Schweigen und leiden

Die Lawinen lauern. Der Wetterbericht lockt. Der Pulverschnee lacht. Und ich leide.
© Annette Frommherz

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Erhebliche Lawinengefahr, warnt der Wetterbericht. Die Wunschliste jedes Berggängers ist daher zusammengestrichen, will man sich den Gefahren, die da lauern, nicht aussetzen. Es sind deshalb überdurchschnittlich viele Skitourengänger auf den Spuren zum Rütistein. Der 2025 Meter hohe Berg verspricht mit seiner unbedenklichen Neigung Sicherheit. Was nicht heisst, dass wir unsere LVS-Geräte zu Hause gelassen hätten. Von Weglosen aus, der Talstation des Hoch Ybrig, sind wir im schattigen Hang gestartet, dem Schlittelweg entlang, ganz unspektakulär. Bald schon plagen mich Druckstellen am Schienbein. Die Innenschuhe lockerer binden und die Schnallen lösen bringt ebenso wenig Linderung wie der Umstand, dass die Sonne heute ihr Bestes geben wird.
Aber aufgeben ist nicht meine Sache. Ich tue deshalb das, was ich in solchen Situationen immer tue: ich erinnere mich an den Gebärschmerz. Der nämlich stellt alle seither erlittenen Schmerzen in den Schatten. Zwar liegen die Geburtswehen und das Gebären weit zurück, aber die Erinnerungen daran lassen sich in Sekundenschnelle wieder aufbereiten. Tief durchatmen. Jeder Schritt ist mühsam.
Jürg, mein Begleiter, schaut immer wieder nach rechts an den Berghang. Er hat die Spur eines Tourengängers entdeckt, der im schattigen und steilen Gelände alleine Richtung Forstberg unterwegs ist. Hier, sagt Jürg, sei vor Jahren ein Kollege in eine Lawine gekommen. Unterhalb der Felsen hätten sich die Schneemassen gelöst, kaum dass er in den Hang eingefahren sei. Die Begleiterin habe zuschauen müssen, wie er mitgerissen worden sei. Seither möge er, sagt Jürg, nicht mehr auf diesen Berg steigen. Ich frage mich, wie viele Trauernde dieser Mensch hinterlassen hat; Menschen, die ihn geliebt und geschätzt haben. Ich erlaube mir den Gedanken, wie viele Menschen um mich trauern würden, wenn ich heute sterben würde. Meine Gedanken kreisen um die Pläne, die ich laufend schmiede, und für die ich nicht mehr die Zeit hätte, sie auszuführen. All das, was ich mir vorgenommen habe, noch zu tun. Mit dem Einrad fahren. Die Gebärdensprache lernen. Südamerika bereisen. Ein Buch schreiben. Ich versuche mir vorzustellen, wo ich wäre, wenn ich gar nie geboren worden wäre und welche Gedanken ich dort denken würde.
Mit dem Sterben wird wohl heute nichts. Mir kann es recht sein. Mein erklärtes Ziel ist, auf diesen Gipfel zu kommen, auch wenn mich die Druckstellen quälen. In den Schmerz atmen. Von den rund Eintausend Höhenmetern haben wir bereits zwei Drittel geschafft. Die Druesberghütte liegt längst hinter uns. Im steileren Abschnitt nimmt nicht nur der Schmerz zu, sondern auch der Wunsch, es möge – gopf – endlich der Gipfel kommen.
Augen schliessen und den Schmerz gleichmässig verteilen. Auch wenn der Mann an meiner Seite keine Hebamme ist, so waltet er immerhin als guter Tröster und Motivierer. Ob es gehe, fragt er. Es geht. Wir sind bald oben, so hoffe ich. Der Gipfel ist dicht besiedelt. Mir wäre Zweisamkeit lieber gewesen. Die Rechnung geht trotzdem auf: Voll Demut betrachte ich einmal mehr, was die Natur zu bieten hat: wie von Zauberhand gefertigte Bergspitzen, von der Sonne wunderbar beleuchtet. Mein Vater würde dazu ganz pragmatisch sagen: «Für das händs wieder Gält!»
Die kurze Rast stärkt – auch meine Gewissheit, dass ich schon irgendwie hinunterkommen werde. Nur bedingt kann ich den Pulverschnee geniessen. Diesmal ist es mir zwar vergönnt, im weichen Weiss zu landen. Dafür muss ich alle paar Bogen kurz innehalten. Beim Ausatmen den Schmerz loslassen, sagt die Stimme in mir. Erst unten traue ich mich, die Druckstelle näher zu inspizieren. Kaum gerötet und doch so schmerzhaft.
Die Skitour ist geboren. Die Presswehen sind ausgeblieben, ein Dammschnitt war nicht nötig. Die Mutter ist glücklich, auch wenn das Kind keines ist.
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