Rentyhorn

Abgründe gehören zu den Bergen, auch menschliche. Gelegentlich öffnet sich einer und lässt einen Bilck in die Tiefe zu – etwa ins rassistische Gedankengut des einst hoch verehrten Glaziologen Louis Agassiz. Zum Glück gibt es nur wenige Gipfel in den Alpen, die den Namen einer einstigen Berühmtheit tragen. Der Alpen-Club müsste sonst wohl eine Kommission zur Prüfung der politischen Korrektheit von Bergnamen einsetzen.

Windig ist es hier oben
Renty
auf beinah 4000 Metern
und kalt
doch immer noch wärmer
als in Agassiz‘ Schriften
über die Rassen
in den du herhalten musstest
mit deinem Bild
als Beispiel
für eine minderwertige.

Ich denke an dich
und an alle
die mit dir litten
deswegen
und immer noch leiden.

Der Schweizer Schriftsteller, Kabarettist und Alpinist Franz Hohler hat im November 2011 das Agassizhorn (3946 m) in den Berner Alpen bestiegen und dabei das Gedicht mit dem Titel „Rentyhorn“ auf dem Gipfel im Schnee vergraben. Abgedruckt wurde das Gedicht im Artikel von Simon Wälti über Louis Agassiz (1807-1873), der am 28. Juni 2012 im Berner „Bund“ und am 4. Juli im Zürcher „Tages-Anzeiger“ erschien, und zwar aus Anlass der Sonderausstellung „Gletscherforscher, Rassist: Louis Agassiz“ im Grindelwald Museum. Sie bringt Licht in die dunkle Seite des weltberühmten Wissenschaftlers. So unbestreitbar gross die Verdienste des in Môtier am Murtensee geborenen Agassiz in Sachen Eiszeittheorie sind, so schändlich war und ist seine rassistische Weltanschauung. Simon Wälti: „Um die Minderwertigkeit der von ihm verabscheuten schwarzen Rasse zu dokumentieren, liess Agassiz Fotografien von Sklaven anfertigen. Darunter befand sich ein Sklave namens Renty aus dem Kongo, über den nur wenig bekannt ist.“ Dieser Renty wurde seit dem 200. Geburtstag von Agassiz zum Symbol für eine Wiedergutmachung: Aus dem Agassizhorn sollte das Rentyhorn werden, forderte eine Petition. Soweit kommt es nun aus verschiedenen Gründen nicht: Agassizhorn bleibt Agassizhorn, aber Agassiz nicht Agassiz. Wer in Môtier vorbeikommt und am schönen Haus westlich des Gemeindehauses die Tafel an seinem Geburtsthaus entdeckt, und links davon vielleicht die Ruelle Agassiz, wird und sollte nun um „die Abgründe des Gletscherforschers“ (Wälti) wissen. Desgleichen in Neuchâtel, La Chaux-de-Fonds, Lausanne und St-Imier, wo Strassen ebenfalls an den in die USA emigrierten Schweizer erinnern. Ein halb im Erdreich steckender Findling am Mont Vully heisst Pierre Agassiz, in Grindelwald gibt es laut tel.search ein Chalet Agassiz. Und auf der ganzen Welt, ja auf dem Mond ist der Name eingraviert. In meinem Buch „Wanderungen in Kalifornien“ von 1995 ist die Tour auf den Mount Agassiz (4235 m) und den benachbarten Chocolate Peak (3561 m) in der High Sierra beschrieben. Diesen hochalpinen Hike würde ich immer noch vorstellen, den Namensgeber jedoch ganz anders.

Als der Schweizer Schriftsteller, Karikaturist und Wanderer Rodolphe Töpffer (1799-1846) im Sommer 1841 eine seiner berühmten „Voyage en zigzag“ unternahm und dabei im Grimsel Hospiz dem dynamischen Gletscherforscher begegnete, konnte er nicht ahnen, welch unrühmliche Rolle jener einst spielen würde. Wie in dem 1841 erstmals publizierten Bericht „Voyage à Venise“ zu lesen ist, kommt Töpffer am Abend des fünften Reisetages ins Hospiz, wo er an der Table d’hôte mit dem Glaziologen und seinen Leuten tafelt, die seit 1840 auf dem Unteraargletscher ihr Forschungscamp aufgeschlagen haben; ihre einfache Unterkunft auf der Mittelmoräne wurde als Hôtel des Neuchâtelois ein Begriff. Schlechten Wetters wegen liegt ein Besuch dieses besonderen Hotels für Töpffer nicht drin, die Weiterreise über die Grimsel aber auch nicht. So lässt er sich das Forschungsleben von Mitarbeitern Agassiz‘ erklären (dieser selbst ging vom Hospiz zurück auf den Gletscher): „Trois des géologues sont restés; ces messieurs, collaborateurs de M. Agassiz, comptaient se rendre ce matin à leur cabinet d’étude (c’est à trois lieues de l’hospice, sur le glacier de l’Aar, un trou sous une pierre, avec un âtre et deux marmites); mais la tempête les a retenus, et bien heureusement pour nous, car les voilà qui nous acueillent amicalement, et qui nous font passer une journée charmante. Jeunes, gais, complaisants et instruits, ils nous expliquent familièrement la vie que l’on mène sur le glacier de l’Aar; à quelles causes on y fore un puits, profond déjà de soixante pieds; comme quoi les glaciers ont des puces à eux, tout comme les cuisinières et des chiens barbets; enfin, comment la neige rouge doit sa couleur à un insecte qui a l’estomac cramoisi.“

Von wegen karmesinrot: Das wird man heute eben, wenn man an Louis Agassiz denkt. Deshalb: Ein Ausflug nach Grindelwald ins Museum (www.grindelwald-museum.ch) drängt sich bis zum 14. Oktober 2012 fast auf. Wer noch wissen will, klicke auf www.rentyhorn.ch; dort findet sich auch der Link zum Rentyhorn-Book von Sasha Huber. Und man lese in der September-Ausgabe von „Horizonte“, dem Magazin des Schweizerischen Nationalfonds (www.snf.ch/SiteCollectionDocuments/horizonte/Horizonte_gesamt/Horizonte_94_D.pdf), das Interview mit Patricia Purtschert, Philosophin und Autorin des Buches „Früh los. Im Gespräch mit Bergsteigerinnen über siebzig“, zum Thema Kolonien; der Titel lautet „Globi ist ein Afro-Schweizer.“ Ein weites Feld. Und verdammt windig.

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