Drei neue Bücher zum Thema Skifahren und Schnee. Und eine vielleicht visionäre Skierzählung von Peter Stamm.
«La neige posait problème.»
Wie wahr, dieser Beginn der Geschichte «Le ski» des Genfer Schriftstellers Guillaume Rhis über Familienwinterferien in La Barboleuse in den Waadtländer Alpen. Der Schnee macht zur Zeit in den Schweizer Alpen grosse Probleme, viel grössere als den Eltern des jungen Guillaume, wenn ihr bescheidenes Ferienchalet unter der weissen Dachlast einzustürzen drohte:
«On trouvait dans l‘atelier une échelle centenaire. Quand mon père l’appuyait contre la gouttière, nous autres femme et enfants retenions notre souffle. Maman sécurisait d’une main le vieil outil, le corps raide, inquiète; Papa, le gant prolongé d’une balayette en roseau, jouait avec le danger. Combien de fois la scène s’est-elle répétée tout au long des années 1990?»
Wer immer auch mal mit den Eltern – oder ebenfalls mit Gleichaltrigen – Skiferien genoss (oder auch nicht, kann ja vorkommen…): Das schmale Buch von Rhis findet immer Platz im Gepäck, sei es nur bei einem Tagesausflug, sei es für die Settimana bianca in Cortina d’Ampezzo (die Olympiade dauert ja nur noch bis Sonntag) oder gar in den Monti Sibillini.
Vom Schnee von heute zum «Schnee von morgen» mit Laura Anninger. Im Untertitel heisst das Buch der österreichischen Umwelt- und Wissenschaftsjournalistin «Über das Skifahren in Zeiten des Klimawandels». Sie war in Hörsälen und Gondeln unterwegs, hat mit ganz vielen Leuten gesprochen, die etwas vom Schnee verstehen bzw. von ihm leben, auch wenn sie oft nachhelfen müssen, wenn er nicht wie jetzt in kaum zu bändigenden Massen vom Himmel fällt. Vielleicht müsste man Frau Holle mal klar machen, dass wir sie schon schätzen und dies noch stärker täten, wenn sie mehr Konstanz in ihre Arbeit brächte, nämlich immer wieder ein paar Dezimeter und nicht plötzlich meterweise Schnee. Oder leidet sie eventuell auch unter dem Klimawandel? Möglich wär’s. Doch zurück zu Frau Anninger. Im Kapitel «Schneeschuh, Zipline, Mountainbike. Warum sich Skigebiete neu erfinden müssen» lesen wir:
«Es werden weitere Gebiete geschlossen werden. Anpassung ist immer nur zu einem gewissen Grad möglich. Denn bei all den Bemühungen bleibt Fakt: Skifahren wird in den kommenden Jahrzehnten nur an immer weniger Orten, zu immer höheren Preisen, mit steigendem Einsatz von Energie sowie Wasser und laufenden Eingriffen in den Naturraum möglich sein.»
Düstere Aussichten für den Pistenskilauf. Aber muss er denn überhaupt draussen stattfinden? Genau darum geht es in der hoffnungsvollen Skiliebesgeschichte – der Valentinstag liegt ja noch nicht weit zurück – mit dem Titel «Lieke schreibt…» im neuem Erzählband «Auf ganz dünnem Eis» des Schweizer Schriftstellers Peter Stamm. Hauptfigur in dieser ersten Erzählung ist ein Schweizer Skilehrer, der nach einem Unfall zuhause nun in Bottrops Skihalle unterrichtet. Ich bin dort auch Ski gefahren. Doch kurven wir mit Peter bzw. seinem Skilehrer, der die erste Abfahrt immer alleine macht:
«Ich fahre los, schwinge über den erst flachen, dann steiler werdenden Hang. Der Fahrtwind lässt meine Augen tränen, die Kälte brennt mir im Gesicht. Ich reiße die Augen auf, ich bin kurz vor der Kurve, ein weiter Schwung. Ich weiß genau, von wo aus ich laufen lassen muss, damit ich die kleine Steigung am Ende der Piste hochkomme. Die Ampel steht auf Grün. Eine Minute Abfahrt, fünf Minuten auf dem Förderband in diesem scheußlichen Tunnel.»
Wesentlich länger, wesentlich anstrengender, ja eigentlich gar nicht vergleichbar, aber halt doch Skisport, wenn auch nicht mit Pisten- oder Tourenskis, sondern mit Langlaufskis. Und erst noch auf dem mythischen Vasaloppet. Jedes Jahr am ersten Sonntag im März wird der Wasalauf zwischen den Orten Sälen und Mora in der schwedischen Landschaft Dalarna über 90 km in klassischer Technik ausgetragen, und das seit 1922. Davon schreibt die deutsche Schriftstellerin Antje Rávik Strubel im Essay «Kein Schnee, nimmermehr. Neunzig Kilometer Mutmaßungen übers Skifahren, das Schreiben und den Tod». Der Rückseitentext startet so: «Ski sind das älteste Fortbewegungsmittel der Menschheit und so geht mit dem Schnee viel mehr verloren als ein Wintersport: eine ganze Sprachwelt und eine existenzielle Erfahrung.» Dazu gleich eine Bemerkung, obwohl es mir als Skisportler schon gefiele, wie wichtig die beiden langen Latten für die Menschen sind. Bevor diese aber auf jenen über den Schnee glitten, wurde schon lange auf Flössen von Insel zu Insel gerudert. Doch mit dieser Laufkorrektur wollen wir die Übersicht über neue Schnee- und Skiliteratur dann doch nicht abschliessen, sondern lieber mit einer wichtigen Skisportlerin:
«Die erste Frau in Hosen war eine Skifahrerin: Kristine Drolsum aus Christiana, dem heutigen Oslo, nähte sich 1896 einen dunkelblauen Skianzug. Er bestand aus Hosen und einer Jacke, die oberhalb der Knie endete. Angesichts der sonst üblichen schweren Röcke war das eine Revolution, die wie andere Revolutionen in jeden Geschichtsunterricht gehört.»
Guillaume Rihs: Ski. Éditions Slatkine, Genève 2026. Fr. 21.45.
Laura Anninger: Schnee von morgen. Über das Skifahren in Zeiten des Klimawandels. Verlag Anton Pustet, Salzburg 2025. € 26,00.
Peter Stamm: Auf ganz dünnem Eis. Erzählungen. S. Fischer Verlag, Frankfurt aM 2025. € 24,00.
Antje Rávik Strubel: Kein Schnee, nimmermehr. Neunzig Kilometer Mutmaßungen übers Skifahren, das Schreiben und den Tod. Residenz Verlag, Salzburg 2025. € 20,00.

























