Schriften und Ausstellungen zum Tourismus in den Bergen. Worauf warten wir noch?
«La montagne continue à être vue comme un problème, alors qu’elle est une opportunité.»
Sagt Giacomo Lombardo, 83 Jahre alt, Bürgermeister des Dorfes Ostana im oberen Valle Po in den Alpen des Piemonts. Und er gibt auch gleich die Rezepte weiter, wie es ihm gelang, das Dorf vor dem Aussterben zu retten. Eines von ihnen ist als Zitat hervorgehoben: «Ici, il y a un moment important, c’est celui du pastis que l’on boit avant le déjeuner. A Ostana, il ne restait même plus un bar pour partager ça, c’était essentiel de recréer des lieux pour que les gens se rencontrent.» Das ganze Gespräch, das die freie Journalistin Sandy Plas mit Giacomo Lombardo führt, ist zu lesen in der Ausgabe Juli/Dezember der Halbjahreszeitschrift «So Good. Pour un monde moins pire»; im Untertitel steht «écologie – féminisme – solidarité – société». Auf dem Titelbild hängt der Cervino kopfüber, darunter stehen diese Schlagzeilen: «La montagne fait sa révolution. 164 pages d’histoires renversantes. Un monde sans ski – Tinder surprise au sommet – La neige, un truc de Blancs ? – Un village italien ressuscité». Sehr lesenswert ebenfalls das Interview mit Fiona Mille, Präsidentin von Mountain Wilderness France; auch hier wieder ein im Text hervorgehobenes Zitat: «À Plateau-des-Petites-Roches, la mairie à racheté des parcelles agricoles pour permettre de développer une agriculture biologique en plus de l’élevage: On ne peut pas passer toute sa vie à manger du reblochon.» Greyerzer vielleicht auch nicht… Apropos Gruyère: Die Tinder-Gipfel-Geschichte spielt in den Freiburger Alpen – aufpassen also, was dort im Gipfelbuch steht bzw. was notiert wird.
Zarte Bande in den Bergen entstehen ebenfalls im Roman «Hotel Sardona». Martin Oesch und Ralph Weibel erzählen die Geschichte eines verfallenden Hotels im Calfeisental im St. Galler Oberland. Drei zerstrittene Geschwister erben das Gebäude, natürlich geht das nicht gut, den Menschen mit Migrationshintergrund, die dort ein Dach überm Kopf gefunden haben, auch nicht. Und da sind noch die Behörden und die Denkmalpflege, die mitreden wollen und müssen, wie das Hotel restauriert werden könnte. «Kann aus den Trümmern der Vergangenheit eine gemeinsame Zukunft entstehen?» Diese Frage liest man auf dem Klappentext. Ich könnte sie beantworten, finde jedoch: selber lesen. Besser noch: hinfahren. Das Postauto vom Bahnhof Bad Ragaz fährt bis zur Endstation Staudamm Gigerwald etwas oberhalb der Haltestelle Restaurant Gigerwald. Dann geht oder ginge es zu Fuss auf der Strasse dem See entlang in einer guten Stunde zum Berghotel St. Martin oder noch gleich weiter in die Sardonahütte SAC.
Der 1863 gegründete Schweizer Alpen-Club hat zu Recht einen Auftritt in der Ausstellung «Tourismus. Reiseziel Schweiz» im Forum Schweizer Geschichte in Schwyz. Wie wurde die Schweiz vom Zwischenhalt adeliger Bildungsreisender zum Sehnsuchtsort, Ferienklassiker und Selfie-Hotspot? Die Ausstellung nimmt die Besucherinnen und Besucher mit auf eine Reise durch die Geschichte des Schweizer Tourismus. Sie zeigt relevante Entwicklungen, die das Reiseland Schweiz geprägt haben, und stellt zugleich die Frage, wohin die Reise künftig geht. Dabei wird deutlich, dass Tourismus weit mehr ist als Erholung. Er ist Wirtschaftsfaktor, Sehnsuchtsmaschine und Spiegel aktueller Debatten über Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Klimawandel. Eine starke Ausstellung, mit clever ausgewählten Zeugnissen und Installationen. Das mittlerweile berühmte Drehkreuz am Steg in Iseltwald steht bereit, wahlweise mit dem Brienzersee oder dem Matterhorn als Hintergrund. Klar, um den Berg der Berge kommt keine Ausstellung zum helvetischen Tourismus herum. Einmal mehr wird aber fälschlicherweise dies behauptet: «Ab dem 19. Jahrhundert erobern britische Alpinisten die Schweizer Gipfel.» Denn: Bis 1800 wurden 24 Schweizer Gipfel erstmals bestiegen, darunter so grosse wie Titlis und Rheinwaldhorn. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kamen weitere 114 Gipfel dazu, die von Schweizer Alpinisten «erobert» wurden, darunter acht Viertausender wie Jungfrau und Piz Bernina; nur bei vier dieser 114 Erstbesteigungen waren Engländer beteiligt. Das Matterhorn gibt es selbstverständlich auch als Souvenir, leider nur in der Ausstellung und nicht im Shop: Die roten Finken mit dem schwarzweissen Foto und der ausgedruckten Schrift «Original Swiss» hätte ich natürlich sofort gekauft, auch wenn der Berg ebenso original italian ist…
Apropos Souvenir: Wer die Ausstellung «Souvenir. Selfies, Kitsch und Gipfelsteine» im ALPS in Bern noch nicht gesehen hat, sollte dies unbedingt nachholen: https://bergliteratur.ch/everest-lhotse-1956-2026/ Dort findet man Souvenirs, wie man sie noch nie gesehen hat. Sogar bezüglich des Matterhorns.
La montagne fait sa révolution. So Good. Pour un monde moins pire. Juillet/Décembre 2026. € 14,90. www.sogoodstories.com
Martin Oesch, Ralph Weibel: Hotel Sardona. Roman in den Schweizer Alpen. Gmeiner Verlag, Meßkirch 2026. € 16,00.
Forum Schweizer Geschichte Schwyz: Tourismus. Reiseziel Schweiz. Bis 2. Mai 2027. https://www.forumschwyz.ch/tourismus
ALPS: Souvenir. Selfies, Kitsch und Gipfelsteine. Bis Januar 2028. https://alps.museum/ausstellungen/souvenir



