Wenn der Berg kommt

Wie gehen die Menschen vor Ort damit um, wenn der Berg kommt, gekommen ist und kommen wird? Das Buch von Anicia Kohler gibt Antworten, eindrücklich, erschütternd, überzeugend.

Es gibt Videos der Skibrücke, fünf Minuten vor dem Murgang. Die wollte ich den Leuten zeigen. Jemand sagte, das sei Angstmacherei, aber ich wollte zeigen, was passiert, wenn Leute trotz Absperrung in den Wald gehen. Wenn du das nicht selbst gesehen hast, kannst du dir das nicht vorstellen, diese Macht, diese Kraft. Auf den Videos sieht es so langsam aus. Aber du kommst nicht mehr weg.

Sagt Sara Loretan, Gemeinderätin von Kandersteg, verantwortlich für das Ressort Naturgefahren; am Spitzen Stei oberhalb des Dorfes sind fünfzehn Millionen Kubikmeter Fels in Bewegung.

So habe ich es erlebt. Plötzlich ruft einer: Es kommt jetzt!, und ich konnte das Handy draufhalten, habe dann aber abgestellt, weil ich nicht filmen wollte, wie Häuser getroffen werden. Dann kam die Staubwolke.

Sagt Lukas Kalbermatten, der zusammen mit seiner Frau Charlotte das Hotel Edelweiss in Blatten im Lötschental führte und während acht Jahren dort Gemeindepräsident war. Am 28. Mai 2025 verschütteten 10 Millionen Kubikmeter Fels und Eis das Dorf Blatten und die Weiler Ried, Oberried und Tännmatten. 130 Häuser wie auch die Kirche, insgesamt etwa 90 Prozent von Blatten, sind weg.

Die Katastrophe ist kein Thema mehr im Dorf. Ich musste das auch lernen: Man verdrängt es, versucht es auszulöschen. Das ist schon seltsam. Aber so ist das, man möchte ein normales Leben führen. Ich finde, es ist gesund, nach vorne zu schauen.

Sagt Patricia Guggenheim von Bondo. Sie gründete nach dem Bergsturz vom 23. August 2017 am Piz Cengalo mit 4 Millionen Kubikmetern Fels und einem Murgang, der den Talort Bondo verwüstete, den Verein Pro Bondo, dem sich heute noch als Präsidentin vorsteht.

Drei Aussagen in einem rundum überzeugenden Buch, das sich den Menschen widmet, die unter dem gefährlichen, absturzbereiten oder abgestürzten Berg leben, gelebt haben und vielleicht wieder dort leben. Die Text- und Musikschaffende Anicia Kohler unternahm eine Reise durch sieben Schweizer Bergdörfer und sprach mit den 27 Leuten von Kandersteg, Brienz im Berner Oberland, Gondo am Simplonpass, Schwanden im Glarnerland, Brienz/Brienzauls im Albulatal, Blatten im Lötschental und Bondo im Bergell. Entstanden ist «Wenn der Berg kommt – Geschichten vom Weiterleben», ein eindrückliches und erschütterndes Werk über Widerstandsfähigkeit, Freundschaft und Zusammenhalt in Bergdörfern, über Heimatverlust, sorgenvolle Tage, Trauer und manchmal auch Wut. Nochmals Lukas Kalbermatten zum Bergsturz von Blatten; zu diesem Bergsturz lässt Anicia Kohler neun Personen sprechen: «Und jetzt ist alles weg. Ich muss ehrlich sagen, das stinkt mir wirklich.» Und, fünf Seiten weiter hinten: «Es ist gut, wieder eine neue Aufgabe zu haben, und ich freue mich darauf. Aber es hätte nicht sein müssen.»

Aber der Berg, der ruft nicht nur, der kommt auch. Immer mehr, wenn wir das Klima weiter so aufheizen. Dann ist es gut, sich richtig darauf vorzubereiten. Davon sprechen die befragten Leute ebenfalls. So Sarah Michel von Brienz BE, wo der Milibach und andere Bergbäche für Zerstörungen, Opfer und Angst sorgten und sorgen:

«Dieses Jahr gab es im Sommer mehrere Nächte, in denen ich kaum geschlafen habe. Was hier fehlt, ist ein Alarmsystem. Dann hätte man bei einem nächsten Mal ein paar Minuten Zeit, um das Wichtigste zusammenzutragen. Und die richtigen Schuhe anzuziehen. Das haben wir gelernt: Im Ernstfall nie Regenstiefel anziehen. Die füllt es und im schlimmsten Fall reissen sie dich mit.»

Anicia Kohler: Wenn der Berg kommt. Geschichten vom Weiterleben. Aris Verlag, Embrach 2026. Fr. 29.90. www.wennderbergkommt.ch

Wenn der Berg kommt: Musikalische Buchvernissagen:
am Donnerstag, 24. September 2026, 19 Uhr; im ALPS in Bern; https://alps.museum/veranstaltungen/wenn-der-berg-kommt
am Freitag, 25. September 2026, 19.30; im ZAP in Brig.

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