Vom Gehen und Bleiben

Fünf neue belletristische Werke, in denen sich immer wieder und unterschiedlich die Frage stellt: gehen oder bleiben bzw. weichen.

2. August 2022

«Links hoch geht ein Wanderpfad, der im Schnee fast nicht zu erkennen ist. Ein knallgelbes Schild vor dem schneedüsteren Himmel zeigt an, dass man in zwei Stunden zum Gipfel kommt. Unterhalb davon am Pfahl ein laminierter Zettel auf Holz: Allgemeines Betretungsverbot! Akute Stein- und Blockschlaggefahr! Um es noch deutlicher zu machen, ist auf der anderen Seite des Pfads ein Pflock eingehauen und quer eine Kette gespannt. Sie stapft über die verschneite Wiese und beginnt zu klettern.»

Ob das gut kommt, wenn die junge Johanna aus Deutschland, die vor kurzem mit ihren Eltern ins fiktive Bergdorf Vischnanca im Bündnerland gezogen ist, die Wegsperrung ignoriert und erst noch im Winter zum Piz Brunclia hochsteigen will, zu diesem Berg, der unaufhaltsam gegen das Dorf rutscht? Natürlich nicht! Aber Johanna – sie ist eine der Kapitelfiguren im Roman „Von Gehen und Bleiben“ von Petra Hucke – will diesen Schicksalsberg aus der Nähe kennenlernen, der alles durcheinander bringt, geologische, gesellschaftliche und soziale Gefüge, diese abrutschende Masse aus Gestein und Schutt, die Einheimische und Zugewanderte gleichermassen verzweifeln und hoffen lässt. Der Berg muss sich nicht entscheiden, ob er bleibt oder geht – er kommt einfach. Petra Hucke, Autorin und Übersetzerin in München, hat das (Über)leben des Dorfes Brienz/Brinzauls im Albulatal, das vom dortigen Piz Linard, bedroht wird, in einen vielschichtigen, wegweisenden und stabilen Roman gepackt. Zu lesen in Brienz, aber eher im Berner Brienz am gleichnamigen See, weil dort die Unterkünfte vielfältig, während sie im Bündner rar bis nicht vorhanden sind.

«In unbeschreiblicher Erleichterung, fast ein Wunder, hebe ich den Blick und entdecke einen riesigen, gelben, von gut beratenen Bergführern direkt auf den Felsen gemalten Pfeil, von einem auf zwei Metern, der die Richtung zum Pass anzeigt. Ich habe ihn beim Abstieg übersehen.»

Nicht auf direktem Weg gelangt der Ich-Erzähler in „Rosablanche“ zum Ziel, nämlich zum Gipfel (3336 m) gleichen Namens in den westlichen Walliser Alpen, mit einer Übernachtung im Refuge-Igloo des Pantalons Blancs (3280 m). Die Höhenzahlen sind wichtig in dieser 2018 in den Éditions des sauvages erstmals erschienen Erzählung des Waadtländer Grafikdesigners Matias Jolliet; sie gliedern den Text, der zwischen alpinistischem Jargon und alpinem Pathos hin und her schwankt wie der Erzähler unter dem Gewicht seines übervollen Rucksacks und unter seiner Unerfahrenheit im Gebirge. Zu lesen selbstverständlich in dieser Biwakschachtel, die einem Iglu oder einer Jurte gleicht, oder in einer der fünf Hütte rund um die Rosablanche. Reservieren nicht vergessen, dort wo es möglich ist!

«Den Weg zurück ins Tal nahm ich dem Bach entlang. Da und dort wasserhelle Tiefe, dann wieder trotziges, talwärts stürzendes Schäumen. Die Sonne schien, es war schwül.»

Ob der Weg markiert ist, verrät uns Lisa Elsässer in ihrem gut 100-seitigen, stimmungsgenauen Werk „Im Tal“ nicht. Ist ja auch nicht wichtig: Entlang einem Bach kommen wir meistens zurück in die Niederungen. Eigentlich möchte die Frau – im ersten Teil des Buches ein Ich, im zweiten eine Sie – in der Hütten oben im Seitental bleiben, zu sich kommen, Brief an Karl und Leo schreiben, in den Bergsee tauchen. Und vor allem die Gesellschaft des Bauern geniessen, der ihr die Hütte vermietet hat und der sie zuweilen besuchen kommt. Gehen oder bleiben – eine Frage, die sich dann stellt, wenn die Flasche Wein leer ist. Schön wäre es jetzt, bei dieser Mordshitze, in eine solche Bleibe hinaufzugehen und sich in einem Bergsee oder -bach abzukühlen, am besten im Urnerland, denn von dort kommt die Autorin. Wie wär’s mit dem Gasthaus Alpenblick am Arnisee? Oder – der Name sagt es ja – mit der Bergseehütte über dem Göscheneralpsee? Der Roman passt locker noch in den Rucksack.

«Ausgerechnet du willst nach Schweden. Gibt es da überhaupt Berge? Bleib lieber im Tal und schau, dass es so bleibt und nicht durch diese Straße verschandelt wird.»

Sagt Fredy zum Zimmermann Reto aus der Lenk ganz hinten im Simmental, dort, wo die geplante Nationalstrasse im Rawiltunnel Richtung Wallis hätte verschwinden sollen. Die Strasse wurde nicht gebaut, weil ein Sondierstollen Risse an der Staumauer des Lac de Rawil verursacht hatte. Der Roman „Wildstrubel“ des Basellandschäftlers Christoph Frommherz spielt anfangs der 1970er Jahre, und damals erhitzte die Simmental-Autobahn noch mächtig Einheimische und Zugewandte. Der (einfluss-)reiche Vater von Fredy zum Beispiel ist für die Strasse, wäre allerdings ganz gegen die Liebe seiner noch nicht zwanzigjährigen Tochter Anna zum Reto aus armem Haus, wenn er davon Kenntnis hätte. Hat er nicht. Auch nicht davon, dass Anna, die ein Welschlandjahr absolviert, gar noch in andere Umstände geraten ist. Reto ist, obwohl ihm dies von den Strassenbefürwortern angekreidet wird, kein Schürzenjäger; allerdings gefällt ihm die Regula, die Servierkraft von der Iffigenalp, schon auch ganz gut. Zum Glück locken da die Gipfel der Simmentaler Berge – und eine Arbeitsstelle in Schweden. Ob Reto dorthin geht? Selber erfahren in der Wildstrubel- oder in der Flueseelihütte. Ein richtiger Bergroman à la Ludwig Ganghofer ist „Wildstrubel“; jedoch überhaupt kein „Bergkrimi“, wie es im Untertitel heisst.

«Sie stand einen Moment still. Dann ging sie weiter bis zu einem Holzpfahl, der vor dem Anstieg zum Gletscher die letzte Etappe markierte. Sie stellte den Rucksack auf eine flache Steinplatte, auf eine aufgemalte Wegmarkierung.»

Gehen und/oder bleiben, zum fünften Mal. Zum dritten Mal mit einem rund 100-seitigen Buch. Diesmal von der im Walliser lebenden Bernerin Marianne Künzle. „Da hinauf“ handelt vom Schicksal zweier Frauen, Irma von einst und Annina von heute. Sie gehen auf den Gletscher, aus unterschiedlichen Gründen, aber mit dem gleichen Ziel: Antworten zu finden auf schwierige Fragen des Lebens. Vielleicht auch nur Ablenkung. Oder die Herausforderung, wie weit zu gehen ist. Und wann es besser ist, zu bleiben. Auf dem gefährlichen des scheinbar ewigen Eises. Ein dichtes Werk, zwei Geschichten, die sich miteinander verflechten, bis zum – verrate ich doch nicht. Ebenfalls selber lesen, am sichersten in der Nähe eines harmlosen Gletschers, in einer vorzüglichen Unterkunft mit Liegestühlen am Schatten und Blick auf Eis, im Glas und im Gelände. Vielen Dank im Voraus für einen Tipp!

Petra Hucke: Vom Gehen und Bleiben. Fischer Krüger Verlag, Frankfurt aM 2022, € 20,00.

Matias Jolliet: Rosablanche. Edition Bücherlese, Luzern 2022. Fr. 26.00.

Lisa Elsässer: Im Tal. Edition Bücherlese, Luzern 2022. Fr. 26.00.

Christoph Frommherz: Wildstrubel. Gmeiner Verlag, Meßkirch 2022. € 15,00.

Marianne Künzle: Da hinauf. Nagel & Kimche, Zürich 2022. € 18,00.

Halbschönes Helvetien

Zur schönen Schweiz sind schon viele schöne Bücher herausgekommen. Drei neue – eines davon gar von Schweiz Tourismus mitgetragen – gehören nicht ganz dazu.

27. Juli 2022

«Le Pont befindet sich an idyllischer Lage am östlichsten Punkt des Lac de Joux. Das Dorf ist direkt am Wasser gebaut, vor dem Hintergrund einer atemberaubenden Hügellandschaft.»

So lautet der Einstieg zu Le Pont im dreisprachigen Bildband „Schweiz – Verliebt in schöne Orte“. Die Publikation begleitet das von Schweiz Tourismus und Bundesamt für Kultur initierten Projekt „Verliebt in schöne Orte: 50 unbekannte Schweizer Perlen“. Sie gehören zum Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung. Leider vermag der Bildband nicht zu überzeugen, was sich gerade am Beispiel Le Pont zeigt. Dass der Ort an zwei Seen liegt, nämlich auch am Lac Brenet, wird weder gesagt noch gezeigt; dabei weist ja der Name darauf hin. Auch die über Le Pont liegende Dent de Vaulion, einer der unverwechselbaren Gipfel des ganzen Schweizer Juras, kommt weder im Text noch im Bild vor. Dafür gleichen sich die acht sommerlichen Schönwetterfotos von Le Pont.

Le Pont ist keine Ausnahme. Auf den meisten Fotos sind vor allem ältere, saubere Gebäude bei fast immer gleichen Licht- und Jahreszeitverhältnissen abgebildet. Mehr noch: Dass die berühmten romanischen Kirchen von Romainmôtier und Giornico auch bzw. gerade mit ihrem Inneren atemberaubend sind – sieht man nicht. Dass es in Giornico mit dem Museo „La Congiunta“ eine Pilgerstätte moderner Architektur gibt – Fehlanzeige. Dass in Sent der Skulpturenpark von Not Vital auf Besucher wartet – erfährt man nicht. Dass Burgdorf, auch Venedig des Emmentals genannt, von zahlreichen Kanälen durchflossen wird – ist keine Zeile und kein Bild wert.

Die 50 Ortschaften lassen sich entlang der Grand Tour of Switzerland entdecken. Sie ergänzen den Roadtrip durch die Schweiz mit Stopps, die sich nicht auf grosse Besucherströme ausrichten. Jeder Kanton und Halbkanton ist mit mindestens einer Ortschaft vertreten. Die 50 ausgewählten Ortschaften/Ortsbilder sind: Andelfingen ZH, Appenzell AI, Auvernier NE, Bauen UR, Beromünster LU, Bremgarten AG, Burgdorf BE, Castasegna GR, Dardagny GE, Diessenhofen TG, Eglisau ZH, Ennenda GL, Erlenbach i.S. BE, Ermatingen TG, Ernen VS, Flüeli-Ranft OW, Giornico TI, Goetheanum SO, Hallau SH, Hemberg SG, Hermance GE, Kloster Frauenthal ZG, La Chaux-de-Fonds NE, Laufen BL, Le Pont VD, Lessoc FR, Leuk VS, Malans GR, Meride TI, Morcote TI, Osignano TI, Pleujouse JU, Praz FR, Rheinfelden AG, Riehen BS, Romainmôtier VD, Rougemont VD, Rüeggisberg BE, Saillon VS, Saint-Maurice VS, Saint-Saphorin VD, Saint-Ursanne JU, Schwyz SZ, Sempach LU, Sent GR, Soazza GR, Stans NW, Trogen AR, Unterseen BE, Werdenberg SG. Am schönsten ist es also in den Bergkantonen BE, GR, VS, VD und TI – sie sind ja auch die grössten.

Über die Auswahl lässt sich bei Buchtiteln mit einer Liste, die man abhaken kann bzw. muss, natürlich immer streiten. Die in Bern wohnenden Sabrina Bigler und Lea Seiler haben für die „30 Wanderungen in der Schweiz, die man einmal im Leben gemacht haben muss“, unumgängliche Klassiker wie die Rigi oder den Grossen Mythen ausgewählt. Sie stellen aber auch weniger Bekanntes vor, wie den Rundweg Lobhörner – Sulegg unweit Interlaken oder eine Blütenwanderung in Mostindien. Die Touren verteilen sich so: sieben in der Zentralschweiz, sechs im Berner Oberland, fünf im Wallis, vier in der Ostschweiz, drei in der Westschweiz, je zwei im Tessin und in der Ostschweiz sowie eine im Solothurner Jura. Apropos Jura: Nur zweimal muss man dort und im Mittelland wandern, sonst sind, nicht überraschend, die Alpen ein Muss. Bei den wander(touristischen) Infos fehlen leider Zeitdauer (!), Kartenausschnitte, genaue Angaben zu Anreise, Restaurants, Unterkünften, Seilbahnen und Fotos. Aber als Auswahl-Ratgeber mag der Führer schon taugen.

Ein Klassiker gebirgiger Gebrauchsliteratur ist der SAC-Führer „Hütten der Schweizer Alpen“ von Remo Kundert und Marco Volken. 2019 erschien die elfte Auflage; pro Seite eine Hütte, mit allen wichtigen Angaben, auf einen Blick begreifbar, inkl. Kartenskizze. Die 350 Hütten aufgeteilt nach sechs Gebirgsgruppen der Schweizer Alpen, so wie man es kennt von den SAC-Führern. 440 Seiten, 12 x 22 cm gross, gut ein halbes Kilo schwer. Wer sich über die alpinen Unterkünfte zwischen dem Refuge de Chésery und der Heidelberger Hütte informieren wollte, war mit diesem Buch bestens informiert. Vor kurzem ist der SAC-Verlag in den Weber Verlag übergegangen, und mit diesem Wechsel haben auch Hüttenführer und Autorenteam gewechselt. Nun ist das Werk ein Bildbandführer geworden, 22 x 26 x 5 cm gross, 559 Seiten dick, gut zwei Kilo schwer. Allgemeine Texte zu den Hütten, Wegbeschreibungen und Fotos brauchen ihren Platz. Die Infos sind nicht mehr so vollständig und übersichtlich, die Kartenausschnitte fehlen. So weit, so anders. Was ebenfalls teilweise geändert wurde, ist die Einteilung der Hütten. So wurden die Hütten auf Walliser Boden teils dem Kanton Wallis, teils aber der Region Bern zugeordnet. Das heisst, die Anenhütte hinten im Lötschental findet man im Kapitel „Wallis“, die Hollandiahütte zuhinterst im Lötschental im Kapitel „Bern, Freiburg, Waadt“, obwohl sie auch ganz im Kanton Wallis liegt (und wie die Anenhütte in den Berner Alpen). Gleich unverständlich die Platzierung der Cabane Barraud und der Gîte de l’Alpage de Dorbon in den Waadtländer Alpen, beide in rund zwei Stunden von Derborence aus erreichbar: Sie sind neu in zwei verschiedenen Kapiteln untergebracht. Dito Windegghütte und Trifthütte, auf Sichtdistanz im östlichen Berner Oberland (und in den Urner Alpen) gelegen: Jetzt findet man die erste bei Bern, die zweite bei der Zentralschweiz.

Der Rezensent übernachtete schon mal in beiden Hütten. Andere hat er noch nie besucht. Eine, wenn nicht die jüngste Hütte der Schweizer Alpen, ist das am 16. August 2021 eingeweihte Rifugio Curciusa (ca. 2357 m) im gleichnamigen Tal in den Bündner Alpen; sie hat ihren Platz im neu gemachten Hüttenverzeichnis aber noch nicht gefunden.

Schweiz, Suisse, Svizzera. Verliebt in schöne Ort, La magie des beaux sites, Un Amore di Luogo. Hallwag Kümmerly+Frey/Schweiz Tourismus, Schönbühl/Zürich 2022, Fr. 39.90.

Sabrina Bigler, Lea Seiler: 30 Wanderungen in der Schweiz, die man einmal im Leben gemacht haben muss. Droste Verlag, Düsseldorf 2022. Fr. 24.90.

Hütten der Schweizer Alpen/Cabanes des Alpes suisses. Weber/SAC-Verlag, Thun/Gwatt 2022, Fr. 59.-

Wandfussnoten und andere Berggeschichten

Tolle Titel für die Erstlinge von zwei gleich alten Alpinisten.

19. Juli 2022

«Beim Klettern sind jedoch, anders als etwa beim Schwimmen oder Langlauf, nicht in erster Linie Kraft und Ausdauer gefragt. Technik ist von grosser Bedeutung. Marcel Remy, der Vater der Remy-Brüder, wurde 1923 geboren. 2017, mit 94 Jahren, kletterte er mit seinen Söhnen den ‚Miroir de l‘Argentine‘. Natürlich nicht in Rekordzeit. Und man sieht [im Youtube-Beitrag ‚Marcel Remy – 94 years old and back on the summit‘], dass er relativ rasch ausser Atem kommt. Und er klettert toprope. Aber die Bewegungen sind koordiniert und stimmig. Offenbar ist er durch seine grosse Routine in der Lage, die schwindende Kraft durch Geschicklichkeit zu kompensieren.»

Nun ist Marcel Remy zu seiner letzten Klettertour aufgebrochen. Am 10. Juli 2022 ist er sanft entschlafen – „son dernier grand départ en solo, depuis son lit chez lui“, schrieb mir Claude Remy, der ältere der berühmten Remy-Brüder. Am 11. März dieses Jahres ist Marcel zum letzten Mal geklettert, zusammen mit Adam Ondra, dem wohl besten Kletterer der Welt, für den im Entstehen begriffenen Film „Bravo Marcel“.

Das obige Zitat zu Marcel Remy findet sich im 22. und letzten Kapitel „Was bleibt“ im eben erschienenen Buch „Wandfussnoten. Ein Kaleidoskop des Kletterns“ von Lukas Blum (Jahrgang 1974). Er ist „seit 10 Jahren begeisterter Kletterer und Berggänger. Er lebt, wohnt und arbeitet zwischen Zürich, Horw und Castiel“, heisst es auf seiner Website. „Wandfussnoten“ ist sein erstes Buch. Elf Kapitel behandeln verschiedene Aspekte des Kletterns, sportliche, psychische, zwischenmenschliche und kulturelle. Das Seil spannt sich vom familiären Umfeld („Muttermilch“) über Liebesseilschaften und den gesellschaftlichen Umgang mit Risiko bis zum Nachlassen der Kräfte im Alter. Aufgelockert werden diese meist sachlichen Betrachtungen durch elf kurze persönliche Episoden. Eine gelungene Mischung, und manchmal habe ich die kurzen Geschichten lieber gelesen als die Erläuterungen, was auch daran liegen mag, dass mir einige Aspekte des Bergsportes, wie zum Beispiel seine Geschichte, doch ziemlich bekannt sind, während ich bei Anekdoten oft Neuland betreten habe. Schade nur, dass beim Lektorat ein paar Fehlgriffe passiert sind. Doch man darf darüber hinwegsehen und sich freuen an diesem Erstling. „Wer selbst klettert, wird, wie ich, verschiedene Situationen wiedererkennen“, schreibt Rachel Kernen, Kletterlehrerin Schweizer Bergführerverband und Trainerin für Leistungssport Swiss Olympic, im Vorwort. „Wer der Leidenschaft für den Fels noch nicht verfallen ist, erhält einen direkten Einblick in eine Welt, die irgendwo zwischen Sport und Lebenseinstellung steht.“

Wandfussnoten: ein feiner Titel. Gilt auch für einen zweiten Erstling: „Von Bergen und anderen Tälern“. Autor ist Maurice Caviezel, ebenfalls Jahrgang 1974; Bergsteiger seit über dreissig Jahren, Sport- und Sekundarlehrer, Schauspieler, von 2017 bis 2019 Hüttenwart der Kistenpasshütte SAC in den Glarner Alpen. 35 Geschichten aus den Bergen tischt er uns auf, humorvolle, traurige, komische, erstaunliche, gefährliche, belehrende. Letzteres fast zu oft, finde ich, insbesondere rund um die Hütte; aber vielleicht scheint der Alltag eines Hüttenwartes weniger erzählenswert als die Abwechslung mit Gästen, die eher ahnungslos über die Hüttentüre stolpern, wenn sie es denn bis dorthin überhaupt schaffen. Illustriert ist das Buch mit 19 ganz- und doppelseitigen Collagen von Natalie Collagen; geschickte hat sie zum Teil bekannte Bergfotos der Schweizer Alpen zu einem neuen Bild zusammengeschnitten, manchmal so fliessend, dass wir schon zweimal hinschauen müssen, um diese neu entstandene Hochgebirgswelt zu begreifen. Wer Eiger, Jungfrau und Matterhorn zu kennen glaubt, wird hier neue Ansichten kennenlernen, fast wie in einem Kaleidoskop. Beim Illustrieren – und beim Schreiben – ist es halt wie beim Klettern: Ohne Technik kommt man nicht recht vom Fleck.

Lukas Blum: Wandfussnoten. Ein Kaleidoskop des Kletterns. Mit einem Vorwort von Rachel Kernen. Eigenverlag, 2022. Fr. 19.80. www.lbbuch.ch

Maurice Caviezel: Von Bergen und anderen Tälern. Kurzgeschichten. Mit Collagen von Natalie Hauswirth. Weber Verlag, Thun/Gwatt 2022. Fr. 29.-

Robert Helbling und 125 Jahre AACZ

Ein bekannter Club mit sehr bekannten Mitgliedern: der Akademische Alpen-Club Zürich, 1896 mitbegründet durch Robert Helbling. Zwei druckfrische Publikationen wissen viel mehr.

14. Juli 2022

«Diese ganze Tour, die erste Skifahrt über die Kette der Walliseralpen in deren Längsrichtung, wobei drei Gipfel von 3300 m. bis 3800 m. bestiegen und sechs Pässe überschritten wurden, wovon ebenfalls fünf bedeutend über 3000 m Höhe, ist wohl bei ihrer ununterbrochenen Dauer von sieben Tagen, die grösste Skifahrt, die jemals in den Schweizeralpen, ja vielleicht in den Gesamtalpen unternommen worden ist. Die Route führt grösstenteils über vergletschertes Terrain und bei der grossen Abgelegenheit der Nachtstationen von den nächsten städtischen Wohnungen, muss aller Proviant von Anfang an mitgetragen werden. Proviant für sieben Tage und einige Notrationen geben ein erkleckliches Gewicht, selbst wenn man sich auch wie wir es taten, sich aufs aller einfachste beschränkt: Gedörrtes Fleisch, Walliser Schwarzbrod, Kaffee, kondensierte Milch, Thee und Zucker und Pfeifentabak.»

Dieses nicht ganz bescheidene Fazit über die „1. Durchquerung der Walliser Alpen auf Skiern“ zog Robert Helbling (1874–1954), Mitglied der SAC-Sektion Piz Sol und des Akademischen Alpen-Clubs Zürich, den er 1896 mitbegründen half, im zweiseitigen Bericht „Skifahrten in der Saison 1902/1903“ zu seinen Neutouren im SAC-Mitteilungsblatt „Alpina“ vom 1. November 1903. Vom 7. Februar bis zum 13. Februar 1903 hatte Helbling zusammen mit Friedrich Reichert aus Strassburg und dem einheimischen Führer Anatole Pellaud (dieser allerdings nur für die drei ersten Tage) die Walliser Alpen von Le Châble im Val de Bagnes bis nach Zermatt durchquert. Mit Ausnahme der Cabane Panossière waren die Hütten noch nicht für den Winterbetrieb eingerichtet. Helbling über den Aufbruch in der Cabane de Bertol am letzten Tag ihrer Ski Haute Route: „Hütte kalt, morgens mussten wir zuerst die steinharten Schuhe aufschmelzen, bis wir sie anziehen konnten. Thee und Wasser zu Eisklumpen erstarrt.“ Allerdings scheint Robert Helbling entgangen zu sein, dass im Januar 1903 die Franzosen Michel Payot, Alfred Simon, Joseph Ravanel, Camille Ravanel und Jean Ravanel erstmals von Chamonix aus im Winter nach Zermatt gelangten, allerdings nicht auf dem ununterbrochenen Weg durchs Gebirge, sondern mit dem Umweg über Martigny und Sion. Deshalb gelten heute sowohl Payot als auch Helbling als Initianten der Ski Haute Route.

Sie war nicht die einzige Erfindung von Robert Helbling, und nicht der einzige alpinistische Exploit. Sowohl im Winter wie im Sommer brillierte der Ostschweizer mit zahlreichen Ersttouren, in den Alpen, den Anden (Drittbesteigung des Aconcagua am 31. Januar 1906), im Jura (1910 erste schriftlich verbürgte Besteigung des „Langer Mann“ im Basler Jura; er hangelte sich nach Seilwurf auf den Felsturm) und im Kaukasus (Erstbesteigung des Haupt- und Südgipfels der Uschba am 25. Juli 1903, zusammen mit vier Seilpartnern; zuvor hatte es etwa 20 gescheiterte Versuche gegeben).

Das „Historische Lexikon der Schweiz“ wüdigt Robert Helbling so: „Jugend in Rapperswil. Gymnasium in Frauenfeld und Aarau. Geologiestud. am Polytechnikum Zürich, Bergingenieurstud. an den Techn. Hochschulen in Berlin und Aachen, 1902 Dr. phil. der Univ. Basel. 1906-12 geolog. Arbeiten mittels Stereofotogrammetrie für internat. Auftraggeber in Südamerika. In der Schweiz Pionier im Einsatz der Stereoautografie für die Aufnahme neuer Gebirgskarten sowie in der Fotogeologie. 1921 Mitgründer der Verkaufsgesellschaft Heinrich Wilds geodätische Instrumente AG (Leica).1949 Ehrendoktor der ETH Zürich. Gründer des Akadem. Alpenklubs Zürich. Oberst.“

Nun ist von Bernhard Ruetz eine gut lesbare, breit gefächerte und fein illustrierte Biografie zu diesem Mann erschienen, dem man beim Blättern in alpinistischen Führern mit Angaben der Erstbesteiger/Erstbegeher immer wieder begegnet: „Robert Helbling. Alpinist, Vermessungspionier, Firmengründer.“ Sein abenteuerliches Leben wird in fünf Abschnitte unterteilt: 1874–1907 Alpinist und Freigeist, 1907–1914 Pionier der Stereophotogrammetrie, 1914–1921 Vermessung des Gotthardgebiets, 1921–1930 Mitbegründer der Weltfirma Wild Heerbrugg, 1930–1954 Publizist und Wegbereiter der Photogeologie. Breiten Raum nimmt die Tragödie am Matterhorn vom 14. bis 16. August 1907 ein, bei der Helblings Freund und Seilpartner Heinrich Spoerry stirbt. Drei Jahre später heiratet Helbling die Witwe Doris Spoerry. Sie hatte 1908 dem Akademischen Alpen-Club Zürich einen Fonds von 10000 Franken zur Verfügung gestellt mit dem Zweck, im Andenken an Heinrich Spoerry eine Hütte für Clubmitglieder zu errichten. 1924 wurde eine Holzhütte im Fondei im Schanfigg gekauft – das Clubhaus des AACZ. Bekanntere, für Alle zugänglichen Hütten des AACZ sind Mischabelhütte und Windgällenhütte.

Diese drei Unterkünfte bilden den stimmigen Auftakt zur neuen, von Walter Giger und Hans Wäsle verfassten Festschrift „125 Jahre Akademischer Alpen-Club Zürich 1896-2021“. Sie behandelt die Jahre 1996 bis 2021, wobei da insbesondere die Expeditionen in teils völlig unbekannte Gebirge im Mittelpunkt stehen, zum Beispiel diejenige in den Badakhshan-Nationalpark im östlichen Pamir, wo vier Gipfel erstmals bestiegen – und auch benannt wurden, so der Pik Anto (5343 m) zur Erinnerung an die am Zinalrothorn verunglückten Freunde Angi und Tobi. Bei den Würdigungen bekannter Huttlis (so nennen sich die AACZler) findet man André Roch, einen der tatkräftigsten Alpinisten der Schweiz. Den Schluss der Jubiläumsschrift bildet das Mitgliederverzeichnis; ich nennen nur drei von vielen, die auch auf www.bergliteratur.ch ihre Spuren hinterlassen haben: Jules Jacot Guillarmod, Marcel Kurz, Hans Morgenthaler.

Die drei genannten Clubmitglieder waren fleissige Autoren. Der Club selbst hat den zweibändigen „Führer durch die Urner-Alpen“ verfasst, den der Schweizer Alpen-Club 1905 herausgab. Das Kapitel über die Dammastock-Tierberg-Kette im zweiten Band bearbeiteten Dr. Robert Helbling und Dr. Rudolf Martin. Auf Seite 98 stehen bei den Erstbegehern des Nordostgrates auf den Eggstock (3555 m) – „bei weitem der beste und sicherste Anstieg vom Göschenertal zum Kamme der Winterberge“ – folgende Namen: „R. Helbling A.A.C.Z., H. Spoerry A.A.C.Z., Dr. med. Ris und F. Jakob A.A.C.Z., 22. Juli 1900.“

Bernhard Ruetz: Robert Helbling. Alpinist, Vermessungspionier, Firmengründer. Verlag Ars Biographica, Humlikon 2022, Fr. 28.-

125 Jahre Akademischer Alpen-Club Zürich 1896-2021. Eine Festschrift für die Jahre 1996–2021, verfasst von Walter Giger und Hans Wäsle. AACZ, Zürich 2022, Fr. 88.- https://aacz.ethz.ch/de/

Imaginary Peaks: The Riesenstein Hoax and Other Mountain Dreams

Fake News in und mit den Bergen: Alpinist-Chefredakteurin Katie Ives erzählt schwindelerregende Geschichten.

4. Juli 2022

«In June 1962, readers of Summit magazine opened its page to an intriguing photo of a seemingly unknown range. The mountains in the black-and-white image were unlike any that most American climbers had ever seen before. Sheer rock cliffs rose to intricate ridges and spires, stacked one above the other, thousands of feet high, like the ramparts of an extraterrestrial city.»

Mit diesem schwarzweissen Foto himmelwärts strebender Felspfeilern eröffnet Katie Ives, Chefredaktorin der renommierten US-amerikanischen Zeitschrift Alpinist, ihr erstes Buch mit dem Titel „Imaginary Peaks: The Riesenstein Hoax and Other Mountain Dreams“. Was die Leser und Bergsteigerinnen vor 60 Jahren besonders zusätzlich verwirren und elektrisieren musste, war nicht allein der Anblick solch noch kaum je gesehener Granitnadeln. Erstens waren auf dem Foto vier mögliche Anstiegsrouten eingezeichnet. Und zweitens verriet die Bildlegende die (angebliche) Location: Die Gipfel würden Riesenstein heissen, seien circa 2400 Meter hoch, befänden sich in British Columbia und könnten in zwei Tagen Wandern durchs Unterholz entlang dem Klawatti River erreicht werden. Die Legende gipfelte in der Frage: „Who will be the first to climb it?“

Allerdings, und das fand man nach und nach heraus: In den Bergen von British Columbia, obwohl damals noch nicht bis zum letzten Zacken erforscht, wurde das Foto ganz sicher nicht aufgenommen. Zudem wurde der echte Riesenstein lokalisiert: ein Felsblock- und Klettergebiet am Hang des Gaisbergs direkt über der Heidelberger Altstadt. Kurz: Der Riesenstein-Artikel erwies sich als Zeitungsente. Das ist auch eine der Bedeutungen von Hoax; andere sind Falschmeldung und Scherzartikel. Nur, und diese Frage blieb im Raum und im Kopf der Alpinisten stehen wie die herausfordernden Wände und Linien am falschen Riesenstein: Wo wurde das Foto aufgenommen, wo waren diese offenbar noch nie erkletterten Gipfel? Alaska, Patagonien, Grönland, irgendwo versteckt in den riesigen Gebirgen Asiens?

Wie das alpinistische Rätsel gelöst wurde, wer es und warum überhaupt erfunden und veröffentlicht hat, wie und mit welchen Mühen die Spitzen nach und nach bestiegen wurden: All das erzählt Katie Ives in ihrem hochinteressanten und tieffundiertem Buch, das uns auch eine in Europa leider kaum bekannte Alpinismusgeschichte näher bringt. Ives entfaltet nicht nur die ganze Riesenstein-Story, sondern bringt sie in die Reihe mit anderen vorgestellten und erfundenen Bergen, von der Antike bis zur behaupteten Erstbesteigung im Jahre 1906 des Denali (6190 m), des höchsten Gipfels in Alaska und in Nordamerika, durch den US-Amerikaner Frederick F. Cook, der gar ein Foto des einst Mount McKinley genannten Gipfels nach Hause brachte. Glücklicherweise gelang 1910 die Entdeckung von Cooks „falschem McKinley“, der kilometerweit vom richtigen Berg entfernt lag und 2000 Meter weniger hoch war. In Alaska, meilenweit hinter dem Denali, befinden sich denn auch die atemberaubenden Riesensteine: Kichatna Spires ist ihr Name; die Ureinwohner nannten sie „K’its’atnu Dghelaya“.

Im Juni 2022 meldete Alpinist, dass am Hauptgipel (2738 m) der Kichatna Spires zwei neue, höchst schwierige Big-Wall-Routen in mehrtägigen Klettereien eröffnet wurden, „The Pace of Comfort“ durch drei US-Amerikaner sowie „Thunderstock“ durch zwei Briten. Die Meldung schloss mit diesem Hinweis: „Even with modern forecasting tools, weather patterns and difficult conditions in the region continue to challenge climbers today.“ Das heisst, dass genügend Material mitgenommen werden sollte, wenn man sich an den Fuss dieser wirklich abgelegenen Berge begibt (was meistens mit einem kleinen Flugzeug erfolgt). Also sollte auch Lesestoff miteingepackt werden, für den Fall, wenn tagelanges Schlechtwetter das Klettern verhindert. Katies Erstling ist ein guter Tipp. Das Buch empfiehlt sich ebenfalls sehr zur Lektüre bei Schönwetter auf einer schattigen Terrasse.

Katie Ives: Imaginary Peaks: The Riesenstein Hoax and Other Mountain Dreams. Mountaineers Books, Seattle 2021. € 25.50.

Von Flüssen, Frauen und Refugien

Bergthemen werden natürlich auch in Zeitschriften aufgenommen. Ein Blick auf fünf besondere Hefte.

28. Juni 2022

«J’ai fait avec le général Vial des courses charmantes aux environs de Berne; l’Arno entoure la ville; il anime et embellit tout le paysage, et chaque pas conduit à des sites qu’il faut admirer. Berne a une cathédrale et deux hospices qui méritent d’être visités par les voyageurs. La ville est bâtie sur la hauteur; on trouverait difficilement un point de vue aussi beau que celui qu’on découvre de la plateforme de Berne.»

Ein schöner Verschreiber der berühmten französischen Porträt- und Landschaftsmalerin Élisabeth Vigée Le Brun (1755–1842) in ihrem ersten Brief an Madame la Comtesse Vincent Potocke, née Masalka, geschrieben während ihren Besuchen der Schweiz in den Jahren 1807 und 1808. Natürlich kannte die Kunstmalerin, die auf der Flucht vor den Wirren der Französischen Revolution zwölf Jahre lang durch Europa reiste, die Namen der Stadtflüsse von Florenz und Bern. Aber vom Arno zur Aare ist man beim Schreiben halt rasch geschwommen…

Den Namen Élisabeth Vigée Le Brun sagte mir – es sei zähneknirschend zugegeben – nichts. Hingegen kam mir ihr berühmtes Gemälde von Germaine de Staël, der einflussreichen Schriftstellerin aus Genf, bekannt vor, auch dasjenige vom Unspunnenfest bei Interlaken im Jahre 1808. Nun konnte ich die Bildungslücke schliessen, mit dem Beitrag „Auf Grand Tour mit Louise Élisabeth Vigée Le Brun“ in „Wege und Geschichte“, der Zeitschrift von ViaStoria, Stiftung für Verkehrsgeschichte. Das Heft vom Dezember 2021 befasst sich mit „Frauen unterwegs“. Auf dem Cover das Werbeplakat des französischen Malers Henry Ganier für den Besuch der Jungfrauregion, mit einer eleganten Touristin hoch zu Ross, die von einer einheimischen Frau in Tracht ein Glas frische Milch erhält. Très chic! Und perfekt passend zum Beitrag „Frauen in der Verkehrswerbung der Zwischenkriegszeit“. Überhaupt ein ganz tolles, von A bis Z lesenswertes Heft.

Das lässt sich auch vom Juni-Heft 22 sagen, das sich den „Wasserwegen“ widmet. Über die nicht ganz durchgehende Verbindung von der Rhone zum Rhein durch das schweizerische Mittelland, mit dem gebauten Canal d’Entreroches bei La Sarraz, konnte man schon ein paar Mal lesen; aber daran erinnert werden – noch besser: durch diesen eindrücklichen Kanal im Mormont-Hügel zu wandern –, gibt eine Vorstellung, wie wichtig Wasserwege waren und sind. Auch Pietro Caminadas Kanalprojekt über den Splügenpass und die Ableitung der Kander in der Thunersee sind nicht ganz unbekannt. Spannend und für mich neu der Beitrag, wie die Wasserwege für die Entwicklung der Glarner Textilindustrie mitentscheidend waren. Auch das für den Dezember 2022 geplante Heft von Wege und Geschichte zu den Polenwegen wird ein hochinteressantes Kapitel der jüngeren Schweizer Berggeschichte beleuchten.

Und wenn wir schon fast von der Rhone zum Rhein gepaddelt sind. Die Sommer-Ausgabe der Zeitschrift „L’Alpe“ befasst sich mit „Le Rhône – Une civilisation fleuve“. Über den wasserreichsten Strom Frankreichs, der zuerst auf 264 Kilometern durch die Schweiz raucht, liesse sich wohl eine halbe Bibliothek füllen. Acht Beiträge zeigen besondere Aspekte dieses Alpenflusses, der den Jura durchquert und dann entlang dem Massif central Richtung Mittelmeer fliesst. Besonders sehenswert das Portfolio „Rhodanie“ von Bertrand Stofleth, der mit acht Fotos Bedeutung und Vielfältigkeit der Rhone aufschlägt. Ebenfalls von besonderem Interesse, gerade heute mit der befürchteten Energieknappheit: die Talsperre Génissiat, welche die Rhone bei Injoux-Génissiat, etwa 40 km unterhalb des Lac Léman, zu einem schmalen See von ca. 20 km Länge aufstaut. Bei ihrer Fertigstellung 1948 war Génissiat die grösste Wasserkraftanlage Europas.

Restons en France! Aber nicht im Tal, sondern in der Höhe. In einer Hütte, in einem Refuge oder einer Cabane. Die Zeitschrift „Montagnes Magazine“ hat in der Mai-Nummer einen „Guide des Refuges“ zusammengestellt, mit 30 Hütten, die unter zwei Stunden, zwischen zwei und drei Stunden oder in mehr als drei Stunden erreichbar sind. Ein paar Namen dürften vielleicht bekannt sein, wie das Refuge des Cosmiques zwischen Aiguille du Midi und Mont Blanc de Tacul. Oder das Refuge des Merveilles im Mercantour, wunderbar am Fuss des Mont Bégo gelegen, der für seine prähistorischen Felszeichnungen bekannt ist. Aber das Refuge de la Cougourde oder das Refuge du Chatelleret? Aucune idée, wo die liegen. Sind eine Wanderreise wert. Das Heft beschäftigt sich zudem mit allgemeinen Themen zu Hütten, zum Beispiel über die unstabile Zukunft, wenn der Gletscher weggeschmolzen ist und seine Seitenränder nun zusammenfallen. Oder zur Geschichte der Errichtung von Hütten für die Touristen, mit oder ohne Gipfelambitionen.

Apropos Tourismus: Das November-Heft 2021 von „informationen“, der Wissenschaftlichen Zeitschrift des Studienkreises Deutscher Widerstand 1933–1945, befasst sich mit „Tourismus & Nationalsozialismus“. Auf dem Cover ist das Chalet von Adolf Hitler in seiner Wahlheimat Obersalzberg oberhalb von Berchtesgaden in den Bayerischen Alpen abgebildet, aber nicht das gebaute, sondern als Spardose, inkl. Hakenkreuzfahne. Nach der Machtübernahme Hitlers pilgerten seine Anhänger und Neugierige, so lesen wir im Beitrag „Täterort und Tourismus“, in grosser Zahl auf den Obersalzberg. Und noch immer wird dieser verfluchte Ort von Tausenden von Leute aufgesucht, die seit über zwanzig Jahren aber von einem Dokumentationszentrum empfangen und begleitet werden, was dazu beiträgt, „Mystifizierung, Legendenbildung und Überhöhung eines verschämt im Wald versteckten Unortes zu verhindern“. Joachim Schindler, die Eminenz der Klettergeschichte in der Sächsischen Schweiz, schreibt seinerseits über „Seilschaften auf dem Weg in die Katastrophe.“ Und streift kurz das Schicksal der jungen jüdischen Dresdner Bergsteigerin Ilse Fleischmann, die bis zu ihrer Inhaftierung durch die Gestapo am 1. Juni 1944 trotz Einschränkungen aller Art immer wieder zu klettern wagte. Mehr zu dieser aussergewöhnlichen Frau (1922–2009) in Schindlers Buch „Rote Bergsteiger. Ihre Spuren in der Sächsischen Schweiz und im Osterzgebirge“.

Frauen unterwegs. Wege und Geschichte. Zeitschrift von Via Storia, Stiftung für Verkehrsgeschichte, Heft 2/2021. Werd & Weber Verlag Thun/Gwatt. Fr. 18.-

Wasserwege. Wege und Geschichte. Zeitschrift von Via Storia, Stiftung für Verkehrsgeschichte, Heft 1/2022. Werd & Weber Verlag Thun/Gwatt. Fr. 18.-

Le Rhône – Une civilisation fleuve. L’Alpe, N° 97, été 2022. Éditions Glénat Grenoble. Fr. 26.-

Guide des refuges. Montagnes Magazine, N° 503, mai 2022. Nivéales Médias Grenoble. € 6,90.

Tourismus & Nationalsozialismus. informationen. Wissenschaftliche Zeitschrift des Studienkreises Deutscher Widerstand 1933–1945, Nr. 94, November 2021. Frankfurt/Main. € 6,50. www.widerstand-1933-1945.de

Élisabeth Vigée Le Brun: Souvenirs 1755–1842. Texte établi, présenté et annoté par Geneviève Haroche-Bouzinac. Honoré Champion Éditeur, Paris 2008.

Joachim Schindler: Rote Bergsteiger. Ihre Spuren in der Sächsischen Schweiz und im Osterzgebirge. Alternatives Kultur- und Bildungszentrum, Pirna 2021.

50 Türme zum Klettern – und mehr

Drei neue Kletterführer für alle, die steil nach oben wollen.

22. Juni 2022

«Während der Vorbereitung einer Sektionstour in den Alpstein habe ich ein Foto vom Südrippli entdeckt. Keine Frage, da muss ich hinauf. (…) Nur wo ist dieses Südrippli zu finden? Die Beschreibungen verraten mir: in der Schweiz, im Alpstein, in den Kreuzbergen. Gefühlt stundenlang suche ich diese „Kreuzberge“ auf einer Landeskarte. Vergebens. Erst der vielfache Vergleich von Aufzeichnungen mit der Karte bringt dann endlich die Lösung: In den Schweizer Landeskarten ist dieses Gebiet unter „Chrüzberge“ verzeichnet. Schwyzerdütsch! Da muss man erst einmal darauf kommen! Verzweiflung löst sich auf in genüssliches Schmunzeln.»

Tja, lieber Stefan aus Bayern, du bist nicht der Erste, der mit den in Mundart geschriebenen Namen auf der Landeskarte der Schweiz seine liebe Mühe hat. Das ergeht auch den Einheimischen so. Zwei Beispiele nur: Das Bärenhorn, Topskiberg zwischen Rheinwald, Valsertal und Safiental, heisst seit 2016 Bärahora; wer auf der digitalen LK „Bärenhorn“ eingibt, findet nur noch einen so genannten Gipfel in der Spannort-Gruppe. Und den Motto Rotondo beim Monte Tamaro im Tessin nennt die LK seit 2015 Ul Mött Tund. Immerhin heisst das Matterhorn auf der Karte noch so und nicht „Hore“ oder „Horu“.

Geben wir gleich noch zwei andere Namen ein: Hannibal – Fehlanzeige. Kamel – gleich zwei Felsköpfe sind so verzeichnet, einer im Südwestgrat des Gspaltenhorns, der andere nordöstlich oberhalb der Sidelenhütte im Furka-Gebiet. Auch der Hannibal thront unweit dieser Hütte – und hat, wie das Kleine Kamel, Eingang gefunden in den Bildbandführer „50 Türme – exponierte Klettertouren“ von Stefan Stadler. Zwei von acht helvetischen Klettertürmen, die wie die andern 42 Turmtouren mit tollen Fotos, abwechslungseichen Einführungstexten, den nötigen klettertouristischen Infos und genauen Topos vorgestellt werden. Überschlagsmässig gezählt sind es mehr als 100 Türme, auf die uns der Stefan hochseilt. Die Tre Frati in Finale Ligure bestehen laut Zeichnung aus dem Grossen und dem Kleinen Bruder. Und sie befinden sich nicht wie angegeben in einem ausseralpinen Gebiet, sondern gehören zum Alpenbogen wie die atemberaubenden Nadelspitzen im Salzkammergut. Dafür stehen die Klettergartentürme Däumling & Dickkopf (330 m) bei Dürnstein in der Wachau abseits der Alpen, sind aber genauso verlockend wie andere ausseralpine Türme, zum Beispiel in der Fränkischen und in der Sächsischen Schweiz. Kurz, Stefan: Ein bärenstarkes Buch hast gemacht. Und ich freue mich auf Band 2. Denn auf dich – und somit auf uns – warten noch viele weitere „Da muss ich hinauf“-Türme. Ich nenn nur drei, auf denen ich zum Glück schon oben war: die Petite Aiguille in den Calanques, die Aiguille Dibona im Massif des Écrins und die Aiguille de la Mort im Schweizer Jura.

Auf dem Girenspitz, dem sogenannten Matterhorn des Alpsteins, stand ich leider noch nie. Zahlreiche andere Zinnen und Zacken in diesem Gebirge rund um den Säntis kenne ich ebenfalls nur halbwegs aus der Literatur oder aus der Ferne, wie die acht Kreuzberge, aber nicht mit Hand und Fuss. Ja, eigentlich war ich dort nur ein oder zwei Mal mit den Tourenski unterwegs. Dabei ist der Alpstein ein Wander- und Kletterparadies. Wer nun aber den Kalk hautnah spüren möchte, neben dem schmalen Südrippli noch das breite umfassen, den Tobleroneweg auf den Girenspitz einverleiben oder die Route „Heisse Liebe“ ob der Meglisalp erleben möchte, greift zum Kletterführer „Alpstein“ von Werner Küng. 384 Seiten voller hakengenauer Topos, gut abgestuften Fotos und mit allen nötigen Infos und Übersichten machen aus dem Buch die Kletterbibel des Alpsteins. Mit ihr finden alle, Einsteiger und Vorsteigerinnen, ihr Kletterglück und Seelenheil. Zum Beispiel in der Route „d’Hend verchritzt“ am vierten Kreuzberg. Kommentar von Küng: „Steile, schöne Risskletterei. Der Name ist Programm!“

Und wenn wir die Hände schon in den Riss gezwängt haben und turmwärts nach oben entschwinden: Eines der Klettermekkas der Alpen ist Arco am Gardasee. Im April 2022 ist die fünfte Ausgabe von „Klettern in Arco“ bei den Edizioni Versante Sud herausgekommen, 720 Seiten mit 5000 Routen in 130 Klettergebieten. Wahnsinn! Auf dem Cover Stefano Ghisolfi in der stark überhängenden Route „The Lonely Mountain“ im Gebiet Eremo di San Paolo. Der einsame Berg, so könnten doch Türme bezeichnet werden. Sie stehen für sich und warten darauf, dass jemand davor steht und sagt: Da möchte ich hinauf. Jedoch nicht vergessen: Ewig oben bleiben geht nicht.

Stefan Stadler: 50 Türme – exponierte Klettertouren. Eigenverlag Stefan Stadler, 2022. € 44,50. https://stefanstadler.com/tuerme-50-klettertouren/

Werner Küng: Klettern Alpstein. Säntis/Kreuzberge/Hundstein/Altmann. Weber/SAC-Verlag, Thun/Gwatt 2022, Fr. 59.-

Mario Manica, Antonella Cicogna, Roni Andres: Klettern in Arco. Edizioni Versante Sud, Milano 2022, € 35,00.

Rigi – Gipfel und Bücher

Die Rigi gehörte zu den Bücherbergen der Schweiz, wie Eiger und Jungfrau. Zwei Romane passen bestens ins Wandergepäck.

18. Juni 2022

«Wir wandern über einen Weg, der von vierzehn Bildstöcken gesäumt ist, auf den Rotstock. Er ist 1658 Meer hoch. Der Weg gefällt mir, weil er keine „Wanderautobahn“ ist, sondern über Stock und Stein führt. Trotzdem ist er sehr leicht begehbar, wenn auch zeitweise steil. Wirklich empfehlenswert. Wir brauchen eine Stunde bis zum Gipfel.»

Wie viele Gipfel hat die Rigi? Einen, zwei oder drei? Nämlich Rigi Kulm, Rigi Scheidegg und Rigi Hochflue. Ganz sicher so viele Gipfel, wobei die Hochflue so selbständig, abgesetzt und hoch ist, dass sie den Zusatz „Rigi“ nicht braucht; seit 2013 wird sie in der Landeskarte Hoflue genannt. Aber was ist dann mit dem Dossen, dem dritthöchsten Gipfel des ganzen Rigistocks, der da so mächtig am Nordrand der Alpen zwischen dem vielarmigen Vierwaldstättersee, dem Zuger- und dem Lauerzersee hockt? Und wie steht es um den Vitznauerstock, der sich bei der Anfahrt von Luzern mit dem Schiff immer mächtiger vor dem Bug aufbaut? Und die Zünggelenflue am nordöstlichsten Zipfel des Rigistocks, dicht bewaldet und unten von einem Steinbruch angeknabbert? Ja und das Känzeli, jener vielbewunderte und –bewanderte Aussichtspunkt in Spaziergangdistanz von Rigi Kaltbad, dem autofreien Hauptort auf der Rigi oben? Und eben der von Bildstöcken erschlossene Rotstock, wie im Buch „Rigi. Ein fröhlicher Roman über traurige Menschen“ von Blanca Imboden.

Bleiben wir aber vorerst bei den Gipfeln und versuchen, alle Gipfel an der Rigi aufzuzählen. 1) Rigi Kulm (1797 m), von der gemeinsamen Bergstation (1749 m) der beiden Zahnradbahnen von Vitznau und von Arth-Goldau in wenigen Schritten erreichbar ; 2) Hochflue (1699 m), nur für schwindelfreie, leiternerprobte Wanderer zu empfehlen; 3) Dossen (1685 m), einst mit einem Skilift erschlossen; 4) Rigi Scheidegg (1659 m), früher mit einem Aussichtssturm, heute mit einem halbüberwucherten Reservoir auf dem höchsten Punkt; 5) Rotstock (1658 m) mit einem noch funktionierenden Skilift; 6) Schild (1548 m), auf dessen Sonnenseite der atemberaubende Felsenweg aus der Nagelfluh herausgehauen wurde; 7) Würzenstock (1482 m), worauf auch die Kühe Gipfelglück geniessen; 8) Vitznauerstock (1450 m) – die Gersauer sagen dieser stotzigen Pyramide natürlich Gersauerstock; 9) Grat (1436 m), eine waldige Schulter auf der Südwestseite der Hochflue; 10) Spitz (1410 m), der auch Ameisenhöreli genannt wird – wer es besteigen will, muss so geschickt wie eine solche klettern können; 10) Gottertli (1396 m), von der Bergstation der Seilbahn Brunnen – Obertimpel ohne besondere Schwierigkeiten besteigbar; 11) Zünggelenflue (1091 m) tief unten im langen Nordostgrat der Hochflue.

Nur elf und nicht zwölf Rigigipfel? Da sollte sich doch das Dutzend voll machen lassen! Halt doch das Känzeli (1464 m)? Oder der Grat (1565 m) zwischen diesem und der Station Rigi Staffelhöhe (ca. 1550 m) – immerhin steht ein Kreuz auf der Grathöhe? Oder billigen wir dem Chli Dossen eine gewisse Selbständigkeit zu, obwohl er kaum auf eigenen Füssen steht wie etwa das Kleine Matterhorn? Und könnte nicht im langen Ostgrat von Rigi Scheidegg eine Kuppe zu einem Gipfel aufgewertet werden?

Einheimische Rigianer werden da sicher weiterhelfen können. Ich für mich habe meinen zwölften Gipfel an der Rigi gefunden. Er erhebt sich zwischen Weggen und Greppen am Westfuss des ganzen Gebirgsstocks. Klar, Nummer 12 gleicht mehr einem Hügel als einem Berg, aber setzt sich doch mit mehr als 40 Höhenmetern von möglichen Konkurrenten ab. Seine bescheidene Höhe: 601 Meter über Meer (über dem Vierwaldstättersee sind‘s bloss deren 167). Sein Name, der seit 2013 auf der Landeskarte allerdings nicht mehr beim Gipfel platziert ist, sondern im Villenviertel östlich davon: Rigiblick. Nicht der einzige übrigens in der Schweiz, aber der einzige Gipfel mit diesem Namen.

Jetzt aber genug der Gipfel; all die Berge, die den Übernamen Rigi erhalten haben, wie der Gaisberg als Rigi von Salzburg, zähle ich ein ander Mal auf. Dafür nun ein kurzer Blick auf zwei halbwegs neue Rigibücher. Der aufgestellte Roman von Blanca Imboden also. Ich-Erzählerin Eliane erhält einen Traumjob: Sie kann im Sommer 2021 zum 150-Jahre-Jubiläum der Vitznau-Rigi-Bahn, der ersten Bergbahn Europas, eine Artikelserie schreiben und einen Monat lang auf der Rigi wohnen. Was folgt, sind viele bewegende Begegnungen. Die Rigi ist ein Kraftort und verändert alles – auch Eliane. Und wir Leser erfahren mit ihr viel über die Rigi, so auch über frühere Besucher, die zur Feder gegriffen haben. Bei den satirischen Schriftsteller erwähnt Blanca Imboden nur Mark Twain und leider nicht auch Alphonse Daudet; die Rigitour seines Helden Tartarin ist mindestens so fröhlich wie diejenige von Twain.

Düsterer, aber nicht weniger rigi-informativ und rigi-situativ, ist der Krimi „Rigigeister. Ein Fall für Kramer“ von Silvia Götschi. Am Donnerstag, 17. Juli 2014, stossen zwei junge Frauen auf einer Wanderung auf den Rotstock sauf eine grausam verbrannte Leiche. Ermittler Thomas Kramer und sein Team glauben zunächst an einen Ritualmord, weil ganz in der Nähe eine geheimnisvolle Sekte ihr Unwesen treibt. Alle zwei Wochen treffen sich deren Anhänger auf dem Riedboden oberhalb von Rigi Klösterli und zelebrieren Sonderbares. Menschen fallen von den Bänken, Frauenkörper fliegen durch die Luft – der Sektenguru bleibt unerkannt. Das Unwetter aber, das über die Rigi hereinbricht, ist für alle eine Katastophe. Mit einem Wolkenbruch auf der Königin der Berge beginnt schon Daudets Roman „Tartarin in den Alpen“. Auf seiner Reise durch die Schweiz kommt der Held nach Interlaken, wie jetzt auch Kramer. Beide Helden steigen im Hotel Victoria-Jungfrau ab. Wie Eiger, Rigi und Matterhorn gehört auch die Jungfrau zu den Bücherbergen der Schweiz.

Blanca Imboden: Rigi. Ein fröhlicher Roman über traurige Menschen. Wörthersee Verlag, Lachen 2021. Fr. 24.90.

Silvia Götschi: Rigigeister. Ein Fall für Kramer. Cameo Verlag, Bern 2021; erste Auflage Literaturwerkstatt, Küssnacht 2014. Fr. 17.90.

Raus aus Zürich – in den Aargau und an den Rhein

Drei neue Wanderführer für den Nordrand der Schweiz im Süden des Rheins.

9. Juni 2022

«Der edel gravierte, ausklappbare Panoramatisch auf der Gisliflue klärt uns akribisch über die umfassende Aussicht im Süden auf, jenseits von Aaretal und Autobahnen. Hohe Berge, berühmte, selbst Viertausender sind liebevoll vermerkt. Was man da alles bewundern könnte!»

Dummerweise verschanzten sich die hohen Gipfel hinter einem dichten Schleier, als Marco Volken auf dem Juraberg fast am Stadtrand von Aargau stand. Deshalb lenkte er seinen Blick nach Norden auf „eine naturnahe Kulturlandschaft, ein reizvolles, kleinräumiges Muster aus Wäldern, Äckern, Wiesen und Flugwegen“. Die Gisliflue (772 m), so lesen wir im Wanderführer „Raus aus Zürich. 25 Streifzüge durch die Natur“, trennt zwei Welten: „im Süden ein rasantes Mittelland, das sich entlang der wichtigsten Autobahn der Schweiz hinzieht, im Norden ein weitgehend unversehrtes Hinterland.“

Raus aus Zürich also! Von der panoramareichen Fluh auf die aussichtslose Hohenegg im Zürcher Oberland, vom tosenden Rheinfall bei Schaffhausen zur sumpfigen Schwantenau unweit von Einsiedeln: Rund um die grösste Stadt der Schweiz gibt es viel zu erwandern und zu erleben, sehr viel. Für Klein und Gross, für Flachgeher und Treppensteiger, zu jeder Jahreszeit. Marco Volken kennt sich in seinen heimatlichen Gefilden bestens aus; er ist Mitverfasser der Führer „Zürcher Hausberge“ und „Wandern in der Stadt Zürich“. In seinem jüngsten Werk stellt er mit allen nötigen (wander)touristischen Infos (inkl. Zugang zu digitalen Wanderkarten und GPS-Daten) 25 Streifzüge vor, wobei am Uetliberg acht Wege beschrieben sind, rund um Bauma drei Tobeltouren und am Rhein zwei Uferwege. Es gibt also einiges zu tun, nicht nur für StadtzürcherInnen. Zudem kann das Buch auch angeschaut und gelesen werden; die Geschichten und Interviews gehen weit über die schweizerische Metropole hinaus. Wer jeden Monat einen Ausflug unternimmt, wird mit „Raus aus Zürich“ zwei schöne Jahre füllen können.

Oder wollen wir im Norden von Zürich zehn Tag lang wandern, flachwandern? Obwohl der Weitwanderweg nicht ganz flach ist, wie Start und Ziel dies eigentlich vermuten liessen: Kreuzlingen (403 m) und Basel (253 m). Dazwischen 190 Kilometer, 10 Etappen und rund je 3000 Höhenmeter Auf- und Abstieg. Mehr noch, viel mehr: ehrwürdige Orte, besondere Brücken, urige Auenlandschaften, überraschende Stauseen, köstliche Restaurants, feine Bleiben für eine Nacht, erfrischende Bäder – und der mächtigste Wasserfall Europas, der Rheinfall. Das ist die ViaRhenana, einer der zwölf historischen Verkehrswege der Schweiz. Ein Fussweg – die nationale Veloroute 2 folgt dem gleichen Strom – voller Geschichte(n), Sehenswürdigkeiten und Abwechslungen. Und nun dank des mit 140 Abbildungen illustrierten Buches „ViaRhenana. Wasserweg mit Salzgeschmack“ von Daniel Stotz auch für diejenigen erlebbar, die lieber nur lesen statt wandern. Oder lieber radeln. Vielleicht gar paddeln. Wie auch immer: Selbst ein überzeugter Aare-Berner muss mit Stotzens „ViaRhenana“ zugeben, dass der Rhein unbedingt ebenfalls eine Reise wert ist.

In Basel wurde die erste Sektion des Schweizer Alpen-Clubs gegründet, am 17. April 1863, zwei Tage vor der Gründung des nationalen SAC in Olten. Die fünfte Sektion war diejenige von Aarau, zu Beginn des Sommers 1863 von vier Bergsteigern ins Leben gerufen; ihr ursprünglicher Name lautete Jura. Denn der Aargau ist ja auch Jura, nur vergisst man das zuweilen. Mehr noch: Der Aargauer Jura ist seit 2012 gar ein Regionaler Naturpark, schön gelegen zwischen Aare, Rhein und Basel-Land. Eine Landschaft wie gemacht zum Wandern und Radeln. Thomas Bachmann, Hausautor des Rotpunktverlages wie sein Bruder Philipp, beschreibt in „Jurapark Aargau. Unterwegs im Naherholungsgebiet zwischen Aare und Rhein“ mit allen Hintergründen, touristischen Infos und feinen Fotos vierzehn Wanderungen in dieser zu Unrecht kaum bekannten Ecke der Schweiz. Dazu kommen drei Tagesausflüge mit Kindern sowie drei Vorschläge, den Jurapark Aargau und seine Umgebung mit dem Velo zu entdecken. Die Höhenunterschiede halten sich in Grenzen, die Weitsicht reicht trotzdem zum Alpenkranz und Schwarzwald, wenn die Wetterbedingungen mitmachen, wir wissen es. Die achte Tour führt von Zeihen an der Bözberglinie zur Ruine Schenkenberg auf dem gleichnamigen Berg (630 m) – eine imposante Burganlage, an der der Zahn des Zeit unablässig werkelt – und weiter auf die Gisliflue, dann hinab nach Biberstein an der Aare.

Am 16. Juni 2005 startete ich in Aarau selbst, um über die Hombergegg zur Gisliflue und weiter nach Wildegg zu joggen; Trailrunning nennt man das heute. An eine Aussicht kann ich mich nicht erinnern. Ich machte oben auf der Nagelfluh nur zwei Fotos: eine vom Wegweiser und Triangulationssignal, die andere von mir selbst, mit nasser Stirn und zusammengekniffenen Augen. Vielleicht sollte ich mal im Herbst bei guter Fernsicht und ohne Eile die Fluh der Gisela besuchen.

Marco Volken: Raus aus Zürich. 25 Streifzüge durch die Natur. AT Verlag, Aarau 2022. Fr. 29.90.

Daniel Stotz: ViaRhenana. Wasserweg mit Salzgeschmack. Weber Verlag, Thun/Gwatt 2022. Fr. 39.-

Thomas Bachmann: Jurapark Aargau. Unterwegs im Naherholungsgebiet zwischen Aare und Rhein. Rotpunktverlag, Zürich 2022. Fr. 39.-

Urner News

Uri ruft: mit dem Online-Magazin Syntopia Alpina, mit Bergseensucht und mit dem neu eröffneten Museo Nazionale del San Gottardo

31. Mai 2022

«Lässt sich überhaupt genügend Schnee produzieren, um auch am Ende des 21. Jahrhunderts noch Ski zu fahren? Und wie viel Wasser würde dafür gebraucht? Eine detaillierte Fallstudie für das Skigebiet Andermatt+Sedrun+Disentis zeigt mögliche Szenarien auf.»

Einstieg in einen hochspannenden Beitrag, der im brandneuen Online-Magazin Syntopia Alpina veröffentlicht wurde. „Es präsentiert gemeinsame Orte («Syn-Topoi»), an denen unterschiedliche Nutzungen des alpinen Raums fruchtbar aufeinandertreffen und die planetare Biosphäre im Gleichgewicht halten“, heisst es auf www.syntopia-alpina.ch/info. Lanciert wurde das Magazin vom Urner Institut Kulturen der Alpen an der Universität Luzern. Die Autorinnen und Autoren von Syntopia Alpina berichten aus der Praxis oder von aktuellen Themen der Wissenschaft. Dabei stehen die Alpen als Lebensraum und Initiativen, die sich der Nachhaltigkeit verschreiben, stets im Fokus. An jedem Dienstag wird ein neuer Beitrag veröffentlicht. Alle vier Wochen wird zudem mit einem Newsletter über die neusten Beiträge informiert. Das Team hinter Syntopia Alpina besteht aus Prof. Dr. Boris Previšić (Direktor Institut Kulturen der Alpen), Aline Stadler (Redaktion), Marco Volken (Fotografie) und Madlaina Bundi (Editionsverantwortung).

Bevor im Andermatter Skigebiet neue Speicherseen für die technische Beschneiung ausgehoben werden, besuchen wir natürliche Bergseen. Warum nicht gar solche im Skigebiet, den Lutersee oberhalb der Oberalppassstrasse oder das Luterseeli unter dem Gemsstock? Wer einen Bergsee ohne Stützen und Drahtseile in der Nähe bevorzugt, wandert zum Lutersee am Sonnenhang ob Hospental. Oder zu einem andern der schier unzähligen Bergseen zwischen Urnersee und Gotthardpass (seine Seen dort befinden sich allerdings schon im Kanton Tessin). Nach dem Buch über die Bergseen des Wallis (https://bergliteratur.ch/wallis-bergseensucht-und-mehr/) legt Bergseefee Bettina Mattia nun einen neuen Band vor: „Bergseensucht Uri. 48-mal auftauchen, eintauchen und abtauchen“. Vom Alplersee bei Sisikon bis zum Witenwasserengletschersee ob Realp entführt sie uns zu den blauen Augen zwischen Gras und Geröll, Tannen und Sandstränden. Tolle grossformatige Fotos, kurze Texte auf Deutsch und Englisch, ein paar Geheimtipps und immer der QR-Code zur digitalen Landeskarte mit markierten Wegen: Der Bergseesommer im Urnerland kann kommen!

Und wenn wir schon dort wandern und baden, dann besuchen wir auch den Gotthardpass. Nach zweijähriger Bauzeit öffnet das Museo Nazionale del San Gottardo am 11. Juni 2022 mit einem komplett erneuerten Angebot seine Türen: Mit einer Dauerausstellung samt multimedialer Gotthard-Show, einem Infopoint und neuen Gastronomieangeboten. Neu ist auch das Alpine Museum der Schweiz mit wechselnden Sonderausstellungen fest auf dem Gotthard vertreten. Die erste trägt den Titel «Der Sonntagsausflug» und handelt von Autofahrten und Passausflügen.

www.syntopia-alpina.ch

Bettina Mattia: Bergseensucht Uri. 48-mal auftauchen, eintauchen und abtauchen. Mattia matters GmbH, Glis 2022. Zweisprachig Deutsch & Englisch. Fr. 48.- Zu bestellen bei www.bergseefee.ch oder bei Piz, Buch & Berg in Zürich, www.pizbube.ch.

https://passosangottardo.ch/de/museen/