Bergkrimis, erste Staffel

Neue Bergkrimis aus der Schweiz und dem angrenzenden Ausland. Spannende Lektüre, aber nur an einem sicheren Ort in der Stadt…

22. Mai 2019

„Und dann, während sie das Panorama bewunderte, habe ich ihr einen harten Stoss versetzt. Es ging ganz leicht. Erschütternd leicht.“

Sagt Robert zu den Leuten, die ihn eben festgenommen haben. Sein Geständnis offenbart die Urszene im Bergkrimi: der Sturz in den Abgrund. Nicht durch eine Unachtsamkeit, ein Stolpern oder ein Ausrutschen, nicht durch einen ausbrechenden Griff, einen herunterfallenden Stein oder sonst etwas. Nein! Sondern durch eine nahe stehende Person: ein kleiner Schubser, ein harter Stoss, ja vielleicht gar nur ein Schreckruf oder ein falscher Tipp. Und schon stürzt das Opfer ab. Ob es dann einen Täter gibt, ist schwierig zu ermitteln. Der Plan von Robert wäre fast aufgegangen, wenn Monika beim Sturz nicht ihre Brille verloren hätte. Und die wird dann zufällig gefunden. „Weitsicht“ heisst der Niesenkrimi von Esther Pauchard, eine mit Werken des Kunstmuseums Thuns sinnig illustrierte Erzählung. Denkt also daran, wenn Ihr das Panorama bewundert, dass niemand in der Nähe steht…

„Doch bei diesem Wetter – ich weiβ nicht. Man muss durch den ‚Geltentritt‘. Das ist eine Felswand, die über eine Metallleiter und einen felsigen, glitschigen Pfad überwunden werden muss. Für ungeübte Berggänger ist das nicht zu empfehlen, erst recht nicht bei diesem Wetter. Wenn man abrutscht, ist der nächste Halt hundert Meter weiten unten, am Fuβ der Wand.“

Sagt Ludivine zu Cora auf Seite 79 in „Blutlauenen“ von Christof Gasser. 200 Seiten weiter hinten stehen sich die zwei Frauen genau im Geltentritt gegenüber, etwas weniger freundlich, denn plötzlich zückt – das verrate ich natürlich nicht. Nur so viel: Immerhin sind die beiden bis zu dieser schwierigen Wegpassage zwischen der Alp Chüetungel und der Geltenhütte hoch oben im Lauenental bei Gstaad noch am Leben. Für andere Mitglieder der Jugendclique nämlich, die sich im fiktiven Jagdhaus auf Chüetungel alias Blutlauenen zusammengefunden haben, um alte Erinnerungen aufzufrischen, wird der Ausflug in die Berge der letzte sein. Denkt also daran, wenn Ihr zu einem Wochenende in einer abgelegenen Hütte eingeladen seid, dass es erstens ungefährliche Fluchtwege und zweitens freundliches Wetter gibt…

„Ist ganz schön was los auf dem eisigen Berg, was? Und jetzt führ mich über den Gletscher. Ich will zum Cliff Walk. Traust du dir bei diesen Windböen zu, auf einer wackeligen Hängebrücke in die Tiefe zu blicken? Oder hast du Angst vor dem Berg?“

Sagt Staatsanwältin Eva Roos zum Luzerner Ermittler Cem Cengiz in Monika Mansours „Die Tote vom Titlis“. Die beiden machen ihre Hochzeitskurzreise auf den Titlis. Eine grosse Gruppe aber zelebriert die Heirat in der Gletschergrotte auf dem Titlis, doch kurz vor dem Jawort wird die Braut erschossen. Wegen eines aufkommenden Schneesturms muss die Luftseilbahn ihren Dienst einstellen. Und plötzlich gibt es noch mehr Tote. Nach dem Jagdhaus im Berner Oberland erneut ein tödliches Kammerspiel à la Agathe Christie, nun auf dem berühmten Eisberg in der Zentralschweiz. Denkt also daran: Nie bei Sturm auf den Titlis, und schon gar nicht dort oben heiraten…

„Gian, du kennst ja das Engadin auch sehr gut, bist als eingefleischter Bündner viel unterwegs. Der Munt la Schera ist dir ein Begriff?“

Sagt Giulia de Medici, Ermittlerin der Kapo Graubünden, zu ihrem Bekannten in Philipp Gurts „Bündner Treibjagd“. Genau an diesem Munt la Schera, einem der wenigen mit Wegen erschlossenen Gipfel im Schweizerischen Nationalpark, beginnt die Treibjagd. Allerdings nicht auf Tiere. Sondern auf Menschen wie Ladina Demarmels, einst eine erfolgreiche Biathlonistin, deren Karriere kaputt ging, als sie von einem Auto angefahren wurde. Und jetzt wird sie im Parc Naziunal Svizzer gejagt. Schicksal oder Zufall? Das versucht Giulia de Medici herauszufinden, gegen äussere und innere Widerstände. Und mit einem sehr überraschenden Schluss, zu dem sie in einer einsamen Alphütte gefunden hat. Denkt also daran, dass ein Aufenthalt in der Berghütte zu neuen Erkenntnissen führen kann, vielleicht auch zu schrecklichen…

„Hat sie denn etwas gesehen? Hat der Wolf das Mädchen in den Abgrund gestoβen? Könnte das so gewesen sein?“

Sagt Garmischer Kommissarin Kathi Reindl zu einer Zeugin. Mit dabei bei der Befragung ist ihre Kollegin Irmi Mangold, ganz entgegen ihrer Absicht. Denn im zehnten Alpenkrimi um Irmi Mangold, in „Wütende Wölfe“, lässt Autorin Nicola Förg die Hauptfigur eine Auszeit auf einer Alp nehmen. Aber drei bizarre Fälle – darunter ein toter Mann gefangen in den Schlageisen einer so genannten Wolfsgrube – erschüttern Irmi Mangold tief. Ihr Sabbatical als Alphirtin hin oder her: Sie muss nun doch Tatorte erfühlen, unbequeme Fragen stellen und zwischen tierischen und menschlichen Wölfen scharf unterscheiden. Denkt also daran: Es gibt Wölfe im Schafspelz, und umgekehrt…

„Ich hätte nicht gedacht, dass es hier so schön sein kann. Mal abgesehen von den Bergen, die ich immer noch ätzend finde, sind die Wiesen… Also solche grünen Wiesen hat Rom nicht so bieten.“

Sagt Rocco Schiavone, der von Rom nach Aosta strafversetzte, stellvertretende Polizeichef, im neuen Roman von Antonio Manzini. Es ist der vierte, der nun auf Deutsch vorliegt, und er passt perfekt in diesen Frühling: „Ein kalter Tag im Mai“. Sehr lesenswert, wie alle Romane und Erzählungen um Rocco Schiavone. Aber „Era di maggio“ ist kein Bergkrimi, obwohl er im Tal mit den höchsten Spitzen der Alpen spielt. Auf der Vorderseite ist zwar eine grüne Zinne zu sehen, und auf der Rückseite steht gross geschrieben „Mord mit Bergblick“. Denkt also daran: Nicht immer, wenn Gipfel auf dem Cover abgebildet sind, geht es um Verbrechen auf den Bergen…

Esther Pauchard: Weitsicht. Ein Niesenkrimi. In: Berge sammeln. Ein Projekt im Rahmen der Ausstellung Bergwärts im Thun-Panorama. Kunstmuseum Thun 2018, Fr. 14.-
Christof Gasser: Blutlauenen. Emons Verlag, Köln 2019, Fr. 19.-
Monika Mansour: Die Tote vom Titlis. Emons Verlag, Köln 2019, Fr. 19.-
Philipp Gurt: Bündner Treibjagd. Emons Verlag, Köln 2019, Fr. 19.-
Nicola Förg: Wütende Wölfe. Pendo Verlag, München 2019, Fr. 25.-
Antonio Manzini: Ein kalter Tag im Mai. Rowohlt Verlag, Reinbeck bei Hamburg, Mai 2019, Fr. 15.-

Sechzig Jahre Fels

Am Pfingstmontag vor sechzig Jahren kletterte ich zum ersten Mal am Seil auf einen Berg: den Altmann im Alpstein. Ein kleines Gedenken in Dankbarkeit.

14. Mai 2019

Richtige Bergschuhe besass ich noch nicht, Vaters alte Militärschuhe trug ich wohl, einen kleinen braunen Rucksack. Angst plagte mich bestimmt, wie ich da mit der JO des SAC Bachtel zur Chraialp hinaufwanderte, zum Pfingstkletterkurs im Alpstein. Schlaflos lag ich im Heu. Keine Ahnung vom Klettern, keine Ahnung, ob ich schwindelfrei sein würde. Abseilen im Dülfersitz hatte ich in der Pfadi gelernt, auch ein paar Knoten. Spierenstich, Führerknoten. Die Könner der Gruppe redeten von Spreizschritten, Verschneidungen, Piazzen. Fremdwörter für mich. Sie nahmen sich am Pfingstsonntag den Westgrat vor, die weniger Erfahrenen den Ostgrat des Altmann. Wir Anfänger übten an einem kleinen Kalkwändchen Dreipunkttechnik zum Klettern im Fels, Hände auf Augenhöhe!, Schultersicherung, Selbstsicherung an Felszacken. Aha! So geht das also! Ist ja gar nicht so schwer. Ich weiss nicht mehr, ob uns Walter Z., der IO-Leiter selber anleitete oder sein Stellvertreter Hannes K. Einer der beiden führte uns am Pfingstmontag, dem 18. Mai, durchs Schaffhauserkamin auf den Altmann, meinen ersten Klettergipfel. Im Kamin gab’s einen kleinen Zwischenfall. Die oberste Seilschaft löste einen Felsblock aus, der krachte zwischen uns durch in die Tiefe. Schwefelgeruch. Schwein gehabt. Auch das gehört zum Klettern, lernte ich.

Luftiges Stück auf dem Ostgrat, der Gipfel, Händeschütteln, Abstieg über speckige Kalkplatten und über Schneefelder. Ich hatte klettern gelernt, hatte heisse Hände und ein heisses Herz. Glück!

Der Altmann hat auch später eine Rolle gespielt in meinem Leben, erste Alleingänge über West- und Ostgrat, mit Lob des berühmten Bergführers Paul Etter auf dem Gipfel, erste Tour mit einer Freundin, erste Klettertour meiner späteren Ehepartnerin. Schöne Erinnerungen.

Weniger schön meine zweite Klettertour sieben Wochen später, Guppenwand am Vrenelisgärtli. Es war der 5. Juli, ein wolkenloser Tag. Weil ich im Kletterkurs war, durfte ich einer Seilschaft vorsteigen. Die Guppenwand ist ja nicht schwer, aber der Fels locker. Ein paar Meter über mir brach dem Tourenleiter Hannes K. ein Block aus, zerschlug das Hanfseil, er stürzte hundert Meter ab, starb nach zwei Monaten an schweren Verletzungen. Andere hätten vielleicht aufgehört mit klettern, aber mich hatte die Leidenschaft schon fest im Griff. Sie hat mich nie losgelassen.

Bin selber oft gestürzt, die Sicherungen und Sichernden haben gehalten, gelegentlich landete ich beim Arzt und einmal im Spital, habe Lawinen ausgelöst, wurde aber nie verschüttet, stand im schweren Steinschlag, doch der Felsblock tötete einen andern Menschen. Ich habe Glück gehabt – bis heute – blicke dankbar zurück, erinnere mich an Tausende von Stunden im Fels, kann mir ein Leben ohne den Kalk, den Granit, den Sandstein nicht vorstellen. Am 18. Mai werde ich klettern – so das Schicksal es mir erlaubt.

Tsum Glück. Ein entlegenes Tal im Himalaya

Stilles Glück weit, weit weg. Oder ganz nah – in einem prächtigen Bildband.

13. Mai 2019

„Zu den Dingen, die mich glücklich machen, zählen: Berge, Freunde, Bewegung, Ruhe, Natur, gutes Essen. Deshalb war ich auf vielfache Weise glücklich, dass ich im Herbst 2016 vier Wochen lang zusammen mit meinem Freund, dem Fotografen Enno Kapitza, im Himalaya unterwegs sein durfte. Wir wanderten ins Tsum-Tal, eine abgelegene Region in Nepal, das nur zu Fuβ erreichbar ist und im tibetischen Buddhismus als „Tal des Glücks“ oder „verstecktes Tal“ bekannt ist. Der Anmarsch dauerte fast eine Woche. Zeit genug, um sich zu akklimatisieren. Die Orte im Tal liegen in Höhen von 2.200 bis 3.400 Metern. Und eine gute Gelegenheit, um sich beim Gehen meditativ auf das Thema unserer Recherche einzustimmen: Was ist Glück?“

Schwierige Frage, nicht wahr? Vielleicht hätten wir schon am Welttag des Glücks eine Antwort erhalten. Doch der ist vorbei, am 20. März wird er jeweils gefeiert, am kalendarischen Übergang vom Winter zum Frühling. Bis zum nächsten Weltglücktag wollen wir dann doch nicht warten. Deshalb jetzt ein Buch über ein Tal, wo das Glück offenbar zu Hause ist. Das gerade jetzt, wo das Wetter einen nicht wirklich glücklich stimmt. Jedenfalls nicht in Bern mit bedecktem Himmel und bissiger Bise, an diesem Montag, 13. Mai 2019. Nur nebenbei: Heute vor 179 Jahren kam Alphonse Daudet, Schöpfer des unvergesslichen Romanhelden und Alpinisten Tartarin, auf die Welt. 1867, so meldet Wikipedia, heiratete der Schriftsteller Julia Allard: „Die Ehe war glücklich.“

Aber jetzt zurück ins glückliche Tal. Fotograf Enno Kapitza und Herausgeber Titus Arnu haben eine Region erkundet, die erst seit 2007 wieder von Touristen besucht werden darf. Wir erinnern uns: 1954 bereiste Peter Aufschnaiter das im Norden Nepals an der Grenze zu Tibet gelegene Hochtal. In diesem abgelegenen Tal, wird die ursprüngliche Lebensweise des tibetischen Buddhismus noch gelebt. Das Leben ist einfach und entbehrungsreich, doch strahlen die Menschen eine tiefe innere Zufriedenheit aus – ganz sicher jedenfalls auf den Fotos von Enno Kapitza. 140 Farbfotos zeigen uns eine ganz andere Welt, faszinierend zum Anschauen in diesem sorgfältig gemachten Bildband. Vielleicht gar verlockend zum Besuchen, doch das Tsum-Tal liegt schon etwas weit weg. Mit einem schönen Buch in den Händen lässt sich auf dem Sofa zufrieden reisen. Allerdings:

„Wenn man unglücklich ist, findet man auch auf einem weichen Sofa keinen Schlaf. Wir sind hier so glücklich, dass wir auch auf einem Felsen schlafen können“, sagt Nyima Dorze, ein Bauer im Tsum-Tal.

Enno Kapitza (Fotos): Tsum Glück. Ein entlegenes Tal im Himalaya. Herausgegeben von Titus Arnu. Texte von Nadine Plachta, Titus Arnu, Karénina Kollmar-Paulenz. Sieveking Verlag, München 2018, € 55.-

150 Jahre Deutscher Alpenverein

Heute wird der DAV 150 Jahre alt: Das will gefeiert, gelesen und gelaufen werden.

9. Mai 2019

„Aufgabe des Vereines ist: die Bergfreunde Deutschlands zu vereinter Thätigkeit zu verbinden.“

Das beschlossen 36 deutsche und österreichische Bergsteiger am Abend des 9. Mai 1869 im Gasthaus „Zur blauen Traube“ in München bei der Gründung des Deutschen Alpenvereins. Sie verstanden ihn als „bildungsbürgerlichen Bergsteigerverein“ und verfolgten das Ziel, die touristische Erschließung voranzutreiben und „die Kenntnis der Alpen zu verbreitern und ihre Bereisung zu erleichtern“. Die Aufgaben wurden bestens gelöst: Nach 10 Monaten gab es 22 Sektionen mit 1070 Mitgliedern. Heute hat der Deutsche Alpenverein 356 Sektionen mit insgesamt 1‘289‘641 Mitgliedern sowie 321 Berg- und Schutzhütten (eine liegt gar in der Schweiz, die Heidelberger Hütte). Der DAV ist die grösste nationale Bergsteigervereinigung der Welt, der fünftgrösste nationale Sportfachverband Deutschlands und auch der grösste Naturschutzverband des Landes. Eine eindrückliche Entwicklung, fürwahr.

Natürlich blickt das Alpenvereinsjahrbuch BERG 2019 auf die 150jährige Geschichte. So wird geschildert, wie die Gründungssektionen des DAV tatkräftig zur wirtschaftlichen Entwicklung der Alpentäler beitrugen, wie Ernst Enzensperger die Jugendarbeit im Verein einführte und förderte, wie der Durchbruch des Kletterns als Sportart in den 1980er- und 1990er-Jahren trotz Widerstände gelang. Stefan Glowacz, einer der Pioniere der deutschen Sportkletterszene, erinnert sich, wie sich altgediente Mitglieder ob den jungen Wilden entsetzten: „Was sollen wir mit diesen Affen im Alpenverein?“ Passend dazu der Text von Andi Dick, ob Bergsteigen Sport oder doch etwas mehr sei.

Lesenswert im neuen BERG sind auch die Beiträge zum Thema „Was treibt uns an?“ Und wie verhalten wir uns im Social-Media-Zeitalter: Welche Interessengruppen spiegeln sich in Facebook & Co. wider, und wie wirkt das wiederum auf den Sport selbst zurück? Spannende Fragen, auf die wir ebensolche Antworten erhalten. Gebietsmässig geht es diesmal ins Reich der Tauernkönigin, zur Hochalmspitze (3360 m), den höchsten Gipfel der Ankogelgruppe. Dieser Kogel selbst, 3250 Meter hoch, soll bereits 1762 bestiegen worden sein. Unterwegs im Gebirge waren die Menschen jedoch schon Jahrtausende früher: Das zeigt der jungsteinzeitliche Schneeschuh aus Birkenholz, der in der Nähe des Gurgler Eisjochs im Südtirol gefunden wurde und im Jahrbuch abgebildet ist. Die Beziehung Berg-Mensch ist also schon deutlich mehr als 150 Jahre alt…

Die Berge und wir. Unter diesem Motto steht das DAV-Jubiläum. Und so heisst auch die Ausstellung im Alpinen Museum in München – und die offizielle Publikation. Beide erzählen, so steht es im Ausstellungs-Flyer, „von der Freude am Entdecken der Bergwelt, der Suche nach einem intensiven, gefährlichen Leben, dem Versprechen von Freiheit und Genuss, dem Kampf um unerschlossene Landschaften, der Verlagerung des Bergsportes in die Stadt sowie den Versuchen, unserer digitalisierten Gesellschaft heute gerecht zu werden.“ Die 43, in fünf Seilschaften gegliederten Kapitel des 320 Seiten dicken, prächtig und prickelnd illustrierten Jubiläumsbuches vertiefen diese und weitere Themen so vorbildlich wie lesenswert.

Wer im Jubiläumsjahr aber tourenmässig mit dem DAV unterwegs sein will, nimmt sich das Jubiläumstourenbuch vor. Sektionen aus ganz Deutschland präsentieren ihre Favoriten: eine schöne Sammlung von leichten bis schwierigen, ein- bis mehrtägigen Ausflügen zwischen Harz und Hohen Tauern. Die 150 Touren führen zu besonderen Flecken in ganz Deutschland, in den österreichischen Alpen und im Südtirol, ein paar Mal gehen sie auch an den Rand der Schweiz (Piz Buin) oder ganz hinein. Und selbstverständlich wird auch die wahrscheinlich berühmteste Schweiz Deutschlands erwandert, die Sächsische Schweiz. Dorthin will ich schon seit Jahren, hoffentlich schaffe ich es in diesem besonderen Jahr.

BERG 2019. Herausgegeben vom Deutscher Alpenverein (DAV), Österreichischer Alpenverein (OeAV) und Alpenverein Südtirol (AVS); Redaktion Anette Köhler. Tyrolia-Verlag, Innsbruck 2018, € 18,90. www.tyrolia.at

Die Berge und wir. 150 Jahre Deutscher Alpenverein. Herausgegeben vom DAV. Prestel Verlag, München 2019, € 39.- www.randomhouse.de

Jubiläumstourenbuch. Die 150 schönsten Touren zwischen Harz und Hohen Tauern. Herausgegeben vom Deutscher Alpenverein. Rother Selection 2019, € 19.90. www.rother.de

„Die Berge und wir. 150 Jahre Deutscher Alpenverein“: Diese Ausstellung zeigt das Alpine Museum in München vom 12. Mai bis 13. September 2020. Mit Expertengesprächen, Führungen und Ferienworkshops. www.alpines-museum.de

Alpine Journal & alpine Events

Es gibt viel zu tun in nächster Zeit: lesen, zuhören, anschauen, essen, trinken. Und bergsteigen, das auch natürlich. Im Zentrum der Aktivitäten: London und Bern.

1. Mai 2019

„This year, on page 143, we publish the powerful, and to me unanswerable, argument that human activity is driving current climate change. Quite what John Muir would have made of Donald Trump and his decision to withdraw the US from the Paris climate agreement can only be guessed at. It’s hard to imagine Trump bedding down for the night beside a campfire.“

Tatsächlich: Das kann man sich nur ganz schwer vorstellen, dass der heutige Präsident der USA mit einem Natur- und Umweltschützer an einem Lagerfeuer hocken und zelten würde, wie dies sein Vorgänger Theodore Roosewelt 1903 mit John Muir im Yosemite Valley tat. In der Folge ordnete der damalige Präsident an, dass das Tal zum Nationalpark aufgewertet wurde. Den präsidialen Vergleich zog Ed Douglas im Vorwort zu dem von ihm herausgegebenen „Alpine Journal“ von 2017. Im Untertitel heisst das älteste und berühmteste Bergsteigerjahrbuch der Welt unverändert: „A record of mountain adventure and scientific observation“. Sport und Wissenschaft in den Bergen also. Nun liegen die Bände 121 und 122 der Publikation des 1857 in London gegründeten Alpine Club vor mir auf dem Pult, und immer wieder macht es Freude, darin zu blättern und zu lesen.

Ein paar Highlights aus dem Jahr 2017:
 „Lost in China“: Die haarsträubende Erstdurchsteigung der Südostwand von Kyzyl Asker (5842 m); beim dritten Anlauf im September 2016 schaffte es die deutsche Extremalpinistin Ines Papert mit ihrem slowenischen Seilgefährten Luka Lindič.
 „On Skis in the Ak-shirak“: Es muss ja nicht immer das Gantrisch-Gebiet sein, um stotzige Abfahrten zu machen. Das Ak-shirak-Massiv im zentralen Tien Shan böte sich als Alternative an; allerdings muss dann von Skiberg zu Skiberg ein Schlitten gezogen werden…
 „The Response of Glaciers to Climate Change“: Das ist genau der oben erwähnte Artikel auf Seite 143. Trump wird ihn nicht gelesen haben, im Gegensatz zu den Leuten der Gletscherinitiative.
 „The First Ascent of the Barre des Écrins“: Höchstwahrscheinich die richtige Antwort auf die schwierige Frage, wer nun zuerst zuoberst auf dem südlichsten Viertausender der Alpen stand: der Engländer Edward Whymper und seine Führer – oder französische Vermessungsoffiziere und ihre Gehilfen.

Und aus dem Jahr 2018:
 „The Spectre: An Antarctic Diary“: Mit dem Schlitten und Segel zu einem Granitzacken in der Antarktis gleiten – eiskalte Abenteuer am einen Ende der Welt.
 „Aiguille du Jardin“: Dass es aber noch gleich um die Ecke Neuland zu entdecken gibt, erst noch im eigentlich doch schon übererschlossenen Montblanc-Massiv, schildert Ben Tibbetts.
 „The Mountain Landscapes of Ferdinand Hodler“: Wunderbar, dass DER Schweizer Bergmaler einen farbigen Auftritt in diesem Jahrbuch erhält.
 „All By Themselves“: Die spannende Geschichte, wie der Alpine Club das führerlose Bergsteigen im 19. Jahrhundert gebremst und manchmal auch gefördert hat.

Und wie immer in „The Alpine Journal“: Buchbesprechungen, Nachrufe, die Rubrik „One Hundred Years Ago“. Sowie die umfassende Berichterstattung über neue Touren und Gipfel auf der ganzen Welt. Richtig: auch neue Gipfel! Solche, von denen man wohl noch nie etwas gehört hat. Zum Beispiel Nyel Japo (6150 m) im Tibet: Oh my God, sieht dieser Zahn steil und unzugänglich aus, ein Matterhorn hoch zwei. Ob dort oben schon jemand gezeltet hat?

Und dann steigen wir ab: ins Alpine Museum der Schweiz in Bern, wo in nächster Zeit alpine Events noch dichter beieinander liegen als Mixed-Kletterrouten in schottischen Wänden.
Crystallization. So heisst das neue SAC-Kulturprojekt für alle Sinne. Der Startschuss fällt am 4. Mai um 16 Uhr mit einer Tour d’Horzion. Mit dabei sind verschiedenen Persönlichkeiten, die sich mit dem alpinen Raum in irgendeiner Art und Weise beschäftigen – vom kulturellen, physischem bis hin zum musikalischen Umgang. Der Journalist Jürg Steiner moderiert den ersten «Salon Alpin» mit dem Titel: «Vergesst die Alpen, wir haben jetzt Tunnel. Die Alpen – ein Stachel in der mobilen Gesellschaft?» Eine Gesprächsrunde mit Bergführerin Carla Jaggi, Stadtwanderer Benedikt Loderer und Jon Pult, Präsident Alpen-Initiative. Ab 19 Uhr dann eine ganz besondere Tavolata mit Dominik Flammer, Autor von «Das kulinarische Erbe der Alpen». Würste sind die Stars des Abends, begleitet von auserwählten Kartoffelsorten und vielem mehr, zum Beispiel Gipfelwein.
Live Painting. Im Rahmen des Design Festivals Bern vom 4. und 5. Mai gestalten fünf Illustratorinnen und Grafiker in einer Live-Performance die Wände des wandelbaren Teils der Ausstellung «Schöne Berge» ganz neu.
Gletscherarchäologie. Die Alpengletscher schmelzen – und bringen archäologisch interessante Objekte zum Vorschein, die während Jahrzehnten, Jahrhunderten oder Jahrtausenden im Eis lagerten. Denn schon seit der Urgeschichte hinterlassen Menschen Spuren in hochalpinen Gegenden. Der kulturhistorische Wert solcher Funde ist bedeutsam. Sie erzählen Geschichten aus der Vergangenheit und tragen bei zur Klärung von Forschungsfragen. 6. Mai 2019: 9.15 bis 18 Uhr die Tagung der swiss academies of arts and sciences; um 18.30 Uhr dann die öffentliche Abendveranstaltung.
Berge erzählen. Ein Lesespaziergang mit Walter Däpp durch die Ausstellung „Schöne Berge“. Der Berner Autor und Alpinist philosophiert über das Edelweiss, erzählt, wie sich eine Bergwanderung anfühlt, und sinniert über den überbordenden Werbeklamauk in den Alpen. Er erfreut sich am Flug einer Bergdohle und schmunzelt über gurgelnde Bachnamen. 8. Mai um 20 Uhr.

The Alpine Journal, 2017 and 2018. Volumes 121 and 122. Edited by Ed Douglas. The Alpine Club, London 2017 and 2018, £ 26.- each. Erhältlich in der alpinen Buchhandlung Piz Buch & Berg in Zürich, www.pizbube.ch.

Alpines Museum der Schweiz, Bern:
Samstag, 4. Mai, 16 Uhr: Crystallization. Infos unter www.sac-cas.ch/crystallization; Platzreservierung unter cry@sac-cas.ch. Tickets für die Tavolata auf der gleichen Website.
Samstag, 4. Mai, und Sonntag, 5. Mai, je von 10 bis 17 Uhr: Live Painting in der Ausstellung „Schöne Berge.“
Montag, 6. Mai, 18.30 Uhr: Gletscherarchäologie, öffentliche Abendveranstaltung. Für die ganztägige Tagung sind noch wenige Pätze frei, Anmeldung unter www.sagw.ch
Mittwoch, 8. Mai, 20 Uhr: Berge erzählen mit Wale Däpp. www.alpinesmuseum.ch

Unglaubliche Bergwunder

Zum heutigen Welttag des Buches zwei besondere Bücher, darin sich noch andere Publikationen verstecken.

23. April 2019

„Wie hoch die Berg seyen?“

Das ist die 97. von 189 Fragen. Die 99. lautet so: „Ob die Gipfel der Bergen beständig mit Schnee bedeckt?“ Bleiben wir noch grad in der Höhe: „Zu was vor Nutzen in den Hauβhaltungen oder Arzney man könne sich des Gletschers bedienen?“ (Frage 35). Es geht aber in diesem berühmten Fragebogen von 1699 eben nicht nur um Berge, sondern auch um die Menschen, die dort leben: „Was für Instrument gebrauchen die Einwohner der Alpen zur Erleichterung des Auf- und Abstieges über die Gebirg und Felsen?“ (Frage 45). Frage 122 betrifft vor allem die weibliche Bergbevölkerung: „Ob es auch Weiber gebe, so über 2 und 3 Kinder auf einmahl oder 20 und 30 ihr Lebtag gebohren?“

Was für Fragen! Autor der Fragebogens zur „Erforschung natürlicher Wunderen, so sich im Schweitzer-Land befinden“, ist der Zürcher Stadtarzt und Naturforscher Johann Jakob Scheuchzer (1672–1733). Er wollte von seinen Gewährsleuten, denen er die Fragen stellte, viel wissen, von der Beschaffenheit der Schneekristalle über das Wildtierfleisch und die Milchwirtschaft bis zu geografischen, geologischen und gynäkologischen Aspekten. Zu finden ist der Fragebogen von 1699 inklusive Einladungsbrief in dieser Publikation: „Unglaubliche Bergwunder“. Johann Jakob Scheuchzer und Graubünden. Ausgewählte Briefe 1899–1707. Einer der Briefschreiber war der Bündner Pfarrer Johannes Leonhardi, der 31 der 189 Fragen kommentierte, so beispielsweise diese zu den Murmeltieren: „ihr fleisch und schmehr oder fete auch gar gesund, und den Schwangeren weiberen, die geburth zu facilitiren.“ Scheuchzer selbst bereiste mehrere Male die „unglaublichen bergwunderer des pundterlandts“.

Die Antworten auf die 189 Fragen flossen dann auch in die Werke von Scheuchzer ein, so in seine dreibändige „Helvetiae Historia Naturalis oder Natur-Historie des Schweitzerlandes“ (1716 – 1718). Im Band zur „Hydrographia Helvetiae“ lesen wir folgendes: „Das Gurnigel-Bad. Ligt 6. Stund von Bern, auf einem Berg, ist sauerlechten Vitriolischen Geschmacks, wird deβwegen nicht nur gebadet, sondern auch getrunken, und nacher Bern abgeführt, thut gute Dienste dem schwachen Magen, in der Gliedersucht, und anderen dergleichen Krankheiten.“ Sollte es vielleicht „gern abgeführt“ heissen? Wie auch immer: Mehr zu diesem einst weltberühmten Ort im prächtigen Bildband „Gurnigelbad. Die Stadt im Walde.“ Autor Christian Raaflaub weiss alles zum ehemals grössten Hotel der Schweiz, kennt die Schriften, Fotos, Prospekte und Menukarten, hat Anfänge, Blütezeit und Niedergang auf gut 330 Seiten dokumentiert. Das waren noch Zeiten, als es direkte Eisenbahnwaggons von Calais bis Thurnen im Gürbetal gab, von wo es dann per Kutsche ins Heilbad mit seinen 700 Zimmern ging. Zu finden sind im Bildband auch Zitate aus dem 1883 publizierten Buch „Briefe vom Gurnigel nebst praktischen Notizen in deutscher und französischer Sprache“ von Albert Schüler:

„Welch bunte Völkermenge,
Welch Gewoge und Gedränge
Auf Gurnigels Höhe hier!“

„Unglaubliche Bergwunder“. Johann Jakob Scheuchzer und Graubünden. Ausgewählte Briefe 1899–1707. Herausgegeben von Simona Boscani Leoni unter Mitarbeit von Jon Mathieu und Bärbel Schnegg. Institut für Kulturforschung Graubünden, Reihe cultura alpina, Band 9. Verlag Bündner Monatsblatt, Chur 2019, Fr. 32.-

Christian Raaflaub: Gurnigelbad. Die Stadt im Walde. Weber Verlag, Thun 2018, Fr. 49.-

Wander- und Kletterlust, auch für Frauen

Frauen am Berg: zu sehen in einem Katalog zu einer alten Ausstellung – und in einem ganz neuen Film.

15. April 2019

„Für uns Frauen ist nicht der Berg selbst das Schwierige, sondern was sich um ihn herum baut und sich gegen uns stellt.“

So erinnerte sich Cenzi Sild, geborene von Ficker (1878–1956), mit siebzig Jahren. Sie gehörte zu ihrer Zeit zu den besten Bergsteigerinnen Österreichs, trat mit 20 Jahren dem Österreichischen Alpenklub (ÖAK) bei und nahm 1903 an einer Expedition in den Kaukasus teil, wobei sie auch am Versuch der ersten Besteigung des Uschba-Südgipfels (4737 m) beteiligt war, der damals als schwerster Berg der Welt galt. Das imponierte dem Fürst von Swanetien so sehr, dass er ihr darauf die Uschba schenkte. Fortan galt Cenzi von Ficker als das Uschba-Mädel. Auch nach der Heirat mit Hannes Sild und der Geburt von drei Söhnen ging sie weiter bergsteigen. 1937 ernannte der ÖAK Cenzi Sild zum ersten weiblichen Ehrenmitglied. Umso bemerkenswerter also ihr oben zitierter Satz. Ich fand ihn im Kapitel „Spaziersucht, Lustwandel und Bergdrang. Bilder von Frauen unterwegs“ im grossartigen und grossformatigen Bildband „Wanderlust. Von Caspar David Friedrich bis Auguste Renoir“.

Dieses knapp 300 Seiten schwere Buch erschien zur gleichnamigen Ausstellung in der Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin, die dort im letzten Jahr zu sehen war. Auch wenn man nun Friedrichs „Wanderer über dem Nebelmeer“ von 1817 nicht mehr hängend neben dem fast gleichzeitig gemalten „Wanderer auf Bergeshöh“ von Carl Gustav Carus sehen kann, so sind die beiden Wanderer nun in diesem Katalog zu finden, zusammen mit 123 anderen Werken, die ausgestellt waren. Und mit zahlreichen anderen Abbildungen, welche die acht Aufsätze illustrieren. Es lohnt sich schwer, diese zu lesen und die Bilder zu betrachten – eine sehr kunstsinnige Wanderreise durch zwei Jahrhunderte, von Caspar Wolf bis Ernst Ludwig Kirchner und weiter bis Francis Bacon.

Nicht verpassen wird man dabei das 1912 geschaffene, 200 auf 170 Zentimeter messende Gemälde „En bjergbestigerske“ des Dänen Jens Ferdinand Willumsen, das auch die Rückseite des Kataloges verschönert. „Die monumentalste Darstellung einer einzelnen, unbegleiteten Frau als Alpinistin“, heisst es in der Legende. „Ihr ins Sonnenlicht gerichteter Blick symbolisierte für viele Betrachter die Hoffnung, Frauen nicht nur im Sport den Männern als gleichbehandelt zu sehen. In Dänemark erfüllte sich ein Teil dieser Erwartungen, als das Land als eines der ersten 1915 das allgemeine Frauenwahlrecht einführte.“

Erst seit 1980 sind die Frauen im Schweizer Alpen-Club mit dabei, und bis heute ist die Luft für ambitionierte Schweizer Bergsteigerinnen dünn. Davon handelt „Frauen am Berg“, der neue Film von Caroline Fink. Ein Film über Alpinismus – und über Mut, Wut und Gipfelglück. Die TV-Première ist am Gründonnerstag, 18. April 2019, um 20.05 Uhr auf SRF1 im Sendeformat DOK. Danach wird er rund eine Woche online auf srf.ch zu sehen sein. Die Kinopremière ist am Mittwoch, 1. Mai 2019, um 19.00 Uhr im Kino Passerelle in Wattwil SG. Die drei im Film porträtierten Bergführerinnen Ariane Stäubli, Nadja Roth und Annina Reber unterschrieben wohl sofort, was das Bergsteigen für Cenzi Sild-von Ficker war: „Sich allein aus all der Stubenhockerei heraus einen Weg ins Freie zu bahnen“.

Gabriel Montua, Birgit Verwiebe (Hrsg.): Wanderlust. Von Caspar David Friedrich bis Auguste Renoir. Hirmer Verlag, München 2018, € 40.-

Frauen am Berg. Ein Film von Caroline Fink. SRF 1, 18. April 2019, 20.05 Uhr.

Finale ohne Ende

Vier Wochen Finale – klettern und wandern durch ein Museum unseres Lebens.

13. April 2019

Müsste ich für meine Kletterleidenschaft ein Synonym finden, dann lautete es: Finale! Damit meine ich nicht das klettersportliche Finale, das sich in meinem Alter allmählich abzeichnet. Ich meine das Klettergebiet um Finale Ligure.

Vor 45 Jahren kamen wir zum ersten Mal in die Gegend. Wir besuchten einen Bildhauer, der in einem Steinbruch unterhalb der Wand der Pianarella arbeitete, doch an Klettern dachten wir damals noch nicht. 1972 hatten die Brüder Eugenio und Gianluigi Vaccari aus Genua eine erste Route durch die senkrechte gelbe und graue Kalkwand mit ihren Höhlen und Überhängen gefunden – eine der ersten im Finalese überhaupt. Zehn Jahre nach unserem ersten Besuch konnte ich die ausgesetzte Mehrseillängentour klettern, es war der Beginn einer grossen Leidenschaft. Finale habe ich seither fast jedes Jahr einmal oder zweimal besucht für ein paar Klettertage mit Freunden oder mit meiner Frau Christa. Diesen Frühling für vier Wochen: Fels, Meer, Italianità, eine Landschaft der Erinnerungen – wir wandern und klettern durch ein Museum unseres Lebens.

Routen wie Kunstwerke

Wir klettern am «Tempio del Vento», hoch über dem stillen Tal des Rian Cornei. Rauer grauer Kalk, feingriffige Routen und die Erinnerung an eine dramatische Rettungsaktion am Neujahrstag 1992, die sich bis in die Nacht hineinzog. Ein junger Deutscher war abgestürzt, lag schwer verletzt am Fuss der Wand, Sicherungsfehler seines Partners. Für die Rettung zuständig war die Feuerwehr von Savona, der chaotische Verlauf der Aktion fand nach Jahren Eingang in meinen Roman «Finale» (Limmat Verlag, 2010). Das damalige Opfer lernten wir durch das Buch noch kennen, als Vater einer begeisterten Kletterfamilie im Berner Oberland.

An der Falesia del Silenzio haben wir zuvor, wie schon viele Male, «Golden Lady» geklettert, eine Route über einen steilen Pfeiler, so ideal und harmonisch angelegt, dass ich sie als Kunstwerk bezeichne. Eine begehbare Skulptur, senkrecht, gelber Fels mit grossen Lochgriffen, die oft etwas weit auseinander liegen. Zum Abschluss eine Finale-Delikatesse, eine graue abschüssige Platte mit mikroskopischen Griffen, denen und der Haftreibung der Kletterfinken zu vertrauen, hoch über dem Haken, ziemlich Mut erfordert. Der Lokalmatador Marco Tomassini wertet in seinem neuen Kletterführer das alte 6b+ auf ein 6c auf – das macht den Veteranen schon ein bisschen stolz.

Marco treffen wir im Saleva Mountain Shop an der Piazza Garibaldi in Finalborgo – dem Epizentrum der Kletterszene. Im Borgo gibt es mittlerweile etwa 5 oder 6 Kletterläden. Wovon sie alle existieren können, bleibt rätselhaft, denn so gross ist der Markt nun auch wieder nicht. Die Preise sind nicht mehr so günstig wie einst, als es nur den Rockstore von Elisabetta Belmonte und Andrea Gallo gab, der eher vom pionierhaften Nimbus lebt als von Professionaltät. Marco freut sich uns zu sehen, er ist ein freundlicher Mensch, unermüdlicher Erschliesser und -sanierer von mittlerweile 600 Routen, eloquenter Schriftsteller und Autor eines Kletterführers, der in der neuesten Ausgabe über 800 Seiten umfasst. Nebst Routenbeschreibungen enthält die Bibel des Finalekletterns auch Porträts grosser Kletterpioniere wie Gianni Calcagno, Alessandro Grillo, Andrea Gallo. Marco klagt ein bisschen in Deutsch, das er fleissig lernt, über den finanziellen Aufwand des Routensanierens – 50 Euro pro Route im Schnitt, Sponsoren finde er nur noch schwer. Gelegentlich hat die Gemeindeverwaltung von Finale Ligure etwas zugeschossen.

Schlüsselmomente im Kletterleben

Eines Nachmittags wollen wir am Monte Cucco klettern, der grossen klassischen Felsstruktur, wo wir früher auch bei Regen unter den grossen Überhängen des Anfiteatro trockenen Fels suchten. Die einstige Müllhalde am Wandfuss ist geräumt, ein kleiner Campinplatz eingerichtet. Unsere alten Traumrouten schauen wir nur noch von unten an, «Cocconut», «Ultima Via», «Stravolgimento Progressivo». Und «Oggi in Stereo» ist, wie eine Notiz am Einstieg warnt, besetzt von einem brütenden Wanderfalken. Wir bedauern und sind doch ein bisschen erleichtert, denn der erste Haken steckt bei dieser Route gefährlich hoch und ist nicht gerade einfach anzuklettern. Nebenan finden wir noch genügend schönes Klettergelände in der Abendsonne, der nette Falke, den wir seit Jahren kennen, lässt sich nicht gross stören, selbst durch einen fliegenden Menschen nicht …

Wehmütig auch der Blick zur Rocca di Corno, die wir auf einer Wanderung umrunden. Die Route mit dem schlichten Namen «Ten» gehört zu den Marksteinen meiner Kletterbiografie. Einst scheiterte ich an den harten Zügen über den kleinen Überhang und an meiner Angst vor dem folgenden Runout. Träumte jahrelang von der Route, bis ich eines Tages am Einstieg stand, die Wand lag im milden Licht eines späten Nachmittags, und ich wusste: jetzt schaffe ich sie. Nach sechs Jahren träumen durfte ich den Exploit als on-sight notieren. Ein flüchtiger Moment des Glücks. Auf unserer Wanderung kommen wir nahe am Einstieg vorbei, vielleicht, ja, vielleicht werde ich es nochmals versuchen. Irgendwann. Sicher jedenfalls im Traum.

Überrollt von Bikern

Finale und vor allem auch Finalborgo haben sich stark verändert in all den Jahren. Restaurants, Bars, schicke Boutiquen und Sportläden sind aufgegangen, Fassaden sind renoviert. Anderes ist verschwunden, die Bar Helvetia mit den feinen Pasticcini, das traditionsreiche Werk der Piaggio, «Simbolo dell’eccellenza tecnologica della Liguria» in Finale Marina ist eine Industriebrache mit ungewisser Zukunft. Auch die Bar Centrale in Finalborgo hat sich verändert, einst der Treffpunkt der Kletterszene, ist schicker geworden. Man hängt nicht mehr am Tresen herum, sondern wird bedient, auch auf der Piazza. Seit den Sechzigerjahren führt sie die Familie Grosso, und noch oft steht die niemals alternden und immer herzliche Signora Renata an der Kaffeemaschine.

Irgendwann hörte ich den Padrone des Hotels Florenz, Lorenzo Carlini, mit dem Kletterpionier Andrea Gallo über Biken diskutieren. Wir nahmen das nicht so ernst, Finale heisst klettern, nicht velofahren, dachten wir. Inzwischen haben die Biker die Kletterer sozusagen aus dem Stadtbild verdrängt. Wie Ritter gerüstet mit Helm und Panzer schieben die Downhiller abends ihre total verdreckten High-Tech-Gefährte über die Piazza. Bike-Shuttles fahren sie morgens auf die Höhen für den Tausend-Meter-Flow auf Downhillpisten. Familien schwärmen mit Oma, Opa, Kind und Kegel auf blitzblanken Bikes durch die Gegend. Obwohl Finale noch immer ein grosses Kletterparadies ist, sind wir Scalatori eine Minderheit geworden. Kein so bedeutender Wirtschaftsfaktor wie der Bikesport. Fast jedes Hotel am Ort nennt sich Bikehotel, und in die Ferienresidenz Sul Borgo, wo wir einen Monat wohnen, beherbergt auch das Schweizer Cross-Country-Weltcupteam. Fünf Fahrer, zwei Mechaniker, zwei Servicewagen. Finale Ligure nennt sich heute «Capitale dell’Outdoor».

Von Hardcore bis familienfreundlich

Wir kommen aneinander vorbei. Selbst auf den vielen Wanderwegen im Finalese stören uns weniger die Biker als die Spuren, die sie hinterlassen. Stark ausgefahrene Pisten, beträchtliche Erosion. Wir wollen die Umweltbelastung durch die verschiedenen Sportarten nicht gegeneinander aufrechnen. Auch die Erschliessung der letzten noch unberührten Felsen für den Klettersport ist ein Eingriff in die Umwelt. Mittlerweile gibt es um 3000 Routen in 180 Sektoren – in den Boomzeiten im Frühling und Herbst ist es oft schwierig, einen Parkplatz für den gewünschten Sektor zu finden. Denn auch im Finalese ist, wie leider in vielen andern Gebieten, das Auto der wichtigste Teil der Ausrüstung.

Nicht alle der neu erschlossenen Sektoren sind wirklich lohnend, wie wir feststellen. Doch sind in neuerer Zeit auch «familienfreundliche» entstanden wie die «Falesia del Gorilla» im Valle Aquila oder die «Tre Porcellini» an der Rocca di Perti. Interessante Linien auch unter dem Grad 6a und enge Abstände der sicheren Klebehaken. Nicht nur die Kleinen, auch uns Oldies freut das. Die Zeiten, in denen Finale als Hardcoregebiet mit harten Bewertungen galt, sind damit auch vorbei. Wir weinen ihnen nicht nach – oder dann höchstens mit einem Auge.

Er ging voraus nach Lhasa

Endlich die grosse Biografie des in Kitzbühel geborenen Entdeckers, Alpinisten, Kartografen und Entwicklungshelfers Peter Aufschnaiter.

11. April 2019

„Wenn ich jetzt höre, dass er [Heinrich Harrer] ein Buch herausbringt, ohne mich mit einer Zeile davon zu verständigen, so überrascht mich das nicht. Fixigkeit und vollkommene Skrupellosigkeit sind seine Stärke. Ich weiβ, dass es bei früheren Reiseberichten vorgekommen ist, dass zwei Teilnehmer je ein Buch schrieben. In diesem Falle ist es anders, seit Jahren ist das Publikum in verschiedenen Ländern darauf vorbereitet, und was immer für ein Buch als erstes herauskommt, so wird dieses Absatz finden und keine weitere Variante zu dem Thema mehr.“

Wie wahr, was da Peter Aufschnaiter am 6. Mai 1952 an Paul Bauer geschrieben hat! 1952 kam Heinrich Harrers Buch „Sieben Jahre in Tibet – Mein Leben am Hof des Dalai Lama“ heraus. Es beschreibt die Flucht Harrers und seines Begleiters Aufschnaiter aus einem britischen Internierungslager in Indien im Jahre 1944 nach Tibet, den Aufenthalt in der Hauptstadt Lhasa und die tibetische Kultur vor dem Einmarsch der Volksbefreiungsarmee in Tibet im Jahr 1950. „Sieben Jahre in Tibet“ wurde in 53 Sprachen übersetzt. Gegen diesen Welterfolg und so weltberühmten Verfasser hatte Peter Aufschnaiter (1899–1973) keine Chance. Aber nun ist seine Biografie erschienen: „Er ging voraus nach Lhasa“, verfasst von Nicholas Mailänder unter Mitarbeit von Otto Kompatscher.

Wovon Heinrich Harrer in seinen „Sieben Jahre in Tibet“ erzählt, hat ein anderer noch viel intensiver erlebt: Der Kopf und die treibende Kraft hinter diesem aufsehenerregenden Abenteuer war eigentlich sein Kompagnon Peter Aufschnaiter – ein Tibetkenner, der auch sein restliches Leben dem Studium, der Entwicklungshilfe und seiner Liebe zu Tibet und Nepal und den dortigen Menschen widmete. Höchste Zeit also, dass auch er zu Wort kommt. Aufschnaiter hat viel geschrieben über seine Reisen, seine Arbeit und Studien als Entdecker, Bergsteiger, Kartograf und Entwicklungshelfer; daraus wird fleissig zitiert in der gut 400seitigen Biografie. Aber auch Passagen aus seinen Briefen werden wiedergegeben, oft an seinen Freund und ehemaligen Vorgesetzten Paul Bauer, eine „zentrale Figur des nationalsozialistischen Sportwesens“ (Wikipedia). Er hatte Aufschnaiter 1936 mit der Geschäftsführung der neu gegründeten Deutschen Himalaja Stiftung bedacht. Mit Verwunderung nimmt man zur Kenntnis, dass im Briefwechsel zwischen den beiden nach 1945 die Verbrechen des Naziregimes nicht zu Wort kommen; freilich nicht bei Bauer, der zeitlebens ein Nazi blieb, als bei Aufschnaiter, der sich bei seinen Einsätzen in Indien, Nepal und Tibet engagiert für die Menschen einsetzte.

Vom 11. Mai bis 21. Juni 1954 bereiste Peter Aufschnaiter das nahe der tibetischen Grenze gelegene, noch weitgehend unerforschte Tsum-Tal. Seiner Mutter schrieb er: „Ich war von Kathmandu aus 42 Tage unterwegs, mit nur zwei Rasttagen, dabei habe ich auch mehrere Berge bestiegen, aber keine hohen.“ Und: „Das Haus, in dem ich früher in Kathmandu fast ein Jahr hindurch so nett wohnte, war tatsächlich für mich reserviert geblieben. Die dort hinterlassenen Sachen waren unversehrt, und ich habe sie dann nach Delhi gebracht.“

Das Nachwort zur Biografie von Peter Aufschnaiter schrieb Martina Wernsdörfer, Kuratorin am Völkerkundemuseum der Universität Zürich. Im VMZ wird seit 1976 der grösste Teil des ethnografischen Erbes von Aufschnaiter bewahrt. Und dort wird bis im Herbst 2019 diese Ausstellung gezeigt: „Karte – Spur – Begegnung. Die Tibet-Sammlungen von Heinrich Harrer und Peter Aufschnaiter“. Warum aber kommt da Harrer vor Aufschnaiter? Denn letzterer ging ja voraus nach Lhasa.

Nicholas Mailänder, unter Mitarbeit von Otto Kompatscher: Er ging voraus nach Lhasa. Peter Aufschnaiter. Die Biographie. Tyrolia-Verlag, Innsbruck 2019; € 30.-

Karte – Spur – Begegnung. Die Tibet-Sammlungen von Heinrich Harrer und Peter Aufschnaiter. Ausstellung im Völkerkundemuseum Zürich (bis 8. September 2019); www.musethno.uzh.ch/de/ausstellungen/Karte–Spur–Begegnung.html

Kletterführer Neuenburg, Waadt Nord und Biel

Zwei neue Kletter- und Boulderführer für den Jurabogen zwischen Saint-Cergue und Biel-Bienne. Lacez les chaussons, mes amis!

3. April 2019

„Der Neuenburger Kletterführer ist da! Nun liegt also dieses lang erwartete, gefürchtete, sehnlich erwünschte (oder auch nicht…) Werk vor uns.“

So leitet Ali Chevalier, einer der fünf MitautorInnen, sein Begleitwort zum druckfrischen, zweisprachigen (F/D) Kletterführer „Neuenburg und Waadt Nord“ ein. Tatsächlich: Der bisherige Guide d’escalade des Schweizer Alpen-Clubs für den Kanton Neuenburg stammt aus dem Jahre 1980. Es ist Band 1 der legendären drei Bände „Escalades dans le Jura“ von Maurice Brandt. In den vergangenen 39 Jahren allerdings hat sich das Klettern auch zwischen Doubs und Neuenburgersee zum Breitensport entwickelt; unzählige neue Gebiete und Routen wurden eröffnet und eingerichtet, andere gerieten in Vergessenheit oder Verbotszonen. Da wurde es schon langsam Zeit, auch den Nichtneuenburgern zu zeigen (und vielleicht zu verraten), wo es in ihrem Kanton wunderbare Felsen zum Klettern gibt. Und es gibt sie, mon Dieu, mehr als genug, für Gross und Klein, für Ausnahmekönner und Debütanten. Im Val de Travers mit der Burgunderplatte und dem Eselsrücken, im Hochland von Le Locle und La Chaux-de-Fonds mit der Katzengruft und der kleinen Schlucht, links und rechts der Hauptstadt mit Les Lans, dem „sanctuaire de l’escalade libre neuchâteloise“.

23 Gebiete im Kanton NE stellt der neue Führer vor, dazu noch acht Gebiete im Waadtländer Jura (darunter Saint-Loup, wo sich die weltbesten Kletterinnen und Kletterer ihr Stelldichein bzw. ihr Angriffchenhängen geben). Mit dabei im 288seitigen, schön illustrierten Führer sind auch vier Bouldergebiete unweit Neuchâtel, so der Pierre-à-Bot, der grösste Findling des Jurabogens. Diesen riesigen Felsblock aus dem Mont-Blanc-Massiv hat der Rhonegletscher vor rund 10000 Jahren so geschickt liegengelassen, dass er einer Kröte gleicht, die ihren Kopf aus dem Waldboden hervorzustrecken scheint.

Und wenn wir schon grad am Klettern in Absprunghöhe an Felsblöcken des Jura sind: Der neue Boulderführer Biel-Bienne enthält 12 Gebiete mit rund 600 „Problemen“ in allen Graden nördlich des Bielersees und seiner Stadt. In La Neuveville hart an der Grenze zum Canton de Neuchâtel warten die Blöcke von Les Cibles mit folgenden Routennamen auf: Suisse, France, Angleterre, Albanie oder Moldavie, insgesamt 48 europäische Länder. Warum also in die Ferne schweifen, wenn Festes in der Nähe wartet: ganz sicher leicht erreichbar – erkletterbar hoffentlich auch.

Lacez les chaussons, mes amis!

Christophe Mironneau, Céline Stern, Pierre-Denis Perrin, Ali Chevallier, Christophe Girardin: Neuchâtel et Nord vaudois/Neuenburg und Waadt Nord. Nord vaudois / Val-de-Travers / Boudry et Rochefort / La Chaux-de-Fonds et Le Locle / Neuchâtel et Val-de-Ruz. Guide d’escalade/Kletterführer. SAC-Verlag, Bern 2019, Fr. 59.- (für Mitglieder 49.-).

Quintin Blanchard, Carine Devaud Girardin, Christophe Girardin: Biel–Bienne Boulder. Edition Filidor, Reichenbach 2018, Fr. 30.-

Die Vernissage des Kletterführers Neuenburg und Waadt Nord findet statt am Freitag, 5. April 2019, in der Kletterhalle Asenaline an der Avenue Édouard Dubois 34 in Neuchâtel: 19 Uhr Apéro mit Vins de la Béroche, 19.30 Uhr Vorstellung des Führers, 20 Uhr Beppe Pizza und Klettern (die Finken nicht vergessen!); www.asenaline.ch