Stein und Wein

Wer noch ein passendes Geschenk zu oder statt dem Weihnachts-wein sucht – hier ist es. Auch für Gipfelstürmer geeignet, die wissen wollen, nach welchem Stein ihr Anstossgetränk schmeckt.

„Was mich aber persönlich an diesem Buch am meisten fasziniert, ist die Tatsache, dass die Autoren den Mut hatten, Neuland zu betreten und so weit wie möglich jenes Rätsel zu entschlüsseln, das uns Weinfreaks am meisten interessiert: Wie manifestiert sich das Gestein, in dem die Rebe wurzelt, schlussendlich im fertigen Produkt, dem Wein?“

Fragt sich Thomas Vaterlaus, Chefredaktor der Weinzeitschrift VINUM, im Vorwort zum Buch „Stein und Wein. Entdeckungsreisen durch die schweizerischen Rebbaugebiete“. Genaugenommen sind es elf Bücher, nämlich das dicke Hauptbuch und die zehn schlanken Regionalhefte, fein zusammengehalten durch einen kräftigen Schuber, auf dem der herbstfarbige Rebberg von Chamoson unter den sonnenerwärmten Kalkwänden der Routia leuchtet, überragt und beschützt vom Haut de Cry. Thomas kredenzt die Antwort gleich selbst: „Nach dem Lesen dieses Buches sehen wir diesbezüglich klarer. In überzeugender Manier wird beispielsweise dargelegt, in welchen Nuancen sich ein Pinot Noir, der in Fläsch auf Kalkschutt wächst, von einem Pinot im benachbarten Jenins, wo eher Sand und Ton dominiert, unterscheidet. Oder warum Sorten wie Petite Arvine und Gamay im Wallis von Dorf zu Dorf unterschiedliche sensorische Eigenschaften aufweisen.“

Unter der Gesamtleitung von Rainer Kündig haben sich 64 Autorinnen und Autoren – Geologen, Weinspezialisten und Winzer – zusammengefunden, um während zehn Jahren den Stein im Wein zu erforschen und einem breiteren Publikum in einem vorzüglichen Werk näherzubringen. Einerseits im Hauptband, darin es ausführlich und mit vielen Fotos, Grafiken und Karten um Terroir, Tiefe und Topografie, um Boden und Untergrund, um Wasser und Wein geht, assembliert von erfrischenden Cartoons von Peter Hürzeler. Andererseits in zehn Heften zu den önogeologischen Regionen der Schweiz. Was seinerseits eine Neuheit ist. So wird das Chablais, weinbaupolitisch zum Waadtland gehörend, geologisch zum eigenständigen Weinbaugebiet. Und dass man in Zukunft auch von den Gebieten „Alpenrandseen“, „Alpenrhein“ oder „Mitteland“ wird sprechen müssen, zeigt, wie tiefgründig sich das Buch „Stein und Wein“ mit dem Schweizer Wein beschäftigt hat. Kurz: das Standardwerk zur Geologie des Weines, ja zum Schweizer Wein überhaupt. Und solange es noch keine Hors-Sol-Weine gibt, wird es dies auch bleiben.

Gut drei Kilo schwer ist der Schuber. Also schwerer als zwei Flaschen Anker-Wein vom Weingut Hämmerli in Ins (der weisse Blanc de Noir bzw. die rote Assemblage mit 70% Gamaret und 30% Cabernet Dorsa), beide gereift am sonnigen Hangfuss eines Molassehügels. Oder wie wär’s mit einem Pinot Noir de Mur vom Cru de l’Hôpital in Môtier am Murtensee, der auf tonreicherem Untergrund als die übrigen Böden des Mont Vully gedeiht. Der 2017er hat den 21. Platz der Top 100 Schweizerweine der „Schweizerischen Weinzeitung“ erhalten. A votre santé et Joyeux Noël!

Stein und Wein. Entdeckungsreisen durch die schweizerischen Rebbaugebiete. 1 Hauptbuch und 10 Regionalhefte in Schuber, Gesamtumfang 612 Seiten, zahlreiche Abbildungen, Karten und Grafiken in Farbe. AS Verlag, Zürich 2018, Fr. 98.-

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