Joseph, le skieur – Fritz, der Opportunist

Zwei literarisch-wissenschaftliche Publikationen, in denen sich hochspannende und –brisante Artikel zum Bergsteigen, Skifahren und darüber hinaus verstecken.

20. Juli 2019

„Je chouques!“

Versteht Ihr wohl nicht. Dorothy Pilley muss es am 20. Juli 1928 ähnlich ergangen sein, bei der ersten Begehung des sehr schwierigen Nordgrates der Dent Blanche (4358 m). Ihrem Mann Ivor Armstrong Richards wohl auch. Aber der vierte der Seilschaft, der Träger Antoine Georges, wird sofort begriffen haben, was sein Bruder Joseph rief, nachdem dieser die überhängende Schlüsselstelle des Nordgrates überwunden hatte. In ihrem Buch „Climbing days“ von 1935 schreibt Dorothy Pilley denn auch zum Ausruf ihres Führers von oben: „It sounded like.“ Vielleicht rief Joseph Georges auch „ché choùk“; auf jeden Fall meinte er: „Je suis en haut“ oder „Ça y est, je suis passé.“ Und das war ja auch das Entscheidende bei dieser Erstbegehung: Hätte Joseph es nicht geschafft, hiesse es auf Wikipedia zu Dorothy Pilley Richards nicht: „In 1928, she made the celebrated first ascent of the north north west ridge of the Dent Blanche.“

Die Geschichte dieser Premiere an einem ganz grossen Gipfel der Walliser Alpen – selten genug war bei solchen Touren eine Frau dabei, und noch viel seltener hat sie dann auch noch darüber geschrieben – findet sich in einem neuen Porträt zu Joseph Georges (1892–1960), genannt le skieur. Er erhielt diesen Übernamen, weil er als junger Mann selbst Ski fabrizierte, weil er der erste und anfangs auch einzige Skifahrer im Val d’Hérens war, und weil man ihn so von den vielen anderen Josephs und Georges in diesem Tal unterscheiden könnte. Zu finden ist der Text, editiert mit genauen Fussnoten, mit alten und neuen Fotos, mit Kopien von Zeitungsartikeln und von Seiten des Führerbuches von Joseph Georges, in der Nummer 46 der Revue „Conférence“; Verfasser ist Christophe Carraud, Gründer und Direktor dieser edlen französischen Literatur- und Kunstzeitschrift. Der Schwerpunkt „Guides et voies“ beleuchtet zudem den Führer Jacques Balmat, Erstbesteiger des Mont-Blanc, und sein berühmtes Denkmal in Chamonix. Im weiteren wird der italienische Germanist Guido Devescovi aus Triest vorgestellt; aus seinem Werk „Ritorno alla montagna“ sind Auszüge ins Französische übersetzt. En tout Bergliteratur für Connaisseurs.

Spannende neue Bergliteratur gibt es auch im folgenden Werk zu entdecken: „Images des Sports in Österreich: Innensichten und Außenwahrnehmungen.“ Von den 26 Aufsätzen behandeln folgende direkt berg- und skisportliche Themen:
- Wintersport in Österreichs »alpiner Peripherie« am Beispiel des »Schneepalasts« in der Wiener Nordwestbahnhalle.
- »Skifahren ist für uns Deutsche in den Alpenländern mehr als nur ein Sport.« Der österreichische Skisport als politische Kampfzone der 1930er-Jahre.
- »Sepp Bradl – der Welt bester Sprungläufer«. Zur Theatralisierung des sportlichen Erfolges im Dienste der NS-Propaganda.
- Fritz Kasparek und die Erstbesteigung der Eiger-Nordwand in den österreichischen Erinnerungskulturen.
- Hohe Ansprüche, große Breitenwirkung. Ein Bild des österreichischen Skisports in den 1950er- und 60er-Jahren.
- Innsbruck 1976: Das »Skisprungwunderteam« und die Pfiffe vom Bergisel.
- »Bergamazonen« und »Himalaya-Girls«. Mediale Repräsentation von Geschlecht und (Extrem)-Alpinismus am Beispiel der ersten Österreichischen Frauenexpedition 1994.

Empfehlenswerte Artikel, auch wenn es einem beim Lesen ab und zu gehörig kalt über den Rücken läuft. Dass die Alpenvereinssektion Austria erstmals 1921 und in der Folge der ganze Deutsche und Österreichische Alpenverein den Arierparagraphen durchsetzte, ist allgemein bekannte. Dass der Österreichische Skiverband ebenso deutschvölkisch und antisemitisch geprägt war und den Arierparagraphen im Oktober 1923 beschloss, wusste ich bisher nicht. Und: Der Lehrer und Schriftsteller Karl Springenschmid war einer jener völkischen Vertreter im ÖSV, die den Anschluss Österreichs an das Hitler-Deutschland herbeisehnten und dann entsprechend feierten; sein Roman „St. Egyd auf Bretteln“ (1935) stand bisher ohne Bedenken zuvorderst in meiner Skibibliothek.

Ja, und dann sind da noch 15 Seiten über Fritz Kasparek, die den Erstdurchsteiger der Eigernordwand im Juli 1938 in neuem Licht zeigen, aber nicht als Sieger, sondern als Gewinnler. Autor Gunnar Merz zieht folgendes, mit neuem Material unterlegtes Resümee: „Kasparek kann als ein Bergsportler beschrieben werden, der aus einfachen Verhältnissen und langer Arbeitslosigkeit kommend, mit der Erstbesteigung der Eiger-Nordwand überregional bekannt wurde und sich von der NS-Propaganda uneingeschränkt einspannen ließ. Im Jahr 1938 war er dadurch kurzfristig materiell soweit abgesichert, dass er seinem Kletterpartner Karl Kinzl ein Darlehen für die »Arisierung« eines Sportartikel-Großhandels geben konnte. Vor dem Einsatz seiner guten Verbindungen in Parteikreise schreckte er nicht zurück, um die Übernahme des geraubten Betriebes und den Vertrieb des »Kletterschuhs Kasparek« voranzutreiben. Auch nach 1938 war er kein überzeugter Nationalsozialist geworden, wollte aber dennoch von der Verfolgung und Beraubung von Menschen mit jüdischem Hintergrund profitieren.“

Conférence, N° 46, printemps 2018: Guides et voies. € 35. www.revue-conference.com

Images des Sports in Österreich: Innensichten und Außenwahrnehmungen. Herausgegeben von Matthias Marschik, Agnes Meisinger, Rudolf Müllner, Johann Skocek und Georg Spitaler. Zeitgeschichte im Kontext, Band 13. V&R unipress GmbH, Vienna University Press. Göttingen 2018. € 45. www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com

Matterhorn: Grenzen – und Ladies

Grenzen werden gezogen, markiert – und überschritten. Am und gegenüber vom Matterhorn, gerade in diesem Sommer. Auf nach Zermatt!

13. Juli 2019

„Une histoire qui titille la curiosité. Partons donc à la découvert pédestre et historique des paysages sublimes qui portent la frontière italo-valaisanne entre le Mont Dolent, surplombant La Fouly, et le Piccolo Corno Gries non loin du Nufenen.“

Schreibt Olivier Cavaleri im Vorwort zu seinem fünften Führer zur „Histoire de bornes“ in der Westschweiz. Nach der geschichtlichen Erkundung des Grenzverlaufs im Jura neuchâtelois und vaudois, rund um Genf sowie zwischen Frankreich und dem Wallis hat sich der welsche Grenzsteinspezialist der 201 Kilometer langen Grenze zwischen dem Wallis und den italienischen Regionen Valle d’Aosta und Piemont angenommen. Also der höchsten, schwierigsten und wahrscheinlich auch schönsten Grenze der Schweiz, mit Gipfeln wie Dent d’Hérens, Nordend und Pizzo Cervandone und Pässen wie Col du Grand Saint-Bernard, Jazzilücke und Forca d’Aurona. 15 Wanderungen zu den Pässen und zahlreiche Exkurse lassen die Herzen der Grenzschlängler höher schlagen. Interessant zu lesen und zu sehen, wie sich die Grenze mit dem Gletscherrückgang verändert – und mit Bauten, die darauf entstehen. Paradebeispiel dafür ist der Theodulpass und seine Nachbarschaft mit Furggsattel, Testa Grigia und Gobba di Rollin: Insgesamt 17 Steine, Metalltafeln und Inschriften direkt auf Fels, erstellt von 1931 bis 2006, legen den Grenzverlauf genau fest. Die beiden höchstgelegenen Grenzmarkierungen befinden sich bei der Capanna Regina Margherita auf der Signalkuppe/Punta Gnifetti (4553 m); auf dem Grenzgipfel (4617 m), dem höchsten Punkt der Schweizer Grenze, gibt es offenbar keine Borne. Auf dem berühmtesten Gipfel nicht nur auf der Grenze Italien-Wallis, sondern überhaupt auf der Schweizer Grenze, fehlen die Grenzmarkierungen offenbar ebenfalls: am und auf dem Matterhorn. Der Cervino ist natürlich auf dem Cover von Cavaleris jüngstem Buch abgebildet, mais bien-sûr!

Um Matterhorn und Grenzen geht es in diesem Sommer auch in zwei Events in Zermatt. Allerdings nicht um staatliche Grenzen, sondern um gesellschaftliche, sportliche, biologische, materielle. 1871, sechs Jahre nach der Erstbesteigung, will die 34-jährige Engländerin Lucy als erste Frau auf den Gipfel des Matterhorns steigen. Vier Jahre zuvor wäre ihr Félicité Carrel beinahe zuvor gekommen; sie musste auf 4300 Metern Höhe umkehren, weil sie mit Rock kletterte und an den heftigen Gipfelwinden scheiterte. Lucy hingegen kämpft nicht mit unpassender Kleidung, doch gegen den Willen ihrer Eltern, die Gesetze ihres Standes und geschlechterspezifische Vorurteile. Und gegen ihre Konkurrentin in Sachen Erstbesteigungen durch Frauen, die US-Amerikanerin Meta Brevoort. Lucys Lieblingsführer Melchior Anderegg hört von deren Plänen und eilt sofort nach Zermatt, damit seine treueste Klientin die first Lady on top of the Matterhorn wird. Ist aber Lucy nur das, oder etwas mehr? Dazu ein kurzer Dialog zwischen Bergführer Peter Perren und Matti, Dorforiginal von Zermatt, im Schauspiel „Matterhorn: No Ladies please!“ von Livia Anne Richard, das in diesem Sommer im Rahmen der Freilichtspiele Zermatt auf dem Riffelberg aufgeführt wird und das am vergangenen Donnerstag Premiere feierte:

Matti: Melchior, Melchior – ich kheere numma no «Melchior».
Peter: Bischt appa schalüsa?
Matti: Mich nimmt numma wunner, ob där mit ira numme gheyt ga chlättru.
Peter: Was dü in diinem Chpof öi immer zämenschtudierscht.
Matti: Ich tetti ämel nid numma chlättru, mit dära.

Aber, aber Matti! Auch an den dritten Freilichtspielen Zermatt erleben wir spannende Stunden, hoffentlich mit abendsonnigem Blick aufs Matterhorn.

Begleitet wird das Theaterstück durch die Ausstellung „Matterhorn Ladies“ des Alpinen Museum der Schweiz. Erzählt wird auf dem Gornergrat oben, mit Texten, Fotos, Büchern und Ausrüstungsgegenständen die Geschichte von vierzehn Matterhorn-Pionierinnen aus der Schweiz, Italien, England, Belgien, Frankreich, USA und Japan. So die Matterhorn-Hochzeitsreise von Maud Wundt-Walters im Sommer 1894. Oder der erste All-Female-Ascent am 13. August 1932 durch die Französin Alice Damesme und die US-Amerikanerin Miriam O’Brien. Und der überhaupt erste Flug vom Gipfel im Wingsuit durch die Westschweizerin Géraldine Fasnacht im Juni 2014.

Olivier Cavaleri: Histoire de bornes. La frontière entre le Valais et l’Italie. Balades – découvertes – histoire. Editions Slatkine, Genève 2019, Fr. 32.-. www.histoiredebornes.ch

Matterhorn: No Ladies please! Riffelberg, 11. Juli bis 1. September 2019; www.freilichtspiele-zermatt.ch
Matterhorn Ladies. Gornergrat, 29. Juni bis 27. Oktober 2019; www.alpines-museum.ch

Turner – Das Meer und die Alpen

Luzern feiert seinen berühmtesten Maler mit einer grossartigen Ausstellung und ebensolchen Publikationen. Unübersehbar im Mittelpunkt: die Rigi.

6. Juli 2019

„Ein Berg aus Licht ist die Rigi, sie scheint über dem Wasser zu schweben, doch wie ist das möglich? Kann ein Berg schweben? Hier kann er es.“

Schreibt der holländische Schriftsteller Cees Nooteboom in seinem Beitrag zum Ausstellungskatalog eines Künstlers, dessen Werke ab heute Samstag, 6. Juli, bis zum 13. Oktober 2019 im Kunstmuseum Luzern gezeigt werden. Der vielversprechende Titel der Ausstellung lautet „Turner – Das Meer und die Alpen“. Dass das Kunstmuseum Luzern gerade mit Joseph Mallord William Turner (1775–1851) das 200-Jahr-Jubiläum der Kunstgesellschaft Luzern, also seinen Trägerverein, feiert, ist natürlich kein Zufall. Kein anderer Maler hat die Stadt, den See und seine bekanntesten Berge, den Pilatus und vor allem die Rigi, derart gekonnt und dicht, lichtdurchflutet und unverwechselbar gemalt, aquarelliert und gezeichnet wie Turner. Nochmals Cees Nooteboom zum Aquarell „The Blue Rigi“, 1842 gemalt, 29,7 x 45,0 cm gross, sonst in der Tate in London ausgestellt – die Ausstellung in Luzern ist denn auch in Kooperation mit ihr entstanden: „Wir sehen Vögel in einem Lichtfleck auf dem Wasser, rechts möglicherweise die düstere Form eines kleinen Boots, noch weiter entfernt ein kleines Schiff, die Menschen darauf von einem einzigen Lichtfleck punktförmig erfasst, weiter oben fliegen ein paar Vögel, als wäre das Sonnenlicht ihre Domäne, und darunter, blau, von Licht- oder Nebelschwaden berührt, segelt, schwimmt die Form der Rigi und erwartet den Tag.“ Klasse, nicht wahr? Der Berg, der den Tag erwartet, und wir schauen ihm dabei zu, auf dieser mit Wasserfarben auf Papier gezauberten Landschaft. Es erstaunt nicht, dass ein Ausschnitt der „blauen Rigi“ das Cover des Kataloges „Turner – Das Meer und die Alpen“ bildet.

Anders gesagt: Diese Ausstellung ist ein Muss, aber nicht allein wegen der „blauen Rigi“, sondern auch wegen des Aquarells „A Storm over the Rigi“, des Ölgemäldes „Sunset from the Top of the Rigi“ und – ich kann sie gar nicht aufzählen, all diese Bilder voller Farbe und Licht. Und dann das Aquarell „Beach and Sailboat“ – weniger geht nicht, mehr auch nicht. Reduce to the max. Also: Auf ins Kunstmuseum Luzern, und nicht vergessen, den Katalog zu kaufen. Nicht allein wegen der Bilder, sondern auch wegen der Texte. Cees Nooteboom ist wirklich lesenswert, wie auch der „Wetterbericht“ der Kunstmuseumsdirektorin Fanni Fetzer und die Untersuchung von Beat Wismer zur (abstrakten) Modernität von Turner. Ja, ein zweites Buch sollten wir auch noch gleich mitnehmen: das „Luzerner Skizzenbuch“ von Turner, ein gediegen gestaltetes Faksimile. Da schauen wir dem heute weltberühmten Maler sozusagen über die Schulter, wie er 1844, bei seinem sechsten und letzten Besuch in der Schweiz, immer wieder seinen Berg, die Rigi, festhält.

William Turner ist selbstverständlich auch im neuen Band der Reihe „Wandern wie gemalt – auf den Spuren bekannter Gemälde“ von Ruth Michel Richter und Konrad Richter dabei. Nach den Bänden zum Berner Oberland und zu Graubünden wird nun die Gotthardregion farblich und künstlerisch aufgemischt. 14 attraktive, mit allen wandertouristischen Infos und viel Hintergrund zu Land, Leuten und natürlich Künstlern vorgestellten Wanderungen führen zu 22 Standorten für bekannte und weniger bekannte Gemälde, Skizzen, Stiche und Aquarelle; zu stillen Bergseen und lauten Schluchten, düsteren Tälern und hellen Hochebenen. Wunderbare Szenerien, festgehalten von Alexandre Calame, Rudolf Koller, Caspar Wolf, Heinrich Danioth oder Fritz Zbinden und, immerhin ein Gemälde von einer Frau, Isabelle Tabin-Darbellay. Wanderung 10 geht nach Bellinzona und zum Bild „Bellinzona: The Curch of SS Pietro e Stefano, and the Castello Grande, from the East“. Gemalt hat es unser William Turner anno 1843, auf seiner fünften Schweizer Reise. Auf seiner ersten im Jahre 1802 kam er in Martigny vorbei und malte dort die Burg La Bâtiaz. Das Ölbild ist in Luzern ausgestellt.

Fanni Fetzer, Beat Wismer: Turner – Das Meer und die Alpen. Kunstmuseum Luzern/Hirmer Verlag, 2019, Fr. 39.-

J.M.W. Turner: Luzerner Skizzenbuch. Mit einer Einleitung von David Blayney Brown. Kunstmuseum Luzern/Hirmer Verlag, 2019, Fr. 25.-

Ruth Michel Richter (Text), Konrad Richter (Fotos): Wandern wie gemalt – Gotthardregion. Auf den Spuren bekannter Gemälde. Seelisberg – Bellinzona – Disentis – Goms. Rotpunktverlag, Zürich 2019, Fr. 43.-

Kunstmuseum Luzern: Turner – Das Meer und die Alpen. 6. Juli bis 13. Oktober 2019. www.kunstmuseumluzern.ch/ausstellungen/turner-meer-alpen/

Zindelspitz

Am 6. Juli 1919 wurde die Sektion Zindelspitz des Schweizer Alpen-Club gegründet. Zur Feier eine kleine Erinnerung.

5. Juli 2019

Zindelspitz. (Bild aus Internet)

Der Zindelspitz oder Zindlenspitz ist ein beeindruckener Berg. Matterhorn Nummer 17 auf der Liste des Berner Alpinhistorikers Daniel Anker, der weltweit Matterhörner sammelt. Eine schöne Auszeichnung also und zudem: Der Zindelspitz war Ziel meiner ersten privaten Klettertour – genau in diesem Sommer vor 60 Jahren. Ich kann also sagen, dass nicht nur die Sektion Zindelspitz ein Jubiläum feiert, sondern auch ich mein ganz privates Zindel- oder Zindlenspitz-Gedenkjahr.
Es war also im Sommer 1959, mein Freund Hansruedi Horisberger und ich strampelten an einem Samstag mit dem Velo ins Wägital. Zum ersten Mal, unendlich viele weitere würden folgen. Aber das wussten wir ja noch nicht.
Hansruedi und ich kennen uns seit dem ersten Schultag der ersten Klasse in Gibswil im Zürcher Oberland. Ich erinnere mich gut, da sass ein Fremder Bub, sprach eine seltsame Sprache, die keiner so richtig verstand. Es war Berndeutsch. Bis zur zweiten Sek gingen wir in die gleiche Klasse, verstanden uns bestens, waren dicke Freunde geworden. Dann trennten sich unsere Wege – und fanden sich wieder zu unserer ersten Expedition ins Wägital zum Zindelspitz.
Beide hatten wir einen Kletterkurs besucht, er bei der IO Zimmerberg, ich bei der IO Bachtel. Das Leben hatte uns geografisch getrennt, aber die aufkeimende Leidenschaft für die Berge hatte uns wieder zusammengeführt. Wir waren Lehrlinge, wir hatten kein Geld und auch sonst nicht viel.
Auf der Alp Hofläsch krochen wir ins pampige Heu, so wie später unzählige Male auf der Schwarzenegg, wir froren, bekamen vielleicht ein bisschen Milch von den Älplern zum Frühstück, am Morgen lag dichter Nebel. Das störte uns aber überhaupt nicht, und ich wundere mich noch heute, wie wir den Nordgrat des Brünnelistocks fanden. Denn nicht bloss der Zindelspitz sollte es sein, sondern eine Überschreitung, so wie wir das von den zünftigen Alpinisten in den Bergsteiger-Abenteuerbüchern gelesen hatten. Brünnelistock Nordgrat, Schwierigkeitsgrad 1, dann über den Rossälplispitz zum Zindelspitz. Nicht gerade der Peutereygrat, aber alle Grossen haben schliesslich klein angefangen.
Hansruedi hatte ein Hanfseil aufgetrieben, wir banden uns um den Bauch an mit dem im Kletterkurs gelernten Spirenstich, sicherten über die Schulter ohne Selbstsicherung. Ich kletterte mit Vaters Militärschuhen aus dem Aktivdienst, Hansruedi mit ähnlich abenteuerlichem Schuhwerk. Schwer kam uns der Grat nicht vor, vor dem Tiefblick bewahrte uns der Nebel. Hinüber zum Rossälplispitz gab es dann glaube ich ein Weglein, und auch auf den Zindelspitz wanderten wir am kurzen Seil, wie im Kletterkurs gelernt.
Der spitze Gipfel des Zindlen war in dichten grauen Nebel gehüllt, Aussicht unter Null. Ein paar Leute sassen oben und ich erinnere mich noch, dass einer ein seltsames blechiges Gerät dabei hatte. Er behauptete, das sei ein Lauschgerät und sie hätten uns damit belauscht durch den dicken Nebel hindurch. Jedes Wort und jeden Furz hätten sie gehört. Wir machten verdutzte Gesichter und die Gruppe lachte uns aus. Später habe ich einmal Miltitärdienst mit den Wettersoldaten gemacht, da sah ich, dass das so genannte Lauschgerät der Sender eines Wetterballons war, den die feinen Kerle gefunden hatten. Die machten sich auch noch lustig über unser Hanfseil, das vielleicht nicht gerade der aktuellen Sicherheitsnorm entsprach. Beleidigt zogen wir ab und beschlossen, in Zukunft nur noch auf Berge zu klettern, auf die kein Weg führt, dort würden wir bestimmt nicht mehr so blöden Typen begegnen.
Als nächstes Ziel bot sich das Bockmattli an. Wir begannen mit der Südwestverschneidung am kleinen Turm, der Normalroute am Grossen, dann Westriss-Westkante und am Ende kletterten wir fast alle Routen, die es damals gab. Nur auf dem Zindelspitz war ich nie mehr.
Bald gab es Ärger mit der IO. Dass wir nur noch privat kletterten, passte meinem Leiter nicht. Die ausgeliehene Ausrüstung, Seil und Pickel, musste ich abgeben. In einem Sommer, wir waren ja schon Extremkletterer mit Nordwanderfahrung, hiess es dann: entweder kommst du jetzt mit auf IO-Touren, oder wir schmeissen dich raus.
Ich meldete mich also an für den Ringelspitz, Matterhorn Nummer 249 auf der Ankers Liste. Eine schöne Tour bei prächtigem Wetter, auf der wir einer Bündner Kletterfamilie mit einer netten Tochter begegneten. Aber das ist eine andere Geschichte. In der IO jedenfalls konnte ich bleiben.

Gamsfreiheit. Vom Älplerleben in Vorarlberg

Ausdrucksstarke Schwarzweissbilder und Texte zeigen das arbeitsreiche Leben der Bergbauern in Vorarlberg mit Verständnis und Sensibilität.

25. Juni 2019

„Man hat do Alpodrang – as gaut do Bergo zuo.“

Und hoffentlich sind wir jetzt hoch oben in den Bergen, bei dieser Hochsommerhitze. Die Älpler jedenfalls, die sind schon seit ein paar Wochen oben, auf ihren lieben Alpen. Mit den Kühen und Schafen, den Schweinen und Pferden, dem Hausrat und der Hoffnung auf einen guten Sommer. In diesem Fall: in Vorarlberg, gleich östlich der Deutschschweiz. Dort sprechen sie ein Deutsch, das vielleicht nicht immer sofort verständlich ist. Die oben zitierte Zeile sollte es aber schon sein; sie stammt aus dem Lied „Meor sand vom Wäldarland.“ Vom Bregenzerwald also. Ein schönes Land mit schönen Alpen. Und mit einem ganz schönen Bildband: „Gamsfreiheit. Vom Älplerleben in Vorarlberg.“

Die Krimischriftstellerin Daniela Alge und die Fotografin Ursula Dünser porträtieren 17 Alpen zwischen Bregenz und St. Gallenkirch, Feldkirch und Zürs, von der Mittleren Spitalalpe bei Dornbirn bis zur Alpe Netza im Montafon. Und wie sie das tun! Da sind einerseits die kurzen, prägnanten und poetischen Texte der Autorin, immer wieder gekonnt versetzt mit kraftvollen Zitaten. Und da sind diese grossartigen schwarzweissen Aufnahmen von Ursula Dünser, die einen ungeschönten Blick auf das Älplerleben geben und erlauben. „Keine Verklärung, sondern Sichtbarmachung der Emotionalität der Beziehungen von Raum, Mensch und Tier“, um aus einem Mail von Bernhard Tschofen zu zitieren; der Professor für Populäre Kulturen am Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft der Universität Zürich rundet den Bildband ab mit „Mutmaβungen über die Liebe zum saisonalen Leben in den Bergen“.

„Gamsfreiheit“ ist nicht das erste Buch über das Leben und Überleben auf den Alpen oben. Und es wird auch nicht das letzte sein. Aber es gehört zu den besten, weil es ganz nah an dieses besondere Leben herangeht, ohne Pathos und mit viel Empathie. Zudem es hat einen schön doppelbödigen Titel. Herlinde und Günther Hänsler von der Alpe Galtsuttis im Hinteren Bregenzerwald schliessen ihr Vorwort, dem die Liedzeile vom Drang nach den Alpen vorangestellt ist, mit der Beschreibung des Alpabzugs im Herbst ab: „Nun haben die Gämsen ihr Revier wieder für sich allein. Gams-Freiheit!“

Ursula Dünser (Fotos), Daniela Alge (Texte): Gamsfreiheit. Vom Älplerleben in Vorarlberg. Bertolini Verlag, Bregenz 2018, € 34.-

Hütten, Hotels, Häuschen

Was gibt es Schöneres, als in den Bergen zu übernachten? Wenn man weiss wo. Fünf frische Führer stellen alte und neue Unterkünfte oben und auch unten vor.

19. Juni 2019

„Insgesamt ist das Angebot an Berghütten nicht nur grösser geworden. Es ist auch vielfältiger. Die Palette reicht vom abgelegenen Biwak über die klassische SAC-Hütte bis zum Berghotel in Seilbahnnähe. Egal, ob man eine Bleibe für eine Nacht sucht oder ein Basislager für eine ganze Tourenwoche, egal, ob man ein ruhiges Plätzchen bevorzugt, eine schöne Aussicht, eine gute Auswahl an lohnenden Bergtouren, eine hochstehende Küche oder eine sympathische Hüttencrew: In den Schweizer Alpen wird man stets fündig.
Und, ja: Es gibt weiterhin Bergtäler ohne Hütte. Auch das gehört zur Vielfalt.“

Schreiben Remo Kundert und Marco Volken in ihrem Klassiker „Hütten der Schweizer Alpen“, erstmals Anfang Sommer 1998 gedruckt und eben in der 11. Auflage erschienen. Ein paar Hütten sind nicht mehr aufgeführt, dafür ein paar andere erstmals dabei. Und was für neue unter den 350 Unterkünften, liebe Hüttenwanderfreunde! Nur vier Beispiele. 1) die Cabane d’Essertze (2196 m) im Val d’Hérémence, Chalets auf einer sonnigen Matte mit Liegestühlen – Sommeridylle par excellence. 2) die Planigrächti-Hütte (2233 m) auf der Varneralp zwischen Leukerbad und Montana – mon Dieu, eine gepflegtere Aussicht auf die Walliser Alpen gegenüber findet sich selten. 3) die Capanna Anzana (2044 m) zuunterst im Val Poschiavo, hoch oberhalb dem Schmugglerdorf Cavaione – wer dort nicht zur Ruhe kommt, ist selber schuld. 4) das Rifugio Corte Nuovo (1635 m) auf dem schmalen Grat zwischen Centovalli und Valle Onsernone – mamma mia, che bel posto! Allerdings weist diese Hütte, ein vor zwei Jahren umgebauter Stall, nur sechs Plätze auf; es könnte also etwas eng werden…

Die nächste Unterkunft vom Rifugio Corte Nuovo liegt rund anderthalb Stunden entfernt auf dem Monte di Comino; es ist das Ostello alla Capanna mit insgesamt 28 Plätzen. Diese Übernachtungsmöglichkeit ist in Richi Spillmanns „Berg-Beizli-Führer“ aufgelistet, in dem 1279 Bergrestaurants mit und ohne Betten in der Schweiz aufgeführt sind. Für die Ausgabe 2018-19 sind 62 neue Adressen dazugekommen – es gibt also einige nette neue Örtlichkeiten zu erwandern und zu entdecken, auch in kulinarischer Hinsicht. Das gilt noch viel mehr für Richis druckfrischen „Land-Beizli Guide“. Die aktuelle 14. Auflage lockt mit 104 in reizvollen Gegenden zusätzlich aufgenommenen Gastbetrieben. Da haben wir wirklich die Qual der Wahl.

Einfacher zu Hütten kommen Eltern mit dem Bergwanderführer „Familienausflüge zu SAC-Hütten“. 41 Hütten hat Heidi Schwaiger ausgewählt, zehn in der Zentralschweiz, neun im Graubünden, acht im Berner Oberland, sechs im Wallis und je vier im Tessin und in der Ostschweiz. Ein hübsch gemachtes, rucksacktaugliches Buch für Gross und Klein, selbstverständlich mit allen nötigen (wander)touristischen Infos, aber auch mit schlauen Hinweisen zum Sehen, Erleben und Staunen, mit Hintergrundinfos und manchmal mit Gipfelzielen am Hüttenweg. Jetzt muss der Nachwuchs bloss noch mitmachen – die Bootsfahrt auf dem Obersee ein paar Schritte südlich der Kröntenhütte wird den Kids aber bestimmt gefallen.

Apropos See: Alexander Hosch präsentiert in „Winzig alpin. Innovative Architektur im Mini-Format“ die Seehütte am Weissensee in Kärnten. Ein Bijou aus Holz mit 55 m2 Wohnfläche, direkt am Wasser mit einem Bootssteg – ein Traumhäuschen; das Beste kommt noch: Man kann es mieten! 12 ausgewählte Objekte ebenfalls. Andere kann man kaufen, wie das Polybiwak mit seinen 14 m2. Je eines erwartet die Berggänger am Rauhjoch im Südtirol und am Glunzeger in den Tuxer Alpen; weltweit gibt es etwa 40. Man könnte das Polybiwak auch im Garten aufstellen, aber wer will schon ein Alu-Oktogon als ruhiges Gartenhäuschen?

Remo Kundert, Marco Volken: Hütten der Schweizer Alpen/Cabanes des Alpes Suisses, Capanne delle Alpi Svizzeri. 11., vollständig überarbeitete Auflage. SAC-Verlag, Bern 2019, Fr. 49.-

Richi Spillmann: Berg-Beizli-Führer 2018-19. Spillmann Verlag, Zürich 2018. Fr. 39.-
Richi Spillmann: Land-Beizli Guide 2019-20. Spillmann Verlag, Zürich 2019, Fr. 39.-

Heidi Schwaiger: Familienausflüge zu SAC-Hütten. 41 erlebnisreiche Wanderungen mit Kindern. Erste Auflage. SAC-Verlag, Bern 2019, Fr. 49.-

Alexander Hosch: Winzig alpin. Innovative Architektur im Mini-Format. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2018, Fr. 46.-

Ossola und Urschweiz

Es gibt viel zu wandern (und klettern) in diesem Sommer – am Fuss der höchsten Gipfel der Schweiz so gut wie in ihrem Herzen.

12. Juni 2019

„Das Ossolagebiet und seine herrlichen Wege hatten es mir schon lange angetan. Sie sind vom Norden mit dem Zug schnell zu erreichen und doch ganz Süden, ganz alpines Italien. Ich glaubte die Region zu kennen. Jetzt weiss ich, dass ich nichts wusste.“

Mit diesen Sätzen leitet der Stadtberner Journalist und Schriftsteller Peter Krebs sein neues Buch ein: den Kulturwanderführer „Wanderregion Ossola und Simplon. 40 Touren zwischen Brig, Monte Rosa und Lago Maggiore“. Ein handliches, 248 Seiten starkes Werk über eine Region, durch die wir bestimmt schon mal durchgefahren sind auf dem Weg in den Süden, mit einem Mittelpunkt, an dem wir bestimmt schon mal umgestiegen sind und vielleicht auch einen Zug verpasst haben: Domodossola. Genau 1 Std. und 38. Min. vom Hauptbahnhof Bern entfernt, bei der schnellsten Verbindung. Also vor der Haustüre. Und jetzt wissen wir, was wir dort noch machen werden, als nur auf Züge warten und auf dem Mercato einkaufen (letzteres natürlich auch gerne, ma certo). Wandern natürlich, in den sieben Tälern des Ossola, tageweise und tagelang, mit dem Krebs im Rucksack. Mit den Wegen, die er für uns entdeckt und beschrieben hat. Mit den Geschichten, die er uns auftischt; Geschichten von Schmugglern und vom Schmelzwasser, von Walsern und vom Wein, vom Simplon, der zwei Alpenländer verbindet.

Die Buchvernissage von Peter Krebs‘ Italienbuch findet im Rahmen der 1. Internationalen Wandertage in Domodossola statt. Diese Wandertage sind ein italienisch-schweizerisches Projekt der Sezione Domodossola des Club Alpino Italiano CAI und des Schweizer Vereins Sentieri Ossolani. Sie stehen unter dem Patronat der Gemeinde Domodossola. Der Verein Sentieri Ossolani wurde 2018 mit Ziel gegründet, einen Beitrag an den Unterhalt der teils gefährdeten Wanderwege im Ossolagebiet zu leisten. In Zusammenarbeit mit dem CAI und mit lokalen Gruppen werden alljährlich Arbeitseinsätze mit Leuten aus der Schweiz und Italien organisiert. In diesem Jahr werden im Juli und September weitere Strecken im Valle di Bognanco und im Valle Anzasca instand gestellt; Freiwillige sich bitte melden!

Neue Wege gibt es aber nicht nur am Südrand der Schweiz zu entdecken, sondern auch mittendrin. Im Sommer 2018 ist die Via Urschweiz eröffnet worden, der Kulturwanderweg vom Urnersee zum Vierwaldstättersee, der durch mächtige Naturlandschaften und historisch prächtige Dörfer führt. Nun ist zusammen mit dem Autor Erich Herger und namhaften Fotografen der Region ein neuer Kulturführer entstanden. Es ist das erste Buch zur Region, das Kultur und Wandern verbindet und eine touristisch bislang wenig bekannte Region erschliesst. Auf geht’s, von Flüelen über Isenthal nach Beckenried, dann über Seelisberg zurück nach Flüelen. Und an welcher grünen, patriotischen Wiese am See kommen wir da vorbei? Friedrich Schiller beschreibt sie in der zweiten Szene des zweiten Aufzuges von „Wilhelm Tell“.

Kurz: Es gibt viel zu wandern (und zu lesen) in diesem Sommer – am Fuss der höchsten Gipfel der Schweiz so gut wie in ihrem Herzen. Und noch ein Hinweis auf diejenigen, die lieber klettern als wandern. Ebenfalls druckfrisch ist dieser Führer, der erstmals auf Deutsch erhältlich ist: „Ossola Rock. Sportklettern und alpines Klettern vom Lago Maggiore bis zum Simplon, vom Monte Rosa bis zu den Tälern von Devero, Formazza und Vigezzo“. Neu werden die Klettergebiete Nibbio, Onzo und Ponte Romano beschrieben. Anders gesagt: Vielleicht nehmen wir in Zukunft auch Seile und so mit, wenn wir mit dem Zug durch den Simplon fahren.

Peter Krebs: Wanderregion Ossola und Simplon. 40 Touren zwischen Brig, Monte Rosa und Lago Maggiore. AS Verlag, Zürich 2019, Fr. 39.80.

Am Samstag, 15. Juni 2019 um 14.30 Uhr in der Eingangshalle des Teatro Galletti in Domodossola, präsentiert Peter Krebs seinen neuen Führer im Rahmen der 1. Internationalen Wandertage. Vorgängig findet ein Kongress zum Thema Wandern und öffentlicher Verkehr statt, anschliessend an die Vernissage wandert man gemeinsam zum Sacro Monte Calvario hinauf. Und am Sonntag stehen geführte Wanderungen nach Masera und Montecrestese auf dem Programm. Weitere Informationen und Anmeldung unter www.sentieriossolani.ch.

Erich Herger: Wanderregion Urschweiz. Nidwalden – Uri. 20 Touren und fünf Tagesetappen entlang der Via Urschweiz. AS Verlag, Zürich 2019, Fr. 39.80.

Am Freitag, 21. Juni 2019 um 11.00 Uhr im Seerestaurant Seedorf in Seedorf, findet die Vernissage des Kulturführers „Via Urschweiz“ statt. Anmeldung unter info@regionklewenalp.ch.

Fabrizio Manoni, Maurizio Pellizzon, Paolo Stoppini: Ossola Rock. Sportklettern und alpines Klettern vom Lago Maggiore bis zum Simplon, vom Monte Rosa bis zu den Tälern von Devero, Formazza und Vigezzo. Edizioni Versante Sud, Milano 2019, € 35.-

Der Berg ruft – mehrmals

Der Berg ruft – die Echos sind im Gasometer Oberhausen und im Alpinen Museum Bern zu hören und zu sehen.

5. Juni 2019

«Bei Tagesanbruch setzten wir uns in Bewegung und begannen, den südwestlichen Grat zu ersteigen. Von einem Schlendern mit den Händen in den Taschen war keine Rede mehr; jeder Schritt war ein richtiges Klettern. Zum Glück war es ein höchst angenehmes Steigen. Die Steine lagen fest und waren nicht mit Geröll bedeckt. Die Spalten waren gut, wenn auch nicht zahlreich, und kamen wir in Gefahr, so verschuldeten wir sie selbst. So dachten wir wenigstens und riefen laut, um das Echo der Felsen zu wecken. Wir bekamen keine Antwort, das heißt jetzt nicht. Warten wir ein Weilchen und dann, da hier alles den großartigsten Maßstab hat, zählen wir ein Dutzend und hören von den Mauern der Dent d’Hérens, die stundenweit entfernt ist, Echos in reinen, sanften und musikalischen Tonwellen zu uns dringen.»

Es ist der 29. August 1861, Edward Whymper macht seinen ersten Versuch am Matterhorn, zusammen mit einem unbekannten Führer aus dem Berner Oberland. Die Nacht haben sie auf dem Col de Lion verbracht. Sie hatten ein Zelt dabei, aber es liess sich wegen des starken Windes nicht aufstellen; wenigstens konnten sie sich ins Zelttuch einhüllen. Es war die erste Nacht, die Alpinisten am Matterhorn (4478 m) verbrachten. Und es war der insgesamt achte Versuch, den unübersehbaren Berg auf dem italienisch-schweizerischen Grenzkamm zu besteigen, der damals die besten Alpinisten auf den Platz rief. Whymper und sein Führer kommen an diesem Donnerstag bis auf 3800 Meter am Liongrat. Der Engländer wird sieben weitere Versuche unternehmen, bis dann am 14. Juli 1865 endlich die Besteigung gelingt. Ein Triumph, der – wir wissen es – in einer Tragödie endete, mit dem Absturz von vier der sieben Erstbesteigern.

Seither steht das Matterhorn im Zentrum. In mannigfacher Hinsicht. Und es tut dies zur Zeit auch an einem Ort, wo die Berge höchstens gut 100 Meter hoch sind. Im Ruhrgebiet nämlich, genauer im Gasometer Oberhausen, einem einzigartigen Industriedenkmal, das in 118 Metern über dem Boden gipfelt. In dieser höchsten Ausstellungs- und Veranstaltungshalle Europas hängt das Matterhorn kopfüber im 100 Meter hohen Luftraum des Gasometers, als monumentale Skulptur, die mittels 3D-Technik im Wechsel der Tages- und Jahreszeiten beleuchtet wird. Die Skulptur spiegelt sich im Fussboden der Manege, so dass man den Berg der Berge doppelt sieht – sozusagen als visuelles Echo. Unvergesslich! „Der Berg ruft“ heisst die Ausstellung, die noch bis zum 27. Oktober 2019 zu sehen ist.

Dem Matterhorn begegnet man im Gasometer natürlich auch sonst immer wieder. Dort eine Foto, da das berühmte Gemälde vom Absturz, dort der Pickel von Whymper, hier ein Stück Gipfelfels, den man berühren darf; nicht ganz zufällig hat er die Form des Gipfelaufbaus! Im Erdgeschoss und im ersten Stock besteht die Ausstellung vor allem aus grossen und grossartigen Fotos, die viele und schöne Geschichten erzählen. Was jedoch fehlt, ist die kritische Auseinandersetzung zum Thema: Wintersport und Klimawandel werden kaum gezeigt, und schon gar nicht ihre unschönen Seiten. Schliesslich ruft der Berg nicht nur, er kommt auch.

„Es war unsere Lieblingsunterhaltung, durch laute Rufe dieses Echo zu wecken, das nach etwa 12 Sekunden jeden scharfen Schrei mehrmals sehr deutlich wiedergab“, erzählt Whymper in seinem berühmten Buch „Berg- und Gletscherfahrten in den Alpen, in den Jahren 1860 bis 1869“. Darin beschäftigt er sich immer wieder mit dem Echo. Er hätte also grosse Freude an der neuen Ausstellung im Alpinen Museum in Bern, die zusammen mit dem Musiker und Stimmkünstler Christian Zehnder entstanden ist: „Echo. Der Berg ruft zurück.“ Im Zentrum stehen sieben Echo-Aufnahmen aus verschiedenen Regionen der Schweiz. Mit einem hochsensiblen Kunstkopf-Mikrofon zeichnete Zehnder seine Jutze und Jodel so auf, dass sie ein dreidimensionales Hörerlebnis vermitteln. „Echo“ war aber immer weit mehr als das unterhaltsame akustische Phänomen, das im 19. Jahrhundert mit dem Einsatz von Echo-Kanonen touristisch vermarktet wurde. «Echo» steht auch für unser aller Bedürfnis nach Resonanz: Wir rufen – und freuen uns auf den Rückruf. Von der Lorrainebrücke in Bern, dem Jodlerclub „Echo von Niedergösgen“ und der Dent d’Hérens. Ho-la-re-di-ho…

Der Berg ruft. Herausgegeben von Peter Pachnicke. Klartext Verlag, Essen 2018; € 20.- in der gleichnamigen Ausstellung im Gasometer Oberhausen; bis 27. Oktober 2019.

Echo. Der Berg ruft zurück. Ausstellung im Alpinen Museum der Schweiz, Bern, Biwak #24; bis 27. Oktober 2019. Vielfältiges Veranstaltungsprogramm, das heute Mittwoch mit einem Jodelspaziergang durch Bern beginnt. www.alpinesmuseum.ch/de/veranstaltungen

Küstenpfade in Britain und in der Bretagne

Tage-, lang wochenlang auf Küstenwegen unterwegs sein. So vermischt sich das Salz des Meerwindes mit dem Salz des Lebens – und dem des Lesens.

31. Mai 2019

„Was vor uns lag? Der Weg, nur der Weg.“

Aber was für ein Weg! Besser wohl: Was für Wege! Der Weg fort von einem Zuhause, das es nicht mehr gibt. Der Weg voraus in ein vielleicht neues Leben. Und der längste und wildeste Küstenweg von England, der South West Coast Path.

Moth und Raynor Winn machten sich im Jahre 2013 auf, den gut 1000 Kilometer langen South West Coast Path zu wandern, von Somerset über Devon und Cornwall nach Dorset. Sie haben alles verloren – ihr Haus, ihr Vermögen und Moth seine Gesundheit. Alles, was das Paar noch besitzt, passt in zwei Rucksäcke. Ihr Zuhause ist nun immer dort, wo sie ihr kleines Zelt aufstellen, meistens direkt auf dem Weg, selten auf Campingplätzen, weil das zu viel kostet. Sie kämpfen mit Vorurteilen und Ablehnung, dem Wetter und der Sorge, dass das Geld für den nächsten Tag nicht reicht. Und zugleich entdecken Moth und Raynor auf ihrer langen Wanderung ein neues Glück: herzliche Begegnungen, ihre neu erstarkte Liebe und die Fähigkeit, Kraft aus der Natur zu schöpfen. Und natürlich erleben sie die Natur selbst, diese wilde, wind- und leider auch zu oft regengepeitschte Südwestküste Englands. Man möchte nur bedingt mitwandern.

Aber lesend mitgehen, das schon und unbedingt. Denn Raynor Winn beschreibt den Küsten- und Lebensweg so frisch, so echt, so überzeugend, dass wir gerne mit den beiden Mutigen unterwegs sind, Seite und Seite, Schritt um Schritt. Dazu nur ein Beispiel: „Blickte man nach vorn, zog sich der Weg über eine endlose Abfolge von Landzungen dahin und verlor sich in einer blau-grünen Unendlichkeit. Blau – grün – blau – grün. (…) Er stieg in Wellen auf und ab, auf, auf, ab, ab.“ Die Originalausgabe erschien 2018, The Times bezeichnete „The Salt Path“ als „das inspirierendste Buch des Jahres“. Das Salz des Küstenweges vermischt sich mit dem Salz des Lebens zu einem Leseabenteuer.

Lust aufs Lesen und Küstenwandern bekommen? Dann sei noch ein anderer Küstenweg empfohlen. Nämlich der 1700 Kilometer lange Sentier des douaniers rund um die Bretagne. Nun, es muss ja nicht die ganze Grande Randonnée 34 sein, schon auf einzelnen Abschnitten des durchgehend rot-weiss markierten Zöllnerpfades wird man die einmalige Schön- und Wildheit der Bretagne erleben, das ununterbrochene Wechselspiel von Ebbe und Flut spüren und die Meeresfrüchte inklusive passendem Weisswein in einem petit restaurant geniessen. Also, worauf warten Sie noch? Mais oui – auf den passenden Wanderführer! Hier ist er: „Küstenwandern in der Bretagne“ von Dagmar Beckmann und Christoph Potting. 18 Tagestouren stellen die beiden mit allen nötigen Infos vor; nur die Orientierung im Führer fällt nicht ganz leicht, aber vor Ort wird es ja dann einfach sein: immer dem Wasser entlang. Jede der Touren ist einem besonderen Thema gewidmet, von Austern über Leuchttürme und Militärbunker bis zum Segeln und Salz. Let‘s go, mes amies!

Raynor Winn: Der Salzpfad. DuMont Reiseverlag, Ostfildern 2019, Fr. 22.-

Dagmar Beckmann, Christoph Potting: Küstenwandern in der Bretagne. Entdeckungstouren auf dem Zöllnerpfad. Rotpunktverlag, Zürich 2019. Fr. 34.-

Bergkrimis, erste Staffel

Neue Bergkrimis aus der Schweiz und dem angrenzenden Ausland. Spannende Lektüre, aber nur an einem sicheren Ort in der Stadt…

22. Mai 2019

„Und dann, während sie das Panorama bewunderte, habe ich ihr einen harten Stoss versetzt. Es ging ganz leicht. Erschütternd leicht.“

Sagt Robert zu den Leuten, die ihn eben festgenommen haben. Sein Geständnis offenbart die Urszene im Bergkrimi: der Sturz in den Abgrund. Nicht durch eine Unachtsamkeit, ein Stolpern oder ein Ausrutschen, nicht durch einen ausbrechenden Griff, einen herunterfallenden Stein oder sonst etwas. Nein! Sondern durch eine nahe stehende Person: ein kleiner Schubser, ein harter Stoss, ja vielleicht gar nur ein Schreckruf oder ein falscher Tipp. Und schon stürzt das Opfer ab. Ob es dann einen Täter gibt, ist schwierig zu ermitteln. Der Plan von Robert wäre fast aufgegangen, wenn Monika beim Sturz nicht ihre Brille verloren hätte. Und die wird dann zufällig gefunden. „Weitsicht“ heisst der Niesenkrimi von Esther Pauchard, eine mit Werken des Kunstmuseums Thuns sinnig illustrierte Erzählung. Denkt also daran, wenn Ihr das Panorama bewundert, dass niemand in der Nähe steht…

„Doch bei diesem Wetter – ich weiβ nicht. Man muss durch den ‚Geltentritt‘. Das ist eine Felswand, die über eine Metallleiter und einen felsigen, glitschigen Pfad überwunden werden muss. Für ungeübte Berggänger ist das nicht zu empfehlen, erst recht nicht bei diesem Wetter. Wenn man abrutscht, ist der nächste Halt hundert Meter weiten unten, am Fuβ der Wand.“

Sagt Ludivine zu Cora auf Seite 79 in „Blutlauenen“ von Christof Gasser. 200 Seiten weiter hinten stehen sich die zwei Frauen genau im Geltentritt gegenüber, etwas weniger freundlich, denn plötzlich zückt – das verrate ich natürlich nicht. Nur so viel: Immerhin sind die beiden bis zu dieser schwierigen Wegpassage zwischen der Alp Chüetungel und der Geltenhütte hoch oben im Lauenental bei Gstaad noch am Leben. Für andere Mitglieder der Jugendclique nämlich, die sich im fiktiven Jagdhaus auf Chüetungel alias Blutlauenen zusammengefunden haben, um alte Erinnerungen aufzufrischen, wird der Ausflug in die Berge der letzte sein. Denkt also daran, wenn Ihr zu einem Wochenende in einer abgelegenen Hütte eingeladen seid, dass es erstens ungefährliche Fluchtwege und zweitens freundliches Wetter gibt…

„Ist ganz schön was los auf dem eisigen Berg, was? Und jetzt führ mich über den Gletscher. Ich will zum Cliff Walk. Traust du dir bei diesen Windböen zu, auf einer wackeligen Hängebrücke in die Tiefe zu blicken? Oder hast du Angst vor dem Berg?“

Sagt Staatsanwältin Eva Roos zum Luzerner Ermittler Cem Cengiz in Monika Mansours „Die Tote vom Titlis“. Die beiden machen ihre Hochzeitskurzreise auf den Titlis. Eine grosse Gruppe aber zelebriert die Heirat in der Gletschergrotte auf dem Titlis, doch kurz vor dem Jawort wird die Braut erschossen. Wegen eines aufkommenden Schneesturms muss die Luftseilbahn ihren Dienst einstellen. Und plötzlich gibt es noch mehr Tote. Nach dem Jagdhaus im Berner Oberland erneut ein tödliches Kammerspiel à la Agathe Christie, nun auf dem berühmten Eisberg in der Zentralschweiz. Denkt also daran: Nie bei Sturm auf den Titlis, und schon gar nicht dort oben heiraten…

„Gian, du kennst ja das Engadin auch sehr gut, bist als eingefleischter Bündner viel unterwegs. Der Munt la Schera ist dir ein Begriff?“

Sagt Giulia de Medici, Ermittlerin der Kapo Graubünden, zu ihrem Bekannten in Philipp Gurts „Bündner Treibjagd“. Genau an diesem Munt la Schera, einem der wenigen mit Wegen erschlossenen Gipfel im Schweizerischen Nationalpark, beginnt die Treibjagd. Allerdings nicht auf Tiere. Sondern auf Menschen wie Ladina Demarmels, einst eine erfolgreiche Biathlonistin, deren Karriere kaputt ging, als sie von einem Auto angefahren wurde. Und jetzt wird sie im Parc Naziunal Svizzer gejagt. Schicksal oder Zufall? Das versucht Giulia de Medici herauszufinden, gegen äussere und innere Widerstände. Und mit einem sehr überraschenden Schluss, zu dem sie in einer einsamen Alphütte gefunden hat. Denkt also daran, dass ein Aufenthalt in der Berghütte zu neuen Erkenntnissen führen kann, vielleicht auch zu schrecklichen…

„Hat sie denn etwas gesehen? Hat der Wolf das Mädchen in den Abgrund gestoβen? Könnte das so gewesen sein?“

Sagt Garmischer Kommissarin Kathi Reindl zu einer Zeugin. Mit dabei bei der Befragung ist ihre Kollegin Irmi Mangold, ganz entgegen ihrer Absicht. Denn im zehnten Alpenkrimi um Irmi Mangold, in „Wütende Wölfe“, lässt Autorin Nicola Förg die Hauptfigur eine Auszeit auf einer Alp nehmen. Aber drei bizarre Fälle – darunter ein toter Mann gefangen in den Schlageisen einer so genannten Wolfsgrube – erschüttern Irmi Mangold tief. Ihr Sabbatical als Alphirtin hin oder her: Sie muss nun doch Tatorte erfühlen, unbequeme Fragen stellen und zwischen tierischen und menschlichen Wölfen scharf unterscheiden. Denkt also daran: Es gibt Wölfe im Schafspelz, und umgekehrt…

„Ich hätte nicht gedacht, dass es hier so schön sein kann. Mal abgesehen von den Bergen, die ich immer noch ätzend finde, sind die Wiesen… Also solche grünen Wiesen hat Rom nicht so bieten.“

Sagt Rocco Schiavone, der von Rom nach Aosta strafversetzte, stellvertretende Polizeichef, im neuen Roman von Antonio Manzini. Es ist der vierte, der nun auf Deutsch vorliegt, und er passt perfekt in diesen Frühling: „Ein kalter Tag im Mai“. Sehr lesenswert, wie alle Romane und Erzählungen um Rocco Schiavone. Aber „Era di maggio“ ist kein Bergkrimi, obwohl er im Tal mit den höchsten Spitzen der Alpen spielt. Auf der Vorderseite ist zwar eine grüne Zinne zu sehen, und auf der Rückseite steht gross geschrieben „Mord mit Bergblick“. Denkt also daran: Nicht immer, wenn Gipfel auf dem Cover abgebildet sind, geht es um Verbrechen auf den Bergen…

Esther Pauchard: Weitsicht. Ein Niesenkrimi. In: Berge sammeln. Ein Projekt im Rahmen der Ausstellung Bergwärts im Thun-Panorama. Kunstmuseum Thun 2018, Fr. 14.-
Christof Gasser: Blutlauenen. Emons Verlag, Köln 2019, Fr. 19.-
Monika Mansour: Die Tote vom Titlis. Emons Verlag, Köln 2019, Fr. 19.-
Philipp Gurt: Bündner Treibjagd. Emons Verlag, Köln 2019, Fr. 19.-
Nicola Förg: Wütende Wölfe. Pendo Verlag, München 2019, Fr. 25.-
Antonio Manzini: Ein kalter Tag im Mai. Rowohlt Verlag, Reinbeck bei Hamburg, Mai 2019, Fr. 15.-