Ein Band mit Erzählungen, ein historischer Roman, eine Ausstellung: Wie gehen wir damit um, wenn die Berge laut, zu laut werden?
«Von der Kirche aus dem 13. Jahrhundert steht immerhin noch der Turm, im Banngebiet jenseits des Walles, der Linthal schützen soll vor Bergrutschen, wie 1881 einer das Dorf Elm unter sich begrub.»
Notierte der in Glarus aufgewachsene Schriftsteller Tim Krohn in seinem jüngsten Buch «Die Stille der Höhe. Erzählungen aus den Bergen», und zwar in der Geschichte «Die Fremde beginnt nach ein paar Kilometern… Knapper Abriss über das Glarnerland, wo es am engsten (und am schönsten) ist.» Es sind dies 16 Erzählungen und zwei Gedichte aus seiner alten Heimat und aus seiner neuen, dem Bündnerland, genauer dem Val Müstair. Denn dort wohnt Krohn jetzt mit seiner Familie; wie es dazu kam, erfahren wir im Nachwort «Unser ideales Heim». Feine Lektüre zu ganz unterschiedlichen Themen. Aber still wird es nicht immer sein in der Höhe, jedenfalls nicht im «Genusssinn», wenn Hubert die Tuba bläst für Edith-Samyra, die nackt im Heustockseelein steht und mit diesem Ritual ihre Trauer um die nepalesische Königsfamilie beenden will. Nicht die einzige wunderbar schräge Geschichte in diesem handlichen Bergbuch.
Ganz im Glarnerland spielt der historische Roman «Kilchenstock. Der drohende Bergsturz» des Glarner Schriftstellers Emil Zopfi. 1928 begann der Kilchenstock über Linthal gefährlich und scheinbar unaufhaltsam zu rutschen. Die Wissenschaftler prognostizierten einen gewaltigen Bergsturz. Musste das Dorf evakuiert werden? Die Dorfbewohner wussten nicht mehr, wem sie vertrauen konnten. Den Fachleuten? Den Politikern? Dem Pfarrer? Gott? Der Wahrsagerin? Dem eigenen Gefühl? Emil Zopfi erzählt eindringlich, wie wir reagieren, wenn der Berg nicht ruft, sondern zu kommen droht bzw. kommt. Sein Roman erschien erstmals 1996 und liegt nun in einer Neuauflage vor, erweitert um ein aktuelles Nachwort, denken wir an Gondo am Simplon, Bondo im Bergell, Brienz an der Albula, Kandersteg und natürlich an Blatten und Ried im Lötschental. Die Erzählung vom Kilchenstock, so Zopfi, «ist ein Lehrstück über das Verhalten von Menschen angesichts einer drohenden Katastrophe. Wird das befürchtete Unglück eintreffen oder bleiben wir verschont? Was können wir tun? Wer hilft uns in dieser Lage? Die Fragen, welche die Linthaler damals bewegten, stellen wir uns heute immer wieder.» Mehr noch: «Die gegenwärtige Weltlage gleicht jener vor hundert Jahren, als der Kilchenstock die Linthaler in Angst und Schrecken versetzte.»
Auf jeden Fall ist «Kilchenstock» die passende Lektüre für den Besuch der Ausstellung «Wenn Berge rutschen» im Raum Biwak von ALPS, dem Alpinen Museum in Bern. Am Beispiel Glarus erfahren Besucherinnen und Besucher von Menschen aus Politik, Tourismus, Landwirtschaft und allgemeiner Bevölkerung, was es heisst, mitten im Wandel durch tauenden Permafrost, Murgänge oder ausbleibendem Schnee zu leben. Das Projekt ist eine Übernahme des Sito Kollektivs und wurde für das ALPS mit aktuellen Fragen und Beispielen aus den Kantonen Bern und Wallis erweitert. Am 22. Januar gibt es zum Museumsbier um 18 Uhr eine Kurzführung zu «Wenn Berge rutschen», am 3. März erzählt Werner Bellwald ab 18 Uhr, wie es sich anfühlt, wenn ein Bergsturz innert Sekunden ein Lebenswerk wegfegt, und am 26. März fragt das Museum ab 18.30 Uhr nach dem Bergsport im Jahr 2050. Müssen wir dann den Bergen fernbleiben?
Wohin sie denn wolle, fragt die Hauptfigur in Tim Krohns Erzählung «Melancholie» eine junge Einheimische aus dem abgeschiedenen Avers: «Nach Zürich oder wenigstens nach Chur. Das Schlimmste ist, ohne Berge kann ich auch nicht sein. Aber von Zürich aus sieht man sie wenigstens.»
Tim Krohn: Die Stille der Höhe. Erzählungen aus den Bergen. Atlantis Verlag, Zürich 2025. Fr. 29.90.
Emil Zopfi: Kilchenstock. Der drohende Bergsturz. AS Verlag, Zürich 2026. Fr. 29.80.
ALPS: Wenn Berge rutschen (bis 19. April 2026). www.alps.museum


