Zwei Publikationen weisen den Weg zu Leseorten in der Schweiz und in Europa. Bei dieser frühsommerlichen Hitze sitzt man hoffentlich in einer Buchstube oder in der Badi.
«Wer Krimis mag, ist hier goldrichtig: im Schweizer Krimiarchiv in Grenchen. Es umfasst mehr als 2.500 Bücher in allen Landessprachen und ist das historische Gedächtnis des Schweizer Kriminalromans. Zu finden ist das Archiv im Untergeschoss der Grenchner Stadtbibliothek.»
Und dort dürfte es jetzt schön kühl sein! «Gänsehaut im Bibliothekskeller» verspricht jedenfalls Regula Tanner in «Schweiz erlesen! 55 literarische Lieblingsplätze». Ein Buch, auf das wir gewartet haben, ohne es eigentlich zu wissen. Gotthelf, Keller, Dürrenmatt, Frisch, Bichsel – sie alle schufen deutschsprachige Weltliteratur aus der Schweiz heraus. Sie lebten hier, und ihre Wirkungsstätten können wir besuchen, jetzt erst recht mit einem ganz feinen Werk. Gmeiner studio gibt gediegene Bücher zu literarischen Lieblingsplätzen heraus, und nach den Bänden zu Schwaben, Baden, Bayern, Berlin, Hessen und Niedersachsen nun endlich «Schweiz erlesen!». Zu unbedingt besuchenswerten Bücherorten führt uns Regula Tanner, vom Literaturhaus Thurgau am Untersee über das Johanna-Spyri-Museum auf dem Hirzel bis zur Weltliteratur-Bibliothek der Fondation Martin Bodmer am Petit Lac, von der Papiermühle in Basel über den Sasso San Gottardo (dort ist es ebenfalls schön kühl, nicht nur in der Goethe-Ausstellung) bis zum Museo Hermann Hesse in Montagnola. Immer mit klugen Texten und hilfreichen Tipps, immer mit stimmungsvollen Fotos. Dabei wechseln bekannte Orte wie die Nationalbibliothek in Bern (die Nr. 1) oder das Nietzsche-Haus in Sils ab mit unbekannten wie die Bibliothek für Blinde, Seh- und Lesebehinderte in Zürich oder die Speicherbibliothek Schweiz in Büron mit drei Millionen Büchern. Und Krimifans pilgern nicht nur nach Grenchen, sondern erst recht nach Meiringen, ins Sherlock Holmes Museum und natürlich zum grossen Reichenbachfall, wo der «grösste Detektiv der Welt» (so eine Inschrift bei der Talstation der Reichenbachfallbahn) vermeintlich starb.
Sherlock Holmes und sein Erfinder, Arthur Conan Doyle, tauchen selbstverständlich ebenfalls auf im kriminalliterarischen Reiseführer «22 Krimi-Touren in Europa, die man gemacht haben muss» von Marc Voltenauer und Benjamin Amiguet. Die Beiden (wir sind ihnen schon hier begegnet: https://bergliteratur.ch/im-westen-viel-neues/) sind zwei Jahre lang mit dem Wohnmobil durch Europa gereist, um den Spuren von Krimiautorinnen und -autoren sowie den Orten, aus denen sich ihre Welten zusammensetzen, zu folgen. Die Reise führte sie durch 19 Länder, aus denen 22 Routen entstanden sind. Von dieser Krimireise haben Voltenauer und Amiguet Interviews mit den SchriftstellerInnen sowie Videos mitgebracht, in denen diese ihre Favoriten und Reisetipps (Bars, Restaurants, Sehenswürdikgieten etc.) mitteilen – zu entdecken auf der eigens dafür eingerichteten Website. In der Schweiz führte die Spurensuche von Zürich über Basel in die Romandie und durchs Wallis nach Bellinzona. In Bern besuchte das Duo Christine Brand: https://22ipe.com/sui5ax/christine-brand-berne/ Im französischen Original «22 itinéraires autour du polar en Europa à ne pas manquer», das ich in Annecy kaufte, heisst es bei den fünf aufgeführten Brand-Krimis jeweils «pas encore traduit en français». Immerhin ist beim Ortstermin Kornhausbrücke ein Ausschnitt aus «Die Patientin» übersetzt: «Alors qu’elle traverse le pont de Kornhaus à bord du tram numéro 9, avec les montagnes enneigées de l’Eiger, du Mönch et de la Jungfrau si proches qu’on pourrait les toucher, elle devient soudain nerveuse – et, dans la même seconde, elle s’en veut terriblement d’être nerveuse.»
Regula Tanner: Schweiz erlesen! 55 literarische Lieblingsplätze. Gmeiner studio, Meßkirch 2026. Fr. 36.90.
Marc Voltenauer und Benjamin Amiguet: 22 Krimi-Touren in Europa, die man gemacht haben muss. Emons Verlag, Köln 2026. € 22,00.

