Wo bist du, Vreneli?

Was habe ich nach ihm gesucht, dort oben auf dem Gletscher und Richtung Schwändigrat. Sogar auf dem Pflanzblätz habe ich nach ihm Ausschau gehalten. Aber nirgends war es zu sichten, das Vreneli. Nur sein Chessi haben wir gefunden; aufgestülpt auf dem Gipfelkreuz.
© Annette Frommherz

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Du hast damals ein Gärtli anlegen wollen, sagt man. Dort oben auf diesem Rechteck, wo nichts gedeiht ausser dem Gefühl von Freiheit. Ich stelle mir vor, wie du mit deinen kurzen Beinen durch den hohen Schnee gestapft bist, mutig, tapfer, immer weiter. Niemerten hast du gesagt, wo du hinwolltest.

Dein Ziel, dort oben dein Gärtli zu haben, ist böse bestraft worden. Es habe heftig zu schneien begonnen, sagt man, und auch dein Chessi, das du zum Schutze über dich gestülpt hattest, hät dir nüüt ghulfe. Du seist samt dem Chessi eingeschneit worden und seitdem da oben geblieben. Keiner weiss genau, wieso du dir nicht im Tal unten einen Pflanzblätz gesucht hast. War es dir deet zu eng?

Wir sind zwäg und bei hellendem Tag flott Richtung Glärnisch gezogen. Mein Begleiter, liesse man ihn, würde ein noch gschnälleres Tempo anzetteln, aber ich lasse es nicht zu. Umesuscht schaue ich jetzt auf dem Firn nach links zum Ruchen hinauf, dann nach rechts Richtung Bächistock. Hier müsstest du mit deinem Chessi auch hinaufgetrottet sein, inmitten dieser zwei Glärnischgipfel. Ein bitz gschwinder als die vorangegangenen Seilschaften sind wir schliesslich nach dem langgezogenen Glärnischfirn obe angekommen, von wo aus wir über den Schwändigrat zu deinem Blätz gelangen wollen. Sonnenstrahlen lassen den Schnee wie Diamanten glitzern, und mir ist, als sähst du es auch.

Mein Vater hat dich schon vor vierzig Jahren da oben gesucht. Auch er ist nicht fündig geworden, hat dafür geschwärmt von der Rundsicht. Siither wollte er nur noch da wohnen, von wo aus man dein Gärtli sieht.

Ein bisschen zablig macht es mich schon, auf dem Grat zu laufen. Ich weiss, dass es links zweitausend Meter bis zum Klöntalersee hinabfällt und rechts sich unten das Glarnerland durch das Tal schlängelt. Mich tschuderets. Ich schaue nur auf den sulzigen Schnee. Mäntsche sind ein komisches Volk. Sie können fahren und fliegen, aber sie steigen auf Berge mit eigeten Kräften, als wollten sie sich etwas beweisen. Ich gehöre auch dazu. Schon mängsmal habe ich mir die Frage gestellt, weshalb ich das tue und nicht daheim gemütlich auf dem Schemeli hocke. Gründe daadäfür gibt es so viele wie Bergsteiger. Nach zweien Schnäfel Brot und Chäs sind wir wieder über den Grat, da ging es schon flotter am kurzen Seil.

Vater hat uns nachher seinen Film zeiget, den er damals auf dem Berg gedreht hat. Rote, handglismete Socken hatten sie an und karierte Hemper. Ein Seil. Schwere Bickel. Alte Bergschuhe, die Vater auch in der Gärtnerei getragen hatte. Lueg, sagt er und streckt seinen Finger nach der alten Leinwand, da obe ischs mir nöme ghüür gsi. Mir auch nicht. Der Film rattert und das Bild zittert, und wir beide wissen, wovon wir reden.

Bigoscht, es hat sich gelohnt, da oben zu sein. Aber dich, Vreneli, so truurig das ischt, dich habe ich nicht gefunden.
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