Wer schon mal in einer SAC-Hütte übernachtete, hat wahrscheinlich aus dem berühmten Porzellangeschirr von Langenthal gegessen. Nun ist zur Geschichte dieser von einem SAC-Mitglied gegründeten Fabrik ein rundum gewichtiges Werk erschienen. Oft so würzig und genussvoll wie eine Gazpacho. Manchmal muss man beim Lesen allerdings etwas fest schneiden, wie bei einem grossen Stück Fleisch mit hartem Rand. Aber im Kopf – welche Wirkung!
«Mit Ehrfurcht sind wir über die Schwelle der Hütte getreten, haben den Schnee vor der Türe weggescharrt und die verschlossenen Läden geöffnet. Alles war uns wohl vertraut, der heimelige Essraum, die kleine, schmucke Küche mit dem blitzblanken Geschirr, die Schlafstätte mit den warmen Holzschuhen und die braunen Esskörbe. Schon einmal, wenn auch in anderer Umgebung, sind wir in diesen Räumen herumgestiefelt. Es war drunten im Tal, in einer grossen Stadt – in der denkwürdigen Landesausstellung in Zürich. So ist diese Musterhütte des S.A.C. nun zur Leutschachhütte geworden. Mochte der Wettergott toben und grollen, wie er wollte, mochten die Lawinen über die Steilhänge brausen, wir fühlten uns geborgen. Im Herd knisterte das Feuer, die Erbsensuppe kochte. Alles schmeckte uns hier oben besser, mundete herrlicher als irgendwo unten im Tal. Selbst das Abwaschen des Geschirrs, welche Arbeit wir sonst lieber unseren Frauen überlassen, nahmen wir willig in Kauf. Warum auch nicht?»
Was für eine Frage! Nun, sie ist von gestern (hoffentlich). Hans Müller stellte sie 1943 im Beitrag «Leutschachhütte» in der SAC-Zeitschrift »Die Alpen». Die Hütte war 1939 als «Clubhütte SAC» an der Landesausstellung in Zürich zu sehen und wurde ein Jahr später an ihren heutigen Standort ins Hochtal westlich von Amsteg transportiert. Beim Geschirr, das die armen Clubisten damals selbst abwaschen mussten, dürfte es sich um solches aus Langenthal gehandelt haben. Arnold Spychiger (1869–1938), Unternehmer, Politiker und SAC-Mitglied, hatte die Porzellanfabrik 1906 in Langenthal gegründet. 2001 lag die «Porzi» am Boden, wie die Swissair; ihre Flugzeuge hatten mit Geschirr abgehoben, auf deren Unterseiten der Stempel «Suisse Langenthal» gut zu sehen war.
Nun hat Oliver Meier die umfassende Geschichte des Unternehmens geschrieben, ein fulminantes Werk, das weit über den Suppentellerrand hinausschaut. Der Historiker und Journalist verknüpft in «Glanz und Elend der Porzellanindustrie. Eine Langenthaler Weltgeschichte» die wirtschafts-, sozial- und kulturhistorischen Perspektiven der Porzellanindustrie und die Bedeutung von Porzellan in der Schweiz vom späten 19. bis ins frühe 21. Jahrhundert. Auf Seite 90 heisst es zu Haushaltware und Hotelporzellan:
«Der auffälligsten Unterschied betrifft die Dicke des Porzellans: 1913 lancierte das Unternehmen eine grobwandige Modellserie, die bald als ‹SAC-› oder ‹Bahnhofgeschirr› zum Volksgut wird. Tatsächlich findet das Geschirr nicht nun in den Hütten des Schweizer Alpen-Clubs, sondern allgemein im Gastgewerbe grosse Verbreitung und trägt viel zur Popularisierung der Porzellanfabrik bei. Es bleibt über achtzig Jahre im Sortiment und geniesst heute Kultstatus.»
Auf dem Cover von Meiers Buch das Titelblatt einer Broschüre der Porzellanfabrik Langenthal von 1928, gezeichnet von Martin Peikert. Mehr zu diesem Zuger Reklamekünstler, bekannt durch seine sinnlichen Plakate zum Tourismus in den Bergen: https://bergliteratur.ch/wintersportplakate/. Zum Mitnehmen für einen gemütlichen Aufenthalt in einer SAC-Hütte ist das Buch etwas zu schwer, nämlich wie drei Suppenteller aus Porzellan. Nur wie eines wiegt hingegen der Kriminalroman «Oberaargauer Labyrinth» von Martin Geiser. Auf Seite 215 lesen wir:
«Die Porzellanfabrik war und ist für jeden Langenthaler ein gewichtiger Teil Kultur- und Wirtschaftsgeschichte der Stadt. Jeder hat irgendeine Verbindung zu dieser Firma, die immerhin weltbekannt war.»
In welche Hütte nehmen wir also den Porzi-Krimi mit? Wie wär’s mit der Cabane de l’A Neuve oberhalb von La Fouly im schweizerischen Montblanc-Massiv? Die bis 1952 Cabane Dufour genannte Hütte feiert 2027 ihren 100. Geburtstag. Vom Bergführer und Buchautor François Perraudin findet sich im Juni-Heft 2018 von «Die Alpen» ein Beitrag zum Charme der Hütte und zum Hüttengipfel Grande Lui:
«Hüttenwartin Martine Gabioud hört das Knacken der Gletscher von ihrer Küche mit dem massiven Holzofen aus. Gleich daneben befinden sich ein Zinkbecken und ein kleiner Arbeitsbereich, wo man Ellbogen an Ellbogen steht, um das Geschirr zu spülen und die dicken, weissen Porzellanteller in die Schränke zu räumen. Jedes Stück hat seinen Platz, sonst bräche das Chaos aus.»
Oliver Meier: Glanz und Elend der Porzellanindustrie. Eine Langenthaler Weltgeschichte. Chronos Verlag, Zürich 2026. Fr. 48.-
Martin Geiser: Oberaargauer Labyrinth. Gmeiner Verlag, Meßkirch 2026. € 16,00.

