Auf den Spuren von Ella und Annemarie durch Asien

Zwei neue Bücher zum Reisen durch Asien, von Ost nach West, einmal mit dem Auto, einmal zu Fuss. Mit im Gepäck und im Kopf: Annemarie Schwarzenbach und Ella Maillart. Letztere wird bis am 1. November 2026 im Photo Elysée in Lausanne mit der Ausstellung «Récits photographiques» gewürdigt. Nichts wie hin, mit dem Zug, mais bien-sûr.

«Ich weiss nicht, wann das letzte Mal jemand von Indien nach Europa gefahren ist. Aber vielleicht muss man es gerade jetzt versuchen. 15000 Kilometer liegen vor uns. Eine Linie auf der Weltkarte, die uns alle verbindet.»

So endet das Kapitel «Zeit oder Raum», das den Auftakt dieser Reise beschliesst. Mit Edwina, so der Spitzname des schwarzen Hindustan Ambassador, eines massigen Autos made in India, fuhren Andreas Babst, heute NZZ-Korrespondent  für Südostasien in Bangkok, und seine Freundin, die Fotografin Rebecca Conway, von Juni 2024 bis November 2024 von Dehli zurück in die Schweiz, genauer nach Sils Baselgia. Nicht zufällig in dieses Dorf im Oberengadin, wo an einem Haus diese Schiefertafel angebracht wurde: «In Memoriam Annemarie Schwarzenbach 23. Mai 1908 – 15. Nov. 1942.» Sie war auf der Reise vor zwei Jahren von Anfang an dabei, wie im erwähnten Kapitel zu lesen ist: «Annemarie Schwarzenbach und Ella Maillart reisten Anfang Juni 1939 mit ihrem Ford aus der Schweiz Richtung Afghanistan. Aus der Reise entstanden zwei Bücher: Maillarts Der bittere Weg und Schwarzenbachs gesammelte Aufzeichnungen Alle Wege sind offen

Aus der Reise von Andreas Babst und Rebecca Conway entstand ebenfalls ein Buch: «Und vor uns die ganze Welt. Eine Reise über Land von Indien in die Schweiz.» Ich las das Buch in einem Zug – vielleicht müsste man schreiben: in einer Fahrt. Und blieb an Absätzen wie dem folgenden hängen, notiert beim Ronbuk-Kloster am 31. Juli 2024:

«Die Nacht hängt wie ein Samtvorhang über dem tibetischen Plateau, keine Geräusche hier oben, noch nicht. Wir warten, bis der Vorhang sich hebt. Keine Zeit hier oben, nicht wie wir sie messen, in Sekunden, Stunden, Tagen. Der Berg ist ewig. Die anderen Gipfel bilden eine Gasse für den höchsten von ihnen. Das Morgenlicht färbt den Mount Everest violett, dann ein graues Blau. Ich mach ein Foto mit dem Handy und komme mir dumm vor. Der Berg, er duldet uns alle nur.»

Im oben erwähnten Kapitel bemerkt Andreas Babst, dass ihm Schwarzenbachs Buch immer näher gewesen sein. Einem anderen Reisenden war Ella Maillart (1903–1997) näher. Immer wieder erwähnt er sie in seinem Buch, auch dann, wenn er nicht mehr ihren Spuren durch Asiens Gebirge folgt: «Voici au moins un toit comme je les comprends: on peut admirer les étoiles éclatantes avant de s’endormir! Lointaines, cerclées par la yourte, elles sont le fond d’un puits fabuleux…» Und dann setzt der Maillart-Anhänger noch eine Bemerkung hinzu: «Nous aurions été d’accord sur de nombreux sujets.» Er heisst Jérémy Bidé, Franzose, Wanderbegleiter, Skilehrer, Filmemacher. Sein erstes Buch mit dem prägnanten Titel «Fils du vent» beschreibt seine Fussreise «à travers l’Asie centrale, dans les pas des explorateurs d’antan». Der wichtigste dieser Forschungsreisenden von einst ist eben eine sie, nämlich Ella. Mit Jérémy möchte man nur selten mitwandern von Karakol nach Duschanbe, durch die Berge von Kirgistan und Tadschikistan, zu anstrengend, zu gefährlich, zu überwältigend vielleicht auch. Aber mitlesen, mais bien-sûr!

Und mitgehen und miterleben mit Ella Maillart natürlich auch. Deshalb bis am 1. November 2026 unbedingt ihre Ausstellung «Récits photographiques» im Photo Elysée in Lausanne besuchen. Liegt ja nur ein paar Schritte neben dem Bahnhof. Bei der Hinreise beginnen wir mit der Lektüre von Babst oder Bidé, bei der Rückreise vom bitteren Weg. Das Kapitel «Chorassan» setzt so ein:

«Wir rasten den Pass im Süden von Gurgan hinauf und entwichen der Dampfbad-Atmosphäre, die uns während der drei Tage beim Kaspischen Meer so sehr mitgenommen hatte – Menschenkörper sind nicht dazu bestimmt, ständig zu tropfen wie ein Sack mit Quark. Oben auf dem windgepeitschten Pass war es kalt; im Westen zerrissen die Gipfel der Elburskette die Wolken zu Fetzen.»

Andreas Babst: Und vor uns die ganze Welt. Eine Reise über Land von Indien in die Schweiz. Malik Verlag, München 2026. € 22,00.

Jérémy Bidé: Fils du vent. À travers l’Asie centrale, dans les pas des explorateurs d’antan. Éditions Glénat, Grenoble 2026. € 21.50.

Ella Maillart: Der bittere Weg. Mit Annemarie Schwarzenbach unterwegs nach Afghanistan. Lenos Verlag, Basel 2026 (fünfte Auflage). Erste deutsche Auflage 1948 im Orell Füssli Verlag unter dem Titel Auf abenteuerlicher Fahrt durch Iran und Afghanistan. In Lausanne bis am 1. November 2026: https://elysee.ch/expositions/ella-maillart-recits-photographiques/

Schweiz und Europa erlesen!

Zwei Publikationen weisen den Weg zu Leseorten in der Schweiz und in Europa. Bei dieser frühsommerlichen Hitze sitzt man hoffentlich in einer Buchstube oder in der Badi.

«Wer Krimis mag, ist hier goldrichtig: im Schweizer Krimiarchiv in Grenchen. Es umfasst mehr als 2.500 Bücher in allen Landessprachen und ist das historische Gedächtnis des Schweizer Kriminalromans. Zu finden ist das Archiv im Untergeschoss der Grenchner Stadtbibliothek.»

Und dort dürfte es jetzt schön kühl sein! «Gänsehaut im Bibliothekskeller» verspricht jedenfalls Regula Tanner in «Schweiz erlesen! 55 literarische Lieblingsplätze». Ein Buch, auf das wir gewartet haben, ohne es eigentlich zu wissen. Gotthelf, Keller, Dürrenmatt, Frisch, Bichsel – sie alle schufen deutschsprachige Weltliteratur aus der Schweiz heraus. Sie lebten hier, und ihre Wirkungsstätten können wir besuchen, jetzt erst recht mit einem ganz feinen Werk. Gmeiner studio gibt gediegene Bücher zu literarischen Lieblingsplätzen heraus, und nach den Bänden zu Schwaben, Baden, Bayern, Berlin, Hessen und Niedersachsen nun endlich «Schweiz erlesen!». Zu unbedingt besuchenswerten Bücherorten führt uns Regula Tanner, vom Literaturhaus Thurgau am Untersee über das Johanna-Spyri-Museum auf dem Hirzel bis zur Weltliteratur-Bibliothek der Fondation Martin Bodmer am Petit Lac, von der Papiermühle in Basel über den Sasso San Gottardo (dort ist es ebenfalls schön kühl, nicht nur in der Goethe-Ausstellung) bis zum Museo Hermann Hesse in Montagnola. Immer mit klugen Texten und hilfreichen Tipps, immer mit stimmungsvollen Fotos. Dabei wechseln bekannte Orte wie die Nationalbibliothek in Bern (die Nr. 1) oder das Nietzsche-Haus in Sils ab mit unbekannten wie die Bibliothek für Blinde, Seh- und Lesebehinderte in Zürich oder die Speicherbibliothek Schweiz in Büron mit drei Millionen Büchern. Und Krimifans pilgern nicht nur nach Grenchen, sondern erst recht nach Meiringen, ins Sherlock Holmes Museum und natürlich zum grossen Reichenbachfall, wo der «grösste Detektiv der Welt» (so eine Inschrift bei der Talstation der Reichenbachfallbahn) vermeintlich starb.

Sherlock Holmes und sein Erfinder, Arthur Conan Doyle, tauchen selbstverständlich ebenfalls auf im kriminalliterarischen Reiseführer «22 Krimi-Touren in Europa, die man gemacht haben muss» von Marc Voltenauer und Benjamin Amiguet. Die Beiden (wir sind ihnen schon hier begegnet: https://bergliteratur.ch/im-westen-viel-neues/) sind zwei Jahre lang mit dem Wohnmobil durch Europa gereist, um den Spuren von Krimiautorinnen und -autoren sowie den Orten, aus denen sich ihre Welten zusammensetzen, zu folgen. Die Reise führte sie durch 19 Länder, aus denen 22 Routen entstanden sind. Von dieser Krimireise haben Voltenauer und Amiguet Interviews mit den SchriftstellerInnen sowie Videos mitgebracht, in denen diese ihre Favoriten und Reisetipps (Bars, Restaurants, Sehenswürdikgieten etc.) mitteilen – zu entdecken auf der eigens dafür eingerichteten Website. In der Schweiz führte die Spurensuche von Zürich über Basel in die Romandie und durchs Wallis nach Bellinzona. In Bern besuchte das Duo Christine Brand: https://22ipe.com/sui5ax/christine-brand-berne/ Im französischen Original «22 itinéraires autour du polar en Europa à ne pas manquer», das ich in Annecy kaufte, heisst es bei den fünf aufgeführten Brand-Krimis jeweils «pas encore traduit en français». Immerhin ist beim Ortstermin Kornhausbrücke ein Ausschnitt aus «Die Patientin» übersetzt: «Alors qu’elle traverse le pont de Kornhaus à bord du tram numéro 9, avec les montagnes enneigées de l’Eiger, du Mönch et de la Jungfrau si proches qu’on pourrait les toucher, elle devient soudain nerveuse – et, dans la même seconde, elle s’en veut terriblement d’être nerveuse.»

Regula Tanner: Schweiz erlesen! 55 literarische Lieblingsplätze. Gmeiner studio, Meßkirch 2026. Fr. 36.90.

Marc Voltenauer und Benjamin Amiguet: 22 Krimi-Touren in Europa, die man gemacht haben muss. Emons Verlag, Köln 2026. € 22,00.

Samivel

Paul Gayet-Tancrède alias Samivel (1907–1992) ist ein französischer Schriftsteller, Dichter, Grafiker, Illustrator, Filmemacher, Fotograf, Entdecker und Umweltschützer. Im Deutschen kannte man ihn fast nur als Zeichner und Autor. Vielleicht ändert sich das mit einer grossen illustrierten Biografie.

«C’est bizarre… mais depuis le début de la course, j’ai l’impression d’avoir oublié quelque chose…»

Das ist die Legende zu einer Zeichnung, auf der wir in tief verschneiter Landschaft einen Mann sehen, der mit Rucksack und Skistöcken aufsteigt und sich, den Kopf zur Seite drehend, plötzlich die oben gestellte Frage stellt. Natürlich hat der arme Kerl etwas vergessen: nämlich die Ski! Zum Glück für ihn dürfte es sich um Frühlingsschnee handeln, da er offenbar nicht einsinkt, noch nicht einsinkt beim Aufstieg. Beim Abstieg dann, mon Dieu… Das Besondere an der Zeichnung ist aber nicht die bizarre Situation – klar, wer hat nicht schon wichtige Ausrüstungsgegenstände vergessen, aber wenn man am Beginn einer Skitour merkt, dass das wichtigste Gerät fehlt, wird man ja kaum starten, n’est-ce pas? – also, nochmals, das Besondere an der 1928 gemachten Zeichnung ist die Signatur unten rechts: Samivel.

Unter diesem erstmals hingesetzten Pseudonym ist der französische Schriftsteller, Dichter, Grafiker, Illustrator, Filmemacher, Fotograf, Entdecker und Umweltschützer Paul Gayet-Tancrède (1907–1992) sehr bekannt – in Frankreich. Im Deutschen kannte man ihn fast nur als Zeichner und Autor, in den 1930er sowie in 1950er und 1960er Jahren. Hoffentlich ändert sich das mit der grossen illustrierten Biografie «Samivel» von Sophie Cuenot. Auf 240 Seiteen lernen wir einen wunderbar kreativen und weitsichtigen Mann kennen. Gerade seine Illustrationen zum Tourismus in den Bergen mit der in feinen Humor gezeichnete Kritik haben nichts von ihrer Gültigkeit verloren, die Aquarelle leuchten so romantisch wie einst, und Dohlen leiten die neun Kapitel des Buches ein.

Diese schwarzen Bergvögel haben Samivel ein Leben lang begleitet. Sein zweites Buch heisst «Sous l’oeil des choucas… ou les plaisirs de l’Alpinisme» (1932). Und Dohlen spielen die Hauptrolle in «La première fois» aus dem Novellenband «Contes à pic» (1951). «Taches noires» bewegen sich am 14. Juli 1865 über den Hörnligrat. Diese schwarzen Flecken sind nicht Dohlen, sondern – da muss Queue-Courte noch ein wenig näher heranfliegen – Menschen. Die Erstbesteigungsgeschichte des Matterhorns ist, und das macht das Geniale an dieser Novelle aus, aus der Perspektive von Queue-Courte erzählt, dem neugierigsten und mutigsten Mitglied der Dohlenkolonie, die oben in der Ostwand nistet. Auf einem Flug erspäht Queue-Courte – was übersetzt Kurz-Schwanz heisst, weil der Träger bei einem der berüchtigten Matterhorn-Gewitter zu spät die sichere Höhle aufsuchte – Menschen an seinem Berg. Und er fragt sich, warum sie so langsam aufsteigen würden, bis er merkt, dass sie keine Flügel haben. «Tiens! Un choucas!» hört er Whymper sagen, darauf die Antwort von Croz: «Il sera plus vite que nous au sommet.» Als Queue-Courte später sieht, wie die vier ausgleitenden und mitgerissenen Menschen im Abgrund verschwinden, flüchtet er angsterfüllt in sein Loch hoch oben, «parce qu’il avait tout à coup compris que les hommes n’ont vraiment pas d’ailes.»

Mit der neuen Samivel-Biografie lässt sich ein grossartiges, aktuelles Werk kennenlernen. Sie erscheint als 50. Band der Collection Texte&Images im Verlag Guérin-Paulsen, wie immer im roten quadratischen Textileinband. Ich kaufte das Buch in der Procure-Buchhandlung Librairie d’Étincelles an der Rue Jean-Jacques Rousseau in der Altstadt von Annecy. Eine sehr empfehlenswerte Adresse. Und: «Samivel» war nicht der einzige Kauf, mais non.

Sophie Cuenot: Samivel. Guérin – Éditions Paulsen, Chamonix 2026. € 56,00.

Wanderbücher und -führer

Seit 2016 findet der Tag des Wanderns in Deutschland jeweils am 14. Mai statt. Grund genug für einen kurzen Gang mit neueren und druckfrischen Wanderbüchern und -führern.

«Seitenwege, Feldwege, Fluchtwege, Grenzwege, Uferwege, Dorfwege, Holzwege, Deichwege, Geheimwege, Bergwege, Forstwege, Wirtschaftswege, Umwege.»

Diese dreizehn Wege listet Walter K. H. Hoffmann unter dem Stichwort «Wege» in seinem ABC-Buch «Vom Spazieren, Gehen, Reisen, Unterwegssein» auf. Natürlich warten da noch ein paar Wege mehr zwischen Abwege und Zollwege, Gehwege und Schleichwege zum Beispiel, oder auch Skiwege. Doch nun seien die Wanderschuhe geschnürt, und auf geht’s. Von Abkürzung über Fremdgehen, Jakobsweg(e), Längster Weg, Rousseau (klar, der geht immer mit!) und Wiedergänger bis Zu guter Letzt: Zu 110 Stichworten hat sich Hoffmann seine Gedanken gemacht. Sie «sind wie Wolken, die im Kopf vorüberziehen», wie es im Untertitel heisst. Wir nehmen sie mit auf unserem Büchergang zum 14. Mai 2026, dem Welttag des Wanderns. Er wurde 2016 vom Deutschen Wanderverband ins Leben gerufen und bezieht sich auf das Gründungsdatum des Deutschen Wanderverbandes am 14. Mai 1883.

Bevor wie losstiefeln, sei noch etwas Ballast in den Rucksack gepackt, gedanklicher Art selbstverständlich. In der ersten Nummer des letzten Jahres befasst sich «traverse. Zeitschrift für Geschichte» mit dem Thema «Zu Fuss». Sieben Beiträge zu ganz unterschiedlichen Aspekten, beispielsweise zur Spaziergangskultur in Basel von 1795 bis 1820 oder zur Eroberung der Schweiz durch das Wandern von 1910 bis 1960. Im Vorwort werden vier Forschungsachsen skizziert. Erstens Untersuchungen der eingeschränkten und eng abgegrenzten Räume des Zufussgehens; zweitens Fragen rund um die körperlichen Voraussetzungen des Zufussgehens; drittens die Geschlechterperspektiven in der historischen Forschung; und viertens die soziale und gesellschaftliche Frage in der Fussmobilität gestern und heute: Wer darf oder muss(te) zu Fuss gehen?

Viele von uns können. Stellt sich aber vielleicht die Frage: wohin? Drei Vorschläge. In der Reihe Lonely Planet Reisebildbände warten «Legendäre Küstenwanderungen in Europa. Die schönsten Küstenwege von den Shetlands bis Sardinien» auf Klippenläuferinnen und Strandläufer. Wie immer bei solchen Bildbandführern hinken die (wander-)touristischen Infos sanft hinter den Bildstrecken nach. Die Fotos aber machen schon gluschtig, vielleicht nicht den ganzen langen Meeresweg abzulaufen, sondern bloss eine Teilstrecke. Allerdings mangelt es ein bisschen an der Übersicht, wo die Wanderungen überhaupt verlaufen. So fehlt beim Titel «Göttliche Wege: Il Sentiero degli Dei» die genaue geografische Lokalisation. Ich sage nur: unbedingt machen, aber nicht wie vorgeschlagen mit Start in Bomerano oben am Berg, sondern in Praiano unten am Wasser, und dann vom Zielort Positano mit dem Schiff den Rückweg machen und hochschauen zur grün-felsigen Mittelmeerküste, wo man eben durchgegangen ist.

Wir bleiben grad in südlichen Gefilden, genauer: auf der Alpensüdseite, noch präziser: in der seit 1966 geschlossenen Schokoladefabrik Cima Norma in Dangio, einem der Ausgangspunkte für die Besteigung des höchsten Tessiner Gipfels, der Adula (3402 m), zu deutsch Rheinwaldhorn. In seinem vorzüglichen Wanderbuch «Rund um die Adula. Wanderungen zwischen Bleniotal, Calancatal und Misox» behandelt Bernhard Herold die Cima Norma, wo 2028 ein Vier-Sterne-Hotel entstehen soll; eine der 21 aromatischen Hintergrundgeschichten. Hauptbestandteil des rucksacktauglichen Werkes sind die 19 ein- bis mehrtägigen Wanderungen rund um den berühmten Berg zwischen den Kantonen TI-GR, in der würzigen Sackgasse des Val Calanca sowie im appetitanregenden Misox, das ja leider meist fastfoodig durchfahren wird. Wir kosten alle wichtigen (wander-)touristischen Infos, mit Varianten und Kombinationsmöglichkeiten, mit Fotos und Routenskizzen. Da schmeckt jede Zeile, nur wandern und essen muss man selbst. Diesbezüglich war meine erste Erfahrung mit dem Bleniotal etwas bitter: 1975 war ich als Rekrut sechs Wochen in der Schokoladefabrik Cima Norma einquartiert.

Und wenn wir schon auch auf Bündner Wegen unterwegs sind. Wie wär’s mal mit dem Unter- statt dem Oberengadin? Regula Bücheler führt uns in «Unterengadin. Wandern in der Engiadina Bassa» auf 28 ein- bis mehrtägigen Wanderungen entlang dem Inn und in seine versteckten Seitentäler. Zu jedem Kapitel behandelt sie ein wichtiges Hintergrundthema, zu allen Touren gibt sie die richtigen Tipps. Nichts wie hin: auf dem Bahnweg durch den Tunnel an die Unterengadiner Sonne!

Walter K. H. Hoffmann: Vom Spazieren, Gehen, Reisen, Unterwegssein. Vorwort von Thomas Widmer. Transhelvetica/Passaport, Zürich 2025. Fr. 31.90.

Tiphaine Robert, Anja Rathmann-Lutz, Marion Ferri (Hg.): Zu Fuss | À Pied. Traverse. Zeitschrift für Geschichte – Revue d’histoire, Band 2025/1. Chronos Verlag, Zürich. Fr. 28.-

Lonely Planet: Legendäre Küstenwanderungen in Europa. Die schönsten Küstenwege von den Shetlands bis Sardinien. Mairdumont, Ostfildern 2026. € 33,00.

Bernhard Herold: Rund um die Adula. Wanderungen zwischen Bleniotal, Calancatal und Misox. Rotpunktverlag, Zürich 2026. Fr. 39.- Die Buchvernissage findet am 5. Juni 2026 um 17 Uhr in San Vittore im Museo Moesano statt. Davor gibt es eine optionale kurze Wanderung aus dem Wanderführer, Treffpunkt um 11:05 Uhr bei der Postautohaltestelle Lumino, Paese. Informationen zum Anlass: https://eventfrog.ch/de/p/fuehrungen-vortraege/podium/buchvernissage-rund-um-die-adula-7452629573089367983.html

Regula Bücheler: Unterengadin. Wandern in der Engiadina Bassa. Rotpunktverlag, Zürich 2026. Fr. 39.-

Unterwegs mit Heinz und Ruedi

Zwei unterschiedliche Bücher von nicht mehr ganz jungen Männern. Heinz Egli umwandert die Schweiz, Ruedi Horber besteigt Gipfel vor der Haustüre und weit weg, bespricht Politik und Wirtschaft, befragt Frauen und Männer.

«Heute ist ein eigenartiger Tag im Gemisch von Zivilisation und Natur. Entlang von Straßen, schönen Rebbergen, durch Siedlungsgebiete, hohes Gras mit Jucken an Unterarmen und Beinen und quer durch einen ausgetrockneten Kanal und das anliegende Kieswerk. Den Tipp eines Einheimischen, ‹noch kurz› den nahegelegenen Genfer Hausberg Mont Salève zu besuchen, muss ich trotz propagierter schöner Aussicht auf irgendwann aufschieben. Wo käme ich da hin, jeden nahe gelegenen Berg zu erklimmen?»

Tja, wo wäre er hingekommen, der Heinz Egli (Jahrgang 1965), wenn er auf seiner Umwanderung der Schweiz noch jeden Gipfel am Weg mitgenommen hätte? Das machte im Sommer 1992 Andrea Vogel; er umrundete damals auf seiner Grenz-Tour in 83 Tagen die Schweiz, wobei er 1882 Kilometer zurücklegte, 148‘000 Höhenmeter überwand und 151 Gipfel bestieg, auf den schwierigen Etappen begleitet von Seilpartnern. Anders Heinz Egli: Er war alleine unterwegs mit seinem hellblauen Zelt, wenn möglich immer nahe an der Grenze, aber nicht darauf, wenn das Terrain nicht wanderbar war. Deshalb ist sein Rundweg auch viel länger, nämlich 3000 Kilometer, während die Höhenmeter nur 2000 Meter mehr aufweisen. Am 25. März 2022 war der Heinz in St. Luzisteig an der Grenze zu Liechtenstein gestartet, am 14. Oktober 2022 kehrte er dorthin zurück, mit 133 Etappen in den Beinen und im Kopf. Die 44. Etappe führte von Soral unweit des westlichsten Punktes der Schweiz in der Rhone nach Annemasse, am Salève entlang statt über ihn. Über seinen helvetischen Rundweg hat Heinz Egli das Buch mit einem etwas langen Titel verfasst – nun, der Weg war ja auch lang: «Meine größte Grenzerfahrung. Die Umwanderung der Schweiz entlang dem Kulturerbe Landesgrenze. Einfach spektakulär». 240 Seiten, zahlreiche Fotos und Karten, noch mehr Erlebnisse, Kenntnisse und Tipp, Ein- und Aussichten. Auf Seite 178 die Legende zum Bild vom Grenzgänger mit ausgestreckten Armen: «Erhabenes Gefühl über dem Valle Bodengo.» Wo das wohl ist?

Den Genfer Hausberg liess Heinz Egli also rechts liegen. Ruedi Horber (Jahrgang 1951) hingegen kennt den Berner Hausberg Gurten auswendig. Er schreibt zu ihm: «Mein Haus- und Trainingsberg, wohl über 1000-mal hinauf oder rund um den Gurten gejoggt, aber auch einige gemütliche Anlässe im Bergrestaurant.» Zum Beispiel die Vernissage seines neuen Buches am 25. April 2026: «Polit-Bergbuch mit 30 Interviews. Staat, Wirtschaft, Gesellschaft und Berge». Im Anhang stellt der ehemalige Volkswirtschaftler im Bundesamt für Landwirtschaft und beim Schweizerischen Gewerbeverband sowie fleissige Leserbriefschreiber seine 75 schönsten Gipfel vor, vom Stromboli (926 m) über Kubas höchsten Gipfel Pico Turquino, die Chrummfadenflue («mein meistbestiegener Berg») und Marokkos höchsten Gipfel Toubkal bis zum Huayna Potosí (6088 m) – eine eindrückliche Liste! Ebenfalls im Buch neben 75 Beiträgen zu ganz verschiedenen Themen (25 davon sind Bergen gewidmet): Kurzinterviews mit 30 Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Berg- und Laufsport (leider ohne Seitenangabe im Inhaltsverzeichnis). Und: Auf Seite 139 listet Ruedi «zehn bekannte Schweizer Hausberge» auf, darunter den Mont Salève.

Heinz Egli: Meine größte Grenzerfahrung. Die Umwanderung der Schweiz entlang dem Kulturerbe Landesgrenze. Einfach spektakulär. Novum Verlag, Zürich 2025; (signiertes) Exemplar direkt bei heinz.egli@sunrise.ch. Fr. 38.50.

Ruedi Horber: Polit-Bergbuch mit 30 Interviews. Staat, Wirtschaft, Gesellschaft und Berge. Eigenverlag, Niederscherli 2026; (signiertes) Exemplar direkt bei r.horber@gmx.ch. Fr. 30.-

Everest-Lhotse 1956 – 2026

Das unter Hans-Rudolf Keusen geschaffene Jubiläumsbuch «Everest-Lhotse. Aus den Tagebüchern der Schweizer Expedition 1956. Eine Spurensuche» lässt mit den vier erhaltenen Tagebüchern, mit der Expeditionspost und mit zahlreichen erstmals gezeigten (Farb-)Fotos die Erfolge (Erstbesteigung des Lhotse, Zweit- und Drittbesteigung des Everest im Mai 1956) und die Spannungen (die gab es!) hautnah lebendig werden.

«An Sonntagen wird in der Schweiz geschossen u. hier gesprengt. Mit Tuchel u. Ere steige ich etwas ab, um gefährlich gewordene Eistürme zu sprengen. Das Experiment ist wiederum gelungen. Vom Hin- u. Hergehen bin ich aber müde geworden. Ich bin froh, dass ich nicht mit Tuchel nach Lager III steigen muss. Ich verbringe wieder einmal die Nacht ganz allein im Lager.»

Notierte Fritz Luchsinger, der Ende März 1956 noch fast an einer akuten Blinddarmentzündung gestorben war, am Sonntag, 29. April, in sein Tagebuch. Das tat am gleichen Tag auch Ernst Reiss, genannt Ere. Die beiden Teilnehmer der Schweizer Everest-Lhotse Expedtion 1956 werden am 18. Mai als Erste auf dem Lhotse (8516 m) stehen, dem vierthöchsten Gipfel der Welt:

«Weiter geht unser Aufstieg am nächsten Tag zu Lager II, wo wir auf der Route mit der Eisaxt erneut erhebliche Wegverbesserungen treffen. Hier in diesem Lager stossen wir auf den Arzt Edi Leuthold u. auf Fritz Luchsinger, der noch gestern im Spätnachmittag nach Lager II aufgestiegen ist. Leider ist die Stimmung der Sherpas hier nicht gut, da die anwesenden Sahibs mit Fr. Müller zusammen irgendwelche Sonderleisten für diesen Tag verlangten. Uriken, einer der Besten, bemerkt sogar, dass alle hier anwesenden Sherpas einen Rückzug aus den Cwm in Betracht ziehen, falls wir weiter auf unseren Forderungen beharren. Tuchel, unser Leiter, schlichtet diese ernste Meinungsverschiedenheit. – Man darf mit diesen Sherpas schon nicht umgehen wie mit Rekruten!»

Ob Berufsoffizier Luchsinger den Tagebuch-Seitenhieb seines Lhotse-Seilpartners kannte? Insgesamt elf Sahibs, so wurden die Herren aus der Schweiz bezeichnet, nahmen an der Expedition vor 70 Jahren teil. Dabei gab es nicht nur alpintechnische Schwierigkeiten wie der gefährliche Khumbu-Eisbruch mit seinen labilen Türmen hinauf ins West Cwm, ins riesige Becken unter Everest, Lhotse und Nuptse. Sondern manchmal auch Schwierigkeiten mit den Sherpas, vor allem zwischenmenschlicher und sprachlicher Art. Davon ist aber im Tagebuch von Expeditionsleiter Albert Eggler, Tuchel genannt, wenig zu lesen, jedenfalls nicht am 29. April:

«Mit Luchsinger und Reiss nehme ich am Weg I–II mehrere Sprengungen vor. Die Route wird teilweise verlegt. – Abends steigen wir ins Lager III. – Das Wetter ist immer noch gut.»

Die Teilnehmer dieser von Schweizerischen Stiftung für Alpine Forschung ins Everest-Gebiet entsandten Expedition mussten ein Tagebuch führen. Vier Tagebücher haben sich zum Glück erhalten und bilden nun das Rückgrat des von der Stiftung herausgegebenen Jubiläumsbuchs. Das vierte Tagebuch stammt von Hansrudolf von Gunten; er stand am 24. Mai 1956 zusammen mit Dölf Reist auf dem Everest. Ein Tag zuvor war Jürg Marmet und Ernst Schmied die zweite Besteigung des höchsten Gipfels der Welt gelungen. Am 29. April schrieb von Gunten in sein Tagebuch:

«Wolfgang und ich steigen heute ins Lager 1 auf. Die Hitze ist ziemlich gross und wir kommen langsam vorwärts. Zudem habe ich die Dummheit begangen, mich mit einer Sauerstofflasche zusätzlich zu beladen, was sich in der Nähe des Lagers zu rächen beginnt. Lager 1 hat sich inzwischen ziemlich stark verändert. Grosse Spalten haben sich mit Krachen geöffnet, so dass alle Zelte verstellt werden mussten.»

Die erste Besteigung des Lhotse und die Zweit- und Drittbesteigung des Everest: ein alpinistischer Meilenstein. Ihn würdigten 1956 Albert Eggler in «Gipfel über den Wolken», Jörg Wyss 1958 mit dem SJW-Heft «Mt. Everest und Lhotse. Die Erlebnisse der schweizerischen Himalayaexpedition 1956» und Oswald Oelz 2006 mit dem schwarzweissen Bildband «Everest – Lhotse. Schweizer am Everest 1952 und 1956».

Das neue, unter der Leitung von Hans-Rudolf Keusen entstandene Buch «Everest-Lhotse. Aus den Tagebüchern der Schweizer Expedition 1956. Eine Spurensuche» veröffentlicht erstmals Auszüge aus den Tagebüchern und aus der Expeditionspost. Persönliche Stimmen der Teilnehmer, eingebettet in den sorgfältig rekonstruierten Kontext, lassen Erfolge wie Spannungen lebendig werden – zusammen mit zahlreichen erstmals veröffentlichten Fotos, insbesondere auch Farbfotos. So erscheint diese wichtige Expedition rundum in einem neuen Licht. Karten, Eckdaten der Expedition vom 29. Januar bis zum 8. Juli sowie die Zusammenstellung der umfangreichen Expeditionspost weisen zudem den Weg.

Die Vernissage findet am 8. Mai 2026 im ALPS in Bern statt. Sie ist leider schon ausgebucht. Aber der Gang an den Helvetiaplatz lohnt sich trotzdem. Denn die neue Fundbüro-Ausstellung «Souvenir. Selfies, Kitsch und Gipfelsteine» ist clever, vielschichtig, unterhaltsam, überraschend. Nicht zuletzt mit zwei Steinen vom Gipfel des Everest, die Jürg Marmet und Dölf Reist je in ihren Rucksack gesteckt haben. Und mit dem Ernst Reiss gewidmeten Souvenirteller aus Holz zur Erinnerung an seine Erstbesteigung des Lhotse.

Hans-Rudolf Keusen, Daniel Anker, Françoise Funk-Salamì, Christine Kopp: Everest-Lhotse. Aus den Tagebüchern der Schweizer Expedition 1956. Eine Spurensuche. AS Verlag, Zürich 2026. Fr. 48.-

Hütten und Biwaks

Vier neue Bücher befassen sich mit besonderen Hütten und Biwaks in den Alpen und anderswo. Und im Tessin, dem Gebiet der Schweiz mit den meisten alpinen Unterkünften, wartet ein neues Bivacco auf Wanderer.

«Die Selektion der Hütten erfolgte aus verschiedenen Gründen: Einige befinden sich an außergewöhnlichen Orten; andere sind aufgrund ihrer Rolle für historische Routen, Überschreitungen oder Erstbesteigungen von Bedeutung; wieder andere wurden aufgrund ihres architektonischen Charakters ausgewählt, seien es minimalistische Biwaks oder größere bewirtschaftete Berghütten. Die Absicht dabei war es, eine breite Auswahl an geografischen Lagen und Baustilen zu repräsentieren. Einige der Hütten sind äußerst abgelegen, die Aufstiege nur für erfahrene Bergsteiger geeignet. Andere sind in einer Tageswanderung zu erreichen und laden alle ein, die sich nach Einsamkeit und Gebirge sehnen.»

Na ja, das mit dem Gebirge mag stimmen, das mit der Einsamkeit nicht immer. Im Berggasthaus Aescher-Wildkirchli im Alpstein wird man sich kaum je einsam fühlen, zu überlaufen ist diese Location in den letzten elf Jahren geworden, seit sie unter dem Titel «Places of a lifetime» als Titelbild des National Geographic abgebildet worden war. Das Berggasthaus ist eine von acht Schweizer Hütten im Bildband «Alpine Zufluchten. Berghütten am Limit der Natur»; fünf davon sind Unterkünfte des Schweizer Alpen-Clubs (Dolent, Vignettes, Bouquetins, Monte Rosa, Grassen). Sieben der 34 vorgestellten Berghütten stehen in Italien, je vier in Frankreich und Norwegen, je drei in Österreich und Slowenien, zwei in Deutschland, je eine in Island, Kanada und Neuseeland. Die Texte sind etwas banal, die Fotos eher normal, bei den technischen Angaben zu den Hütten fehlen die die Internetadressen.

Ebenfalls 34 Hütten stellt der Bildband «Là-haut. Refuges d’exception». Drei SAC-Hütten wurden aufgenommen (Tracuit, Moiry und – einfach unübersehbar – Monte Rosa). Italien mit elf Capanne alpine steht zuoberst, gefolgt von Norwegen (sechs) und Slowenien (vier); vielleicht sollte man dort mal Wanderferien zu diesen besonderen Hütten und Biwaks planen. Frankreich und Kanada sind mit je zwei Refuges vertreten, je eine gebirgige Unterkunft verteilen sich auf Bosnien, Alaska, Chile, China, Australien und Neuseeland. Die Fotos geben viel her, der Text manchmal weniger; so wird empfohlen, sich auf dem Weg zur Cabane de Moiry anzuseilen, bei Schwierigkeit T2. Koordinaten fehlen, Internetadressen teilweise auch.

Rundum empfehlenswert sind hingegen die beiden Bände «Cabin Wild. Alpine Bivouac Huts» von Ben Tibbetts und Valentine Fabre. Insgesamt 50 solche wilden «Alpinkabinen» haben die beiden zu unterschiedlichen Jahreszeiten besucht und schildern nun nicht nur die Hüttenwege, die Bauten, sondern auch lohnende Touren von dort aus. Mehr noch: Die Geschichte des Hüttenbaus in den Alpen ist sehr lesenswert, die technischen Angaben zu den präsentierten Touren sind’s ebenfalls. Der zweite Band dieser wirklich aussergewöhnlichen Hüttenbücher stellt mit starken Fotos und Texten 25 Biwaks vom Montblanc-Massiv bis zu den Dolomiten vor. Darunter fünf aus der Schweiz: Bivouac du Dolent CAS, Mischabeljochbiwak SAC, Cresta-Biwak SAC, Fusshornbiwak, Aarbiwak SAC. Dazu eines auf der Landesgrenze (Bivacco Anghileri e Rusconi) und zwei knapp dahinter (Bivacco Fiorio ob dem Petit Col Ferret, Bivacco Zeb südlich des Grenzgipfels Mater de Paia). Das neue Bivacco Gervasutti, das auf dem Cover von Band 2 leuchtet, hängt als gestrandetes Raumschiff über dem Glacier de Fréboudze ebenfalls in den zwei weiter oben erwähnten Bildbänden.

Der italienische Alpinist und Architekt Luca Gibello kennt sich aus mit dem Hüttenbau im Hochgebirge. So lautet auch der Titel von einem seiner Werke, das im Verlag des SAC erschienen ist. In seinem neuen Buch «Bivacchi delle alpi. 100 anni di emozioni in scatola» blickt er zurück auf 100 Jahre Bau von Biwaks, die man einst auch Biwakschachteln nannten, weil sie so klein waren und wie vorgefertigte Schachteln oder Container aussahen, die sich auf minimalstem Platzbedarf verankern liessen. Gibello zieht ein rotes Seil von der legendären Halbkugel des Ravelli-Modells über die Serienfertigung des Apollonio-Modells, das später von der Fondazione Berti perfektioniert wurde, bis hin zum allseits bekannten Gervasutti-Biwak und der heutigen Verbreitung, die eher das Publikum der sozialen Netzwerke als die Bergsteiger-Community anspricht.

In den Tessiner Alpen, ohnehin die hüttenreichste Region der Schweiz, gibt es in diesem Jahr eine neue Unterkunft: das Bivacco Bassa di Nara etwas östlich des Übergangs Bassa di Nara (2122 m) zwischen der Leventina und der Valle di Blenio, auch bekannt als Valle del Sole. Offiziell eingeweiht wird das Biwak am 23. August 2026, während der Festa patriziale di Prugiasco; diesem Patriziat gehört es auch. Der Bau war nötig geworden für die mehrtägige Via Alta del Sole, die dem langen Grat zwischen den beiden Tälern bis zum Gotthard folgt; eröffnet wird diese neue Trekkingroute im Ticino am 6. September 2026. Und das sind die sechs Etappen: 1. Loderio bei Biasca – Capanna Pian d’Alpe; 2. Cap. Pian d’Alpe – Bivacco Bassa di Nara; 3. Biv. Bassa di Nara – Rifugio Ganna Rossa; 4. Rif. Ganna Rossa – Capanna Cadagno; 5. Cap. Cadagno – Capanna Cadlimo; 6. Cap. Cadlimo – Passo del Gottardo. Viel Spass beim Hüttenerwandern!

Aaron Rolph: Alpine Zufluchten. Berghütten am Limit der Natur. Gestalten Verlag, Berlin 2026. € 45,00. Alpine Refuges. The Architecture and Culture of Mountain Shelters.

Agata Toromanoff: Là-haut. Refuges d’exception. Éditions Glénat, Grenoble 2025. € 36,00. Amazing Mountain Cabins. Architecture Worth the Hike, 2024.

Ben Tibbetts & Valentine Fabre: Cabin Wild. Alpine Bivouac Huts. Volume 1 West: Mediterranean to Mont Blanc; Volume 2 East: Mont Blanc to the Dolomites. Alpenglow Editions, Chamonix 2025. je Fr. 51.-. (bei www.pizbube.ch)

Luca Gibello: Bivacchi delle alpi. 100 anni di emozioni in scatola. CAI edizioni 2025. € 26,00.

Seen, Spiegel der Schweiz

Ausgehend von den Sammlungen der Schweizerischen Nationalbibliothek tauchen wir mit der Ausstellung «Seen, Spiegel der Schweiz» in die Geschichte und Mythen der Schweiz ein. Passend dazu ein Krimi und ein Wanderbuch am Wasser.

«Es war nun Abend geworden, und da gelangte ich auf hübschem, stillen Weg oder Seitenweg, der unter Bäumen hinlief, zum See hinaus, wo der Spaziergang endete.»

Das lesen wir auf den letzten Seiten der bekannten Erzählung «Der Spaziergang» von Robert Walser. Sie erschien erstmals 1917 als Buch und 1920 dann in der Sammlung «Seeland» – heute eine gesuchte Rarität auf dem deutschen Buchmarkt. Zum Glück gibt es diesen Prosaband auch als Taschenbuch. Zum Titel äusserte sich Walser am 1. April 1918 in einem Brief an den Verleger Max Rascher:

«Der Titel ‹Seeland› erscheint mir deßhalb denkbar richtig, weil er knapp und straff dasjenige bezeichnet, um das es sich hier handelt, um eine Gegend und um die Erscheinungen derselben. Der Titel ist sinnlich und einfach ich möchte sagen, europäisch oder reinweltlich. ‹Seeland› kann in der Schweiz und überall sein, in Australien, in Holland oder sonstwo.»

Oder doch vor allem in der Schweiz, und bei dem in Biel geborenen und aufgewachsenen Walser natürlich am Bielersee, einem der drei Seen im Seeland; so wird ja die Gegend um Neuenburger-, Murten- und Bielersee bezeichnet. Das Briefzitat findet sich in der Ausstellung «Seen, Spiegel der Schweiz – Lacs, Miroirs helvétiques», die bis zum 5. Juni 2026 in der Schweizerischen Nationalbibliothek in Bern zu sehen ist. Unbedingt zu sehen ist.

«Grosse Wasserflächen und kleine Berggewässer: Die rund 1500 Seen der Schweiz prägen unsere Landschaft ebenso wie unsere Vorstellungswelt. Als ‹Wasserschloss Europas› hat sich die Schweiz um ihre Gewässer herum entwickelt, die wesentlich am wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Wandel des Landes beteiligt waren.»

So leitet die NB online und auf dem Flyer die Seen-Ausstellung ein. Mitten im Raum liegt ein alter Steg vom Ufer des Zürichsees, drum herum sind mit überzeugenden Illustrationen (diese wunderbaren Plakate!) und cleveren Texten verschiedenen Themenbereiche gruppiert, wie Geschichte (Rütlischwur, Morgartenschlacht), Tourismus (Dampfschiffe, Badeanstalten) und Energie (Staumauern). Was vielleicht zu wenig thematisiert wird, sind die neuen Seen, die wegen der Gletscherschmelze entstanden sind und weiter entstehen (der Rossbodensee unter der Blüemlisalp, der Lagh da Caralin am Palü, der auf der LK noch namenlose See am Rhonegletscher). Aber das nur nebenbei. Mit dem grauen Rossbodensee lassen sich auch keine Touristen anlocken wie mit dem blauen Oeschinensee weiter unten. Und Ringelreihen, wie das Männer und Frauen im Strandbad in Weggis machen (auf einem Foto aus einem Tourismusprospekt von 1930), wird in den neuen Seen auf Gletschervorfeldern kaum je möglich sein.

Aber wandern zu bekannten und neuen Schweizer Seen, das ist natürlich möglich. Hier ein Wanderbuch, das über helvetische Ufer hinausläuft, aber schon Robert Walser sah Seeland ja über staatliche Grenzen hinaus. Im handlichen Rother-Wanderführer «Grand Tour Lago Maggiore und Lago d’Orta» präsentiert Tim Shaw 51 Etappen rund um die beiden Seen – entlang der Ufer und über die Gipfel, und das präzis mit allen nötigen Angaben, Tipps und Tracks sowie Fotos, so dass man am liebsten sofort den Rucksack packte. Wir Schweizer sind ja rasch in Locarno oder Stresa. Die einfache Route der Grand Tour Lago Maggiore verläuft auf bequemen Wegen entlang des Seeufers. Für Abenteuerlustige bietet die anspruchsvolle Bergroute im Sommer und Herbst spektakuläre Gipfel und ebensolche Ausblicke auf den Langensee. Es ist problemlos möglich, an vielen Stellen von der Berg- auf die Uferroute zu wechseln und umgekehrt.

Und was lesen wir unterwegs? Ein See-Buch selbstverständlich. Zum Beispiel Christof Gassers Krimi «Drei Seen und ein Todesfall». Welche es sind, steht auf Seite 91: «Eine Viertelstunde später erreichte Marielle ihr Ziel. Der Campingplatz Les 3 Lacs lag am Broye-Kanal, der den Neuenburger- mit dem Murtensee verband. Weiter nördlich lag der Zihlkanal zwischen Neuenburger- und Bielersee.» Und wie heissen die Berge an diesen beiden Kanälen? Jolimont (603 m) über dem Canal de la Thielle und Mont Vully (653 m) über dem Canal de la Broye. An letzterem wird im Krimi gewandert, gejagt und geschossen; wahrscheinlich das Krimidebut für den Wistenlacherberg, wie der Mont Vully auf Deutsch heisst.

Was wäre die Schweiz ohne ihre Berge und Seen? Und ohne all die Bücher, die jene beschreiben und zeigen. Kostbare solche Bücher listet der druckfrische Katalog 287 von Harteveld Rare Books auf, mit 289 Nummern zu Alpen, Alpinismus und Helvetica. Beispielsweise «Unknown Switzerland» von Victor Tissot von 1900, mit dem Matterhorn auf dem Cover – zu kaufen für 150.-; kann auch im Lesesaal der Nationalbibliothek eingesehen werden. Auf Seite 58 steht ein passender Satz zur Ausstellung dortselbst: «Those Swiss lakes blossom all over with legends.» Der Ausstellungstext ergänzt: «In der Schweiz haben alle ihren See.»

Der Berner Alpinist Charles Montandon jedenfalls fand seinen See. Im Beitrag «Ferientage im Urbachtal» im SAC-Jahrbuch von 1893 schrieb er:

«Im Verlaufe des Nachmittags machten wir einen Ausflug auf den leicht erreichbaren Gipfel des Küpfenstockes (2675 m), der eine interessante Aussicht auf die umliegenden Berge, namentlich das Hangendgletscherhorn und das Ewigschneehorn, bietet, und erfrischten uns durch ein Seebad, das uns, in dieser Höhe genommen, einen seltenen Hochgenuß bereitete.»

Nationalbibliothek Bern: Seen, Spiegel der Schweiz – Lacs, Miroirs helvétiques. Bis zum 5. Juni 2026, Mo bis Fr 9-18 Uhr, Eintritt frei. www.nb.admin.ch/de/seen. Am 20. April Führung durch die Ausstellung, am 28. April ein Abend zu Seensuchtsbildern (zusammen mit dem ALPS), am 20. Mai eine literarische Soirée zu Walsers «Seeland».

Tim Shaw: Grand Tour Lago Maggiore und Lago d’Orta. 51 Etappen rund um die Seen – entlang der Ufer und über die Gipfel. Bergverlag Rother, München 2025. Fr. 26.50.

Christof Gasser: Drei Seen und ein Todesfall. Dörlemann Verlag, Reihe Mörderische Tour de Suisse, Zürich 2025. Fr. 22.90.

Harteveld Rare Books, https://harteveld.ch/photos/Harteveld_cat287.png.

Rebellinnen zu Fuss

Zwei Bücher zu Frauen, die wanderten und darüber schrieben. Keine Selbstverständlichkeit, früher schon gar nicht.

«Ein oder zwei aus der Gruppe, die sich nicht für den besseren Halt Nägel in die Schuhsohlen hatten schlagen lassen, mussten sich beim Abstieg wiederholt hinsetzen und hinunterrutschen; Heide und Moos sind ohne Nägel so rutschig, dass man, wenn der Weg nicht absolut eben ist, unmöglich aufrecht gehen, geschweige denn sicher wandern kann. […]
Nie in meinem Leben habe ich eine ansprechendere Exkursion erlebt; diese Kraxelei war genau das Richtige für mich. Ich finde wenig Vergnügen an einer Wanderung, die geradeaus über ebenes Gelände führt. Einen schönen, stolzen, erhabenen felsigen Berg finde ich viel reizvoller als einen schönen formalen, künstlich angelegten Garten oder Park.»

Das schrieb die englische Lehrerin, Briefschreiberin und Gouvernante aus Lancashire, Ellen Weeton (1776–1850), am 8. Juli 1810 ihrer Freundin Miss Winkley über eine kurz zuvor im Lake District unternommene Wanderung. Eine mutige Einschätzung, ja ein Bekenntnis: lieber Berge besteigen als durch einen englischen Park flanieren, und das vor über 200 Jahren! Ellen Weetons Briefe wurden 1936 in «Miss Weeton: a Journal of a Governess» publiziert. Heute sind Ausschnitte zu lesen im 2020 erschienenen Buch «Wanderers. A History of Women Walking» von Kerry Andrew. Die deutsche Übersetzung lautet aufgemotzt «Frauen, die wandern, sind nie allein. Unterwegs mit berühmten Denkerinnen – von Anaïs Nin bis Virginia Woolf». Zum Glück erstreckt sich der Weg nicht von Woolf bis Nin (das wäre die richtige Reihenfolge), sondern beginnt bereits mit Elizabeth Carter (1717–1804), einer Dichterin, Schriftstellerin und Übersetzerin. Und eben Wanderin, die lieber alleine unterwegs war, da die BegleiterInnen ihr Tempo meistens nicht mitmachten. Insgesamt stellt Kerry Andrew zehn englischsprachige Autorinnen vor, die zu Fuss unterwegs waren. Die jüngste ist Cheryl Strayed. Im Anhang finden sich Kurzbios von andern schreibenden und wandernden Frauen, meistens aus Grossbritannien und den USA.

Anneke Lubkowitz ihrerseits ist vor allem mit deutschen Frauen unterwegs, von Sophie von La Roche über Annette von Droste-Hülshoff (ein paar Zeilen mehr zu ihr hier: https://bergliteratur.ch/faszination-bergwaelder/) bis Else Lasker-Schüler und Emmy Hennings. Mitwandern in «Rebellinnen zu Fuss. Auf den Spuren von elf literarischen Wanderinnen» tun aber auch eine US-Amerikanerin (Octavia Butler), eine Französin (Simone de Beauvoir), eine Schweizerin (Annemarie Schwarzenbach – wer denn sonst…) und eine Engländerin (Mary Shelley); die Autorin des Frankensteins fehlt erstaunlicherweise bei Andrews. Während diese die Wanderinnen mit Zitaten oft zu Wort kommen lässt, versetzt Lubkowitz die Porträtierten in den eigenen sehr unterhaltsamen und informativen Wandertext, darin sie noch zahlreichen anderen Frauen begegnet, so Jane Austen bei einem kleinen Exkurs über Gummistiefel, wo die heutige Autorin zum Schluss kommt, «dass die Romantik aufhört, wo der Gummischuh anfängt».

Wahrscheinlich kümmerten sich die Ladies und Damen einst kaum um solche Fragen, sondern waren froh, wenn sie überhaupt losstiefeln durften und konnten, auf und davon, auf Schuhen, mit denen frau gehen konnte, davon von all den gesellschaftlichen, familiären Bindungen und Verpflichtungen. Nicht immer ging das. Ellen Weeton träumte vom Plan, Wales zu Fuss zu durchqueren. «Wenn ich allerdings an die vielen Belästigungen denke, die eine Frau alleine zu befürchten hat, halte ich ihn für undurchführbar», schrieb sie ihrer Freundin Miss Whitehead. «Ich darf nicht daran denken, einen solchen Plan in die Tat umzusetzen. Wenn ich doch nur ein Mann wäre!»

Kerri Andrews: Frauen, die wandern, sind nie allein. Unterwegs mit berühmten Denkerinnen – von Anaïs Nin bis Virginia Woolf. Goldmann Verlag, München 2024. Fr. 21.90.

Anneke Lubkowitz: Rebellinnen zu Fuss. Auf den Spuren von elf literarischen Wanderinnen. Kein & Aber Verlag, Zürich 2025. Fr. 34.-

Steinadler

Was fliegt in und über die Alpen. 78 Bergvögel aller Art, allen voran der Steinadler. Und manchmal auch ein Ballon.

«Ich habe es gesehen, wie manche in eine Art Glücksrausch, in ein Gefühl unaussprechlicher Seligkeit verfallen. Manche lachen, andere weinen, wieder andere werden stumm. Es ist schwer, den Geist zur wissenschaftlichen Beobachtung zu sammeln. Man darf fast sagen: vor Staunen und Entzücken steht der Verstand einem still. Die paar Stunden sind verronnen wie ebenso viele Minuten. Wir haben auf manches Einzelne genau geachtet, aber in einer Art Sinnesbetäubung durch die Pracht habe ich trotz Vorsatz noch viel mehr zu beobachten übersehen. Das Entzücken lähmt. Ich glaube, der Dichter ist einmal im Ballon gefahren, der den Adler hoch in den Lüften sagen lässt: ‹Ach währte doch immer das stolze Glück, ach müsst’ ich doch nimmer zur Erde zurück!›»

Der (erfüllte) Traum des Menschen vom Fliegen, hier nicht zufällig mit dem Adler in Verbindung gebracht. Wir denken vielleicht eher an Rotmilane, die wir ja im Mittelland ziemlich häufig sehen, wie sie ihre Kreise ziehen: So sollte man fliegen können, so elegant, so kraftvoll und leicht zugleich. Der oben zitierte Text stammt vom berühmten Schweizer Geologen Albert Heim. Er nahm an der ersten Ballonfahrt über die Alpen teil, die am 3. Oktober 1898 unter der Leitung von Eduard Spelterini stattfand; nach fünfeinhalb Stunden Flug von Sitten über das Diablerets-Massiv landete die «Wega» auf einer Wiese bei Besançon. Das nach der Fahrt veröffentlichte Werk «Die Fahrt der ‹Wega› über Alpen und Jura am 3. Oktober 1898» hebt ab mit einem Gedicht, darin diese Doppelzeile mitschwingt: «Wie oft im Traume flog ich adlergleich/Ob deinen Kämmen, Gipfeln, Thälern hin.»

Der Adler, immer wieder. Gemeint ist der Adler der Alpen, also der Steinadler. Er ist der weltweit häufigste Grossadler, 98% des Alpenbestandes fliegt in der Schweiz. Grund genug, den grossartigen, weitgefächerten und höchst informativen Bildband «Der Steinadler. Eine Rückeroberung im Alpenraum» über den König bzw. die Königin der Lüfte (die Weibchen sind noch grösser als die Männchen!) zu studieren. Das Buch von David Jenny, Serge Denis und Heinrich Haller (letzterer war während 23 Jahren Direktor des Schweizerischen Nationalparks) gliedert sich in die Kapitel Geschichte, Körperbau, Verbreitung/Lebensraum/Nahrungsgrundlage, Jagdverhalten/Ernährung und Sozialverhalten. Alle illustriert mit alten und aktuellen Fotos, mit Tabellen und Karten sowie mit Zeichnungen von Lea Gredig. Von all den vielen Themen seien nur noch drei hervorgehoben. Die häufigste und liebste Speise des Steinadlers ist das Murmeltier. Der gefährlichste Feind des Adlers ist der Mensch, der mit Bleischrot jagt (und der Adler dann ein damit geschossenes Tier findet und isst), der Hochspannungsleitungen baut, der auf einem Gleitschirmflug die Horste stört. Und: Die helvetischen Steinadlerpaare horsten und jagen vor allem in den Hochalpen, weniger in der Voralpen, aber fünf Paare leben im Jura. Der Bildband ist Carl Stemmler, dem Pionier der Schweizer Steinadlerforschung gewidmet; sein Museum befindet sich in der Altstadt von Schaffhausen: https://allerheiligen.ch/besuchen/museum-stemmler/.

In den Alpen fliegt ja nicht nur der Steinadler. Wer die alpine Vogelwelt kennenlernen möchte, greift zum BirdLife-Feldführer «Bergvögel der Alpen». 78 tauchen darin auf, vom Alpenbirkenzeisig über Felsenschwalbe, Gänsegeier und Steinschmätzer bis zum Zitronenzeisig; der Rotmilan spreizt seine Schwanzfedern ebenfalls aus. Die wissenschaftlich detailgetreu gezeichneten Vogelbilder und die präzisen Texte helfen beim Erkennen von Vogelarten auf Wanderungen und Bergtouren. Bei Ballonfahrten natürlich auch.

Albert Heim, Julius Maurer, Eduard Spelterini: Die Fahrt der ‹Wega› über Alpen und Jura am 3. Oktober 1898. Benno Schwabe Verlagsbuchhandlung, Basel 1898. https://www.e-rara.ch/zut/content/titleinfo/5488323.

David Jenny, Serge Denis, Heinrich Haller: Der Steinadler. Eine Rückeroberung im Alpenraum. Haupt Verlag, Bern 2025. Fr. 48.-

Bergvögel der Schweiz. BirdLife Schweiz, 2025. https://www.birdlife.ch/de/content/neuer-bergvogelfuehrer-die-voegel-unserer-alpen-kennen-und-schuetzen