Mord im Alpenglühen

Das grosse Buch zum Schweizer Krimi. Und zwei neue Bergkrimis mit dem leider aktuellen Titel „Endstation“.

23. März 2020

«Der Bergkrimi ist ein Kriminalroman, der in den Bergen spielt, an sich nichts Aussergewöhnliches in einem Alpenland. Bergromane enthalten generell häufig dramatische Ereignisse (Naturkatastrophen) und ungeplantes Ableben (Unfälle?), was die Grenze zwischen Bergromanen und Bergkrimis unscharf macht. Der Spezialist für diese Art von Literatur ist Daniel Anker, und er betreibt einen Blog/Newsletter: www.bergliteratur.ch.»

Danke Paul! Der Eintrag zum Bergkrimi findet sich unter „Sachartikel“ in einem Buch mit einem gnadenlos schönen Titel: „Mord im Alpenglühen“. Darin befasst sich Paul Ott, der als Paul Lascaux selbst Krimis schreibt, auf 347 Seiten mit dem Schweizer Kriminalroman und seiner Geschichte und Gegenwart. Das Buch gibt einen umfassenden Überblick über die Schweizer Kriminalliteratur von den Verbrechensberichten und Gerichtsreportagen im 19. Jahrhundert bis zur heutigen Vielfalt des Kriminalromans. Der Autor zeigt Entwicklungslinien auf und beschreibt Werke von bekannten oder vergessenen Verfasserinnen und Verfassern aus allen Sprachregionen der Schweiz. Die Bibliografie enthält über 2000 Werktitel und biografische Angaben, von „Meurtres en sérail“ (2002) des seit 1995 in Genf lebenden Algeriers Charaf Abdessemed bis zum „Mord im Blauen Bähnli“ (1998) des Berners Thomas Zwygart.

„Mord im Alpenglühen“ ist erstmals 2005 aufgelegt worden. Nun hat Paul Ott sein Opus magnum überarbeitet und erweitert. Und das war eine Heidenbüez, boomt doch der Schweizer Krimi in den letzten Jahren gewaltig. Allein von Silvia Götschi zum Beispiel sind seit 2010 neunzehn Titel erschienen – „Jakobshorn“ und „Mattawald“ habe ich hier je vorgestellt. Ebenfalls den zweiten Krimi von Marc Voltenauer: „Qui a tué Heidi?“ Sein Erstling „Le dragon du Muveran“ tönt mehr nach Bergkrimi, ist es aber nicht. Dass bei diesem kriminalliterarischen Ausstoss dem Chronisten und Sammler Ott der eine oder andere, insbesondere jüngst erschienene Titel durch die Lappen gegangen ist, versteht sich. Aber dass Paul bei Emil Zopfi, dem Gründer von www.bergliteratur.ch, ausgerechnet dessen dritter Bergkrimi, „Finale“ aus dem Jahr 2010, vergessen hat! Nobody is perfect. Im Krimi erst recht nicht…

Doch nun vom Sachbuch zur Sache. Zwei im letzten Jahr erschienene Deutschschweizer Krimis, die ich je in meine Bergkrimisammlung aufnehme, führen zu einer Endstation. Diejenige von Lorenz Müller endet am Gotthard und drüben in der Leventina – als das Buch erschien, konnte man ja nicht wissen, dass dies seit ein paar Wochen eine Realität ist. Ein Mann verschwindet spurlos – und wird Monate später auf einer Strasse im Gebirge gefunden. Sein Bruder Daniel macht sich auf die Suche und wird bald selbst gejagt. „Direkt unter ihm lag die Bergstation der Standseilbahn im Felsen, und sein Blick folgte der Bahntrasse bis hinunter ins Tal.“ Plötzlich hört er das Brummen eines Automotors.

Bei Gian Maria Calonder – unter diesem Namen veröffentlicht Tim Krohn Krimis um den Polizisten Massimo Capaul – liegt die Endstation im Engadin. Die Fahrt mit der berühmten Albulabahn bereitet allerdings Probleme, nicht für ihn, sondern für einen Arbeiter im Albulatunnel. Kurz darauf kommt ein zweiter ums Leben, und Capaul muss teils zu Fuss Nachforschungen anstellen. „Der Marsch die Val Bever hinab wurde zäh. Die Landschaft war hinreiβend, die Lärchen verloren bereits ihre Nadeln und färbten die Waldhänge und Wiesen bronzefarben. Doch es war kalt geworden, er fror und schwitzte zugleich, auβerdem schmerzte der Zeh.“

Kein erfreuliches Alpenglühen also. Apropos Mord in diesem: Das Titelbild von Paul Otts Buch zeigt eine verpixelte Version des Umschlages zur zweiten Auflage von Friedrich Glausers „Wachtmeister Studer“ von 1939, mit dem unvergesslichen Heinrich Gretler im Fokus. Seit 1979 steht dieser Kriminalroman in meinem Büchergestell, mehrfach gelesen. Noch nie habe ich mich aber gefragt, ob die Alpen darin auch vorkommen. Auf Seite 76, am Anfang des Kapitels zum Interieur der Familie Witschi, werde ich fündig:

«Das Haus stand abseits auf einer Anhöhe, inmitten einer kleinen Wohnkolonie, aber es war älter als die Bauten, die es umgaben. Die Ladentüre war neben der Eingangstüre, links; daneben lag eine Art offener Veranda, an deren Hinterwand sich ein gemalter See vor Schneebergen ausbreitete, und die Schneeberge waren rosa, wie wässeriges Himbeereis. Ueber der Türe prangte in verschnörkelter Schrift der Spruch:
Grüβ Gott, tritt ein, bring Glück herein!
Unter den Fenstern des ersten Stockes in blauer Farbe der Name des Hauses:
„Alpenruh“.»

Paul Ott: Mord im Alpenglühen. Der Schweizer Kriminalroman – Geschichte und Gegenwart. Chronos Verlag, Zürich 2020, Fr. 38.-
Lorenz Müller: Endstation Gotthard. Emons Verlag, Köln 2019, Fr. 20.-
Gian Maria Calonder: Endstation Engadin. Ein Mord für Massimo Capaul. Kampa Verlag, Zürich 2019, Fr. 22.-

Wintersperre

Das perfekte Werk, auch für den düsteren Frühlingsanfang 2020. Ein neuer Meilenstein von Marco Volken.

20. März 2020

«Der Fotograf wird zum Expeditionsreisenden, der sich persönlich einer schwierigen Umgebung aussetzt und keine Gewissheit hat, ob die Reise gelingt oder abgebrochen werden muss. Eine Art Polarforscher unweit der Haustür. Polar waren manchmal auch die Wetterverhältnisse.»

Resümiert Marco Volken seine ganz besonderen Reisen auf Ski, manchmal auch auf Schneeschuhen, in den Wintern 2016/17 und 2017/18. Ganz alleine überquerte er, immer an einem Tag und bei unterschiedlichen Wetter- und Schneeverhältnissen, zahlreiche gesperrte Pässe in der Schweizer Alpen und selten auch im Jura. Dabei hielt er sich konsequent an die angelegten Strassen, was manchmal ziemlich (lawinen)gefährlich war. „Die Bildserien, die so entstanden sind, zeigen die Passübergänge im Zustand ihrer faktischen Nichtexistenz. Als Landschaften in der Schweiz, real und imaginär zugleich.“ So schliesst der Fotograf das Vorwort seines querformatigen Fotobandes mit dem dreisprachigen Titel „Wintersperre – Trève hivernale – Passi solitari“. Ein Meilenstein.

Das sind die neun Pässe, denen Marco Volken ein einmaliges fotografisches Denkmal gesetzt hat: Klausenpass, Grimselpass, Col du Chasseral, Nufenenpass, Forcola di Livigno, Col de la Croix, Col du Grand-Saint-Bernard, Passo del San Gottardo, Passo del San Bernardino. Einmalig aus mehr als einem Grund. Da wird uns eine von Menschen mitgeformte Landschaft gezeigt, die wir sonst kaum, ja nie sehen. Und wie wir sie sehen in diesen Fotos: ein Weiss so farbig wie die Palette; eine Poesie, die ins Dramatische kippen kann; ein Lachen, das im nächsten Bild einfriert. Da gibt es immer wieder Bilder, die sagen mehr als tausend Wort: zum Beispiel die breite Passstrasse am Gotthard, mit den Verankerungen am Strassenrand für die über den Winter abgeschraubten Leitplanken – allein das ein eindrückliches Foto; aber auf einer der Verankerungen hockt ein Bergfink und schaut ins weisse Nichts hinaus.

Anders gesagt: eine geniale Idee, Pässe mit Wintersperre zu fotografieren. Und mit brillanten Fotos heimzukommen. Doch dann ist daraus noch ein grossartiges Buch entstanden. Immer eine rote Doppelseite mit dem Verlauf der Passstrasse, dann eine Seite mit Start, Höhe des Passes und Ziel sowie mit dem Datum der Begehung, mehr nicht. Reduce to the max. Und das Maximum sind eben die Fotos. Dazu, dreisprachig je, das Vorwort von Marco Volken. Und das wirklich sehr lesenswerte und aufschlussreiche Nachwort des Alpenkultur-Wissenschaftlers Martin Scharfe zur Winterreise und zum historischen Wandel der Passüberschreitung: Es gab Jahrhunderte ohne Wintersperre.

Heute, 20. März 2020, ist der kalendarische Frühlingsanfang. Marco Volkens Meisterwerk beginnt mit einer doppelseitigen Foto der Schliessung des Albulapasses am 1. Dezember und endet mit der Schneeräumung des Sustenpasses am 15. Mai.

Marco Volken: Wintersperre – Trève hivernale – Passi solitari. Mit einem Nachwort von Martin Scharfe. AS Verlag, Zürich 2020, Fr. 48.-

Baden und trinken, essen und sein in den Bergen

Ein Aufenthalt in einem Kurbetrieb oder Hotel: Das ist gerade im Bündnerland angesagt. Mit passender Lektüre – wie denn sonst?

10. März 2020

«Mein Schatz. Ich bin in voller Cur, badete bisher täglich 1 mal, künftig 2 Male, und trinke 1½ Mass St. Moritzerwasser. (…) Ich hoffe, dass das Bad nützen werde, aber ich glaube nicht an dauerhafte Besserung meines fliegenden Übels.»

Be(r)ichtete am 21. August 1802 Johann Baptista von Tscharner seiner Frau in einem langen Brief von seinem Kuraufenthalt in Bad Alvaneu im Bezirk Albula in Mittelbünden. Wahrscheinlich wird die Kur mit Baden und Trinken nicht viel genützt haben, weil der Kurgast offenbar ja nicht daran glaubte. Vielleicht waren die täglich zwei Liter eisenhaltigen St. Moritzer Wasser nicht wirklich bekömmlich; allerdings gefiel Herrn von Tscharner der Wein auch nicht, wie er schreibt. Bestimmt würde es ihm heute besser gefallen in Bad Alvaneu. Auf der Homepage lesen wir: „Schwefelhaltige Quellen, wie sie in Alvaneu Bad vorkommen, gehören zu den bedeutendsten Heilquellen. Schwefel ist an vielen lebenswichtigen Prozessen des Stoffwechsels beteiligt. Schwefelbäder eignen sich zur Behandlung von rheumatischen Erkrankungen, Hautleiden, Kreislaufstörungen, Verdauungsstörungen wie auch von Leberkrankheiten.“

Kuren hat im Graubünden eine jahrhundertalte Tradition. Davon erzählt Karin Fuchs in „Baden und Trinken in den Bündner Bergen. Heilquellen in Graubünden 16. bis 19. Jahrhundert“. Das üppig illustrierte Buch bietet einen umfassenden Überblick zur Geschichte der bündnerischen Mineralquellen und Bäder und beleuchtet das Thema aus naturwissenschaftlicher, ökonomischer und gesellschaftlicher Perspektive. Da gibt es Bäder, die bis heute florieren, wie eben Alvaneu oder Vals. Von andern ist bloss ein Name auf der Landeskarte übrig geblieben, wie Bad Fideris im Prättigau. Dort gab es eine gedeckte Kegelbahn und natürlich die Promenade – man und frau konnten ja nicht den ganzen in der Badewanne bzw. im Bett liegen und gesundes Wasser trinken… Mit dem Werk von Karin Fuchs tauchen wir ein in den Medizintourismus von einst bis jetzt. Ein bebilderter Katalog listet alle als heilkräftig beschriebenen Quellen Graubündens auf. So auch das ominöse Kaltbad am Wepchen, das irgendwo zwischen dem Dorf Panix und dem Pass dil Veptga für wohl beschränktes Wohlbefinden sorgte.

Wo hingegen dieses Hotel steht, weiss die halbe Welt. Auch dank Friedrich Nietzsche, der im Dorf unterhalb des Hotels kurte und zu gedanklichen Höhenflügen aufbrach. Sils im Engadin also, auf einer Landzunge zwischen dem Lej da Segl und dem Lej da Silvaplauna gelegen. An erhöhter Stelle über dem Dorf, mit freiem Blick auf die Seen, die Wälder und die Berge, steht seit 1908 ein besonderes Fünfsternehaus: das Hotel Waldhaus Sils, gegründet von Amalie und Josef Giger-Nigg. Ihr Urenkel Urs Kienberger führte zusammen mit seiner Schwester Maria Kienberger und deren Mann Felix Dietrich-Kienberger das Hotel von 1989 bis 2014. Nun zeichnet er verantwortlich für das Jubiläumsbuch „111 Jahre Hotel Waldhaus Sils. Geschichte und Geschichten zu einem unvernünftigen Familientraum“. Das 344seitige Werk spannt den Bogen über mehr als ein Jahrhundert im Leben eines Hotels, mit all seinen kleinen und grossen Geschichten, die sich darin abgespielt haben. Kurze Essays über die Historie des Hotels, Porträts einiger Mitglieder der Besitzerfamilie und Gespräche mit Persönlichkeiten, die sie gut kannten, werden von historischen und aktuellen Fotografien begleitet. Die Wintersaison 2019/2020 dauert noch bis zum 19. April. Vom 16. bis 20. März geben der Weinkenner Stefan Keller und der Hotelsommelier Oscar Camalli Einblicke in den Waldhaus-Weinkeller. Was es dort zu trinken gibt, hätte unserem Kurgast vom Bad Alvaneu besser gemundet als die Gläser mit saurem Wasser bzw. Wein.

Karin Fuchs: Baden und Trinken in den Bündner Bergen. Heilquellen in Graubünden 16. bis 19. Jahrhundert. Hier und Jetzt Verlag, Baden 2019. Fr. 59.-

Urs Kienberger: 111 Jahre Hotel Waldhaus Sils. Geschichte und Geschichten zu einem unvernünftigen Familientraum. Ergänzt durch Gespräche mit Zeitzeugen von Andrin C. Willi und Texte von Rolf Kienberger. Neue Fotografien von Stefan Pielow. Scheidegger & Spiess, Zürich 2019, Fr. 49.-

Schnee von gestern

Welche Bretter bedeuten die Welt? Natürlich die Latten, mit denen wir durch den Schnee von gestern und heute kurven.

6. März 2020

«Haben Sie Ihre ersten Ski-Versuche auf Fassdauben, auf Attenhofer-Skiern oder auf Big Foots gemacht? Unabhängig von Ihrem Jahrgang ist die Chance gross, dass die Frage Ihrer Eltern morgens in der Talstation immer dieselbe war: ‚Hesch alles derbi?’»

Fragt sich Beat Hächler, Direktor des Alpinen Museum der Schweiz in Bern, im Begleitwort zur jüngsten Publikation seines Hauses: „Schnee von gestern. Fundstücke zur Skikultur aus der Sammlung. Ein Postkartenbuch“. Ein wunderbares Cover der legendären offenen Gondelbahn von Moléson-sur-Gruyères auf die Vudalla: Ein hübsches Paar – sie mit bunter Jacke, er mit Zipfelmütze, beide mit Holzski – steht in einer roten Télébenne und blickt etwas skeptisch hangaufwärts, was begreiflich ist, denn der Gipfelhang der Vudalla ist fast so steil wie der Hundschopf oder der Chuenisbärgli-Zielhang; hinten tief verschneit die mächtige Ostwand des Moléson. Diese Postkarte, und 39 andere, könnte man heraustrennen und verschicken – eine schöne Idee, gewiss. Aber auch schade für die rundum geglückte Publikation mit klugen Texten und eben wunderbar nostalgischen Fotos, Postern und arrangierten Fundstücken aus der Sammlung. Wer die Postkarten verschicken will, um zum Beispiel auf die jüngste Museumsattraktion aufmerksam zu machen, aufs „Fundbüro für Erinnerungen, № 1 Skifahren“, kauft sich am besten gleich zwei dieser Postkartenbücher!

Bleiben wir noch grad auf den Brettern, die unsere Welt bedeuten. Und gleiten vom Greyerzer Schnee ostwärts zum weltberühmten Arlberg. Das grösste Skigebiet Österreichs bildet den Schwerpunkt im Alpenvereinsjahrbuch Berg 2020. Vier Artikel gehen dem Arlberg-Gefühl und der Erfindung des Skilaufs als Lebensstil und als Wirtschaftsmacht auf den Grund. Dass der Arlberg auch im Sommer erfrischend sein kann, verrät uns Stephanie Geiger. Passend zum Schnee von gestern andere Themen im 144. Alpenvereinsband: das Eis. Wie Berge und Eis zusammengehören – oder vielleicht auch: zusammengehörten. Was kommt, wenn das Eis geht? Und wie sieht es tief drin in einem Alpengletscher aus. Andi Dick beschreibt die Faszination Eisklettern im Wandel der Zeit. Spannend wie immer in diesem Berg-Buch: die Chronik des Extrembergsteigens, mit einem Interview einer seiner Protagonisten, mit Robert Jasper. Sein Fazit: „In den Alpen gibt es noch wahnsinnig viel Potenzial.“ Zum Glück. Denn die 256-seitige Publikation hört mit diesem Text auf: „Die letzte Bergfahrt“. Damit ist nicht diejenige mit dem Lift zur Bergstation gemeint.

Schnee von gestern. Fundstücke zur Skikultur aus der Sammlung. Ein Postkartenbuch. Redaktion Michael Fässler, Stefan Hächler, Helen Moser. Alpines Museum der Schweiz/Scheidegger & Spiess, Bern/Zürich 2020, Fr. 24.-

BERG 2020. Herausgegeben vom Deutscher Alpenverein (DAV), Österreichischer Alpenverein (OeAV) und Alpenverein Südtirol (AVS); Redaktion Anette Köhler. Tyrolia-Verlag, Innsbruck 2019, € 18.90.

Hütten

Überlebenswichtig sind Hütten. Die Lektüre darüber ist so überraschend wie überzeugend.

27. Februar 2020

«Sich einen Ort schaffen, über den der Mensch bestimmt. An dem er der Natur nicht mehr ausgeliefert ist, sondern sich aus ihr nimmt, was er braucht. Ein Zuhause. Adams und Evas Hütte stellt nichts dar, sie ist nicht groβ, sie ist Bauen in seiner grundlegendsten Form: Sie schafft ein Drinnen, wo vorher nur Drauβen war. Sie ist ein Anfang.
Etwas von diesem Anfang scheint noch in jeder Hütte zu stecken, bis heute.»

Reflektiert Petra Ahne in „Hütten. Obdach und Sehnsucht“. Die Hütte, die Adam und Eva nach der Vertreibung aus dem Paradies bauen, findet sich als Zeichnung am Seitenrand einer italienischen Handschrift aus dem 15. Jahrhundert. Die Hütte besteht aus in den Boden gesteckten Ästen mit darübergelegten belaubten Zweigen. Sie wird nicht die erste gewesen sein. In Nizza wurden in den 1960er Jahren Spuren einer Urhütte entdeckt, 400‘000 Jahre alt. Eine Reihe tiefer Löcher im Boden interpretierten die Archäologen als Fundament einer mit Holzstämmen errichteten Hütte. Im Jahr 2000 fand man bei Tokio Pfostenlöcher und Werkzeuge, nochmals 100‘000 Jahre weiter zurück. Wie Hütten freilich heute aussehen, kann auf cabinporn.com eingesehen werden; 12‘000 Objekte auf der ganzen Welt wurden hochgeladen.

In dem schlicht und schön gebauten Buch mit 132 Seiten und 36 Abbildungen entwirft Petra Ahne Geschichte und Gegenwart der Hütten, anhand der vier Wände Ursprung, Obdach, Abseits und Sehnsucht. Das Dach sozusagen bildet der Bau einer eigenen, 34 Quadratmeter grossen Hütte an einem See in Brandenburg. Le Corbusiers Holzhütte an der Côte d’Azur wird eingehend und kritisch besichtigt wie diejenige von Henry David Thoreau am Walden Pond. Der Mythos von der (falschen) Hütte von Präsident Abraham Lincoln steht etwas schief zum Unterschlupf aus zwei umgedrehten Booten, unter denen 22 Männer der gescheiterten Shackleton-Expedition im Südpolarmeer vier Monate auf Rettung ausharrten. Wie die Autorin die Hütten von Heidi und Alp-Öhi, Lady Chatterley und ihrem Liebhaber und der Hexe im Märchen „Hänsel und Gretel in Beziehung setzt, hat Klasse. Nur einen ganz kurzen Seitenblick gibt es zu Hütten, welche die Bergsteiger am besten kennen.

Zu diesen Bauten ist dieser Tage die Nummer 88 der französischen Bergkulturzeitschrift „L’Alpe“ erschienen: „Refuges. De l’abri de fortune au tourisme d’altitude“. Ein wie immer grossartig und überraschend illustriertes Heft zu diesem Thema, mit einer Vielfalt von Themen, von altertümlichen Gebäuden bis zu den modernsten Biwakschachteln, von Uli Wiesmeiers heimeligen Interieurs bis zu Marco Volkens nicht immer ganz so heimeligen stillen Orte (dort verweilt man ja auch nicht zu lange). Von ihm stammt auch das grossartige Frontispitz von der Jenatsch-Hütte, hell erleuchtet von einem letzten Abendsonnenstrahl. Im hinteren Teil des Heftes wird über Ausstellungen, Begegnungen und Bücher informiert. Dass das Forum Schweizer Geschichte Schwyz die Ausstellung „Joggeli, Pitschi, Globi… beliebte Schweizer Bilderbücher“ zeigt (nur noch bis 15. März), erfuhr ich erst in einer Publikation von Grenoble…

Doch zurück zu den Hütten. Vor kurzem erstand ich im Buchantiquariat Daniel Thierstein in der Berner Altstadt „Im Gebirg und auf den Gletschern“ von Carl Vogt. Der deutsche und später in der Schweiz eingebürgerte Naturwissenschaftler und Politiker gehörte ab 1840 zu den Neuenburger Glaziologen um Louis Agassiz, die auf dem Unteraargletscher ihre bahnbrechenden Studien machten und die mit ihren Führern einige grosse Gipfel wie Lauteraarhorn und Rosenhorn erstmals bestiegen. 1863 veröffentlichte Vogt, 1874-75 erster Rektor der neugegründeten Uni von Genf, eine schlimm rassistische Schrift – auch Agassiz wurde ja zum Rassisten. Ein schaler Nebengeschmack also, wenn man heute Vogt liest. Dabei macht die Lektüre wirklich Spass. So wie hier über die von den Führern erbaute Hütte auf dem Sidelhorn ob dem Grimselpass, in der im Sommer 1841 eine Nacht verbracht wurde:

„Unsere Hütte war fertig, ein Meisterstück alpinischer Baukunst. Wenn diese Blätter und unser Andenken einst modern unter dem Staube der Vergessenheit, dann, hoffe ich, werden redliche Alterthumsforscher die Spuren einer cyclopischen, ohne Mörtel noch Kelle aufgeführten Mauer auf jenen Höhen entdecken und daraus die erstaunenswerthesten Schlüsse ziehen über frühere Bewohnbarkeit der Alpengipfel und die zunehmende Erkältung der Erde. Kann eine rohe Mauer von einigen Fußen Höhe und etwa 12 Fuß Länge, ein Geviert einschließend, nicht Stoff zu den längsten antiquarischen Abhandlungen geben? Jetzt ist sie freilich zerfallen, allein damals war sie doch solid genug, ein paar Alpenstöcke und ein Wachstuch zu tragen; jetzt mag ihr innerer Raum mit nieschmelzendem Schnee erfüllt fein; damals deckte ein reiner Wollteppich den steinigen Boden, ein dunkles Wachstuch das niedrige Dach. Als wir so hineinsahen in die reinliche Höhle, freuten wir uns auf die Nacht, welche wir darin zubringen sollten, und freuten uns des Gewitters in der Nähe, dessen vielstimmige Tafelmusik unseren Murmelthierbraten würzte, den wir als ein zu solchem Lager passendes Nachtessen von der Grimsel mit uns genommen. Wir wußten nicht was uns erwartete, sonst hätten wir noch jetzt den Rückzug angetreten!“

Petra Ahne: Hütten. Obdach und Sehnsucht. Naturkunden N° 53, Matthes & Seitz, Berlin 2019, CHF 35.60.

L’Alpe: Refuges. De l’abri de fortune au tourisme d’altitude. Printemps 2020. Édition Glénat, Musée Dauphinois, CHF 26.-

Carl Vogt: Im Gebirg und auf den Gletschern. Verlag von Jent & Gassmann, Solothurn 1843. www.e-rara.ch/zut/content/titleinfo/2235630

Flüsse der Alpen

Ein reich bebildertes Ergebnis eines geografischen Grossprojektes. Für Fachleute und Flussläufer.

17. Februar 2020

«Ich bin ein Kind der Aare. Sie ist der schönste Fluss der Schweiz, unscheinbar, aber lieblich anzuschauen. Sie entspringt den Gletschern des Berner Oberlandes, flieβt durch das westliche Mittelland und erreicht bei Murgenthal den Aargau. Bei Aarburg durchbricht sie den ersten Jurariegel.»

So beginnt die 2018 erschienene Autobiographie „Kind der Aare“ des Aargauer Schriftstellers Hansjörg Schneider. Ich las sie im Chalet Riederhorn auf der Riederalp, 1186 Meter oberhalb der Rhone bzw. des Rotten, wie der 812 Kilometer lange Fluss im Oberwallis genannt wird. Seine Länge im Alpenraum beträgt 254 Kilometer, deutlich mehr als der Rhein (167 km) oder gar die Aare (95 km). Da ist sogar die Alpenreuss 5 km länger als der schöne, grüne Berner, Solothurner und Aargauer Fluss. Der mit Abstand längste Alpenfluss, der in der Schweiz entspringt, ist allerdings der Inn: Von seinen insgesamt 517 Kilometern liegen deren 373 im Alpenbogen. Diese Zahlen entnehme ich dem in jeder Hinsicht gewichtigen Buch „Flüsse der Alpen“, das am Donnerstag, 20.2.20, in der Aarehauptstadt Bern vorgestellt wird.

„Flüsse der Alpen“ bündelt das Fachwissen von mehr als 140 Autorinnen und Autoren aus sechs der acht Alpenländer. 34 Kapitel beschreiben Entstehung und Funktionen von Flüssen, ihren ökologischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Stellenwert in Geschichte und Gegenwart, das Ausmass und die Folgewirkungen menschlicher Nutzungen, sowie den Abstimmungsbedarf von Schutz- und Nutzungsinteressen. Detaillierte Portraits von 54 Flüssen bieten einen raschen Überblick und präsentieren die jeweiligen Besonderheiten. Aus der Schweiz sind dies neben den schon oben erwähnten fünf noch folgende acht Flüsse: Grosse und Kleine Emme, Kander, Linth, Maggia, Saane, Ticino und – etwas überraschend – die Vispa; sie besteht aus den zwei Armen Saaser und Matter Vispa, die sich in Stalden zur Vispa vereinigen und nach rund 35 Kilometern in die Rhone ergiessen. Ein berühmter und viel besungener Fluss, der in den Alpen entspringt, wird zu Recht nicht porträtiert: Der 652 Kilometer lange Po, der von der Quelle am Monviso grad knapp 20 Kilometer in seine Ebene braucht.

„Wir haben uns bewusst entschieden, ein Buch zu machen, das auch Nicht-Fachleute gerne lesen wollen“, sagt Mitherausgeber Prof. Dr. Dominik Siegrist, Leiter des Instituts für Landschaft und Freiraum der Hochschule für Technik Rapperswil HSR. Das sieht man dem rund 512 Seiten starken und knapp zwei Kilos schweren Werk auch an. Zahlreiche, meist farbige Fotos machen die Flussräume der Alpen spürbar, spannende Karten und Grafiken bieten nützliche Zusatzinformationen. Und spätestens bei den Fluss-Portraits wird die Neugier geweckt. Wenn vielleicht nicht unbedingt bei der Aare, dann sicher bei der Adda, der Ammer/Amper oder des Avisio. Und ganz sicher bei der Arve, die 100 Meter jenseits der Schweizer Grenze entspringt und auf den letzten ihrer 108 Kilometer durch den Kanton Genf fliesst, bevor sie sich gebirgstrüb dem klaren Seeausfluss namens Le Rhône ergibt.

Susanne Muhar (Hrsg.) / Andreas Muhar (Hrsg.) / Dominik Siegrist (Hrsg.) / Gregory Egger (Hrsg.): Flüsse der Alpen. Vielfalt in Natur und Kultur. Haupt Verlag, Bern 2019, Fr. 58.- Gibt es auch in einer englischen Ausgabe: Rivers of the Alps. Diversity in Nature and Cultur.

Buchvernissage „Flüsse der Alpen“ am Donnerstag, 20. Februar 2020, um 19 Uhr im Atelier 14B der Buchhandlung Haupt am Falkenplatz 14 in Bern. Paul Moser, Violine, und Rosemarie Burri, Piano, begleiten den Anlass. Aus organisatorischen und Platzgründen wird um Anmeldung an presse@haupt.ch oder 031 309 09 00 gebeten.

Skitouren unter südlicher Sonne

Im Süden der Alpen hat’s Schnee und Sonne. Nichts wie hin, mit zwei frischen Skitourenführern.

12. Februar 2020

«Classica salita di allenamento, molto frequentata grazie alla sua accessibilità da Domodossola e all’assenza di difficoltà tecniche e tratti pericolosi (a parte gli ultimi metri).»

Gestern Dienstag wäre es wohl möglich gewesen, den bis auf die letzten Meter leicht erreichbaren Moncucco (1902 m) mit Ski zu besteigen. Seine Hänge jedenfalls leuchteten weiss unter blauem Himmel, schier senkrecht oberhalb der Piazza del Mercato in Domodossola. Dort tranken wir einen Caffè, an der Sonne und geschützt vom böigen Nordwind. Und dort kaufte ich in der Libreria Grossi ein paar italienische Bergbücher, darunter „Ossola Skialp“ von Simone Antonietti und Paolo Sartori. Dieser schön und übersichtlich gemachte Führer schlägt 59 Skitouren in den Tälern rund um Domodossola vor, vom Pizzo Bianco gegenüber der Dufourspitze über die Gipfel des Simplon und Binntals bis zur Cima della Laurasca im Val Grande. Diese Cima wäre gestern auch erreichbar gewesen, während die mehr am Alpenhauptkamm liegenden Gipfel wolken- und sturmumtost blieben. Aber es kam grosse (Vor)freude auf, all die sonnigen Übersichts- und Actionfotos von „Ossola Skialp“ anzuschauen. Da nächste Mal nehmen wir die Skitourenausrüstung mit, ma certo.

Der Ossola-Skitourenführer erschien im Dezember 2019 in der Reihe „Luoghi Verticale“ der Edizioni Versante Sud. Erst vor rund einer Woche kam ein Skitourenführer heraus, der ebenfalls eher südliche Gipfel vorstellt: „Graubünden Süd“ von Vital Eggenberger. Der Bündner Bergführer stellt darin mit allen (ski)touristischen Infos die südöstliche Hälfte der weissen Bündner Berge zwischen Piz Buin und Piz Bernina, Piz Platta und Piz Chavalatsch, dem östlichsten Punkt der Schweiz, vor. Die neue Ausgabe enthält 440 Tourenziele, davon 40 neu gegenüber der letzten Auflage von 2010, mit 800 Skirouten, davon 50 neu. Da gibt es also in den Gebieten Avers, Oberhalbstein, Albula, Engadin, Münstertal, Puschlav und Bergell einiges zu tun in den nächsten Wintern. Zum Beispiel im Val Poschiavo. Sein südlichster Gipfel ist der Piz Cancan (2435 m). Er „ist Ziel einer leichten Skitour und bietet eine beeindruckende Aussicht ins Valtellina“, so Eggenberg. „Wegen des langen Zustiegs durch das Val dal Saent lohnt sich eine Übernachtung in der Capanna Anzana.“

Mit Vital Eggenberg jüngstem Werk kommt ebenfalls Vorfreude auf. Aber nicht nur. Denn: Seit 1962 hat der Schweizer Alpen-Club 46 Skitourenführer veröffentlicht, die acht Übersetzungen nicht mitgezählt. „Alpine Skitouren Zentralschweiz“ und „Alpine Skitouren Graubünden“ waren die beiden ersten Bände. Mit „Graubünden Süd“ ist nun der 47. und letzte Band dieser unverzichtbaren Führer, welche die schier unzähligen Skitourenmöglichkeiten in den Schweizer Alpen und im Jura beschreiben.

Simone Antonietti, Paolo Sartori: Ossola Skialp. Edizioni Versante Sud, Milano 2019, € 30.-
Vital Eggenberger: Skitouren Graubünden Süd. SAC Verlag, Bern 2020, Fr. 54.-; für SAC-Mitglieder Fr. 44.-

Schnee

Der Winter ist noch nicht vorbei. Auch wenn es im Wallis schon frühlingshaft mild war. Schnee ist angesagt – ganz sicher zwischen Buchdeckeln. Und im brandneuen Fundbüro für Erinnerungen im Alpinen Museum der Schweiz in Bern.

5. Februar 2020

« – U-u-u-uh – sang der Schneesturm auf dem Dachboden, und irgendetwas schlug drauβen wütend im Wind, vermutlich das Aushängeschild der Zemstvohütte. – U-u-u-uh! »

Könnte Petra gewesen sein, dieser wütende Wind, der in der Nacht von Montag auf Dienstag durch die Schweiz raste – als Schneesturm allerdings nur in höheren Lagen. Und Zemstvo hört sich mehr nach Russland als nach Oberland an. Das lautmalerische Zitat stammt aus der Erzählung „Auf Dienstreise“ von Anton Čechov, einem der grössten und bekanntesten russischen Erzähler und Dramatiker. Er veröffentlichte 1899 die Geschichte von zwei Staatsangestellten, die zu einer Untersuchung aufs Land fahren müssen und in einen Schneesturm geraten; auf deutsch erschien sie erstmals 2015 im Diogenes-Erzählband „Die Dame mit dem Hündchen“. Nun hat Christine Stemmermann 25 von Peter Urban übersetzte Čechov-Geschichten ausgewählt, in denen der Winter Regie führt, mal dramatisch, mal sonnig, manchmal auch nur nebenbei wie bei der oben erwähnten Dame. Einer meiner liebsten Texte handelt vom Schlitteln – beim Lesen spürt man den Wind, der beim Runtersausen ins Gesicht bläst. Kurz: „Wintergeschichten“ ist die passende Lektüre für Nachmittage, wenn man im T-Shirt an einer Stallholzwand hockt, mitten in weisser Landschaft, und natürlich auch für Abende, wenn es draussen so richtig chuttet.

Wenn – genau! Wenn es wieder mal richtig Winter wäre, auch in tieferen Lagen. „Wo ist der Winter“, fragt sich Michael Schophaus in „Schnee. Eine Liebeserklärung an den Winter“. In 12 Kapiteln befasst sich der Journalist, der seine ersten Abfahrten von weiss angehauchten Anhöhen im Ruhrgebiet machte, mit der vergänglichen Materie. Spricht über Schneekanonen, begleitet Skiasse, trotzt Schneestürmen auf der halben Welt. Zuweilen wirkt seine Schreibe etwas angestrengt cool. Doch was er hier schreibt, sollte uns nicht kalt lassen: „Sicher werden uns die Enkel eines Tages fragen, wieso wir so viele Bretter vor dem Kopf hatten, als es hieβ, den Winter zu retten. Wenn sie sich darüber beklagen, warum sie keine Schneemänner mehr bauen können, wie wir es machten, als wir klein waren.“

Wenn hierzulande die Schneemänner verschwinden und die Pisten grünen, dann hat es ja vielleicht Schnee in Norwegen und Bulgarien, auf Island oder Kreta, in den Pyrenäen oder Abruzzen, in der Hohen Tatra oder Sierra Nevada – in letzterer ganz sicher, wenn das Gebirge so heisst. Alle Traumziele für Skitouren, wie Stefan Stadler mit dem knapp 500seitigen Führer „Abenteuer Skitouren – Best of Europa“ zeigt. Dumm nur, dass man dorthin meistens fliegen muss und so zur Erwärmung des Klimas beiträgt. Die Abruzzen allerdings liegen locker in Bahn-Mietauto-Reichweite, und wenn man den braven Monte Blockhaus (2140 m) im Majella-Gebirge, den bösen Corno Grande (2912 m), den höchsten Gipfel des ganzen Apennins, und die andern vorgeschlagenen Touren er-fahren hat, dann könnte man noch den Monte Gorzano (2458 m) anhängen, der sich am Nordrand der Abruzzen erhebt. Dort mal runterzukurven, das wär’s! Wir sind im Herbst 2018 runtergewandert…

„Quo vadis Sciatore?“ steht auf dem Plakat, das Franz Lehnart 1947 für das Trentino geschaffen hat; es zeigt einen Eisbär, der mit Ski auf den Schultern und einer Pfeife in der Schnauze munter durch Schneefall wandert. Auf einem Plakat für Cortina d’Ampezzo liess der Künstler ein Mädchen schlitteln, das lächelnd einen Schneeball zu werfen gedenkt. Zwei seitengrosse Abbildungen aus „Il libro della neve. Avventure, storie, immaginario“. Darin befasst sich Franco Brevini ausgiebig und umfassend mit dem Schnee in allen Formen und Schichten, Jahreszeiten und Ländern, in Kunst und Literatur, im Film und Krieg. Rund 300 farbige und schwarz-weisse Abbildungen, ein umfangreiches Literaturverzeichnis und ein Stichwortverzeichnis von Abetone (Skiort im nördlichen Apennin) über Hölderlin und Holmenkollen, Tomba und Turner bis Mathias Zdarsky verweisen auf die Breite und Dicke dieses Buches vom Schnee. Es empfiehlt sich auch denjenigen, die Schnee nur als Meringue mögen.

Apropos Verpflegung: Bei Pommes und Punsch feiert das Alpine Museum der Schweiz am Freitag, 14. Februar 2020, ab 18.30 Uhr die Eröffnung seines neuen interaktiven Sammlungsformates „Fundbüro für Erinnerungen“. Im Zentrum stehen nicht die Dinge, sondern die Geschichten dahinter – erzählt von den Besucherinnen und Besuchern. Das erste Thema heisst „Skifahren“. Welche Spuren hat das Skifahren hinterlassen? Welche Erlebnisse und Gegenstände sind geblieben? Vielleicht auch: Wie und wo werden wir in Zukunft skilaufen? Auf geht’s in dieses Fundbüro, mit und ohne Ski auf den Schultern. Als erste Persönlichkeiten bringen ihre Objekte und Geschichten an den Helvetiaplatz: Marie-Theres Nadig am Sonntag, 23. Februar 2020, 11 Uhr; Beni Thurnheer am Samstag, 28. Februar 2020, 17 Uhr.

Anton Čechov: Wintergeschichten. Diogenes Verlag, Zürich 2019, Fr. 30.-
Michael Schophaus: Schnee. Eine Liebeserklärung an den Winter. AT Verlag, Aarau 2019, Fr. 30.-
Stefan Stadler: Abenteuer Skitouren – Best of Europa. Die schönsten Skitouren zwischen Island und Kreta. Panico Alpinverlag, Köngen 2020, Fr. 50.- Erhältlich bei Piz Buch & Berg, www.pizbube.ch
Franco Brevini: Il libro della neve. Avventure, storie, immaginario. Il Mulino, Bologna 2019, € 45.-

Bergmenschen

Zwei Bücher über Menschen, die sich den Bergen verschrieben haben. Manchmal für ewig.

29. Januar 2020

«Lange bevor ich zum Klettern kam, haben mich Abenteurer wie Scott, Nansen und Shackleton fasziniert. Mich interessierte das ganze Drumherum: das Aufbrechen, das Entdecken unbekannter Gebiete. Das ist bis heute so. Das Klettern ist zuerst Mittel zum Zweck, um aufzubrechen und mich von dem familiären Establishment zu lösen. Mein gröβter Wunsch war einmal, eine Blockhütte zu bauen und mitten im Busch von Kanada zu überwintern. Der ist immer noch da.»

Verrät Stefan Glowacz, einstiger Shooting Star der Sportkletterszene, im Interview, das Michael Ruhland, seit 2012 Chefredaktor des Magazins „Bergsteiger“, mit ihm in der Rubrik „Das groβe Bergsteiger-Interview“ geführt hat. Nun liegen diese Interviews in Buchform unter dem Titel „Bergmenschen. 30 Ikonen der Bergwelt über Wagnis, Liebe und Demut“ vor. Angereichert mit Fotos der Interviewten aus ihrem (Berg)leben sowie mit extra für das Buch gemachten Porträtfotos von Christoph Jorda. Da gibt es Porträts, die mit der entsprechenden Legende unter die Haut gehen. So dasjenige von Hansjörg Auer, der in einer alten Bauernstube vor einem Teller mit Fisch sitzt und ernst in die Kamera blickt; der Österreicher wurde am 16. April 2019 zusammen mit David Lama und Jess Roskelley beim Abstieg vom Howse Peak im Banff-Nationalpark von einer Lawine in den Tod gerissen. „Es gibt Bilder für die Ewigkeit. Die jetzt tieftraurige Bedeutung konnte Fotograf nicht ahnen, als er Hansjörg Auer im März 2019 im Ötztal besuchte. Die Idee mit dem Fischessen lag nahe – Auer war durch sein ‚Fisch-Solo‘ an der Marmolada-Südwand berühmt geworden. Jetzt hat es den Charakter eines letzten Abendmahles.“

Auer ist nicht der einzige Befragte, der nicht mehr unter uns weilt. Auch David Lama, Ueli Steck und Heiner Geiβler haben ihren letzten Gang angetreten. Geiβler, der Politiker? Ja genau, der war eben auch Bergsteiger. Unter den insgesamt 34 Personen (manchmal sind auch Paare darunter, wie die Gebrüder Huber) hat Michael Ruhland nicht nur mehr oder weniger bekannte Alpinisten und Kletterer wie Adam Ondra, Norbert Sandner und Reinhold Messner eingehend befragt, sondern auch andere Menschen der Berge, so den Alpenprofessor Werner Bätzing, den Hüttenwirt und Bluesmusiker Willy Michl, den Fotografen Robert Bösch oder den Klettersteigpapst Eugen Hüsler. Sieben der 34 Interviewten sind Frauen: Ines Papert, Tamara Lunger, Billi Bierling, Alix von Melle, Gerlinde Kaltenbrunner, Elisabeth und Marlene Schuen. Aufgeteilt ist der Gesprächsband in die Kapitel Aufbruch, Wagnis (mit nicht zufällig drei Verstorbenen), Demut, Liebe, Enttäuschung und Ankommen.

Ein Bergmensch durch und durch ist auch Willy Garaventa, der 1957 zusammen mit seinem Bruder Karl die Schweizer Seilbahnfirma Garaventa AG gegründet hat. Im Gleichschritt mit dem sich ausbreitenden Tourismus führ(t)en ihre Seilbahnen auf immer mehr Stationen und Gipfel der Schweizer Alpen – und bald auf solche in der ganzen Welt. Rebekka Haefeli erzählt in „Willy Garaventa. Biografie des Schweizer Seilbahnpioniers“ die Geschichte des noch immer rüstigen Selfmademannes mit Jahrgang 1934. Als das mit tollen Fotos illustrierte Buch erschien, gab er der „SonntagsZeitung“ ein grosses Interview. Auf die Frage, wohin es ihn gezogen hätte, wenn er nicht in den Seilbahnbau eingestiegen wäre, antwortete Willy Garaventa: „Dann wäre ich Seefahrer geworden. Ich war als Kind ein Bücherwurm und las alle Seeräubergeschichten. Seefahrer waren jene, die in der Welt herumkamen. Das wollte ich auch. Diese Abenteuerlust ist mir geblieben. Mein ganzes Leben war ein Abenteuer.“

Michael Ruhland (Text), Christoph Jorda (Porträtfotos): Bergmenschen. 30 Ikonen der Bergwelt über Wagnis, Liebe und Demut. Mit einem Vorwort von Stephan Siegrist. Frederking & Thaler, München 2020, Fr. 52.-

Rebekka Haefeli: Willy Garaventa. Biografie des Schweizer Seilbahnpioniers. Hier und Jetzt Verlag, Baden 2019, Fr. 39.-

Das Buch der mystischen Orte

Der Eugen weiss, wo sich das Pilgern zwischen Hallstättersee und Mont Bégo besonders lohnt. Indirekt mit dabei: Pfarrer Martin Nil von Grindelwald.

21. Januar 2020

«Hoch oben, zwischen Piz Curvèr und Piz Toissa, liegt die in katholischen Landen Graubündens berühmte Wallfahrtskirche Ziteil, nach der Sage auf den besondern Wunsch der heiligen Jungfrau hier erbaut. Diese hatte ihren Wunsch einem Hirten geoffenbart und die Baustelle durch drei Blutstropfen bezeichnet. Der Bau wurde begonnen, aber etwas zu weit unten. Hier hatte das Baumaterial keine Ruhe. An einem schönen Morgen fand man es an die bezeichnete Stelle hinaufgerückt und baute dann auch dort. Auch für Nichtkatholiken ist es der Mühe wert, einmal da hinauf zu pilgern.»

Empfiehlt der berühmte Schweizer Kartograf und Reliefbauer Eduard Imhof im 32. „Jahrbuch des Schweizer Alpenclub“ von 1896. Der ebenso berühmte Buchautor und Klettersteigpapst Eugen E. Hüsler schlägt eine Pilgerfahrt nach Ziteil, dem „höchstgelegenen Wallfahrtsort der Ostalpen“, im „Buch der mystischen Orte in den Alpen“ vor. Bei Hüsler aber soll „eine weiβ gekleidete Frau, deren Gesicht durch einen Schleier verhüllt war, zweimal einem kleinen Mädchen, ein paar Tage später dann einem Hirtenjungen, auf Ziteil erschienen sein“. Und zwar mit der gleichen, strengen Botschaft, dass die Leute im Oberhalbstein nicht noch mehr sündigen und die Feldfrüchte verdorren lassen sollen, sonst werde Gott Strafe üben. Eine göttliche Mahnung gegen Food Waste? Wie auch immer: Die Pilgerfahrt nach Ziteil (2427 m) oberhalb von Savognin lohnt sich; im Winter vielleicht noch mehr als im Sommer, weil man dann vom bahnerschlossenen Piz Martegnas auf die Alp Foppa (2001 m) runterkurven kann. Die im Buch nicht berücksichtigte Wallfahrt auf die Rocciamelone (3558 m) mit der höchstgelegenen Kapelle in den Alpen kann im Übrigen ebenfalls nur empfohlen werden.

Hüslers 240 starkes Werk heisst im Untertitel „Von sagenhaften Bergen, verwunschenen Seen und magischen Höhlen“; es stellt insgesamt 100 mystische Orte vor, immer mit Bild, saftigem Text und einem Wandertipp. Für Liechtenstein und die Schweiz hat Eugen 23 Plätze und Gegenden ausgewählt, von den Drei Schwestern über das Martinsloch und Tells Sprung bis zu Blüemlisalp, Matterhorn und Schloss Chillon. Mit dabei auch das berühmteste Gipfeltrio der Alpen.

Und genau dorthin lohnt es sich jetzt (und bis zum 29. März) zu pilgern. Denn im Grindelwald Museum ist die Sonderausstellung „Pfarrer mit Pinsel und Kamera. Martins Nils Grindelwald“ zu sehen. Dieser Martin Nil (1887–1949), Nachfolger des berühmten Gottfried Strasser, war wie dieser weit mehr als nur der Diener Gottes im Gletscherdorf. Er war Alpinist und Fussballspieler, Fotograf und Aquarellist. Das neben der Kirche liegende Museum würdigt Nils weitgefächertes Schaffen in einem hellen Raum in zweiten Stock: schwarzweisse Fotos der Berner Alpen und der Bewohner Grindelwalds, selbst kolorierte Blumenbilder, lichtdurchflutete Aquarelle von Wetterhorn und Eiger, das erste Hüttenbuch der Mittellegihütte (Nil hielt die Bergpredigt am 12. Oktober 1924 bei der Einweihung und steuerte das Frontispitz bei), feine Anekdoten. Darunter der Film über den Pfaffensprung. 1939 hatte Nil am Sonnenhang ob Grindelwald ein Vorsass erwerben können und baute das Ertschfeld in ein Ferienhaus um. Auch nach der Eröffnung der nahe daran vorbeiführenden First-Sesselbahn 1946/47 stieg er lieber zu Fuss in sein Heimetli auf. Einmal aber sprang er zwischen Ertschfeld und Mittelstation Bort vom Lift – die Stelle heisst seither Pfaffensprung. Wenn wir mutiger gewesen wären, als wir jeweils mit Emanuel Balsiger, dem Enkel von Martin Nil, im Ertschfeld unvergessliche Skitourentage verbrachten, dann hätten wir den Sprung auch mal versucht.

Eugen E. Hüsler: Das Buch der mystischen Orte in den Alpen. Von sagenhaften Bergen, verwunschenen Seen und magischen Höhlen. Frederking & Thaler, München 2019, Fr. 42.-

Pfarrer mit Pinsel und Kamera. Martins Nils Grindelwald. Grindelwald Museum, in der Wintersaison bis 29. März 2020, in der Sommersaison bis in der Herbst 2020. Täglich offen ausser Montag und Samstag von 15 bis 18 Uhr.