Triumphe und Tragödien in der Sächsischen Schweiz

Klettern und Kriminalen im Elbsandsteingebirge. Beides ist teuflisch spannend.

«Viel Zeit bleibt mir nicht mehr. Hilfesuchend geht mein Blick zu Günter am Ring. „Du schaffst es, wir haben es doch immer geschafft…“ Sicher denkt er das. Das Seil, unsere Verbindung, wird zur Lebensader. Ich versuche seine Ruhe aufzunehmen, versuche, meine Gedanken und Bewegungen zu ordnen. Jetzt, von Angst, Wut und Tränen getrieben, das letzte mir mögliche Aufbäumen. Die winzigen Zähne des Bohrers haben gefaßt, er steckt fest. Gerettet. Eine Stunden später ist der Ring platziert. Dann stehe ich oben auf der Teufelsspitze, im letzten Sonnenlicht, bin glücklich, juble, schreie meine Freude hinaus, hinaus in den noch freien, geradezu himmlischen Raum.»

Der da im Kletterhimmel angekommen ist, heisst Bernd Arnold, und der Gipfel, auf dem er steht, heisst Teufelsspitze. Ein fünfzig Meter hoher, schlanker Sandsteinsturm im Gebiet der Affensteine im Elbsandsteingebirge, dessen deutscher Teil zur Sächsischen Schweiz gehört. Die neue Route, die Bernd Arnold am 10. Juli 1971 zusammen mit Günter Lamm und Armin Börnert geglückt ist, zieht durch die Talseite empor, mit der Schwierigkeit IXb, was einem französischen 7a entspricht. 2007 fand Robert Leistner im rechten Teil der Teufelsspitze-Südwand gar einen XIa-Weg, der den prophetischen Namen „Visionen gegen die Härte der Welt“ erhielt.

Willkommen im Freiklettermekka der Welt! Seit 150 Jahren wird in der Sächsischen Schweiz geklettert, auf eine einzigartige Weise, nämlich frei, also ohne künstliche Hilfsmittel. Aber eine genau bestimmte Anzahl Ringe darf schon in den Sandstein gesetzt werden, sonst würde es ja teuflisch gefährlich. Zudem darf nur an freistehenden Türmen geklettert werden. Das bestimmten die Pioniere. Und so ist es bis heute. Das Angebot an Klettergipfeln ist sowohl in der Menge (rund 1100) als auch von den Formen schlicht grossartig. Wer sich ein Bild über diese Türme und ihre Besteigungsgeschichte machen will, greift zu „Das Buch der Gipfel. Klettern in der Sächsischen Schweiz“ von Vater Frank und Sohn Martin Richter. Auf 304 Seiten mit gefühlt der dreifachen Anzahl Fotos wird uns das Felsparadies links und rechts der Elbe gezeigt, sehen wir die Kletterer in Action, von den Anfängen bis zur Gegenwart. Der Name, der dabei am häufigsten fällt, kennen wir bereits: Bernd Arnold.

Am 13. April 2018 habe ich als „Ankers Buch der Woche“ den ersten Band der Biografie von Peter Brunnert über den besten und bekanntesten ostdeutschen Kletterer vorgestellt: „Bernd Arnold – Ein Grenzgang“. Jetzt liegt der zweite Band der Trilogie vor, wieder mit einem cleveren Titel: „Bernd Arnold – Barfuß im Sand“. Tatsächlich hat Arnold zahlreiche seiner über 900 Erstbegehungen im Elbsandsteingebirge barfuss gemacht; es gibt Fotos, da sehen wir ihn warm angezogen inklusive Wollmütze in senkrechter Flur, die nackten Zehen auf kleinsten Tritten platziert. Brunnert beschreibt die Zeit von 1947 bis 1988, also bis vor die Wende. Im Anhang sind Arnolds Erstbegehungen in der Sächsischen Schweiz aufgelistet, vom „Alten Weg“ an der Tiefblickspitze (1959) bis „Mit gutem Gefühl“ am Förster, einem beliebten Gipfel am Pfaffenstein am Rande des Bielatals, grad gegenüber der sagenumworbenen Barbarine, einer 42 Meter hohen Felsnadel, die 1905 erstmals erklettert und 70 Jahre später mit einem Kletterverbot belegt wurde.

„Drei Gipfel im Bielatal“ notierte der Kletterer Walter Wetzel am 8. Mai 1945 in sein Fahrtenbuch, das im Archiv des Sächsischen Bergsteigerbundes (SBB) in Dresden aufbewahrt wird. Der Eintrag vom 9. Mai 1945 lautet so: „Zusammenbuch des Deutschen Reiches; 1.5.1945: Adolf Hitler wird in Berlin totgesagt. 9.5.1945: Waffenstillstand der Deutschen Truppen, Einmarsch der Polen und Russen in Schmilka.“ Und dann beschreibt Wetzel, wie er mit Leuten vor den Soldaten floh und sich in der Höhle „Bärenklause“ in den Sandsteinbergen versteckte. Solche Höhlen, in denen Kletterer noch heute übernachten, werden in der Sächsischen Schweiz Boofen genannt. Für das umfassend und das Unfassbare dokumentierende Buch „1945. Kriegsende in der Sächsischen Schweiz“ schrieb der Dresdener Alpinismushistoriker Joachim Schindler das Kapitel „Zuflucht und Versteck in der Felsenwelt“. „Trotz Krieg und Bomben, trotz Hunger und Elend, trotz Arbeitsdienst und Verkehrseinschränkungen“, so das Fazit von Schindler, wurde „in den Felsen des Elbsandsteingebirges geklettert.“ Einer von ihnen war Karlheinz Gonda, der am 22. August 1953 zusammen mit dem Schweizer Ueli Wyss vom Gipfelgrat des Eigers nach erfolgreicher Durchsteigung der Nordwand abstürzte.

Beim Bergsteigen liegen Himmel und Hölle, Erfolg und Misserfolg verdammt nah beieinander. Aber auch sonst. Sandra Kruse und Leo Reisinger, Kommissare bei der Kripo Dresden, wissen das bestens. In „Blut und Blüten“, Thea Lehmanns sechstem und jüngstem Krimi um das sächsisch-bayerische Duo, steht Leo nach einem Einsatz im Bielatal mit dem Auto bei einem Aussichtspunkt unweit des Kurortes Gohrisch: „Die Sonne warf ihre letzten Strahlen mit winterlichem Eifer auf die gegenüberliegende Felsformation der Schrammsteine, die wie ein riesiger urzeitlicher Drachenschwanz zur Elbe hinauslief. Die typischen Formen des sächsischen Sandsteingebirges, die abgerundeten Säulen, die kugeligen Felsen, die senkrecht abfallenden Wände wurden vom warmen Abendlicht übergossen, leuchteten rot und orange und wirkten durch die tiefen Schatten so plastisch wie selten. Es war so märchenhaft, dass Leo ausstieg, um das zauberhafte Panorama zu genießen. Die Kälte störte ihn nicht, im Gegenteil, die scharfe Luft stanzte die gegenüberliegenden Felsformation scharf wie einen Scherenschnitt in den Himmel.“

Frank und Martin Richter: Das Buch der Gipfel. Klettern in der Sächsischen Schweiz. Verlagsgruppe Husum, Husum 2020, € 35.-

Peter Brunnert: Bernd Arnold – Barfuß im Sand. Panico Alpinverlag, Köngen 2020, € 30.-

Joachim Schindler: Zuflucht und Versteck in der Felsenwelt, in: 1945. Kriegsende in der Sächsischen Schweiz. Pirnaer Museumshefte – Schriften des Stadtmuseums Pirna. Band 16. Herausgegeben von René Misterek, Pirna 2020, € 20.-

Thea Lehmann: Blut und Blüten. Dresdner Kriminal, DDV Edition, Dresden 2020, € 13.-

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