Das Relief der Schweiz

Ein gewichtiges Buch für alle, die die schweizerische Landschaft à fond kennenlernen möchten.

19. September 2020

«So wie man an einzelnen organischen Wesen eine bestimmte Physiognomie erkennt; wie beschreibende Botanik und Zoologie, im engern Sinne des Worts, fast nichts als Zergliederung der Thier- und Pflanzenformen ist: so giebt es auch eine gewisse Naturphysiognomie, welche jedem Himmelsstriche ausschlieſslich zukommt.»

Dieser Satz des Universalgelehrten Alexander von Humboldt aus seinen „Ideen zu einer Physiognomik der Gewächse“ (Tübingen, 1806) findet sich im Nachwort eines rundum gewichtigen Buches. Mit dem knapp A4 grossen, 3 cm dicken und 2,1 kg schweren Werk „Das Relief der Schweiz. Bildatlas der Oberflächenformen“ hat Herbert Bühl eine einmalige Übersicht zur Geomorphologie des zwischen Alpen und Jura eingebetteten Landes geschaffen. Auf 470 Seiten und mit 420 Fotos, 100 Karten, 85 Orthofotos, 80 Reliefs, 16 Tabellen und 15 Grafiken präsentiert er Landformen und Landschaftsräume mit ihren Geschichten. Der Erdwissenschaftler und Umweltplaner gibt karto- und fotografische Einblicke in die unglaubliche und oft auch unbekannte Vielfalt der schweizerischen Landschaften.

Natürlich: Ganz leicht zu lesen ist das üppige Werk nicht. Während man die Überschrift „Aktuelles Sackungs-, Rutsch- und Felssturzgebiet über dem Grossen Aletschgletscher“ locker begreift, muss man bei „Periglaziale Denudationsprozesse“ vielleicht schon zweimal ansetzen. Die dazugehörigen Fotos helfen aber beim Verstehen, auch wenn diese Bildlegende wieder ein Stolperstein werden könnte: „Texturboden mit polygonalem Vegetationsnetz um flechtenbewachsene, leicht aufgewölbte Erdkissen auf dem Fil de Cassons, Flims GR, ca. 2650 m.ü.M.“ Dort stand ich wahrscheinlich schon mal, nur sind mir damals diese Erdkissen nicht aufgefallen, noch hätte ich sie irgendwie einordnen können.

Klar: „Das Relief der Schweiz“ ist kaum ein Buch, das man von A wie Abrissfläche und Adelboden bis Z wie Zungenbeckensee und Zwischenbergen (aus dem Sach- bzw. Ortsregister) lesen wird. Aber es ist eines, das man immer wieder gerne zur Hand nimmt und sich in ein Kapitel vertieft. Beispielsweise über die „Morphologie der Fliessgewässer“. Allein das seitengrosse Foto des Mutzbachfalles ruft dazu auf, diesen Wasserfall im Oberaargau zu besuchen. Und wenn wir schon dort sind, wandern wir unbedingt noch weiter auf den aussichtsreichen Oberbüelchnubel (818 m); er ist Teil der „Sandstein- und mergeldominierten Riedellandschaften der Mittelländischen Molasse“, einem der 67 geomorphologischen Landschaftstypen der Schweiz.

Alexander von Humboldts bereiste mehrmals die Schweiz. Ja, im Herbst 1795 erwog er sogar eine Auswanderung an den Sarner- oder Vierwaldstättersee, wie er Christiane von Waldenfels schrieb: „Es bleibt die lieblichste Gegend der ganzen Schweiz, und wenn wir nicht zusammen nach Amerika wandern, so müssen wir dahin, um, abgesondert von den sogenannten gebildeten Menschen, ein stilles glückliches Leben zu führen.“ Doch zu welchen Oberflächenformen gehören nun diese Seen bzw. die Berge an ihren Ufern?

Herbert Bühl: Das Relief der Schweiz. Bildatlas der Oberflächenformen. Haupt Verlag, Bern 2020, Fr. 78.-

Storie di montagne

Bergsport- und Hüttengeschichte(n) aus dem Ticino. Insbesondere von seinem Dach, der Adula.

9. September 2020

«Ce refuge ne sera jamais, ne pourra jamais être le rendez-vous des membres du C.A.S. Et pourtant nous ne pouvons pas renoncer aux beautés du massif de l’Adula.»

Klare Worte von Antonio Solari, Präsident der Sektion Ticino des Schweizer Alpen-Clubs, im November-Heft 1923 der SAC-Zeitschrift „Alpina“ zur frisch eingeweihten Capanna Adula. Das Problem: Ausgerechnet an der Adula (3402 m), dem höchsten Gipfel des Tessins und auf der Alpennordseite besser bekannt als Rheinwaldhorn, war die 1886 gegründete SAC-Sektion Ticino von der Konkurrenz überholt und deklassiert worden! Schlimmer noch: Von einem linken Bergsteigerverein, der sich erst am 12. April 1919 in Bellinzona gegründet hatte: von der Unione Ticinese Operai Escursionisti (UTOE). Dass die UTOE das finanzielle Geschenk eines Mannes annahm, der in der Zeitschrift „Adula“ den Anschluss des Tessins an Italien propagandierte, während der Club Alpino Svizzero ein solches abgelehnt hatte, machte die verzwickte Sache auch nicht besser.

Am 9. September 1923 weihten die Tessiner Arbeiter Bergsportler ihre Capanna Adula ein, am 28. September 1924 die eher bürgerlich gesinnten Mitglieder des CAS Ticino. Nur: Die „linke“ Hütte liegt genau 380 Höhenmeter über der „rechten“. Sonst ist es ja meistens umgekehrt: Die SAC-Hütten befinden sich weiter oben als die Naturfreunde-Häuser, viel weiter oben. Im Tessin verlief die Geschichte des Alpinismus halt anders als in der übrigen Schweiz.

Das von Marco Marcacci herausgegebene Jubiläumsbuch „Storie di montagna – 100 anni UTOE Bellinzona“ beleuchtet diese Geschichte. Die Gründung der UTOE, die Zusammenkünfte, die Touren. Und natürlich die Hütten: nicht nur an der Adula, sondern ebenfalls am Corno di Gesero (dort wird an einem neuen Ort, am Westgrat der Cima delle Cicogne, zur Zeit eine neue Hütte gebaut, weiter oben als die alte), am Monte Tamaro. Und dann ist da noch die Capanna Albagno am Weg zur Cima dell’Uomo, schwierig zugänglich im Winter. Aber das Titelbild des Buches zeigt einen einsamen Skifahrer bei der Hütte, hoch über Alltag und Politik.

Andere Kapitel im fein illustrierten Buch beleuchten allgemeine Fragen des Bergsportes. So den Wandel des Hüttenbaus, den Einfluss des Alpintourimus auf die Biodiversität. Und Mario Casella geht unter dem Titel „Dal piombo al cinguettio“ (Vom Bleisatz zum Twitterknopf) der Frage der Mediatisierung der Berge nach. Druckerschwärze verursachten verständlicherweise auch die Capanne Adula. Im November 1924 berichtete die „Alpina“ über neue, umgebaute und geplante SAC-Hütten, darunter auf zwei Seiten über ihre Capanna Adula. Sie wird genau beschrieben, inklusive Lage und Aussicht. Aber kein Wort, dass weiter oben eine andere Adulahütte den Aufstieg aufs Dach des Tessins um eine Stunde verkürzt.

Marco Marcacci (a cura di): Storie di montagna – 100 anni UTOE Bellinzona. Salvioni Edizioni/UTOE Bellinzona, 2019, Fr. 38.-

Eiger, Eiger & Eiger

Passion Eiger. Gleich in drei neuen Werken.

1. September 2020

«Wir sind heraus aus unserem Film, ohne inszenierten Absturz, ohne spektakuläre Rettungsaktion à la Toni Kurz und trotzdem erfüllt von lebendigen Bildern und Erfahrungen aus dem Schatten der Nordwand. Diese nehmen wir mit in den nächsten Film: letzte Rucksackschlepperei hinunter zur Bahnstation Eigergletscher, hochsommerliche Wärme im Tal und ein erfrischend-kühles Bad im Brienzersee. C’est la vie!»

So schliesst Daniel H. Anker (Jg. 1959), Lehrer, Bergführer und Erstbegeher schwierigster Routen vor allem in den Berner Alpen und im Montblanc-Massiv, seinen Beitrag „Unser eigener Eiger-Film“ im jüngsten Buch zur berühmtesten Nordwand der Welt: „Passion Eiger. Legendäre Routen damals und heute.“ Eine dieser Routen ist „Eigersanction“, die den Titel des Films mit Clint Eastwood aufnimmt, der seinerseits auf dem gleichnamigen Roman von Trevanian aufbaut. Daniel H. Anker – das „H.“ ist insofern wichtig, als es sonst noch mehr Verwechslungen gibt mit dem andern Daniel Anker (Jg. 1954), Historiker, Journalist und Autor von Bergbüchern – eröffnete „Eigersanction“ zusammen mit Michel Piola. Ihre erste gemeinsame Route in der Wand der Wände, unternommen an drei Tagen Anfang August 1988: Die Kletterei bedeutete „die Umsetzung bohrhakengesicherter Sportkletterrouten im alpinen Gelände“, wie in „Passion Eiger“ zu lesen ist. Das Buch wird am Donnerstag, 10. September 2020, im Kino Rex in Thun vorgestellt.

Wenn sich solche Spezialisten zu einer neuen Eiger-Seilschaft verbinden, kann nichts schiefgehen: Rainer Rettner, Kenner und Archivar der Eiger-Geschichte schlechthin sowie Autor von drei Büchern zum Thema; Jochen Hemmleb, Mitautor des Buches über die Eiger-Winterdirettissima von 1966; Roger Schäli, Extremalpinist und Begeher fast aller alten und neuen Routen in der Nordwand. Ihr Buch über die Eigernordwand ist so markant und spannend wie diese Wand. In 15 Seillängen wird die Geschichte der Direktrouten von den Anfängen bis zu den spektakulären Wiederholungen durch Schäli & Co. erzählt und beschrieben, mit vielen unbekannten Fotos gezeigt und mit Porträts von Eigermännern und -frauen ergänzt. Zudem kommen vier Eigerhelden in Originalbeiträgen zu Wort, darunter eben mein Namensvetter. Schlicht grossartig, wie Christel, Michel und Pavel einst voraus spurten, was Roger mit Robert und Nina in freier Manier wieder und neu erkletterte – und was sich nun alles auf fast 300 Buchseiten nachlesen lässt. Kurz: „Roger Schäli – Passion Eiger“ ist ein Eckpfeiler der Bergliteratur.

Kalt ist die Eigernordwand, aber sie lässt einen nicht kalt. Auch nicht den Mailänder Reise- und Bergschriftsteller Paolo Paci (Jg. 1959), der nach dem starken Werk über das Montblanc-Massiv (vgl. https://bergliteratur.ch/gipfelstuermer-im-montblanc-massiv/) das Berner Oberland ausführlich erkundet hat. „L’Orco, il Monaco e la Vergine. Eiger, Mönch, Jungfrau e dintorni: storie dal cuore ghiacciato d’Europa” heisst sein lesenswertes neues Buch, trotz ein paar Verhauern, gerade am Eiger. So unternahm 1937 Loulou Boulaz, einst die beste Alpinistin der Schweiz, nicht mit Raymond Lambert einen Durchsteigungsversuch, sondern mit Pierre Bonnant. Insgesamt aber bringt Paci erwärmende, teils kaum bekannte Geschichten aus dem eisigen Herz Europas, und nicht nur vom bösen Oger und andern Högern, sondern auch von Chalets und Kühen, Quellen und Segelbooten. Einzig über die (bern)deutschen Namen beklagt er sich mehrmals: Oeschinenwald, Rezligletscherseeli oder Ziegenzuchtgenossenschaft ist für einen Anderssprachigen halt kaum on sight zu schaffen (um einen klettertechnischen Begriff zu strapazieren).

Vor 85 Jahren hätte der 15. Band der Reihe „Le montagne incantate“, die der Club Alpino Italiano mit National Geographic herausgibt, noch nicht so geheissen: „Sull’Eiger – La parete della paura e l’Oberland Bernese“. Bis 1935, als die ersten Toten in der Eigernordwand für Schlagzeilen sorgten, stand die Jungfrau unangefochten an erster Stelle der Berner Oberländer Gipfel. Nun liegt sie sozusagen im Schatten des Eigers und seiner „Wand der Angst“. Die Vergine hat in diesem 160seitigen, bellissimo bebilderten Buch natürlich schon auch ihre Auftritte, vor allem im Kapitel „Sulla Jungfrau con Hegel e Byron“. Und doch haben es die beiden Herren schwer gegen Clint Eastwood, der von seinen Filmarbeiten am Eiger erzählt. Was italienische Seilschaften in der „parete della paura“ erlebten, wird gleich in zwei Kapiteln geschildert. Und schliesslich haben Rainer Rettner und Daniel Anker ihre Eigerchronik bis ins Jahr 2019 aufdatiert. Vor ziemlich genau einem Jahr eröffnete Roger Schäli zusammen mit Nina Caprez (Schweiz) und Sean Villanueva (Belgien) am Genfer Pfeiler die neue Linie „Merci la vie“. Die noch ausstehende Rotpunktbegehung dieser rein klettertechnisch schwierigsten Nordwandroute schafften Roger und Nina im Juli bzw. August 2020. Vor ein paar Wochen aber wurde Mister Eiger seiner Wand untreu: Mit Anne-Gita Scheibler kletterte er die neue Route „Silent Crush“ in der Südostwand. Eiger rundum halt.

Roger Schäli, Rainer Rettner, Jochen Hemmleb: Passion Eiger. Legendäre Routen damals und heute. AS Verlag, Zürich 2020, Fr. 34.90.
Buchvernissage „Roger Schäli – Passion Eiger“ am Donnerstag, 10. September 2020, im Kino Rex in Thun. Apéro Riche ab 19 Uhr, Präsentation des Buches von 20 bis 22 Uhr. Eintritt 10 Fr. Anmeldung unter: www.baechli-bergsport.ch/passion-eiger

Paolo Paci: L’Orco, il Monaco e la Vergine. Eiger, Mönch, Jungfrau e dintorni: storie dal cuore ghiacciato d’Europa. Casa Editrice Corbaccio, Milano 2020, € 19.90.

Sull’Eiger – La parete della paura e l’Oberland Bernese. Le montagne incantate, Vol. 15. Club Alpino Italiano/National Geographic, Roma 2020. € 12.90. www.cai.it/prenotazioni/libri-e-manuali/le-montagne-incantate/; www.nationalgeographic.it/montagne-incantate

Emil Meiers Bergfahrten

Ein privates Tourenbuch, das immerhin in einigen Exemplaren vorliegt. Zum Glück für die Nachsteigenden hat der Verfasser auch noch gefilmt. Sechs Filme sind nun allgemein zugänglich.

27. August 2020

«V: Viel Gepäck, magere Tourenbeschreibung, kein Führer, daher diverse unnötige Varianten. Beide Kanten gefilmt. Am Fuori Schuhe mitgenommen, was nicht nötig gewesen wäre. Am Bügeleisen Schuhe mit und 1 Pickel pro Partie. Bügeleisen über den Grat. Allein in der Hütte. Wir sind die Fürsten dieser Welt.»

Was für ein emotionaler Satz im sonst so nüchternen Fahrtenbuch eines Bergsteigers, der in den 1940er Jahren zu den besten der Schweiz zählte: Emil Meier, ETH-Ingenieur aus Wetzikon, 1914 geboren, am 13. August 1950 am Brouillardgrat abgestürzt, weil sich ein Felsblock plötzlich löste. Sein 1955 unter dem Titel „Bergfahrten“ vervielfältigtes Tourenbuch beginnt am 29. Juni 1926 mit „Schulreise 6. Kl. ins Klöntal bis Vorauen. Rückfahrt auf dem See. Schön mit Gewitter.“ und endet mit dem Eintrag zur Überschreitung der Westgruppe in den Engelhörnern am 11. Juni 1950; die letzte Zeile lautet: „W: Sehr schön, aber heiss.“ W steht für Wetter, V für Verhältnisse, B für Bemerkungen und T für Teilnehmer. Diese hiessen bei den Bergeller Kanten vom 2. bis 7. September 1941: Otto Gerecht und Josef Borde für die Nordwestkante an der Sciora di Fuori, nur Gerecht für das Bügeleisen und die Gemelli-Kante an den Pizzi Gemelli. Josef Borde wurde bekannt für seinen Kocher, der für Kenner noch immer als einer der besten und handlichsten gilt. Gerecht seinerseits eröffnete vor allem in den Urner Alpen schwierige Neutouren und stand 1945 mit seinen Gefährten als Erster auf dem Ruchenfensterturm, an dem sich einige Könner vergeblich die Zähne ausgebissen hatten.

In der SAC-Zeitschrift „Die Alpen“ sind vier Berichte von Emil Meier zu finden, so zur Fuori-Kante, zu einer Winterbesteigung des Weisshorns über den Nordgrat und zu einer Besteigung der Dent d’Hérens mit Sommerski. Aber bemerkenswerter noch als das private und öffentliche schriftliche Festhalten schwerer Bergfahrten ist der Kurzsatz im oben wiedergegebenen Zitat: „Beide Kanten gefilmt.“ Sechs Filmrollen von Emil Meier sind als Geschenk in den Bestand der Bündner Kantonsbibliothek gelangt und von dieser digitalisiert worden. Zum 70. Todestag des Alpinisten hat das AV-Medienportal Graubünden die Filme nun zugänglich gemacht, darunter denjenigen vom September 1941 mit den Bergeller Kanten und Besteigungen von Vorderspitze und Gertrudspitze am 4./5. Oktober 1941. Titel dazu im Tourenbuch: „Engelhörner mit Velo und Kino“. Immerhin nahm Emil Meier an jenem Oktoberwochenende schon auch den Zug für die An- und Rückreise von Wetzikon ins Berner Oberland. Stolz notierte er aber: „Von Rosenlaui bis Luzern alles mit Velo in 3½ Std.“.

Drei Touren weiter unten bleibe ich an der Parsenn-Skitour vom 16. November 1941 hängen: „Auskosten der Sonne in der menschenleeren Schwendi-Terrasse. Bis dahin guter Pulverschnee, dann nur noch gefrorene Wiesen mit ca. 5 cm Schnee, was aber nur unser Slalomtraining steigert. Einige Kratzer sind die Folge.“ Umso mehr geniessen wir den heutigen letzten Sommertag. Denn für den 30. August 2020 meldet der Wetterbericht: „Am Sonntag oft stark bewölkt und besonders in den Alpen sowie in der Ostschweiz weiterhin häufig Regen, Schneefallgrenze gegen 2300 bis 2700 Meter sinkend.“

Emil Meier: Bergfahrten. Privatdruck, 1955. Kann zum Beispiel in der Zentralbibliothek Zürich für den Lesesaal ausgeliehen werden; www.nebis.ch. Und hier der Link zum AV-Medienportal, beim Stichwort „Emil Meier“ eingeben: https://www.gr.ch/DE/institutionen/verwaltung/ekud/afk/kbg/online/av-portal/Seiten/av-portal.aspx

Wohlensee und der schönste Fluss der Welt

Die Aare fliesst durch drei natürliche und sechs künstliche Seen. Der Wohlensee bei Bern entstand vor genau 100 Jahren.

23. August 2020

«… ich tat eigentlich nichts auf und mit meinem Boot, ich träumte, das heißt, ich stellte mir vor, ich sei nicht auf dem Wolensee (sic!), sondern in einem norwegischen Fjord oder in Michigan oben, ein Trapper. Der See war kein richtiger See, nur eine Verbreiterung der Aare, obwohl er das Wort See im Namen trägt. Es gab da ganze Schilffelder mittendrin, wahre Verlandungen, und es gab Pfahlhütten, die Fischern gehörten, längs der Ufer, und der Wald trat überall direkt ins Wasser hernieder, er verdunkelte den See, der ein Waldsee war, ich ruderte mich durch die Schilfgebiete, flußauf, und ich ließ mich manchmal lange treiben, oder ich landete, spielte mir schwierige Landungen vor und richtiges an-Land-Treten, Neuland betreten war das, abenteuerlich, ich lebte ahnungsvoll andere Leben nach, Leben, die ich gelesen hatte oder die ich mir vorstellte, immer ging es um hartes wirkliches abenteuerliches Leben, nicht um Mußestunden, nicht um Sport, nicht um Erholung. Der Wolensee war mein Gedanken-, Wunsch- und Sehnsuchtsraum, in welchem ich Leben vorausnahm, Leben, das in der Berner Länggasse, die mich bisweilen mit einer tödlichen Öde überfiel, nicht stattfand.»

Wer „Paul Nizon Wohlensee“ googelt, erhält auf www.literatur-karten.ch obigen Ausschnitt aus dem Buch „Das Jahr der Liebe“ (1984) des Schweizer Autors, der seit 1977 in Paris lebt. Ich las diese Passage zum ersten Mal im eben herausgekommenen Bildband „Wohlensee“ von Hans Markus Tschirren mit Fotos von Alexandra Hertig. Nizons Erinnerung ist eingeklinkt auf eine Doppelseite, die den herbstlich angehauchten See zeigt, mit einem baufällig wirkenden Bootshaus im Vordergrund, das auf dem gestauten Aarewasser zu schwimmen scheint. Seit Montag, 23. August 1920, wird das gemacht. Heute vor genau hundert Jahren wurde der Stollen geschlossen, durch den die Aare floss, als das Wasserkraftwerk Mühleberg von 1917 bis 1920 gebaut wurde. Und der Wohlensee entstand und überflutete 20 Bauernhöfe. Geblieben sind die Grundmauern des Mäder-Hofs unter dem Schürhubel; dort brachte einst die Schüür-Fähre die Leute über die Aare. Fünf Brücken führen über den Wohlensee, von der Halenbrücke bis zur Wehrbrücke. Ob der Wohlensee allerdings bei der Halenbrücke beginnt (wie auf der Landeskarte der Schweiz zu sehen, wo das Gewässerblau heller wird), ist umstritten. Wer nämlich dort in der Aare schwimmt oder böötlet, wird unwiderstehlich flussabwärts getrieben; erst beim Stegmattsteg lässt das Fliessen nach.

Wer durch den 348seitigen, prächtig bebilderten Band paddelt, lernt Berns 12 km langen, 3,2 km2 grossen und bis 18 m tiefen Aaresee von allen Ufern und Untiefen kennen. Bilder aus den vier Jahreszeiten zeigen die Gegenwart des sechsten Sees, den die Aare auf dem Weg vom Oberaargletscher zum Rhein durchmisst, als beliebtes Naherholungs- und Sportgebiet sowie als naturbelassenen Lebensraum zahlreicher Tier- und Pflanzenarten. Ausserdem stellen zwölf Anwohner*innen ihren Wohlensee vor und erzählen spannende Geschichten. Einer ist allerdings schon lange tot: Gabriel Narutowicz, der Oberbauleiter des Wasserkraftwerkes; 1865 geboren im heutigen Litauen, Tuberkulose-Aufenthalt in Davos, Bauingenieur-Studium an der ETH, 1896 Einbürgerung in der St. Galler Gemeinde Untereggen, Professor für Wasserbau an der ETH. Am 9. Dezember 1922 wurde Narutowicz von der Nationalversammlung zum ersten verfassungsmässigen Staatspräsidenten Polens gewählt, am 16. Dezember von einem Anhänger der radikalen Rechten erschossen.

Wer den Wohlensee in libro und in natura erlebt hat, will bestimmt noch mehr wissen vom Aqua, das ihn ausfüllt. Dann kann ich dieses blaugrüne Buch von Stefanie Christ, Sabine Glardon und Maria Künzli allerwärmstens empfehlen: „Liebe Aare. Ein grafisches Fanbuch über den schönsten Fluss der Welt“. Witzig und wirblig, überlegen und überraschend crawlen die drei „Aarenixen“ vorbei an Geschichte, Gestade und Gestalten des längsten Flusses, der gänzlich innerhalb der Schweiz verläuft. Nur beim Flussverlauf haben sie einen Stausee vergessen: den Klingnauer Stausee; aber gut ein Kilometer später geht die Aare ohnehin unter. Die letzte Doppelseite bringt „Fünf Argumente gegen die Aare“; das fünfte lautet so: „Die Konkurrenz: Das Meer. Punkt.“

Hans Markus Tschirren: Wohlensee. Werd & Weber Verlag, Thun/Gwatt 2020, Fr. 49.- www.literatur-karten.ch/de/schauplatz/paul-nizons-wohlensee

Stefanie Christ, Sabine Glardon und Maria Künzli: Liebe Aare. Ein grafisches Fanbuch über den schönsten Fluss der Welt. Werd & Weber Verlag, Thun/Gwatt 2020, Fr. 29.-

Bibliothek der besonderen Bergliteratur

Ganz einfach das Bergbuch der (neueren) Bergbücher.

13. August 2020

«Ein Stein ist ein Stein. Oder doch ein Matterhorn? Eine Eigernordwand? Ein Schicksal? Eine Erfüllung? Ein Killer? Die Berge gibt es schon etwas länger. Doch seit es den Menschen gibt, erfindet er sie. Gibt ihnen Namen und Bedeutung, macht sie zum Symbol für eigene Belange. Er erfindet, was er vorfindet. Das ist so seine Art. Er steht vor dem Grand Canyon, aber im Grunde sieht er seine Verlorenheit. Die Gebirge sind steinerne Leere, bis jemand kommt und eine innere Landschaft in ihnen erblickt. Berge sind ein gigantischer Rorschachtest für alle, die ihnen verfallen. An ihren Zacken und Grate hängen verborgene Ängste und Sehnsüchte. Kein Wunder enden Gespräche über ihre Faszination sehr bald bei „Das kannst Du nicht verstehen“. Tatsächlich wird uns das Innerste selbst eines geliebten Menschen immer fremd bleiben. Leidenschaften lassen sich nicht verstehen, nur teilen.»

Stark, nicht wahr? Ganz genau hingeschaut. Mit feiner Feder formuliert. Den Bergen neue Seiten abgewinnend. Und den Büchern über sie auch. Markus Rottmann, freischaffender Texter und Kunstschaffender aus Zürich, hat im Schweizer Magazin „Literarischer Monat“ von 2011 bis 2020 Kolumnen zu Bergbüchern geschrieben. Nun ist das Magazin eingestellt worden. Aber die Kolumnen leben weiter. Einerseits auf der Website des bergschreibenden und -steigenden Kolumnisten. Andererseits als Bergbuch, liebevoll und könnerhaft gestaltet. Ein Buch mit dem hochkletternden Titel „Bibliothek der besonderen Bergliteratur“ kann ja auch nicht im papiernen Tiefland festkleben.

„Entstanden sind einundvierzig Kolumnen im festen Glauben, dass Literatur Berge versetzen kann – hinein in die Herzen einer Leserschaft, die glaubte, sich nicht für sie zu interessieren.“ So schliesst Rottmann das Vorwort seiner jüngsten Publikation. Die am Einstieg zitierten Sätze stammen aus Kolumne 29 zum Buch „Bold Climbers“ von Jelena Martinovic, betitelt mit „Wovon wir reden, wenn wir von Bergen reden“. Der Schreibende selbst hat das Werk am 28. Februar 2017 als „Ankers Buch der Woche“ in seinem Newsletter und auf www.bergliteratur.ch vorgestellt. Und ja, da möchte er sich nicht hinter einem Stein verstecken: Dass Rottmann die drei Ausgaben meiner „Gipfelziele im Tessin“ unter dem Titel „Die unerträgliche Leichtigkeit des Genusswanderns“ (Nr. 33) vorstellt, freut mich eigernordwandhoch.

Noch ein Wort in eigener Sache. Genauer: in derjenigen von Emil Zopfi. Denn er hat www.bergliteratur.ch ins Leben gerufen. Am 26. Dezember 2008 erschien der erste Beitrag: „Zopfis BergBlog“ zu Annemarie Schwarzenbachs „Lorenz Saladin, ein Leben für die Berge“. Mein heutiger Beitrag zu Markus Rottmanns Bergbibliothek ist der 1000.

Markus Rottmann: Bibliothek der besonderen Bergliteratur. 41 Kolumnen über Bergliteratur, erschienen im Magazin Literarischer Monat 2011–2020. Eigenverlag, Zürich 2020. Zu bestellen unter www.markusrottmann.ch

Neue Bergromane

„Ich bleibe hier“: Der Titel des Bestsellers von Marco Balzano ist Programm und Hoffnung in hoffnungslosen Zeiten. Im Südtirol so gut wie im Valle di Blenio oder auf der Alp Chüetungel ob dem Lauenensee.

5. August 2020

«Ich glaube, das ist eine der grossen Herausforderungen unserer Zeit: Zu bleiben, um den Ort zu verändern, an dem wir sind. Zu kämpfen für eine Landschaft, für die Rechte einer Gemeinschaft. Wenn wir es nicht tun, haben wir schon verloren.»

Antwortete der Mailänder Schriftsteller Marco Balzano auf die Frage von Susanna Kübler, weshalb er über Menschen schreibe, die gegen alle Widerstände ausharren. Titel des Interviews, das am 20. Juli 2020 in der Berner Tageszeitung „Der Bund“ erschienen ist: „Ganz Italien wird zu einem riesigen Museum“. Illustriert ist das Gespräch mit einem Foto des Kirchturms von Graun am Reschenpass, der seit August 1950 halb versunken im Reschen-Stausee in der Nordwestecke von Südtirol unweit der Schweiz steht; ein Symbol des verlorenen Machtkampfes der Einheimischen gegen auswärtige Interessen – und heute ein beliebtes Motiv für Selfies. Der Glockenturm ist (natürlich) auch auf dem Cover von Marco Balzanos Roman „Ich bleibe hier“ abgebildet. „Resto qui“ ist in Italien ein preisgekrönter Bestseller mit weit über 100‘000 verkauften Exemplaren und mittlerweile in elf andern Ländern erschienen. Mehr noch: Netflix Italia hat die 7-teilige Serie „Curon“ über den Reschensee gedreht; laut der „Coopzeitung“ von gestern Dienstag ist sie zur Spitze der Charts aufgestiegen.

Auf die Frage, wie er als Mailänder eigentlich auf das Thema Südtirol gekommen sei, gab Marco Balzano zur Antwort: „Per Zufall, ich habe mich verfahren. Und stand plötzlich an diesem See, aus dem der Kirchturm ragt. Das Bild hat mich getroffen wie ein Blitz. Ich habe die Arbeit an einem anderen Roman unterbrochen, um darüber zu schreiben.“ Zum Glück für uns LeserInnen. Entstanden ist ein dichtes, historisch verblüffendes und emotional tief berührendes Buch über eine Familie und ein Dorf im Länderdreieck Italien-Österreich-Schweiz, das überflutet wird von Katastrophen, die nicht nur als Kriege hereinbrachen, sondern auch als (vermeintlicher) Fortschritt. Die Hauptfigur Trina leistet Widerstand, zuerst gegen Mussolinis Faschisten, die ihr verbieten, als Deutschlehrerin tätig zu sein, später gegen den Energiekonzern, der Felder und Häuser überfluten will. Eigentlich ist das Buch ein langer Brief an ihre Tochter, die zwischen diesen beiden Ereignissen abgehauen ist, ein vermeintlich besseres Leben. Im Roman zerreisst Trina Hefte und Briefe an sie und an ihre Freundin: „Wörter konnten nichts ausrichten gegen die Mauern, die das Schweigen errichtet hatte. Sie sprachen nur von dem, was es nicht mehr gab. Also war es besser, wenn keine Spur davon blieb.“ Marco Balzano beweist mit seinem Roman das Gegenteil.

„Resto qui“: Das hat sich ebenfalls der alte Felice gesagt, der im Dorf Leontica im Valle di Blenio bescheiden und einfach lebt, Holz hackt, Schnee schaufelt, den Einwohnern hilft, die Bar besucht, mit seinem altersschwachen Suzuki durchs Tal kurvt. Und der sich es sich selbst im Winter bei Schnee nicht nehmen lässt, am frühen Morgen ein Bad in einer Gumpe oberhalb des Dorfes zu nehmen. „La pozza del Felice“ heisst den auch der originale Titel des Romans des Tessiner Schriftstellers und Filmwissenschaftlers Fabio Andina. „Tage mit Felice“ trifft den Inhalt dieses preisgekrönten Buches gleichfalls sehr gut. Denn ein Ich-Erzähler begleitet Felice durch ein gute Woche, in welcher der Winter kommt, und sonst einiges passiert, leise nebenbei und doch immer stärker an der Oberfläche auftauchend. Dabei sind die Berge stumme Zeugen dieser scheinbar stillen Tage: der Simano, die Adula (nicht der – ein kleiner Misstritt bei der Übersetzung). „Tage mit Felice“ schildert das Hereinbrechen der Zeit(en) in einem (Tessiner) Bergdorf, kunstvoll festgehalten: eine Leseerfahrung, in die wir eintauchen sollten.

Und dann wartet da noch „Alpsegen. Die Reporterin am Lauenensee“ von Philipp Probst, Autor, Journalist und Chauffeur bei den Basler Verkehrs-Betrieben. In dieser Stadt arbeitet die Reporterin Selma. Ein Werbeauftrag führt sie auf die Alp Chüetungel hoch über dem Lauenensee im westlichen Berner Oberland, wo die Älplerfamilie Kohler recht und schlecht den Sommer verbringt; der Vater will die Alp gar verkaufen. Für Sonne sorgt wenigstens die Sennerin Martina, die sich aber dummerweise in jenen Sohn der Familie verliebt, den Selma bei früheren Ferien in Gstaad etwas näher kennengelernt hat. Was wäre ein echter Bergroman ohne Liebesgeschichte? Mehr sei nicht verraten zum „Alpsegen“. Nur soviel: Johannes Jegerlehner und Gustav Renker hätten grosse Freude an Philipp Probst. Und: Morgen Donnerstag wandere ich auf Chüetungel hinauf; vielleicht bleibe ich dort.

Marco Balzano: Ich bleibe hier. Diogenes Verlag, Zürich 2020, Fr. 30.-
https://www.derbund.ch/italien-wird-zu-einem-riesigen-museum-340549972984

Fabio Andina: Tage mit Felice. Edition Blau im Rotpunktverlag, Zürich 2020, Fr. 28.-

Philipp Probst: Alpsegen. Die Reporterin am Lauenensee. Orte Verlag, Schwellbrunn 2020, Fr. 34.-

Eine Handvoll neue Kletterführer

Was ist schöner als baden? Klettern – aber sicher.

31. Juli 2020

«1996 – Die erste je durch eine Frau im Basler Jura entdeckte, eingerichtete und erstbegangene Route: Adriana Zanetti eröffnet Girls just wanna have fun 7b (Originalbewertung 6c+). Seither haben um Basel lediglich Martina Stutz, Martina Pongratz, Kaddi Lehmann und Rhea Schenker noch einmal die Bohrmaschine geschwungen.»

Ob man eine Bohrmaschine schwingt, sei dahingestellt… Tatsache ist, dass Girls viel seltener Kletterrouten einbohren und eröffnen als Männer. Im Basler Jura und anderswo. Umso verdienstvoller, wenn solches besonders hervorgehoben wird, wie im neuen Kletterführer „Basler Jura / Jura bâlois“ von Chris Frick und Carine Devaux Girardin. Für Interessierte an der Geschichte des Bergsteigens hat die Kletterhistorie im Basler Jura einige Überraschungen, viel Unbekanntes und bemerkenswerte Fotos bereit. Eingeweihte könnten wissen, dass 1986 Antoine le Menestrel die im Jahr zuvor von Wenzel Vodicka am Chuenisberg eröffnete Route Ravage rotpunkt kletterte und damit die zu ihrer Zeit schwerste Sportkletterroute der Welt.

Der neue SAC-Kletterführer beschreibt vollständig, detailliert und liebevoll alle aktuell für das Klettern frei zugänglichen Felsen (Routen sowie eine Auswahl Boulder). Die Region Baselland, Thierstein, Dorneck und Soyhiéres bildet eines der ältesten und wichtigsten Klettergebiete der Schweiz. Und auch wer im Basler Jura lieber das Wanderbein schwingt als sich durch senkrechte bis überhängende Felsen turnt, wird Spass daran finden, all die Routennamen zu lesen und oft die Geschichten dahinter. Im Gebiet Wasserschloss im Pelzmühletal warten neben Adriana Zanettis Meisterwerk zum Beispiel noch folgende Wege auf armkräftige WiederholerInnen: Alice im Wunderland, Hohle Gasse oder No woman, no cry.

Aber nehmen wir einen zweiten frisch erschienenen Kletterführer zur Hand und begeben uns ganz in französischsprachiges Gebiet. In „Alpes françaises du Nord – Escalade Plaisir“ stellt Hervé Galley 206 Routen in der Schwierigkeit 4a bis 6a+ inklusive bequemen Zugang vor. Plaisir eben. Von den Aiguilles Rouges bei Chamonix bis hinunter ins Devoluy-Massiv bei Gap. Wie wär’s mit der Route Crakoukass am Clocher du Brévent, vor 20 Jahren eröffnet durch Manu Méot mit Julie Balmat und Patrice Hanrard? Oder mit Allez-y Madame Mummery in der Südwand des Jallouvre? Mary Mummery übrigens ging in die Alpinismusgeschichte ein als Erstbegeherin des Südwestgrates des Täschhorns, besser bekannt als Teufelsgrat, zusammen mit ihrem Mann Albert Frederick Mummery und den beiden Saaser Bergführern Alexander Burgener und Aloys Anthamatten.

Wir setzen die alpinhistorische Kletterreise fort, auf der italienischen Seite des Mont Blanc. Da geht’s zur Sache, mamma mia! Lang und wild und hoch. Auch wenn es in Talnähe moderne Sportkletterrouten gibt, so verlocken doch die ganz grossen Routen an den 4000ern: die Gervasutti-Route in der Ostwand der Grandes Jorasses, der Pilone centrale del Freney am Monte Bianco di Courmayeur, Divine Providence am Grand Pilier d’Angle. Diese von Patrick Gabarrou und François Marsigny 1984 erstbegangene Route ist laut www.planetmountain.com „one of the absolute symbols of mountaineering“. Die erste freie Begehung durch eine Frau gelang im Juli 2016 der Schweizerin Nina Caprez, zusammen mit Merlin Benoit. Im Führer „Mont Blanc. Alle Felsrouten. Italienische Seite“ werfen Fabrizio Calebasso und Matteo Pasquetto einen Blick auf das rundum anspruchsvollste Klettergebiet der Alpen. Und zwar ohne Topos, sondern mit Fotos, auf denen die Routen eingezeichnet sind. Oft sogar mit zwei gleichen Fotos auf einer Doppelseite, links ohne, rechts mit den Routenverläufen… na ja. Geordnet sind die Anstiege nach Hütten, die teilweise auch Wanderern zugänglich sind. Die klettertechnischen Infos, die Übersetzung aus dem Italienischen und die alpinhistorischen Anmerkungen sind teils mager. Trotzdem: Wenn ich endlich wieder mal nach Courmayeur fahren werde, nehme ich diesen Führer mit.

Wir klettern weiter durch Italien, mit den Edizioni Versante Sud und ihrer Collana Luoghi Verticali. Zuerst machen wir ein paar Seillängen und Gipfel aus „Dolomiti new age. 130 ausgewählte Sportrouten bis 7a“ von Alessio Conz. Von der Brenta über die Sella-Gruppe bis zum Monte Agner wurden in den letzten Jahrzehnten schier unzählige neue Routen eröffnet, die einen Besuch unbedingt lohnen. Beispielweise Pordoi Plaisir in der 800 Meter hohen Westwand des Sass Pordoi. Am 12. Juli 1974 kletterte ich mit drei Gefährten auf der klassischen Route durch diese Wand. Ins Tourenbuch notierte ich: „Beim Quergang hatte ich Angst. Nach dem Kessel 4 schöne Seillängen (die schwierigsten der Tour IV+). Nach der Schuttterrasse 200 m hoher Riss. Wunderbare Spreizkletterei. (…) Auf dem Gipfel bestiegen wir die Seilbahn.“

Fern der Alpen begannen wir unsere Kletterreise. So wollen wir sie auch beschliessen. Mit Raffaele Giannettis Führer „Toskana und Elba. 91 Klettergärten zwischen Apuanen und Argentario“. Auf Seite 445 sehen wir Luiza Imaeva beim Klettern im Gebiet Fetovaia auf der Isola d’Elba. Trüge sie nicht Kletterschuhe und –gurt, würden wir sie Strandferien zuordnen. Warum eigentlich nicht? Nur baden ist doch schöner als klettern.

Chris Frick, Carine Devaux Girardin: Kletterführer Basler Jura / Jura bâlois. Baselbiet / Bâle-Campagne, Thierstein–Dorneck, Soyhières. SAC Verlag, Bern 2020, Fr. 59.-

Hervé Galley: Alpes françaises du Nord – Escalade Plaisir. Editions Olizane, Genève 2020, Fr. 39.-

Fabrizio Calebasso, Matteo Pasquetto: Mont Blanc. Alle Felsrouten. Italienische Seite. Edizioni Versante Sud, Milano 2020, € 39.-

Alessio Conz: Dolomiti new age. 130 ausgewählte Sportrouten bis 7a. Edizioni Versante Sud, Milano 2020, € 35.-

Raffaele Giannetti: Toskana und Elba. 91 Klettergärten zwischen Apuanen und Argentario. Edizioni Versante Sud, Milano 2020, € 38.-

Bündner Passgeschichten

Drei in vieler Hinsicht schwergewichtige Bücher für lockere Mussestunden auf Fahrten über hohe Pässe.

20. Juli 2020

«Ein Steinmann wurde erbaut, jedoch auf dem Schnee, der den Gipfel krönt, so dass er wahrscheinlich wenig dauerhaft sein wird.»

Pech, wenn der Schnee schmilzt. Dann wird der Steinmann wohl auseinanderfallen, und die nachfolgenden Bergsteiger werden den Steinhaufen nicht als ein von früheren Alpinisten errichteten Beweis für eine erfolgreiche Besteigung halten. Vielleicht so passiert auf dem Piz Platta (3392 m) zwischen dem Avers und dem Surses (Oberhalbstein). Die erste bekannte und touristische Besteigung erfolgte am 7. November 1866 durch den Kunstmaler mit dem etwas kunstvollen Namen Étienne-Edmond Martin, Baron de Beurnonville, zusammen mit seinem St. Moritzer Bergführer Stefan Hartmann, einem Hotelier Balzer und dem Verwalter Gadient von Mulegns (Mühlen). Von diesem Ort an der Strasse über den Julierpass (2284 m) bestiegen die vier Männer den Piz Platta in einem Tag. Der Baron verfasste einen Kurzbericht für das vierte „Jahrbuch des Schweizer Alpenclub“ von 1867. Der Redaktor desselben fügte an: „So viel bekannt, ist diess die erste Ersteigung der höchsten Spitze dieses Berges, frühere Erzählungen sind nicht glaubwürdig.“ Im SAC-Führer „Bündner-Alpen, III. Band, Calanca – Misox – Avers“ von 1921 lesen wir aber, dass ein Oberhalbsteiner Jäger schon zuvor hinaufgestiegen ist – vielleicht hat er auch einen Steinmann auf Schnee errichtet…

Wir werden es nie erfahren. Wohl genau so wenig, welcher Balzer denn an jenem kalten Novembertag bei der festgehaltenen Erstbesteigung des „Matterhorn des Oberhalbsteins“ dabei war. War es Johann Balzer, der 1874 nach Buenos Aires auswanderte, wo er das Hotel Continental betrieb? Oder war es sein Bruder Christian Balzer (1839–1912), Hotelpionier in Graubünden, mächtigster Postpferdehalter für die Linie Chur – Julierpass – St. Moritz und vor allem bekannt geworden als Patron des einst berühmten „Post Hotel Löwe“ in Mulegns? Wie auch immer: Die Geschichte dieses Hotels am wichtigsten Zugang ins Engadin hat nun Basil Vollenweider in einem prächtigen Buch verewigt: „Post Hotel Löwe. Von den Anfängen des Tourismus bis zum Ersten Weltkrieg“.

Auf 275 Seiten wird die Geschichte dieser besonderen Station an einer Verkehrsader aufgerollt und ihre Blütezeit festgehalten. Alle von Norden anreisenden Touristen Richtung Engadin mussten im Nadelöhr Mulegns bzw. vor dem „Post Hotel Löwe“ absteigen und oft auch über Nacht bleiben; bis 22‘000 Übernachtungen jährlich wurden verbucht. Mit der Eröffnung des Albula-Eisenbahntunnels 1903 begann der Abstieg – oder, wenn man an den Steinmann auf einem Höhepunkt denkt, das Schmelzen des Schnees unter demselben. Das Buch ist mit vielen historischen Abbildungen illustriert (da und dort wären genauere Legenden erwünscht). Zudem hat Benjamin Hofer auf doppelseitigen Farbfotos den heutigen Zustand dokumentiert. Hoffentlich wird das „Post Hotel Löwe“ bald ein Swiss Historic Hotel. Dann könnte auch der von Christian Balzer angeregte Wanderweg am Tgarnet wieder ganz aktiviert werden.

Ein anderer berühmter Bündner Pass ist der San Bernardino (2067 m) zwischen dem Rheinwald und der Mesolcina. Das handliche Buch „Entdeckungen am San Bernardino“ von Barbara Beer, Marco Buchmann und Marco Marcacci befasst sich mit Natur, Landschaft und Geschichte des Passes und des gleichnamigen Dorfes und schlägt 14 Exkursionen vor, im ganzen Misox und zwischen Passo und Villagio. Die Mischung von trutzigen, mit Steinplatten bedeckten Bauten von einst mit hingeklotzten Beton-Appartment-Hotel-Blocks, angereichert mit romanischer Kapelle und klassizistisch-barocker Rundkirche sowie aufgelockert durch südlich umflorte Berner Oberländer Chalets und lombardisch angehauchte Villen gibt San Bernardino seinen unverwechselbaren Charme. Er wird in der Nachsaison noch gesteigert, wenn die Rollläden heruntergelassen und die Sportläden, Hotels, Pizzerias und Coiffeursalons chiuso sind. Nur die eisenhaltige Mineralheilquelle sprudelt weiterhin, die Laster rauschen fast ununterbrochen zum oder aus dem Autobahntunnel, und im Ristorante „Postiglione“ treffen sich ein paar Einheimische, Soldaten vom Panzerschiessplatz Hinterrhein und hoffentlich jetzt Escursionisti mit diesem Buch im Rucksack.

Und wenn wir schon am Wandern und Lesen im Bündnerland sind: Von Splügen im Rheinwald gelangen wir über den Pass namens Safierberg (2482 m) ins Safiental, ein tief eingeschnittenes, 30 Kilometer langes Tal hinunter zum Vorderrhein. Über den Safierberg haben einst die Walser das Tal bevölkert; ihre Nachkommen – vereint mit Zuzügern – versuchen insbesondere heute ein Auskommen in diesem gleichzeitig unwirtlichen und wildromantischen Gebirgsland. Das Safiental bildet den Schwerpunkt in der wissenschaftlichen Arbeit von Christian Reichel mit dem etwas sperrigen Titel „Mensch – Umwelt – Klimawandel. Globale Herausforderungen und lokale Resilienz im Schweizer Hochgebirge“. Man lasse sich vom Klappentext nicht einschüchtern: „Anhand neuer ethnographischer Daten und partizipativer Kartographie veranschaulicht Christian Reichel, wie der globale Klimawandel Teil einer lokalen Lebenswirklichkeit wird: (Trans-)Lokale Wissensressourcen werden für die Entwicklung von mitigativen und Resilienz fördernden Maßnahmen genutzt, um dynamisch auf neue sozioökonomische Herausforderungen im Kontext destruktiver Mensch-Umwelt-Beziehungen reagieren zu können.“ Im Gespräch mit Einheimischen bleiben die Sätze verständlich. Zum Beispiel dort, wo über Wetterzeichen gesprochen wird. So gibt es Sonnenschein und steigende Temperaturen („Heuwetter“), wenn „Schneefinken oder Alpendohlen abends gegen 17 Uhr Richtung Talende fliegen, dort übernachten und morgens um ca. halb zehn zurückkommen und im Tal bleiben.“

Basil Vollenweider: Post Hotel Löwe. Von den Anfängen des Tourismus bis zum Ersten Weltkrieg. Forschungen zur Geschichte des Post Hotel Löwe in Mulegns. Verlag Nova Fundaziun Origen, Riom 2019. Fr. 54.- www.origen.ch

Barbara Beer, Marco Buchmann und Marco Marcacci: Entdeckungen am San Bernardino. Natur, Landschaft und Geschichte einer Passregion. Hier und Jetzt, Baden 2020. Fr. 39.-

Christian Reichel: Mensch – Umwelt – Klimawandel. Globale Herausforderungen und lokale Resilienz im Schweizer Hochgebirge. Transcript Verlag, Bielefeld 2020. € 40.-

Makers Bible The Alps

Ein dickes Buch voller Überraschungen. Für zuhause und unterwegs.

13. Juli 2020

«Sie saugten die dampfende Mischung auf; der Käse floss in langen Fäden, die sich in den Schnurrbärten des Roten verfingen, aber der alte Mann kaute langsam weiter, sein Opinel-Messer weit geöffnet in der rechten Hand, der Ellenbogen auf dem Tisch ruhend, das Béret hinter die Stirn zurückgeschoben.»

Bon appétit! Joseph Ravanat und Pierre Servettaz beim Mittagessen in einem Chalet auf der Alp Fréty hoch oberhalb Courmayeur. Die Älplerin hatte ihnen eine heisse Suppe serviert, in die sie Brot- und Käsestücke schnitten. Mit dem Opinel natürlich, dem urfranzösischen Sackmesser. Ausschnitt aus dem vierten Kapitel des Romans „Premier de cordée“ von Roger Frison-Roche; 1941 erschien dieser urfranzösische Bergroman, der gleich ins Deutsche übersetzt wurde. Mehr dazu unter https://bergliteratur.ch/premier-de-cordee/.

Das Opinel also, 1890 konstruiert von Joseph Opinel, als er 18 Jahre alt war, in der Werkstatt seines Vaters, einem Werkzeugmacher im Dorf Albiez-Le-Vieux bei Saint-Jean-de-Maurienne. Das Klappmesser mit dem Holzgriff wurde ein Welterfolg: „a cult classic“. So urteilt die „Makers Bible The Alps“. In diesem schön gemachten Buch zu „101 brands from valleys & rocks“ werden Produkte und Unternehmen aus dem Alpenbogen vorgestellt, die sich durch Qualität, Leidenschaft und Handwerkskunst besonders auszeichnen. Macher und Marken werden mit prägnanten Texten und Fotos porträtiert, die das Beste aus den Alpen hervorholen und herausbringen. Aus Stein, Holz und Tuch. Aus Wurzeln, Früchten und Kühen. Als Butter und Konfitüre. Als Restaurant und Hotel. Als Hut und Ski. Als Stockwappen.

Stockwappen? Genau. Diese ein paar Zentimeter hohen, leicht gerundeten Metallplättchen nagelte man einst auf die Wanderstöcke, vorzugsweise mit einem Abbild des Ortes, wo man war. Nun gibt es sie mit modernen Sujets, und selbstklebend für die Trekkingstöcke. Alles weitere unter www.derberghammer.com. Der Sitz dieses Unternehmens ist freilich ziemlich alpenfern. Ab 300 Stück kann man sogar sein eigenes Stockwappen kreieren lassen. „Bärgfründe“ wär doch was. Damit sich diese erkennen, wenn sie unterwegs. Auf Fréty so gut wie in Surfrête bei Chemin-Dessus ob Martigny.

Makers Bible The Alps. Melville Brand Design, München 2020. € 35.-