Halbschönes Helvetien

Zur schönen Schweiz sind schon viele schöne Bücher herausgekommen. Drei neue – eines davon gar von Schweiz Tourismus mitgetragen – gehören nicht ganz dazu.

«Le Pont befindet sich an idyllischer Lage am östlichsten Punkt des Lac de Joux. Das Dorf ist direkt am Wasser gebaut, vor dem Hintergrund einer atemberaubenden Hügellandschaft.»

So lautet der Einstieg zu Le Pont im dreisprachigen Bildband „Schweiz – Verliebt in schöne Orte“. Die Publikation begleitet das von Schweiz Tourismus und Bundesamt für Kultur initierten Projekt „Verliebt in schöne Orte: 50 unbekannte Schweizer Perlen“. Sie gehören zum Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung. Leider vermag der Bildband nicht zu überzeugen, was sich gerade am Beispiel Le Pont zeigt. Dass der Ort an zwei Seen liegt, nämlich auch am Lac Brenet, wird weder gesagt noch gezeigt; dabei weist ja der Name darauf hin. Auch die über Le Pont liegende Dent de Vaulion, einer der unverwechselbaren Gipfel des ganzen Schweizer Juras, kommt weder im Text noch im Bild vor. Dafür gleichen sich die acht sommerlichen Schönwetterfotos von Le Pont.

Le Pont ist keine Ausnahme. Auf den meisten Fotos sind vor allem ältere, saubere Gebäude bei fast immer gleichen Licht- und Jahreszeitverhältnissen abgebildet. Mehr noch: Dass die berühmten romanischen Kirchen von Romainmôtier und Giornico auch bzw. gerade mit ihrem Inneren atemberaubend sind – sieht man nicht. Dass es in Giornico mit dem Museo „La Congiunta“ eine Pilgerstätte moderner Architektur gibt – Fehlanzeige. Dass in Sent der Skulpturenpark von Not Vital auf Besucher wartet – erfährt man nicht. Dass Burgdorf, auch Venedig des Emmentals genannt, von zahlreichen Kanälen durchflossen wird – ist keine Zeile und kein Bild wert.

Die 50 Ortschaften lassen sich entlang der Grand Tour of Switzerland entdecken. Sie ergänzen den Roadtrip durch die Schweiz mit Stopps, die sich nicht auf grosse Besucherströme ausrichten. Jeder Kanton und Halbkanton ist mit mindestens einer Ortschaft vertreten. Die 50 ausgewählten Ortschaften/Ortsbilder sind: Andelfingen ZH, Appenzell AI, Auvernier NE, Bauen UR, Beromünster LU, Bremgarten AG, Burgdorf BE, Castasegna GR, Dardagny GE, Diessenhofen TG, Eglisau ZH, Ennenda GL, Erlenbach i.S. BE, Ermatingen TG, Ernen VS, Flüeli-Ranft OW, Giornico TI, Goetheanum SO, Hallau SH, Hemberg SG, Hermance GE, Kloster Frauenthal ZG, La Chaux-de-Fonds NE, Laufen BL, Le Pont VD, Lessoc FR, Leuk VS, Malans GR, Meride TI, Morcote TI, Osignano TI, Pleujouse JU, Praz FR, Rheinfelden AG, Riehen BS, Romainmôtier VD, Rougemont VD, Rüeggisberg BE, Saillon VS, Saint-Maurice VS, Saint-Saphorin VD, Saint-Ursanne JU, Schwyz SZ, Sempach LU, Sent GR, Soazza GR, Stans NW, Trogen AR, Unterseen BE, Werdenberg SG. Am schönsten ist es also in den Bergkantonen BE, GR, VS, VD und TI – sie sind ja auch die grössten.

Über die Auswahl lässt sich bei Buchtiteln mit einer Liste, die man abhaken kann bzw. muss, natürlich immer streiten. Die in Bern wohnenden Sabrina Bigler und Lea Seiler haben für die „30 Wanderungen in der Schweiz, die man einmal im Leben gemacht haben muss“, unumgängliche Klassiker wie die Rigi oder den Grossen Mythen ausgewählt. Sie stellen aber auch weniger Bekanntes vor, wie den Rundweg Lobhörner – Sulegg unweit Interlaken oder eine Blütenwanderung in Mostindien. Die Touren verteilen sich so: sieben in der Zentralschweiz, sechs im Berner Oberland, fünf im Wallis, vier in der Ostschweiz, drei in der Westschweiz, je zwei im Tessin und in der Ostschweiz sowie eine im Solothurner Jura. Apropos Jura: Nur zweimal muss man dort und im Mittelland wandern, sonst sind, nicht überraschend, die Alpen ein Muss. Bei den wander(touristischen) Infos fehlen leider Zeitdauer (!), Kartenausschnitte, genaue Angaben zu Anreise, Restaurants, Unterkünften, Seilbahnen und Fotos. Aber als Auswahl-Ratgeber mag der Führer schon taugen.

Ein Klassiker gebirgiger Gebrauchsliteratur ist der SAC-Führer „Hütten der Schweizer Alpen“ von Remo Kundert und Marco Volken. 2019 erschien die elfte Auflage; pro Seite eine Hütte, mit allen wichtigen Angaben, auf einen Blick begreifbar, inkl. Kartenskizze. Die 350 Hütten aufgeteilt nach sechs Gebirgsgruppen der Schweizer Alpen, so wie man es kennt von den SAC-Führern. 440 Seiten, 12 x 22 cm gross, gut ein halbes Kilo schwer. Wer sich über die alpinen Unterkünfte zwischen dem Refuge de Chésery und der Heidelberger Hütte informieren wollte, war mit diesem Buch bestens informiert. Vor kurzem ist der SAC-Verlag in den Weber Verlag übergegangen, und mit diesem Wechsel haben auch Hüttenführer und Autorenteam gewechselt. Nun ist das Werk ein Bildbandführer geworden, 22 x 26 x 5 cm gross, 559 Seiten dick, gut zwei Kilo schwer. Allgemeine Texte zu den Hütten, Wegbeschreibungen und Fotos brauchen ihren Platz. Die Infos sind nicht mehr so vollständig und übersichtlich, die Kartenausschnitte fehlen. So weit, so anders. Was ebenfalls teilweise geändert wurde, ist die Einteilung der Hütten. So wurden die Hütten auf Walliser Boden teils dem Kanton Wallis, teils aber der Region Bern zugeordnet. Das heisst, die Anenhütte hinten im Lötschental findet man im Kapitel „Wallis“, die Hollandiahütte zuhinterst im Lötschental im Kapitel „Bern, Freiburg, Waadt“, obwohl sie auch ganz im Kanton Wallis liegt (und wie die Anenhütte in den Berner Alpen). Gleich unverständlich die Platzierung der Cabane Barraud und der Gîte de l’Alpage de Dorbon in den Waadtländer Alpen, beide in rund zwei Stunden von Derborence aus erreichbar: Sie sind neu in zwei verschiedenen Kapiteln untergebracht. Dito Windegghütte und Trifthütte, auf Sichtdistanz im östlichen Berner Oberland (und in den Urner Alpen) gelegen: Jetzt findet man die erste bei Bern, die zweite bei der Zentralschweiz.

Der Rezensent übernachtete schon mal in beiden Hütten. Andere hat er noch nie besucht. Eine, wenn nicht die jüngste Hütte der Schweizer Alpen, ist das am 16. August 2021 eingeweihte Rifugio Curciusa (ca. 2357 m) im gleichnamigen Tal in den Bündner Alpen; sie hat ihren Platz im neu gemachten Hüttenverzeichnis aber noch nicht gefunden.

Schweiz, Suisse, Svizzera. Verliebt in schöne Ort, La magie des beaux sites, Un Amore di Luogo. Hallwag Kümmerly+Frey/Schweiz Tourismus, Schönbühl/Zürich 2022, Fr. 39.90.

Sabrina Bigler, Lea Seiler: 30 Wanderungen in der Schweiz, die man einmal im Leben gemacht haben muss. Droste Verlag, Düsseldorf 2022. Fr. 24.90.

Hütten der Schweizer Alpen/Cabanes des Alpes suisses. Weber/SAC-Verlag, Thun/Gwatt 2022, Fr. 59.-

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