Velo, Schnee & Gruyère

Drei prächtige Bildbände, mit französischen Texten. Pas de problème: Wir bewundern ja die Fotos.

«Le voyage à vélo, seul ou à deux? À cette phase de l’aventure, au moment où Coralie est rentrée poursuivre ses études et non par dégoût de l’effort, un état solitaire s’est développé.»

Ziemlich genau in der Hälfte des einzigartigen Reisebildbandes «Les Alpes à vélo» sagen sich Coralie Antille und Nicolas Richoz au-revoire, auf einem Foto, das ihre Beine zeigt, schön braun bis dort, wo jeweils die Velohose beginnt, beide in gelben Socken, sie steht auf den Zehenspitzen, er mit der ganzen Sohle auf dem Boden der Unterkunft. Ein starkes Bild. Und es gibt noch zig andere in diesem grossen (25 x 30 x 4 cm), dicken (528 S.) und schweren (gut 3 kg) Alpen-Velo-Foto-Buch. Zwei Beispiele noch? Das Radpaar beim Aufstieg zum Speichersee Finstertal im Kühtai in Tirol, auf der Strasse durch den aus Felsblöcken gebildeten Damm, aber so fotografiert, dass die Strasse nicht sichtbar ist. Und dann fast am Schluss der Reise, Nicolas alleine bei der Abfahrt auf der frisch verschneiten Strasse des Col de la Couillole in den Alpes Maritimes, sich selbst mit der Drohne aufnehmend. Überhaupt diese Luftaufnahmen: Schwindel erregend! All diese Haarnadelkurven der Passstrassen von oben, da kriegt man schon nur beim Anschauen müde Beine bzw. Finger (vom Bremsen bei der Abfahrt…).

Im Sommer und Herbst 2019 radelte der Westschweizer Ingenieur und Triathlet, zuerst in Begleitung seiner Freundin, dann alleine, von Wien längs und quer durch den ganzen Alpenbogen ans Mittelmeer, 9600 Kilometer und 210‘000 Höhenmeter in 125 Tagen, über grosse und kleine Pässe, mit Abstechern zu Stauseen (was erlaubte, mal nicht das ganze Gepäck mitschleppend – die Fotoausrüstung aber schon). Und mit den Fotos nimmt uns Nicolas Richoz eben mit auf eine Alpenreise, wie man sie bisher noch nicht gesehen hat. Sie animiert uns, dort mal selbst die Pedale zu treten – bei Sonnenschein. Wir beginnen mit dem Training gleich nach den Jahresendschlemmereien.

Bei der folgenden Sportart werden wir uns wahrscheinlich mit dem Anschauen begnügen, in der warmen, sicheren Stube. Denn was uns die Fotografen in dem von Gilles Chappaz et Bruno Kauffmann editierten Bildband «Neige spectaculaire» vor Augen führen, ist Atem beraubend, wenigstens auf vielen der Fotos. Natürlich gibt es auch unberührte Pulverschneehänge, die nicht zu steil sind, wo wir vielleicht ebenfalls schöne, schnelle Kurven hineinzaubern könnten – aber dann fehlte immer die Person, die uns fotografierte… Bei andern Fotos läuft es uns eiskalt über den Rücken, dort beispielsweise, wo Kirsten Rowley am Mount Baker ein Schneebrett auslöst. Grant Gunderson, von ihm stammen zahlreiche Fotos, drückte weiter auf den Auslöser, die Skifahrerin, so klärt die Bildlegende, kam unverletzt aus der Schneefalle. Ein gelungenes Buch, das uns auf die Schönheit und Gefährlichkeit der sportlichen Wintersaison perfekt einstimmt.

Und dann begeben wir uns ins Greyerzerland, einen der sieben Bezirke des Kantons Freiburg, wahrscheinlich gar der schönste, jedenfalls beim Betrachten des Bildbandes «La Gruyère. Une terre en lumière» von Fabrice Savary. Diese Berge, vor allem die Gastlosen; dieser See – der Lac de la Gruyère ist der längste Stausee der Schweiz; diese Dörfer und Schlösser, allen voran Gruyères. Fotografiert im richtigen Licht, in der passenden Saison. Magnifique! Vielleicht hätte man auch den unbändig in die Landschaft hinauswachsenden Bezirkshauptort Bulle bei Sonnenuntergang ein paar Mal aufnehmen sollen, insbesondere für das dritte Kapitel „Urbanisme et eau“. Aber die Dent de Folliéran, das Matterhorn der Freiburger Alpen, ist in Gottes Namen pittoresker als das Gruyère Centre Pôle Sud in Bulle, die Île d’Ogoz im Greyerzersee malerischer als die drei Wohnblöcke, die gegenüber mitten ins Gras gestellt wurden. Doch wir wollen nicht mäkeln. Schliesslich habe ich am Rande des Bezirks Greyerz am Montag alleine die neue Skitourensaison gestartet.

Nicolas Richoz: Les Alpes à vélo. Éditions Slatkine, Genève 2021, Fr. 65.-
Gilles Chappaz, Bruno Kauffmann: Neige spectaculaire. Éditions Glénat, Grenoble 2021, € 39.50.
Fabrice Savary : La Gruyère. Une terre en lumière. Éditions Alphil, Neuchâtel 2021, Fr. 49.-

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