Engiadina by Robert Bösch

Mit dem Engadin verbindet Robert Bösch eine lebenslange Beziehung als Alpinist und Fotograf. Nun zeigt er in einem grossformatigen Bildband sein «Engiadina».

15. Oktober 2021

«Das Engadin ist ein in Jahrtausenden aus Stein, Luft, Wasser, Eis und Licht geformtes alpines Landschafts-Klischee. Und das wollte ich mit meinen Bildern nicht zeigen. Für mich muss Fotografie über das hinausgehen, was ich sehe, was einfach schön ist, was ich auch mit dem Handy festhalten kann. Fotografieren bedeutet für mich, Bilder zu kreieren, die erst entstehen durch mich, durch meine Kamera, durch den von mir festgelegten Ausschnitt und Moment.»

Schreibt der bekannte Schweizer Fotograf Robert Bösch in seinem jüngsten Werk „Engiadina“. Ein rundum beeindruckendes Buch: Format 38 x 27 x 3 cm, 264 Seiten, ganz feines Papier (für die Insider: Lessebo Rough White 150 g/m2 und Freelife Merida Graphite 140 g/m2), die Texte „Wo die Götter Täler drehen“ von Bösch und „Engiadina – das Tal der Lärchen“ von Angelika Affentranger-Kirchrath, in Deutsch und Englisch. Und das Wichtigste natürlich: 112 grossformatige schwarzweisse und farbige Fotografien. Nochmals der Künstler: „Ich wollte Bilder zeigen, die ich entdeckt habe und denen ich erst mit meiner Kamera eine Existenz verlieh. Bilder, die, so hoffe ich zumindest, als Gesamtes die Atmosphäre dieser einmaligen Gebirgslandschaft wiedergeben.“

Das erste Bild als Einstieg ins Buch: Ein um 90 Grad gedrehtes, schwarzweisses Foto des Silsersees, in dem sich das frisch verschneite Gebirge spiegelt. Das zweite Bild: ein im Nebel kaum sichtbarer Berg auf einer randlosen Doppelseite. Das dritte Bild, nach den beiden Texten: ein seitengrosser blauer Himmel, heller gegen unten. Das vierte Bild: nochmals dieses blaue Himmelszelt, mit einer gelben, halb gezeigten Lärche im linken Drittel. So grandios, überraschend und stimmig beginnt Robert Bösch seine Bilderreise durchs Engadin. Sein Engadin, zu dem er eine über vierzigjährige Beziehung hat, als Alpinist, als Fotograf, als zeitweiliger Bewohner eines Hauses in Maloja, diesem so ganz besonderen Dorf am Übergang vom Engadin ins Bergell, unweit des Pass Lunghin, der Wasserscheide zwischen Nordsee, Mittelmeer und Schwarzem Meer. Auf den Seiten 210-211 stehen wir am Rande des vielfarbig-felsigen Passgeländes und sehen, wohin die Regentropfen fliessen werden, die sich in den Wolken am oberen Bildrand ankünden.

La bella Engiadina da Robert Bösch: Er nimmt uns mit auf eine fotografische Tour durchs Engadin, wie man sie noch nie gesehen hat. Dabei ist dieses Hochgebirgstal so oft fotografiert, gemalt und beschrieben worden wie kaum eine andere Landschaft in der Schweiz. Albert Steiner, Giovanni Segantini, Jakob Christoph Heer, um nur drei Namen zu nennen. Ein neues, ein anderes Engadin entsteht vor unseren Augen, ein wildes, ursprüngliches und gebirgiges. Die Lärchen im Schneefall, immer wieder aufgenommen, bis hin zu fast abstrakten Aufnahmen. Variationen desselben Sujets, das wir von andern Bildgestaltern kennen. Die letzten Gletscher, urwüchsig noch, zerrissen – und chancenlos im Klimawandel. Auch die Gletscherabdeckung auf der Diavolezza (Seiten 170-171) wird ihn nicht aufhalten können. Der Biancograt aber, der kurvt noch firnig gegen den Piz Bernina hoch, immer wieder. Das letzte Bild im Buch: nochmals der Biancograt, schwarzweiss, aber unscharf aufgenommen. Mir persönlich gefällt das Bild mir der herbstlichen Lärche vor blauem Himmel besser.

Robert Bösch: Engiadina. Mit Texten von Robert Bösch und Angelika Affentranger-Kirchrath (deutsch und englisch). Edition Robert Bösch, Oberägeri 2021. Fr. 150.- Bestellen bei: info@robertboesch.ch. Weitere Infos unter www.robertboesch.ch.

Ausstellung zum Buch „Engiadina“ vom 4. November bis 18. Dezember 2021 in der Galerie Petra Gut Contemporary an der Nüschelerstrasse 31 in 8001 Zürich. Öffnungszeiten: Mo – Fr 11:00 – 18:00, Sa 11:00 – 16:00. Vernissage am Mittwoch, 3. November. Anmeldung unter https://petragut.com/de.

Wanderungen mit Robert Walser

Der Klassiker einer literarischen Freundschaft in erweiterter Neuausgabe, ergänzt mit einer feinen Ausstellung im Robert Walser-Zentrum Bern.

8. Oktober 2021

«Wir machen den Weg Herisau–Wil, ständig plaudernd, in dreieinhalb Stunden. Uns ist, als hätten wir Rollschuhe an, so leicht traben wir vorwärts. Manchmal macht mich Robert auf eine besonders schöne Wiese oder auf Wolkenzüge, barocke Herrschaftshäuser aufmerksam. Er läßt sich auch ohne Widerstand fotografieren. Ich bin baff. Es macht ihn glücklich und lustig, daß wir die sechsundzwanzig Kilometer so schnell hinter uns gebracht haben, nur mit einem Vermouth als ‹Benzin›.»

Die waren ziemlich zwäg, die zwei Herren, die am 23. April 1939 die 26 Kilometer von Herisau nach Wil in 3 Std. und 30 Min. zurücklegten. Macht 7,4 km pro Stunde. Man rechnet mit 4 bis 5 km pro Stunde in flachem Gelände; der offizielle Stundenschritt der Schweiz liegt gar bei nur 4,2 km/h. Kein Wunder, dass die beiden glaubten, mit Rollschuhen unterwegs zu sein. Und erst noch Zeit fanden, die Gegend zu bewundern, ja Fotos zu machen. Gut, vielleicht wurde nur die reine Marschzeit berechnet. Trotzdem: Auch wenn die Leute früher an weites Gehen gewohnt waren, an diesen Schnellwanderern kam und kommt niemand vorbei, weder auf dem Land und schon gar nicht in der Literatur. Dabei waren sie keine Jungspunde mehr, im Gegenteil.

Carl Seelig, geboren am 11. Mai 1894, Sohn einer wohlhabenden Zürcher Seidenfabrikantenfamilie, Schriftsteller, Übersetzer, Mäzen – und Vormund von Robert Walser, geboren am 15. April 1878, Dichter und seit 1933 Insasse in der psychiatrischen Klinik von Herisau. Er war also 61 Jahre alt auf dieser sechsten Wanderung mit Carl Seelig. Insgesamt machten die beiden 44 Tageswanderungen, meistens von Herisau, oft auch dorthin zu Fuss zurückkehrend. Die erste Wanderung am 26. Juli 1936, die letzte an Weihnachten 1955. Am 25. Dezember 1956 bricht Walser alleine zu einer Wanderung auf, von der er nicht zurückkommt: Er stirbt an einem Herzschlag beim Abstieg von der Wachtenegg in den Sattel gegen den Rosenberg hin. „Der Tote, der an der Schneehalde liegt, ist ein Dichter, dessen Entzücken der Winter mit seinem leichten, lustigen Flockentanz war – ein echter Dichter, der sich wie ein Kind nach einer Welt der Stille, der Reinheit und der Liebe gesehnt hat.“

Der drittletzte Satz in einem Buch, dank dem Robert Walser lebendig blieb, bis heute: „Wanderungen mit Robert Walser“ von Carl Seelig. 1957 erschien es erstmals im St. Galler Tschudi-Verlag. Seit 1977 in sechzehn Folgeauflagen im Suhrkamp Verlag, jeweils mit neuen Texteingriffen in schweizerische Sprachgepflogenheiten. Nun liegt das Buch wieder im Originaltext der Erstausgabe vor. Ergänzt mit einem Glossar; mit einem Literaturverzeichnis; mit einer Übersicht zu den Wanderungen; mit einem weisen Nachwort; mit einer Zeittafel zu Carl Seelig (er stirbt am 15. Februar 1962 in Zürich nach missglücktem Einstieg in eine fahrende Strassenbahn); mit einem Register zu all den Personen, die in den von Seelig wiedergegeben Gesprächen zwischen ihm und seinem Wanderpartner erwähnt werden; mit Fotos, die Seelig von Walser gemacht hat. So am 23. April 1939: Walser im Anzug, mit Gilet und Krawatte, in Lederschuhen, in der Hand Hut und Regenschirm – von Müdigkeit nicht die geringste Spur.

Mehr noch: Die Neuausgabe von Carl Seeligs „Wanderungen mit Robert Walser“ ist ein wunderbar gemachtes Buch, das man gerne zur Hand nimmt, das man gerne aufschlägt, in dem man gerne versinkt. Zum Beispiel auf der Fahrt nach Herisau, um den Robert Walser-Pfad zu begehen. Oder jetzt nach Bern, ins Robert Walser-Zentrum an der Marktgasse 45: Dort inszeniert seit dem 3. September 2021 eine Ausstellung mit einem grossartigen Holzrelief und einer zimmerfüllenden Panoramafotografie den ostschweizerischen Raum zwischen Säntis, Bodensee und Herisau, in dem wir den beiden nimmermüden Herren und ihren stundenlangen Wanderungen und Gesprächen folgen.

Carl Seelig: Wanderungen mit Robert Walser. Hrsg. von Lukas Gloor, Reto Sorg und Peter Utz. Bibliothek Suhrkamp, Band 1521. Suhrkamp Verlag, Berlin 2021, Fr. 33.-

Robert Walser-Zentrum Bern: www.robertwalser.ch
Robert Walser-Pfad in Herisau: www.herisau.ch/_docn/3082604/RobertWalser-Pfad.pdf

Vom Monte Rosa in die Calanques

Fünf neue Romane, in denen Berge und Schicksale unentrinnbar verbunden sind. Wir folgen ihnen auf einer Lesereise, von 4000 bis null Meter.

1. Oktober 2021

«‹Steigen wir schon wieder ab?›
‹Ja, aber jetzt gehst du vor.›
‹Ich würde gern noch ein bisschen bleiben.›
‹Nächstes Mal. Und jetzt nicht vergessen: das Gewicht nach hinten verlagern und die Fersen fest aufsetzen.›
‹Warte›, sagte Silvia. Und ehe sie die Fersen fest aufsetzte, gab sie ihm einen Kuss mitten auf den Mund, diesem Despoten ihrer Seilschaft, trotz störender Steigeisen und des sich verheddernden Seils – dort, wo der Schnee von Rodano mit dem der Po-Ebene verschmolz.»

Unvergesslicher Gipfelkuss auf dem Felikhorn (4086 m), diesem nicht zu den offiziellen 4000ern zählenden Gipfel zwischen dem Castor und dem Liskamm West, 180 Meter jenseits der Staatsgrenze zur Schweiz ganz in Italien liegend. Doch bevor ich Euch, liebe Leserinnen und Leser von neuen Bergromanen, mit weiteren geografischen, ja vielleicht alpinistischen Details aufhalte, wollt Ihr doch sicher wissen, wer sich – in „Das Glück des Wolfes“ von Paolo Cognetti – auf der Wasser- bzw. eben Schneescheide zwischen Po und Rhone denn küsst. Silvia, 27 Jahre alt und Gehilfin im Rifugio Quintino Sella grad unterhalb des Felikhorns, und Fausto, 40 Jahre alt und vorübergehend als Koch tätig, zuerst im Dorfrestaurant von Fontana Fredda, wo im Winter ein kleines Skigebiet Arbeit bringt, im Sommer bei den Holzarbeitern, welche die von einem Sturm beschädigten Lärchen und Tannen für den Verkauf bereit machen. Zwei sympathische Personen auf der Suche nach sich selbst, nach einem Gegenüber, nach den Bergen, nach Einkommen auch. Sie finden sich, sie lieben sich, aber bleiben sie auch zusammen? Vielleicht so wie Babette und Santorso, die beiden wichtigsten Nebenfiguren in diesem neuen Roman von Cognetti. Er erscheint am 4. Oktober 2021 auf Deutsch, Ende des Monats dann auch in der Originalsprache.

«Die Welt stand still, und er war im Auto auf dem Weg nach Graubünden, es war ein Morgen und der Walensee zog vorüber, bald erreichte er Chur und auf der Autobahn nach Chur sah er über die Wälder hinweg in die Surselva, rechts auf dem Hügel der Kirchturm von Tamins, und der Wald breitete sich aus wie ein grosses Feld, dort hinten lag die Surselva, er liebte diesen Blick, das war in ihm jedes Mal, als komme er heim.»

Aber es ist kein schönes Heimkommen, jedenfalls diesmal nicht, nicht im jüngsten Buch von Arno Camenisch, das mit diesen Sätzen beginnt. Camenisch berichtet in „Der Schatten über dem Dorf“ aus seinem Heimatdorf Tavanasa im Bündner Oberland, das am 27. August 1976 von einer schrecklichen Tragödie heimgesucht wurde, eineinhalb Jahre, bevor der Erzähler auf die Welt kam. Wie geht ein Dorf mit einem so schlimmen Verlust um? In einem berührenden Ton und mit grosser Klarheit erzählt Camenisch vom Leben und vom Tod und von den Menschen, die von uns gingen und die wir weiter im Herzen tragen. Und gleichzeitig blickt er glücklich in seine Kindheit zurück, zu den Eltern, den Grosseltern. Personen, die wir aus andern Büchern von Camenisch kennen. „Der Schatten über dem Dorf“ ist sein persönlichstes Werk. Der Camenisch-Sound ist fein hörbar, aber wie um sich abzuschirmen, ist es fast immer im Hochdeutschen geschrieben und weniger durchsetzt mit dialektalen und romanischen Ausdrücken. Und so hört es auf, bei der Abreise des Autors aus seinem Heimatdorf: „Von hinten sah man die Rücklichter, wie sie immer kleiner wurden und schliesslich verschwanden.“

«Der Postillon spannt die Pferde aus, schweissbedeckt sind sie und widerspenstig, mit Schimpfwörtern und Schlägen treibt er sie zum Stall. Ihr Geruch erinnert Frau Veraguth an die Kindheit im Veltlin, das Gestüt ihrer Eltern, die heimische Villa, die Landarbeiter in den Weinbergen. Eine Weile steht sich allein in der Nacht. Es ist kalt, nur ein kleiner Wind weht. Von der Höhe dringt das Rauschen des Föhnsturms in den Wäldern herab, kein Stern leuchtet über den schroffen Spitzen der Felsberge.
Vor der Nachtfahrt über den See fürchtet sie sich. Schon einmal hat sie einen Föhnsturm auf einem Schiff erlebt, hat Todesangst ausgestanden.»

Eine Passage auf Seite 35 im neuen Buch von Emil Zopfi: „Der Untergang des Delphin. Die «Titanic vom Walensee»“ – und da wir den Titel gelesen haben, wissen wir, dass Frau Veraguth die Nachtfahrt über den Walensee vom 16. auf den 17. Dezember 1850 nicht überleben wird. Mit ihr werden andere Passagiere und die Besatzung, insgesamt 13 Personen, im fürchterlichen Föhnsturm untergehen, mitsamt dem Dampfboot, das bei solchen Verhältnissen gar nicht hätte fahren dürfen. In seinem historischen Roman rollt Zopfi diese besondere Nacht eindrücklich auf, aber auch die allgemeinen Zeitumstände wie den Nachtpostdienst. Und gleichzeitg versetzt er sich einfühlsam in die Opfer, verknotet das, was man von ihnen weiss, geschickt mit seiner Intuition. Mit den Folgen, die der Untergang des Delphin auslöste, vollendet Zopfi sein starkes Werk. Es ist am schönsten anzulesen bei der Fahrt von Walenstadt nach Weesen, zum Beispiel mit der MS Churfirsten (diese Strecke wird am Sonntag, 24. Oktober, in diesem Jahr zum letzten Mal bedient). Doch nach Quinten fährt immer ein Schiff, auch nachts. Zur Einstimmung ein (gebirgiges) Zitat mit dem Heizer Ueli Wolfensberger: „Ueli hört das Rauschen hoch in den Wäldern und Felsen, wie ein ferner Wasserfall klingt es. Kurfürsten heissen die Berge, wilde Felsgebilde, über deren Zacken sich in klaren Nächten ein weiter Sternenhimmel spannt. Versteinerte Fürsten sollen es sein, hat jemand erzählt, die sieben Kurfürsten, die einst den Kaiser wählten. Jetzt sind die Berge von der Nacht verschluckt, mitsamt den Sternen. Das Rauschen des Sturmwinds in der Höhe weckt in Ueli ein bedrückendes Gefühl.“

«Und dann ist da noch ein einzelner Herr, sehr attraktiv und gepflegt, der mir ein Lächeln schenkt. Nach dem Start lösche ich das Innenlicht, damit die Gäste die Sterne am Himmel und die Lichter im Tal genießen können. Es ist eine wunderbar klare Nacht. Viele Sterne, viele Lichter. Fast schon eine Überdosis Romantik.
Und dann gibt es keinen Knall, keinen Ruck, keinen Funken. Nichts.
Die Bahn steht einfach still.
Bleibt an Ort und Stelle stehen.
Die Seilbahn ist gestorben, mausetot.»

Aber nicht schon wieder, non-de-Dieu! Nicht schon wieder Tote bei einer Fahrt! Diesmal beträfe es die berühmte Cabrioseilbahn aufs Stanserhorn. Dort arbeitet die fünfundfünfzig Jahre alte Judith in „Paris. Ein Stanserhorn-Roman“ von Blanca Imboden. Die Arbeit an diesem Aussichtsberg hoch über dem Vierwaldstättersee gefällt ihr bestens, etwas weniger das Heimkommen ins traute Heim, wo Guido wartet, wenn er nicht auf einem tierärztlichen Einsatz ist. Denn erstens will es mit der immer wieder verschobenen Hochzeitsreise nach Paris nicht klappen. Und zweitens, man ahnt es, schaut der Ehemann abends nicht nur nach kranken Tieren. Zum Glück gibt es da den Französischlehrer, der sich freilich als charmante, aber nicht ganz vertrauensvolle Person zeigt. Kurzerhand reist Judith alleine in die Stadt der Liebe. Und findet diese später in den Bergen, in ihrer Bahn. Mehr verrate ich nicht. Selber lesen – Ihr wisst schon wo, liebe BergromanleserInnen. Etwas Französisch lernen wir in diesem Buch nebenbei auch.

«Tandis que Lucie choisit son infusion, Yann s’interroge. Comment une fille aussi bien a-t-elle pu tomber dans les rets [Fänge] d’un séducteur notoire comme Marc ?
– Alors, quels rêves caressez-vous ?
– Mon rêve ? C’est de retourner dans les Calanques.
– Marc doit être ravi. Mais cette fois, vous n’avez plus besoin d’un chaperon [Anstandsdame].
– Pas avec Marc. Avec vous.
– C’est und blague ?
– Non.»

Und zum Schluss unserer Lesereise mit neuen bergweltlichen Werken „La possibilité du vide“ von Yves Ballu. Ein Kletter-, Berg- und Arztroman, mit einer Liebesgeschichte, mais bien-sûr. Was lässt sich machen bei tödlicher Krebsdiagnose, die sich allerdings als falsch herausstellt? Der einem Showdown gleichende Rettungsversuch findet in den Calanques statt, in einer Route des berühmten Georges Livanos. Der Roman fragt auch danach, ob sich die Freundschaft der Seilschaft auf den Alltag überträgt. Und darüber, ob Liebe beim Klettern mit hoch steigt? Ich frage mal Silvia und Fausto.

Paolo Cognetti: Das Glück des Wolfes. Roman. Penguin Verlag, München 2021. Fr. 31.-

Arno Camenisch: Der Schatten über dem Dorf. Engeler-Verlag, Schupfart 2021. Fr. 25.-

Emil Zopfi: Der Untergang des Delphin. Die «Titanic vom Walensee». Historischer Roman. AS Verlag, Zürich 2021. Fr. 30.-
Emil Zopfi liest aus seinem Walensee-Roman, begleitet vom Musiker und Instrumentenbauer Sigfried Jud:
Montag, 4. Oktober 2021, 20 Uhr: Röslischüür, Röslistrasse 9, 8006 Zürich. Anmeldung bis 2. Oktober bei: christine.nipkow@bluewin.ch.
Donnerstag, 28. Oktober 2021, 19.30 Uhr: Landesbibliothek Glarus.

Blanca Imboden: Paris. Ein Stanserhorn-Roman. Wörterseh Verlag, Lachen 2021. Fr. 25.-

Yves Ballu: La possibilité du vide. Roman. Éditions Glénat, Grenoble 2021. € 20.-

Berg, Breakfast & Bergland

Ein Essay und ein Roman zum Leben, Überleben und Ferien machen in den Bergen. Im Südtirol und überhaupt. Spitze!

24. September 2021

«Der eingerichtete Berg mit breiten, gut gesicherten Wegen, mit Beschilderungen, Kletterhaken, Drahtgeländern, Aussichtspunkten und Gipfelkreuzen, mit Ruhebänklein, Unterständen und Gaststätten, mit Kinderspielplätzen, Seilbahnen, Skiliften, Abfahrtspisten und Rodelbahnen, Bike-Trails, abgesprengten Kuppen, umgepflügten Gletschern, künstlichen Seen und Beschneiungsanlagen, mit Konzertbühnen, Erlebnispfaden und anderen Attraktionen, garniert mit Plastik- oder Holzskulpturen jener alpinen Tierwelt, die vor dem Trubel längst Reißaus genommen hat, hat mit seinem Urzustand in etwa so viel gemeinsam wie ein überzüchteter Mops mit einem Wolf.»

Klasse, nicht wahr? Schonungslos und humorvoll auf den Punkt gebracht. Ein Lesevergnügen, bei dem die Lachfalten einfrieren, weil uns der Spiegel vorgehalten wird. Ich könnte und möchte noch viel mehr zitieren aus einem Buch über den Bergtourismus, ja überhaupt über den Tourismus und das Reisen, welches das Thema auf eine gleichzeitig lockere und tiefschürfende Art rüberbringt. „Berg and Breakfast. Ein Panorama der touristischen Sehnsüchte und Ernüchterungen“: So heisst das Buch der gebürtigen Südtirolerin Selma Mahlknecht, die heute in Zernez in Graubünden lebt und als Schriftstellerin, Drehbuchautorin, Regisseurin, Liedermacherin und Lehrerin arbeitet.

Am Samstag, 18. September 2021, wurde Selma Mahlknecht im Palazzo Labia in Venedig für ihr Buch „Berg and Breakfast“ mit dem Anerkennungspreis des Premio Mario Rigoni Stern ausgezeichnet. Das Buch sei, so die Begründung der Jury, „eine Reflexion über ökologische Nachhaltigkeit, in der Hoffnung, dass das Bewusstsein für den Wert der Umwelt wächst und dass wir beginnen, über alternative Tourismus- und Lebensmodelle nachzudenken“. Die Autorin liefere „interessante Perspektiven auf die vielen Dimensionen des Bergtourismus“, und sie leite den Blick „in intelligenter Weise und gut dokumentiert“ auf die „stereotypen Bilder“, die wir von den Bergen hätten. Ein Beispiel noch – zum Skifahren, weil der nächste Winter, der kommt vielleicht: „An den Anblick weißer Bänder auf gelbbraunen Berghängen haben wir uns zunehmend gewöhnt. Und Hans aufs Herz: Echter Schnee ist gar nicht so toll. Er fällt unkontrolliert auch dahin, wo man ihn nicht haben will, er muss aufwendig geräumt werden, und am Ende gibt es eine Lawine. Dann doch lieber menschengemachter Schnee, der punktgenau dort eingesetzt wird, wo er Spaß macht. Blöd nur, dass es durch den Klimawandel immer wärmer wird.“ Ja, wirklich blöd. Umso besser, dass es Bücher gibt, die uns unterhaltend und ohne Mahnfinger daran erinnern, dass wir nicht ganz unschuldig sind an diesem Wandel.

Und dann, liebe Bärgfründe, möchte ich Euch noch ein anderes Bergbuch ans Herz legen, einen Roman, der in einem Seitental im Südtirol spielt, also dort, wo Selma Mahlknecht herkommt und in ihrem Buch auch immer wieder darauf zurückkommt. Der Titel des Romandebüts der tschechischen, in Deutschland lebenden Journalistin und Autorin Jarka Kubsova ist so schlicht wie überzeugend: „Bergland“. Erzählt wird die bewegende Geschichte einer Bauernfamilie über vier Generationen: vom Überleben nach dem Zweiten Weltkrieg bis zum Überleben im Zeitalter der mechanisierten Landwirtschaft und des scheinbar rustikalen Hoftourimus. Die Hauptfiguren sind Rosa und Franziska, die versuchen, mit der Natur und nicht gegen die Zeit zu gehen, die zu scheitern drohen auf diesem abschüssigen Hof hoch oben in den Bergen, und die es doch schaffen zu bleiben. Jarka Kubsova erzählt diese Geschichte aus den Bergen nicht linear, sondern kunstvoll verteilt auf verschiedenen Zeitebenen, so dass sich nach und nach ein Rundum-Panorama alpin-agrokultureller Bedürfnisse und Zwänge sowie touristischer Sehnsüchte und Ernüchterungen ergibt. Und das, ganz wichtig, die Lesefreude keineswegs trübend, sondern vorantreibend wie eine Herde Schafe. Klasse!

Selma Mahlknecht: Berg and Breakfast. Ein Panorama der touristischen Sehnsüchte und Ernüchterungen. Mit Illustrationen von Armin Barducci. Edition Raetia, Bozen 2021. € 20.00.

Jarka Kubsova: Bergland. Roman. Wunderraum Verlag, München 2021. € 20.00.

Heinrich Heines Harzreise

Ein Lied auf den Lippen. Zwei leichte Bücher im Rucksack. Wer kommt mit auf die HHH?

14. September 2021

«Die Stadt Göttingen, berühmt durch ihre Würste und Universität, gehört dem Könige von Hannover, und enthält 999 Feuerstellen, diverse Kirchen, eine Entbindungsanstalt, eine Sternwarte, einen Karzer [Arrestzelle in Universitäten und Schulen], eine Bibliothek und einen Ratskeller, wo das Bier sehr gut ist. Der vorbeifließende Bach heißt ‹die Leine›, und dient des Sommers zum Baden; das Wasser ist sehr kalt und an einigen Orten so breit, daß Lüder [Wilhelm L., ein als guter Turner bekannter Göttinger Student] wirklich einen großen Anlauf nehmen mußte, als er hinübersprang. Die Stadt selbst ist schön, und gefällt einem am besten, wenn man sie mit dem Rücken ansieht.»

Besser und böser geht’s kaum, nicht wahr? Mit diesen schmeichelhaften Sätzen zur Stadt, in der Heinrich Heine (1797–1856) von 1820 bis 1825, mit einer längeren Unterbrechung, Rechtswissenschaften an der Universität studierte, beginnt einer seiner beliebtesten und bekanntesten Texte. „Die Harzreise“, 1826 erstmals veröffentlicht, beschreibt die Fussreise, die Heine vom 14. bis zum 22. September 1824 durch den Harz unternahm, ein Mittelgebirge in Deutschland und das höchste Gebirge Norddeutschlands. Nach der Ankunft in Rübeland, einer kleinen Ortschaft im Landkreis Harz in Sachsen-Anhalt, marschierte Heine weiter nach Eisleben, Jena und Weimar, wo er am 2. Oktober Goethe besuchte, der jedoch vom 27-jährigen Studenten mässig beeindruckt war. Von Weimar ging es über Erfurt, Gotha, Eisenach und Kassel zurück nach Göttigen, wo der junge Poet und Jurist am 11. Oktober eintraf – und wohl im Ratskeller ein Bier auf seine am 14. September gestartete Weitwanderung trank. „Die Harzreise“ aber enthält nur die Strecke Göttingen – Rübeland, knapp 160 Kilometer lang, perfekt für eine Wanderwoche mit zwei Büchern im Rucksack: das 96 Seiten leichte Reclam-Bändchen Nr. 2221 und der neue Rother Kulturwanderführer „Die Harzreise von Heinrich Heine“.

Spannend, informativ – und für uns Alpen- und Jurawanderer auch wirklich überraschend – beschreibt das Wanderbuch nicht nur die hügelige Landschaft, sondern auch die damaligen Lebensumstände in Göttigen und dem Harz, die einstige, 1000 Jahre anhaltende Bedeutung des Bergbaus und die daraus bis jetzt resultierenden Umweltprobleme. Heute sind die am Wegesrand gelegenen Industrierelikte – wie die als UNESCO-Weltkulturerbe ausgewiesene Oberharzer Wasserwirtschaft oder auch die Höhlen von Rübeland – Sehenswürdigkeiten, die auf der Weitwanderung besichtigt werden können.

Sieben Etappen schlägt der Wanderführer vor. Allerdings ist die erste Etappe von Göttigen nach Osterode mit 47 Kilometern viel zu lang. Zugegeben, Heine machte diese Strecke in einem Tag. Aber erstens sind wir nicht so fit wie der Heinrich, zweitens sind die meisten auch nicht soo jung, und drittens wär‘s ja wirklich blöd, am ersten Tag Blasen und Gelenkschmerzen und Muskelkater zu kriegen, wenn wir doch auf den Spuren eines der besten, frechsten und lesenswertesten Dichters deutscher Sprache wandeln möchten (und nicht eilmarschieren). Also, liebe Mitwanderer: die Etappe von Göttigen nach Osterode in Northeim unterbrechen. Ein perfekt passender Unterkunftstipp gleich hier: Hotel FREIgeist, Am Gesundbrunnen, D-37154 Northeim, Tel. 0049 5551 6070. Und wenn wir schon am Reservieren sind. Der Höhepunkt der Harzreise ist in vielerlei Hinsicht der Brocken (1141 m) und die Übernachtung auf diesem berühmten Berg – vom Brockengespenst habt Ihr sicher schon mal gehört. Also unbedingt frühzeitig buchen: www.brockenhotel.de, Tel. 0049 394 55 120.

Zur Einstimmung unserer Harzreise nun freilich keine Nummern mehr, sondern die dritte und vierte Strophe des fünfstrophigen Einstieggedichtes aus „Die Harzreise“:

Auf die Berge will ich steigen,
Wo die frommen Hütten stehen,
Wo die Brust sich frei erschließet,
Und die freien Lüfte wehen.

Auf die Berge will ich steigen,
Wo die dunklen Tannen ragen,
Bäche rauschen, Vögel singen,
Und die stolzen Wolken jagen.

Heinrich Heine: Die Harzreise. 1826. Reclams Universal-Bibliothek Nr. 2221, 2003. Fr. 3.90. Der Beginn des Textes hier, mit Link zur vollständigen Version: www.stadtarchiv.goettingen.de/personen/harzreise_text.htm.

Rainer Hartmann, Brigitta Stammer, Günter Blümel: Die Harzreise von Heinrich Heine. Rother Kulturwandern, 2021. € 17.90.

Hotelbücher der besonderen Art

Drei neue Bücher zu alten Hotels. Zwei auch zum Anschauen, eines nur zum Lesen. Im Grand Hotel Giessbach oder im Kurhaus Bergün.

11. September 2021

«Der Haupteingang befand sich sonderbarerweise im ersten Stocke und konnte über eine wuchtige Außentreppe erreicht werden. ‹Herzlich willkommen im Grandhotel Giessbach, liebe Kongressteilnehmer›, begrüßte der Concierge Carl und zwei weitere Männer bei der Rezeption, nachdem sie sich hatten einschreiben lassen. Er bot ihnen an, sie auf dem Anwesen herumzuführen. Noch im Vestibül erklärte er: ‹Das Grandhotel – also das Haupthaus, in dem Sie sich gerade befinden – wurde 1875 vom Berner Architekten Edouard Davinet erbaut. 1884 wurde es als eines der ersten seiner Art mit elektrischer Beleuchtung ausgerüstet. Bestimmt haben Sie das Kraftwerksgebäude an der Ländte bemerkt.›
‹Nicht schlecht, der Bunker›, kommentiert einer der beiden Herren.»

Wirklich nicht, das Grandhotel Giessbach neben dem wild daher rauschenden Giessbach, der in zwölf oder vierzehn Kaskaden in den Brienzersee hinunterfällt. Im Führer „Die schönsten Hotels der Schweiz“ (2020) des Schweizer Heimatschutzes heisst es zum Belle-Époque-Palast in unvergleichlicher Lage: „Vom gefragtesten Hotelarchitekten seiner Zeit entworfen, bot das Hotel der Haute Société am Ende des 19. Jahrhunderts allen erdenklichen Komfort – bis zur hauseigenen Drahtseilbahn. Als der Glanz des Hotels verblasst war und in den 1970er-Jahren gar der Abbruch drohte, leitete Franz Weber mit der Stiftung Giessbach eine landesweite Sammelaktion ein. 1984 konnte das gerettete Bauwerk wiedereröffnet werden.“ Nun sitzen wir dort auf Terrasse mit Blick auf die Giessbachfälle und schlagen den historischen Thriller „Grand Hotel Giessbach“ von Phil Brutschi auf. Ein Nachmittag dürfte allerdings kaum reichen, um die 464 Seiten zu lesen, die sich um einen geheimnisvollen Kongress im Mai 1910 drehen. Stürmisch geht es zu und her, hinter verschlossenen Türen, im Keller, am Wasser, auf dem Aussichtshügel ob Hotel, in den Schlafzimmern. Einige der Kongressteilnehmer schmieden nämlich ein Komplott, das Europa bis ins Mark erschüttern könnte, während Carl eigentlich nur sein neuartiges Elektromobil präsentieren möchte. Und dann ist da noch Amanda, die meist auftragshalber die Männer verführt, aber nicht verhindern kann, dass Mitwisser im tödlichen Giessbach landen. Dass sein schöner Bau an dieser wirklich einzigartigen Lage dermassen von unschönen Machenschaften missbraucht werden würde, hätte sich Monsieur Davinet nie träumen lassen. Sein Denkmal steht beim Grandhotel Giessbach.

Horace Edouard Davinet also, geboren 1839 in Pont-d’Ain im Département Ain, gestorben 1922 in Bern. Zusammen mit seinem Schwager Friedrich Studer führte er ein erfolgreiches Architekturbüro in Interlaken, dessen Führung er bald übernahm. Bauten wie das Hotel Beau-Rivage in Interlaken, das Hotel Giessbach natürlich, der Kursaal Heiden, das Hotel Schreiber auf Rigi Kulm (in seinem Folgebau feierte ich vor ein paar Jahren meinen 50. Geburtstag – aber das nur nebenbei): Sie waren und sind Zeugen des grossen Schaffens von Davinet. Daneben engagierte er sich in der Planung des Kirchenfeldquartiers in Bern und baute vor allem dort einige schöne Villen. Die 1889-1889 erstellte Villa für Professor Michaud befindet sich aber an der Erlachstrasse 17 in der vorderen Länggasse in Bern; seitdem ich an der Freiestrasse wohne, der Fortsetzung der Erlachstrasse, bin ich tausende Male an diesem prächtigen rötlichen Gebäude mit dem charakteristischen oktogonalen Eckturm vorbeigegangen und –gefahren, habe es oftmals auch angeschaut. Aber jetzt sehe ich es mit ganz anderen Augen und Kenntnissen. Dank der Architekturhistorikerin Alexandra Ecclesia und ihrem grundlegenden Werk „Horace Edouard Davinet 1839–1922. Hotelarchitekt und Städteplaner“.

Druckfrisch ist ein zweites Buch aus dem Hier und Jetzt Verlag: „Kurhaus Bergün. Der Traum vom Grand Hotel“ von Giaco Schiesser (Hg.), Roland Flückiger-Seiler, Corina Lanfranchi und Ralph Feiner (Fotografie). Der Optimismus der Erbauer des 1906 eröffneten Kurhauses Bergün war grenzenlos. Derjenige der aktuellen Betreiber ist es auch. In den 115 Jahren dazwischen erlebte das Haus eine wechselvolle und oft schwierige Geschichte. Vom Grandhotel an der Albula-Bahnlinie von Chur nach St. Moritz zur günstigen Ferienunterkunft für Familien, mit dem Brand von 1949 als Zäsur. Und schliesslich die 2002 realisierte und bis heute funktionierende Vision eines Ferienwohnungs-Hotel. Die Autoren erzählen das Auf und Ab des Jugendstil-Juwels und betten die Geschichte ein in grössere touristische und gesellschaftliche Zusammenhänge. Da geht es um die berühmte Bob- und Schlittelbahn von Preda nach Bergün, um Ferien in der Schweiz von 1930 bis 1960, um Interieurs aus Indochina. Und dann sind da die Interviews und Porträts von Einheimischen und Auswärtigen, die im und mit dem Kurhaus Bergün einen Teil ihres Lebens verbrachten: „Das ist genau der Ort, den ich suche“, sagt Anna-Katharina Gasser, die entscheidend bei der Wiederauferstehung des Kurhauses dabei war.

Mit solch gut und schön gemachten Büchern finden wir auch solche Orte, zuhause auf dem Sofa, aber noch besser auf der Fahrt ins Grand Hotel: nach Bergün mit der Rhätischen Bahn, nach Giessbach mit dem 1914 erbauten Schaufelraddampfer Lötschberg.

Phil Brutschi: Grand Hotel Giessbach. Historischer Roman. Emons Verlag, Köln 202, € 14.-

Alexandra Ecclesia: Horace Edouard Davinet 1839–1922. Hotelarchitekt und Städteplaner. Hier und Jetzt Verlag, Zürich 2021. Fr. 49.-

Giaco Schiesser (Hg.), Roland Flückiger-Seiler, Corina Lanfranchi, Ralph Feiner (Fotografie): Kurhaus Bergün. Der Traum vom Grand Hotel. Hier und Jetzt Verlag, Zürich 2021. Fr. 49.- Vernissage: Donnerstag, 16. September, 18.30 im Bündner Kunstmuseum.

Hütten-Geschichten

Das Leben auf einer SAC-Hütte? Faszinierend und vielschichtig wie die Lage, wo die Hütten stehen. Zwei neue Bücher erzählen davon. Und machen gluschtig, dorthin aufzubrechen.

4. September 2021

«Die Schweiz, vielleicht ganz Europa, erlebt seit längerem einen Wanderboom. So ist es nicht verwunderlich, wenn die Zahl der Gäste auf unserer Hütte auch zunimmt. Neu gibt es in der Wanderszene einen Indikator. Es ist ein Wert, der auf Veränderungen schliessen lässt. Wir nennen ihn seit jüngstem den Sohlenverlustwert SVW. Bei einer Skala von Null bis Zehn lag der SVW bei uns auf der Fründenhütte in unserem ersten Hüttenjahr beim Wert Vier. Im Rekordjahr 2018 legte er zu und lag bei Sieben.»

Erzählt Bernhard Winkler, der zusammen mit seiner Frau Marianne die Fründenhütte des Schweizer Alpen-Clubs hoch oberhalb des Oeschinensees bei Kandersteg bewartet, im Kapitel „Schuhsohlen“ seines ersten Buches „Suppe mit … Komfort oder Wurst? Heitere und vertiefte Betrachtungen aus der Sicht des Hüttenwartes der Fründenhütte SAC“. Aber Bernhard verrät auch, mit entsprechendem Foto, wie sie als professionelle Amateur-Schuhreparateure dem SVW begegnen: „Nur noch schwach haftende Sohlen werden mittels Kabelbinder an den Schuh geheftet. Damit beides nicht verrutscht, wird ein Loch direkt quer durch den Absatzteil des Schuhs gebohrt. Der Schuh ist zwar futsch, aber die Sohle hält. Erstaunlich, noch nie erhielten wir die Rückmeldung, der «Flick» hätte nicht bis ins Tal gehalten.“ Ein gute Tipp – jedenfalls werde ich sofort ein paar Kabelbinder ins Erste-Hilfe-Set meines Rucksacks legen. Bei mir haben sich Sohlen nämlich auch schon selbständig gemacht.

Ein Hüttenbuch mit Mehrwert also. Nicht nur für zukünftige Touren. All die erfreulichen und lustigen, und leider auch mühsamen und traurigen Geschichten, wie sie das Leben halt schreibt und dies auf 2560 Meter über Meer noch intensiver tut: Davon berichtet Bernhard Winkler in 27 kurzweiligen Kapiteln. Von der Alpendohle Duri und von wilden Kerlen. Vom jährlich stattfindenden Fründenskirennen, bei dem am Vorabend jeweils der Nachtruhezeitpunkt etwas nach hinten verschoben wird. Von Gästen, die ein Einzelzimmer mit Dusche erwarten. Vom Fründenhorn-Ostgrat, der mehr und mehr abbröckelt. Vom neuen offiziellen Hüttenweg über die Fründenschnur, „eine einmalig spektakuläre Wegpassage, die ihresgleichen sucht.“ Nicht verpassen, weder diesen Weg, noch das Buch.

Ein zweites Hüttenbuch kann ich ebenfalls empfehlen: „2610 m. ü. M. Irma Clavadetscher – Ein Leben auf der Coaz-Hütte“. Irma Clavadetscher, geborene Müller, Jahrgang 1940, aufgewachsen im tief bürgerlichen und katholischen Schmerikon am Zürichsee, hatte andere Ziele und Träume von einem befreienden, spannenden, ja erfüllten Leben. Und sie lebte es – bzw. sie fand ihn, den Bündner Bergführer und Skilehrer Christian „Hitta“ Clavadetscher. Von 1963 bis 2001 bewirtschafteten die beiden die Chamanna Coaz hinten im Val Roseg im Oberengadin. Aber Irma war die eigentliche Hüttenwartin, eine der ersten in der Schweiz, denn ihr Mann war mit Gästen oft unterwegs. Wie sich Irma und Hitta kennenlernten, wie sie ihre Liebe und den Alltag zwischen Berg, Tal und Nachwuchs meisterten, was Irma in der Hütte Aufwühlendes und Berührendes erlebte, wie sie sich als Frau in der männlichen und weiblichen Bergsteigerschaft durchsetzen musste und konnte: All das erzählt Irene Wirthlin, pensionierte Gymnasiallehrerin an einer Zürcher Mittelschule, in ihrem ersten Buch.

Bernhard Winkler: Suppe mit … Komfort oder Wurst? Heitere und vertiefte Betrachtungen aus der Sicht des Hüttenwartes der Fründenhütte SAC. Eigenverlag, Höfen bei Thun 2021. Fr. 25.- Nur Fr. 20.-, wenn das Buch auf der Fründenhütte gekauft wird; mehr dazu unter www.fruendenhuette.com/shop. Bestellen bei: bernhard.winkler1@bluewin.ch.

Irene Wirthlin: 2610 m. ü. M. Irma Clavadetscher – Ein Leben auf der Coaz-Hütte. Hier und Jetzt Verlag, Zürich 2021. Fr. 36.-

Auf Pirsch

Die Jagd fasziniert und provoziert. Sie ist Teil des vielfältigen Beziehungsgeflechts, das Mensch und Tier verbindet. Auf geht’s zur Lese-Jagd.

25. August 2021

«‹Das war saugut›, lobte Alma am nächsten Tag ihre Rotte. Die Jagdhütte sei weg, die Jäger ihrer Basis im Wald beraubt, und mit Garantie würde nie jemand auf die Idee kommen, dass es vorsätzliche Brandstiftung war. Allerdings warnte Alma gleichzeitig vor allzu früher Euphorie: ‹Meine liebe Rotte, das war erst der Anfang.›»

Denn die Wildschweine wollten für alle Menschen die weissen Haie des Waldes werden. Aus so einfachem wie plausiblem Grund: Ein Jäger hatte an einem frühen Novembervormittag im Oberbaselbiet den Keiler Franz, den Herrscher des Waldes, erlegt. Und das wollte sich seine Rotte nicht gefallen lassen. Ein junges Mitglied sprach von „Schweinerei“, worauf ihn Leitbache Alma böse zurechtwies: „Pass deine Sprache an, Bürschchen. Das ist keine Schweinerei, das ist höchstens eine Menscherei!“ Barbara Saladin verfasste die überraschende Jagdgeschichte „Die Rotte“ für den blutfrischen Sammelband „MordsSchweiz“, den sie zusammen mit Paul Ott für das Schweizer Krimifestival herausgab, das am 17. und 18. September 2021 in Grenchen über die Bühne gehen wird.

Nicht die einzige lesenswerte der 25 Stories, die zu einem knappen Drittel im mörderischsten Kanton der Schweiz spielen – das Erbe von Glauser, Dürrenmatt & Co. halt. Doch die Jagd nach dem Verbrechen findet nicht nur in Bern, Spiez und Liebefeld statt, sondern auch am Lago Maggiore, auf der Moosalp, in Züri natürli und auf dem Matterhorn, dem richtigen, wobei der Titel vorsichtshalber und passenderweise „Matterhörnli“ heisst, weil das Rumklettern am Berg der Berge doch etwas zu locker vom Hocker geht.

Aber begeben wir uns noch richtig auf Pirsch. Mit dem Jagdroman „Tod am Steinernen Meer“ von Markus Bennemann. Das Steinerne Meer ist, so weiss es Wikipedia, ein verkarsteter Gebirgsstock mit ausgeprägten Hochflächenbildungen in den Nördlichen Kalkalpen. Und die Berchtesgadener Anomalie, die in diesem Krimi auch eine Rolle spielt, ist ein Phänomen der Geomagnetik. Die Hauptfigur in diesem gebirgig-geologisch-erotischen Jagdkrimi heisst Diana – wie denn sonst? Sie ist die Göttin der Jagd. Und, auch wenn das vielleicht auf den ersten und zweiten Blick nicht zusammengeht: des Mondes und der Geburt sowie die Beschützerin der Frauen und Mädchen. Item, diese Diana am Steinernen Meer hat es knüppeldick hinter den Löffelohren.

Wenn wir am Jagen sind: Der Schweizer Schriftsteller Meinrad Inglin war ein eingefleischter Jäger. In der Kurzgeschichte „Ein Jäger erzählt“ aus „Verhexte Welt. Geschichten und Märchen“ (1958) lässt er einen alten Jäger ein paar haarsträubende Geschehnisse schildern. Auf www.meinradinglin.ch/html/mainframe/themen/jaeger.html findet sich mehr zu diesem die Geister scheidenden Thema. Apropos Inglin: Der Limmat Verlag bringt im September 21 eine Auswahl aus seinen Erzählungen unter dem in diesem Jahr einem Volltreffer gleichenden Titel heraus – „Schneesturm im Hochsommer“.

Damit bleibt mir nur noch die edle Aufgabe, auf die neue Biwak-Ausstellung im Alpinen Museum der Schweiz zu zielen: „Auf Pirsch. Vom Handwerk der Jagd“. Sie macht sich auf die Spuren von Jägerinnen und Jägern und fragt, was sie antreibt, wie ihre Beziehung zum gejagten Tier ist und weshalb man heute überhaupt noch jagen soll. Guter Grund, Fährte aufzunehmen – für die Menschen so gut wie für die Wildschweine.

Paul Ott, Barbara Saladin (Hrsg.): MordsSchweiz. Krimis zum Schweizer Krimifestival. Gmeiner Verlag, Messkirch 2021. € 14.00. Alle Infos, Broschüre zum Download, Teilnehmende: https://krimifestival.ch/programm

Markus Bennemann: Tod am Steinernen Meer. Gmeiner Verlag, Messkirch 2021. € 12.00.

Meinrad Inglin: Schneesturm im Hochsommer. Erzählungen. Herausgegeben von Ulrich Niederer. Mit einem Nachwort von Usama Al Shahmani. Limmat Verlag, Zürich 2021. Fr. 28.00

Biwak#28 im Alpinen Museum der Schweiz in Bern: Auf Pirsch. Vom Handwerk der Jagd. 26. August 2021 bis 2. Januar 2022. Vernissage am Mittwoch, 25. August 2021, 18.30 Uhr im Yehud Menuhin Forum, Helvetiaplatz 6, Bern. Der Eintritt ist frei, die Platzzahl beschränkt. Anmeldung bitte unter: booking@alpinesmuseum.ch oder 031 350 04 42.

Klettersteige – da und dort

Erlebnis Steilfels – auch für Nicht-Kletterer. Aber Schwindelfreiheit ist ein Muss. Ausser beim Lesen.

18. August 2021

«Klettersteig Britannia: gut gemachter Steig, clever dem festen Fels angepasst, nicht zu viel Eisen, so dass man immer noch nach Tritten und Griffen im Fels suchen muss, spektakuläre Szenerie mit Gletscherwelt zwischen Strahlhorn und Allalinhorn, mit Tiefblick auf Mattmarksee, mit Ausgesetztsein direkt oberhalb der Britanniahütte. Doch dieser Abstieg: zuerst noch einigermassen gäbig über Fels und Gras, aber dann mühsamst im Moränenschutt und Geröll – das Aufatmen ist gross, wenn man den guten Weg zur Hütte erreicht hat, bloss fehlen dann noch knapp 100 Höhenmeter dorthin…»

Soweit meine Einschätzung der jüngsten, am 3. Juli 2021 eingeweihten Via ferrata der Schweiz. Genau heute vor einer Woche haben wir den Klettersteig Britannia gemacht, bei wunderbarem Wetter, obwohl es beim Anmarsch von der Mittelstation Morenia ob Saas-Fee ins Egginerjoch nur kurz getröpfelt hat. In der aktualisierten Auflage von 2021 des Führers „Die Klettersteige der Schweiz“ fehlt diese hochalpine Via ferrata halt. Aber die Autorenseilschaft Anker-Hüsler werden ihn in die nächste Auflage aufnehmen, wann immer diese herauskommen wird. In der aktuellen werden erstmals zwei tierische Eisenwege vorgestellt: der hochalpine auf die Adlerflüe oberhalb der Turtmannhütte im Oberwallis und der auch für Jungvögel geeignete Klettersteig Adlerhorst beim Arnisee im Urner Reusstal. Kurz: Drei ganz unterschiedliche Vie ferrate für diejenigen, die in der Schweiz gut gesichert die Vertikale erleben wollen.

Wer eisenhaltige Luft im Ausland schnuppern möchte, darf zu zwei neuen Publikationen greifen. So zu „Via ferrata de France“ von Jocelyn Chavy und Philippe Royer. Sie stellen 150 Klettersteige zwischen Vogesen und Pyrenäen, Cantal und Corse, mit Schwergewicht natürlich auf den Alpen zwischen Léman und Méditerranée. Genaue touristische und klettertechnische Angaben, ergänzt mit spektakulären Fotos, machen aus diesem handlichen Führer ein unverzichtbares Werkzeug, la grande nation auf besondere (berg)sportliche Art zu entdecken. Vier französische Anlagen enthält übrigens auch der helvetische Führer; in Österreich, Liechtenstein und Italien schlägt er ebenfalls grenznahe Klettersteige vor. Eugen, gibt es grad nördlich des Rheins eigentlich keinen Klettersteig?

Eine eigentliche Klettersteigreise kann man mit „Dolomiten ohne Grenzen. Der Grenzen verbindende Klettersteighöhenweg der Dolomiten“ von Daniel Rogger unternehmen. Dieser Weg verbindet, ausgehend vom Kreuzbergpass in Südtirol, in neun anspruchsvollen Tagesetappen zwölf Klettersteige und siebzehn Hütten, quert Staats- und Sprachgrenzen. Wer nach den 125 Kilo- und 12‘000 Höhenmetern noch Zeit und Armkraft hat, wird südlich der berühmten Drei Zinnen eine weitere dreitägige Runde einlegen. Immer präsent auf diesem Via ferrata-Trekking ist der Erste Weltkrieg; der Rundweg wurde 100 Jahre nach Kriegsende mit Hilfe eines EU-Projekts als Klettersteig Friedensweg eröffnet. Führer und beiliegende Karte wiegen nur 250 Gramm; da läge die Mitnahme eines Klettersteig-Romans vielleicht drin.

1935 erschien im Philipp Reclam jun. Verlag in Leipzig Gustav Renkers Alpenroman „Fünf Männer bauen einen Weg“. Und zwar auf den Jôf di Montasio (2754 m), den zweithöchsten Gipfel der Julischen Alpen. Einfach geht das nicht, Schwierigkeiten menschlicher und technischer Art türmen sich. Aber am Schluss ist der Weg fertig, „und draußen im Lande italienischer und deutscher Zunge schreiben die Zeitungen von der wundervoll kühnen Anlage, die über Abgründe und Schluchten hinweg einen sicheren Pfad zur Spitze darstelle. Sie streiten auch wieder darüber, ob ein solcher Weg den Berg entweihe oder nicht.“

Daniel Anker, Eugen E. Hüsler: Die Klettersteige der Schweiz. AT Verlag, Aarau 2021. Fr. 34.90.

Jocelyn Chavy, Philippe Royer: Via ferrata de France. Éditions Glénat, Grenoble 2021. E 17.90.

Daniel Rogger: Dolomiten ohne Grenzen. Der Grenzen verbindende Klettersteighöhenweg der Dolomiten. Edizioni Versante Sud, Milano 2020. € 19.50.

Vom Wasser – Quellen und Gletscherseen

Ohne Wasser kein Leben. Ohne Bücher auch kaum. Zwei neue Bildbände erfrischen das aquatische Helvetien.

9. August 2021

Liebe, fromme Wassernixe,
Die dort in der Felsenbüchse,
Wohin nie die Sonne scheint,
Dies gesunde Wasser weint.

Ich hoffe, Ihr seid mir nicht böse, dass ich wieder mal aus meinem Lieblings-Poesieband „Helvetiens Naturschönheiten“ von 1856 zitiere. Diesmal – und nur die erste von zehn Strophen – aus „Die Nymphe der Pfäfersquelle“ von Ulysses von Salis-Marschlins. Von der um das Jahr 1000 entdeckten Thermalquelle in der düsteren Taminaschlucht bei Bad Pfäfers wird natürlich mit Text und Bild berichtetet in dem am 9. August 2021 erscheinenden Buch „Quellen der Schweiz. Naturschauplätze im Wasserschloss Europas“ von Rémy Wenger, Jean-Claude Lalou, Roman Hapka. In zwölf Kapiteln bohren sie mit Hilfe weiteren vier AutorInnen die helvetischen Quellen aus ganz verschiedenen Blickwinkeln an: vom Gotthard, dem Wasserschloss Europas, durch die unterirdischen Quellen, die von Tauchern erforscht werden, bis zu den Quellen des Lebens, genauer zur ziemlich unbekannten Flora und Fauna dort, wo das Wasser ans Licht kommt. Grund- und Mineralwasser, Heilquellen und Gewässerverschmutzung sind weitere Themen in diesem reich mit Fotos, Zeichnungen, Diagrammen und Karten illustrierten Buch. Es macht zudem Lust, ein paar der Quellen und Wasserläufe mal aufzusuchen: zum Beispiel die von Goethe erwähnte Quelle der Orbe im Tal von Vallorbe oder die warme Combioula-Quelle am Fluss La Borgne im Val d’Hérens. Die näheren Angaben zu 19 Quellenwanderungen finden sich auf www.randosourses.ch. Tour 10 führt zur Simmenquelle bei Lenk; das aus Sieben Brunnen hervorschiessende Wasser stammt vom mehr als 1000 Meter höher gelegenen Plaine-Morte-Gletscher.

Wer mehr wissen will zu diesem Plateaugletscher in den Berner Alpen am Rande zum Kanton Wallis, zu den unterirdisch abfliessenden Wassern und den gefährlichen Gletscherseen, muss zum noch fast druckfrischen Bildband „Die Plaine Morte und ihre Gletscherseen“ von Hans-Ueli Hählen greifen. Er dokumentiert minuziös die Gletscher-See-Wildbach-Eisverlust-Geschichte. Die durch den Klimawandel verursachte Gletscherschmelze hat in der Schweiz in den letzten zehn Jahren 180 neue Gletscherseen entstehen lassen. Aber längst nicht alle dieser eisigen Seen sind zum Glück so gefährlich wie der Lac des Faverges auf dem Glacier de la Plaine Morte. Er entwässert über den Trüebbach, der immer wieder für Unruhe und Überschwemmungen sorgt. So verheerend am 27. Juli 2018, als der randvolle Favergessee rasant auslief und der Trüebbach enorme Schäden verursachte – das Hochwasser zerstörte die fast 160 Jahre alte Schwappsperre auf dem Rezlibergli und neun Brücken. Seit 2019 gibt ein Entlastungskanal Sicherheit. Trotzdem bestand im August 2020 plötzlich wieder Hochwassergefahr, die Gebiete Fluhsee-Tierbergtäli und Rezliberg-Langermatte mussten gesperrt werden. Hölle und Himmel liegen da nicht weit auseinander: nur siebenhundert Meter Luftlinie zwischen der hellen Simmenquelle und dem trüben Bach. Trüb scheint auch der eingangs erwähnte Fluss zu fliessen. Ich wage, nochmals eine Strophe zu zitieren, diesmal aus einem Gedicht von Johann Jakob Reithard:

Hörst du’s donnern, zischen, brausen
Unter’m schmalen Felsensteg?
Hier in dieser Nacht voll Grausen
Scheint des Todes Bild zu hausen:
Der Tamina hohles Sausen
Füllt mit Schrecken unseren Weg.

Rémy Wenger, Jean-Claude Lalou, Roman Hapka: Quellen der Schweiz. Naturschauplätze im Wasserschloss Europas. Haupt Verlag, Bern 2021. Fr. 48.-

Hans-Ueli Hählen: Die Plaine Morte und ihre Gletscherseen. Werd & Weber Verlag, Thun/Gwatt 2021. Fr. 49.-