Bergführer

Sie kennen den Weg von unten bis oben und zurück: die Bergführer. Die wenigen Bergführerinnen natürlich ebenfalls. Drei Publikationen folgen ihnen Schritt für Schritt.

«Après un diner typique des refuges du CAF à l’époque – cousin germain de ceux des wagons-restaurants de la SNCF – accompagné d’un vin tout sauf sapide, nous nous couchons, le corps épuisé, pour affronter le lendemain.
Trois heures. Le réveil. Je lui lance la traditionnelle question du guide:
– Bien dormi?
– Pas fermé l’œil…
– C’est probablement l’altitude.»

Erzählt der Bergführer Yvan Estienne in seiner Geschichte «Mon premier client», die er in das von ihm herausgegebene Buch «Ce jour-là» aufgenommen hat. Ich musste kurz nachschlagen, was «sapide» heisst: geschmackvoll. An schlechten Wein war sich Estienne damals wohl gewohnt, nicht jedoch an den Empfang unterwegs zur Barre des Écrins (4102 m), dem südlichsten und westlichen Viertausender Alpen: zehn Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere des 159e RIA de Briançon salutierten ehrfürchtig, allerdings nicht ihm, sondern seinem Gast. Auf dem Gipfel gab sich dieser, dessen Beruf der Bergführer nicht kannte, zu erkennen: General der französischen Armee, und seine Leute waren immer im Bild, wo er unterwegs war, erst recht im Hochgebirge mit einem jungen Bergführer.

«Ce jour-là» versammelt 24 Geschichten mit Tagen und Touren heutiger französischer Alpinistinnen und Alpinisten, 12 von Bergführern, 6 von Bergführerinnen, insgesamt 6 von Frauen. Erlebte Momente in den Alpen und in den Gebirgen der Welt, lustige und traurige, einfach fast alles, was in den Bergen passieren kann. Auch bei Profis, vielleicht auch erst recht bei ihnen.

Die Sommerausgabe der französischen Zeitschrift «L’Alpe» nimmt Bergführerinnen und Bergführer ans Seil, wie immer auf souveräne Art und mit starken Illustrationen. «Les guides» geht ein auf die 200 jährige Geschichte des Bergsteigens mit einer Person, der sich die Nachsteigenden anvertrauen. Porträtiert zwei grosse Führer: Jacques Balmat, einen der beiden Erstbesteiger des Mont Blanc (wobei am 8. August 1786 zuoberst möglicherweise gar der Gast voranging…), sowie Pierre Gaspard, dem am 16. August 1877 zusammen mit seinem Sohn und Emmanuel Boileau de Castelnau die Erstbesteigung der Meije gelang. Hält Schritt mit den Schweizer Bergführern, die in Kanada für die Canadian Pacific Railway arbeiteten und first ascents machten. Dazu gibt das Führerheft Auskunft zur Geschichte der Führer und des Materials. Das Kapitel «50 nuances de guide» knotet sich sicher ein ins Buch «Ce jour-là». Und acht mit «Engagées» überschriebene Seiten widmen sich den weiblichen Guides.

Deshalb weiter zu einer von ihnen, zur Bergführerin und Topalpinistin Lise Billon. In «une introduction au granite» erzählt sie von ihren Abenteuern im Yosemite Valley, wo sie als junge Kletterin zusammen mit einem Kollegen nicht nur gegen den senkrechten Fels, sondern auch gegen die Talpolizei zu kämpfen hatte, die das wilde Campieren nicht tolerierte. In der Wand des El Capitan fanden beide dann endlich einen ruhigen Biwakplatz:

«Assise sur mon carré mat, je regarde en bas le ballet incessant des phares accompagné par les sirènes des voitures de police. Les pieds dans le vide, j’ai davantage l’impression d’être en haut d’un gratte-ciel new-yorkais que d’un big wall au cœur d’une nature prétendument sauvage.»

Im Oktoberheft der Zeitschrift «Montagnes Magazine» begegnen wir wieder Lise Billon, wie sie mit kräftigen Händen Klemmkeile zeigt, die sie auf senkrechten Touren braucht. Im gleichen Heft findet sich ein Porträt des französischen Bergführers, Führerautors, Schriftstellers und Filmers François Damilano. Zusammen mit dem Physiker Étienne Klein hat er das Buch «L’Esprit de cordée» verfasst, das am 7. Oktober 2026 erscheint. Darin geht es um das Verhältnis Bergführer-Gast. Was weiss der Erste, was der Zweite auf einer Tour, insbesondere auf einer schwierigen, wirklich erlebt bzw. erlebt hat? Und umgekehrt. Drei Tage und zwei Nächte waren die beiden Alpinisten miteinander (am Seil) verbunden, während der Traversierung der Grandes Jorasses, dieser gewaltigen Mauer zwischen Frankreich und Italien. Dem Buch ist ein Zitat aus «Terre des hommes» von Antoine de Saint-Exupéry vorgestellt: «Il n’est de camarades que s’ils s’unissent dans la même cordée, vers le même sommet en quoi ils se retrouvent.»

Yvan Estienne: Ce jour-là. Édition Glénat, Grenoble 2026. € 21.50.

Les guides. L’Alpe, N° 113, été 2026. Éditions Glénat, Grenoble. Fr. 26.-

François Damilano, Étienne Klein: L’Esprit de cordée. Éditions Arthaud, collection littérature. Paris 2026, € 20,50.

Gipfelbücher – Mont Blanc und Piz Languard

Zwei Bücher zu Bergen, auf deren Gipfel sich einst Gebäude befanden. Es gibt sicher noch andere Gemeinsamkeiten, aber das Dach der Alpen liegt halt schon in anderen Sphären als die Rigi des Oberengadins.

 «Der weite helle See, dessen Wasser so blau sind, daß man sich wirklich wieder jenseits der Berge glauben könnte, die breiten Quais an seinen Ufern (…), die freien mit Gartenanlagen geschmückten Weitungen und Plätze, die kleine Rousseau-Insel mit ihren schattenden Bäumen, dahinter das am linken Ufer des See’s emporsteigende alte Genf (…); und zu dem Allen die mit Flecken, Landhäusern und Villen übersäeten Berge, die von allen Seiten auf den See und auf die Stadt hinunterschauen, während sich gegen Südosten die schneebedeckten Hochgebirge aufthürmen, als deren weithin strahlender Gipfel sich der Montblanc erhebt, das Alles bildet ein Ganzes, das einen sehr lieblichen und zugleich sehr großartigen Eindruck hervorbringt.»

Notierte die deutsche Schriftstellerin Fanny Lewald in «Sommer und Winter am Genfersee. Ein Tagebuch» von 1869. Eva Feller und ich spazierten vorgestern Dienstag vom Jardin botanique de Genève dem Lac Léman entlang zur Rotonde du Mont-Blanc unweit des Jardin des Alpes. Die Szenerie hat sich in den letzten Jahrhunderten nicht gross geändert, wenn man den Lärm der vierspurigen Quaistrasse mal ausblendet. Einfach grossartig der Blick auf das immer noch etwas schneebedeckte Hochgebirge, mit der Aiguille Verte links der Môle-Pyramide, mit den Grandes Jorasses und der Dent du Géant rechts davon, und noch etwas weiter rechts, erhaben und majestätisch auch im leichten Dunst, das Dach der Alpen: der Mont Blanc. 4805 Meter über dem Meer, manchmal auch ein paar Dezimeter mehr, sicher jedenfalls der höchste Gipfel von Westeuropa; aber nicht von ganz Europa, wie immer wieder zu lesen ist.

Item. Der Mont Blanc. Les Français schreiben mont Blanc, genauso wie pointe Walker für den höchsten Gipfel der Grandes Jorasses. Das zu drei Ländern gehörende Gebirge breitet sich so aus: Massif du Mont-Blanc. Schreibt man im Nachbarlande aber Mont Blanc, dann handelt es sich um die bekannte Marke einer cremigen Nachspeise. Und wie schreiben sich die gleichnamigen Schreibuntensilien? Montblanc. Alles klar? Nicht ganz. Denn zu wem der Berg gehört, ist nicht entschieden. Für die Franzosen verläuft die Landesgrenze um den Gipfelaufbau herum, mais bien-sûr. Für die Italiener geht sie über den höchsten Punkt, ma certo. Und deshalb ist der Monte Bianco auch der höchste Gipfel Italiens – und des Valle d’Aosta. Davon lesen wir in «Une histoire du mont Blanc» von Hervé Bodeau. Und noch von viel mehr. Nicht alles vom weissen Berg, mais non. Zu ihm gibt es eine ganze Bibliothek. Aber wer faszinierende Seiten des mont Blanc kennenlernen will, greift zu diesem reich illustrierten Buch. Auch wenn diejenigen von Chamonix und St-Gervais schon mehr gezeigt werden als die sich auftürmende von Courmayeur.

«Wer in Pontresina war und nicht auf dem Piz Languard, der war in Rom und hat vergessen, den Papst zu besuchen.»

Dieser Werbespruch kam Ende des 19. Jahrhunderts auf, als der Berg Schritt für Schritt bis zuoberst touristisch erschlossen wurde. Offenbar hielten sich die Touristen an die Aufforderung. «Der Piz Languard wurde letzten Sonntag von zirka 100 Touristen und einheimischen Liebhabern des edlen Bergsports besucht», meldete die «Engadiner Post» am 14. Juli 1904. «Für solche, welche punkto Lungen-Gymnastik nicht so viel zu leisten vermögen, um vom Tale aus zum Sonnenaufgang den Gipfel zu erreichen, wird durch den Bau einer Unterkunftshütte mit Schlafraum (etwa eine halbe Stunde unterhalb der Spitze) schon in den nächsten Tagen gesorgt werden. Das Restaurant auf der Spitze wird stark frequentiert und bedeutet eine ebenso eigenartige als willkommene Bequemlichkeit.»

Nun ist zum Piz Languard (3262 m) ein gewichtiges Buch erschienen. Der Umweltnaturwissenschaftler Gian-Reto Walther beleuchtet in «Piz Languard. Geschichte und Geschichten» alle Seiten des berühmten Aussichtsberges, von der künstlerischen und touristischen Entdeckung über die Triangulationspyramide (gibt es noch), das Restaurant bzw. den Tanzpavillon zuoberst (gibt es leider nicht mehr), die Georgy-Hütte rund 100 Meter unterhalb des Gipfels (gibt es noch: www.chamanna-georgy.ch), die Bahnprojekte, das Panorama und die gedruckten Panoramen, die verschiedenen Wege nach oben bis zum Hotel Languard in Pontresina unten. Mit den vielen alten Berichten und Illustrationen kehrt man zurück in eine Zeit ohne Klicks und Swipes. Aber etwas (bekannt) machen, das wollte und musste man schon immer, am Genfersee so gut wie an den Oberengadiner Seen. Und so lesen wir bei Walther bzw. in den «Naturbilder aus den Rhätischen Alpen» von Gottfried Ludwig Theobald von 1860, dabei Notiz eines weiteren Gipfels nehmend, von dem man ebenfalls einige (bedruckte) Seiten kennt:

«In früherer Zeit war die einsame Bergwüste, welche den Piz Languard umgibt, nur den Gemsenjägern und Hirten bekannt, bis der Führer J. Colani in Pontresina mit richtigem Blick herausfand, daß der Felsengipfel des Piz Languard der Rigi von Bünden werden könnte.»

Hervé Bodeau: Une histoire du mont Blanc. Éditions Glénat, Grenoble 2026. € 26,00.

Gian-Reto Walther: Piz Languard. Geschichte und Geschichten. Somedia Buchverlag, Chur 2026. Fr. 65.-

Vom Doubs zur Ache: Kletterreise durch die Schweiz

Vier neue Kletterführer für die Schweiz. Wir seilen uns an und steigen sofort ein.

«Die idyllische Zugfahrt mit den Chemins de fer du Jura durch Wiesen und Wälder der Franches Montagnes ist ein Genuss. Die Arête des Sommêtres liegt hoch über dem Doubs, gleich an der Grenze zu Frankreich. Trotz der abgeschiedenen Lage ist der Ort ausgezeichnet mit dem öffentlichen Verkehr erreichbar.»

So steigt die Bergführerin Annina Reber in die erste Tour ihres Kletterführers «Erlebnis Gratklettern. Kraxel- und Gratklettertouren in der Schweiz» ein. Sie stellt 13 Touren zum Einsteigen, 10 zum Weiterkommen und 11 für routinierte Seilschaften vor, mit Infos, Kartenausschnitten und zahlreichen Farbfotos, von der Arête des Sommêtres im Jura bis zur Traversierung Seeschijen Südwest–Nordost in der Silvretta unweit der Grenze zu Österreich. Alle Touren sind gut mit dem öV erreichbar, und keine führt über Gletscher oder ist von der immer schneller fortschreitenden Ausaperung betroffen. Anders gesagt: Nur klettern und kraxeln ist schöner als durch Eismatsch und Geröll zu stolpern.

«Das Gipfelbuch auf dem Turelli datiert aus dem Jahre 1976. Früher wurde der kleine Felsgipfel als Beichelhorn bezeichnet, und so findet sich auf der ersten Seite der Gipfellektüre auch dieser Name wieder.»

So steigen die Gebrüder Silbernagel in die offenbar kaum gemachte Überschreitung Turelli – Läghörner im Seetal hoch oberhalb des Bahnhofs Hohtenn ein, eine der «90 Klettertouren über Grate, Pfeiler und Rippen» im zweiten Band von «Alpine Klettertouren». Das bewährte Führerduo stellt mit vielen Topos und erläuterten Kartenausschnitten 20 Touren in den Berner Voralpen, 33 im Berner Oberland, 21 in den nördlichen Wallisertälern/Aletsch (dazu gehört die Läghörner-Tour) sowie 16 im Oberwallis vor. Die erwähnte Überschreitung kann nicht mit gutem Fels, dafür mit Abgeschiedenheit und Heidelbeeren auftrumpfen. Ähnliches gilt auch für andere Touren, aber genau das macht Reiz und Mehrwert dieses Führers aus: neue, vergessene, übergangene alpine Klettereien, die auf Leute warten, die mit Seil und Pickel, mit mobilen Sicherungspunkten und mentalen Schlüsselstellen umgehen können.

«Das beim Melchsee beginnende Felsband mit dem beliebten Klettergarten Bonistock zieht sich – unterbrochen einzig nach etwa einem Drittel von der Chringen – über vier Kilometer hinweg Richtung Osten bis zu Barglen, wo es jäh abbricht. In der Mitte dieser Bergkette reihen sich drei nur wenig ausgeprägte Gipfel aneinander, welche alle Hohmad genannt werden.»

So leitet der Kletterführer «Zentralschweizer Voralpen. Ausgewählte Klettergärten und Mehrseillängen von 5c bis 7a» den vierten Abschnitt mit dem Hohmad ein. Er stellt mit Text, Fotos, Topos und Karten 22 Gebiete vor, vom Melchtal über Engelberg, Rigi-Gersau, Mythen-Ibergeregg bis ins Bisistal vor. Insgesamt sind es weit über 100 Mehrseillängenrouten und Klettergärten, die auf einen Besuch warten. Da wird man sich einerseits von Fotos angesprochen fühlen, wie beispielsweise von der Holzeggnadel hoch oberhalb Schwyz, andererseits von Routennamen wie Adlerhorst, Knacknuss und Liegestuhl, weniger wohl von Gummisau und Glück gha (alle an der Tridwand im Totenlauitobel bei Gersau am See). Was auch nicht eben verlockend tönt. Deshalb die Frage: Ist klettern wirklich schöner als schwimmen?

«Die Kletterei an der Burschlwand macht so richtig Spass. Hier kannst du deine ungeheure Kraft dank dem intensiven Hallentraining optimal einsetzen. Die Griffe sind riesig und die Absicherung perfekt.»

So leitet Sandro von Känel das Gebiet Burschlwand in der siebten Auflage des Kletterführers «Schweiz Plaisir Ost» ein. Burschl? Dürfen dann auch Maderl klettern? Beides hört sich irgendwie nicht nach einem Ostschweizer Dialekt an. I wo! Sandro hat einen Abstecher ins Tirol gemacht und dort insbesondere in das von der Ache durchflossene Ötztal. Doch keine Angst: Die allermeisten Seillängen liegen in der Zentralschweiz, im Glarnerland, im Sarganserland und in Graubünden. Österreich beginnt erst auf Seite 486, und dann sind unsere Arme schon längstens lahm… Umso mehr erfreuen wir uns am Titelbild, das die Künstlerin und Kletterin Rhiannon Klee aus Bishop geschaffen hat. Ihr Aquarell zeigt das Val Forno mit der unverkennbaren Ago di Cleopatra auf dem Grenzkamm zu Italien. Das wäre doch ein gediegener Abschluss einer Kletterreise durch die Schweiz.

Annina Reber: Erlebnis Gratklettern. Kraxel- und Gratklettertouren in der Schweiz. SAC/Weber Verlag, Thun/Gwatt 2026. Fr. 64.- , SAC-Mitgliederpreis 54.-

Daniel Silbernagel, Michel Silbernagel: Alpine Klettertouren, Band 2. Berner Voralpen – Berner Alpen – Nördliche Wallisertäler – Aletsch – Oberwallis. Topoverlag, Frenkendorf 2026.  Fr. 52.-

Zentralschweizer Voralpen. Ausgewählte Klettergärten und Mehrseillängen von 5c bis 7a. Melchtal – Engelberg – Rigi-Gersau – Mythen-Ibergeegg – Bisistal. SAC/Weber Verlag, Thun/Gwatt 2026. Fr. 59.- , SAC-Mitgliederpreis 49.-

Sandro von Känel: Schweiz Plaisir Ost. Edition Filidor, Reichenbach 2026. Fr. 64.-

Wenn der Berg kommt

Wie gehen die Menschen vor Ort damit um, wenn der Berg kommt, gekommen ist und kommen wird? Das Buch von Anicia Kohler gibt Antworten, eindrücklich, erschütternd, überzeugend.

Es gibt Videos der Skibrücke, fünf Minuten vor dem Murgang. Die wollte ich den Leuten zeigen. Jemand sagte, das sei Angstmacherei, aber ich wollte zeigen, was passiert, wenn Leute trotz Absperrung in den Wald gehen. Wenn du das nicht selbst gesehen hast, kannst du dir das nicht vorstellen, diese Macht, diese Kraft. Auf den Videos sieht es so langsam aus. Aber du kommst nicht mehr weg.

Sagt Sara Loretan, Gemeinderätin von Kandersteg, verantwortlich für das Ressort Naturgefahren; am Spitzen Stei oberhalb des Dorfes sind fünfzehn Millionen Kubikmeter Fels in Bewegung.

So habe ich es erlebt. Plötzlich ruft einer: Es kommt jetzt!, und ich konnte das Handy draufhalten, habe dann aber abgestellt, weil ich nicht filmen wollte, wie Häuser getroffen werden. Dann kam die Staubwolke.

Sagt Lukas Kalbermatten, der zusammen mit seiner Frau Charlotte das Hotel Edelweiss in Blatten im Lötschental führte und während acht Jahren dort Gemeindepräsident war. Am 28. Mai 2025 verschütteten 10 Millionen Kubikmeter Fels und Eis das Dorf Blatten und die Weiler Ried, Oberried und Tännmatten. 130 Häuser wie auch die Kirche, insgesamt etwa 90 Prozent von Blatten, sind weg.

Die Katastrophe ist kein Thema mehr im Dorf. Ich musste das auch lernen: Man verdrängt es, versucht es auszulöschen. Das ist schon seltsam. Aber so ist das, man möchte ein normales Leben führen. Ich finde, es ist gesund, nach vorne zu schauen.

Sagt Patricia Guggenheim von Bondo. Sie gründete nach dem Bergsturz vom 23. August 2017 am Piz Cengalo mit 4 Millionen Kubikmetern Fels und einem Murgang, der den Talort Bondo verwüstete, den Verein Pro Bondo, dem sich heute noch als Präsidentin vorsteht.

Drei Aussagen in einem rundum überzeugenden Buch, das sich den Menschen widmet, die unter dem gefährlichen, absturzbereiten oder abgestürzten Berg leben, gelebt haben und vielleicht wieder dort leben. Die Text- und Musikschaffende Anicia Kohler unternahm eine Reise durch sieben Schweizer Bergdörfer und sprach mit den 27 Leuten von Kandersteg, Brienz im Berner Oberland, Gondo am Simplonpass, Schwanden im Glarnerland, Brienz/Brienzauls im Albulatal, Blatten im Lötschental und Bondo im Bergell. Entstanden ist «Wenn der Berg kommt – Geschichten vom Weiterleben», ein eindrückliches und erschütterndes Werk über Widerstandsfähigkeit, Freundschaft und Zusammenhalt in Bergdörfern, über Heimatverlust, sorgenvolle Tage, Trauer und manchmal auch Wut. Nochmals Lukas Kalbermatten zum Bergsturz von Blatten; zu diesem Bergsturz lässt Anicia Kohler neun Personen sprechen: «Und jetzt ist alles weg. Ich muss ehrlich sagen, das stinkt mir wirklich.» Und, fünf Seiten weiter hinten: «Es ist gut, wieder eine neue Aufgabe zu haben, und ich freue mich darauf. Aber es hätte nicht sein müssen.»

Aber der Berg, der ruft nicht nur, der kommt auch. Immer mehr, wenn wir das Klima weiter so aufheizen. Dann ist es gut, sich richtig darauf vorzubereiten. Davon sprechen die befragten Leute ebenfalls. So Sarah Michel von Brienz BE, wo der Milibach und andere Bergbäche für Zerstörungen, Opfer und Angst sorgten und sorgen:

«Dieses Jahr gab es im Sommer mehrere Nächte, in denen ich kaum geschlafen habe. Was hier fehlt, ist ein Alarmsystem. Dann hätte man bei einem nächsten Mal ein paar Minuten Zeit, um das Wichtigste zusammenzutragen. Und die richtigen Schuhe anzuziehen. Das haben wir gelernt: Im Ernstfall nie Regenstiefel anziehen. Die füllt es und im schlimmsten Fall reissen sie dich mit.»

Anicia Kohler: Wenn der Berg kommt. Geschichten vom Weiterleben. Aris Verlag, Embrach 2026. Fr. 29.90. www.wennderbergkommt.ch

Wenn der Berg kommt: Musikalische Buchvernissagen:
am Donnerstag, 24. September 2026, 19 Uhr; im ALPS in Bern; https://alps.museum/veranstaltungen/wenn-der-berg-kommt
am Freitag, 25. September 2026, 19.30; im ZAP in Brig.

Berg- und Flurnamen

Warum heissen die Höger und Halden, wie sie heissen? Ein neues Lexikon nimmt die Namen, insbesondere aus dem Kanton Bern, etymologisch unter die Lupe.

«O sieh, sieh», rief Heidi in großer Aufregung, «auf einmal werden sie [die Berge] rosenrot! Sieh den mit dem Schnee und den mit den hohen spitzigen Felsen! Wie heißen sie, Peter?»
«Berge heißen nicht», erwiderte dieser. […]
«Warum haben die Berge keinen Namen, Großvater?», fragte Heidi wieder.
«Die haben Namen», erwiderte dieser, «und wenn du mir einen so beschreiben kannst, dass ich ihn kenne, so sage ich dir, wie er heißt.»

Die beiden Gesprächsausschnitte stammen aus dem weltweit berühmtesten, am meisten gedruckten und übersetzten Schweizer Buch. Genau genommen sind es zwei Bücher: «Heidis Lehr- und Wanderjahre» (1880) und «Heidi kann brauchen, was es gelernt hat» (1881). Mit ihrem Heidi hat Johanna Spyri (1827–1901) eine mediale Almlawine losgetreten, die noch keineswegs zum Stillstand gekommen ist. Auch nicht rund um Maienfeld im Bündner Rheintal, Hauptschauplatz von Heidi. Da heisst die Autobahnraststätte natürlich Heidiland, da gibt es den Heidihof und die Heidihütte, da nennt sich das Taxi nach dem Mädchen und das Heidi Hotel setzt noch ein Swiss davor. Nur Heidiberg oder Heidihorn sucht man vergebens. Peter hingegen kommt hoch hinauf, bis auf den Petersgrat (3194 m) in den – nein, nicht Bündner, sondern Berner Alpen. Der Solothurner Gletscherforscher Franz Joseph Hugi (1796–1855) gab dem eisigen Grat zwischen Lötschental und Lauterbrunnental den Namen zu Ehren seines Führers Peter Baumann (1800–1853) aus Grindelwald, der ihn am 23. Juli 1829 bei der ersten touristischen Überschreitung begleitet hatte. Hugi seinerseits ist in der helvetischen Gipfelwelt mit dem Hugihorn (3647 m) beim Lauteraarhorn ebenfalls verewigt. Wie einige andere grosse und kleine Persönlichkeiten. Insgesamt erheben sich in der Schweiz 211 Personengipfel, von der Punta Dufour (4634 m) bis hinab zum Monte Diggelmann (534 m).

Der Petersgrat findet sich auch in «Kleines Flurnamenbuch für Wandernde» von Roland Hofer. Und gleich darunter Petersläägi. Um welche Peter es sich dort handelt, steht aber nicht, weil es darin auch nicht um Personen geht, sondern um Berge, Hügel und Hörner, um Löcher, Täler und Schluchten, um Abhänge, Halden und Wände, um Pässe, Sättel und Furggen, und schliesslich um Äbnit, Felder und Böden. Im fünften Kapitel trifft man auf die Erklärung für Läägi: «Subst. schwzd. Läägi f. ‹ebene, flache Lage; flaches Land, Ebene; sanft ansteigende, flache Halde›, Bildung zum Adj. schwzd. läg, lääg ‹liegend, sanft geneigt, fast eben, flach›. Zur Petersläägi steht in Klammern: «Alpgebiet N unterhalb des Rägeboldshore, Adelboden». Auf https://map.geo.admin.ch steht man sofort auf diesem wenig geneigten Feld. Zum Regenbolshorn, so der frühere Name auf der Landeskarte, gibt es keine Erklärung. Zu schier unzähligen anderen Namen in diesem mit Farbfotos illustrierten Nachschlagewerk aber schon, insbesondere aus dem Kanton Bern, und zwar von Aa bis Zybachs Platten. Zu diesen gleich drei Zeilen: «Felsplatten und Wegstück am Weg zur Glecksteinhütte, Grindelwald. Angeblich nach einem Schafhirten namens Zybach benannt. Wer unterwegs gut hinschaut, sieht noch die in die Felsen gehauenen Tritte.»

«Zybachs Blatten» (so die heutige Schreibweise auf der LK!) hatten 1910 einen prominenten Auftritt im sechsten und letzten Band des «Geographisches Lexikon der Schweiz» mit dem Titel «Tavetsch – Zybachsplatte». Der letzte Eintrag also in diesem von 1902 bis 1910 herausgegebenen Monumentalwerk. Monumental auch der sechste Band mit 859 Seiten; ihm sind nämlich Supplement, letzte Ergänzungen und Anhang miteingebunden, was 1328 Seiten und gut 3,4 Kilo ergibt. Wer hätte gedacht, dass diese nach einer Person benannte Passage am Wetterhorn es auf einen Lexikontitel bringt?

Roland Hofer: Kleines Flurnamenbuch für Wandernde. Weber Verlag, Thun/Gwatt 2026. Fr. 29.-

High Noon am Berninapass

Neue Romane von zwei Autorinnen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Aber beide spielen in den Alpen, genauer: im Oberengadin. Am Schluss fahren die Hauptfiguren mit dem Auto über den Berninapass, die einen über den richtigen, der andere vielleicht über einen fiktiven.

«Warum bin ich hier?», fügt er mit einem Blick auf den Tisch hinzu. «Doch bestimmt nicht wegen der Nusstorte.»
«Es gibt Probleme am Arabrena-Stauwerk. Und ich brauch jemanden, der sich da oben auskennt.»

«Ich: Ich muss jetzt auch los. Der Berg ruft!
Ferdinand: Es schüttet. Und der Kaviar ist noch gar nicht da.»

Gesprächsausschnitte aus zwei neuen Romanen, darin die Berge eine zentrale Rolle spielen, heute und morgen.

Seraina Kobler schickt in «Tal der Schwalben» den jungen Energiewissenschaftler Alesch Mastei zurück in seine Bündner Heimat – und voraus in eine leider gar nicht mehr so ferne Zukunft, mit steigenden Meeresspiegeln, anschwellenden Flüchtlingsströmen, fast verschwundenen Gletschern und mit einer zweigeteilten Schweiz: der Metropolitane im Mittelland und dem Restland in den Bergen. Zur alpinen Brache gehört auch das einst mondäne Oberengadin.

Caroline Wahl schickt in «1999 Meter über dem Meer» die junge Kommunikationsfachfrau Samara – sie nennt sich auch Mary, Lena und Teresa – auf einen Selbstfindungstrip nach Bali, Berlin, zu den Eltern irgendwo in Deutschland, nach Oberstdorf und insbesondere nach St. Moritz, wo sie sich als Fotografin inszeniert bzw. inszeniert wird. Am liebsten sitzt die Hauptfigur, wie die Autorin selbst, in einem Cabriolet. Nicht zufällig ist auf dem Cover denn auch Karl Bickels Plakat für die 2. Internationale St. Moritzer Automobilwoche 1930 abgebildet: rote Autos rasen über eine kurvenreiche Passstrasse hoch. Ganz anders Koblers Schwalben, die vor einem unheilvollen, farbigen Himmel gegen einen schwarzen Felsen fliegen, der einer Sphinx oder Kassandra gleichen mag.

Und so wie die Zuckerbäcker aus dem Engadin jeweils wie Schwalben, wie Randulins, aus der Ferne in ihre Heimat zurückkehrten, so macht das auch Alesch, nur halb freiwillig, denn die Chefin des allesbeherrschenden Stromkonzerns schickt ihn zum Arabrena-Gletscher, wo in einem geheimen Labor eine revolutionäre, leider auch hochgefährliche Energiegewinnung getestet wird. Arabrena, das tönt wie Cambrena, und diesen Gletscher gibt es noch, südwestlich des Berninapasses. Arabrena ihrerseits existiert bereits, weiss die künstliche Intelligenz: «eine digitale Wissens- und Ausbildungsplattform, die sich auf die Förderung von erneuerbaren Energien in der Region Naher Osten und Nordafrika konzentriert.» Das nur nebenbei. So wie auch nur am Rande notiert sei, dass sich bei der Beschreibung der Bahnstrecke vom Genfersee nach Bern geografische Unstimmigkeiten eingeschlichen haben. Vielleicht ändern sich ja, wenn das Land in eine Arbeits- und Lebenszone sowie in eine Sperrzone halbiert wird, auch die Verkehrsströme? Jedenfalls ungemütliche Zukunftsaussichten. Hoffen wir, dass es dann noch Leute mit gesundem Menschenverstand gibt, wenn die Gletscher nicht nur schmelzen, sondern in die Luft fliegen, wie der halbfiktive am Berninapass.

Über diesen Pass verlassen Samara und ihr Fritzi, den sie in Berlin erstmals getroffen und dann in St. Moritz wiedergefunden hat, «das süße Dörflein» – und das Buch. Kurz nachdem sie sich in einer einfachen Hirtenhütte, in der über der Tür «1999 Meter» ins Holz geritzt ist, die gegenseitige Liebe gestanden haben. Auf der Landeskarte findet sich die Hütte nicht, muss es auch nicht, ein bisschen Hochstapelei darf sein, wie der ganze Roman ja so gelesen werden kann und muss. «Wie eine junge Hochstaplerin die St. Moritzer High Society an der Nase herumführt», lautet eine erfundene Spiegel-Schlagzeile. Ganz real ist jedoch, dass Caroline Wahl für ihre Romantitel gerne Zahlen wählt: «22 Bahnen» und «Windstärke 17» hiessen ihre ersten beiden Werke – beide verkauf(t)en sich bestens.

Ganz real ist ebenfalls, was Annetta, die Jugendliebe von Alesch, zu den Lebensaussichten in den Bergen sagt; sie will dort oben bleiben – was sie erwartet, gilt freilich auch unten im Tal: «Es wird noch schwerer, hier zu leben. In diesem schnellen Wechsel von zu viel und zu wenig. Hitze, Dürre, zu wenig Wasser, dann zu viel. Kein Schnee oder Berge davon.»

Caroline Wahl: 1999 Meter über dem Meer. Roman. Rowohlt Verlag, Hamburg 2026. € 24,00. Am 19. Oktober 2026 um 20 Uhr im Kaufleuten Zürich stellt Caroline Wahl ihr neues Buch vor. https://kaufleuten.ch/event/caroline-wahl-literatur/

Seraina Kobler: Tal der Schwalben. Roman. Diogenes Verlag, Zürich 2026. € 25,00. Am 14. September 2026 um 18.30 an der Uni Luzern findet die Lesung von Seraina Kobler statt, mit anschliessender Diskussion mit Prof. Dr. Boris Previšić, Direktor des Urner Instituts Kulturen der Alpen, und Prof. Dr. Max Baumgart, Energierechtler am Zug Institute for Blockchain Research. https://www.unilu.ch/agenda/prof-dr-boris-previsic-seraina-kobler-und-prof-dr-max-baumgart-energie-10564/

Wenn der Berg ruft

Schriften und Ausstellungen zum Tourismus in den Bergen. Worauf warten wir noch?

«La montagne continue à être vue comme un problème, alors qu’elle est une opportunité.»

Sagt Giacomo Lombardo, 83 Jahre alt, Bürgermeister des Dorfes Ostana im oberen Valle Po in den Alpen des Piemonts. Und er gibt auch gleich die Rezepte weiter, wie es ihm gelang, das Dorf vor dem Aussterben zu retten. Eines von ihnen ist als Zitat hervorgehoben: «Ici, il y a un moment important, c’est celui du pastis que l’on boit avant le déjeuner. A Ostana, il ne restait même plus un bar pour partager ça, c’était essentiel de recréer des lieux pour que les gens se rencontrent.» Das ganze Gespräch, das die freie Journalistin Sandy Plas mit Giacomo Lombardo führt, ist zu lesen in der Ausgabe Juli/Dezember der Halbjahreszeitschrift «So Good. Pour un monde moins pire»; im Untertitel steht «écologie – féminisme – solidarité – société». Auf dem Titelbild hängt der Cervino kopfüber, darunter stehen diese Schlagzeilen: «La montagne fait sa révolution. 164 pages d’histoires renversantes. Un monde sans ski – Tinder surprise au sommet – La neige, un truc de Blancs ? – Un village italien ressuscité». Sehr lesenswert ebenfalls das Interview mit Fiona Mille, Präsidentin von Mountain Wilderness France; auch hier wieder ein im Text hervorgehobenes Zitat: «À Plateau-des-Petites-Roches, la mairie à racheté des parcelles agricoles pour permettre de développer une agriculture biologique en plus de l’élevage: On ne peut pas passer toute sa vie à manger du reblochon.» Greyerzer vielleicht auch nicht… Apropos Gruyère: Die Tinder-Gipfel-Geschichte spielt in den Freiburger Alpen – aufpassen also, was dort im Gipfelbuch steht bzw. was notiert wird.

Zarte Bande in den Bergen entstehen ebenfalls im Roman «Hotel Sardona». Martin Oesch und Ralph Weibel erzählen die Geschichte eines verfallenden Hotels im Calfeisental im St. Galler Oberland. Drei zerstrittene Geschwister erben das Gebäude, natürlich geht das nicht gut, den Menschen mit Migrationshintergrund, die dort ein Dach überm Kopf gefunden haben, auch nicht. Und da sind noch die Behörden und die Denkmalpflege, die mitreden wollen und müssen, wie das Hotel restauriert werden könnte. «Kann aus den Trümmern der Vergangenheit eine gemeinsame Zukunft entstehen?» Diese Frage liest man auf dem Klappentext. Ich könnte sie beantworten, finde jedoch: selber lesen. Besser noch: hinfahren. Das Postauto vom Bahnhof Bad Ragaz fährt bis zur Endstation Staudamm Gigerwald etwas oberhalb der Haltestelle Restaurant Gigerwald. Dann geht oder ginge es zu Fuss auf der Strasse dem See entlang in einer guten Stunde zum Berghotel St. Martin oder noch gleich weiter in die Sardonahütte SAC.

Der 1863 gegründete Schweizer Alpen-Club hat zu Recht einen Auftritt in der Ausstellung «Tourismus. Reiseziel Schweiz» im Forum Schweizer Geschichte in Schwyz. Wie wurde die Schweiz vom Zwischenhalt adeliger Bildungsreisender zum Sehnsuchtsort, Ferienklassiker und Selfie-Hotspot? Die Ausstellung nimmt die Besucherinnen und Besucher mit auf eine Reise durch die Geschichte des Schweizer Tourismus. Sie zeigt relevante Entwicklungen, die das Reiseland Schweiz geprägt haben, und stellt zugleich die Frage, wohin die Reise künftig geht. Dabei wird deutlich, dass Tourismus weit mehr ist als Erholung. Er ist Wirtschaftsfaktor, Sehnsuchtsmaschine und Spiegel aktueller Debatten über Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Klimawandel. Eine starke Ausstellung, mit clever ausgewählten Zeugnissen und Installationen. Das mittlerweile berühmte Drehkreuz am Steg in Iseltwald steht bereit, wahlweise mit dem Brienzersee oder dem Matterhorn als Hintergrund. Klar, um den Berg der Berge kommt keine Ausstellung zum helvetischen Tourismus herum. Einmal mehr wird aber fälschlicherweise dies behauptet: «Ab dem 19. Jahrhundert erobern britische Alpinisten die Schweizer Gipfel.» Denn: Bis 1800 wurden 24 Schweizer Gipfel erstmals bestiegen, darunter so grosse wie Titlis und Rheinwaldhorn. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kamen weitere 114 Gipfel dazu, die von Schweizer Alpinisten «erobert» wurden, darunter acht Viertausender wie Jungfrau und Piz Bernina; nur bei vier dieser 114 Erstbesteigungen waren Engländer beteiligt. Das Matterhorn gibt es selbstverständlich auch als Souvenir, leider nur in der Ausstellung und nicht im Shop: Die roten Finken mit dem schwarzweissen Foto und der ausgedruckten Schrift «Original Swiss» hätte ich natürlich sofort gekauft, auch wenn der Berg ebenso original italian ist…

Apropos Souvenir: Wer die Ausstellung «Souvenir. Selfies, Kitsch und Gipfelsteine» im ALPS in Bern noch nicht gesehen hat, sollte dies unbedingt nachholen:  https://bergliteratur.ch/everest-lhotse-1956-2026/ Dort findet man Souvenirs, wie man sie noch nie gesehen hat. Sogar bezüglich des Matterhorns.

La montagne fait sa révolution. So Good. Pour un monde moins pire. Juillet/Décembre 2026. € 14,90. www.sogoodstories.com

Martin Oesch, Ralph Weibel: Hotel Sardona. Roman in den Schweizer Alpen. Gmeiner Verlag, Meßkirch 2026. € 16,00.

Forum Schweizer Geschichte Schwyz: Tourismus. Reiseziel Schweiz. Bis 2. Mai 2027. https://www.forumschwyz.ch/tourismus

ALPS: Souvenir. Selfies, Kitsch und Gipfelsteine. Bis Januar 2028. https://alps.museum/ausstellungen/souvenir

Wunderbare Bergtäler

Drei ganz unterschiedliche Bücher zu Tälern in den Schweizer Alpen.

«Schieferblau wird der Nachmittag. Die Almböden still wie Feiertage, am Himmel stehen bauschige Wolken und schläfrig surrende Fliegen kreisen über Kuhfladen. Kein Lüftchen, kein Gräserzittern, nur Sommerstille – bis eine Lawine ins Tal poltert…»

Wunderbarer Einstiegstext in die 13. Szenenfolge, überschrieben mit Dürrenberg, einer Alp hinten im Kiental, am Weg zur Sefinenfurgge. Entnommen dem Buch «Wundersames Kiental. Ein Porträt der 1950er-Jahre». Darin verbindet die Musikerin, Schauspielerin und Autorin Christina Zurbrügg, aufgewachsen in diesem von der Blüemlisalp gekrönten Tal, 100 historische Filmstills von Albert Landtwing mit poetischen Texten zu einem grossartigen literarischen Fotoband. Der Berner Amateurfilmer Landtwing hielt in den 1950er-Jahren das Leben in dem berühmten Bergbauerndorf fest, wo einst Lenin tagte und Dürrenmatt soff. 19 Szenenfolgen zu unterschiedlichen Themen, wobei Chilbi und die Folgen gleich drei einnehmen. Und natürlich kommt auch die steile Postautostrasse hinauf auf die Griesalp zu Wort und Bild:

«Früher war hier das Klipp-Klapp der Maulesel auf dem farnwaldigen Saumpfad, fliegenschweissdampfendes Fell trottete die tauwasserschwammigen Kurven hinauf, auf dem Rücken Proviant und Menschen, Kolonialwaren und Kolonialisten.»

Wir wechseln Tal, Buch und Sprache. Vier italienischsprachige Bündner Südtäler gibt es. Eines von ihnen ist eine Sackgasse, ausser für Wanderer und Bergsteigerinnen. Das Val Calanca – sagenhaft schön und wild. Und voller alter Geschichten, welche die Talbewohnerin Verena Schwarzer in «Val Calanca. Im Tal der Sagen und Legenden» zu neuem Leben erweckt, zusammen mit stimmungsvollen Fotos von Urs Bolz. Ein Buch zum Lesen: zuhause, viel besser aber vor Ort. Denn es ist immer wieder eine Erkundung wert, dieses Tal abseits bekannter Wege. 63 Geschichten, verteilt auf 14 Orte, erzählen vom Grossvaterbaum in Castaneda, vom Mörderbrunnen in Buseno und von der schwarzen Nonne in Cauco, vom Geist eines verlorenen Wanderers, vom Sennentuntschi von Masciadon und von der Nymphe des Ria di Calanca. Dazu gibt das gediegen gemachte Buch kurze Einblicke zu den Schmugglern und Banditen des Tales, zu den Hexen und heiligen Helfern, zu den Schalensteinen.

Wir bleiben in Graubünden, wandern aber über die Pässe Passit, San Bernardino und Valserbärg ins Bündner Oberland, genauer: in die Region zwischen Rheinwaldhorn und Piz Mundaun. Das von Tobias Heinisch und Rita Schmid herausgegebene Buch «Convivenza. Unterwegs in Vals, Lumnezia und Obersaxen Mundaun» stellt diese drei Berggemeinden auf der rechten Seite des Vorderrheins vor; sie haben gemeinsame Grenzen, aber unterschiedliche sprachliche, kulturelle und konfessionelle Wurzeln. Mehrere Autorinnen und Autoren befassen sich mit Sprache, Kunst, Musik, Architektur, Tourismus und Landwirtschaft. Dazu wird in jeder Gemeinde eine aufschlussreiche Wanderung präsentiert. Ganz besonders ist die Fotostrecke «Vischinonzas – Nachbarschaften. Leben mit dem Wolf». Jaromir Kreiliger hat ihn in ganz alltägliche Fotos hineinkopiert, mal in einer Kurve der Alpstrasse, mal mitten im Dorf, dann bei der Talstation eines Sesselliftes oder hinter einem Heuballen, und über die Staumauer des Zervreilasees spazieren gleich drei Wölfe. Was im Buch fehlen, sind eine Übersichtskarte von heute und Winterfotos. Immerhin gibt es in den drei Gemeinden zwei ganz feine Pistenskigebiete. Und für Skitouren sind die Täler dort einfach wunderbar.

Christina Zurbrügg: Wundersames Kiental. Ein Porträt der 1950er-Jahre. Wondrous Kiental. A portrait of the 1950s. Mit Bildern von/With photos by Albert Landtwing. AS Verlag, Zürich 2026. Fr. 29.-

Verena Schwarzer: Val Calanca. Im Tal der Sagen und Legenden. Mit Fotos von Urs Bolz. AS Verlag, Zürich 2026. Fr. 29.80.

Tobias Heinisch, Rita Schmid (Hg.): Convivenza. Unterwegs in Vals, Lumnezia und Obersaxen Mundaun. Mit Fotos von Lucia Degonda. Hier und Jetzt Verlag, Zürich 2026. Fr. 39.-

Hüttenwelten

Vier neue, ganz unterschiedliche Bücher zu touristischen Hütten in den Alpen.

«Ci sono pochi luoghi nelle Alpi dove poter pernottare e godersi un ambiente e un panorama come questo.»

Sagt der Tessiner Hüttenobmann Massimo Gabuzzi in der aktuellen, achten Auflage seines Führers «Capanne e rifugi del Ticino e della Mesolcina» über das 2023 eingeweihte Bivacco Piano della Parete (2726 m), wichtiger Stützpunkt des Gipfeltrekkings Via Alta Crio, das in zehn Tagen Lumino mit Lucomagno verbindet. Der moderne Bau auf einer Ebene hoch oben und hinten in der Val Malvaglia ist die zweithöchste Hütte in den Tessiner Alpen und ziert das Cover von Gabuzzis Bestseller. Nicht die einzige neue alpine Unterkunft darin. Neu sind ebenfalls die Capanna Gambarogno (die Hüttenterrasse bietet eine wunderbare Aussicht auf den Lago Maggiore), die neue Capanna Gesero schier unendlich weit oberhalb von Bellinzona oder die Hütte auf der Alp de Rossiglion im Val Calanca. Sie trägt die Nummer 83 und ist die letzte Capanna im ersten Teil des Führers. Im zweiten listet Gabuzzi weitere 135 Rifugi auf, oft mit vier bis zehn Plätzen wie die elf Gebäude in den Tälern von Lostallo im Misox, bei denen allerdings immer der Hinweis «Nel periodo di caccia alta, riservato ai cacciatori» steht.

Um wilde Tiere, freilich nicht um die Jagd, drehen sich auch zwei Kapitel in einem aussergewöhnlichen Hüttenbuch. Seit 1912 dient die Lidernenhütte der SAC-Sektion Mythen hinten im Riemenstaldner Tal als Ziel und als Ausgangspunkt für kleine und grosse Touren in der Chaiserstock-Kette. Was alles möglich, wer dabei war und ist, wer in der Hütte kocht(e) und wer die Gipfel rund um die Hütte mit (Kletter-)Wegen erschloss, sagt uns Xaver Büeler im gross(formatig)en Werk «Lidernen. Bergheimat und Sehnsuchtsort» auf 320 Seiten mit 257 Fotos. Noch selten ist eine SAC-Hütte so vielfältig vorgestellt worden. Während Baden, Stand-up-Paddeln oder gar Foilen im Alpler oder Spilauer See möglich ist, genügend Wasser vorausgesetzt, liegt die Lidernenhütte (1729 m) für Gletschertouren ein wenig zu tief. Das gilt jedoch wegen des kräftig vorangehenden Gletscherrückgangs ebenfalls für höher gelegene Hütten.

Genau davon lesen wir im zwingend aktuellen Buch «Die letzte Hütte der Alpen». Matthias Ballweg und Bertram Kloss nehmen uns mit auf eine «Reise in die Zukunft unserer Berge» und geben «Antworten auf den Klimawandel zwischen Gletscherschwund und neuer Wildnis». Es ist dies eine so eindringliche wie unangenehme Bestandsaufnahme eines immer mehr von Rissen und Rutschen bedrohten Lebens- und Sportraums. Am Schluss des Buches bewertet eine Tabelle 300 alpine Schutzhütten der Ostalpen und ihre Exposition zu Klimafolgen anhand der fünf Themen Permafrost, Wassermangel, Gletscherschwund, Schneemangel und Biodiversität, jeweils mit den Bewertungen rot (grosse Exponiertheit), orange (hohe Exponiertheit), gelb (Übergang und Unsicherheit) und grün (Stabilität). Für die Sesvennahütte (2258 m) am Rande des Unterengadins gab es fünfmal grün, für die Mannheimer Hütte (2679 m) im Rätikon nur die drei andern Farben.

Ob die beiden genannten Hütten unweit der Schweizer Grenze oder gar die Lidernenhütte zu den «800 plus hauts refuges des Alpes» gehören, kann an dieser Stelle nicht gesagt werden. Denn dieses Hüttenbuch liegt leider nicht ganz vor mir, sondern nur ein paar ausgewählte Seiten der Verlagsvorschau. Was sicher ist: Es sind die Hütten aufgelistet, nicht die Biwaks. Denn bei der höchsten Hütte der Schweiz findet sich die Mönchsjochütte (3656 m), aber weder das Schalijochbiwak SAC (3787 m) noch das Mischabeljochbiwak SAC (3853 m) und schon gar nicht das Solvaybiwak (4003 m) am Hörnligrat des Matterhorns, das ja nur in Notfällen benutzt werden darf. Anthony Felber listet auch die kleinsten Hütten der Alpen auf. Zuoberst steht bei ihm die Capanna Punta Penia (3340 m) mit neun Plätzen; sie liegt auch sonst zuoberst, nämlich auf der Marmolada, dem höchsten Gipfel der Dolomiten. Einen Schlafplatz weniger bietet das Rifugio Camosci (2908 m) vier Meter unterhalb der Cristallina. Weiter oben lässt sich in einem Gebäude des Tessins nirgends nächtigen. Buona notte!

Massimo Gabuzzi: Capanne e rifugi del Ticino e della Mesolcina. Salvioni Edizioni, Bellinzona 2026. Fr. 36.-

Xaver Büeler: Lidernen. Bergheimat und Sehnsuchtsort. Weber Verlag, Thun/Gwatt 2026. Fr. 59.-

Matthias Ballweg, Bertram Kloss: Die letzte Hütte der Alpen. Eine Reise in die Zukunft unserer Berge – Antworten auf den Klimawandel zwischen Gletscherschwund und neuer Wildnis. Bergverlag Rother, Oberhaching 2026. € 28,00.

Anthony Felber: Les 800 plus hauts refuges des Alpes. France, Suisse, Italie, Autriche, Allemagne, Slovénie. Hachette Tourisme, Vanves 2026. € 25,00.

Schmuggellandschaften

Wer wissen möchte, wie früher zwischen Italien und der Schweiz geschmuggelt wurde – und warum so viele Männer, aber auch Frauen – dieser Tätigkeit auf beiden Seiten nachgingen, ja nachgehen mussten, wollten sie nicht verhungern, sollte sich unbedingt in das Heimat- und Wanderbuch «Schmuggellandschaften» vertiefen.

«Dann fassten die zehn Mann die vorbereiteten Ballen. Tredeschin, Riccardo und ein Alter hängten Rucksäcke an den Rücken, worin die Wegzehrung der Schar enthalten war. ‹Ich gehe voran. Ihr zählt bis auf Dreihundert, dann folgt ihr. Ruft zweimal hintereinander ein Käuzchen, heißt dies, der Weg sei frei!›, erklärte Tredeschin. ‹Hört ihr dagegen einen Fuchs bellen wie der, den man jede Nacht in Madesimo vernehmen kann, dann bleibt stehen und wartet auf Anweisungen. Ertönt jedoch der Schrei des röhrenden Rehbocks, dann ist Gefahr im Anzug, und jeder hat sich auf eigene Faust zu retten, so gut er kann. Das Ziel unseres Reisleins kennen alle.›»

Ausschnitt aus dem Jugendroman «Joachim als Grenzwächter», den der Volksschullehrer, Psychotherapeut und Schriftsteller Hans Zulliger 1948 veröffentlichte. Der Geograf, Landschaftsplaner und Buchautor Dominik Siegrist lässt diesen Roman aufleben in der Wanderung vom italienischen Madesimo südlich des Splügenpasses über den Grenzpass Niemet ins bündnerische Innerferrera. Sie ist eingebunden in das überzeugende, tiefgründige, grossartig mit alten und aktuellen Fotos und Abbildungen illustrierte Werk «Schmuggellandschaften. Wege und Geschichten an der Schweizer Südgrenze».

Was die beiden Herausgeber Dominik Siegrist und Franz Ebner mit ihren neun Komplizen und zwei Komplizinnen schildern und zeigen, ist lesenswert und nachvollziehbar zugleich. Ein Lesewanderbuch so gewichtig wie die Ballen, die vor allem nachts über wilde Pfade getragen wurden, verpackt mit allen nötigen (wander-)touristischen Angaben zu den 42 Wanderungen entlang der längsten Grenze der Schweiz mit einem der fünf Nachbarländer, also vom Unterengadin bis ins Unterwallis. Zum Mitnehmen ist das Buch etwas zu schwer, aber man sollte das spannende (Weg-)Stück italo-helvetischer Geschichte ohnehin zuerst zu Hause lesen. Sie erstreckt sich von 1861 bis 1975, ja bis heute, denn dank diesem Werk können wir sie vor Ort und mit leichtem Gepäck erleben; die aufs Handy kopierten Routenbeschreibungen wiegen nicht viel… Und: Wir müssen ja nicht über die Pässe wandern, wir dürfen. Anders die Einheimischen einst: Sie mussten mit dem Schmuggel ihren Lebensunterhalt verdienen, auf beiden Seiten der Grenze, Männer und Frauen.

In seiner Einleitung zu den Schmuggellandschaften Bergell, Avers, Valchiavenna und Val Malenco zitiert Dominik Siegrist eine Frau, die der Forscherin Silvia Pedrini – sie kam in ihren Untersuchungen in Villa di Chiavenna zum Schluss, dass vom 19. Jahrhundert bis in die 1950er Jahre praktisch die gesamte Bevölkerung mit dem Schmuggel zu tun hatte – erzählte: «Stell dir vor, ich habe den Sack auch getragen. Ich war im siebten Monat schwanger. Ich hatte keine richtigen Schuhe, Holzschuhe. Ich versteckte die Waren in der Gerla [Tragkorb] und deckte sie mit Laub zu. Ich hatte Angst. Aber meine Mann sagte, eine schwangere Frau würde niemals verfolgt.»

Dominik Siegrist, Franz Ebner (Hg.): Schmuggellandschaften. Wege und Geschichten an der Schweizer Südgrenze. Rotpunktverlag, Zürich 2026. Fr. 45.-