Robert Helbling und 125 Jahre AACZ

Ein bekannter Club mit sehr bekannten Mitgliedern: der Akademische Alpen-Club Zürich, 1896 mitbegründet durch Robert Helbling. Zwei druckfrische Publikationen wissen viel mehr.

«Diese ganze Tour, die erste Skifahrt über die Kette der Walliseralpen in deren Längsrichtung, wobei drei Gipfel von 3300 m. bis 3800 m. bestiegen und sechs Pässe überschritten wurden, wovon ebenfalls fünf bedeutend über 3000 m Höhe, ist wohl bei ihrer ununterbrochenen Dauer von sieben Tagen, die grösste Skifahrt, die jemals in den Schweizeralpen, ja vielleicht in den Gesamtalpen unternommen worden ist. Die Route führt grösstenteils über vergletschertes Terrain und bei der grossen Abgelegenheit der Nachtstationen von den nächsten städtischen Wohnungen, muss aller Proviant von Anfang an mitgetragen werden. Proviant für sieben Tage und einige Notrationen geben ein erkleckliches Gewicht, selbst wenn man sich auch wie wir es taten, sich aufs aller einfachste beschränkt: Gedörrtes Fleisch, Walliser Schwarzbrod, Kaffee, kondensierte Milch, Thee und Zucker und Pfeifentabak.»

Dieses nicht ganz bescheidene Fazit über die „1. Durchquerung der Walliser Alpen auf Skiern“ zog Robert Helbling (1874–1954), Mitglied der SAC-Sektion Piz Sol und des Akademischen Alpen-Clubs Zürich, den er 1896 mitbegründen half, im zweiseitigen Bericht „Skifahrten in der Saison 1902/1903“ zu seinen Neutouren im SAC-Mitteilungsblatt „Alpina“ vom 1. November 1903. Vom 7. Februar bis zum 13. Februar 1903 hatte Helbling zusammen mit Friedrich Reichert aus Strassburg und dem einheimischen Führer Anatole Pellaud (dieser allerdings nur für die drei ersten Tage) die Walliser Alpen von Le Châble im Val de Bagnes bis nach Zermatt durchquert. Mit Ausnahme der Cabane Panossière waren die Hütten noch nicht für den Winterbetrieb eingerichtet. Helbling über den Aufbruch in der Cabane de Bertol am letzten Tag ihrer Ski Haute Route: „Hütte kalt, morgens mussten wir zuerst die steinharten Schuhe aufschmelzen, bis wir sie anziehen konnten. Thee und Wasser zu Eisklumpen erstarrt.“ Allerdings scheint Robert Helbling entgangen zu sein, dass im Januar 1903 die Franzosen Michel Payot, Alfred Simon, Joseph Ravanel, Camille Ravanel und Jean Ravanel erstmals von Chamonix aus im Winter nach Zermatt gelangten, allerdings nicht auf dem ununterbrochenen Weg durchs Gebirge, sondern mit dem Umweg über Martigny und Sion. Deshalb gelten heute sowohl Payot als auch Helbling als Initianten der Ski Haute Route.

Sie war nicht die einzige Erfindung von Robert Helbling, und nicht der einzige alpinistische Exploit. Sowohl im Winter wie im Sommer brillierte der Ostschweizer mit zahlreichen Ersttouren, in den Alpen, den Anden (Drittbesteigung des Aconcagua am 31. Januar 1906), im Jura (1910 erste schriftlich verbürgte Besteigung des „Langer Mann“ im Basler Jura; er hangelte sich nach Seilwurf auf den Felsturm) und im Kaukasus (Erstbesteigung des Haupt- und Südgipfels der Uschba am 25. Juli 1903, zusammen mit vier Seilpartnern; zuvor hatte es etwa 20 gescheiterte Versuche gegeben).

Das „Historische Lexikon der Schweiz“ wüdigt Robert Helbling so: „Jugend in Rapperswil. Gymnasium in Frauenfeld und Aarau. Geologiestud. am Polytechnikum Zürich, Bergingenieurstud. an den Techn. Hochschulen in Berlin und Aachen, 1902 Dr. phil. der Univ. Basel. 1906-12 geolog. Arbeiten mittels Stereofotogrammetrie für internat. Auftraggeber in Südamerika. In der Schweiz Pionier im Einsatz der Stereoautografie für die Aufnahme neuer Gebirgskarten sowie in der Fotogeologie. 1921 Mitgründer der Verkaufsgesellschaft Heinrich Wilds geodätische Instrumente AG (Leica).1949 Ehrendoktor der ETH Zürich. Gründer des Akadem. Alpenklubs Zürich. Oberst.“

Nun ist von Bernhard Ruetz eine gut lesbare, breit gefächerte und fein illustrierte Biografie zu diesem Mann erschienen, dem man beim Blättern in alpinistischen Führern mit Angaben der Erstbesteiger/Erstbegeher immer wieder begegnet: „Robert Helbling. Alpinist, Vermessungspionier, Firmengründer.“ Sein abenteuerliches Leben wird in fünf Abschnitte unterteilt: 1874–1907 Alpinist und Freigeist, 1907–1914 Pionier der Stereophotogrammetrie, 1914–1921 Vermessung des Gotthardgebiets, 1921–1930 Mitbegründer der Weltfirma Wild Heerbrugg, 1930–1954 Publizist und Wegbereiter der Photogeologie. Breiten Raum nimmt die Tragödie am Matterhorn vom 14. bis 16. August 1907 ein, bei der Helblings Freund und Seilpartner Heinrich Spoerry stirbt. Drei Jahre später heiratet Helbling die Witwe Doris Spoerry. Sie hatte 1908 dem Akademischen Alpen-Club Zürich einen Fonds von 10000 Franken zur Verfügung gestellt mit dem Zweck, im Andenken an Heinrich Spoerry eine Hütte für Clubmitglieder zu errichten. 1924 wurde eine Holzhütte im Fondei im Schanfigg gekauft – das Clubhaus des AACZ. Bekanntere, für Alle zugänglichen Hütten des AACZ sind Mischabelhütte und Windgällenhütte.

Diese drei Unterkünfte bilden den stimmigen Auftakt zur neuen, von Walter Giger und Hans Wäsle verfassten Festschrift „125 Jahre Akademischer Alpen-Club Zürich 1896-2021“. Sie behandelt die Jahre 1996 bis 2021, wobei da insbesondere die Expeditionen in teils völlig unbekannte Gebirge im Mittelpunkt stehen, zum Beispiel diejenige in den Badakhshan-Nationalpark im östlichen Pamir, wo vier Gipfel erstmals bestiegen – und auch benannt wurden, so der Pik Anto (5343 m) zur Erinnerung an die am Zinalrothorn verunglückten Freunde Angi und Tobi. Bei den Würdigungen bekannter Huttlis (so nennen sich die AACZler) findet man André Roch, einen der tatkräftigsten Alpinisten der Schweiz. Den Schluss der Jubiläumsschrift bildet das Mitgliederverzeichnis; ich nennen nur drei von vielen, die auch auf www.bergliteratur.ch ihre Spuren hinterlassen haben: Jules Jacot Guillarmod, Marcel Kurz, Hans Morgenthaler.

Die drei genannten Clubmitglieder waren fleissige Autoren. Der Club selbst hat den zweibändigen „Führer durch die Urner-Alpen“ verfasst, den der Schweizer Alpen-Club 1905 herausgab. Das Kapitel über die Dammastock-Tierberg-Kette im zweiten Band bearbeiteten Dr. Robert Helbling und Dr. Rudolf Martin. Auf Seite 98 stehen bei den Erstbegehern des Nordostgrates auf den Eggstock (3555 m) – „bei weitem der beste und sicherste Anstieg vom Göschenertal zum Kamme der Winterberge“ – folgende Namen: „R. Helbling A.A.C.Z., H. Spoerry A.A.C.Z., Dr. med. Ris und F. Jakob A.A.C.Z., 22. Juli 1900.“

Bernhard Ruetz: Robert Helbling. Alpinist, Vermessungspionier, Firmengründer. Verlag Ars Biographica, Humlikon 2022, Fr. 28.-

125 Jahre Akademischer Alpen-Club Zürich 1896-2021. Eine Festschrift für die Jahre 1996–2021, verfasst von Walter Giger und Hans Wäsle. AACZ, Zürich 2022, Fr. 88.- https://aacz.ethz.ch/de/

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