Zwei rucksacktaugliche Bücher, die zum Wandern mit einem wirkungsmächtigen Schweizer Politiker des 20. Jahrhunderts einladen.
«Ausgeträumt und ausgeschlafen, gings nun wieder an die Arbeit, d.h. ans Weitertrippeln. Um 8 Uhr schnürte ich mein Bündel und hinaus gings in die freie Natur. Lachender Sonnenschein durchflutete die liebliche Gegend und an dem azurblauen Himmel war kein Wölkchen zu sehen. Es war wieder ein wohl leichtes, wohltuendes Wandern, ein süßes Durchstreifen von Wald und Feld.»
Notierte Robert Grimm am 20. Juni 1902 in sein Tagebuch. Grimm (1881–1958), berühmt geworden als Organisator der internationalen Sozialistenkonferenzen in Zimmerwald und Kiental, als Führer des Generalstreiks von 1918, als Gemeinde-, Regierungs- und Nationalrat sowie als Direktor der Bern-Lötschberg-Simplon-Bahn, war als junger Buchdrucker auf Gesellenwanderung. Nach seiner Lohnarbeit in der Druckerei der Zeitung «Arbeiterwille» in Graz wanderte und reiste er vom 4. Mai bis 7. Juli 1902 über Triest, Gorizia, Bozen, Chur und Glarus zurück an seinen Geburtsort Wald im Zürcher Oberland. Nicht immer war die «Arbeit» so sonnig wie an jenem Junitag in Villach an der Drau. Auf dem Weg nach Triest regnete es fast ununterbrochen:
«Meine Kleider trieften buchstäblich. Ich war bis auf die Haut durchnässt, es genügten, wenn ich mich an einen Ort hinstellte, 1–2 Minuten, um den trockenen Boden in einen förmlichen See zu verwandeln.»
Robert Grimm führte auf seiner Walz ein Tagebuch, das nun in einer wohlfeilen und gut kommentierten Ausgabe vorliegt: «Von meiner Gesellenwanderung (1900–1902). Aufzeichnungen des bedeutenden Politikers als junger Mann». Er schildert lebendig Freuden und Leiden eines Wandergesellen: ständige Finanzknappheit und Hungerattacken, liebevolle Gastfreundschaft, karge Pennen (Unterkunft, Nachlager) und lästige Polizeikontrollen, gesellige Abende mit andern Waldbrüdern, schöne Landschaften, Dörfer und Städte. Grimms Text ist angereichert mit vielen Hintergrundinformationen, die uns eintauchen lässt in eine Art von Wandern und Reisen, die vielen Lesern und Leserinnen unbekannt sein dürfte. Wanderlektüre der andern Art, und trotzdem kennen wir die ganz unterschiedlichen Gehgefühle, wenn der Himmel sich azurblau bzw. regengrau zeigt. Beide Farben werden wir erleben, wenn wir auf der Via Grimm unterwegs sind.
Die Via Grimm bezeichnet zweierlei. Einerseits die Strecke von Graz nach Wald ZH, auf welcher der junge Grimm 1902 unterwegs war. Andererseits den Weg, den die Robert-Grimm-Gesellschaft von 2019 bis 2022 in mehreren Wanderreisen auf den Spuren von Grimm unternommen hat. 48 Etappen mit insgesamt 230 Std., 860 km, 15‘000 Höhenmeter hoch und 14‘000 hinunter. Dazu ist das rucksacktaugliche Buch «Via Grimm» erschienen. Zu jeder Etappe gibt’s Karte, Höhenprofil, karge Tipps zu Verkehrsverbindungen, Hotels und Gaststätten sowie ein kurzes Zitat aus Grimms Tagebuch. Bei der vierzehnten Etappe von Villach nach Paternion-Feistritz lesen wir:
«Es war wieder ein wohl leichtes, wohltuendes Wandern, ein süßes Durchstreifen von Wald und Feld. Die Sonne stand schon hoch am Firmamente, als ich mich im kühlen Schatten eines Tannenwaldes niederlegte, um ein Mittagsschläfchen zu machen.»
Andreas Berz, Bernard Degen (Hg.): Robert Grimm. Von meiner Gesellenwanderung (1900–1902). Aufzeichnungen des bedeutenden Politikers als junger Mann. Chronos Verlag, Zürich 2025. Fr. 22.-
Fritz Brönnimann: Via Grimm. Wanderungen auf Robert Grimms Spuren. Robert-Grimm-Gesellschaft, Bern und Zürich 2023. Fr. 20.- Erhältlich bei Fritz Brönnimann, Willishalden 3, 3086 Zimmerwald. www.robertgrimm.ch/robertgrimm/via-grimm/index.html.

