Im Süden schön!

Tessin, Land der Bücher, Blumen und Baumeister. Eine Entdeckungsreise.

27. September 2022

«Möge dieses Buch all jenen eine Hilfe sein, die erstmals, wieder einmal oder mal so richtig die Region zwischen Gotthard und Chiasso zu Fuß entdecken möchten. Und auch jenen, die schon fast alles kennen. Eins ist sicher: Es gibt viel zu erleben. Selbst beim aberhundertsten Besuch.»

È vero! In beiderlei Hinsicht: Buch und Besuch. Es heisst „Tessiner Streifzüge. Wandern und entdecken zu jeder Jahreszeit“, stammt vom Ex-Tessiner und Wahl-Zürcher Marco Volken. Mit dem oben zitierten Absatz schliesst er sein Vorwort ab, das mit „Im Süden schön!“ überschrieben ist. Wie wahr! Und mit dem 311seitigen Führer von Marco wird er gleich noch ein bisschen schöner. Im Süden und im Norden. Also vor Ort und zu Hause. Letzteres deshalb, weil das Buch, neben dem Planen der Wanderungen ennet dem Gotthard und der Freude darauf, erstens auch ein Lesebuch ist. Zum Beispiel die vier Seiten über die Tessiner Berghütten: „Besser als tausend Hotelsterne“. Und zweitens, weil das Buch auch ein Bildband ist. So viele starke Tessinfotos habe ich noch nie gesehen; zugegeben, sie sind teils etwas klein, weil er ja im Rucksack Platz haben muss, der Führer. Mit mindestens einer Farbfoto pro Doppelseite, wohl eher mit zwei, mit 46 Wanderrouten, inkl. Varianten, mit 34 weiteren Vorschlägen, mit vertiefenden Texten zu Natur, Kultur und Geschichte, mit GPS-Daten zum Download. Kurz: einfach ein rundum schönes Buch. Es gehört ab sofort zum obligatorischen Gepäck bei einer Reise ins Tessin.

Es seien noch ein paar andere neue Bücher zum Ticino vorgestellt. Der neue Haupt-Wanderführer „Naturwanderungen im Tessin. Auf den Spuren der Biodiversität“ beschreibt 27 Wandertouren zwischen Lukmanier und Chiasso (davon 9 im Sottoceneri), immer in Naturlandschaften von nationaler Bedeutung. Das Schwergewicht des reich bebilderten Buches liegt darin, was man unterwegs sieht und sehen kann, also besondere Landschaftsformen, Fauna und Flora. Wobei es bestimmt einfacher ist, ein Steinbrech-Leimkraut zu entdecken als ein Steinhuhn oder einen Steinmarder… Im Anhang des 780 Gramm schweren Buches gibt es das alphabetische Artenverzeichnis von Abbisskraut (ist bei der Tour 19 in den Monti di Medeglia zu finden) bis Zwitscherschrecke (Tour 1). Etwas mager sind leider ein paar touristische Infos ausgefallen, so zu Seilbahnen und Berghütten. Natürlich findet man diese mit dem Smartphone, aber die Angaben von Links würden die Planung vereinfachen.

Die bestens bekannte Schweizer Schriftsteller Eveline Hasler lebt seit Jahren im Locarnese. In ihrem jüngsten Buch „Spaziergänge durch mein Tessin“ erzählt sie von eigenwilligen Bewohnern und Gästen dieser wohlbesuchten Landschaft und erkundet die von der Vielfalt Italiens und der Kargheit der Alpen beeinflusste Küche. Ihre Spaziergänge machen buchstäblich Appetit auf mehr: zahlreiche Originalrezepte regen zum Nachkochen an. Die 18 kulturellen und kulinarischen Touren führen in die Täler Centovalli, Onsernone, Maggia, Bavona, Verzasca, Leventina und vor allem auf die Hügel rund um Ascona und auf der gegenüberliegenden Seeseite. Wer genaue wandertouristische Angabe erwartet, wird nicht bedient. Muss es auch nicht werden; dafür gibt es genügend andere Publikationen sowie analoge und digitale Karten. Mit dem Buch bekommt man nicht nur Hunger auf Tessiner Spezialitäten, sondern auch auf literarische Werke, die Eveline Hasler erwähnt. Geschmückt ist ihr Buch mit 18 Schabkarton-Illustrationen von Hannes Binder, der ebenfalls im Tessin wohnt.

Die Collona „Sui sentieri dei padri“ stellt die Bergwelt des Tessins bis zur hintersten und obersten Alphütte bzw. ihrer Reste vor, inkl. Beschreibung, wie man dorthin kommt (oder auch kaum). Nun ist der achte Band erschienen, wieder von Giuseppe Brenna, dem wohl besten Kenner des alpinen Tessins. Auf dem Cover die halb eingefallene Steinhütte auf der Alpe Gülaresc (ca. 2150 m) in der Val Piumogna. Auf der Landeskarte hat die Alp keinen Namen; die Hütte, die sich von den umliegenden Steinen nicht gross unterscheidet, findet man hier: 2’699’581, 1’145’753. Was für ein bemerkens- und aufsuchenswerter Ort! Wie viele andere in diesem linken Seitental der Leventina, das vom Pizzo Campo Tencia (3071 m) beherrscht wird. Und in diesem Buch mit 174 Routen zu 290 Alpen, mit 34 Kartenausschnitten und 622 Farbfotos. Es heisst: „Alpi di Leventina e Val Bedretto. La Via dell’Alpigiano della Val Piumogna, il Sass di Nom in Val Gagnone, l’antica iscrizione dell’Alpe Mottascia, le eriscie di Cruina e altre storie.“

Aber jetzt noch kurz der Hinweis auf ein fünftes Tessinbuch. Es stammt von Omar Gisler: „Terra d’Artisti. Wie Tessiner Baumeister europäische Kunstgeschichte schrieben“. Einer dieser Meister war in den 1980er Jahren auf der 100-Schweizerfranken-Banknote dargestellt: Francesco Borromini. Aber es gab noch viele andere. Zum Beispiel Pietro Morettini (1660 – 1737). Er arbeitete als Festungsbaumeister in Besançon, Landau in der Pfalz, Namur und Bergen op Zoom, zeichnete die Befestigungspläne von Sursee, Rapperswil, Bremgarten und Baden und baute das Urnerloch bei Andermatt, den ersten Schweizer Verkehrstunnel. An ihn denken wir, wenn wir im Wandertenue sommers wie winters durch den kürzen oder längeren Gotthardtunnel richtig Chiasso reisen.

Marco Volken: Tessiner Streifzüge. Wandern und entdecken zu jeder Jahreszeit. Rotpunktverlag, Zürich 2022. Fr. 39.-

Ivan Sasu, Eric Vimercati, Marcello Martinoni, Alma Sartoris: Naturwanderungen im Tessin. Auf den Spuren der Biodiversität. Haupt Verlag, Bern 2022. Fr. 39.-

Eveline Hasler: Spaziergänge durch mein Tessin. Landschaft, Kultur und Küche. Mit Zeichnungen von Hannes Binder. Nagel & Kimche, Zürich 2022. Fr. 30.90.

Giuseppe Brenna: Alpi di Leventina e Val Bedretto. Salvioni Edizioni, Bellinzona 2022, Fr. 40.-

Omar Gisler: Terra d’Artisti. Wie Tessiner Baumeister europäische Kunstgeschichte schrieben. Mit einem Vorwort von Marco Solari. AS Verlag, Zürich 2022. Fr. 42.80.

Auf Klimaspuren und Alpeneis – Albert Mountain Award

Der 1111. Eintrag auf bergliteratur.ch wärmt mit brandaktuellen Themen und Veranstaltungen.

19. September 2022

«Am 29. Juni [2021] war Klimaspuren im Alpinen Museum in Bern mit dabei am Gespräch „Die Alpen: Opfer und/oder Verursacher des Klimawandels?“ Über dem Podium hing das Bild „Aufstieg und Absturz“ von Ferdinand Hodler. Darunter diskutierten (v.l.n.r.) Benno Steiner und Françoise Jaquet, SAC, Dominik Siegrist, Klimaspuren, Katharina Conradin, CIPRA International, Jon Pult, Alpen-Initiative, und Jürg Schweizer, Institut für Schnee- und Lawinenforschung.»

Sozusagen prophetische Bildlegende im Kapitel „Bergsturz und Autoflut“ im Buch „Auf Klimaspuren. Eine Expedition von Ilanz nach Genf“. Denn am kommenden Freitag Nachmittag und Abend werden Katharina Conradin und Dominik Siegrist wieder unter Hodlers Monumentalgemälde im Alpinen Museum der Schweiz sitzen, diesmal jedoch in anderer Funktion. Er als Präsident der King Albert I Memorial Foundation, die zum 15. Mal den Albert Mountain Award überreicht. Sie als Moderatorin der Gesprächsrunde mit den vier neuen PreisträgerInnen. Sowohl Gesprächsrunde wie Feier sind öffentlich. Und, ein kleiner Rückblick zur Diskussionsrunde vom letzten Juni: Mit Jürg Schweizer war ein früherer Preisträger dabei; sein Institut erhielt 2020 den Albert Mountain Award.

Das angesprochene Bild mit der passenden Legende findet sich in einem Buch, das ich zur Lektüre und zum Anschauen wärmstens empfehlen kann, obwohl oder gerade weil es wieder kälter geworden ist und wahrscheinlich noch viel kälter werden wird, wenigstens drinnen. „Auf Klimaspuren“ dokumentiert auf 288 Seiten, mit 72 Beiträgen und 150 Fotos leicht lesbar und schwer fundiert den Stand der Klimapolitik in der Schweiz, erwandert und erforscht im Sommer 2021 auf einer öffentlichen Wanderung von Ilanz nach Genf mit 42 Etappen und 75 Ortsterminen. Das Buch ist, so heisst es zum Auftakt, „ein Expeditionsbericht zur Klimakrise in der Schweiz. Es folgt den Spuren, die der Klimawandel in der Gesellschaft und der Natur hinterlässt, es zeigt Spielräume und Befindlichkeiten auf und dokumentiert, wie sich Menschen und Institutionen gegen die Klimafolgen wappnen und wie sie sich engagieren, damit die Zukunft klimaverträglich werden kann.“ Am Schluss des Buches findet sich ein Glossar zum Thema Klima; zudem führt ein QR-Code zu den Quellen und zu weiterführender Literatur. Anders gesagt: Wer zum Klima informiert sein bzw. informieren will, muss „Auf Klimaspuren“ wandern.

Wer sehen will, wie die Gletscher heute aussehen, nimmt den Bildband „Alpeneis. Gletscher und Permafrost im Klimawandel“ von Bernhard Edmaier zu Hand. Etwa 4400 Gletscher gibt es in den Alpen – noch, denn das ewige Eis ist leider nicht so. Bis zum Ende unseres Jahrhunderts sollen laut Prognosen sogar vom grössten Alpengletscher, dem Aletschgletscher, nur noch wenige Eisfelder übrig sein. Eine fast unvorstellbare Vorstellung, leider aber wahr und unmissverständlich sichtbar. Die 185 Fotos, vor allem Luftaufnahmen, zeigen, welche Formenvielfalt dabei verloren geht, aber zugleich auch, was neu entsteht: farbige Seenlandschaften, vom Eis geschliffene Felsen oder wüstenhafte Schutthänge, von denen die Vegetation allmählich wieder Besitz ergreift. Zum Glück hat Edmaier ein paar Winterfotos in seinen Bildband hineingenommen, dann sieht es wenigstens noch etwas firnig aus. Die mächtige Nordostwand des Weisshorn ist einfach grandios – auf der Doppelseite 150/151; in Wirklichkeit wie in diesem Sommer, kurz erblickt auf der Fahrt nach Zermatt, eine graue Felsflanke mit ein paar Hängegletschern. Weiter vorne im Buch die Gegenüberstellung der berühmten Gletscherwelt von Bernina, Scerscen und Roseg im August 2003 und im Juli 2021. Himmeltraurig, trotz des gleich blauen Himmels. Von solchen Vergleichen wird auch am 23. September im Alpinen Museum in Bern die Rede sein.

Alle zwei Jahre verleiht die schweizerische King Albert I Memorial Foundation den internationalen Albert Mountain Award. Mit dem Preis werden Menschen und Institutionen ausgezeichnet, die sich für die Welt der Berge als Sportler, Forscherinnen oder Kulturschaffende besonders verdient gemacht haben. Die neuen PreisträgerInnen sind Bernd Arnold, deutscher Kletterpionier und ungekrönter König des Elbsandsteingebirges; Sofie Lenaerts, belgische Spitzenalpinistin und Entwicklungshelferin; Nam Nan-hee, südkoreanische Weitwanderin mit dem Ziel eines grenzüberschreitenden Friedenspfades; die deutsche Gesellschaft für ökologische Forschung, die mit ihrem Gletscherarchiv den Klimawandel im Hochgebirge zugleich dokumentiert und veranschaulicht.

Köbi Gantenbein, Dominik Siegrist, Zoe Stadler (Texte), Ralph Feiner, Jaromir Kreiliger (Fotografie), Sylvain Badan, Lucie Wiget (Mitarbeit): Auf Klimaspuren. Eine Expedition von Ilanz nach Genf. Edition Hochparterre, Zürich 2022, Fr. 49.-

Bernhard Edmaier (Fotos), Angelika Jung-Hüttl (Texte): Alpeneis. Gletscher und Permafrost im Klimawandel. Rother Verlag, München 2022, € 47,00.

Albert Mountain Award 2022. Gesprächsrunde und Preisverleihung im Alpinen Museum am Freitag, 23. September 2022. 14 bis 16 Uhr: die PreisträgerInnen im Gespräch (Moderation Katharina Conradin, ehemalige Präsidentin CIPRA International); 16 bis 17 Uhr: Apéro mit Spezialitäten aus den Ländern der Award Winners; 17.30 bis 18.30 Uhr: feierliche Übergabe des Albert Mountain Award. Anmeldung erwünscht: booking@alpinesmuseum.ch oder 031 350 04 42.

DDR-Kletterer im nordkoreanischen Diamant-Gebirge. Der letzte Höhepunkt der Ausstellung „Let’s Talk about Mountains. Eine filmische Annäherung an Nordkorea“ im Alpinen Museum in Bern; sie geht am Sonntag, 25. September 2022, zu Ende. 1984 eröffneten Bernd Arnold und Joachim Schindler, Mitglieder einer Kletterdelegation aus der DDR, in den Granitbergen von Nordkorea mehrere Kletterwege, darunter den «Weg des Dankes» oder die «Route der Freundschaft». Im Hodlersaal erzählen die beiden von herausfordernden Routen, falsch gepackten Koffern und einem aufsehenerregenden Nacktbad im Ostmeer. Mittwoch, 21. September 2022, 18.30 bis 20 Uhr.

Argentine – mon amour

An einem der besten Kletterberge der Schweiz wird gefeiert, unter anderem mit einem Buch der Brüder Remy.

2. September 2022

«L’Argentine hantait nos esprits. Nous en avions fait deux fois la traversée de l’arête en 1921, mais le Grand Miroir nous fascinait. Le samedi 27 mai 1922, nous sommes montés à pied, tous les trois, de Bex jusqu’à La Benjamine, où nous avons laissé les sacs. Puis grimpant les pentes du pâturage de Solalex, nous avons examiné en détail cette paroi. Nous avions choisi l’itinéraire qui nous paraissait le plus facile pour mettre toutes les chances de notre côté. Notre technique de varappe et nos souliers à clous avaient quelque chose de primitif en comparaison de ce que vous pratiquez maintenant. Le dimanche 28 mai nous nous sommes levés à 3 h 30.»

Und dann, beim ersten Tageslicht, stiegen die drei Lausanner Studenten André Bugnion, Jean-Pierre Vittoz et Henri Moreillon in die 450 Meter hohe, noch undurchstiegene Kalkwand des Grand Miroir ein. In dieses Schaustück der Nordwestwand der Arête de l’Argentine; der Grat erstreckt sich über gut zwei Kilometer von der Haute Corde über die Haute Pointe (2422 m) bis zum Lion de l’Argentine. Zügig kletterten das Trio durch die teils noch mit Schnee und Eis gefüllten Risse im östlichen Teil des Grossen Spiegels – eine mutige Erstdurchsteigung einer beeindruckenden Wandflucht im Herzen der Waadtländer Alpen. 100 Jahre nach der Premiere des Couloir Est durchziehen schier unzählige Routen die breite Wand, darunter auch der am 1. September 1926 eröffnete Normalweg oder Itinéraire de l’Y im Grand Miroir, der klassische Weg, der Eingang gefunden hat in den einst sehr beliebten Bildbandführer „Im schweren Fels. 100 Genußklettereien in den Alpen“ von Walter Pause.

Das Zitat von Henri Moreillon über die erste Durchsteigung des Grand Miroir findet sich im Buch „Les Miroirs de l’Argentine“ von Claude und Yves Remy aus dem Jahre 1997. Es war die erste alpinhistorische Monografie, welche die Brüder Remy über ihre Kletterheimat veröffentlichten. 1999 folgte „Gastlosen“, 2006 „Les falaises du Jura“. Und jetzt, pünktlich zur „100ème de la première ascension du Miroir de l’Argentine“, erscheint „Les Miroirs de l’Argentine“ in einer prächtig erweiterten und aktualisierten Neuauflage. 40 zusätzliche Seiten, grossartige neue Fotos, eine präzise Übersicht über alle die Kletterrouten. Und vor allem wieder die alten und neuen Geschichten und Porträts der Kletterer und Kletterinnen, die im grossen und kleinen Spiegel der Argentine, in den Aufschwüngen dazwischen und auf dem luftigen Grat hoch oben ihre Spuren hinterliessen, ihrer Leidenschaft nachgingen auf schmalen Tritten und Griffen und manchmal auch in der Luft. Ein starkes Buch, das mit einer ganz besonderen Erinnerung beginnt: Claude und Yves Remy besuchten im Juni 2022 Paul Trachsel (Jahrgang 1915), der 1931 mit Alice Berger de Buren durch den Grand Miroir kletterte. Das schwarzweisse Foto zeigt die beiden oben auf dem Grat, sie lachend, er locker konzentriert, denn die Tour war ja noch nicht zu Ende, und das Leben auch nicht.

Das soll gefeiert werden, 100 Jahre Erstdurchsteigung des Grand Miroir de l’Argentine und die Neuauflage der Monografie des frères Remy. Die Feierlichkeiten finden am Samstag, 10. September, in Solalex statt, am Fusse des Miroir. Ab 16.00 Uhr mit der Vernissage des Buches, mit einem Vortrag über die Geschichte des Kletterns an der Argentine, mit dem Film „Les fichiers du Muret“ und mit der Beleuchtung der Y-Route. Wenn das kein Grund ist, in die Alpes vaudoises zu fahren: mit der Zahnradbahn von Bex hinauf nach La Barboleuse zwischen Gryon und Villars-sur-Ollon, dann knapp zwei Stunden wandern nach Solalex. Es fährt manchmal auch ein Bus, und eine Mitfahrgelegenheit findet sich bestimmt. Bonne balade – und vielleicht ja auch bonne varappe!

Claude et Yves Remy: Les Miroirs de l’Argentine. Coloria Graphic Design, Vevey 2022. Fr. 70.-
Programm vom 10.9.2022: www.miroir-argentine.ch

Vom Matterhorn zum Eiger

Die berühmtesten Gipfel der Schweiz sorgen immer wieder für Dialoge und Drucke.

23. August 2022

«Der Eiger mit seiner irren Geschichte. Die schwierigsten Touren habe ich am Mont Blanc geklettert. Auch das Matterhorn ist spannend.»

Überraschende Antwort von Reinhold Messner auf die Frage nach dem faszinierendsten Berg in der Schweiz in einem Interview mit der „Coopzeitung“ vom 12. Juli 2022. Man kann davon ausgehen, dass der Südtiroler, „der berühmteste Alpinist der Welt“, weiss, wo der Mont Blanc liegt, nämlich zwischen Italien und Frankreich. Vielleicht ist aber dem Fragesteller Andreas W. Schmid beim Redigieren des Interviews diese Gebietserweiterung der Schweizer Alpen unterlaufen. Allerdings darf nicht vergessen werden, dass der Mont Blanc im 18. und 19. Jahrhundert sozusagen zur Schweiz gehörte, wenigstens in Führerwerken. 1793 gab Johann Gottfried Ebel mit seiner „Anleitung auf die nützlichste und genussvollste Art die Schweitz zu bereisen“ einen der ersten und erfolgreichsten Reiseführer zur Schweiz heraus. Beim Stichwort „Chamounythal“ heisst es: „Wenn man die ganze Schweitz gesehen hat, so ist die Reise in dieses Thal nicht überflüssig; ganz im Gegentheil, denn man findet die Natur nirgends so gross, so ausserordentlich, nirgends solche Ansichten und Naturscenen als hier.“ Und auf vielen Reisen durch die Schweiz war es selbstverständlich, dass von Genf aus der Umweg über Chamonix ins Wallis und in die Schweiz gemacht wurde. Bleiben wir also grad im Wallis, bevor wir ins Berner Oberland wechseln.

Der Genfer Literaturwissenschaftler Jean-Michel Wissmer – man kennt ihn von seinem Buch über Heidi (https://bergliteratur.ch/das-bergbuch/) – schrieb ein Buch über den berühmtesten Berg der Alpen, der Schweiz und wohl auch von Italien: „La montagne inutile. Du Cervin et d’autres sommets“. Darin kreist er um das Matterhorn und seine Geschichte, insbesondere um diejenige seiner ersten Besteigung. Interessant wird es dort, wo Wissmer neue Knoten findet, also nicht neue Aspekte der Tragödie vom 14. Juli 1865, sondern unbekannte Querverbindungen. So dass beispielweise Samuel Beckett, Autor von „Warten auf Godot“, dem Inbegriff des absurden Theaters, im Hörspiel „All that fall“ von 1957 kurz das Matterhorn erwähnt. Allerdings muss auch erwähnt werden, dass Wissmers allgemeine Ausführungen zum „Cervin et la littérature de montagne“ nicht über die Hörnlihütte hinauskommen. Die geniale Novelle „La première fois“ von Samivel scheint er nicht so kennen. Und, wenn wir schon steckengeblieben sind: Der Titel seines Buches ist natürlich eine Anspielung an „Les conquérants de l’inutile“ von Lionel Terray. Nur macht es einen Unterschied, ob Menschen das Nutzlose erobern oder ob der Berg keinen Nutzen hat. Für die Leute von Zermatt und Breuil-Cervinia hat er wohl einen.

Der Eiger für die Leute von Grindelwald ebenfalls. Zwei neue Eiger-Bücher sind erschienen. Ich selbst habe sie (noch) nicht in der Hand gehabt. Doch ich habe Rainer Rettner, den besten Kenner der irren Geschichte des Eigers – und selbst auch Autor von Publikationen zum Eiger und von Buchkapiteln zum Matterhorn und zu den Grandes Jorasses – um Einschätzungen gebeten:

«Ein Buch über den Eiger schreiben, ganz ohne Nordwand? Unmöglich! Oder doch nicht? Die junge Südtiroler Bergsteigerin Andrea Wisthaler hat genau das getan, mit „Eiger – Die längste Nacht meines Lebens“. Sie war im Juli 2019 gerade mit fünf Kollegen dabei, den Eiger via Ostegg und Mittellegigrat zu überschreiten, als sie wenig unterhalb der Mittellegihütte von einem Wettersturz überrascht und zu einem Notbiwak gezwungen werden. Die dramatische Nacht auf 3200 Metern Höhe wird von der Autorin schonungslos offen und eindringlich geschildert. Am Ende kommt alles gut: Die REGA kann während einer kurzen Wetterberuhigung alle Bergsteiger ausfliegen. Wisthalers Seilpartner hat gerade noch 29,6 ° Körpertemperatur, kommt jedoch ohne Schäden davon. Ein lesenswertes, emotionales Buch, das auch mit Selbstkritik nicht spart.

Eher nicht für GelegenheitsleserInnen geeignet ist dagegen Gerhard Mayers „Bergsommer 1961 – Von den Drei Zinnen über den Mont Blanc bis zur Eiger-Nordwand“. Im Eigenverlag herausgegeben von Mayers Schwiegersohn Hans Sölch wird die erfolgreiche Tourensaison minutiös dokumentiert, die Gerhard Mayer und dessen Freund Georg Huber Ende September mit der 21. Durchsteigung der damals noch wirklich berüchtigten Eigernordwand krönen. Die Texte bestehen mehrheitlich aus den Tagebuchnotizen Mayers sowie einigen Hintergrundinformationen. Highlights des Büchleins sind einige schöne Fotos aus der Nordwand, auf 180 Seiten erweist sich die Lektüre jedoch als etwas ermüdend.»

„Wir tun etwas, das absurd ist.“ Titel des Interviews mit Messner in der „Coopzeitung“. Aber reden und schreiben und lesen darüber, das geht zum Glück oft ganz gäbig.

Jean-Michel Wissmer: La montagne inutile. Du Cervin et d’autres sommets. Éditions Slatkine, Genève 2022. Fr. 34.-

Andrea Wisthaler: Eiger – Die längste Nacht meines Lebens: Eine junge Bergsteigerin und ihr Kampf ums Überleben. Athesia Tappeiner Verlag, Bozen 2022. € 25,00.

Gerhard Mayer: Bergsommer 1961: Von den Drei Zinnen über den Mont Blanc bis zur Eiger Nordwand. xyania internet verlag, 2022. € 25,00.

Von Höhlen, Höhen und Tiefen

Drei Führer mit insgesamt 311 erlebenswerten Tipps in der westlichen Schweiz und im angrenzenden Frankreich. Bonnes balades!

15. August 2022

«Eishöhlen gibt es einige im Jura, in der Regel liegen sie ziemlich versteckt. Das gilt auch für die „Glacière de Monlési“, die grösste unter ihnen. Sie befindet etwas abseits der Strasse nach La Brévine, das wegen seiner winterlichen Kälterekorde auch als „Sibirien der Schweiz“ bezeichnet wird. Mitten im Wald öffnet sich ein tiefes Loch, auf dessen Grund rund 6.000 Kubikmeter Eis liegen. […] Die Eismasse variiert leicht zwischen Winter und Sommer, verschwindet aber nicht. Daran wird auch die Klimaerwärmung nicht so schnell etwas ändern.»

Hat sie leider aber wohl schon getan. Als wir 8. am August 2012 zum ersten Mal die Eishöhle von Monlési im Neuenburger Jura besuchten, konnten wir nur in sehr gebückter Haltung auf dem Eis in der Höhle vorsichtig herumrutschen; besser wäre es eigentlich gewesen, das auf dem Hosenboden zu machen, oder auf den Knien. Am 14. September 2020 waren wir zum letzten Mal in der Glacière de Monlési, und zum ersten Mal konnten wir bequem stehen und gehen auf dem scheinbar ewigen Jura-Eis, ohne den Kopf an der Höhlendecke anzuschlagen. Gleich eindrücklich ist aber jedesmal das Hinuntertauchen durch den breiten Schacht, zuerst auf einem Pfad, zuletzt auf einer Metallleiter auf den Schachtboden, von wo es in die eigentliche Höhle hinein geht. Später wieder das Hochsteigen, aus dem „Tiefkühlschrank“ ans sonnige Tageslicht: ein unvergessliches Erlebnis! Das nächste Eintauchen gibt es übrigens im Lac des Taillères bei La Brévine, wenigstens, wenn er eisfrei ist. Im Winter hingegen wird auf ihm Schlittschuh gelaufen und Hockey gespielt.

Eishöhle und (Eis-)See sind die Tipps Nr. 5 und 32 im Führer „111 Orte im Herzen des Jura, die man gesehen haben muss“ von Marcus X. Schmid (Text) und Michel Riethmann (Foto). Sie wohnen beide im Jura neuchâtelois und kennen ihre Heimat also bestens. Sie stellen Geschichten und Gebäude, Getränke und Gewässer, Gestalten und Gedenksteine zwischen Salins-les-Bains und Sonceboz, Romainmôtier und Consolation-Maisonettes vor, mit den Schwerpunkten Vallorbe, Pontarlier, Val de Travers, Le Locle und La Chaux-de-Fonds. Da gibt es wirklich viel zu erleben, erwandern, erfahren und verzehren. Den berühmten und überlaufenen Creux du Van muss man etwas suchen, er versteckt sich hinter der Trockenmauer von Nr. 23. Auch der Chasseron (1608 m), der höchste Gipfel im Herzen des Juras, hat keine eigene Nummer erhalten; man nähert sich ihm am besten von Môtiers aus durch die Schlucht Pouetta Raisse (Nr. 65). Die Angaben zur Erreichbarkeit der 111 Must-Places könnten da und dort noch etwas besser sein; so erreicht man das übriggebliebene Glied der Sperrkette bei Saint-Sulpice im Val de Travers, wo Karl der Kühne am 8. Februar 1476 zum ersten Mal an den Eidgenossen scheiterte, nicht nur mit dem Auto und dann zu Fuss, sondern auch mit dem Bus. Aber das ist ein Detail.

Mehr als eine Kleinigkeit anzumerken gibt es hingegen im Führer „111 Orte rund um den Genfersee, die man gesehen haben muss“ von Franziska Weyer. Schaut man sich nämlich die Übersichtskarte an, dann fallen zwei Sachen auf. Erstens liegen von den 111 sehenswerten Orten nur gerade sechs in Frankreich; klar, die Schweiz hat mehr vom Lac Léman, 113 km des Seeumfangs von 156 km verlaufen auf ihrem Gebiet. Und zweitens ist die wichtigste Stadt nicht berücksichtigt – ein Führer rund um den Genfersee ohne Genf! Nun, es gibt im gleichen Verlag schon die „111 Orte in Genf, die man gesehen haben muss“. Nur erfahren das die Benutzer nicht, sondern bemerken es vielleicht auf den Anzeigenseiten am Schluss des Buches. Da passt es irgendwie, dass die Wanderung durch Gorges du Chauderon (Nr. 93) noch vorgestellt wird, obwohl die Schlucht seit Mai 2021 geschlossen ist. Doch es hat schon gute Tipps im Buch, keine Frage. Zum Beispiel den weinenden Felsen Scex que Plliau (früher Sex que pliau geschrieben), der sich im Wald oberhalb des Wildbachs Baye de Clarens an der Waadtländer Riviera versteckt: ein buchstäblich märchenhafter Ort.

Vom Jura via Léman ins Bernbiet. Die beliebte Berner Jodelhymne bringt es auf den Punkt: Das „Bärnbiet“ bietet alles, was Herz und Beine begehren. Entsprechend oft wird es besungen bzw. bewandert; mehr dazu unter https://bergliteratur.ch/baernbiet/. Nun ist noch ein weiteres Buch erschienen: „Lieblingsplätze rund um Bern“. Sandra Rutschi (Text) und Andreas Blatter (Foto) stellen 90 Orte zwischen Neuenburgersee und Napf-Gebiet, Kiental und Huttwil vor, die man gesehen haben muss. Tipp Nr. 47 führt zum Etang de la Gruère zwischen Tramelan und Saignelégier. Auch im Jura-Führer ist er drin (Nr. 90). Ich glaube, ich muss auch wieder mal zu diesem geheimnisvollen Moorsee. Das letzte Mal war ich am 18. Oktober 1977 dort…

Marcus X. Schmid (Text), Michel Riethmann (Foto): 111 Orte im Herzen des Jura, die man gesehen haben muss. Emons Verlag, Köln 2022, € 18,00.

Franziska Weyer: 111 Orte rund um den Genfersee, die man gesehen haben muss. Emons Verlag, Köln 2022, € 18,00.

Sandra Rutschi (Text), Andreas Blatter (Foto): Lieblingsplätze rund um Bern. Gmeiner Verlag, Meßkirch 2022, € 17,00.

Wandern über Hängebrücken

Zwei neue Führer über Hängebrücken in der Schweiz, die allerdings teilweise zu fest durchhängen.

10. August 2022

«An einer der wildesten Stellen liegt auf einigen mächtigen Felsblöcken, die der Wuth des schäumenden Stromes Trotz bieten, ein schwankender Steg, der von dieser Seite den einzigen Zugang zu dem jenseitigen Dörflein Wyler darbietet. An einer andern Stelle bilden ein Paar quer über den Strom hingestürzte Tannen eine natürliche Brücke, über welche aber die durcheinander gewirrt emporstehenden Aeste den Uebergang verwehren.»

Ausschnitt aus „Reise durch das Berner Oberland nach Unterwalden: für die Jugend beschrieben, von Fr. Meisner, Professor der Natur-Geschichte in Bern“, dem zweiten Band seiner vierbändigen Reihe „Kleine Reisen in der Schweiz, für die Jugend beschrieben“, erschienen von 1820 bis 1825 bei J. J. Burgdorfer in Bern, jeweils mit Frontispiz und Titelvignette geschmückt, 200 bis 250 Seiten dick und 11 x 16,5 cm gross. Ein Exemplar hätte also gut im Rucksack Platz, bloss sind die Bändchen etwas gar kostbar. Die Lektüre empfiehlt sich also zu Hause in der Stube, oder dann online. Wer mehr zum Autor Friedrich Meisner (1765–1825) wissen will, findet einen ausführlichen Beitrag auf Wikipedia.

Die Titelvignette zeigt einen wie im Ausschnitt erwähnten schwankenden Steg. Ob es allerdings derjenige von Gsteigwiler ist – der Ort bei Wilderswil hiess früher nur Wiler –, bleibt etwas unsicher, denn am Bildrand oben ist das Wetterhorn sichtbar. Und von Gsteigwiler sieht man den Hausberg von Grindelwald nicht. Der Steg seinerseits macht einen ziemlich wackeligen Eindruck, doch sieben Jugendliche balancieren locker darüber.

Genau das wollen wir auch erleben. Das spezielle Gefühl, auf einer eher schmalen, sich leicht bewegenden Brücke einen Abgrund, eine Schlucht oder ein Wildwasser zu überqueren. Der Schritt weg vom sicheren Ufer – und die mehr oder wenig stark erhoffte Rückkehr dorthin. Unvergesslich! Zum Beispiel der Gang über die Charles-Kuonen-Hängebrücke oberhalb von Randa, mit 494 Metern die längste Fussgängerhängebrücke der Alpen; bis 2021 war sie gar die längste in Europa, aber die im April 2021 eröffnete Arouca-Brücke in Portugal verschafft noch 22 Meter mehr Adrenalinschübe. Der Führer „Wandern über Hängebrücken“ stellt 72 Touren in der ganz Schweiz vor, meistens mit nur einem schwankenden Steg, da und dort aber mit mehreren (wie am Bisse du Torrent Neuf im Unterwallis), und einmal gar mit keinem (in der Cholerenschlucht bei Adelboden). Die Wanderinfos sind teils etwas gar mager (so grad am Torrent Neuf, wo sich mit Postautos eine feine Rundreise machen liesse), vor allem aber fehlen bei den Hängebrücken manchmal die Angaben zu Länge und Höhe über dem tiefsten Punkt.

Der Führer „Randos passerelles. Itinéraires en Suisse romande“ verursacht hingegen Schwindelgefühle. Die Angaben zu den Hängebrücken sind zwar genau, dafür fehlen diese auf den Kartenskizzen. Richtig ins Schwanken kommt die handliche Publikation mit der Auswahl. Neun der 25 Brückentouren liegen gar nicht in der Romandie, sondern im Oberwallis. Dass es im Waadtland und im Canton de Fribourg mehr als die drei vorgestellten Passerelles gibt, entging dem Autor. Und dass die Kantone Genève, Neuchâtel und Jura ebenfalls zur Suisse romande gehören – und auch Erlebnisse auf schwankenden Stegen bieten, wie die Passerelle de Clairbief über den Doubs: Das fiel irgendwie zwischen die Holzbretter, mit denen diese Hängebrücke aufwartet. Tant pis!

Wandern über Hängebrücken. Reihe Erlebnis Schweiz. Hallwag Kümmerly+Frey, Schönbühl 2022. Fr. 27.- www.swisstravelcenter.ch

Gilbert A. Rouvinez: Randos passerelles. Itinéraires en Suisse romande. 180° éditions, 2022. Fr. 25.- www.rando-en-boucle.ch

Vom Gehen und Bleiben

Fünf neue belletristische Werke, in denen sich immer wieder und unterschiedlich die Frage stellt: gehen oder bleiben bzw. weichen.

2. August 2022

«Links hoch geht ein Wanderpfad, der im Schnee fast nicht zu erkennen ist. Ein knallgelbes Schild vor dem schneedüsteren Himmel zeigt an, dass man in zwei Stunden zum Gipfel kommt. Unterhalb davon am Pfahl ein laminierter Zettel auf Holz: Allgemeines Betretungsverbot! Akute Stein- und Blockschlaggefahr! Um es noch deutlicher zu machen, ist auf der anderen Seite des Pfads ein Pflock eingehauen und quer eine Kette gespannt. Sie stapft über die verschneite Wiese und beginnt zu klettern.»

Ob das gut kommt, wenn die junge Johanna aus Deutschland, die vor kurzem mit ihren Eltern ins fiktive Bergdorf Vischnanca im Bündnerland gezogen ist, die Wegsperrung ignoriert und erst noch im Winter zum Piz Brunclia hochsteigen will, zu diesem Berg, der unaufhaltsam gegen das Dorf rutscht? Natürlich nicht! Aber Johanna – sie ist eine der Kapitelfiguren im Roman „Von Gehen und Bleiben“ von Petra Hucke – will diesen Schicksalsberg aus der Nähe kennenlernen, der alles durcheinander bringt, geologische, gesellschaftliche und soziale Gefüge, diese abrutschende Masse aus Gestein und Schutt, die Einheimische und Zugewanderte gleichermassen verzweifeln und hoffen lässt. Der Berg muss sich nicht entscheiden, ob er bleibt oder geht – er kommt einfach. Petra Hucke, Autorin und Übersetzerin in München, hat das (Über)leben des Dorfes Brienz/Brinzauls im Albulatal, das vom dortigen Piz Linard, bedroht wird, in einen vielschichtigen, wegweisenden und stabilen Roman gepackt. Zu lesen in Brienz, aber eher im Berner Brienz am gleichnamigen See, weil dort die Unterkünfte vielfältig, während sie im Bündner rar bis nicht vorhanden sind.

«In unbeschreiblicher Erleichterung, fast ein Wunder, hebe ich den Blick und entdecke einen riesigen, gelben, von gut beratenen Bergführern direkt auf den Felsen gemalten Pfeil, von einem auf zwei Metern, der die Richtung zum Pass anzeigt. Ich habe ihn beim Abstieg übersehen.»

Nicht auf direktem Weg gelangt der Ich-Erzähler in „Rosablanche“ zum Ziel, nämlich zum Gipfel (3336 m) gleichen Namens in den westlichen Walliser Alpen, mit einer Übernachtung im Refuge-Igloo des Pantalons Blancs (3280 m). Die Höhenzahlen sind wichtig in dieser 2018 in den Éditions des sauvages erstmals erschienen Erzählung des Waadtländer Grafikdesigners Matias Jolliet; sie gliedern den Text, der zwischen alpinistischem Jargon und alpinem Pathos hin und her schwankt wie der Erzähler unter dem Gewicht seines übervollen Rucksacks und unter seiner Unerfahrenheit im Gebirge. Zu lesen selbstverständlich in dieser Biwakschachtel, die einem Iglu oder einer Jurte gleicht, oder in einer der fünf Hütte rund um die Rosablanche. Reservieren nicht vergessen, dort wo es möglich ist!

«Den Weg zurück ins Tal nahm ich dem Bach entlang. Da und dort wasserhelle Tiefe, dann wieder trotziges, talwärts stürzendes Schäumen. Die Sonne schien, es war schwül.»

Ob der Weg markiert ist, verrät uns Lisa Elsässer in ihrem gut 100-seitigen, stimmungsgenauen Werk „Im Tal“ nicht. Ist ja auch nicht wichtig: Entlang einem Bach kommen wir meistens zurück in die Niederungen. Eigentlich möchte die Frau – im ersten Teil des Buches ein Ich, im zweiten eine Sie – in der Hütten oben im Seitental bleiben, zu sich kommen, Brief an Karl und Leo schreiben, in den Bergsee tauchen. Und vor allem die Gesellschaft des Bauern geniessen, der ihr die Hütte vermietet hat und der sie zuweilen besuchen kommt. Gehen oder bleiben – eine Frage, die sich dann stellt, wenn die Flasche Wein leer ist. Schön wäre es jetzt, bei dieser Mordshitze, in eine solche Bleibe hinaufzugehen und sich in einem Bergsee oder -bach abzukühlen, am besten im Urnerland, denn von dort kommt die Autorin. Wie wär’s mit dem Gasthaus Alpenblick am Arnisee? Oder – der Name sagt es ja – mit der Bergseehütte über dem Göscheneralpsee? Der Roman passt locker noch in den Rucksack.

«Ausgerechnet du willst nach Schweden. Gibt es da überhaupt Berge? Bleib lieber im Tal und schau, dass es so bleibt und nicht durch diese Straße verschandelt wird.»

Sagt Fredy zum Zimmermann Reto aus der Lenk ganz hinten im Simmental, dort, wo die geplante Nationalstrasse im Rawiltunnel Richtung Wallis hätte verschwinden sollen. Die Strasse wurde nicht gebaut, weil ein Sondierstollen Risse an der Staumauer des Lac de Rawil verursacht hatte. Der Roman „Wildstrubel“ des Basellandschäftlers Christoph Frommherz spielt anfangs der 1970er Jahre, und damals erhitzte die Simmental-Autobahn noch mächtig Einheimische und Zugewandte. Der (einfluss-)reiche Vater von Fredy zum Beispiel ist für die Strasse, wäre allerdings ganz gegen die Liebe seiner noch nicht zwanzigjährigen Tochter Anna zum Reto aus armem Haus, wenn er davon Kenntnis hätte. Hat er nicht. Auch nicht davon, dass Anna, die ein Welschlandjahr absolviert, gar noch in andere Umstände geraten ist. Reto ist, obwohl ihm dies von den Strassenbefürwortern angekreidet wird, kein Schürzenjäger; allerdings gefällt ihm die Regula, die Servierkraft von der Iffigenalp, schon auch ganz gut. Zum Glück locken da die Gipfel der Simmentaler Berge – und eine Arbeitsstelle in Schweden. Ob Reto dorthin geht? Selber erfahren in der Wildstrubel- oder in der Flueseelihütte. Ein richtiger Bergroman à la Ludwig Ganghofer ist „Wildstrubel“; jedoch überhaupt kein „Bergkrimi“, wie es im Untertitel heisst.

«Sie stand einen Moment still. Dann ging sie weiter bis zu einem Holzpfahl, der vor dem Anstieg zum Gletscher die letzte Etappe markierte. Sie stellte den Rucksack auf eine flache Steinplatte, auf eine aufgemalte Wegmarkierung.»

Gehen und/oder bleiben, zum fünften Mal. Zum dritten Mal mit einem rund 100-seitigen Buch. Diesmal von der im Walliser lebenden Bernerin Marianne Künzle. „Da hinauf“ handelt vom Schicksal zweier Frauen, Irma von einst und Annina von heute. Sie gehen auf den Gletscher, aus unterschiedlichen Gründen, aber mit dem gleichen Ziel: Antworten zu finden auf schwierige Fragen des Lebens. Vielleicht auch nur Ablenkung. Oder die Herausforderung, wie weit zu gehen ist. Und wann es besser ist, zu bleiben. Auf dem gefährlichen des scheinbar ewigen Eises. Ein dichtes Werk, zwei Geschichten, die sich miteinander verflechten, bis zum – verrate ich doch nicht. Ebenfalls selber lesen, am sichersten in der Nähe eines harmlosen Gletschers, in einer vorzüglichen Unterkunft mit Liegestühlen am Schatten und Blick auf Eis, im Glas und im Gelände. Vielen Dank im Voraus für einen Tipp!

Petra Hucke: Vom Gehen und Bleiben. Fischer Krüger Verlag, Frankfurt aM 2022, € 20,00.

Matias Jolliet: Rosablanche. Edition Bücherlese, Luzern 2022. Fr. 26.00.

Lisa Elsässer: Im Tal. Edition Bücherlese, Luzern 2022. Fr. 26.00.

Christoph Frommherz: Wildstrubel. Gmeiner Verlag, Meßkirch 2022. € 15,00.

Marianne Künzle: Da hinauf. Nagel & Kimche, Zürich 2022. € 18,00.

Halbschönes Helvetien

Zur schönen Schweiz sind schon viele schöne Bücher herausgekommen. Drei neue – eines davon gar von Schweiz Tourismus mitgetragen – gehören nicht ganz dazu.

27. Juli 2022

«Le Pont befindet sich an idyllischer Lage am östlichsten Punkt des Lac de Joux. Das Dorf ist direkt am Wasser gebaut, vor dem Hintergrund einer atemberaubenden Hügellandschaft.»

So lautet der Einstieg zu Le Pont im dreisprachigen Bildband „Schweiz – Verliebt in schöne Orte“. Die Publikation begleitet das von Schweiz Tourismus und Bundesamt für Kultur initierten Projekt „Verliebt in schöne Orte: 50 unbekannte Schweizer Perlen“. Sie gehören zum Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung. Leider vermag der Bildband nicht zu überzeugen, was sich gerade am Beispiel Le Pont zeigt. Dass der Ort an zwei Seen liegt, nämlich auch am Lac Brenet, wird weder gesagt noch gezeigt; dabei weist ja der Name darauf hin. Auch die über Le Pont liegende Dent de Vaulion, einer der unverwechselbaren Gipfel des ganzen Schweizer Juras, kommt weder im Text noch im Bild vor. Dafür gleichen sich die acht sommerlichen Schönwetterfotos von Le Pont.

Le Pont ist keine Ausnahme. Auf den meisten Fotos sind vor allem ältere, saubere Gebäude bei fast immer gleichen Licht- und Jahreszeitverhältnissen abgebildet. Mehr noch: Dass die berühmten romanischen Kirchen von Romainmôtier und Giornico auch bzw. gerade mit ihrem Inneren atemberaubend sind – sieht man nicht. Dass es in Giornico mit dem Museo „La Congiunta“ eine Pilgerstätte moderner Architektur gibt – Fehlanzeige. Dass in Sent der Skulpturenpark von Not Vital auf Besucher wartet – erfährt man nicht. Dass Burgdorf, auch Venedig des Emmentals genannt, von zahlreichen Kanälen durchflossen wird – ist keine Zeile und kein Bild wert.

Die 50 Ortschaften lassen sich entlang der Grand Tour of Switzerland entdecken. Sie ergänzen den Roadtrip durch die Schweiz mit Stopps, die sich nicht auf grosse Besucherströme ausrichten. Jeder Kanton und Halbkanton ist mit mindestens einer Ortschaft vertreten. Die 50 ausgewählten Ortschaften/Ortsbilder sind: Andelfingen ZH, Appenzell AI, Auvernier NE, Bauen UR, Beromünster LU, Bremgarten AG, Burgdorf BE, Castasegna GR, Dardagny GE, Diessenhofen TG, Eglisau ZH, Ennenda GL, Erlenbach i.S. BE, Ermatingen TG, Ernen VS, Flüeli-Ranft OW, Giornico TI, Goetheanum SO, Hallau SH, Hemberg SG, Hermance GE, Kloster Frauenthal ZG, La Chaux-de-Fonds NE, Laufen BL, Le Pont VD, Lessoc FR, Leuk VS, Malans GR, Meride TI, Morcote TI, Osignano TI, Pleujouse JU, Praz FR, Rheinfelden AG, Riehen BS, Romainmôtier VD, Rougemont VD, Rüeggisberg BE, Saillon VS, Saint-Maurice VS, Saint-Saphorin VD, Saint-Ursanne JU, Schwyz SZ, Sempach LU, Sent GR, Soazza GR, Stans NW, Trogen AR, Unterseen BE, Werdenberg SG. Am schönsten ist es also in den Bergkantonen BE, GR, VS, VD und TI – sie sind ja auch die grössten.

Über die Auswahl lässt sich bei Buchtiteln mit einer Liste, die man abhaken kann bzw. muss, natürlich immer streiten. Die in Bern wohnenden Sabrina Bigler und Lea Seiler haben für die „30 Wanderungen in der Schweiz, die man einmal im Leben gemacht haben muss“, unumgängliche Klassiker wie die Rigi oder den Grossen Mythen ausgewählt. Sie stellen aber auch weniger Bekanntes vor, wie den Rundweg Lobhörner – Sulegg unweit Interlaken oder eine Blütenwanderung in Mostindien. Die Touren verteilen sich so: sieben in der Zentralschweiz, sechs im Berner Oberland, fünf im Wallis, vier in der Ostschweiz, drei in der Westschweiz, je zwei im Tessin und in der Ostschweiz sowie eine im Solothurner Jura. Apropos Jura: Nur zweimal muss man dort und im Mittelland wandern, sonst sind, nicht überraschend, die Alpen ein Muss. Bei den wander(touristischen) Infos fehlen leider Zeitdauer (!), Kartenausschnitte, genaue Angaben zu Anreise, Restaurants, Unterkünften, Seilbahnen und Fotos. Aber als Auswahl-Ratgeber mag der Führer schon taugen.

Ein Klassiker gebirgiger Gebrauchsliteratur ist der SAC-Führer „Hütten der Schweizer Alpen“ von Remo Kundert und Marco Volken. 2019 erschien die elfte Auflage; pro Seite eine Hütte, mit allen wichtigen Angaben, auf einen Blick begreifbar, inkl. Kartenskizze. Die 350 Hütten aufgeteilt nach sechs Gebirgsgruppen der Schweizer Alpen, so wie man es kennt von den SAC-Führern. 440 Seiten, 12 x 22 cm gross, gut ein halbes Kilo schwer. Wer sich über die alpinen Unterkünfte zwischen dem Refuge de Chésery und der Heidelberger Hütte informieren wollte, war mit diesem Buch bestens informiert. Vor kurzem ist der SAC-Verlag in den Weber Verlag übergegangen, und mit diesem Wechsel haben auch Hüttenführer und Autorenteam gewechselt. Nun ist das Werk ein Bildbandführer geworden, 22 x 26 x 5 cm gross, 559 Seiten dick, gut zwei Kilo schwer. Allgemeine Texte zu den Hütten, Wegbeschreibungen und Fotos brauchen ihren Platz. Die Infos sind nicht mehr so vollständig und übersichtlich, die Kartenausschnitte fehlen. So weit, so anders. Was ebenfalls teilweise geändert wurde, ist die Einteilung der Hütten. So wurden die Hütten auf Walliser Boden teils dem Kanton Wallis, teils aber der Region Bern zugeordnet. Das heisst, die Anenhütte hinten im Lötschental findet man im Kapitel „Wallis“, die Hollandiahütte zuhinterst im Lötschental im Kapitel „Bern, Freiburg, Waadt“, obwohl sie auch ganz im Kanton Wallis liegt (und wie die Anenhütte in den Berner Alpen). Gleich unverständlich die Platzierung der Cabane Barraud und der Gîte de l’Alpage de Dorbon in den Waadtländer Alpen, beide in rund zwei Stunden von Derborence aus erreichbar: Sie sind neu in zwei verschiedenen Kapiteln untergebracht. Dito Windegghütte und Trifthütte, auf Sichtdistanz im östlichen Berner Oberland (und in den Urner Alpen) gelegen: Jetzt findet man die erste bei Bern, die zweite bei der Zentralschweiz.

Der Rezensent übernachtete schon mal in beiden Hütten. Andere hat er noch nie besucht. Eine, wenn nicht die jüngste Hütte der Schweizer Alpen, ist das am 16. August 2021 eingeweihte Rifugio Curciusa (ca. 2357 m) im gleichnamigen Tal in den Bündner Alpen; sie hat ihren Platz im neu gemachten Hüttenverzeichnis aber noch nicht gefunden.

Schweiz, Suisse, Svizzera. Verliebt in schöne Ort, La magie des beaux sites, Un Amore di Luogo. Hallwag Kümmerly+Frey/Schweiz Tourismus, Schönbühl/Zürich 2022, Fr. 39.90.

Sabrina Bigler, Lea Seiler: 30 Wanderungen in der Schweiz, die man einmal im Leben gemacht haben muss. Droste Verlag, Düsseldorf 2022. Fr. 24.90.

Hütten der Schweizer Alpen/Cabanes des Alpes suisses. Weber/SAC-Verlag, Thun/Gwatt 2022, Fr. 59.-

Wandfussnoten und andere Berggeschichten

Tolle Titel für die Erstlinge von zwei gleich alten Alpinisten.

19. Juli 2022

«Beim Klettern sind jedoch, anders als etwa beim Schwimmen oder Langlauf, nicht in erster Linie Kraft und Ausdauer gefragt. Technik ist von grosser Bedeutung. Marcel Remy, der Vater der Remy-Brüder, wurde 1923 geboren. 2017, mit 94 Jahren, kletterte er mit seinen Söhnen den ‚Miroir de l‘Argentine‘. Natürlich nicht in Rekordzeit. Und man sieht [im Youtube-Beitrag ‚Marcel Remy – 94 years old and back on the summit‘], dass er relativ rasch ausser Atem kommt. Und er klettert toprope. Aber die Bewegungen sind koordiniert und stimmig. Offenbar ist er durch seine grosse Routine in der Lage, die schwindende Kraft durch Geschicklichkeit zu kompensieren.»

Nun ist Marcel Remy zu seiner letzten Klettertour aufgebrochen. Am 10. Juli 2022 ist er sanft entschlafen – „son dernier grand départ en solo, depuis son lit chez lui“, schrieb mir Claude Remy, der ältere der berühmten Remy-Brüder. Am 11. März dieses Jahres ist Marcel zum letzten Mal geklettert, zusammen mit Adam Ondra, dem wohl besten Kletterer der Welt, für den im Entstehen begriffenen Film „Bravo Marcel“.

Das obige Zitat zu Marcel Remy findet sich im 22. und letzten Kapitel „Was bleibt“ im eben erschienenen Buch „Wandfussnoten. Ein Kaleidoskop des Kletterns“ von Lukas Blum (Jahrgang 1974). Er ist „seit 10 Jahren begeisterter Kletterer und Berggänger. Er lebt, wohnt und arbeitet zwischen Zürich, Horw und Castiel“, heisst es auf seiner Website. „Wandfussnoten“ ist sein erstes Buch. Elf Kapitel behandeln verschiedene Aspekte des Kletterns, sportliche, psychische, zwischenmenschliche und kulturelle. Das Seil spannt sich vom familiären Umfeld („Muttermilch“) über Liebesseilschaften und den gesellschaftlichen Umgang mit Risiko bis zum Nachlassen der Kräfte im Alter. Aufgelockert werden diese meist sachlichen Betrachtungen durch elf kurze persönliche Episoden. Eine gelungene Mischung, und manchmal habe ich die kurzen Geschichten lieber gelesen als die Erläuterungen, was auch daran liegen mag, dass mir einige Aspekte des Bergsportes, wie zum Beispiel seine Geschichte, doch ziemlich bekannt sind, während ich bei Anekdoten oft Neuland betreten habe. Schade nur, dass beim Lektorat ein paar Fehlgriffe passiert sind. Doch man darf darüber hinwegsehen und sich freuen an diesem Erstling. „Wer selbst klettert, wird, wie ich, verschiedene Situationen wiedererkennen“, schreibt Rachel Kernen, Kletterlehrerin Schweizer Bergführerverband und Trainerin für Leistungssport Swiss Olympic, im Vorwort. „Wer der Leidenschaft für den Fels noch nicht verfallen ist, erhält einen direkten Einblick in eine Welt, die irgendwo zwischen Sport und Lebenseinstellung steht.“

Wandfussnoten: ein feiner Titel. Gilt auch für einen zweiten Erstling: „Von Bergen und anderen Tälern“. Autor ist Maurice Caviezel, ebenfalls Jahrgang 1974; Bergsteiger seit über dreissig Jahren, Sport- und Sekundarlehrer, Schauspieler, von 2017 bis 2019 Hüttenwart der Kistenpasshütte SAC in den Glarner Alpen. 35 Geschichten aus den Bergen tischt er uns auf, humorvolle, traurige, komische, erstaunliche, gefährliche, belehrende. Letzteres fast zu oft, finde ich, insbesondere rund um die Hütte; aber vielleicht scheint der Alltag eines Hüttenwartes weniger erzählenswert als die Abwechslung mit Gästen, die eher ahnungslos über die Hüttentüre stolpern, wenn sie es denn bis dorthin überhaupt schaffen. Illustriert ist das Buch mit 19 ganz- und doppelseitigen Collagen von Natalie Collagen; geschickte hat sie zum Teil bekannte Bergfotos der Schweizer Alpen zu einem neuen Bild zusammengeschnitten, manchmal so fliessend, dass wir schon zweimal hinschauen müssen, um diese neu entstandene Hochgebirgswelt zu begreifen. Wer Eiger, Jungfrau und Matterhorn zu kennen glaubt, wird hier neue Ansichten kennenlernen, fast wie in einem Kaleidoskop. Beim Illustrieren – und beim Schreiben – ist es halt wie beim Klettern: Ohne Technik kommt man nicht recht vom Fleck.

Lukas Blum: Wandfussnoten. Ein Kaleidoskop des Kletterns. Mit einem Vorwort von Rachel Kernen. Eigenverlag, 2022. Fr. 19.80. www.lbbuch.ch

Maurice Caviezel: Von Bergen und anderen Tälern. Kurzgeschichten. Mit Collagen von Natalie Hauswirth. Weber Verlag, Thun/Gwatt 2022. Fr. 29.-

Robert Helbling und 125 Jahre AACZ

Ein bekannter Club mit sehr bekannten Mitgliedern: der Akademische Alpen-Club Zürich, 1896 mitbegründet durch Robert Helbling. Zwei druckfrische Publikationen wissen viel mehr.

14. Juli 2022

«Diese ganze Tour, die erste Skifahrt über die Kette der Walliseralpen in deren Längsrichtung, wobei drei Gipfel von 3300 m. bis 3800 m. bestiegen und sechs Pässe überschritten wurden, wovon ebenfalls fünf bedeutend über 3000 m Höhe, ist wohl bei ihrer ununterbrochenen Dauer von sieben Tagen, die grösste Skifahrt, die jemals in den Schweizeralpen, ja vielleicht in den Gesamtalpen unternommen worden ist. Die Route führt grösstenteils über vergletschertes Terrain und bei der grossen Abgelegenheit der Nachtstationen von den nächsten städtischen Wohnungen, muss aller Proviant von Anfang an mitgetragen werden. Proviant für sieben Tage und einige Notrationen geben ein erkleckliches Gewicht, selbst wenn man sich auch wie wir es taten, sich aufs aller einfachste beschränkt: Gedörrtes Fleisch, Walliser Schwarzbrod, Kaffee, kondensierte Milch, Thee und Zucker und Pfeifentabak.»

Dieses nicht ganz bescheidene Fazit über die „1. Durchquerung der Walliser Alpen auf Skiern“ zog Robert Helbling (1874–1954), Mitglied der SAC-Sektion Pizol und des Akademischen Alpen-Clubs Zürich, den er 1896 mitbegründen half, im zweiseitigen Bericht „Skifahrten in der Saison 1902/1903“ zu seinen Neutouren im SAC-Mitteilungsblatt „Alpina“ vom 1. November 1903. Vom 7. Februar bis zum 13. Februar 1903 hatte Helbling zusammen mit Friedrich Reichert aus Strassburg und dem einheimischen Führer Anatole Pellaud (dieser allerdings nur für die drei ersten Tage) die Walliser Alpen von Le Châble im Val de Bagnes bis nach Zermatt durchquert. Mit Ausnahme der Cabane Panossière waren die Hütten noch nicht für den Winterbetrieb eingerichtet. Helbling über den Aufbruch in der Cabane de Bertol am letzten Tag ihrer Ski Haute Route: „Hütte kalt, morgens mussten wir zuerst die steinharten Schuhe aufschmelzen, bis wir sie anziehen konnten. Thee und Wasser zu Eisklumpen erstarrt.“ Allerdings scheint Robert Helbling entgangen zu sein, dass im Januar 1903 die Franzosen Michel Payot, Alfred Simon, Joseph Ravanel, Camille Ravanel und Jean Ravanel erstmals von Chamonix aus im Winter nach Zermatt gelangten, allerdings nicht auf dem ununterbrochenen Weg durchs Gebirge, sondern mit dem Umweg über Martigny und Sion. Deshalb gelten heute sowohl Payot als auch Helbling als Initianten der Ski Haute Route.

Sie war nicht die einzige Erfindung von Robert Helbling, und nicht der einzige alpinistische Exploit. Sowohl im Winter wie im Sommer brillierte der Ostschweizer mit zahlreichen Ersttouren, in den Alpen, den Anden (Drittbesteigung des Aconcagua am 31. Januar 1906), im Jura (1910 erste schriftlich verbürgte Besteigung des „Langer Mann“ im Basler Jura; er hangelte sich nach Seilwurf auf den Felsturm) und im Kaukasus (Erstbesteigung des Haupt- und Südgipfels der Uschba am 25. Juli 1903, zusammen mit vier Seilpartnern; zuvor hatte es etwa 20 gescheiterte Versuche gegeben).

Das „Historische Lexikon der Schweiz“ wüdigt Robert Helbling so: „Jugend in Rapperswil. Gymnasium in Frauenfeld und Aarau. Geologiestud. am Polytechnikum Zürich, Bergingenieurstud. an den Techn. Hochschulen in Berlin und Aachen, 1902 Dr. phil. der Univ. Basel. 1906-12 geolog. Arbeiten mittels Stereofotogrammetrie für internat. Auftraggeber in Südamerika. In der Schweiz Pionier im Einsatz der Stereoautografie für die Aufnahme neuer Gebirgskarten sowie in der Fotogeologie. 1921 Mitgründer der Verkaufsgesellschaft Heinrich Wilds geodätische Instrumente AG (Leica).1949 Ehrendoktor der ETH Zürich. Gründer des Akadem. Alpenklubs Zürich. Oberst.“

Nun ist von Bernhard Ruetz eine gut lesbare, breit gefächerte und fein illustrierte Biografie zu diesem Mann erschienen, dem man beim Blättern in alpinistischen Führern mit Angaben der Erstbesteiger/Erstbegeher immer wieder begegnet: „Robert Helbling. Alpinist, Vermessungspionier, Firmengründer.“ Sein abenteuerliches Leben wird in fünf Abschnitte unterteilt: 1874–1907 Alpinist und Freigeist, 1907–1914 Pionier der Stereophotogrammetrie, 1914–1921 Vermessung des Gotthardgebiets, 1921–1930 Mitbegründer der Weltfirma Wild Heerbrugg, 1930–1954 Publizist und Wegbereiter der Photogeologie. Breiten Raum nimmt die Tragödie am Matterhorn vom 14. bis 16. August 1907 ein, bei der Helblings Freund und Seilpartner Heinrich Spoerry stirbt. Drei Jahre später heiratet Helbling die Witwe Doris Spoerry. Sie hatte 1908 dem Akademischen Alpen-Club Zürich einen Fonds von 10000 Franken zur Verfügung gestellt mit dem Zweck, im Andenken an Heinrich Spoerry eine Hütte für Clubmitglieder zu errichten. 1924 wurde eine Holzhütte im Fondei im Schanfigg gekauft – das Clubhaus des AACZ. Bekanntere, für Alle zugänglichen Hütten des AACZ sind Mischabelhütte und Windgällenhütte.

Diese drei Unterkünfte bilden den stimmigen Auftakt zur neuen, von Walter Giger und Hans Wäsle verfassten Festschrift „125 Jahre Akademischer Alpen-Club Zürich 1896-2021“. Sie behandelt die Jahre 1996 bis 2021, wobei da insbesondere die Expeditionen in teils völlig unbekannte Gebirge im Mittelpunkt stehen, zum Beispiel diejenige in den Badakhshan-Nationalpark im östlichen Pamir, wo vier Gipfel erstmals bestiegen – und auch benannt wurden, so der Pik Anto (5343 m) zur Erinnerung an die am Zinalrothorn verunglückten Freunde Angi und Tobi. Bei den Würdigungen bekannter Huttlis (so nennen sich die AACZler) findet man André Roch, einen der tatkräftigsten Alpinisten der Schweiz. Den Schluss der Jubiläumsschrift bildet das Mitgliederverzeichnis; ich nennen nur drei von vielen, die auch auf www.bergliteratur.ch ihre Spuren hinterlassen haben: Jules Jacot Guillarmod, Marcel Kurz, Hans Morgenthaler.

Die drei genannten Clubmitglieder waren fleissige Autoren. Der Club selbst hat den zweibändigen „Führer durch die Urner-Alpen“ verfasst, den der Schweizer Alpen-Club 1905 herausgab. Das Kapitel über die Dammastock-Tierberg-Kette im zweiten Band bearbeiteten Dr. Robert Helbling und Dr. Rudolf Martin. Auf Seite 98 stehen bei den Erstbegehern des Nordostgrates auf den Eggstock (3555 m) – „bei weitem der beste und sicherste Anstieg vom Göschenertal zum Kamme der Winterberge“ – folgende Namen: „R. Helbling A.A.C.Z., H. Spoerry A.A.C.Z., Dr. med. Ris und F. Jakob A.A.C.Z., 22. Juli 1900.“

Bernhard Ruetz: Robert Helbling. Alpinist, Vermessungspionier, Firmengründer. Verlag Ars Biographica, Humlikon 2022, Fr. 28.-

125 Jahre Akademischer Alpen-Club Zürich 1896-2021. Eine Festschrift für die Jahre 1996–2021, verfasst von Walter Giger und Hans Wäsle. AACZ, Zürich 2022, Fr. 88.- https://aacz.ethz.ch/de/