Urtümliche Bergtäler der Schweiz

Ein starkes Buch für warme Herbsttage und –abende. Nein, eigentlich für immer.

«Die seltenen Reisenden, die sich hierher verirrten, konnten sich dem Zauber dieser seltsamen Landschaft kaum entziehen. Viele waren sogar hingerissen, darunter der Brite Douglas Freshfield, einer der damals besten Kenner der Alpen und unermüdlicher Erforscher abgelegener Bergtäler. Wie er in seinem Werk „Italian Alps“ von 1875 erzählt, sass er einmal vor einer Kapelle oberhalb von Bignasco und schaute ins Val Bavona. „Die kühnen, dunklen Umrisse der Granitabstürze, die über der üppigen und doch ungezähmten Anmut des Tals hängen, wecken mit ihren starken Gegensätzen unsere Emotionen. Diese Vermählung zwischen der Majestät der Schweizer Alpen und der Schönheit Italiens erregt in uns eine Begeisterung weit über jene ruhige Anerkennung hinaus, die wir den grössten Werken der Romantik zollen, ob in der Kunst oder in der Natur. Wir können gelassen eine reiche Seenlandschaft oder eine umbrische Madonna betrachten; vor einer Figur von Michelangelo oder diesem Anblick im Valle Maggia sind wir geneigt, vor Freude zu schreien.“»

Machen wir vielleicht auch, wenn wir bei jener Kapelle oberhalb von Bignasco sitzen. Machen wir aber ganz sicher, wenn wir das neue Buch von Marco Volken zur Hand nehmen: „Urtümliche Bergtäler der Schweiz. Geschichte, Natur, Kultur – Mit 45 Wanderungen.“ Da sind zuerst die Fotos. Einfach grossartig. Zweifach überraschend. Die Täler und Themen beleuchtend und ausleuchtend. Vom Panoramablick bis zum Details am Gassenrand, vom bewölkten Sommerabend bis in den sonnigen Wintermorgen. Durchsetzt mit klug ausgewählten historischen Abbildungen. Da versteht einer sein Handwerk bestens. Und dass Marco Volken so gut wie die Kamera auch den Stift beherrscht, wissen wir spätestens, seitdem er das trockene wissenschaftliche Arbeiten hinter sich gelassen hat und Artikel und Bücher in der Bereichen Reise, Outdoor, Kultur und Geschichte schreibt. Der Katalog der Schweizerischen Nationalbibliothek (www.helveticat.ch) zeigt 83 Ergebnisse an, noch ohne sein jüngstes Werk.

Und das sind sie, die 15 urtümlichen Bergtäler der Schweiz, in der Reihenfolge, wie sie von Marco Volken vorstellt werden, immer mit einem hintergründigen Text, mit Seitenblicken auf besondere Ereignisse, mit Stichworten wie höchster und tiefster Punkt, Hauptflüsse, schützenswerte Ortsbilder oder typische Familiennamen, mit touristischen Infos wie besondere Unterkünfte und Lesetipps sowie mit jeweils drei Wanderungen: Val Bavona, Binntal, Val Bregaglia, Val Calanca, Val Colla, Val Ferret, Haut Val d’Hérens, Isenthal, Jaun, Kiental, Lötschental, Valle di Muggio, Valle Onsernone, Safiental und St. Antönien. Alle unbedingt besuchenswert, gerade im Herbst, wenn die Bäume gelb, die hohen Berge weiss und der Himmel blau ist. Wenn das nicht möglich ist, dann wenigstens virtuell, mit dem Buch auf dem Schoss.

Das Buch nehmen hoffentlich auch die Fachleute zur Hand, die 2006 die ETH-Studie „Die Schweiz. Ein städtebauliches Portrait“ veröffentlichten. Diese Streitschrift generierte vor allem deshalb Schlagzeilen, weil als unterste von fünf Stufen alpine Brachen bestimmt wurden: „Zonen der Niedergangs und der langsamen Auszehrung“ mit „mangelnden Perspektiven“ und durch „fehlende touristische Attraktivität“ gekennzeichnet. Zu den damals postulierten Brachen gehören bis auf das Val d’Hérens alle Täler, die Marco Volken nun porträtiert. Ja, so kann man sich täuschen. Freshfield tat dies nicht.

Marco Volken: Urtümliche Bergtäler der Schweiz. Geschichte, Natur, Kultur – Mit 45 Wanderungen. AT Verlag, Aarau 2020, Fr. 40.-

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