Skigeschichte(n)

Nur Ski fahren ist schöner als Ski lesen. Wer’s (nicht) glaubt, kurvt durch Schnee und Seiten.

„Wollen Sie selbst Ski fahren?“, fragte die Verkäuferin ungläubig. „Ich dachte, das sei ein Sport für Männer.“
„Selbstverständlich möchte ich selbst Ski fahren“, schnaufte Mizzi Kauba. „Aber ich entnehme Ihrer Antwort, dass Sie mir keine passende Kleidungsempfehlung geben können.“

Und natürlich auch keine Ski! Wohin rutschten wir ab, wenn sich die Frauen auf einmal auch der schmalen Bretter bedienten? Wenn möglich gar noch in praktischen Hosen statt in knöchellangem Rock? Schickt sich nicht. Einfach nicht. Da war aber Mizzi Langer-Kauba (1872–1955) ganz anderer Meinung. Die Sportlerin und Alpinistin führte anfangs des 20. Jahrhunderts das erste Sportgeschäft Wiens in der Kaiserstrasse 15; der Schriftzug „Mizzi Langer-Kauba“ belebt noch immer die Fassade. Vor zwei Monaten ist der Roman „Lottes Traum“ von Beate Maly erschienen, darin es genau um das geht: um das Fahrt-Aufnehmens des Skilaufs, vor allem in Wien, und auch für Frauen, aber bitte in neumodischer Bekleidung; um den alpinen Skipionier Mathias Zdarsky, der am 19. März 1905 am Muckenkogel bei Lilienfeld den ersten Torlauf der Skigeschichte organisierte, mit 24 Teilnehmern, darunter Mizzi Langer-Kauba als einzige Frau.

Entdeckt hätte ich diesen historischen Skiroman nie, wenn nicht auf dem Titelbild eine Frau mit Holzski, Stöcken und kurzem Rock über Hosen posierte, darunter ein Foto vom winterlichen Wien. Mizzi ist in diesem 543-seitigen Buch nur eine wichtige Nebenfigur. Als Hauptakteurin kurvt die junge Charlotte Seidl aus dem Berg- und Skiort Mürzzuschlag zwischen Kaiserstrasse, Prater und Lilienfeld, zwischen passender Skiausrüstung, sozialen Schichten und den Blicken angesehener Männer. Ein atmosphärisch und skisporthistorisch schneedichter Roman. Auf die geplante Fortsetzung sind wir so gespannt wie auf den sonnigen Morgen, wenn es in der Nacht geschneit hat.

In der Wartezeit nehmen wir zwei andere flockenfrische Skibücher zur Hand. Zum einen das mit feinen und vielen Fotos, Plakaten und Zeichnungen illustrierte Werk „Une histoire du ski“. Gilles Chappaz & Guillaume Desmurs spuren kraft- und humorvoll in fünf Kapiteln von 1850 („Et le ski devint alpin“) bis heute („La métamorphose permanente“). Ab 1970 wird dem „État de glisse“, den Rennen und dem Freeride allerdings etwas gar viel Platz zum Abheben eingeräumt, während dem weltweiten Skitourismus mit Rummel und Gerammel, mit Carvingwonne und Pistenwahnsinn, mit Liftausbau, aber auch –abbau, nur ein Anfängerhang zugeschoben wird. Tant pis! Machen wir einen eleganten Sprungschwung in Keilhosen mit der US-Amerikanerin Andrea Mead Lawrence, Doppelolympiasiegerin an den Olympischen Winterspielen 1952 in Oslo, dem ehemaligen Christiania. Und hocken wir mit Arnold Lunn nach einem strengen Skitag am sonnigen Hotelfenster in Mürren und lesen zu „skiing“ mit seinen beiden „i“ in der Wortmitte das hier: „Une particularité graphique qui évoque deux traces parallèles dans la neige ou deux ski plantés dans la neige.“ Nice, isn’t it?

Und selbstverständlich haben Arnold Lunn und Mürren ihren Auftritt im jüngsten „Schneehasen“, dem Jahrbuch des Schweizerischen Akademischen Skiclubs SAS, 1924 in Bern gegründet durch den Mürrener Walter Amstutz. Die 40. Ausgabe dieser so wendigen wie trendigen, so traditionellen wie überraschenden Schrift schwingt auf knapp 300 Seiten durch eine Fülle von Themen und Geschichten in Deutsch, Französisch und English. Ein paar markante Passagen mögen und müssen genügen: The History of the Kitzbühel Ski Club and the Hahnenkamm Races; die Skierstbesteigung des Mont Blanc 1904 (also genau in dem Jahr, in dem Lotte Seidl nach Wien kommt); Porträt von Roman Zenhäusern, Olympiasieger und SASler; von Sarah Springmann, ETH-Rektorin und ehemalige Spitzensportlerin; von Ester Ledecká, Doppelolympiasiegerin in zwei verschiedenen Schneesportarten und Siegerin der Abfahrt in Lake Louise vom vergangenen Samstag. Am Berührendsten aber ist der überzeugende Beitrag von Arnold Koller, alt Bundesrat und Mitglied des SAS Fribourg, der sich auch mit 86 Jahren noch „jedes Jahr auf den Winter und besonders das Skifahren freut wie ein kleiner Bub“. Wir wedeln ihm nach, mais bien-sûr!

Beate Maly: Lottes Träume. Blanvalet, München 2019. Fr. 15.90.

Gilles Chappaz & Guillaume Desmurs: Une histoire du ski. Éditions Glénat, Grenoble 2019, € 25.-

Der Schneehase. Edition 40, 2016–2019. Schweizerischer Akademischer Skiclub SAS. Schriftleitung Ivan Wagner. Fr. 79.- Zu beziehen bei: SAS-Verlag c.o. Kessler AG, Forchstrasse 95, 8032 Zürich, Tel. 044 387 87 11, info@kessler.ch.

Zwei Ausstellungen und eine Suchaktion zum Thema Ski & Schnee:

Irans Winter. Abseits der Piste. Ausstellung im Alpinen Museum der Schweiz in Bern (bis 12. April 2020). Biwak#25 lässt Iranerinnen und Iraner über ihre Berge erzählen. Was lockt sie in die Berge? Was entdecken sie in den Bergen? Wie privat ist der öffentliche Raum der Berge im Vergleich zur Stadt? Am Freitag, 13. Dezember 2019 um 19 Uhr, findet ein Skitourenabend mit folgenden Gästen statt: Bergführer Jürg Anderegg, der im Iran regelmässig mit Kunden abseits der Piste unterwegs ist; Filmerin und Fotografin Caroline Fink, die die Ausstellung kuratiert hat; Manfred Heini, passionierter Berggänger, der mit seiner Familie seit knapp zwei Jahren im Iran lebt.

Der grosse Schnee. Ausstellung in der Galerie Luciano Fasciati an der Süsswinkelgasse 25 in Chur (bis 28. Dezember 2019). Basis der Ausstellung bildet das Kinderbuch „Der grosse Schnee“ von Selina Chönz aus dem Jahr 1957, das von Alois Carigiet illustriert wurde. Es werden Originalzeichnungen in Kombination mit zeitgenössischen Arbeiten von Kunstschaffenden wie Judith Albert, Hans Danuser, Ursula Palla, Roman Signer, Jules Spinatsch und Not Vital gezeigt. Am Mittwoch, 11. Dezember 2019 um 19 Uhr, Führung durch die Ausstellung mit der Kunsthistorikerin Seraina Peer. luciano-fasciati.ch

Fundbüro für Erinnerungen. Unter dem Motto „Bring Leben in unsere Sammlung!“ sucht das Alpine Museum der Schweiz in der Bevölkerung Material, Fotos, Filme und Geschichten zum Thema Skifahren. Die Suchaktion mit Start am Internationalen Tag der Berge (11.12.19) kündet gleichzeitig den neuen Ausstellungsraum Fundbüro für Erinnerungen an, der am 15. Februar 2020 eröffnet. Ski-Material und Geschichten anmelden unter: fundbuero.alpinesmuseum.ch

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