Von Häusern und Hütten

Bauen in den Bergen. Ein weitreichendes Dach für vier spezielle Buchzimmer.

17. November 2020

«‹St. Moritz ist am Ende›, antwortete sie leichthin. ‹Vor einigen Jahren hatte es Möglichkeiten. Wunderbare Möglichkeiten. Jetzt nicht mehr. Diese Krise hat den letzten Strohhalm geknickt. Schauen Sie sich all diese grossartigen Hotels an, von denen einige geschlossen und die anderen halb leer sind. Viele der Geschäfte sind zu, der Rest steht kurz vor dem Bankrott. Diejenigen von uns, die Geld haben, sind zu weise, um es hier zu investieren.›»

Verdammt düstere Aussichten für den weltberühmten Kurort – die Krise hat St. Moritz offenbar voll erwischt. Corona? Ma no! Sondern Ausschnitt aus einem Roman, der dem dortigen Kurdirektor Walter Amstutz den Job kostete. Verfasserin war seine Ehefrau Eveline Amstutz-Palmer, das Buch heisst „The Masters Comes Home“, erschien 1937 in England und sorgte für ziemlich dicke Luft im Champagnerklima des Oberengadins. Den oben zitierten Abschnitt mit dem dezidierten Auftritt der Protagonistin Anna Lareida übersetzte Cordula Seger für ihr neues Buch, das einem der schönsten und geschichtsvollsten Haus von St. Moritz gewidmet ist: „Biografie eines Hauses – Chesa sur l’En – St. Moritz“. Das Haus über dem Inn also, angelehnt an die Anhöhe Crasta Büsauna gegenüber von St. Moritz Bad: eine kunstvolle Mischung aus Märchenschloss und Traumchalet. 1882–1883 von Baumeister Nicolaus Hartmann senior und Chaletfabrikant Alexander Kuoni im Auftrag der Familie von Planta erbaut, war es zuerst repräsentatives Ferienhaus, dann Genossenschaftsherberge, später Familienhotel und ist heute privater Wohnsitz. Die prächtig ausgestattete Hausbiografie geht dem Leben der Chesa sur l’En mit spannenden Geschichten nach und schaut weit über das Balkongeländer hinaus. Perfekte Lektüre für Home Vacation.

Dann wechseln wir, zuerst virtuell, später hoffentlich aber auch reell, in ein anderes Haus. Es liegt auf einer Sonnenterrasse östlich unterhalb des Schattenstock in den Glarner Alpen, leicht gekrümmt voll gegen Süden ausgerichtet, zweistöckig mit einem Schrägdach. Ein architektonisches und skihistorisches Bijou von 1931, das 2016 umfassend saniert wurde. Mit „Ortstockhaus Braunwald. Ein Berggasthaus in den Glarner Alpen“ von Michael Hanak und Christof Kübler widmet sich der AS Verlag gleich noch einem besonderen Gebäude in den Schweizer Alpen. Im Gegensatz zur Chesa sur l’En kann das Ortstockhaus aber besucht werden, und das empfiehlt sich sehr, gerade im Winter, mit Ski, Snowboard oder Schneeschuh. Unvergesslich der Abend vom 11. Januar 1992, den ich mit zwei Freunden dort verbrachte – mein erster Besuch im Glarnerland. Ich hätte keinen schöneren Ort finden können als das Ortstockhaus.

Auch im dritten Buch dreht es sich um Bauten in den Bergen, aber einmal auf eine ganz andere Art. Was passiert mit den Ställen in den Tessiner Alpen, die nicht mehr gebraucht werden und langsam zerfallen. Restaurieren und mehr oder minder sensibel zu Ferienhäusern umbauen? Nichts machen, bis einmal alle Steine verstreut am Boden liegen und von der Vegetation langsam zugedeckt werden? Der Architekt Martino Pedrozzi aus Mendrisio hat sich für einen dritten Weg entschieden. Einen doppelten. Einerseits restauriert er Gebäude, die noch stehen, mit ganz einfachen Mitteln, damit sie nicht weiter zerfallen, aber weiter so aussehen, wie sie einst erbaut wurden. Andererseits schichtet er zerfallene Gebäude zu einem reckeckigen Sockel auf, gibt ihnen wieder einen Grundriss, eine Struktur. Martino Pedrozzi schafft somit eine baulich überzeugende Erinnerung an das einstige Leben und Wirtschaften auf der Alp, die gleichzeitig aber auch Land Art sein könnte. Ganz stark. Und unbedingt besuchenswert, jetzt gleich noch oder dann im nächsten Sommer: die Alpe di Sceru und die Alpe di Giumello im Val Malvaglia, diesem einzigartigen Seitental des Valle di Blenio. Alles Weitere und die entsprechende Vorfreude im Bildband „Perpetuare achitettura/Perpetuating Architecture“.

Um Hütten in den Alpen geht es ebenfalls im vierten Buch. Isabelle Van Wynsberghe widmet sich in „Des cabanes et des hommes“ ausführlich den sechs Hütten der 1922 gegründeten Section Gruyère des Schweizer Alpen-Clubs. Von den sektionseigenen (Ski-)Hütten Oberegg, Portes und Clés über die Cabanes Les Marindes und Bounavaux, die beide den Aufstieg zum höchsten Freiburger Gipfel, dem Vanil Noir, erleichtern, bis zum futuristischen Bivouac du Dolent, werden Geschichten und Anekdoten erzählt, die durchaus auch für Nichtclubisten von Interesse sind. Vor allem das Dolentbiwak im Val Ferret steht schon ziemlich schräg in der Landschaft, vom Aussehen her natürlich. In jeder Hinsicht meilenweit entfernt von der Chesa sur l’En. Und doch: ein festes Dach über dem Kopf. Solches braucht es in Krisen erst recht.

Cordula Seger: Biografie eines Hauses – Chesa sur l’En – St. Moritz. Eine Publikation des Instituts für Kulturforschung Graubünden (ikg). AS Verlag, Zürich 2020, Fr. 58.-

Michael Hanak, Christof Kübler: Ortstockhaus Braunwald. Ein Berggasthaus in den Glarner Alpen. Herausgeber OSH Braumwald GmbH. AS Verlag, Zürich 2020, Fr. 42.-

Perpetuating Architecture. Martino Pedrozzi’s Interventions on the Rural Heritage in Valle di Blenio and in Val Malvaglia 1994–2017. Edited by Martino Pedrozzi. With contributions by Sebastiano Brandolini, Thomas Kissling, Bruno Reichlin and Günther Vogt. Photographs by Pino Brioschi. Italienisch/englisch. Park Books, Zürich 2020, Fr. 39.-

Isabelle Van Wynsberghe: Des cabanes et des hommes. Histoire et anecdotes du Club Alpin Suisse section Gruyère. Editions La Sarine, Fribourg 2018, Fr. 45.-

Berge und Steine 1: Blatt Tödi – ein Privileg

Lange habe ich nichts mehr von mir hören lassen. Meine Geologenarbeit und mein Buchprojekt haben mich sehr eingenommen. Mittlerweile ist das Buch erschienen und ich kartiere im Tödi-Gebiet. Warum also nicht wieder schreiben. So möchte ich hiermit eine kleine Serie beginnen, die von Bergen und Steinen erzählt.

16. November 2020

Zuerst ein Rückblick.

Ende 2018 war für mich eine persönlich spannende Zeit. Alpinist im Geist, Draussen-Mensch im Herzen und Geologe im Handwerk, hatte ich schon einige Jahre geologisch im Gebirge kartiert und die Landeskartenblätter Buchs, Sargans und Spitzmeilen, zusammen mit einer Handvoll wesensverwandter, für den Geologischen Atlas der Schweiz durchstreift. Mitte 2018 war, vielleicht ein letztes Mal, ein Kartenblatt ausgeschrieben und könnte meine Aufgabe für weitere fünf Jahre werden. Dabei ist das in Aussicht stehende Kartenblatt Tödi, ein raues Hochgebiet schwindender Gletscher, die blanken Felsen entblössen, dem Alpinisten-Geologen wie vorbestimmt. Anfang 2019 war dann der Zuschlag da. Mit Andi und Adrian würden wir in fünf Sommern die Blätter Tödi und Flims bearbeiten. Ein wenig machte sich damals auch Sorge breit. Sind die Beine, die Knie, ist der alternde Körper dem Kopfeswunsch gewachsen? Bin ich noch Geist und Willen, bin ich noch Alpinist genug, den Bogen rund zu schliessen?

Zwei Sommer sind seitdem verstrichen. Körper und Geist arbeiten zusammen in ausgewogenem Gleichgewicht. Jetzt, Mitte November, ist es im Hinter Sand still, schattig und kalt. Die KLL hat ihre Unterhaltsarbeiten an der Fahrstrasse beendet und in der Sandrisi die Brücken abgebaut. Man kann nicht mehr fahren und selbst die Älpler, die immer noch irgendetwas zu tun haben, sind, wenn überhaupt, dann nur noch mit leichtem und leisem Gerät unterwegs. Rings um den Talschluss steige ich, oberhalb von Schutzwald und Blockhalden, den Wandfuss entlang. Sandalp Quarzporphyr nenne ich im Kopf das Gestein, dessen Wesen unter modernen Gesichtspunkten, ich auf der Spur bin. Es ist der neueste der alten Begriffe, die frühere Geologen dafür brauchten. permische Bildungen ist ein anderer. Widmer, der von Quarzporphyr und Aufarbeitungsgesteine davon spricht, deutet es an: es könnte sich auch um mehr als einen Gesteinstyp handeln. Auch ich habe diesen Eindruck und schlage immer wieder kleine Stücke vom harten Felsen ab, halte sie unter die Lupe, zweifle, steige weiter. Auf und ab. Es ist mühsam. Das Steigen im Gelände ist stets unrhythmisch. Einmal hält ein Schritt, dann gibt Geröll wieder nach oder ein nasser Ast rutscht. Wegen einer Murgang-Rinne muss ich weit ab- und wieder aufsteigen. Oder ein Erlengestrüpp durchqueren. Ich bin in meinem Element.

Auch die Mittagspause bleibt heute schattig und kalt. Weiter oben, dort wo die Sonne hinkommt, wird ihre mögliche Wärme vom Neuschnee reflektiert. Nur kalte Luft ist weit und breit und zum Glück weht kein Wind. Dort oben in der blendenden Helle stieg ich im August über brüchige Felsbänder in Hochkare, unter Serac-Zonen am Gletscherrand in ein neues, frisch freigetautes und noch unberührtes Land, oder über Grate bis zu Gipfeln, von denen man weit über den Blattrand hinaus in die Ferne sieht. Und abends sass ich auf der Hütte, vor mir die bunt bemalten Kartierblätter. Müde repetierte ich in Gedanken oft die Geologie des Tages. Und die Berggänger, die beim Nachtessen den Tisch mit mir teilten, wie oft fragten sie mich nach meiner Tätigkeit, waren erstaunt und erfreut darüber, dass man im Hochgebirge arbeiten kann.

«Kennt man die Geologie hier nicht schon?»

Doch. Aber sie ist nicht vereinheitlicht. Die über hundertjährige Geologische Karte der Glarner Alpen von Jakob Oberholzer zum Beispiel, ist meine Grundlage – oft faltete ich dann das unhandlich grosse Papier auf – und es gibt eine Handvoll Dissertationen mit speziellem Fokus für einige Teilgebiete. Aber hier zum Beispiel, bei der Fridolinshütte, steht auf der Karte von Oberholzer Paragneise und -Schiefer, bei Widmer Grünhorn-Serie und bei Franks Bifertenfirn-Formation. Was davon ist nun sinnvoll? Der Stand des Wissens muss vor Ort geprüft, vereinheitlicht und über das ganze Gebiet auskartiert werden.

«Und du steigst wirklich überall hin?»

Ich durchstreife das Gelände und schaue in jede Geländekammer mindestens hinein. Kein Fels soll mir unbekannt bleiben. Bei den ganz steilen Wänden muss natürlich der Feldstecher reichen um das, was ich an beiden Rändern, unten am Wandfuss und oben auf dem Grat, bestimme, durch die Vertikalen Bereiche miteinander zu verbinden.

An den Sommerabenden am Hüttentisch war ich in Wahrheit oft sehr müde. Jetzt aber, wo es einsam ist, würde ich gerne etwas plaudern und erzähle es mir in Gedanken beim Weitergehen.

Du kommst zwar kaum noch zum Bergsteigen, sage ich mir, ich meine, zum ganz selbstbestimmten Zweck, einer bestimmten Route oder eines bestimmten Gipfels wegen, aber sich beschweren wäre auch Jammern auf hohem Niveau. Denn in Wahrheit tauchst du tief ein in die Wildnis des Gebirges. Machst nicht nur eine Route, zielst nicht nur auf den Gipfel, sondern steigst in jede Rockfalte und versuchst mit dem Stein, den du überall bestimmst, das Substrat aus dem die Berge sind zu verstehen. Das ist ein wahnsinniges Privileg!

Ich müsste es aufschreiben, denke ich als ich nach der durchfrorenen Mittagspause weitersteige, der nächsten Felswand zu. Dann kann ich trotz der Stille mitteilen. Oder, wenn ich zu müde bin, auf einen Text verweisen. So beschloss ich vor ein paar Tagen, während ich am frühen Novemberabend das Tal des Sandbachs hinauswanderte, hier, auf bergliteratur.ch, wieder zu schreiben. Eine kleine Serie soll es werden, in der es, aus Dank der Arbeit gegenüber, die mir das tiefe Eintauchen möglich macht, ein wenig auch um das Steinfach gehen wird.

 

Wanderführer der etwas anderen Art

Ob nur am Sonntag oder einen ganzen Sommer lang, ob nach- oder selbstmachen: Drei neue Publikationen weisen den Weg.

10. November 2020

«Ein langer Gang. In den Geruch von Apotheke, Bodenwichse und Staub mischte sich ein viertes Element: Rauch von schlechtem Tabak… Links eine Reihe hoher Fenster. Aber sie waren sonderbar gebaut, diese Fenster: in winzige Scheiben eingeteilt, und die Einfassungen der Scheiben waren eiserne Gitterstäbe. Studer prüfte sie verstohlen. Er warf einen Blick hinaus: der Hof. Der Wachtmeister stand gerade dem Ebereschenbaum gegenüber mit seinen roten Beeren und seinen leuchtend-gelben Blättern. Und der Baum tröstete ihn…»

Zitat aus dem Kapitel „Die weiße Eminenz“ von „Matto regiert“, dem dritten Wachtmeister-Studer-Roman von Friedrich Glauser. In Buchform erstmals im Dezember 1936 erschienen. Und jetzt wieder aktuell, weil die Bäume im Psychiatriezentrum Münsingen, in dem der Roman angesiedelt ist und das Glauser als zeitweiliger Insasse bestens kannte, in einer bäumigen Publikation gewürdigt werden. In „Baumreisen. Ein künstlerischer Wegweiser zu 55 ausgewählten Bäumen im Naturpark Münsingen“ stellen Alexandre Jaquemet (Foto) und Kris Schneeberger (Text) die Höfe und die Gartenanlagen des PZM vor, und dort gedeihen eben ganz besondere Gewächse, von der Amerikanischen Schwarznuss über den Mädchenhaarbaum und die Mähnen-Nutkarzypresse bis zum Zuckerahorn. Nicht finden im Buch konnte ich allerdings den Ebereschenbaum, doch von dem lesen wir ja im Roman – und hier. Auf alle Fälle lohnt sich ein Ausflug nach Münsingen, um durch die weitläufige Anlage zu wandern, die gewachsenen und gebauten Sehenswürdigkeiten zu bestaunen. Und auf der Fahrt lesen wir natürlich den Glauser.

«Dann trat er [Studer] ans Fenster und blickte über den Hof.
Der Ebereschenbaum mit den gelben Blättern… Sonst war der Hof grau und leer.»

(aus dem Kapitel „ Zwei kleine Belastungsproben“).

Ein weisses, grosses A ohne Querstrich auf tannengrünem Grund, sonst leer, auf der Vorder- und auf der Rückseite. So tritt ein ganz besonderes Wanderbuch auf. Auf der Innenklappe dann der Titel: „Wanderungen 1 bis 20“. Nebenan die Inhaltsangabe: „Acht Wanderungen in den Schweizer Bergen von Mai bis November sind hier skizziert“. Und: „Zwölf Wanderungen zeichnest Du ins Gebirge.“ Ein Wandertourenbuch also, gewandert, gestaltet, fotografiert und herausgegeben von Anika Rosen. Eine feine Idee: Zu den acht von ihr vorgeschlagenen Wanderungen (5 in der Zentralschweiz, 2 im Glarnerland, 1 im Bündnerland) machen, fotografieren und beschreiben wir zwölf eigene. Ja, vielleicht schlagen wir sie auch nur vor, um sie im nächsten Jahr zu unternehmen, alleine oder schöner en compagnie. Ein Erinnerungs- und Erwartungswanderbuch in einem.

«Es geschah ganz plötzlich, genau wie in einem schlechten Film, in dem man die Übergänge aus Bequemlichkeit sabotiert. Studer ließ den Portier stehen und lief davon, die Stufen hinab, die in den Hof führten, weiter, vorbei am Ebereschenbaum mit den vergilbten Blättern…»
(aus dem Kapitel „Einbruch“)

Nach dem Sonntagsspaziergang in Münsingen und dem achttourigen Wanderheft geht es im letzten besonderen Wanderbuch aber tüchtig zur Sache. Giuseppe Brenna, der beste Kenner der Tessiner Berge, stellt in „Alpi di Valle Maggia“ 267 Alpen im Maggiatal und seinen Seitentälern vor. Auf 185 Touren können wir all diese Zeugen einer (verschwundenen) Berglandlandwirtschaft aufsuchen und bewundern – wenn wir denn so zäh und so zielstrebig sind wie einst die Menschen, die all diese Wege und Stufen, Ställe und Häuser erbaut haben, sich eingerichtet in Hohlräumen unter riesigen Felsblöcken. Unglaublich, welche Wildnis da begehbar und bewirtschaftbar gemacht wurde. 27 Karten und 667 Fotos helfen uns, diese meist vergessenen Orte aufzusuchen. Ein Wanderprojekt für die nächsten Jahre.

«Allein sein tat not. Übrigens schlug die Turmuhr der Anstalt mit ihrem gewohnten sauren Klang sechs Uhr. Studer ging die Stufen vom Hauptportal hinab, ging weiter durch die Allee mit den Apfelbäumen auf das Dorf Randlingen [Münsingen] zu.»
(aus dem Kapitel „Kollegen“).

Alexandre Jaquemet (Foto), Kris Schneeberger (Text): Baumreisen. Ein künstlerischer Wegweiser zu 55 ausgewählten Bäumen im Naturpark Münsingen. Stämpfli Verlag, Bern 2020, Fr. 44.-

Anika Rosen: Wanderungen 1 bis 20. Eigenverlag, Zürich 2020, Fr. 38.- Erhältlich bei www.zwanzigwanderungen.ch und www.pizbube.ch.

Giuseppe Brenna: Alpi di Valle Maggia. Salvioni Edizioni, Collana “Sui sentieri dei padri”, Bellinzona 2020, Fr. 38.-

Friedrich Glauser: Matto regiert. Online hier:
https://www.projekt-gutenberg.org/glauser/matto/index.html

Grosse Bergsteiger

Vier besondere Bücher von und zu besonderen Bergsteigern. Drei von ihnen starben in den Bergen.

3. November 2020

«‹Andrej, nimm meine Flasche! Du kletterst mit Sauerstoff voraus und ich ohne hinter dir!›
Doch Andrej nimmt mein Angebot nicht an. Er weiß, dass ich dann höchstwahrscheinlich, wenn überhaupt, nur mit heftigen Folgeschäden vom Berg runterkomme und mein Lebtag ein Krüppel bleibe. Bei vierzig Grad minus und einer Windgeschwindigkeit von 120 Kilometern pro Stunde hält dein Körper es in der Todeszone nicht lange aus. In Gedanken sehe ich schon vor mir, wie Andrej umkehrt und ich allein weiterstapfe. Ins Ungewisse. Doch eines ist klar: Der Weg nachhause führt nur über den Gipfel! Wir haben in den letzten Wochen einfach zu viel durchgemacht, um dem Gipfel jetzt, so kurz vorm Ziel, den Rücken zuzukehren. Und zuhause warten Menschen, die mich lieben und mir vertrauen, die mich respektieren, viel mehr als ich mich selbst respektiere. Auch für sie bin ich bereit, bis zum Ende zu gehen. Noch gebe ich nicht auf.»

Ausschnitt aus einem Bergbuch, das in Slowenien alle kennen, die in die Berge gehen. Und wer ist in diesem Alpenstaat schon kein Bergsteiger, keine Bergsteigerin? Nicht zufällig ziert ja der Triglav, der höchste Gipfel des Landes, die slowenische Flagge. „Pot“ heisst dieses Buch, verfasst von Nejc Zaplotnik. Am 13. Mai 1979 steht er zusammen mit Andrej Štremfelj auf dem Gipfel des Mount Everest. Dies war zuvor noch keinen Alpinisten aus dem ehemaligen Jugoslawien gelungen. Die beiden Slowenen waren auch die Ersten, die den gesamten Westgrat des Everest begangen haben. 1981 erscheint Zaplotniks Buch, das zu einem Kultbuch wird (zehn Nachdrucke bis 2020). Nun ist die alpine Bibel Sloweniens auf Deutsch erschienen: „Der Weg“.

Ob der Weg über den Gipfel führen muss oder nicht: Das müssen wir selbst entscheiden. Wie sich Nejc entschieden hat, und warum, und was passieren kann: Das lesen wir in seinem Buch. Ein grossartiges, tiefschürfendes, vielschichtiges Werk. Wir erleben, was einen Vollblut-Alpinisten im Innersten antreibt. Dabei erschöpft sich „Der Weg“ nicht in der blossen Nacherzählung von Besteigungen, sondern liest sich streckenweise wie ein Ratgeber für eine möglichst erfüllte und authentische Lebensweise. Bereits in seiner Kindheit und Jugend entdeckte Nejc Zaplotnik seine Liebe zu den Bergen, die sich im Laufe der Jahre zu einer wahren Berg(sehn)sucht entwickelte. Als ihm die umliegenden heimischen Berge nicht mehr genügten, wählte er immer extremere Routen und immer höhere Gipfel im In- und Ausland als Ziel. Die Möglichkeit, seinem Wunsch nach einem freien Leben möglichst nahe zu kommen, sah er nur im Bergsteigen, dem er alles andere unterordnete. Am 24. April 1983, acht Tage nach seinem 31. Geburtstag, stirbt Nejc Zaplotnik in einer Lawine am Manaslu.

«In den frühen 1970er Jahren entwickelte Kurt Albert die Rotpunkt-Kletterei: Mit einem roten Punkt markierte er Routen, bei denen künstliche Hilfsmittel wie Haken, Bohrhaken oder Friends ausschliesslich zur Sicherung – und nicht zur Fortbewegung – verwendet worden waren. Indem Kurt Albert das Klettern auf das Wesentliche reduzierte, wurde er ein Pionier des modernen Felskletterns.»

Ausschnitt aus der Würdigung der King Albert I Memorial Foundation für den deutschen Kletterer und Alpinisten Kurt Albert, als er 2008 den goldenen Albert Mountain Award erhielt. Jetzt ist seine lang erwartete Biografie erschienen: „Kurt Albert. Frei denken – frei klettern – frei sein“. Basierend auf dem bislang nicht zugänglichen privaten Text- und Bildarchiv von Albert sowie auf Gesprächen mit Weggefährten und Zeitzeugen, verfasste Tom Dauer das lesenswerte Buch über einen ganz grossen und geistreichen Bergsteiger. Denn auch wenn schwierigstes Klettern und abenteuerliche Expeditionen in zahlreiche Gebirge der Welt seinen Weg bestimmten, so ging Kurt Albert oft noch ein Stück weiter – wie mit dem roten Punkt, mit Fotos und Artikeln, mit Vorträgen, ja mit seinem ganzen Lebensstil. Er plante, nach „Fight Gravity“, dem Buch über das Klettern im Frankenjura, eine Autobiografie zu verfassen. Jemand anderes hat dieses Werk schreiben müssen. Kurt Albert stirbt, 56 Jahre alt, am 28. September 2010, zwei Tage nach einem Sturz an der Via ferrata Höhenglück im Frankenjura, seinen heimatlichen Felsen.

«Schon als Kind bin ich von den Bergbüchern meiner Eltern begeistert. Es sind Bücher über Nepal, das Land, aus dem mein Vater Rinzi kommt, in denen Berge abgebildet werden, deren Namen ich nicht aussprechen kann, die mich aber trotzdem faszinierten. Ich schaue mir die Wände an, wie sie hochziehen, und stelle mir vor, wie es wäre, sie zu durchsteigen. Schon damals sehe ich in der Struktur jedes Berges das, was Bergsteiger eine Linie nennen: den logischen Weg von unten hinauf auf den Gipfel.»

Ausschnitt aus dem zweiten Buch von David Lama: „Free. Der Cerro Torre, das Unmögliche und Ich“. Zusammen mit Lamas Erstling „High. Genial unterwegs an Berg und Fels“ ist es neu aufgelegt worden, ergänzt um ausgewählte Texte wie „Das Risiko und die Frage, wofür es sich lohnt, Gefahren einzugehen“. Das neue Buch heisst „David Lama. Sein Leben für die Berge. Von ihm selbst erzählt“. Der 1990 geborene Lama galt als einer der begabtesten Alpinisten des letzten Jahrzehnts. Einer, der seinen eigenen Weg vom siegreichen Wettkampfkletterer bis zum unerschrockenen Expeditionsbergsteiger gegangen ist. Wie bei Nejc und Kurt waren die Berge sein Leben, seine Welt, in der er die meiste Zeit verbrachte. In „High“ beschreibt David seine Herkunft, das Aufwachsen in Tirol, wie er früh zum Klettern kam und wie er von seinen Eltern unermüdlich gefördert wurde. „Free“ erzählt von seinem Projekt, die Kompressor-Route am Cerro Torre in Argentinien frei zu klettern. Beide Bücher und die Texte zeigen David Lama, wie er dachte, wie er handelte und wie er war. Am 16. April 2019 stirbt Lama zusammen mit Hansjörg Auer und Jess Roskelley in einer Lawine nach der Besteigung des Howse Peak im Banff-Nationalpark, Kanada.

«Der biologisch unterforderte Mensch arrangiert sich nun freiwillig, künstlich und absichtlich Notwendigkeiten höherer Art, indem er aus freien Stücken von sich etwas fordert, sich etwas versagt, auf etwas verzichtet. Inmitten des Wohlstands sorgt er für Situationen des Notstands; mitten in einer Überflussgesellschaft beginnt er, sozusagen Inseln der Askese aufzuschütten – und genau darin sehe ich die Funktion, um nicht zu sagen die Mission, des Sports im allgemeinen und des Alpinismus im besonderen: sie sind die moderne, die säkulare Form der Askese.»

Ausschnitt aus einem Vortrag, den Viktor Frankl, österreichischer Neurologe und Psychiater, Begründer der Logotherapie und der Existenzanalyse, im Jahre 1988 bei der Feier „125 Jahre Österreichischer Alpenverein“ hielt. Michael Holzer und Klaus Haselböck sind ihrem berühmten Landsmann buchstäblich und sinnbildlich nachgeklettert, nachzulesen im Buch „Berg und Sinn. Im Nachstieg von Viktor Frankl“. In sieben Kapiteln verknoten die beiden auf faszinierende Weise beliebte Klettergebiete und -wege von Frankl mit seinem Leben und seinem Wirken: Von „der Mizzi-Langer-Wand oder die Trotzmacht des Geistes“ bis „auf die Groβe Zinne oder der letzte Sinn“. Am 2. September 1997 stirbt Viktor Frankl, der vier Konzentrationslager, darunter Auschwitz, überlebt hat, mit 92 Jahren. Er verabschiedet sich mit dem Satz „Die Situation entbehrt jedweder Tragik“.

Nejc Zaplotnik: Der Weg. AS Verlag, Zürich 2020, Fr. 39.80.

Tom Dauer: Kurt Albert. Frei denken – frei klettern – frei sein. Tyrolia Verlag, Innsbruck 2020, Fr. 41.50.

David Lama. Sein Leben für die Berge. Von ihm selbst erzählt. Herausgegeben von Florian Klingler und Christian Seiler. Penguin Verlag, München 2020, Fr. 36.50.

Michael Holzer, Klaus Haselböck: Berg und Sinn. Im Nachstieg von Viktor Frankl. Bergwelten Verlag, Salzburg 2019, Fr. 28.90.

Hommagen an die Gletscher

Zwei neue Gletscherbücher. Eines mehr zum Lesen. Das andere mehr zum Anschauen.

26. Oktober 2020

«Die schneebedeckten Gipfel rötet das Abendlicht.
Die Heiterkeit der Gletscher! Keines Menschen Fuβ
entweiht des Himmels kühles, reines Höhngeschenk,
den Blütenschnee vom Weltbaum des Erkenntnisses.»

So hoch oben dichtete vor rund 120 Jahren Christian Morgenstern, als er im hohen Norden den dortigen Gletschern begegnete. Die vier zitierten Zeilen finden sich in der fünften Strophe des achtstrophigen Gedichts „Nordstrand“, das 1902 im Band „Und aber ründet sich ein Kranz“ veröffentlicht wurde. Und das jetzt Aufnahme fand in das gediegene, eisblaue Buch »In den Gletschern der Erinnerung«, das Patrick Hegglin herausgegeben und mit einem Vorwort versehen hat. Die „Literarischen Gletscherbilder aus drei Jahrhunderten“ umfassen zwanzig Texte und Gedichte von Albrecht von Haller (1729) bis Halldór Laxness (1968) sowie den extra fürs Buch geschriebenen Essay „Gletscherhände“ von Peter Weibel.

Sehr lesens- und bedenkenswert, diese drei Seiten von Weibel. Wie wir ja mittlerweise wissen, muss der Mensch die Gletscher nicht betreten, um diese zu entweihen bzw. zum Verschwinden zu bringen. Es genügt leider, wenn er das Klima anheizt. Weitere Entdeckungen im Buch sind zum Beispiel mit Jeremias Gotthelf und Walter Benjamin zu machen, neben Altvertrautem von Lord Byron oder Adalbert Stifter. Allerdings fehlt vom aufgenommenen Mark Twain gerade sein originelles Abenteuer auf dem Gornergletscher. Und der arme Tartarin von Alphonse Daudet blieb sogar ganz im „Blütenschnee“ stecken, nom-de-Dieu! Dabei haben genau seine eisigen Touren auf die Jungfrau und den Mont Blanc ein anderes, hautnahes Gletscherbild in die Literatur eingebracht. Tant pis! Illustriert ist das Buch mit elf schwarzweissen Fotos von Daniel Schwartz aus dem Zyklus „Theatrum Alpinum“.

„Alpengletscher. Eine Hommage.“ So heisst der grosse und gewichtige Bildband mit Aufnahmen des bekannten Fotografen Bernd Ritschel und mit Texten von ihm und der Glaziologin Andrea Fischer. Mit „Ehe sie verschwinden… Eine Bilderreise zu den Gletschern der Alpen“ lobt der Verlag das beeindruckende Werk. Es ist eine Würdigung an eine verwunschene, ja verschwundene Welt aus Eis und Firn. Ritschels Fotos sind oft wunderschön – und tun so noch mehr weh, weil sie in ein paar Jahren gar nicht mehr zu machen sind. Weil wir diese einmalige Landschaft vor unserer Haustüre bald auch nicht mehr selbst erleben können. Schade nur, dass die Legenden teils zu knapp sind, so dass man nicht genau weiss, welche Gletscher jetzt abgebildet sind. Zudem haben sich ein paar kleinere Spalten aufgetan: Der Rhonegletscher schmilzt nicht in den Glarner, sondern in den Urner Alpen; der Unteraargletscher zieht sich nicht im Lötschental zurück. Und bei der zweiseitigen Übersicht der Gletscher wurden die kleinen Gletscher der Presanella sicherheitshalber schon mal zu den Eisströmen Pers und Morteratsch gezügelt.

»In den Gletschern der Erinnerung«. Literarische Gletscherbilder aus drei Jahrhunderten. Mit zeitgenössischen Fotografien von Daniel Schwartz und einem Essay von Peter Weibel, herausgegeben und mit einem Vorwort versehen von Patrick Hegglin. Edition Bücherlese, Luzern 2020, Fr. 29.-

Andrea Fischer/Bernd Ritschel: Alpengletscher. Eine Hommage. Tyrolia-Verlag, Innsbruck 2020, € 39.-

Urtümliche Bergtäler der Schweiz

Ein starkes Buch für warme Herbsttage und –abende. Nein, eigentlich für immer.

16. Oktober 2020

«Die seltenen Reisenden, die sich hierher verirrten, konnten sich dem Zauber dieser seltsamen Landschaft kaum entziehen. Viele waren sogar hingerissen, darunter der Brite Douglas Freshfield, einer der damals besten Kenner der Alpen und unermüdlicher Erforscher abgelegener Bergtäler. Wie er in seinem Werk „Italian Alps“ von 1875 erzählt, sass er einmal vor einer Kapelle oberhalb von Bignasco und schaute ins Val Bavona. „Die kühnen, dunklen Umrisse der Granitabstürze, die über der üppigen und doch ungezähmten Anmut des Tals hängen, wecken mit ihren starken Gegensätzen unsere Emotionen. Diese Vermählung zwischen der Majestät der Schweizer Alpen und der Schönheit Italiens erregt in uns eine Begeisterung weit über jene ruhige Anerkennung hinaus, die wir den grössten Werken der Romantik zollen, ob in der Kunst oder in der Natur. Wir können gelassen eine reiche Seenlandschaft oder eine umbrische Madonna betrachten; vor einer Figur von Michelangelo oder diesem Anblick im Valle Maggia sind wir geneigt, vor Freude zu schreien.“»

Machen wir vielleicht auch, wenn wir bei jener Kapelle oberhalb von Bignasco sitzen. Machen wir aber ganz sicher, wenn wir das neue Buch von Marco Volken zur Hand nehmen: „Urtümliche Bergtäler der Schweiz. Geschichte, Natur, Kultur – Mit 45 Wanderungen.“ Da sind zuerst die Fotos. Einfach grossartig. Zweifach überraschend. Die Täler und Themen beleuchtend und ausleuchtend. Vom Panoramablick bis zum Details am Gassenrand, vom bewölkten Sommerabend bis in den sonnigen Wintermorgen. Durchsetzt mit klug ausgewählten historischen Abbildungen. Da versteht einer sein Handwerk bestens. Und dass Marco Volken so gut wie die Kamera auch den Stift beherrscht, wissen wir spätestens, seitdem er das trockene wissenschaftliche Arbeiten hinter sich gelassen hat und Artikel und Bücher in der Bereichen Reise, Outdoor, Kultur und Geschichte schreibt. Der Katalog der Schweizerischen Nationalbibliothek (www.helveticat.ch) zeigt 83 Ergebnisse an, noch ohne sein jüngstes Werk.

Und das sind sie, die 15 urtümlichen Bergtäler der Schweiz, in der Reihenfolge, wie sie von Marco Volken vorstellt werden, immer mit einem hintergründigen Text, mit Seitenblicken auf besondere Ereignisse, mit Stichworten wie höchster und tiefster Punkt, Hauptflüsse, schützenswerte Ortsbilder oder typische Familiennamen, mit touristischen Infos wie besondere Unterkünfte und Lesetipps sowie mit jeweils drei Wanderungen: Val Bavona, Binntal, Val Bregaglia, Val Calanca, Val Colla, Val Ferret, Haut Val d’Hérens, Isenthal, Jaun, Kiental, Lötschental, Valle di Muggio, Valle Onsernone, Safiental und St. Antönien. Alle unbedingt besuchenswert, gerade im Herbst, wenn die Bäume gelb, die hohen Berge weiss und der Himmel blau ist. Wenn das nicht möglich ist, dann wenigstens virtuell, mit dem Buch auf dem Schoss.

Das Buch nehmen hoffentlich auch die Fachleute zur Hand, die 2006 die ETH-Studie „Die Schweiz. Ein städtebauliches Portrait“ veröffentlichten. Diese Streitschrift generierte vor allem deshalb Schlagzeilen, weil als unterste von fünf Stufen alpine Brachen bestimmt wurden: „Zonen der Niedergangs und der langsamen Auszehrung“ mit „mangelnden Perspektiven“ und durch „fehlende touristische Attraktivität“ gekennzeichnet. Zu den damals postulierten Brachen gehören bis auf das Val d’Hérens alle Täler, die Marco Volken nun porträtiert. Ja, so kann man sich täuschen. Freshfield tat dies nicht.

Marco Volken: Urtümliche Bergtäler der Schweiz. Geschichte, Natur, Kultur – Mit 45 Wanderungen. AT Verlag, Aarau 2020, Fr. 40.-

Alte und neue Wege in den Alpen

Zwei Wanderbildbandführer mit überraschenden Inhalten. Auf geht’s, Mädels und Jungs!

9. Oktober 2020

«An der Mündung des Val Maroz öffnet sich der Blick auf die graue Betonsperre des Albignasees und die schroffen Granitzacken der Bergeller Berge. Drunten in Casaccia warten wir aufs Postauto, das mit dem Dreiklanghorn. Hoffentlich hält sich der Chauffeur an die in zwei Sprachen formulierte Aufforderung an einer Hauswand im Ort: „Al passo – Schritt fahren!“. Bei Nichtbeachtung droht eine Buβe von „Fr. 2 a 5“. Gute alte Zeit!»

Der Septimerpass zwischen Bivio im Oberhalbstein und Casaccia im Bergell ist einer der vier Römerwege, die Eugen E. Hüsler für seinen jüngsten Bildbandführer ausgewählt hat. In „Alte Wege in den Alpen. Auf den Spuren von Ötzi, Säumern, Kriegsherren und Pionieren“ geht der im bayerischen Dietramszell lebende Zürcher 59 Wegen und Strassen aus sechs Epochen nach, immer mit einem fundierten Einführungsteil und dann mit verlockenden, oft überraschenden Touren zum Nachwandern und Nachfahren. Fein illustriert, teils auch mit historischen Abbildungen. Und wie immer souverän, der Eugen kann halt schreiten und schreiben.

In der Frühzeit nimmt uns Hüsler mit zum Ötzi: Achteinhalb Stunden dauert die Rundtour von Vernagt im Schnalstal zum Ötzi-Gedenkstein (Fundstelle), aber zum Glück wartet unterwegs die Similaunhütte. Die Römerzeit erleben wir auch auf dem Col de Clapier (wenn denn Hannibal mit seinen Elefanten wirklich dort die Alpen überquerte – doch die Wanderung lohnt sich allemal). Im Mittelalter warten in der Schweiz bekannte Pässe, eine Wallfahrtskapelle und die Bisse du Ro, in der Neuzeit der historische Klettersteig Pinut am Flimserstein. Der Erste Weltkrieg findet mit dem Giro del Braulio am Stilfser Joch ein paar Schritte ennet Helvetia statt. Und dann ist da noch die moderne Zeit mit Touristen und Ingenieuren. Und mit Major Gianola, der in den 1940er Jahren die abenteuerliche Via della Variante in die Westflanke des Monte Generoso bauen liess.

63 Bergwanderungen und drei Skitouren in den Schweizer Alpen stellen The Alpinists vor. Das ist „ein Kollektiv von elf jungen Freunden, die ihre Leidenschaft für Natur und Abenteuer verbindet“, wie es in der Einleitung ihres gemeinsam herausgegebenen Bildbandführers heisst. Und fürs Fotografieren! Denn das Besondere an „Lost in the Alps. Wanderungen durch atemberaubende Schweizer Bergwelten“ sind weniger die ausgewählten Touren, obwohl es durchaus mehr als eine Handvoll Geheimtipps gibt. Sondern die oft wirklich atemberaubenden Fotos, die uns auch abgelaufene Routen wie den Fünf-Seen-Weg ob Zermatt in neuem Licht erscheinen lassen. Denn erstens sind die Jungs nicht einfach bei wolkenlosem Himmel tagsüber unterwegs, nein, sie bevorzugen ungewöhnliche Verhältnisse im Tagesverlauf, beim Wetter und im Gelände. Zudem können The Alpinists auch mit Drohnen umgehen. Das Ergebnis lässt sich bestens sehen. Im Graubünden warten 19 Touren, im Berner Oberland 12, im St. Gallerland und Alpstein 11, im Wallis 7, im Tessin 5, in den Freiburger Alpen 1 und in den Waadtländer Alpen keine. Damit wir nun aber dem Buchtitel nicht Folge leisten, findet wir mit dem QR-Code direkt oder über die Seite thealpinistsproject.ch/lost-in-the-alps die vorgeschlagenen Wege. En route, mes amis!

Eugen E. Hüsler: Alte Wege in den Alpen. Auf den Spuren von Ötzi, Säumern, Kriegsherren und Pionieren. Bruckmann Verlag, München 2020, Fr. 41.50.

The Alpinists: Lost in the Alps. Wanderungen durch atemberaubende Schweizer Bergwelten. AT Verlag, Aarau 2020, Fr. 40.-

Neuste Bergromane

Was lässt sich an einem verregneten Wochenende machen? Lesen natürlich! Zum Beispiel neue Romane, in denen Berge wichtig sind. Irgendwie.

3. Oktober 2020

«In Gedanken wusste ich, wie ich auf der Platte das Gewicht verlagern musste, wie ich mich aufwärtsschieben konnte, unter Ausnutzung von Buckeln und Mulden. Aber an der Felswulst endete meine Vorstellung. Ich konnte mir keine Bewegung denken, die zu dieser Stelle passte. Aber hinunterfallen würden wir nicht. Das redeten wir uns ein. Vito und ich.»

Und dann passiert es doch. Einer der beiden Schulfreunde fällt beim Hinaufklettern an ihrem Felsen im Elbsandsteingebirge. Nicht der Ich-Erzähler. Er schafft es mit viel Glück, über der Felswulst einen rettenden Griff zu erhaschen. Vielleicht hätte es Vito auch geschafft. Wenn er von diesem Griff gewusst hätte. Aber er verliert das Gleichgewicht. Und in der Folge ein Bein. Von diesem das Leben prägenden Kletterunfall erzählt der in Dresden geborene, in Zürich lebende Autor Thilo Krause im Roman „Elbwärts“.

Jahre später nach dem Sturz – die DDR ist inzwischen bachab gegangen – kehrt der Erzähler zusammen mit Frau und Tochter zurück ins Heimatdorf im Felsland der Sächsischen Schweiz. Doch der Versuch, an den Kindheitsorten ein neues Leben aufzubauen, gelingt nur halb. Und dann kommt noch eines der gefürchteten Elbehochwasser, und die sechs Seiten, auf denen der Erzähler in der braunen Brühe schwimmt und nach Fixpunkten taucht, gehört zum Eindringlichsten in diesem Roman. Das muss der Autor erlebt haben, sonst lassen sich kaum die richtigen Worte finden. Gilt übrigens auch für die Passagen zum Klettern, gerade im Sandstein, wo man sich oft über Wülste emporschieben muss.

«Balz und Dobler fuhren hinunter zum Urwald. Sie wählten einen Weg, der in die Tiefe der Bestände hineinführte. Auf einem Trampelpfad, den offenbar Forscher und Förster oder geführte Gruppen immer wieder gingen, liess sich sicher gehen. Dann versank der Weg zunehmend im Wald und wurde immer schmäler. Nun durften sie keinen Schritt mehr machen, ohne auf den Boden zu schauen.»

Autor Andreas Iten kennt sich aus. Der ehemalige Gemeindepräsident von Unterägeri, Zuger Regierungsrat und Ständerat war acht Jahre lang Vorsteher des Forst- und Fischereiamtes des Kantons Zug. Wenn er sein Werk „Der Förster“ als „ein Waldroman“ untertitelt, dann weiss er bestens, wovon er spricht. Beziehungsweise die Hauptfigur Balz Regli, der auf einem kleinen Heimwesen aufwuchs und dann gegen den Willen seines Vaters Förster wurde. Einer, der den Wald in seinem gebirgigen Schwyzer Revier nach eigenen Vorstellungen und neuesten ökologischen Erkenntnissen hegen und pflegen will. Was nicht allen passt. Auch nicht seiner Frau, die ihm vorwirft, er liebe die Bäume mehr als sie. Andere Frauen aber lieben Balz gerade wegen dieser Zuneigung. Was wäre ein (Wald)roman ohne Liebesgeschichten? Ganghofer 2.0 notierte ich nach der Lektüre von Itens jüngstem Streich.

«Sie fuhr los. Die Schwünge gelangen ihr prächtig. Sie tanzte. Alles war easy.
Zu easy.
Plötzlich hängte sie mit ihrem Ski an einer Eisscholle unter dem Neuschnee ein, verlor kurz das Gleichgewicht, musste Oles Spur verlassen, erkannte eine Gletscherspalte auf der linken Seite, drehte rechts ab, sah jedoch, dass auch hier eine Spalte war. Doch zum Glück geb es eine Schnee- und Eisbrücke, sie fuhr darüber – und brach ein.
Sie stürzte. Sie schrie.»

Was wär eine Berg- und Skiroman ohne dramatische Szenen? Langweilig wohl. Das ist „Wölfe“, nach „Alpsegen“ der zweite Roman mit der Basler Reporterin Selma Legrand-Hedlund, keineswegs. Diesmal lässt Philipp Probst, Autor, Journalist und Chauffeur bei den Basler Verkehrs-Betrieben, seine Heldin in Engelberg recherchieren. Freiwillig zuerst eine Story über die schwedischen Freerider am Titlis, wobei man bzw. frau schon mal in eine Spalte fallen und knapp einem Schneebrett im Traumhang Laub entkommen kann. Dann unfreiwillig eine Wolfsgeschichte, die zu märchenhaft erzählt wird, passend indes zur Vorweihnachtszeit in Engelberg. Und dann ist da natürlich noch die Vergangenheit ihrer Familie, die Selma, die Halbschwester und die Mutter in Atem und Tränen hält. Aber ob es endlich wirklich funkt zwischen Selma und ihrem besten Freund Marcel? Die Fortsetzung wird es hoffentlich zeigen.

«Mein Vater hat als junger Mann sämtliche Felsabstürze am Fuβ der Jungfrau bestiegen, der Gipfel selbst hat ihn nicht interessiert. Er hat mir vom freien Spiel der Winde, von Licht und Schatten erzählt. Und wie ihn das bewältigte Risiko mit neuen Kräften versorgt habe. Der Schwarzmönch verbinde ihn mit etwas, das gröβer sei als er selbst. Mein Vater war überzeugt, Erdmeridiane und Kraftorte zu spüren und ihre Störungen erkennen zu können. Vielleicht hielt er sich für einen Auserwählten. Ein schwarzer Mönch. Und wir haben ihn zu Hause ausgelacht, wenn er beim Abendessen davon schwärmte.»

Eine – möglicherweise: seine – Familiengeschichte erzählt der Berner Autor Tom Kummer, vor zwanzig Jahren wegen fingierter Interviews in die Schlagzeilen geraten, in seinem Roman „Von schlechten Eltern“. Ich-Erzähler Tom fährt nachts internationale Führungskräfte und afrikanische Diplomaten durch die Schweiz, gerne auch über Passstrassen. Er hat seine Frau verloren und den älteren seiner Söhne in Los Angeles zurückgelassen. Dem jüngeren versucht er ein guter Vater zu sein, was ihm nicht nur wegen seines Jobs schwerfällt. Und dann kommt der Sohn zurück und wird von Vater und Bruder in Zürich abgeholt, im luxuriösen Mercedes natürlich. Ausschnitt aus dem Gespräch im Auto:

«Wir fahren in die Berge!
Ja.
Wohin?
An einen Bergsee. Lasst euch überraschen.»

Es ist der Totensee auf dem Grimselpass. Auf dem Cover des Romans ist der untere Bachsee bei Grindelwald-First abgebildet, mit Vater und Sohn am Ufer, Hände haltend; im Hintergrund Wetterhorn und Berglistock, umwölkt. Auf der Rückseite die gleiche Landschaft, nur seitenverkehrt. Und ohne die beiden Figuren.

Thilo Krause: Elbwärts. Roman. Carl Hanser Verlag, München 2020, Fr. 31.-
Andreas Iten: Der Förster. Ein Waldroman. Bucher Verlag, Hohenems 2020, Fr. 20.-
Philipp Probst: Wölfe. Die Reporterin in Engelberg. Roman. Orte Verlag, Schwellbrunn 2020, Fr. 34.-
Tom Kummer: Von schlechten Eltern. Roman. Tropen, Stuttgart 2020, Fr. 31.-

In die Berge!

Der Berg rief. Für den Fotografen Ernst Baumann so stark wie für König Albert I., den Roi alpiniste.

23. September 2020

«Gipfel winken, Firne leuchten.»

Tun sie immer noch, die beiden. Erst recht im Herbst, wenn schon der erste Schnee die hohen Zinnen verzaubert, Ahorne und Lärchen gelb glänzen und der Himmel blauseidig strahlt. Erst recht in der Coronazeit, wenn die nahen Berge die neue Ferne sind. Wenn also die Höger winken und die Restgletscher leuchten, dann heisst es für Bärgfründe und Stubenhocker: In die Berge! So lautet auch der Titel eines Buches über den Fotografen Ernst Baumann (1906–1985), der zahlreiche Bergbildbände und Bergfotolehrbücher verfasst hat. 1937 erschien in der Reihe „Die deutschen Bücher“, in der zwischen 1924 und 1940 knapp 70 Titel preiswerter Landschafts-Bildbände herauskamen, Baumanns „Gipfel winken, Firne leuchten“. Auf dem Titel zwei kernige Alpinisten, die auf sonnigem Fels von den Nagelschuhen zu den Kletterfinken wechseln (oder umgekehrt).

In den 1920er und 1930er erlebte der Alpentourismus einen Boom wie nie zuvor. Angetrieben durch den Erfolg der Bergfilme in den Kinos und die zunehmende Mobilität strömten immer mehr Menschen in die Berge. Ernst Baumann aus Bad Reichenhall war zu dieser Zeit einer der erfolgreichsten Fotografen in der Szene der deutschen Bergfotografen. Dabei richtete er den Blick nicht nur auf die Bergsteiger, sondern fotografierte die Berge in ihrer ganzen Vielfältigkeit. Seine Fotos zeigen Landschaften, Orte, Alpinisten, Touristinnen und einheimisches Brauchtum. Dazu fotografierte er an den Filmsets von Luis Trenker, machte auf den neuen Alpenstrassen Werbefotos für Autofirmen und zeigte eine sommerlich gekleidete Schöne beim Bewundern der frisch erbauten Autobahn. Dass seine Bildästhetik manchmal verdammt nah an der offiziellen zu jener Zeit lag bzw. liegt, kommt auch daher, dass sich die Nazi-Residenz Obersalzberg unweit Bad Reichenhall befand. Nach der Bombardierung im April 1945 veröffentlichte Baumann Broschüren, welche Hitlers Feriendomizil „before and after the destruction“ zeigen. Diesen Umständen gedenkend, sprechen uns Baumanns schwarzweisse Bergfotos aus den 1920er und 1930er Jahren aber immer noch an. Sie sind Zeugnisse aus einer Zeit, als die Berge zum Sehnsuchtsziel und die Menschen mobiler wurden. Wie gesagt: Ab in die Berge!

Genau das sagte sich damals einer, der in einem Land lebte, in dem höchstens Felsen winken, aber sicher keine Firne leuchten: der belgische König Albert I. (1875–1934). Am 17. Juli 1929 schrieb er Walter Amstutz, den er im Januar 1929 in Mürren kennen und schätzen gelernt hatte, folgenden Brief: „J’arriverai à Meiringen à 12,28 h. (train 2715) le dimanche 30. J’aimerais monter immédiatement à la Engelhornhütte. Je vous serai reconnaissant de prendre soin que personne ne soit au courant de ma présence.“ Am 31. Juli unternehmen der König der Belgier und der Mürrener Hotelierssohn ihre erste gemeinsame Klettertour: die Überschreitung von Klein und Gross Simelistock in den Engelhörnern.

Am 17. Februar 1934 stürzt Albert I. beim Soloklettern in Marche-les-Dames bei Namur (Belgien) ab. 1993 gründet Amstutz ihm zu Ehren die King Albert I Memorial Foundation. Das Anliegen der Stiftung ist die Auszeichnung von Personen oder Institutionen, die sich durch ihre Leistungen in einem Bereich, der mit den Bergen der Welt in Zusammenhang steht, herausragende und nachhaltige Verdienste erworben haben. Der Albert Mountain Award wird alle zwei Jahre in Form einer Goldmedaille vergeben. An den dreizehn Preisverleihungen in St. Moritz und Pontresina wurden von 1994 bis 2018 57 Personen und Institutionen ausgezeichnet. Die 14. Award Ceremony findet am Freitag, 25. September 2020, zum ersten Mal in Bern statt, im Alpinen Museum. Ausgezeichnet werden diesmal der Schweizer Musiker Christian Zehnder, die französische Zeitschrift «L’Alpe» und das schweizerische Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF. Mit der Wahl des urbanen Standorts ist auch eine Öffnung verbunden: Neu findet am Nachmittag eine öffentliche Publikumsveranstaltung statt.

Die jüngste Nummer von «L’Alpe» widmet sich dem Thema „Montagne durable?“. Wie immer ein prächtiges, kräftiges und dichtes Heft. Auf einem seitengross abgebildeten Gemälde von Gabriel Loppé aus den 1870er Jahren winken Gipfel, leuchten Firne wunderbar. Etwas weniger aber auf einem Foto von Éric Franceschi aus dem Jahr 2017: Es zeigt eine braun-graue Waldschneise im Skigebiet Seyne-les-Alpes, mit weisslichen Flecken frischen Kunstschnees.

Ernst Baumann: In die Berge! Alpine Fotografie der 1920er und 1930er Jahre. Herausgegeben von Alfred Büllesbach und Rudolf Schicht. Morisel Verlag, München 2019, € 24.90.

The King Albert I Memorial Foundation. Ausgabe 2020, 128 Seiten, mit allen 60 Preisträgern bis 2020, mit unbekannten Abbildungen, neu gefundenen Zeugnissen des Bergführers von Albert I. sowie von zwei Matterhorn Ladies, wovon eine seine Tochter ist. 20 Fr. Zu beziehen bei der King Albert I Memorial Foundation, c/o Daniel Anker, Freiestrasse 47, 3012 Bern, anker@sunrise.ch.

L’Alpe, N° 90: Montagne durable? Automne 2020, Fr. 26.00.

Albert Mountain Awards 2020: Preisträgerinnen und Preisträger im Gespräch – SLF und «L’Alpe». Freitag, 25. September 2020, ab 14 Uhr im Alpinen Museum der Schweiz in Bern. Eintritt frei. Wichtig: Anmeldung mit Telefonnummer an info@alpinesmuseum.ch (Betreff: Albert Mountain Awards) oder telefonisch: 031 350 04 42.

Das Relief der Schweiz

Ein gewichtiges Buch für alle, die die schweizerische Landschaft à fond kennenlernen möchten.

19. September 2020

«So wie man an einzelnen organischen Wesen eine bestimmte Physiognomie erkennt; wie beschreibende Botanik und Zoologie, im engern Sinne des Worts, fast nichts als Zergliederung der Thier- und Pflanzenformen ist: so giebt es auch eine gewisse Naturphysiognomie, welche jedem Himmelsstriche ausschlieſslich zukommt.»

Dieser Satz des Universalgelehrten Alexander von Humboldt aus seinen „Ideen zu einer Physiognomik der Gewächse“ (Tübingen, 1806) findet sich im Nachwort eines rundum gewichtigen Buches. Mit dem knapp A4 grossen, 3 cm dicken und 2,1 kg schweren Werk „Das Relief der Schweiz. Bildatlas der Oberflächenformen“ hat Herbert Bühl eine einmalige Übersicht zur Geomorphologie des zwischen Alpen und Jura eingebetteten Landes geschaffen. Auf 470 Seiten und mit 420 Fotos, 100 Karten, 85 Orthofotos, 80 Reliefs, 16 Tabellen und 15 Grafiken präsentiert er Landformen und Landschaftsräume mit ihren Geschichten. Der Erdwissenschaftler und Umweltplaner gibt karto- und fotografische Einblicke in die unglaubliche und oft auch unbekannte Vielfalt der schweizerischen Landschaften.

Natürlich: Ganz leicht zu lesen ist das üppige Werk nicht. Während man die Überschrift „Aktuelles Sackungs-, Rutsch- und Felssturzgebiet über dem Grossen Aletschgletscher“ locker begreift, muss man bei „Periglaziale Denudationsprozesse“ vielleicht schon zweimal ansetzen. Die dazugehörigen Fotos helfen aber beim Verstehen, auch wenn diese Bildlegende wieder ein Stolperstein werden könnte: „Texturboden mit polygonalem Vegetationsnetz um flechtenbewachsene, leicht aufgewölbte Erdkissen auf dem Fil de Cassons, Flims GR, ca. 2650 m.ü.M.“ Dort stand ich wahrscheinlich schon mal, nur sind mir damals diese Erdkissen nicht aufgefallen, noch hätte ich sie irgendwie einordnen können.

Klar: „Das Relief der Schweiz“ ist kaum ein Buch, das man von A wie Abrissfläche und Adelboden bis Z wie Zungenbeckensee und Zwischenbergen (aus dem Sach- bzw. Ortsregister) lesen wird. Aber es ist eines, das man immer wieder gerne zur Hand nimmt und sich in ein Kapitel vertieft. Beispielsweise über die „Morphologie der Fliessgewässer“. Allein das seitengrosse Foto des Mutzbachfalles ruft dazu auf, diesen Wasserfall im Oberaargau zu besuchen. Und wenn wir schon dort sind, wandern wir unbedingt noch weiter auf den aussichtsreichen Oberbüelchnubel (818 m); er ist Teil der „Sandstein- und mergeldominierten Riedellandschaften der Mittelländischen Molasse“, einem der 67 geomorphologischen Landschaftstypen der Schweiz.

Alexander von Humboldts bereiste mehrmals die Schweiz. Ja, im Herbst 1795 erwog er sogar eine Auswanderung an den Sarner- oder Vierwaldstättersee, wie er Christiane von Waldenfels schrieb: „Es bleibt die lieblichste Gegend der ganzen Schweiz, und wenn wir nicht zusammen nach Amerika wandern, so müssen wir dahin, um, abgesondert von den sogenannten gebildeten Menschen, ein stilles glückliches Leben zu führen.“ Doch zu welchen Oberflächenformen gehören nun diese Seen bzw. die Berge an ihren Ufern?

Herbert Bühl: Das Relief der Schweiz. Bildatlas der Oberflächenformen. Haupt Verlag, Bern 2020, Fr. 78.-