Zwei neue Bücher zum Reisen durch Asien, von Ost nach West, einmal mit dem Auto, einmal zu Fuss. Mit im Gepäck und im Kopf: Annemarie Schwarzenbach und Ella Maillart. Letztere wird bis am 1. November 2026 im Photo Elysée in Lausanne mit der Ausstellung «Récits photographiques» gewürdigt. Nichts wie hin, mit dem Zug, mais bien-sûr.
«Ich weiss nicht, wann das letzte Mal jemand von Indien nach Europa gefahren ist. Aber vielleicht muss man es gerade jetzt versuchen. 15000 Kilometer liegen vor uns. Eine Linie auf der Weltkarte, die uns alle verbindet.»
So endet das Kapitel «Zeit oder Raum», das den Auftakt dieser Reise beschliesst. Mit Edwina, so der Spitzname des schwarzen Hindustan Ambassador, eines massigen Autos made in India, fuhren Andreas Babst, heute NZZ-Korrespondent für Südostasien in Bangkok, und seine Freundin, die Fotografin Rebecca Conway, von Juni 2024 bis November 2024 von Dehli zurück in die Schweiz, genauer nach Sils Baselgia. Nicht zufällig in dieses Dorf im Oberengadin, wo an einem Haus diese Schiefertafel angebracht wurde: «In Memoriam Annemarie Schwarzenbach 23. Mai 1908 – 15. Nov. 1942.» Sie war auf der Reise vor zwei Jahren von Anfang an dabei, wie im erwähnten Kapitel zu lesen ist: «Annemarie Schwarzenbach und Ella Maillart reisten Anfang Juni 1939 mit ihrem Ford aus der Schweiz Richtung Afghanistan. Aus der Reise entstanden zwei Bücher: Maillarts Der bittere Weg und Schwarzenbachs gesammelte Aufzeichnungen Alle Wege sind offen.»
Aus der Reise von Andreas Babst und Rebecca Conway entstand ebenfalls ein Buch: «Und vor uns die ganze Welt. Eine Reise über Land von Indien in die Schweiz.» Ich las das Buch in einem Zug – vielleicht müsste man schreiben: in einer Fahrt. Und blieb an Absätzen wie dem folgenden hängen, notiert beim Ronbuk-Kloster am 31. Juli 2024:
«Die Nacht hängt wie ein Samtvorhang über dem tibetischen Plateau, keine Geräusche hier oben, noch nicht. Wir warten, bis der Vorhang sich hebt. Keine Zeit hier oben, nicht wie wir sie messen, in Sekunden, Stunden, Tagen. Der Berg ist ewig. Die anderen Gipfel bilden eine Gasse für den höchsten von ihnen. Das Morgenlicht färbt den Mount Everest violett, dann ein graues Blau. Ich mach ein Foto mit dem Handy und komme mir dumm vor. Der Berg, er duldet uns alle nur.»
Im oben erwähnten Kapitel bemerkt Andreas Babst, dass ihm Schwarzenbachs Buch immer näher gewesen sein. Einem anderen Reisenden war Ella Maillart (1903–1997) näher. Immer wieder erwähnt er sie in seinem Buch, auch dann, wenn er nicht mehr ihren Spuren durch Asiens Gebirge folgt: «Voici au moins un toit comme je les comprends: on peut admirer les étoiles éclatantes avant de s’endormir! Lointaines, cerclées par la yourte, elles sont le fond d’un puits fabuleux…» Und dann setzt der Maillart-Anhänger noch eine Bemerkung hinzu: «Nous aurions été d’accord sur de nombreux sujets.» Er heisst Jérémy Bidé, Franzose, Wanderbegleiter, Skilehrer, Filmemacher. Sein erstes Buch mit dem prägnanten Titel «Fils du vent» beschreibt seine Fussreise «à travers l’Asie centrale, dans les pas des explorateurs d’antan». Der wichtigste dieser Forschungsreisenden von einst ist eben eine sie, nämlich Ella. Mit Jérémy möchte man nur selten mitwandern von Karakol nach Duschanbe, durch die Berge von Kirgistan und Tadschikistan, zu anstrengend, zu gefährlich, zu überwältigend vielleicht auch. Aber mitlesen, mais bien-sûr!
Und mitgehen und miterleben mit Ella Maillart natürlich auch. Deshalb bis am 1. November 2026 unbedingt ihre Ausstellung «Récits photographiques» im Photo Elysée in Lausanne besuchen. Liegt ja nur ein paar Schritte neben dem Bahnhof. Bei der Hinreise beginnen wir mit der Lektüre von Babst oder Bidé, bei der Rückreise vom bitteren Weg. Das Kapitel «Chorassan» setzt so ein:
«Wir rasten den Pass im Süden von Gurgan hinauf und entwichen der Dampfbad-Atmosphäre, die uns während der drei Tage beim Kaspischen Meer so sehr mitgenommen hatte – Menschenkörper sind nicht dazu bestimmt, ständig zu tropfen wie ein Sack mit Quark. Oben auf dem windgepeitschten Pass war es kalt; im Westen zerrissen die Gipfel der Elburskette die Wolken zu Fetzen.»
Andreas Babst: Und vor uns die ganze Welt. Eine Reise über Land von Indien in die Schweiz. Malik Verlag, München 2026. € 22,00.
Jérémy Bidé: Fils du vent. À travers l’Asie centrale, dans les pas des explorateurs d’antan. Éditions Glénat, Grenoble 2026. € 21.50.
Ella Maillart: Der bittere Weg. Mit Annemarie Schwarzenbach unterwegs nach Afghanistan. Lenos Verlag, Basel 2026 (fünfte Auflage). Erste deutsche Auflage 1948 im Orell Füssli Verlag unter dem Titel Auf abenteuerlicher Fahrt durch Iran und Afghanistan. In Lausanne bis am 1. November 2026: https://elysee.ch/expositions/ella-maillart-recits-photographiques/






























