Rebellinnen zu Fuss

Zwei Bücher zu Frauen, die wanderten und darüber schrieben. Keine Selbstverständlichkeit, früher schon gar nicht.

«Ein oder zwei aus der Gruppe, die sich nicht für den besseren Halt Nägel in die Schuhsohlen hatten schlagen lassen, mussten sich beim Abstieg wiederholt hinsetzen und hinunterrutschen; Heide und Moos sind ohne Nägel so rutschig, dass man, wenn der Weg nicht absolut eben ist, unmöglich aufrecht gehen, geschweige denn sicher wandern kann. […]
Nie in meinem Leben habe ich eine ansprechendere Exkursion erlebt; diese Kraxelei war genau das Richtige für mich. Ich finde wenig Vergnügen an einer Wanderung, die geradeaus über ebenes Gelände führt. Einen schönen, stolzen, erhabenen felsigen Berg finde ich viel reizvoller als einen schönen formalen, künstlich angelegten Garten oder Park.»

Das schrieb die englische Lehrerin, Briefschreiberin und Gouvernante aus Lancashire, Ellen Weeton (1776–1850), am 8. Juli 1810 ihrer Freundin Miss Winkley über eine kurz zuvor im Lake District unternommene Wanderung. Eine mutige Einschätzung, ja ein Bekenntnis: lieber Berge besteigen als durch einen englischen Park flanieren, und das vor über 200 Jahren! Ellen Weetons Briefe wurden 1936 in «Miss Weeton: a Journal of a Governess» publiziert. Heute sind Ausschnitte zu lesen im 2020 erschienenen Buch «Wanderers. A History of Women Walking» von Kerry Andrew. Die deutsche Übersetzung lautet aufgemotzt «Frauen, die wandern, sind nie allein. Unterwegs mit berühmten Denkerinnen – von Anaïs Nin bis Virginia Woolf». Zum Glück erstreckt sich der Weg nicht von Woolf bis Nin (das wäre die richtige Reihenfolge), sondern beginnt bereits mit Elizabeth Carter (1717–1804), einer Dichterin, Schriftstellerin und Übersetzerin. Und eben Wanderin, die lieber alleine unterwegs war, da die BegleiterInnen ihr Tempo meistens nicht mitmachten. Insgesamt stellt Kerry Andrew zehn englischsprachige Autorinnen vor, die zu Fuss unterwegs waren. Die jüngste ist Cheryl Strayed. Im Anhang finden sich Kurzbios von andern schreibenden und wandernden Frauen, meistens aus Grossbritannien und den USA.

Anneke Lubkowitz ihrerseits ist vor allem mit deutschen Frauen unterwegs, von Sophie von La Roche über Annette von Droste-Hülshoff (ein paar Zeilen mehr zu ihr hier: https://bergliteratur.ch/faszination-bergwaelder/) bis Else Lasker-Schüler und Emmy Hennings. Mitwandern in «Rebellinnen zu Fuss. Auf den Spuren von elf literarischen Wanderinnen» tun aber auch eine US-Amerikanerin (Octavia Butler), eine Französin (Simone de Beauvoir), eine Schweizerin (Annemarie Schwarzenbach – wer denn sonst…) und eine Engländerin (Mary Shelley); die Autorin des Frankensteins fehlt erstaunlicherweise bei Andrews. Während diese die Wanderinnen mit Zitaten oft zu Wort kommen lässt, versetzt Lubkowitz die Porträtierten in den eigenen sehr unterhaltsamen und informativen Wandertext, darin sie noch zahlreichen anderen Frauen begegnet, so Jane Austen bei einem kleinen Exkurs über Gummistiefel, wo die heutige Autorin zum Schluss kommt, «dass die Romantik aufhört, wo der Gummischuh anfängt».

Wahrscheinlich kümmerten sich die Ladies und Damen einst kaum um solche Fragen, sondern waren froh, wenn sie überhaupt losstiefeln durften und konnten, auf und davon, auf Schuhen, mit denen frau gehen konnte, davon von all den gesellschaftlichen, familiären Bindungen und Verpflichtungen. Nicht immer ging das. Ellen Weeton träumte vom Plan, Wales zu Fuss zu durchqueren. «Wenn ich allerdings an die vielen Belästigungen denke, die eine Frau alleine zu befürchten hat, halte ich ihn für undurchführbar», schrieb sie ihrer Freundin Miss Whitehead. «Ich darf nicht daran denken, einen solchen Plan in die Tat umzusetzen. Wenn ich doch nur ein Mann wäre!»

Kerri Andrews: Frauen, die wandern, sind nie allein. Unterwegs mit berühmten Denkerinnen – von Anaïs Nin bis Virginia Woolf. Goldmann Verlag, München 2024. Fr. 21.90.

Anneke Lubkowitz: Rebellinnen zu Fuss. Auf den Spuren von elf literarischen Wanderinnen. Kein & Aber Verlag, Zürich 2025. Fr. 34.-

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