Die Last der Schatten

Lügen die Alpinisten – oder sagen sie einfach nicht die ganze Wahrheit? Mario Casella kennt die Geschichte(n). Ein hochspannendes (Berg)buch um feste und falsche Standplätze.

20. März 2019

„Hinter jeder Ecke lauert der nächste Lügner.“

Wirklich? Ist das so in den Bergen? Fake News im Alpinismus? Ja, es ist so. Kleine und grosse falsche Nachrichten, an kleinen und grossen Bergen. Waren die Führer von Rudolf Meyer 1812 auf dem Finsteraarhorn ganz oder nur fast ganz oben? Stand die Fürstin Dora d’Istria 1855 auf dem Mönch, wie ein durch ihre Führer ausgestelltes Dokument behauptet, oder haben diese schlicht gelogen? Warum behauptet und glaubt Cesare Maestri unbeirrbar felsenfest, er sei 1959 auf dem Cerro Torre gestanden, obwohl alle Fakten dagegen sprechen? Warum fälschte Christian Stangl 2010 ein Foto als Beweis seines Erfolges am K2, dem schwierigsten Berg der Welt? Dabei wurde es halb unten statt ganz oben aufgenommen. Und was ist mit den Alpinisten, die Dopingmittel im Rucksack und im Körper haben?

Die Antworten gibt der Tessiner Journalist, Filmer und Bergführer Mario Casella mit „Die Last der Schatten. Wenn Alpinisten nicht die ganze Wahrheit sagen“. Möglich wäre auch gewesen: Wenn Alpinisten lügen. Aber das wäre gelogen. Im Original heisst der Titel „Il peso delle ombre. Racconti veri o false storie?“ Wahre Erzählungen oder unwahre Geschichten. Echte, richtige Geschichten oder gefälschte, irrtümliche Historien. Ein hochspannendes und -aktuelles Buch zum Bergsteigen und zur Wahrheit ganz generell. Sicher ist: Schwindel, ja Betrug am Berg ist ein weites Feld bzw. eine hohe Wand. Und wer das Buch gelesen hat, sollte unbedingt zu Casellas Werk über das Gebirge am Rande Europas greifen: „Schwarz Weiss Schwarz. Eine abenteuerliche Reise durch das Gebirge und die Geschichte des Kaukasus“ (AS Verlag 2016).

In der Einleitung zu seinem jüngsten Buch schreibt Mario Casella : „Das Ziel dieses Buches ist nicht, die Wahrheit zu einigen der umstrittensten Kapitel der Alpinismusgeschichte herauszufinden, sondern von den Konsequenzen zu reden, die eine mutmaβliche Lüge jeweils für das Leben dessen hat, der sie erzählt oder über den sie verbreitet wurde. Ich habe mich dafür entschieden, nur jene Fälle zu untersuchen, die einen hohen menschlichen Wert haben, ohne eine umfassende enzyklopädischen Sammlung aller Polemiken in den Bergen anzustreben.“

Mario Casella: Die Last der Schatten. Wenn Alpinisten nicht die ganze Wahrheit sagen. Mit einem Vorwort von Daniel Anker. AS Verlag, Zürich 2018, Fr. 29.80. www.crealpina.ch/die-last-der-schatten/

Im März 2019 geht Mario Casella mit seinem Buch „Last der Schatten“ auf Lesereise. Daniel Anker unterhält sich mit ihm über schwierige Fragen im Bergsport und liest aus seinem neuen Buch vor.

Samstag, 23. März, 16 Uhr: Leipziger Buchmesse, Schweizer Gemeinschaftsstand, Halle 4, Stand C300, www.leipziger-buchmesse.de/ll/veranstaltungen/34834
Dienstag, 26. März, 18.30: Basel, Bächli Bergsport, Filiale Stücki Park, mit Apéro; Anmeldung erwünscht unter www.baechli-bergsport.ch/last-der-schatten
Mittwoch, 27. März, 18 Uhr: Bern, Alpines Museum.
Donnerstag, 28. März, 19 Uhr: Glarus, Landesbibliothek.

Der Eintritt ist jeweils frei. Die Lesereise wird unterstützt von Pro Helvetia, Schweizer Kulturstiftung. Weitere Informationen zu den Veranstaltungen finden sich unter www.werliestwo.ch

Wandern im Bikerparadies

Einmal wandern statt klettern in Finale Ligure. Lässt uns eine altbekannte Gegend mit neuen Augen sehen – und kritischem Blick.

14. März 2019

Einst waren wir Kletterer unter uns, Finale Ligure war unser Mekka. Jahr für Jahr. Irgendwann hörten wir Lorenzo und Gallo diskutieren, von Biken war die Rede. Wir hörten nicht hin. Finale war klettern, punkt. Doch dann rollten sie an, vereinzelt, in Gruppen, in Massen. Nichts gegen Biker, sie sind Sportler wie wir, wir stören uns nicht. Ihnen gehören die Strassen, die Wege, Trails, uns die Wände. Man grüsst sich, man winkt sich zu. Es gibt Kollegen, die sind beides. Wenn’s regnet Biker, wenn die Sonne scheint Kletterer. Abends auf der Piazza Garibaldi in Finalborgo fahren sie ein mit ihren schmutzgepflasterten Bikes, die Downhiller mit Helmen und Knieschutz wie Figuren aus «Herr der Ringe». Inzwischen bringen die Biker das Geld in die Gegend, fast jedes Hotel ist auch ein Bikehotel, es gibt Bikeshuttles, die Herr und Herrin und Gefährt hinauf auf die Hügel fahren, dann geht es im Trail scharf bergab bis ans Meer.

Finale ist aber auch ein schönes Wandergebiet, das wir gegenwärtig erkunden. Das Wegnetz ist abwechslungsreich, gut markiert, mit der lokalen Wanderkarte verirren wir uns nur selten in den Tälern, im dichten Gebüsch, auf den Höhen. Oft sind die Wege auch Bikerouten, und das macht sie gelegentlich unwegsam. Zerfahren, zerfurcht, werden die Wege bei Regen zu Bächen, die Erosion wäscht sie aus, zurück bleibt eine Schuttrunse, da und dort gegen einen Meter tief und zwei Meter breit. Die Ränder sind steil, oft nackter Fels, so dass wir Wanderer buchstäblich an den Rand gedrängt werden, der auch kaum zu begehen ist. Manche Kurven sind so ausgefahren, dass sie kleinen Halfpipes gleichen. Sicher ist es ein megageiles Gefühl, so einen Steilhang hinabzukurven. Zum Glück sind in diesen Tagen nur wenige Biker unterwegs, sonst würde eine Begegnung zwischen uns und einem rasenden Downhiller geradezu lebensgefährlich.

Nicht nur prekäre Vegetation geht durch diese kahlen Schuttstreifen kaputt, auch alte mit Naturstein befestigte Wege lösen sich auf, an einer Stelle haben wir auch einen der so genannten «Rockpfade» gesehen, für den Breschen in alte Steinterrassen gerissen wurden. Klar, das jahrhundertealte Kulturgut der von Buschwerk überwachsenen Steinwege und Terrassen hat heute keinen wirtschaftlichen Nutzen mehr wie einst, als es die Menschen hier ernährte. Trotzdem finden wir es respektlos gegenüber der alten Kultur und der Natur, wie für einen modischen Sport mit beidem umgegangen wird.

Vielleicht sind sich die schnellen Biker dessen gar nicht bewusst; ohne den Boden zu berühren flitzen sie durch die Landschaft mit andern Augen und Sinnen als wir bedächtigen Wanderer. Als Kletterer haben wir das Problem ja auch nicht bemerkt, auch unser Sport ist in Bezug auf die Umwelt nicht unproblematisch. Auch Wanderwege verursachen eine gewisse Erosion, das ist uns auch bewusst.

«Das 100 Kilometer lange Pfadnetz von Finale Ligure hat bereits Kultstatus» lese ich in einem Mountainbike Magazin. Biker aus aller Welt treffen sich hier. Ich glaube, dass in mehreren Ländern, aus denen sie anreisen, bei ähnlichen Umweltschäden längst Unweltverbände protestiert und Behörden Verbote erlassen hätten. Hier in Liguren ist man offensichtlich tolerant oder gewichtet den wirtschaftlichen Nutzen höher als die Schäden. Oder dann nimmt das Problem gar niemand wahr, ausser ein paar Wanderern.

Nina, Sophie, Dani & Roger

Vier neue Bücher von und über vier Schweizer Topalpinisten und –alpinistinnen.

„Der einzige Weg geht da hoch!“

Sagte Nina Caprez (Jg. 1986), die beste Kletterin der Schweiz, als sie unten in der Verdon-Schlucht in Südfrankreich stand, in die sie sich von oben abgeseilt hatte. Nun musste sie wieder hinauf, kletternd; frei kletternd natürlich, gesichert von ihrer Freundin Mélissa Le Nevé. Durch die äusserst schwierige Route „Ultime Démence“ – die totale Vergessenheit. Nina schaffte den Durchstieg, als erste Frau. Ein Schlüsselerlebnis. Nun konnten die Routen noch schwieriger, die Wände noch höher, das Leben noch überraschender werden. Nina weiss es: „Der einzige Weg geht da hoch!“ Ein Umweg aber liegt immer drin.

Davon berichtet Dominik Osswald im Buch über Nina Caprez. Ein schön geschriebenes und gemachtes Taschenbuch über die Bündnerin, die in Grenoble wohnt und auf der ganzen Welt zuhause ist, wo es senkrechte Wände hat. Schwarzweisse Fotos von ihrer neuen Heimat wechseln ab mit solchen am Fels. Aufgehängt ist das Buch an einer gemeinsamen Reise der Kletterin und des Journalisten nach Libanon, wo Nina Caprez bei ClimbAID mitarbeitet, einer Hilfsorganisation, die mit einem Lieferwagen, der zu einer Kletterwand umfunktioniert wurde, Flüchtlingscamps und libanesische Dörfer entlang der syrischen Grenze aufsucht. Vom „Rolling Rock“ sind die Kinder begeistert. Nina Caprez: „Klettern ist nicht nur ein Sport, der Abenteuerlust befriedigt. Klettern kann mehr.“

Das würde Sophie Lavaud (Jg. 1968) bestimmt sofort unterschreiben. Auch wenn die schweizerisch-französisch-kanadische Dreifachbürgerin aus Lausanne nicht senkrechte bis überhängende Wände hochklettert. Sie steigt dafür hoch hinauf, ganz hoch. Seit 2012 hat sie acht Achttausender bestiegen, darunter auch die beiden höchsten, den Everest und den K2. Deshalb ihr Übername „Lady 64 000“; er dürfte sich noch ändern, denn Sophie ist eine Himalayistin mit sehr viel Herzblut. Davon erzählt sie zusammen mit Didier Chambaretaud im vor einer Woche erschienenen Buch „Une femme, sept sommets, dix secrets“ – der Erfolg am K2 vom 21. Juli 2018 hat sich noch nicht in Buchseiten niedergeschlagen. Dafür der Versuch von 2016, den der französische Bergführer, Eiskletterpionier, Verleger und Filmer François Damilano im preisgekrönten Film „Une journée particulière“ aufgezeichnet hat.

Steigen wir vom Dach der Welt hinab in andere Gebirge, in die Alpen, nach Kanada und Schottland, aber auch nach Alaska und Patagonien. Überall dort ist der Urner Dani Arnold (Jg. 1984) unterwegs, einer der besten (und schnellsten) Alpinisten der Schweiz. Rekorddurchstiege der Nordwände von Eiger, Matterhorn und Grandes Jorasses, der Eiskletterroute „Crack Baby“ an der Breitwangfluh bei Kandersteg, der „Carlesso“ in den Dolomiten. Atemberaubende Klettereiein, die einen das Blut in den Adern gefrieren lässt. Das mit Petra Jörg verfasste Buch „Warum das alles? Rekorde & Reflexionen von Extremalpinist Dani Arnold“ taut es wieder auf, bis weitere haarsträubende, lehrreiche und humorvolle Abenteuer aufgetischt werden.

Die beste Kletterin der Schweiz, die Frau mit den meisten Achttausendern, der schnellste Alpinist. Da fehlt noch der Schweizer, der sich einem der berühmtesten Gipfel des Landes mit Haut und Haaren verschrieben hat. Es ist Roger Schäli (Jg. 1978), und sein Berg ist der Eiger, genauer: die Nordwand. Da kennt der Entlebucher fast jede der über 30 Routen, ein paar hat er auch selbst eröffnet. Ein 80-seitiges, toll illustriertes Magazin widmet sich der Eiger-Passion von Roger. Ein ganz starkes Heft über die vertikale Arena. Und über die Faszination Klettern.

Überlassen wir das Schlusswort Nina Caprez: „Ich habe für mich das Klettern nie in Frage gestellt. Ich behaupte: Wenn es morgen mit mir zu Ende sein sollte, meinetwegen durch einen Kletterunfall, ich würde retrospektiv nichts anders machen. Denn ich weiβ, was es mir gegeben hat und dass ich nur auf diesem Weg werden konnte, wer ich bin.“

Dominik Osswald: Nina Caprez. Sportkletterin. Höhlenforscherin. Wahlfranzösin. kurz & bündig Verlag, Frankfurt a.M./Basel 2019, Fr. 14.-
Sophie Lavaud & Didier Chambaretaud: Une femme, sept sommets, dix secrets. Éditions Favre, Lausanne 2019, Fr. 29.-
Dani Arnold & Petra Jörg: Warum das alles? Rekorde & Reflexionen. Eigenverlag 2018, Fr. 39.- www.daniarnold.ch/buch
Roger Schaeli & Evelyn Imfeld-Ming: Passion Eiger. Deutsch und Englisch. Entlebucher Medienhaus, Schüpfheim 2018, Fr. 18.50.

Kletterinnen am Weltfrauentag

Der achte März ist der Weltfrauentag. Wir feiern ihn mit Erna und Else, zwei kletternden Frauen im Werk von Arthur Schnitzler.

8. März 2019

„Und ich möchte wieder einmal kraxeln.“

Sagt die kecke Erna Wahl in der Auftaktszene des ersten Aktes in „Das weite Land“ von Arthur Schnitzler, einer Tragikomödie in fünf Akten, die am 14. Oktober 1911 gleichzeitig an neun deutschsprachigen Theatern uraufgeführt wurde. In dem Jahr also, in dem erstmals der Weltfrauentag begangen wurde (am 19. März; seit 1921 ist es der 8. März). Die Antwort auf Ernas Kletterwunsch gibt der Arzt Franz Mauer: „So? Da trifft man sich vielleicht auf irgend einer Felsenspitze. Mich zieht es nämlich auch in die Dolomiten.“ Als Seilpartner hat er den Fabrikanten Friedrich Hofreiter vorgesehen, der vor sieben Jahren auf einer Tour in den Dolomiten einen Freund verloren hat und seither nicht mehr klettern war. Aber, wie es so geht im Leben und auch auf der Bühne: Der Mauer hat ein Auge auf Erna geworfen, und diese wiederum himmelt den Friedrich an, obwohl dieser älter und verheiratet ist.

Natürlich geht es in „Das weite Land“ nicht nur um Berge und Menschen. Aber das Klettern nimmt eine wichtige Rolle ein. Der dritte Akt spielt im Schlerngebiet im Süditrol, am Völser Weiher und in dem an ihm liegenden Grand Hotel. Im Mittelpunkt steht der fiktive Aignerturm, eine schwierige und vor allem gefährliche Felsspitze, die Erna mit einem Führer und den beiden möglichen Liebhabern erklettert. Zum Entsetzen aller, die unten geblieben sind, mit Ausnahme des Hoteldirektors Aigner, der den Turm als Erster bestiegen hat. Er gesteht Friedrich:

„Wissen Sie, wann ich die Erstbesteigung dieses Turms unternahm, von dem Sie eben herunterkommen? – Es war sehr bald, nachdem ich mich von … meiner Frau getrennt hatte.“
„Wollen Sie damit sagen, daβ da – ein Zusammenhang bestand?“
„Gewissermaβen … Ich will ja nicht behaupten, daβ ich den Tod gesucht habe – der wäre einfacher zu haben gewesen – aber viel am Leben lag mir damals nicht.“

Von solchen düsteren Gedanken und Gefühlen ist Fräulein Erna weit weg: „Es war die schönste Stunde, Herr von Aigner, die ich je erlebt hat.“ – „Ja, dort oben!“

Dort oben möchte auch Fräulein Else sein, die Hauptfigur in Arthur Schnitzlers gleichnamiger Novelle von 1924. In einem langen inneren Monolog reflektiert sie ihren letzten Abend in einem Hotel im Dolomiten-Kurort San Martino di Castrozza und zerbricht an Geld- und Lust-Forderungen der Männer. Gleich auf der ersten Seite der Novelle denkt Fräulein Else: „Was für ein wundervoller Abend! Heut wär das richtige Wetter gewesen für die Tour auf die Rosetta-Hütte. Wie herrlich der Cimone in den Himmel ragt! – Um fünf Uhr früh wär man aufgebrochen. Anfangs wär mir natürlich übel gewesen, wie gewöhnlich. Aber das verliert sich. – Nichts köstlicher als das Wandern im Morgengrauen.“ Und ganz am Schluss der Novelle (und ihres Lebens) gehen Else diese Gedanken durch den Kopf: „Ich will noch auf viele Berge klettern. Ich will noch tanzen. Ich will auch einmal heiraten. Ich will noch reisen. Morgen machen wir die Partie auf den Cimone.“

Arthur Schnitzler: Das weite Land, 1911; Fräulein Else, 1924. Beide als Reclam-Bändchen erhältlich.

Lago Maggiore

Der 1. März ist auf der Nordhalbkugel der meteorologische Frühlingsbeginn. Auf in die Sonnenstube der Schweiz! Denn dort scheint auch heute die Sonne, während es auf der Alpennordseite regnet.

1. März 2019

„Und wie schön diese Landschaft ist! In weitem Umkreise hohe dunkelgrüne Bergzüge, lange sanftgewellte, hie und da langsam abfallende Höhenflächen, manchmal unterbrochen von vulkanartig sich zuspitzenden Kegeln. Und wo der See im Winkel umbiegt tiefer nach Italien hinein, da schiebt sich eine neue stillmächtige Wand vor den Blick und vollendet die Umschliessung. Nördlich aber, über Locarno recken sich die schneestrahlenden Zacken der Alpen riesig in die Höhe; – ein wunderbarer Kontrast zu der friedlichen Bergkette im Osten, Westen und Süden.
Hellgrün ist die Farbe des Sees, seltener bläulich, nur wenn es stürmt und starke Wogen dröhnend ans Ufer schlagen, dann bäumt sich das Wasser in dunkelgrünen, gischtspritzenden Brandungen. Nirgends habe ich einen See so als Höhensee emfpunden wie den Lago Maggiore.“

So sah der deutsche Dichter und Anarchist Erich Mühsam den Lago Maggiore, diesen knapp 64 Kilometer langen See zwischen dem Tessin, der Lombardei und dem Piemont. Im Jahre 1904 ist Mühsam erstmals über die Flaniermeile von Ascona geschlendert und hat auf dem Monte Verità weiter oben gehaust, auf diesem wahrscheinlich berühmtesten Hügel am See, wo sich ab 1900 Lebensreformer, Pazifisten, Künstler, Autoren und Anhänger unterschiedlicher alternativer Bewegungen wochen- bis jahrelang trafen. 1905 erschien Mühsams Text „Ascona“, aus dem das Zitat stammt. Er ist auch abgedruckt im hübschen Buch „Ascona und Wiedersehen mit Ascona“ aus dem Sanssouci Verlag (1979). Mit Erich Mühsam (und Hermann Hesse) wandert Beat Hächler seinerseits über den Berg der Wahrheit in dem von ihm herausgegebenen Klassiker „Das Klappern der Zoccoli. Literarische Wanderungen im Tessin“, nun in der fünften Auflage vorliegend. Auf Fotos sehen wir den nackten Erich beim Baden und den Hermann beim Ziegenhüten. Weitere literarische Touren am und über dem Lago Maggiore folgen Ursula von Wiese, Lisa Tetzner, Friedrich Glauser und vielen andern Schriftstellern.

Nun widmet sich die Nummer 45 von „Quarto“, der Zeitschrift des Schweizerischen Literaturarchivs, dem Lago Maggiore. Neun deutsche und zwei italienische Textkapitel erforschen seine „literarische Topografie“, anregend unterbrochen von drei Fotostrecken mit alten und neuen Ansichten. Barbara Piatti unternimmt literaturgeografische Streifzüge von Goethe über Hemingway und Tetzner bis zur Road Novel „Töchter“ von Lucy Fricke aus dem Jahre 2018. Christa Baumberger geht mit Glauser auf Wahrheitssuche, Lucas Marco Gisi analysiert „Woly – Sommer im Süden“ von Hans Morgenthaler, der mit seinem Erstlingswerk „Ihr Berge“ die Bergliteratur um ganz starke Seiten bereichert hat. Und Annetta Ganzoni stellt „La stanza del Vescovo“ von Piero Chiara vor; im Deutschen heisst der frivole Segler-, Liebes- und Kriminalroman „Das Zimmer in der Villa Cleofe“, als Film von Dino Risi „Das rote Zimmer“. Ein kurzer Ausschnitt aus diesem ganz besonderen Roman des Lago Maggiore:

„Ich segle auf dem See herum, den Winden nach. Am Abend lege ich in einem der kleinen Häfen an, vertrete mir ein biβchen die Füβe, esse in irgendeiner Osteria, und dann gehe ich aufs Boot zurück und lege mich unter Deck schlafen, oder, wenn es warm ist, auch auf Deck, unter die Segelplane.“

Beat Hächler: Das Klappern der Zoccoli. Literarische Wanderungen im Tessin. Rotpunktverlag, Zürich 2000 bzw. 2007, Fr. 38.-
Lago Maggiore. Literarische Topografie eines Sees/Topografia letteraria di un lago. Quarto n° 15, 2018, Fr. 15.- Erhältlich bei der Schweizerischen Nationalbibliothek in Bern und im Buchhandel.

Erdwerke in der Region Bern

2 Bände über 158 oft auf Anhöhen errichtete Anlagen, die rund 1000 Jahre alt sind. Anleitung zum Erwandern kaum bekannter Geschichte und Gefälle.

23. Februar 2019

„Ziel der vorliegenden Publikation ist es, die Existenz der Erdwerke wieder in Erinnerung zu rufen und dazu zu animieren, diese zum Beispiel in Rahmen eines Spaziergangs oder einer Wanderung einen Besuch abzustatten.“

Genau das machen wir. Gerade jetzt, wo das Wetter so schön und warm ist. Wo der Schnee in den Niederungen geschmolzen ist. Wo die Bäume noch keine Blätter tragen. Wo die Sonnenstrahlen schräg durch die Wälder fallen. Dann sehen wir diese besonderen künstlichen Berge am besten. Wobei Berge etwas gar hoch gegriffen ist. Aber um menschengemachte Aufschüttungen handelt es sich, die Heinz J. Moll in seinem zweibändigen Werk „Erdwerke in der Region Bern“ lokalisiert, erfasst und fotografiert hat.

Erdwerke? Genau. Manchmal auch Erdburgen genannt. Ganz einfach Plätze, die unsere Vorfahren vor rund 1000 Jahren geschaffen haben, indem sie Wälle und Gräben geschaufelt haben, am liebsten an Orten, wo die Natur sozusagen auf mehreren Seiten schon Abhänge geschaffen hat, so dass nur auf einer Seite ein Wall aufgeschüttet werden musste, um den Zugang zu erschweren. Aber es gibt auch Erdwerke, die ringsum erbaut wurden, wie zum Beispiel die Chnebelburg ob Bellmund bei Biel: Diese ovalförmige, 135 x 60 Meter grosse Erdburg wurde vor zuoberst auf dem Gipfel des Jäissberg (610 m) errichtet; die Mauern aus Holz sind natürlich längst verschwunden, aber das 10 Meter überhöhte Burgplateau, der Graben und der äussere Wall sind noch gut erkennbar. Von anderen Anlagen ist kaum noch etwas sichtbar, so von der Viereckschanze im Berner Bremgartenwald; diese prähistorische Wehranlage (be)suchten wir anfangs Februar, an einem trüben Sonntag mit Nassschnee auf dem Gestrüpp. Trotzdem standen wir auf einmal auf der einen Ecke, die etwas zu rechtwinklig war, als dass der Waldboden einfach so geworden wäre. Geschaffen wurden diese Erdwerke als Refugien für die Bevölkerung (bei Gefahr konnten sie aufgesucht werden) sowie teils auch als eigentliche Burgen, also mehr zur Überwachung eines Gebietes

Heinz J. Moll beschreibt 158 Erdwerke in der Region Bern, in Band 1 von Aarberg bis Muri bei Bern, in Band 2 von Niederhünigen bis Zwieselberg; also alphabetisch nach Gemeinden geordnet. Immer mit einem Auschnitt der 1:25‘000er Karte, mit einer 3D-Reliefschattierung, mit Fotos und mit Text, wobei da häufig aus schlecht zugänglicher Literatur zitiert wird. Was fehlt, ist eine Übersichtskarte über die Region Bern mit den Erdwerken, damit man sich schneller zurechtfindet und besser eine Frühlingswanderung gar über mehrere dieser so besonderen Relikte aus alter Zeit planen kann. Das höchste erfasste Erdwerk liegt auf dem Chalchstettepuggel (1053 m) nordwestlich von Guggisberg. Über seinen steilen Nordrücken kurvten Hans Peter Müller und ich vor acht Tagen hinab, bei Sonne und perfektem Pulverschnee. Und hinterliessen so ein vergängliches Schneewerk an einem Hügel, den ein jahrhundertealtes Erdwerk verschönert.

Heinz J. Moll: Erdwerke in der Region Bern. 2 Bände. Books on Demand, Norderstedt 2017. Ca. 50.- Bestellen bei heinz.moll@bluewin.ch

Bergromane, erste Staffel

Romane und Erzählungen, in denen Berge und Schnee an erster und zweiter Reihe stehen. Viel Spass beim Lesen in der geheizten Stube.

12. Februar 2019

„Gianni, tu as lu trop de romans.“

Sagt Dante zu Jean/Gianni, dem Ich-Erzähler im Roman „Alpini. De roc, de neige et de sang“ von Gérard Guerrier. Manchmal geht es mir auch so. Gleich vier Romane und ein Erzählband stapeln sich auf meinem schneeweissen Pult, und in allen spielt der Schnee eine Rolle. Beginnen wir mit dem Lesen, jetzt, wo die ersten Schneeglöcklein ganz zaghaft aus der kalten Erde stossen.

„Gehen Sie mit mir wandern?“ Fragt die eine weibliche die eine männliche Hauptperson in „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“, dem jüngsten Roman von Peter Stamm; er gewann den Schweizer Buchpreis 2018. Der Roman lotet das Doppelgängermotiv aus, spielt mit und zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Lena gleicht Magdalena, Chris gleicht Christoph – oder haben sich nur die Namen verkürzt, je älter sie und er wurden? Ein Verwirrspiel mit einem unergründlichen Sog. Auch wenn es hinauf geht in die Berge (des Engadins), wie am Schluss von Kapitel 10, wo Magdalena und Christoph einen winzigen See erreichen. Aber sie „wollte weiter auf einen nahen Gipfel, dessen Name es ihr angetan hatte. Eine halbe Stunde später kamen wir endlich oben an, und die Landschaft tat sich vor uns auf, weit unten war das Tal zu sehen und die Seen und auf der gegenüberliegenden Talseite eine Kette schneebedeckter Spitzen.“

Der Schnee! Auch in den letzten Tagen hat es teils bis in die Niederungen geschneit, fast im ganzen Schweizer Alpenraum ist die Lawinengefahr „erheblich“. Sie war auch schon „sehr gross“ in diesem Winter. In einem Schweizer Tal lebt man seit Jahrhunderten mit den Schneemassen, die zu Tale donnern und Mensch, Tier und Haus gefährden: im Tal von St. Antönien, einem Seitental des Prättigau. Millionenschwere und kilometerlange Verbauungen schützen das Tal vor Lawinen. Und doch: Der weisse Tod lauert im Winter ständig – und schlägt plötzlich zu. Wie im Roman „Widerschein“ der Prattigauerin Anita Hansemann. Die buchstäblich unter die Haut gehenden Lawinenkapitel in der Mitte des Buches sollte man nur an einem sicheren und warmen Ort lesen! Männliche Hauptfigur ist ein wilder Kerl, der Jenische Viid, der sich in seiner Jugend in die ebenso wilde Mia verliebte. Ein Geheimnis verbindet die beiden. Dann zog er von dannen, doch nun kehrt er zurück, auch auf der Suche nach der sagenumwobenen weissen Gämse. Dafür nimmt er gefährliche Klettereien in Kauf: „Hängst im Fels und wirst sentimental, schoss es ihm tadelnd durch den Kopf, Gefühle waren der schlimmste Feind eines jeden Jägers und Kletterers. Er musste sich auf den Weg vor ihm konzentrieren.“

Der Weg! Welchen wollen wir einschlagen? Denjenigen der Grosseltern, der Eltern, oder einen eigenen? Der Walliser Rolf Hermann weiss darum. In seinem Erzählband „Flüchtiges Zuhause“ blickt er fein und sinnig auf die Kindheits- und Jugendjahre im Rhonetal und auf den Bergen drumherum zurück. In „Ein Sonntag“, der längsten Erzählung, beschreibt er einen Skitag in Leukerbad, unbedingt lesenswert auch für solche, die nie an einem Sonntag mit der Familie Ski gefahren sind, nie „jauchzend über die Piste“ geflogen sind: „Mir war plötzlich, als würden all die schneebedeckten Krautbüschel und Hügel, die zugeschneiten Böschungen und Geröllhalden, all die groβen und kleinen Regel- und Unregelmäβigkeiten der Landschaft unmittelbar in jenem Moment entstehen, da ich mit ihnen in ekstatischer Fahrt schwungvoll und schwerelos in Berührung kam. Ich fühlte mich ganz in meinem Körper und gleich ganz auβerhalb von ihm.“ Doch dann – nein…

Das Unglück! Kann in den Bergen passieren. Gerade dort. Und am höchsten erst recht. Im Roman „The White Road“, auf Deutsch „Angstrausch“, schickt Sarah Lotz den Videojournalisten Simon auf eine Expedition zum Mount Everest, wo dieser auf die wahre Story von Alison Hargreaves stösst. Die Britin „wurde vor allem durch ihre ohne zusätzlichen Sauerstoff erfolgte Besteigung des Mount Everests im Jahr 1995 bekannt und erregte Aufsehen durch spektakuläre Solo-Klettereien“ (Wikipedia). Allerdings ist Simon gar kein erfahrener Alpinist und erfindet, um überhaupt am Everest zu sein, alpinistische Taten wie „Bonatti-Zappelli-Route an der Walkerpfeiler-Steilwand“. Die gibt es so zwar nicht; den beiden Italienern gelang im Januar 1963 die erste Winterbegehung des Walkerpfeilers.

Der Winter! Ein Traum kann er sein mit Schnee, der sich sanft wie ein Leintuch über die Landschaft legt. Es kann aber auch ein Leichentuch sein. Genau das war es im Gebirgskampf zwischen Italien und Österreich während des Ersten Weltkrieges. Davon handelt Gérard Guerriers Roman „Alpini. De roc, de neige et de sang“. Er beginnt 1913, mit einer Besteigung des Ortlers, damals noch der höchste Gipfel von Österreich-Ungarn. Jean/Gianni mit seiner Familie, seinem Cousin Dante, dem gemeinsamen Freund Walter auf grosser Tour. Die politischen Spannungen sind schon spürbar, gehen aber durch ein Unglück vergessen. Zwei Jahre später bricht der gnadenlose Gebirgskrieg aus, Walter an der einen, die Vetter an der andern Front. Grausam und grimmig. Zuweilen ein halb hoffnungsvoller Gedanke an Wärme. Bis beim Aufstieg durch nassen Neuschnee dieser Satz fällt:

„Gianni, tu as lu trop de romans.“
La pente se relève franchement, rendant maintenant toute conversation impossible.

Peter Stamm: Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt. S. Fischer Verlag, Frankfurt aM 2018, € 20.-
Anita Hansemann: Widerschein. Edition Bücherlese, Luzern 2018, Fr. 29.-
Rolf Hermann: Flüchtiges Zuhause. Edition Blau/Rotpunktverlag, Zürich 2018, Fr. 26.-
Sarah Lotz: Angstrausch. Goldmann Verlag, München 2018, € 10.-
Gérard Guerrier: Alpini. De roc, de neige et de sang. Éditions Glénat, Grenoble 2017, € 20.-

Supercouloir

Vom endlosen Schreibtisch hinweg lockte mich ein Bild aus einem Buch das ich las:
Cerro Fitz Roy, Supercouloir, eine dünne Spur Eis im Grund einer fallenden Schlucht.
-Es Zieht mich hinaus in den Wald.
-Hinaufkämpfen, biwakieren, abseilen im Schneesturm, tagelang nicht schlafen, nicht essen, nicht…
Und ich: Am Schreibtisch.
Warum bin ich nicht so wild?

7. Februar 2019

Draussen schien die Sonne matt, leichter Föhn. Da stand ich auf, ging zur Abstellkammer, zog Steigeisen und ein altes Eisgerät hervor, schob beides in den Rucksack und zog, schwere Schuhe an den Füssen, in den Winternachmittag hinaus. Hinter dem Dorf stapfte ich in den Wald hinauf und begann bald zu schwitzen und in den 30 Zentimeter tiefen Schnee einzubrechen.

Oberhalb von Berschis gibt es zwei steile Felsrippen im Wald, die linke trägt im unteren Teil ein Kreuz mit Gipfelbuch, die rechte bildet eine überhängende Wand zur linken hin. Zusammen schliessen sie ein Couloir ein das dreihundert Meter weiter oben von einem Fussweg gequert wird und das mich heute anzieht wie ein Sog der Freiheit. Ehemals nasser Lawinenschnee hinterliess eine dünne Spur kugeligen Eises über das ich immer schmäler steige und bald die Waden deutlich spüre, stehen bleiben muss, atmen muss, immer wieder, immer öfter, immer besser fühlt sich die kleine, immer rascher nahende Freiheit an.

Eine zweite Lawine hatte sich über einer Steilstufe in die erste gefressen und ein kleines Halbrund zum Steigen hinterlassen. Die Steigeisen knirschten im Eis, ein Vogel sang im Geäst. Meine Spur wurde steiler, schwang sich um Steilstufen, mal links mal rechts, wurde dünner und nochmal schmäler, und verlor sich auf einmal ganz zwischen Waldboden. Zwei Meter griffen die Zacken in erdige Blätter, dann hing ein Holz daran wie stollender Schnee, ich zog es ab, dann setzte die Spur wieder ein, dünn, steil, setzte wieder aus. Von oben rollten kleine Schneekugeln und von Zeit zu Zeit ein Steinchen mit einem Gämsenpfiff.

Dann bin ich, schwer atmend, am Fussweg der nicht zu sehen ist aber unter der abschliessenden Felswand, unter dem steilen Schnee nach rechts hinaus zieht. Ich weiss es. Da ist das kurze, ausgesetzte Band über das er führt, heute nur eine schräge Schneefläche zwischen dunklem, lotrechtem Stein. Jetzt ist es der Schnee der unter den Stegeisen stollt und der Stollen der Rutscht, über einer harten, ebenso schrägen älteren Schneeschicht. Vorsichtig taste ich mich die Aussicht entlang. Gerade war ich heute zu ihr aufgestiegen, direkt. Wie der Sog, wie der Wind.

Nach zwanzig Metern war ich am Ende des Bandes, zog den Rucksack ab, ass den Riegel, bückte mich, die Stegeisen auszuziehen. Vor mir stak der Eispickel im Schnee. Es fühlte sich gut an. Und ein wenig wild. Jetzt hörte ich die Autobahn. Im Bogen, den der Fussweg nimmt, stieg ich durch den Bergwald ab.

Skitouren – diesseits und jenseits der Schweiz

Drei neue Skitourenführer für die Schweiz – und für vier der fünf angrenzenden ausländischen Bergregionen.

„Es gibt Tage, da passt alles. Gipfel, Wetter, Schnee, Begleitung, Aussicht, Anschlüsse mit öV. Vor allem aber der Schnee: Pulverschnee bis an den Dorfrand von Oberdorf (500 m) im Waldenburgertal.“

Eintrag vom Dienstag, 5. Februar 2019, in mein Tourenbuch. In Stichworten: Reigoldswil – Wasserfallenbahn – Vogelberg/Passwang (1204 m) – Pulverschneeabfahrt bis unterhalb der Limmernkapelle – Wiederaufstieg aufs Chellenchöpfli – hinüber auf die Hinderi Egg, den höchsten Gipfel von Baselland – Pulverschneeabfahrt bis südöstlich Fussballplatz von Oberdorf BL – die Ski noch ein paar Minuten tragen zur Bahnstation. Und diese Aussicht vom Vogelberg: nach Frankreich (Grand Ballon, Mont Blanc), Italien (Monte Bianco), Österreich (rechts und links am Säntis vorbei), Liechtenstein (vielleicht), Deutschland (Feldberg). Mitgefahren an diesem Prachtstag ist meine Frau Eva. Ich wollte von der Hinderi Egg eher nach Wasserfallen zurückfahren, doch sie plädierte für die Abfahrt nach Oberdorf. Zum Glück.

Beschrieben ist diese Skirunde im Führer „Winterwelt Jura. Im Reich der kleinen Berge“ von Daniel & Michel Silbernagel. Im Dezember 2018 ist die dritte Auflage erschienen, mit 40 neuen Touren, nicht nur im Jura und Schwarzwald, sondern ganz neu auch in den Vogesen (7 Touren). Insgesamt 80 Skitouren für Einsteiger und Cracks, für wenig bis viel Schnee, für wolkenlose und bewölkte Tage, für die höchsten Gipfel dieser drei Gebirge. Einfach für alle, die neue Berge und neue Gegenden kennenlernen wollen. Das geht jetzt noch besser, weil die Routen auf topografischen Karten eingezeichnet, und noch schöner, weil die Fotos farbig sind. Mit dabei im Führer sind Eiskletter-, Mixed- und Drytooling-Gebiete sowie ein Vorschlag für eine Schwarzwald-Jura Ski-Haute-Route.

Ebenfalls in neuer Auflage ist der Skitourenführer für die Gebiete Glarus, St. Gallen und Appenzell herausgekommen, erweitert um Zürcher Oberland und Liechtenstein. Thomas Wälti und Samuel Leuzinger beschreiben zwischen dem Johannenböl (1010 m) und dem Tödi (3613 m), dem tiefsten und dem höchsten Skiberg, 250 klassische und unbekannte Skitouren. Das für kleine und grosse Tourenskiläufer, für Nachmittage und für lange Wochenenden. Für Schneefalltage, zum Beispiel am Schnebelhorn, dem höchsten Zürcher Gipfel. Und für Sonnentage, wofür sich der Schönberg bei Malbun bestens eignet, Sonnenhorn und Sunnenberg im Glarnerland sowieso. Wer ohnehin Gipfel mit besonderen Namen bevorzugt, wird um den Chrüppel ob Triesenberg FL keinen Stemmbogen machen können.

Und dann wechseln wir vom westlichen nördlichen und östlichen Rand der Schweiz noch zum südlichen, in eine Region mit den höchsten und berühmtesten Gipfeln der Alpen. Mont Blanc, Matterhorn und Monte Rosa. Nein, es ist nicht das Wallis. Sondern das Aostatal. Die flächen- und bevölkerungsmässig kleinste der 20 Regionen Italiens. Aber die Gipfel der Valle d’Aosta – mon Dieu, mamma mia! Das Paradies für Skitouren, nicht nur am Grand Paradis. In der Skitourenführer-Kollektion der Editions Olizane von Genf ist nun der Band zur Vallée d’Aoste erschienen. Philippe Ertlen stellt 109 Touren vor, mit zahlreichen Varianten. Sowie sechs mehrtägige Unternehmen, wie die Tour du Cervin (3 Etappen) oder die Grande Haute Route valdôtaine (17 Etappen).

Anders gesagt: Es gibt einiges zu tun in dieser Skitourensaison. In der nächsten bestimmt auch. En route, mes amis!

Daniel & Michel Silbernagel: Winterwelt Jura. Im Reich der kleinen Berge. 80 Skitouren im Jura, Schwarzwald und Vogesen. topoverlag, Basel 2018, Fr. 45.-

Thomas Wälti, Samuel Leuzinger: Skitouren Glarus, St. Gallen, Appenzell und Liechtenstein. SAC Verlag, Bern 2018, Fr. 49.-

Philippe Ertlen: Ski de randonnée Vallée d’Aoste. Editions Olizane, Genève 2019, Fr. 39.-

Wunderbare Schweiz

So schön kann unser Land sein. Wenn man zur richtigen Zeit am richtigen Ort steht – und richtig gut fotografieren kann.

31. Januar 2019

„Der Neuenburger Jura ist
bekannt für seine tiefen
Wintertemperaturen. Der Waldhügel Mont Brenin liegt auf 1277 Metern Höhe. Kein Wunder, gibt es hier, zwischen Couvet im Val de Travers und La Brévine, auch mal richtig winterliche Verhältnisse.“

Das letzte Foto im Bildband „Wunderbare Schweiz“ zeigt einen frisch verschneiten Strauch auf dem Mont Brenin, von der tief stehenden Sonne kräftig angestrahlt. Dort sollte man nun übers Feld stapfen können. Nie ist das Land schöner als jetzt zwischen Piz Chavalatsch und La Dôle, Wachbuck und Dosso Pallanza, um nur die äussersten Gipfel im Osten und Westen, Norden und Süden zu nennen. Wobei heute Morgen auch tieferen Orts in der Schweiz weisse Fluren zum Hinterlassen von Spuren lockten. Einfach so. Vornehmer gesagt: „Ganz Zeit ohne Ziel.“ Wie es einst Friedrich Nietzsche am Ufer des Silsersees im Oberengadin formulierte. Er fand dort einen Platz, der ihm die Möglichkeit zu Konzentration und Ruhe in wundervoller Gegend bot. Der bekannte Landschaftsfotograf Roland Gerth hat den Silsersee auch für sein jüngstes Werk aufgenommen. Eigentlich hätte der Philosoph ebenfalls am Husemersee (ZH), am Nussbaumersee (TG) oder am Gräppelensee (SG) hocken und sinnieren können, um nur drei weniger bekannte Seen aus der östlichen Schweiz zu nennen. Denn sie und andere 140 wundervolle Locations hat Gerth fotografiert. Und wie er das tat: So urcool und unversehrt kann also unser Land sein, im Winter so gut wie im Sommer. Wenn man zur richtigen Zeit am richtigen Ort steht – und richtig gut fotografieren kann. Nun schauen wir einfach diesen traumhaft schönen Fotoband an, zu dem der Geograf Roland Baumgartner die Einleitung und die Bildlegenden verfasst hat. Und wählen für uns ein paar Ziele aus. Ich werde mich, am besten wohl mit Schneeschuhen, auf den kleinen Ankerballen begeben – pardon: Dieser genau 999 Meter hohe, mit einem Weg erschlossene Gipfel im Baselbieter Jura heisst natürlich Ankenballen.

Roland Gerth, Roland Baumgartner: Wunderbare Schweiz. AS Verlag, Zürich 2018. Fr. 48.-