Seit 2016 findet der Tag des Wanderns in Deutschland jeweils am 14. Mai statt. Grund genug für einen kurzen Gang mit neueren und druckfrischen Wanderbüchern und -führern.
«Seitenwege, Feldwege, Fluchtwege, Grenzwege, Uferwege, Dorfwege, Holzwege, Deichwege, Geheimwege, Bergwege, Forstwege, Wirtschaftswege, Umwege.»
Diese dreizehn Wege listet Walter K. H. Hoffmann unter dem Stichwort «Wege» in seinem ABC-Buch «Vom Spazieren, Gehen, Reisen, Unterwegssein» auf. Natürlich warten da noch ein paar Wege mehr zwischen Abwege und Zollwege, Gehwege und Schleichwege zum Beispiel, oder auch Skiwege. Doch nun seien die Wanderschuhe geschnürt, und auf geht’s. Von Abkürzung über Fremdgehen, Jakobsweg(e), Längster Weg, Rousseau (klar, der geht immer mit!) und Wiedergänger bis Zu guter Letzt: Zu 110 Stichworten hat sich Hoffmann seine Gedanken gemacht. Sie «sind wie Wolken, die im Kopf vorüberziehen», wie es im Untertitel heisst. Wir nehmen sie mit auf unserem Büchergang zum 14. Mai 2026, dem Welttag des Wanderns. Er wurde 2016 vom Deutschen Wanderverband ins Leben gerufen und bezieht sich auf das Gründungsdatum des Deutschen Wanderverbandes am 14. Mai 1883.
Bevor wie losstiefeln, sei noch etwas Ballast in den Rucksack gepackt, gedanklicher Art selbstverständlich. In der ersten Nummer des letzten Jahres befasst sich «traverse. Zeitschrift für Geschichte» mit dem Thema «Zu Fuss». Sieben Beiträge zu ganz unterschiedlichen Aspekten, beispielsweise zur Spaziergangskultur in Basel von 1795 bis 1820 oder zur Eroberung der Schweiz durch das Wandern von 1910 bis 1960. Im Vorwort werden vier Forschungsachsen skizziert. Erstens Untersuchungen der eingeschränkten und eng abgegrenzten Räume des Zufussgehens; zweitens Fragen rund um die körperlichen Voraussetzungen des Zufussgehens; drittens die Geschlechterperspektiven in der historischen Forschung; und viertens die soziale und gesellschaftliche Frage in der Fussmobilität gestern und heute: Wer darf oder muss(te) zu Fuss gehen?
Viele von uns können. Stellt sich aber vielleicht die Frage: wohin? Drei Vorschläge. In der Reihe Lonely Planet Reisebildbände warten «Legendäre Küstenwanderungen in Europa. Die schönsten Küstenwege von den Shetlands bis Sardinien» auf Klippenläuferinnen und Strandläufer. Wie immer bei solchen Bildbandführern hinken die (wander-)touristischen Infos sanft hinter den Bildstrecken nach. Die Fotos aber machen schon gluschtig, vielleicht nicht den ganzen langen Meeresweg abzulaufen, sondern bloss eine Teilstrecke. Allerdings mangelt es ein bisschen an der Übersicht, wo die Wanderungen überhaupt verlaufen. So fehlt beim Titel «Göttliche Wege: Il Sentiero degli Dei» die genaue geografische Lokalisation. Ich sage nur: unbedingt machen, aber nicht wie vorgeschlagen mit Start in Bomerano oben am Berg, sondern in Praiano unten am Wasser, und dann vom Zielort Positano mit dem Schiff den Rückweg machen und hochschauen zur grün-felsigen Mittelmeerküste, wo man eben durchgegangen ist.
Wir bleiben grad in südlichen Gefilden, genauer: auf der Alpensüdseite, noch präziser: in der seit 1966 geschlossenen Schokoladefabrik Cima Norma in Dangio, einem der Ausgangspunkte für die Besteigung des höchsten Tessiner Gipfels, der Adula (3402 m), zu deutsch Rheinwaldhorn. In seinem vorzüglichen Wanderbuch «Rund um die Adula. Wanderungen zwischen Bleniotal, Calancatal und Misox» behandelt Bernhard Herold die Cima Norma, wo 2028 ein Vier-Sterne-Hotel entstehen soll; eine der 21 aromatischen Hintergrundgeschichten. Hauptbestandteil des rucksacktauglichen Werkes sind die 19 ein- bis mehrtägigen Wanderungen rund um den berühmten Berg zwischen den Kantonen TI-GR, in der würzigen Sackgasse des Val Calanca sowie im appetitanregenden Misox, das ja leider meist fastfoodig durchfahren wird. Wir kosten alle wichtigen (wander-)touristischen Infos, mit Varianten und Kombinationsmöglichkeiten, mit Fotos und Routenskizzen. Da schmeckt jede Zeile, nur wandern und essen muss man selbst. Diesbezüglich war meine erste Erfahrung mit dem Bleniotal etwas bitter: 1975 war ich als Rekrut sechs Wochen in der Schokoladefabrik Cima Norma einquartiert.
Und wenn wir schon auch auf Bündner Wegen unterwegs sind. Wie wär’s mal mit dem Unter- statt dem Oberengadin? Regula Bücheler führt uns in «Unterengadin. Wandern in der Engiadina Bassa» auf 28 ein- bis mehrtägigen Wanderungen entlang dem Inn und in seine versteckten Seitentäler. Zu jedem Kapitel behandelt sie ein wichtiges Hintergrundthema, zu allen Touren gibt sie die richtigen Tipps. Nichts wie hin: auf dem Bahnweg durch den Tunnel an die Unterengadiner Sonne!
Walter K. H. Hoffmann: Vom Spazieren, Gehen, Reisen, Unterwegssein. Vorwort von Thomas Widmer. Transhelvetica/Passaport, Zürich 2025. Fr. 31.90.
Tiphaine Robert, Anja Rathmann-Lutz, Marion Ferri (Hg.): Zu Fuss | À Pied. Traverse. Zeitschrift für Geschichte – Revue d’histoire, Band 2025/1. Chronos Verlag, Zürich. Fr. 28.-
Lonely Planet: Legendäre Küstenwanderungen in Europa. Die schönsten Küstenwege von den Shetlands bis Sardinien. Mairdumont, Ostfildern 2026. € 33,00.
Bernhard Herold: Rund um die Adula. Wanderungen zwischen Bleniotal, Calancatal und Misox. Rotpunktverlag, Zürich 2026. Fr. 39.- Die Buchvernissage findet am 5. Juni 2026 um 17 Uhr in San Vittore im Museo Moesano statt. Davor gibt es eine optionale kurze Wanderung aus dem Wanderführer, Treffpunkt um 11:05 Uhr bei der Postautohaltestelle Lumino, Paese. Informationen zum Anlass: https://eventfrog.ch/de/p/fuehrungen-vortraege/podium/buchvernissage-rund-um-die-adula-7452629573089367983.html
Regula Bücheler: Unterengadin. Wandern in der Engiadina Bassa. Rotpunktverlag, Zürich 2026. Fr. 39.-




