Berge lesen, mit Christoph und Alena

Seit 2003 gibt es den Uno-Welttag der Berge. Motto in diesem Jahr: Berge lesen. Das machen wir ja wöchentlich. Heute aber erst recht.

11. Dezember 2018

„Weshalb wir eigentlich heraufgeklettert waren, weiss ich nicht.“

Ein Geständnis? Eine Koketterie? Ein sprachlicher Misstritt? Jedenfalls ein Satz so auffällig wie ein erratischer Block auf grüner Matte, erst recht in einem Bergbuch aus dem Goldenen Zeitalter des Alpinismus, das die Schönheit der Berge und des Bergsteigens beschreibt und besingt. Zugegeben: Der Autor relativiert sein Nichtwissen gleich in den folgenden Sätzen: „Freunden von Kletterpartieen ist sie zu empfehlen, andre mögen sie besser bei Seite liegen lassen. Ohnehin wird sich nur ein schwindelfreier Kopf sich auf ihr wohlfühlen.“ Auf ihr? Ja, auf der obersten, schmalen Spitze des Hangendgletscherhorns (3292 m) in den östlichen Berner Alpen, auf die am 15. August 1863 diese Personen hinaufgeklettert waren: Christoph Aeby, Professor für Anatomie und Anthropologie in Bern, Rudolf Gerwer, Pfarrer in Grindelwald, die Bergführer Peter Michel und Peter Inaebnit aus Grindelwald sowie ein leider nicht namentlich genannter Hirte von der Urnenalp, also von dort, wo seit 1895 die Gaulihütte SAC steht. Dieser führte das Quartett auf seinen Hausberg. Die vier Alpinisten umrundeten vom 12. bis 16. August erstmals die ganze Wetterhorn-Gruppe, mit Start und Ziel in Grindelwald. Aeby verfassten den Bericht für das Buch „Das Hochgebirge von Grindelwald. Naturbilder aus der Schweizerischen Alpenwelt“. Es liest sich so frisch, als wäre es gestern erschienen und nicht 1865 im Verlag von Karl Baedeker in Koblenz.

Erst recht heute, am Internationalen Tag der Berge, mit dem Motto „Berge lesen“. Das machen wir doch gleich mit Christoph Aeby, und zwar beim Aufstieg über den Oberen Grindelwaldgletscher zum Lauteraarsattel: „Mit unendlichem Behagen schritten wir über diesen prachtvollen Teppich, der vom Fusse der Wetterhörner und des Berglistockes bis hoch an die dunkeln Flanken der Schreckhörner sich ausbreitete. Da haftete kein Flecken, kein hässlicher Moränenschutt, und mit funkelndem Glanze wurde das Sonnenlicht wie von unzähligen Brillanten zurückgeworfen. Ringsum aber starrten die hohen Zinnen und Spitzen in wechselnden kühnen Formen und gaben ein Bild voll Pracht und Majestät, wie der sie nicht zu ahnen vermag, der unsre Gebirgswelt nur auf bequemen Touristenwegen zu begehen pflegt. Was ist Anstrengung und selbst Gefahr gegen solchen Genuss!“

Klasse, nicht wahr? Vor allem der letzte Satz: Da fragt sich der Autor nicht, warum er Berge besteigt. Anstrengung, Gefahr und Genuss bilden sozusagen eine Seilschaft. An die wir uns einbinden können, als Touristen und Leser. Berge lesen, eben. Davon schreibt Alena Stauffacher in ihrer 2016 eingereichten Masterarbeit an der Uni Bern: „Literarische Berggänger. Bergwanderer und Bergsteiger in Schweizer Erzählungen des 20. und 21. Jahrhunderts“. Folgende Werke hat sie ausgewählt und untersucht: „Antwort aus der Stille“ von Max Frisch, „Die Furggel“ und „Drei Männer im Schnee“ von Meinrad Inglin, „LOS“ von Klaus Merz, „Niedergang“ von Roman Graf und – natürlich – „Bergfahrt“ von Ludwig Hohl. Dazu wurden weitere Werke beigezogen, wie „Es gibt kein Nachher“ von Alfred Graber, „Die Wand der Sila“ von Emil Zopfi oder „Ein grosses, weisses Auge“ von Franz Hohler. Anregende Bergliteratur, sowohl sekundär wie primär. In beiden finden wir Antworten, warum sie bzw. wir hinaufklettern.

Christoph Aeby, Edmund von Fellenberg, Rudolf Gerwer: Das Hochgebirge von Grindelwald. Naturbilder aus der Schweizerischen Alpenwelt. Verlag von Karl Baedeker, Koblenz 1865.

Alena Stauffacher: Literarische Berggänger. Bergwanderer und Bergsteiger in Schweizer Erzählungen des 20. und 21. Jahrhunderts. Masterarbeit am Institut für Germanistik der Uni Bern, 2016.

«O Switzerland!»

Eine wunderbare Zusammenstellung von ganz verschiedenen Personen aus verschiedenen Zeiten, die die Schweiz bereist haben. Dabei stehen die Berge natürlich ganz oben. Wie am 11.12.18 auch.

4. Dezember 2018

„Ich sage: Es macht mir Freude, auf einem Gipfel oder auf halber Höhe eines Berges zu stehen, und es ist für mich ein Vergnügen, zu klettern, selbst wenn niemand sonst klettern würde und nie ein Mensch davon etwas zu sehen oder zu hören bekäme. Und ich bekomme zur Antwort: Das glauben wir nicht! Da hört natürlich jeder Versuch der Verständigung auf. Es ist so, als ob ich äuβerte, daβ ich gerne Oliven esse, und jemand versichert mir: Das tust du nur, weil du es für vornehm hältst. Meine Antwort würde ganz einfach die sein, weiter Oliven zu essen, und ich hoffe, die Antwort der Bergsteiger wird sein, daβ sie weiter Berge besteigen.“

Der Mann, der diesen frechen Vergleich zwischen Berge besteigen und Oliven essen zog, ging gerne auf die Berge. Vor allem in der Schweiz. Und wenn möglich als erster. Was ihm auch bestens gelang im Goldenen Zeitalter des Alpinismus von 1855 bis 1865. Der Engländer Leslie Stephen (1842–1904), Nicht-Bergsteigern bekannt als Vater von Virginia Woolf, stand als Erster auf Bietschhorn, Rimpfischhorn, Alphubel, Blüemlisalphorn, Schreckhorn, Monte Disgrazia und Zinalrothorn. Er veröffentlichte 1871 ein Buch, dessen Titel zum Programm für bergsportliche Aktivitäten in den Alpen wurde: „The Playground of Europe“. Das Werk wurde immer wieder neu und verändert aufgelegt, in mehrere Sprachen übersetzt, im Deutschen gleich in zwei verschiedenen Versionen; hier zitiert aus der Übersetzung von Henry Hoek von 1942.

Mehrere Textauszüge aus Stephens Klassiker finden sich in einem neuen Buch, das aus solchen besteht: „«O Switzerland!» Reiseberichte von 57 v. Chr. bis heute“. Ashley Curtis, 1959 in Kalifornien geboren und seit 2013 Schweizer mit Wohnsitz im Berner Oberland und den Walliser Alpen, hat die so vielfältige wie überraschende Zusammenstellung besorgt. Tolkien und Tolstoi, Petrarca und Prince, Julius Caesar und Arthur Conan Doyle, Eliza Cole und Elizabeth Robins Pennel und viele mehr schreiben über Geld und Kriege, Armut und Berge, Feste und Gefängnisse, Wölfe und Flöhe. «O Switzerland!» versammelt über 450 Berichte von über 200 Reisenden aus vielen verschiedenen Ländern, klug und humorvoll geordnet in 20 Kapiteln, illustriert mit schwarz-weissen Abbildungen sowie versehen mit Kurzbiografien der Autoren und Autorinnen.

Das letzte Kapitel ist dem Alpinismus gewidmet. Und da werden nicht nur Befürworter des Bergsteigens zitiert, wie Leslie Stephen oder Janet Adam Smith (1905–1999), schottische Schriftstellerin und Vizepräsidentin des Alpine Club: „Hier, auf dem höchsten Punkt des Monte Rosa, überfiel mich erneut der Freudentaumel, der einer der Gründe ist, warum wir bergsteigen.“ Auf der gegenüberliegenden Seite kommt Charles Dickens (1812–1870) zu Wort, der das Bergsteigen offenbar nicht ganz begriff und der über den internationalen Tag der Berge am 11. Dezember wohl nur den Kopf schüttelte:

„Das Erklimmen solcher Höhen wie Schreckhorn, Eiger und Mönch trug so viel zum Fortschritt der Wissenschaft bei, wie es ein Club junger Herren täte, die auf alle Wetterhähne auf allen Kirchturmspitzen im Vereinigten Königreich steigen würden.“

Ashley Curtis (Hrsg.): «O Switzerland!» Reiseberichte von 57 v. Chr. bis heute. Bergli Books, Basel 2018, Fr. 29.80, www.bergli.ch. Auch in Englisch erhältlich: “O Switzerland!” Travelers’ Accounts, 57 BCE to the Present.

Am Dienstag, 11. Dezember 2018, wird der internationale Tag der Berge gefeiert. Auf zwei Veranstaltungen sei besonders hingewiesen:

«Holz im Kopf» im Alpinen Museum. Gemeinsam mit Cipra, Mountain Wilderness, dem Schweizer Alpen-Club und der Swiss Academy of Arts and Sciences führt das Alpine Museum in Bern eine besondere Veranstaltung durch. Im Pecha Kucha-Format erzählen acht Menschen von ihrer Beziehung zum Bergholz. Pecha was? Das ist eine rasante Präsentationsform mit klaren Regeln: Die Vortragenden präsentieren 20 Bilder, und jedes wird genau 20 Sekunden gezeigt. Für jede Präsentation stehen also exakt 6 Minuten und 40 Sekunden zur Verfügung.
18.30 Uhr Apéro riche im Restaurant las alps, offeriert von Coop Pro Montagna und dem Bundesamt für Raumentwicklung; 19.30 Uhr der Beginn Pecha Kucha «Holz im Kopf»; für die Zwischentöne sorgt der Perkussionist Prosper NKouri. www.alpinesmuseum.ch

«Von Meyer zu Heckmair, von Studer zu Steck». Zum Bergsport im Berner Oberland – in der Zentralbibliothek Zürich. Hätten die Bergsteiger den Pickel nicht zuweilen gegen den Stift ausgetauscht, hätte das Bergsteigen kaum diese grosse touristische Wirkung entfaltet. Mit bergsportlichen Büchern im Kopf und Rucksack kamen immer Alpinisten und Touristen ins Berner Oberland. Anhand von besonderen Publikationen – vom Bericht über die Erstbesteigung der Jungfrau 1811 über Leslie Stephens „The Playground of Europe“ bis zu Ueli Stecks erstem Buch „Solo“ – zeigt Daniel Anker vorlesend, wie sich der Bergsport rund um Eigernordwand, Chuenisbärgli und Blüemlisalp entwickelt und etabliert hat.
18 Uhr im Hermann Escher-Saal in der Zentralbibliothek Zürich am Zähringerplatz 6. Im Anschluss an die Lesung gibt es einen Apero. www.facebook.com/Zentralbibliothek.Zuerich/videos/289996948298103

Bergblick aus Ferienhäusern und Hütten

Ein Bildband und ein Führer stellen besondere Unterkünfte vor, vom vordersten Hang im Tessin bis zum Ende der Welt. Hier und dort können wir ruhig überweihnachten.

29. November 2018

DIESE UNTERKUNFT IST NICHT FÜR JEDEN GEEIGNET … aber für Liebhaber der Berge, die die Stille lieben und auf «Luxus» verzichten können. Angesichts der Lage wird um einen Aufenthalt von mehr als 2/3 Nächten gebeten.

Heisst es beim Ferienhaus Da Velio auf https://albergodiffusopaluzza.it. Das Albergo Diffuso La Marmotte in Paluzza, einem Dorf im nördlichen Teil der italienischen Region Friaul – Julisch Venetien, bietet seinen Gästen 22 Apartments und Häuser an, verstreut über die ganze Gemeinde. Das Haus Da Velio liegt in Faas, 11 km vom Zentrum von Paluzza entfernt, auf 1300 Meter über dem Mittelmeer. Es hat Platz für zwei Personen und bildet, so heisst es auf der Website, „die perfekte Kombination zwischen Natur und Architektur mit einer atemberaubenden Aussicht“. Allerdings ist das zweistöckige Haus mit dem grossen Panoramafenster im Winter nur mit Schneeschuhen oder Tourenskis erreichbar – ein idealer Ort also, um dem Weihnachts- und Silvesterrummel zu entfliehen.

Mehr noch: Die Casa Da Velio hat es als „Scheune 2.0“ in den opulenten Bildband „Bergblick“ geschafft, der auf 248 Seiten und mit 221 Abbildungen 31 Ferienhäuser auf fünf Kontinenten ausführlich vorstellt. Es sind architektonisch besondere und einzigartig eingerichtete Häuser inmitten von meist unberührter Natur. 18 befinden sich in Europa, wobei je vier in Italien und Spanien sowie je zwei in Norwegen, Österreich und der Schweiz; 13 verstecken sich in der restlichen Welt. Im Anhang wird noch auf 18 weitere Domizile verwiesen, die auch eine eindrucksvolle Architektur und Lage bieten. Das Schöne ist: Diese Ferienhäuser kann man mieten, nicht immer ganz günstig, aber man gönnt sich ja sonst nichts. Und wenn man es vielleicht nicht nach Paluzza im Valle del But oder ins kalifornische Death Valley schafft, so gibt das Buch über die Ferienhäuser doch ein passendes Weihnachtsgeschenk her.

Wer nun die anstehenden Ferientage an einem besonderen und wohl eher zugänglichen Ort verbringen möchte, greife zur sechsten Auflage des Hüttenführers „Capanne e rifugi del Ticino e della Mesolcina“. Massimo Gabuzzi stellt auf 288 Seiten 77 grössere und 135 kleinere Unterkünfte vor, von den beiden Adulahütten am Dach des Tessins bis zum Rifugio Palazi im unteren Calancatal. Aber aufgepasst: Letzteres ist geschlossen, den Schlüssel muss man sich in der Gemeinde San Vittore besorgen (die Telefonnummer steht im Führer). Viele Hütten im Tessin und Misox sind architektonisch besonders, ob alt oder neu. Und etwas bieten sie garantiert: einen unvergesslichen Bergblick, zu jeder Jahres- und Tageszeit.

Sebastiaan Bedaux: Bergblick. Die spektakulärsten Ferienhäuser auf fünf Kontinenten. Sieveking Verlag, München 2018, € 44.-, www.sieveking-verlag.de

Massimo Gabuzzi: Capanne e rifugi del Ticino e della Mesolcina. Salvioni Edizioni, Bellinzona 2018, Fr. 36.-, www.salvioni.ch

Mountains by Robert Bösch

Robert Bösch hat mit seinen Fotobüchern zum Tourenskilauf, zum Bergsteigen und Klettern, zum Gleitschirmfliegen und Mountainbiken, ja einfach zum Thema Berg, immer gültige Massstäbe gesetzt. Das ist mit seinem jüngsten Werk nicht anders: Mountains – Bilder zwischen Kunst und Action.

21. November 2018

»Mountains« ist das Buch des Fotografen Robert Bösch.
»Mountains« ist nicht das Buch des Bergsteigers Robert Bösch.
Doch ohne den Bergsteiger hätte der Fotograf dieses Buch nicht realisieren können.

Mit diesen drei Zeilen leitet Röbi Bösch sein jüngstes Buch ein. Es heisst schlicht „Mountains“. Ein in jeder Hinsicht grosses und gewichtiges Werk. Schon nur in der Hand: 29,5 mal 37,5 Zentimeter gross, 3,8 Kilo schwer, 336 Seiten dick, Hardcover auf Leinenband – ein Prachtsband! Mit einer Einleitung vom Meister himself, mit einem Rückseitenlob von Reinhold Messner, mit je zweiseitigen Textbeiträgen von Melissa Arnot, Nina Caprez (stark ihr Bericht über die Route „Divine Providence“ am Mont Blanc!), Hanspeter Eisendle, Severin Häberling, Steve House, Robert Jasper, Beat Kammerlander, Ueli Kestenholz, Chrigel Maurer, Oswald Oelz, Harald Philipp und Babsi Zangerl. Nur einer fehlt: Ueli Steck. Mit ihm war Röbi unzählige Male unterwegs, ihn hat er wieder und wieder fotografiert, ihm ist „Mountains“ gewidmet. Und ihn sehen wir häufig auf den Fotos, so auch auf dem Titelbild.

In sieben Kapitel hat Robert Bösch sein Masterpiece unterteilt: Fels und Eis, Schnee, Luft, Wasser, Trail, Fels, Berge der Welt. Und hier sind nun die fotografischen Meisterwerke zu sehen, bekannte und noch mehr unbekannte, in Farbe und schwarzweiss, ein- und doppelseitig. Atem beraubend und Puls beschleunigend. Auf den Punkt gebracht. Das Essentielle all dieser Bergsportarten perfekt festgehalten. Und die Berge allein ebenfalls. Stimmig, vielfältig, überraschend. Auch die Familie kurvt durch den Tiefschnee: Ehefrau Corinna, die Söhne Cyrill und Andri. Und im letzten Kapitel sehen wir den Fotografen in der Yerupaja-Westwand in den peruanischen Anden, 1983, fotografiert von Roland Descloux.

Fünf Jahre später erschien Böschs erstes Buch: „Faszination Schnee. Traumhafte Skitouren zu weissen Gipfeln“. Ich stellte es vor im Skitouren-Tipp „Fast schnurgerade auf die Chrummenfadenflue“ in der Freizeit-Beilage der „Berner Zeitung“ vom 5. Januar 1989. Ausschnitt: „Die Fotos zeigen den Tourenskilauf in seiner ganzen Dimension, vom Aufstieg in sonnigen Flanken (dann zücken auch die Hobby-Fotografen die Kamera) bis zur Abfahrt im flockigen Pulverschnee (dann machen sie’s schon weniger), vom Kartenlesen im Schneegestöber bis zum Aufbruch vor der Hütte mitten in der Nacht (dann lassen sie es bleiben).“ Titel meiner ersten Besprechung eines Bildbandes von Robert Bösch: „Die Kamera blieb nicht im Rucksack.“

Robert Bösch: Mountains. National Geographic Verlag, München 2018, Fr. 125.- www.robertboesch.ch

Donnerstag, 22. November 2018, 18 – 21 Uhr: Ausstellungseröffnung und Buchvernissage „Mountains – Das Bild vom Berg“. Bildhalle, Stauffacherquai 56, 8004 Zürich, www.bildhalle.ch

Sonntag, 2. Dezember 2018, 17 Uhr: Vortrag von Robert Bösch zu seinem Buch „Mountains – Mein Leben zwischen Berg und Bild“. Saal Maienmatt, Alosenstrasse, 6315 Oberägeri, www.robertboesch.ch

Der Medaillen-Schneider

Schweizer Sport- und Skigeschichte hautnah: mit zwei Büchern über Goldmedaillen-Gewinner und mit einem Basar voller Berg- und Skibücher, Karten und Panoramen.

13. November 2018

„Ich dachte, ich müsste schneller skifahren und nicht einfach einen anderen Anzug anziehen.“

Sagt der Schweizer Abfahrtsolympiasieger und -weltmeister Bernhard Russi im Buch, darin es eben genau um das geht: Wie rundum passende Bekleidung Sportler schneller machen können. Und da ist ein anderer Schweizer ab 1972 allen davon gefahren: der 1932 geborene Hans Hess. Ob Ski alpin oder Skisprung, Eislauf oder Segeln, Rad- oder Motorradfahren: Für dreissig, insbesondere aerodynamische Sportarten hat der unermüdliche Tüftler die richtige Bekleidung hergestellt. Und richtig meinte meistens schneller, mit weniger Luftwiderstand. Die Presse feierte ihn als „Hexenmeister“, „Anzugprofessor“ oder „schnellsten Schneider der Welt“. Nun hat die Journalistin Ines Rütten ein spannendes, mehrschichtiges Buch über Hans Hess verfasst: die Biografie über einen Schneider, der (Schweizer) Sportgeschichte geschrieben hat.

Bernhard Russi ist nicht der einzige Sportler, der für „Der Medaillen-Schneider. Wie Hans Hess Athleten aus aller Welt zu Gold verhalf“ ein Interview gegeben hat. Weitere stammen von Marie-Theres Nadig und Walter Steiner, von den Crazy Canucks, den verückten kanadischen Skirennfahrern, vom Radrennfahrer Daniel Gisiger und vom Seitenwagenpilot Rolf Biland. Alle standen sie mehrmals zuoberst auf dem Podest, und das eben nicht nur wegen ihres Könnens, sondern auch dank des richtigen Anzugs aus dem Atelier von Hans Hess im thurgauischen Aadorf. Unvergesslich sind die Skiweltmeisterschaften 1987 von Crans-Montana, als die Schweiz acht von zehn Goldmedaillen gewann. Erika Hess, Vreni Schneider und Maria Walliser, Peter Müller und Pirmin Zurbriggen siegten in den hautengen, roten und mit gelben Streifen versetzten Anzügen. Ein Foto zeigt Hans Hess strahlend neben den ebenso strahlenden Athleten. Den vielleicht berühmtesten Dress entwarf der „Pionier im Bereich moderner Sportbekleidung“ (Wikipedia) ein paar Jahre später, nämlich den knallgelben Dress im Käse-Look; er war der letzte von ihm entwickelte Anzug vor Beendigung seiner Tätigkeit im Jahr 1994. Im Käse-Dress gewann Urs Lehmann, heute Präsident von Swiss-Ski, 1993 die Abfahrt der Ski-WM im japanischen Morioka. Lehmann schrieb natürlich das Vorwort zum Medaillen-Schneider.

Und zu einem zweiten Buch zur Schweizer Skigeschichte ebenfalls. In „Ski Alpin. Gold für die Schweiz“ porträtieren Initiant und Projektleiter Heinz Egli und Autor Lars Wyss die 47 Sieger an Weltmeisterschaften und Olympiaden. Und das rückblickend von den olympischen Winterspielen in Pyeongchang 2018 bis zur ersten Skiweltmeisterschaft überhaupt, die 1931 in Mürren stattfand, wo die Schweiz zweimal Gold gewann (Walter Prager in der Abfahrt, David Zogg im Slalom). Dabei sind die Porträts der Skirennfahrerinnen und Skirennfahrer von heute um einige Tore bzw. Seiten länger als diejenigen von vorgestern. Gerade von Madeleine Berthod (Jg. 1931) und von Renée Colliard (Jg. 1933), die an der Winterolympiade von Cortina d’Ampezzo 1956 Gold in der Abfahrt bzw. im Slalom holten, würde man aber gern ein bisschen mehr erfahren und sehen.

Buchmässig sind wir also bereit für die Skiwettkämpfe des kommenden Winters, ob im eng anliegenden Dress oder im weit geschnittenen Anorak spielt beim Blättern und Lesen keine grosse Rolle. Wenn der Schnee weiterhin nicht so richtig fallen will, so könnten wir uns auf die Piste nach weiteren (Ski)büchern machen, und zwar am nächsten Freitag und Samstag in der Zentralbibliothek Zürich. Dort hat der Schweizer Alpen-Club seine Bibliothek integriert. Um aber Platz für den ständig wachsenden Bergbücherberg zu schaffen, hat die Bibliothekskommission des SAC doppelte Exemplare ausgeschieden. Die rund 1000 Doubletten werden nun zu einem sehr bescheidenen Preis zum Kauf angeboten; manche werden gar gratis abgegeben. Wer also einen dieser ausgezeichneten Clubführer von Heinrich Dübi, Marcel Kurz oder Maurice Brandt mit vergessenen Routen und zahlreichen Literaturangaben konsultieren, wer eines der wunderbaren Panoramas, die einst den SAC-Jahrbüchern beilagen, aufklappen und an die Wand hängen möchte, sollte in die Zentralbibliothek nach Zürich stöckeln.

Ines Rütten: Der Medaillen-Schneider. Wie Hans Hess Athleten aus aller Welt zu Gold verhalf. AS Verlag 2018, Fr. 39.80.

Lars Wyss, Heinz Egli: Ski Alpin. Gold für die Schweiz. Die Sieger. Weber Verlag 2018, Fr. 49.-

Buchvernissage mit Hans Hess: Dienstag, 13. November, um 19 Uhr im Rotfarbkeller im Areal Rotfarb an der Hauptstrasse 47 im thurgauischen Aadorf.

Berg-Bücher-Basar: Freitag, 16. November 2018, 14-17 Uhr; Samstag, 17. November, 9-17 Uhr, im Seminarraum C der Zentralbibliothek Zürich am Zähringerplatz 6 in Zürich.

Interviwagt

Ich bleibe noch ein wenig

Zwei neue Bildbände zeigen das Gebirge auf neue Art. Da verweilt man gerne noch ein wenig oder länger.

8. November 2018

„Meine Gedanken kreisen wie ein Adler um den Berg, betrachten ihn aus verschiedenen Blickwinkeln und Distanzen, fokussieren Details und bestimmen schliesslich – dies dann eher aus dem Bauch heraus – Ziel und Motiv der Illustration.“

Schreibt die Illustratorin Esther Angst im Vorwort ihres heute erscheinenden Buches „Ich bleibe noch ein wenig. Illustrationen aus den Bergen“. Ein – ich sag’s gleich jetzt – grossartiges Buch: vielschichtig, geheimnisvoll, überraschend, tiefgründig. Schwarzweisse und farbige Zeichnungen, Aquarelle, Druckgrafiken, eine Illustration präziser und gleichzeitig stimmungsvoller als die andere, gekonnt in Szene und auf einer oder zwei Seiten gesetzt, strukturiert von kurzen Texten, in denen die Künstlerin über Nah und Fern erzählt, über ihre Glarner Berge und über die beiden Veloreisen bis in den Fernen Osten. Stark, ganz stark! Man schaut sich die Illustrationen an, immer wieder, und entdeckt Details, die man beim ersten Blick überblättert hat. Zum Beispiel bei der Druckgrafik „Linthschlucht mit neuem Weg“ im Kapitel „Am Wasser“: Wir blicken von oben in die tiefe Schlucht, an der einen senkrechten Schluchtwand verläuft ein Schwindel erregender Pfad, und plötzlich sehen wir den einsamen Wanderer mit Stock, der bald einen Spalt in der Wand auf zwei schmalen, sicher wackeligen Brettern überschreiten muss. Und dann – wir wandern mit den Augen weiter – ist der Pfad durch herabgestürzte Steine blockiert. Ob der Mensch da durchkommt – oder bleiben muss in der Schlucht, ein wenig oder für immer? Wir wissen es nicht. Gleich nebenan eine Reiseskizze aus Tadschikistan, die Schlucht des Panj, wieder ein Atem beraubender Weg, mit Einheimischen und teils schwer beladenen Tieren. Alltag im Gebirge, gekonnt festgehalten für Bergkünstler und Comicpoeten, Radbummler und Stubenhocker.

Ja, an diesem so ganz eigenen Bergbuch bleibt man gerne noch ein wenig. Das gilt auch für den ebenso druckfrischen Fotoband aus dem gleichen Verlag: „zwischensaison“ von Simon Walther. Die eine Zwischensaison, nämlich diejenige vor der Wintersaison, geht ja zur Zeit dem Ende entgegen; an Orten mit natürlichem und künstlichem Schnee kann Ski gefahren werden. Aber der nächste Frühling kommt bestimmt, und genau diese Zeit, wenn der Schnee schmilzt, die Lifte still stehen und die Fensterläden verriegelt sind, wenn die Pistenmarkierungen, Schneekanonen und Toilettenhäuschen zur Seite gestellt werden: Dann war Simon Walther mit seiner Kamera unterwegs und legt nun einen überzeugendes und gleichzeitig beklemmendes Bildband vor. Letzteres deshalb, weil wir dort und zu dem Zeitpunkt, als die Aufnahmen entstanden, lieber nicht noch ein wenig blieben, ja überhaupt nicht sein möchten. Aber: So sieht es dort oben eben aus – nach der Hauptsaison. Alltag im Gebirge, gekonnt festgehalten für Melancholiker und Wintervermeider, Skihasen und Touristen bzw. Touristiker.

Esther Angst: Ich bleibe noch ein wenig. Illustrationen aus den Bergen. AS Verlag, Zürich 2018, Fr. 48.-

Simon Walther: zwischensaison. Mit einem Vorwort von Markus Mäder. AS Verlag, Zürich 2018, Fr. 48.-

BergBuchBrig: Am Freitag, 8. November 2018, gibt es Veranstaltungen zu beiden Neuerscheinungen, um 15 Uhr mit Simon Walther und um 18.45 Uhr mit Esther Angst. Die Fotos von „zwischensaison“ werden in einer Sonderausstellung gezeigt.

Buchvernissage und Ausstellung von „Ich bleibe noch ein wenig“: Galerie feldegg93 in Zürich, 15. November bis 8. Dezember 2018; Vernissage am Donnerstag, 15. November, 18 Uhr; Lesung und Künstlergespräch am Samstag, 24. November, 15 Uhr; www.feldegg93.ch

Vernissage von „zwischensaison“: Am 29. November 2018 um 18 Uhr im Hotel „Säntis“ auf der Schwägalp.

Mit Frauen unterwegs

Drei druckfrische Bücher von Frauen erzählen vom Unterwegssein in neuen Gegenden, wobei das Ich mehr oder weniger Raum einnimmt.

2. November 2018

„Sechs Reisen nach Zentralasien hatten meine Neugier derart erregt, dass ich Nepal besuchen wollte, sobald es möglich wäre, und bevor die modernen Zeiten dieses unvergleichliche lebende Museum zuschanden machen würden.“

1951 öffnete sich Nepal der westlichen Welt, nachdem es über hundert Jahre lang von jeglichem fremden Einfluss abgeschnitten war. Eine der ersten Reisenden im Land mit den höchsten Bergen der Welt war die Schweizer Schriftstellerin und Sportlerin Ella Maillart (1903–1997). Die Reise nach Nepal wird ihre letzte grosse Forschungsexpedition, worüber sie 1955 in „The Land of the Sherpas“ berichtet. Die französische Ausgabe „Au pays des Sherpas“ erscheint erst 2017; die deutsche liegt nun in der von Peter von Matt herausgegebenen Kollektion bei Nagel & Kimche vor, mit einem Vorwort von Denis Bertholet, einem Nachwort von Felicitas Hoppe sowie mit Anmerkungen versehen von Pierre-François Mettan. „Im Landes der Sherpas“ ist ein Buch von 184 Seiten, mit 65 schwarzweissen Fotos von Ella Maillart, aufgeteilt nach Hochgebirge und Pilgerstätten.

Ein Bijou von einem Buch: tiefgehender Haupttext, kluge Begleittexte, Fotos von einem Land, das es so nicht mehr gibt. Aber auch das Vergleichsland, von dem aus sich Maillart in die unbekannte Ferne aufmachte, gibt es so nicht mehr. Sie verglich nämlich „das Leben der Sherpas mit dem der Alpenbewohner“, insbesondere mit demjenigen der Bewohner von Chandolin, einem der höchstgelegenen Dörfer der Schweiz auf knapp 2000 Metern, wo Maillart seit 1948 wohnte, wenn sie nicht gerade unterwegs war. Wie eben 1951 am Fusse des höchsten Gipfels der Welt. Von ihm schreibt sie: „Diesen Chomolungma haben wir nach einem Leiter der Vermessungsbehörde Everest getauft, der glücklicherweise ‚ewige Ruhe‘ bedeutet, was gewiss vielen anderen englischen Namen vorzuziehen ist.“

Everest! Der Traumberg. Für viele, ja wohl die meisten, bleibt er einer. Nicht für Bonita Norris. Im Mai 2010 stand sie als 22-jährige und damals jüngste Britin ganz oben. Das obligate Buch kam allerdings erst im letzten Jahr heraus: „The Girl Who Climbed Everest“. Das Mädchen erreichte 2011 den Nordpol, im gleichen Jahr den Ama Dablam und 2012 als erste Britin den Lhotse. Ausschnitt aus „Miss Everest“, wie ihr Buch auf Deutsch heisst: „Ich stapfte noch ein paar Schritte vorwärts, an andern Bergsteigern vorbei, die im Schnee saβen oder sich über ihre Rucksäcke beugten. Ich streckte eine Hand aus und legte sie auf den Scheitel des Gipfels. Höher ging es nicht. Dies war ein Zeichen des Respekts. Ein ‚Dankeschön‘ an den Berg, dass er mich seine Flanken hatte hinaufklettern lassen und mir nun diese wenigen kostbaren Augenblicke auf seiner Spitze schenkte. Diese letzten verbleibenden Zentimeter wären für immer das Sinnbild der unendlichen Geschichte zwischen mir und dem Everest.“

Von der Miss Everest zur Miss Alpen. Im Sommer und Herbst 2017 marschierte und reiste die Deutsche Ana Zirner, Jahrgang 1983, alleine und mit wechselnder Begleitung vom slowenischen Ljubljana bis ins französische Grenoble. In „Alpensolo“ erzählt sie von dieser Fussreise durch das vielbereiste Gebirge, schreibt vom Glück, unter dem Sternenhimmel zu biwakieren, berichtet von Begegnungen auf Wegen und Hütten, lässt uns teilhaben an den Freuden und Sorgen unterwegs. „Auf dem Piz Duleda nehme ich mir vor, den Rest des Tages gelassener anzugehen. Gegen meine Schmerzen kann ich im Moment sowieso nichts tun. Und gegen die Menschenmassen auch nichts. Die Berge gehören nicht mir, sie gehören nur sich selbst, und auch wenn mir diese Einsicht heute schwerfällt, will ich versuchen, mich für alle zu freuen, die die Möglichkeit haben, hier oben zu stehen.“

Ella Maillart: Im Land der Sherpas. Mit einem Nachwort von Felicitas Hoppe. Nagel & Kimche, München 2018, Fr. 35.-
Bonita Norris: Miss Everest. DuMont, Ostfildern 2018, Fr. 25.-
Ana Zirner: Alpensolo. Allein zu Fuβ von Ost nach West. Malik, München 2018, Fr. 30.-

BergBuchBrig, Donnerstag 8. November, 17 Uhr: Ella Maillart – Im Land der Sherpas; Lesung und Buchpräsentation mit Felicitas Hoppe. www.bergbuchbrig.ch
Bücher Pustet in Landshut, Donnerstag, 8. November, 19.30 Uhr: Ana Zirner präsentiert ihr Buch „Alpensolo“. www.landshuter-literaturtage.de

Schnee in den Abruzzen

Herbstferien in den Abruzzen. Und was nimmt man heim aus den Bergen und vom Strand? Bücher von glücklichen und unglücklichen Abenteuern im Winter.

26. Oktober 2018

„Speriamo di raggiungere Pietracamela. I piedi nelle medesime condizioni. Tempo pessimo.”

Was für ein trauriger, letzter Eintrag von Paolo Emilio Cichetti im Hüttenbuch des Rifugio Garibaldi vom 12. Februar 1929. Fast nicht mehr leserlich, weil mit der Faust geschrieben; die Finger abgefroren genauso wie die Füsse, seine und die des Gefährten Mario Cambi. Am Freitag, 8. Februar 1929, waren die zwei erfahrenen Alpinisten, Mitglieder der Sektion L’Aquila des Club Alpino Italiano, vom Dorf Assergi ob L’Aquila ins Rifugio Garibaldi im Gran Sasso-Gebirge aufgestiegen, bei sehr viel Schnee; die Hütte mehr oder weniger eingeschneit, auch drinnen, und es fehlte eine Schaufel. Missliche Verhältnisse also, und trotzdem versuchten die beiden Unentwegten anderntags die erste Winterbegehung des Südostgrates des Corno Piccolo (2655 m) über die Route Chiaraviglio-Berthelet. Allein der viele Schnee, die grässliche Kälte und die hereinbrechende Nacht verhinderten den vollen Erfolg. Immerhin fanden sie noch Zeit, mit dem Selbstauslöser ein Foto zu machen: Paolo schaut noch zuversichtlich drein, die Sonnenbrille locker in die Haare geschoben; Mario hingegen ist gezeichnet, ein Verband hängt über seinem linken Auge, gehalten von der Sonnenbrille.

Das Foto bildet das Titelbild eines reich illustrierten Buches, das ich am vorletzten Sonntag im Rifugio Duca degli Abruzzi nach der erfolgreichen Besteigung des Corno Grande (2912 m) fand, des höchsten Gipfels der Abruzzen und des ganzen Apennins überhaupt: „Febbraio 1929: L’ultima ascensione di Mario Cambi et Paolo Emilio Cichetti“ von Pasquale Iannetti. Es beginnt mit dem Eintrag von Paolo im Buch des Rifugio Garibaldi und legt dann die ganze Tragödie frei. Denn die zwei Winterbergsteiger sollten nie in Pietracamela ankommen: Paolo Emilio Cichetti wurde am 18. Februar drei Kilometer vom Dorf entfernt gefunden, Mario Cambi erst am 25. April, weiter weg tief unter dem Schnee. An beiden Fundorten wurde ein Grabmal errichtet. Am Corno Grande gibt es seither einen Torrione Cambi, am Corno Piccolo einen Torre Cichetti.

Das Buch geht aber über die letzte Tour der beiden Unglücklichen hinaus, deren Leben und Touren mit Text und Bild beschrieben sind. Pasquale Iannetti schildert die Zwischen- und die Kriegszeit im Gran Sasso d’Italia; Kletterer, Skifahrer und normale Touristen zogen ihre Runden, später dann Soldaten. Namen tauchen auf, die wir eher aus den Alpen kennen; so Aldo Bonacossa und Ninì Pietrasanta, die vom 13. auf den 14. März 1932 die erste Skidurchquerung des Gran Sasso von Ost nach West unternahmen, wobei sie auch im Rifugio Garibaldi vorbeikamen.

Skifahren in den Abruzzen: Das geht natürlich bestens, schliesslich liegt in den Bergen dort oft viel Schnee. Roccacaramanico auf 1050 Meter über der Adria in der Provinz Pescara gilt als einer der schneereichsten Orte von ganz Italien mit durchschnittlich drei Metern Schnee pro Saison; im Februar 1929 lagen dort gar zehn Meter. Der Ort befindet sich im Parco Nazionale della Majella, in einem Hochtal zwischen dem Massiccio della Majella und den Montagne del Morrone. Dass sich deren Gipfel wie der Monte Amaro (2793 m) allerbestens für Skitouren eignen, erfährt man in „Majella l’altra neve. Attività sportive ed escursionnistiche invernali nel Parco Nazionale della Majella“. Ich fand den Führer in der Libreria Europa im Zentrum von Ortona, einer quirligen Stadt an der Adria.

Meer und Berge – beziehungsweise Meerberge oder mehr Berge. Gerade in den Abruzzen ist das erfahrbar, zum Beispiel in Roccaraso am Südrande des Parco Nazionale della Majella. Bis vor zwei Wochen hatte ich noch nie von diesem (Ski)ort gehört, obwohl er doch eines der Zentren des Pistenskilaufs in Mittelitalien ist – „la Cortina d’Ampezzo del Sud“ wird Roccaraso genannt. Wie die Eisenbahn den Startpunkt setzte und wie es dann aufwärts ging mit Wettkämpfen und Sprunganlagen, Hotels und Liften, entwickelt Ugo Del Castello in „Roccaraso – due solchi sulla neve lunghi 100’anni“. Den Bildband entdeckte ich in einer Papeterie in Vasto am Meer.

Zwei Spuren im Schnee – oder wenigstens zwei Bretter auf dem Schnee. Am Wochenende vom 27./28. Oktober 2018 geht es los, nicht im Apennin allerdings, sondern in den Alpen. Der Skiweltcup startet in Sölden.

Pasquale Iannetti: Febbraio 1929: L’ultima ascensione di Mario Cambi et Paolo Emilio Cichetti. Artemia Nova Editrice; Mosciano 2018, € 28.-

Majella l’altra neve. Attività sportive ed escursionistiche invernali nel Parco Nazionale della Majella. Edizioni Parco Nazionale della Majella, Sulmona 2017, € 8.-

Ugo Del Castello: Roccaraso – due solchi sulla neve lunghi 100’anni. Paolo de Siena Editore, Pescara 2010, € 15.-

Bergromane, zweiter Standplatz

Und wieder vier Romane, darin Berge eine mehr oder minder grosse Rolle spielen.

22. Oktober 2018

„Marie und Jakob müssen aufbrechen. Sie klettern den Berg hinauf, höher und immer noch höher, dem Himmel entgegen. Knapp unter den Gipfeln, wo keine Bäume mehr wachsen und die Gemsen kaum mehr etwas zu fressen finden, steht ganz hinten in einer Felsspalte, von nirgendwoher und für niemanden sichtbar auβer für die Vögel im Himmel, Jakobs selbst gebauter Unterschlupf; ein Dach aus Lärchenholzbalken und Schiefersteinen zwischen zwei Felswänden, vor dem Eingang ein Bärenfell, dahinter ein Bettlager und eine Feuerstelle. Von hier oben haben Marie und Jakob über die Felsenkante einen schönen Blick hinunter auf die Alp.“

Ein glücklicher Ort für das junge Liebespaar, für Romeo und Julia aus dem Jauntal: dieses Versteck hoch oben in den Gastlosen. Das Dumme ist nur, und deshalb lacht Jakob nicht: „Er weiβ, dass die Berge zwar groβ, die Welt aber klein ist.“ Dass er und seine Marie einmal wieder ins Tal werden absteigen müssen, wo sie Ärger erwartet und Schlimmeres. Oder doch nicht? Die herzzerreissende Geschichte der reichen Bauertochter Marie und des armen Kuhhirten Jakob erzählt Max seiner Tina in einer langen und kalten Nacht im Auto, das bei der Abfahrt vom Jaunpass hinunter nach Jaun im heftig fallenden Schnee stecken geblieben ist. Geschickt verwebt Alex Capus in seinem jüngsten Roman „Königskinder“ zwei Liebesgeschichten von einst und heute und flechtet immer wieder das flüchtige Glück in den Bergen hinein, das sich bis Versailles erstreckt, wo Prinzessin Elisabeth ein heile Welt abseits vom Königshof erbaut.

Das Glück in den Bergen sucht ebenfalls die Bestsellerautorin und Icherzählerin Liz Lenzlinger, und zwar in Arosa. So heisst auch gleich der Berghotelroman der Bestsellerautorin Blanca Imboden, versehen mit diesem härzigen Untertitel „Von Bären, Eichhörnchen und Mister 99-Prozent“. Ein kitschiges, locker lesbares Buch; überraschend, für wen es ein richtiges Happyend und für wen es nur ein halbes gibt. Mehr „Arosa gibt“ als „Arosa nimmt“ – so lautet ein Werk des Bergromankönigs Gustav Renker von 1948. Beide Bücher dürfen natürlich auch auf einer Fahrt nach Davos gelesen werden. Blanca Imbodens Making-of eines Romans als Roman: Literaturgeschichtlich ist das ja keine Novität, aber doch immer wieder hübsch zu lesen, sogar mit der Jasskönigin Monika Fasnacht, die einen starken Auftritt hinlegt und in Arosa offenbar einen Unterschlupf gefunden hat.

Glück in einem Unterschlupf finden. Wobei Glück ein zu starkes Wort ist dafür, wie die Jüdin Regina Steinig und ihre Tochter Lucia im Versteck überleben, das ihnen der Kunstschmied Reinhold Duschka während der Naziherrschaft in seiner Werkstatt in Wien eingerichtet und ermöglicht hat. Besonders am Wochenende müssen sie aufpassen, dass sie sich nicht verraten, denn dann ist ihr Beschützer in den Bergen unterwegs. „Am Seil. Eine Heldengeschichte“ hat Erich Hackl sein Werk genannt, das auf dem Cover das Gemälde „Berglandschaft“ des berühmten österreichischen Malers Alfons Walde zeigt. Ein eindringliches, dichtes Buch mit 117 Seiten – und eine wahre Geschichte; eine Gedenktafel für Reinhold Duschka ist an der Mollardgasse 85a angebracht. „Am Seil“ ist kein Bergroman, wohl nicht mal im weiteren Sinne. Doch wie mit einem Seil, das Duschka am Wochenende am Peilstein im südlichen Wienerwald in den Händen hält, sichert er auch Regina und Lucia vor dem Fall in die Hände der Gestapo. Nach dem Krieg versucht Reinhold, Lucia für das Bergsteigen zu begeistern: „Es war ein furchtbar heiβer Tag, und ich zitterte schon vor dem Abstieg. Erst als wir oben waren, sah ich, daβ man den Gipfel auf der Rückseite bequem über einen Serpentinenweg erreichen konnte. Das hat mich so beeindruckt, daβ ich nie mehr klettern wollte. Wozu die ganze Plage mit Seil, Gurt und Haken, wenn es auch anders geht.“

Dass Bergsteigen nicht unbedingt glücklich macht, merkt manchmal auch der Führer Michel Charmoz bei seinen Gästen: „Rien ne convenait, tout était décevant. À l’ombre il faisait froid, au soleil il faisait trop chaud, et puis à quoi ça sert de marcher si la vue est meilleure depuis le téléphérique?“ Zum Glück gibt es noch andere Kunden, wie beispielsweise die Musikerin Elsa, die auf dem Mont Blanc oben in neue Welten eintaucht: „Elle respirait avec des yeux, comme si elle insufflait ce paysage dans son cerveau à chaque gonflement de sa poitrine.“ Sehr anschaulich beschreibt Denis Ducroz, selbst Bergführer, Filmemacher und Schriftsteller in Chamonix, in „Le pont de neige“, wie ein Aufenthalt in den Bergen zu Glück verhelfen kann (oder auch nicht). Im Mittelpunkt seines überzeugenden Romans steht ein Bergführer, der sich oben gut bis bestens zurechtfindet, unten aber nicht und schliesslich scheitert. Es geht um Freiheit, Verantwortung und Gerechtigkeit, und da prallen die Gegensätze zwischen Berg und Tal oft hart aufeinander. Wie bei der Seilbahn auf die Aiguille du Midi, die im Viertelstundentakt die beiden Welten verbindet: „Le téléphérique, c’est le bonheur assuré.“ Fragt sich nur für wen genau?

Alex Capus: Königskinder. Hanser, München 2018, Fr. 29.-
Blanca Imboden: Arosa. Von Bären, Eichhörnchen und Mister 99-Prozent. Wörterseh, Gockhausen 2018, Fr. 25.-
Erich Hackl: Am Seil. Eine Heldengeschichte. Diogenes, Zürich 2018, Fr. 27.-
Denis Ducroz: Le pont de neige. Glénat, Grenoble 2018, € 20.-

Alpenclub der Tiere

Das Bilderbuch „The Animals Alpine Club“ erschien 1910 und hat nichts von seinem Charme verloren. Endlich aber kann man es auf Deutsch lesen.

5. Oktober 2018

Er erhebt sich, erst langsam und schön Glied für Glied,
doch es scheint, als ob er ganz unverletzt blieb.
„Ja, die andern, die finden das Klettern ganz nett,
aber ich geh jetzt nach Hause und leg mich ins Bett.“

Sagt ausgerechnet der Löwe Leo, das Wappentier Englands. Gemeinsam mit seinen Freunden, dem Elefanten Jumbo und dem Flusspferd Hippo, wollte er einen Gipfel besteigen, unter Führung von Bär Brun und seinen drei Söhnen. Aber unterwegs, beim Herausziehen von Jumbo aus einer Spalte, reisst auf einmal das Sicherungsseil, Leo verliert den Halt und stürzt in den Abgrund, während sich Jumbo noch grad retten kann, indem er den Rüssel ums Bein eines Führers schlingt. Und während sich Leo aufrappelt nach dem vom Schnee abgebremsten Fall, erscheint den oben gebliebenen Alpinisten das Brockengespenst, wie weiland dem Whymper und den beiden Führern Taugwalder. Kein Zufall natürlich, so wenig wie die tierische Siebnerseilschaft. Auf dem Matterhorn oben waren am 14. Juli 1865 auch sieben Alpinisten gestanden, bloss kamen dann nur drei heil unten an. Dramatische Szenen am Berg, eben auch für bergsteigende Tiere.

Kaum zu glauben, dass es 108 Jahre gedauert hat, bis die zeitlose Geschichte über eine tierische Bergtour ins Deutsche übersetzt wurde. Aber vielleicht ist es auch gut, dass deutsche Leser erst jetzt der Seilschaft der drei Touristen Elefant, Flusspferd und Löwe unter der Führung von vier Bären folgen können. Denn der Schweizer Schauspieler, Schriftsteller und Musiker Dan Wiener hat „The Animals Alpine Club“ des englischen Kinderbuchautors Graham Clifton Bingham mit den köstlichen Illustrationen von George Henry Thompson kongenial über- und in Verse gesetzt. Gemeinsam erleben die Tiere Abenteuer, in die eben hintersinnig viel Alpinismusgeschichte gepackt ist, die (Vor)-Leser aber keineswegs zu kennen brauchen. Die treffenden Verse und heiteren Zeichnungen erfreuen in jedem Fall Geist und Gemüt.

Ein Klassiker der Alpinliteratur für Klein und Gross. Für angehende und zurückgetretene Bergsteiger. Und für solche, die Berge nur in einem Bilderbuch erleben wollen. Aber beim Hüttenabend, da wären sie vielleicht schon gerne dabei – hier fünf Zeilen aus dem Original:

There was plenty to eat,
And the cider was sweet,
And Jumbo vowed he’d never had such a treat.
“Pour old Leo, how he would have liked it”, he said,
Never dreaming that he was safe home and in bed!

Graham Clifton Bingham, George Henry Thompson: Alpenclub der Tiere. Aus dem Englischen übertragen von Dan Wiener. AS Verlag, Zürich 2018, Fr. 29.80.

Bergsteigen für Zootiere – mit Dan Wiener: am Samstag, 27.Oktober 2018, von 14 bis 15.30 Uhr, im Zoo Zürich, Kaeng Krachan Elefantenpark, 1. Stock Thailodge. Eine Veranstaltung im Rahmen von „Zürich liest“. www.zuerich-liest.ch/veranstaltung/bergsteigen-fuer-zootiere–mit-dan-wiener/20181027140000/