Das weiss die jüngste Ausgabe des sporthistorischen Zeitschrift «Les Sports Modernes». 298 Seiten voller Analysen und Geschichten, voller Tore und Torheiten. Gewinner sind die Bergsteiger, die die Fussballer um ein paar Seiten schlagen.
«Worin lag das Faszinierende an der Persönlichkeit Kurt Richters? Es war nicht so sehr sein überdurchschnittliches bergsteigerisches Können, sondern vielmehr die Vollkommenheit, die sich in ihm bündelte. Er hätte auch ebenso gut im Fußball-Punktspielbetrieb mitmachen können.» – «Günter Warmuth wurde am 21.01.1942 geboren. Bevor er 1958 zum Klettern kam, spielte er Fußball.»
Am Freitag, 21. Juli 1967 um 13.30 Uhr steigen Kurt Richter und Günter Warmuth zusammen mit Fritz Eske und Günter Kalkbrenner, alle Mitglieder der Nationalmannschaft „Alpinistik“ der Deutschen Demokratischen Republik DDR, in die Nordwand des Eigers ein. Nach 17 Uhr stürzt die Vierseilschaft zwischen Schwierigem Riss und Hinterstoisser-Quergang ab, nicht wegen Steinschlags, wie die Verantwortlichen in der DDR behaupteten, sondern wohl wegen eines technischen Fehlers, aus Unachtsamkeit und insbesondere wegen ungenügender Seilschaftssicherung. War politischer Druck auf die Sportler mitverantwortlich für deren Tragödie am Eiger? Das fragt sich Rainer Rettner, bester Kenner der Eiger-Geschichte, in seinem Beitrag «Vertikale Propaganda – Die Eiger-Nordwand als Prestigeobjekt der Diktaturen in der NS-Zeit und der DDR». Die beiden obigen Zitate sind dem Artikel «Vor 40 Jahren: Unglück in der Eigernordwand» entnommen, den «Der neue sächsische Bergsteiger», das Mitteilungsblatt des SBB, im September 2007 publizierte.
Rettners Untersuchung findet sich in der vierten Ausgabe der sporthistorischen Zeitschrift «Les Sports Modernes», die sich diesmal diesem Thema widmet: Politique(s). Le sport est-il de droite? «Von oben betrachtet, von der Brücke aus gesehen, aufgrund von Verordnungen und Notwendigkeiten, die eng mit den Interessen seiner Förderer verknüpft sind, hatte man lange geglaubt – oder glauben wollen –, dass der Sport unpolitisch, neutral, weder das eine noch das andere sei, über Konflikten schwebend und sich anmutig den ideologischen Vereinnahmungen entziehend, woher diese auch kommen mögen.» Das fragen sich Grégory Quin und Christophe Jaccoud, directeurs de rédaction, im Editorial. «Mais, qui peut croire encore à ces jeux d’occultation et au mythe de l’‹apolitisme sportif› à l’heure où Donald Trump joue des coudes et s’incruste sur le podium de la Coupe du monde des clubs de football, quand Emmanuel Macron surjoue sa proximité avec des sportives et des sportifs; mais aussi quand des athlètes sont disqualifiés en raison d’une prétendue incertitude quant à leur identité de genre.» In seiner Einleitung zeigt Quin, dass der Sport, «unabhängig davon, ob der Sport politisch rechts (oft) oder links (manchmal) ausgerichtet ist», ein wirkungsvolles Instrument des Zusammenhalts darstellt.
Grégory Quin und Gil Mayencourt schildern auf 25 Seiten, wie das helvetische Turnen sich im Verlauf der Geschichte auf die konservative Seite schlug. Christian Koller, Direktor des Schweizerischen Sozialarchivs, deckt die unbekannte «sportliche Präsenz von Diktaturen in der Schweiz» auf. Werner Bosshard seinerseits, Mitherausgeber der «Clubgeschichte Grasshoppers», rollt den Fall Karl Rappan auf: Murat Yakins Vorvorgänger, der die Schweizer Fussballnationalmannschaft bei den bei Weltmeisterschaftsendrunden von 1938, 1954 und 1962 coachte, hat einen ziemlichen nationalsozialistischen Schatten. Sportgeschichte ist halt nicht immer schön rund.
Das runde Leder wird in den nächsten Wochen für gehörige Schlagzeilen sorgen. Die Schweizer spielen am Samstag, 13. Juni, gegen Katar, die Deutschen am 14. Juni gegen Curaçao. Doch in der aktuellen Ausgabe von «Les Sports Modernes» gewinnt nicht der Fussball, obwohl er ein paar Seiten mehr belegt als das Turnen, sondern das – Bergsteigen! Gut 36 Seiten über Eiger und über «Gipfelbücher im politischen Spannungsfeld sächsischer Bergsteigergeschichte», über «Ideologia e politica ad alta quata» und über «alpinistische Schwindel», wobei da der Fall Cédric Gras abgrundtief hervorsticht.
Christophe Jaccoud, Grégory Quin (Hrsg.): Politique(s). Le sport est-il de droite? Les Sports Modernes n°4, Société, Culture, Temporalité, Territoire. Éditions Alphil-Presses universitaires suisses, Neuchâtel 2026. Fr. 35.- https://www.alphil.com/livres/1489-1856-les-sports-modernes-numero-4-2026.html#/1-format-livre_papier. Für Mitglieder der Association pour la valorisation des archives et de l’Histoire des sports (AvaHs) ist die Publikation im Jahresbeitrag von Fr. 60.- inbegriffen.

