Schmuggellandschaften

Wer wissen möchte, wie früher zwischen Italien und der Schweiz geschmuggelt wurde – und warum so viele Männer, aber auch Frauen – dieser Tätigkeit auf beiden Seiten nachgingen, ja nachgehen mussten, wollten sie nicht verhungern, sollte sich unbedingt in das Heimat- und Wanderbuch «Schmuggellandschaften» vertiefen.

«Dann fassten die zehn Mann die vorbereiteten Ballen. Tredeschin, Riccardo und ein Alter hängten Rucksäcke an den Rücken, worin die Wegzehrung der Schar enthalten war. ‹Ich gehe voran. Ihr zählt bis auf Dreihundert, dann folgt ihr. Ruft zweimal hintereinander ein Käuzchen, heißt dies, der Weg sei frei!›, erklärte Tredeschin. ‹Hört ihr dagegen einen Fuchs bellen wie der, den man jede Nacht in Madesimo vernehmen kann, dann bleibt stehen und wartet auf Anweisungen. Ertönt jedoch der Schrei des röhrenden Rehbocks, dann ist Gefahr im Anzug, und jeder hat sich auf eigene Faust zu retten, so gut er kann. Das Ziel unseres Reisleins kennen alle.›»

Ausschnitt aus dem Jugendroman «Joachim als Grenzwächter», den der Volksschullehrer, Psychotherapeut und Schriftsteller Hans Zulliger 1948 veröffentlichte. Der Geograf, Landschaftsplaner und Buchautor Dominik Siegrist lässt diesen Roman aufleben in der Wanderung vom italienischen Madesimo südlich des Splügenpasses über den Grenzpass Niemet ins bündnerische Innerferrera. Sie ist eingebunden in das überzeugende, tiefgründige, grossartig mit alten und aktuellen Fotos und Abbildungen illustrierte Werk «Schmuggellandschaften. Wege und Geschichten an der Schweizer Südgrenze».

Was die beiden Herausgeber Dominik Siegrist und Franz Ebner mit ihren neun Komplizen und zwei Komplizinnen schildern und zeigen, ist lesenswert und nachvollziehbar zugleich. Ein Lesewanderbuch so gewichtig wie die Ballen, die vor allem nachts über wilde Pfade getragen wurden, verpackt mit allen nötigen (wander-)touristischen Angaben zu den 42 Wanderungen entlang der längsten Grenze der Schweiz mit einem der fünf Nachbarländer, also vom Unterengadin bis ins Unterwallis. Zum Mitnehmen ist das Buch etwas zu schwer, aber man sollte das spannende (Weg-)Stück italo-helvetischer Geschichte ohnehin zuerst zu Hause lesen. Sie erstreckt sich von 1861 bis 1975, ja bis heute, denn dank diesem Werk können wir sie vor Ort und mit leichtem Gepäck erleben; die aufs Handy kopierten Routenbeschreibungen wiegen nicht viel… Und: Wir müssen ja nicht über die Pässe wandern, wir dürfen. Anders die Einheimischen einst: Sie mussten mit dem Schmuggel ihren Lebensunterhalt verdienen, auf beiden Seiten der Grenze, Männer und Frauen.

In seiner Einleitung zu den Schmuggellandschaften Bergell, Avers, Valchiavenna und Val Malenco zitiert Dominik Siegrist eine Frau, die der Forscherin Silvia Pedrini – sie kam in ihren Untersuchungen in Villa di Chiavenna zum Schluss, dass vom 19. Jahrhundert bis in die 1950er Jahre praktisch die gesamte Bevölkerung mit dem Schmuggel zu tun hatte – erzählte: «Stell dir vor, ich habe den Sack auch getragen. Ich war im siebten Monat schwanger. Ich hatte keine richtigen Schuhe, Holzschuhe. Ich versteckte die Waren in der Gerla [Tragkorb] und deckte sie mit Laub zu. Ich hatte Angst. Aber meine Mann sagte, eine schwangere Frau würde niemals verfolgt.»

Dominik Siegrist, Franz Ebner (Hg.): Schmuggellandschaften. Wege und Geschichten an der Schweizer Südgrenze. Rotpunktverlag, Zürich 2026. Fr. 45.-

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