Drei ganz unterschiedliche Publikationen zu drei berühmten Fremdenverkehrsorten in den Schweizer Alpen. Ganz im Fokus der Öffentlichkeit steht diese Woche Wengen mit den Lauberhornrennen.
«Arme Berge, was haben die Menschen euch angetan!»
Das fragt sich der Holzschnitzler Hans Eicher aus Wengen, eine der Hauptfiguren im Roman «Flut» von Jakob Wiedmer-Stern (1876–1928). Er kannte das Dorf am Fusse des Lauberhorns, an dem diese Woche wieder die besten Skifahrer um Sieg und Ruhm fahren, bestens. Denn 1904 heiratete Wiedmer, Bäckersohn aus Herzogenbuchsee und Archäologe, Maria Stern, die in Wengen das Hotel Beausite führte. Und schon 1905 veröffentlichte der frische Hoteldirektor im renommierten Huber-Verlag den Roman «Flut». Mit dem Titel sind die Fremden gemeint, die immer zahlreicher in das Bergdorf Stägen kommen, das unschwer als Wengen erkennbar ist. Der Roman erntete zwar Lob von der Kritik, namentlich von Josef Viktor Widmann im «Bund»; er sah im Autor einen neuen Gotthelf. Aber dass die Hoteliers kaum Freude hatten, ist mehr als verständlich. Das Ehepaar Wiedmer-Stern floh denn auch nach Bern, ins Historische Museum, wo er die freiwerdende archäologische Stelle antrat. In einer Brandrede gegen den Tourismus, die Wiedmer einem Journalisten der fiktiven «Landes-Zeitung» in die Feder legte und die Hans Eicher «bös, aber gut!» findet, lesen wir auf Seite 226 in der Neuausgabe – hier zitiert aus www.beausiteparkhotel.ch/geschichte/.
«Wenn auf einem Berg vier Fremde Schinkenbrot gegessen haben, so werden fünf Hotels hinaufgestellt; diese rufen wieder einer Bahn, und die Behörden geben dem Projekt ihren Segen. Die Bahn schleppt dann allerdings hinauf, was das Zeug hält; aber die vier Bergfreunde, die einmal der stolzen Höhe zuliebe hinaufwanderten, sind nicht darunter. Solche Leute wollen Bergluft, nicht Eisenbahnrausch; sie hören lieber das Herdengeläute als polyglottes Geschnatter und den Klatsch der Table d’hôte, ohne den der waschechte Reisepöbel nicht leben kann, und der in seiner Mitte aufgeht wie die Schwämme auf dem Mistbeet. – – –
Und nun der Nutzen für unser Land! Er war bisher, wenigstens materiell, ein gewaltiger; ich brauche bloss den Gebrauch von einheimischen Nahrungsmitteln, die Einnahmen der Bahnen und Schiffe, die Gewerbetreibenden und Handwerker zu nennen. Aber jetzt naht auch der Moment, wo die Gefahr der Überproduktion da ist; wo dort oben fast jeder Bauer, selbst wenn er kaum einen Halbliter von einem Fünfliber abrechnen kann, eine Pension baut und in seiner Unbeholfenheit der Spielball geriebener Dienstboten und gemeiner, rücksichtsloser Gäste wird. Denn gerade auf solche Wirte hat es diese grosse Kategorie unter den Fremden abgesehen; der Mann ist ihnen schutz- und wehrlos preisgegeben, und wagt er es zu mucksen, so kriegt er eins auf die Nase. Sie schreiben ihm vor, was sie essen wollen; sie schreiben ihm vor, wie ihr Zimmer eingerichtet sein soll; sie bestechen seine Dienstboten durch Trinkgeld zu Pflichtverletzungen, und zu guter Letzt diktieren sie ihm auch, wieviel sie zahlen wollen.»
Wie der Tourismus ein Bergdorf flutet, lässt sich im schweren und reich illustrierten Bildband «Chroniques de Verbier» von Marie-Madeleine Gabioud Seite um Seite, Hotel um Hotel, Chalet um Chalet, Bahn um Bahn eindrücklich sehen und lesen. Wir bewundern die ersten Skilifte und die luftigen Gondeln der Télécabine auf die Ruinettes, etwas weniger all die Inszenierungen, Happenings, Infrastrukturen neueren Datums. Mit «l’urbanisation de la montagne» ist das vierte Kapitel betitelt – arme Berge, wie wahr! Ein paar Kapitel weiter hinten fahren Roland Collombin und Philippe Roux tout Schuss, die Freeriders verwandeln den Bec des Rosses in einen Zirkus des Ski extrem. Und dann tauchen auf dieser so grossartigen wie überbauten Sonnenterrasse im Val de Bagnes zahlreiche Berühmtheiten auf, mais bien-sûr! Mir persönlich gefällt am besten, wie der französische Schauspieler, Komiker und Chansonnier Bourvil schüchtern lächelnd auf einem Tellerlift sitzt.
Apropos Berühmtheiten. Im dritten Fremdenverkehrsort in den Schweizer Alpen, die mit frischen Publikationen aufwarten, tummeln sich auch solche, die nicht erkannt werden wollen, jedenfalls nicht von der Polizei. 36 unterschiedlich unterhaltende Kurzkrimis versammelt Andreas Russenberger in «Arosa. Wo auch Gauner Urlaub machen». In «Freunde fürs Leben» geht es allerdings um eine bekannte Figur, die Gaunern das Leben schwer machte: um Sherlock Holmes. Sein Erfinder, der Engländer Arthur Conan Doyle, machte 1894 mit den Brüdern Branger die zweite Skiüberschreitung der Maienfelder Furgga von Davos nach Arosa und beschrieb die Tour in «An Alpine Pass on Ski». Auf dieser Fahrt soll Doyle für Sherlock dessen Freund und Begleiter Doctor John Watson gefunden haben. Manchmal verhelfen die Berge den Menschen zu Geistesblitzen.
Jakob Wiedmer: Flut. Herausgegeben von Felix Müller und mit einem Nachwort von Christian Rohr. Chronos Verlag, Zürich 2025. Fr. 38.-
Marie-Madeleine Gabioud: Chroniques de Verbier. Passé, présent, futur. Éditions Slatkine, Genève 2025. Fr. 77.-
Andreas Russenberger: Arosa. Wo auch Gauner Urlaub machen. Krimis. Gmeiner Verlag, Meßkirch 2025. € 17,00.

























