Bergliebe

Ein dickes Buch und zwei Ausstellungen schlagen alte und neue Seiten zu den Bergen und zum Bergsteigen auf.

18. Juni 2021

– Demain, je t’emmène à la montagne, m’annonça Rinri au téléphone. Mets tes chaussures de marche.
– Ce n’est peut-être pas une bonne idée, dis-je.
– Pourquoi ? Tu n’aimes pas la montagne ?
– Je suis une amoureuse de la montagne.
– Allons, c’est décidé, trancha-t-il, indifférent à mes paradoxes.
À peine eut-il raccroché que je sentis monter ma fièvre: les montagnes du monde entier, à la plus forte raison celles du Japon, exercent sur moi une séduction alarmante. Je savais pourtant que l’aventure ne serait pas sans risque: passé mille cinq cents mètres d’altitude, je deviens quelqu’un d’autre.

Kurze Passage aus dem 2007 publizierten, mit dem Prix de Flore ausgezeichneten Roman „Ni d’Ève, ni d’Adam“ (Der japanische Verlobte, 2010) der belgischen Schriftstellerin Amélie Nothomb. Insgesamt sind drei Seiten aus diesem Roman, nämlich die Besteigung des Fuji, abgedruckt im 536 Seiten dicken Reader „Montagne. Les plus belles pages de l’Antiquité à nos jours“, herausgegeben von Frédéric Thiriez und mit einem Vorwort versehen von Pierre Mazeaud (mais oui, er weilt immer noch unter uns, der Seilgefährte von Walter Bonatti und Toni Hiebeler). Selbstverständlich finden sich auch ein paar Seiten aus dem ersten alpinistischen Buch von Mazeaud, „Montagne pour un homme nu“, schön brav eingebunden zwischen Anderl Heckmair und René Desmaison.

73 Autoren und sieben Autorinnen hat Frédéric Thiriez für seine Anthologie ausgewählt, vom römischen Kaiser Hadrian bis zur französischen Alpinistin Odette Bernezat – „Que la montagne est belle!“ heisst eines ihrer Bücher. Es gibt, neben bekannten Bergsteigern und Schriftstellern wie Hermann Buhl, Johann Wolfgang Goethe, Reinhold Messner und Charles Ferdinand Ramuz, noch unbekannte Bergliteraten zu entdecken: Hippolyte Taine, Paolo Morelli oder Stéphanie Bodet. Und natürlich, wie immer bei Auswahlwerken, vermisst man ein paar, zum Beispiel Hans Morgenthaler und Reinhard Karl. Ihre alpinen Schriften gibt es halt nicht in französischer Übersetzung.

Tant pis. Aber die Originaltitel der zitierten Werke hätte Thiriez angeben müssen. So erfährt man nicht, wie „Le Terrain de jeu de l‘Europe“ von Leslie Stephen heisst, als dieser Klassiker 1871 erschien. Und wenn ich schon den Rotstift zur Hand habe – hier ein ziemlicher Ausrutscher. In der Einführung zu Edward Whymper heisst es: „Le huitième essai fut le bon. Le 13 juillet 1865, l’Anglais, qui avait choisi intelligemment l’arête du Hornli, se dressait au sommet du «Matterhorn».“ Richtig ist: Der neunte Versuch führte am 14. Juli über den Hörnligrat auf den Gipfel. Und: Das Matterhorn muss nicht in Anführungszeichen gesetzt werden.

Für den Rucksack eignet sich „Montagne“ nur bedingt: zu dick und zu schwer. Aber als Reiselektüre schon. Und reisen sollten wir, zu zwei gebirgigen Ausstellungen. Diejenige in Bern, „home over time“, ist nur noch bis am 27. Juni zu bewundern, an einem ganz besonderen Ort. Im grossen Saal des mächtigen Turms von Schloss Holligen zeigt der Berner Fotograf Rob Lewis neun 1,5 Meter hohe Fotos von Felsen an Schweizer Pässen. Höchstaufgelöste Felsbilder, perfekt gerahmt in einheimischem Holz und hinter Glas, auf dem je nach Lichteinfall kurze Gedichte des Berner Dichters Jürg Halter zu lesen sind. An der Grimsel fragt der Lyriker den Berg: „wie viel licht/erreicht dich/dort drinnen/und was siehst du?“ Und das sehen wir: ein Stück Fels, Gestein, jahrtausendalt, hervorgeholt und an die mittelalterliche Wand gehängt, greifbar nah und doch poetisch entrückt. Eine alpine Seherfahrung der ganz besonderen Art. In der Ausstellung liegt der jüngste Lyrikband „Gemeinsame Sprache“ (Dörlemann Verlag, 2021) von Jürg Halter auf. Aus Gedicht „Offenes Weiß“ die zweite Strophe: „Augenblicklich Schnee über Schnee,/die Idee, dass da jemand vorausging,/den ich nicht kannte – die Sehnsucht,/niemandem zu folgen als mir selbst./Keine Spuren zu hinterlassen als…“.

Spuren hinterlassen im Gebirge. Das machen die Menschen, seit sie in die Berge gehen. Spuren am Berg, wie Hütten und Wege. Spuren vom Berg, wie Hüttenbücher und Wegbeschreibungen. Spuren aber auch in uns selbst, wenn wir hinaufsteigen in die Berge, über 1500 Meter und weiter, wenn das Fieber steigt und der Horizont sich erweitert. Genau davon, von dieser Geschichte voller Leidenschaft, Risiko und Sehnsucht, erzählt eine Ausstellung im Museum.BL in der Altstadt von Liestal, im Rahmen von 100 Jahre Sektion Baselland des Schweizer Alpen-Clubs SAC. Simone Ochsner hat mit ihrer Seilschaft eine kleine und sehr feine Ausstellung gemacht, die geschickt und überraschend dem Bergsteigen durch Höhen und Tiefen nachgeht, für Auge und Ohr, Hand und Fuss, Frau und Mann, klein und gross. Titel der Ausstellung im prächtigen basellandschaftlichen Museum, das kurz nach der Kantonstrennung 1836 als „Naturaliencabinett“ gegründet wurde, heisst schlicht und umfassend: Bergliebe.

Frédéric Thiriez: Montagne. Les plus belles pages de l’Antiquité à nos jours. Éditions du Mont-Blanc, Chamonix 2020, € 25.00.

Rob Lewis mit Jürg Halter: home over time. 10. – 27. Juni 2021. Kultur im Turm – Schloss Holligen, Holligenstrasse 44, 3008 Bern. Öffnungszeiten: Do – Fr 16.30 – 21.00 Uhr, Sa – So 13.30 – 17.00 Uhr. Do, 24.6.: Barbetrieb und Meet the Artists; So, 27.6.: Finissage mit Barbetrieb und Konzert Mich Gerber. www.schlossholligen.ch

Bergliebe. 100 Jahre SAC Baselland. Museum.BL, Zeughausplatz 28, 4410 Liestal. 5. Juni bis 17. Oktober 2021. Öffnungszeiten: Di – So 10.00 – 17.00 Uhr. www.museum.bl.ch

Wallis: Bergseensucht und mehr

Vier Bücher machen Lust auf Ferien im Wallis. Man möchte am liebsten den Rucksack packen und hinreisen.

9. Juni 2021

«Der Jüngling unter den Walliser Badeseen – wurde er doch erst 2003 auf dem ehemaligen Flugplatzgelände Ulrichen eingeweiht. Der östliche Teil liegt in einem Naturschutzgebiet. In den Sommermonaten ist der Geschinersee ein Paradies für Schwimmer, Stand-up-Paddler und Fischer – im Winter kann man auf ihm Schlittschuh fahren.»

Ist dieser See im Goms ein Ziel für den Sommer 2021? Mais bien-sûr! Der Anusee im Lötschental auch, der Lac Le Louché im Val de Réchy ebenfalls. Den Mässersee im Binntal kennt man nicht. Den Riffelsee und den Stellisee ob Zermatt hingegen haben alle schon mal gesehen, wenn nicht in Natura, so doch auf Fotos. Denn in ihnen zeigt sich der Berg der Berge einfach doppelt schön. Die Mischabelgruppe macht das Gleiche in einem namenlosen Schmelzwasserseelein auf der Moosalp zwischen Törbel und Bürchen. Das Seelein nennt Bettina Mattia zu Recht „Zaubersee“ – wirklich zauberhaft, wie sich Dom & Nadelhorn im letzten Abendlicht auf der glatten Oberfläche spiegeln. Das Foto bildet das Cover des Bildbandes, darin die in Brig-Glis lebende Wahlwalliserin 67 der über 230 Bergseen des Wallis auf je zwei Seiten mit grossen Fotos und kurzen, zweisprachigen Texten porträtiert. „Bergseensucht“ heisst dieses Buch – ein genialer Titel, nicht wahr?

Bergseensucht definiert Bettina Mattia so: „Widerfährt einem, wenn man innerhalb von drei Sommermonaten mehr als fünf Bergseen im Kanton Wallis erwandert. Liebesgefühl, das sich unaufhaltsam im Körper und der Seele des Menschen einnistet.“ Bei ihr haben sich solche Emotionen erstmals am Lac de Mont d’Orge offenbart. Selbstverständlich hat die Bergseefee das versteckte Kleinod ob Sion in ihr Wasserwerk aufgenommen. Damit wir nun mit unserer entfachten Seensucht nicht plötzlich auf dem Trockenen bleiben, gibt es zu jedem der 67 stillen Gewässer einen QR-Code, dank dem wir sofort auf map.geo.admin.ch eintauchen. Die Ferien im Wallis können gebucht werden.

Und was nehmen wir mit als Lektüre? Drei Vorschläge. Hautnah passend zur Seen- und Seelenverwandten Bettina das Tagebuch des Wallisers und Wahlgenfers Guy Mettan. Der Journalist und Politiker ist in den Sommern 2019 und 2020 in 55 Etappen durch das Wallis gewandert, von Saint-Gingolph auf der linken Talseite hoch zum Nufenenpass und auf der rechten zurück nach Collonges. „Jeden Abend schrieb ich das Protokoll des Tages. Oft aus keinem anderen Grund als dem Vergnügen, das Vergnügen und manchmal auch den Schmerz des Gehens zu bemerken, auf und ab, auf und ab ad infinitum.“ Das Tagebuch liegt jetzt vor: „Le monde à deux mille mètres. Journal d’un voyageur des cimes“. Nochmals Guy Mettan: „In diesem Sinne war diese Umrundung des Wallis auf der Höhe der Gipfel, an der Grenze des Waldes und des Hochgebirges, wo Leben und Sauerstoff im Überfluss vorhanden sind und menschliche Sorgen selten sind, eine Verzauberung“. Zwei Bemerkungen seien erlaubt: „voyageur des cols“ wäre ein besserer Untertitel gewesen, da die Gipfel zwar am Weg liegen, aber nur selten überschritten werden. Und: Der Berg, der den Weitwanderer im Taleinschnitt des Goms beeindruckt, heisst Weisshorn und nicht, wie er schreibt, Dent Blanche.

Nächster Vorschlag für Wallisurlauber: „Wandern, wo andere forschen.“ Der rundum gewichtige Führer behandelt auf acht Touren im Ober- und Mittelwallis die Themen Gletscherlandschaft, Waldbeobachtung, Trockenheit, Waldbrand, Siedlungsentwicklung, Murgang und Steinschlag, Lawinen sowie Jahrringe. Die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL befasst sich in dieser Region seit dreissig Jahren mit Lebensräumen und Naturgefahren und gibt nun entlang von leichten Wanderungen faszinierende Einblicke in ihre wichtige Arbeit, gerade in Zeiten des fortschreitenden Klimawandels. Hintergrundinfos zu einzelnen Tier- und Pflanzenarten von Arve über Mistel und Waldgärtner bis Ziegelmelker (ist ein Vogel) ergänzen den umfassend bebilderten Führer. Das ausführliche Register hilft bei der Themensuche. Mehr noch: Das Sachbuch lohnt sich auch für eine Reise in eine andere Bergregion, ja sogar bestens fürs Zuhausebleiben.

Der letzte Buchtipp beinhaltet, wie dem Titel „The Little Swiss Ski Chalet“ unschwer zu entnehmen ist, eher leichtere Kost. Aber die perfekte Lektüre, um am Geschinersee oder am Lac de Derborence einen Sommernachmittag zu verbringen. Mina Campbell liebt leckeres Essen und gesellige Dinner mit Freunden. Kein Wunder, immerhin arbeitet sie in einer Testküche und probiert ständig neue Kreationen aus. Ein Rezept gegen Liebeskummer hat sie allerdings nicht gefunden. Im ersten Teil von Julie Caplins Roman wird Minas Herz und Job gebrochen. Für eine Auszeit reist sie zu ihrer Patentante, die eine feine Pension in Reckingen betreibt. Mina blüht auf. Vor allem die Schweizer Küche hat es ihr angetan, zum Beispiel die Basler Kirschenbrottorte (das Rezept ist abgedruckt) – wer braucht da schon einen Mann, um glücklich zu sein? Wäre da nicht der charmante Luke Love, der Mina das verschneite Wallis von seiner romantischen und sportlichen Seite zeigt, auf Skiabfahrten am Eggishorn und Langlauftouren durchs Goms.

Bettina Mattia: Bergseensucht. 67-mal auftauchen, eintauchen und abtauchen. Mattia matters GmbH, Glis 2020. Zweisprachig Deutsch & Französisch. Fr. 39.- Zu bestellen bei www.bergseefee.ch. Erhältlich auch in den ZAP-Filialen des Wallis (Brig, Visp, Zermatt) und bei Piz, Buch & Berg in Zürich.

Guy Mettan: Le monde à deux mille mètres. Journal d’un voyageur des cimes. Éditions Slatkine, Genève 2021. Fr. 32.-

Christine Huovinen, Thomas Wohlgemuth: Wandern, wo andere forschen. Ober-und Mittelwallis. Haupt-Verlag/Eidg. Forschungsanstalt WSL, Bern 2021. Fr. 38.-

Julie Caplin: The Little Swiss Ski Chalet. Harpers Collins Publishers, London 2021. Fr. 16.50. Im Oktober 2021 erscheint das Buch bei rororo auf Deutsch: Das kleine Chalet in der Schweiz, als Band 6 in der Reihe Romantic Escapes.

Sommeranfang mit Klimaspuren und ÉTÉ

Quer durch die Schweiz und durch Frankreich. Mal zu Fuss. Mal mit Fotos. Immer vor Augen: den Klimawandel. Sommergefühle der etwas anderen Art.

1. Juni 2021

«Hitzesommer 2018. Der Regen bleibt aus, die Flüsse werden zu trockenen Rinnsalen, die Wiesen und Felder der Bauern verdorren. In den Städten ist es bei diesen Temperaturen kaum auszuhalten. Plötzlich ist der Klimawandel wieder ein Thema und bereitet vielen Menschen Sorge. Es ist einer dieser heissen Sommertage, als Zoe Stadler und Dominik Siegrist in Köbi Gantenbeins Garten zu Tisch sitzen.»

So begann es, was heute beginnt. Am 1. Juni 2021, pünktlich zum klimatologischen und meteorologischen Sommeranfang. Die sechswöchige Wanderung „Klimaspuren“ von llanz nach Genf, vom 1. Juni bis zum 12. Juli. Zu Fuss natürlich, dem Alpenrhein entlang nach St. Gallen, durchs Mittelland zum Jura und schliesslich hinunter an den Lac Léman. Mit fünfzig Ortsterminen gegen die Klimakatastrophe. Mit dem Kernteam Zoe, Dominik und Köbi sowie Lucie Wiget und Sylvain Badan. Begleitet jeweils von 25 Mitwanderern; Corona lässt leider nicht mehr zu. Es hat noch Plätze frei. Anmelden, mitwandern, mitlesen. Auf www.klimaspuren.ch seid Ihr dabei, liebi Bärgfründe.

„Was können wir tun gegen den Klimawandel, konkret und praktisch?“ Das fragte sich das Trio damals in Köbis Garten in einem alten Bauernhaus im Weindorf Fläsch in der Bündner Herrschaft. „Lasst uns das Schöne mit dem Nützlichen verbinden. Planen wir eine Klimawanderung quer durch die Schweiz. Wir besuchen Menschen und Projekte, die Spielräume und Möglichkeiten für den Klimaschutz nutzen. Und wir demonstrieren, wo die Unvernunft das Klima malträtiert.“ Am 21. Juni, dem astronomischen und somit kalendarischen Sommeranfang, führt die Wanderung von Wildegg nach Aarau, am Tag drauf gibt es in Aarau eine grosse Podiumsdiskussion zur Schweizer Klimapolitik. Nach der Abstimmung über das CO2-Gesetz am 13. Juni 2021 ist die Gletscher-Initiative das nächste wichtige Geschäft in der Klimapolitik. Im Sommer will der Bundesrat die Botschaft zur Gletscher-Initiative ins Parlament schicken. Zukunftswichtige Fragen kommen dann auf die Tische der Parlamentarier. Zum Beispiel diese: Was braucht es noch, um den Schweizer Beitrag zu der Erreichung der Ziele des Pariser Klimaabkommens einzuhalten?

Und wenn wir schon den Abstecher nach Frankreich gemacht haben: Zu den Skistationen in diesem Alpenland kam im letzten Jahr ein brutal schöner Bildband heraus. Olaf Unverzart und Sebastian Schels fotografierten in den Sommern 2018 und 2019 die vor allem in den 1960er und 1970er Jahren am Reissbrett entworfenen Retortenstationen wie Val d’Isère, Méribel und Les Deux Alpes; insgesamt 28 Stationen inFrankreich, drei in den italienischen Westalpen und eine in der Schweiz (Torgon). Diese Hochhäuser, Appartmentblöcke, Ferienhauskonglomerate, diese buchstäblich ver-rückte Architektur in den Bergen – aufgenommen ohne den kaschierenden Schnee, ohne Touristen, ohne Leben. Dazu die vorübergehend stillgelegte skitouristische Infrastruktur, trostlos auf der halbgrünen Matte liegend – Wahnsinn! Ob man dort in der warmen Jahreszeit Ferien machen könnte oder möchte? Der Titel dieses ganz besonderen Bergbuches ist so schlicht wie verlockend: été. Was sich freilich anhören kann wie: était. Wenn die Grenze des Schnees weiter steigt und er auch kaum mehr künstlich produziert werden kann, bleiben die Retortenstationen als unübersehbare Zeugen des Klimawandels stehen. Klimaspuren eben.

Klimaspuren. Themenheft von Hochparterre, Mai 2021, Fr. 15.- Zu bestellen bei info@klimaspuren.ch oder herunterzuladen hier: www.klimaspuren.ch.

Olaf Unverzart und Sebastian Schels (Fotos), Dietrich Erben (Text): ÉTÉ. Verlag Kettler, Dortmund 2020, Fr. 72.-

Schaurige Orte in der Schweiz

Neue Schweizer Krimis, die zum Lesen einladen. Aber lieber zuhause als vor Ort.

25. Mai 2021

«Ich wohne im Kurhaus auf dem Weissenstein und muss dorthin zurück. Können Sie mir den Weg erklären?»
Meieli sieht ihn erschrocken an. «Sie wollen auf den Berg, allein, um diese Zeit? Es ist schon dunkel und Sie müssen durch den Franzoseneinschlag.»
«Ich habe bereits Schlimmeres durchgemacht als einen Nachtmarsch auf einen Berg.»

Sagt Lord William Mallory zur Wirtshaustochter Meieli im „Kreuz“. Eben hat er sie vom aufdringlichen Jost gerettet, nun will er alleine durch die Nacht in sein Logis hoch oben auf dem Solothurner Hausberg. Was er nicht kennt, ist der Franzoseneinschlag zwischen der Stadt Solothurn und dem Dorf Rüttenen; ein unheimlicher Ort, den auch furchtlose Engländer in der Nacht nicht alleine durchwandern sollten. Ob das also gut geht an diesem kalten Oktoberabend anno 1834? Die Geschichte findet ihre beklemmende Fortsetzung im Oktober 2019. Zu finden ist sie im Reader „Schaurige Orte in der Schweiz“, den Lutz Kreutzer herausgegeben hat. Zwölf unheimliche Geschichten tischt er mit seinen Mitautoren auf, vom Mord in eisiger Höhe (Säntis) über den Galgen von Ernen, den Oger von Grindelwald und den Ritter von Scheidegg bis eben zum Schatz im Franzoseneinschlag. Spannende Ziele zum Lesen. Zum Bereisen vielleicht weniger. Im Folgenden noch ein paar andere alpin angehauchte Schweizer Krimis.

Gerade als Thomas zu einem entschiedenen verbalen Rückzugsappell ansetzen wollte, passierte es. Er rutschte auf einem feuchten Stein aus und lag kurz darauf, ohne Badehosen, dafür mit Jeans, Pullover und Jacke, im Schwarzwasser. Das Bad dauerte nicht lange. Lisa staunte, wie flink sich Zigerli bewegen konnte, wenn es drauf ankam.
«Elender Mist», jammerte Lisas Kumpel. «Mir reicht’s mit deinem beschissenen Nachtspaziergang!»
«Hast du dir wehgetan?», erkundigte sich Lisa in ihrer charmantesten Art.

Kriminalistische Arbeit fordert halt manchmal besonderen Einsatz – und Opfer. Das muss Thomas Zigerli im Schwarzwassercanyon unweit von Bern in kalter Novembernacht 2019 hautnass erfahren. Seine Kollegin Lisa Manaresi erst recht bei den folgenden Ermittlungen. Das ungleiche Duo steht im Zentrum von „Das Schweigen der Aare“, dem Erstling von André Schmutz. Ein Krimi, der tüchtig unter die Haut geht. Über die Berner Kirchenfeldbrücke wird man in Zukunft mit anderen Augen gehen; dito beim Baden im Schwarzwasser, wenn es denn wie die Aare endlich zu sommerlichen Aktivitäten einladen wird.

Sie erreichten die erste Brücke. Die Aare passierte dort eine Schleuse. Das Wasser, weisse Gischt, trotzte im Flussbett dem Wehr. Max legte einen Halt ein, sah hinunter auf die Elemente, die gegeneinanderspielten: Luft, Erde, Wasser.
«Kommst du?»

Lieber nicht! Jedenfalls nicht nach Interlaken, weder am Tag noch in der Nacht. Dort geht der Tod um – in „Interlaken“ von Silvia Götschi, der fleissigsten Krimiautorin der Schweiz. Nach den Ermittlungen auf dem „Bürgenstock“ und in „Engelberg“ führen die Privatdetektive Maximilian von Wirth und Federica Hardegger solche nun in der Aarestadt im Berner Oberland, bei den Giessbachfällen, auf dem Beatenberg, dem Jungfraujoch und an anderen spektakulären Orten durch, wo ein leichter Schubser genügen könnte, um einen Gegner – oder auch Ermittler – zum Schweigen zu bringen. Eine extra gelöste Schlaufe im Sitzgürtel eines Gleitschirms reicht eigentlich ebenfalls aus. Das Berner Oberland ist nicht nur eine unheimlich schöne Gegend, sondern auch schön unheimlich. Ob es im Emmental weniger gefährlich ist, diesem Land der tausend Höger und Chrächen?

«Auf der Wanderkarte tragen die kleinsten Täler überhaupt keinen Namen. Darauf ist kein Verlass.»
Gwendolin griff nun ihrerseits zur Detailkarte und zählte auf: «Wenn wir von oben beim Hochänzi beginnen: Schwandgrabe, Ländergrabe, Säugrabe, Rappegrabe, Rehgrabe, Spichersgrabe unter der Zuckeralp, Cholgrabe, Fischgrabe, Schwendigrabe, Ruchsitegrabe, Vorders Riedgrebli, Haggrabe, Weichelgrabe, und das sind nur diejenigen links und rechts des Hornbachs. Nur ganz hinten gibt es zwei Ausnahmen: Hochstaule und Arnistaule.»

Da wird einem ja ganz schwindlig vor lauter Gräben! Bestens passt dazu der Titel des jüngsten Krimis von Paul Lascaux: „Emmentaler Alpträume.“ Diesmal ist die Detektei Müller & Himmel inklusive den Grazien Gwendolin & Co. unterwegs im geografisch und gesellschaftlich unübersichtlichen Napf-Massiv. Doch die Spurensuche dehnt sich aus auf meinem ehemaligen Hausberg Belpberg: Auf dem Chutzen liegt eine Leiche. Am 7. Mai 2020 war das zum Glück nicht der Fall; damals bewunderte ich dort oben wieder mal das Panorama. Aber wohin denn nun im offenbar rundum mörderischen Bernbiet? Warum nicht ins ehemalige bernische Untertanengebiet, ins Waadtland, genauer in die Salzminen von Bex?

«Julien noua une corde à son sac à dos, ceignit un baudrier et entama l’ascension.
Quelques semaines avant la prise d’otages, Mélanie l’avait accompagné pour vérifier si la voie équipée d’ancrages de sécurité était toujours en état depuis le dernier exercice qu’elle avait fait aves les aspirants de l’Académie de police. Comme personne ne s’aventurait dans cette zone, pas même les mineurs, ils y avaient déposé tout le matériel nécessaire.»

Ob es Julien gelingt, auf einem geheimen Gang ins Innere des Salzbergwerkes zu gelangen, wo ein Verbrecher Geiseln in Haft genommen, ja mindestens eine schon erschossen hat. Ein mörderisches Unterfangen für den Geiselnehmer wie für Inspektor Andreas Auer in seinem vierten Fall. „Les protégés de Sainte Kinga“ von Marc Voltenauer beginnt etwas langatmig, nimmt dann aber mit der geplanten Erstürmung der Salzminen und der Flucht der Bösen über Pässe hinweg ins Aostatal gehörig Fahrt auf. Macht allerdings auch nicht wirklich Lust, diese Stollen in den Waadtländer Alpen zu besichtigen. Ob es vielleicht in östlicheren Berggebieten gemütlicher ist? Wir lesen uns vorsichtig ein:

Er schüttelte den Kopf. «Fehlanzeige. Da unten ist nichts.»
«Und nun?»
«Wir werden wohl nie erfahren, was wirklich geschehen ist.»
Sie stiegen am Drahtseil zur Grünhornhütte hinauf, wärmten sich an der Sonne, sprachen wenig. «Hast du dich für die Saurier entschieden?», fragte er einmal.
«Ja», sagte sie.
«Und auf den Tödi kommst du auch mal mit?»
«Vielleicht.»
Faseriges Gewölk zog auf, als sie abstiegen.
«Kein gutes Zeichen», meinte er.

Ausschnitt aus einem der acht kurzen Krimis, die Emil Zopfi für das Buch „Tod am Tangoball“ zusammengestellt hat. Titel dieser unheimlichen Geschichte: „Tod am Tödi.“ Alles klar: Wir wandern nur von Seite zu Seite, möglichweise auch nachts, weil es so spannend ist.

Lutz Kreutzer (Hrsg.): Schaurige Orte in der Schweiz. Unheimliche Geschichten. Gmeiner Verlag, Meβkirch 2021. € 13.-
André Schmutz: Das Schweigen der Aare. Gmeiner Verlag, Meβkirch 2021. € 14.-
Silvia Götschi: Interlaken. Emons Verlag, Köln 2020. € 15.-
Paul Lascaux: Emmentaler Alpträume. Gmeiner Verlag, Meβkirch 2021. € 13.-
Marc Voltenauer: Les protégés de Sainte Kinga. Slatkine & Cie, Genève 2020. € 22.-
Emil Zopfi: Tod am Tangoball. Acht kurze Krimis. Epubli 2021. Fr. 20.- Zu bestellen bei: https://zopfi.ch/books/

Zwei neue Top-Kletterführer

Gibt es noch Felsen in der Schweiz ohne Kletterrouten? Die neu aufgelegten Führer Tessin und Ostschweiz verraten neue vertikale Traumgebiete, ohne die herkömmlichen zu vergessen. Let’s go climbing!

19. Mai 2021

«Linescio ist ein kleines Dorf im Val Rovana: es ist vor allem für seine Terrassierungen bekannt: 25 Kilometer Trockenmauern, ein einzigartiges Zeugnis der bäuerlichen Vergangenheit, zu dem sich die prächtige römische Brücke über die Rovana gesellt. Die Geisha wall, versteckt im Wald über dem Dorf, ist sicher einer der schönsten Klettergärten des Maggiatals und bietet eine Reihe aussergewöhnlicher Routen von ausserordentlicher Schönheit und in hervorragendem Fels.»

Nichts wie hin, cari amici della montagna! Aber nur, wenn Ihr genügend „Speuz“ habt, also Kraft und Saft. „Speuz“ ist der Name der Route 10 im Sektor Chablis wall; die Kletterschwierigkeit dieser von Egon Bernasconi eingerichteten Route konnte Glauco Cugini in seiner eben erschienenen vierten Auflage des SAC-Kletterführers „Ticino/Tessin“ noch nicht genau angeben, aber unter 6a geht in Linescio ohnehin niente. Deshalb werde ich statt an die Chablis Wand eher an das Chablis Glas die Hand legen. Obwohl in Osteria Sascola in Linescio (mit Terrasse!) wohl kein Chablis ausgeschenkt wird, und in den Grotti von Cevio unten ebenfalls nicht. Muss auch nicht sein. Erstens gibt es im Ticino genug feinen eigenen Wein. Und zweitens sind wir ohnehin zum Klettern und nicht zum Trinken ennet den Gotthard gereist. Zum Klettern, klettern, klettern. Denn Glauco hat nochmals voll zugelangt: 21 neue Klettergebiete im Tessin und in den angrenzenden südbündnerischen Tälern Calanca und Misox hat er aufgenommen. Zusammen mit neuen Routen in schon bekannten Gebieten, wie dem Sektor Lo Hobbit im absoluten Topgebiet Ponte Brolla-Tegna, sind in diesem 576-seitigen Führer mehr als 1500 Routen erstmals veröffentlicht. Mamma mia, gibt das viel tun. Cameriere, può portarmi un altro bicchiere di vino bianco, per favore?

«Eingebettet im Wanderparadies Pizol liegt der Klettergarten “Twärchamm”. Der griffige Gneis und die perfekte Absicherung bieten Genusskletterei für Jung und Alt. Dank der Höhenlage eignet sich das Gebiet für den Sommer.»

Andiamo, liebi Bärgfründe! Da komme ich mit, sogar bis zu diesem sonnigen Fels nur eine Viertelstunde von der Pizolhütte entfernt. Die Route „Schneekönigin“ sollte ich noch im Vorstieg schaffen, vielleicht auch „Oktoberschnee“ und „Tante Gabi“. Bei „Onkel Heiri“ müsste wohl mein Neffe Silvan vorausklettern. Oder Daniel Schaffhauser, der auf einem Foto abgebildet ist und zu den Erschliessern gehört. Das mit dem Maximum von vier Sternen bewertete Klettergebiet „Pizol“ ist neu beschrieben in der neuen Auflage von „plaisir OST“; der Band präsentiert auf 432 Seiten insgesamt 77 Gebieten. Die plaisir-Kletterführer sind die beliebtesten und decken die ganze Schweiz, oft auch angrenzendes Ausland ab; im neuen Band Ost sieben Gebiete im Tirol, so erstmals den Rammelstein mit Routen wie „Stille Zeit“, „Amsel“ oder „Elfenweg“, um ein paar brave zu nennen. Wenn Sandro von Känel unbekannte Gebiete wie jetzt mit Pizol, Holzegg, St. Jöri, Plattenkreuz-Plattenwand oder Matlusch vorstellt, so freuen sich auswärtige Genusskletterer. Bei Twärchamm natürlich auch die Pizolbahnen. Und bei Matlusch in der Bündner Herrschaft diejenigen, die weder klettern noch wandern. Denn der 845 Meter hohe Matluschkopf ist der Hausberg des Dorfes Fläsch. Dort gibt es zwar auch keinen Chablis. Aber zum Beispiel einen meiner liebsten Weissweine, den Sauvignon Blanc von Jann Marugg.

Glauco Cugini: Kletterführer Ticino/Tessin. SAC Verlag 2021. Dreisprachig I, F, D. Fr. 59.-

Sandro von Känel: plaisir OST. Edition Filidor, Reichenbach 2021. Dreisprachig D, F, E. Fr. 54.-

Berge und Grenzsteine im Jura

Auf in den Jura, je nach Route und Regeln (zu Corona) mehr oder weniger in der Schweiz bzw. in Frankreich.

13. Mai 2021

«La Motte bzw. Bressaucourt nur je 2 Std. von Bern, rein zeitmässig. Aber mental viel weiter weg. Doch oben auf dem Grenzstein 544 auf der CH-Seite der Berner Bär – klar doch, bis 1978 war das Kt. BE.»

Notiz in meinem Tourenbuch vom 11. Februar 2021, zur Skitour von La Motte am Doubs über den Hügelzug Les Laives (910 m) und vorbei am aufgegebenen Skilift beim Col de Montvoie nach Bressaucourt in der Ajoie – für mich das erstmalige Skifahren im jüngsten Kanton der Schweiz. Zum Grenzstein 544 stieg ich etwa 15 Minuten über französisches Territorium auf, was irgendwie gut tat in Corona-Zeiten.

Seither sind zwei neue Bücher zum Thema Grenze, Gipfel und Jura erschienen. Beginnen wir mit demjenigen, darin der Grenzstein 544 abgebildet ist. Olivier Cavaleri hat sich in seinem sechsten Führer zur „Histoire de bornes“ in der westlichen Schweiz dem Grenzverlauf zwischen dem Kanton Jura und Frankreich angenommen; seine anderen Bücher behandeln die Grenzsteine in den Kantonen Wallis (zwei Bände), Genf, Waadt und Neuenburg. Der neue Führer bietet die Möglichkeit, die Geschichte der französisch-jurassischen Grenze auf zwei Arten zu entdecken. Die eine ist unterhaltsam durch 16 genau beschriebene Wanderungen zwischen Lucelle und Biaufond, einer wenig besuchten Regionen von unverfälschtem Charme. Die andere ist wissenschaftlich mit einer detaillierten und vollständigen Darstellung der Grenzmarkierungen. Die internationale Grenze zwischen dem Kanton Jura und Frankreich hat eine reiche und überraschende Geschichte; „mein“ Grenzstein 544 zum Beispiel datiert von 1747.

Der andere Führer stellt 100 Wanderungen auf Gipfel und Anhöhen im schweizerisch-französischen Jurabogen vor, vom Doubs bei St-Ursanne bis hinunter zu den uns kaum besuchten Bergen südwestlich von Genf. Oder ist der Rocher du Grand Angle bekannt, der Mollard de Don? Mais non! Pro Doppelseite sind immer zwei Wanderungen beschrieben, die sich ergänzen, so dass eine kurze oder längere Runde möglich ist. „Le Jura est une montagne vivante et authentique où il fait bon vivre. Les amoureux de nature, de verdure, de patrimoine et de gastronomie trouveront ici leur bonheur parmi une sélection de 100 itinéraires de tous niveaux et d’une journée au maximum, qui les mèneront vers la plupart des sommets du massif, où la vue porte jusqu’aux Alpes“, heisst es auf der Rückseite des rucksacktauglichen Buches. Einer der vorgestellten Berge ist der Weissenstein mit der Röti. Dort stand ich am 7. Januar 2021. Ins Tourenbuch notierte ich:

«Die frisch verbiechteten Bäume und Äste – grossartig. Dazu noch fast blauer Himmel. Bloss die Sicht auf die Alpen fehlte – aber braucht es die? Der Jura ist sich selber genug.»

Olivier Cavaleri: Histoire de bornes. La frontière entre le canton du Jura et la France. Balades – découvertes – histoire. Editions Slatkine, Genève 2021, Fr. 35.-. www.histoiredebornes.ch

Jean-Luc Girod, Guy Mazuez: Montagnes du Jura. Les plus belles randonnées. 100 randonnées en France et en Suisse. Éditions Glénat, Grenoble 2021, Fr. 25.-

Triumphe und Tragödien in der Sächsischen Schweiz

Klettern und Kriminalen im Elbsandsteingebirge. Beides ist teuflisch spannend.

7. Mai 2021

«Viel Zeit bleibt mir nicht mehr. Hilfesuchend geht mein Blick zu Günter am Ring. „Du schaffst es, wir haben es doch immer geschafft…“ Sicher denkt er das. Das Seil, unsere Verbindung, wird zur Lebensader. Ich versuche seine Ruhe aufzunehmen, versuche, meine Gedanken und Bewegungen zu ordnen. Jetzt, von Angst, Wut und Tränen getrieben, das letzte mir mögliche Aufbäumen. Die winzigen Zähne des Bohrers haben gefaßt, er steckt fest. Gerettet. Eine Stunden später ist der Ring platziert. Dann stehe ich oben auf der Teufelsspitze, im letzten Sonnenlicht, bin glücklich, juble, schreie meine Freude hinaus, hinaus in den noch freien, geradezu himmlischen Raum.»

Der da im Kletterhimmel angekommen ist, heisst Bernd Arnold, und der Gipfel, auf dem er steht, heisst Teufelsspitze. Ein fünfzig Meter hoher, schlanker Sandsteinsturm im Gebiet der Affensteine im Elbsandsteingebirge, dessen deutscher Teil zur Sächsischen Schweiz gehört. Die neue Route, die Bernd Arnold am 10. Juli 1971 zusammen mit Günter Lamm und Armin Börnert geglückt ist, zieht durch die Talseite empor, mit der Schwierigkeit IXb, was einem französischen 7a entspricht. 2007 fand Robert Leistner im rechten Teil der Teufelsspitze-Südwand gar einen XIa-Weg, der den prophetischen Namen „Visionen gegen die Härte der Welt“ erhielt.

Willkommen im Freiklettermekka der Welt! Seit 150 Jahren wird in der Sächsischen Schweiz geklettert, auf eine einzigartige Weise, nämlich frei, also ohne künstliche Hilfsmittel. Aber eine genau bestimmte Anzahl Ringe darf schon in den Sandstein gesetzt werden, sonst würde es ja teuflisch gefährlich. Zudem darf nur an freistehenden Türmen geklettert werden. Das bestimmten die Pioniere. Und so ist es bis heute. Das Angebot an Klettergipfeln ist sowohl in der Menge (rund 1100) als auch von den Formen schlicht grossartig. Wer sich ein Bild über diese Türme und ihre Besteigungsgeschichte machen will, greift zu „Das Buch der Gipfel. Klettern in der Sächsischen Schweiz“ von Vater Frank und Sohn Martin Richter. Auf 304 Seiten mit gefühlt der dreifachen Anzahl Fotos wird uns das Felsparadies links und rechts der Elbe gezeigt, sehen wir die Kletterer in Action, von den Anfängen bis zur Gegenwart. Der Name, der dabei am häufigsten fällt, kennen wir bereits: Bernd Arnold.

Am 13. April 2018 habe ich als „Ankers Buch der Woche“ den ersten Band der Biografie von Peter Brunnert über den besten und bekanntesten ostdeutschen Kletterer vorgestellt: „Bernd Arnold – Ein Grenzgang“. Jetzt liegt der zweite Band der Trilogie vor, wieder mit einem cleveren Titel: „Bernd Arnold – Barfuß im Sand“. Tatsächlich hat Arnold zahlreiche seiner über 900 Erstbegehungen im Elbsandsteingebirge barfuss gemacht; es gibt Fotos, da sehen wir ihn warm angezogen inklusive Wollmütze in senkrechter Flur, die nackten Zehen auf kleinsten Tritten platziert. Brunnert beschreibt die Zeit von 1947 bis 1988, also bis vor die Wende. Im Anhang sind Arnolds Erstbegehungen in der Sächsischen Schweiz aufgelistet, vom „Alten Weg“ an der Tiefblickspitze (1959) bis „Mit gutem Gefühl“ am Förster, einem beliebten Gipfel am Pfaffenstein am Rande des Bielatals, grad gegenüber der sagenumworbenen Barbarine, einer 42 Meter hohen Felsnadel, die 1905 erstmals erklettert und 70 Jahre später mit einem Kletterverbot belegt wurde.

„Drei Gipfel im Bielatal“ notierte der Kletterer Walter Wetzel am 8. Mai 1945 in sein Fahrtenbuch, das im Archiv des Sächsischen Bergsteigerbundes (SBB) in Dresden aufbewahrt wird. Der Eintrag vom 9. Mai 1945 lautet so: „Zusammenbuch des Deutschen Reiches; 1.5.1945: Adolf Hitler wird in Berlin totgesagt. 9.5.1945: Waffenstillstand der Deutschen Truppen, Einmarsch der Polen und Russen in Schmilka.“ Und dann beschreibt Wetzel, wie er mit Leuten vor den Soldaten floh und sich in der Höhle „Bärenklause“ in den Sandsteinbergen versteckte. Solche Höhlen, in denen Kletterer noch heute übernachten, werden in der Sächsischen Schweiz Boofen genannt. Für das umfassend und das Unfassbare dokumentierende Buch „1945. Kriegsende in der Sächsischen Schweiz“ schrieb der Dresdener Alpinismushistoriker Joachim Schindler das Kapitel „Zuflucht und Versteck in der Felsenwelt“. „Trotz Krieg und Bomben, trotz Hunger und Elend, trotz Arbeitsdienst und Verkehrseinschränkungen“, so das Fazit von Schindler, wurde „in den Felsen des Elbsandsteingebirges geklettert.“ Einer von ihnen war Karlheinz Gonda, der am 22. August 1953 zusammen mit dem Schweizer Ueli Wyss vom Gipfelgrat des Eigers nach erfolgreicher Durchsteigung der Nordwand abstürzte.

Beim Bergsteigen liegen Himmel und Hölle, Erfolg und Misserfolg verdammt nah beieinander. Aber auch sonst. Sandra Kruse und Leo Reisinger, Kommissare bei der Kripo Dresden, wissen das bestens. In „Blut und Blüten“, Thea Lehmanns sechstem und jüngstem Krimi um das sächsisch-bayerische Duo, steht Leo nach einem Einsatz im Bielatal mit dem Auto bei einem Aussichtspunkt unweit des Kurortes Gohrisch: „Die Sonne warf ihre letzten Strahlen mit winterlichem Eifer auf die gegenüberliegende Felsformation der Schrammsteine, die wie ein riesiger urzeitlicher Drachenschwanz zur Elbe hinauslief. Die typischen Formen des sächsischen Sandsteingebirges, die abgerundeten Säulen, die kugeligen Felsen, die senkrecht abfallenden Wände wurden vom warmen Abendlicht übergossen, leuchteten rot und orange und wirkten durch die tiefen Schatten so plastisch wie selten. Es war so märchenhaft, dass Leo ausstieg, um das zauberhafte Panorama zu genießen. Die Kälte störte ihn nicht, im Gegenteil, die scharfe Luft stanzte die gegenüberliegenden Felsformation scharf wie einen Scherenschnitt in den Himmel.“

Frank und Martin Richter: Das Buch der Gipfel. Klettern in der Sächsischen Schweiz. Verlagsgruppe Husum, Husum 2020, € 35.-

Peter Brunnert: Bernd Arnold – Barfuß im Sand. Panico Alpinverlag, Köngen 2020, € 30.-

Joachim Schindler: Zuflucht und Versteck in der Felsenwelt, in: 1945. Kriegsende in der Sächsischen Schweiz. Pirnaer Museumshefte – Schriften des Stadtmuseums Pirna. Band 16. Herausgegeben von René Misterek, Pirna 2020, € 20.-

Thea Lehmann: Blut und Blüten. Dresdner Kriminal, DDV Edition, Dresden 2020, € 13.-

Das Berner Oberland in untergegangenen Büchern

Ein anderes Heidi, ein falsches Oberland, ein böser Fluss und ein unbekanntes Tal: Erkundungen im bergliterarischen Hinterland.

28. April 2021

«Am Sonntag gab es ein Festessen. Die Köchin machte zum Schlegel einen mit süβer Butter begossenen Erdäpfelstock. Ein guter grüner Salat paβte ausgezeichnet dazu. Während des Mahles war viel von Annelis Vater die Rede. Das Mägdlein war glücklich. Eifrig hantierte es in seinem Teller mit Gabel und Löffel.
Da lachte die Frau Direktor hell heraus: „Was hast du auch gemacht, Anneli?“
Auf einmal guckten alle nach seinem Teller. Errötend gab es Auskunft und deutete die Berge seines Kartoffelstockes: „Das ist der Eiger, das der Mönch, und hier ist die Jungfrau. Da geht’s nach dem Breithorn, da liegt Mürren, und diese Spitze ist das Schilthorn.“»

Hunger? Heimweh? Bei Anneli natürlich das zweite. Auf Schenkelfleisch am Sonntag hätte das Mürrener Mädchen bei der Fabrikantenfamilie am Zürichsee bestimmt verzichten können. Aber diese Sehnsucht nach den heimatlichen Bergen! Wir kennen das. Die halbe Welt auch. Heidi! Das berühmteste und auflagenstärkste Buch der Schweiz, 1880 erstmals erschienen. Bei Ernst Eschmann (1886–1953) ist aus dem Heidi ein Anneli geworden: „Das Klöppel-Anneli. Eine Geschichte aus dem Berner Oberland“. Die erste Auflage 1928, die vierte 1954, jeweils bebildert von Hans Tomamichel. Ein Jugendroman über ein armes, härzigs, vaterloses Meitli, an dem Feriengäste aus dem fernen Zürich Gefallen finden, so dass es dort einmal ein paar Monate bei seiner gelähmten Freundin und deren Eltern verbringt. Ich glaube, am Schluss heiratet Anneli den Christian, von wo der auch immer kommt – vielleicht vom Züriberg statt vom Allmendhubel? Den Hinweis auf die kulinarische Relief-Inszenierung fand ich in „Volk und Dichtung des Berner Oberlandes“ (1976) des Seminarlehrers Hans Sommer – eine Fundgrube sondergleichen. Und weil sich die Schweizerische Nationalbibliothek nur ein paar Fahrradminuten entfernt von der Muesmatt befindet, wo ich lebe und arbeite, so können solch vergessene Preziosen der schweizerischen bzw. der oberländischen (Berg-)literatur an einem sonnigen Nachmittag angeschaut und teilgelesen werden.

Das Berner Oberland also. DAS Oberland. Dabei gibt es noch acht andere in der Schweiz. Krak Ehler, offenbar ein Pseudonym für Albert Friedenthal (1862–1921), hatte den Überblick nicht ganz, nicht mal über das bekannteste. Denn in seinem 1907 herausgekommenen Bericht „Auch eine Schweizer Reise und anderes“ weilt der Berliner in Meiringen und will anderntags das Berner Oberland besuchen. Dabei liegt Meiringen schon im Oberland. Aber lesen wir selbst in diesem von Paul Haase illustrierten Buch:

«In Meiringen besuchte ich die weit und breit gerühmte Aareschlucht, eine der groβartigsten Unternehmungen der Natur, die man sich denken kann. Mit wildem Geheul schluchzt hier die Aare in der Tiefe, gefesselt durch himmelhohe Felswände. Eine vor mir gehende Miβ sprach zu ihrer Begleiterin, sie wäre simply spellbound; dabei redete sie fortwährend. Ich schlieβe nun, indem ich tief Atem schöpfe, um das nächste Mal die gröβte Sehenswürdigkeit der Schweiz zu schildern, die zu genieβen mir noch bevorstand: das Berner Oberland – beinahe hätte ich geschrieben Berliner Oberland.»

Von der Aareschlucht in die Kanderschlucht. Von nature made zu man made. Bis 1714 floss die Kander unkontrolliert und zu Überschwemmungen führend durch das Glütschbachtal und über die Thuner Allmend in die Aare. Deshalb bohrte man vor 300 Jahren durch den Strättlighügel, der die Kander vom Thunersee abhielt, einen Stollen, der später dann einstürzte, so dass die Kander nun durch eine Schlucht ihr Wasser und Geschiebe in den See entlässt. Der Kanderdurchstich war die erste grössere Gewässerkorrektion in der Schweiz. Er löste Probleme und schuf neue. Erstens kam es nun in Thun selbst zu Überschwemmungen, weil die Abflusskapazität der Aare beim Seeausfluss nicht – wie ursprünglich vorgesehen – vor der Einleitung der Kander in den See vergrössert wurde. Und zweitens erodierten die Flussbette der Kander und der Simme, die zwei Kilometer vor dem Strättlighubel in die Kander einmündet, um beinahe 40 Meter in die Tiefe. Was wiederum Gegenmassnahmen erforderte – und dies noch immer tut. Vom Jahrhundertbauwerk Kanderdurchstich erzählt Hans Schmitter (1913–1988) in „Benz. Eine Geschichte von wilden Wassern und krummen Wegen“. Kurzer Ausschnitt aus dem von Heiner Bauer geschmückten Jugendbuch aus dem Jahre 1960:

«Der Kampf mit der Kander gehörte für die Anwohner am Unterlauf des Bergwassers zum harten Leben wie der Kampf gegen Schnee und Eis, gegen Hitze und Trockenheit. Die Leute litten unter dem Flusse. Was sollten sie aber tun? Kann man sich auflehnen gegen den Blitz, gegen den Frost? Jedes Kind wuβte es: Schneeschmelze und Regen im Frühling – die Kander wird aus ihrem Bette treten. Heftige Gewitterregen im Sommer – sie übersteigt die Ufer, unvermeidlich, unerbittlich.»

Ja, diese Gewässer – im Berner Oberland. Zu dichterischen Höhenflügen anregend, wie der Staubbach bei Lauterbrunnen (Johann Wolfgang Goethe). Zu kriminalliterarischen Abgründen verhelfend, wie die Reichenbachfälle bei Meiringen (Arthur Conan Doyle). Zu ohrwurmigen Liedtexten führend, wie der Louwibach bei Lauenen (Georges «Schöre» Müller) – in seinem Lied geht es natürlich um den See, nicht um den Bach. Ebenfalls im Saanenland angesiedelt hat der in Gsteig geborene Johann Jakob Romang (1831–1884) viele seiner Werke. Auf der Rüschbachbrücke gleich neben dem „Bären“ ist eine Gedenktafel für ihn angebracht. Die Erzählung „Der alte Gemsjäger“, abgedruckt in einem Sammelband von 1864, führt uns der Autor durch das Tschärzistal zum Arnensee hinauf. In seinem Oberlauf heisst der Bach Aigue Courbe, weil er dort noch durch Waadtländer Boden plätschert. Und genau dort kurvte ich am letzten Freitag mit dem Ski zum See hinab, bevor es dann zu Fuss dem Bach entlang nach Feutersoey ging. Lesend wechseln wir nun den Lauf:

«Steigt man dem wildbrausenden Tschärzisbache nach dieses Alpenthal hinan, so hat man oben rechts von sich die zackigen Tschärzisflühe mit ihren braunen malerischen Wänden, weiter unten grüne Tannenwälder und zunächst die Vorsaβen mit ihrem üppigen Graswuchs, ihrer bunten Flora. Links braust in waldigen Schluchten der Tschärzisbach, weiβschäumend von einem Felsblock, der seinen hastigen Lauf hemmen will, an den andern prallend.»

Ernst Eschmann: Das Klöppel-Anneli. Eine Geschichte aus dem Berner Oberland. Orell Füssli, Zürich 1928.

Krak Ehler: Auch eine Schweizer Reise und anderes. Harmonie, Verlagsgesellschaft für Literatur und Kunst, Berlin 1907.

Hans Schmitter: Benz. Eine Geschichte von wilden Wassern und krummen Wegen. Francke, Bern 1960.

Johann Jakob Romang: Der alte Gemsjäger, in: Aus Ost und West. Gesammelte Erzählungen, Novellen und Gedichte. Band 1. Rieder & Simmen 1864.

Ein faustgrosser Stein

Am Donnerstag gehe ich den Mastenweg! Dann wird er wieder offen sein, der kleine Steig durch die wilde Bergflanke. Mitten hinein in diese freudige Erwartung kommt am Mittwochabend die Nachricht: Confinement!

24. April 2021

Sie werden nicht kommen können! Die, die mir am wichtigsten sind, für die wir unser Fest jetzt feiern wollten. Die Einschränkungen betreffen mich normalerweise kaum. Deshalb bin ich emotional noch nicht abgestumpft. Und deshalb kommt, obwohl ich früh raus will, der Schlaf heute lange nicht. Stattdessen wühlen die Gedanken in der Dunkelheit. Solange bis ich sie zwinge an das zu denken, was mich morgen Schönes erwartet. An den langen Aufstieg vor Sonnenaufgang im Wald, an den dünnen Pfad hoch oben zwischen den Felsen. Doch während ich ihn steige verfangen sich die Träume wieder in der Realität und an dem was nicht möglich sein wird. Warum? bohren sie und drehen sich öfter als die Wegkehren. Die Unmöglichkeit wird mir aufgezwungen, jedenfalls empfinde ich es so und brüte dumpf vor mich hin. Als meine Blicke wie zufällig den Waldboden streifen, holen Leberblümchen und Buschwindröschen mich in den Frühling zurück. Mit den Buben hier zu steigen, wäre schön. Ich schlucke und unterdrücke die Tränen. Nein, es kann nicht sein! Ich kann es nicht einsehen! Schneereste, und am Waldboden nassgeweinte, flachgedrückte, graue Blätter, wieder brütende Gedanken. Sie brodeln immer mehr, kochen hoch, und oben auf einem Felskopf brülle ich, ihr Arschlöcher, ins Tal. Dann schleudere ich einen faustgrossen Stein zu den Häusern hinab. Soll er töten. Es ist meine Wut, meine Verzweiflung. Und so entlädt sie sich. Ein beruhigender, ein in den Schlaf tragender Gedanke.

Im Aufstieg am nächsten Morgen, allein im Wald über dem Dorf, höre ich die Vögel singen und spüre meinen Körper arbeiten. Kraftvolle Ruhe. Und draussen auf dem Felskopf sehe ich gar nicht das Tal sondern die im Schnee leuchtenden Berge, spüre um mich die Sonne und ihre im Laub knisternde Wärme, die den Milan vor mir in die Weite trägt. Der faustgrosse Stein den ich in der Hand wog, sicher fünfzehn Minuten lang, dann wieder zurücklegte, besteht nur aus Mineralien die Elementverbindungen sind. Doch die Tränen, die ich weinte und die auf ihn fielen, sie trockneten in seiner Wärme, sie waren echt.

Schliesslich ziehe ich ein letztes Mal die Nase hoch:

„Emotionen sind zurückzuhalten! Vernunft ist jetzt geboten, ist die alles erlösende Macht. Geduld. Mit Steinen wirft man nicht! Was wäre auch, liessen wir Emotionen zu. Sie sind irrational, ihr Nutzen nicht nachweissbar. Zu schnell geraten sie uns ausser Kontrolle, schneller als ein Virus. Emotionen sind verboten!“

-Emotionen sind Lieder, Romane, grosses Kino, Guns and Roses.

„Die bejubelten Dramen, lassen wir sie in den Büchern! Das ist vernünftiger. Viel zu gefährlich ist so ein plötzlich aufkommender Wind. Für das tägliche Leben haben wir die Wissenschaft, die Wissen hat. So sind wir vor dem Wind geschützt, da werfen wir mit keinem Stein!“

 

Was ist er wirklich, mein faustgrosser Stein? Ein Meeressediment? Eine Elementverbindung? Ein kaltes Herz? Ein hartes Bruchstück meines Herzens? Ein warmes Gefühl in meiner Hand, dass meine Tränen trocknet? Er gab mir die Kraft weiterzugehen.

 

Irgendwann stand ich wieder auf und stieg über Wurzeln, die den Fels umfassen und sprengen zugleich,

die ihn eines Tages über dem Abgrund

…liegen lassen

Für den Wind vielleicht

Oder für meinen Schritt

Der zu wenig leicht…

 

Der dünne Pfad führte mich weiter hinein in die Wildnis. Fast ganz war er verschüttet vom Geröll das die winterlichen Schneerutsche unter sich mitzogen. Föhren rankten in die Sonne und Aurikel leuchteten in den Wänden.

 

 

Ob ich gebrüllt und den faustgrossen Stein geworfen habe,

den ersten oder viele oder keinen,

wieviel ich geweint habe,

was ich sage, was ich denke und was nicht,

ich behalte es für mich.

Hier oben bin ich allein,

hier oben kann ich

-ich sein.

The Last Great Mountain

Zwei Bücher zum dritthöchsten Gipfel der Welt. Ein altes von einer Frau und ein neues von einem Mann. Sie ergänzen sich bestens.

22. April 2021

Khunza, den 22. April [1930]
Liebe Kinder!
Der 20. war wohl der anstrengendste Tag meines Lebens (ausgenommen die Tage, an denen Ihr geboren wurdet, und meine Operationen). Wir brachen ganz zeitig auf, ich ging von vornherein sehr langsam, weil ich mir schon dachte, was für ein Vergnügen mir bevorstand, – zunächst vier Stunden lang ganz steil in die Höhe, von 4200 Meter an jeder Schritt eine Qual. Dann zwei Stunden lang immer rauf und runter; ich hatte das Gefühl, über siebzehn Pässe gegangen zu sein, es sollen aber nur drei gewesen sein. Dann endlich verkündete Bara Sahb (so wird Papa von den Trägern genannt; es heiβt: der grosse Herr, der Kommandant), nun ginge es abwärts, dem neuen Zeltplatz zu. Groβe Freude allerseits; denn auch für die Kulis war es eine Mordsschinderei gewesen, dauernd auf und ab im Schnee zu stampfen! Also los, hinunter! Der erste Schritt ging noch, aber dann brach man ein, knietief, bauchtief!

So beginnt der Brief, den Hettie Dyhrenfurth (1892–1972) ihren drei Kindern zu Hause in der Schweiz schrieb, auf der von ihrem Mann Günter Oskar geleiteten Internationalen Himalaya Expedition von 1930 zum Kangchendzönga (8586 m), dem dritthöchsten Berg der Welt. Aber Harriet Pauline Dyhrenfurth, geborene Heymann, war mehr als eine Begleiterin des Leiters: Sie hatte die Expedition nicht nur logistisch vorbereitet, sondern war auch für die Logistik vor Ort verantwortlich. Mehr noch: Hettie Dyhrenfurth schrieb ein sehr lesenswertes Buch über die erfolgreiche Expedition, die am Kangchendzönga wegen schlechter Wetter- und Schneeverhältnissen zwar scheiterte, aber mit der Erstbesteigung von drei anderen Sechs- und Siebentausendern dennoch ein grosser Erfolg wurde. Das Buch heisst „Memshab im Himalaya“ und zeigt die Autorin auf dem Cover mit Skistöcken und Ski vor mächtigen Schneegipfeln; auf dem ersten Foto im Bildteil sehen wir sie als sportliche Tennisspielerin. Ja, die Hettie hielt den Schläger und ihr Leben im Griff. 1934 war sie nochmals die Co-Leiterin einer Dyhrenfurth-Expedition; mit der Besteigung des 7315 Meter hohen Westgipfels des Sia Kangri stellte sie einen neuen Frauenhöhenrekord auf, der zwei Jahrzehnte galt.

Dem deutsch-schweizerischen Powerpaar (1936 erhielten die Dyhrenfurths den Prix olympique d’alpinisme bei den Olympischen Sommerspielen) begegnete ich wieder mal in einem neuen Buch zur Besteigungsgeschichte des Kangchendzönga: „The Last Great Mountain“ von Mick Conefrey, einem international anerkannten Filmemacher und Autor; er hat mehrere BBC-Dokumentarfilme über Erforschung und Bergsteigen produziert. Das neue Buch ist der letzte Teil von Mick Conefreys Höhen-Trilogie; die beiden anderen befassen sich mit dem Everest und dem K2. Auf der Grundlage von Interviews, Tagebüchern und unveröffentlichten Berichten beginnt Mick Conefrey seine Geschichte 1905 mit dem ersten, katastrophalen Versuch eines Teams unter der Leitung von Aleister Crowley und Jules Jacot Guillarmod, erforscht die dramatischen Expeditionen der 1920er und 1930er Jahre und bringt das Ganze mit der Erst- und Zweitbesteigung des Kangchendzönga durch Joe Brown und George Band am 25. Mai 1955 und Norman Hardie und Tony Streather am 26. Mai zum Höhepunkt. Conefrey schliesst seine fundierte Trilogie mit diesem Satz: „If Kangchenjunga has not become the commercial escalator that Everest is today, perhaps its relative anonymity is not such a bad thing.“ Wie wahr!

Hettie Dyhrenfurth: Memsahb im Himalaja. Verlag Deutsche Buchwerkstätten, Leipzig 1931. Antiquarisch auf www.zvab.com.

Mick Conefrey: The Last Great Mountain. The First Ascent of Kangchenjunga. Eigenverlag, Oxford 2020, Fr. 32.-