Mit Ski zum Tag der Berge

Drei Skibücher zum Internationalen Tag der Berge. Mal philosophisch, mal historisch, mal touristisch. Die Piste ist geöffnet.

«La piste est la mise à plat du skieur. Si les visiteurs des stations modernes ne sont sans doute pas les premiers, dans l’histoire des véhiculations humaines, à avoir éprouvé le frisson de la glisse, ils sont en revanche les premiers à avoir planifié ce plaisir en compactant la neige sous le poids des dameuses.»

Eine kurze Worterklärung, bevor wir uns am internationalen Tag der Berge (11. Dezember) mit dem brusttaschentauglichen Buch «Traité de ski alpin par temps chaud» von Laurent Buffet auf die Piste machen. Dass sie, wenigstens am Morgen, so schön und eben gewalzt ist, das haben eben am Abend und oft noch in der Nacht die Dameuses gemacht, die Pistenraupen. Diese Fahrzeuge, im Südtirol nett auch Schneekatzen genannt, fahren im Kapitel auf, das mit «Kurvenführung der Pistenstrecken» überschrieben ist. Wobei dies natürlich mehr mit Gedanken als mit Gelände zu tun hat. Wie alles auf den hundert, mit fünf schwarzweissen Abbildungen illustrierten Seiten in dieser philosophischen Abhandlung zum alpinen Skilauf. Dass Roland Barthes mitkurvt, erstaunt nicht, eher schon Walter Benjamin mit seinem Werk zu Paris und den Passagen. Nun, die Pisten sind ja auch speziell gemachte Wege, um Menschen von A nach B zu bringen, mehrmals am Tag. Zum Vergnügen (hoffentlich) und mit Geschwindigkeit (wenn man’s kann). Wobei Laurent Buffet die Psychoanalyse als Pistenmarkierung hinstellt, was man beim lesenden Fahren vielleicht nicht immer mitkriegt. Das Folgende hingegen schon, kurz vor dem Abschwingen: «Auf der Suche nach einem anderen Leben hinterlässt der Skifahrer weiterhin seine Spuren auf den schmelzenden Schneeflocken.» Die beiden letzten Sätze dann wieder im Original: «On dit que la montagne est dangereuse. Le skier est sans doute le dernier des aventuriers.»

Ob er das wirklich ist, sei mal dahingestellt. Sicher ist: Der Skilauf, insbesondere der alpine, ist eindeutig mehr als einfach über eine schräge weisse Fläche zu gleiten und zu kurven, nicht unbedingt möglichst schnell, aber schon mit Fahrwind. Was der Skilauf historisch und gesellschaftlich mit dem Skiland Schweiz verbindet, erfahren wir im ebenfalls brusttaschengrossen Buch «La civilisation du ski. Une autre histoire de la Suisse». In zehn Kapiteln, vom Aufkommen des Skilaufs am Ende des 19. bis zum Après-Lift im 21. Jahrhundert, schildern Grégory Quin und Jean-Philippe Leresche von der Uni Lausanne und Laurent Tissot von der Uni Neuchâtel eindringlich und überzeugend, wie das Skifahren untrennbar mit der zeitgenössischen Geschichte der Schweiz verbunden ist. Lange Zeit war es als Sport und Freizeitbeschäftigung die Nummer 1 im Land, ein fester Bestandteil des helvetischen «Alpenmythos», der mit Albrecht von Haller einsetzte und mit Vreni Schneider und Pirmin Zurbriggen (sein «Knie der Nation» anno 1985!) Nachfolger fand. Dennoch wird heute die Zukunft dieses nationalen Wintersports aufgrund des Klimawandels und der sozialen und ökologischen Kosten zunehmend in Frage gestellt. Hinter den jüngsten Erfolgen der Schweizer Champions und der Freude am Skifahren verbergen sich allerdings weitreichendere Fragen zum Fortbestand einer echten Skikultur, die dieses tief schürfende Buch anhand ihrer historischen Wurzeln, ihrer Wirtschaftlichkeit, ihrer Technologien, ihrer Politik und ihrer alten und aktuellen Praktiken untersucht. Und das auch mit Tabellen zu Schneetagen, zur Grösse von Skigebieten, zur Anzahl von Skifahrern, Skiclubmitgliedern und verkauften Skis, zu den 230 durchgeführten Weltcuprennen in der Schweiz von 1967 bis 2025 (56 Mal in Adelboden; nur einmal zum Beispiel in Flühli im Entlebuch, ein Slalom 1987, inoffizielles Abschiedsrennen für Erika Hess mit Sieg von Corinne Schmidhauser). Ganz schön das fünfte Kapitel, das sich mit der Vorstellungswelt des Skilaufs beschäftigt, mit Plakaten, Filmen, Büchern. Schade eigentlich, dass «Heidi» zur berühmtesten Figur im Alpenland Schweiz aufstieg, lange bevor der Skilauf Fahrt aufnahm. Das wär doch eine schier göttliche Fügung gewesen, wenn Heidi der Klara aus Frankfurt das Skifahren beigebracht hätte…

Stopp, Querschwung! Es fährt ja Ski, das Heidi, in seinem Land nämlich, in der Ferienregion Heidiland zwischen Walensee und Sarganserland. Insbesondere natürlich im Skigebiet Wangs-Pizol mit dem «schönsten Skiberg der Ostschweiz». Das heisst es im Führer «111 Skipisten, die man in Deutschland, der Schweiz, Österreich & Südtirol gefahren sein muss» vonChristoph Schrahe, Thomas Biersack, Stefan Herbke. Der Führer war vor fünf Jahren erstmals erschienen (https://bergliteratur.ch/fuehrer-fuer-die-wintersaison/) und kurvt nun mit 20 neuen Pisten auf. Das heisst umgekehrt, dass gleichviele nicht mehr unbedingt gefahren werden müssen. Folgende sechs Pisten aus der Schweiz wurden gestrichen: La Dzorniva in Lax, Hockenhorngrat im Lötschental und die Skitour über die Lötschenlücke (letztere verständlicherweise wegen des Bergsturzes von Blatten!), Chälenegg auf der Klewenalp, Mythen-Skisafari und die Abfahrt von Stütze 2 am Säntis. Neu dabei sind vier eidgenössische Strecken: Grindel auf der Firstseite von Grindelwald, Säntisabfahrt nach Wasserauen, der Schwarze Diamant in Arosa und die Standart in Bivio. Insgesamt 32 Must-Runs in Switzerland. Neu dabei sind ebenfalls zwei ganz besondere österreichische Skipisten. Einerseits die Ulli-Maier-Strecke im Salzburger Land (am 29. Januar 1994 starb Ulli Maier wegen Aufpralls an einem Holzpfosten bei einem Super-G in Garmisch-Partenkirchen; die Piste an der Kreuzbodenalm, wo Ulli jeweils trainierte, trägt seit 2019 ihren Namen). Andererseits die Streif in Kitzbühel, neben dem Lauberhorn DIE Abfahrtsstrecke. Jeder «mordu de la vitesse», so eine Bezeichnung von Laurent Buffet, möchte dort mal runterfahren. Und gewinnen bzw. heil unten ankommen. Bonnes descentes, mes amis!

Wenn es denn Schnee hat. Im Weyerli in Bern hat es. Aus dem chemikalienfreien Abriebmaterial der Kunsteisbahn Weyermannshaus entsteht auf dem Abhang im Freibadgelände eine Miniskipiste inklusive eines begehbaren Förderbands. In Betrieb bis am 8. Februar 2026 jeweils am Mittwoch-, Samstag- und Sonntagnachmittag von 13 bis 17 Uhr; www.sportamt-bern.ch/schneespass-im-weyerli/.

Laurent Buffet: Traité de ski alpin par temps chaud. Éditions La Bibliothèque, collection Les Billets, Les Lilas 2025. € 14,00.

Grégory Quin, Laurent Tissot, Jean-Philippe Leresche: La civilisation du ski. Une autre histoire de la Suisse. Savoir Suisse des Presses polytechniques et universitaires romandes, Lausanne 2025. Fr. 17.50.

Christoph Schrahe, Thomas Biersack, Stefan Herbke: 111 Skipisten, die man in Deutschland, der Schweiz, Österreich & Südtirol gefahren sein muss. Überarbeitete Neuauflage. Emons Verlag, Köln 2025, € 19.-

Kinder und Jugendliche zum Berg

Drei neue Bücher für Kinder und Jugendliche, darin Berge gross oder nur am Rande vorkommen. Ausgerechnet das Geschichtsbuch zum Bergsteigen kommt nicht in die Höhe.

«In den Schweizer Alpen ragte ein mächtiger Berg empor, der unerreichbare Gipfel des Mont Blanc.»

Heisst es auf Seite 11 des Buches «Auf in die Berge! Was Menschen in die Höhe treibt» von Katja Seifert, empfohlen ab sechs Jahren. Klar, in vielen Reiseführern zur Schweiz vor allem des 19. Jahrhunderts wurde der Mont Blanc grosszügig zu den helvetischen Bergen gezählt. Mais quand-même, würden die Leute von Chamonix bzw. Courmayeur sagen… Das Buch zu Geschichte und Motivation des Bergsteigens, «reich illustriert mit interessanten Fakten» (so der Waschzettel), löst dieses Versprechen buchstäblich immer wieder ein. Auf Seite 19 befindet sich das Matterhorn «an der Grenze zwischen der Schweiz und Italien», zwei Seiten später lesen wir im Abschnitt zur ersten Frauenbesteigung im Jahr 1871: «Meta gelang wenig später als erster Frau die Matterhorn-Überschreitung von der Schweiz nach Frankreich»; der Nachname von Meta wird zudem mal richtig Brevoort, mal aber auch Bretvoort geschrieben. Es wird noch interessanter: Edmund Hillary und Tenzing Norgay, die Erstbesteiger des Everest, «bezwangen eine 12 Meter hohe Felsstufe, an der zuvor vermutlich Mallory und Irvine gescheitert waren». Nur versuchten die Letztgenannten den Everest von Norden zu besteigen, während Hillary & Tenzing von Süden erfolgreich waren.

Um Unstimmigkeiten, allerdings ganz anderer Art, geht es im Jugendkrimi «Gauner im Berg!» in der Reihe «SOS Seraina, Olivio, Simon» von Frank Kauffmann und Daniel Reichenbach. In ihrem fünften Fall ermittelt das Trio aus Amden und Weesen in den Höhlen des Churfirstengebiets, wo sich die Beute eines jahrzehntealten Uhrendiebstahls verstecken soll. Vielleicht im berühmten Wildmannlisloch, wahrscheinlich aber in einer ganz anderen Höhle. Für Spannung ist also gesorgt, erst recht, als die jugendlichen Detektive mit Hilfe eines richtigen Speläologen den Schatz finden, jedoch in der tiefen Höhle gefangen bleiben, weil der Komplize des Gauners ihnen die Leiter zum Wiederaufstieg abgeschnitten hat. Doch es gibt einen Geheimausgang, der allerdings so schmal ist, dass man nur auf dem Bauch kriechend durchkommt. Da braucht Seraina einen kühlen Kopf – und Mut. Ob sie es schafft?

Und ob es «Der kleine Hasenfuß Leo» schafft, sich an einem Seil über eine tiefe Schlucht zu schwingen? Leo ist ein kleiner Schneeleopard, der mit seiner Familie eine Bergwanderung unternimmt bzw. unternehmen muss. Denn Leo ist ängstlich, da er Probleme mit seinem Gleichgewichtssinn hat. Mit Rat und Tat einer pfiffigen Hummel wird er stabiler und damit mutiger. Er schafft die Tour schliesslich und ist zu Recht stolz auf sich. Die Thematik dieses Kinderbuches von Isolde Fehringer, Klaus Ebenhöh und Daniel Spreitzer dreht sich um Reizverarbeitung, wie dem Begleitschreiben zu entnehmen ist. «Bei den einen funktioniert sie besser, bei den anderen weniger. Kinder mit einer Sensory Processing Disorder beim Gleichgewichtssinn bleiben bei Wanderungen und Touren lieber zu Hause. Dabei täte es ihnen – unter guter Anleitung – sehr gut. Das ist die Message unseres Buches.»

Katja Seifert: Auf in die Berge! Was Menschen in die Höhe treibt. NordSüd Verlag, Zürich 2025. Fr. 29.90.

Frank Kauffmann, Daniel Reichenbach: SOS Seraina, Olivio, Simon. Gauner im Berg! Baeschlin Verlag, Glarus 2025. Fr. 24.-

Isolde Fehringer, Klaus Ebenhöh, Daniel Spreitzer: Der kleine Hasenfuß Leo. Verlag Bibliothek der Provinz, Wien 2024. Fr. 22.90.

Frauen voran!

Zwei neue Bücher und eine neue Veranstaltungsreihe zum Frauenalpinismus. In Bern, am Matterhorn, in den Bergen der Welt.

«Mit jedem Tritt ihrer steigeisenbewehrten Füße an der Nordwestwand des Huandoy Este in der peruanischen Cordillera Blanca gewann Juliana García die wertvolle alpine Erfahrung, die sie brauchte, um zu einer der bedeutendsten Persönlichkeiten in der lateinamerikanischen Kletterszene zu werden.»

So steil steigt das Kapitel über die erste zertifizierte Bergführerin Lateinamerikas im Buch «Höher als der Himmel. Heldinnen der Berge» von Joanna Croston ein. Darin stellt die Direktorin des Banff Centre Mountain Film and Book Festival 20 Alpinistinnen vor. Bekannte wie die Japanerin Junko Tabei, die erste Frau auf dem Everest, wie die Französin Catherine Destivelle, der als erster Frau die Solobegehung der klassischen Nordwandroute in der Eigernordwand gelang, und erst noch im Winter; wie die US-Amerikanerin Lynn Hill, die als erste Person (!) die berühmte Nose am El Capitan frei kletterte. Daneben werden, immer auch mit Porträtfotos und Actionbildern, noch hierzulande unbekannte Bergsteigerinnen porträtiert. So eben Juliana García aus Ecuador. So Sarah Hueniken aus Kanada, professionelle Eiskletterin und Gründerin der Trauma-Selbsthilfegruppe Mountain Muskox. So Wasfia Nazreen aus Bangladesch, die nicht nur auf den Seven Summits, den höchsten Gipfeln der sieben Kontinente stand, sondern auch auf dem K2, dem schwierigsten 8000er. Bestens in die Auswahl hätte ebenfalls Nasim Eshqi gepasst.

Nun, wir können die aus dem Iran geflohene Kletterin und Aktivistin live erleben, am Freitag, 28. November um 18.30 Uhr, im ALPS in Bern. Nasim Eshqi ist eine grossartige Erzählerin und hat vor allem auch etwas zu sagen. Sie setzte sich im Iran für Frauenrechte ein und lebt heute in Italien, wo sie politisches Asyl erhielt. Mit ihrem Auftritt lanciert das ALPS Alpines Museum der Schweiz eine neue Veranstaltungsreihe: «AktivismusAlpinismus» stellt international aktive Menschen vor, die Bergsport mit gesellschaftlichem Auftrag verbinden. An drei Abenden pro Jahr (jeweils November bis April) spricht das ALPS mit internationalen Persönlichkeiten über ihr Engagement – für Umwelt, Inklusion, Safe Spaces, Menschenrechte. Am 18. Februar 2026 stellt Beat Baggenstos sein Projekt ClimbAID vor. Am 23. April spricht Zof Reych über ihren Einsatz für neurodivergente, queere Kletter:innen und über ökologische Spannungen im Boulder-Hotspot Fontainebleu. Durch die Veranstaltungen führt Isabella Helmschrott, ehemalige Geschäftsleiterin von CIPRA Schweiz.

Zurück in die Berge. Und zu einer ganz frühen Pionierin des Bergsteigens, zur Engländerin Lucy Walker (1836–1916). Die Schriftstellerin Andrea Günther hat zu ihr einen biografischen Roman verfasst: «Die Gipfelstürmerin. Lucy Walker, die erste Frau auf dem Matterhorn». Der Hinweis «Roman» ist wichtig, denn dann darf Lucy ihren Lieblingsführer Melchior Anderegg auch mal küssen, und das nicht nur am Berg. Dann darf es auch von Süden einen Besteigungsversuch des Cervino durch Melchior, Lucy und Gefährten geben, obwohl ein solcher nie stattfand. Aber romanhafte Schilderungen geraten dann auf abschüssiges Gelände, wenn sich Fiktion und Fakten vermischen. Wie an der Jungfrau, an der Lucy Walker am 8. Juli 1860 von Süden unterwegs war, während Andrea Günther ihre Heldin auf die damals noch unbegangene Guggiroute von Grindelwald aus schickt. Wie am Strahlhorn, das vom Adlerpass, «wo die Eisfläche ein Ende nahm», über den Nordwestgrat erreicht wurde – dabei gab es damals dort oben nur Eis, wie ein Blick auf die Dufourkarte zeigt. Schade, ein Fachlektorat hätte die alpinistischen Fehltritte vermieden. Trotzdem lohnt sich die Lektüre, weil die Autorin eindringlich schildert, wie die Gipfelstürmerin sich gegen gesellschaftliche Hindernisse durchsetzen musste. Im Berghaus Schwarenbach, wo Lucy Walker 1859 Melchior Anderegg kennenlernte, sagte sie zum Vater und Bruder, aber auch zur Mutter und Tante, die von den bergsteigerischen Ambitionen der jungen Frau nicht viel bis gar nichts hielten: «Bei euch Herren ist anscheinend die Idee fest verankert, dass eine Frau als Kamerad nicht geeignet ist, um Abgründe zu überwinden und auf Eis zu klettern. Wir sollen euch artig vom Tal aus zujubeln und in die Arme schließen, wenn ihr zurückkehrt!»

Joanna Croston: Höher als der Himmel. Heldinnen der Berge. Mit einem Vorwort von Helga Hengge und einer Einleitung von Nandini Purandare. Callweg Verlag, München 2025. € 40,00.

Andrea Günther: Die Gipfelstürmerin. Lucy Walker, die erste Frau auf dem Matterhorn. Roman. Gmeiner Verlag, Meßkirch 2025. € 20,00.   

Veranstaltung im ALPS Alpines Museum der Schweiz in Bern, 28.11.2025, 18.30: Nasim Eshqi: Against Femicide. Das Gespräch wird auf Englisch geführt. Eintritt Fr. 15.- Info und Anmeldung hier: https://alps.museum/veranstaltungen/nasim-eshqi-against-femicide

Prachtsbände

In fünf Wochen ist Weihnachten. Hier drei Fotobände, die sich gut machen unter dem Baum, darunter ein neues Meisterwerk von Robert Bösch.

«Weil er da ist», war die schlichte Antwort von George Mallory 1924 auf die Frage, wieso er den Mount Everest besteigen wolle.
«Weil sie da sind», hätte meine Antwort lauten können auf die Frage, wieso ich diese Bilder machen wollte.
Der Berg war da, die Bilder waren da. Ich musste sie nur erkennen, während Mallory ihn besteigen musste, was er beim Versuch mit seinem Leben bezahlte. Bergsteigen und Fotografie – zwei völlig verschiedene Welten, die beide mein Leben geprägt haben. Während die Intensität und das Können meines Bergsteigens im Verlauf des Lebens bedauerlicherweise, aber naturbedingt nachgelassen haben, begleitet mich die Fotografie nach wie vor und hat mich immer wieder in für mich neue Bereiche weitergehen lassen.

So leitet der Schweizer Fotograf Robert Bösch das Vorwort in seinem jüngsten Bildband «Bilder, die ich gesehen habe – Pictures that I have seen» ein. Es ist dies ein rundum prächtiges Werk, 35 mal 25 Zentimeter gross, 252 Seiten schwer, mit einem schwarzweissen Titelbild, das den ganzen Umschlag füllt. Es zeigt – so liest man hinten im Index zu den 118 Fotos – die Mykerinos-Pyramide bei Kairo; ihre steinigen Kantenlinien könnten fast Felsgrate sein. Eine bildstarke Erinnerung daran, dass der heute 71jährige Bösch die künstlerische Karriere als Bergfotograf begann. Sein erstes Buch «Faszination Schnee. Traumhafte Skitouren zu weissen Gipfeln» – die französische Ausgabe heisst «Ski en liberté» – erschien 1988. Die Faszination Schnee ist geblieben, die Freiheit für den richtigen Bildausschnitt ebenfalls. Aber es ist eine neue Freiheit, die über den gebirgigen Horizont hinausgeht. Zu den Wolken allein, oder zum Schilf am Ägerisee im Zugerland, wo Röbi wohnt. Was für eine fotografische Weite, in die wir mit dem jüngsten Bildband von Bösch eintauchen, Seite für Doppelseite, mal farbig, mal schwarzweiss. Das letzte Foto zeigt einen präzis unscharf festgehaltenen Vogel auf seinem Flug, losgelöst von allem Irdischen. «Meine Bilder stehen für nichts anderes als für sich selbst» lesen wir im Vorwort. Es ist überschrieben mit «Das Meer ist schief».

Das Meer ist da. Immer wieder auf den 65 Duoton-Aufnahmen im Band «Gletscher» des im Mai 2025 verstorbenen brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado. Ein Essay der italienischen Physikerin und Klimaforscherin Elisa Palazzi ergänzt den Bildband. Die meisten Fotos stammen von der Antarktischen Halbinsel, den Südlichen Sandwich-Inseln, von Patagonien, Südgeorgien und vom kanadischen Kluane-Nationalpark aus den Jahren 2005 bis 2011. Heute wird es in diesen unwirtlichen Gegenden anders aussehen, viel Eis ist zu Wasser geworden, und noch viel mehr wird leider abschmelzen, wenn wir die Erde weiter so aufheizen. Salgados Gletscherbuch kann als Schwanengesang auf das scheinbar ewige Eis gesehen werden, obwohl – Schwäne sind auf den Fotos keine zu sehen, Pinguine hingegen schon. Was wird aus ihnen, wenn die Gletscher mal weg sind?

Und was wird aus der Schweizer Berglandschaft, wenn die Bergbauern dort nicht mehr arbeiten und leben? Wenn es ihnen zu mühsam, zu aufwendig, zu wenig ertragsreich geworden ist, wenn der Boden unter den Füssen, den Hufen, den Reifen, ja dem Heimetli wegrutscht? Der Walliser Agronom und Fotograf Raymond Zurschmitten zeigt in «Bergbauern. 12 Porträts aus der Schweiz» mit stimmigen schwarzweissen Fotos Familien in den Alpen und im Jura. Die kurzen Texte geben Auskunft zu Betrieb, Familie, Tierbestand, Arbeiten, Hauptprodukte (leider ohne genaue Angaben, wo man diese kaufen kann), Persönliches und Nachfolgeregelung. «Im Besonderen möchte ich mit diesem Buch Jugendliche und junge Erwachsene inspirieren», schreibt Zurschmitten am Ende seines Vorworts. «Vielleicht können sie sich nach der Lektüre vorstellen, selbst einmal auf einem Bergbetrieb zu arbeiten?»

Robert Bösch: Bilder, die ich gesehen habe – Pictures that I have seen. Christoph Merian Verlag, Basel 2025; signiertes Exemplar direkt bei www.robertboesch.ch. Fr. 130.-

Elisa Palazzi, Lélia Wanick Salgado (Hrsg.): Sebastião Salgado – Gletscher. Prestel Verlag, München 2025. € 45,00.

Raymond Zurschmitten: Bergbauern. 12 Porträts aus der Schweiz. Weber Verlag, Thun/Gwatt 2025. Fr. 49.-

Die Reuss

Der letzte Bildband über die Reuss, diesen urhelvetischen Fluss, erschien 1973. Schön, dass nun ein neuer vorliegt.

«Erhitzt von der Wanderung wage ich es, ins kalte Wasser einzutauchen. Eine Gletscherzunge ragt am anderen Ende des Sees ins Wasser, was der Szene ihren besonderen Reiz gibt. Ich bin allein; der Selbstauslöser der Kamera macht ein Bild von mir, dem See und dem Gletscher. Jahre später, unterdessen mit dem Schreiben dieses Buches beschäftigt, wird mir klar, dass ich damals in der Quelle der Reuss gebadet habe. Oder genauer, in einem von mehreren Quellseen des Flusses. Doch nur hier, im Witenwasserental, fliesst die Reuss direkt aus dem Gletschereis.»

Was für ein Einstieg ins Buch – und ins Wasser natürlich auch! Mehr noch: Mit dem Selbstauslöserbild des Autors beginnt «Die Reuss. In der Mitte der Schweiz und ihrer Geschichte». Nackt schreitet der Historiker und Wasserfachmann Jean-Daniel Blanc auf dem querformatigen Foto in den eiskalten Quellsee dieser Reuss. Auf der nächsten Seite gleich nochmals ein querformatiges Foto, wieder mit einem Gletschersee der Witenwasserenreuss, rechts davon das erste Kapitel mit dem Titel «Reusswasser aus vielen Gletschern» und mit dem oben zitierten Vorspann.

So frisch werden alle elf Kapitel eingeleitet, immer mit querformatigen Fotos des Autors und einem Vorspann, der gleichzeitig als Bildlegende dient. So sieht man beispielsweise im Kapitel «Grenzen, Kriege und immer mehr Brücken» aus der Untersicht eine Betonbrücke, die wir eigentlich alle kennen: «Die unzähligen Zugpassagiere, die täglich über die Brücke fahren, nehmen kaum Notiz von ihr, genauso wenig wie von der Reuss in der Tiefe.» Es ist das Eisenbahnviadukt von Mellingen auf der Strecke Olten-Lenzburg-Zürich. Oder zum Blick von der Halbinsel Isleten auf den Urner See und seine hohen Berge an einem sommerlichen Samstagabend notierte der Reuss-Fachmann: «Eine Idylle, aber vermutlich nicht mehr lang. Auch der Zeltplatz auf der grossen Wiese ist nur provisorisch. Werden hier bald Hotels stehen, Apartmenthäuser? Geniessen wir den Moment!»

Machen wir mit diesem vielfältigen, reichhaltig illustrierten Buch über den 164 Kilometer langen Fluss mitten in der Schweiz, der im Gotthard-Massiv beginnt und im Wasserschloss bei Brugg in die Aare mündet. Die Reuss, nach Rhein, Aare und Rhone der viertlängste Fluss der Schweiz, fliesst durch (oder entlang) sechs Kantone, mal abgesehen von Schwyz und Nidwalden, die am Vierwaldstättersee liegen. Fünf dieser sechs Kantone haben die Farbe Blau im Wappen. Blau wie der Himmel auf dem ersten Foto des Buches «Die Reuss».

Jean-Daniel Blanc: Die Reuss. In der Mitte der Schweiz und ihrer Geschichte. Hier und Jetzt Verlag, Zürich 2025. Fr. 44.-

Mattmark und Schächenwald

Skandale in den Bergen: in den 1940er Jahren im Urnerland, 1965 und 1972 im Wallis.

«Es fällt mir nicht leicht, wenige Tage nach dem verheerenden Berg- und Gletschersturz von Blatten im Lötschental die Einleitung zu diesem Buch zu schreiben. So wie innerhalb weniger Augenblicke Ende Mai 2025 ein Dorf unter den herabdonnernden Eis- und Geröllmassen begraben wurde, so zerstörten Eismassen der abgebrochenen Zunge des Allalingletschers Ende August 1965 im hinteren Saastal Straßen und Wege, Baracken, Büros, Kantinen und Werkstätten, die für den Bau des Staudamms Mattmark errichtet worden waren. Während im Lötschental das Ausmaß der Zerstörungen von Landschaft und Dorf verheerend ist, so ist es bei der Katastrophe von Mattmark vor allem die große Zahl der Toten, die in Erinnerung bleibt.»

Schreibt die Herausgeberin Elisabeth Joris am Anfang des Buches «Mattmark 1965. Erinnerungen, Gerichtsurteile, italienisch-schweizerische Verflechtungen». Zur Erinnerung: In den zwei Millionen Kubikmetern Eis, die am 30. August 1965 kurz vor Schichtende um 17.20 Uhr das Barackendorf der Staudamm-Baustelle begraben, sterben 88 Menschen, 56 davon italienischer Nationalität, die meisten von ihnen Bauarbeiter; ein Drittel der getöteten Italiener stammt aus der Provinz Belluno im nördlichen Veneto. Elisabeth Joris lässt in ihrem Buch involvierte Frauen vom Saastal bis Belluno zu Wort kommen; auf dem eindrücklichen Cover eine junge Frau, die von zwei Männern wohl grad erfahren hat, dass ihr Liebster bei der Arbeit in der Schweiz umgekommen ist. Überhaupt die zahlreichen schwarzweissen Fotos im Buch: Sie machen die Katastrophe noch beklemmender als sie es ohnehin ist. Dazu trägt vor allem auch das Kapitel «Der steinige Weg vom Freispruch zum Fehlurteil» von Kurt Marti bei; Vasco Pedrina zeigt, dass der tödliche Gletscherabbruch wenigstens die gewerkschaftliche Migrationspolitik positiv beeinflusste.

«Mattmark 1965» ist ganz starkes Zeichen zu einem ganz schwachen Zeugnis schweizerischer Energie- und vor allem Justizpolitik. Dass die Baracken der Arbeiter unter den gefährlichen Allalingletscher – und das ohne Sicherheitsvorkehrungen – gestellt wurden, war schon skandalös. Dass die Experten, die vor einem plötzlichen Gletscherabbruch gewarnt hatten, dann nichts mehr davon wissen wollten und die Katastrophe als «unvorhersehbar» einstuften, war noch skandalöser. Dass das Walliser Kantonsgericht im Herbst 1972 alle Angeklagten, gegen wissenschaftliche Beweise zur Gefährlichkeit des Gletschers, frei sprach, war ein Justizskandal. Aber dass das Gericht damals den Familien der Opfer die Hälfte der Prozesskosten aufbürdete: Dafür fehlen die Worte. Die Zeitung L’Unità titelte zu Recht: «Schande».

Mehr zur vorhersehbaren Katastrophe im Roman «Ein unvorhersehbares Ereignis. Die Geschichte einer Katastrophe». Entlang seiner Figuren zeichnet Urs Hardegger ein lebendiges Bild der Wachstumseuphorie der 1960er Jahre und deren Auswirkungen auf Mensch und Natur. Themen, die bis heute nachwirken und noch immer hochaktuell sind. Der Roman beginnt so: «Wer ist schuld? Diese Frage lässt mir keine Ruhe mehr. Marios Tod raubt mir den Schlaf, auch diese Nacht habe ich wach im Bett gelegen, und meine Gedanken sind um ihn gekreist. Besonders jetzt, wo ich es niederschreibe, wühlt es mich auf. Man könnte sich fragen, warum erst jetzt? Warum hast du so lange geschwiegen, Hilfinger? Die Sache ist doch längst gegessen, liegt lange zurück.» Eben nicht. Und im Zeitalter der fortschreitenden, menschgemachten Klimaerwärmung mit immer unstabileren Bergen stellt sich die Frage nach Vorhersehbarkeit wohl noch häufiger als uns lieb ist.

Jetzt noch ein drittes Buch aus den Bergen, darin ebenfalls von einem Skandal die Rede ist. In «Die Nazis vom Schächenwald» deckt Reto Gamma eine Episode aus der jüngeren Urner Geschichte auf, nämlich die Aktivitäten einer Gruppe von Nationalsozialisten, die zu Beginn des Zweiten Weltkrieges in der im Schächenwald liegenden Munitionsfabrik Altdorf aktiv waren. Die verbotene Begeisterung für Hitler wurde bekannt, die Anführer wurden verhaftet und – knapp an der Todesstrafe vorbei – zu mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Was allerdings nicht vor Gericht landete, war die vertrauliche Reise des Direktors der Munitionsfabrik und des Chefs der Kriegstechnischen Abteilung des Militärdepartements zum deutschen Heereswaffenamt in Berlin anfangs Juni 1940. Die Deutschen wollten von der Waffenschmiede Oerlikon-Bührle 2000 Fliegerabwehrkanonen samt acht Millionen Schuss Munition kaufen. In der Folge erhielt die Munitionsfabrik Altdorf einen Grossauftrag von Bührle, sie musste gar von Zwei- auf Dreischichtbetrieb umstellen.

Zum versöhnlichen Abschluss noch eine persönliche Erinnerung zu Mattmark: Für die Untersuchung und Publikation von Otto Lütschgs „Über Niederschlag und Abfluss im Hochgebirge: Sonderdarstellung des  Mattmarkgebietes. Ein Beitrag zur Fluss- und Gletscherkunde der  Schweiz“ (1926 erschienen im Sekretariat des Schweizerischen Wasserwirtschaftsverbandes, Zürich) stellte mein Grossvater Hermann Anker Niederschlagsmesser auf und machte schwarz-weisse Fotos.

Und: Heute Mittwoch, 5. November, beginnt das Multimediafestival BergBuchBrig; es dauert bis zum Sonntag: www.bergbuchbrig.ch/programm/ Aus dem reichhaltigen Programm seien fünf Produktionen herausgepickt, wobei die Bücher der ersten drei auf bergliteratur.ch vorgestellt wurden:

▲ Spuren am Everest mit Jochen Hemmleb (Samstag, 13.00 Uhr).

▲ Über die Alpen – Pässe zu Fuss entdecken mit Marco Volken (Samstag, 17.00 Uhr).

▲ Et vous passerez comme des vents fous – Im Tal der Bärin; Lesung und Gespräch mit Clara Arnaud und Barbara Heynen (Sonntag, 15.00 Uhr).

▲ Speck auf dem Tödi: Ein theatralisch-musikalisches Erlebnis mit dem Schauspieler Gian Rupf und dem Akkordeonisten Fränggi Gehrig, zum Text von Emil Zopfi (Freitag, 19.00 Uhr).

▲ Walliser Stimmen zum Bergsturz von Blatten. Der Walliser NZZ-Journalist Samuel Burgener liest (literarische) Texte zu Blatten. Solche, die aufwühlen. Und solche, die zum Diskurs anregen. Klare Aussagen mischen sich mit sanften Zwischentönen (Samstag, 9.00 Uhr).

Elisabeth Joris (Hg.): Mattmark 1965. Erinnerungen, Gerichtsurteile, italienisch-schweizerische Verflechtungen. Rotpunktverlag, Zürich 2025. Fr. 32.-

Urs Hardegger: Ein unvorhersehbares Ereignis. Die Geschichte einer Katastrophe. Nagel & Kimche Verlag, Zürich 2025. Fr. 34.90.

Reto Gamma: Die Nazis vom Schächenwald. Ein historischer Bericht. Alpenrot-Verlag, Bern 2025. Fr. 32.- www.alpenrot.ch

Berry and Byron, Giono et Vallot

Vier Biographien zu Männern, die in der Welt der Berge mehr oder weniger bekannt sind.

«Dans cette tente étroite, on peut se demander si on campe réellement au mont Blanc. Au-dehors, on entend un mugissement continu tel que celui d’une mer démontée se brisant sur le rivage: c’est l’océan aérien qui est en mouvement. Un vent furieux secoue la toile de la tente qui se tend comme une voile de navire, les cordes chantent comme une harpe éolienne.»

Das fragte sich der Franzose Joseph Vallot (1854–1925) nach der ersten Nacht im Zelt auf dem Gipfel des Mont Blanc (4806 m) am 27. Juli 1887. Drei Nächte campierte er mit Freund Félix-Maxime Richard und zwei Bergführern auf dem Dach der Alpen, nicht zum Vergnügen, mais non. Vallot war Botaniker, Geologe, Meteorologe, Physiologe, Speläologe, Glaziologe und Astronom, ein Wissenschaftler mit unersättlicher Neugier, in Paris und Nizza und noch viel mehr am und auf dem höchsten Gipfel der Alpen. 34 Mal bestieg er ihn, zahlreiche Nächte verbrachte er dort oben, zuerst im Zelt, ab 1890 in seiner Hütte am Bosses-Grat rund 450 Meter unterhalb des Gipfels. Das Gebäude bestand anfänglich aus zwei Hälften, eine für die Wissenschaftler, die andere für die Alpinisten. Daraus entstanden zwei Gebäude. Sie bzw. ihre Nachbauten stehen heute noch am Mont Blanc-Normalweg: das Observatoire Vallot mit dem Laboratoire de glaciologie et géophysique de l’environnement und das Refuge Vallot. Letzteres ist eine Biwakschachtel ohne Komfort, hat aber schon vielen Alpinisten das Leben gerettet. Die Journalistin und Buchautorin Éliane Patriarca hat mit «Joseph Vallot. L’histoire méconnue d’un savant alpiniste» eine spannende Biografie über den Mann geschrieben, der am Mont Blanc nicht nur mit zwei Gebäuden verewigt ist, sondern auch mit den vier Vallot-Führern, der alpinistischen Bibel.

Nicht nur Joseph Vallot musste dem Wind in den Bergen trotzen. Das tat auch der St. Moritzer Kurarzt Peter Robert Berry (1864–1942), der sich in seiner zweiten Lebenshälfte zum Kunstmaler entwickelt hatte. Sein Lieblingsmalort war der Berninapass, und um die kraftvolle Natur draussen erfassen zu können, liess er eine Bretterwand errichten, an der er die Leinwand gut befestigen konnte. Doch einmal erfasste ein Sturm das Bild «Winterlicher Blick vom Berninapass» und trug es fort, im Frühling wurde es fünf Kilometer entfernt gefunden. «Die Wirkung des Wetters auf das unfertige Bild des Berninapanoramas gefiel Berry so gut, dass er es nicht mehr weiterbearbeitete», schreibt der Lektor und Autor Adrian Stokar in «St. Moritzer Metamorphosen. Der Arzt und Maler Peter Robert Berry 1864–1942». Abgebildet ist das Bild auf Seite 256. Die Biografie von Berry ist auch eine von St. Moritz, mit der Entwicklung vom verschlafenen Bergdorf zum mondänen Höhenkurort. Das Berry Museum befindet sich in der hundertjährigen Villa Arona im Herzen von St. Moritz; https://berrymuseum.com/

Starke Winde nicht nur am Mont Blanc und Berninapass, sondern auch an der Jungfrau: «Ihr Eisgebirge, Lawinen, der der Sturm in jähen Abgrund herniederfegt, kommt her, zerschmettert mich!» Kurzes Zitat aus «Manfred» von George Gordon Byron, 6th Baron Byron (1788–1824). Das 1817 publizierte Drama des englischen Poeten und Freiheitskämpfers spielt am Fuss der Jungfrau und machte für die Schweiz Reklame wie Schillers «Wilhelm Tell». Der Wunsch nach Zerstörung des Titelhelden und Touristen Manfred vereitelt ein einheimischer Gemsjäger. Lord Byron hielt sich 1816 auf der Wengernalp auf; eine Anhöhe daselbst hiess früher Byronhöhe. Ihr heutiger Name ist bekannter: Hundschopf. Der Waadtländer Schriftsteller, Philosoph und Übersetzer Étienne Barilier hat mit «Byron. Le poète en action» eine handliche Biografie über den höchst widersprüchlichen Menschen verfasst. Byron gilt als einer der Vorreiter der Romantik, doch sein Meisterwerk «Don Juan» verspottet diese Romantik immer wieder. Sein Leben war reich an Skandalen und Engagement, an moralischen Herausforderungen und körperlichem Mut, an wildem Egoismus und bewundernswerter Aufopferung. All das zeichnet Barilier nach. Mehr noch: Er hat zahlreiche Verse von Byron neu übersetzt, in ein Französisch, das man besser versteht als das englische Original. Die beste Lektüre für einen Ausflug an den Lac Léman und zum Schloss Chillon. Im stürmischen Sommer 1816 machten Byron und sein Dichterfreund Percy Bysshe Shelley einen langen Segeltörn auf dem Genfersee; in einem Sturm gerieten sie in Not, Byron als guter Schwimmer rettete Shelley. Dieser ertrank sechs Jahre später im Mittelmeer, nachdem das Segelboot gesunken war.

Der Stürme genug, mon Dieu. Wir retten uns in scheinbar ruhigere Gefilde, nämlich zum französischen Schriftsteller und Filmemacher Jean Giono (1895–1970). Seine Werke, die oft in der provenzalischen Bauernwelt verwurzelt sind, behandeln universelle Fragen zum Menschsein. Die alpine Kulturzeitschrift «L’Alpe» widmet «Giono» ihre Herbstausgabe. 1937 erschien sein Roman «Batailles dans la montagne»; die deutsche Ausgabe kam zwei Jahre später als «Bergschlacht» heraus. Im französischen Wikipedia hat dieser Bergroman einen eigenen Eintrag: «Situé le cadre de haute montagne du Trièves en Isère, il a pour sujet une haute vallée dévastée par une coulée d’eau et de boue qu’un héros sauvera en risquant sa vie pour combattre la catastrophe.»

Ich freue mich, dieses Werk von Giono zu lesen. Und natürlich auch die Berichte von Gabrielle Vallot, der Frau von Joseph, über die gemeinsamen Touren unter und über dem Erdboden: «Mes ascensions: les femmes ascensionnistes, la femme au mont Blanc» (Annuaire du Club alpin français, 1887) und «Grottes et abîmes, Basses-Cévennes» (1889). Ein Foto im Buch zeigt Gabrielle in eleganter Kleidung mit Hosen, Gamaschen, Pickel und Helm, eingerahmt von Ehemann und den Bergführern Alphonse Payot und Michel Savioz, die bei der Zeltpremiere auf dem Mont Blanc dabei waren.

Éliane Patriarca: Joseph Vallot. L’histoire méconnue d’un savant alpiniste. Édition Glénat, Grenoble 2025. € 20,00.

Adrian Stokar: St. Moritzer Metamorphosen. Der Arzt und Maler Peter Robert Berry 1864–1942. Mit einem kunsthistorischen Essay von Veronika Rall. Hier und Jetzt Verlag, Zürich 2024. Fr. 39.-

Étienne Barilier: Byron. Le poète en action. Savoir suisse, Lausanne 2025. Fr. 17.50.

Giono. L’Alpe, N° 110, automne 2025. Éditions Glénat, Grenoble. Fr. 26.-

Mr. Feuilleton: Josef Viktor Widmann

Ein neues Buch über Josef Viktor Widmann, Autor von ersten belletritischen Erzählungen zu Eiger und Matterhorn. Sehr lesenswert. Und unerreicht im Preis-Leistungsverhältnis. Widmann wird wohl auch im Berggespräch im Beatus zu Merligen zu Wort kommen.

«Ihre Gedichte haben mir ans Herz gegriffen; ich habe alsobald gefühlt, daß da eine echte Note schwingt. Eines der Gedichte, ‹Meine Seele›, halte ich für die schönste Allegorie seit Schillers Gedicht ‹Kennst du das Bild auf zartem Grunde› über dieses Wohnen der Seele im Auge.»

Das schrieb der Schriftsteller, Redaktor und Literaturkritiker Josef Viktor Widmann (1842–1911) in einem Brief dem Schriftsteller und Lehrer Georg Küffer (1890–1970) zu dessen Gedichtband «Seelchen», der 1916 im Huber Verlag in Frauenfeld erschien; die dritte Auflage daselbst 1919. Die Berner Tageszeitung «Der Bund» urteilte folgendermassen:

«Das feine, kleine Büchlein ist zuverlässig keins von denen, die bald aus er Mode kommen. Dazu hat es viel zu gesunde Eigenart, viel zu schöne Form und zu viel Tiefe. Mehr sei nicht gesagt. Denn nicht um einen neuen Dichter entdeckt zu haben und an dem papiernen Himmel der Literaturgeschichte einen neuen Stern aufzuziehen, sind diese Zeilen geschrieben, sondern um ein Büchlein voll Poesie unter die Menschen zu bringen, die seiner bedürfen.»

Wahrscheinlich stammen diese Zeilen auch von Widmann. Denn als Feuilletonredaktor des «Bund» von 1880 bis 1911 publizierte er geschätzt 3500 Artikel; nach eigener Aussage besprach er rund 1000 Bücher pro Jahr. Gefunden habe ich die Urteile zum Gedichtband «Seelchen» in einer Verlagsanzeige hinten im Büchlein «Lenker Sagen» (1916) von Georg Küffer; 1925 gab er die «Sagen aus dem Bernerland» heraus. Von 1926 bis 1960 war Küffer als Deutschlehrer am Lehrerseminar Hofwil bei Bern tätig.

Doch zurück zu Widmann und in die Hauptstadt, die ihn 1914 mit einem Brunnen unten am Hirschengraben ehrte. Die Widmannshöhe (1497 m) oberhalb Handeck im Grimselgebiet verschwand leider von der Landeskarte: https://bergliteratur.ch/josef-viktor-widmann/. Auch in zwei anderen bergliterarischen Beiträgen ist von Widmann die Rede: https://bergliteratur.ch/sommerwanderungen-und-winterfahrten/ und https://bergliteratur.ch/auf-nach-der-lenk/.

Nun hat das Robert Walser Zentrum in Bern – Widmann ist Walsers erster Entdecker und Förderer – eine ganz feine Publikation publiziert: «Mr. Feuilleton: Josef Viktor Widmann». Sieben Autorinnen und Autoren befassen sich in sieben Beiträgen mit dem «literarischen Wunderkind», «nervösen Zeitgenossen» und «Berner Literaturpapst», mit dem «Grenzgänger, ja Seiltänzer». In ihnen schwingt überall eine echte Note, selbstverständlich ebenfalls viel literarisches und kunsthistorisches Fachwissen. Und die Schrift bringt einen natürlich auch dahin, wieder mal Widmannsche Texte zu lesen. Beispielsweise «Der Held des Eiger» in den «Touristennovellen» (1892), «Die Matterhornbesteigung des Mr. Evertruth» aus «Spaziergänge in den Alpen. Wanderstudien und Plaudereien» (2. Auflage 1892) oder «Doktor Wilds Hochzeitsreise» (1923), eine Erzählung aus Mürren, die ich noch nicht kenne.

Die fünfte, vermehrte Auflage von «Spaziergänge in den Alpen. Wanderstudien und Plaudereien» (1909) hielt ich hingegen schon oft in der Hand. Aus aktuellem Anlass schlage ich «Beatenberg im Schnee» auf. Ich zitiere:

«Den Aufstieg [nach Beatenberg] hatte ich am Abend vorher, teilweise bei Mondschein, von dem Dorfe Merligen her gemacht; hier war gepfadet bis über den Wald hinaus und das Steigen also nicht allzu beschwerlich. Doch muß man sich auf sich selbst verlassen können. Denn auf dem ganzen Wege in nächtlicher Abendstunde ist mir kein Mensch begegnet, noch jemand hinter mir drein gekommen; ein Eichhörnchen, das über eine Waldlichtung lief und dem mein kleiner Hund mit lebhaften Sprüngen, aber natürlich umsonst nachsetzte, war das einzige lebende Wesen, das sich in dieser Einsamkeit zu spüren gab. Und wo findet man denn Nachtquartier? Nun! man ist nicht auf die Beatushöhle angewiesen.»

Nein, zum Glück nicht. Ich behaupte sogar, besser sei es, ganz auf den nächtlichen Aufstieg nach Beatenberg zu verzichten. Und gleich in Merligen ein Nachtquartier zu suchen. Oder wenigstens eine abendliche Veranstaltung. Denn im Rahmen des Programms «Wort, Kunst & Musik am See» des Beatus Wellness- & Spa-Hotels in Merligen sprechen Urs Heinz Aerni und Daniel Anker am Dienstag, 28. Oktober 2025, über die Berge und «Warum ein Leben ohne Berge sinnlos wäre». Ein mutiger Titel. In heutiger Zeit erst recht, wenn die Berge nicht mehr nur rufen, sondern vermehrt auch kommen, wuchtig und zerstörerisch. Wobei – die erste Sage in Georg Küffers Sammlung zur Lenk heisst «Die untergegangene Alp» und beginnt so:

«Wo jetzt am Abend die Gletscher leuchten und ihre Spalten tief und schaurig auseinanderklaffen, wo die geklüfteten Felsen kalt und kantig in die stürmischen Nächte ragen, der Sturmwind an die steile Felswand prallt und der Jodler des Sennen zerschmettert, da lachte einst eine farbige Pracht in die selige Welt hinaus. Saftige Matten nährten das köstlichste Gras; Alpenlilien und Sonnenröschen, Sterndöldchen und Goldklee säumten den sattgrünen Mantel der fruchtbaren Weiden und lagen darin zerstreut, wie die Sternlein am Himmel in einer Maiennacht.»

Lukas Gloor, Rea Köppel, Dominik Müller und Peter Utz (Hg.): Mr. Feuilleton: Josef Viktor Widmann. Robert Walser-Zentrum, Bern 2025 (Schriften des Robert Walser-Zentrums; 7), ISBN 978-3-9523586-6-5, Fr. 9.50. Bestellen unter info@robertwalser.ch. https://www.robertwalser.ch/de/rwz/publikationen/schriften-des-rwz/mr-feuilleton-josef-viktor-widmann

Josef Viktor Widmann: Doktor Wilds Hochzeitsreise. Rhein Verlag, Basel 1923. Neu herausgegeben in der Edition Wanderwerk, Burgistein 2017, Fr. 15.- www.wanderwerk.ch/programm/widmann/wilds_hochzeitsreise/wilds_hochzeitsreise.htm

Hotel Beatus in Merligen. Urs Heinz Aerni im Talk mit Daniel Anker, Dienstag, 28. Oktober 2025 um 21 Uhr. Eintritt Fr. 25.- pro Person inklusive Gutschein für ein Getränk im Wert von maximal Fr. 25.- https://shop.e-guma.ch/beatus/de/events/warum-ein-leben-ohne-berge-sinnlos-waere-2173782

Schweizer Bergwelten

Wer die «Schweizer Bergwelten» benutzt, sieht weiter. Gilt auch für diejenigen, die am 15. Oktober 2025 in den PROGR in Bern wandern.

«Was mir schlaflose Nächte bereitet, ist die Tatsache, dass der Gletscherschwund nur ein Effekt des Klimawandels von vielen ist – neben absterbenden Korallenriffen, immer mehr Waldbränden, steigendem Meeresspiegel. Die Gletscher stehen nur exemplarisch für eine ganze Palette an Folgen des Klimawandels.»

Sagt der Glaziologie-Professor Daniel Farinotti, der an der ETH das enge Verhältnis zwischen Klima, Gletschern und Wasser erforscht. Wer gestern Montag die Sendung «Rendez-vous am Mittag» auf Radio SRF 1 gehört hat, weiss, wie schlimm es um die Korallenriffe steht. Wenn wir so weitermachen wie bisher, sterben sie unwiederbringlich ab, und zwar noch rascher als befürchtet. Die Folgen: weniger Küstenschutz am Meer, viel weniger Fische. Dazu der Meeresspiegel, der steigt. www.srf.ch/news/international/ungebremste-erderwaermung-klima-kipppunkte-ruecken-naeher-korallen-nicht-mehr-zu-retten. Kurz: Es wird immer ungemütlicher auf der Erde. Da hilft leider auch der Ausflug an die Herbstsonne überm Nebelmeer nur kurzfristig.

Das Interview mit Daniel Farinotti findet sich im grossen Buch «Schweizer Bergwelten. 100 Infografiken mit Weitsicht» von Fabian Lang. Das Interview ist illustriert mit einer Grafik, darin der Verlust des Gesamtvolumens aller Alpengletscher deutlich dargestellt ist, wobei die grüne Linie einem optimistischen Abnahmeverlauf entspricht, die rote einem pessimistischen. Beide Linien sinken aber beängstigend: Betrug das Gletschervolumen im Jahr 2003 120 km3, liegt es beim optimistischen Szenario im Jahr 2100 noch bei 37 m3, beim roten bei 4 km3. Den grössten Gletscher der Alpen wird man dazumal also noch knapp sehen.

Nicht alle Grafiken erschliessen sich so klar, andere manchmal erst auf den zweiten Blick. Aber dann: Was für erhellende Einsichten zur Schweiz und ihren Bergen, Bewohnern, Tieren und Pflanzen, angeordnet in den vier Kapiteln Klima, Wildnis, Kartografie und Mensch. Der Blick in die Aletsch-Zukunft: wie erwähnt – traurig. Die aufgezeichneten Flüge von Bartgeiern: absolut verblüffend. Die Kartengeheimnisse: zum Schmunzeln (auf Blättern der Landeskarte der Schweiz waren mal ein Murmeltier, ein Hecht oder ein Bergsteiger zu entdecken; das Hardermannli jedoch hat alle nachträglichen Korrekturen überlebt). Der Homo Montis: gleicht dem helvetischen Talmensch. Und was ist ein Quatterquetschi? Das gleiche wie ein Wetterguck oder Tatermännlein, nämlich ein Alpensalamander; 50 unterschiedliche deutschsprachige Bezeichnungen gibt es für ihn. Anders gesagt: «Schweizer Bergwelten» ist Fundgrube, Lexikon, Wegweiser und Standartwerk zugleich. Passt zudem bestens zur Diskussionsrunde am Mittwoch, 15. Oktober 2025, im PROGR in Bern: Wie steht es um unsere Berge?

Fabian Lang: Schweizer Bergwelten. 100 Infografiken mit Weitsicht. Helvetiq, Basel 2024. Fr. 69.-

Mittwoch, 15. Oktober 2025, 20 Uhr: Hauptsachen Talk – Wie steht es um unsere Berge? PROGR Kleine Bühne Podium, Bern.
Der Klimawandel verändert die Berge der Schweiz. Wie wir damit umgehen sollen, müssen und können, diskutieren folgende Gäste:
•         René Maeder, Gemeinderatspräsident von Kandersteg und Grossrat (Mitte)
•         Nils Hählen, Leiter Abteilung Naturgefahren Kanton Bern
•         Philippe Wäger, Leiter Hütten und Umwelt beim SAC
•         Barbara Keller, Projektleiterin Ausstellung «Wenn Berge rutschen», Museum Alps
Moderation: Hauptstadt-Redaktorin Jana Schmid
Veranstalter: Hauptstadt, PROGR – Zentrum für Kulturproduktion
www.progr.ch/de/agenda/hauptsachen-talk-wie-steht-es-um-unsere-berge-7774/

Gletscherbersten

Drei klarsichtige Publikationen zum Gletscherschwund. Der Sommer 2025 war das viertschlimmste.

Die Ewigkeit
schmilzt.
Zurück bleibt der Sonne
weisses Licht.

Die letzte der sechs Strophen im Gedicht «Gletscherschmelze» von Seraina Kobler, abgedruckt in der Nummer 232 der Schweizer Literaturzeitschrift «orte»; diese Ausgabe widmet sich dem Föhnrausch und anderen Naturphänomenen wie Bergsturz, Brockengespenst, Steinschlag oder Trogtal. Dichterische Texte wechseln ab mit sachlichen Beiträgen, illustriert mit perfekt abgestimmten Fotos von Marco Volken, dem selbst ein Porträt gewidmet ist.

Die Literaturzeitschrift «schliff» ihrerseits widmete 2023 eine ganze Ausgabe dem scheinbar ewigen Eis unter dem prägnanten Titel «Gletscherbersten». Sie bersten wirklich auseinander, nicht nur in den Alpen, sondern auf der ganzen Welt. An wenigen Orten zeigen sich die Folgen natürlicher Klimaschwankungen sowie des menschengemachten Klimawandels so drastisch wie in der Verflüssigung gigantischer Eismassen an den Polen. Aber in den Alpen sehen wir hier und jetzt, wenn das Eis weg ist und trostlose Geröllhalden zum Vorschein gekommen sind. Seitdem vielerorts von Gletschern auch als «Fieberthermometer» des Planeten die Rede ist, zeichnet sich eine erhöhte Aufmerksamkeit für das vermeintlich ewige Eis ab. In der fiktionalen Literatur so stark wie in der Sachliteratur. Und ganz einfach auch in einer Bildlegende, wie zu einem schwarzweissen Foto im Kapitel «Niedergang des Eises» von Matthias Huss: «Wo früher der Schwarzbachfirn war und über Jahre glaziologische Messungen durchgeführt wurden, blieb nach dem Sommer 2022 nur noch eine Steinwüste und etwas Toteis zurück.»

Es ist noch schlimmer gekommen. Am 1. Oktober 2025 ging folgende Meldung über die Bildschirme: «Drei Prozent weniger Gletschervolumen der Schweizer Gletscher. Das ist die Bilanz des Jahres 2025. Mit dem viertgrössten Schwund seit Messbeginn nahm die Eismasse damit in den letzten zehn Jahren um einen Viertel ab, wie das Schweizerische Gletschermessnetz (GLAMOS) und die Schweizerische Kommission für Kryosphärenbeobachtung der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz berichten.» Präsident von GLAMOS ist Matthias Huss. «Die stetig schwindenden Gletscher tragen dazu bei, dass sich das Gebirge destabilisiert», sagt er. Dies könne zu Ereignissen wie im Lötschental führen, wo im Mai 2025 eine Fels-Eis-Lawine das Dorf Blatten verschüttet habe. Man gehe davon aus, dass bis zum Ende dieses Jahrhunderts ein Grossteil unserer Gletscher verschwinden werde und anstatt der Eisriesen nur noch Geröllfelder zu sehen seien.

Die Gletscherlandschaft verändert sich vielerorts rasant. So musste etwa der Betrieb der Eisgrotte am Rhonegletscher im Sommer 2025 eingestellt werden. Denn der Eisblock, der längst vom Gletscher getrennt war und nur noch künstlich mit Tüchern geschützt wurde, ist zu klein und zu dünn geworden. Traurig hängen die Tücher über den letzten Eisresten. Auch andernorts versuchen solche Schutzdecken, das Abschmelzen des Eises zu verhindern. Nochmals Matthias Huss: «In rund zehn verschiedenen Schweizer Skigebieten wie beim Gurschengletscher auf dem Gemsstock, auf dem Titlis oder in Zermatt managt man das Abschmelzen der Gletscher mit Vliesabdeckungen». Dennoch könnten die Gletscher der Schweiz unmöglich mit technischen Massnahmen, sondern nur durch wirksamen, weltweiten Klimaschutz noch zum Teil gerettet werden. Nicht gerettet, sondern noch.

Passend zur glaziologischen Schreckensmeldung erschien der von vier Gletscherwissenschaftlern verfasste Bildband «Schweizer Gletscherlandschaften im Klimawandel. Eine Panorama-Zeitreise» mit so trefflichen wie tristen Fotos. Wunderbar leuchten Geröll und Stein auf den Panoramafotos von Andreas Wipf, und dort, wo es noch Schnee und Eis hat, gleisst das Weiss. Aber immer weniger, weil wir – eigentlich bekanntlich – seit Jahrzehnten das Klima aufheizen und die Gletscher überall auf der Welt verschwinden, der kleine Geltengletscher eben so schlimm Grönlands Eisschild. Der Bildband beleuchtet in 25 Kapiteln, wie schnell das scheinbar ewige Eis vom Trient bis Silvretta schmilzt. Und was neu entsteht. Ob uns das gefällt? Nochmals Seraina Kohler:

Erinnerungsspuren verschwinden
unter Saharastaub und geteerten Schatten,
dem Schutt bröselnder Berge.

Föhnrausch. In Kooperation mit «Alpentöne» und dem Urner Institut Kulturen der Alpen. Orte – Schweizer Literaturzeitschrift. Nr. 232, August 2025. Orte-Verlag, Schwellbrunn. Fr. 18.-

Kathrin Schuchmann, Alexander Honold, Boris Previšic (Hg.): Gletscherbersten. schliff  Literaturzeitschrift N° 16. edition text+kritik, Köln 2023. € 9,80.

Andreas Wipf, Samuel U. Nussbaumer, Horst Machguth, Heinz J.Zumbühl: Schweizer Gletscherlandschaften im Klimawandel. Eine Panorama-Zeitreise. Haupt Verlag, Bern 2025. Fr. 48.- Buchvernissage am 13. November 2025 um 19.00 Uhr im Atelier 14B bei der Buchhandlung Haupt am Falkenplatz in Bern. Eintritt frei inkl. Apéro. https://hauptbuchhandlung.ch/kurse-events/13.11.2025-Schweizer-Gletscherlandschaften-im-Klimawandel