Flüsse der Alpen

Ein reich bebildertes Ergebnis eines geografischen Grossprojektes. Für Fachleute und Flussläufer.

17. Februar 2020

«Ich bin ein Kind der Aare. Sie ist der schönste Fluss der Schweiz, unscheinbar, aber lieblich anzuschauen. Sie entspringt den Gletschern des Berner Oberlandes, flieβt durch das westliche Mittelland und erreicht bei Murgenthal den Aargau. Bei Aarburg durchbricht sie den ersten Jurariegel.»

So beginnt die 2018 erschienene Autobiographie „Kind der Aare“ des Aargauer Schriftstellers Hansjörg Schneider. Ich las sie im Chalet Riederhorn auf der Riederalp, 1186 Meter oberhalb der Rhone bzw. des Rotten, wie der 812 Kilometer lange Fluss im Oberwallis genannt wird. Seine Länge im Alpenraum beträgt 254 Kilometer, deutlich mehr als der Rhein (167 km) oder gar die Aare (95 km). Da ist sogar die Alpenreuss 5 km länger als der schöne, grüne Berner, Solothurner und Aargauer Fluss. Der mit Abstand längste Alpenfluss, der in der Schweiz entspringt, ist allerdings der Inn: Von seinen insgesamt 517 Kilometern liegen deren 373 im Alpenbogen. Diese Zahlen entnehme ich dem in jeder Hinsicht gewichtigen Buch „Flüsse der Alpen“, das am Donnerstag, 20.2.20, in der Aarehauptstadt Bern vorgestellt wird.

„Flüsse der Alpen“ bündelt das Fachwissen von mehr als 140 Autorinnen und Autoren aus sechs der acht Alpenländer. 34 Kapitel beschreiben Entstehung und Funktionen von Flüssen, ihren ökologischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Stellenwert in Geschichte und Gegenwart, das Ausmass und die Folgewirkungen menschlicher Nutzungen, sowie den Abstimmungsbedarf von Schutz- und Nutzungsinteressen. Detaillierte Portraits von 54 Flüssen bieten einen raschen Überblick und präsentieren die jeweiligen Besonderheiten. Aus der Schweiz sind dies neben den schon oben erwähnten fünf noch folgende acht Flüsse: Grosse und Kleine Emme, Kander, Linth, Maggia, Saane, Ticino und – etwas überraschend – die Vispa; sie besteht aus den zwei Armen Saaser und Matter Vispa, die sich in Stalden zur Vispa vereinigen und nach rund 35 Kilometern in die Rhone ergiessen. Ein berühmter und viel besungener Fluss, der in den Alpen entspringt, wird zu Recht nicht porträtiert: Der 652 Kilometer lange Po, der von der Quelle am Monviso grad knapp 20 Kilometer in seine Ebene braucht.

„Wir haben uns bewusst entschieden, ein Buch zu machen, das auch Nicht-Fachleute gerne lesen wollen“, sagt Mitherausgeber Prof. Dr. Dominik Siegrist, Leiter des Instituts für Landschaft und Freiraum der Hochschule für Technik Rapperswil HSR. Das sieht man dem rund 512 Seiten starken und knapp zwei Kilos schweren Werk auch an. Zahlreiche, meist farbige Fotos machen die Flussräume der Alpen spürbar, spannende Karten und Grafiken bieten nützliche Zusatzinformationen. Und spätestens bei den Fluss-Portraits wird die Neugier geweckt. Wenn vielleicht nicht unbedingt bei der Aare, dann sicher bei der Adda, der Ammer/Amper oder des Avisio. Und ganz sicher bei der Arve, die 100 Meter jenseits der Schweizer Grenze entspringt und auf den letzten ihrer 108 Kilometer durch den Kanton Genf fliesst, bevor sie sich gebirgstrüb dem klaren Seeausfluss namens Le Rhône ergibt.

Susanne Muhar (Hrsg.) / Andreas Muhar (Hrsg.) / Dominik Siegrist (Hrsg.) / Gregory Egger (Hrsg.): Flüsse der Alpen. Vielfalt in Natur und Kultur. Haupt Verlag, Bern 2019, Fr. 58.- Gibt es auch in einer englischen Ausgabe: Rivers of the Alps. Diversity in Nature and Cultur.

Buchvernissage „Flüsse der Alpen“ am Donnerstag, 20. Februar 2020, um 19 Uhr im Atelier 14B der Buchhandlung Haupt am Falkenplatz 14 in Bern. Paul Moser, Violine, und Rosemarie Burri, Piano, begleiten den Anlass. Aus organisatorischen und Platzgründen wird um Anmeldung an presse@haupt.ch oder 031 309 09 00 gebeten.

Skitouren unter südlicher Sonne

Im Süden der Alpen hat’s Schnee und Sonne. Nichts wie hin, mit zwei frischen Skitourenführern.

12. Februar 2020

«Classica salita di allenamento, molto frequentata grazie alla sua accessibilità da Domodossola e all’assenza di difficoltà tecniche e tratti pericolosi (a parte gli ultimi metri).»

Gestern Dienstag wäre es wohl möglich gewesen, den bis auf die letzten Meter leicht erreichbaren Moncucco (1902 m) mit Ski zu besteigen. Seine Hänge jedenfalls leuchteten weiss unter blauem Himmel, schier senkrecht oberhalb der Piazza del Mercato in Domodossola. Dort tranken wir einen Caffè, an der Sonne und geschützt vom böigen Nordwind. Und dort kaufte ich in der Libreria Grossi ein paar italienische Bergbücher, darunter „Ossola Skialp“ von Simone Antonietti und Paolo Sartori. Dieser schön und übersichtlich gemachte Führer schlägt 59 Skitouren in den Tälern rund um Domodossola vor, vom Pizzo Bianco gegenüber der Dufourspitze über die Gipfel des Simplon und Binntals bis zur Cima della Laurasca im Val Grande. Diese Cima wäre gestern auch erreichbar gewesen, während die mehr am Alpenhauptkamm liegenden Gipfel wolken- und sturmumtost blieben. Aber es kam grosse (Vor)freude auf, all die sonnigen Übersichts- und Actionfotos von „Ossola Skialp“ anzuschauen. Da nächste Mal nehmen wir die Skitourenausrüstung mit, ma certo.

Der Ossola-Skitourenführer erschien im Dezember 2019 in der Reihe „Luoghi Verticale“ der Edizioni Versante Sud. Erst vor rund einer Woche kam ein Skitourenführer heraus, der ebenfalls eher südliche Gipfel vorstellt: „Graubünden Süd“ von Vital Eggenberger. Der Bündner Bergführer stellt darin mit allen (ski)touristischen Infos die südöstliche Hälfte der weissen Bündner Berge zwischen Piz Buin und Piz Bernina, Piz Platta und Piz Chavalatsch, dem östlichsten Punkt der Schweiz, vor. Die neue Ausgabe enthält 440 Tourenziele, davon 40 neu gegenüber der letzten Auflage von 2010, mit 800 Skirouten, davon 50 neu. Da gibt es also in den Gebieten Avers, Oberhalbstein, Albula, Engadin, Münstertal, Puschlav und Bergell einiges zu tun in den nächsten Wintern. Zum Beispiel im Val Poschiavo. Sein südlichster Gipfel ist der Piz Cancan (2435 m). Er „ist Ziel einer leichten Skitour und bietet eine beeindruckende Aussicht ins Valtellina“, so Eggenberg. „Wegen des langen Zustiegs durch das Val dal Saent lohnt sich eine Übernachtung in der Capanna Anzana.“

Mit Vital Eggenberg jüngstem Werk kommt ebenfalls Vorfreude auf. Aber nicht nur. Denn: Seit 1962 hat der Schweizer Alpen-Club 46 Skitourenführer veröffentlicht, die acht Übersetzungen nicht mitgezählt. „Alpine Skitouren Zentralschweiz“ und „Alpine Skitouren Graubünden“ waren die beiden ersten Bände. Mit „Graubünden Süd“ ist nun der 47. und letzte Band dieser unverzichtbaren Führer, welche die schier unzähligen Skitourenmöglichkeiten in den Schweizer Alpen und im Jura beschreiben.

Simone Antonietti, Paolo Sartori: Ossola Skialp. Edizioni Versante Sud, Milano 2019, € 30.-
Vital Eggenberger: Skitouren Graubünden Süd. SAC Verlag, Bern 2020, Fr. 54.-; für SAC-Mitglieder Fr. 44.-

Schnee

Der Winter ist noch nicht vorbei. Auch wenn es im Wallis schon frühlingshaft mild war. Schnee ist angesagt – ganz sicher zwischen Buchdeckeln. Und im brandneuen Fundbüro für Erinnerungen im Alpinen Museum der Schweiz in Bern.

5. Februar 2020

« – U-u-u-uh – sang der Schneesturm auf dem Dachboden, und irgendetwas schlug drauβen wütend im Wind, vermutlich das Aushängeschild der Zemstvohütte. – U-u-u-uh! »

Könnte Petra gewesen sein, dieser wütende Wind, der in der Nacht von Montag auf Dienstag durch die Schweiz raste – als Schneesturm allerdings nur in höheren Lagen. Und Zemstvo hört sich mehr nach Russland als nach Oberland an. Das lautmalerische Zitat stammt aus der Erzählung „Auf Dienstreise“ von Anton Čechov, einem der grössten und bekanntesten russischen Erzähler und Dramatiker. Er veröffentlichte 1899 die Geschichte von zwei Staatsangestellten, die zu einer Untersuchung aufs Land fahren müssen und in einen Schneesturm geraten; auf deutsch erschien sie erstmals 2015 im Diogenes-Erzählband „Die Dame mit dem Hündchen“. Nun hat Christine Stemmermann 25 von Peter Urban übersetzte Čechov-Geschichten ausgewählt, in denen der Winter Regie führt, mal dramatisch, mal sonnig, manchmal auch nur nebenbei wie bei der oben erwähnten Dame. Einer meiner liebsten Texte handelt vom Schlitteln – beim Lesen spürt man den Wind, der beim Runtersausen ins Gesicht bläst. Kurz: „Wintergeschichten“ ist die passende Lektüre für Nachmittage, wenn man im T-Shirt an einer Stallholzwand hockt, mitten in weisser Landschaft, und natürlich auch für Abende, wenn es draussen so richtig chuttet.

Wenn – genau! Wenn es wieder mal richtig Winter wäre, auch in tieferen Lagen. „Wo ist der Winter“, fragt sich Michael Schophaus in „Schnee. Eine Liebeserklärung an den Winter“. In 12 Kapiteln befasst sich der Journalist, der seine ersten Abfahrten von weiss angehauchten Anhöhen im Ruhrgebiet machte, mit der vergänglichen Materie. Spricht über Schneekanonen, begleitet Skiasse, trotzt Schneestürmen auf der halben Welt. Zuweilen wirkt seine Schreibe etwas angestrengt cool. Doch was er hier schreibt, sollte uns nicht kalt lassen: „Sicher werden uns die Enkel eines Tages fragen, wieso wir so viele Bretter vor dem Kopf hatten, als es hieβ, den Winter zu retten. Wenn sie sich darüber beklagen, warum sie keine Schneemänner mehr bauen können, wie wir es machten, als wir klein waren.“

Wenn hierzulande die Schneemänner verschwinden und die Pisten grünen, dann hat es ja vielleicht Schnee in Norwegen und Bulgarien, auf Island oder Kreta, in den Pyrenäen oder Abruzzen, in der Hohen Tatra oder Sierra Nevada – in letzterer ganz sicher, wenn das Gebirge so heisst. Alle Traumziele für Skitouren, wie Stefan Stadler mit dem knapp 500seitigen Führer „Abenteuer Skitouren – Best of Europa“ zeigt. Dumm nur, dass man dorthin meistens fliegen muss und so zur Erwärmung des Klimas beiträgt. Die Abruzzen allerdings liegen locker in Bahn-Mietauto-Reichweite, und wenn man den braven Monte Blockhaus (2140 m) im Majella-Gebirge, den bösen Corno Grande (2912 m), den höchsten Gipfel des ganzen Apennins, und die andern vorgeschlagenen Touren er-fahren hat, dann könnte man noch den Monte Gorzano (2458 m) anhängen, der sich am Nordrand der Abruzzen erhebt. Dort mal runterzukurven, das wär’s! Wir sind im Herbst 2018 runtergewandert…

„Quo vadis Sciatore?“ steht auf dem Plakat, das Franz Lehnart 1947 für das Trentino geschaffen hat; es zeigt einen Eisbär, der mit Ski auf den Schultern und einer Pfeife in der Schnauze munter durch Schneefall wandert. Auf einem Plakat für Cortina d’Ampezzo liess der Künstler ein Mädchen schlitteln, das lächelnd einen Schneeball zu werfen gedenkt. Zwei seitengrosse Abbildungen aus „Il libro della neve. Avventure, storie, immaginario“. Darin befasst sich Franco Brevini ausgiebig und umfassend mit dem Schnee in allen Formen und Schichten, Jahreszeiten und Ländern, in Kunst und Literatur, im Film und Krieg. Rund 300 farbige und schwarz-weisse Abbildungen, ein umfangreiches Literaturverzeichnis und ein Stichwortverzeichnis von Abetone (Skiort im nördlichen Apennin) über Hölderlin und Holmenkollen, Tomba und Turner bis Mathias Zdarsky verweisen auf die Breite und Dicke dieses Buches vom Schnee. Es empfiehlt sich auch denjenigen, die Schnee nur als Meringue mögen.

Apropos Verpflegung: Bei Pommes und Punsch feiert das Alpine Museum der Schweiz am Freitag, 14. Februar 2020, ab 18.30 Uhr die Eröffnung seines neuen interaktiven Sammlungsformates „Fundbüro für Erinnerungen“. Im Zentrum stehen nicht die Dinge, sondern die Geschichten dahinter – erzählt von den Besucherinnen und Besuchern. Das erste Thema heisst „Skifahren“. Welche Spuren hat das Skifahren hinterlassen? Welche Erlebnisse und Gegenstände sind geblieben? Vielleicht auch: Wie und wo werden wir in Zukunft skilaufen? Auf geht’s in dieses Fundbüro, mit und ohne Ski auf den Schultern. Als erste Persönlichkeiten bringen ihre Objekte und Geschichten an den Helvetiaplatz: Marie-Theres Nadig am Sonntag, 23. Februar 2020, 11 Uhr; Beni Thurnheer am Samstag, 28. Februar 2020, 17 Uhr.

Anton Čechov: Wintergeschichten. Diogenes Verlag, Zürich 2019, Fr. 30.-
Michael Schophaus: Schnee. Eine Liebeserklärung an den Winter. AT Verlag, Aarau 2019, Fr. 30.-
Stefan Stadler: Abenteuer Skitouren – Best of Europa. Die schönsten Skitouren zwischen Island und Kreta. Panico Alpinverlag, Köngen 2020, Fr. 50.- Erhältlich bei Piz Buch & Berg, www.pizbube.ch
Franco Brevini: Il libro della neve. Avventure, storie, immaginario. Il Mulino, Bologna 2019, € 45.-

Bergmenschen

Zwei Bücher über Menschen, die sich den Bergen verschrieben haben. Manchmal für ewig.

29. Januar 2020

«Lange bevor ich zum Klettern kam, haben mich Abenteurer wie Scott, Nansen und Shackleton fasziniert. Mich interessierte das ganze Drumherum: das Aufbrechen, das Entdecken unbekannter Gebiete. Das ist bis heute so. Das Klettern ist zuerst Mittel zum Zweck, um aufzubrechen und mich von dem familiären Establishment zu lösen. Mein gröβter Wunsch war einmal, eine Blockhütte zu bauen und mitten im Busch von Kanada zu überwintern. Der ist immer noch da.»

Verrät Stefan Glowacz, einstiger Shooting Star der Sportkletterszene, im Interview, das Michael Ruhland, seit 2012 Chefredaktor des Magazins „Bergsteiger“, mit ihm in der Rubrik „Das groβe Bergsteiger-Interview“ geführt hat. Nun liegen diese Interviews in Buchform unter dem Titel „Bergmenschen. 30 Ikonen der Bergwelt über Wagnis, Liebe und Demut“ vor. Angereichert mit Fotos der Interviewten aus ihrem (Berg)leben sowie mit extra für das Buch gemachten Porträtfotos von Christoph Jorda. Da gibt es Porträts, die mit der entsprechenden Legende unter die Haut gehen. So dasjenige von Hansjörg Auer, der in einer alten Bauernstube vor einem Teller mit Fisch sitzt und ernst in die Kamera blickt; der Österreicher wurde am 16. April 2019 zusammen mit David Lama und Jess Roskelley beim Abstieg vom Howse Peak im Banff-Nationalpark von einer Lawine in den Tod gerissen. „Es gibt Bilder für die Ewigkeit. Die jetzt tieftraurige Bedeutung konnte Fotograf nicht ahnen, als er Hansjörg Auer im März 2019 im Ötztal besuchte. Die Idee mit dem Fischessen lag nahe – Auer war durch sein ‚Fisch-Solo‘ an der Marmolada-Südwand berühmt geworden. Jetzt hat es den Charakter eines letzten Abendmahles.“

Auer ist nicht der einzige Befragte, der nicht mehr unter uns weilt. Auch David Lama, Ueli Steck und Heiner Geiβler haben ihren letzten Gang angetreten. Geiβler, der Politiker? Ja genau, der war eben auch Bergsteiger. Unter den insgesamt 34 Personen (manchmal sind auch Paare darunter, wie die Gebrüder Huber) hat Michael Ruhland nicht nur mehr oder weniger bekannte Alpinisten und Kletterer wie Adam Ondra, Norbert Sandner und Reinhold Messner eingehend befragt, sondern auch andere Menschen der Berge, so den Alpenprofessor Werner Bätzing, den Hüttenwirt und Bluesmusiker Willy Michl, den Fotografen Robert Bösch oder den Klettersteigpapst Eugen Hüsler. Sieben der 34 Interviewten sind Frauen: Ines Papert, Tamara Lunger, Billi Bierling, Alix von Melle, Gerlinde Kaltenbrunner, Elisabeth und Marlene Schuen. Aufgeteilt ist der Gesprächsband in die Kapitel Aufbruch, Wagnis (mit nicht zufällig drei Verstorbenen), Demut, Liebe, Enttäuschung und Ankommen.

Ein Bergmensch durch und durch ist auch Willy Garaventa, der 1957 zusammen mit seinem Bruder Karl die Schweizer Seilbahnfirma Garaventa AG gegründet hat. Im Gleichschritt mit dem sich ausbreitenden Tourismus führ(t)en ihre Seilbahnen auf immer mehr Stationen und Gipfel der Schweizer Alpen – und bald auf solche in der ganzen Welt. Rebekka Haefeli erzählt in „Willy Garaventa. Biografie des Schweizer Seilbahnpioniers“ die Geschichte des noch immer rüstigen Selfmademannes mit Jahrgang 1934. Als das mit tollen Fotos illustrierte Buch erschien, gab er der „SonntagsZeitung“ ein grosses Interview. Auf die Frage, wohin es ihn gezogen hätte, wenn er nicht in den Seilbahnbau eingestiegen wäre, antwortete Willy Garaventa: „Dann wäre ich Seefahrer geworden. Ich war als Kind ein Bücherwurm und las alle Seeräubergeschichten. Seefahrer waren jene, die in der Welt herumkamen. Das wollte ich auch. Diese Abenteuerlust ist mir geblieben. Mein ganzes Leben war ein Abenteuer.“

Michael Ruhland (Text), Christoph Jorda (Porträtfotos): Bergmenschen. 30 Ikonen der Bergwelt über Wagnis, Liebe und Demut. Mit einem Vorwort von Stephan Siegrist. Frederking & Thaler, München 2020, Fr. 52.-

Rebekka Haefeli: Willy Garaventa. Biografie des Schweizer Seilbahnpioniers. Hier und Jetzt Verlag, Baden 2019, Fr. 39.-

Das Buch der mystischen Orte

Der Eugen weiss, wo sich das Pilgern zwischen Hallstättersee und Mont Bégo besonders lohnt. Indirekt mit dabei: Pfarrer Martin Nil von Grindelwald.

21. Januar 2020

«Hoch oben, zwischen Piz Curvèr und Piz Toissa, liegt die in katholischen Landen Graubündens berühmte Wallfahrtskirche Ziteil, nach der Sage auf den besondern Wunsch der heiligen Jungfrau hier erbaut. Diese hatte ihren Wunsch einem Hirten geoffenbart und die Baustelle durch drei Blutstropfen bezeichnet. Der Bau wurde begonnen, aber etwas zu weit unten. Hier hatte das Baumaterial keine Ruhe. An einem schönen Morgen fand man es an die bezeichnete Stelle hinaufgerückt und baute dann auch dort. Auch für Nichtkatholiken ist es der Mühe wert, einmal da hinauf zu pilgern.»

Empfiehlt der berühmte Schweizer Kartograf und Reliefbauer Eduard Imhof im 32. „Jahrbuch des Schweizer Alpenclub“ von 1896. Der ebenso berühmte Buchautor und Klettersteigpapst Eugen E. Hüsler schlägt eine Pilgerfahrt nach Ziteil, dem „höchstgelegenen Wallfahrtsort der Ostalpen“, im „Buch der mystischen Orte in den Alpen“ vor. Bei Hüsler aber soll „eine weiβ gekleidete Frau, deren Gesicht durch einen Schleier verhüllt war, zweimal einem kleinen Mädchen, ein paar Tage später dann einem Hirtenjungen, auf Ziteil erschienen sein“. Und zwar mit der gleichen, strengen Botschaft, dass die Leute im Oberhalbstein nicht noch mehr sündigen und die Feldfrüchte verdorren lassen sollen, sonst werde Gott Strafe üben. Eine göttliche Mahnung gegen Food Waste? Wie auch immer: Die Pilgerfahrt nach Ziteil (2427 m) oberhalb von Savognin lohnt sich; im Winter vielleicht noch mehr als im Sommer, weil man dann vom bahnerschlossenen Piz Martegnas auf die Alp Foppa (2001 m) runterkurven kann. Die im Buch nicht berücksichtigte Wallfahrt auf die Rocciamelone (3558 m) mit der höchstgelegenen Kapelle in den Alpen kann im Übrigen ebenfalls nur empfohlen werden.

Hüslers 240 starkes Werk heisst im Untertitel „Von sagenhaften Bergen, verwunschenen Seen und magischen Höhlen“; es stellt insgesamt 100 mystische Orte vor, immer mit Bild, saftigem Text und einem Wandertipp. Für Liechtenstein und die Schweiz hat Eugen 23 Plätze und Gegenden ausgewählt, von den Drei Schwestern über das Martinsloch und Tells Sprung bis zu Blüemlisalp, Matterhorn und Schloss Chillon. Mit dabei auch das berühmteste Gipfeltrio der Alpen.

Und genau dorthin lohnt es sich jetzt (und bis zum 29. März) zu pilgern. Denn im Grindelwald Museum ist die Sonderausstellung „Pfarrer mit Pinsel und Kamera. Martins Nils Grindelwald“ zu sehen. Dieser Martin Nil (1887–1949), Nachfolger des berühmten Gottfried Strasser, war wie dieser weit mehr als nur der Diener Gottes im Gletscherdorf. Er war Alpinist und Fussballspieler, Fotograf und Aquarellist. Das neben der Kirche liegende Museum würdigt Nils weitgefächertes Schaffen in einem hellen Raum in zweiten Stock: schwarzweisse Fotos der Berner Alpen und der Bewohner Grindelwalds, selbst kolorierte Blumenbilder, lichtdurchflutete Aquarelle von Wetterhorn und Eiger, das erste Hüttenbuch der Mittellegihütte (Nil hielt die Bergpredigt am 12. Oktober 1924 bei der Einweihung und steuerte das Frontispitz bei), feine Anekdoten. Darunter der Film über den Pfaffensprung. 1939 hatte Nil am Sonnenhang ob Grindelwald ein Vorsass erwerben können und baute das Ertschfeld in ein Ferienhaus um. Auch nach der Eröffnung der nahe daran vorbeiführenden First-Sesselbahn 1946/47 stieg er lieber zu Fuss in sein Heimetli auf. Einmal aber sprang er zwischen Ertschfeld und Mittelstation Bort vom Lift – die Stelle heisst seither Pfaffensprung. Wenn wir mutiger gewesen wären, als wir jeweils mit Emanuel Balsiger, dem Enkel von Martin Nil, im Ertschfeld unvergessliche Skitourentage verbrachten, dann hätten wir den Sprung auch mal versucht.

Eugen E. Hüsler: Das Buch der mystischen Orte in den Alpen. Von sagenhaften Bergen, verwunschenen Seen und magischen Höhlen. Frederking & Thaler, München 2019, Fr. 42.-

Pfarrer mit Pinsel und Kamera. Martins Nils Grindelwald. Grindelwald Museum, in der Wintersaison bis 29. März 2020, in der Sommersaison bis in der Herbst 2020. Täglich offen ausser Montag und Samstag von 15 bis 18 Uhr.

Schöne Landschaften der Schweiz

Die Schweizer Landschaft ist schön. Über und unter dem Wasser. Drei neue Bildbände beweisen es wieder einmal.

15. Januar 2020

«Dass man runterfallen könnte, daran denke ich nicht. Das gefährlichste am Wildheuten ist, auf dürrem Heu zu stehen: Das ist so rutschig wie Schmierseife. Da fährt man runter wie auf dem Bob.»

Sagt der Wildheuer Toni Herger im Bildband „Die schönsten Landschaften der Schweiz“. Ist natürlich nicht schön, wenn man abstürzen könnte. Doch die Landschaft in der Schweiz ist nun nicht immer flach. Wo sie es ist, gehört sie eher selten zu den schönsten, auch nicht unbedingt zu denjenigen, welche die Stiftung Landschaftschutz Schweiz (SL) alljährlich auszeichnet. Seit 2011 ging die Auszeichnung „Landschaft des Jahres“ an folgende Gegenden:

2011: Val Sinestra GR
2012: Birspark BL/SO
2013: Campagne genevoise GE
2014: Valle di Muggio TI
2015: Innerrhoder Streusiedlung AI
2016: Isenthaler Wildheulandschaft UR (da haben wir ihn, den Toni!)
2017: Energieinfrastrukturlandschaft (welch ein Wort – gleich beim ersten Lesen begriffen?) am Aare-Hagneck-Kanal BE
2018: Paysage sacré – Les abbayes et monastère du bassin de la Sarine FR
2019: Die Moorwälder der Ibergeregg SZ
2020: Die Hangbewässerungslandschaft der Oberwalliser Sonnenberge VS.

Nun hat Raimund Rodewald, SL-Geschäftsleiter seit 1992, einen Bildband veröffentlicht, der die zehn ausgezeichneten Landschaften in Wort und Bild ausführlich und schön präsentiert vorstellt. Nur etwas fehlt auf den 184 Seiten: Bildlegenden! Beim Hagneck-Aare-Kanal mit dem neuen Kraftwerk mag das ja noch knapp angehen. Bei der Sakrallandschaft der Abteien und Klöster im Saane-Becken allerdings nicht. Da würde man schon gerne wissen, welches Kreuz und welche Kapelle da abgebildet sind – man könnte ja in Versuchung kommen, diese schönste Landschaft einmal zu besuchen.

Bleiben wir noch grad in der Romandie. Die Freiburger Fotografen Michel Roggo und Etienne Francey haben den Lac de Morat und den Lac de Neuchâtel erkundet, der erste unter Wasser, der zweite darüber. Das Werk heisst „3 Seen – 3 Lacs“, weil die Region ja als Drei-Seen-Land bekannt ist. Der Bielersee kommt allerdings kaum vor in diesem ausgezeichneten Fotoband. Ça ne fait rien, weil es ohnehin genug zu sehen gibt. Vor allem unter Wasser – Michel Roggo gehört ja zu den besten Unterwasserfotografen. Er fängt seine Landschaften wunderbar ein, all diese Pflanzen und Tiere; und gleichzeitig ist man froh, dass man sich das in der trockenen Stube ansehen darf, ohne vom Hecht beäugt oder vom Wels betastet zu werden. Die Fotos von Etienne Francey ihrerseits bestechen durch erfrischende Details und Farbigkeit. Leicht gruusig freilich dasjenige mit der Silbermöve, die eine Wasserratte verschlingt.

Bleiben wir doch grad beim Essen und am Wasser. Und besuchen Piora, dieses Seitental der oberen Leventina mit seinen Alpen und seinem berühmten Käse, seinem Dutzend Bergseen und seinem Stausee, dem Lago Ritóm, zu dem eine der steilsten Standseilbahn hinauffährt. „Piora“ ist der Titel eines grossformatigen, 300 Seiten starken Buches, das sich der Geschichte und Gegenwart diesen besonderen Alpentales widmet. Wer nicht seitenlange Abhandlungen lesen will bzw. kann, erfeut sich umso mehr an den Fotos von einst und jetzt. Ruderpartien auf dem Lago Ritóm, Kühe und Käsefabrikation, die Porträts der Älplerinnen und Älpler, die Capanna Cadagno, die Gipfelwelt zwischen Föisc und Pizzo dell’Uomo, die Seenlandschaft. Ausklappbar ist eine Luftaufnahme von Piora sowie das Panorama vom Camoghè, das Ernst Buss am 28. Juli 1904 gezeichnet hat. Ein Kapitel stellt kurz den Winter auf Piora vor. Ein Prospekt der Skigruppe des Tessiner Arbeiter-Alpenvereins (UTOE) für Skikurse in Cadagno vom Winter 1936/37 nannte die Hänge in der Val Piora „il più bei campi sciabili del Ticino“.

Raimund Rodewald: Die schönsten Landschaften der Schweiz. Werd & Weber Verlag, Thun 2019, Fr. 49.-
Michel Roggo, Etienne Francey: 3 Seen – 3 Lacs. Werd & Weber Verlag, Thun 2019, Fr. 39.-
Fabrizio Viscontini et al: Piora. Un alpe, una valle, una storia. Salvioni Edizioni, Bellinzona 2019, Fr. 45.-

Alpinismus-Geschichte(n)

Der Alpinismus gehört seit ein paar Wochen zum Unesco-Kulturerbe. In fünf Büchern begegnen wir seiner Geschichte.

9. Januar 2020

« Le mont Aiguille, c’est pointu! Il ne faudra pas moins de vingt bonhommes sérieusement équipés pour en venir à bout. L’organisation est militaire : on repère l’itinéraire, on fait le siège de la montagne comme celui d’un château fort, on installe des échelles, on place des cordes fixes… bref, quatre cent soixante ans avant la conquête de l’Everest, c’est dans le Dauphiné qu’on invente la lourde expédition himalayenne. ‘Antoine ! Que vois-tu depuis là-haut ?’ lui hurle le roi resté en bas. ‘Je vois la mer, Votre Majesté !’ »

Superbe! Wunderbar! Ein Schlüsselmoment in der Geschichte des Alpinismus, die Erstbesteigung des Mont Aiguille (2087 m) am 26. Juni 1492 durch Antoine de Ville und seine Männer. Losgeschickt auf Befehl von König Karl VIII,. der diesen einmaligen Gipfel, ringsum senkrecht abfallend und oben flach wie ein Fussballfeld, erobert sehen wollte. Zufällig oder eben nicht: im gleichen Jahr, in dem Kolumbus nach Amerika segelte. Die Erweiterung des menschlichen Horizontes in der Vertikalen und Horizontalen.

Natürlich sieht man vom Mont Aiguille das Mittelmeer nicht. Aber dass man es sehen könnte: pourquoi pas? Im roten, rucksacktauglichen Buch „La Dent du Piment. Balade épicée dans l’histoire de l’alpinisme“ tauchen immer wieder solch weiterführende Gedanken und Verknüpfungen auf, manchmal nett, da und dort auch weniger. Thomas Vennin peppt die Alpinismusgeschichte sozusagen mit Chilischoten auf, von den Anfängen, als die Berge entstanden, bis zur Rettung der französischen Alpinistin Élisabeth Revol am Nanga Parbat im Januar 2018. Die Aufnahme des Alpinismus in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit durch die UNESCO am 11. Dezember 2019 hätte Vennin bestimmt ebenfalls mit eigenen Worten gewürzt. Dafür blickt er voraus auf die Erstbesteigung des Mont Olympus (21229 m) auf dem Mars durch Reinhold Messner… Dessen Geburtsdatum hat der Autor übrigens falsch notiert: Es nicht der 14., sondern der 17. September. (Ich weiss das genau, weil ich am gleichen Tag Geburtstag habe).

Nicht als Lektüre für unterwegs, sondern auf stabilem Tisch zuhause ist folgendes Werk gedacht: „Haute montagne. Les plus grands noms de l’alpinisme. 100 ans d’histoire avec le GHM“, verfasst von Gilles Modica, Bernard Vaucher, Philippe Brass und David Chambre. Hinter dem Kürzel GHM steht die Groupe de Haute Montagne, 1919 von Jacques de Lépiney, Paul Chevalier und Paul Job gegründet, Alpinisten und Kletterer aus Paris, Mitglieder der Rochassiers. Die GHM sieht sich als Verein, der die Elite der französischen und internationalen Alpinisten vereint; wer auf www.ghm-alpinisme.com/ die Listen der lebenden und verstorbenen Mitgliedern scannt, wird grosse Namen entdecken. Aber nicht alle grössten Alpinisten gehör(t)en zu diesem elitären Club – insofern sollte man den Titel dieses Buchs nicht missverstehen. Es rollt die mehr oder weniger bekannte Geschichte des Alpinismus der letzten hundert Jahre auf, mit Schwergewicht auf französischen Akteuren. Dabei ist die Ikonografie so grossartig wie oft überraschend.

Gilles Modica, einer der Autoren des GHM-Jubiläumsbuches, hat in der Reihe „hommes & montagnes“ der Éditions Glénat einen lesenswerten Reader herausgegeben: „Destins d’alpinistes. Du comte Russell à Benoît Grison“. Darin porträtiert er 25 französische Alpinisten und einen welschen (Louis Spiro), bis auf einen (Serge Coupé) alle verstorben. Viele Namen wird man nicht kennen, ausser zum Beispiel Armand Charlet, den König der Aiguille Verte, oder Édouard Frendo, der einem Pfeiler in der Nordwand der Aiguille du Midi den Namen gegeben hat. Aber Andéol Madier de Champvermeil? An der Aiguille Dibona in den Dauphiné-Alpen hat er zwei schwierige Routen eröffnet. Vielleicht bin ich seinem Namen begegnet bei meiner Besteigung am 11. Juni 1975… Was im Buch von Modica allerdings fehlt, sind Frauen. Hoffentlich schreibt Gilles Modica am zweiten, weiblichen Band von „Destins d’alpinistes“.

In Gender-Fragen geben Pietro Garanzini & Rossella Monaco eine überzeugende Antwort. In „I grandi eroi della montagna. Uomini e donne che si sono distinti sulle vette più alte de mondo, superando i limiti umani” erzählen sie von herausragenden Touren von 22 Alpinisten und 11 Alpinistinnen. Die meisten von ihnen, nämlich neun, stammen logischerweise aus Italien; drei kommen aus der Schweiz (Loulou Boulaz, Erhard Loretan und Marco Pedrini). Manchmal wünschte man sich ein paar biografische Angaben mehr, doch im Zentrum steht immer die besondere Tour, die mit erzählerischen Mitteln wiedergegeben ist. Da kann es halt schon vorkommen, dass Details nicht ganz stimmen. Bei Lucy Walkers Frauenerstbesteigung des Matterhorns jedenfalls war ihr Bruder Horace nicht dabei.

Die Walker Family. Ganz grosse Figuren in der Geschichte des Alpinismus, mit der Pointe Walker, dem höchsten Gipfel der Grandes Jorasses, und dem gleichnamigen Pfeiler in der Nordwand. Und nun also gehört der Alpinismus zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit. Wie es dazu kam, wer die Fäden bzw. Seile spannte, was das bedeutet: Das sagt uns Bernard Debarbieux von der Uni Genf in „L’Unesco au Mont-Blanc“. Und selbstverständlich erklärte er uns in diesem roten, rucksacktauglichen Buch auch, was das eigentlich ist, der Alpinimus.

Thomas Vennin: La Dent du Piment. Balade épicée dans l’histoire de l’alpinisme. Éditions Paulsen-Guérin, Chamonix 2019, € 13.50.
Gilles Modica, Bernard Vaucher, Philippe Brass und David Chambre: Haute montagne. Les plus grands noms de l’alpinisme. 100 ans d’histoire avec le GHM. Éditions du Mont-Blanc, Chamonix 2019, € 45.-
Gilles Modica: Destins d’alpinistes. Du comte Russell à Benoît Grison. Éditions Glénat, Grenoble 2018, € 20.-
Pietro Garanzini & Rossella Monaco: I grandi eroi della montagna. Uomini e donne che si sono distinti sulle vette più alte de mondo, superando i limiti umani. Newton Comton Editori, Roma 2019, € 10.-
Bernard Debarbieux: L’Unesco au Mont-Blanc. Éditions Paulsen-Guérin, Chamonix 2020, € 15.-

Feste & Bräuche in der Schweiz

Ein Buch, das uns bestens durchs Jahr begleitet, über alle Höger hinweg.

4. Januar 2020

«Der Schnee knirscht unter den Kufen, die Pferde schnauben, die Glöckchen bimmeln und bunte Bänder flattern im Fahrtwind… So gleiten die Schlittengespanne durch die Bündner Winterlandschaft. Auf jedem der prächtig bemalten Schlitten findet ein Pärchen Platz. Hinten stehen die Herren in Frack und Zylinder und lenken, vorne sitzen die Damen in reich bestickten Sonntagstrachten. Auf solchen festlichen Fahrten zeigten sich einst frisch verliebte Paare erstmals in der Öffentlichkeit. Einem ganz bestimmten Zweck dient das Holzbrett zwischen Mann und Frau: Man sollte sich nahekommen, aber eben nicht zu nahe…»

Wer möchte da nicht mitgleiten durch verschneite Winterlandschaft, mit dem/der Liebsten? Die Schlittada in Graubünden gehört zu einer der lebendigen Traditionen, die das Bilderbuch „Feste & Bräuche in der Schweiz“ anschaulich und liebevoll, kenntnisreich und humorvoll uns näherbringen. Die Autorin Barbara Piatti und die Illustratorin Yvonne Rogenmoser führen durchs ganze Jahr und die ganze Schweiz, erzählen anschaulich von Festen und Bräuchen, von ihren Ursprüngen, ihren Besonderheiten und ihrem Wandel im Lauf der Zeit. Vom Silvesterchlausen in Appenzell Ausserrhoden am 31. Dezember und 13. Januar bis zu den Weihnachtsbräuchen im Dezember, zum Beispiel den Nünichlingern in Ziefen. Kennt Ihr nicht, nehme ich an, weder den Brauch noch das Dorf (es liegt im Reigoldswilertal im Basler Jura). Und kennt Ihr diese Traditionen: Chinigrosslinun, Bärentag, Bruder Fritschi, Botzerrössli, Blätz, Drapoling, Empaillé, Röllelibutzen, Chrienser Deckel, Greth Schell, Eis-Zwei-Geissebei oder König Rabadan? Letzteres ist allerdings nicht der Dreikönigskuchen vom 6. Januar. Darauf freue ich mich schon heute. Aber ob es mit dem Eislaufen auf dem Doubs klappen wird? Schön wär’s!

Von einem Brauch übrigens habt Ihr bestimmt schon gehört und gelesen: dem Chalandamarz in Graubünden. Seit dem 1945 erstmals aufgelegten Bilderbuch „Schellen-Ursli“ von Selina Chönz und Alois Carigiet kennt man das Austreiben des Winters am 1. März fast auf der ganzen Welt. Wie die Kinder mit den umgehängten Glocken, schön der Grösse nach, um einen Dorfbrunnen herumgehen: Diese Zeichnung bildet das Titelbild des Bilderbuches von Barbara & Yvonne.

Barbara Piatti, Yvonne Rogenmoser: Feste & Bräuche in der Schweiz. NordSüd Verlag, Zürich 2019, Fr. 30.- Gibt es auch in einer englischen Ausgabe.

Aufbruch zu neuen Horizonten

Zum Abschluss des alten Jahres sei auf ein paar ältere Bergbücher hingewiesen. Mit ihnen gelingt der Schritt ins neue aufs Schönste.

28. Dezember 2019

„Wie Tausende andere Skiläufer fuhren wir am 28. Dezember 1933 mit der Strassenbahn nach Mauer. Vielleicht unterschieden wir uns von der Masse der Brettlfahrer durch die gewichtigen Rucksäcke, die wir über die Hochstraβe hinaufbuckelten.“

Und wie sich die beiden Skifahrer unterscheiden! Denn sie wollen von Wien mit Ski bis auf den Mont Blanc. Sepp Brunhuber, bekannt als Pionier des extremen Winteralpinismus und Fast-Erstdurchsteiger der Eigernordwand (er war im Juli 1938 verhindert, weshalb Fritz Kasparek halt Heinrich Harrer mitnahm), und Julia Huber. „Ein Sportmädel, wie ich kein zweites fand. Unerschrocken ist sie auf Skiern, das Turenfahren geht ihr über alles.“ So beschreibt Brunhuber sie im Buch „Wände im Winter“. Auch das Klettern in winterlichen Verhältnissen muss ihr gefallen haben. Denn auf der „Längs-Überschreitung der Alpen auf Skiern“ besteigt das Duo viele grosse Gipfel, so Grossglockner, Kleine Zinne, Marmolata, Weisskugel, Piz Buin. In der Dreischusterhütte in den Sextner Dolomiten wird sechs Wochen verweilt, „Julias skiläuferisches Können erregte die Bewunderung der Gäste und Skilehrer.“ Anfang April 1934 kommen die zwei Skialpinisten in die Schweiz: Silvretta, Weissfluh, Chur, Oberalp-, Furka- und Grimselpass, immer mit Ski oder zu Fuss. Wegen Schlechtwetter müssen sie sechs Tage in einer baufälligen Baracke ob dem Grimselstausee ausharren und fünf in der Lauteraarhütte gut hausen, dann geht’s hoch auf Oberaarhorn, Gross Wannenhorn, Gross Fiescherhorn, Finsteraarhorn und Ebnefluh. Durch die Walliser Alpen gelangen sie nach Courmayeur, und am 23. Mai 1934 um sieben Uhr morgens stehen Julia Huber und Sepp Brunhuber auf dem Mont Blanc. In Courmayeur warten sie drei Wochen auf ihre Velos, worauf sie 1200 km nach Wien zurückradeln: „Dann hielten wir an einer Strassenecke, und das erste Mal nach sechs Monaten trennten wir uns, und Julia fuhr gleich mir, aber in anderer Richtung, nach Hause.“

Den Namen Sepp Brunhuber kannte ich wohl, hatte wahrscheinlich auch schon von seinem 1951 publizierten „Wände im Winter“ gehört. Aber das Buch – mit dem 28-seitigen Kapitel über die Skireise mit der unbekannten Julia Huber – stand nicht in meiner Bergbibliothek. Nun ist es dort, Sepp sei dank! Mit den neuen Bergbüchern, die ich allwöchentlich vorstelle, wächste jene scheinbar unaufhaltbar weiter. Aber es kommen eben immer noch weitere, auch ältere Bücher hinzu. Ein paar ganz schöne vermachte mir Giuseppe C. Negro, Mitglied des SAC Bern. Zum Beispiel auch das von Robert Hänni: „Vom Dachfirst zum Kilimandscharo. Wie Dachdecker Arthur Spöhel allein den Kibo bezwingt“, ebenfalls 1951 herausgekommen. Und, noch eine Gemeinsamkeit: Am Ende eines Jahres begibt sich Spöhel, Tourenleiter des SAC Bern, auf die weite Reise zum höchsten Berg Afrikas.

Etwas weniger hoch war das Ziel des österreichischen Mediziners, Botanikers, Naturwissenschaftlers und Reiseschriftstellers Johann August Schultes anno 1802: der Grossglockner, damals noch nicht der höchste Gipfel Österreichs (das war noch der Ortler). 1800 wurde der Grossglockner (3798 m) erstmals bestiegen. Schultes und seinen Freunden gelang die zweite Besteigung. Darüber verfasste er den vierbändigen Bericht „Reise auf den Glockner“. Die vier Bände verschönern seit diesem Sommer, als ich eine eher kleine, dafür sehr feine Bergbuchsammlung übernehmen durfte, die meinige. Im I. Teil auf Seite 1 lese ich: „Nur mit Mühe konnten wir uns losreissen von dem schönen Admont, das während unseres kurzen Aufenthaltes von fünf Tagen jeden von uns in circäische Netze verstrickt hielt.“ Aufbruch also ebenfalls damals, auch wenn er schwer fiel.

Ja, und dann habe ich mir an Weihnachten noch selbst ein Buchgeschenk gemacht: „The Alpenstock; or Sketches of Swiss Scenery and Manners“ von Charles Joseph La Trobe, 1829 in erster, 1839 in zweiter Auflage erschienen. Bekannt wurde der Engländer La Trobe, auch Latrobe geschrieben, als Lieutenant-Governor von Victoria, einem der sechs heutigen australischen Bundesstaaten. Von 1824 bis 27 wirkte er als Privatlehrer bei der Familie de Pourtalès in Neuenburg, von wo er ausgedehnte Reisen durch die Schweiz und darüber hinaus unternahm, auch auf Berge, so auf Niesen und Stockhorn, gegen Bürglen und Gantrisch; den Gipfel des letzteren jedoch bezeichnete er als „inaccessible“. Auf Seite 188 schreibt er vom Creux du Vent „and its vast crater, rising above the forest.“ Dort oben stossen wir traditioneller Weise aufs Neue Jahr an.

Euch allen, nah und fern: Es guets Nöis!

Film, Foto & Design

Drei in vielerlei Hinsicht schwergewichtige Bildbände. Sie machen sich gut unter dem Weihnachtsbaum. Aber auch sonst.

20. Dezember 2019

– I told you – up!
– I can’t make it
– Yes you can.

Dramatische zweitletzte Szene am Mount Rushmore National Memorial im Film „North by Northwest“ („Der unsichtbare Dritte“) von Alfred Hitchcock aus dem Jahre 1959. Eve Kendall, gespielt von Eva Marie Saint, hängt mit letzter Kraft in der Hand von Roger O. Thornhill alias Cary Grant, der sich nicht weniger prekär mit der andern Hand an einem Griff hält. Fast stürzen beide in die Tiefe, doch der böse Verfolger wird von der Polizei in letzter Sekunde erschossen. Nun müssen sich Roger und Eve nur noch selbst hochhieven, zuerst am Felsen – und dann im Schlafwagen aufs Hochbett. Gerettet!

Seit Oktober 2019 sorgen Eva Marie Saint und Cary Grant am felsigen Denkmal mit den vier US-Präsidentenköpfen wieder für atemberaubende Momente, und zwar auf dem Titelbild eines ganz besonderen Bergbuches: „Dico Vertigo. Dictionnaire de la montagne au cinéma en 500 films.“ Bernard Germain beleuchtet mit Texten, Plakaten und Fotos 500 Bergfilme aus 100 Jahren. Filme, darin die Berge einen wesentlichen Platz einnehmen. Deshalb begegnen wir in diesem 430seitigen alpinen Filmhandbuch auch Regisseuren und Schauspielerinnen, bei denen wir nicht an erster Stelle an Bergkino denken: Chaplin, Marylin, Binoche, Bunuel, Tarantino und eben Hitchcock. Dieses auf Papier gebrachte Kino der Höhe zeigt ein breitgefächertes Programm: Kultfilme wie „Heidi“, „Fitzcarraldo“, „Les Bronzés font du ski“ oder „Premier de cordée“; mythische Dramen wie „Sturz ins Leere“ und „Nordwand“; optimistische Filme wie „La Mélodie du bonheur“; ethnographische Werke wie „Die Ballade von Narayama“. Und natürlich haben berühmte Bergsteiger wie Bonatti, Profit, Edlinger, Destivelle und Honnold ihre Auftritte und Filme. Kurz gesagt: Nicht verpassen!

Diesen Prachtband hier auch nicht: „Berge. Das Magnum Archiv.“ 1947 gründeten die vier Fotografen Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, David Seymour und George Rodger in New York die unabhängige Fotografenagentur Magnum Photos. Von Capa stammt denn auch das einnehmende Titelbild der lesenden und sonnenbadenden Skifahrerin im Jahr 1950, mit dem Matterhorn als stummen Zuschauer. Viermal ist der Zermatter Berg im Fotoband abgebildet, gleich oft wie der Fuji. Den Auftakt machen Werner Bischofs schwarz-weisse Berner-Alpen-Fotos aus den 1940er Jahren, den Schluss bilden Paolo Pellegrin schwarz-weisse Fotos aus den Bergen des Aostatales von 2019 – grossartig beide. Und dazwischen gibt es zahlreiche Entdeckungen zu machen, zum Beispiel die Skibilder aus der iranischen Provinz Alborz von Newsha Tavakolian. Im Vorwort schreibt Herausgeberin Nathalie Herschdorfer: „Dieses Buch nimmt den Leser mit auf eine Reise durch die Magnum Archive und erkundet, wie der Mensch sich die Berge zu eigen gemacht hat.“

Berge und Mensch: Genau darum geht es auch im dritten Buchschwergewicht. „Design from the Alps 1920–2020“ präsentiert einen überraschenden Einblick in das vielfältige Schaffen in der österreichisch-italienischen Alpenregion Tirol – Südtirol – Trentino aus den letzten hundert Jahren. Von den Holzfiguren des Futuristen Fortunato Depero über Möbel von Lois Welzenbacher zu modernen Lampen von Ettore Sottsass, von knapp brauchbaren Firngleitern zu den unbekannten Sarner-Skiern, von Kinderspielzeug über Fototechnik bis zu Fahrrädern, von Robert Fliris FiveFingers-Schuhen mit Vibramsohle zum aktuellen Bergschuh „Olympus Mons Cube“ von La Sportiva, von den Klettersteigkarabinern von Stubai und Salewa bis zu Eric Gotteins Kleiderständern aus Heugabeln: eine breite Lawine an innovativem Produktdesign rollt da auf uns zu. Wer jetzt noch kein Weihnachtsgeschenk hat, wird mit diesem reich illustrierten, auf Deutsch, Italienisch und Englisch verfassten Design-Handbuch bestimmt fündig.

In diesem Sinne: Merry Christmas!

Bernard Germain: Dico Vertigo. Dictionnaire de la montagne au cinéma en 500 films. Éditions Guérin, Chamonix 2019, € 39.50.

Annalisa Cittera, Nathalie Herschdorfer, Pietro Giglio: Berge. Das Magnum Archiv. Prestel Verlag, München 2019, Fr. 65.-

Claudio Larcher, Massimo Martignoni, Ursula Schnitzer: Design from the Alps 1920–2020. Tirol Südtirol Trentino. Kunst Meran / Scheidegger & Spiess, Zürich 2019, Fr. 49.-