Xavier Mertz, verschollen in der Antarktis

Wir sind einfach zu spät geboren. Aber zum Glück gibt es Bücher, die von einer Zeit erzählen, als Abenteuer noch Abenteuer waren, ohne Hubschrauber und Facebook und GPS. Verschollen in der Antarktis. Allein schon der Titel klingt dramatisch und hinreissend.

„Neujahr! 5 Uhr nachmittags nach 5 Meilen bereits in den Schlafsäcken, kein Reisewetter. Licht unglaublich schlecht, Himmel bewölkt, deshalb kamen wir nicht weit. Besseres Wetter abwarten ist besser. Das Hundefleisch scheint mir nicht ganz zu bekommen, denn gestern war ich etwas flau.“

Der letzte Eintrag von Xavier Mertz in seinem Expeditionstagebuch. Im März 1911 hatte sich der in Basel geborene Jurist, Alpinist und Skifahrer (1908 Schweizer Meister im Skisprung) bei Douglas Mawson erfolgreich für die Teilnahme an der australischen Antarktisexpedition beworben. Am 28. Juli 1911 segelte die „Aurora“ in London ab, am 8. März 1912 betrat Mertz als erster Schweizer den antarktischen Kontinent bei Cape Denison in der Commonwealth Bay. Also dort, wo bis gestern mehrere Schiffe im Eis festsassen – das russische Forschungsschiff ist auf den Spuren von Mawson unterwegs. Für die heutigen Südpolfahrer sind die garstigen Verhältnisse nur halb so schlimm, aber damals muss es schlicht die Hölle gewesen sein. Denn Cape Denison, wo die „Aurora“ endlich unweit des Festlandes ankern konnte, gilt als einer der windigsten Orte der Welt. Das Jahresmittel, welches die Expedition Mawson mass, ergab fast 80 km/h. Das heisst Sturm, täglich. Und wenn mal nicht, dafür am nächsten Tag, in der nächsten Stunde ein Orkan. Deshalb lautet der offizielle Expeditionsbericht von 1915 „The Home of the Blizzard“.

An diesem eher ungemütlichen Ort, um es mal mit Mertzschem Understatement zu sagen, zimmerten Mawsons Crew nach der Landung eine Bleibe für die nächsten Monate, ja Jahre. Die 18-köpfige Mannschaft im Basislager bestand aus Wissenschaftlern und Praktikern, die alle den stürmischen Bedingungen zu trotzen hatten. Mertz betätigte sich als Fotograf neben seiner offiziellen Aufgabe als Hundebetreuer und Skifachmann. Am 10. November 1912 brachen Mawson, Mertz und der Engländer Belgrave Ninnis, mit dem sich Mertz angefreundet hatte, zu einer Schlittenexpedition auf, um das Adelie Land zu erforschen. Am Freitag, dem 13. Dezember, stürzte Ninnis in eine Gletscherspalte, samt dem Schlitten mit fast allen Essensvorräten, 507 km von Cape Denison entfernt. Die beiden Überlebenden mussten so schnell wie möglich zurück. Und sie mussten ihre treuen Schlittenhunde töten und essen, einer nach dem andern. Das vertrug der ausdauernde, abgehärtete, zähe Mertz nicht, weder physisch noch psychisch. Am 30. Dezember 1912 notierte er im Tagebuch: „Bin ordentlich müde, schreibe nicht mehr.“ Am frühen Morgen des 8. Januars starb er in seinem Schlafsack an Erschöpfung, 160 km von der Basisstation entfernt. Ungefähr dort, wo sich der 68. Grad südlicher Breite mit dem 145. östlicher Länge kreuzen, auf der Eishochfläche, von denen zwei Gletscherzungen ins Packeis hinabfliessen, der Ninnis Glacier und der Mertz Glacier. „Mertz ist auch an seinem gebrochenen Herzen gestorben“, meint Jost Auf der Maur in der schlicht grossartigen, doppelbändigen Publikation „Xavier Mertz, verschollen in der Antarktis“, die Ende November 2013 herauskam. Und fügt an, dass Mawson nicht überlebt hätte, wenn sein Skilehrer und Hundeführer nicht gestorben wäre: „Für zwei hätte die Nahrung nicht gereicht.“

Basierend auf dem Tagebuch von Xavier Mertz beschreibt Jost Auf der Maur in einer packenden Reportage die Reise von Mertz und seinen Expeditionskameraden, eiskalt im Detail und voller Wärme zugleich für seine(n) Helden und die Zeit vor 100 Jahren. Schwarz-weisse Aufnahmen von ihm, dem Expeditionsfotografen Frank Hurley und andern zeigen diese strapaziöse Reise ans südliche Ende der Welt, kommentiert von Martin Riggenbach. Auf der letzten der doppelseitigen Fotos ist Mawson, Ninnis und zuvorderst Mertz mit ihren Schlitten und Hunden zu sehen, wie sie am 17. November 1912 ostwärts ins antarktische Neuland aufbrechen, verloren in der weissen Unendlichkeit. Aufgenommen hatte das Bild ein Mitglied der Mannschaft, die südwärts ins Unbekannte loszog. Am Abend schrieb Mertz in sein Tagebuch: „Etliche Zeit fuhren wir zusammen, zwei Mal kochten wir Thee, dann folgte das letzte Lebewohl.“

Jost Auf der Maur, Martin Riggenbach: Xavier Mertz, verschollen in der Antarktis. Band 1: Das Tagebuch; Band 2: Die Bilder von Frank Hurley, Xavier Mertz und anderen. Zwei Bände im Schuber, zusammen 352 Seiten, dazu eine zweiteilige Karte. Echtzeit Verlag, Basel 2013, Fr. 58.-

Xavier Mertz, verschollen in der Antarktis. Fotografien eines Abenteuers. Ausstellung im Naturhistorischen Museum Basel; bis 30. März 2014, www.nmb.bs.ch.

Ein Kommentar to “Xavier Mertz, verschollen in der Antarktis”

  1. Oswald sagt:

    Lieber Daniel,

    da hast du ein wirklich grossartiges Buch ausgesucht, besitze den Original-Doppelband von Mawson seit mehr als 20 Jahren und habe mich immer über diesen Mertz gewundert. Und nun ist er da in Fleisch und Blut, eingefroren samt den Hunden.

    Gratulation an Jost Auf der Maur, von dem ich nun ein Hundekochbuch samt Köchinnen (aus Patagonien oder Punta Arenas, wo es die weltweit grösste Dichte von Cat Houses hat (persönliche Auskunft Ann Kershaw)) sehnlichst erwarte. Mach doch eine Weiterleitung an Jost ADM, habe seine Adresse nicht.

    Allen einen schönen Abend, mit was immer für Fleisch am 112. Todestag!

    Oswald

Kommentar abgeben