Warum heissen die Höger und Halden, wie sie heissen? Ein neues Lexikon nimmt die Namen, insbesondere aus dem Kanton Bern, etymologisch unter die Lupe.
«O sieh, sieh», rief Heidi in großer Aufregung, «auf einmal werden sie [die Berge] rosenrot! Sieh den mit dem Schnee und den mit den hohen spitzigen Felsen! Wie heißen sie, Peter?»
«Berge heißen nicht», erwiderte dieser. […]
«Warum haben die Berge keinen Namen, Großvater?», fragte Heidi wieder.
«Die haben Namen», erwiderte dieser, «und wenn du mir einen so beschreiben kannst, dass ich ihn kenne, so sage ich dir, wie er heißt.»
Die beiden Gesprächsausschnitte stammen aus dem weltweit berühmtesten, am meisten gedruckten und übersetzten Schweizer Buch. Genau genommen sind es zwei Bücher: «Heidis Lehr- und Wanderjahre» (1880) und «Heidi kann brauchen, was es gelernt hat» (1881). Mit ihrem Heidi hat Johanna Spyri (1827–1901) eine mediale Almlawine losgetreten, die noch keineswegs zum Stillstand gekommen ist. Auch nicht rund um Maienfeld im Bündner Rheintal, Hauptschauplatz von Heidi. Da heisst die Autobahnraststätte natürlich Heidiland, da gibt es den Heidihof und die Heidihütte, da nennt sich das Taxi nach dem Mädchen und das Heidi Hotel setzt noch ein Swiss davor. Nur Heidiberg oder Heidihorn sucht man vergebens. Peter hingegen kommt hoch hinauf, bis auf den Petersgrat (3194 m) in den – nein, nicht Bündner, sondern Berner Alpen. Der Solothurner Gletscherforscher Franz Joseph Hugi (1796–1855) gab dem eisigen Grat zwischen Lötschental und Lauterbrunnental den Namen zu Ehren seines Führers Peter Baumann (1800–1853) aus Grindelwald, der ihn am 23. Juli 1829 bei der ersten touristischen Überschreitung begleitet hatte. Hugi seinerseits ist in der helvetischen Gipfelwelt mit dem Hugihorn (3647 m) beim Lauteraarhorn ebenfalls verewigt. Wie einige andere grosse und kleine Persönlichkeiten. Insgesamt erheben sich in der Schweiz 211 Personengipfel, von der Punta Dufour (4634 m) bis hinab zum Monte Diggelmann (534 m).
Der Petersgrat findet sich auch in «Kleines Flurnamenbuch für Wandernde» von Roland Hofer. Und gleich darunter Petersläägi. Um welche Peter es sich dort handelt, steht aber nicht, weil es darin auch nicht um Personen geht, sondern um Berge, Hügel und Hörner, um Löcher, Täler und Schluchten, um Abhänge, Halden und Wände, um Pässe, Sättel und Furggen, und schliesslich um Äbnit, Felder und Böden. Im fünften Kapitel trifft man auf die Erklärung für Läägi: «Subst. schwzd. Läägi f. ‹ebene, flache Lage; flaches Land, Ebene; sanft ansteigende, flache Halde›, Bildung zum Adj. schwzd. läg, lääg ‹liegend, sanft geneigt, fast eben, flach›. Zur Petersläägi steht in Klammern: «Alpgebiet N unterhalb des Rägeboldshore, Adelboden». Auf https://map.geo.admin.ch steht man sofort auf diesem wenig geneigten Feld. Zum Regenbolshorn, so der frühere Name auf der Landeskarte, gibt es keine Erklärung. Zu schier unzähligen anderen Namen in diesem mit Farbfotos illustrierten Nachschlagewerk aber schon, insbesondere aus dem Kanton Bern, und zwar von Aa bis Zybachs Platten. Zu diesen gleich drei Zeilen: «Felsplatten und Wegstück am Weg zur Glecksteinhütte, Grindelwald. Angeblich nach einem Schafhirten namens Zybach benannt. Wer unterwegs gut hinschaut, sieht noch die in die Felsen gehauenen Tritte.»
«Zybachs Blatten» (so die heutige Schreibweise auf der LK!) hatten 1910 einen prominenten Auftritt im sechsten und letzten Band des «Geographisches Lexikon der Schweiz» mit dem Titel «Tavetsch – Zybachsplatte». Der letzte Eintrag also in diesem von 1902 bis 1910 herausgegebenen Monumentalwerk. Monumental auch der sechste Band mit 859 Seiten; ihm sind nämlich Supplement, letzte Ergänzungen und Anhang miteingebunden, was 1328 Seiten und gut 3,4 Kilo ergibt. Wer hätte gedacht, dass diese nach einer Person benannte Passage am Wetterhorn es auf einen Lexikontitel bringt?
Roland Hofer: Kleines Flurnamenbuch für Wandernde. Weber Verlag, Thun/Gwatt 2026. Fr. 29.-





























