Gipfelglück und Gipfelpech

Zwei neue Gipfelbücher bekannter Autoren. Eines kann man sehr gut aufschlagen.

3. Juni 2020

«Hundertundeine Geschichte über die berühmtesten Gipfel der Alpen: die Höchsten, die Schönsten, die Schwersten, die Schicksalsberge, die Sagenhaften, die Unscheinbaren…»

Steht auf der Rückseite des Buches „101 Gipfel der Alpen – und was Sie über diese schon immer wissen wollten“. Vom Stuhleck (1782 m), dem ersten Skiberg Österreichs, bis zum Mont Aiguille (2087 m), der 1492 erobert wurde, als Kolumbus nach Amerika segelte, hat Uli Auffermann besondere Gipfel mit interessanten Geschichten ausgewählt. Klar: Wenn ein schweizerischer, französischer, italienischer oder slowenischer Verleger ein solches Buch auf den Markt brächte, hätten der Gaisberg (1287 m) oder das Dürrnbachhorn (1776 m) kaum Aufnahme gefunden, der Hahnenkamm (1712 m) mit der Streif-Abfahrt vielleicht schon, obwohl auch das Lauberhorn (2472 m) einen Podestplatz verdient hätte. 22 der 101 vorgestellten Gipfel stehen (wenigstens halbwegs) in der Schweiz, wobei es in Wirklichkeit mehr sind, denn die Nr. 75 mit den Churfirsten weist sieben Gipfel auf, die Nr. 81 mit dem Mont Rosa deren sechs (insgesamt sogar neun, wovon drei ganz in Italien). Und, ein schöner Zufall: Bei 22 Nummern konnte ich ein Gutzeichen dahinter setzen; allerdings stand ich nicht auf allen Firsten zwischen Walensee und Toggenburg, am Monte Rosa fehlen mir einige Spitzen, an der Drusenfluh mindestens zwei Türme. Wie vor drei Wochen geschrieben, verpasste ich die Pointe Walker der Grandes Jorasses (Nr. 95) um 350 Höhenmeter. Die Nr. 88, die Rocciamelone (3538 m) im Piemont, die möchte ich einmal besteigen: „Man braucht kein Sünder zu sein, um sich den höchsten Wallfahrtsort der Alpen einmal anzusehen“, heisst es in diesem handlichen und empfehlenswerten Gipfelbuch.

„Bunter, facettenreicher und kurzweiliger ist die Alpingeschichte nie erzählt worden.“ Steht auf der Rückseite des Buches „Das ist doch der Gipfel. Geschichten von den Bergen der Welt“. In fünfzehn Kapiteln beleuchtet Andreas Lesti Persönlichkeiten aus der Geschichte des Alpinismus und des alpinen Tourismus, von Belsazar Hacquet und Johann Wolfgang Goethe über Jemima Morell, Meta Brevoort und Aleister Crowley bis zur Familie Barmasse und zu David Lama. Als ich das handliche Gipfelbuch erstmals aufschlug, geriet ich zufällig auf die Seite 45 mit „Die letzten sieben unbestiegenen Alpengipfel“. Höchst interessant, fand ich. In der Einleitung zur Aufzählung steht, dass das goldene Zeitalter des Alpinismus 1854 begann, „als gerade mal 39 Alpengipfel übrig geblieben waren, und endete im Sommer 1865, da waren es noch sieben Viertausender.“ Als siebtletzter Gipfel wird das Matterhorn aufgeführt, obwohl der sechstletzte (Aiguille Verte) und der fünftletzte (Obergabelhorn) früher erstmals bestiegen wurden; als letzter die Pointe Walker, deren erste Besteigung allerdings erst 1868 erfolgte. Soweit schon leicht falsch. Aber: 12 der 48 Viertausender der Schweiz wurden erst nach 1865 erstmals bestiegen, die schwierigsten des Montblanc-Massivs, die fünf Aiguilles du Diable, gar erst zwischen 1923 und 1928. Soweit ganz falsch. Dass es 1854 noch 39 unbestiegene Alpengipfel gegeben haben soll, widerlegt schon allein die alpingeschichtliche Tatsache, dass 58 Alpingipfel im Jahre 1865 erstmals bestiegen wurden. Nach dem Lesen der Seite 45 klappte ich dieses Gipfelbuch wieder zu.

Uli Auffermann: 101 Gipfel der Alpen – und was Sie über diese schon immer wissen wollten. Bruckmann Verlag, München 2020, Fr. 22.-

Andreas Lesti: Das ist doch der Gipfel. Geschichten von den Bergen der Welt. Bergwelten Verlag, Wals bei Salzburg 2020, Fr. 26.-

Schnurstracks durch die Schweiz

Direttissima 2.0: Mit Thömi und Annette quer durch die Schweiz. Viel Spass!

27. Mai 2020

«Schweizer erproben neue Form des Alpinismus.»

Mächtig stolz war ich auf diese Schlagzeile des „Alpin Magazin“ im Oktober 1983. Mein erster Artikel für eine Bergsportzeitschrift hatte es gleich auf die Frontseite geschafft. Dem damaligen „Alpin“-Herausgeber Reinhold Messner gefiel die Geschichte, wie Schweizer eine alpine Disziplin erfinden, nämlich die „Expedition in die Heimat“. Titel der dreieinhalb-seitigen Story im Heftinnern: „Neue Direttissima“. Ich berichtete, wie im Sommer 1983 Initiant Markus Liechti mit seinen Freunden Daniel Bähler und Kurt Saurer – für die Strecke von Lauterbrunnen über das Schreckhorn zur Furkapassstrasse verstärkt um Toni Steiner – die Schweiz auf der längstmöglichen Geraden durchquerte: auf dem Breitengrad 160 des schweizerischen Kilometernetzes vom Grenzstein 183 im Westen bis zum Klein Tartscher Kopf (2917 m) im Osten. 333 Kilometer misst die Gerade, der die Berner an 23 Tagen über alle Hindernisse hinweg folgten, mit einer 500-Meter-Toleranzgrenze nach Süden und Norden. Nur gerade dreimal mussten „die geradlinigen Eidgenossen“ ihren Ein-Kilometer-Korridor verlassen. Ihre Unterstützungsequipe bestand aus einem Reporterteam des Deutschschweizer Radios, das die Direttissima-Begeher während des ganzen Gewalttrips begleitete, mit täglichen Direktreportagen. Ein voller Erfolg für alle Akteure.

„Ich erinnere mich gut, wie fasziniert ich von der Berichterstattung war, die ganz meinem Abenteuergeschmack entsprach“, lesen wir im Buch „Schnurstracks durch die Schweiz“ des Berner Fotografen, Filmers und Abenteurers Thomas Ulrich. „Und so entschied ich mich dazu, nach allen meinen Expeditionen in weit entfernte Gebiete, den Blick für einmal auf die eigene Heimat zu lenken. Die Direttissima-Idee ist einfach zu gut, um sie zu versenken. Wo bringt mich die Route überall hin? Was hat sich seit 1983 verändert? Und: Schaffe ich es, im Unterschied zu meinen Vorgängern, kein einziges Mal den Sektor zu verlassen?“

Thomas Ulrich schaffte es im Sommer 2017, meistens alleine. Auf der hochalpin schwierigsten Strecke quer durch Eigerwände, über Schreckhorngrat und Grimselgranitgletscher zum Beispiel begleitete ihn Kurt Knöri. Im Sektor 160 blieb er auch, sogar dort, wo er mit dem Gleitschirm ein paar heikle und/oder unpassierbare Abschnitte überflog. Den Lai da Sontga Maria am Lukmanierpass querte er, schön brav auf der Linie 160 rudernd, auf einem Stand Up Paddle Board.

Nun ist das Buch zur Direttissima 2.0 erschienen, flott geschrieben von Annette Marti, illustriert mit vielen tollen Farbfotos, die meisten von Thomas Ulrich. Da und dort fehlt eine Bildlegende; nachvollziehbarer wäre es, wenn bei den Fotos jeweils die Koordinaten stünden, so dass die Leser noch mehr staunten, in welch verrücktem Gelände sich die helvetischen Direttissima-Begeher fortbewegen mussten. Ein erfrischender Bildband über einen bekannten Schweizer Abenteurer, über Expeditionsmöglichkeiten vor der Haustüre, über eine unbekannte Schweiz.

Ein Tipp für die Nachfolger von Markus, Thömi & Co: Statt West-Ost Nord-Süd durch die Schweiz, auf dem helvetischen Längengrad 723 (heute 2.723 geschrieben) von Ermatingen am Bodensee über das Rheinwaldhorn bis zum Grenzstein 74 südlich von Chiasso; der südlichste Punkt der Schweiz beim Grenzstein 75.B liegt noch im Korridor. Ich bin dabei.

Thomas Ulrich (Fotos), Annette Marti (Text): Schnurstracks durch die Schweiz. Parkour durch die Natur. Delius Klasing Verlag, Bielefeld 2020, Fr. 25.-

Markus Liechti u.a.: Direttissima Schweiz. Abenteuer auf Kilometer 160. Edition Erpf, Bern 1983. Erhältlich zB. auf www.zvab.com.

Ein Leben für die Kinder Tibets

Ein Buch, das Mut und Trost gibt, gerade in düsteren Zeiten.

19. Mai 2020

«Den fünfjährigen Geleg erreichte Tendol nur über eine gefährliche Bergroute. Die halsbrecherische Fahrt führte über reiβende Flüsse fernab jeglicher Zivilisation. Zur Überquerung der Gewässer musste die Reisegruppe auf ein notdürftig zusammengebasteltes Floβ zurückgreifen. Ausgerechnet auf dieser Tour wurde Tendol von einer ganzen Gruppe von Beamten begleitet. Schnell wurde klar, dass sie die Einzige war, die schwimmen konnte. Die Männer bewunderten den Mut dieser seltsamen Ausländerin. Mehrere Tage waren sie unterwegs, bis sie sich mit dem bei den Behörden gemeldeten Buben unterhalten konnten. Er lebte gemeinsam mit einem älteren Mann in einem Zelt, weit weg von den nächsten Nachbarn. Der Junge wirkte verstört. Tendol erfuhr nur wenig über seine Geschichte. Die Eltern waren tot, der Mann ein entfernter Verwandter. Der Blick des Kindes sagte ihr, dass sie es sofort mitnehmen musste.»

Für die chinesischen Behörden im Tibet ist Tendol Gyalzur eine seltsame Ausländerin. Dabei ist sie eine Einheimische. Eine, die im März 1959 aus dem Tibet fliehen musste. Auf dem beschwerlichen Weg über die Pässe des Himalajas verlor sie ihre Eltern und ihren Bruder. Jahre später nahm sich der Dalai Lama des Waisenmädchens persönlich an. So kam Tendol nach Deutschland und schliesslich in die Schweiz. Hier heiratete sie den Tibeter Lobsang, bildete sich zur Pflegefachfrau aus und wurde Mutter von zwei Buben. Jahrzehnte später kehrte Tendol nach Lhasa zurück, und als sie vor dem Potala-Palast Kinder auf der Strasse leben und hungern sah, war ihr Weg klar: Sie eröffnete das erste Waisenhaus Tibets – es sollte nicht das letzte sein. Und in ein solches Haus brachte sie Kinder wie den fünfjährigen Geleg, um sie aus der Trostlosigkeit in ein hoffnungsvolles Leben zu begleiten.

Die Journalistin und Autorin Tanja Polli hat mit Tendol Gyalzur zahlreiche Gespräche geführt, hat sie aufs Dach der Welt begleitet und schildert ihre „unglaubliche Geschichte“ im Buch „Ein Leben für die Kinder Tibets“. Sie erzählt von den teils fast everesthohen Schwierigkeiten, die Tendol Gyalzur im Tibet überwinden musste, um ihre Waisenhäuser zu bauen und zu führen. Erzählt vom Unverständis, das sie dort bei Leuten auch traf. Aber nicht nur dort: Ihre beiden Söhne hatten anfangs Mühe, dass ihre Mutter im Tibet lebte und armen Kindern half. Heute unterstützen beide das Hilfsprojekt: Der ältere mit einer Bierbrauerei vor Ort, in der ehemalige Heimkinder arbeiten, der jüngere von Rapperswil aus.

Ende Oktober 2019 erschien das Buch über die „seltsame Ausländerin“. Anfang Mai ist Tendol Gyalzur an Covid-19 gestorben. In der Todesanzeige schreibt die Familie: „,Ich stehe unter einem guten Stern‘, sagte Tendol gerne. Für uns, die wir zurückgeblieben sind, bleibt der Trost, dass unsere geliebte Amala nun selber als guter Stern am dunklen Firmament über uns wacht. Wir versuchen, nicht zu weinen, dass Tendol uns verlassen hat, sondern zu lächeln, weil sie unser Leben mit ihrem grossen Herzen bereichert hat.“

Tanja Polli: Ein Leben für die Kinder Tibets. Die unglaubliche Geschichte der Tendol Gyalzur. Wörterseh Verlag, Lachen 2019, Fr. 36.90.

Gipfelstürmer im Montblanc-Massiv

Montblanc for ever. In vier Sprachen.

11. Mai 2020

«Zu meinem grössten Bedauern kann ich nicht sagen, ich habe den Walker-Pfeiler gemacht.»

Verrät der italienische Journalist und Schriftsteller Paolo Paci im Buch „4810 Il Monte Bianco. Le sue storie, i suoi segreti“. Die kleine Beichte – „Il mio maggior rimpianto è di non poter dire ‚ho fatto la Walker‘“ – findet sich im Kapitel „Nord delle Grandes Jorasses. Il mito assoluto”. Paci, Jahrgang 1958, schreibt, es hätte in seinem Bergsteigerleben vielleicht eine Zeit gegeben, in der er an eine Begehung des 1200 Meter hohen Walker-Pfeilers gedacht habe, doch seine möglichen Seilpartner hätten ihn nur mitleidig angeschaut; ihre Skepsis habe ihm wahrscheinlich das Leben gerettet.

Eine kleine Episode in einem grossen Buch über das Montblanc-Massiv. In vier Teilen (Italien, Frankreich, Tour du Mont-Blanc und der 4810 Meter hohe Vetta) schildert es von heute aus Geschichte und Gegenwart der Gipfel und Gestalten, Geschehnisse und Geheimnisse rund um das Dach der Alpen. Spannende Stories, vor allem auf der uns viel weniger bekannten Südostseite mit Courmayeur, Val Veny und dem italienischen Val Ferret. Da muss ich im nächsten Jahr unbedingt mal für ein paar Tage oder mehr hinreisen – und nicht nur durchfahren, auf der Autobahn zwischen Aosta und Genf. Ein paar Flüchtigkeitsfehler sind auszumachen, doch schmälern sie den sehr positiven Gesamteindruck keineswegs. Und dass Paolo Paci mehr als nur La Walker und andere berühmten Routen im Kopf hat, zeigt zum Beispiel, wie er eine verblüffende Pinsellinie zwischen Turner, Hodler und Rothko zieht.

Eine Seillänge weniger empfehlenswert ist eine neue Monografie zu einem der berühmtesten Berge im Montblanc-Massiv, zu den Grandes Jorasses. Bergführer, Journalist und Buchautor Claude Gardien schildert fast nur die alpinistische Geschichte an diesem Granitkamm zwischen Italien und Frankreich, und da vor allem diejenige in der Nordwand. Natürlich, all die wilden Routen auf die sieben Gipfel, angefangen mit dem Crozpfeiler 1935 und drei Sommer später dem Walker-Pfeiler: Das darf, das muss immer wieder erzählt und gezeigt werden. Aber dass ausgerechnet eines der berühmtesten Fotos fehlt, dasjenige von Cassin, Esposito und Tizzoni nach der Erstdurchsteigung des Pfeilers auf die Pointe Walker (4208 m), erstaunt dann doch. Aber sonst hat es ganz tolle (Nordwand)-Bilder. Was ich aber vermisst habe, sind beispielsweise Hüttengeschichten, so zum Refuge-bivouac Canzio etwas oberhalb des Col des Grandes Jorasses an der Pointe Young (3996 m), dem tiefsten Gipfel der Grandes Jorasses.

Und jetzt noch ein Bilderbuch, das in diesem Jahr auf Deutsch erschienen ist: „Gipfelstürmer“ des Zeichners Pierre Zenzius. Er zeigt in genialen Bildern (und ganz kurzen Texten) die dritte Besteigung des Montblanc durch den Genfer Naturforscher Horace-Bénédict de Saussure und seine grosse Mannschaft am 3. August 1787. Was darüberhinaus das ganz Besondere an „L’ascension de Saussure“ (so der Originaltitel) ausmacht, ist der Hund, der mitkommt. Auf der ersten Doppelseite markiert er noch das Schlusslicht der langen Marschkolonne, am Schluss spurt er als erster gegen die Gipfelkalotte – très chouette. Mehr noch: Wie die ganze doch bestens bekannte Geschichte dieser Besteigung nicht nur gezeichnet ist, sondern auch erzählt wird – einfach wunderbar. Selber anschauen und lesen; mehr verrat ich nicht.

Doch noch etwas. Erstens: Das druckfrische Heft 69 der feinen Bergsteiger-Zeitschrift „Alpinist“ widmet sich vor allem dem Montblanc. Zweitens: Am 11. Mai 1986, also heute vor genau 34 Jahren, versuchten wir die Grandes Jorasses mit Ski über die Südseite zu besteigen. Auf dem oberen Gletscherplateau, auf etwa 3850 Meter, kehrten wir um; wir hatten Angst vor einem Schlechtwettereinbruch und wohl noch viel mehr vor dem fürchterlich steilen Schlusshang. Zu meinem grössten Bedauern kann ich also nicht sagen, ich habe die Pointe Walker gemacht.

Paolo Paci: 4810 Il Monte Bianco. Le sue storie, i suoi segreti. Corbaccio, Milano 2018, € 20.-

Claude Gardien: Les Grandes Jorasses. Glénat, Grenoble 2019, € 30.-

Pierre Zenzius: Gipfelstürmer. Aladin, Stuttgart 2020, € 15.-

Alpinist Magazin, Issue 69, Spring 2020: Mont Blanc, $ 15.-

Cartographica Helvetica – zwei neue Hefte

Gleich zwei neue Hefte der schweizerischen Fachzeitschrift für Kartengeschichte sind erschienen, die ganz unterschiedliche Themen unter die Linse nehmen.

4. Mai 2020

«Der höchste Punkt liegt unter mir, doch hier ist keines Bleibens, kaum gewährt er mir Raum zum Aufrechtstehen! Aber wollen wir hier photographiren, so bleibt keine Wahl, als den Gipfel um so viel abzunehmen, bis die Schnittfläche genügt, um das Instrument aufzustellen. Wir hauen für Merian und jeden Tornister eine große Stufe in’s Eis, dann beginnen Tischhauser und ich die Enthauptung der Jungfrau. Volle anderthalb Stunden haben wir aus Leibeskräften drauflosgehauen. Die Jungfrau ist etwa 1½ m niedriger geworden — da scheint der Raum zu genügen. Das Instrument wird aufgestellt, die Füße werden in das großblasige, brüchige Firneis gestemmt, dann geht es an ’s Photographiren. Tischhauser und ich operiren mit dem Instrumente, indeß Merian von seinem Platze aus die Chassis übermittelt und wieder deponirt. Jeder hat vollauf zu thun und nicht ohne seiltänzerische Evolutionen wird glücklich in einer weiteren halben Stunde die Hochgebirgsrundsicht in 6 Platten aufgenommen. An’sTrianguliren ist des knappen Raumes und hauptsächlich des schon seit einigen Stunden sich immer kräftiger entwickelnden Windes wegen nicht zu denken, und so treten wir, nachdem uns der eisige Luftstrom durch und durch ausgekühlt, um 1 Uhr 10 Min. den Rückweg an.»

Mon Dieu, was für eine Aussage des Topographen Simon Simon im Bericht „Ein photographischer Streifzug im Clubgebiet“, erschienen im 21. „Jahrbuch des Schweizer Alpenclub“ von 1885: die Enthauptung der Jungfrau! Da nimmt sich die Forderung „Nieder mit den Alpen, freie Sicht auf Mittelmeer“ der Jugendbewegung in den 1980er Jahren geradezu brav aus… Anderthalb Meter niedriger wurde die stolze Jungfrau an jenem 16. Juli 1885 gemacht. Und das für einen guten Zweck: Simon und seine Gehilfen Tischhauser und Merian waren in jenem Sommer 48 Tage in den Berner Alpen unterwegs, inklusive der Besteigung von 30 Gipfeln, um An- und Aussichten auf Glasplatten zu bannen. Aus zwei Gründen: Simon Simon (der heisst wirklich so!) brauchte diese bei der Modellierung seines riesigen Reliefs des Berner Oberlandes, das jahrzehntelang im Alpinen Museum der Schweiz in Bern ausgestellt war. Gleichzeitig dienten die Aufnahmen als Unterlagen für die die Erstellung zweier Panoramen, die als Beilagen zu den Jahrbüchern des SAC erschienen.

Dass die Karten des Bundesamtes für Landestopografie swisstopo, das 1838 in Genf durch Guillaume-Henri Dufour gegründet worden ist, weltweit einen hervorragenden Ruf haben, liegt eben auch daran, dass die Kartenmacher keinen Aufwand scheuten. Weder auf den höchsten Gipfeln noch unten in der Stadt; so ab 1889 im ersten Photoatelier des Eidgenössischen Topographischen Bureaus, das sich neben dem Bundeshaus Ost im Gebiet des heutigen Hotels Bellevue befand. Und dass die Arbeit keineswegs ungefährlich war, vor allem wenn zum Photographieren des Landes das Flugzeug eingesetzt wurde, zeigt der Umstand, dass auffällig viele „fliegende Vermessungstechniker“ den Tod durch Absturz fanden.

Der Ingenieur-Topograph und Fachhistoriker Martin Rickenbacher, Leiter der Arbeitsgruppe für Kartengeschichte der Schweizerischen Gesellschaft für Kartografie, beschreibt im Heft Nr. 59 der „Cartographica Helvetica“ die Entwicklung und die Anwendung der analogen Photographie am Bundesamt für Landestopographie. Bereits 1863, also in den Kinderjahren dieser neuen Methode, finden sich die ersten Hinweise für eine photographische Kartenreproduktion – notabene für die Alpenclubisten auf ihrer ersten Exkursion. Die Hochblüte der Reprophotographie lag in den Jahren von 1940 bis 1990. Tempi passati: Unsere Gesellschaft fotografiert digital, auf der Jungfrau so gut wie am Mittelmeer. Über das Ende der analogen Photographie bei swisstopo berichtet Felix Frey. Das Heft ist 72 Seiten dick, mit 80 Abbildungen. Besonders gefallen mir als in Belp Aufgewachsenem die verschiedenen innovativen Kartenproben der damaligen Landestopografen vom Belpberg und Gürbetal.

Und gleich noch ein Heft der schweizerischen Fachzeitschrift für Kartengeschichte ist anzuzeigen: „Die Schöpfkarte des bernischen Staatsgebietes von 1578“, herausgegeben von Michael Schläfli und Hans-Uli Feldmann. Aus aktuellem Anlass: Der Berner Stadtarzt Thomas Schöpf wurde vor 500 Jahren geboren. Dass er 1577 an der schlimmsten bekannten Pandemie der Menschheitsgeschichte, der Pest, starb, ist nur von zufälliger Aktualität. Die Karte, die in einer Ausstellung in Bern in einem Original zu bewundern ist, entstand als Gemeinschaftswerk und war kein Produkt systematischer Landesvermessung, sondern basiert auf einer ausführlichen Handschrift. Dieser Kommentar und die Karte zusammen ergeben ein einmaliges Bild des Alten Bern. Heft 60 von „Cartographica Helvetica“ beleuchtet die Schöpfkarte, die das bernische Staatsgebiet erstmals genau darstellt, aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln. Im Kommentar von 1577 und dann natürlich auch auf der Karte taucht erstmals der Name „Wetterhorn“ auf. Diese hohe Warte zwischen Grindelwald und Rosenlaui hatte jahrelang noch einen zweiten Namen: Hasli-Jungfrau.

Martin Rickenbacher und Felix Frey: Photographie an der Landestopographie. Reprophotografie, Messbilder, Aerophoto-Karten, Luftbildpläne und Photopanoramen der Schweiz. Cartographica Helvetica, Heft 59/2019.

Michael Schläfli und Hans-Uli Feldmann (Hrsg.): Die Schöpfkarte des bernischen Staatsgebietes von 1578. Cartographica Helvetica, Heft 60/2020. Zur Schöpfkarte gibt es eine Ausstellung des Zentrums Historische Bestände im Gewölbekeller des Bibliothek Münstergasse in Bern (bis Ende Oktober, bei gutem Verlauf der Corona-Krise), www.unibe.ch/ub/schoepf

Die CH-Hefte sind zu bestellen unter: info@cartographica-helvetica.ch; pro Heft 25.- www.kartengeschichte.ch

Alte Bergromane

Lesen bleibt sicher. In Bergromanen sterben höchstens die (guten und/oder bösen) Helden. Auch in solchen, die zwischen der Spanischen Grippe und dem Beginn des Zweiten Weltkrieges herausgekommen sind.

29. April 2020

«An einem Schlechtwettertag verkündeten die Zeitungen, in Basel und Bern und fast allen Schweizerstädten seien die Schulferien der Grippe wegen verlängert worden. Bis in die obersten Alphütten war die Krankheit hinaufgekrochen und verschonte weder jung noch alt. Der Doktor setzte sich an die Betten und traf energische Maβregeln, um einer Verschleppung vorzubeugen. Aus Furcht vor Ansteckung flüchtete ein Kurgast nach der Concordia, und weil dort auch schon jemand auf der Pritsche fieberte, aufs Jungfraujoch, wo er, wie es später ruchbar wurde, mit allen bösen Erscheinungen der Seuche sich ins Bett werfen muβte.»

Ziemlich aktuell, dieser Roman von gestern, nicht wahr? Er erschien erstmals 1919 in der Grote’schen Verlagsbuchhandlung in Berlin; vor mir liegt die Ausgabe von 1920, mit dem Vermerk „Siebentes Tausend“. Vor etwas mehr als 100 Jahren wütete die Spanische Grippe auf der Welt und forderte Millionen von Toten. In „Bergluft. Eine Erzählung aus der Schweizer Hochgebirgssommerfrische“ thematisiert der Berner Schriftsteller Johannes Jegerlehner am Rande diese verheerende Grippe. Sie kann aber die gesunde Bergluft nicht kontaminieren, die Jugendlichen auf der Riederalp und aus der Stadt schon gar nicht. Trotz Influenza-Pandemie erleben diese glückliche Sommerferien am Rande des Aletschgletschers, und wir Leser mit ihnen. Zum Beispiel, wenn wir virtuell auf dem Riederhorn sitzen und die Aussicht geniessen: „Im Rücken die Fuß- und Fiescherhörner und mitten durch, von hundert Zungen und Firnwassern gespeist, eine Milchstraße der Erde, der in seinem Schrecken erhabene und in seiner Erhabenheit Schrecken gebietende Aletschgletscher.“

Auch wenn die Pandemie-Massregeln der Corona-Grippe nun gelockert wurden und werden, so ist es immer noch angeraten, auf dem sonnigen Balkon oder in der sicheren Stube ein Buch zu lesen. Und warum nicht einen zweiten alten Bergroman? Ludwig Ganghofer zum Beispiel. Vor rund vierzig Jahren habe ich viele Werke des bayerischen Schriftstellers verschlungen. Nun verbrachte ich einen ruhigen Abend mit „Der laufende Berg“. Höchst eindrücklich, wie er die (fast) vergeblichen Bemühungen der Bauern gegen Murgänge schildert – Katastrophen, die unseren Gebirgsgegenden auch immer wieder drohen. Natürlich sind neben dem Flechten von Abwehrzäunen noch Liebesgeschichten hineingeflochten – was wäre ein Roman ohne solche? „Vroni hatte die Stube verlassen und war vor die Haustür getreten. Hof und Garten waren hoch verschneit. Der Schnee funkelte in der Sonne, und lautlose Winterstille lag über dem weiβen Berggehäng. In diesem frostigen Schweigen tönte durch die klare Luft ein leiser, kaum noch vernehmbarer Hall aus dem Tal herauf: kling, kling, kling, kling. Das setzte immer aus und tönte nach einer Weile wieder: kling, kling, kling, kling. Mit finsterem Gesicht wandte sich Vroni in den Flur zurück und brummte: ‚So an Spitakel machen, daβ man’s bis da auffi hören muβ!‘ Verdrossen ging sie an ihre Arbeit.“ Der Schmied und die Vroni – nein, ich sage nichts.

„Du verstehst und entschuldigst alles“, tadelt ihn die Mutter, „genau wie dein Vater, und was hat er davon gehabt in seinem kurzen Leben? Was hat er gehabt, Bub?“
Da bricht es aus Jöri hervor: „Mutter, das versteht ihr Frauen nicht, das mit den Bergen.“
„Dummheiten“, grollt sie bitter, „Eis und Schnee und Steine, was mehr – schade um die Zeit und die Mühe!“
Ausschnitt aus dem Gespräche zwischen der Witwe Madji und ihrem Sohn Jöri, Bergführer wie sein Vater, der in den Bergen gestorben ist. „Der Bergführer Jöri Madji“ heisst der zweite Roman des St. Galler Schriftstellers Ernst Otto Marti, 1937 von der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart publiziert. Er spielt in den Bündner Bergen, ohne dass die Orte und Gipfel genau lokalisiert werden können. Es geht um Freund- und Feindschaften, um familiäre und andere (!) Beziehungen, um den Beruf des Bergführers. Und ums Bergsteigen, ja um Erstbegehungen. Etwas, das damals höchst aktuell war – die undurchstiegene Eigernordwand hatte 1935 und 1936 sechs Tote gefordert. In Max Frischs zweitem grösseren Werk, „Antwort aus der Stille. Eine Erzählung aus den Bergen“, im gleichen Jahr und Verlag wie Martis „Bergführer“ erschienen, erklettert der Held einen noch unerstiegenen, höchst schwierigen Nordgrat. Jöri liebt solche alpinistischen Herausforderungen ebenfalls:
„Und über diesen Grat sollen wir nun? fragt sich Jöri Madji. Noch einmal liest er in den trockenen Mienen der beiden Engländer.
Diese beharren darauf. Jöri steckt die Hand durch die Pickelschlaufe und macht den ersten Schritt ins Ungewisse. Er denkt jetzt nicht mehr daran, daβ sie eine Erstbegehung ausführen wollen. Jetzt geht es um Messerschärfe ums eigene Leben und das der andern. Der Fels ist gut.“

In meinem Büchergestell fand ich noch einen vierten Roman, über dessen Gratrücken ich bisher immer hinweggesehen habe: „Die Freundschaft von Ladiz. Roman aus den Bergen“ von Max Mohr. Ein spannender Erzähler und Dramatiker, geboren 1891 in Würzburg, gestorben 1837 in Schanghai. Im gleichen Jahr verstarb übrigens auch Johannes Jegerlehner. Offenbar ein ganz besonderes Jahr. Item, den Roman aus den Bergen des Karwendels und die schwierige Freundschaft zwischen dem Engländer Philipp Glenn und dem Einheimischen Xaver Ragaz habe ich nun gelesen; allerdings, es sei zugegeben, nicht ganz. Das erste Buch, mit „Die Apokalypse“ betitelt, konnte mich nur mässig erwärmen, ausser im sechsten Kapitel, wo von der „Aiguille de Ragaz“ im Montblanc-Massiv die Rede ist. Im zweiten Buch, ganz modern als „Das Missing-Link“ überschrieben, erfuhr ich, wie Philipps Freundin Fanny Purgasser in einem kleinen Schneebrett ums Leben kommt. In den dritten Romanteil, „Die Nordwand“, stieg ich voll ein und kraxelte durch Irrungen und Wirrungen bis auf den Gipfel. Hier ein Ausschnitt aus dem Hüttengespräch der beiden Helden auf Seite 246:
„Gut, trinken wir Burgunder, feiern wir die groβartige Suppe, begraben wir die Nordwand – morgen wird gefaulenzt.“
Glenn schlürfte erst an dem Becher, dann an dem Suppenlöffel.
„Und übermorgen wird auch gefaulenzt! Zwei Tage sind kaputt durch diesen Alkohol – schlürfen Sie nicht so gemein!“

Als ich das las, kam mir Anderl Heckmair in den Sinn, der Anführer der Viererseilschaft, die 1938 erstmals durch die Eigernordwand kletterte; 1937 hatte er mit Theo Lesch seinen ersten Versuch unternommen. Eines der Bonmots von Anderl war dasjenige nach der achten Begehung des Walkerpfeilers in der Nordwand der Grandes Jorasses, während der er eine Flasche Cognac trank, während sein Seilpartner Hermann Köllensperger abstinent blieb, aber im Gegensatz zu Heckmair Erfrierungen an Händen und Füssen erlitt: „Für mich ist das ein Beweis, daβ Alkohol, mäβig genossen, auch in gröβeren Mengen nicht schadet.“

In diesem Sinne: Gesundheit auf weitere (Lese)-Abenteuer!

Johannes Jegerlehner: Bergluft. Eine Erzählung aus der Schweizer Hochgebirgssommerfrische. Mit Zeichnungen von Hans Beat Wieland. Grote’sche Verlagsbuchhandlung, Berlin 1919.

Ludwig Ganghofer: Der laufende Berg. Hochlandroman. Adolf Bonz, Stuttgart 1899.

Ernst Otto Marti: Der Bergführer Jöri Madji. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1937.

Max Mohr: Die Freundschaft von Ladiz. Roman aus den Bergen. Georg Müller Verlag, München 1931.

StauWerke

So schön sind Staumauern und Stauseen. Wenn sie von einem Künstler fotografiert werden. Ein perfektes Buch für ausflugsfreie Tage, ja Wochen.

22. April 2020

«Die Stauseen gehören zweifellos zum Bestand der Schweizer Mythen wie das Matterhorn, der Gotthardtunnel für die Eisenbahn oder die AHV.»

Meint Köbi Gantenbein, Bündner und bekannt als Gründer und Macher der hochangesehenen Architektur- und Designzeitschrift „Hochparterrre“, im Vorwort zu einem Bildband von Simon Walther über einen dieser Mythen. Nicht über das (halbitalienische) Horn bei Zermatt, die Gotthardzugsröhren oder die AHV. Sondern über die Staumauern, Stauwehre, Staudämme und Stauseen der Schweizer Alpen und auch des Mittellandes. Denn, so Gantenbein: „Die Gewichtsstaumauer Pérolles an der Saane bei der Stadt Fribourg läutete 1872 ein Kapitel Schweizer Geschichte ein – dort steht die erste Staumauer in Europa, gebaut in Beton.“ Voilà. Und logo, dass es schon Publikationen zu diesen helvetischen Talsperren gibt. Doch nun haben sie eine fotografische Aufwertung erhalten, sind bild- und buchmässig veredelt worden.

Natürlich: Diejenigen, die sich gegen diese (für die Schweizer Wirtschaft und Gesellschaft eminent wichtigen) Anlagen wehren, weil sie die Landschaft auch verunstalten, weil sie die Fliessgewässer hemmen, werden an dieser Hommage der Stauwerke nicht eitel Freude haben. Doch sie werden zugeben müssen, dass die seitengrossen bis doppelseitigen Fotos von Simon Walther schon verdammt schön sind. Zum Beispiel die Doppelseite mit dem von oben fotografierten Lac des Dix, dem volumenmächtigsten Stausee der Schweiz hinter der höchsten Staumauer (285 Meter): einfach grünliches Gletscherwasser fast auf dem ganzen randlosen Bild, nur rechts seitenhoch ein Stück Staumauer, leicht gekrümmt und sich gegen oben verjüngend – ganz, ganz stark. Das lässt sich übrigens auch von Gantenbeins Vorwort und Essay sagen: Wie er da seine persönliche Geschichte hineinbringt, ist unbedingt lesenswert.

Selbstverständlich lebt der Bildband von den Fotos. Und von der Machart. Randlose seitengrosse Bilder nebeneinander. Das könnte stören. Tut es aber nicht. Verunsichert nur ab und zu, wenn man beim Betrachten nicht ganz sicher ist. Welcher See und welche Mauer abgebildet sind, findet man ganz hinten. Genauso wie Angaben zu den porträtierten Seen. Es sind bei weitem nicht alle (über 200 sind’s), müssen es auch nicht sein. Die beiden flächenmässig grössten Speicherseen der Schweiz, der Sihlsee und der Lac de la Gruyère, hat Simon Walther nicht aufgesucht. Aber das nur am Rande – des Sees. Und der Rand, das Ufer, macht ja auch eine Besonderheit der Stauseen aus. Nochmals Gantenbein: „Die eindrücklichen Aufnahmen der halb leeren Stauseen sind keine Wunden in der Landschaft mehr, sondern das Kraftwerk hat neue, faszinierende Landschaften geschaffen, die hervorkommen, wenn die Energielast ins Tal gedonnert ist und die verschwinden, wenn sie wieder aufgeladen wird.“

Wir allerdings laden unsere Energie auf, wenn wir zuhause auf dem Sofa oder dem Terrassenstuhl unsere Augen über diese (mythischen) Schweizer Landschaften wandern lassen. Bevor wir sie dann, hoffentlich im kommenden Sommer, zu Fuss erleben dürfen.

Simon Walther: StauWerke. Monuments of Power. Mit einem Vorwort und Essay von Köbi Gantenbein. Benteli Verlag, 2020. Fr. 58.-

Überlebenskünstler

Überleben: ein Stichwort zu den letzten düsteren Wochen – und zu den nächsten. Ein reich illustrierter Bildband zeigt, wie es Pflanzen in den Alpen machen.

16. April 2020

Us de Berge, liebi Fründi,
Schickst mer Alperösli zu;
Schribst derzu, si sige g’wachse
Aere hohe, wilde Flue.
Grüssist mi und seist mer no,
I söll o i d’Berge cho.

Nein! Erstens soll man während der Coronakrise zu Hause bleiben und nicht in die Berge fahren; ausser man wohne natürlich dort. Zweitens sollte man auch keine Bergblumen pflücken; wobei Alpenrosen ja nicht wirklich selten sind. Und überhaupt, liebi Bärgfründe: Was soll dieses holprige Gedicht von C. Wälti? Ich fand es in meinem Lieblings-Poesieband „Helvetiens Naturschönheiten“ von 1856; der Titel ist ein paar Zeilen länger. Das Gedicht von Wälti übrigens auch. Wie im Gedichtband noch andere Verse zu Alpenrosen zu finden sind, zum Beispiel diejenigen von A. Linden:

Holde Alpenrose
Dort auf hoher Firn,
Blühst an Felsenwänden,
Alpenflurgestirn!

Nur: Welche Alpenrosen die Poeten wohl meinen? Die Rostblättrige (Rhododendron ferrugineum) oder die Bewimperte (Rhododendron hirsutum)? Erstere kommt in den Schweizer Alpen häufiger vor als letztere, die vor allem in den Ostalpen anzutreffen ist. Treffen und kreuzen sich die beiden Alpenrosenarten, wird das Produkt Rhododendron intermedium genannt.

Rostblättrige und Bewimperte Alpenrose gehören zu den 50 aussergewöhnlichen Alpenpflanzen, die Thomas Schauer (Text) und Stefan Caspari (Zeichnungen und Fotos) im reich illustrierten Bildband „Überlebenskünstler“ porträtieren. Stürmische Winde, starke Sonneneinstrahlung, dicke Schneedecken, Wassermangel, extreme Temperaturschwankungen – Pflanzen müssen in den Bergen viel aushalten. Von Aurikel und Alpen-Mannschild über Gletscher-Hahnenfuss und Rundblättriges Täschelkraut bis zu Zirbe und Zwerg-Alpenrose (!) mit dem wissenschaftlichen Namen Rhodothamnus chamaecistus: Alle haben sie Strategien entwickelt, um unter harschen Bedingungen zu gedeihen. Mit behaarten oder fleischigen Blättern wappnen sie sich gegen Trockenheit, UV-absorbierende Pigmente setzen sie ein wie Sonnencrème und eine kompakte Bauweise schützt sie gegen Winde und Kälte. Und das Edelweiss? Ein Foto zeigt es mit dem Riffelhorn und Matterhorn im Hintergrund. Wenn ich das nächste Mal am Gornergrat unterwegs sein werde, muss ich die Stelle suchen. Aber pflücken werde ich keines, nur anschauen!

Bis wir wieder ungehindert zu den Bergblumen gehen können, studieren wir sie in diesem schönen Buch. Und lesen vielleicht noch das berühmte Gedicht „Die Alpen“ (1732) von Albrecht von Haller, der sich eingehend mit Botanik beschäftigt hat. Hier nur vier der 490 Verse:

Dort ragt das hohe Haupt am edlen Enziane
Weit übern niedern Chor der Pöbel-Kräuter hin;
Ein ganzes Blumen-Volk dient unter seiner Fahne,
Sein blauer Bruder selbst bückt sich und ehret ihn.

Thomas Schauer, Stefan Caspari: Überlebenskünstler. 50 außergewöhnliche Alpenpflanzen. Haupt Verlag, Bern 2019, Fr. 39.-

Das Landleben

Der neue Bätzing, der neue Schneider. Bei beiden geht es, ganz verschieden natürlich, um die Wechselwirkung von Land und Stadt.

8. April 2020

«Warum war selbstgebackenes Brot zehn Jahre zuvor nichts Besonderes, und warum kam damals niemand auf die Idee, ein Backofenfest zu machen?»

Diese Frage stellt Werner Bätzing, emerierter Professor für Kulturgeographie an der Universität Erlangen-Nürnberg und weitbekannt als DER Alpenforscher, in seinem jüngsten Buch „Das Landleben. Geschichte und Zukunft einer gefährdeten Lebensform“. Das „damals“ im obigen Zitat bezieht sich auf die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, als das Landleben sozusagen am Boden lag. Doch spätestens seit der Lancierung der Zeitschrift „Landlust“, die in kurzer Zeit sehr erfolgreich wurde, gilt das Leben auf dem Lande nicht mehr als beschränkt, borniert und rückständig, sondern „wird auf einmal schick und modern und steht für eine neue und naturnahe Zukunft.“ Aber ist dem wirklich so? In der Einführung zu seinem 300seitigen Werk fasst Bätzing die Grundsatzfrage so: „Kann das Landleben unter den heutigen Rahmenbedingungen wirtschaftlich tragfähig, kulturell bereichernd, sozial vielfältig sein, und kann es eine qualitativ gute Versorgung und eine vielfältige und gesunde Umwelt bieten?“

Auf diese grundsätzliche Frage, und auf diejenige nach dem Backofenfest, gibt Werner Bätzing umfassende Antworten. Das nach einer tiefgreifenden Analyse zur Entstehung und zur Geschichte des Landlebens, immer auch in Bezug zu seinem mächtigen Gegenüber, nämlich der Stadt. Höchst interessant, wie sich die Industrielle Revolution auf das Landleben ausgewirkt und wie die forcierte Modernisierung dieses zwischen 1960 und 1980 nochmals gründlich umgepflügt hat. Während Bätzing die Geschichte des Landlebens anhand von Europa, ja teils der ganzen Welt aufarbeitet, untersucht er das Landleben der letzten und jetzigen Zeit vor allem in Bezug auf Deutschland. Aber die Speckgürtel um die Metropolen, die Zwischenstädte, die isolierten Einkaufszentren, die ausufernden Gewerbebauten, die Einfamilienhaussiedlungen mitten im Grünen und abseits von Dörfern, die vom Verkehr geprägten gesichtslosen Siedlungsstrukturen auf dem Lande: All das erleben wir zum Beispiel auch in der Schweiz. Und nicht in geringem Ausmasse, oh nein.

Im achten und letzten Kapitel entwirft Bätzing sechs mögliche zukünftige Entwicklungen des Landlebens. Im dritten Szenario mit einer globalen Wirtschaftskrise, entstanden durch Spekulationen im Finanzsektor, heftige Handelskriege, internationale Kriege oder durch die Coronakrise (aber die gab’s noch nicht beim Schreiben des Buches!), werden die Auswirkungen auf dem Lande etwas milder ausfallen als in der Stadt. Lokale und regionale Produzenten und Dienstleister im ländlichen Raum würden wieder bessere Möglichkeiten erhalten; sie könnten zum Beispiel Brot backen, nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Städter.

Illustriert ist Bätzings „Landleben“ mit 26 klug ausgewählten und genau beschriebenen Abbildungen. Auf dem Cover findet sich – schön, aber nicht ganz zum Inhalt passend – ein einsamer Hof in der Toskana. Da kommt mir der neue Hunkeler-Krimi von Hansjörg Schneider in den Sinn, den ich zur gleichen Zeit wie den neuen Bätzing gelesen habe. Auf dem Titelbild von „Hunkeler in der Wildnis“ ein Fuchs; aber der Polizist a.D. hat ein Erlebnis mit einem Dachs. Nicht auf dem Lande, wo er die meiste Zeit lebt, sondern in der Stadt. In einer andern Szene fragt er den verdächtigen, aus dem Maderanertal stammenden Zgraggen: „Warum bist du in die Stadt gekommen?“

Werner Bätzing: Das Landleben. Geschichte und Zukunft einer gefährdeten Lebensform. Verlag C. H. Beck, München 2020, € 26.-

Hansjörg Schneider: Hunkeler in der Wildnis. Der zehnte Fall. Diogenes Verlag, Zürich 2020, Fr. 24.-

Léman

Léman und Literatur: eine wunderbare und wanderbare Beziehung. Zwei Frauen begleiten uns diesmal.

2. April 2020

«Der Anblick des Genfer Sees und seiner wunderbaren Ufer hatte für meine Augen stets einen besonderen Reiz, den ich nicht erklären kann und der nicht nur von der Schönheit des Schauspiels herrührt, sondern von etwas noch Fesselnderem, was mich bewegt und ergreift.»

Voilà! Die Leser von Jean-Jacques Rousseau verschlangen solche Zeilen wie diese aus seinen „Confessions“; der erste Teil der „Bekenntnisse“ erschien 1782. Tiefe, eigene Gefühle in schöner, besuchenswerter Landschaft: Eine Formel, die heute noch zieht. Millionen von Touristen fahren jährlich in die Alpen. Mehr noch als Albrecht von Hallers Gedicht „Die Alpen“ von 1732 hat nämlich Rousseaus Briefroman „Julie ou La nouvelle Héloïse“ aus dem Jahre 1761 die Begeisterung für die Alpen und vor allem den Tourismus dorthin ausgelöst. Erfolgreichere Fremdenverkehrswerbung hat es seither kaum gegeben. Wer am Léman wandert, stolpert dauernd über Bücher. Es gibt kaum eine andere Gegend in den Alpen, über die und in der so viel geschrieben wurde.

Bücher über Schriftsteller und Schriftstellerin, ja überhaupt über Leute, in deren Leben bzw. Werken und Briefen der Lac Léman eine Rolle spielt, gibt es mindestens so viele wie Städte und Dörfer an diesem grössten See Westeuropas (so auch meinen Rother-Wanderführer „Genfer See“). Das jüngste solche Buch erschien am 13. Januar 2020 in den Éditions Slatkine de Genève: „Ils ont changé le monde sur le Léman“. Béatrice Peyrani und Ann Bandle stellen zehn berühmte Literaten vor, die zwischen 1754 und 1914 für einige Tage oder Jahre an die Ufer des Léman gekommen sind: auf der Suche nach Sicherheit, nach Ruhe, nach neuer Motivation zum Schreiben. Das sind die „dix géants de la littérature“: Voltaire, Jean-Jacques Rousseau, Germaine de Staël, François-René de Chateaubriand, George Gordon Byron, Stendhal, Alexandre Dumas, Gustave Flaubert, Victor Hugo, Romain Rolland. Es hätte da natürlich noch andere literarische Grössen gegeben, die in dieser Zeit an den lemanischen Gestaden weilten: Hans Christian Andersen, Johann Wolfgang Goethe oder Lew Nikolajewitsch Tolstoi.

Die beiden Autorinnen schildern ausführlich und spannend Leben und Werk der neun Schriftsteller und der einen Schriftstellerin, und wie der Genfer See sozusagen als Katalysator in beide Richtungen gewirkt hat. Aber nicht nur der See, sondern überhaupt die Schweiz. Am Schluss eines jeden Kapitels findet sich eine kurze Zusammenfassung zur Beziehung und zu den Besuchen der Literaten in der Schweiz; manchmal auch Zitate, wie bei Hugo und „ses plus beaux mots sur la Suisse“. Wobei, was er da sagt zu den Monumenten von Lausanne, die alle durch schlechten Geschmack verdorben worden seien, ist nicht ganz schön. Flaubert seinerseits fühlte sich nicht allzu wohl am Genfer See und noch viel weniger auf der Rigi, wo er zur Kur weilen musste. Ihm, der die Weite der Normandie liebte (und brauchte), fielen dort oben die Berge auf den Kopf. „Je donnerais tous les glaciers pour le musée du Vatican“, schrieb er seiner lieben Bekannten (und Schriftstellerin) George Sand. Und seinem Freund Iwan Sergejewitsch Turgenew, ebenfalls Schriftsteller, gestand er: „Gestern war ich versucht, drei Kälber zu umarmen, die ich auf einer Alp traf, aus Menschenfreundlichkeit und Mitteilungsbedürfnis.“

Doch zurück von der Rigi an den Léman. Und zu Rousseau. Bevor ich Euch auf ein sonniges Lesewochenende mit Julie & Co. einstimme, noch ein Hinweis: Béatrice Peyrani und Ann Bandle gründeten 2015 die Kultur-Site www.damier.ch – eine Entdeckung und Bereicherung sondergleichen. Aber nun zu Jean-Jacques und „Julie oder Die neue Héloïse. Briefe zweier Liebenden aus einer kleinen Stadt am Fuβe der Alpen“, vierter Teil, 17. Brief:

«Mit Müh und Not gelang es uns endlich, bis nach Meillerie zurückzurudern. (…) Weil nach der Mahlzeit die Wellen noch immer hoch gingen und das Boot ausgebessert werden muβte, schlug ich einen Spaziergang vor. Julie wandte ein, der Wind sei zu heftig und die Sonne zu heiβ, und erinnerte mich an meine eigne Müdigkeit. Ich hatte jedoch meine Absichten und zerstreute alle Bedenken. ‚Ich bin‘, sagte ich, ‚seit meiner Kindheit an harte Leibesübungen gewöhnt; sie schaden meiner Gesundheit durchaus nicht, sondern stärken sie vielmehr (…). Was Sonne und Wind betrifft, so haben Sie ja Ihren Strohhut; wir werden bald im Schutz des Waldes sein; wir müssen nur zwischen etlichen Felsen hinaufsteigen (…).»

Béatrice Peyrani, Ann Bandle: Ils ont changé le monde sur le Léman. Éditions Slatkine, Genève 2020, Fr. 37.-