StauWerke

So schön sind Staumauern und Stauseen. Wenn sie von einem Künstler fotografiert werden. Ein perfektes Buch für ausflugsfreie Tage, ja Wochen.

«Die Stauseen gehören zweifellos zum Bestand der Schweizer Mythen wie das Matterhorn, der Gotthardtunnel für die Eisenbahn oder die AHV.»

Meint Köbi Gantenbein, Bündner und bekannt als Gründer und Macher der hochangesehenen Architektur- und Designzeitschrift „Hochparterrre“, im Vorwort zu einem Bildband von Simon Walther über einen dieser Mythen. Nicht über das (halbitalienische) Horn bei Zermatt, die Gotthardzugsröhren oder die AHV. Sondern über die Staumauern, Stauwehre, Staudämme und Stauseen der Schweizer Alpen und auch des Mittellandes. Denn, so Gantenbein: „Die Gewichtsstaumauer Pérolles an der Saane bei der Stadt Fribourg läutete 1872 ein Kapitel Schweizer Geschichte ein – dort steht die erste Staumauer in Europa, gebaut in Beton.“ Voilà. Und logo, dass es schon Publikationen zu diesen helvetischen Talsperren gibt. Doch nun haben sie eine fotografische Aufwertung erhalten, sind bild- und buchmässig veredelt worden.

Natürlich: Diejenigen, die sich gegen diese (für die Schweizer Wirtschaft und Gesellschaft eminent wichtigen) Anlagen wehren, weil sie die Landschaft auch verunstalten, weil sie die Fliessgewässer hemmen, werden an dieser Hommage der Stauwerke nicht eitel Freude haben. Doch sie werden zugeben müssen, dass die seitengrossen bis doppelseitigen Fotos von Simon Walther schon verdammt schön sind. Zum Beispiel die Doppelseite mit dem von oben fotografierten Lac des Dix, dem volumenmächtigsten Stausee der Schweiz hinter der höchsten Staumauer (285 Meter): einfach grünliches Gletscherwasser fast auf dem ganzen randlosen Bild, nur rechts seitenhoch ein Stück Staumauer, leicht gekrümmt und sich gegen oben verjüngend – ganz, ganz stark. Das lässt sich übrigens auch von Gantenbeins Vorwort und Essay sagen: Wie er da seine persönliche Geschichte hineinbringt, ist unbedingt lesenswert.

Selbstverständlich lebt der Bildband von den Fotos. Und von der Machart. Randlose seitengrosse Bilder nebeneinander. Das könnte stören. Tut es aber nicht. Verunsichert nur ab und zu, wenn man beim Betrachten nicht ganz sicher ist. Welcher See und welche Mauer abgebildet sind, findet man ganz hinten. Genauso wie Angaben zu den porträtierten Seen. Es sind bei weitem nicht alle (über 200 sind’s), müssen es auch nicht sein. Die beiden flächenmässig grössten Speicherseen der Schweiz, der Sihlsee und der Lac de la Gruyère, hat Simon Walther nicht aufgesucht. Aber das nur am Rande – des Sees. Und der Rand, das Ufer, macht ja auch eine Besonderheit der Stauseen aus. Nochmals Gantenbein: „Die eindrücklichen Aufnahmen der halb leeren Stauseen sind keine Wunden in der Landschaft mehr, sondern das Kraftwerk hat neue, faszinierende Landschaften geschaffen, die hervorkommen, wenn die Energielast ins Tal gedonnert ist und die verschwinden, wenn sie wieder aufgeladen wird.“

Wir allerdings laden unsere Energie auf, wenn wir zuhause auf dem Sofa oder dem Terrassenstuhl unsere Augen über diese (mythischen) Schweizer Landschaften wandern lassen. Bevor wir sie dann, hoffentlich im kommenden Sommer, zu Fuss erleben dürfen.

Simon Walther: StauWerke. Monuments of Power. Mit einem Vorwort und Essay von Köbi Gantenbein. Benteli Verlag, 2020. Fr. 58.-

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