Paul Gayet-Tancrède alias Samivel (1907–1992) ist ein französischer Schriftsteller, Dichter, Grafiker, Illustrator, Filmemacher, Fotograf, Entdecker und Umweltschützer. Im Deutschen kannte man ihn fast nur als Zeichner und Autor. Vielleicht ändert sich das mit einer grossen illustrierten Biografie.
«C’est bizarre… mais depuis le début de la course, j’ai l’impression d’avoir oublié quelque chose…»
Das ist die Legende zu einer Zeichnung, auf der wir in tief verschneiter Landschaft einen Mann sehen, der mit Rucksack und Skistöcken aufsteigt und sich, den Kopf zur Seite drehend, plötzlich die oben gestellte Frage stellt. Natürlich hat der arme Kerl etwas vergessen: nämlich die Ski! Zum Glück für ihn dürfte es sich um Frühlingsschnee handeln, da er offenbar nicht einsinkt, noch nicht einsinkt beim Aufstieg. Beim Abstieg dann, mon Dieu… Das Besondere an der Zeichnung ist aber nicht die bizarre Situation – klar, wer hat nicht schon wichtige Ausrüstungsgegenstände vergessen, aber wenn man am Beginn einer Skitour merkt, dass das wichtigste Gerät fehlt, wird man ja kaum starten, n’est-ce pas? – also, nochmals, das Besondere an der 1928 gemachten Zeichnung ist die Signatur unten rechts: Samivel.
Unter diesem erstmals hingesetzten Pseudonym ist der französische Schriftsteller, Dichter, Grafiker, Illustrator, Filmemacher, Fotograf, Entdecker und Umweltschützer Paul Gayet-Tancrède (1907–1992) sehr bekannt – in Frankreich. Im Deutschen kannte man ihn fast nur als Zeichner und Autor, in den 1930er sowie in 1950er und 1960er Jahren. Hoffentlich ändert sich das mit der grossen illustrierten Biografie «Samivel» von Sophie Cuenot. Auf 240 Seiteen lernen wir einen wunderbar kreativen und weitsichtigen Mann kennen. Gerade seine Illustrationen zum Tourismus in den Bergen mit der in feinen Humor gezeichnete Kritik haben nichts von ihrer Gültigkeit verloren, die Aquarelle leuchten so romantisch wie einst, und Dohlen leiten die neun Kapitel des Buches ein.
Diese schwarzen Bergvögel haben Samivel ein Leben lang begleitet. Sein zweites Buch heisst «Sous l’oeil des choucas… ou les plaisirs de l’Alpinisme» (1932). Und Dohlen spielen die Hauptrolle in «La première fois» aus dem Novellenband «Contes à pic» (1951). «Taches noires» bewegen sich am 14. Juli 1865 über den Hörnligrat. Diese schwarzen Flecken sind nicht Dohlen, sondern – da muss Queue-Courte noch ein wenig näher heranfliegen – Menschen. Die Erstbesteigungsgeschichte des Matterhorns ist, und das macht das Geniale an dieser Novelle aus, aus der Perspektive von Queue-Courte erzählt, dem neugierigsten und mutigsten Mitglied der Dohlenkolonie, die oben in der Ostwand nistet. Auf einem Flug erspäht Queue-Courte – was übersetzt Kurz-Schwanz heisst, weil der Träger bei einem der berüchtigten Matterhorn-Gewitter zu spät die sichere Höhle aufsuchte – Menschen an seinem Berg. Und er fragt sich, warum sie so langsam aufsteigen würden, bis er merkt, dass sie keine Flügel haben. «Tiens! Un choucas!» hört er Whymper sagen, darauf die Antwort von Croz: «Il sera plus vite que nous au sommet.» Als Queue-Courte später sieht, wie die vier ausgleitenden und mitgerissenen Menschen im Abgrund verschwinden, flüchtet er angsterfüllt in sein Loch hoch oben, «parce qu’il avait tout à coup compris que les hommes n’ont vraiment pas d’ailes.»
Mit der neuen Samivel-Biografie lässt sich ein grossartiges, aktuelles Werk kennenlernen. Sie erscheint als 50. Band der Collection Texte&Images im Verlag Guérin-Paulsen, wie immer im roten quadratischen Textileinband. Ich kaufte das Buch in der Procure-Buchhandlung Librairie d’Étincelles an der Rue Jean-Jacques Rousseau in der Altstadt von Annecy. Eine sehr empfehlenswerte Adresse. Und: «Samivel» war nicht der einzige Kauf, mais non.
Sophie Cuenot: Samivel. Guérin – Éditions Paulsen, Chamonix 2026. € 56,00.





























