Balanceakt hoch über dem Tessin

Im Alter wird Gleichgewicht zum Problem. Sei es am Berg oder auf dem Parkett. Trainingstour für eine Tangotänzerin, 70 Jahre minus 1 Tag alt.

Unser Führer hat seinen Rucksack vergessen. Auch das kommt vor im Alter – oder auch bei Jüngeren. So gibt’s auf der Cima di Sassello genau einen Viertel Salami und einen halben Apfel pro Person, das feine Tessinerbrot gibt’s dann zum Znacht. Nun ja, nach zwei Stunden Aufstieg bei mässiger Hitze genügt das auch für vier sportliche Oldies.

Nun aber folgt das Glanzstück der Tour. Die «Polenmauer», die sich über den Grat gegen die Forcarella hinzieht, einen guten Kilometer lang. Aus tonnenschweren trockenen Gneisplatten gefügt, die schwersten zuoberst, beidseits die Mauer überragend. Wo man diese Brocken hergeholt hat und wie auf die anderthalb Meter hohe Mauer hinaufbefördert, das können wir uns nur schwer vorstellen. Während wir über die Mauer balancieren, Fuss vor Fuss, denken wir an den Bau der Pyramiden oder der Chinesischen Mauer. Stellen uns ein Heer von Sklaven vor, das hier ameisengleich mit Flaschenzügen und Stemmeisen monatelang geschuftet hat, bei Hitze, Kälte, Regen und Sturm. Bewacht und angetrieben von Aufsehern.

Es waren keine Sklaven, sondern internierte polnische Soldaten. Gestrandet auf der Insel Schweiz während des Zweiten Weltkriegs. Sie bauten Strassen (450 Kilometer, unter anderem am Sustenpass), bauten oder renovierten Brücken, rodeten Alpen (zum Beispiel Meerenalp), leisteten auch sonst viel Nützliches. Welchem Nutzen allerdings dieses gewaltige Bauwerk gedient haben könnte, bleibt schleierhaft. Schutzzaun gegen Geissen oder Waldbrände? Zu beidem taugt sie wohl kaum. Vielleicht einfach Arbeitstherapie für Heimwehkranke Fremde, die man in die Einsamkeit der Tessiner Berge verbannt hatte. Alles wäre noch Gegenstand vertiefter Forschung.

Leider ist das spektakuläre Bauwerk da und dort schon am Zerfallen, wer es pflegt ist unklar. Es fehlt auch ein schlichtes Gedenktäfelchen. Das bombastische Gipfelkreuz auf dem Sassariente dient wohl anderem Zweck. Obwohl: die Polen waren ja mehrheitlich katholisch wie die Einheimischen. Unser Führer findet, die Tour sei eine der schönsten kleinen Wanderungen im Tessin. Ein Balanceakt über ein historisches Bauwerk. Manchmal ziehen wir es vor, neben der Mauer zu wandern, doch die meiste Strecke schaffen wir in luftiger Balance, manchmal mit den Händen stützend oder gar rückwärts, wenn es steil wird. Doch der Gleichgewichtstest ist bestanden, wir haben es geschafft. Ob hier schon mal jemand hinuntergefallen ist?

Zum Abschluss geht’s mit Ketten und über Stufen hinauf auf die Spitze des Sassariente, ein kleines Matterhorn mit weiter Aussicht übers Tessin und bis zum Monte-Rosa-Massiv. Dazu nochmals einen Viertel Salametti und einen halben Apfel. Das muss reichen für den steilen und ruppigen Abstieg bis ins nächsten Grotto.

Ein Kommentar to “Balanceakt hoch über dem Tessin”

  1. Heini sagt:

    Ja, das Alter und das Kurzzeitgedächtnis: Der «Führer» hat schon zweimal den Rucksack zu Hause vergessen; vor der Felswand nach dem Anseilen: wo sind die Kletterschuhe, natürlich zu Hause, wollte ja noch eine defekte Naht nachnähen; im Auto nach fünf Minuten Fahrt: habe ich die Haustüre geschlossen? Früher machten wir bei eingeschränktem Proviant beim unvermeidlichen Hungerast schlapp, heute funktioniert der Energiehaushalt im Körper ausgeglichener. Die Salamirädchen und Apfelstücke haben auch ohne Val Maggia-Brot und Nostrano-Tomaten geschmeckt. Und das Langzeitgedächtnis funktioniert im Alter immer besser. Keine Karte, kein GPS? Kein Problem. Die Route ist eingeprägt, als hätten wir sie erst gestern und nicht schon vor Jahren letztmals begangen. Jede Wegverzweigung, jeder Griff und Tritt, um bei heiklen Stellen die Mauer zu verlassen sind im biologischen Speicher verankert. Und die Geldbörse sitzt natürlich in der Hosentasche und nicht im Rucksack. So fand die Tour bei Bier, Kaffee und Apfelkuchen im Grotto auch kulinarisch noch ein schönes Ende.

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