die Preuss-Führe an der Aiguille Savoie ist im Führer «Mont-Blanc Granite. Les plus belles voies d’escalade. Tome 6, Val Ferret» genau beschrieben, auf fünf Seiten mit Text, Topo und Fotos. Dazu noch eine Seite für die 1996 von Roberto Giovannetto, Gisa und Manlio Motto eröffnete Route Favola d’Amore; diese Liebesgeschichte erstreckt sich über 380 Höhenmeter im Schwierigkeitsgrad 6b+/6b. Insgesamt stellt dieser sechste und letzte Band aus der Reihe «Mont-Blanc Granite» 248 Routen im italienischen Val Ferret vor, das sich von Courmayeur bis zu den Grenzübergängen Grand und Petit Col Ferret erstreckt; auf ihrer Nordseite geht es durchs schweizerische Val Ferret nach Orsières hinab. Die berühmtesten Gipfel über dem italienischen Val Ferret sind Dente del Gigante und Les Grandes Jorasses. Allein die 800 Meter hohe Ostwand der Pointe Walker erscheint den vier Führerautoren als «un océan de granite».

Wir bleiben in der Gegend, wechseln aber zwischen Granit, Kalk und anderem Gestein. Klettertouren in der Haute Savoie vom Lac d’Annecy bis nach Chamonix, im Unterwallis und in den Waadtländer Alpen sowie im Oberwallis enthält die sechste Auflage des zweiten Bandes von «Schweiz Plaisir West». Allein das packende Titelbild von Sandro von Känel mit Christina von Känel an einem ockerfarbenen Felszacken im Gebiet Douves Rousses im Val d’Arolla verspricht Vergnügen und Spass. Und wer dort Mais où sont les neiges d’antan? und die fünf anderen Kletterwege erfolgreich gemeistert hat, findet in 63 weiteren Gebieten zusätzliche Plaisir-Seillängen. Nichts wie hin, im Unterwallis lässt es sich das ganze Jahr klettern, so am Pissevache und am gegenüberliegenden Pissechèvre. Mehr zum Kuhpissfall hier: https://bergliteratur.ch/balades-dans-les-gorges-de-suisse-romande/

Wir wechseln auf die Alpennordseite, ins Waadtländer, Berner und Urner Oberland. Und wir steigen bei der Schwierigkeit auf: Nun geht’s richtig zur Sache und ins Senkrechte, ja Überhängende. Die sechste Auflage des zweiten Bandes von «Schweiz Extrem West» stellt ganz grosse und berühmte Felsanstiege vor, allein 19 in der Eigernordwand. So natürlich La vida es silbar von Daniel Anker und Stephan Siegrist – nein, nein, diese Route ist nicht von mir, sondern von meinem Namensvetter und Bergführer D.A. Ich schaffte es einmal nur bis zum Einstieg der Heckmair-Route in der Nordwand, das ist vielleicht Wandern extrem, aber hat mit Klettern nix zu tun. Den Eiger kennt die halbe Welt, die Halpi-Wand im Gasterntal fast niemand. Dabei hat Erschliesser Sacha Wettstein die fünf Routen so fein getauft: Tschalpi, Halpiwahrheit oder Frölein, no es Halpeli!

Ein solches liesse sich bestimmt auch im Tessin bestellen, nur bestellt man dort nicht in dieser Sprache. Wenn schon un mezzo litro; vielleicht auch due boccalini. Im Sektor Terra di Mezzo des Klettergebietes Brontallo im Val Lavizzara allerdings wird ein anderes Getränk bevorzugt: Beer what else? Die Route gleich nebenan heisst William Shakesbeer, eine andere To beer or not to beer, die schwierigste (7b+) A tutta birra. Nicht alle der über 4000 Routen im SAC-Kletterführer «Ticino/Tessin» haben so süffige Namen. Für die fünfte Auflage mit insgesamt 93 Klettergebieten berücksichtigte Glauco Cugini sechs neue, so grad bei Brontallo, aber auch in Biasca und Olivone. Ich hätte gerne auf eine andere Favola d’Amore oder Via Preuss hingewiesen, wurde aber auf den 624 Seiten nicht fündig.

Apropos Preuss: Der diesjährige Paul-Preuss-Preis wird am 20. September 2025 in Altaussee der Österreicherin Barbara «Babsi» Zangerl verliehen. Seit 2013 überweist die Internationale Paul-Preuss-Gesellschaft diesen Preis an extreme Bergsteiger bzw. Kletterer, «die sich im Laufe ihrer gesamten bergsportlichen Entwicklung nicht nur durch herausragende Leistungen im Gebirge, sondern auch im Sinne der Philosophie Paul Preuss’ mit dem Verzicht auf technische Aufstiegshilfen dem freien Klettern verschrieben und besonders ausgezeichnet haben», so der Text auf der Website: www.paulpreuss-gesellschaft.com

Enrico Bonino, François Damilano, Julien Désécures, Louis Laurent: Mont-Blanc Granite. Les plus belles voies d’escalade. Tome 6, Val Ferret.JMEditions, Chamonix 2025. € 28,50.

Sandro von Känel: Schweiz Plaisir West. Band II. Filidor Verlag, Reichenbach 2025. Fr. 48.-

Sandro von Känel: Schweiz Extrem West. Band II. Filidor Verlag, Reichenbach 2025. Fr. 44.-

Glauco Cugini: Arrampicata/Escalade/Klettern Ticino/Tessin. Locarno / Onsernone / Maggia / Verzasca / Bellinzona / Riviera / Blenio / Leventina / Moesa / Lugano / Mendrisio. Weber Verlag, Thun 2025. Fr. 64.-, SAC-Mitgliederpreis Fr. 54.-

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