Nur ein kleiner Schubs

Vom Manaslu zur Schwammegg im Züri Oberland: Der Tod wartet auch an kleinen Bergen.

28. November 2022

«Ein falscher Tritt, und es wäre das Ende.
Oder ein Stoß…»

Zwei Zeilen, elf Wörter: Kürzer lässt sich die entscheidende Frage bei Bergkrimis kaum fassen. Amy McCulloch holt im Thriller „Der Aufstieg. In eisiger Höhe wartet der Tod“ auf Seite 462 aber aus, wenn der Staralpinist Charles McVeigh der Journalistin und Bergsteigerin Cecily Wong erklärt:

«Wie ich schon gesagt habe, gibt es keinen besseren Ort als hier oben. Am Everest war nur ein Stoß nötig – ach was, kein Stoß, nur ein kleiner Schubs, fast gar nichts –, und ein Mann ist in den Tod gestürzt. Ein Mann, der geglaubt hatte zu sehen, wie ich Fixseile benutzt hatte, und daraufhin Gerüchte in die Welt gesetzt hat. Was für eine Dreistigkeit! Anzunehmen, dass ich dieselben Hilfsmittel und Krücken benutzen würde, die Durchschnittsmenschen brauchen, um auf diese Gipfel zu kommen.»

Ein echt unsympathischer Kerl, dieser Charles. Mehr sei nicht verraten zum Manaslu-Thriller. Vielleicht noch, dass die Eigernordwand vorkommt, und dass es ein paar alpinistisch nicht ganz korrekte Beschreibungen gibt. Aber da lesen wir grosszügig drüber und hoffen einfach, dass der Charles einen falschen Tritt macht. Oder dass Cecily ihm einen Schubser gibt.

Vom Himalaya in die (bayerischen) Alpen, zu Nicola Förg und zu ihren Kommissarinnen Irmi Mangold und Kathi Reindl. Der dreizehnte Band heisst „Hohe Wogen“, die Fronten führen zwischen Freizeit-Wassersportler und Berufsfischer, Ausflügler und Anwohner, und all das zur Coronazeit. „Die Gipfel sind bevölkert wie Fußgängerzonen“, beklagt sich Hase, der Lebenspartner von Irmi. Es geht nicht nur ins Wasser, sondern eben auch hinauf in die Berge, zum Beispiel auf dem äusserst schwierigen Mauerläufersteig. Doch der Unfall passiert nicht auf diesem Klettersteig, sondern auf dem Gipfel:

«Sie war immer so hektisch. Was, wenn sie da oben auch wieder viel zu unvorsichtig gewesen ist! Es ist extrem ausgesetzt da oben. Ein Fehltritt genügt. Was, wenn sie Basti versehentlich mit dem Objektiv touchiert hat? Und er daraufhin abgestürzt ist?»

An einem Klettersteig selbst kann es auch ganz hektisch werden, wenigstens bei einer Verfolgungsjagd wie im Berchtesgaden-Krimi „Mord am Kehlsteinhaus“ von Felix Leibrock. Sein Erstling „Mord am Watzmann“ (https://bergliteratur.ch/moerderische-berge/) hat mir, auch bergkrimimässig, um einige Tritte besser gefallen. Hier die Szene mit dem guten Polizeibergführer Simon Perlinger und dem bösen Brunner – der Zweikampf an exponierter Lage erinnert von fern an denjenigen zwischen Sherlock Holmes und Professor Moriarty hoch oberhalb des Reichenbachfalls am 4. Mai 1891 (https://bergliteratur.ch/climbing-with-sherlock-holmes/):

«Simon biegt ihm die linke Hand auf den Rücken und schlägt die eine Hälfte der Handschelle über Brunners Handgelenk. Der leistet nun zwar heftigen Widerstand, aber Simon schafft es, Brunners Arm in Richtung des Drahtseils zu drehen. Brunner hält dagegen. Zentimeterweise drückt Simon die andere Hälfte der Handschelle dem Drahtseil entgegen.»

Doch jetzt stehen Winter und Weihnachten vor der Tür. Da kann ich die Winterkrimis „Zürihegel“ von Stefan Haenni empfehlen, wenigstens die Geschichte vom Atzmännig-Sessellift; auf dem Cover entschwinden Zweiersessel im Nebel. Ausschnitt:

«Wo ist eigentlich Ihr Mann geblieben?», wunderte sich der Angestellte, die Hand bereits am roten Hauptschalter der Anlage. «Der war doch gerade noch da?»
In der Tat die entscheidende Frage! Umso mehr galt es für Hedwig, cool zu bleiben. «Ich nehme an, er ist zu unserem Wagen vorausgegangen. Ralf hat über kalte Füße geklagt.»

Der Arme wird auch über andere kalte Körperteile geklagt haben. Nur hörte ihn niemand. Der Tod wartet nicht nur am Manaslu (8163 m), sondern auch am Atzmännig-Gipfel Schwammegg (1282 m).

Amy McCulloch: Der Aufstieg. In eisiger Höhe wartet der Tod. Piper Verlag, München 2022, € 17,00.
Nicola Förg: Hohe Wogen. Ein Alpen-Krimi. Piper Verlag, München 2022, € 16,00.
Felix Leibrock: Mord am Kehlsteinhaus. Servus Verlag, Wals bei Salzburg 2022, € 14,00.
Stefan Haenni: Zürihegel. Winterkrimis. Gmeiner Verlag, Meßkirch 2022, € 14,00.

Unter den Wolken

Wanderhöhepunkte in Deutschland: nix wie hoch! Entweder in alle 16 Bundesländer – oder „nur“ auf die Schwäbische Alb. Runterkommen tun wir immer.

21. November 2022

«In diesem Moment ging der Regen in Schneeregen über, und nach etwa anderthalb Kilometern durch den dichten Laubwald hatten wir den Gipfel des Dollbergs erreicht. Schon aus der Entfernung konnten wir sehen, dass ein großer Baum im Sturm der letzten Stunden umgeknickt und mit seiner Baumkrone mitten hinein in das braune Gipfelschild des Dollbergs gestürzt war. Manuel Andrack war genauso baff wie ich und begann zu spekulieren: ‹Ich glaube›, sagte er, ‹es ist ein Hinweis, sich zu verpissen, bevor der Sturm kommt.›
Ich hatte mir von Anfang an das Ziel gesetzt, an jedem der sechzehn Gipfel eine kleine Flasche Schnaps zu verstecken oder zu vergraben, entweder als Anreiz für mich, irgendwann zurückzukehren und diesen Schatz zu heben, oder als kleine Belohnung für aufmerksame Erstleser dieses Buches.»

Das Buch heisst „Unter den Wolken. Meine Deutschlandreise auf die höchsten Berge aller 16 Bundesländer“, der Schnapsverstecker ist Achim „Sechzig“ Bogdahn, Radiomoderator, Schauspieler und Fussballfan aus München. Sein Begleiter auf dem Dollberg (695,4 m), Top of Saarland, war an jenem stürmischen 14. März 2019 Manuel Andrack, früher Harald Schmidts Late-Night-Assistent, heute Wanderguru. Begonnen hatte Achims Bergreise in die sechzehn Bundesländer am 21. November 2018 mit dem Brocken (1141,2 m), dem höchsten Gipfel von Sachsen-Anhalt, zu Ende ging sie am 10. Juli 2021 logischerweise mit dem höchsten von Bayern und ganz Deutschland, mit der Zugspitze (2962 m), in Begleitung der Skilegende Felix Neureuther. Dazwischen vierzehn andere höchste Berge, wobei die Erhebung (32,5 m) im Friedehorstpark von Bremen nicht wirklich als Berg bezeichnet werden kann. Und der Kutschenberg (200,7 m) ist zwar der höchste Berg von Brandenburg, aber nicht der höchste Punkt; das ist die Heidehöhe (201,4 m) am Gipfel Heideberg, der aber schon in Sachsen liegt.

Solche topografischen Unebenheiten kennen wir auch von andern Gebieten: Das Nordend (4609 m) ist der höchste Gipfel des Piemonts, der Grenzgipfel (4617 m) am Kamm zur Dufourspitze aber der höchste Punkt. Fast ähnlich die Lage im Kanton Aargau: Der höchste Punkt (908 m) befindet sich am Nordostrücken der kantonsfernen Geissflue, der höchste aargauische Gipfel ist die Wasserflue (866 m) oder der Strihe (866 m); die Landeskarte gibt keine Dezimeter an.

Doch zurück zu Gipfelstürmer Achim und sein Land unter den Wolken. Das Besondere an seinen Besteigungen waren die BegleiterInnen: immer eine Persönlichkeit aus dem entsprechenden Bundesland. Im Friedehorstpark Bremens Altbürgermeister Henning Scherf, beim Wurmberg/Niedersachsen (971,2 m) die Ex-Bischöfin Margot Käßmann, am Feldberg/Baden-Württemberg (1493 m) der Ex-Fussballer Mehmet Scholl (er schaffte es nicht auf den Gipfel, weil er keine Windjacke dabei hatte…). Die Begleitung ermöglichte interessante Gespräche und Begegnungen; gerade auch letzteres, denn die VIP’s wurden oft erkannt. Und, noch eine Besonderheit: Achim Bogdahn unternahm die Reisen immer per Bahn und Bus. All das beschreibt er nun griffig, abwechslungsreich, humorvoll, manchmal auch etwas böse. Wir lernen ein neues, anderes Deutschland kennen, nicht nur gipfelmässig. Doch auch die Höhepunkte dürften unbekanntes Land sein; ausser Zugspitze, Feldberg und Brocken hatten wir von den andern Bergen kaum je etwas gehört, wenn wir überhaupt im Stande waren, die sechzehn Bundesländer aufzuzählen… „Unter den Wolken“ ist ein sehr unterhaltsames Lese(wander)buch; schade nur, dass pro Berg nicht noch kurz stichwortartig steht, wie man am besten hin-, hoch- und runterkommt.

Solche Angaben machen ein normales Wanderbuch bekanntlich aus. Das folgende habe ich aus zwei Gründen gekauft. Erstens gefielen mir Haupttitel sowie die Titel der 21 vorgestellten Touren. Und zweitens waren wir früher dort oft wandern, joggen, spazieren. Denn meine Schwiegermutter Heidi Feller-Albus kommt aus Bad Beuren südlich von Stuttgart. Ihre Mutter Hilde Albus besuchten wir immer wieder, solange sie lebte; der Beurener Fels (730 m) oberhalb der Weinberge und der Hohenneuffen (743 m) mit seiner riesigen Burgruine waren sozusagen meine Hausberge. Sie liegen beide im Biosphärengebiet Schwäbische Alb. Autor Dieter Buck preist die Wanderungen auf die beiden Gipfel so an: hochgehlegen, hochgehfestigt, hochgehkeltert. Der Führer selbst heisst: »Hochgehberge« zum Runterkommen.

Das machen wir, beides. Am Beurener Fels so gut wie am Dollberg.

Achim Bogdahn: Unter den Wolken. Meine Deutschlandreise auf die höchsten Berge aller 16 Bundesländer. Wilhelm Heyne Verlag, München 2022. € 22,00.

Dieter Buck: »Hochgehberge« zum Runterkommen. Wandern im und um das Biosphärengebiet Schwäbische Alb. J. Berg Verlag, München 2021. € 16,00.

Flowtrails und Uferlos

Alles ist im Fluss. So auch mit zwei neuen Büchern aus Frauenhand.

15. November 2022

«Es war bereits November, ein zapfig kalter Morgen im ohnehin sehr schattigen Kälteloch Kandersteg. Raureif überzog die Wiesen, als wir uns aus dem warmen Auto schälten und die ersten langgezogenen Kehren hinter der Nordic Arena höher schraubten. Ein phantastischer Singletrail, perfekt zum Berglaufen, weckte uns auf. Unser Atem verdampfte in der noch immer eiskalten Luft, wir befanden uns mittlerweile auf eine Anhöhe über dem Wald bei einer kleinen Hütte, die Sonne empfing uns mit einem Lachen. Wir sind extra spät am Vormittag gestartet, um diese Jahreszeit beglückt die Sonne nur für wenige Stunden die Region Oeschinensee. Noch lag dieses so charakteristische Naturwunder im Schatten der mächtigen Berge, als wir über den bereits sonnenüberfluteten Heuberg joggten. Ein Flowtrail wie aus dem Bilderbuch, dabei wurden wir immer wieder unserer Trance entrissen, zu schön der Anblick mit dem Fotosujet Oeschinensee.»

Wären wir nicht gerne dabei? Herbstsonne über dem Nebelmeer. Heuberg ohne Horden von Oeschinenseetouristen. Vielleicht auch mit Wander- statt mit Joggingschuhen, mit einem richtigen Rucksack statt nur so mit einem giletähnlichen Laufrucksack. Und wir wären mit dem Zug nach Kandersteg gefahren, eine Stunde von Bern, vierzig Minuten von Brig. Die Trailrunnerin Patricia Neuhauser wohnt im sonnigen Aeschi ob Spiez, und von dort ist es halt nur ein Katzensprung nach Kandersteg, im Auto. Aber jetzt sind wir locker unterwegs, gegenüber von Blüemlisalp und Doldenhorn, die das Winterkleid schon angezogen haben. Ob wir noch in Shorts unterwegs sind? Die dünne Daunenjacke jedenfalls haben wir dabei, denn unten am Ufer des Oeschinensee, dem wir kurz entlang laufen oder gehen werden, wird es bitter kalt sein.

Berglaufen also. Die Community von Trailrunnern wächst wie die gletscher- und firnfreien Hänge in den Bergen. Es gibt immer mehr Läufer, die ihren Sport auf Wanderwegen ausüben, am liebsten auf Bergwanderwegen, am allerliebsten auf flowigen. Das Adjektiv kommt von Flow, von Lauf, und wenn man einen solchen hat, dann läuft es eben einem, hinauf und hinunter und manchmal auch geradeaus, stundenlang und kilometerweit. Mit der Flowtrail-Skala F1 bis F3 werden die Trails eingestuft. Alles klar? Dann sofort dem sonnig bebilderten, übersichtlich gestalteten und mit nützlichen Infos bestens dotierten Führer „Flow Trails für Geniesser“ von Patricia Neuhauser nachrennen. Die Gründerin von trail-maniacs.ch, des grössten Trailrunning-Vereins, kennt Szene und Laufwege bestens. 30 Trailrunning Höhepunkte in den Schweizer Alpen stellt sie vor; 12 aus dem Wallis (inklusive Zermatt), 8 aus ihrer Heimat Berner Oberland, 7 aus Graubünden und 3 aus der Innerschweiz. Dazu kommen sechs Gespräche mit engagierten Bergläufern. Kurz: Schnürt die Trailschuhe!

Und weil bereits November ist und Weihnachten vor der Tür, müssen wir tiefer liegende Trails suchen. Wie wär’s mit dem 44 km langen Sentier du Lac de la Gruyère? Im Winter ist der Abschnitt zwischen der Staumauer von Rossens und Pont-en-Ogoz aus Sicherheitsgründen zwar geschlossen. Ebenso der Fährdienst von Pont-en-Ogoz hinüber zur Île d’Ogoz, den der Polizeioffizier und Fischer Jean-Pierre Grandjean an Sonntagen von Mai bis Oktober anbietet. Doch es bleiben genug Wander- oder Laufkilometer rund um den längsten Speichersee der Schweiz. Wer mehr wissen will zu dieser schönen Insel im Greyerzersee und vor allem zum Fährmann, greift zu „Uferlos. Fährleute im Portrait“ von Daniela Schwegler (Text) und Ephraim Bieri (Foto). Die beiden stellen an zehn verschiedenen Wasserorten in der Schweiz, vom Greyerzersee über Aare und Rhein bis zum Lauerzersee, Fährfrauen und Fährmänner vor, wobei diese oft grad selber das Wort ergreifen. Das Steuerrad bzw. die Pinne ohnehin. Übergeben wir also Sabrina Scherrer das Wort, der jüngsten Kapitänin der Walenseeflotte:

„Wenn du am Morgen aufstehst, die Sonne lacht, und du darfst mit dem Boot auf dem See unterwegs sein und hin- und herkreuzen, das ist schon speziell! Du erlebst die Natur mit ihren Schauspielen hautnah. Und diese Bergwelt! Du könntest jede Stunde ein neues Foto machen!“

Patricia Neuhauser: Flowtrails für Geniesser. 30 Trailrunning Highlights der Schweiz. AS Verlag, Zürich 2022. Fr. 38.90.

Daniela Schwegler (Text), Ephraim Bieri (Foto): Uferlos. Fährleute im Portrait. AS Verlag, Zürich 2022. Fr. 39.-

Exklusives im Oberland und Emmental, in Bern und Biel

Zwei starke sportgeschichtliche Werke, die leider nur in schwachen Auflagen erschienen sind. Zwei starke Aufführungen, die nichts für schwache Nerven sind.

10. November 2022

Lieber Heini,
es wird Zeit, dass wir an die Ausführung unserer Sache denken. Was meinst Du dazu!!! Wie ich weiß, war Martin Meier mit einem Nürnberger bereits in Grindelwald. Mussten aber unverrichteter Dinge wieder nach Hause. Schreibe mir nach Kitzbühel, Villa Schneeeule. Hier bin ich nur auf der Durchreise.
Herzl. Grüße,
Anderl

Kurzer Brief von Anderl Heckmair, dem Erstdurchsteiger der Eiger-Nordwand im Juli 1938, an Heini Sedlmayr, den Bruder des in dieser Wand im August 1935 verunglückten Max. Heckmair schrieb den ungeduldigen Brief zur geplanten Erstdurchsteigung und zur Bergung der Leiche von Max in Stuttgart, wohl im Februar 1936; in Kitzbühel arbeitete Heckmair als Skilehrer, wie zuvor in St. Moritz. Eine Seilschaft Heckmair/Sedlmayr wurde nie Wirklichkeit. Heini Sedlmayr entdeckte seinen Bruder anlässlich der Bergung der Leichen von Toni Kurz und seinen drei Gefährten, die im Juli 1936 bei einem Durchsteigungsversuch ums Leben gekommen waren. Heckmair, der unbedingt eine der drei grossen Nordwände Eiger, Matterhorn und Grandes Jorasses als Erster durchsteigen wollte, „fürchtete“ sich zu Recht vor Martin Meier; dieser hatte ihm 1935 die Jorasses-Nordwand weggeschnappt.

Mit den Briefen von Anderl Heckmair – die Antworten von Heini Sedlmayr sind nicht mehr vorhanden – beginnt das jüngste Eigerbuch von Rainer Rettner. Er ist DER Kenner der Geschichte der Eiger-Nordwand, seine Eiger-Bibliothek füllt Wände. Durch die Nordwand kletterte er nie, stand 2006 aber schon mal bei der Station Eigerwand gut gesichert darin. Sein fünftes Buch zum Eiger verfasste er während des Corona-Lockdowns; vielleicht auch deshalb, weil er dann nicht mehr von Rimpar bei Würzburg nach Grindelwald fahren konnte. So widmete er sich seinem Eiger-Archiv und realisierte, „dass es da noch einige Ereignisse am Eiger gab, die bisher entweder gar nicht in der Literatur behandelt oder nur stark verkürzt wiedergegeben worden waren“, wie er im Vorwort von „Eiger – Quergänge und Abgründe. Hintergrundgeschichten 1936 bis heute“ schreibt. 15 meist dramatische Geschichten sind es, genau recherchiert, gekonnt geschrieben und souverän illustriert. Zum Beispiel diejenige von Paul Bruppacher aus Küsnacht ZH und Leo Meyenberg aus Schwyz, beide Jahrgang 1916, Angestellte der Eidgenössischen Kriegsmaterialverwaltung und Teilnehmer an einem Geräte-Mechanikerkurs in Thun. Während des Wochenendurlaubes gehen sie ganz spontan zum Eiger, steigen am 16. August 1942 von der Station Eigergletscher auf dem Normalweg durch die Westflanke auf den Gipfel, schreiben sich ins Gipfelbuch ein und stürzen auf 3800 Meter beim Queren eines Firnfeldes ab – Steigeisen hatten die ersten Todesopfer der Westflanke nicht dabei. Im Anhang des neuen Eigerbuches findet sich die Liste der 172 am Eiger Verunglückten, inklusive Basejumper und Selbstmörder; 72 Tote forderte die Nordwand, 61 die Westflanke. „Du, ich möchte heuer die Eiger-Nordwand machen… Ich hab‘ aber ka guates G’fühl“, sagte der Österreicher Egon Moderegger im Frühjahr 1962; am 30. August des gleichen Jahres stürzte er in der Nordwand ab. Leider erscheint der neue Rettner nur in einer Auflage von 30 Exemplaren; kaufen kann man „Eiger – Quergänge und Abgründe“ also nicht, aber ausleihen in der Schweizerischen Nationalbibliothek in Bern und in der Zentralbibliothek des Schweizer Alpen-Clubs in Zürich.

Das gilt auch für ein weiteres sporthistorisches Buch, das vor kurzem herausgekommen ist. Am 24. August 2022 erhielt ich ein Mail von Michael Fässler, einem ehemaligen Projektmitarbeiter des Alpinen Museums der Schweiz: „Lieber Dänu. Long time not seen – ich hoffe, es geht dir gut. Ich weiss nicht, ob du es schon vom alps erfahren hast, aber ich habe mich privat in den letzten 2 Jahren an der Snowboard-Geschichte meiner Familie abgearbeitet, entstanden ist ein Buch mit 240 Seiten. Es ist eine reine private Sicht der Dinge aus der Perspektive meines Vaters, das Buch erscheint ohne Verlag in einer Miniauflage von 40 Ex. und wird nirgends zu kaufen sein. Interessiert dich das? Falls ja, dann bringe ich dir gerne mal ein Exemplar vorbei. Herzlich, mike.“ Meine Antwort erhielt er tags darauf: „guten morgen mike. unbedingt. ich freue mich auf ein exklusives exemplar. es wird einen besonderen platz in meiner schneesport bibliothek erhalten. besten dank im voraus. schöne grüsse von der schillerhöhe in marbach am neckar (nächste woche wieder in bern). dänu.“ Nun liegt Peter Fässlers „Snowboarding Emmental 1982–90“ auf meinem Schreibtisch. Ein ganz tolles Buch, fätzig verfasst, abgehoben illustriert, perfekt passend zum Titel, den der Sohn Mike über das Vorwort gesetzt hat: „Bretter, die die Welt bedeuten.“ Wie wahr! Und mit diesem Buch, das hoffentlich auch in den beiden erwähnten Bibliotheken auszuleihen sein wird, tauchen wir ein in eine farbige Sportart, die heute überall auf der Welt ausgeübt wird, wenn es Schnee hat, und die auf schattseitigen weissen Hängen im Emmental ihre Fahrt aufnahm.

Nun habe ich zwei Publikationen zum Schnee- und Bergsport vorgestellt, die nicht leicht zugänglich sind. Umso mehr möchte ich auf zwei Publikumsveranstaltungen vom Freitag, 11. November, hinweisen.

„Gertrud’s Peak“. Ein Film von Daniel H. Anker. 2022, 64 Min.
Zwei Frauen aus verschiedenen Zeiten und Welten, die gleichen Felsspitzen, dieselbe Passion: Wege zu finden, die noch niemand vor ihnen gegangen ist. Der Film des Bergführers Daniel H. Anker (nicht zu verwechseln mit dem Bergpublizisten Daniel Anker) begleitet die Engländerin Gertrude Bell und ihre zwei Bergführer aus dem Haslital bei einer spektakulären Erstbesteigung in den Engelhörnern im Jahr 1901. Parallel dazu nimmt die Berner Oberländerin Monika Romang die ZuschauerInnen mit in die Sportkletterroute «Queen of Desert» durch die Gertrudspitze-Westwand, die sie im Jahr 2015 zusammen mit ihrem Partner Daniel H. Anker erstbegangen hat. Den Namen der neuen Linie wählten die beiden zu Ehren der faszinierenden Gertrude Bell, Wüstenpionierin, Bergsteigerin, Archäologin und Beraterin bei der Grenzziehung und Gestaltung des Königreichs Irak im Jahr 1920. Und auf ihrer Klettertour begegnen die beiden Frauen ihrer persönlichen Vergangenheit, den unterschiedlichsten Gefühlen, Grenzen und Möglichkeiten … ungeschminkt!
Freitag, 11.11.22 , Kino ABC in Bern um 18 Uhr. Trailer: https://vimeo.com/744296260

White Out. La conquête de l’inutile. Tanz und zeitgenössischer Zirkus von Piergiorgio Milano. 2022, 55 Min.
Drei Bergsteiger erobern einen als unerreichbar geltenden Gipfel und trotzen den Elementen. Ein intensives, originelles, unterhaltsames und spannendes Spektakel an der Schnittstelle zwischen Zirkus, Tanz und Theater. Ein Gipfelspektakel, frei inspiriert von den Schriften von Walter Bonatti, Giampiero Motti, Enrico Camanni, Jon Krakauer, Joe Simpson, Mark Twight, Reinhold Messner und Lionel Terray, der 1961 mit dem Buch „Les Conquérants de l’inutile“ einen sinngebenden Alpinismusbegriff erfand.
Freitag 11.11.22, Nebia in Biel/Bienne um 19 Uhr. www.nebia.ch/spectacles/white-out/?lang=de

Jenseits von Dracula

Von den Karpaten in den Kaukasus, im Winter und Sommer. Abenteuerliche Entdeckungsreisen, nun ohne Gefahr zwischen Buchdeckeln.

3. November 2022

«Irina schaut mich mit einem zufriedenen Lächeln an; sie ist stolz auf sich, denn sie hat verstanden, dass ich mich mit ihrer Hilfe in diese Berge verliebt habe. Meine anhaltende Begeisterung nach einem langen Tag ist ein vielversprechendes Zeichen. Eines Tages werde ich meine Freude über diese Reise anderen Alpinisten mitteilen; dann wird Irina neue Kunden durch die Berge und Hügel ihrer geliebten Ukraine führen können. So wird es nicht mehr notwendig sein, sich in den russischen Kaukasus oder in andere, weit entfernteren Länder zu begeben. Hier ist der Schnee viel schöner, viel kälter und viel leichter. Hier in den Karpaten gibt es weite, offene Landschaften. Kein Vergleich mit den anstrengenden und gefährlichen Routen im Hochgebirge des Kaukasus. Hier in dieser Gegend ist noch Platz genug für das Abenteuer und für neue Entdeckungen.»

Resümiert der Tessiner Journalist, Buchautor, Filmemacher und Bergführer Mario Casella auf Seite 191 in seinem jüngsten Buch: „Jenseits von Dracula. Eine Winterwandung durch die Karpaten“; die Originalfassung erschien vor drei Jahren unter dem Titel „Oltre Dracula. Un cammino invernale nei Carpazi“. Mario ist DER Spezialist für Durchquerungen unbekannter Gebirge der Welt im Winter. In der Filmtrilogie „Le nevi della seta“ erzählt er Geschichten aus den Bergen am Seidenweg – aus Iran, Afghanistan, China und Kirgistan. Im Buch „Schwarz Weiss Schwarz“ (https://bergliteratur.ch/schwarz-weiss-schwarz/) schreibt er über seine historische und sportliche Recherche vom Dach Europas: die Traversierung des Kaukasus auf Ski im Frühjahr 2009. Nun war er in den Wintern 2016 und 2017 in den Karpaten unterwegs, in diesem uns fast unbekannten Gebirgskamm in Mitteleuropa, der sich von Bratislava an der Donau bis zum Eisernen Tor der Donau krümmt: ein 1500 km langer Bogen voller Gipfel, Gehölz und Geheimnissen. Mario Casella ist ihnen mit einheimischen Begleitern und Begleiterinnen nachgegangen und –gefahren, in der kältesten Jahreszeit am wilden Rand der Slowakei und Ukraine, von Polen und Rumänien, mitten in Schneestürmen, manchmal auch bei blauen Himmel und zum Glück immer wieder in einer gut geheizten Hütte. Wer „Jenseits von Dracula“ gelesen hat, wird die Karpaten, das zweitlängste Gebirge Europas, mit ganz andern Augen sehen, ohne dort gewesen zu sein. Zudem ist eine (Ski-)Reise auf die Hoverla (2061 m), den höchsten Gipfel der Ukraine, zur Zeit leider gar nicht angesagt; der Name bedeutet Schneeberg. Aber wir könnten ja auch in die Hohe Tatra fahren, zum Beispiel nach dem polnischen Zakopane; dort fand 1939 die 9. alpine Skiweltmeisterschaft statt. Im Reisegepäck haben wir neben „Jenseits von Dracula“ natürlich noch den 1897 veröffentlichten Roman „Dracula“ des irischen Schriftstellers Bram Stoker; Mario Casella hat sein Schloss besucht, auch wenn es nicht das originale ist. Das gibt es nicht mehr.

Die bayerische Autorin, Bergsportlerin, Film- und Theaterregisseurin sowie Kulturmanagerin Ana Zirner ist eine Berufskollegin von Mario Casella. Auch sie unternimmt gerne epische Touren, über die sie anschliessend berichtet. So erschien 2018 „Alpensolo. Sechzig Tage und Nächte unter freiem Himmel“ und zwei Jahre darauf „Rivertime. Allein auf dem Colorado von den Rocky Mountains bis nach Mexiko“. Nun liegt der Bericht über ihre jüngste Abenteuerreise vor: „Wilde Berge, weites Land. Von Ost nach West durch den Kaukasus“. 2021 hat sie zu Fuss, zu Pferd und manchmal auch in einem Fahrzeug den georgischen Teil des Grossen Kaukasus durchquert, alleine und auch mit FreundInnen und teilweise mit ihrem Lebenspartner. Genau genommen war sie nie ganz alleine, denn Ana war, unerwarteter Weise, in Erwartung. Die Sorgen und Freuden einer werdenden Mutter nehmen denn auch einen gewissen Teil ihrer kaukasischen Reportage ein. Die Reise durch ein unbekanntes Land und Gebirge hat so noch eine besondere Dimension angenommen. Auf Seite 191 erzählt sie, wie sie und ihr Martin bei einem langen Rückweg von einem kleinen Transporter mitgenommen werden, der über einen unwegsamen Feldweg zuckelt:

«Ich bin erleichtert, wenngleich ich bei jedem großen Ruckler das Gefühl habe, meinem Baby einen unfreiwilligen Luftsprung zu verpassen. Während wir von hier aus die Landschaft gemächlich an uns vorbeiziehen sehen, träume ich von perfekten First Lines im Tiefschnee auf den winterlich verschneiten Hängen über uns.»

Mario Casella: Jenseits von Dracula. Eine Winterwandung durch die Karpaten. AS Verlag, Zürich 2022. Fr. 32.80.

Ana Zirner: Wilde Berge, weites Land. Von Ost nach West durch den Kaukasus. Malik Verlag, München 2022. € 20,00.

Vom Mont-Blanc an die BergBuchBrig

Nicht verpassen: Anfang November nach Brig, später dann nach Chamonix bzw. Courmayeur. Mit Büchern im Rucksack, vielleicht auch mit Seil und Stöcken.

30. Oktober 2022

«Uno storico nido d’aquila perduto per sempre.»

Diesen Verlust einer geschichtsträchtigen Biwakschachtel für Alpinisten meldete „Montagne360“, die Zeitschrift des Club Alpino Italiano, in ihrem Oktoberheft. Ein Felssturz hatte Ende August 2022 das Bivacco Alberico e Borgna (3737 m) beim Col de la Fourche am Südwestgrat des Mont Maudit im Mont-Blanc-Massiv mitgerissen. Das 1935 erbaute Bivouac de la Fourche (so nennen die Franzosen die 10-plätzige Unterkunft auf der Staatsgrenze) war noch 1985 komplett restauriert worden und musste wegen seiner ausgesetzten Lage hoch über dem Glacier de la Brenva immer wieder neu gesichert werden. Nun liegt es zerstört auf diesem Gletscher – der Klimawandel mit auftauendem Permafrost lässt grüssen.

In der Ende August erschienenen dritten Auflage des dritten Bandes von „Neige, Glace et Mixte. Le topo du massif du Mont-Blanc“ ist der verlorene Alpinisten-Adlerhorst natürlich noch drin, mit genau eingezeichnetem Wegverlauf auf einem Luftbild, das die grandiose Firn-Granit-Welt östlich des Dachs der Alpen zeigt. Der Führer von Bergführer François Damilano beschreibt alle eisig-felsigen Anstiege zwischen Mont-Blanc und dem Bassin de Tré-la-Tête. Insgesamt 390 historische und neue Routen, von der berühmten Arête de l’Innominata am Mont-Blanc de Courmayeur bis zur Voie Rébuffat in der Westwand des Mont-Blanc, am 2. Juni 1985 eröffnet von Patrick Gabarrou & Co; etwas nördlich davon die „Balade d’automne“ von François selbst, mit Godefroy Perroux im Oktober 2001 erstbegangen, und dann mit Varianten am 13. Juni 2013 erstmals mit Ski von Vivian Bruchez und Bastien Fleury befahren. Anders gesagt: Wer sich alpinistisch mit Pickel und Ski am höchsten Gipfel der Alpen austoben will, braucht Tome 3 von „Neige, Glace et Mixte“; die Bände 1 und 2 selbstverständlich ebenfalls (vgl. https://bergliteratur.ch/?s=damilano). Doch all die Farbfotos mit den roten Linien können auch nur angeschaut werden. Vielleicht findet man noch einen Eisschlauch, der noch nie erklettert wurde; vor dem Einsteigen sicherheitshalber aber bei François nachhaken, ob dem auch so ist.

Konkurrenz erhielt Monsieur Damilano vom Fotografen Alex Buisse, der im Bildbandführer „Mont-Blanc Lines“ grossartige Farbfotos versammelt hat, darin die wichtigsten Routen an den wichtigsten Gipfel des ganzen Mont-Blanc-Massivs farbig eingezeichnet sind, teilweise in Übersicht, zuweilen auch im Detail. Daneben zeigen noch Actionfotos den höchsten und wohl besten Spielplatz der Alpen. Wer also endlich einmal die Voies des Suisses an den Courtes bzw. am Grand Capucin erleben will, schaut sich die entsprechenden Seiten genau an. Nicht dass man dann plötzlich in der Voie des Autrichiens klettert bzw. am Capucin in „O Sole Mio“ Höhe gewinnt (was insofern nicht so schlimm ist, da dieser Anstieg von den Schweizern Michel Piola und Pierre-Alain Steiner am 21./22. April 1984 gefunden wurde). Texte dokumentieren die Geschichte der Wege, heutige Alpinisten erzählen, wie sie damit und den aktuellen Herausforderungen, also dem Rückgang der Gletscher und dem Abbrechen von Felspartien, zurechtkommen. Das Foto auf Seite 67 zeigt einen kleinen Felssturz in der Nordwand der Aiguille du Dru; es gab auch schon grössere. Originalton von Vivian Bruchez: „Cette montagne a un élan, elle représente la verticalité, l’esthétisme, l’élégance des grandes montagnes mais aussi la fragilité des ces versants, les pans de montagne effondrés suite au réchauffement.“

Hinten in seinem Buch zeigt Alex Buisse noch Linien in drei Wänden des Matterhorns sowie in der Nordwand des Eigers. Um diese Gipfel kann man halt einfach nicht herumklettern… Item: Matterhorn und Klimawandel haben ihre Auftritte an der BergBuchBrig; das Multimedia-Festival zu Natur, Kultur, Freizeit und Abenteuer in den Bergen geht vom 2. bis 6. November 2022 in der Alpenstadt Brig über die Bühne. Hier nur fünf Tipps:
– Am 3. November um 14 Uhr die szenische Lesung „Empor – Der Wettlauf zum Gipfel des Matterhorns“; um 22 Uhr der Dokumentarfilm „Sur les traces du Lucy Walker“ (die Engländerin stand als erste Frau auf dem Gipfel des Matterhorns).
– Am 4. November ab 13 Uhr die Bildervorträge „Die Plaine Morte und ihre Gletscherseen“ und „Eisberge am Gerenpass“ – zwei eisige Phänomene des Klimawandels.
– Am 5. November um 17 Uhr meine Bücherpräsentation „Après-Lift“ und „WasserRauschen“, mit dem Hinweis auf einen eigentlich wegen der Gletscherschmelze neu sichtbaren und nummerierten Bach, der vom Wallis ins Berner Oberland fliesst, in diesem heissen Sommer aber schon wieder versickert ist.

François Damilano: Neige, Glace et Mixte. Le topo du massif du Mont-Blanc – tome 3. Du Mont-Blanc au bassin de Tré-la-Tête. JMEditions, Chamonix 2022. € 29,50.

Alex Buisse: Mont-Blanc Lines. Éditions Glénat, Grenoble 2021, € 35,00.

www.bergbuchbrig.ch

Jimmy Chin – Bilder aus einer Welt der Extreme

Der erste Bildband eines preisgekrönten Bergfotografen, der heute Geburtstag feiert.

12. Oktober 2022

«Als Kind chinesischer Einwanderer hörte ich immer, es gebe nur drei Berufe: Arzt, Anwalt oder Professor. Kletterer stand nicht auf dieser Liste. Nach dem College war ich mir sicher, dass diese traditionellen Erwartungen nicht zu mir passten; ich beschloss, mir meinen eigenen Weg durch die Welt zu bahnen.
Meine Zwanziger verbrachte ich zwischen Kletterzielen und dem Leben in einem 1989er Subaru Loyale. Nicht gerade das Graduiertenprogramm, das sich meine Eltern erhofften.»

Gesteht Jimmy Chin, geboren am 12. Oktober 1973 in Mankato, Minnesota, in der Einführung zu seinem ersten Fotoband, der seine Karriere in den Bergen dokumentiert: „There and Back“, 2021 veröffentlicht und zu einem New York Times-Bestseller emporgeklettert. Nun liegt das Meisterwerk in einer deutschen Übersetzung vor: „Bilder aus einer Welt der Extreme“.

Hierzulande dürfte Jimmy Chin insbesondere wegen zwei Fotos bekannt sein, beide mit Alex Honnold im kalifornischen Yosemite Valley, je solo und seilfrei und in roten Oberkleidern unterwegs an den beiden berühmtesten Gipfeln dort. Einmal ruhig stehend, mit dem Rücken zum Fels und den Händen den Beinen, auf der schuhbreiten Thank God Ledge in der senkrechten Nordwestwand des Half Dome, ein Bild, das die Verlorenheit der Alpinisten auf vertikaler Flur perfekt dokumentiert. Das andere Foto zeigt Alex in einer der Gipfelseillängen der tausend Meter hohen Freerider-Route am El Capitan während seiner Free-Solo-Begehung am 3. Juni 2017. Der gleichnamige Dokumentarfilm stammt eben von Jimmy Chin und seiner Frau Elizabeth Chai Vasarhelyi; 2019 erhielt „Free Solo“ den Oscar für den besten Dokumentarfilm. Überfällig also, ein Bildband von Jimmy Chin.

In diesem 24 x 30 cm grossen, 3 cm dicken und gut 2 kg schweren Buch sind über 200 dramatische und auch ganz entspannte Fotos versammelt, die Jimmy Chin über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren bei Expeditionen auf sieben Kontinenten aufgenommen hat – von der Skiabfahrt vom Mount Everest über Erstbesteigungen in der Ennedi-Wüste im Tschad oder im Königin-Maud-Land in der Antarktis bis hin zur Überquerung des Chang-Tang-Plateaus in Tibet ohne fremde Hilfe. Im Laufe der Seiten und seiner Abenteuer teilt er Details über die Hintergründe, die es ihm ermöglichten, diese Bilder unter oft schwierigsten Bedingungen einzufangen, und erzählt die Geschichten der Abenteurer und Athleten, die er fotografiert hat, darunter eben Alex Honnold, die Skifahrerin Kit DesLauriers, der Snowboarder Travis Rice, die Alpinisten Conrad Anker und Yvon Chouinard, die Kletterin Hazel Findlay, die beim Deep Water Soloing in Oman einen Köpfler ins Meer hinab macht, atemberaubend und aufatmend in gleichen Augenblick. Ein harmloser Fall. Aber von einem anderen hatte Jimmy Chin grosse Angst, am 3. Juni 2017 in der Südwestwand des El Capitan:

„Ich selbst würde Alex in der letzten Crux, der Enduro Corner, filmen. Diese Länge gleicht einem riesigen offenen Buch aus poliertem Granit mit einem schmalen und extrem steilen Riss im Falz. Der hatte schon viele erfahrene Kletterer ausgespuckt. Wenn Alex das passieren sollte, wollte ich nicht, dass jemand anderes das unmittelbar erleben musste.
Die Tragweite des Geschehens war mir 760 Meter in der Luft hängend voll bewusst. Meine Arme spannten sich an, um die Filmkamera zu halten, auf der ich eine Fotokamera angebracht hatte, damit ich gleichzeitig Stills aufnehmen und filmen konnte. Ich dachte an die Anweisung, die ich gegeben hatte: ‚Keine Fehler. Auf die Arbeit konzentrieren.‘“

Jimmy Chin: Bilder aus einer Welt der Extreme. Prestel Verlag, München 2022. € 50,00.

Der Berg ruft!

Zwei neue gebirgige Comic-Bände, mal mehr lustig, mal mehr ernst. Zugreifen, bevor die Sprechblasen platzen.

3. Oktober 2022

– Ich habe gewonnen! Ich war als Erster oben!
– Das ist der falsche Gipfel, du Depp!

Kurzer Dialog zwischen den Vettern Donald und Dussel Duck im Comic „Die Sonntagsbergsteiger“, abgedruckt im Lustigen Taschenbuch Spezial von Walt Disney mit dem unverwüstlichen Titel „Der Berg ruft!“, erschienen am 5.5.22. Der richtige Gipfel ist die Nadelzinne, und dort hinauf wollen Dagobert, Duck und Dussel, angeführt von Bergführer Habakuk. Dussel (wer sonst?) wird noch fast von einem Adler davongetragen, doch schliesslich erreicht die Viererseilschaft den Gipfel, allen voran Dagobert, der als Erster seinen Gipfelwimpel aufstellt. Dummerweise ist Oma Dorette Duck mit den Enkeln Tick, Trick und Truck bereits oben und fragt die überraschten Gipfelstürmer: „Wollt ihr auch ein Gipfelpicknick machen?“ Von der Rückseite führt eine Seilbahn auf die Nadelzinne…

25 mehr oder minder lustige, mehr oder minder alpine Bildergeschichten; sechs von ihnen sind deutsche Erstveröffentlichungen. So „Die Jahrhundert-Klettertour“ mit Mickey und Goofy, die eine schwierige Jubiläumsbesteigung ausführen wollen, worüber der Bürgermeister des Bergdorfes sehr erfreut ist: „Wir hoffen, dass die Berichte über ihren Aufstieg wieder mehr Touristen zu uns nach Rosenalp locken werden. Der Berg ist schließlich unsere Hauptattraktion.“ Kommt einem ziemlich bekannt vor, nicht wahr? Der Aufstieg verläuft nicht ohne Zwischenfälle. Auf dem Gipfel können die beiden wackeren Kletterer die Alpenvereinswimpel nicht aufstellen, weil dieser aus nacktem Fels besteht. Micky will deshalb einen Steinmann errichten, doch Goofy erwischt den falschen lockeren Stein, und eine Tragödie scheint unausweichlich. Tja, die vermehrt bröckelnden Alpen hinterlassen ihre Spuren auch im Entenhausener Alpinismus.

Der Berg ruft auch den jungen Vani, der in einem Dorf wohnt, das von einem steil aufragenden, oben schneebedeckten Kegel beherrscht wird: „Vani a toujours voulu grimper au sommet de cette montagne. Pour savoir ce que cela fait de voir le village depuis le sommet. Toute sa vie a été orientée vers la montagne. Son éducation, ses jeux, ses amis… Aujourd’hui, il part pour la plus grande aventure de sa vie.“ Der spanische Architekt, Illustrator und Comic-Autor Jorge Campos lässt in „Montaña“ (so die Originalausgabe von 2020) seinen Helden in sechs Kapiteln zahlreiche schöne und böse Momente beim fast unbeirrbar verfolgten Aufstieg erleben. Am meisten zu schaffen machen ihm aber nicht die ganz unterschiedlichen Verhältnisse, sondern die Wildtiere, die sich vehement gegen den menschlichen Eindringling wehren. „Un écureuil m’a volé de la nourriture et un sanglier m’a poursuivi“, erinnert sich Vani beim Gipfelsturm. „Un cerf m’a jeté d’une falaise. Un aigle enragé m’a pourchassé et puis il m’a sauvé.“ Und dann steht Vani endlich oben – und sieht das Dorf nicht. Oder doch?

„Montagne“ ist ein wunderhelles Buch darüber, wie sich der Mensch in der Natur verhalten kann, sollte und tut, wie er sich ihren Herausforderungen stellt und wie er sich anpasst. „Montagne“ ist ein köstliches Bergbuch, das so ganz anders daherkommt und in dem wir uns Bergsteiger und Wanderer dennoch Seite für Seite widerfinden, bis hinauf zum Gipfel. Hoffentlich ist es diesmal der richtige.

Walt Disney: Der Berg ruft! Lustiges Taschenbuch Spezial, Band 106, Berlin 2022. € 11,00.

Jorge Campos: Montagne. Éditions Clair de Lune, Marseille 2022, € 20,00.

Im Süden schön!

Tessin, Land der Bücher, Blumen und Baumeister. Eine Entdeckungsreise.

27. September 2022

«Möge dieses Buch all jenen eine Hilfe sein, die erstmals, wieder einmal oder mal so richtig die Region zwischen Gotthard und Chiasso zu Fuß entdecken möchten. Und auch jenen, die schon fast alles kennen. Eins ist sicher: Es gibt viel zu erleben. Selbst beim aberhundertsten Besuch.»

È vero! In beiderlei Hinsicht: Buch und Besuch. Es heisst „Tessiner Streifzüge. Wandern und entdecken zu jeder Jahreszeit“, stammt vom Ex-Tessiner und Wahl-Zürcher Marco Volken. Mit dem oben zitierten Absatz schliesst er sein Vorwort ab, das mit „Im Süden schön!“ überschrieben ist. Wie wahr! Und mit dem 311seitigen Führer von Marco wird er gleich noch ein bisschen schöner. Im Süden und im Norden. Also vor Ort und zu Hause. Letzteres deshalb, weil das Buch, neben dem Planen der Wanderungen ennet dem Gotthard und der Freude darauf, erstens auch ein Lesebuch ist. Zum Beispiel die vier Seiten über die Tessiner Berghütten: „Besser als tausend Hotelsterne“. Und zweitens, weil das Buch auch ein Bildband ist. So viele starke Tessinfotos habe ich noch nie gesehen; zugegeben, sie sind teils etwas klein, weil er ja im Rucksack Platz haben muss, der Führer. Mit mindestens einer Farbfoto pro Doppelseite, wohl eher mit zwei, mit 46 Wanderrouten, inkl. Varianten, mit 34 weiteren Vorschlägen, mit vertiefenden Texten zu Natur, Kultur und Geschichte, mit GPS-Daten zum Download. Kurz: einfach ein rundum schönes Buch. Es gehört ab sofort zum obligatorischen Gepäck bei einer Reise ins Tessin.

Es seien noch ein paar andere neue Bücher zum Ticino vorgestellt. Der neue Haupt-Wanderführer „Naturwanderungen im Tessin. Auf den Spuren der Biodiversität“ beschreibt 27 Wandertouren zwischen Lukmanier und Chiasso (davon 9 im Sottoceneri), immer in Naturlandschaften von nationaler Bedeutung. Das Schwergewicht des reich bebilderten Buches liegt darin, was man unterwegs sieht und sehen kann, also besondere Landschaftsformen, Fauna und Flora. Wobei es bestimmt einfacher ist, ein Steinbrech-Leimkraut zu entdecken als ein Steinhuhn oder einen Steinmarder… Im Anhang des 780 Gramm schweren Buches gibt es das alphabetische Artenverzeichnis von Abbisskraut (ist bei der Tour 19 in den Monti di Medeglia zu finden) bis Zwitscherschrecke (Tour 1). Etwas mager sind leider ein paar touristische Infos ausgefallen, so zu Seilbahnen und Berghütten. Natürlich findet man diese mit dem Smartphone, aber die Angaben von Links würden die Planung vereinfachen.

Die bestens bekannte Schweizer Schriftsteller Eveline Hasler lebt seit Jahren im Locarnese. In ihrem jüngsten Buch „Spaziergänge durch mein Tessin“ erzählt sie von eigenwilligen Bewohnern und Gästen dieser wohlbesuchten Landschaft und erkundet die von der Vielfalt Italiens und der Kargheit der Alpen beeinflusste Küche. Ihre Spaziergänge machen buchstäblich Appetit auf mehr: zahlreiche Originalrezepte regen zum Nachkochen an. Die 18 kulturellen und kulinarischen Touren führen in die Täler Centovalli, Onsernone, Maggia, Bavona, Verzasca, Leventina und vor allem auf die Hügel rund um Ascona und auf der gegenüberliegenden Seeseite. Wer genaue wandertouristische Angabe erwartet, wird nicht bedient. Muss es auch nicht werden; dafür gibt es genügend andere Publikationen sowie analoge und digitale Karten. Mit dem Buch bekommt man nicht nur Hunger auf Tessiner Spezialitäten, sondern auch auf literarische Werke, die Eveline Hasler erwähnt. Geschmückt ist ihr Buch mit 18 Schabkarton-Illustrationen von Hannes Binder, der ebenfalls im Tessin wohnt.

Die Collona „Sui sentieri dei padri“ stellt die Bergwelt des Tessins bis zur hintersten und obersten Alphütte bzw. ihrer Reste vor, inkl. Beschreibung, wie man dorthin kommt (oder auch kaum). Nun ist der achte Band erschienen, wieder von Giuseppe Brenna, dem wohl besten Kenner des alpinen Tessins. Auf dem Cover die halb eingefallene Steinhütte auf der Alpe Gülaresc (ca. 2150 m) in der Val Piumogna. Auf der Landeskarte hat die Alp keinen Namen; die Hütte, die sich von den umliegenden Steinen nicht gross unterscheidet, findet man hier: 2’699’581, 1’145’753. Was für ein bemerkens- und aufsuchenswerter Ort! Wie viele andere in diesem linken Seitental der Leventina, das vom Pizzo Campo Tencia (3071 m) beherrscht wird. Und in diesem Buch mit 174 Routen zu 290 Alpen, mit 34 Kartenausschnitten und 622 Farbfotos. Es heisst: „Alpi di Leventina e Val Bedretto. La Via dell’Alpigiano della Val Piumogna, il Sass di Nom in Val Gagnone, l’antica iscrizione dell’Alpe Mottascia, le eriscie di Cruina e altre storie.“

Aber jetzt noch kurz der Hinweis auf ein fünftes Tessinbuch. Es stammt von Omar Gisler: „Terra d’Artisti. Wie Tessiner Baumeister europäische Kunstgeschichte schrieben“. Einer dieser Meister war in den 1980er Jahren auf der 100-Schweizerfranken-Banknote dargestellt: Francesco Borromini. Aber es gab noch viele andere. Zum Beispiel Pietro Morettini (1660 – 1737). Er arbeitete als Festungsbaumeister in Besançon, Landau in der Pfalz, Namur und Bergen op Zoom, zeichnete die Befestigungspläne von Sursee, Rapperswil, Bremgarten und Baden und baute das Urnerloch bei Andermatt, den ersten Schweizer Verkehrstunnel. An ihn denken wir, wenn wir im Wandertenue sommers wie winters durch den kürzen oder längeren Gotthardtunnel richtig Chiasso reisen.

Marco Volken: Tessiner Streifzüge. Wandern und entdecken zu jeder Jahreszeit. Rotpunktverlag, Zürich 2022. Fr. 39.-

Ivan Sasu, Eric Vimercati, Marcello Martinoni, Alma Sartoris: Naturwanderungen im Tessin. Auf den Spuren der Biodiversität. Haupt Verlag, Bern 2022. Fr. 39.-

Eveline Hasler: Spaziergänge durch mein Tessin. Landschaft, Kultur und Küche. Mit Zeichnungen von Hannes Binder. Nagel & Kimche, Zürich 2022. Fr. 30.90.

Giuseppe Brenna: Alpi di Leventina e Val Bedretto. Salvioni Edizioni, Bellinzona 2022, Fr. 40.-

Omar Gisler: Terra d’Artisti. Wie Tessiner Baumeister europäische Kunstgeschichte schrieben. Mit einem Vorwort von Marco Solari. AS Verlag, Zürich 2022. Fr. 42.80.

Auf Klimaspuren und Alpeneis – Albert Mountain Award

Der 1111. Eintrag auf bergliteratur.ch wärmt mit brandaktuellen Themen und Veranstaltungen.

19. September 2022

«Am 29. Juni [2021] war Klimaspuren im Alpinen Museum in Bern mit dabei am Gespräch „Die Alpen: Opfer und/oder Verursacher des Klimawandels?“ Über dem Podium hing das Bild „Aufstieg und Absturz“ von Ferdinand Hodler. Darunter diskutierten (v.l.n.r.) Benno Steiner und Françoise Jaquet, SAC, Dominik Siegrist, Klimaspuren, Katharina Conradin, CIPRA International, Jon Pult, Alpen-Initiative, und Jürg Schweizer, Institut für Schnee- und Lawinenforschung.»

Sozusagen prophetische Bildlegende im Kapitel „Bergsturz und Autoflut“ im Buch „Auf Klimaspuren. Eine Expedition von Ilanz nach Genf“. Denn am kommenden Freitag Nachmittag und Abend werden Katharina Conradin und Dominik Siegrist wieder unter Hodlers Monumentalgemälde im Alpinen Museum der Schweiz sitzen, diesmal jedoch in anderer Funktion. Er als Präsident der King Albert I Memorial Foundation, die zum 15. Mal den Albert Mountain Award überreicht. Sie als Moderatorin der Gesprächsrunde mit den vier neuen PreisträgerInnen. Sowohl Gesprächsrunde wie Feier sind öffentlich. Und, ein kleiner Rückblick zur Diskussionsrunde vom letzten Juni: Mit Jürg Schweizer war ein früherer Preisträger dabei; sein Institut erhielt 2020 den Albert Mountain Award.

Das angesprochene Bild mit der passenden Legende findet sich in einem Buch, das ich zur Lektüre und zum Anschauen wärmstens empfehlen kann, obwohl oder gerade weil es wieder kälter geworden ist und wahrscheinlich noch viel kälter werden wird, wenigstens drinnen. „Auf Klimaspuren“ dokumentiert auf 288 Seiten, mit 72 Beiträgen und 150 Fotos leicht lesbar und schwer fundiert den Stand der Klimapolitik in der Schweiz, erwandert und erforscht im Sommer 2021 auf einer öffentlichen Wanderung von Ilanz nach Genf mit 42 Etappen und 75 Ortsterminen. Das Buch ist, so heisst es zum Auftakt, „ein Expeditionsbericht zur Klimakrise in der Schweiz. Es folgt den Spuren, die der Klimawandel in der Gesellschaft und der Natur hinterlässt, es zeigt Spielräume und Befindlichkeiten auf und dokumentiert, wie sich Menschen und Institutionen gegen die Klimafolgen wappnen und wie sie sich engagieren, damit die Zukunft klimaverträglich werden kann.“ Am Schluss des Buches findet sich ein Glossar zum Thema Klima; zudem führt ein QR-Code zu den Quellen und zu weiterführender Literatur. Anders gesagt: Wer zum Klima informiert sein bzw. informieren will, muss „Auf Klimaspuren“ wandern.

Wer sehen will, wie die Gletscher heute aussehen, nimmt den Bildband „Alpeneis. Gletscher und Permafrost im Klimawandel“ von Bernhard Edmaier zu Hand. Etwa 4400 Gletscher gibt es in den Alpen – noch, denn das ewige Eis ist leider nicht so. Bis zum Ende unseres Jahrhunderts sollen laut Prognosen sogar vom grössten Alpengletscher, dem Aletschgletscher, nur noch wenige Eisfelder übrig sein. Eine fast unvorstellbare Vorstellung, leider aber wahr und unmissverständlich sichtbar. Die 185 Fotos, vor allem Luftaufnahmen, zeigen, welche Formenvielfalt dabei verloren geht, aber zugleich auch, was neu entsteht: farbige Seenlandschaften, vom Eis geschliffene Felsen oder wüstenhafte Schutthänge, von denen die Vegetation allmählich wieder Besitz ergreift. Zum Glück hat Edmaier ein paar Winterfotos in seinen Bildband hineingenommen, dann sieht es wenigstens noch etwas firnig aus. Die mächtige Nordostwand des Weisshorn ist einfach grandios – auf der Doppelseite 150/151; in Wirklichkeit wie in diesem Sommer, kurz erblickt auf der Fahrt nach Zermatt, eine graue Felsflanke mit ein paar Hängegletschern. Weiter vorne im Buch die Gegenüberstellung der berühmten Gletscherwelt von Bernina, Scerscen und Roseg im August 2003 und im Juli 2021. Himmeltraurig, trotz des gleich blauen Himmels. Von solchen Vergleichen wird auch am 23. September im Alpinen Museum in Bern die Rede sein.

Alle zwei Jahre verleiht die schweizerische King Albert I Memorial Foundation den internationalen Albert Mountain Award. Mit dem Preis werden Menschen und Institutionen ausgezeichnet, die sich für die Welt der Berge als Sportler, Forscherinnen oder Kulturschaffende besonders verdient gemacht haben. Die neuen PreisträgerInnen sind Bernd Arnold, deutscher Kletterpionier und ungekrönter König des Elbsandsteingebirges; Sofie Lenaerts, belgische Spitzenalpinistin und Entwicklungshelferin; Nam Nan-hee, südkoreanische Weitwanderin mit dem Ziel eines grenzüberschreitenden Friedenspfades; die deutsche Gesellschaft für ökologische Forschung, die mit ihrem Gletscherarchiv den Klimawandel im Hochgebirge zugleich dokumentiert und veranschaulicht.

Köbi Gantenbein, Dominik Siegrist, Zoe Stadler (Texte), Ralph Feiner, Jaromir Kreiliger (Fotografie), Sylvain Badan, Lucie Wiget (Mitarbeit): Auf Klimaspuren. Eine Expedition von Ilanz nach Genf. Edition Hochparterre, Zürich 2022, Fr. 49.-

Bernhard Edmaier (Fotos), Angelika Jung-Hüttl (Texte): Alpeneis. Gletscher und Permafrost im Klimawandel. Rother Verlag, München 2022, € 47,00.

Albert Mountain Award 2022. Gesprächsrunde und Preisverleihung im Alpinen Museum am Freitag, 23. September 2022. 14 bis 16 Uhr: die PreisträgerInnen im Gespräch (Moderation Katharina Conradin, ehemalige Präsidentin CIPRA International); 16 bis 17 Uhr: Apéro mit Spezialitäten aus den Ländern der Award Winners; 17.30 bis 18.30 Uhr: feierliche Übergabe des Albert Mountain Award. Anmeldung erwünscht: booking@alpinesmuseum.ch oder 031 350 04 42.

DDR-Kletterer im nordkoreanischen Diamant-Gebirge. Der letzte Höhepunkt der Ausstellung „Let’s Talk about Mountains. Eine filmische Annäherung an Nordkorea“ im Alpinen Museum in Bern; sie geht am Sonntag, 25. September 2022, zu Ende. 1984 eröffneten Bernd Arnold und Joachim Schindler, Mitglieder einer Kletterdelegation aus der DDR, in den Granitbergen von Nordkorea mehrere Kletterwege, darunter den «Weg des Dankes» oder die «Route der Freundschaft». Im Hodlersaal erzählen die beiden von herausfordernden Routen, falsch gepackten Koffern und einem aufsehenerregenden Nacktbad im Ostmeer. Mittwoch, 21. September 2022, 18.30 bis 20 Uhr.