Teufel und Glückspilze

Wir scheren uns ausnahmsweise einen Teufel, was andere an diesem prächtigen Wochenende tun. Hauptsache, wir sind dort unterwegs, wo man uns am glücklichsten sieht: in den Bergen.

© Annette Frommherz

Normalerweise vergesse ich bei jeder Gelegenheit etwas nie: mein Schreibzeug. Ausgerechnet als wir die tausend Höhenmeter zum Gemsfairen in Angriff nehmen, kommt mir der Satz, den ich dringend für eine Geschichte benötige, in den Sinn: ‚Die Lust, sich zu beherrschen, hält sich in Grenzen.‘ Es ist kein langer Satz, aber mit der Höhenluft kann er allzu schnell vergessen gehen. Mein Schreibzeug jedoch liegt auf dem Nachttisch, wo ich es für die wortgetränkten Nächte platzierte. Während wir uns dem Gipfel nähern, kreist der Satz in meinem Kopf. Ich versuche, mir die drei prägnanten Wörter zu merken: Lust, beherrschen, Grenzen. Ein Wort bei jedem Schritt, der den Schnee unter den Skiern knirschen lässt.
Heute ist ein Tag, an dem uns die eigene Unwichtigkeit unseres Daseins bewusst wird, denn ganz im Gegensatz zur Natur sind wir doch mehr als bedeutungslos. Vom Gipfel aus betrachten wir die Welt, wie sie zu unseren Füssen in Watte gepackt liegt. Etwas überheblich haben wir uns bereits im Linthal die Sonnenbrillen aufgesetzt. Die Glückspilze sind unterwegs.

Milchig gelb umarmt die Sonne die Bergspitzen, als wärs der Morgenkuss. Südlich hockt der Tödi wie ein mächtiger Klotz. Ich weiss, lieber Tödi, dass du der Grösste in den Glarner Alpen bist! Dich komme ich im Sommer besuchen, warte nur! Der Südhang hinab zum Claridenfirn ist steiler, als mir lieb ist. Mein Liebster schwingt munter und wartet unten geduldig. Wir haben alle Zeit der Welt, Uhren und Terminkalender sind faul zu Hause geblieben. Entlang dem Bocktschingel lösen sich da und dort lose Schneemassen von den Felsen und stieben mit Wucht in die Tiefen. Sonst umgibt uns Weite, Vertrautheit und Ruhe. Sogar der Tinnitus, dieser Schurke, gibt auf und überlässt mich der Stille.
Unser Ziel, das sich in die Länge zieht, ist die Planurahütte. Auf fast dreitausend Metern liegt diese höchstgelegende Alpenclubhütte der Ostalpen, imposant in den Felsen gebaut. Das Panorama ist im Pensionspreis inbegriffen, auch das Toilettenhäuschen, in dem der Schnee durch die Ritzen gedrungen ist und sich neben den Thron gesetzt hat. Für das Geschäft beeilt man sich hier unaufgefordert. Der Hüttenwart liess verlauten, die Hütte öffne zwar erst Mitte März, aber er werde gleichentags samt Material hinaufgeflogen und wir seien willkommen. Abends sitzen einige Berggänger mehr am Tisch. In der riesigen Pfanne türmt sich der Schnee für Tee, Suppe und Pasta. Noch bevor die Nacht hereinbricht, bestaunen wir auf der Terrasse schlotternd das abendliche Panorama, wie nur die Natur es malen kann. Die Lust, sich zu beherrschen, hält sich in Grenzen.
Kalt ist die Nacht, auch drinnen. Der Sechserschlag bietet, was er kann: schäbige zwei Grad über Null. Geschlafen wird mit der Wollmütze, in Thermowäsche und mit Skisocken, und am andern Morgen haben wir auf immerhin zehn Grad Celsius aufgeheizt. Mutter Natur übertrifft sich bereits mit ihrem nächsten Spektakel. Wir wagen uns in die klirrende Kälte und bereuen es nicht. Dass der Tropfen, der an meiner Nasenspitze hängt, innert Kürze gefriert, lässt mich unbeeindruckt. Es gibt Wichtigeres: Die Berge vor uns als mächtige gräuliche Zipfel, wie von Geisterhand schattiert. Dazwischen und darüber ein zaghaftes blaues Band, ein Streifchen Violett, ein Häubchen unscheinbares Rot, und fertig ist das Wunder. Es ist, als würde in diesem Moment die Welt neu erfunden.
Es ist der Clariden, der uns auf den Plan ruft. Unsere Siebensachen sind schnell gepackt. Zurück auf dem Firn, kurz entlang dem grössten Windkolk Europas, nähern wir uns dem Objekt der Begierde. Wir sind früh dran, so früh, dass wir ohne Hast als die Ersten den Gipfel erreichen. Ich bin froh, die Spitzkehren hinter mir zu haben, aber ich weiss, es werden heute nicht die letzten sein. Bald ziehen wir den Skis die Felle über die Ohren, lassen unsere Gesichter noch eine Weile von der Sonne braten und machen uns auf zu unserem nächsten Ziel, dem Teufelsjoch. Ich hatte es mir gestern heimlich aus dem Seitenblick heraus angeschaut, wie steil es da hinauf geht, und mir gesagt: Der Teufel soll mich holen, wenn ich das nicht irgendwie schaffen werde. Die Harscheisen werden montiert, wir gehen den Hang ohne Eile an. Aber die Spitzkehren werden bald so steil, dass wir die Skier weiter oben buckeln müssen. Ich will es nicht leugnen: mein Liebster trägt mir meine Latten bis zuoberst. Schon ohne habe ich das Gefühl, ich stehe in der Senkrechten und der schwere Rucksack reisse mich hinab in des Teufels Rachen. Auf dem schmalen Rücken des Jochs montiere ich die Steigeisen an den Skischuhen, nehme den Eispickel hervor, montieren wir die Skier an unsere Rucksäcke. Die senkrechte Felswand hinten hinab steht uns noch bevor. Schritt für Schritt setze ich die Zacken auf, halte ich mich mit der einen Hand am Seil oder an der Kette, sichere ich mich mit dem Karabiner immer weiter nach unten und hoffe darauf, dass der Teufel seine Hand nicht im Spiel hat. Kaum dass das Seil ein Ende nimmt, steigen wir im steilen Gelände auf unsere Bretter, und irgendwie gelingt es mir, den stotzigsten Teil zu überwinden.
Auf Teufel komm raus liegen Pulverhänge für uns bereit. Wären meine Beine nicht schon etwas bettlägerig und meine Fahrkünste weniger bescheiden, würde ich mich so freuen können wie mein Liebster. Sein Strahlen ist mir nicht verborgen geblieben, seit gestern liegt es unverhohlen auf seinem Gesicht. Nie sehe ich ihn glücklicher als auf Skieren und in steilen Hängen. Wie viele Höhenmeter es sein werden bis zur Klausenpassstrasse, will ich gar nicht wissen. Abends werden mir die Beine schwer sein. Um keinen Preis aber hätte ich woanders sein wollen. Nichts hätte besser sein können. Die Lust, sich zu beherrschen, hielt sich in Grenzen. Es ist ein kurzer Satz, aber ein wichtiger. Hier darf er sich niederlegen.

3 Kommentare to “Teufel und Glückspilze”

  1. Emil sagt:

    Gratuliere, Annette, super Tour und wunderbarer Text!
    Ein neidischer Bewunderer.

  2. Stephan sagt:

    Wow – mir schlottern etwas die Knie und mein Herz poltert noch nach. Sehr schön zu lesen!

  3. Lulu sagt:

    Wow – wow!!
    Das Strahlen kann ich mir vorstellen:)
    Diese hänge wollte ich auch schon geniessen, habe es bis anhin noch immer nicht geschafft…
    Gratuliere Dir für die Tour und Danke für den Text – Ihm für die Führung:)))

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