Bergsportlerinnen

Drei Publikationen, die viermal jährlich erscheinen. Frauen klettern ganz stark mit.

15. April 2021

«Es reizt mich sehr, einmal im Hochgebirge unterwegs zu sein. Die Eigernordwand ist dabei sicher ein Traum, sie ist so geschichtsträchtig und mächtig und inspirierend. Allerdings gibt es dort ja auch weniger steile und schwierige Routen. Als Schweizer Kletterin muss man dort einmal raufgeklettert sein.»

Sagt Petra Klingler, die für die Schweiz an den geplanten Olympischen Sommerspielen in Tokio 2021 am erstmals ausgetragenen Wettbewerb Sportklettern teilnehmen wird, in einem grossen Interview im aktuellen zweiten Heft „Sportlerin. Das Schweizer Frauen-Sportmagazin“ zur scheinbar unumgänglichen Frage, ob sie den Weg nach oben auch an einer grossen Felswand wie der Eigernordwand fände. Petra Klingler ergänzt: „Ich müsste sicher das Handling mit dem Seil besser lernen, aber ich käme wohl rauf.“ Zweifellos, auch wenn die Routen am Eiger etwas länger sind als diejenigen beim Bouldern (Klettern auf Absprunghöhe); in dieser Bergsportdisziplin wurde Petra Klingler 2016 Weltmeisterin. Aber sie nimmt auch an Eiskletterwettbewerben teil, weshalb ihre angedachte Durchsteigung einer der Eigernordwandrouten nur im Fels oder mit Eisstrecken fast realistischer scheint als die Olympiade in ein paar Monaten. Wir leben ja seit über einem Jahr in ziemlich unsicheren Zeiten. Sicher allerdings sehr lesenswert, was Petra Klinger zur Faszination ihres Sports sagt. Topfrau in „Sportlerin“ N°2 ist übrigens Martina Hingis, „die grösste Sportlerin der Schweiz“.

Bleiben wir aber am Fels hängen. In Nummer 2/2021 von „Inspiration“, dem Bergsportmagazin von Bächli Bergsport, findet sich ein ebenfalls lesenswertes Interview mit Katherine Choong, die als erste Schweizerin eine Route im Schwierigkeitsgrad 9a rotpunkt kletterte. Ausschnitt: „Natürlich freut mich das, wobei ich sicher bin, dass es auch andere Frauen gibt, die so stark sind wie ich und die eine 9a einfach noch nicht versucht haben – vielleicht, weil ihr Fokus anderswo liegt, im Wettkampfklettern oder in Mehrseillängenrouten. 9a heisst deshalb nicht, dass ich die beste Schweizer Kletterin bin, wie ich übrigens eh der Meinung bin, dass Felsketterer diese Schwierigkeitsgrade, die ja sehr subjektiv sind, viel zu ernst nehmen. Stundenlang können sie darüber diskutieren, ob eine Route eine 9a oder eine 9a+ ist.“ Unvorstellbar schwierig ist beides.

Verdammt schwierig, und vom Wetter her verdammt unsicher, ist der Cerro Torre in Patagonien. Die Österreicherin Babsi Vigl, Staatlich geprüfte Sportkletterlehrerin und in Ausbildung zur staatlich geprüften Berg- und Skiführerin, erzählt in Heft 73 von „Alpinist“, dem führenden Alpinismusmagazin aus den USA, von ihrer geglückten Besteigung dieses so unberechenbaren Turmes zusammen mit zwei Kollegen. Und sie kleidet die Story ein in zwei schwarzweisse Fotos des grossen Hermann Buhl, der einer der engsten Freunde ihres Grossvaters und Götti ihres Vaters war. Das eine Foto zeigt Buhl angesichts des wolkenumhüllten Matterhorns, geradezu ein Sinnbild von Berg und Mensch. Auf dem anderen sehen wir Buhl, wie er Babsis Vater als Bébé auf den Armen hält. Zu beiden Fotos gesellt sich das unscharfe Selfie des Trios auf dem Cerro Torre – Klettern ist mehr als den nächsten Griff suchen. Viel mehr.

www.sportlerin-magazin.ch. Einzelheft Fr. 10.-, Jahresabo (4 Ausgaben) Fr. 30.-

www.baechli-bergsport.ch. Inspiration erscheint viermal jährlich und ist kostenlos erhältlich in den Bächli-Filialen.

www.alpinist.com. Einzelheft $ 14.95, Jahresabo (4 Ausgaben) $ 49.95.

150 Jahre Johannes Jegerlehner

Als Johannes Jegerlehner, Autor von Werken wie „Bergluft“ oder „Bergführer Melchior. Ein Jungfrau-Roman“, am 17. März 1937 verstorben war, reimte die St. Galler „Volksstimme“ im Nachruf: „Kein Dichter ist zwar Jegerlehner/Doch findet viel Verleger jener.“ Am 9. April 2021 gedenken wir seines 150. Geburtstages.

9. April 2021

«Ein herzliches Glückauf zur Halbjahrhundertwende und wärmste Segenswünsche zu erfolgreichem Wirken in der vollen Kraft der Reife von Ihrem ergebenen R.v.Tavel.
6. IV. 1921 auf d.Abreise begriffen.»

Postkarte des bekannten Berner Mundartschriftstellers Rudolf von Tavel an: Herrn Dr. Johannes Jegerlehner, Bern, Rabbenthalstrasse 39a. Die Karte musste nach Miège s/Sierre nachgeschickt werden, wo Jegerlehner, einst ein vielgelesener (Berg-)schriftsteller, Märchen- und Sagensammler, am 9. April 1921 seinen 50. Geburtstag feierte. Heute gedenken wir seines 150.

Die Postkarte mit der Gratulation von Autor zu Autor fand Beat Hodler zufällig im Mai 2020 auf einer Strasse in seinem Schosshaldenquartier in Bern. Die Schwiegertochter von Johannes Jegerlehner, bei der dessen Nachlass lagerte, war gestorben. Offenbar wussten die Erben und/oder die mit der Räumung der Wohnung Beauftragten nicht, was mit dem Jegerlehnerschen Schriftgut und Archiv zu machen sei. Deshalb wurde es kurzerhand in Säcken und Schachteln auf und neben einem Trottoirmäuerchen deponiert. Wenn dieses Erbe niemand gesehen und gemerkt hätte, was da Einmaliges liegt, wäre es im Abfall gelandet. Beat Hodler rettete vom Nachlass von Johannes Jegerlehner so viel als möglich. Nun soll er im Schweizerischen Literaturarchiv eine würdige Bleibe finden.

Und wir würdigen Johannes Jegerlehner an seinem 150. Geburtstag mit ein paar Zitaten aus seinem breiten und breit gefächerten Werk. Mehr zu diesem einstigen Erfolgsschriftsteller aus Thun im Literaturwanderbuch „Dies Land ist maßlos und ist sanft. Literarische Wanderungen im Wallis“ (Rotpunktverlag, 2006) sowie auf Wikipedia und www.bergliteratur.ch.

Ein Adler im Käfig, das ist wie ein Bergsenn in der Stadt.
Johannes Jegerlehner: Bergluft. Eine Erzählung aus der Schweizer Hochgebirgssommerfrische. Mit Zeichnungen von Hans Beat Wieland. G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung, Berlin 1920.

Ob man in Basel oder am Bodan, auf Genfer Erde oder im Tessin die Schweiz betritt, alle Wege führen ins Gebirge, in die lauter wie Silber strahlende Hochalpenwelt.
Johannes Jegerlehner: Die Schweiz. Eine Wanderung durch das Gesamtgebiet der Schweiz. 236 der schönsten Landschaftsbilder in Tiefdruck. Union Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 1925.

Mit dem Abendzug bist du angekommen und rammelst in der Frühe die Balken auf. Es ist nicht zu schildern. Weissglut schlägt dir entgegen. Die Eigerwand, schaurig und überwältigend zugleich, starrt vor dir in ihrem jähen, himmelhohen Sturz.
Johannes Jegerlehner: Das Berner Oberland. Velhagen & Klasing, Bielefeld 1930.

„Im Tessin reden wir Italienisch.“
„Domodossola – Maloja – Servola – Polenta.“
„Sehen Sie, das klingt ja wie ein Sonett.“ Das Fräulein kicherte und stöckelte auf den Zoccoli *) um eine Ecke weiter. „Ein Stück Kuchen, Herr Adjutant?“
„No, un cafè negro,“ erwiderte Schwarzpeter schroff.
„Negro? Die Neger sind in Afrika.“ Und weg war sie.
*) Holzschuhe [Anmerkung unten auf der Seite]
Johannes Jegerlehner: Grenzwacht der Schweizer. G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung, Berlin 1915.

Berauscht von dem Likör und dem vorher genossenen Wein, dem Duft ihres üppigen Haares und der begehrenden Zärtlichkeit, schlang er beide Arme um das Mädchen, sank und sank, ohne Halt unter den Füssen in ein fernes unheimisches Land, wo keine Wünsche mehr aufsteigen, weil sie alle, bevor sie sich melden, gestillt werden.
Johannes Jegerlehner: Unter der roten Fluh. Roman aus den Walliser Alpen. Grote’sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 1923.

Lord Douglas jammert leise, er erfriere. Nein, nein, verbessert er rasch, er habe nicht kalt. Nur auf der Stirne Hadows rinnen die Schweisstropfen.
„Nochmals den Kognak“, heischt Michel Croz. Ich packe aus meinem Tornister das Fläschchen aus, das noch halb gefüllt ist, es wandert von Mund zu Mund, Michel Croz trinkt den Rest und schleudert das leere Gefäss in die kristallklare Luft.
„Wie tief – wie tief!“ sagte Lord Douglas, „man hört nicht einmal ein leises Splittern.“
Johannes Jegerlehner: Die Todesfahrt auf das Matterhorn. Grote’sche Verlagsbuchhandlung, Berlin 1928.

„Ich steige noch rasch dem Mannli über den Buckel hinauf“, sagte Domi im halben Nachmittag zu Walter. „Begleitest du mich?“ Walter lachte abenteuerfroh. „Wenn du einen vernünftigen Trott gestattest, gerne. Ich bin kein Heuschreck und habe nicht deine geflügelten Beine.“
Johannes Jegerlehner: Kampf um den Gletscherwald. Eine Erzählung für die Jugend. Morgarten-Verlag, Zürich 1935, illustriert mit neun Zeichnungen von Sohn Hans Jegerlehner.

Ein breiter Wasserstrahl zischte säulengerade aus einem Gletscherschrunde und zerstäubte klatschend auf den untersten Hüttendächern. Jetzt noch einer und wieder einer, jeder höher und wuchtiger. Am Rande des Gletschers wälzte sich eine braune Wasserschlange heran, auf der silberne Schaumkronen tanzten. Klaus zog die Brauen zusammen und faßte das Kirchlein ins Auge. Er hatte den Knecht hinunter gesandt, damit er den Strang ziehe, wenn der See komme. Nun schellte das Glöcklein in schrillen, heftigen Schlägen, die rasch schwächer und schwächer wurden und im wilden Gebrüll der vorbeistürmenden Wogen erstarben. „Vater, kommt, hier sind wir nicht sicher“, flehte die Tochter und zerrte an seinem Arm.
Johannes Jegerlehner: Das verlassene Dorf. Huber Verlag, Frauenfeld 1917 (zusammen mit der Erzählung Der Hackbrettler; Reihe Schweizerische Erzähler, Band 8); das Titelbild stammt vom bekannten Plakatmaler Emil Cardinaux.

Jeder Baum in seiner Art und Urwüchsigkeit ist Kraft und Schönheit. Keiner gleich wie der andere, alle aber Kämpen voller Narben, Wunden und Siege. Hellgrün und sonnetrunken die Lärche, düster und weltabgekehrt das Gros der Arven. Stürme zausen das Geäst, acht Monate starren sie im eisigen Frost. Sie stöhnen, wenn die Äste brechen, der Blitz die Krone zerspellt und treiben wieder neue Sprossen. Wo die Tannen längst den Geist aufgegeben hätten, erheben sie das Haupt zur stolzen Wucht und Erhabenheit.
Johannes Jegerlehner: Der Aletschwald als Nationalpark, in: Schweizerische Zeitschrift für Forstwesen, 1933.

Sobald einer der drei Stummen, die man als Schutzengel des Dorfes hoch in Ehren hielt, starb, wurde ein anderer geboren, so dass man bis in die jüngste Zeit hinein im Dorfe immer drei Stumme zählte, nicht einen weniger und nicht einen mehr, während in den Nachbardörfern die Stummen zur Seltenheit geworden sind.
Neulich ist wieder einer der drei Stummen gestorben, und die Leute von Issert glauben, es werde bald wieder einer geboren werden. Sie glauben es nicht nur, sie sind dessen ganz sicher; der dritte Stumme muss ersetzt werden, sonst wird der Wildbach wieder anschwellen, und die Geister werden Macht über ihn gewinnen und dann wehe dem Dorfe!
Johannes Jegerlehner: Die drei Stummen von Issert, in: Was die Sennen erzählen. Märchen und Sagen aus dem Wallis. A. Francke, Bern 1907.

„Juhei, da bin ich!“
Heiri Schmidlehn setzte sich quer auf die First des im Winkel abgebogenen Wehrganges, der das Schloß schirmte, und blickte gen Mittag zu den Eisbergen hinüber, die glänzten, in die Nähe rückten und ihre dicken Schneepelze lockerten, sonst aber so wenig als um den Winter, sich um den Lenz zu kümmern schienen.
Johannes Jegerlehner: Die Schlossberger. Geschichte einer Jugend. Grote’sche Verlagsbuchhandlung, Berlin 1920. Jegerlehner wurde am 9. April 1871 als Sohn des Gefangenenwärters auf Schloss Thun geboren.

Eiskalte Krimis

Winterkrimis, wenn mitten im Frühling der Sommer vor der Türe steht: Das sorgt für (tödliche) Spannung.

31. März 2021

«Aus der Silvaschlucht stieg ein feiner Nebel herauf, doch er war anders als der eiskalte Nebel des Winters. Er brachte den ersten Duft des Frühlings mit, den Duft der Blumen, die die Erdkruste zu durchstoβen begannen und zum Licht strebten. Auch das Wasser war nicht mehr unbeweglich wie vor einigen Wochen noch, es gurgelte, sprudelte und sprang inzwischen wieder munter über die Steine. Schnee- und Eisreste fanden sich nur noch an Stellen, wo die Sonne nicht hinkam. Der Winter war wie eine geschlagene Armee auf dem Rückmarsch.»

Allerhöchste Zeit, auf vier winterliche Krimis hinzuweisen, jetzt, wo der Frühling voll da ist, wo gar der erste Sommertag mit 25°C im Schatten angekündigt ist. Die Alpen leuchten zwar noch tief verschneit, ja sogar an hohen Juragipfeln glitzern letzte weisse Südhänge. Was gibt es da Wärmeres, als auf der Terrasse, im Garten oder im Park an der Sonne zu liegen – und zu lesen? Zum Beispiel den Thriller „Eiskalte Hölle“ von Ilaria Tuti. Im Original heisst er „Fiori sopra l’inferno“, was besser zum Frühling passte, wenn da nicht dieses einsame Dorf irgendwo in den winterlichen Bergen Norditaliens wäre, an dessen Rand „der mit Raufreif überzogene Körper“ lag. Wer das ist, warum er dort liegt, was für grausame Geschichten sich dahinter verbergen, wie Teresa und Massimo die Fragen unter Einsatz ihrer Leben beantworten: Das sei hier nicht verraten. Nur so viel – der Epilog auf Seite 409 beginnt so: „Aus der Silvaschlucht stieg ein feiner Nebel herauf.“

„La route coupée“ ist der zweite Skikrimi von Guillaume Desmurs. Er spielt wiederum in einer fiktiven Station in den französischen Alpen, die von den 1960ern Jahren inspiriert ist, mit gigantischen Gebäuden und unheimlichen Gängen. Und diesmal mit einer Zufahrtstrasse, die von einer gigantischen Lawinen verschüttet wird, so dass der Ort von der Umwelt abgeschieden bleibt. Und dann passieren Morde. Wir kennen das: ein Zug, der stecken bleibt; ein Hotel, aus dem es kein Entrinnen gibt; ein Toter oder eine Tote, und der Mörder, die Mörderin ist unter den Eingeschlossenen zu finden. Nur ist es diesmal ein ganzes Dorf. Da haben der phlegmatische Allgemeinmediziner Marc-Antoine und die ehrgeizige Journalistin Alix alle Hände voll zu tun. Diese stecken in Handschuhen, denn es ist kalt in Pierre-Fontes, verdammt kalt.

In welchem Skiort Nancy Spain ihren 1949 erstmals publizierten Skikrimi „Death Goes on Skis“ angesiedelt hat, konnte ich leider nicht herausfinden. Das Dorf Kesicken, wo die Story um tödliche Familienfehden hauptsächlich spielt, hört sich nicht berner oberländisch an, Mönchegg, wohin eine Zahnradbahn fährt, und Lavahorn, erschlossen mit einem Lift, schon eher. Die Einheimischen sprechen deutsch, das Zimmermädchen wird Trudi gerufen, aber die Region oder das Land hat die Autorin „Schizo-Frenia“ genannt. Never mind. Wir bleiben dran und nehmen teil am Skirennen: „The course started on a little plateau on the top of the Lavahorn, shot over an almost perpendicular precipice and turned abruptly to the left over a shelf of frozen rock.“ Könnte doch der Hundschopf sein, zumal dann noch die Wasserstation nahe der Zahnradbahn passiert wird? Zum Rätsel, warum Regan Flaherté und ein zweiter Gast starben bzw. sterben mussten, gesellt sich dasjenige zum Playground dieses urenglischen Hotels-Ski-Kriminalromans. Etwas aber ist sonnenklar: „The weather was glorious. There was nothing to do but ski and eat and sleep.“

Und lesen, of course! Zu einem Zacken Toblerone als Zwischenverpflegung auf dem Sesselift oder als kleine Nachspeise vor dem Kaminfeuer passt der Winterkrimi-Erzählband „Todlerone“ von Stefan Haenni. In der gleichnamigen Geschichte wird das Aufrichten eines zu grossen Weihnachtsbaumes in der Wohnung von Studenten der Uni-Tobler ziemlich blutig. In „Schreckalp“ gerät ein belgisches Rentnerpaar an die Grenzen des Zusammenlebens bzw. darüber hinaus, und das nicht bei der geplanten Schneeschuhtour auf der Lombachalp bei Habkern, sondern schon bei der Autofahrt dorthin. Und dann liegt da noch die „Gefahrenzone“ in einem Walliser Bergdorf: „Der ursprüngliche Schutzwald aus alten Bergföhren ist wegen der globalen Erwärmung gröβtenteils verdorrt und deshalb ausgedünnt. Den langen Trockenperioden im Sommer sind die Nadelhölzer nicht mehr gewachsen.“ Am schönsten sind doch Frühling und Herbst, wenn es weder eiskalt noch brühwarm ist. In diesem Sinne: frohe Ostern!

Ilaria Tuti: Eiskalte Hölle. Penguin Verlag, München 2019, € 10.-

Guillaume Desmurs: La route coupée. Neige noire, Éditions Glénat, Grenoble 2021, € 15.-

Nancy Spain: Death Goes on Skis. Virago Press, London 2020, £ 9.-

Stefan Haenni: Todlerone. Winterkrimis. Gmeiner Verlag, Meβkirch 2020, € 15.-

Let’s Talk about Mountains

Der 2744 Meter hohe Paektusan ist einer heiligsten Berge der Welt. Er steht (auch) im Zentrum einer Ausstellung in Bern und eines Buches zu Nordkorea. Auf keinen Fall verpassen.

27. März 2021

«Vom 1363 Meter hohen Gipfel hat man einen atemberaubenden Blick auf die umliegende voralpine Bergwelt. In rund 20 Kilometer Ferne ist das Blau des Meeres zu sehen. Die Vögel singen, kein Autolärm ist zu hören. Der Region rund um den Berg Taehwa wohnt ein ihr eigener Zauber inne. Diesem Reiz werden jedoch nur wenige Personen im Laufe ihres Lebens erliegen. Denn die Region befindet sich an der Ostküste Nordkoreas – ein Land, in das sich westliche Touristen kaum verirren. Nach den Vorstellungen der Machthaber in Pjöngjang soll sich dieser Umstand jedoch ändern. Das Gebiet rund um die am Ostmeer, das in Japan als Japanisches Meer bezeichnet wird, gelegene Küstenstadt Wonsan soll zu einer Touristendestination auf Weltklasseniveau ausgebaut werden. So lauten die kühnen Träume der nordkoreanischen Politikelite.»

So leitet Matthias Müller, Asien-Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung, seinen Beitrag zu einem der spannendsten und überraschendsten Bergbücher ein, die mir je begegnet sind. Der Beitrag „Hoch hinaus. Wie Nordkorea mit einer pittoresken Bergwelt und Traumstränden um die Gunst internationaler Touristen buhlt“ findet sich in der Begleitpublikationen zu einer ebenso ungewöhnlichen Ausstellung im Alpinen Museum der Schweiz in Bern, die heute Samstag, 27. März 2021, ihren Vorhang hebt: „Let’s Talk about Mountains. Eine filmische Annäherung an Nordkorea.“

„Es war das langwierigste und schwierigste Projekt, das wir je angepackt haben, aber es hat sich gelohnt», sagen die Ausstellungsmacher Beat Hächler (Direktor Alpines Museum der Schweiz, Bern) und Gian Suhner (Filmemacher und Regisseur Chur/Berlin) im Rückblick. Nordkorea gilt als eines der unzugänglichsten Länder der Welt, sein Ruf ist schlecht. Totalitärer Führerstaat, Menschenrechtsverletzungen, Ernährungskrisen und militärische Drohgebärden – das sind nur einige der häufigsten Assoziationen beim Stichwort „Nordkorea“. Weniger deutlich ist das Bild, wie es den rund 25,5 Millionen Nordkoreanerinnen und Nordkoreanern tatsächlich geht und wie sie über ihre Welt denken. Und ebenso wenig wissen wir, wie das Land aussieht: ein Land voller Berge (wie die Schweiz), deren Abbildungen auch im Alltag eine wichtige Rolle spielen (wie bei uns). Deshalb der gelungene Versuch, sich dem Land über die Berge zu nähern, so über den Paektusan (2744 m): der höchste Berg der koreanischen Halbinsel und der Berg der Berge Nordkoreas. Zehntausende Bewohner des Landes pilgern jährlich auf den „Heiligen Berg der Revolution“.

Ein Filmteam des Alpinen Museums der Schweiz bereiste in der kurzen Phase des innerkoreanischen Tauwetters 2018/19 Nordkorea. Davon erzählen die filmischen Mikrogeschichten erzählen in der Ausstellung. „Die Filmbilder kommentieren nicht, aber selbstverständlich suchen wir die aktive Vertiefung und Auseinandersetzung“, sagt Beat Hächler, der Kurator von „Let’s Talk about Mountains“. Im letzten Ausstellungsraum können die Besucherinnen und Besucher ihre Kommentare und Fragen deponieren. Diese werden regelmässig veröffentlicht und mit Expertinnen und Experten diskutiert. Und die 200seitige reich bebilderte Begleitpublikation bietet Hintergrundwissen – ein idealer Begleiter für die Ausstellung, aber auch ohne diese ein höchst interessantes Werk über Berge und Menschen. Mit ganz starken Fotos und Texten von westlichen und östlichen Autoren. Da sieht man zum Beispiel auf Seite 185 ein casual gekleidetes Paar beim Bewundern und Fotografieren des Kuryong-Wasserfalls im Kumgangsan-Nationalpark – rötliche Granitfluchten, die an das Yosemite Valley erinnern. Auf einer glatt geschliffenen Felsplatte entdeckt man koreanische Schriftzeichen, die vielleicht dem Staat und seiner Herrscher-Dynastie huldigen. Aber bevor wir nun den Kopf schütteln über die politische Vereinnahmung von Bergen, sollten wir an das Mount Rushmore National Memorial mit den monumentalen Porträtköpfen von vier US-Präsidenten denken oder an das Suworow-Denkmal im Granit der Schöllenenschlucht.

Am Schluss des Textteils von „Let’s Talk about Mountains“ ist das Gedicht „Winter“ der in der Schweiz lebenden südkoreanischen Schriftstellerin Elisa Shua Dusapin abgedruckt. Die erste und letzte Strophe lautet so:

Auf den Höhen, den Himmel zerreissend,
Der steile Fels,
Des Berges atemberaubende Unendlichkeit,
Fällt langsam Schnee.

Let’s Talk about Mountains. ISBN 978-3-9520873-9-8. Alpines Museum der Schweiz, Bern 2020, Fr. 14.-

Die Ausstellung „Let’s Talk about Mountains. Eine filmische Annäherung an Nordkorea“ im Alpinen Museum der Schweiz in Bern dauert bis zum 3. Juli 2022. Sie wird von einem vielfältigen Veranstaltungsprogramm begleitet. Dieses entstand in Kooperation mit dem Kunstmuseum Bern, das von 30. April bis 5. September 2021 „Grenzgänge – Nord- und südkoreanische Kunst aus der Sammlung Sigg“ zeigt. Weitere Veranstaltungen sind in Zusammenarbeit mit dem Kino Rex Bern und der Asia Society Switzerland geplant.
www.alpinesmuseum.ch/de/ausstellungen/let-s-talk-about-mountains

Berge und Steine 5: Steine, die vom Himmel fallen

Die Kartierarbeit im Hochgebirge ist ernst und schön. Sie ist, an manchen Tagen weniger, an anderen mehr und an einzelnen besonders, wie ein schmaler Grat. Hoch und am Abgrund zugleich, besonders ernst und dabei ganz nah bei mir.

21. März 2021

Einmal, im späten August, wollte ich die Gelbe Wand kartieren. Am frühen Morgen war ich hinter der Grünhornhütte auf den aperen Gletscher abgestiegen und hatte, im Zickzack auf den Eismäuerchen zwischen den Spalten gehend, den Kessel unter der Schneerus erreicht. Hier lagen unangenehm viele unangenehm grosse Eistrümmer herum und Seracs dräuten über die Gelbe Wand, funkelnd im ersten Morgenlicht. Wenig später stand ich auf Zehenspitzen am Rand des zurückgeschmolzenen Eises und erreichte mit der ausgestreckten Hand ein an den untersten Eisenstift geknotetes Seil. Der glatte Felsen ist hier bauchig. Ich hätte mich hinauf hangeln können, zögerte aber. Kein Gurt, dachte ich, kein Seil. Geht das später auch zurück? Um hinabzuspringen wäre es zu hoch. Ausserdem wäre dort, wo ich auf Zehenspitzen stand, kein guter Landeplatz für einen Sprung. Nur ein wirres Gekeile wackliger Blöcke, die einen Bergschrund, wer weiss schon wie gut, verstopfen. Nachdenklich sah ich auf den Gletscher hinab. Bald würden die Eistrümmer dort unten in die Sonne kommen. Die Seracs oben sind es schon länger. Es ist erstaunlich, dachte ich, wie still es noch immer ist…

Plötzlich kehrte ich um, hastete den Zickzack zurück und schwer atmend zur Grünhornhütte hinauf. Planänderung!

Von hier steige ich nun gegen Nordnordwest über Geröll zum Wandfuss und um das Eck in die Nordflanke des Ostgratvorbaus, wo ich über blockige Felsen dem Band des gelben Rötidolomits folge. Das Gelände ist unübersichtlich. Wandartig, dabei stark zerbrochen. Und die Geologie? Mehrere Formationen laufen gefaltet hindurch. Ich werde mich vortasten soweit es geht. Unmerklich wird dabei das Gelände wandartiger und zerbrochener. Die Felsstufen, die sich mir immer wieder in den Weg stellen, werden enger, höher und wackeln immer mehr. Immer öfter denke ich: Durchkommen wäre besser, zurück unangenehm! Und dann ist da auch wieder, ganz flüchtig erst, der Gedanke, wie peinlich es wäre, müsste man mich ausfliegen, weil ich nicht weiter- und auch nicht zurückkäme. Verletzt wäre zwar schmerzhaft, dafür entschuldbar. Und tot…

Wie oft ich abwäge, vor einem Schritt die Länge der Sturzbahn bestimme, sollte der Tritt nicht halten, und mir eine Strategie zurechtlege, wohin ich im letzten Moment zu springen versuche. Wägen, dann tun oder lassen.

Über den Tod redet man nicht, an den Tod denkt man nicht, der Tod ist ein Tabu. Und heute denke ich, der Tod ist inzwischen sogar verboten.

Mein Wägen. Ist es Todesverachtung? Ist es Glück? Ich spüre, es ist Freiheit. Der Tod, denke ich, ist eigentlich generös. Er lässt mich entscheiden. Lässt mich wägen, tun oder lassen.

Die Gedanken tragen mich zu einem etwa zehn Meter breiten Schneeband, das mich rechts hinab zum Hinteren Rötifirn bringen könnte. Vor mir ragt die Schattenwand über den halben Himmel. Hoch oben glitzern fallende Tropfen in der Sonne, die sich vom Rand, der über den Zenit läuft, lösen und im Nichts verschwinden. Eine Erosionsrinne, die von der Wand her das Schneefeld zerteilt, zerreisst bald die gerade aufgekommene Hoffnung. Gestemmt gegen die Schattenmauer gelange ich auf den Rinnengrund und müsste von dort einige Meter auf schmalen Leisten die fast senkrechte Wand zu einem Eck hin queren. Darunter bricht der Rinnengrund in einen Schlund ab, der, was er schluckt, tief unten ausspuckt und in breitem Fächer über den halben Gletscher verteilt.

Ich wäge. Im letzten Moment abzuspringen? – Nirgendwohin.

Die Sturzbahn? – Klar ist: Unten käme nur noch der Körper an.

Umkehr? – Ein unangenehmer Gedanke.

Ich setzte alles auf eine Karte und denke noch, oh shit, da macht es kurz und deutlich pffffttt, und hinter mir, auf dem Schneeband, liegt dunkel ein faustgrosser Stein. Ich konzentriere mich auf die Leisten, taste mich um das Eck und querend abwärts, bis ich wieder steilen Schnee erreiche. Er ist betonhart gefroren und während ich balancierend die Steigeisen anlege, macht es erneut pffffttt. Steinschlag? – Ist anders. Ist ein Rollen und Poltern, man schaut hinauf, sieht Steine springen, mit Glück etwas seitwärts, mit Pech direkt oberhalb und man sucht Deckung. Hier ist die Wand links und die Steine kommen rechts. Einzeln und direkt vom Himmel, gefallene Sterne. Pffffttt. Dieses Mal vorher ein längeres, leiseres fffffffffffftt… Der war wohl näher. Faustgrosse Gerölle stecken im Schnee und meine Gedanken stellen vergleichende Betrachtungen an zwischen den Härten meines Helms, des Firns, den darin steckenden Steinen und meinen darauf herumkratzenden Steigeisenspitzen, und rufen mir zu: Mach, dass du hier wegkommst!

Um vier Uhr bin ich bei der Hütte zurück. «Wo bisch gsi?», fragt mich Lisä, die Wirtin.

Ich sehe schwankende Felsstufen und sehe mich im Sternenregen stehen, lache: «I wüeschtem Gländ!»

 

Migrationen

Lokale und globale, freiwillige und verzweifelte Migration. In den Alpen so gut wie anderswo.

20. März 2021

«Le 5 mars, ils tentent de franchir le col de l‘Échelle pour passer de l’Italie à la France. Leur traversée devient un enfer. Ils sont exténués, désespérés. Ils s’en sortiront. Amputation des pieds pour Mamadou. Amputation d’une partie de notre dignité pour nous, les montagnards. En apprenant la nouvelle, je suis choquée. Un tel drame est inacceptable et ne peut se reproduire. Pas à ma porte, dans mes belles montagnes. C’est un déclic, une évidence, pour moi comme pour d’autres. C’est décidé, nous irons patrouiller dans les montagnes tant qu’il le faudra, tant que les pouvoirs publics ne prendront pas de mesures humanitaires pour éviter d’autres drames similaires.»

Sagt Stéphanie Besson zu Recht. Mit Überzeugung. Mit Wut im Bauch. Und mit Beschämung, dass sich solch ein Drama vor ihrer Haustüre abspielen konnte. Die Hölle für die Migranten, die im März 2016 bei winterlichen Verhältnissen den Col de l’Échelle (1762 m) zwischen Bardonecchia und Briançon überschritten. Beziehungsweise zu überschreiten versuchten, bis sie im Schnee stecken blieben und schliesslich gerettet werden konnten, aber teils gravierende Erfrierungen erlitten. Der Col de l’Échelle: bei Radfahrern eine beliebte Strecke im Sommer, bei Flüchtlingen eine Transitroute über die Alpen, vom Mittelmeer Richtung Paris und London.

Die aus Briançon stammende Wanderleiterin Stéphanie Besson begann sich nach den Dramen auf dem Col de l’Échelle mit Gleichgesinnten aktiv für die Flüchtlinge einzusetzen. Versuchte sie erstmals unterzubringen, Kleider und Nahrung zu verschaffen, und dann Perspektiven. Forderte für die Gestrandeten ein Recht auf Leben in einem Staat, dessen offizielles Logo „Liberté, Égalité, Fraternité“ lautet, der aber bei den Migranten die Brüderlichkeit oft ziemlich vermissen liess. Besson und ihre Freunde gründeten die Organisation „Tout Migrants“. Im Buch „Trouver refuge. Histoires vécues par-delà les frontières“ schildert Stéphanie Besson engagiert die Hilfsaktionen für die Flüchtlinge und lässt diese unfreiwilligen Alpenwanderer ausführlich selbst zu Wort kommen. Ein Buch, das unter die Haut geht.

Einen passenderen Titel für seinen vierten Roman hätte der im Briançonnais lebende François Labande nicht finden können: „L’échelle de l’espoir“. Einerseits kann die Hoffnung auf tiefen oder hohen Sprossen spriessen, andererseits steht der Leiterpass zwischen Italien und Frankreich für eine (letzte) Hoffnung auf ein besseres Leben. Der Pass spielt denn auch eine wichtige Rolle im Leben des jungen Arztes Farid. Er wird bei einem Einsatz in Beirut, wo sein Vater lebt, schwer verwundet und erholt sich bei seiner Mutter in Briançon. Er findet Arbeit und wird konfrontiert mit der Tatsache, dass Menschen nicht nur im Libanon und in Syrien ums Überleben und für Menschenrechte kämpfen, sondern auch in den heimatlichen Bergen. Wo findet Farid, hin und her migrierend zwischen Südalpen und Nahost, seine Destination?

Die Fragen nach der Bestimmung, nach dem Lebensziel und ganz konkret nach der Verdienstmöglichkeit stellen sich auch diejenigen Migranten, die in die Alpen einwandern, um dort zu arbeiten. Die also nicht Flüchtlinge im engeren Sinne sind, sondern Jobsuchende. Dazu hat die Ethnologin Flurina Graf, Senior Researcher am Institut für Kulturforschung Graubünden, eine grossangelegte Untersuchung gemacht. In „Migration in den Alpen. Handlungsspielräume und Perspektiven“ ist sie der Frage nachgegangen, wie es sich als Migrantin und Migrant in der hoch touristischen Region Oberengadin und im ländlich-peripheren Avers und Schams lebt. Wie richten sie sich am Ort und zwischen den Orten ein? Wie entstehen und gestalten sich Zugehörigkeiten? Welche Potenziale bietet die Region den zugewanderten Portugiesen (sie bilden ein gutes Drittel der ausländischen ständigen Bevölkerung in beiden Regionen) und welche Ressourcen bringen sie und die ebenfalls zahlreichen Italiener und Deutsche mit? Sehr interessante Lektüre, gerade auch für diejenigen von uns, die zwischen Zuoz und Maloja gerne Ferien machen.

Und noch eine Lektüreempfehlung, aber für alle. Im Extraheft „Zeit Literatur“, das der „Zeit“ vom 18. März 2021 beiliegt, findet sich ein Gespräch mit Parag Khanna zu seinem am 22. März erscheinenden Buch „Move. Das Zeitalter der Migration“. Darin zeigt der indisch-amerikanische Politikwissenschaftler, wie der nicht mehr aufzuhaltende Klimawandel eine neue Weltordnung mit globaler Migration schafft: „Chinesen, Inder und andere Asiaten, deren Heimat unbewohnbar wird, werden sich in Zentralasien niederlassen – und vor allem in den Weiten Sibiriens.“

Stéphanie Besson: Trouver refuge. Histoires vécues par-delà les frontières. Éditions Glénat, Grenoble 2020, € 20.-

François Labande: L’échelle de l’espoir. Roman. Éditions du Fournel, L’Argentière-La Bessée 2020, € 22.-

Flurina Graf: Migration in den Alpen. Handlungsspielräume und Perspektiven. Eine Publikation des Instituts für Kulturforschung Graubünden. Transcript Verlag, Bielefeld 2021, € 40.- Kann auf www.transcript-verlag.de gratis heruntergeladen werden.

Parag Khanna: Move. Das Zeitalter der Migration. Rowohlt Verlag, Hamburg 2021, € 24.-

Gravir les Alpes

Ein neues, interdisziplinäres Buch zur Alpinismusgeschichte. A ne pas rater!

9. März 2021

«Dent Blanche, 1ère ascension par versant ouest – grand couloir»

Eintrag im «Carnet de courses II» von André Roch. In diesem Tourenbuch, das im Archiv des Alpinen Museum der Schweiz aufbewahrt wird, hat der Bergführer und Lawinenforscher vorne hineingeschrieben: „Les premières tout marquées en rouge“. Eine solch rot markierte Erstbegehung machte Roch am 3. August 1944 an der Dent Blanche. Aussergewöhnlich aber die Umstände, wie es dazu kam. Der Romancier und Alpinhistoriker Charles Gos beschrieb in seinem 1947 publizierten Altersroman „Notre-Dame des Neiges“ eine fast geglückte Erstdurchsteigung des Ferpècle-Couloirs in der Westwand der Dent Blanche durch die Romanhelden. Im Frühling 1944 zeigte er das Kapitel seinem Freund André Roch, der sich von dieser imaginierten Linie faszinieren liess – und sie zusammen mit Robert Gréloz und Jean Weiglé erstmals durchstieg. Wie heisst es doch: Quand la réalité dépasse la fiction – hier kletterte die Fiktion der Realität voraus.

Diese Geschichte inklusive Abbildung der Doppelseite aus dem Tourenbuch von Roch findet sich in meinem Beitrag „Les archives du Club alpin suisse ainsi que d’autres institutions et associations d’alpinisme en Suisse“, der im fast druckfrischen Buch „Gravir les Alpes du XIXe siècle à nos jours. Pratiques, émotions, imaginaires“ enthalten ist. Darin gebe ich eine Übersicht, wo was gelagert wird, wo sich neue Ansätze und Geschichten finden lassen. Touren-, Führer-, Hütten- und Gipfelbücher – ein noch kaum gehobener Fundus zum Bergsteigen an sich, zur Tourentätigkeit. Mitgliederverzeichnisse, Protokolle, Festzeitungen, Korrespondenz, Flugblätter, Fotoalben, Menukarten usw. betreffen mehr die Vereinsgeschichte. All das schlummert kaum entdeckt in den Archiven und harrt der Bestandsaufnahme.

Das clever illustrierte Buch, das auf einen zweitägigen Kongress in Salvan im Unterwallis zurückgeht, gliedert sich sechs Seillängen. Nach dem Zustieg folgen:

▲ Peinture, poésie et photographie (mit John Ruskin und Henry Wadsworth Longfellow, dem Dichter des einst vielbejubelten „Excelsior“),
▲ Entre risque et discours sur l‘authenticité (mit Touristen vs. Alpinisten),
▲ Ces femmes et ces guides qui on fait l’alpinisme (mit der Blüemlisap-Heldin Hermine Tauscher-Geduly sowie den Naturfreuden und dem Wandervogel),
▲ Alpinisme, patriotisme, fascisme (mit Schweizer Alpinisten in Bergamo),
▲ Mutations du climat, mutations des pratiques (mit einer Untersuchung, wie sich das Bergsteigen im Klimawandel in den Walliser Alpen und anderswo radikal ändert),
▲ Archives, patrimoine et mémoire de l’alpinisme (mit André Roch und Charles Gos).

Am Gipfel dann, wir kennen das, der Überblick: De l’histoire de l’alpinisme l’histoire mondiale des ascensionnismes. Sehr lesenswert wie die insgesamt 21 Beiträge.

Bref: ein kurzweiliger, hochspannender, überraschender, vielfältiger Reader zur Geschichte des Bergsteigens. Avec une légère réserve – damit ist aber nicht eine Seilreserve gemeint. Bonne lecture et bonnes courses!

Gravir les Alpes du XIXe siècle à nos jours. Pratiques, émotions, imaginaires. Sous la direction de Patrick Clastres, Delphine Debons, Jean-François Pitteloud et Grégory Quin. Presses universitaires de Rennes, Société d’Histoire de la Suisse Romande et Institut des Sciences du Sport de l’Université de Lausanne, Rennes/Lausanne 2020, € 29.-

Die Zündholzindustrie im Frutigland

Im Berner Oberland wurde einst die Hälfte aller Schweizer Zündhölzer hergestellt. Eine leuchtend gemachte Schrift erinnert an diese ungesunde Blütezeit.

1. März 2021

«Müde, aber voll innerer Freude trampelten wir beim flackernden Laternenschein der Concordiahütte zu.»

Der letzte Satz im Bericht „Die Fiescherwand. Erste Ersteigung“ von Walter Amstutz, abgedruckt in der SAC-Zeitschrift „Die Alpen“ von 1927. Uns interessiert aber nicht diese erste Durchsteigung der Fiescherwand über den Nordpfeiler zum nordwestlichen Vorgipfel (3801 m) des Grossen Fiescherhorns (4049 m) am 3. August 1926 durch Amstutz und Pierre von Schumacher, eine Route, die der SAC-Führer „Jungfrau Region“ mit SS+ (sehr schwierig plus) einstuft. Sondern wir fragen uns, ob der Verfasser damals schon ganz bewusst die Kerze in der Laterne angezündet hat, vielleicht gar auf die Zündholzmarke geschaut hat. Denn 1928 wird seine Dissertation „Die schweizerische Zündholz-Fabrikation“ gedruckt. Dass Amstutz, Skierstbesteiger des Eiger, Mitbegründer des Schweizerischen Akademischen Ski-Clubs, erster Kurdirektor von St. Moritz, ein Dr. rer. pol. war, das wusste ich. Aber den Titel seiner Doktorarbeit kannte ich nicht, bis ich die 2020 publizierte Schrift „Die Zündholzindustrie im Frutigland“ zur Hand nahm und das Literaturverzeichnis anschaute.

Was für ein alltäglicher Gegenstand: Zünd- oder Streichhölzer! Laut Wikipedia erfand der englische Apotheker John Walker 1826 das erste echte Streichholz mit Reibungszündung. Vier Jahre später kamen mit den Phosphorstreichhölzern die ersten zuverlässigen Streichhölzer auf den Markt. Diese waren allerdings wegen der leichten Entzündbarkeit nicht ungefährlich; noch gefährlicher und vor allem ungesunder war die Produktion mit dem weissen Phosphor, unter der die Arbeiter leiden mussten. Die erste Zündholzfabrik in der Schweiz gründete der Deutsche Johann Friedrich Kammerer in Zürich-Riesbach. Von dort verbreitete sich die neue Industrie schnell, insbesondere in Gegenden mit grosser Armut und ohne grosse Verdienstmöglichkeiten, so dass genügend Leute bereit waren, zu mickrigen Löhnen die giftige Arbeit zu machen. So eine Gegend war das Frutigland, das von 1827 bis 1850 von Dorfbrand, Überschwemmungen und Hungersnöten heimgesucht wurde. Die erste Zündholzfabrik wurde 1850 in Frutigen gegründet. Innert 30 Jahren entstanden über 20 Fabriken in Frutigland, das zu einem Zündholzzentrum der Schweiz wurde, wie die neue Schrift schreibt: „Jahrzehntelang stammte rund die Hälfte der Gesamtproduktion aus Frutiger Betrieben.“

Im ersten Teil von „Die Zündholzindustrie im Frutigland“ lesen, wie erbärmlich ein Arbeitstag in der Fabrik um 1860 war, gerade auch für Kinder; warum Zündhölzchen überhaupt brennen; wie sie verpackt wurden und wie die Phosphorzündhölzchen von den Sicherheitszündhölzchen abgelöst wurden. Letztere werden auch Schwedenzündhölzchen genannt. Denn die „Svenska Tändsticks AB“ strebte mit ihren sichereren und billigeren Produkten das Weltmonopol an. Mit ein Grund, warum die Zündholzindustrie im Frutigland bis auf einen Hersteller erlosch. Andere Gründe sind das Aufkommen der Gasfeuerzeuge und neuer Lichtquellen mit Batterien. Der zweite Teil der Schrift widmet sich den einzelnen Fabriken. Eine Seite versammelt die Firmenlogos; eine Gämse bildet dasjenige von Ferdinand Gehring in Reinisch. Auch auf den Zündholzschächtelchen zeigt sich immer wieder Alpines. Vor allem die Zündwarenfabrik Kandergrund spielte mit dem Sujet: Blüemlisalp, Balmhorn-Altels oder Eiger & Mönch sind wechselnd abgebildet. Und Alpinisten, die sich eine Pfeife anzünden.

Walter Amstutz war der Schriftleiter des SAS-Jahrbuches „Der Schneehase“. In der Ausgabe von 1929 findet sich – kurz nach Vorstellung der Amstutz-Feder (sie diente der flexiblen Fixierung der Ferse auf dem Ski) – der Bericht über die fünften internationalen Universitäts-Skiwettkämpfe vom 8. bis 10. Februar 1929 in Mürren. Der Text ist illustriert mit Actionfotos der Rennläufer (Amstutz gewann Slalom und Abfahrt bei den Alt-Herren mit abgeschlossenem Studium bis 32 Jahre) sowie mit Zeichnungen. Auf einer sehen wir „das hohe Kampfgericht“, darunter bekannte Skigrössen wie Arnold Lunn, Christoph Iselin, Henry Hoek – und Walter Amstutz. In seinem Mund steckt eine Pfeife.

Hans Egli, Ruedi Egli: Die Zündholzindustrie im Frutigland. Kulturgutstiftung Frutigland, Frutigen 2020, Fr. 20.- Erhältlich in regionalen Geschäften sowie unter info@kulturgutstiftung.ch.

Im Herbst 2020 hätte das Zündhölzlimuseum in der ehemaligen Zündhölzlifabrik Kanderbrück eröffnet werden sollen. Die Corona-Vorschriften liessen dies nicht zu. Sobald als möglich wird die Einweihung mit einem Zündhölzlifest stattfinden. Infos unter www.kulturgutstiftung.ch.

Bergromane, erster Gang

Vier Bergromane aus England, Österreich und der Schweiz, in denen die Knoten zwischen Gegenwart und Vergangenheit aufgedeckt und gelöst werden.

23. Februar 2021

«Was machst du im Berg- und Skisportgeschäft?», erkundigte sich Moritz.
«Ich brauche neue Skihosen, meine sind alt und löchrig.»
«Sag bloβ, dass du Skifahren kannst?» Karo war sichtlich beeindruckt.
«Meine Mutter hat es mir und meinem Bruder beigebracht, als wir noch sehr klein waren.»
«Das stelle ich mir groβartig vor», schwärmte Karo.
«Ist es in den Bergen nicht sehr gefährlich?», fragte Edith. «Ständig liest man von Menschen, die von Lawinen verschüttet werden oder beim Klettern von Felswänden stürzen.»
«Wo liest du solche Schauergeschichten?», fragte Elsa belustigt.

In Bergromanen vielleicht! Was wäre ein Bergroman – wir haben es grad letzte Woche erfahren – ohne Drama? Und ohne Liebesgeschichte natürlich auch. Die folgenden vier Romane jedenfalls umklettern oder umkurven diese Themen nicht. Obwohl in „Elsas Glück“, dem zweiten Band der Sonnstein-Saga der Wiener Autorin Beate Maly, keine Lawine und kein Körper niederstürzt, geht es immer wieder dramatisch zu und her, allerdings mehr in gesellschaftlicher und familiärer Hinsicht. Hauptfigur Elsa Sonnstein studiert Psychologie und Pädagogik im Wien der Zwischenkriegszeit. Ihre Mutter Lotte hat in „Lottes Träume“ die Wintersportmode für Frauen mitrevolutioniert (mehr dazu hier: https://bergliteratur.ch/skigeschichten-2/). Die Tochter ihrerseits will das Erziehungswesen erneuern und vor allem sozial benachteiligten Kindern mit dem Skilauf zu Freude und Fahrt verhelfen. Vielleicht hilft ihr bei diesem Engagement Mitstudent Moritz? Oder gar der Linksaktivist Otto? Ein dichter Roman aus einer spannungsgeladenen Zeit. Wir Leser warten auf die Fortsetzung – wird ein Kind von Elsa die Hauptfigur im dritten Band der Sonnstein-Saga werden. Oder gar Elsas Bruder Conrad, der sich zum berühmten Skilehrer Hannes Schneider nach St. Anton am Arlberg abgesetzt hat? Conrads Lebensmotto lautet: „Das Einzige, was mich immer fasziniert hat, waren die Berge. Im Sommer wie im Winter.“

«Der ewige Schnee ist auch nicht mehr, was er mal war», witzelte Meret.
«Hat alles zwei Seiten. Als Skibauer ist die Erwärmung für mich katastrophal, als Cavacristallas eröffnet sie mir neue Gebiete, die von Strahlern verschont geblieben sind.»

Niculan Cavegn ist Bergler, Skibauer und Strahler. Meret Benedikt Städterin und Umweltwissenschaftlerin, kurz vor dem grossen, auch wirtschaftlich erfolgreichen Durchbruch. Die beiden treffen sich am Beginn der Coronakrise in Disentis beim Begräbnis von Merets Vater. Niculan hat Vinzenz Benedikt gefunden, den der abschmelzende Gletscher 36 Jahre nach seinem Verschwinden gefunden hat. Was war damals passiert? Bergunfall oder mehr? Und wer war involviert? Corsin Cavegn, der Vater von Niculan? Ein Familiendrama über drei Generationen, das Urs Augstburger in „Das Dorf der Nichtschwimmer“ erzählt. Vielschichtig, stimmungsvoll, hautnah eingebettet in die atemberaubende und eisverlierende Bergwelt des Bündner Oberlandes. Tiefer und tiefer bis zum Boden des Rucksacks graben die Figuren in ihrem verstrickten Leben, das mitbestimmt wird vom Kloster, der Herrschaft über Disentis. „Bergroman“ nennt Augstburger sein jüngstes Werk, doch „Skiroman“ trifft auch nicht daneben. Niculan bezeichnet seinen neuen, magischen Ski mit „Engiu“. Das ist romanisch und heisst: abwärts. Bergsteigen und Skifahren ist ein ewiges Auf und Ab.

«Berge sind Freiheit, sind Weite, verspiele Grenzenlosigkeit. Steigt man neben dem Waldweg in die Höhe, so hebt einen jeder Schritt empor oder lässt einen jäh, vielleicht rutschend, vielleicht springend, tiefer gleiten.»

So beginnt der Bergroman „Topografie des Fliegens“ von Tobias Ibele. Begeher von www.bergliteratur.ch kennen den Namen bestens: Der Autor gehört zur Seilschaft wie Anker und Zopfi. Seit November 2020 schreibt Geologe Tobias Ibele tiefschürfende Beiträge über Berge und Steine. In seinem belletristischen Erstlingswerk geht es auch um Geologie, im engeren und ferneren Sinne. Beim Entsorgen eines Kartons seiner verstorbenen Mutter stösst der Erdwissenschaftler Markus auf Bergliteratur eines Unbekannten. Immer mehr versinkt der Markus in diesem Schreibgebirge, kommt sich und seiner Vergangenheit näher, entfernt sich zugleich aber von Familie und Arbeit. Das Leben und die Schriften von Johann Jakob Weilenmann, dem berühmten Alpinisten aus dem 19. Jahrhunderts, dienen als Seilknoten zwischen den Schichten und Handlungsebenen. Ein sehr gelungenes Debut! Eine Stelle von Seite 139: „Schau“, sagte ich, „da kommen wir gut hinauf.“ – „Ja, antwortete sie wägend, „sieht machbar aus.“

«She stopped thinking and she started to climb.»

Ein kurzer Satz im 322seitigen Roman „Black Car Burning“ von Helen Mort, die sich mit preisgekrönten Klettergedichten einen Namen gemacht hat. Ihr erster Roman – der Titel bezieht sich auf eine höchst schwierige und gefährliche Kletterroute – spielt in Sheffield und im nahen Klettermekka Peak District. Und wieder, wie schon in den drei andern vorgestellten Büchern, wird eine Gegenwartsgeschichte erzählt – hier Jugendliche zwischen Frust und Fels, Abhängen und Aufwärtsschieben – und gleichzeitig eine Vergangenheit ausgegraben, der sich die Protagonisten stellen müssen, so gut und auch so schlecht wie in einer heiklen Passage am Berg. In Sheffield ist es das Zuschauerunglück im Hillsborough-Fussballstadion am 15. April 1989 mit 96 Toten und 766 Verletzten. Der Vergangenheit kann man weder davonklettern noch davonkurven.

Beate Maly: Elsas Glück. Blanvalet, München 2020, Fr. 18.-
Urs Augstburger: Das Dorf der Nichtschwimmer. Bergroman. Bilgerverlag, Zürich 2020, Fr. 34.-
Tobias Ibele: Topografie des Fliegens. Bucher Verlag, Hohenems 2020, Fr. 26.-
Helen Mort: Black Car Burning. Vintage, London 2020, £ 9.-

Wetterhorn und Zugspitze

Zwei neue Bergmonografien. Zwei hohe Warten über Grindelwald und Garmisch-Partenkirchen.

16. Februar 2021

Und mit einem Mal erglühten die Kuppen im Morgenglanz – „aber du hast ja ganz kalte Hände!“ Er umschloβ ihre Rechte und schlang den Arm um ihre Schultern.
„Ich habe nicht gewuβt, daβ unsere Berge so schön sind“, sagte sie leise. „Darf ich einmal mit dir auf das Wetterhorn?“ Zage hob sie das Gesicht über seine Achseln und vor seinen glühenden Blicken senkte sie es wieder.
„Gerne werde ich dich einmal mitnehmen“, sagte er leise bebend, „und dir unsere Berge zeigen.“

Auf den ersten Seiten von Johannes Jegerlehners „Bergführer Melchior. Ein Jungfrau-Roman“ geht Melchior mit Sabine, der jungen hübschen Einheimischen von Wengen, über die verschneite Kleine Scheidegg. Die Abfahrt auf Ski nach Grindelwald unterbrechen sie in einer Alphütte und erleben gemeinsam den Sonnenaufgang. Ob die beiden Hauptfiguren Frau und Mann werden, sei hier nicht verraten. Das Wetterhorn jedenfalls besteigt Melchior mit Isabel, der reiferen, aparten amerikanischen Touristin; es ist ihre erste Hochtour. Mehr noch: Mit ihr macht er gar die erste Begehung des Mittellegigrates am Eiger. Aber dann passiert ein Unglück – was wäre ein Bergroman ohne Drama? Ohne Liebesgeschichte(n) natürlich auch! Und was wäre ein ankersches Bergbuch ohne Bergliteratur?

Ankers erste Bergmonografie porträtierte 1996 die Jungfrau, seine 14. und wohl letzte die Haslijungfrau: „Wetterhorn – Hohe Warte über Grindelwald und Rosenlaui“. Tja, die Namen der Berg sind manchmal so labil wie ihr Fels und Eis. Fünf verschiedene Namen trug der 3690 Meter hohe Eckpfeiler der Berner Alpen: Haslijungfrau, Nördliches Wetterhorn, Vorderstes Wetterhorn, WetterArhorn und einfach Wetterhorn. Letzterer ist geblieben. Aber hinter ihm stehen die beiden andern Wetterhörner, das Mittelhorn und Rosenhorn. Und auf seiner Nordseite wuchtet sich das Scheideggwetterhorn gewaltig empor. Fast so kompliziert wie die Geschichte mit Melchior, Sabine und Isabel. Aber keine Angst: Das Buch führt chronologisch, sauber geordnet und reich illustriert durch alle Jahrhunderte und Jahreszeiten, Besteigungen und Begräbnisse, Lobpreisungen und Liebesgeschichten, Berghütten und Bergbahnen.

Mit dabei sind Ferdinand Hodler (der berühmteste Bergmaler der Schweiz begann sein Oeuvre mit einem Gemälde des Wetterhorns) und Emil Zopfi (das Wetterhorn war der Berg seiner Schwiegermutter), Johann Jaun (stand als Erster auf allen drei Wetterhörnern 1844/1845) und Henry Hoek (machte und beschrieb die Skierstbesteigung 1903), Martin Rickenbacher (erklärt den Höhenschwund der hohen Warte) und Elise Brunner (für das erste Ehrenmitglied der SAC-Sektion Bern erinnerten die Wetterhörner „an drei liebliche, in untadelhaftes Weiss gekleidete Schwestern“). Auf Seite 262 werden kurz noch andere Wetterberge vorgestellt, so die drei Wetterspitzen im Wettersteingebirge zwischen Bayern und Tirol. Der höchste Gipfel des Wettersteins ist auch der höchste von Deutschland: die Zugspitze (2962 m).

Das Wetterhorn ist die 22. Bergmonografie des AS Verlages. Die 21. widmet sich der „Zugspitze – Berg der Kontraste.“ Autor Stefan König kennt ihn bestens. Erstens wohnt er nur 45 Kilometer nördlich von Garmisch-Partenkirchen, der Tourismusmetropole am Fusse der Zugspitze. Und zweitens hat er 2008 den Roman „Auf dem hohen Berg“ über den fiktiven Wetterwart Anselm Straub veröffentlicht, der dort oben den Winter 1906/1907 verbrachte, in völliger Abgeschiedenheit. Bis er vor seiner Wetterwarte eine total erschöpfte Frau im Neuschnee findet: die 42jährige Grosskaufmannswitwe Lidia von Berneis aus Dresden. Doch vom Gipfel gibt es kein Zurück mehr, und Bahnen gab es damals noch nicht. Was wäre ein Bergroman ohne Liebesgeschichte?

Nun ist Stefan König zu seinem mächtigen Hausberg zurückgekehrt und beleuchtet, beschreibt und begreift ihn von allen Seiten, mit starken Texten und Fotos, spannenden Geschichten und klugen Exkursen. Zur Zugspitze, die 1820 offiziell erstmals bestiegen wurde, gibt es ja schon ein paar Bücher. Das jüngste ist das beste und schönste.

Eine der Geschichten befasst sich mit Ödön von Horváth, der 1926 das Theaterstück „Revolte auf Côte 3018“ schrieb, das sich mit dem Bergbahnbau an der Zugspitze befasst. Das Stück beginnt so:

Côte 2735.
Breiter Gratrücken. Gletscher ringsum. Rechts Arbeiterbaracke Nummer vier der Bergbahn A. G. Links Quelle und primitive Bank. An einer Leine hängt bunt geflickte Wäsche.
Spätnachmittag. Herbst. Windstill.
Veronikas Stimme tönt aus der Baracke; sie singt vor sich hin.
Karl tritt aus der Baracke mit zwei Eimern, die er an der Quelle füllt, streckt sich, gähnt; horcht auf, grinst, pfeift Veronikas Melodie mit und verschwindet wieder in der Baracke.
Schulz ein blasses, schmales Kerlchen mit Sommersprossen, steigt aus dem Tal empor; sieht sich forschend um: niemand – Er lauscht Veronikas Gesang; Karl pfeift; plötzlich verstummt alles; Stille.

Veronika lacht hellauf und stürzt aus der Baracke, hält in der Türe: Ausgrutscht! Ausgrutscht! – Du bist mir so aner, so von hinten – so a ganz Rabiater – Sie erblickt Schulz, schrickt etwas zusammen; mustert ihn mißtrauisch.

Schulz verbeugt sich leicht; er lispelt ein wenig: Guten Tag! Verzeihen Sie, Fräulein: dies hier, dies gehört doch zum Bergbahnbau?

Veronika Ja.

Schulz Dies ist doch Baracke Nummer vier?

Veronika Ja. Ab in die Baracke.

Schulz allein: Hm. Er lauscht.

Stille.

Daniel Anker: Wetterhorn – Hohe Warte über Grindelwald und Rosenlaui. AS Verlag, Zürich 2021, Fr. 49.80.

Stefan König: Zugspitze – Berg der Kontraste. AS Verlag, Zürich 2020, Fr. 39.80.