Von Flüssen, Frauen und Refugien

Bergthemen werden natürlich auch in Zeitschriften aufgenommen. Ein Blick auf fünf besondere Hefte.

28. Juni 2022

«J’ai fait avec le général Vial des courses charmantes aux environs de Berne; l’Arno entoure la ville; il anime et embellit tout le paysage, et chaque pas conduit à des sites qu’il faut admirer. Berne a une cathédrale et deux hospices qui méritent d’être visités par les voyageurs. La ville est bâtie sur la hauteur; on trouverait difficilement un point de vue aussi beau que celui qu’on découvre de la plateforme de Berne.»

Ein schöner Verschreiber der berühmten französischen Porträt- und Landschaftsmalerin Élisabeth Vigée Le Brun (1755–1842) in ihrem ersten Brief an Madame la Comtesse Vincent Potocke, née Masalka, geschrieben während ihren Besuchen der Schweiz in den Jahren 1807 und 1808. Natürlich kannte die Kunstmalerin, die auf der Flucht vor den Wirren der Französischen Revolution zwölf Jahre lang durch Europa reiste, die Namen der Stadtflüsse von Florenz und Bern. Aber vom Arno zur Aare ist man beim Schreiben halt rasch geschwommen…

Den Namen Élisabeth Vigée Le Brun sagte mir – es sei zähneknirschend zugegeben – nichts. Hingegen kam mir ihr berühmtes Gemälde von Germaine de Staël, der einflussreichen Schriftstellerin aus Genf, bekannt vor, auch dasjenige vom Unspunnenfest bei Interlaken im Jahre 1808. Nun konnte ich die Bildungslücke schliessen, mit dem Beitrag „Auf Grand Tour mit Louise Élisabeth Vigée Le Brun“ in „Wege und Geschichte“, der Zeitschrift von ViaStoria, Stiftung für Verkehrsgeschichte. Das Heft vom Dezember 2021 befasst sich mit „Frauen unterwegs“. Auf dem Cover das Werbeplakat des französischen Malers Henry Ganier für den Besuch der Jungfrauregion, mit einer eleganten Touristin hoch zu Ross, die von einer einheimischen Frau in Tracht ein Glas frische Milch erhält. Très chic! Und perfekt passend zum Beitrag „Frauen in der Verkehrswerbung der Zwischenkriegszeit“. Überhaupt ein ganz tolles, von A bis Z lesenswertes Heft.

Das lässt sich auch vom Juni-Heft 22 sagen, das sich den „Wasserwegen“ widmet. Über die nicht ganz durchgehende Verbindung von der Rhone zum Rhein durch das schweizerische Mittelland, mit dem gebauten Canal d’Entreroches bei La Sarraz, konnte man schon ein paar Mal lesen; aber daran erinnert werden – noch besser: durch diesen eindrücklichen Kanal im Mormont-Hügel zu wandern –, gibt eine Vorstellung, wie wichtig Wasserwege waren und sind. Auch Pietro Caminadas Kanalprojekt über den Splügenpass und die Ableitung der Kander in der Thunersee sind nicht ganz unbekannt. Spannend und für mich neu der Beitrag, wie die Wasserwege für die Entwicklung der Glarner Textilindustrie mitentscheidend waren. Auch das für den Dezember 2022 geplante Heft von Wege und Geschichte zu den Polenwegen wird ein hochinteressantes Kapitel der jüngeren Schweizer Berggeschichte beleuchten.

Und wenn wir schon fast von der Rhone zum Rhein gepaddelt sind. Die Sommer-Ausgabe der Zeitschrift „L’Alpe“ befasst sich mit „Le Rhône – Une civilisation fleuve“. Über den wasserreichsten Strom Frankreichs, der zuerst auf 264 Kilometern durch die Schweiz raucht, liesse sich wohl eine halbe Bibliothek füllen. Acht Beiträge zeigen besondere Aspekte dieses Alpenflusses, der den Jura durchquert und dann entlang dem Massif central Richtung Mittelmeer fliesst. Besonders sehenswert das Portfolio „Rhodanie“ von Bertrand Stofleth, der mit acht Fotos Bedeutung und Vielfältigkeit der Rhone aufschlägt. Ebenfalls von besonderem Interesse, gerade heute mit der befürchteten Energieknappheit: die Talsperre Génissiat, welche die Rhone bei Injoux-Génissiat, etwa 40 km unterhalb des Lac Léman, zu einem schmalen See von ca. 20 km Länge aufstaut. Bei ihrer Fertigstellung 1948 war Génissiat die grösste Wasserkraftanlage Europas.

Restons en France! Aber nicht im Tal, sondern in der Höhe. In einer Hütte, in einem Refuge oder einer Cabane. Die Zeitschrift „Montagnes Magazine“ hat in der Mai-Nummer einen „Guide des Refuges“ zusammengestellt, mit 30 Hütten, die unter zwei Stunden, zwischen zwei und drei Stunden oder in mehr als drei Stunden erreichbar sind. Ein paar Namen dürften vielleicht bekannt sein, wie das Refuge des Cosmiques zwischen Aiguille du Midi und Mont Blanc de Tacul. Oder das Refuge des Merveilles im Mercantour, wunderbar am Fuss des Mont Bégo gelegen, der für seine prähistorischen Felszeichnungen bekannt ist. Aber das Refuge de la Cougourde oder das Refuge du Chatelleret? Aucune idée, wo die liegen. Sind eine Wanderreise wert. Das Heft beschäftigt sich zudem mit allgemeinen Themen zu Hütten, zum Beispiel über die unstabile Zukunft, wenn der Gletscher weggeschmolzen ist und seine Seitenränder nun zusammenfallen. Oder zur Geschichte der Errichtung von Hütten für die Touristen, mit oder ohne Gipfelambitionen.

Apropos Tourismus: Das November-Heft 2021 von „informationen“, der Wissenschaftlichen Zeitschrift des Studienkreises Deutscher Widerstand 1933–1945, befasst sich mit „Tourismus & Nationalsozialismus“. Auf dem Cover ist das Chalet von Adolf Hitler in seiner Wahlheimat Obersalzberg oberhalb von Berchtesgaden in den Bayerischen Alpen abgebildet, aber nicht das gebaute, sondern als Spardose, inkl. Hakenkreuzfahne. Nach der Machtübernahme Hitlers pilgerten seine Anhänger und Neugierige, so lesen wir im Beitrag „Täterort und Tourismus“, in grosser Zahl auf den Obersalzberg. Und noch immer wird dieser verfluchte Ort von Tausenden von Leute aufgesucht, die seit über zwanzig Jahren aber von einem Dokumentationszentrum empfangen und begleitet werden, was dazu beiträgt, „Mystifizierung, Legendenbildung und Überhöhung eines verschämt im Wald versteckten Unortes zu verhindern“. Joachim Schindler, die Eminenz der Klettergeschichte in der Sächsischen Schweiz, schreibt seinerseits über „Seilschaften auf dem Weg in die Katastrophe.“ Und streift kurz das Schicksal der jungen jüdischen Dresdner Bergsteigerin Ilse Fleischmann, die bis zu ihrer Inhaftierung durch die Gestapo am 1. Juni 1944 trotz Einschränkungen aller Art immer wieder zu klettern wagte. Mehr zu dieser aussergewöhnlichen Frau (1922–2009) in Schindlers Buch „Rote Bergsteiger. Ihre Spuren in der Sächsischen Schweiz und im Osterzgebirge“.

Frauen unterwegs. Wege und Geschichte. Zeitschrift von Via Storia, Stiftung für Verkehrsgeschichte, Heft 2/2021. Werd & Weber Verlag Thun/Gwatt. Fr. 18.-

Wasserwege. Wege und Geschichte. Zeitschrift von Via Storia, Stiftung für Verkehrsgeschichte, Heft 1/2022. Werd & Weber Verlag Thun/Gwatt. Fr. 18.-

Le Rhône – Une civilisation fleuve. L’Alpe, N° 97, été 2022. Éditions Glénat Grenoble. Fr. 26.-

Guide des refuges. Montagnes Magazine, N° 503, mai 2022. Nivéales Médias Grenoble. € 6,90.

Tourismus & Nationalsozialismus. informationen. Wissenschaftliche Zeitschrift des Studienkreises Deutscher Widerstand 1933–1945, Nr. 94, November 2021. Frankfurt/Main. € 6,50. www.widerstand-1933-1945.de

Élisabeth Vigée Le Brun: Souvenirs 1755–1842. Texte établi, présenté et annoté par Geneviève Haroche-Bouzinac. Honoré Champion Éditeur, Paris 2008.

Joachim Schindler: Rote Bergsteiger. Ihre Spuren in der Sächsischen Schweiz und im Osterzgebirge. Alternatives Kultur- und Bildungszentrum, Pirna 2021.

50 Türme zum Klettern – und mehr

Drei neue Kletterführer für alle, die steil nach oben wollen.

22. Juni 2022

«Während der Vorbereitung einer Sektionstour in den Alpstein habe ich ein Foto vom Südrippli entdeckt. Keine Frage, da muss ich hinauf. (…) Nur wo ist dieses Südrippli zu finden? Die Beschreibungen verraten mir: in der Schweiz, im Alpstein, in den Kreuzbergen. Gefühlt stundenlang suche ich diese „Kreuzberge“ auf einer Landeskarte. Vergebens. Erst der vielfache Vergleich von Aufzeichnungen mit der Karte bringt dann endlich die Lösung: In den Schweizer Landeskarten ist dieses Gebiet unter „Chrüzberge“ verzeichnet. Schwyzerdütsch! Da muss man erst einmal darauf kommen! Verzweiflung löst sich auf in genüssliches Schmunzeln.»

Tja, lieber Stefan aus Bayern, du bist nicht der Erste, der mit den in Mundart geschriebenen Namen auf der Landeskarte der Schweiz seine liebe Mühe hat. Das ergeht auch den Einheimischen so. Zwei Beispiele nur: Das Bärenhorn, Topskiberg zwischen Rheinwald, Valsertal und Safiental, heisst seit 2016 Bärahora; wer auf der digitalen LK „Bärenhorn“ eingibt, findet nur noch einen so genannten Gipfel in der Spannort-Gruppe. Und den Motto Rotondo beim Monte Tamaro im Tessin nennt die LK seit 2015 Ul Mött Tund. Immerhin heisst das Matterhorn auf der Karte noch so und nicht „Hore“ oder „Horu“.

Geben wir gleich noch zwei andere Namen ein: Hannibal – Fehlanzeige. Kamel – gleich zwei Felsköpfe sind so verzeichnet, einer im Südwestgrat des Gspaltenhorns, der andere nordöstlich oberhalb der Sidelenhütte im Furka-Gebiet. Auch der Hannibal thront unweit dieser Hütte – und hat, wie das Kleine Kamel, Eingang gefunden in den Bildbandführer „50 Türme – exponierte Klettertouren“ von Stefan Stadler. Zwei von acht helvetischen Klettertürmen, die wie die andern 42 Turmtouren mit tollen Fotos, abwechslungseichen Einführungstexten, den nötigen klettertouristischen Infos und genauen Topos vorgestellt werden. Überschlagsmässig gezählt sind es mehr als 100 Türme, auf die uns der Stefan hochseilt. Die Tre Frati in Finale Ligure bestehen laut Zeichnung aus dem Grossen und dem Kleinen Bruder. Und sie befinden sich nicht wie angegeben in einem ausseralpinen Gebiet, sondern gehören zum Alpenbogen wie die atemberaubenden Nadelspitzen im Salzkammergut. Dafür stehen die Klettergartentürme Däumling & Dickkopf (330 m) bei Dürnstein in der Wachau abseits der Alpen, sind aber genauso verlockend wie andere ausseralpine Türme, zum Beispiel in der Fränkischen und in der Sächsischen Schweiz. Kurz, Stefan: Ein bärenstarkes Buch hast gemacht. Und ich freue mich auf Band 2. Denn auf dich – und somit auf uns – warten noch viele weitere „Da muss ich hinauf“-Türme. Ich nenn nur drei, auf denen ich zum Glück schon oben war: die Petite Aiguille in den Calanques, die Aiguille Dibona im Massif des Écrins und die Aiguille de la Mort im Schweizer Jura.

Auf dem Girenspitz, dem sogenannten Matterhorn des Alpsteins, stand ich leider noch nie. Zahlreiche andere Zinnen und Zacken in diesem Gebirge rund um den Säntis kenne ich ebenfalls nur halbwegs aus der Literatur oder aus der Ferne, wie die acht Kreuzberge, aber nicht mit Hand und Fuss. Ja, eigentlich war ich dort nur ein oder zwei Mal mit den Tourenski unterwegs. Dabei ist der Alpstein ein Wander- und Kletterparadies. Wer nun aber den Kalk hautnah spüren möchte, neben dem schmalen Südrippli noch das breite umfassen, den Tobleroneweg auf den Girenspitz einverleiben oder die Route „Heisse Liebe“ ob der Meglisalp erleben möchte, greift zum Kletterführer „Alpstein“ von Werner Küng. 384 Seiten voller hakengenauer Topos, gut abgestuften Fotos und mit allen nötigen Infos und Übersichten machen aus dem Buch die Kletterbibel des Alpsteins. Mit ihr finden alle, Einsteiger und Vorsteigerinnen, ihr Kletterglück und Seelenheil. Zum Beispiel in der Route „d’Hend verchritzt“ am vierten Kreuzberg. Kommentar von Küng: „Steile, schöne Risskletterei. Der Name ist Programm!“

Und wenn wir die Hände schon in den Riss gezwängt haben und turmwärts nach oben entschwinden: Eines der Klettermekkas der Alpen ist Arco am Gardasee. Im April 2022 ist die fünfte Ausgabe von „Klettern in Arco“ bei den Edizioni Versante Sud herausgekommen, 720 Seiten mit 5000 Routen in 130 Klettergebieten. Wahnsinn! Auf dem Cover Stefano Ghisolfi in der stark überhängenden Route „The Lonely Mountain“ im Gebiet Eremo di San Paolo. Der einsame Berg, so könnten doch Türme bezeichnet werden. Sie stehen für sich und warten darauf, dass jemand davor steht und sagt: Da möchte ich hinauf. Jedoch nicht vergessen: Ewig oben bleiben geht nicht.

Stefan Stadler: 50 Türme – exponierte Klettertouren. Eigenverlag Stefan Stadler, 2022. € 44,50. https://stefanstadler.com/tuerme-50-klettertouren/

Werner Küng: Klettern Alpstein. Säntis/Kreuzberge/Hundstein/Altmann. Weber/SAC-Verlag, Thun/Gwatt 2022, Fr. 59.-

Mario Manica, Antonella Cicogna, Roni Andres: Klettern in Arco. Edizioni Versante Sud, Milano 2022, € 35,00.

Rigi – Gipfel und Bücher

Die Rigi gehörte zu den Bücherbergen der Schweiz, wie Eiger und Jungfrau. Zwei Romane passen bestens ins Wandergepäck.

18. Juni 2022

«Wir wandern über einen Weg, der von vierzehn Bildstöcken gesäumt ist, auf den Rotstock. Er ist 1658 Meer hoch. Der Weg gefällt mir, weil er keine „Wanderautobahn“ ist, sondern über Stock und Stein führt. Trotzdem ist er sehr leicht begehbar, wenn auch zeitweise steil. Wirklich empfehlenswert. Wir brauchen eine Stunde bis zum Gipfel.»

Wie viele Gipfel hat die Rigi? Einen, zwei oder drei? Nämlich Rigi Kulm, Rigi Scheidegg und Rigi Hochflue. Ganz sicher so viele Gipfel, wobei die Hochflue so selbständig, abgesetzt und hoch ist, dass sie den Zusatz „Rigi“ nicht braucht; seit 2013 wird sie in der Landeskarte Hoflue genannt. Aber was ist dann mit dem Dossen, dem dritthöchsten Gipfel des ganzen Rigistocks, der da so mächtig am Nordrand der Alpen zwischen dem vielarmigen Vierwaldstättersee, dem Zuger- und dem Lauerzersee hockt? Und wie steht es um den Vitznauerstock, der sich bei der Anfahrt von Luzern mit dem Schiff immer mächtiger vor dem Bug aufbaut? Und die Zünggelenflue am nordöstlichsten Zipfel des Rigistocks, dicht bewaldet und unten von einem Steinbruch angeknabbert? Ja und das Känzeli, jener vielbewunderte und –bewanderte Aussichtspunkt in Spaziergangdistanz von Rigi Kaltbad, dem autofreien Hauptort auf der Rigi oben? Und eben der von Bildstöcken erschlossene Rotstock, wie im Buch „Rigi. Ein fröhlicher Roman über traurige Menschen“ von Blanca Imboden.

Bleiben wir aber vorerst bei den Gipfeln und versuchen, alle Gipfel an der Rigi aufzuzählen. 1) Rigi Kulm (1797 m), von der gemeinsamen Bergstation (1749 m) der beiden Zahnradbahnen von Vitznau und von Arth-Goldau in wenigen Schritten erreichbar ; 2) Hochflue (1699 m), nur für schwindelfreie, leiternerprobte Wanderer zu empfehlen; 3) Dossen (1685 m), einst mit einem Skilift erschlossen; 4) Rigi Scheidegg (1659 m), früher mit einem Aussichtssturm, heute mit einem halbüberwucherten Reservoir auf dem höchsten Punkt; 5) Rotstock (1658 m) mit einem noch funktionierenden Skilift; 6) Schild (1548 m), auf dessen Sonnenseite der atemberaubende Felsenweg aus der Nagelfluh herausgehauen wurde; 7) Würzenstock (1482 m), worauf auch die Kühe Gipfelglück geniessen; 8) Vitznauerstock (1450 m) – die Gersauer sagen dieser stotzigen Pyramide natürlich Gersauerstock; 9) Grat (1436 m), eine waldige Schulter auf der Südwestseite der Hochflue; 10) Spitz (1410 m), der auch Ameisenhöreli genannt wird – wer es besteigen will, muss so geschickt wie eine solche klettern können; 10) Gottertli (1396 m), von der Bergstation der Seilbahn Brunnen – Obertimpel ohne besondere Schwierigkeiten besteigbar; 11) Zünggelenflue (1091 m) tief unten im langen Nordostgrat der Hochflue.

Nur elf und nicht zwölf Rigigipfel? Da sollte sich doch das Dutzend voll machen lassen! Halt doch das Känzeli (1464 m)? Oder der Grat (1565 m) zwischen diesem und der Station Rigi Staffelhöhe (ca. 1550 m) – immerhin steht ein Kreuz auf der Grathöhe? Oder billigen wir dem Chli Dossen eine gewisse Selbständigkeit zu, obwohl er kaum auf eigenen Füssen steht wie etwa das Kleine Matterhorn? Und könnte nicht im langen Ostgrat von Rigi Scheidegg eine Kuppe zu einem Gipfel aufgewertet werden?

Einheimische Rigianer werden da sicher weiterhelfen können. Ich für mich habe meinen zwölften Gipfel an der Rigi gefunden. Er erhebt sich zwischen Weggen und Greppen am Westfuss des ganzen Gebirgsstocks. Klar, Nummer 12 gleicht mehr einem Hügel als einem Berg, aber setzt sich doch mit mehr als 40 Höhenmetern von möglichen Konkurrenten ab. Seine bescheidene Höhe: 601 Meter über Meer (über dem Vierwaldstättersee sind‘s bloss deren 167). Sein Name, der seit 2013 auf der Landeskarte allerdings nicht mehr beim Gipfel platziert ist, sondern im Villenviertel östlich davon: Rigiblick. Nicht der einzige übrigens in der Schweiz, aber der einzige Gipfel mit diesem Namen.

Jetzt aber genug der Gipfel; all die Berge, die den Übernamen Rigi erhalten haben, wie der Gaisberg als Rigi von Salzburg, zähle ich ein ander Mal auf. Dafür nun ein kurzer Blick auf zwei halbwegs neue Rigibücher. Der aufgestellte Roman von Blanca Imboden also. Ich-Erzählerin Eliane erhält einen Traumjob: Sie kann im Sommer 2021 zum 150-Jahre-Jubiläum der Vitznau-Rigi-Bahn, der ersten Bergbahn Europas, eine Artikelserie schreiben und einen Monat lang auf der Rigi wohnen. Was folgt, sind viele bewegende Begegnungen. Die Rigi ist ein Kraftort und verändert alles – auch Eliane. Und wir Leser erfahren mit ihr viel über die Rigi, so auch über frühere Besucher, die zur Feder gegriffen haben. Bei den satirischen Schriftsteller erwähnt Blanca Imboden nur Mark Twain und leider nicht auch Alphonse Daudet; die Rigitour seines Helden Tartarin ist mindestens so fröhlich wie diejenige von Twain.

Düsterer, aber nicht weniger rigi-informativ und rigi-situativ, ist der Krimi „Rigigeister. Ein Fall für Kramer“ von Silvia Götschi. Am Donnerstag, 17. Juli 2014, stossen zwei junge Frauen auf einer Wanderung auf den Rotstock sauf eine grausam verbrannte Leiche. Ermittler Thomas Kramer und sein Team glauben zunächst an einen Ritualmord, weil ganz in der Nähe eine geheimnisvolle Sekte ihr Unwesen treibt. Alle zwei Wochen treffen sich deren Anhänger auf dem Riedboden oberhalb von Rigi Klösterli und zelebrieren Sonderbares. Menschen fallen von den Bänken, Frauenkörper fliegen durch die Luft – der Sektenguru bleibt unerkannt. Das Unwetter aber, das über die Rigi hereinbricht, ist für alle eine Katastophe. Mit einem Wolkenbruch auf der Königin der Berge beginnt schon Daudets Roman „Tartarin in den Alpen“. Auf seiner Reise durch die Schweiz kommt der Held nach Interlaken, wie jetzt auch Kramer. Beide Helden steigen im Hotel Victoria-Jungfrau ab. Wie Eiger, Rigi und Matterhorn gehört auch die Jungfrau zu den Bücherbergen der Schweiz.

Blanca Imboden: Rigi. Ein fröhlicher Roman über traurige Menschen. Wörthersee Verlag, Lachen 2021. Fr. 24.90.

Silvia Götschi: Rigigeister. Ein Fall für Kramer. Cameo Verlag, Bern 2021; erste Auflage Literaturwerkstatt, Küssnacht 2014. Fr. 17.90.

Raus aus Zürich – in den Aargau und an den Rhein

Drei neue Wanderführer für den Nordrand der Schweiz im Süden des Rheins.

9. Juni 2022

«Der edel gravierte, ausklappbare Panoramatisch auf der Gisliflue klärt uns akribisch über die umfassende Aussicht im Süden auf, jenseits von Aaretal und Autobahnen. Hohe Berge, berühmte, selbst Viertausender sind liebevoll vermerkt. Was man da alles bewundern könnte!»

Dummerweise verschanzten sich die hohen Gipfel hinter einem dichten Schleier, als Marco Volken auf dem Juraberg fast am Stadtrand von Aargau stand. Deshalb lenkte er seinen Blick nach Norden auf „eine naturnahe Kulturlandschaft, ein reizvolles, kleinräumiges Muster aus Wäldern, Äckern, Wiesen und Flugwegen“. Die Gisliflue (772 m), so lesen wir im Wanderführer „Raus aus Zürich. 25 Streifzüge durch die Natur“, trennt zwei Welten: „im Süden ein rasantes Mittelland, das sich entlang der wichtigsten Autobahn der Schweiz hinzieht, im Norden ein weitgehend unversehrtes Hinterland.“

Raus aus Zürich also! Von der panoramareichen Fluh auf die aussichtslose Hohenegg im Zürcher Oberland, vom tosenden Rheinfall bei Schaffhausen zur sumpfigen Schwantenau unweit von Einsiedeln: Rund um die grösste Stadt der Schweiz gibt es viel zu erwandern und zu erleben, sehr viel. Für Klein und Gross, für Flachgeher und Treppensteiger, zu jeder Jahreszeit. Marco Volken kennt sich in seinen heimatlichen Gefilden bestens aus; er ist Mitverfasser der Führer „Zürcher Hausberge“ und „Wandern in der Stadt Zürich“. In seinem jüngsten Werk stellt er mit allen nötigen (wander)touristischen Infos (inkl. Zugang zu digitalen Wanderkarten und GPS-Daten) 25 Streifzüge vor, wobei am Uetliberg acht Wege beschrieben sind, rund um Bauma drei Tobeltouren und am Rhein zwei Uferwege. Es gibt also einiges zu tun, nicht nur für StadtzürcherInnen. Zudem kann das Buch auch angeschaut und gelesen werden; die Geschichten und Interviews gehen weit über die schweizerische Metropole hinaus. Wer jeden Monat einen Ausflug unternimmt, wird mit „Raus aus Zürich“ zwei schöne Jahre füllen können.

Oder wollen wir im Norden von Zürich zehn Tag lang wandern, flachwandern? Obwohl der Weitwanderweg nicht ganz flach ist, wie Start und Ziel dies eigentlich vermuten liessen: Kreuzlingen (403 m) und Basel (253 m). Dazwischen 190 Kilometer, 10 Etappen und rund je 3000 Höhenmeter Auf- und Abstieg. Mehr noch, viel mehr: ehrwürdige Orte, besondere Brücken, urige Auenlandschaften, überraschende Stauseen, köstliche Restaurants, feine Bleiben für eine Nacht, erfrischende Bäder – und der mächtigste Wasserfall Europas, der Rheinfall. Das ist die ViaRhenana, einer der zwölf historischen Verkehrswege der Schweiz. Ein Fussweg – die nationale Veloroute 2 folgt dem gleichen Strom – voller Geschichte(n), Sehenswürdigkeiten und Abwechslungen. Und nun dank des mit 140 Abbildungen illustrierten Buches „ViaRhenana. Wasserweg mit Salzgeschmack“ von Daniel Stotz auch für diejenigen erlebbar, die lieber nur lesen statt wandern. Oder lieber radeln. Vielleicht gar paddeln. Wie auch immer: Selbst ein überzeugter Aare-Berner muss mit Stotzens „ViaRhenana“ zugeben, dass der Rhein unbedingt ebenfalls eine Reise wert ist.

In Basel wurde die erste Sektion des Schweizer Alpen-Clubs gegründet, am 17. April 1863, zwei Tage vor der Gründung des nationalen SAC in Olten. Die fünfte Sektion war diejenige von Aarau, zu Beginn des Sommers 1863 von vier Bergsteigern ins Leben gerufen; ihr ursprünglicher Name lautete Jura. Denn der Aargau ist ja auch Jura, nur vergisst man das zuweilen. Mehr noch: Der Aargauer Jura ist seit 2012 gar ein Regionaler Naturpark, schön gelegen zwischen Aare, Rhein und Basel-Land. Eine Landschaft wie gemacht zum Wandern und Radeln. Thomas Bachmann, Hausautor des Rotpunktverlages wie sein Bruder Philipp, beschreibt in „Jurapark Aargau. Unterwegs im Naherholungsgebiet zwischen Aare und Rhein“ mit allen Hintergründen, touristischen Infos und feinen Fotos vierzehn Wanderungen in dieser zu Unrecht kaum bekannten Ecke der Schweiz. Dazu kommen drei Tagesausflüge mit Kindern sowie drei Vorschläge, den Jurapark Aargau und seine Umgebung mit dem Velo zu entdecken. Die Höhenunterschiede halten sich in Grenzen, die Weitsicht reicht trotzdem zum Alpenkranz und Schwarzwald, wenn die Wetterbedingungen mitmachen, wir wissen es. Die achte Tour führt von Zeihen an der Bözberglinie zur Ruine Schenkenberg auf dem gleichnamigen Berg (630 m) – eine imposante Burganlage, an der der Zahn des Zeit unablässig werkelt – und weiter auf die Gisliflue, dann hinab nach Biberstein an der Aare.

Am 16. Juni 2005 startete ich in Aarau selbst, um über die Hombergegg zur Gisliflue und weiter nach Wildegg zu joggen; Trailrunning nennt man das heute. An eine Aussicht kann ich mich nicht erinnern. Ich machte oben auf der Nagelfluh nur zwei Fotos: eine vom Wegweiser und Triangulationssignal, die andere von mir selbst, mit nasser Stirn und zusammengekniffenen Augen. Vielleicht sollte ich mal im Herbst bei guter Fernsicht und ohne Eile die Fluh der Gisela besuchen.

Marco Volken: Raus aus Zürich. 25 Streifzüge durch die Natur. AT Verlag, Aarau 2022. Fr. 29.90.

Daniel Stotz: ViaRhenana. Wasserweg mit Salzgeschmack. Weber Verlag, Thun/Gwatt 2022. Fr. 39.-

Thomas Bachmann: Jurapark Aargau. Unterwegs im Naherholungsgebiet zwischen Aare und Rhein. Rotpunktverlag, Zürich 2022. Fr. 39.-

Urner News

Uri ruft: mit dem Online-Magazin Syntopia Alpina, mit Bergseensucht und mit dem neu eröffneten Museo Nazionale del San Gottardo

31. Mai 2022

«Lässt sich überhaupt genügend Schnee produzieren, um auch am Ende des 21. Jahrhunderts noch Ski zu fahren? Und wie viel Wasser würde dafür gebraucht? Eine detaillierte Fallstudie für das Skigebiet Andermatt+Sedrun+Disentis zeigt mögliche Szenarien auf.»

Einstieg in einen hochspannenden Beitrag, der im brandneuen Online-Magazin Syntopia Alpina veröffentlicht wurde. „Es präsentiert gemeinsame Orte («Syn-Topoi»), an denen unterschiedliche Nutzungen des alpinen Raums fruchtbar aufeinandertreffen und die planetare Biosphäre im Gleichgewicht halten“, heisst es auf www.syntopia-alpina.ch/info. Lanciert wurde das Magazin vom Urner Institut Kulturen der Alpen an der Universität Luzern. Die Autorinnen und Autoren von Syntopia Alpina berichten aus der Praxis oder von aktuellen Themen der Wissenschaft. Dabei stehen die Alpen als Lebensraum und Initiativen, die sich der Nachhaltigkeit verschreiben, stets im Fokus. An jedem Dienstag wird ein neuer Beitrag veröffentlicht. Alle vier Wochen wird zudem mit einem Newsletter über die neusten Beiträge informiert. Das Team hinter Syntopia Alpina besteht aus Prof. Dr. Boris Previšić (Direktor Institut Kulturen der Alpen), Aline Stadler (Redaktion), Marco Volken (Fotografie) und Madlaina Bundi (Editionsverantwortung).

Bevor im Andermatter Skigebiet neue Speicherseen für die technische Beschneiung ausgehoben werden, besuchen wir natürliche Bergseen. Warum nicht gar solche im Skigebiet, den Lutersee oberhalb der Oberalppassstrasse oder das Luterseeli unter dem Gemsstock? Wer einen Bergsee ohne Stützen und Drahtseile in der Nähe bevorzugt, wandert zum Lutersee am Sonnenhang ob Hospental. Oder zu einem andern der schier unzähligen Bergseen zwischen Urnersee und Gotthardpass (seine Seen dort befinden sich allerdings schon im Kanton Tessin). Nach dem Buch über die Bergseen des Wallis (https://bergliteratur.ch/wallis-bergseensucht-und-mehr/) legt Bergseefee Bettina Mattia nun einen neuen Band vor: „Bergseensucht Uri. 48-mal auftauchen, eintauchen und abtauchen“. Vom Alplersee bei Sisikon bis zum Witenwasserengletschersee ob Realp entführt sie uns zu den blauen Augen zwischen Gras und Geröll, Tannen und Sandstränden. Tolle grossformatige Fotos, kurze Texte auf Deutsch und Englisch, ein paar Geheimtipps und immer der QR-Code zur digitalen Landeskarte mit markierten Wegen: Der Bergseesommer im Urnerland kann kommen!

Und wenn wir schon dort wandern und baden, dann besuchen wir auch den Gotthardpass. Nach zweijähriger Bauzeit öffnet das Museo Nazionale del San Gottardo am 11. Juni 2022 mit einem komplett erneuerten Angebot seine Türen: Mit einer Dauerausstellung samt multimedialer Gotthard-Show, einem Infopoint und neuen Gastronomieangeboten. Neu ist auch das Alpine Museum der Schweiz mit wechselnden Sonderausstellungen fest auf dem Gotthard vertreten. Die erste trägt den Titel «Der Sonntagsausflug» und handelt von Autofahrten und Passausflügen.

www.syntopia-alpina.ch

Bettina Mattia: Bergseensucht Uri. 48-mal auftauchen, eintauchen und abtauchen. Mattia matters GmbH, Glis 2022. Zweisprachig Deutsch & Englisch. Fr. 48.- Zu bestellen bei www.bergseefee.ch oder bei Piz, Buch & Berg in Zürich, www.pizbube.ch.

https://passosangottardo.ch/de/museen/

Bergfahrt Festival Bergün

Nicht verpassen, das dritte Bergfahrt Festival in Bergün. Für Zugslektüre ist gesorgt.

24. Mai 2022

«Am Samstagabend um halb sechs Uhr treffe ich mit grosser Verspätung im Bahnhof in Göschenen ein, wo mich mein Klettergefährte Hansruedi Horisberger erwartet. Nach kurzer Begrüssung streben wir mit Riesenschritten der Göscheneralp zu. Höchste Eile ist geboten.»

So zügig beginnt der Artikel „In den Türmen des Salbitschijen. 24. September 1961“ auf Seite 162 in der Vierteljahreszeitschrift „Die Alpen“ des Schweizer Alpen-Clubs. Die Autourenzeile lautet: „Emil Zopfi, Gibswil ZH“. Der Einstieg in eine höchst erfolgreiche Laufbahn als (Berg)-Schriftsteller. Die Klammer ist bewusst gesetzt. Denn Zopfi schrieb und schreibt bei weitem nicht nur Gebirgiges. Aber der Salbitschijen-Text war sein erster, der gedruckt wurde. Insofern schon ein Felshaken, den der Emil damals eingeschlagen hat. Der Bericht über eine Begehung des Südostpfeilers am zweiten Westgratturm macht auch den Auftakt seines nur in wenigen Exemplaren gedruckten Buches „Die Wand ist das Ziel. Geschichten, Reportagen, Erinnerungen aus den Bergen 1962–2016“. In der Auffahrts-Woche nun feiert Emil Zopfi sechzig Jahre Schreiben über die Berge, am Bergfahrt Festival in Bergün vom 26. bis 29. Mai 2022. Er gründete ja dieses Festival; zum 100. Geburtstag des Dichters und Alpinisten Ludwig Hohl organisierte er die „Bergfahrt 2004“, einen Tag mit alpiner Literatur, im glarnerischen Richisau.

Und jetzt also das dritte „Bergfahrt Festival Bergün/Bravougn – Cultura alpina“, mit einem ebenso hochstehenden wie breitgefächertem Programm in allen Stilen, Farben, Tönen und Lagen, von Abenteuer Alltag und Alpensuite über Das Dorf der Nichtschwimmer, Fake News am Berg und Letzte Bergfahrt/Après-Lift bis Emil Zopfi und Zumthor (nicht der Architekt, sondern der Schlagzeuger). Auf in die Ferienecke der Schweiz, aber nicht nach Davos, sondern nach Bergün

Und was lesen wir auf der Fahrt dorthin? Für die Heimreise haben wir ja dann hoffentlich ein neues Buch im Gepäck, signiert von den AutorInnen vor Ort. Drei Vorschläge. Erstens: „20/21 Synchron. Ein Lesebuch zur Literatur der mehrsprachigen Schweiz von 1920 bis 2020“, ausgewählt und herausgegeben von Charles Linsmayer (Th. Gut Verlag, 2022, Fr. 39.-); von Arno Camenisch, Christoph Simon und Franz Hohler sind Texte drin, und ein unglaublich dichter von Reto Hänny über einen Schneesturm am Glaspass. Zweitens: „Un Mensonge à l’Everest. Larzac, amour libre, mort blanche et Tibet sacré“ von Jean-Michel Asselin (Éditions Glénat, 2022, € 20,00); irgendwie verrückte und verzwackte, mehr oder minder wahrhaftige Geschichten vom Massif central über das Montblanc-Massiv bis ins Tibet, mit einem grausam-starken Bericht über eine versuchte Winterbegehung der Voie des Suisses in der Nordwand der Courtes. Drittens: Natürlich ein Buch von Emil Zopfi, zum Beispiel „Steinschlag“ (Limmat Verlag, 2002, Fr. 34.-), den ersten Krimi um die Bergführerin Andrea Stamm. In den „Alpen“ des SAC stellte ich den Krimi vor und schloss meine Besprechung mit der Frage ab, ob sie wohl durchkommen wird, wenn sie alleine in die winterliche Westwand der Sila einsteigt.

www.bergfahrtfestival.ch

Bärnbiet

Ob weit- oder kurzwandern, ob flanieren oder dinieren: im grossen Kanton Bern geht alles bestens. Vier Publikationen kennen die Wege.

21. Mai 2022

«Bärnbiet, Bärnbiet, du my liebi Heimat.
Schöner, schöner cha’s ja niene sy.
I ha geng chly Fröid gha dranne,
Dass i o ne Bärner bi.»

Jakob Ummel, geboren 1895 in Ittigen bei Bern, 1992 gestorben in Kühlewil ob Kehrsatz bei Bern, war Sänger und Komponist von Jodelliedern. Sein bekanntestes Lied ist „Bernbiet“. Den hier zitierten Refrain dieser heimlichen Hymne des Kantons Bern singe ich manchmal auf einem (Berner) Gipfel, aber nur den Text; das Jodeln misslingt jedesmal gründlich. Doch nun jodeln wir in anderen Tönen: mit vier neuen Publikationen, die uns das Bernbiet schön erschliessen.

Im April 2022 wurde die Via Berna eröffnet, ein 300 Kilometer langer, durchgehend markierter Fernwanderweg mit der Nummer 38. Er führt von Bellelay im Berner Jura über Biel, Bern und Thun bis auf den Sustenpass, in zwanzig Etappen mit Längen von 10 bis 24 Kilometern. Die von den Berner Wanderwegen erarbeitete Route ist schweizweit der erste Weg, der die Vorgaben des europäischen Labels „Leading Quality Trails“ erfüllt. Die Kriterien betreffen unter anderem landschaftliche Abwechslung, Signalisation, Wegunterhalt, Anbindung an den öffentlichen Verkehr, Einkehr- und Unterkunftsmöglichkeiten. Die Via Berna wandert jetzt also mit im exklusiven Angebot wie bereits der Moselsteig oder der Donauberglandweg in Deutschland; hier die Übersicht www.era-ewv-ferp.org/de/lqt/. Das Wandermagazin Schweiz gab eine Spezialausgabe „Via Berna. In 20 Etappen durch den Kanton Bern“ heraus; mit www.viaberna.ch ist man ebenfalls dabei.

Einen eigenen Bernerweg publizierte der Berner Journalist und Buchautor Peter Krebs. Im „Anzeiger Region Bern“ veröffentlichte er 2020 Woche für Woche „La Grande Boucle de Berne“, einen ausgedehnten Weitwanderweg rund um die Hauptstadt mit Start und Ziel in Laupen. 2021 erschien das gleichnamige Buch, 270 Seiten mit vielen starken Fotos. Die 25 Etappen verlaufen auch mal jenseits der Kantonsgrenze und zuweilen abseits markierter Wanderwege. Aber man findet sich immer zurecht, denn der Wegverlauf ist in elektronischer Form bei Schweiz Mobil hinterlegt. Allerdings, und das ist Besondere an diesem Führer: Peter Krebs schreibt so erfrischend und die Hintergrundtexte sind so spannend, dass sich die grosse Berner Rundfahrt ebenfalls bestens beim Baden im Marzili, am Neuenburgersee (ein Stück dieses grössten Binnensees der Schweiz gehört ja zu BE), an der Emme oder an der Suld im gleichnamigen Tal im Berner Oberland absolvieren lässt.

Im Suldtal rauscht mächtig das Wasser der Suld und des Latrejebachs; letzterer bildet einen der beiden Pochtenfälle im Berner Oberland. Der andere tost bei der Griesalp im benachbarten Kiental. Derjenige im Suldtal hat die Nummer 73 (von insgesamt 80) erhalten im Buch „Glücksorte im Berner Oberland“ von Blanca Burri und Sabine Reber, herausgekommen in der Reihe „Fahr hin & werd glücklich“ des Düsseldorfer Droste Verlages. Das können wir mit den beiden Begleiterinnen tatsächlich werden, auch wenn die Orientierung nicht ganz easy fällt (so fehlt ein thematisches Inhaltsverzeichnis), auch wenn zuweilen ein falscher Ton erklingt (die Mönchsjochhütte ist nicht die „höchste Berghütte der Welt“; allein in der Schweiz liegen drei Hütten höher). Doch selbst für jemanden, der das Oberland gut zu kennen glaubt, hält der Führer Überraschendes bereit, so das Berghotel „Zur Sau“ in Abländschen, die Cholerenschlucht bei Adelboden oder die Permakulturgärten auf der Schweibenalp. Unbekannte Ecken im Mekka des Alpentourismus.

Ein paar Schritte weniger berühmt als das Berner sind Bündner, St. Galler und Züri Oberland. Doch wer kennt schon das Freiburger oder Urner Oberland, vom Zuger Oberland ganz zu schweigen? Das Solothurner Oberland ging gar ganz bachab. Das Waadtländer Oberland hingegen ist als Pays d’Enhaut ein Begriff und grenzt im Saanenland an das mit Abstand grösste Oberland des Landes, das Oberland bernois mit 2960 km2. Zusammengezählt umfassen die neun Oberländer 6742 km2 der Schweiz, also rund einen Sechstel der Landesfläche. Da lässt es sich gut wandern, zwischen Thun und Gemmi, Gstaad und Susten erst recht. Der Band „Berner Oberland“ aus der Schnapszahl-Wanderführer-Reihe von Jochen Ihle und Toni Kaiser in den Solothurner Rothus Medien stellt 55 Klassiker vor, mit den nötigen (wander)touristischen Infos, mit Kärtchen und farbigen Fotos. Leider sind nicht ganz alle Touren öV-tauglich, und zur Eigernordwand gäbe es anstatt der Fake-News-durchsetzten „Die Weisse Spinne“ empfehlenswertere Rucksacklektüre. Singen liegt aber drin, zum Beispiel mit dem Vogel-Lisi: „Ds Bärner Oberland isch sch-ö-ön.“

Via Berna. In 20 Etappen durch den Kanton Bern. Spezialausgabe Wandermagazin Schweiz. Rothus Medien, Solothurn 2022, Fr. 14.80.

Peter Krebs: La Grande Boucle de Berne. In 25 Etappen um die Hauptstadt. Scribentes Media, Belp 2021. Fr. 24.90.

Blanca Burri, Sabine Reber: Glücksorte im Berner Oberland. Droste Verlag, Reihe „Fahr hin & werd glücklich“, Düsseldorfer 2022, € 15,00.

Jochen Ihle, Toni Kaiser: Die 55 schönsten Wanderungen im Berner Oberland. Rothus Medien, Solothurn 2022, Fr. 18.90.

Im Westen viel Neues

Die Alpen der Romandie und von Frankreich locken mit neuen Führern für Wandernde und Sich-Wundernde, für Eisspezialisten und Bergseetaucher

29. April 2022

«Le Moléson und La Berra, Vanil Noir und Kaiseregg: Freiburger Wanderer müssen diese Gipfel einmal im Leben bestiegen haben. Seit 2012 gibt es eine fünfte Muß-Tour. Sie geht allerdings auf keinen Berg, sondern rund um einen See, den Lac de la Gruyère.»

So beginnt die zweite Tour in einem Führer, der jahrelang vergriffen war und nun zu neuer Frische und mit neuen Touren auferstanden ist. Vor 16 Jahren erschien der Rother Wanderführer „Gruyère – Diablerets. Freiburger und Waadtländer Alpen“ von Ralph Schnegg und Daniel Anker; er kam auch in einer französischen Ausgabe heraus, die sich etwas besser verkaufte. Nun liegt eine von Bernd Jung gemachte Neuausgabe vor; er betreut seit zwei Jahren meine sechs Rother Wanderführer zur Schweiz und bringt sie mit neuen Touren und Fotos heraus. Insgesamt warten nun 60 Touren zwischen Fribourg und Martigny auf entdeckungsfreudige Spazier- und BergtourengängerInnen. Die Wanderung um den Lac de la Gruyère, die Nr. 1 (Länge), Nr. 2 (Fläche) und Nr. 3 (Volumen) der schweizerischen Stauseen, ist 44 km lang; sie kann zum Glück auf zwei oder drei Etappen verteilt werden. Vier Tage dauert die Tour des Muverans, die von Bernd ausgeheckte Tour des Muverans spezial gar fünf Tage. En route, mes amis, der Führer passt in Hand- und Rucksackdeckeltaschen!

Dass der Grand Muveran (3051 m), einer der sechs Dreitausender der Waadtländer Alpen, im Buch „111 Orte in den Waadtländer Alpen, die man gesehen haben muss“ von Benjamin Amiguet und Marc Voltenauer auftaucht, versteht sich von selbst. Denn Voltenauers erster Krimi heisst „Le dragon du Muveran“ (2015) und ist in den Waadtländer Alpen angesiedelt; seit 2021 ist er unter dem Titel „Das Licht in dir ist Dunkelheit“ im Emons-Verlag auf Deutsch erhältlich. Der zweite Krimi „Qui a tué Heidi?“ wird im Herbst 2022 auf Deutsch vorliegen. Er spielt, wie auch der vierte Krimi „Les protégés de Sainte Kinga“, in dieser Gebirgslandschaft; mehr dazu hier: https://bergliteratur.ch/schaurige-orte-in-der-schweiz/. Kurz: Monsieur Voltenauer kennt sich in den Alpes vaudoises bestens aus, Benjamin Amiguet übrigens auch; er ist für die Vertriebsleitung des öffentlichen Verkehrs im Chablais verantwortlich. Das merkt man bei den Infos zu den 111 sehenswerten Orten, welche das Duo vorstellt: Die Anreise per öV wird fast immer genau angegeben. Ich kenne mich ja ein wenig in der Bergwelt zwischen L’Étivaz und Leysin aus. Aber all die kaum bekannten, unbedingt besuchenswerten Orte, die da mit viel Kenntnis und Verve vorgestellt werden: chapeau! Ich nenne nur drei: Le Temple du Polar in Bex (Nr. 19), die militärische Schutzhütte A97 an der Pointe de Martinets (Nr. 34) und die Gorges de Vuargny bei Aigle (Nr. 109); dort gab es bereits Ende des 19. Jahrhunderts ein Wasserkraftwerk an der Grande Eau.

Wasser also. In höheren Lagen Schnee und Eis. Wer sich darin wohl fühlt wie ein Fisch bzw. wie François Damilano, wird sich freuen an der dritten Auflage des zweiten Bandes zu den vereisten Anstiegen im Mont-Blanc-Massiv: „Neige, Glace et Mixte“. Darin beschreibt der Bergführer, Autor und Filmer aus Chamonix alle Routen rund um den Glacier du Géant sowie auf der Nordseite der Aiguilles de Chamonix. Auf dem Cover klettert Marion Poitevin am scharfen Ende des Seils im Extremklassiker „Beyond good and evil“ an der Aiguille des Pèlerins – eine dünne Schicht Eis auf glatten, senkrechten Granitplatten. Kein Weg für Angsthasen und Gfrörlis. Da gefällt mir der sonnige Normalweg auf den Grand Flambeau (3559 m) schon besser. Am Ende seines langen Nordgrates wartet übrigens La Vierge; eine Jungfrau erhebt sich also nicht nur im Oberland bernois. Insgesamt sind es auf 237 Seiten 507 eisige Routen mit genauen Angaben des Verlaufs (aufs Fotos eingezeichnet), der Schwierigkeiten, der Erstbegeher. Auf geht‘s, Bärgfründe, auch dieser Führer passt bequem in Rucksackdeckeltaschen!

Wir bleiben im vierten Führer ebenfalls etwas am Wasser. Paul und Helen Webster nehmen uns in der Wild-Guide-Reihe mit in die „Französischen Alpen“ und versprechen, wie es im Untertitel heisst, „Einsamkeit, Abenteuer und das gute Leben“. In 17 Regionen vom Chablais am Lac Léman bis hinunter ins Mercantour warten 850 Tipps zum Erleben und Eintauchen, Einkehren und Übernachten. Also Gebirgsseen, Flüsse, Wasserfälle und heisse Quellen, Gletscher, Canyons, Schluchten und Klettertouren, Ruinen, Hinkelsteine und heilige Stätten, versteckte Festungen, Tunnel und Höhlen, Fahrradrouten, Pässe und Panoramastrassen, Hofläden, Märkte und Bergdörfer, Unterkünfte, Restaurants und Picknickplätze. Die Navigation im Führer ist etwas gewöhnungsbedürftig, die Übersichtskarten zu den Regionen sind zu klein und vor allem schlecht lesbar – schade. Trotzdem: Der Lac de Saint-André in der Chartreuse lockt zur einem Rundspaziergang von einer knappen halben Stunde; da liegt ein Abstecher zum Croix de Saint-André (398 m) allemal drin. Bonnes balades, zu diesem Kreuz wie zu denjenigen auf den Freiburger Gipfeln.

Bernd Jung, Daniel Anker: Gruyère – Diablerets. Freiburger und Waadtländer Alpen. 60 Touren mit GPS-Tracks. Rother Wanderführer 2022, € 17,00.

Benjamin Amiguet, Marc Voltenauer: 111 Orte in den Waadtländer Alpen, die man gesehen haben muss. Emons Verlag, Köln 2022, € 18,00.

François Damilano: Neige, Glace et Mixte. Le topo du massif du Mont-Blanc. Tome 2. Géant – Vallée Blanche, Envers des Aiguilles, Aiguilles de Chamonix. Troisième édition. JMEditions, Chamonix 2021, € 28,50.

Paul und Helen Webster: Wild Guide Französische Alpen. Einsamkeit, Abenteuer und das gute Leben. Haffmans & Tolkemitt, Berlin 2022. € 25,00.

Berge von Kunst

Die Berge rufen mit Kunst. Mit Büchern und Ausstellungen. Nichts wie hin!

25. April 2022

«Es gibt Alpentäler, die fallen ein wenig aus dem Rahmen. Sie überraschen, weil sie Menschen und Kultur beherbergen, wie man sie so in dieser Abgeschiedenheit nicht erwartet. Safien im Naturpark Beverin in Graubünden ist so ein Tal: wild, strukturschwach, abgelegen und trotzdem erfrischend innovativ.»

Und in diesem Jahr unbedingt aufzusuchen, vom 2. Juli bis 23. Oktober. Denn dann findet zum vierten Mal seit 2016 die Art Safiental statt, die diesmal unter dem Motto „Learning from earth“ über die Bühnen geht in diesem 30 Kilometer langen Seitental des Vorderrheintales. Auf der Website von Art Safiental heisst es: „Die Ausstellung versammelt 15 Kunstprojekte in einer Zeit der planetaren Krise. Von der Wirtschaftskrise, Pandemie, Krieg bis zur Klimakrise ist es offensichtlich, dass die Menschheit und ihre Lebensweise auf dem Planeten Erde gefährdet ist. Die im Safiental gezeigten Werke und Projekte sind Kommentare und Vorschläge, die sich kritisch mit der Gegenwart auseinandersetzen und Alternativen zu aktuellen Entwicklungen und Umwälzungen vorschlagen. Sie denken darüber nach, was unsere Beziehung zur Erde ist und was wir von ihr lernen können.“ Liest sich vielversprechend, nicht wahr?

Das Safiental habe ich nicht als Ort für Kunst kennengelernt, sondern als solcher für Skitouren. Auf dem Schlüechtli (2282 m) oberhalb Tenna zog ich schon ein paar Mal die Felle von den Ski. Im Jahr 2018 hätte ich jedoch unbedingt mal im Sommer dort oben stehen müssen, neben der blauen Frauenfigur, die seitlich auf dem Gipfel lag, den Kopf aufs Gras gelegt: „Transparent Earth“, eine Arbeit von Lita Albuquerque. Grossartig! Nun kenne ich immerhin die doppelseitige Foto im Buch „Berge von Kunst. 20 überraschende Orte internationaler Kunst in den Alpen“ von Ute Watzl.

In diesem Bildband nimmt uns die freie Journalisten aus München, die während vieler Jahren in der Redaktion eines Kunstmagazins arbeitete, mit zu alpinen Kunstorten in der Schweiz (8), in Italien (5), Deutschland (4) und Österreich (3). Orte, wo periodisch Kunst inszeniert wird, wie eben im Safiental oder an der Biennale Bergell, Orte aber auch, wo Kunst dauerhaft ausgestellt ist, wie im Schloss Tarasp, im Parkin Not dal Mot in Sent oder im Hotel Castell in Zuoz. Starke Fotos und Texte machen aus dem Bildband von Ute Watzl ein Muss für alle kunstsinnigen Bergreisenden und Berglerinnen.

Es gibt also viel zu sehen, im Sommer und Herbst 2022. Allerdings auch schon jetzt. Denn im Juni schliessen zwei diese Ausstellungen: einerseits „Alpensinfonie. Der Berg in der Kunst“ im Hans Erni Museum im Verkehrshaus der Schweiz in Luzern, andererseits „Raphael Ritz. Aujourd’hui“ im Centre d’exposition du Pénitencier der kantonalen Museen in Sitten. Die Ausstellung in Luzern spannt den Bogen von der zunehmenden Erforschung der Gebirge im 18. Jahrhundert über die touristische Erschliessung im 19. Jahrhundert bis zur wachsenden Bedrohung im 20. und 21. Jahrhundert. Mit Werken von Hans Erni logischerweise, von Ferdinand Hodler (mal nicht Léman oder Jungfrau, sondern die Sulegg!), von Cuno Amiet, Heinrich Danioth, Jules Spinatsch, Caspar Wolf, Andy Warhol und vielen anderen Künstlern. Dazu hat Kurator Heinz Strahlhut eine informative Publikation herausgegeben. Und welcher Berg wird am häufigsten gezeigt, auf alten und neuen Gemälden? Pilatus oder Rigi, die berühmten Luzerner Hausberge? Nein! Das Matterhorn? Fehlt in der Ausstellung; im Verkehrshaus aber steht ein künstliches Horu, darin man eine virtuelle Besteigung des Berges der Berge mitmachen kann. Der meistgemalte Berg in „Alpensinfonie“ ist, nicht ganz erstaunlich, das Wetterhorn.

In Sion schliesslich ist Raphael Ritz (1829-1894) zu entdecken. Das Kunstmuseum Wallis konserviert die umfangreichste Sammlung der Gemälde dieses bedeutenden Walliser Künstlers. Die Ausstellung im ehemaligen Gefängnis zwischen Altstadt und dem Valère-Hügel wirft einen neuen Blick auf dessen Werk, indem es dieses in Dialog mit einer Klangwanderung und zeitgenössischen Fotografien setzt. Bekannt ist das Gemälde von Ritz, das Ingenieure im Gebirge zeigt; zwei von ihnen erholen sich von ihrer Arbeit an einem wärmenden Feuer, das ein Gehilfe unterhält, während im Hintergrund zwei geheimnisvolle Figuren auf besseres Wetter zu warten scheinen. Ebenso vielschichtig ist „Touristen auf dem Pic d’Arzinol“ von 1879: ein Mann und zwei Frauen in städtischer Kleidung studieren eine Karte, während vier Führer und Träger schlafen, trinken oder in eine Richtung zeigen, wo wohl Gämsen oder Kristalle zu finden sind.

Und was lesen wir auf den Fahrten zu den Kunst-Bergen, ausser den drei Büchern, die sich damit befassen? Ein Tipp: „Schatten im Silsersee. Historischer Kriminalroman“ von Christine Neumeyer; sie begleitet Giovanni Segantini (1858–1899) in seinem wichtigen Jahr 1894, beim Umzug von Savognin nach Maloja, und untermalt dieses mit einer fiktiven Krimihandlung. Nun, Krimi- und Thriller-LeserInnen, die gerne atemberaubender Action folgen, werden enttäuscht sein. Aber wer einen Lebensabschnitt des berühmten Bergmalers Segantini miterleben möchte, sollte das Buch auf die Kunstreise in die bündnerischen Alpentäler mitnehmen.

Ute Watzl: Berge von Kunst. 20 überraschende Orte internationaler Kunst in den Alpen. AS Verlag, Zürich 2022, Fr. 42.80.

Heinz Strahlhut (Hg): Alpensinfonie. Der Berg in der Kunst. Hans Erni Museum, Luzern 2021, Fr. 12.- Erhältlich im Shop des Verkehrshauses der Schweiz.

Céline Eidenbenz (Hg.): Raphael Ritz. Schöpfer eines exotischen Wallis. Scheidegger & Spiess, Zürich 2021; in Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum Wallis. Fr. 48.-

Christine Neumeyer: Schatten im Silsersee. Historischer Kriminalroman. Emons Verlag, Köln 2022, € 12,00.

Art Safiental, 2. Juli – 23. Oktober 2022, https://artsafiental.ch.

Alpensinfonie. Der Berg in der Kunst. Sonderausstellung im Hans Erni Museum im Verkehrshaus in Luzern, 17. März 2021 – 19. Juni 2022.

Raphael Ritz. Heute. Ausstellung im Kunstmuseum Le Pénitencier in Sitten, 16. Oktober 2021 – 5. Juni 2022.

Das Herz der Höhe

Sich mit dem eigenen Tun zu befassen, kann nie schaden. Gerade weil und wenn sich der Puls dabei beschleunigt.

19. April 2022

«Die einen – die wissenschaftlich interessierten Bergreisenden – wollten auf die hohen Berge hinaufkommen, wussten aber nicht, wie man das macht. Die theoretische Neugierde gab ihnen das Ziel vor; doch sie verfügten über keine Methode und keine Technik, dieses Ziel zu erreichen.
Die anderen aber – die Einheimischen, die Bergler, die Bewohner der Alpentäler – hatten keineswegs das Ziel, die allerhöchsten Bergspitzen zu erreichen, denn diese lagen außerhalb ihres Interessengebietes. Doch sie verfügten über die Methode und die Technik, hinaufzukommen – vom Orientierungsvermögen bis hin zur Kenntnis der Seilknoten, von der richtigen Einschätzung des Wetters bis hin zum Einsatz der Steigeisen und der Axt beim Aushauen der Eisstufen. […]
So gelang am Ende – über den Interessenausgleich des Zugeständnisses des jeweils erstrebten Beute – eine Kooperation, die die Entstehung des frühen Alpinismus in der Zeit um 1800 ermöglichte.»

Ausschnitt aus dem grundlegenden Werk „Das Herz der Höhe. Eine Kultur- und Seelengeschichte des Bergsteigens“ des deutschen Volkskundlers Martin Scharfe. Darin wirft der Professor für Europäische Ethnologie und Kulturforschung an der Universität Marburg von 1985 bis 2001 einen neuen Blick auf die Geschichte des Alpinismus, insbesondere auf seine Entstehung und Verbreitung vom Ende des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Das Neue dabei: Scharfe brilliert nicht mit neuen Fakten, sondern mit einer neuen Lesart der alten Schriften. Beispielsweise in den Texten von Joseph Zumstein und Ludwig Freiherr von Welden zu ihren Erstbesteigungen von Zumsteinspitze und Ludwigshöhe am Monte Rosa 1820 und 1822; Gipfel, welche die beiden Forscher mit Hilfe von Locals ersteigen konnten. Alle an diesen Hochtouren Beteiligten machten gute Beute: die einen Erkenntnisse zur Höhe, Topografie etc., die andern Lohn für Führer- und Trägerdienste. Eine Win-Win-Situation für alle.

In seinem 429-seitigen, mit 122 Abbildungen illustrierten Werk – es setzt sich zusammen aus 20 überarbeiteten Texten und Vorträgen – skizziert Martin Scharfe im ersten Kapitel drei Epochen der Seelen- und Leibgeschichte des Alpinismus:

1. Zeit des heißen Herzens: Von 1780 bis 1830 war es notwendig, ja erwünscht, „selbst die extremsten Emotionen zu äußern und zu kommunizieren: Emphase wie Euphorie, Angst wie Entsetzen. Der Leib war noch nicht zum Körper instrumentalisiert, also noch offen für eigentümliche Sinneserfahrungen.“ Und das schlug sich in den Texten der ersten Bergsteiger nieder, manchmal versteckt, aber mit Scharfes Blick dringen wir in ihr Herz und Seele vor.

2. Zeit des kalten Herzens: Von etwa 1830 bis vor kurzem sei der Alpinist frei von Leidenschaften und Gewissensbissen gewesen, „die Seele kennt keine Schrecken mehr, der Leib, der nur Körper ist, keine Leiden.“ Mit einem maskulinen Panzer hätten die Bergsteiger die letzten Ziele erreichen wollen.

3. Zeit des temperierten Herzens: Seit einigen Jahrzehnten häuften sich die Berichte über neues Leib-Spüren und neues Nach-Innen-Hören. Zudem, so der Historiker zur dritten und gegenwärtigen Phase des Alpinismus, werde das Frauen-Bergsteigen immer selbstverständlicher, werde über das By-fair-means wie Höhenbergsteigen ohne künstlichen Sauerstoff vermehrt nachgedacht, werden ökologische Fragen auch beim Bergsport aufgeworfen.

Andere, immer gut dokumentierte Kapitel befassen sich eingehend mit der Geschichte der älteren alpinen Ausrüstung, mit den Blicken vom Berg und auf den Gletscher, mit der Geschichte der Berg- und Gipfelzeichen (zum Beispiel mit dem Kruzifix inklusive Blitzableiter). Das 18. Kapitel aber rollt allen davon: dasjenige über die Erfahrungen mit den Alpen in der Frühzeit des Automobils. Darin setzt sich Martin Scharfe sozusagen in die 6-PS Voiturette von Charles L. Freeston, der als wohl erster Menschen zwischen 1893 und 1910 über hundert Alpenpässe systematisch abfuhr und darüber in „Die Hochstraßen der Alpen“ berichtete. In diesem Führer preist der Engländer die neue Freiheit und den neuen Genuss, wenn man im Automobil die Baumgrenze hinter sich lasse, „bis man sich um Ecken und Kurven schwingt und mit einem letzten Ruck eine Höhe von beinahe 3000 m über dem Meeresspiegel erreicht!“. Das Herz in der Höhe, buchstäblich ganz anders erfahren.

Ein Tipp noch, bevor wir losgehen zur nächsten (Lese-)tour: Ein sehr empfehlenswerter Einstieg in die Alpinismus- und Bergtourismus-Geschichte von Martin Scharfe ist sein Buch „Bilder aus den Alpen. Eine andere Geschichte des Bergsteigens“ (Böhlau Verlag, Wien 2013, Fr. 32.90). https://bergliteratur.ch/eine-andere-geschichte-des-bergsteigens/

Martin Scharfe: Das Herz der Höhe. Eine Kultur- und Seelengeschichte des Bergsteigens. Schwabe Verlag, Berlin 2021. Fr. 68.-