Bergsteiger. Auf den Spuren grosser Alpinisten

Ein grosses Buch zur Geschichte der Bergbegeisterung und des Alpinismus in verkleinerter Neuauflage.

18. Januar 2021

«Vom Pioniergeist des Bergsteigens bis zum alpinen Extremsport von heute: über 100 weltbekannte Bergmenschen in einem Buch.»

Fett und gross gedruckter Rückseitentext des Bildbandes „Bergsteiger. Auf den Spuren grosser Alpinisten“ von Ed Douglas. Ein (fast) unveränderter Nachdruck der Erstausgabe von 2012. In der NZZ vom 18. Januar 2013 stellte ich das Buch unter dem Titel „Hoch hinaus. Eine Geschichte des Alpinismus“ so vor:

«Kennen Sie den ersten Bergsteiger? Ist’s der Südtiroler Reinhold Messner? Nein, da sind schon andere vor ihm auf die Berge gestiegen – und haben darüber Bücher veröffentlicht. Zum Beispiel der vor kurzem verstorbene Franzose Maurice Herzog, Erstbesteiger der Annapurna im Jahre 1950; eigentlich schrieb er nur ein Buch über diese Expedition, dafür verkaufte es sich millionenfach. Der Engländer Edward Whymper, 1865 Sieger des Matterhorns, war ebenfalls bestsellertüchtig – und keineswegs der erste Alpinist. So wenig wie sein Landsmann Albert Smith, der seine Besteigung des Mont Blanc von 1851 gnadenlos vermarktete.
Doch war es vielleicht der Solothurner Naturforscher Franz Josef Hugi? Ja, in gewisser Weise schon. Er war nämlich der erste Bergsteiger, der sich im Winter freiwillig in die vergletscherten Hochalpen hinauf wagte. Am 12. Januar 1832 erreichten er und seine Führer den Stahleggpass (3332 m) oberhalb Grindelwald, an Hugi erinnern heute Hugisattel und Hugihorn. Aber der Erste, der in der Höhe herumstiefelte, war auch er nicht. Am 26. Juni 1492 kletterten Antoine de Ville und seine Gehilfen auf den 2087 Meter hohen, noch immer unzugänglich scheinenden Mont Aiguille unweit Grenoble. Die Geburtsstunde des Alpinismus? Wahrscheinlich die erste schwere Bergtour.
Auf die Berge wurde freilich noch viel früher gestiegen: Der Mönch En-no-gyoja bestieg anno 663 den Fuji (3776 m) in Japan – die erste bekannt gewordene Besteigung eines Gipfels. Und doch: „Der erste bekannte Bergsteiger der Welt“, so schreibt der englische Journalist und Alpinist Ed Douglas in seinem gewichtigen Bildband „Bergsteiger. Auf den Spuren großer Alpinisten“, war der Ötzi. Also Messners 5000 Jahre alter Vorfahre, dessen Leiche am 19. September 1991 an der Grenze von Südtirol gefunden wurde.
Spannend, die Geschichte des Bergsteigens, die uns Douglas, früher Herausgeber des renommierten „Alpine Journal“, da auf 360 grossformatigen Seiten mit 800 Fotografien, Illustrationen, Karten und Tabellen ausbreitet. Die Führer durch 5000 Jahre Alpininstikgeschichte sind 100 Alpinisten und Alpenkenner (17 aus der Schweiz) sowie nur 10 Alpinistinnen, die näher vorgestellt sind. Reine Kletterer wie der ebenfalls kürzlich verstorbene Patrick Edlinger kommen leider gar nicht vor; ein Clarence King, Vater des amerikanischen Bergsteigens, ebenfalls nicht.
Aber halten wir uns an das, was vorliegt. Und das ist viel, insbesondere bildmässig: ein Schwelgen in bekannten und noch kaum gesehenen Helgen. In den Texten selbst sind Doppelspurigkeiten nicht zu übersehen, was freilich weniger stört als die Übersetzung, die zwischen Erstbesteigung (eines Gipfels), Erstdurchsteigung (einer Wand) und Erstbegehung (einer Route) nicht zu unterscheiden weiss. Im Englischen heisst es halt einfach „first ascent“. Patzer gibt es auch beim Porträt von Oscar Eckenstein; so wird er mit Jules Jacot Guillarmod verwechselt. Fehltritte wird es immer geben, gerade beim Bergsteigen. Die Geschichte des Alpinismus ist nachvollziehbar aufbereitet, mit vielen Einschüben zum Leben in den Bergen, zu sechs legendären Gipfeln (aus der Schweiz ist es nicht der Eiger!), zur Entwicklung wichtiger Ausrüstung wie Seil und Pickel sowie zu den Bergen in Malerei, Fotografie, Film und Literatur. Vor allem aus englischer Sicht – of course!
Übrigens: Das Vorwort stammt von Gerlinde Kaltenbrunner, die als erste Frau alle 14 Achttausender ohne künstlichen Sauerstoff bestieg. Früher war es immer Messner gewesen, der die Vorworte zu Bergbüchern schrieb. Offenbar hat er eine Nachfolgerin gefunden.»

Wie gesagt, ein unveränderter Nachdruck. Die Fehltritte – es gibt mehr als die erwähnten – sind nicht korrigiert. Einzig auf der letzten Doppelseite werden David Lama und Ueli Steck als verstorben gemeldet. Und Alex Honold wurde neu aufgenommen; ins Personenregister hat er es aber nicht geschafft. Ja, und noch etwas ist anders: das Format. Statt 31 x 26 cm neu 26 x 22 cm. So haben die „Bergsteiger“ besser Platz im Büchergestell.

Ed Douglas: Bergsteiger. Auf den Spuren großer Alpinisten. In Zusammenarbeit mit The Alpine Club und Royal Geographical Society. Dorling Kindersley Verlag, München 2020, € 30.-.

Das Alpenbuch

Ein neues Alpenbuch aus Hamburg vermittelt auf vergnügliche und überraschende Art ein tieferes Verständnis für das berühmte Gebirge. Allerdings mit ein paar Stolpersteinen.

13. Januar 2021

«TRIGLAV 2864 m. Was das Matterhorn für die Alpen insgesamt darstellt, ist der Triglav für Slowenien. Als bekanntestes Wahrzeichen des östlichsten Alpenlandes befindet sich dessen höchster Berg unter anderem auf der Nationalflagge und sogar auf den slowenischen 50-Cent-Münzen. Bis zur Unabhängigkeit Sloweniens 1991 war der Triglav auch die höchste Erhebung Jugoslawiens.»

Hätten Sie gewusst, nicht wahr? Vielleicht waren Sie sogar mal bei der roten Metalltonne zuoberst auf dem Gipfel. Aber kennen Sie die andern höchsten Erhebungen der acht Alpenstaaten auch? Da sind die Schweiz (Dufourspitze) und ihre fünf Nachbarn (Mont Blanc/Monte Bianco, Zugspitze, Grossglockner und Vorder Grauspitz). Macht sechs bzw. sieben höchste Punkte. Der achte (und kleinste) Alpenstaat geht in diesem Umfeld gerne vergessen, obwohl er dort liegt, wo die Mittelmeerwellen gegen den Alpenwall klatschen: das Fürstentum Monaco! Sein höchster Punkt ist leider nicht der Mont Agel (1148 m), auf dessen Ausläufer die Hochhäuser von Monaco und Monte Carlo stehen, sondern der Chemin des Révoires, 164 Meter über der Küste. Und Monaco nimmt nur 0,001 % Prozent der alpinen Gesamtfläche ein. Auf Platz eins in diesem Ranking thront Österreich (29 %), knapp vor Italien (27 %) und deutlich vor Frankreich (21 %). Und die Schweiz? Bloss 13 %. Dafür stehen im alpinen Helvetien die meisten 4000er. Und dort ist auch am häufigsten grosse Bergliteratur entstanden, wie die entsprechende Doppelseite in „Das Alpenbuch. Zahlen, Fakten und Geschichten in über 1000 Infografiken, Karten und Illustrationen“ zeigt: Von den 12 vorgestellten Büchern zwischen der neuen Heloise (1761) und dem finsteren Tal (2010) spielen gleich sieben in der Schweiz.

284 Seiten mit hunderten Infografiken und Illustrationen, Tabellen und Karten vermitteln in diesem Alpenbuch aus dem alpenfernen Hamburg auf erfrischende Art Facts and Figures zum gesamten Alpenraum. Eben inklusive Slowenien und den beiden Kleinstaaten, die sonst in solchen Büchern oft aussen vor liegen. Behandelt wird alles, von Geografie bis zu Kulinarik, von Skijöring bis zu Mythen und Legenden, von Tieren über Naturschutz bis zu Bergsport, von Verkehrsröhren bis zu Salzbergen. Ein Buch für alle, die sich für die Berge im Allgemeinen und für die Alpen im Besonderen interessieren – ob sie nun die höchsten Kanzeln der Alpenstaaten erklettern oder lieber von der Plage du Larvotto an der Avenue Princesse Grace auf das Ende (oder den Anfang) des Alpenbogens hochblinzeln.

Wie es auf der Rückseite des A4 grossen und 1,2 kg schweren Buches heisst, entstand es in Kooperation mit den Alpenvereinen aus Deutschland, Österreich und Südtirol. Und da erstaunt es doch, dass einige Stolpersteine nicht vermieden wurden. Ein paar Beispiele:
– Bei der Angabe der Sprache, die im Alpenland Italien gesprochen wird, steht nur „Italienisch“. Da werden sich die Bewohner von Meran und Courmayeur doch etwas wundern.
– Die Cascade de Pissevache rauscht im Wallis und nicht in Frankreich.
– Der Rheinfall, der Lac de Neuchâtel und der Kanton Basel-Land (mit dem Burgermeisterli-Schnaps) liegen nicht in den Alpen.
– Die meisten Viertausender erheben sich nicht im Mont Blanc-Massiv, sondern in den Walliser Alpen.
Also mit eingeschalteter Stirnlampe von der Côte d’Azur über die Rothörner und Corni Neri bis zum Schneeberg unweit Wien (höchster Berg Niederösterreichs, östlichster und nördlichster Zweitausender der Alpen) lesend gehen.

Das Alpenbuch. Zahlen, Fakten und Geschichten in über 1000 Infografiken, Karten und Illustrationen. Herausgegeben von Lana Bragin und Stefan Spiegel. Marmota Maps, Hamburg 2020, Fr. 48.-

BERG 2021

Das neue Jahr mit dem neuen Alpenvereinsjahrbuch beginnen – ma certo! Gerade im 2021 mit dem Schwerpunkt Karnischer Kamm.

4. Januar 2021

«I bintsch a glickseligis nais johr, s’òlte is gor unt s’naje is do.
A vrischis, a gesunts unt a lòngis lebm unt òlbm gearn gebm.»

Verstanden? Aber gewiss doch, liebi Bärgfründe. Wenigstens der Spur nach. Zur Sicherheit sei dieser Neujahrswunsch auf Plodarisch hier noch auf Hochdeutsch wiedergegeben: „Ich wünsche ein glückliches neues Jahr, das alte ist um, das neue ist da. Ein neues, gesundes und langes Leben und alleweil gerne geben.“ Klar, machen wir. Hoffen wir, gerade auf ein gesundes Leben. Aber um Gottes Willen, was ist denn das für eine Sprache: Plodarisch? Dieses deutsche Idiom, verwandt mit dem Zahrischen und dem Tischlbongarischen, wird in der Sprachinsel Sappada-Plodn gesprochen, einer von vier deutschsprachigen Enklaven auf der italienischen Seite der Karnischen Alpen. Die drei andern sind Sauris-Zahre, Timau-Tischlbong und Val Canale-Kanaltal. Nachzulesen ist der Beitrag über die deutschen Sprachgemeinschaften in Friaul-Julisch Venetien, einer der 20 Regionen von Italien, im Alpenvereinsjahrbuch BERG 2021. Haupthemen im frischen Jahrgang: der Karnische Kamm und das Wandern.

Wandern ist einer der bevorzugten Freizeitbeschäftigungen von Österreichern, Deutschen und Schweizern. Der Soziologe Hartmut Rosa erklärt im Gespräch die grundlegende Resonanzerfahrung, die das Gehen in der Natur ermöglicht. Weitere Beiträge widmen sich den gesundheitlichen Aspekten des Wanderns, folgen der dreimonatigen Wanderung von Joseph Kyselak durch die Ostalpen anno 1825 oder beleuchten Wanderwege unter E-Bike-Strom knapp 200 Jahre später.

Die Rubrik BergMenschen bringt neben einem Porträt der bayerischen Bergsteigerlegende Hermann Huber (der langjährige Chef von Salewa feierte 2020 seinen 90. Geburtstag) auch eines mit Andrea Eisenhut. Die erste deutsche Meisterin im Sportklettern (1991) klettert auch mit 60 Jahren noch im 10. Grad und hat in den letzten Jahren zahlreiche schwierige Alpinrouten erschlossen. Mit Christoph Ransmayr steht einer der großen Erzähler der Gegenwart im Blickpunkt der Rubrik BergKultur. Warum haben unverfügte Räume wie Gebirge, Meere und Wüsten in seinem Werk eine so zentrale Bedeutung? In BergWissen geht es unter anderem um das im Zuge des Klimawandels wachsende Risiko von Steinschlag auf alpinen Wegen, und wie man es beurteilen und mit ihm umgehen kann.

Aufgepasst also, liebe Bergwanderer, wenn Ihr in diesem Jahr den Karnischen Höhenweg unter die Füsse nehmen wollt (sofern denn ein Wandern im Ausland wegen der Coronapandemie überhaupt möglich ist). Auf der Höh muss ja kaum mit herabfallenden Steinen gerechnet werden. Aber der Weg (er dauert eine knappe Woche) quert auch abschüssige Hänge. Und wer unterwegs gar noch den Monte Coglians/die Hohe Warte (2780 m), den höchsten Gipfel der Karnischen Alpen, erklimmen will, muss auf der Normalroute durch die Südseite mit losem Fels umgehen können. Die zahlreichen Totentafeln auf dem Gipfel scheinen eine klare Sprache zu sprechen. Am 18. Juli 2013 fotografierte ich unter anderem eine zweisprachige Erinnerungsplakette: „A Davide fra la sŏs monts“.

BERG 2021. Alpenvereinsjahrbuch, herausgegeben vom Deutscher Alpenverein (DAV), Österreichischer Alpenverein (OeAV) und Alpenverein Südtirol (AVS). Redaktion Anette Köhler und Axel Klemmer. Tyrolia-Verlag, Innsbruck 2020, € 20.90.

Letzte Bergfahrt

Ein etwas skitrauriges Buch, das Hoffnung macht. Perfekt für die Fahrt ins nächste Jahr.

31. Dezember 2020

Orario di Servizio/Betriebszeiten
Servizio da/Betrieb ab 9.00
Ultimo corsa/Letzte Fahrt 16.00
Ultimo controllo piste/
Letzte Pistenkontrolle 16.15

Das verkündete die Anzeigentafel bei der Talstation des Skigebietes Confin beim Südportal des San Bernardino-Tunnels am 13. März 2019. Die Uhr auf der Tafel zeigte 10 vor 12. Das stimmte, als Uhrzeit. Aber eigentlich war bzw. ist es zehn nach zwölf. Denn das Skigebiet mit einer Gondelbahn, einem Sessellift, drei langen Skiliften, einem Kinderlift und einem Bergrestaurant ist seit dem Winter 2012/13 geschlossen. Ob die Lifte je wieder laufen werden, ist höchst ungewiss. Confin/San Bernardino ist ein LSAP – Lost Ski Area Project. Wie viele andere in der Schweiz (und überhaupt in den Bergen).

Dem Begriff LSAP war ich am 27. Februar 2017 zum ersten Mal begegnet, auf der Skitour auf den einst auch von Liften erschlossenen Erner Galen. Beim Gipfelkreuz zog ich, müde vom Aufstieg, die Felle ab und begann die Abfahrt – im Bruchharsch. Erst auf den breiten, gepfadeten Wegen rund um Chäserstatt machte das Skifahren Spass. Ich setzte mich auf die Sonnenterrasse des neuen Restaurant und notierte ins Tourenbuch Nr. 33: „Ein spannendes Projekt dort oben: Ausflugsbeiz und Seminarhotel, sehr schön gemacht, das Hotel in der ehemaligen Bergstation der Sesselbahn, sonnig, tolle Aussicht, starke Speisekarte.“ Im Restaurant drinnen lag ein Buch auf, das ich gleich kaufte und später mit dieser Notiz im Innentitel versah: „Am 27.2.2017 auf Chäserstatt/Ernengalen gekauft – der perfekte Ort. Man müsste dort oben das Buch lesen, bei einem Glas Weisswein zu Apéro und Abendsonne.“ Das Buch heisst „Aufgebaut, aufgegeben und ausgestorben. Verlassene Skigebiete in der Schweiz“, 2016 im Essener Klartext Verlag herausgegeben von Matthias Heise und Christoph Schuck. Es behandelt die Ex-Skigebiete Erner Galen und Hungerberg (je im Oberwallis) sowie Hospental bei Andermatt.

Nun haben die beiden alpenfernen Herausgeber – Christoph Schuck ist Professor für Politikwissenschaft und seit 2016 Dekan der Fakultät Humanwissenschaften und Theologie an der Technischen Universität Dortmund, Matthias Heise ist Dozent an der gleichen Uni – mit ihren sieben Mitarbeitern ihr hochinteressantes Buch im Zürcher AS Verlag neu und erweitert herausgegeben: „Letzte Bergfahrt. Aufgegebene Skigebiete und ihre touristische Neuausrichtung“. Neben den drei erwähnten Ex-Gebieten wird nun eben auch Confin bis zum obersten Masten untersucht, aus welchen Gründen genau dieses sonnige Skigebiete in der italienischen Schweiz seinen Pistenbetrieb einstellte.

Das ski- und tourismuswissenschaftliche Buch besticht aber nicht nur durch seine Analysen, sondern auch mit seinen alten und aktuellen Fotos, aufgenommen im Winter und Sommer. Da schwingt jeweils Melancholie mit, bei all den geschlossenen, abgebauten oder verwundenen Anlagen und Pisten, die einst voller Freude benützt wurden. Doch auf einer doppelseitigen Aufnahme kurvt ein Skitourenfahrer elegant und entschlossen unter den Skiliftmasten durch den Frühlingsschnee gegen die Alp Confin Basso hinab. Diese Bild wollen wir mitnehmen ins neue Jahr. In diesem Sinne: gute und gesunde Fahrt ins 2021.

Matthias Heise, Christoph Schuck (Hrsg.): Letzte Bergfahrt. Aufgegebene Skigebiete und ihre touristische Neuausrichtung. Vorwort von Daniel Anker. AS Verlag, Zürich 2020, Fr. 58.-

Steiners Postauto – Gygers & Klopensteins Skifotos

Zweimal Bildgeschichte für die Weihnachtstische.

21. Dezember 2020

«Als wir Ende 2005 in unserem Haus in Punt Muragl Weihnachten feierten, war mein Vater zweiundneunzig Jahre alt; meine Mutter war im gleichen Jahr achtzig geworden. Eva und ich schenkten meinen Eltern eine Fotografie von Albert Steiner. Diese Aufnahme berührt ihr Leben auf verschiedene Weise, und auch meines – doch ihnen mag dies im ersten Moment kaum aufgefallen sein.»

So beginnt ein Buch, das ursprünglich gar kein Buch sein wollte oder sollte. Der Architekt Marcel Meili (1953–2019) legt in „Steiners Postauto. Eine Bildgeschichte“ dar, warum er zusammen mit seiner Frau, der Künstlerin und Kuratorin Eva Afuhs (1954–2011), den gerahmten Fotoabzug „Postauto ob Silvaplana“ des berühmten, aus Frutigen stammenden und dann im Engadin wirkenden Fotografen Albert Steiner (1877–1965) seinem Vater 2005 zu Weihnachten schenkte. Was zuerst bloss eine Erklärung war, wuchs mit der Zeit zu einem Werk heran, das weit über das Foto mit dem Postauto-Cabriolet auf der Julierpassstrasse hinausfährt. Am 13. August 2006 vollendete Meili den Text, am Tag, als sein Vater starb. 2007 erschien „Steiners Postauto“ zum ersten Mal, als Privatdruck von 30 Exemplaren, illustriert mit rund 200 Abbildungen, die Meili auf seiner überraschenden Fahrt durch die Foto-, Tourismus-, Infrastruktur-, Technik-, Kunst- und Engadingeschichte gesammelt hat. 2013 kam eine zweite Auflage von 20 Exemplaren heraus. Nun liegen diese hochspannenden, weit über das Familiäre herausragenden Ausführungen zu einem auf den ersten Blick braven Weihnachtsgeschenk in einer gediegenen Ausgabe bei Scheidegger & Spiess vor. Tatsächlich „ein assoziationsreiches Lesevergnügen“, wie die Buchbanderole verspricht. Nur ein kleiner Wachsflecken sei vermerkt: Die wirklich klug und überraschend ausgewählten Abbildungen hätte man durchaus etwas grösser zeigen dürfen.

Und wenn wir schon grad mit Fotos von Berner Fotografen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts unterwegs sind. Emanuel Gyger (1886–1951) und Arnold Klopfenstein (1896–1961) aus Adelboden gehören zu den bekanntesten Berg- und Skifotografen ihrer Zeit. Vor allem ihre schwarzweissen Skibilder mit den schwarz gekleideten Sportlern im unverspurten weissen Untergrund, eine Wolke aus Pulverschnee im Gegenlicht herziehend, gehören zu den Ikonen der Fotografie. Nicht zuletzt deshalb, weil viele der Fotos als Postkarten Verbreitung fanden. Der von Daniel Müller-Jentsch herausgegebene Bildband „Emanuel Gyger & Arnold Klopfenstein: Pioniere der Skifotografie“ zeigt 153 Fotos sowie Tourismusbroschüren von 1933/34. Auf fast allen Fotos leuchtet der Schnee, so auch auf den drei Fotos, welche die Busse zwischen Adelboden und Geils am Hahnenmoospass festhalten. Steiner hat solche Fahrzeuge ebenfalls im Wintereinsatz fotografiert. Aber was heisst da Winter? Abbildung 179 zeigt ein Postauto mit offenem Deck zwischen meterhohen Schneemauern auf dem Julierpass im Sommer. Genau: Ab morgen werden die Tage wieder länger. Frohe Weihnachten, mit oder ohne Schnee!

Marcel Meili: Steiners Postauto. Eine Bildgeschichte. Scheidegger & Spiess, Zürich 2020, Fr. 39.-

Emanuel Gyger & Arnold Klopfenstein: Pioniere der Skifotografie. Herausgegeben von Daniel Müller-Jentsch. Regenbrecht Verlag, Berlin 2020, € 30.-

Berge und Steine 3: Sandwald

Wenn ich bei der Feldarbeit durch den Bergwald oder über das baumlose Hochland streife, ist in Gedanken oft auch der ein oder andere der alten Geologen dabei. In ihren Ausführungen und Kartenskizzen habe ich vorher gelesen, sie sind meine Grundlagen.

19. Dezember 2020

Einmal begleitet mich P. von Schumacher, dann Felix Frey, Hans Widmer oder Friedrich Weber, Theodor Hügi oder Geoffrey Franks, der auf Englisch schrieb. Sie alle arbeiteten in einem Teilgebiet und oft am Detail. Jeder erschuf sich eine Welt und beschrieb sie in einer Monographie, die keine Zweifel zulässt. Frey, der stets versucht Heim zu widerlegen und sich so zwischen den Zeilen als Schüler Staubs verrät. Schumacher, der offensichtlich alpinistisch einiges auf dem Kasten hatte, da er es nicht lassen kann, haarsträubende Mergelbänder am Bocktschingel und Speichstock als gut zugängliche Aufschlüsse zu beschreiben und im Nebensatz als Wegabkürzungen zu loben. Immer wieder ergeht es mir gleich mit ihren wohlgeschliffenen Argumentationsketten aus schlingen- und adjektivreichen Sätzen in hundert-, zweihundert-, dreihundertseitenlangen Monographien: Draussen, am Wandfuss, am Tobelbach, bleibt es ernüchternd rätselhaft. Die Kalke, die alle geschiefert und rekristallisiert sind, oder die Granite, Gneise, Quarzite, die alle feinkörnig, hart und grünlich aussehen. In Gedanken diskutiere ich mit den Alten, verwerfe ihre Details. Ich soll ja zusammenfassen, denke ich, und steige weiter zum nächsten Aufschluss.

Dort dann wieder Rätselraten. Gedanken verfolgen mich: Wie haben die früheren Geologen das gemacht? Ihre Augen müssten doch ungefähr dasselbe gesehen haben wie meine. Ich werde den Verdacht nicht los, auch nach so vielen Jahren keine Ahnung von der Gesteinsansprache zu haben. Was konnten sie, dass ich nie gelernt hatte? Ich steige die nächste Halde hinauf und versetze mich währenddessen in meine Vorgänger. Waren sie nicht alle «nur» junge Doktoranden? Wie ich einmal? Ich denke zurück wie das war, jung und voller Forscherelan. Wie viele Hänge bin ich seitdem hinaufgestiegen? Wie viele Steine habe ich seitdem gesehen? Und wie wenig wusste ich damals? Ich erreiche den Wandfuss über dem Märenwald und blicke über die Alp Hinter Sand zur Tentiwang. Aus der eigenen Erfahrung verstehe ich meine Vorgänger besser. Jeder schuf sich aus dem Chaos seiner Beobachtungen eine eloquent formulierte Welt, um zu bestehen. Und deshalb widersprechen sie sich auch. Deshalb denke ich bei dem einen Aufschluss: ah, das hat Franks gemeint! Und beim nächsten: Widmer hatte doch das bessere Konzept! Dann diskutiere ich in Gedanken nicht mehr mit dem einen oder dem anderen, sondern lasse sie untereinander das Streitgespräch führen. Franks, der zwanzig Jahre später Widmer mit neuen Untersuchungsmethoden kommt und Widmer, der ältere, der denkt: dieser junge Spund!

Anders ist es mit Jakob Oberholzer. Er war Vorgänger auch der anderen. Seine Monographie ist stolze 626 Seiten lang. Und er hat dazu eine Karte veröffentlicht, nicht nur eine Übersichtsskizze. Oder, wie Weber, eine Karte ohne jede Beschreibung. Wenn ich bisher etwas anders kartierte als Oberholzer, dann weil ich es präzisierte. Wenn ich in einem Tobel oder irgendwo im Wald einen Aufschluss entdeckte, dann fand ich ihn so oder zumindest in der seiner Zeit entsprechenden Form auch auf der Oberholzer-Karte. Das machte Eindruck. Mit einem Lächeln nahm ich dann, tief im Erlengestrüpp, zur Kenntnis: Oberholzer war hier wohl auch! Mit Oberholzer diskutiere ich in Gedanken nie.

 

Kürzlich, im November, stand der Sandwald auf meinem Kartierprogramm. Zwischen der Einmündung des Limmerenbachs und der Alp Vordersand gelegen, nahm ich ihn bisher nur als Etappe beim Zustieg wahr. Auch auf der topographischen Karte wirkt der Sandwald unscheinbar. Ein einziger, gleichmässiger Hang wie er typisch für überwachsene Geröllhalden ist. Von der Kiesstrasse erscheint es im Augenwinkel ebenso: Quinten-Formation, die die darüberliegenden Wänden aufbaut, liegt in Blöcken herum.

Zunächst umkreiste ich ihn. Vom Vorderleger dem Wandfuss entlang umging ich die Sandrisi, die man kaum durchsteigen kann. Bei der Seilrichti bog ich um die Bergecke in den Schatten, in dem dünn etwas Schnee lag, und erst am Nachmittag drang ich von der Nordseite her in den eigentlichen Sandwald ein. An einem Kamm aus alter Moräne absteigend, erreichte ich den Punkt 1307 m, der eine Sackgasse ist. Die Vorstellung der Gasse ist allerdings irreführend. Es schliessen sich nicht ringsum die Häuser, man kommt hier nicht weiter, weil es ringsum hinuntergeht, der Boden wegbricht. Zehn Meter vor der äussersten Kanzel liess mich ein auffälliger Spalt zögern. Halt, läuteten Alarmglocken, das sieht wacklig aus! Nein, da stehen Bäume, mein Fliegengewicht mag es auch noch leiden. Ein Sprung. Nichts geschah. Zurück, wo der Waldboden breiter ist, malte ich auf meine Feldkarte um den Punkt 1307 die Farbe für den Nummulitenkalk. Dann drang ich südwärts vor. Der Waldboden war steil und ich musste vorsichtig gehen. Unter mir war es felsig. Auf der Oberholzer-Karte ist hier Quintenkalk eingetragen. Fast zweihundert Meter ging ich nach Süden, ehe ich absteigen und die Felsen von unten erreichen konnte.

Und da, da stimmt doch etwas nicht!

Dickbankige Sandsteine und Feinkonglomerate tauchen aus den herabgefallenen Blättern. So sieht keine Quinten-Formation aus. Ich suche weiter nach Süden und weiter unten. Überall dasselbe. Manchmal auch grobspätige Kalke. Das ist Bürgen-Formation. Abgelagert in einer viel jüngeren Zeit und in küstennahem Flachwasser, nicht im offenen Meer auf einem Aussenschelf. Für einmal ist es eindeutig.

Eindeutig ist auch: Hier war Oberholzer nicht! Ein Bann ist gebrochen. Wird auch er sich nun einreihen in den Kreis meiner Begleiter, einer zwischen Schumacher, Hügi und Franks? Wie wird es sein mit ihm zu diskutieren? Noch kann ich es mir nicht vorstellen. Ich bin gespannt und ein wenig verunsichert.

achtung: landschaft schweiz

Ein Buch, das wachrüttelt. Gerade auch in der in diesem Jahr nicht ganz frohen Weihnachtszeit.

17. Dezember 2020

«Ein schwüler Tag im Sommer 1952. Gewitterstimmung. Voraus mein Vater, wir Kinder hintendrein. Ich war zwölfjährig. Zu Fuss gings auf dem alten Saumweg ins wilde Val Bavona. Auf halbem Weg wurde ich unterbrochen in meinem schon schläfrigen Trott. Wie eine Litanei plagte mich die Frage: Vater, wie weit ist es noch? Da tauchte an der gegenüberliegenden Bergflanke in der grellen Sonne ein schäumendes weisses Band auf, dessen Geräusch mit jedem Schritt lauter wurde. Von hoch oben, aus der Einsenkung eines Seitentals, schossen Wassermassen über die glatte Felswand ins Leere hinaus, um 70 Meter weiter unten als zischende Fontänen in rhythmischer Folge auf mächtige Felsblöcke zu klatschen. Dort zerstoben sie zu einem Sprühregen, der, wenn man sich ihm näherte, durch die Kleider bis auf die Haut drang. So etwas hatte ich zuvor weder gesehen noch gehört oder gespürt.

Später, nach einer Wegbiegung, wurde das Staunen über den Wasserfall durch etwas anderes abgelöst: das Gebrüll von Presslufthämmern. Wenn sie jeweils kurz verstummten, erfüllte der dumpfe Knall von Felssprengungen das ganze Tal. Ohne dass ich irgendetwas im Voraus gewusst hätte, wurde mir in Sekundenschnelle klar, dass hier Veränderungen im Gang sind, die das ganze Tal und wahrscheinlich auch den eben gesehenen Wasserfall betreffen. Weit hinten wurde ein Betonsilo sichtbar. Arbeiter im Overall waren mit dem Bau einer Strasse beschäftigt. Ich fasste mir ein Herz, näherte mich einem der Arbeiter, zeigte mit fragendem Blick auf den hinter uns liegenden Wasserfall und deutete mit der anderen Hand eine waagrechte Bewegung an, so als wollte ich mir die eigene Kehle durchschneiden. Von dem, was der Arbeiter lakonisch und ohne aufzublicken antwortete, verstand ich nur die entscheidenden Worte: ‚Sì è peccato.ʽ»

Ja, es wäre wirklich jammerschade gewesen, wenn der Wasserfall von Foroglio abgestellt worden wäre, um via Stollen und Turbinen ein paar Glühbirnen und Kochherde anzustellen. Die Geschichte vom geretteten Wasserfall erzählt Hans Weiss in seinem jüngsten Werk, dessen Titel „achtung: landschaft schweiz“ sich bewusst anlehnt an „Achtung: die Schweiz – ein Gespräch über unsere Lage und ein Vorschlag zur Tat“ von Lucius Burckhardt, Max Frisch und Markus Kutter (1955) und an „Achtung: die Landschaft“ von 2016. Wie nun la cascata di Foroglio, gerade dank Weiss, immer noch rauscht, lesen wir im zweiten Teil seines Buches mit Beispielen geretteter Landschaften. Der Wasserfall war „das Primärerlebnis“ für seinen lebenslangen Einsatz für den Landschafts- und Naturschutz. Ohne sein unermüdliches und engagiertes Wirken sähen manche Gegenden der Schweiz, insbesondere in den Alpen, ziemlich anders aus.

In „achtung: landschaft schweiz. Vom nachhaltigen Umgang mit unserer wichtigsten Ressource“ zieht der achtzigjährige Hans Weiss eine Bilanz seines Lebens und Wirkens. Ein Buch, dem man ganz viele Leserinnen und vor allem Leser wünscht. Denn: An den Schalthebeln der Regierungen und Ämter, der Baukonzerne und Bagger sitzen immer noch mehrheitlich Männer. Und sie sassen schon dort, als Weiss als Leiter des Bündner Natur- und Landschaftsschutzes, als Geschäftsleiter der Schweizerischen Stiftung für Landschaftsschutz und dann des Fonds Landschaft Schweiz den Finger erhob und Bauvorhaben verhinderte, manchmal in letzter Minute. Die Wiesen von Soglio, die Seen des Oberengadins, die Äcker von Galmiz, um nur drei weitere Beispiele zu nennen. Aber Weiss muss zu seinem (und unserem) Bedauern feststellen, dass die friedliche Landschaftszerstörung Tag für Tag fortschreitet, oft nicht mit auffälligem Getöse, sondern sozusagen nebenbei und unbeachtet. Warum das leider so ist, erklärt er kräftig und überzeugend. Und was man dagegen unternehmen könnte, ebenfalls.

Fazit von Hans Weiss: „Die Verhinderung eines Vorhabens, welches das unverwechselbare Gesicht einer Landschaft zerstört, ist genauso eine Tat, wie eine Strasse oder ein Haus zu bauen – und erst noch eine Tat für die Zukunft.“

Hans Weiss: achtung: landschaft schweiz. Vom nachhaltigen Umgang mit unserer wichtigsten Ressource. Vorwort von Dominik Siegrist. AS Verlag, Zürich 2020, Fr. 39.80.

Tatort Berg

Sechs Krimis mit Alpenbezug und ein wissenschaftlicher Band zu Tatorten. Für Spannung ist gesorgt. Glühwein und Grittibänz muss man selbst besorgen.

11. Dezember 2020

«Ich habe mit Schleiβheimer telefoniert, er ist unterwegs auf einer Bergtour.»
«Was?», rief Jennerwein entgeistert. «Auf einer Bergtour.»

Tja, das gibt es. Nicht nur in Realität, sondern auch im Roman. Nur: Chefarzt Schleiβheimer hat einen ungünstigen Moment gewählt, um auf einer Bergtour den Kopf freizubekommen. Denn er wird gebraucht in einem vierfachen Mordfall. Als Zeuge. Vielleicht auch als Täter? Aber nicht doch der Herr Doktor! Allerdings: Er ist Mitglied eines exklusiven Hobby-Kochclubs. Und gleich vier Mitglieder kamen im Gourmet-Restaurant „Hubschmidt’s“ bei den Vorbereitungen für ein mehrgängiges Diner ums Leben, darunter Staatsanwältin Antonia Beissle, mit der Kommissar Hubertus Jennerwein vor Jahren mal Tisch und wohl auch Bett geteilt hat. Die überlebenden Clubmitglieder sind natürlich verdächtig. Der Pilzexperte Schlatt ebenfalls, der zufällig am Tatort vorbei schlich, auf der Suche nach einem Schleimigen Wüstling oder einem andern essbaren Pilz. Im dreizehnten Alpenkrimi von Jörg Maurer mit dem giftigen Titel „Den letzten Gang serviert der Tod“ entdecken Jennerwein und sein Team eine Suppenschüssel voller Mordmotive. Ein Lesevergnügen vom Amusebouche bis zum letzten Biss, zusätzlich abgeschmeckt mit Einträgen auf dem Bewertungsportal schmackofatz.de. Fünf von fünf Sternen.

«Während Capaul einparkte, stieg gerade die Sonne über den Piz Rosatsch. Wie er sich so schwer und formlos über die makellose Ebene erhob, erinnerte er an einem beim Stürzen in sich zusammengefallenen und mit zu viel Puderzucker kaschierten Pudding.»

Appetitlich, wie Gian Maria Calonder alias Tim Krohn Krimis den gegenüber St. Moritz liegenden Rosatsch in „Engadiner Bescherung“ beschreibt! Der vierte Band seiner Serie um den tollpatschigen Polizisten Massimo Capaul spielt an den Weihnachtstagen, und da geht es im Nobelkurort bekanntlich ziemlich saftig und süffig zu und her. Capaul tritt natürlich ins Fettnäpfchen, wie er eine alte Dame bei einem Ladendiebstahl in einer Nobelboutique verhaften will. Und als dann noch ein kleines Mädchen auftaucht, das behauptet, seine Tochter zu sein, müsste Capaul auf einer Bergtour definitiv den Kopf lüften. Aber dazu hat er weder Zeit noch Kraft. Zudem wartet der Täter nicht am Rosatsch, sondern unterm Weihnachtsbaum. Aber wird ihn Capaul überhaupt verhaften, vor lauter Essen und Trinken? Vier von fünf Sternen.

«Inmitten der Berge bist du zu Hause, das fühlt man.» Nadia, die wie Giulia eine Sonnenbrille trug, liess den Blick zurück übers Panorama schweifen.
«Ja, das ist so. Die Berge, sie haben ja so unterschiedliche Gesichter und sind dennoch so unbeständig beständig, wie es nur Berge sein können.»

Und was sind dann die Menschen? Beständig unbeständig? Genau das muss die Churer Kriminalpolizistin Giulia di Medici in ihrem vierten Fall feststellen, und zwar auf einer sonnigen Alp im Val Schons, wo drei junge Berlinerinnen einen Sommer lang sennen wollen. Aber die Tage sind lang, die Nächte dunkel, und wenn es wettert, wittert der Mörder eine günstige Gelegenheit. Auf der Alp, da ist kei Sünd – von wegen. Im „Bündner Alptraum“ von Philipp Gurt vergeht einem die Lust aufs sommerliche Käsen und auf ein Hüttenznacht erst recht. Aber man kann diesen Krimi ja auch zu Hause in der eigenen Stube lesen, mit einem Schüsseli voll Weihnachtsguetzlis und einem Glas selbstgewärmten Glühweins. Drei von fünf Sternen.

«Entlang der Baumreihe kommt sie dem Gaisberg-Gipfel näher. Sie wählt den rot markierten Gipfelweg. Erst auf dem Gipfelplateau hält Mitzi an.
Ihr Herz trommelt, in ihren Ohren saust es.
Aber es geht ihr besser. Viel besser.
Ihr Magen knurrt, und sie verspürt Durst. Lust auf eine Süβigkeit hat sie. Sie hätte die Marillenschnitte einpacken sollen.»

Genau, das ist’s. Eine Gipfeltour verschafft Besserung und Appetit. Nur was ist, wenn der Mörder ebenfalls Gipfellust verspürte? Auf dem Gaisberg hat Mitzi noch Glück, auf dem Welterbesteig Wachau, offenbar einem der schönsten Weitwanderwege Österreichs, nimmer. Isabella Archan nimmt uns in „Wenn die Alpen Trauer tragen“ mit auf eine halbwegs rasante Verbrecherjagd durch unser östliches Nachbarsland. Der erste Krimi um Mitzi und ihre Freundin, Inspektorin Agnes Kirschnagel, hiess „Die Alpen sehen und sterben“, der dritte, der im schönen Mai herauskommen soll, wird mit „Drei Morde für die MörderMitzi“ angekündigt. Und: Geschichten von Archan finden sich in den Weihnachtskrimis-Sammelbänden „Tödliche Zimsterne“ und „Tödlicher Glühwein“. Zwei von fünf Sternen.

«Ich beeilte mich, vor dem Eindunkeln das Dorf zu erreichen. Der Weg tauchte in den Wald ein. Der Abstieg wurde so steil, schroff und rutschig, dass die Berner Wanderfreunde eine Treppe mit Holzträmeln angelegt hatten.»

Das ist meistens so auf einer Bergtour: Nach dem Aufstieg und dem Gipfelblick folgt der Abstieg, oftmals der heikelste Teil. Das weiss der Emmentaler Privatdetektiv Alexander Bergmann natürlich. In seinem jüngsten Fall, den Gabriel Anwander in „Schrattenfluh“ aufrollt, ist es nicht viel anders. Das Nachgehen verschiedener Fährten gleicht dem Aufstieg, das Auswerten der Spuren der Überschau auf dem Gipfel. Beim Abstieg jedoch, wenn der oder die Mörder gefasst werden sollen, da kann man gehörig bis lebensgefährlich ausschlipfen. Oder in eine Felsspalte fallen, wofür ja die Schrattenfluh bekannt ist. Südlich und nördlich dieses löchrigen Felsmassivs fliessen Emme und Ilfis, und ihnen entlang wandert der Detektiv, auf der Suche nach den Tätern, die gezielt das Trinkwasser vergiften wollen und vor Mord nicht zurückschrecken. Da läuft einem beim Lesen nicht das Wasser im Mund zusammen, sondern vielmehr der Angstschweiss über den Rücken. Vier von fünf Sternen.

«Plötzlich geht ein heftiger Ruck durch das Seil, und im nächsten Augenblick sehe ich, wie Luke sich vom Felsen löst und fällt. Fällt. Das geht so schnell, das meine Arme und Beine gegen die Wand geschmettert werden. Theo schafft es, sein Seilende um einen Baum zu schlingen, der gerade auf seiner Höhe aus der Felswand wächst.»

Tja, das scheint es zu geben. Einen Baum in einer Felswand, oberhalb der Waldgrenze im Montblanc-Massiv. Er rettet – vorübergehend – das Leben von Seilpartnern, die sich beim Rückzug im Schneesturm verirren. Doch es kommt noch schlimmer, und einer von ihnen schneidet das Seil entzwei. Die Folgen sind für alle Beteiligten verheerend, im Moment und 22 Jahre danach. Der Thriller „Verderben. Einer stirbt. Wer lügt?“ von Carolyn Jess Cooke geht eigentlich einer entscheidenden Frage nach: Wie gehen die Überlebenden eines Bergunfalls damit um? Mit Schuld zum Beispiel. So heisst denn auch das Original: „The Blame Game“. Nur sind in diesem Buch die alpinistischen Begebenheiten so falsch wiedergegeben, dass ich die letzten hundert Seiten wie einen faulen Apfel fallen liess. Null von fünf Sternen.

«Questa è la giornata perfetta per un tramezzino. Ma dovremmo essere a Roma per avere un tramezzino.»

Ein kurzes Zitat aus „Non è stagione“, dem dritten Krimi von Antonio Manzini mit Rocco Schiavone, dem schrägen Ermittler, der von Rom nach Aosta strafversetzt wurde. Das typisch italienische Sandwich ist in den Text geschoben, der sich mit dem italienischen Kriminalroman befasst: „de ‚l’omertà‘ à une mosaïque régionale“. Dieser Text wiederum stammt aus dem Reader „Les lieux du polar. Entre cultures nationales et mondialisation“. Dreizehn Kapitel analysieren die Orte, wo die Kriminalromane spielen. Eine spannende Angelegenheit, vom „roman policier en Suisse (romande et alémanique)“ bis zum „contre-récit policier chinois“. Was leider fehlt, sind kritische Bestandesaufnahmen all der deutschen Bretagne-, Normandie-, Côte-de-Azur-, Provence-, Roussillon-, Bordeaux-, Aquitaine-, Elsass- und Paris-Krimis (um in Frankreich zu bleiben). Und all der Alpenkrimis… Vier von fünf Sternen.

Jörg Maurer: Den letzten Gang serviert der Tod. Alpenkrimi. Fischer Verlag, Frankfurt aM 2020, Fr. 26.-

Gian Maria Calonder: Engadiner Bescherung. Ein Mord für Massimo Capaul. Kampa Verlag, Zürich 2020, Fr. 20.-

Philipp Gurt: Bündner Alptraum. Emons Verlag, Köln 2020, Fr. 20.-

Isabella Archan: Wenn die Alpen Trauen tragen. Emons Verlag, Köln 2020, Fr. 20.-

Gabriel Anwander: Schrattenfluh. Emons Verlag, Köln 2020, Fr. 17.-

Carolyn Jess Cooke: Verderben. Einer stirbt. Wer lügt? Knaur Verlag, München 2020, Fr. 16.-

Lora Traglia, Michel Viegnes, Sylvie Jeanneret (Dir.): Les lieux du polar. Entre cultures nationales et mondialisation. Editions Livreo-Alphil, Neuchâtel 2020, Fr. 35.50.

Tatort Berg: Der 11. Dezember ist der internationale Tag der Berge. Ein Tag, der uns ins Bewusstsein ruft, was uns die Alpen alles bieten: Erholung und Beschäftigung, betörende Kulisse, kulturelle Vielfalt – und vor allem wertvoller Lebensraum für Mensch und Tier. Die Berge können aber auch Schauplatz vieler zwiespältiger Geschehnisse sein: Wilderei, Naturkatastrophen, Bergrettung und die Verrichtung «des Geschäfts». Davon handeln rasante Bildvorträge im Rahmen der Online-Veranstaltung «Tatort Berg» am 11. Dezember, übertragen aus dem Alpinen Museum der Schweiz. Zur Anmeldung geht es hier weiter: www.alpinesmuseum.ch/de/veranstaltungen.

Walther Krimi-Sessions: Die Wintersaison 2020/21 im Hotel Walther in Pontresina steht im Zeichen des Kriminalhörspiels. Die erste Folge gibt’s am 16. Dezember 2020. Alles Weitere unter www.hotelwalther.ch/krimi-sessions.

Vom No Man’s Land in den Schnee

Zwei grosse (Berg-)Fotografen mit grossen neuen Bänden. Robert Bösch mit Bildern der Welt, Peter Mathis mit solchen vom Schnee. Wer aussergewöhnliche Geschenke sucht…

1. Dezember 2020

«Der Grundstein zu diesem Buch wurde – so vermute ich rückblickend – vor über drei Jahrzehnten im Lubéron gelegt, im legendären Freeclimbing-Mekka in Buoux: Da war diese fantastische Kletterlinie, an der markanten glatten und leicht überhängenden Felskante am äussersten Rand der gewaltigen Felswand. Von der Abendsonne beleuchtet, war sie Verlockung und Verpflichtung gleichzeitig: Ich wusste, irgendwann hatte ich diese Linie zu klettern! Und irgendwann bin ich dort eingestiegen. Die Kletterei hat gehalten, was sie verheissen hat. Den Namen der Route habe ich nie vergessen, er hat mich ein Leben lang begleitet: „No Man’s Land“.»

Voilà! Das schreibt der Zürcher Fotograf Robert Bösch im Schlusswort zu seinem jüngsten Werk „No Man’s Land“. Seinem siebzehnten Buch seit 1988, in dem er der alleinige Fotograf ist. Ein Wurf! Ein Meisterwerk von A bis Z, vom „Lake Aegeri before sunrise, Switzerland“ bis zur „Front of an industrial building in Zurich, Switzerland“. Perfekte Bilder beide. Für das eine musste Röbi nur zum richtigen Zeitpunkt aus dem Fenster seines Hauses am Ägerisee schauen. Es ist nicht die einzige Aufnahme dieses Sees oben im Zugerland. Immer wieder taucht er auf, zu allen Tages- und Jahreszeiten. Sozusagen das rote Seil in einem Buch, das die Welt umspannt.

„Die Erde ist niemandes Land.“ So beginnt Bösch sein Vorwort als „Zu-Hause-Bleibender“ und „Welten-Reisender.“ Wir folgen ihm gerne auf Schritt und Tritt, vorwärts und rückwärts, 100 Farb- und Schwarzweiss-Fotos, Bild für Bild. Das Bild an sich. Und gleichzeitig oft (aber bewusst nicht immer) Übergänge erkennend, Zusammenhänge begreifend. Eine Schneeverwehung auf dem Ratenpass gleicht Sanddünen in Marokko, ein unbekannter Berg in der Everest-Region findet sich wieder in der weltberühmten Cathédrale de la Major à Marseille. Und in dieser Stadt schuf der Fotograf ein Bild vom Vieux Port, das auch Henri Cartier-Bresson entzückt und verblüfft hätte. „Die Kamera ist mein Werkzeug, um Bilder zu kreieren.“ So schliesst Robert Bösch das Vorwort: „Was dem Maler Pinsel, Farbe und Leinwand sind, ist mir Blende, Zeit und der Auslöser. Wo auch immer ich auf diesem Planeten – im „No Man’s Land“ – unterwegs bin, ich bin ein Bildsuchender. Ich kann es mir anders nicht vorstellen.“ Wir sind gespannt auf sein nächstes Werk.

„Es het gschneit!“ Mit diesem kurzen Satz und leuchtenden Augen begrüsste mich heute Morgen Tochter Andrea, als sie zum Homeworking in unsere Wohnung kam. Schnee bis in die Niederungen und bis in die Stadt (Bern), perfekt pünktlich zum Winteranfang. Seit dem Morgen dürfte die Begeisterung, wenigstens für diejenigen, die draussen unterwegs sind bzw. sein müssen, wohl schon leicht verwässert worden sein. Item. Schnee ist Schnee ist Schnee. Seiner Faszination kann man sich schwierig entziehen.

Einer, der ihr erlegen ist bzw. immer noch erliegt, ist der Vorarlberger Fotograf Peter Mathis. Sein jüngstes Werk heisst ganz einfach „Schnee“. Aber was die weisse Materie alles sein kann, für die Natur, für Gebäude, für uns Menschen: Das erleben wir auf 82 Duoton Aufnahmen. Vielschichtig und gegenlichtig, neuschneerein und spurentief, windverblasen und pistengewalkt, sonnig und schattig, schwarz und weiss. Erste Sahne! Da hat ein Meister hinter der Kamera die kalte Saison eingefangen. Und wenn dann noch Meister mit den Brettern an den Schuhen eine erste Spur in den vergänglichen Untergrund legen, dann schauen wir mit viel Neigung und etwas Neid auf solche Fotos. Der Winter kann kommen. Weihnachten auch, mit solchen Werken!

Robert Bösch: No Man’s Land. Photographs. Texte von Robert Bösch und Angelika Affentranger-Kirchrath. Deutsch/Englisch. Till Schaap Edition, Bern 2020. Fr. 130.- Zu beziehen bei Robert Bösch: www.robertboesch.ch, info@robertboesch.ch

Peter Mathis: Schnee. Texte von Peter Mathis und Tom Dauer. Prestel Verlag, München 2020. Fr. 68.- www.mathis-photographs.at/deu/bücher/schnee/

Berge und Steine 2: Der Weg auf den Tisch

Das Selbsanft-Massiv ist ein Hochplateau, kaum von Erosion zerschnitten. Eine Handvoll Wege führen hinauf, keiner davon ist leicht zu begehen. Auf jedem aber erschliesst sich der Geologische Aufbau und jeder ist ein alpinistisches Abenteuer.

29. November 2020

Bei Dunkelheit starten wir im Tierfed. Im Dämmerlicht rauscht der Sandbach unter der Pantenbrugg. Zu dritt wollen wir aus den Schluchten auf die dreitausend Meter hohe Fläche des Selbsanft, dem Tisch aus Stein an dem sich Tödi und Hausstock gegenübersitzen. Ich kartiere, Aikko und Tobi begleiten mich, falls es Seilsicherung braucht. Für den späten Nachmittag sind Gewitter angesagt. Bis dann würden wir durch sein. Durch Schluchten, stundenlang über Felsbänder und quer über den Tisch. Noch sieht man die Sterne, die im hellblauen Morgenhimmel verblassen.

Ein Pfad führt in den Wald, der zwischen Blöcken noch erstaunlich eben ist. Erstaunlich dafür, wie bald danach das Gelände wie steil zu wie hohen Wänden ansteigt. Schon nach wenigen Kehren werden wir um ein Eck in die Schlucht des Limmerentobels gedrängt und steigen zwischen rundgewaschenen Felsen hinein in den Berg, der links und rechts derselbe ist, lediglich von einem tiefen Spalt zerrissen. Bei der Wasserfassung führt westseitig ein Band hinauf, hinaus auf einen steilen Wiesenplatz mit ein paar Birken. Über Grashalden und Stufen, stets hart geneigt, erreichen wir später, noch im Schatten des sonnigen Vormittags, den Wiesenvorsprung Luegboden, eben wie die Aussparung für eine nicht aufgestellte Säulenfigur. Durchatmend stellen wir uns hinein. Schon tausend Höhenmeter sind wir gestiegen und noch immer unten, am Eck zwischen den Schluchten.

Dreihundert Meter weiter oben queren wir unter einer hohen, gelbgrauen Felswand nach rechts. Sie sieht aus, als wäre sie für Extremkletterer ein Traum, nur von Mauerläufern bewohnt, nur von Alpendohlen umtanzt. Wo sie in einer Ausbuchtung stärker gegliedert ist, können auch wir in die Steinwelt einsteigen und, hundertfünfzig Meter höher, den Grat wieder erreichen. Über mauerhohe Stufen kletternd, zum Kartieren immer wieder seitlich querend, folgen wir dem Grat und kommen nun langsam aus den Schluchten heraus.

Unterhalb des Goldenen Horns quere ich etwas länger nach rechts, um für die Karte zu zeichnen, während die beiden in den Felsen etwas essen. Es ist schon Mittag und Wolken ziehen beängstigend rasch am Himmel auf. Erste Tropfen brechen Pause und Zeichnen ab. Wir wollen die Schlüsselstelle noch im Trockenen überwinden. Rasch steige ich ein und bin fast schon zu hoch, als mir Aikko noch das Seilende mitgibt. Von oben sichere ich nach, dann muss das Seil wieder weg, damit wir schneller sind. Als wir über eine plattige Rampe klettern, grenzwertig ohne Seil, setzt der Regen endgültig ein. Die Hände, die nur stützen, werden kalt. Wo Tropfen aufschlagen, färbt sich der Fels dunkel. Die Füsse suchen die hellen Flächen, die zwischen den dunklen immer kleiner werden, bis wir unsere Tritte dem nassen Fels anvertrauen müssen, der dann doch auch ein wenig hält. Als wir oberhalb über schuttbedeckte Platten nach links queren können, und es am Hausstock blitzt, am Tödi donnert, entdecken wir östlich unter der Scharte hinter dem Hauserhorn eine Höhle. Sie ist ausgekleidet mit fingerlangen, faustdicken Kristallen. Alle drei passen wir gut hinein.

Wieder durchatmen. Viel rascher war das schlechte Wetter gekommen. Den Tischrand haben wir zwar fast erreicht, weit ist es aber noch in die schützende Trockenheit.

Nah dagegen wäre der Gipfel des Hauserhorns, eine exponierte Spitze. Können wir sie uns erlauben? Wir lavieren herum.

«Eigentlich bin ich schon ein Gipfelsammler», sagt Tobi und trifft damit die Entscheidung, denn eigentlich sind wir anderen es auch.

Zwischen Tödi und Hausstock, über uns, ist der Himmel fast schon wieder blau, als wir dem Gipfel zusteigen. Hinter Felstürmen erreichen wir eine Scharte und bald den höchsten Punkt.

«Hört ihr das auch?» fragt Tobi. Wir lauschen in die Stille, die zwischen Hausstock und Tödi herrscht. Wir hören nichts. Aikko ist etwas unterhalb, um ein Foto zu machen, als es am eisernen Gipfelkreuz knackt wie wenn ein Grashalm zu nah am Weidezaun steht oder wie, wenn ich den Faserpelz vom Merino-Shirt ziehe. Tobi zeigt mir die Tropfen am Querbalken. Sie hängen nicht, sie stehen seitlich nach oben. «Komm» rufen wir Aikko zu, «wir steigen ab». «Eines noch», erwidert er, da sind wir schon an ihm vorbei.

Doch es bleibt ruhig zwischen Hausstock und Tödi. Nur einzelne Tropfen fallen aus dem immer noch blau erscheinenden Himmel, als wir uns auf den Weiterweg machen. Nach dem nächsten Felsaufschwung sind wir endgültig oben. Nur noch wenig ragen sie über die Fläche hinaus, der Hausstock auf der einen, der Tödi auf der anderen Seite. Wie am Wirtshaustisch sitzen die zwei sich gegenüber, diskutierend, vielleicht ihre Kräfte messend, wer weiss das so genau. Rasch wollen wir hinüber, ehe vielleicht einer in Zorn gerät und mit der Faust auf den Tisch schlägt. So lange es geht, halten wir uns lieber seitlich etwas unterhalb. Erst am Mittler Sebsanft müssen wir ganz nach oben und mitten über den Tisch hinweg, gerade als es ohne Vorwarnung zu schütten beginnt. Es strömt aus einem fahlen, fast noch hellen Himmel endlos auf uns herab, die wir schweigend, jeder für sich, stundenlang über rundgeschliffene Felsen steigen, die vor Jahrmillionen eine tropische Rifflandschaft waren. Doch nur ich sehe die Korallenstöcke. In den Mulden der Felsbuckel sammelt sich überall Wasser, dessen Oberflächen vom prasselnden Regen in zahllosen kreisrunden Fontänen explodiert. Wäre es nicht so kalt, erschiene es im Augenwinkel fast, als erwache das Riff zum Leben.