La Frana – Nagelfluh

Steine, Felsen, Berge: Was passiert, wenn sie in Bewegung kommen, durch uns? Zwei Kunstbildbände geben überzeugende Antworten.

26. Januar 2023

«Bergstürze gehören zu steilen Bergen. Sie sind Teil des kontinuierlichen Abtrages unter dem Einfluss der Schwerkraft und des Klimas. Zunehmend verändert der Mensch das Klima, die Atmosphäre wird wärmer und heizt auch die Berge auf. Dadurch wird der Frost in kalten Bergen geschwächt.»

So leitet der Glaziologe und Geomorphologe Wilfried Haeberli seinen Beitrag „Die Wand: Klima, Frost und Sturz. Cengalo – ein Vorläufer?“ im Bildband „La Frana“ ein. Wir erinnern uns: Am 23. August 2017 löste sich mit einem ohrenbetäubenden Donnern ein grosses Stück Felswand in der 1100 Meter hohen Nordwand des Pizzo Cengalo (3369 m) in den Bergeller Alpen. Drei Millionen Kubikmeter Gestein und Schlamm flossen durch das Val Bondasca bis ins Dorf Bondo hinunter, spülten Häuser, Strassen und Infrastrukturen weg und hinterliessen eine Geröll- und Schuttwüste. Nun liegt ein Buch zu dieser Katastrophe vor, ein ganz aussergewöhnliches, mit dem schlichten Titel, übersetzt: „Der Bergsturz“.

Die Arbeit an „La Frana“ begann an jenem 23. August. Die in Bonn geborene und heute in Genf und im Bergell arbeitende Künstlerin Sabine Tholen erfuhr über ein kurzes Video, was an dem Tag passierte. Es löste in ihr einen Prozess aus, dessen Abschluss vor uns liegt. Sie setzte sich fotografisch und zeichnerisch mit diesem Ereignis auseinander. Seitengross sind die Farbfotos von den granitenen Zinnen und Wänden des Bergells und insbesondere des Cengalo, dann werden die Fotos immer kleiner, zerstückelter, bis sozusagen Bildlawinen auf uns zurollen, die sich in Geröll und Schutt niederschlagen, unbarmherzig trotz Sonnenlicht. Am Schluss des Buches aber Fotos der gemachten Aufbauarbeiten mit Dämmen und zart grünen Hängen, seitengross und hoffnungsfroh. Unterbrochen wird die Bilderflut von zwei Textblöcken mit Interviews und Hintergrundberichten zum Bergsturz am Cengalo, ja überhaupt zum verstärkten Abbröckeln, Abrutschen und Abstürzen der Berge, daran die Menschheit nicht ganz unschuldig ist. Kurz: ein sowohl inhaltlich wie formal überzeugendes Buch zu einem singulären Ereignis in den Bergen und darüber hinaus. Erschienen in einem Verlag, den ich bis jetzt übersehen habe.

„Sehr geehrter Herr Anker. Ich schicke Ihnen wie gewünscht das Buch von Sabine Tholen, „La Frana“. Das Thema darin ist hochaktuell. Das 2. Buch „Nagelfluh“ von Andi Rieser hat mit dem Aufbau und Abbau unserer Landschaft zu tun.“ Das schrieb mir Gianni Pravicini, Verleger der Edizioni Periferia zusammen mit seiner Frau Flurina. Seit 30 Jahren gibt es diesen Kunstbuchverlag in Luzern. Auf https://periferia.ch/de/ heisst es unterem anderem zum Bildband von Andi Rieser, der im Luzerner Napfgebiet runde Nagelfluh-Steine sammelt, sie mit der Steinfräse aufbricht, poliert und so eine farbige, unbekannte Innenwelt einer wenig beliebten geologischen Schicht offenbart: „Das Buch zeigt eine Auswahl dieser Schnittbilder und setzt sie ihrer jeweiligen äusseren Form gegenüber. Der Blick hinein ins Innere der Steine wird mit Makroaufnahmen ergänzt und Landschaftsbildern der Fundgegend gegen übergestellt. Dabei zeigen sich Bildverwandtschaften und werden Assoziationsräume geöffnet, welche den Blick ins Urzeitliche mit den formgebenden Kräften der Gegenwart verbinden.“ Die Begleittexte stammen von Andi Rieser, vom Erdwissenschaftsprofessor Helmut Weissert und von Jana Bruggmann, Kuratorin, Kunst- und Geschichtswissenschaftlerin. In ihrem Beitrag lese ich: „Die Steine aus der Nagelfluh erhalten ihre Wirkung durch das Spannungsfeld zwischen Sehen und Wissen, Dokument und Kunstwerk.“ Zeugnis und Kreation – wie bei „La Frana“.

Sabine Tholen (Fotos): La Frana. Texte (Dt, It, Fr) von Jean-Marc Besse, Marc Bundi, Patrick Gosatti, Wilfried Haeberli, Rainer Michael Mason und Marcello Negrini. Edizioni Periferia, Luzern 2022. Fr. 48.-

Andi Rieser (Fotos): Nagelfluh. Texte von Andi Rieser, Helmut Weissert und Jana Bruggmann. Edizioni Periferia, Luzern 2022. Fr. 40.-

Alpen – oben und unten

Zwei schön gebundene, dicke Bücher über die Alpen. Überraschend in allerlei Hinsicht.

18. Januar 2023

«Im Nordwesten des schweizerischen Mittellandes erhebt sich ein Mittelgebirge, dessen Kalkgesteine in der erdgeschichtlichen Periode des Jura, vor etwa 200 bis 145 Millionen Jahren, als Sedimente in einem flachen, warmen Meer entstanden sind – daher trägt es auch den gleichen Namen. Gehoben und verfaltet wurde der Jura vor zehn bis fünf Millionen Jahren während der letzten Entstehungsphase der Alpen. Im französischen Savoyen, zwischen Chambéry und Grenoble, treffen die beiden Gebirge so nahe aufeinander, dass sich die südlichste Jurafalte direkt vor der geologisch ähnlichen Alpengruppe der Chartreuse aufwölbt. Dazwischen verbirgt sich in der Nähe des Dorfes Les Échelles eine kleine romantische Schlucht.»

Wusste ich nicht, dass sich die beiden Gebirge der Schweiz südlich von Genf fast berühren. Dass man durch die Berührungskluft wandern kann, auf der im 17. Jahrhundert erbauten „Sardinischen Strasse“. Und dass die dortigen Karsthöhlen, die Grottes de Saint Christophe, zu besuchen sind. Der Wandervorschlag „rechts die Alpen, links der Jura“ hat die Nummer 001 im rundum gewichtigen Bildbandführer „Die anderen Alpen. Wilde Landschaft, rätselhafte Plätze, alte Wege. 230 Wanderziele, die dich ins Staunen versetzen“ von Wolfang Heitzmann. Das tut er. Allein schon mit dem ersten Kapitel: „Wo die Alpen beginnen – und wo sie enden“. In Frankreich noch an den Alpilles im Herzen der Provence und natürlich an der Côte d’Azur, beispielsweise in Monaco. In Italien in der Bocchetta di Altare am Beginn (oder Ende) des Apennins und in den Julischen Alpen unweit der Adria. Sowie in Österreich im Wienerwald, im Leithagebirge und in den Ungarischen Alpen. Ungarn als neunter Alpenstaat – man lernt nie aus. Der Geschriebenstein/Írott-kő (884 m) ist der höchste Berg von Westungarn, des Burgenlandes sowie des Günser Gebirges ganz im Osten der Alpen.

Logischerweise sind nicht alle 230 Wanderziele zwischen Wien und Nizza so überraschend wie der Geschriebenstein. Schnidejoch und die Sieben Brunnen im westlichen Berner Oberland wird man vom Hörensagen kennen, ja hoffentlich erwandert haben. Das Besondere aber an Heitzmanns wunderbar illustriertem Wanderwälzer – 25 x 36 cm gross, 384 Seiten dick, gut 2800 gr schwer – liegt neben der sorgfältigen und überraschenden Auswahl der Touren in ihrer besonderen Vorstellung. Die fünf Hauptkapitel mit Titeln wie „Baustelle Bergwelt“ oder „Die Ersten da oben“ umfassen mehrere Unterkapitel mit jeweils passenden Wanderungen aus dem ganzen Alpenbogen. So werden unter „Immer der Schwerkraft nach // Wo Berge stürzen und Hänge rutschen“ unter anderen der Flimser Bergsturz, ein Blockgletscher bei St. Moritz und der Ötztaler „Vulkan-Bergsturz“ vorgestellt. Zudem werden verschiedene Themen wie Gletschertöpfe, Römerstrassen und Durchkriechsteine in eigenen Beiträgen weiter vertieft. Kurz: ein Alpenbuch mit Hand und Fuss.

Das lässt sich leider von „Berge der Alpen. Daten, Geschichten und Illustrationen zu 134 bedeutenden Gipfeln in allen Alpenländern“ nicht behaupten. „Alle Berge werden mit den wichtigsten geografischen Daten vorgestellt“, heisst es auf der marmotamaps-Website: „Das Buch liefert Angaben zum Bergsteigen wie der Aufstiegsgeschichte, Schwierigkeit des Aufstiegs und den wichtigsten Berghütten in der Umgebung. Es präsentiert spezielle Kletter-, Wander- und Skitourenberge und Gipfel, an denen sich bereits heute die Folgen von Klimaveränderungen im Hochgebirge zeigen. Dazu gibt es zu jedem Berg weitere besondere Informationen und Geschichten.“ Ich habe mir die 35 Schweizer Gipfel genau angeschaut. Bei Eiger, Rigi, Piz Kesch und Piz Val Gronda musste ich nichts korrigieren. Sonst gibt es immer grosse und kleine Fehler, oder es fehlt eine Info. So fehlt das Arbenbiwak bei den „Hütten am Berg“ des Obergabelhorns. Beim „benachbarten Matterhorn im Süden“ hingegen der erstaunlichste Fehler, mit dem Signet „Skitourengipfel“. Man lernt nie aus…

Wolfgang Heitzmann: Die anderen Alpen. Wilde Landschaft, rätselhafte Plätze, alte Wege. 230 Wanderziele, die dich ins Staunen versetzen. Kompass Karten, Innsbruck 2023, € 50,00.

Lana Bragin, Stefan Spiegel, Tobias Weber: Berge der Alpen. Daten, Geschichten und Illustrationen zu 134 bedeutenden Gipfeln in allen Alpenländern. Marmota Maps, Hamburg 2022, € 29,00.

Bruchharsch möglich

Drei neue Bergromane, in denen Schneeverhältnisse eine vielleicht ungewollte Hauptrolle spielen.

11. Januar 2023

«Weiterzugehen und auf nichts als das Stück Spur direkt vor sich zu schauen; die nächste Kuppe, hinter der die Spur verschwindet und es möglicherweise flacher wir, nur ab und zu in den Blick zu nehmen, weil der Weg bis dorthin noch zu weit ist; vor jedem Schritt zu überprüfen, ob der eine Ski greift und es möglich ist, den anderen anzuheben, und sich darauf zu konzentrieren, dass es genau dieser Schritt ist, der jetzt zählt, und danach der nächste.»

Ein Abschnitt von Seite 47 im Skitourenroman „Hohe Berge“ von Silke Stamm. Die bei Hamburg lebende Autorin beschreibt in sprachlich eigenwilliger Art eine achttägige Skidurchquerung in den Schweizer Alpen durch eine zufällig zusammengefundene Gruppe mit dem Bergführer, vier Kunden und der Erzählerin. Sie tritt allerdings weder als „Sie“ noch als „Ich“ auf, sondern versteckt sich sozusagen im Infinitiv in den Hauptsätzen. Diese Form mit der Grundform des Verbes mag einem passen oder nicht. Wer an dieser Skitour teilnehmen möchte – und Silke Stamm beschreibt die Woche mit unterschiedlicher Team-, Wetter- und Schneedynamik inklusive Hüttengroof und Lawinenabgang harscheisenscharf -, muss da durch, Schritt für Schritt in klar vorgegebener Spur.

«Das Wetter ist prachtvoll: sonnig, aber windig und wolkig genug, um die Hitze noch ertragen zu können. Unser Ziel ist es, Stufen in die Schneepiste zu schlagen. (…) Garrard, Kits und ich bilden mit den besten Sherpas die Vorhut. Wir hauen nicht nur Stufen ins Eis, sondern spannen auch Seile und stecken zur Markierung Fähnchen in den Boden. (…) Nur widerstrebend schlägt Cotterell die Felshaken ein (…). Die Strecke ist technisch zwar nicht anspruchsvoll, besteht aber, wie sich schnell herausstellt, mehr aus Eis als aus Schnee. Und dieses Eis ist hart, viel härter als in den Alpen, weshalb das Hauen der Stufen Schwerstarbeit bedeutet.»

Ein leicht gekürzter Ausschnitt von Seite 137 und 138 im Himalayroman „Schneegrab“ von Michelle Paver. Die in London lebende Autorin beschreibt eine fiktive Expedition von fünf Engländern zum Kangchendzönga (8586 m) im Jahre 1935, auf den Spuren einer gescheiterten Expedition von 1906. Der Roman wird erzählt aus der Perspektive des Arztes Stephen, der nicht nur gegen die Höhe kämpfen muss, sondern auch gegen das Gehabe seines Bruders Kits. So weit, so spannend. Allerdings rutscht man beim Lesen immer wieder aus, sei es auf Schnee, auf Eis, vielleicht auch auf Fels. Und wenn dann die am Kantsch hängenden Eisschelfs beschrieben werden, bleibt man ganz im/am Boden stecken. Vielleicht liegt es auch an der Übersetzung; in einer Schlüsselstelle ist immer von einem Überhang die Rede, der erklettert wird – Aufschwung wäre der richtige Begriff. Dass aber bei der Expedition von 1906 einer der Bergsteiger auf 7000 Metern verletzt und ohne Zelt drei Tag überlebt hat – ich weiss nicht.

«Die Schirauer Südwand ist meistens im Spiel, wenn Menschen verschwinden. Jahrzehntelang galt sie als unbezwingbar, weil sich an ihren schroffen Steilwänden die Sturmwinde brechen und kaum ein Tag vergeht, an dem der 4187 Meter hohe Gipfel nicht in eiskalten, tückischen Nebel gehüllt ist. (…) Nach bereits wenigen eisigen Nächten [im Winter] bildet sich vom Gipfel abwärts ein beinahe durchgehend begehbares Eisfeld aus Lawinenschnee, auf dem man nach oben spazieren kann, wenn man es geschickt anstellt. Der Rest ist natürlich Risiko. Selbst geringe Mengen Neuschnee wachsen dort oben zu einer tödlichen Megalawine heran, und mit Stein- und Eisschlag ist in den Schluchten sowieso permanent zu rechnen. Wenn die Felspassagen nicht gerade brüchig sind, sind sie auf jeden Fall gefroren, was eine vernünftige Absicherung schwierig mach. Im Notfall heißt es dann: klettern mit bloßen Händen.»

Ein leicht gekürzter Abschnitt von Seite 22 im Bergroman „Kaltes Herz fast Eis“ von Michaela Kastel. Die österreichische Autorin erzählt die Geschichte von Alex, der in der Schirauer Südwand unter ungeklärten Umständen ums Leben kam, von seiner Verlobten Caro, die an den Ort reist, von dem aus Alex zu seiner riskanten letzten Tour aufgebrochen ist, und vom Erstbesteiger und Bergretter Samuel, der ein tödliches Geheimnis vor Caro verbirgt. So weit, so spannend. Aber wie schon beim „Schneegrab“: die alpinistischen Beschreibungen sind oft bruchharschig, was die Lektüre verlangsamt. Irgendwie verstehe ich die Widmung, die Michaela Kastel ihrem Krimi vorangestellt hat: „Für meinen Bruder, der zwar keine Bücher liest, aber sehr gerne klettern geht.“

Silke Stamm: Hohe Berge. Berlin Verlag, Berlin 2022. € 22,00.

Michelle Paver: Schneegrab. Piper Verlag, München 2022. € 17,00.

Michaela Kastel: Kaltes Herz fast Eis. Emons Verlag, Köln 2022. € 22,00.

Im Innern der Berge

Wenn es draussen zu warm ist, dann hinein in den Berg oder in den Gletscher. Drei Publikationen erforschen die Welt unter der Oberfläche.

5. Januar 2023

«Und, sprach ich, wenn ihn einer mit Gewalt von dort durch den unwegsamen und steilen Aufgang schleppte und nicht losließe, bis er ihn an das Licht der Sonne gebracht hätte, wird er nicht viel Schmerzen haben und sich gar ungern schleppen lassen? Und wenn er nun an das Licht kommt und die Augen voll Strahlen hat, wird er nicht das Geringste sehen können von dem, was ihm nun für das Wahre gegeben wird.»

Ausschnitt aus einem berühmten Text der Weltliteratur, aus dem sogenannten Höhlengleichnis des griechischen Philosophen Platon in seinem Buch „Politeia“, genauer aus dem siebten Kapitel, Buch 106b „Das Hinaufsteigen zum Licht und das Wiederherabkommen in die Höhle“. Aber warum, um Zeus‘ Willen, Platon im Buch der Woche? Ganz einfach: Die Hintergrundtexte im „Reclams Literatur-Kalender 2023“ beginnen mit Platon. Und da ich neben mir drei neue Höhlen-Publikationen liegen habe, dachte ich, dass ich diese so an ans Licht bringen könnte…

«Vor uns ist ein schwarzes Loch, das die Oberfläche des Eises durchbricht. Unter unseren Füssen fliesst ein Fluss, dessen Rieseln in unseren Ohren singt. Wir hängen über der Leere. Als wir den Rand des Gletschers erreichen, gähnt vor uns eine grosse Öffnung. Sie schluckt den Fluss und lässt ihn in der Tiefe eines hellblauen Tunnels verschwinden. Wir klettern den Tunnel hinunter, bis wir zu einem Wasserfall gelangen, der vom Tageslicht erhellt wird, das durch den Schlund eindringt. Er erscheint uns nun in Form eines grossen Fensters, das nach aussen hin geöffnet ist. Der zerfallene Gletscher gibt uns seine geheimen Labyrinthe preis.»

Étienne Mayerat aus Rolle am Lac Léman war von Beruf Gitarrist und teilte die Leidenschaft für den Flamenco mit derjenigen für die Berge, was ihm den Spitznamen „El Niño de los Alpes“ einbrachte. Schon in jungen Jahren war er von der Unterwelt gefesselt und betrieb eifrig Höhlenforschung. Noch mehr faszinierte ihn allerdings eine ganz besondere Unterwelt: diejenige der Alpengletscher. Zahlreiche Eishöhlen erforschte er mit seinen Gefährten. Nun liegen seine Gänge durch vergängliche Grotten und Schlünde im grossartigen Bildband „Mémoires sous-glaciaires. Découverte d’un univers éphémère“ vor: ein Dokument für die Ewigkeit, denn die Gletscher verschwinden bekanntlich immer schneller. Étienne Mayerat weilt auch nicht mehr unter uns: Er starb am 26. März 2021 im Alter von 63 Jahren an Krebs. In 14 Schweizer Gletscher, insbesondere der Walliser Alpen, ist er hineingestiegen und hat absolut faszinierende Bilder gefunden. Eine neue Welt tut sich da auf, die leider so keinen Bestand haben wird.

Ebenfalls der unterirdischen Welt widmet sich die französischen Kulturzeitschrift „L’Alpe“ in ihrer 98. Ausgabe. „Les Alpes souterraines“ erforscht in gewohnt souveräner Manier die Terra incognita: Blickt zurück auf die Anfänge der Speläologie; bringt archäologische Funde von drinnen ans Licht; zeigt Fotos von Peter Gedel, der als einer besten Höhlenfotografen gilt; wagt sich in schweizerische Bunker vor, die nicht mehr militärisch genutzt werden; besucht das CERN bei Genf; porträtiert die vergessene Speläologin Gabrielle Vallot, Ehefrau von Joseph Vallot (ja, sein Name ist verewigt im Refuge Vallot an der Normalroute zum Mont Blanc). Und im ABCdaire zur Speläo-Geomorphologie findet sich beim Buchstaben S eine einleuchtende Erklärung dafür, ob die Tropfsteine Stalagmiten und Stalaktiten am Boden oder an der Decke wachsen: les stalagmites montent, les stalactites tombent. Wer deutsche Eselsbrücken sucht, findet sie hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Tropfstein. Daran denken beim nächsten Besuch einer felsigen oder eisigen Höhle – Eiszapfen sind Stalaktiten.

Wer unter Platzangst leidet, sollte um diesen Führer zu unterirdischen Schweiz einen Bogen machen. Denn in „Höhlen und Löcher. Wanderungen zum Inneren der Schweiz“ hat Andreas Staeger 35 Ziele unter der helvetischen Oberfläche gefunden: natürliche und künstliche Höhlen, Balmburgen, Bergwerkstollen, Festungen, Eisgrotten. Diese verborgenen Sehenswürdigkeiten verbindet der Autor immer mit einer normalen Wanderung. So kommen alle Benutzer auf ihre Kosten: stramme Wanderer, Abenteuer liebende Kinder, Schatzsucher und an der Hitze Leidende. Die (wander)touristischen Infos sind gut, die Kärtchen verschaffen den nötigen Überblick und die Fotos Vorfreude. In einer zweiten Auflage müssten aber noch unbedingt der 800 Meter lange Schaflochstollen unter dem Sigriswiler Rothorn und die mit einem Wanderweg erschlossenen Grottes de Naye oberhalb des Château de Chillon aufgenommen werden. Und die Tour zu den Sandsteinbrüchen von Burgdorf könnte gestrichen werden: Wenn man die Höhlen und Löcher nicht betreten sollte, warum dann vorstellen? Klaustrophobiker hingegen sind froh darüber.

Étienne Mayerat: Mémoires sous-glaciaires. Découverte d’un univers éphémère. Éditions Slatkine, Genève. 2022. Fr. 58.-

Les Alpes souterraines. L’Alpe, N° 98, automne 2022. Éditions Glénat Grenoble. Fr. 26.-

Andreas Staeger: Höhlen und Löcher. Wanderungen zum Inneren der Schweiz. AT Verlag, 2022. Fr. 33.-

Abwärts zum Ende

Mit vier Büchern über das Wandern das Jahr ausklingen lassen. Prost auf ein gutes, neues Jahr!

30. Dezember 2022

«Simon Petigar hatte die Abwesenheit seines Schwagers dazu benutzt, um jene beiden Flaschen zu leeren, die sie für das geplante Siegesfest auf dem Gipfel mitgenommen. Des großen Daniels Aufbruch in der Nacht war nämlich so schnell erfolgt, daß er den Schaumwein vergessen hatte. Übrigens konnte er sich damit nicht belasten. Sollte er etwa den Sekt, wie einst am großen Schreckhorn, in den Abgrund schmeißen?»

Um Gottes Willen nicht! Wär doch wirklich schade, den Champagner in den Abgrund zu schmeissen, erst recht jetzt, wo es mit diesem Jahr rasant zu Ende geht. Die Sekt-Szene findet sich in „Der jungfräuliche Gipfel“ von Georg Freiherr von Ompteda, 1927 in der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart erschienen. Der Roman spielt in den Walliser Alpen zwischen dem Val d’Hérens und dem Valpelline. Dass der Name des adeligen Schriftstellers nicht im 17seitigen Namensverzeichnis des Buches „A piedi sotto il cielo. Storia dell’escursionismo dalle origine ai giorni nostri“ auftaucht, sei Lorenzo Bersezio verziehen. Wer kennt den Freiherrn schon, wer liest noch Bergromane wie „Aus großen Höhen“ oder „Die kleine Zinne“? Bersezio seinerseits kennt durchaus deutsche (Wander-)Autoren wie Goethe, Hesse und Humboldt sowie deutsche Vereine wie Eifelverein, Wandervogel und Württembergischer Schwarzwaldverein. Ein breit gefächertes Buch, dieser „Spaziergang unter dem Himmel“ mit seinen 500 Seiten. Aufschlussreich beispielsweise die Ausführungen zum Nordic Walking: Wie diese neue Wandersportart entstanden ist und wie sie sich nach dem 5. Januar 1988, dem offiziellen Startpunkt, durchgesetzt hat. Vielleicht sind wir ja Ende des alten Jahres bzw. am Beginn des neuen ebenfalls froh um zwei Stöcke – Glatteis auf dem Heimweg könnte ja ein Grund sein…

Leichter und schneller lesbar ist das Reclam-Buch „Wandern. 100 Seiten“. Nina Ayerle analysiert die verschiedenen Arten des Gehens: Nomadentum, Pilgern, Flanieren, Spazieren und eigentliches Wandern, befasst sich mit der Liebe und den Ursprüngen des Wanderns, erklärt im Naturkapitel die Begriffe Plogging und Pliking (Müll am Wegrand sammeln beim Joggen bzw. Hiken), gibt Tipps für naturverträgliches Zu-Berg-gehen und fragt sich, ob Wandern etwas typisch Deutsches ist (ist es nicht, denn Wandern ist auch der schweizerische Lieblingssport, noch vor Schwimmen und Schwingen, um bei sommerlichen Aktivitäten zu verweilen). Die Berufswanderautoren Hesse und Rousseau haben selbstverständlich auch ihre Auftritte in diesem schwer rucksacktauglichen Buch.

In den Rucksack passt ebenfalls das Werk des holländischen Schriftstellers Gebrand Bakker: „Die 3 gibt es nicht. Eine wundersame Wanderung.“ Darin beschreibt der Verfasser munter und metergenau, wie er dem Wanderweg 1, der hinter seinem Haus in der Eifel verläuft, folgen will und sich immer verläuft, weil die Markierungen verschwunden sind. Dabei steht in der offiziellen Anleitung: „Ein Wanderweg muss so markiert sein, dass die Strecke immer eindeutig ist.“ Wir alle dürften wissen, dass sich diejenigen, die die Wegzeichen anbringen, nicht immer daran halten (können), ja dass auch die Zeichen selbst einfach verschwinden. Bakker schildert die Schwierigkeiten mit den Schildern, und am Schluss des Buches schafft er den Eifelweg 1 in beiden Richtungen – hoffentlich auch wir, falls wir uns einmal in die Eiffel verirren sollten.

Auf Abwege aller Art gerät Harald Nachförg, der Kolumnist der Outdoor-Zeitschrift „Bergwelten“. Nun ist eine Sammlung der Kolumnen herausgekommen: „Abwärts. Ein Gipfelstürmer auf Abwegen.“ 41 Mal stolpert der Arme über Stock & Stein, in Eis & Schnee, auf Reisen & anderen Abenteuer. Ob er sich in seinen Trekkingstöcken verheddert, auf einer Bank plötzlich Höhenkoller kriegt oder in Schneeschuhen feststeckt und sich ausschaufeln lassen muss: Wenn Nachförg von seinen Bergerlebnissen berichtet, kann man mitlachen und -wandern. Einfach nicht alle Kolumnen aufs Mal lesen, sonst kann man Kopf- und Bauchweh kriegen wie nach einem zu üppigen Sylvestermahl. Den Schampus trinkt der Wiener Gipfelstürmer übrigens nicht auf dem Schneeberg (2076 m) in Niederösterreich und schon gar nicht auf dem Schreckhorn, sondern weit weg, im Lande des Pico Mogotón (2107 m).

Liebe Bärgfründe: Wo und mit welcher Flüssigkeit Ihr auch immer aufs Neue Jahr anstösst, ich wünsche herzhaft Es guets Nöis!

Lorenzo Bersezio: A piedi sotto il cielo. Storia dell’escursionismo dalle origine ai giorni nostri. DeA Planeta Libri, Milano 2022. € 22,00.

Nina Ayerle: Wandern. 100 Seiten. Reclam Verlag, Ditzingen 2022. € 10,00.

Gebrand Bakker: Die 3 gibt es nicht. Eine wundersame Wanderung. Emons Verlag, Köln 2021. € 12,00.

Harald Nachförg: Abwärts. Ein Gipfelstürmer auf Abwegen. Bergwelten Verlag, Salzburg 2022. € 20,00.

Chalets of Switzerland

Zwei neue Chalet-Bücher. Überraschend in jeder Hinsicht. Und fast feierlich passend zu (weisser) Weihnachten

21. Dezember 2022

«Die fotografische Serie „Chalets of Switzerland“ von Patrick Lambertz bricht auf erfrischende Weise mit den konventionellen Seh- und Wahrnehmungsgewohnheiten, indem Lambertz den Begriff Chalet von seinem Ursprung her interpretiert, der nichts anderes bedeutet als „geschützter Ort“. Seine Serie eröffnet dadurch einerseites einen Raum für eine tiefergehende Beschäftigung mit der Schweiz und ihrer Baugeschichte, andererseis aber auch eine behutsame Hinterfragung der Schweiz und ihrer perfekt inszenierten Klischees insgesamt, indem gerade solche Häuser zu Protagonisten werden, die sich dem Bild der heilen Alpenwelt entziehen.»

Bilanziert Edwin Huwyler am Schluss seines Nachwortes zum Bildband „Chalets of Switzerland“ des deutschen Fotografen Patrick Lambertz, der seit vierzehn Jahren in der Schweiz lebt; sein Fotostudio befindet sich in Lachen. Huwyler kennt sich aus mit Chalets; als ehemaliger wissenschaftlicher Leiter des Museums Ballenberg ist er ein Fachmann in Sachen Bauernhausforschung (mehr zu ihm hier: https://bergliteratur.ch/die-erfindung-der-alpinen-architektur/). Der Titel seines Nachwortes lautet „Das Schweizer Chalet als Sinnbild der Romantik“ – und romantisch im gängigen Sinn sind die 34 Chalets nicht, die Patrick Lambertz in seinem gediegenen, grossformatigen Bildband auf Doppelseiten porträtiert. Dafür umso mehr geschützte Orte; sogar das Chalet Nr. 13 bei Holeneich/Tuggen im Kanton Schwyz, das ziemlich verlottert aussieht – und bei einem Schneesturm fotografiert wurde.

Genau so hat Patrick Lambertz ländliche, einsam stehende Häuser in der Zentral- und Ostschweiz aufgenommen: frontal von vorne mit Schnee und wolkenverhangenem Himmel. Keine Schatten, keine Personen, kaum Landschaft, nur das Haus mit seinen Formen und Farben. Manchmal ein Baum nebenan, da und dort ein meist schneebedecktes Auto, ein paar Telefon- oder Stromdrähte, mal ein Masten, ein Zaun oder eine Nebenstrasse. Mehr nicht: einfach diese charakterischen Häuser aus einem besonderen Gebiet der Schweiz. Natürlich könnten auch typische Berner Oberländer Chalets so fotografiert werden, aber sie hätten nicht gepasst. Fasziniert blättern wir im Werk von Patrick Lambertz von einem neuen, unbekannten und ungewöhnlichen Chalet zum andern, immer wieder leere weisse Seiten aus feinem Papier umschlagend, wie wenn wir durch verschneite, konturlose Landschaft stapfen und zuweilen auf Gebäude treffen würden, die uns Halt geben.

Chalets, die wir so irgendwie noch kaum wahrgenommen haben, gibt es auch in diesem Buch: „Mord im Chalet. Weihnächtliche Krimigeschichten aus der Schweiz“. Das plakatähnliche Titelbild zeigt verschneite Berge und Bäume, ein einsames Chalet sowie eine Luftseilbahnkabine, darin grad gemordet wird. Immerhin dort, denn in den Geschichten sind weder Kabinen noch Chalets Tatorte. Darüber sind wir eigentlich ganz froh, wenn wir die Weihnachtsferien in Skigebieten verbringen werden… Die meisten der zwölf Geschichten wurden extra für diesen Band geschrieben, so von Silvia Götschi, Philipp Gurt oder Kaspar Wolfensberger. Dessen Kauz stapft durch den tiefen Gommer Winter und löst endlich wieder mal einen Fall; Wolfensbergers Krimi „Gommer Winter“ ist 2018 erschienen (vgl. https://bergliteratur.ch/bergkrimis-1-seillaenge/), auch Sommer und Herbst im Goms liegen vor, einfach auf den Frühling warten wir.

Der kommt, keine Bange. Ab 22. Dezember 22 werden die Tage wieder länger. Und zwei Tage später ist Heiliger Abend. Frohe Weihnachten wünsch ich Euch.

Patrick Lambertz: Chalets of Switzerland. Mit Texten von Daniel Blochwitz, Edwin Huwyler und Monika Twerenbold, Deutsch und Englisch. Hartmann Books, Stuttgart 2022. Fr. 58.-
www.patricklambertz.com/photobook-chalets-of-switzerland-1

Miriam Kunz (Hrsg.): Mord im Chalet. Weihnächtliche Krimigeschichten aus der Schweiz. Atlantis Verlag, Zürich 2022, Fr. 23.-

Vom Avant-Ski zum Après-Lift – neue Skibücher und mehr

Skikultur zwischen Buchdeckeln und Museumswänden. Nur Skifahren selbst ist noch schöner. Wenn es denn Schnee hat…

13. Dezember 2022

«Bis zum Zweiten Weltkrieg war die französische Region Tarentaise mehr für ihren Käse, den Beaufort, bekannt gewesen. Heute ist sie es für ihr weisses Gold.»

So leitete ich den kurzen Hintergrundartikel „Das weisse Gold der Tarentaise“ ein, der auf der Ferien/Reisen-Seite der „Berner Zeitung“ vom 16. Februar 1989 erschien, die seitengross die „Safari durch die grossen Skigebiete der Alpen“ vorstellte. Diese von Transalp organisierte Skiwoche durch die französischen Topskigebiete Valmorel, Les Trois Vallées (Les Ménuirs, Méribel, Courchevel, Val Thorens), La Plagne, Les Arcs, Val d’Isère und Tignes hatte im Januar 1988 stattgefunden; mit dabei war Beat Hächler, heute Direktor des Alpinen Museums der Schweiz in Bern, und immer noch passionierter Skifahrer auf und vor allem neben der Piste.

Nun legt der französische Skihistoriker und Skikrimiautor Guillaume Desmurs ein ganz smart geschriebenes und illustriertes Buch über die Geschichte dieser berühmten Skistationen in den französischen Alpen vor, über die Mechanisierung der winterlichen Berge überhaupt und über die schwierige Zukunft des Skitourismus ganz allgemein: „Une histoire des stations de sports d’hiver“. Ein kleiner Ausschnitt möge die Einschätzung unterstreichen; in der Einleitung zur „naissance des stations modernes, de 1945 à 1980“ schreibt Desmurs: „La période économiquement faste de reconstruction d’après-guerre, appuyé sur une énergie bon marché, voit la naissance à une échelle industrielle des sports d’hiver. La France, avec l’implication directe de l’état, dessine les plus grands domaines skiables du monde afin de rivaliser avec les célèbres stations suisses et autrichiennes.“ Von dieser Konkurrenz war ebenfalls im BZ-Artikel die Rede: „Im 250 Quadratkilometer grossen Gebiet von Les Trois Vallées hissen 190 Liftanlagen 170‘000 Skiläufer pro Stunde zu den 500 präparierten Pistenkilometern – Zahlen, die in etwa dem ganzen Berner Oberland entsprechen.“ Auch die radikale Umwandlung von bergbäuerlichen Landschaften und Dörfern zu Skifabriken mit grossartigen Pisten und grosswabigen Unterkunftsgebäuden entging dem Skijournalisten vor 34 Jahren nicht: „Der Nebel verschluckt die geplante 2000-Meter-Abfahrt vom Grand Col, wir schlürfen dafür Glühwein in einem feuchtwarmen Ex-Stall. Zwischen Obstbäumen kurven wir nach Villaroger hinab, wo ein Bauer den Tieren Heu füttert. Welch ein Unterschied zu den johlenden Monoskifahrern von Les Arcs!“ Tempi passati, jedenfalls das Skifahren auf einem Brett. Indoor Skiing hingegen gibt es heute fast überall auf der Welt, und gab es schon früher: Das Buch von Desmurs zeigt SkifahrerInnen, die sich 1939 in einer Halle in Bern an einem Seil hochhangeln, um dann über Teppichhänge hinabzuschwingen. Wo genau in Bern das wohl war?

Kurven wir zurück nach Frankreich. Am besten grad nach Val d’Isère und zu seiner berühmtesten Piste, der Face de Bellevarde. Dort gewann am Samstag Marco Odermatt den Weltcup-Riesenslalom, wie schon im letzten Jahr. Diese Piste, als „théâtre vertical“ bezeichnet, gehört wie die „Éclipse“ in Courchevel oder die „Roc de fer“ in Méribel zu den Pistes mythiques in den französischen Alpen. Diese Auszeichnungen finden wir in der neuen Publikation „Ski français“. Ihr erster Band befasst sich mit der Identität. So fragt sich der Starttext mit der Frage, ob es überhaupt einen französischen Skilauf gibt; auf dem Einstiegsfoto fährt uns Émile Allais entgegen, der unvergleichliche Stylist aus dem letzten Jahrhundert. Der nächste Artikel befasst sich genau mit dieser Epoche, betitelt als „siècle de la vitesse, siècle du ski“. Ein dritter beleuchtet Star-Skiorte und zeigt Johnny Hallyday und Silvie Vartan in Avoriaz, wobei sie nicht eben glücklich dreinschaut – ist es seinetwegen oder wegen des Sports? Qui sait…

Am vergangenen Samstag gewann Marta Bassino den Weltcup-Riesenslalom in Sestriere. Wer mehr über berühmte italienische AlpinskifahrerInnen erfahren will, greift zum Buch „Discese, speciali e giganti. Una storia dello sci alpino“ von Matteo Pacor und Stefano Vegliani. Grosse Namen, wie Gustav Thöni, Alberto Tomba und Dominik Paris, Federica Brignone, Deborah Compagnoni und Sofia Goggia. Am nächsten war mir und meinen Skigefährten, allen voran Gabriele Sabbioni, aber immer der Pierino Gros gewesen. Wenn wir oben an einem Hang standen, ob auf der Piste oder noch mehr abseits von ihr, dann dachten wir an Pierino, wollten fahren wie er, riefen uns seinen Namen zu, und stürzten uns in die Abfahrt, sofern es die Schneeverhältnisse erlaubten, rasant bis in die erste Kurve, vielleicht noch bis in die zweite, bei der dritten fuhren wir nur noch wie der Lele oder der Dänu… Schöne Erinnerungen, insbesondere im Zusammenhang mit dem Lasenberg ob Erlenbach im Simmental, wo einst ein Skilift lief und wir immer unverspurte Hänge suchten.

Unverspurtes Gelände ebenfalls im folgenden Buch. Oder besser formuliert: Die besondere Geschichte eines Skilaufs mit teils ganz bösen Spuren. Da sind politische Stürze unvermeidlich, da fällt so mancher österreichische und deutsche Skiheld abrupt vom Stockerl. Der Österreicher Anton „Toni“ Seelos, viermal Skiweltmeister in den 1930er Jahren, 1937 erfolgreicher Trainer der französischen Skinationalmannschaft, machte Karriere im nationalsozialistischen Sportbetrieb und stieg via SA zum Reichstrainer der Ordnungspolizei auf. Hubert Salcher stemmte sich vom Allroundsportler zum SS-Sportreferenten und Waffen-SS-Truppenarzt; 1931 hatte er als Double für den verletzten Hannes Schneider in der Fuchsjagdszene im Skifilm „Der weiße Rausch“ gewirkt – ausgerechnet ein Nationalsozialist für Schneider, der 1938 von den Nazis verhaftet wurde, weil er sich ihnen nicht unterwerfen wollte (er konnte 1939 in die USA emigrieren). Ferdinand Friedensbacher, 1931 erster Sieger der berühmten Hahnenkamm-Abfahrt in Kitzbühel, machte als Angehöriger der Geheimen Feldpolizei den Westfeldzug mit und wurde 1942 auf Kreta zum Kriegsverbrecher. Es gab selbstverständlich auch andere österreichische Skisportler. Nämlich diejenigen, die zum Beispiel mit ihrem Dienst in der US-Armee einen Beitrag zur Beendigung der nationalsozialistischen Herrschaft leisteten. All das liest man im kantenscharf recherchierten Buch „Österreichs Skisport im Nationalsozialismus. Anpassung – Verfolgung – Kollaboration“ von Andreas Praher. Detailliert legt er dar, wie es dazu kam, dass gerade im alpinen Skisport von Österreich und Deutschland solche Karrieren wie oben möglich wurden. Und wie sie nach 1945 mit einer dicken Schicht Schnee zugedeckt wurden: „Der Skisport legte die politische und gesellschaftliche Verantwortung mit der Wehrmachts- und SS-Uniform ab und zog sich stattdessen eine weiße Weste über.“ Beim Nationalsozialisten Hellmut Lantschner beispielsweise, dem Weltmeister in der Abfahrt von 1939, erfolgte seine politische Rehabilitierung fast im gleichen Tempo.

Skifahren ist halt wirklich mehr, als auf zwei Brettern einen weissen Hang hinabzufahren. Das erfahren wir auch im Buch „Surmonter les frontières à ski/Grenzen überwinden mit Ski“. Die in diesem Band versammelten Beiträge behandeln ein breites Spektrum an Themen, von nationalen und kulturellen Grenzen über Geschlechterbeziehungen bis hin zu sozialen Barrieren. Sie geben Antworten auf die Frage, wie eine aus Skandinavien stammende Praxis auf dem europäischen Festland Fuss fassen und sich verbreiten konnte. Christoph Thöny begleitet die ersten Skifahrer im Bodenseeraum, Christian Koller führt Schweizer Fabrikarbeiter auf die Piste, Rudolf Müllner befasst sich mit der „Akte Toni Sailer“ und den Missbrauchsvorwürfen im österreichischen Skiverband 2017-2019. Der Glarner Christoph Iselin war viel mehr als der schweizerische Skivater, die ersten Skifahrerinnen im Schwarzwald galten als „Skitöchter“ und „Über-Weiber“. Und dann kommt da noch der legendäre Skilift am Piz Mus bei Stuttgart vor, der bis 1995 in Betrieb war. Bis zu zwei Stunden musste man sonntags vor dem Schlepplift in Musberg anstehen, um 300 Meter in zwanzig Sekunden runterzusausen.

Mehr zur Skilift-Kultur in der neuen Biwak-Ausstellung „Après-Lift. Skiberge im Wandel“ im Alpinen Museum der Schweiz in Bern. Sie läuft vom 17. Dezember 2022 bis zum 28. Mai 2023. Die Ausstellung basiert unter anderem auf meinem Buch „Après-Lift. 49 Skitouren auf Ex-Bahn-Berge der Schweiz“, Projektleiter ist Beat Hächler. Wer hätte das gedacht, als wir beide vor knapp 35 Jahren über die Face de Bellevarde nach Val d’Isère kurvten?

Guillaume Desmurs: Une histoire des stations de sports d’hiver. Éditions Glénat, Grenoble 2022. € 26,00.

Ski français. Tome 1: Identité. Éditions Glénat, Grenoble 2022. € 20,00.

Matteo Pacor, Stefano Vegliani: Discese, speciali e giganti. Una storia dello sci alpino. Mondadori Libri, Milano 2022. € 20,00.

Andreas Praher: Österreichs Skisport im Nationalsozialismus. Anpassung – Verfolgung – Kollaboration. Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston 2022. € 48,00. Hier herunterladen: file:///C:/1%20Bilder/%C3%96sterreichs%20Skisport%20im%20Nationalsozialismus.pdf

Thomas Busset, Peter Engel (Hrsg.): Surmonter les frontières à ski/Grenzen überwinden mit Ski. Éditions CIES, Collection Réflexions sportives (vol. 12), Neuchâtel 2021. Fr. 35.- https://shop.cies.ch

Après-Lift. Skiberge im Wandel: www.alpinesmuseum.ch/de/ausstellungen/biwak.

Panoramameister Delkeskamp

Wer den Überblick behalten will, macht das mit Friedrich, Johann und/oder Roger.

5. Dezember 2022

«Wegen Rheumatismus in den Gliedern bin ich mit meiner lieben Frau in Bad Nauheim zur Kur gewesen. Es ist auch von guter Wirkung gewesen, wenn es auch nicht ganz radikal vertrieben wurde. Später machten wir noch eine kleine Reise nach Bamberg, die uns große Freude gemacht hat, die Gegend ist sehr schön, und was mich besonders interessiert und angenehm berührt hat, das ist der schöne Dom in Bamberg mit seinen 4 Türmen, welche Kaiser Heinrich II. hat bauen lassen. Ich habe denselben gezeichnet.»

Fast überflüssig, der letzte Satz. Denn der deutsche Maler und Kupferstecher Friedrich Wilhelm Delkeskamp (1794–1872) hat ein Leben lang gezeichnet. Das wusste der Adressat des Briefes natürlich, der Zürcher Panoramazeichner Johann Müller-Wegmann (1810–1893). Nicht zuletzt dank des Briefes vom 23. Juli 1865, darin ihm Delkeskamp aufgezählt hatte, was er noch alles vollenden sollte: Federzeichnungen von Baumstudien jeder Grösse; Prospektzeichnungen aus Berlin, Potsdam und Breslau; 20 grosse Rheinansichten, 150 mittlere sowie „eine Legion von Ansichten vom Main, desgleichen von der Mosel und Saar, Lahn und Nahe“. Ein unglaublich viel beschäftigter Mann, dieser Friedrich Wilhelm Delkeskamp. Dabei hätte er Kuraufenthalte ohne Zeichenstress geniessen können, denn bis zu seinem 71. Altersjahr hatte er schon sehr viel geleistet: Grossartiges, das wir gerade heute, im Zeitalter von Google Earth und Street View, nur mit Bewunderung anschauen können.

Delkeskamp hatte sich im Jahre 1825 über Deutschland hinaus mit einem Leporello-Rheinpanorama aus der Vogelschau einen Namen gemacht, bevor er auf die mutige Idee kam, zunächst die Ur-Kantone und dann die gesamte Schweiz mit angrenzenden Gebieten allein und ohne technische Hilfsmittel aus der Vogelschau zu dokumentieren. Dafür ist er während fast zwei Jahrzehnten auf zahlreiche Schweizer Berge gestiegen, hat von Frühling bis Herbst Tausende von Skizzen angefertigt, diese im Winter zunächst in Zürich und dann in Frankfurt zusammengesetzt und in die 45° Perspektive der Vogelschau gehoben. Und jetzt legt Rolf-Barnim Foth einen grossformatigen Bildband über den „Meister der Panoramen“ vor – eine Offenbarung.

Dass ein talentierter Zeichner Ansichten anschaulich mit dem Stift wiedergeben kann, das haben vor Delkeskamp weiss Gott schon viele andere bildende Künstler bewiesen. Allerdings verblüffen gerade seine Felszeichnungen mit einer prägnanten Plastizität. Was Delkeskamp jedoch von seinen Zeitgenossen abhebt, sind die Vogelschau-Ansichten. Nicht topografische Karten hat er aufgenommen, sondern Ansichten von oben, genauer: von schräg oben. Die Landschaft mit Siedlungen, Wegen, Äckern, Wäldern, Flüssen und Hügeln farbig erfasst: So präzise, wie das damals möglich war, und noch ein bisschen mehr. Delkeskamp hatte ein unglaubliches topografisches Verständnis: Er stand ja nie so hoch oben, wie er das Land zeigt. Den Lauf des Rheins, die Ur-Schweiz, später die ganze Schweiz, mit all diesen Bergen, Gewässern, Dörfern. Vor allem die Berge, die hatten ja in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kaum Namen, und da kommt einer, und erfasst sie von schräg oben. Und es stimmt so genau, dass wir heute noch damit zurecht kommen, nicht in jedem Detail, aber im Überblick. Ob mal jemand schon angeschaut hat, welchen Gipfeln Delkeskamp eine Form und einen Namen gegeben hat? Aber bestimmt, nur habe ich diesbezüglich grad den Überblick verloren…

Da können nur Leute helfen, die den Überblick haben. Wie zum Beispiel Johann Müller-Wegmann, der mit über 4000 gezeichneten Panoramen und Ansichten massgeblich zur Erschliessung des Alpenraums und des jungen eidgenössischen Nationalstaates beigetragen hat. Wer mehr wissen möchte zu diesem Alpenionier mit Bleistift und Papier, müsste am Donnerstag, 8. Dezember 2022, in die Zentralbibliothek Zürich zum Vortrag von Ylva Gasser, stellvertretender Leiterin Karten und Panoramen, reisen. Leider findet der Vortrag in einem kleinen Saal statt, und er ist restlos ausgebucht. Ganz kleiner Trost: Die Zusammenstellung „Panoramen und Karten des Schweizer Alpen-Club. Die «Artistischen» Beilagen von 1864 bis 1923“ von Roger Hauri ist endlich digital konsultierbar. Darin sind 25 Panoramen von Müller-Wegmann aufgelistet, gleich viele wie vom Berner Gottlieb Studer.

Rolf-Barnim Foth: Der Meister der Panoramen: Friedrich Wilhelm Delkeskamp. Edition Kentavros, Hamburg 2022, € 50,00. www.edition-kentavros.eu

Johann Müller-Wegmann. Alpenpionier mit Bleistift und Papier. Vortrag von Ylva Gasser. Donnerstag, 8. Dezember 18.15, Zentralbibliothek Zürich, Zähringerplatz 6, 8001 Zürich. Eintritt frei, Anmeldung obligatorisch: zb@zb.uzh.ch. Aber leider ausgebucht!

Roger Hauri: Panoramen und Karten des Schweizer Alpen-Club. Die «Artistischen» Beilagen von 1864 bis 1923: https://www.sac-cas.ch/fileadmin/user_upload/Panoramen_und_Karten_des_Schweizer_Alpenclub.pdf

Nur ein kleiner Schubs

Vom Manaslu zur Schwammegg im Züri Oberland: Der Tod wartet auch an kleinen Bergen.

28. November 2022

«Ein falscher Tritt, und es wäre das Ende.
Oder ein Stoß…»

Zwei Zeilen, elf Wörter: Kürzer lässt sich die entscheidende Frage bei Bergkrimis kaum fassen. Amy McCulloch holt im Thriller „Der Aufstieg. In eisiger Höhe wartet der Tod“ auf Seite 462 aber aus, wenn der Staralpinist Charles McVeigh der Journalistin und Bergsteigerin Cecily Wong erklärt:

«Wie ich schon gesagt habe, gibt es keinen besseren Ort als hier oben. Am Everest war nur ein Stoß nötig – ach was, kein Stoß, nur ein kleiner Schubs, fast gar nichts –, und ein Mann ist in den Tod gestürzt. Ein Mann, der geglaubt hatte zu sehen, wie ich Fixseile benutzt hatte, und daraufhin Gerüchte in die Welt gesetzt hat. Was für eine Dreistigkeit! Anzunehmen, dass ich dieselben Hilfsmittel und Krücken benutzen würde, die Durchschnittsmenschen brauchen, um auf diese Gipfel zu kommen.»

Ein echt unsympathischer Kerl, dieser Charles. Mehr sei nicht verraten zum Manaslu-Thriller. Vielleicht noch, dass die Eigernordwand vorkommt, und dass es ein paar alpinistisch nicht ganz korrekte Beschreibungen gibt. Aber da lesen wir grosszügig drüber und hoffen einfach, dass der Charles einen falschen Tritt macht. Oder dass Cecily ihm einen Schubser gibt.

Vom Himalaya in die (bayerischen) Alpen, zu Nicola Förg und zu ihren Kommissarinnen Irmi Mangold und Kathi Reindl. Der dreizehnte Band heisst „Hohe Wogen“, die Fronten führen zwischen Freizeit-Wassersportler und Berufsfischer, Ausflügler und Anwohner, und all das zur Coronazeit. „Die Gipfel sind bevölkert wie Fußgängerzonen“, beklagt sich Hase, der Lebenspartner von Irmi. Es geht nicht nur ins Wasser, sondern eben auch hinauf in die Berge, zum Beispiel auf dem äusserst schwierigen Mauerläufersteig. Doch der Unfall passiert nicht auf diesem Klettersteig, sondern auf dem Gipfel:

«Sie war immer so hektisch. Was, wenn sie da oben auch wieder viel zu unvorsichtig gewesen ist! Es ist extrem ausgesetzt da oben. Ein Fehltritt genügt. Was, wenn sie Basti versehentlich mit dem Objektiv touchiert hat? Und er daraufhin abgestürzt ist?»

An einem Klettersteig selbst kann es auch ganz hektisch werden, wenigstens bei einer Verfolgungsjagd wie im Berchtesgaden-Krimi „Mord am Kehlsteinhaus“ von Felix Leibrock. Sein Erstling „Mord am Watzmann“ (https://bergliteratur.ch/moerderische-berge/) hat mir, auch bergkrimimässig, um einige Tritte besser gefallen. Hier die Szene mit dem guten Polizeibergführer Simon Perlinger und dem bösen Brunner – der Zweikampf an exponierter Lage erinnert von fern an denjenigen zwischen Sherlock Holmes und Professor Moriarty hoch oberhalb des Reichenbachfalls am 4. Mai 1891 (https://bergliteratur.ch/climbing-with-sherlock-holmes/):

«Simon biegt ihm die linke Hand auf den Rücken und schlägt die eine Hälfte der Handschelle über Brunners Handgelenk. Der leistet nun zwar heftigen Widerstand, aber Simon schafft es, Brunners Arm in Richtung des Drahtseils zu drehen. Brunner hält dagegen. Zentimeterweise drückt Simon die andere Hälfte der Handschelle dem Drahtseil entgegen.»

Doch jetzt stehen Winter und Weihnachten vor der Tür. Da kann ich die Winterkrimis „Zürihegel“ von Stefan Haenni empfehlen, wenigstens die Geschichte vom Atzmännig-Sessellift; auf dem Cover entschwinden Zweiersessel im Nebel. Ausschnitt:

«Wo ist eigentlich Ihr Mann geblieben?», wunderte sich der Angestellte, die Hand bereits am roten Hauptschalter der Anlage. «Der war doch gerade noch da?»
In der Tat die entscheidende Frage! Umso mehr galt es für Hedwig, cool zu bleiben. «Ich nehme an, er ist zu unserem Wagen vorausgegangen. Ralf hat über kalte Füße geklagt.»

Der Arme wird auch über andere kalte Körperteile geklagt haben. Nur hörte ihn niemand. Der Tod wartet nicht nur am Manaslu (8163 m), sondern auch am Atzmännig-Gipfel Schwammegg (1282 m).

Amy McCulloch: Der Aufstieg. In eisiger Höhe wartet der Tod. Piper Verlag, München 2022, € 17,00.
Nicola Förg: Hohe Wogen. Ein Alpen-Krimi. Piper Verlag, München 2022, € 16,00.
Felix Leibrock: Mord am Kehlsteinhaus. Servus Verlag, Wals bei Salzburg 2022, € 14,00.
Stefan Haenni: Zürihegel. Winterkrimis. Gmeiner Verlag, Meßkirch 2022, € 14,00.

Unter den Wolken

Wanderhöhepunkte in Deutschland: nix wie hoch! Entweder in alle 16 Bundesländer – oder „nur“ auf die Schwäbische Alb. Runterkommen tun wir immer.

21. November 2022

«In diesem Moment ging der Regen in Schneeregen über, und nach etwa anderthalb Kilometern durch den dichten Laubwald hatten wir den Gipfel des Dollbergs erreicht. Schon aus der Entfernung konnten wir sehen, dass ein großer Baum im Sturm der letzten Stunden umgeknickt und mit seiner Baumkrone mitten hinein in das braune Gipfelschild des Dollbergs gestürzt war. Manuel Andrack war genauso baff wie ich und begann zu spekulieren: ‹Ich glaube›, sagte er, ‹es ist ein Hinweis, sich zu verpissen, bevor der Sturm kommt.›
Ich hatte mir von Anfang an das Ziel gesetzt, an jedem der sechzehn Gipfel eine kleine Flasche Schnaps zu verstecken oder zu vergraben, entweder als Anreiz für mich, irgendwann zurückzukehren und diesen Schatz zu heben, oder als kleine Belohnung für aufmerksame Erstleser dieses Buches.»

Das Buch heisst „Unter den Wolken. Meine Deutschlandreise auf die höchsten Berge aller 16 Bundesländer“, der Schnapsverstecker ist Achim „Sechzig“ Bogdahn, Radiomoderator, Schauspieler und Fussballfan aus München. Sein Begleiter auf dem Dollberg (695,4 m), Top of Saarland, war an jenem stürmischen 14. März 2019 Manuel Andrack, früher Harald Schmidts Late-Night-Assistent, heute Wanderguru. Begonnen hatte Achims Bergreise in die sechzehn Bundesländer am 21. November 2018 mit dem Brocken (1141,2 m), dem höchsten Gipfel von Sachsen-Anhalt, zu Ende ging sie am 10. Juli 2021 logischerweise mit dem höchsten von Bayern und ganz Deutschland, mit der Zugspitze (2962 m), in Begleitung der Skilegende Felix Neureuther. Dazwischen vierzehn andere höchste Berge, wobei die Erhebung (32,5 m) im Friedehorstpark von Bremen nicht wirklich als Berg bezeichnet werden kann. Und der Kutschenberg (200,7 m) ist zwar der höchste Berg von Brandenburg, aber nicht der höchste Punkt; das ist die Heidehöhe (201,4 m) am Gipfel Heideberg, der aber schon in Sachsen liegt.

Solche topografischen Unebenheiten kennen wir auch von andern Gebieten: Das Nordend (4609 m) ist der höchste Gipfel des Piemonts, der Grenzgipfel (4617 m) am Kamm zur Dufourspitze aber der höchste Punkt. Fast ähnlich die Lage im Kanton Aargau: Der höchste Punkt (908 m) befindet sich am Nordostrücken der kantonsfernen Geissflue, der höchste aargauische Gipfel ist die Wasserflue (866 m) oder der Strihe (866 m); die Landeskarte gibt keine Dezimeter an.

Doch zurück zu Gipfelstürmer Achim und sein Land unter den Wolken. Das Besondere an seinen Besteigungen waren die BegleiterInnen: immer eine Persönlichkeit aus dem entsprechenden Bundesland. Im Friedehorstpark Bremens Altbürgermeister Henning Scherf, beim Wurmberg/Niedersachsen (971,2 m) die Ex-Bischöfin Margot Käßmann, am Feldberg/Baden-Württemberg (1493 m) der Ex-Fussballer Mehmet Scholl (er schaffte es nicht auf den Gipfel, weil er keine Windjacke dabei hatte…). Die Begleitung ermöglichte interessante Gespräche und Begegnungen; gerade auch letzteres, denn die VIP’s wurden oft erkannt. Und, noch eine Besonderheit: Achim Bogdahn unternahm die Reisen immer per Bahn und Bus. All das beschreibt er nun griffig, abwechslungsreich, humorvoll, manchmal auch etwas böse. Wir lernen ein neues, anderes Deutschland kennen, nicht nur gipfelmässig. Doch auch die Höhepunkte dürften unbekanntes Land sein; ausser Zugspitze, Feldberg und Brocken hatten wir von den andern Bergen kaum je etwas gehört, wenn wir überhaupt im Stande waren, die sechzehn Bundesländer aufzuzählen… „Unter den Wolken“ ist ein sehr unterhaltsames Lese(wander)buch; schade nur, dass pro Berg nicht noch kurz stichwortartig steht, wie man am besten hin-, hoch- und runterkommt.

Solche Angaben machen ein normales Wanderbuch bekanntlich aus. Das folgende habe ich aus zwei Gründen gekauft. Erstens gefielen mir Haupttitel sowie die Titel der 21 vorgestellten Touren. Und zweitens waren wir früher dort oft wandern, joggen, spazieren. Denn meine Schwiegermutter Heidi Feller-Albus kommt aus Bad Beuren südlich von Stuttgart. Ihre Mutter Hilde Albus besuchten wir immer wieder, solange sie lebte; der Beurener Fels (730 m) oberhalb der Weinberge und der Hohenneuffen (743 m) mit seiner riesigen Burgruine waren sozusagen meine Hausberge. Sie liegen beide im Biosphärengebiet Schwäbische Alb. Autor Dieter Buck preist die Wanderungen auf die beiden Gipfel so an: hochgehlegen, hochgehfestigt, hochgehkeltert. Der Führer selbst heisst: »Hochgehberge« zum Runterkommen.

Das machen wir, beides. Am Beurener Fels so gut wie am Dollberg.

Achim Bogdahn: Unter den Wolken. Meine Deutschlandreise auf die höchsten Berge aller 16 Bundesländer. Wilhelm Heyne Verlag, München 2022. € 22,00.

Dieter Buck: »Hochgehberge« zum Runterkommen. Wandern im und um das Biosphärengebiet Schwäbische Alb. J. Berg Verlag, München 2021. € 16,00.