Wander- und Kletterlust, auch für Frauen

Frauen am Berg: zu sehen in einem Katalog zu einer alten Ausstellung – und in einem ganz neuen Film.

15. April 2019

„Für uns Frauen ist nicht der Berg selbst das Schwierige, sondern was sich um ihn herum baut und sich gegen uns stellt.“

So erinnerte sich Cenzi Sild, geborene von Ficker (1878–1956), mit siebzig Jahren. Sie gehörte zu ihrer Zeit zu den besten Bergsteigerinnen Österreichs, trat mit 20 Jahren dem Österreichischen Alpenklub (ÖAK) bei und nahm 1903 an einer Expedition in den Kaukasus teil, wobei sie auch am Versuch der ersten Besteigung des Uschba-Südgipfels (4737 m) beteiligt war, der damals als schwerster Berg der Welt galt. Das imponierte dem Fürst von Swanetien so sehr, dass er ihr darauf die Uschba schenkte. Fortan galt Cenzi von Ficker als das Uschba-Mädel. Auch nach der Heirat mit Hannes Sild und der Geburt von drei Söhnen ging sie weiter bergsteigen. 1937 ernannte der ÖAK Cenzi Sild zum ersten weiblichen Ehrenmitglied. Umso bemerkenswerter also ihr oben zitierter Satz. Ich fand ihn im Kapitel „Spaziersucht, Lustwandel und Bergdrang. Bilder von Frauen unterwegs“ im grossartigen und grossformatigen Bildband „Wanderlust. Von Caspar David Friedrich bis Auguste Renoir“.

Dieses knapp 300 Seiten schwere Buch erschien zur gleichnamigen Ausstellung in der Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin, die dort im letzten Jahr zu sehen war. Auch wenn man nun Friedrichs „Wanderer über dem Nebelmeer“ von 1817 nicht mehr hängend neben dem fast gleichzeitig gemalten „Wanderer auf Bergeshöh“ von Carl Gustav Carus sehen kann, so sind die beiden Wanderer nun in diesem Katalog zu finden, zusammen mit 123 anderen Werken, die ausgestellt waren. Und mit zahlreichen anderen Abbildungen, welche die acht Aufsätze illustrieren. Es lohnt sich schwer, diese zu lesen und die Bilder zu betrachten – eine sehr kunstsinnige Wanderreise durch zwei Jahrhunderte, von Caspar Wolf bis Ernst Ludwig Kirchner und weiter bis Francis Bacon.

Nicht verpassen wird man dabei das 1912 geschaffene, 200 auf 170 Zentimeter messende Gemälde „En bjergbestigerske“ des Dänen Jens Ferdinand Willumsen, das auch die Rückseite des Kataloges verschönert. „Die monumentalste Darstellung einer einzelnen, unbegleiteten Frau als Alpinistin“, heisst es in der Legende. „Ihr ins Sonnenlicht gerichteter Blick symbolisierte für viele Betrachter die Hoffnung, Frauen nicht nur im Sport den Männern als gleichbehandelt zu sehen. In Dänemark erfüllte sich ein Teil dieser Erwartungen, als das Land als eines der ersten 1915 das allgemeine Frauenwahlrecht einführte.“

Erst seit 1980 sind die Frauen im Schweizer Alpen-Club mit dabei, und bis heute ist die Luft für ambitionierte Schweizer Bergsteigerinnen dünn. Davon handelt „Frauen am Berg“, der neue Film von Caroline Fink. Ein Film über Alpinismus – und über Mut, Wut und Gipfelglück. Die TV-Première ist am Gründonnerstag, 18. April 2019, um 20.05 Uhr auf SRF1 im Sendeformat DOK. Danach wird er rund eine Woche online auf srf.ch zu sehen sein. Die Kinopremière ist am Mittwoch, 1. Mai 2019, um 19.00 Uhr im Kino Passerelle in Wattwil SG. Die drei im Film porträtierten Bergführerinnen Ariane Stäubli, Nadja Roth und Annina Reber unterschrieben wohl sofort, was das Bergsteigen für Cenzi Sild-von Ficker war: „Sich allein aus all der Stubenhockerei heraus einen Weg ins Freie zu bahnen“.

Gabriel Montua, Birgit Verwiebe (Hrsg.): Wanderlust. Von Caspar David Friedrich bis Auguste Renoir. Hirmer Verlag, München 2018, € 40.-

Frauen am Berg. Ein Film von Caroline Fink. SRF 1, 18. April 2019, 20.05 Uhr.

Finale ohne Ende

Vier Wochen Finale – klettern und wandern durch ein Museum unseres Lebens.

13. April 2019

Müsste ich für meine Kletterleidenschaft ein Synonym finden, dann lautete es: Finale! Damit meine ich nicht das klettersportliche Finale, das sich in meinem Alter allmählich abzeichnet. Ich meine das Klettergebiet um Finale Ligure.

Vor 45 Jahren kamen wir zum ersten Mal in die Gegend. Wir besuchten einen Bildhauer, der in einem Steinbruch unterhalb der Wand der Pianarella arbeitete, doch an Klettern dachten wir damals noch nicht. 1972 hatten die Brüder Eugenio und Gianluigi Vaccari aus Genua eine erste Route durch die senkrechte gelbe und graue Kalkwand mit ihren Höhlen und Überhängen gefunden – eine der ersten im Finalese überhaupt. Zehn Jahre nach unserem ersten Besuch konnte ich die ausgesetzte Mehrseillängentour klettern, es war der Beginn einer grossen Leidenschaft. Finale habe ich seither fast jedes Jahr einmal oder zweimal besucht für ein paar Klettertage mit Freunden oder mit meiner Frau Christa. Diesen Frühling für vier Wochen: Fels, Meer, Italianità, eine Landschaft der Erinnerungen – wir wandern und klettern durch ein Museum unseres Lebens.

Routen wie Kunstwerke

Wir klettern am «Tempio del Vento», hoch über dem stillen Tal des Rian Cornei. Rauer grauer Kalk, feingriffige Routen und die Erinnerung an eine dramatische Rettungsaktion am Neujahrstag 1992, die sich bis in die Nacht hineinzog. Ein junger Deutscher war abgestürzt, lag schwer verletzt am Fuss der Wand, Sicherungsfehler seines Partners. Für die Rettung zuständig war die Feuerwehr von Savona, der chaotische Verlauf der Aktion fand nach Jahren Eingang in meinen Roman «Finale» (Limmat Verlag, 2010). Das damalige Opfer lernten wir durch das Buch noch kennen, als Vater einer begeisterten Kletterfamilie im Berner Oberland.

An der Falesia del Silenzio haben wir zuvor, wie schon viele Male, «Golden Lady» geklettert, eine Route über einen steilen Pfeiler, so ideal und harmonisch angelegt, dass ich sie als Kunstwerk bezeichne. Eine begehbare Skulptur, senkrecht, gelber Fels mit grossen Lochgriffen, die oft etwas weit auseinander liegen. Zum Abschluss eine Finale-Delikatesse, eine graue abschüssige Platte mit mikroskopischen Griffen, denen und der Haftreibung der Kletterfinken zu vertrauen, hoch über dem Haken, ziemlich Mut erfordert. Der Lokalmatador Marco Tomassini wertet in seinem neuen Kletterführer das alte 6b+ auf ein 6c auf – das macht den Veteranen schon ein bisschen stolz.

Marco treffen wir im Saleva Mountain Shop an der Piazza Garibaldi in Finalborgo – dem Epizentrum der Kletterszene. Im Borgo gibt es mittlerweile etwa 5 oder 6 Kletterläden. Wovon sie alle existieren können, bleibt rätselhaft, denn so gross ist der Markt nun auch wieder nicht. Die Preise sind nicht mehr so günstig wie einst, als es nur den Rockstore von Elisabetta Belmonte und Andrea Gallo gab, der eher vom pionierhaften Nimbus lebt als von Professionaltät. Marco freut sich uns zu sehen, er ist ein freundlicher Mensch, unermüdlicher Erschliesser und -sanierer von mittlerweile 600 Routen, eloquenter Schriftsteller und Autor eines Kletterführers, der in der neuesten Ausgabe über 800 Seiten umfasst. Nebst Routenbeschreibungen enthält die Bibel des Finalekletterns auch Porträts grosser Kletterpioniere wie Gianni Calcagno, Alessandro Grillo, Andrea Gallo. Marco klagt ein bisschen in Deutsch, das er fleissig lernt, über den finanziellen Aufwand des Routensanierens – 50 Euro pro Route im Schnitt, Sponsoren finde er nur noch schwer. Gelegentlich hat die Gemeindeverwaltung von Finale Ligure etwas zugeschossen.

Schlüsselmomente im Kletterleben

Eines Nachmittags wollen wir am Monte Cucco klettern, der grossen klassischen Felsstruktur, wo wir früher auch bei Regen unter den grossen Überhängen des Anfiteatro trockenen Fels suchten. Die einstige Müllhalde am Wandfuss ist geräumt, ein kleiner Campinplatz eingerichtet. Unsere alten Traumrouten schauen wir nur noch von unten an, «Cocconut», «Ultima Via», «Stravolgimento Progressivo». Und «Oggi in Stereo» ist, wie eine Notiz am Einstieg warnt, besetzt von einem brütenden Wanderfalken. Wir bedauern und sind doch ein bisschen erleichtert, denn der erste Haken steckt bei dieser Route gefährlich hoch und ist nicht gerade einfach anzuklettern. Nebenan finden wir noch genügend schönes Klettergelände in der Abendsonne, der nette Falke, den wir seit Jahren kennen, lässt sich nicht gross stören, selbst durch einen fliegenden Menschen nicht …

Wehmütig auch der Blick zur Rocca di Corno, die wir auf einer Wanderung umrunden. Die Route mit dem schlichten Namen «Ten» gehört zu den Marksteinen meiner Kletterbiografie. Einst scheiterte ich an den harten Zügen über den kleinen Überhang und an meiner Angst vor dem folgenden Runout. Träumte jahrelang von der Route, bis ich eines Tages am Einstieg stand, die Wand lag im milden Licht eines späten Nachmittags, und ich wusste: jetzt schaffe ich sie. Nach sechs Jahren träumen durfte ich den Exploit als on-sight notieren. Ein flüchtiger Moment des Glücks. Auf unserer Wanderung kommen wir nahe am Einstieg vorbei, vielleicht, ja, vielleicht werde ich es nochmals versuchen. Irgendwann. Sicher jedenfalls im Traum.

Überrollt von Bikern

Finale und vor allem auch Finalborgo haben sich stark verändert in all den Jahren. Restaurants, Bars, schicke Boutiquen und Sportläden sind aufgegangen, Fassaden sind renoviert. Anderes ist verschwunden, die Bar Helvetia mit den feinen Pasticcini, das traditionsreiche Werk der Piaggio, «Simbolo dell’eccellenza tecnologica della Liguria» in Finale Marina ist eine Industriebrache mit ungewisser Zukunft. Auch die Bar Centrale in Finalborgo hat sich verändert, einst der Treffpunkt der Kletterszene, ist schicker geworden. Man hängt nicht mehr am Tresen herum, sondern wird bedient, auch auf der Piazza. Seit den Sechzigerjahren führt sie die Familie Grosso, und noch oft steht die niemals alternden und immer herzliche Signora Renata an der Kaffeemaschine.

Irgendwann hörte ich den Padrone des Hotels Florenz, Lorenzo Carlini, mit dem Kletterpionier Andrea Gallo über Biken diskutieren. Wir nahmen das nicht so ernst, Finale heisst klettern, nicht velofahren, dachten wir. Inzwischen haben die Biker die Kletterer sozusagen aus dem Stadtbild verdrängt. Wie Ritter gerüstet mit Helm und Panzer schieben die Downhiller abends ihre total verdreckten High-Tech-Gefährte über die Piazza. Bike-Shuttles fahren sie morgens auf die Höhen für den Tausend-Meter-Flow auf Downhillpisten. Familien schwärmen mit Oma, Opa, Kind und Kegel auf blitzblanken Bikes durch die Gegend. Obwohl Finale noch immer ein grosses Kletterparadies ist, sind wir Scalatori eine Minderheit geworden. Kein so bedeutender Wirtschaftsfaktor wie der Bikesport. Fast jedes Hotel am Ort nennt sich Bikehotel, und in die Ferienresidenz Sul Borgo, wo wir einen Monat wohnen, beherbergt auch das Schweizer Cross-Country-Weltcupteam. Fünf Fahrer, zwei Mechaniker, zwei Servicewagen. Finale Ligure nennt sich heute «Capitale dell’Outdoor».

Von Hardcore bis familienfreundlich

Wir kommen aneinander vorbei. Selbst auf den vielen Wanderwegen im Finalese stören uns weniger die Biker als die Spuren, die sie hinterlassen. Stark ausgefahrene Pisten, beträchtliche Erosion. Wir wollen die Umweltbelastung durch die verschiedenen Sportarten nicht gegeneinander aufrechnen. Auch die Erschliessung der letzten noch unberührten Felsen für den Klettersport ist ein Eingriff in die Umwelt. Mittlerweile gibt es um 3000 Routen in 180 Sektoren – in den Boomzeiten im Frühling und Herbst ist es oft schwierig, einen Parkplatz für den gewünschten Sektor zu finden. Denn auch im Finalese ist, wie leider in vielen andern Gebieten, das Auto der wichtigste Teil der Ausrüstung.

Nicht alle der neu erschlossenen Sektoren sind wirklich lohnend, wie wir feststellen. Doch sind in neuerer Zeit auch «familienfreundliche» entstanden wie die «Falesia del Gorilla» im Valle Aquila oder die «Tre Porcellini» an der Rocca di Perti. Interessante Linien auch unter dem Grad 6a und enge Abstände der sicheren Klebehaken. Nicht nur die Kleinen, auch uns Oldies freut das. Die Zeiten, in denen Finale als Hardcoregebiet mit harten Bewertungen galt, sind damit auch vorbei. Wir weinen ihnen nicht nach – oder dann höchstens mit einem Auge.

Er ging voraus nach Lhasa

Endlich die grosse Biografie des in Kitzbühel geborenen Entdeckers, Alpinisten, Kartografen und Entwicklungshelfers Peter Aufschnaiter.

11. April 2019

„Wenn ich jetzt höre, dass er [Heinrich Harrer] ein Buch herausbringt, ohne mich mit einer Zeile davon zu verständigen, so überrascht mich das nicht. Fixigkeit und vollkommene Skrupellosigkeit sind seine Stärke. Ich weiβ, dass es bei früheren Reiseberichten vorgekommen ist, dass zwei Teilnehmer je ein Buch schrieben. In diesem Falle ist es anders, seit Jahren ist das Publikum in verschiedenen Ländern darauf vorbereitet, und was immer für ein Buch als erstes herauskommt, so wird dieses Absatz finden und keine weitere Variante zu dem Thema mehr.“

Wie wahr, was da Peter Aufschnaiter am 6. Mai 1952 an Paul Bauer geschrieben hat! 1952 kam Heinrich Harrers Buch „Sieben Jahre in Tibet – Mein Leben am Hof des Dalai Lama“ heraus. Es beschreibt die Flucht Harrers und seines Begleiters Aufschnaiter aus einem britischen Internierungslager in Indien im Jahre 1944 nach Tibet, den Aufenthalt in der Hauptstadt Lhasa und die tibetische Kultur vor dem Einmarsch der Volksbefreiungsarmee in Tibet im Jahr 1950. „Sieben Jahre in Tibet“ wurde in 53 Sprachen übersetzt. Gegen diesen Welterfolg und so weltberühmten Verfasser hatte Peter Aufschnaiter (1899–1973) keine Chance. Aber nun ist seine Biografie erschienen: „Er ging voraus nach Lhasa“, verfasst von Nicholas Mailänder unter Mitarbeit von Otto Kompatscher.

Wovon Heinrich Harrer in seinen „Sieben Jahre in Tibet“ erzählt, hat ein anderer noch viel intensiver erlebt: Der Kopf und die treibende Kraft hinter diesem aufsehenerregenden Abenteuer war eigentlich sein Kompagnon Peter Aufschnaiter – ein Tibetkenner, der auch sein restliches Leben dem Studium, der Entwicklungshilfe und seiner Liebe zu Tibet und Nepal und den dortigen Menschen widmete. Höchste Zeit also, dass auch er zu Wort kommt. Aufschnaiter hat viel geschrieben über seine Reisen, seine Arbeit und Studien als Entdecker, Bergsteiger, Kartograf und Entwicklungshelfer; daraus wird fleissig zitiert in der gut 400seitigen Biografie. Aber auch Passagen aus seinen Briefen werden wiedergegeben, oft an seinen Freund und ehemaligen Vorgesetzten Paul Bauer, eine „zentrale Figur des nationalsozialistischen Sportwesens“ (Wikipedia). Er hatte Aufschnaiter 1936 mit der Geschäftsführung der neu gegründeten Deutschen Himalaja Stiftung bedacht. Mit Verwunderung nimmt man zur Kenntnis, dass im Briefwechsel zwischen den beiden nach 1945 die Verbrechen des Naziregimes nicht zu Wort kommen; freilich nicht bei Bauer, der zeitlebens ein Nazi blieb, als bei Aufschnaiter, der sich bei seinen Einsätzen in Indien, Nepal und Tibet engagiert für die Menschen einsetzte.

Vom 11. Mai bis 21. Juni 1954 bereiste Peter Aufschnaiter das nahe der tibetischen Grenze gelegene, noch weitgehend unerforschte Tsum-Tal. Seiner Mutter schrieb er: „Ich war von Kathmandu aus 42 Tage unterwegs, mit nur zwei Rasttagen, dabei habe ich auch mehrere Berge bestiegen, aber keine hohen.“ Und: „Das Haus, in dem ich früher in Kathmandu fast ein Jahr hindurch so nett wohnte, war tatsächlich für mich reserviert geblieben. Die dort hinterlassenen Sachen waren unversehrt, und ich habe sie dann nach Delhi gebracht.“

Das Nachwort zur Biografie von Peter Aufschnaiter schrieb Martina Wernsdörfer, Kuratorin am Völkerkundemuseum der Universität Zürich. Im VMZ wird seit 1976 der grösste Teil des ethnografischen Erbes von Aufschnaiter bewahrt. Und dort wird bis im Herbst 2019 diese Ausstellung gezeigt: „Karte – Spur – Begegnung. Die Tibet-Sammlungen von Heinrich Harrer und Peter Aufschnaiter“. Warum aber kommt da Harrer vor Aufschnaiter? Denn letzterer ging ja voraus nach Lhasa.

Nicholas Mailänder, unter Mitarbeit von Otto Kompatscher: Er ging voraus nach Lhasa. Peter Aufschnaiter. Die Biographie. Tyrolia-Verlag, Innsbruck 2019; € 30.-

Karte – Spur – Begegnung. Die Tibet-Sammlungen von Heinrich Harrer und Peter Aufschnaiter. Ausstellung im Völkerkundemuseum Zürich (bis 8. September 2019); www.musethno.uzh.ch/de/ausstellungen/Karte–Spur–Begegnung.html

Kletterführer Neuenburg, Waadt Nord und Biel

Zwei neue Kletter- und Boulderführer für den Jurabogen zwischen Saint-Cergue und Biel-Bienne. Lacez les chaussons, mes amis!

3. April 2019

„Der Neuenburger Kletterführer ist da! Nun liegt also dieses lang erwartete, gefürchtete, sehnlich erwünschte (oder auch nicht…) Werk vor uns.“

So leitet Ali Chevalier, einer der fünf MitautorInnen, sein Begleitwort zum druckfrischen, zweisprachigen (F/D) Kletterführer „Neuenburg und Waadt Nord“ ein. Tatsächlich: Der bisherige Guide d’escalade des Schweizer Alpen-Clubs für den Kanton Neuenburg stammt aus dem Jahre 1980. Es ist Band 1 der legendären drei Bände „Escalades dans le Jura“ von Maurice Brandt. In den vergangenen 39 Jahren allerdings hat sich das Klettern auch zwischen Doubs und Neuenburgersee zum Breitensport entwickelt; unzählige neue Gebiete und Routen wurden eröffnet und eingerichtet, andere gerieten in Vergessenheit oder Verbotszonen. Da wurde es schon langsam Zeit, auch den Nichtneuenburgern zu zeigen (und vielleicht zu verraten), wo es in ihrem Kanton wunderbare Felsen zum Klettern gibt. Und es gibt sie, mon Dieu, mehr als genug, für Gross und Klein, für Ausnahmekönner und Debütanten. Im Val de Travers mit der Burgunderplatte und dem Eselsrücken, im Hochland von Le Locle und La Chaux-de-Fonds mit der Katzengruft und der kleinen Schlucht, links und rechts der Hauptstadt mit Les Lans, dem „sanctuaire de l’escalade libre neuchâteloise“.

23 Gebiete im Kanton NE stellt der neue Führer vor, dazu noch acht Gebiete im Waadtländer Jura (darunter Saint-Loup, wo sich die weltbesten Kletterinnen und Kletterer ihr Stelldichein bzw. ihr Angriffchenhängen geben). Mit dabei im 288seitigen, schön illustrierten Führer sind auch vier Bouldergebiete unweit Neuchâtel, so der Pierre-à-Bot, der grösste Findling des Jurabogens. Diesen riesigen Felsblock aus dem Mont-Blanc-Massiv hat der Rhonegletscher vor rund 10000 Jahren so geschickt liegengelassen, dass er einer Kröte gleicht, die ihren Kopf aus dem Waldboden hervorzustrecken scheint.

Und wenn wir schon grad am Klettern in Absprunghöhe an Felsblöcken des Jura sind: Der neue Boulderführer Biel-Bienne enthält 12 Gebiete mit rund 600 „Problemen“ in allen Graden nördlich des Bielersees und seiner Stadt. In La Neuveville hart an der Grenze zum Canton de Neuchâtel warten die Blöcke von Les Cibles mit folgenden Routennamen auf: Suisse, France, Angleterre, Albanie oder Moldavie, insgesamt 48 europäische Länder. Warum also in die Ferne schweifen, wenn Festes in der Nähe wartet: ganz sicher leicht erreichbar – erkletterbar hoffentlich auch.

Lacez les chaussons, mes amis!

Christophe Mironneau, Céline Stern, Pierre-Denis Perrin, Ali Chevallier, Christophe Girardin: Neuchâtel et Nord vaudois/Neuenburg und Waadt Nord. Nord vaudois / Val-de-Travers / Boudry et Rochefort / La Chaux-de-Fonds et Le Locle / Neuchâtel et Val-de-Ruz. Guide d’escalade/Kletterführer. SAC-Verlag, Bern 2019, Fr. 59.- (für Mitglieder 49.-).

Quintin Blanchard, Carine Devaud Girardin, Christophe Girardin: Biel–Bienne Boulder. Edition Filidor, Reichenbach 2018, Fr. 30.-

Die Vernissage des Kletterführers Neuenburg und Waadt Nord findet statt am Freitag, 5. April 2019, in der Kletterhalle Asenaline an der Avenue Édouard Dubois 34 in Neuchâtel: 19 Uhr Apéro mit Vins de la Béroche, 19.30 Uhr Vorstellung des Führers, 20 Uhr Beppe Pizza und Klettern (die Finken nicht vergessen!); www.asenaline.ch

Vaut le voyage? Histoire de guides

Ein Führer-Buch der ganz besonderen Art. Nämlich eines über Geschichte, Gegenwart und auch Zukunft gedruckter Reiseführer.

25. März 2019

«Tour 21 war ein Flop. Wenigstens in gedruckter Form. Die Tour „Château de Peyrepertuse – Auf Touristen- und Schleichwegen rund um und in die grossartigste Burg der Katharer“ erschien denn auch nur in der ersten Auflage von 2007 meines mit Jacques Maubé verfassten Rother Wanderführers „Languedoc – Roussillon. 50 ausgewählte Wanderungen im Hinterland und an der Küste“ (2007). Peyrepertuse, diese grösste Citadelle du vertige, wollte ich unbedingt in unserem Wanderführer vorstellen. Aber nicht auf dem gewöhnlichen, von Tausenden von Touristen gemachten Weg vom Parkplatz unterhalb der Burg, sondern auf einer Rundwanderung, um noch mehr von dieser kargen, sonnendurchfluteten Landschaft im Führer drin zu haben. Allerdings gab es da laut Karte ein kleines Problem, da auf der Rückseite des Burghügels kein durchgehender Wanderweg eingezeichnet war. Doch bei einer Erkundigung vor Ort am 11. April 2004 fand ich eine durchaus begehbare Route, nicht zu Fuss, sondern mit dem Mountainbike, das ich auf leichteren Tourenrecherchen schon oft eingesetzt hatte, um, manchmal hin- und herfahrend, den besten Fussweg auszukundschaften. Im Führer las sich die als gut machbar befundene Route dann so:
„Vom Col de la Croix dessus (403 m) auf der D14 abwärts, bis rechts ein Teersträsschen abzweigt. Es kurvt – mit einer Markierung ‚Sentier Cathare‘ an einem Telefonmasten – hinab zu renoviertem Anwesen bei der Bergerie du Grès (310 m). Rechts daran vorbei und den linken Weg einschlagen. Er führt unmarkiert durchs Dickicht zu terrassierten Hängen. Unterhalb davon zweigt ein Pfad ab, der westwärts durch die grüne Wildnis leitet – immer wieder schöne Ausblicke auf Peyrepertuse.“
Soweit so gut. Bis im September 2009 der Rother Verlag folgende Leserzuschrift erhielt:
„Anders die Wanderung zur Burg der Katharer Chateau de Peyrepertuse, an dem renovierten Anwesen bei Bergerie du Gres, an dem man rechts vorbei gehen sollte um dann ins Dickicht zu gehen, kam uns eine Frau mit Bratpfanne entgegen und hat uns gedroht auf uns zuschlagen wenn wir ihr Grundstück betreten. Die Frau war von den Massen der Rotherwander genervt die alle Ihr Grundstück durchwandern wollten. Wieder eine Wanderung die uns von Ihrem Verlag versaut wurde. Wir sind dann zur Burg gefahren und haben auf die Wanderung verzichtet. Auf der Burg haben wir mehrere Deutsche getroffen denen es ähnlich ergangen ist.“»

Dumm gelaufen, in vielerlei Hinsicht, nom de Dieu! Wer noch die erste Auflage des Rother-Wanderführers von Anker/Maubé für Languedoc-Roussillon besitzt und braucht, sollte die Peyrepertuse-Tour also höchstens mit Bike und Helm (Bratpfanne!) wagen. Wer eine neuere Auflage zur Hand nimmt, wandert mit Tour 21 nun zum benachbarten Chateau de Quéribus, auf offiziellen und gut markierten Wegen.

Die ganz unterschiedlichen Erfahrungen mit den heiligen Peyrepertuse und Propriété privée machen den Beginn meines Beitrages über die Erfahrungen eines Führerautors im druckfrischen Buch „Vaut les voyages? Histoire de guides“, herausgegeben von Ariane Devanthéry und Claude Reichler. In den fünf Kapiteln „En pays lointains“, „Pour…“, „Contre…“, „Bien au contraire“ sowie „Tourisme noir“ befassen sich 27 Autorinnen und Autoren aus ganz verschiedenen Blickwinkeln mit Geschichte, Gegenwart und Zukunft gedruckter Reiseführer; dazu zählen ja auch Wanderführer. Von ihrer Nützlichkeit und Schädlichkeit, Notwendigkeit und vielleicht ebenfalls Überflüssigkeit (im Zeitalter von Internet und Smartphone). Von ihrer Vielfältigkeit, ihren Möglichkeiten und Zwängen. Immer vorbildlich präsentiert mit konkreten Beispielen. Und mit 33 Abbildungen; die letzte zeigt junge Leute, die beim Eingang zum Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau ein Selfie machen.

Herausgeber Claude Reichler schliesst die Reise durch die Welt der Reiseführer mit diesen Sätzen: «Comme les guides de randonnée sont soucieux d’indiquer les moyens de transports publics pour rejoindre le point de départ d’une excursion, ou comme il y a d’excellents guides culturels, on pourrait imaginer des écoguides qui introduiraient dans le tourisme les comportements de préservation de la nature, de maintien de la diversité des espèces, de respect des cultures humaines et de discrétion dans les villes visitées.»

Vaut le voyage? Histoire de guides. Édité et présenté par Ariane Devanthéry et Claude Reichler. Éditions Slatkine, Genève 2019, Fr. 34.-

Die Vernissage dieses besonderen Führer-Buches findet statt am Mittwoch, 27. März 2019, um 18 Uhr im Palais de Rumine, salle du Sénat (1er étage à gauche), an der Place de la Riponne 6 in Lausanne. Gleichzeitig wird der 20. Geburtstag der Association culturelle pour le voyage en Suisse gefeiert.

Die Last der Schatten

Lügen die Alpinisten – oder sagen sie einfach nicht die ganze Wahrheit? Mario Casella kennt die Geschichte(n). Ein hochspannendes (Berg)buch um feste und falsche Standplätze.

20. März 2019

„Hinter jeder Ecke lauert der nächste Lügner.“

Wirklich? Ist das so in den Bergen? Fake News im Alpinismus? Ja, es ist so. Kleine und grosse falsche Nachrichten, an kleinen und grossen Bergen. Waren die Führer von Rudolf Meyer 1812 auf dem Finsteraarhorn ganz oder nur fast ganz oben? Stand die Fürstin Dora d’Istria 1855 auf dem Mönch, wie ein durch ihre Führer ausgestelltes Dokument behauptet, oder haben diese schlicht gelogen? Warum behauptet und glaubt Cesare Maestri unbeirrbar felsenfest, er sei 1959 auf dem Cerro Torre gestanden, obwohl alle Fakten dagegen sprechen? Warum fälschte Christian Stangl 2010 ein Foto als Beweis seines Erfolges am K2, dem schwierigsten Berg der Welt? Dabei wurde es halb unten statt ganz oben aufgenommen. Und was ist mit den Alpinisten, die Dopingmittel im Rucksack und im Körper haben?

Die Antworten gibt der Tessiner Journalist, Filmer und Bergführer Mario Casella mit „Die Last der Schatten. Wenn Alpinisten nicht die ganze Wahrheit sagen“. Möglich wäre auch gewesen: Wenn Alpinisten lügen. Aber das wäre gelogen. Im Original heisst der Titel „Il peso delle ombre. Racconti veri o false storie?“ Wahre Erzählungen oder unwahre Geschichten. Echte, richtige Geschichten oder gefälschte, irrtümliche Historien. Ein hochspannendes und -aktuelles Buch zum Bergsteigen und zur Wahrheit ganz generell. Sicher ist: Schwindel, ja Betrug am Berg ist ein weites Feld bzw. eine hohe Wand. Und wer das Buch gelesen hat, sollte unbedingt zu Casellas Werk über das Gebirge am Rande Europas greifen: „Schwarz Weiss Schwarz. Eine abenteuerliche Reise durch das Gebirge und die Geschichte des Kaukasus“ (AS Verlag 2016).

In der Einleitung zu seinem jüngsten Buch schreibt Mario Casella : „Das Ziel dieses Buches ist nicht, die Wahrheit zu einigen der umstrittensten Kapitel der Alpinismusgeschichte herauszufinden, sondern von den Konsequenzen zu reden, die eine mutmaβliche Lüge jeweils für das Leben dessen hat, der sie erzählt oder über den sie verbreitet wurde. Ich habe mich dafür entschieden, nur jene Fälle zu untersuchen, die einen hohen menschlichen Wert haben, ohne eine umfassende enzyklopädischen Sammlung aller Polemiken in den Bergen anzustreben.“

Mario Casella: Die Last der Schatten. Wenn Alpinisten nicht die ganze Wahrheit sagen. Mit einem Vorwort von Daniel Anker. AS Verlag, Zürich 2018, Fr. 29.80. www.crealpina.ch/die-last-der-schatten/

Im März 2019 geht Mario Casella mit seinem Buch „Last der Schatten“ auf Lesereise. Daniel Anker unterhält sich mit ihm über schwierige Fragen im Bergsport und liest aus seinem neuen Buch vor.

Samstag, 23. März, 16 Uhr: Leipziger Buchmesse, Schweizer Gemeinschaftsstand, Halle 4, Stand C300, www.leipziger-buchmesse.de/ll/veranstaltungen/34834
Dienstag, 26. März, 18.30: Basel, Bächli Bergsport, Filiale Stücki Park, mit Apéro; Anmeldung erwünscht unter www.baechli-bergsport.ch/last-der-schatten
Mittwoch, 27. März, 18 Uhr: Bern, Alpines Museum.
Donnerstag, 28. März, 19 Uhr: Glarus, Landesbibliothek.

Der Eintritt ist jeweils frei. Die Lesereise wird unterstützt von Pro Helvetia, Schweizer Kulturstiftung. Weitere Informationen zu den Veranstaltungen finden sich unter www.werliestwo.ch

Wandern im Bikerparadies

Einmal wandern statt klettern in Finale Ligure. Lässt uns eine altbekannte Gegend mit neuen Augen sehen – und kritischem Blick.

14. März 2019

Einst waren wir Kletterer unter uns, Finale Ligure war unser Mekka. Jahr für Jahr. Irgendwann hörten wir Lorenzo und Gallo diskutieren, von Biken war die Rede. Wir hörten nicht hin. Finale war klettern, punkt. Doch dann rollten sie an, vereinzelt, in Gruppen, in Massen. Nichts gegen Biker, sie sind Sportler wie wir, wir stören uns nicht. Ihnen gehören die Strassen, die Wege, Trails, uns die Wände. Man grüsst sich, man winkt sich zu. Es gibt Kollegen, die sind beides. Wenn’s regnet Biker, wenn die Sonne scheint Kletterer. Abends auf der Piazza Garibaldi in Finalborgo fahren sie ein mit ihren schmutzgepflasterten Bikes, die Downhiller mit Helmen und Knieschutz wie Figuren aus «Herr der Ringe». Inzwischen bringen die Biker das Geld in die Gegend, fast jedes Hotel ist auch ein Bikehotel, es gibt Bikeshuttles, die Herr und Herrin und Gefährt hinauf auf die Hügel fahren, dann geht es im Trail scharf bergab bis ans Meer.

Finale ist aber auch ein schönes Wandergebiet, das wir gegenwärtig erkunden. Das Wegnetz ist abwechslungsreich, gut markiert, mit der lokalen Wanderkarte verirren wir uns nur selten in den Tälern, im dichten Gebüsch, auf den Höhen. Oft sind die Wege auch Bikerouten, und das macht sie gelegentlich unwegsam. Zerfahren, zerfurcht, werden die Wege bei Regen zu Bächen, die Erosion wäscht sie aus, zurück bleibt eine Schuttrunse, da und dort gegen einen Meter tief und zwei Meter breit. Die Ränder sind steil, oft nackter Fels, so dass wir Wanderer buchstäblich an den Rand gedrängt werden, der auch kaum zu begehen ist. Manche Kurven sind so ausgefahren, dass sie kleinen Halfpipes gleichen. Sicher ist es ein megageiles Gefühl, so einen Steilhang hinabzukurven. Zum Glück sind in diesen Tagen nur wenige Biker unterwegs, sonst würde eine Begegnung zwischen uns und einem rasenden Downhiller geradezu lebensgefährlich.

Nicht nur prekäre Vegetation geht durch diese kahlen Schuttstreifen kaputt, auch alte mit Naturstein befestigte Wege lösen sich auf, an einer Stelle haben wir auch einen der so genannten «Rockpfade» gesehen, für den Breschen in alte Steinterrassen gerissen wurden. Klar, das jahrhundertealte Kulturgut der von Buschwerk überwachsenen Steinwege und Terrassen hat heute keinen wirtschaftlichen Nutzen mehr wie einst, als es die Menschen hier ernährte. Trotzdem finden wir es respektlos gegenüber der alten Kultur und der Natur, wie für einen modischen Sport mit beidem umgegangen wird.

Vielleicht sind sich die schnellen Biker dessen gar nicht bewusst; ohne den Boden zu berühren flitzen sie durch die Landschaft mit andern Augen und Sinnen als wir bedächtigen Wanderer. Als Kletterer haben wir das Problem ja auch nicht bemerkt, auch unser Sport ist in Bezug auf die Umwelt nicht unproblematisch. Auch Wanderwege verursachen eine gewisse Erosion, das ist uns auch bewusst.

«Das 100 Kilometer lange Pfadnetz von Finale Ligure hat bereits Kultstatus» lese ich in einem Mountainbike Magazin. Biker aus aller Welt treffen sich hier. Ich glaube, dass in mehreren Ländern, aus denen sie anreisen, bei ähnlichen Umweltschäden längst Unweltverbände protestiert und Behörden Verbote erlassen hätten. Hier in Liguren ist man offensichtlich tolerant oder gewichtet den wirtschaftlichen Nutzen höher als die Schäden. Oder dann nimmt das Problem gar niemand wahr, ausser ein paar Wanderern.

Nina, Sophie, Dani & Roger

Vier neue Bücher von und über vier Schweizer Topalpinisten und –alpinistinnen.

„Der einzige Weg geht da hoch!“

Sagte Nina Caprez (Jg. 1986), die beste Kletterin der Schweiz, als sie unten in der Verdon-Schlucht in Südfrankreich stand, in die sie sich von oben abgeseilt hatte. Nun musste sie wieder hinauf, kletternd; frei kletternd natürlich, gesichert von ihrer Freundin Mélissa Le Nevé. Durch die äusserst schwierige Route „Ultime Démence“ – die totale Vergessenheit. Nina schaffte den Durchstieg, als erste Frau. Ein Schlüsselerlebnis. Nun konnten die Routen noch schwieriger, die Wände noch höher, das Leben noch überraschender werden. Nina weiss es: „Der einzige Weg geht da hoch!“ Ein Umweg aber liegt immer drin.

Davon berichtet Dominik Osswald im Buch über Nina Caprez. Ein schön geschriebenes und gemachtes Taschenbuch über die Bündnerin, die in Grenoble wohnt und auf der ganzen Welt zuhause ist, wo es senkrechte Wände hat. Schwarzweisse Fotos von ihrer neuen Heimat wechseln ab mit solchen am Fels. Aufgehängt ist das Buch an einer gemeinsamen Reise der Kletterin und des Journalisten nach Libanon, wo Nina Caprez bei ClimbAID mitarbeitet, einer Hilfsorganisation, die mit einem Lieferwagen, der zu einer Kletterwand umfunktioniert wurde, Flüchtlingscamps und libanesische Dörfer entlang der syrischen Grenze aufsucht. Vom „Rolling Rock“ sind die Kinder begeistert. Nina Caprez: „Klettern ist nicht nur ein Sport, der Abenteuerlust befriedigt. Klettern kann mehr.“

Das würde Sophie Lavaud (Jg. 1968) bestimmt sofort unterschreiben. Auch wenn die schweizerisch-französisch-kanadische Dreifachbürgerin aus Lausanne nicht senkrechte bis überhängende Wände hochklettert. Sie steigt dafür hoch hinauf, ganz hoch. Seit 2012 hat sie acht Achttausender bestiegen, darunter auch die beiden höchsten, den Everest und den K2. Deshalb ihr Übername „Lady 64 000“; er dürfte sich noch ändern, denn Sophie ist eine Himalayistin mit sehr viel Herzblut. Davon erzählt sie zusammen mit Didier Chambaretaud im vor einer Woche erschienenen Buch „Une femme, sept sommets, dix secrets“ – der Erfolg am K2 vom 21. Juli 2018 hat sich noch nicht in Buchseiten niedergeschlagen. Dafür der Versuch von 2016, den der französische Bergführer, Eiskletterpionier, Verleger und Filmer François Damilano im preisgekrönten Film „Une journée particulière“ aufgezeichnet hat.

Steigen wir vom Dach der Welt hinab in andere Gebirge, in die Alpen, nach Kanada und Schottland, aber auch nach Alaska und Patagonien. Überall dort ist der Urner Dani Arnold (Jg. 1984) unterwegs, einer der besten (und schnellsten) Alpinisten der Schweiz. Rekorddurchstiege der Nordwände von Eiger, Matterhorn und Grandes Jorasses, der Eiskletterroute „Crack Baby“ an der Breitwangfluh bei Kandersteg, der „Carlesso“ in den Dolomiten. Atemberaubende Klettereiein, die einen das Blut in den Adern gefrieren lässt. Das mit Petra Jörg verfasste Buch „Warum das alles? Rekorde & Reflexionen von Extremalpinist Dani Arnold“ taut es wieder auf, bis weitere haarsträubende, lehrreiche und humorvolle Abenteuer aufgetischt werden.

Die beste Kletterin der Schweiz, die Frau mit den meisten Achttausendern, der schnellste Alpinist. Da fehlt noch der Schweizer, der sich einem der berühmtesten Gipfel des Landes mit Haut und Haaren verschrieben hat. Es ist Roger Schäli (Jg. 1978), und sein Berg ist der Eiger, genauer: die Nordwand. Da kennt der Entlebucher fast jede der über 30 Routen, ein paar hat er auch selbst eröffnet. Ein 80-seitiges, toll illustriertes Magazin widmet sich der Eiger-Passion von Roger. Ein ganz starkes Heft über die vertikale Arena. Und über die Faszination Klettern.

Überlassen wir das Schlusswort Nina Caprez: „Ich habe für mich das Klettern nie in Frage gestellt. Ich behaupte: Wenn es morgen mit mir zu Ende sein sollte, meinetwegen durch einen Kletterunfall, ich würde retrospektiv nichts anders machen. Denn ich weiβ, was es mir gegeben hat und dass ich nur auf diesem Weg werden konnte, wer ich bin.“

Dominik Osswald: Nina Caprez. Sportkletterin. Höhlenforscherin. Wahlfranzösin. kurz & bündig Verlag, Frankfurt a.M./Basel 2019, Fr. 14.-
Sophie Lavaud & Didier Chambaretaud: Une femme, sept sommets, dix secrets. Éditions Favre, Lausanne 2019, Fr. 29.-
Dani Arnold & Petra Jörg: Warum das alles? Rekorde & Reflexionen. Eigenverlag 2018, Fr. 39.- www.daniarnold.ch/buch
Roger Schaeli & Evelyn Imfeld-Ming: Passion Eiger. Deutsch und Englisch. Entlebucher Medienhaus, Schüpfheim 2018, Fr. 18.50.

Kletterinnen am Weltfrauentag

Der achte März ist der Weltfrauentag. Wir feiern ihn mit Erna und Else, zwei kletternden Frauen im Werk von Arthur Schnitzler.

8. März 2019

„Und ich möchte wieder einmal kraxeln.“

Sagt die kecke Erna Wahl in der Auftaktszene des ersten Aktes in „Das weite Land“ von Arthur Schnitzler, einer Tragikomödie in fünf Akten, die am 14. Oktober 1911 gleichzeitig an neun deutschsprachigen Theatern uraufgeführt wurde. In dem Jahr also, in dem erstmals der Weltfrauentag begangen wurde (am 19. März; seit 1921 ist es der 8. März). Die Antwort auf Ernas Kletterwunsch gibt der Arzt Franz Mauer: „So? Da trifft man sich vielleicht auf irgend einer Felsenspitze. Mich zieht es nämlich auch in die Dolomiten.“ Als Seilpartner hat er den Fabrikanten Friedrich Hofreiter vorgesehen, der vor sieben Jahren auf einer Tour in den Dolomiten einen Freund verloren hat und seither nicht mehr klettern war. Aber, wie es so geht im Leben und auch auf der Bühne: Der Mauer hat ein Auge auf Erna geworfen, und diese wiederum himmelt den Friedrich an, obwohl dieser älter und verheiratet ist.

Natürlich geht es in „Das weite Land“ nicht nur um Berge und Menschen. Aber das Klettern nimmt eine wichtige Rolle ein. Der dritte Akt spielt im Schlerngebiet im Süditrol, am Völser Weiher und in dem an ihm liegenden Grand Hotel. Im Mittelpunkt steht der fiktive Aignerturm, eine schwierige und vor allem gefährliche Felsspitze, die Erna mit einem Führer und den beiden möglichen Liebhabern erklettert. Zum Entsetzen aller, die unten geblieben sind, mit Ausnahme des Hoteldirektors Aigner, der den Turm als Erster bestiegen hat. Er gesteht Friedrich:

„Wissen Sie, wann ich die Erstbesteigung dieses Turms unternahm, von dem Sie eben herunterkommen? – Es war sehr bald, nachdem ich mich von … meiner Frau getrennt hatte.“
„Wollen Sie damit sagen, daβ da – ein Zusammenhang bestand?“
„Gewissermaβen … Ich will ja nicht behaupten, daβ ich den Tod gesucht habe – der wäre einfacher zu haben gewesen – aber viel am Leben lag mir damals nicht.“

Von solchen düsteren Gedanken und Gefühlen ist Fräulein Erna weit weg: „Es war die schönste Stunde, Herr von Aigner, die ich je erlebt hat.“ – „Ja, dort oben!“

Dort oben möchte auch Fräulein Else sein, die Hauptfigur in Arthur Schnitzlers gleichnamiger Novelle von 1924. In einem langen inneren Monolog reflektiert sie ihren letzten Abend in einem Hotel im Dolomiten-Kurort San Martino di Castrozza und zerbricht an Geld- und Lust-Forderungen der Männer. Gleich auf der ersten Seite der Novelle denkt Fräulein Else: „Was für ein wundervoller Abend! Heut wär das richtige Wetter gewesen für die Tour auf die Rosetta-Hütte. Wie herrlich der Cimone in den Himmel ragt! – Um fünf Uhr früh wär man aufgebrochen. Anfangs wär mir natürlich übel gewesen, wie gewöhnlich. Aber das verliert sich. – Nichts köstlicher als das Wandern im Morgengrauen.“ Und ganz am Schluss der Novelle (und ihres Lebens) gehen Else diese Gedanken durch den Kopf: „Ich will noch auf viele Berge klettern. Ich will noch tanzen. Ich will auch einmal heiraten. Ich will noch reisen. Morgen machen wir die Partie auf den Cimone.“

Arthur Schnitzler: Das weite Land, 1911; Fräulein Else, 1924. Beide als Reclam-Bändchen erhältlich.

Lago Maggiore

Der 1. März ist auf der Nordhalbkugel der meteorologische Frühlingsbeginn. Auf in die Sonnenstube der Schweiz! Denn dort scheint auch heute die Sonne, während es auf der Alpennordseite regnet.

1. März 2019

„Und wie schön diese Landschaft ist! In weitem Umkreise hohe dunkelgrüne Bergzüge, lange sanftgewellte, hie und da langsam abfallende Höhenflächen, manchmal unterbrochen von vulkanartig sich zuspitzenden Kegeln. Und wo der See im Winkel umbiegt tiefer nach Italien hinein, da schiebt sich eine neue stillmächtige Wand vor den Blick und vollendet die Umschliessung. Nördlich aber, über Locarno recken sich die schneestrahlenden Zacken der Alpen riesig in die Höhe; – ein wunderbarer Kontrast zu der friedlichen Bergkette im Osten, Westen und Süden.
Hellgrün ist die Farbe des Sees, seltener bläulich, nur wenn es stürmt und starke Wogen dröhnend ans Ufer schlagen, dann bäumt sich das Wasser in dunkelgrünen, gischtspritzenden Brandungen. Nirgends habe ich einen See so als Höhensee emfpunden wie den Lago Maggiore.“

So sah der deutsche Dichter und Anarchist Erich Mühsam den Lago Maggiore, diesen knapp 64 Kilometer langen See zwischen dem Tessin, der Lombardei und dem Piemont. Im Jahre 1904 ist Mühsam erstmals über die Flaniermeile von Ascona geschlendert und hat auf dem Monte Verità weiter oben gehaust, auf diesem wahrscheinlich berühmtesten Hügel am See, wo sich ab 1900 Lebensreformer, Pazifisten, Künstler, Autoren und Anhänger unterschiedlicher alternativer Bewegungen wochen- bis jahrelang trafen. 1905 erschien Mühsams Text „Ascona“, aus dem das Zitat stammt. Er ist auch abgedruckt im hübschen Buch „Ascona und Wiedersehen mit Ascona“ aus dem Sanssouci Verlag (1979). Mit Erich Mühsam (und Hermann Hesse) wandert Beat Hächler seinerseits über den Berg der Wahrheit in dem von ihm herausgegebenen Klassiker „Das Klappern der Zoccoli. Literarische Wanderungen im Tessin“, nun in der fünften Auflage vorliegend. Auf Fotos sehen wir den nackten Erich beim Baden und den Hermann beim Ziegenhüten. Weitere literarische Touren am und über dem Lago Maggiore folgen Ursula von Wiese, Lisa Tetzner, Friedrich Glauser und vielen andern Schriftstellern.

Nun widmet sich die Nummer 45 von „Quarto“, der Zeitschrift des Schweizerischen Literaturarchivs, dem Lago Maggiore. Neun deutsche und zwei italienische Textkapitel erforschen seine „literarische Topografie“, anregend unterbrochen von drei Fotostrecken mit alten und neuen Ansichten. Barbara Piatti unternimmt literaturgeografische Streifzüge von Goethe über Hemingway und Tetzner bis zur Road Novel „Töchter“ von Lucy Fricke aus dem Jahre 2018. Christa Baumberger geht mit Glauser auf Wahrheitssuche, Lucas Marco Gisi analysiert „Woly – Sommer im Süden“ von Hans Morgenthaler, der mit seinem Erstlingswerk „Ihr Berge“ die Bergliteratur um ganz starke Seiten bereichert hat. Und Annetta Ganzoni stellt „La stanza del Vescovo“ von Piero Chiara vor; im Deutschen heisst der frivole Segler-, Liebes- und Kriminalroman „Das Zimmer in der Villa Cleofe“, als Film von Dino Risi „Das rote Zimmer“. Ein kurzer Ausschnitt aus diesem ganz besonderen Roman des Lago Maggiore:

„Ich segle auf dem See herum, den Winden nach. Am Abend lege ich in einem der kleinen Häfen an, vertrete mir ein biβchen die Füβe, esse in irgendeiner Osteria, und dann gehe ich aufs Boot zurück und lege mich unter Deck schlafen, oder, wenn es warm ist, auch auf Deck, unter die Segelplane.“

Beat Hächler: Das Klappern der Zoccoli. Literarische Wanderungen im Tessin. Rotpunktverlag, Zürich 2000 bzw. 2007, Fr. 38.-
Lago Maggiore. Literarische Topografie eines Sees/Topografia letteraria di un lago. Quarto n° 15, 2018, Fr. 15.- Erhältlich bei der Schweizerischen Nationalbibliothek in Bern und im Buchhandel.