Samivel

Paul Gayet-Tancrède alias Samivel (1907–1992) ist ein französischer Schriftsteller, Dichter, Grafiker, Illustrator, Filmemacher, Fotograf, Entdecker und Umweltschützer. Im Deutschen kannte man ihn fast nur als Zeichner und Autor. Vielleicht ändert sich das mit einer grossen illustrierten Biografie.

«C’est bizarre… mais depuis le début de la course, j’ai l’impression d’avoir oublié quelque chose…»

Das ist die Legende zu einer Zeichnung, auf der wir in tief verschneiter Landschaft einen Mann sehen, der mit Rucksack und Skistöcken aufsteigt und sich, den Kopf zur Seite drehend, plötzlich die oben gestellte Frage stellt. Natürlich hat der arme Kerl etwas vergessen: nämlich die Ski! Zum Glück für ihn dürfte es sich um Frühlingsschnee handeln, da er offenbar nicht einsinkt, noch nicht einsinkt beim Aufstieg. Beim Abstieg dann, mon Dieu… Das Besondere an der Zeichnung ist aber nicht die bizarre Situation – klar, wer hat nicht schon wichtige Ausrüstungsgegenstände vergessen, aber wenn man am Beginn einer Skitour merkt, dass das wichtigste Gerät fehlt, wird man ja kaum starten, n’est-ce pas? – also, nochmals, das Besondere an der 1928 gemachten Zeichnung ist die Signatur unten rechts: Samivel.

Unter diesem erstmals hingesetzten Pseudonym ist der französische Schriftsteller, Dichter, Grafiker, Illustrator, Filmemacher, Fotograf, Entdecker und Umweltschützer Paul Gayet-Tancrède (1907–1992) sehr bekannt – in Frankreich. Im Deutschen kannte man ihn fast nur als Zeichner und Autor, in den 1930er sowie in 1950er und 1960er Jahren. Hoffentlich ändert sich das mit der grossen illustrierten Biografie «Samivel» von Sophie Cuenot. Auf 240 Seiteen lernen wir einen wunderbar kreativen und weitsichtigen Mann kennen. Gerade seine Illustrationen zum Tourismus in den Bergen mit der in feinen Humor gezeichnete Kritik haben nichts von ihrer Gültigkeit verloren, die Aquarelle leuchten so romantisch wie einst, und Dohlen leiten die neun Kapitel des Buches ein.

Diese schwarzen Bergvögel haben Samivel ein Leben lang begleitet. Sein zweites Buch heisst «Sous l’oeil des choucas… ou les plaisirs de l’Alpinisme» (1932). Und Dohlen spielen die Hauptrolle in «La première fois» aus dem Novellenband «Contes à pic» (1951). «Taches noires» bewegen sich am 14. Juli 1865 über den Hörnligrat. Diese schwarzen Flecken sind nicht Dohlen, sondern – da muss Queue-Courte noch ein wenig näher heranfliegen – Menschen. Die Erstbesteigungsgeschichte des Matterhorns ist, und das macht das Geniale an dieser Novelle aus, aus der Perspektive von Queue-Courte erzählt, dem neugierigsten und mutigsten Mitglied der Dohlenkolonie, die oben in der Ostwand nistet. Auf einem Flug erspäht Queue-Courte – was übersetzt Kurz-Schwanz heisst, weil der Träger bei einem der berüchtigten Matterhorn-Gewitter zu spät die sichere Höhle aufsuchte – Menschen an seinem Berg. Und er fragt sich, warum sie so langsam aufsteigen würden, bis er merkt, dass sie keine Flügel haben. «Tiens! Un choucas!» hört er Whymper sagen, darauf die Antwort von Croz: «Il sera plus vite que nous au sommet.» Als Queue-Courte später sieht, wie die vier ausgleitenden und mitgerissenen Menschen im Abgrund verschwinden, flüchtet er angsterfüllt in sein Loch hoch oben, «parce qu’il avait tout à coup compris que les hommes n’ont vraiment pas d’ailes.»

Mit der neuen Samivel-Biografie lässt sich ein grossartiges, aktuelles Werk kennenlernen. Sie erscheint als 50. Band der Collection Texte&Images im Verlag Guérin-Paulsen, wie immer im roten quadratischen Textileinband. Ich kaufte das Buch in der Procure-Buchhandlung Librairie d’Étincelles an der Rue Jean-Jacques Rousseau in der Altstadt von Annecy. Eine sehr empfehlenswerte Adresse. Und: «Samivel» war nicht der einzige Kauf, mais non.

Sophie Cuenot: Samivel. Guérin – Éditions Paulsen, Chamonix 2026. € 56,00.

Wanderbücher und -führer

Seit 2016 findet der Tag des Wanderns in Deutschland jeweils am 14. Mai statt. Grund genug für einen kurzen Gang mit neueren und druckfrischen Wanderbüchern und -führern.

«Seitenwege, Feldwege, Fluchtwege, Grenzwege, Uferwege, Dorfwege, Holzwege, Deichwege, Geheimwege, Bergwege, Forstwege, Wirtschaftswege, Umwege.»

Diese dreizehn Wege listet Walter K. H. Hoffmann unter dem Stichwort «Wege» in seinem ABC-Buch «Vom Spazieren, Gehen, Reisen, Unterwegssein» auf. Natürlich warten da noch ein paar Wege mehr zwischen Abwege und Zollwege, Gehwege und Schleichwege zum Beispiel, oder auch Skiwege. Doch nun seien die Wanderschuhe geschnürt, und auf geht’s. Von Abkürzung über Fremdgehen, Jakobsweg(e), Längster Weg, Rousseau (klar, der geht immer mit!) und Wiedergänger bis Zu guter Letzt: Zu 110 Stichworten hat sich Hoffmann seine Gedanken gemacht. Sie «sind wie Wolken, die im Kopf vorüberziehen», wie es im Untertitel heisst. Wir nehmen sie mit auf unserem Büchergang zum 14. Mai 2026, dem Welttag des Wanderns. Er wurde 2016 vom Deutschen Wanderverband ins Leben gerufen und bezieht sich auf das Gründungsdatum des Deutschen Wanderverbandes am 14. Mai 1883.

Bevor wie losstiefeln, sei noch etwas Ballast in den Rucksack gepackt, gedanklicher Art selbstverständlich. In der ersten Nummer des letzten Jahres befasst sich «traverse. Zeitschrift für Geschichte» mit dem Thema «Zu Fuss». Sieben Beiträge zu ganz unterschiedlichen Aspekten, beispielsweise zur Spaziergangskultur in Basel von 1795 bis 1820 oder zur Eroberung der Schweiz durch das Wandern von 1910 bis 1960. Im Vorwort werden vier Forschungsachsen skizziert. Erstens Untersuchungen der eingeschränkten und eng abgegrenzten Räume des Zufussgehens; zweitens Fragen rund um die körperlichen Voraussetzungen des Zufussgehens; drittens die Geschlechterperspektiven in der historischen Forschung; und viertens die soziale und gesellschaftliche Frage in der Fussmobilität gestern und heute: Wer darf oder muss(te) zu Fuss gehen?

Viele von uns können. Stellt sich aber vielleicht die Frage: wohin? Drei Vorschläge. In der Reihe Lonely Planet Reisebildbände warten «Legendäre Küstenwanderungen in Europa. Die schönsten Küstenwege von den Shetlands bis Sardinien» auf Klippenläuferinnen und Strandläufer. Wie immer bei solchen Bildbandführern hinken die (wander-)touristischen Infos sanft hinter den Bildstrecken nach. Die Fotos aber machen schon gluschtig, vielleicht nicht den ganzen langen Meeresweg abzulaufen, sondern bloss eine Teilstrecke. Allerdings mangelt es ein bisschen an der Übersicht, wo die Wanderungen überhaupt verlaufen. So fehlt beim Titel «Göttliche Wege: Il Sentiero degli Dei» die genaue geografische Lokalisation. Ich sage nur: unbedingt machen, aber nicht wie vorgeschlagen mit Start in Bomerano oben am Berg, sondern in Praiano unten am Wasser, und dann vom Zielort Positano mit dem Schiff den Rückweg machen und hochschauen zur grün-felsigen Mittelmeerküste, wo man eben durchgegangen ist.

Wir bleiben grad in südlichen Gefilden, genauer: auf der Alpensüdseite, noch präziser: in der seit 1966 geschlossenen Schokoladefabrik Cima Norma in Dangio, einem der Ausgangspunkte für die Besteigung des höchsten Tessiner Gipfels, der Adula (3402 m), zu deutsch Rheinwaldhorn. In seinem vorzüglichen Wanderbuch «Rund um die Adula. Wanderungen zwischen Bleniotal, Calancatal und Misox» behandelt Bernhard Herold die Cima Norma, wo 2028 ein Vier-Sterne-Hotel entstehen soll; eine der 21 aromatischen Hintergrundgeschichten. Hauptbestandteil des rucksacktauglichen Werkes sind die 19 ein- bis mehrtägigen Wanderungen rund um den berühmten Berg zwischen den Kantonen TI-GR, in der würzigen Sackgasse des Val Calanca sowie im appetitanregenden Misox, das ja leider meist fastfoodig durchfahren wird. Wir kosten alle wichtigen (wander-)touristischen Infos, mit Varianten und Kombinationsmöglichkeiten, mit Fotos und Routenskizzen. Da schmeckt jede Zeile, nur wandern und essen muss man selbst. Diesbezüglich war meine erste Erfahrung mit dem Bleniotal etwas bitter: 1975 war ich als Rekrut sechs Wochen in der Schokoladefabrik Cima Norma einquartiert.

Und wenn wir schon auch auf Bündner Wegen unterwegs sind. Wie wär’s mal mit dem Unter- statt dem Oberengadin? Regula Bücheler führt uns in «Unterengadin. Wandern in der Engiadina Bassa» auf 28 ein- bis mehrtägigen Wanderungen entlang dem Inn und in seine versteckten Seitentäler. Zu jedem Kapitel behandelt sie ein wichtiges Hintergrundthema, zu allen Touren gibt sie die richtigen Tipps. Nichts wie hin: auf dem Bahnweg durch den Tunnel an die Unterengadiner Sonne!

Walter K. H. Hoffmann: Vom Spazieren, Gehen, Reisen, Unterwegssein. Vorwort von Thomas Widmer. Transhelvetica/Passaport, Zürich 2025. Fr. 31.90.

Tiphaine Robert, Anja Rathmann-Lutz, Marion Ferri (Hg.): Zu Fuss | À Pied. Traverse. Zeitschrift für Geschichte – Revue d’histoire, Band 2025/1. Chronos Verlag, Zürich. Fr. 28.-

Lonely Planet: Legendäre Küstenwanderungen in Europa. Die schönsten Küstenwege von den Shetlands bis Sardinien. Mairdumont, Ostfildern 2026. € 33,00.

Bernhard Herold: Rund um die Adula. Wanderungen zwischen Bleniotal, Calancatal und Misox. Rotpunktverlag, Zürich 2026. Fr. 39.- Die Buchvernissage findet am 5. Juni 2026 um 17 Uhr in San Vittore im Museo Moesano statt. Davor gibt es eine optionale kurze Wanderung aus dem Wanderführer, Treffpunkt um 11:05 Uhr bei der Postautohaltestelle Lumino, Paese. Informationen zum Anlass: https://eventfrog.ch/de/p/fuehrungen-vortraege/podium/buchvernissage-rund-um-die-adula-7452629573089367983.html

Regula Bücheler: Unterengadin. Wandern in der Engiadina Bassa. Rotpunktverlag, Zürich 2026. Fr. 39.-

Unterwegs mit Heinz und Ruedi

Zwei unterschiedliche Bücher von nicht mehr ganz jungen Männern. Heinz Egli umwandert die Schweiz, Ruedi Horber besteigt Gipfel vor der Haustüre und weit weg, bespricht Politik und Wirtschaft, befragt Frauen und Männer.

«Heute ist ein eigenartiger Tag im Gemisch von Zivilisation und Natur. Entlang von Straßen, schönen Rebbergen, durch Siedlungsgebiete, hohes Gras mit Jucken an Unterarmen und Beinen und quer durch einen ausgetrockneten Kanal und das anliegende Kieswerk. Den Tipp eines Einheimischen, ‹noch kurz› den nahegelegenen Genfer Hausberg Mont Salève zu besuchen, muss ich trotz propagierter schöner Aussicht auf irgendwann aufschieben. Wo käme ich da hin, jeden nahe gelegenen Berg zu erklimmen?»

Tja, wo wäre er hingekommen, der Heinz Egli (Jahrgang 1965), wenn er auf seiner Umwanderung der Schweiz noch jeden Gipfel am Weg mitgenommen hätte? Das machte im Sommer 1992 Andrea Vogel; er umrundete damals auf seiner Grenz-Tour in 83 Tagen die Schweiz, wobei er 1882 Kilometer zurücklegte, 148‘000 Höhenmeter überwand und 151 Gipfel bestieg, auf den schwierigen Etappen begleitet von Seilpartnern. Anders Heinz Egli: Er war alleine unterwegs mit seinem hellblauen Zelt, wenn möglich immer nahe an der Grenze, aber nicht darauf, wenn das Terrain nicht wanderbar war. Deshalb ist sein Rundweg auch viel länger, nämlich 3000 Kilometer, während die Höhenmeter nur 2000 Meter mehr aufweisen. Am 25. März 2022 war der Heinz in St. Luzisteig an der Grenze zu Liechtenstein gestartet, am 14. Oktober 2022 kehrte er dorthin zurück, mit 133 Etappen in den Beinen und im Kopf. Die 44. Etappe führte von Soral unweit des westlichsten Punktes der Schweiz in der Rhone nach Annemasse, am Salève entlang statt über ihn. Über seinen helvetischen Rundweg hat Heinz Egli das Buch mit einem etwas langen Titel verfasst – nun, der Weg war ja auch lang: «Meine größte Grenzerfahrung. Die Umwanderung der Schweiz entlang dem Kulturerbe Landesgrenze. Einfach spektakulär». 240 Seiten, zahlreiche Fotos und Karten, noch mehr Erlebnisse, Kenntnisse und Tipp, Ein- und Aussichten. Auf Seite 178 die Legende zum Bild vom Grenzgänger mit ausgestreckten Armen: «Erhabenes Gefühl über dem Valle Bodengo.» Wo das wohl ist?

Den Genfer Hausberg liess Heinz Egli also rechts liegen. Ruedi Horber (Jahrgang 1951) hingegen kennt den Berner Hausberg Gurten auswendig. Er schreibt zu ihm: «Mein Haus- und Trainingsberg, wohl über 1000-mal hinauf oder rund um den Gurten gejoggt, aber auch einige gemütliche Anlässe im Bergrestaurant.» Zum Beispiel die Vernissage seines neuen Buches am 25. April 2026: «Polit-Bergbuch mit 30 Interviews. Staat, Wirtschaft, Gesellschaft und Berge». Im Anhang stellt der ehemalige Volkswirtschaftler im Bundesamt für Landwirtschaft und beim Schweizerischen Gewerbeverband sowie fleissige Leserbriefschreiber seine 75 schönsten Gipfel vor, vom Stromboli (926 m) über Kubas höchsten Gipfel Pico Turquino, die Chrummfadenflue («mein meistbestiegener Berg») und Marokkos höchsten Gipfel Toubkal bis zum Huayna Potosí (6088 m) – eine eindrückliche Liste! Ebenfalls im Buch neben 75 Beiträgen zu ganz verschiedenen Themen (25 davon sind Bergen gewidmet): Kurzinterviews mit 30 Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Berg- und Laufsport (leider ohne Seitenangabe im Inhaltsverzeichnis). Und: Auf Seite 139 listet Ruedi «zehn bekannte Schweizer Hausberge» auf, darunter den Mont Salève.

Heinz Egli: Meine größte Grenzerfahrung. Die Umwanderung der Schweiz entlang dem Kulturerbe Landesgrenze. Einfach spektakulär. Novum Verlag, Zürich 2025; (signiertes) Exemplar direkt bei heinz.egli@sunrise.ch. Fr. 38.50.

Ruedi Horber: Polit-Bergbuch mit 30 Interviews. Staat, Wirtschaft, Gesellschaft und Berge. Eigenverlag, Niederscherli 2026; (signiertes) Exemplar direkt bei r.horber@gmx.ch. Fr. 30.-

Everest-Lhotse 1956 – 2026

Das unter Hans-Rudolf Keusen geschaffene Jubiläumsbuch «Everest-Lhotse. Aus den Tagebüchern der Schweizer Expedition 1956. Eine Spurensuche» lässt mit den vier erhaltenen Tagebüchern, mit der Expeditionspost und mit zahlreichen erstmals gezeigten (Farb-)Fotos die Erfolge (Erstbesteigung des Lhotse, Zweit- und Drittbesteigung des Everest im Mai 1956) und die Spannungen (die gab es!) hautnah lebendig werden.

«An Sonntagen wird in der Schweiz geschossen u. hier gesprengt. Mit Tuchel u. Ere steige ich etwas ab, um gefährlich gewordene Eistürme zu sprengen. Das Experiment ist wiederum gelungen. Vom Hin- u. Hergehen bin ich aber müde geworden. Ich bin froh, dass ich nicht mit Tuchel nach Lager III steigen muss. Ich verbringe wieder einmal die Nacht ganz allein im Lager.»

Notierte Fritz Luchsinger, der Ende März 1956 noch fast an einer akuten Blinddarmentzündung gestorben war, am Sonntag, 29. April, in sein Tagebuch. Das tat am gleichen Tag auch Ernst Reiss, genannt Ere. Die beiden Teilnehmer der Schweizer Everest-Lhotse Expedtion 1956 werden am 18. Mai als Erste auf dem Lhotse (8516 m) stehen, dem vierthöchsten Gipfel der Welt:

«Weiter geht unser Aufstieg am nächsten Tag zu Lager II, wo wir auf der Route mit der Eisaxt erneut erhebliche Wegverbesserungen treffen. Hier in diesem Lager stossen wir auf den Arzt Edi Leuthold u. auf Fritz Luchsinger, der noch gestern im Spätnachmittag nach Lager II aufgestiegen ist. Leider ist die Stimmung der Sherpas hier nicht gut, da die anwesenden Sahibs mit Fr. Müller zusammen irgendwelche Sonderleisten für diesen Tag verlangten. Uriken, einer der Besten, bemerkt sogar, dass alle hier anwesenden Sherpas einen Rückzug aus den Cwm in Betracht ziehen, falls wir weiter auf unseren Forderungen beharren. Tuchel, unser Leiter, schlichtet diese ernste Meinungsverschiedenheit. – Man darf mit diesen Sherpas schon nicht umgehen wie mit Rekruten!»

Ob Berufsoffizier Luchsinger den Tagebuch-Seitenhieb seines Lhotse-Seilpartners kannte? Insgesamt elf Sahibs, so wurden die Herren aus der Schweiz bezeichnet, nahmen an der Expedition vor 70 Jahren teil. Dabei gab es nicht nur alpintechnische Schwierigkeiten wie der gefährliche Khumbu-Eisbruch mit seinen labilen Türmen hinauf ins West Cwm, ins riesige Becken unter Everest, Lhotse und Nuptse. Sondern manchmal auch Schwierigkeiten mit den Sherpas, vor allem zwischenmenschlicher und sprachlicher Art. Davon ist aber im Tagebuch von Expeditionsleiter Albert Eggler, Tuchel genannt, wenig zu lesen, jedenfalls nicht am 29. April:

«Mit Luchsinger und Reiss nehme ich am Weg I–II mehrere Sprengungen vor. Die Route wird teilweise verlegt. – Abends steigen wir ins Lager III. – Das Wetter ist immer noch gut.»

Die Teilnehmer dieser von Schweizerischen Stiftung für Alpine Forschung ins Everest-Gebiet entsandten Expedition mussten ein Tagebuch führen. Vier Tagebücher haben sich zum Glück erhalten und bilden nun das Rückgrat des von der Stiftung herausgegebenen Jubiläumsbuchs. Das vierte Tagebuch stammt von Hansrudolf von Gunten; er stand am 24. Mai 1956 zusammen mit Dölf Reist auf dem Everest. Ein Tag zuvor war Jürg Marmet und Ernst Schmied die zweite Besteigung des höchsten Gipfels der Welt gelungen. Am 29. April schrieb von Gunten in sein Tagebuch:

«Wolfgang und ich steigen heute ins Lager 1 auf. Die Hitze ist ziemlich gross und wir kommen langsam vorwärts. Zudem habe ich die Dummheit begangen, mich mit einer Sauerstofflasche zusätzlich zu beladen, was sich in der Nähe des Lagers zu rächen beginnt. Lager 1 hat sich inzwischen ziemlich stark verändert. Grosse Spalten haben sich mit Krachen geöffnet, so dass alle Zelte verstellt werden mussten.»

Die erste Besteigung des Lhotse und die Zweit- und Drittbesteigung des Everest: ein alpinistischer Meilenstein. Ihn würdigten 1956 Albert Eggler in «Gipfel über den Wolken», Jörg Wyss 1958 mit dem SJW-Heft «Mt. Everest und Lhotse. Die Erlebnisse der schweizerischen Himalayaexpedition 1956» und Oswald Oelz 2006 mit dem schwarzweissen Bildband «Everest – Lhotse. Schweizer am Everest 1952 und 1956».

Das neue, unter der Leitung von Hans-Rudolf Keusen entstandene Buch «Everest-Lhotse. Aus den Tagebüchern der Schweizer Expedition 1956. Eine Spurensuche» veröffentlicht erstmals Auszüge aus den Tagebüchern und aus der Expeditionspost. Persönliche Stimmen der Teilnehmer, eingebettet in den sorgfältig rekonstruierten Kontext, lassen Erfolge wie Spannungen lebendig werden – zusammen mit zahlreichen erstmals veröffentlichten Fotos, insbesondere auch Farbfotos. So erscheint diese wichtige Expedition rundum in einem neuen Licht. Karten, Eckdaten der Expedition vom 29. Januar bis zum 8. Juli sowie die Zusammenstellung der umfangreichen Expeditionspost weisen zudem den Weg.

Die Vernissage findet am 8. Mai 2026 im ALPS in Bern statt. Sie ist leider schon ausgebucht. Aber der Gang an den Helvetiaplatz lohnt sich trotzdem. Denn die neue Fundbüro-Ausstellung «Souvenir. Selfies, Kitsch und Gipfelsteine» ist clever, vielschichtig, unterhaltsam, überraschend. Nicht zuletzt mit zwei Steinen vom Gipfel des Everest, die Jürg Marmet und Dölf Reist je in ihren Rucksack gesteckt haben. Und mit dem Ernst Reiss gewidmeten Souvenirteller aus Holz zur Erinnerung an seine Erstbesteigung des Lhotse.

Hans-Rudolf Keusen, Daniel Anker, Françoise Funk-Salamì, Christine Kopp: Everest-Lhotse. Aus den Tagebüchern der Schweizer Expedition 1956. Eine Spurensuche. AS Verlag, Zürich 2026. Fr. 48.-

Hütten und Biwaks

Vier neue Bücher befassen sich mit besonderen Hütten und Biwaks in den Alpen und anderswo. Und im Tessin, dem Gebiet der Schweiz mit den meisten alpinen Unterkünften, wartet ein neues Bivacco auf Wanderer.

«Die Selektion der Hütten erfolgte aus verschiedenen Gründen: Einige befinden sich an außergewöhnlichen Orten; andere sind aufgrund ihrer Rolle für historische Routen, Überschreitungen oder Erstbesteigungen von Bedeutung; wieder andere wurden aufgrund ihres architektonischen Charakters ausgewählt, seien es minimalistische Biwaks oder größere bewirtschaftete Berghütten. Die Absicht dabei war es, eine breite Auswahl an geografischen Lagen und Baustilen zu repräsentieren. Einige der Hütten sind äußerst abgelegen, die Aufstiege nur für erfahrene Bergsteiger geeignet. Andere sind in einer Tageswanderung zu erreichen und laden alle ein, die sich nach Einsamkeit und Gebirge sehnen.»

Na ja, das mit dem Gebirge mag stimmen, das mit der Einsamkeit nicht immer. Im Berggasthaus Aescher-Wildkirchli im Alpstein wird man sich kaum je einsam fühlen, zu überlaufen ist diese Location in den letzten elf Jahren geworden, seit sie unter dem Titel «Places of a lifetime» als Titelbild des National Geographic abgebildet worden war. Das Berggasthaus ist eine von acht Schweizer Hütten im Bildband «Alpine Zufluchten. Berghütten am Limit der Natur»; fünf davon sind Unterkünfte des Schweizer Alpen-Clubs (Dolent, Vignettes, Bouquetins, Monte Rosa, Grassen). Sieben der 34 vorgestellten Berghütten stehen in Italien, je vier in Frankreich und Norwegen, je drei in Österreich und Slowenien, zwei in Deutschland, je eine in Island, Kanada und Neuseeland. Die Texte sind etwas banal, die Fotos eher normal, bei den technischen Angaben zu den Hütten fehlen die die Internetadressen.

Ebenfalls 34 Hütten stellt der Bildband «Là-haut. Refuges d’exception». Drei SAC-Hütten wurden aufgenommen (Tracuit, Moiry und – einfach unübersehbar – Monte Rosa). Italien mit elf Capanne alpine steht zuoberst, gefolgt von Norwegen (sechs) und Slowenien (vier); vielleicht sollte man dort mal Wanderferien zu diesen besonderen Hütten und Biwaks planen. Frankreich und Kanada sind mit je zwei Refuges vertreten, je eine gebirgige Unterkunft verteilen sich auf Bosnien, Alaska, Chile, China, Australien und Neuseeland. Die Fotos geben viel her, der Text manchmal weniger; so wird empfohlen, sich auf dem Weg zur Cabane de Moiry anzuseilen, bei Schwierigkeit T2. Koordinaten fehlen, Internetadressen teilweise auch.

Rundum empfehlenswert sind hingegen die beiden Bände «Cabin Wild. Alpine Bivouac Huts» von Ben Tibbetts und Valentine Fabre. Insgesamt 50 solche wilden «Alpinkabinen» haben die beiden zu unterschiedlichen Jahreszeiten besucht und schildern nun nicht nur die Hüttenwege, die Bauten, sondern auch lohnende Touren von dort aus. Mehr noch: Die Geschichte des Hüttenbaus in den Alpen ist sehr lesenswert, die technischen Angaben zu den präsentierten Touren sind’s ebenfalls. Der zweite Band dieser wirklich aussergewöhnlichen Hüttenbücher stellt mit starken Fotos und Texten 25 Biwaks vom Montblanc-Massiv bis zu den Dolomiten vor. Darunter fünf aus der Schweiz: Bivouac du Dolent CAS, Mischabeljochbiwak SAC, Cresta-Biwak SAC, Fusshornbiwak, Aarbiwak SAC. Dazu eines auf der Landesgrenze (Bivacco Anghileri e Rusconi) und zwei knapp dahinter (Bivacco Fiorio ob dem Petit Col Ferret, Bivacco Zeb südlich des Grenzgipfels Mater de Paia). Das neue Bivacco Gervasutti, das auf dem Cover von Band 2 leuchtet, hängt als gestrandetes Raumschiff über dem Glacier de Fréboudze ebenfalls in den zwei weiter oben erwähnten Bildbänden.

Der italienische Alpinist und Architekt Luca Gibello kennt sich aus mit dem Hüttenbau im Hochgebirge. So lautet auch der Titel von einem seiner Werke, das im Verlag des SAC erschienen ist. In seinem neuen Buch «Bivacchi delle alpi. 100 anni di emozioni in scatola» blickt er zurück auf 100 Jahre Bau von Biwaks, die man einst auch Biwakschachteln nannten, weil sie so klein waren und wie vorgefertigte Schachteln oder Container aussahen, die sich auf minimalstem Platzbedarf verankern liessen. Gibello zieht ein rotes Seil von der legendären Halbkugel des Ravelli-Modells über die Serienfertigung des Apollonio-Modells, das später von der Fondazione Berti perfektioniert wurde, bis hin zum allseits bekannten Gervasutti-Biwak und der heutigen Verbreitung, die eher das Publikum der sozialen Netzwerke als die Bergsteiger-Community anspricht.

In den Tessiner Alpen, ohnehin die hüttenreichste Region der Schweiz, gibt es in diesem Jahr eine neue Unterkunft: das Bivacco Bassa di Nara etwas östlich des Übergangs Bassa di Nara (2122 m) zwischen der Leventina und der Valle di Blenio, auch bekannt als Valle del Sole. Offiziell eingeweiht wird das Biwak am 23. August 2026, während der Festa patriziale di Prugiasco; diesem Patriziat gehört es auch. Der Bau war nötig geworden für die mehrtägige Via Alta del Sole, die dem langen Grat zwischen den beiden Tälern bis zum Gotthard folgt; eröffnet wird diese neue Trekkingroute im Ticino am 6. September 2026. Und das sind die sechs Etappen: 1. Loderio bei Biasca – Capanna Pian d’Alpe; 2. Cap. Pian d’Alpe – Bivacco Bassa di Nara; 3. Biv. Bassa di Nara – Rifugio Ganna Rossa; 4. Rif. Ganna Rossa – Capanna Cadagno; 5. Cap. Cadagno – Capanna Cadlimo; 6. Cap. Cadlimo – Passo del Gottardo. Viel Spass beim Hüttenerwandern!

Aaron Rolph: Alpine Zufluchten. Berghütten am Limit der Natur. Gestalten Verlag, Berlin 2026. € 45,00. Alpine Refuges. The Architecture and Culture of Mountain Shelters.

Agata Toromanoff: Là-haut. Refuges d’exception. Éditions Glénat, Grenoble 2025. € 36,00. Amazing Mountain Cabins. Architecture Worth the Hike, 2024.

Ben Tibbetts & Valentine Fabre: Cabin Wild. Alpine Bivouac Huts. Volume 1 West: Mediterranean to Mont Blanc; Volume 2 East: Mont Blanc to the Dolomites. Alpenglow Editions, Chamonix 2025. je Fr. 51.-. (bei www.pizbube.ch)

Luca Gibello: Bivacchi delle alpi. 100 anni di emozioni in scatola. CAI edizioni 2025. € 26,00.

Seen, Spiegel der Schweiz

Ausgehend von den Sammlungen der Schweizerischen Nationalbibliothek tauchen wir mit der Ausstellung «Seen, Spiegel der Schweiz» in die Geschichte und Mythen der Schweiz ein. Passend dazu ein Krimi und ein Wanderbuch am Wasser.

«Es war nun Abend geworden, und da gelangte ich auf hübschem, stillen Weg oder Seitenweg, der unter Bäumen hinlief, zum See hinaus, wo der Spaziergang endete.»

Das lesen wir auf den letzten Seiten der bekannten Erzählung «Der Spaziergang» von Robert Walser. Sie erschien erstmals 1917 als Buch und 1920 dann in der Sammlung «Seeland» – heute eine gesuchte Rarität auf dem deutschen Buchmarkt. Zum Glück gibt es diesen Prosaband auch als Taschenbuch. Zum Titel äusserte sich Walser am 1. April 1918 in einem Brief an den Verleger Max Rascher:

«Der Titel ‹Seeland› erscheint mir deßhalb denkbar richtig, weil er knapp und straff dasjenige bezeichnet, um das es sich hier handelt, um eine Gegend und um die Erscheinungen derselben. Der Titel ist sinnlich und einfach ich möchte sagen, europäisch oder reinweltlich. ‹Seeland› kann in der Schweiz und überall sein, in Australien, in Holland oder sonstwo.»

Oder doch vor allem in der Schweiz, und bei dem in Biel geborenen und aufgewachsenen Walser natürlich am Bielersee, einem der drei Seen im Seeland; so wird ja die Gegend um Neuenburger-, Murten- und Bielersee bezeichnet. Das Briefzitat findet sich in der Ausstellung «Seen, Spiegel der Schweiz – Lacs, Miroirs helvétiques», die bis zum 5. Juni 2026 in der Schweizerischen Nationalbibliothek in Bern zu sehen ist. Unbedingt zu sehen ist.

«Grosse Wasserflächen und kleine Berggewässer: Die rund 1500 Seen der Schweiz prägen unsere Landschaft ebenso wie unsere Vorstellungswelt. Als ‹Wasserschloss Europas› hat sich die Schweiz um ihre Gewässer herum entwickelt, die wesentlich am wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Wandel des Landes beteiligt waren.»

So leitet die NB online und auf dem Flyer die Seen-Ausstellung ein. Mitten im Raum liegt ein alter Steg vom Ufer des Zürichsees, drum herum sind mit überzeugenden Illustrationen (diese wunderbaren Plakate!) und cleveren Texten verschiedenen Themenbereiche gruppiert, wie Geschichte (Rütlischwur, Morgartenschlacht), Tourismus (Dampfschiffe, Badeanstalten) und Energie (Staumauern). Was vielleicht zu wenig thematisiert wird, sind die neuen Seen, die wegen der Gletscherschmelze entstanden sind und weiter entstehen (der Rossbodensee unter der Blüemlisalp, der Lagh da Caralin am Palü, der auf der LK noch namenlose See am Rhonegletscher). Aber das nur nebenbei. Mit dem grauen Rossbodensee lassen sich auch keine Touristen anlocken wie mit dem blauen Oeschinensee weiter unten. Und Ringelreihen, wie das Männer und Frauen im Strandbad in Weggis machen (auf einem Foto aus einem Tourismusprospekt von 1930), wird in den neuen Seen auf Gletschervorfeldern kaum je möglich sein.

Aber wandern zu bekannten und neuen Schweizer Seen, das ist natürlich möglich. Hier ein Wanderbuch, das über helvetische Ufer hinausläuft, aber schon Robert Walser sah Seeland ja über staatliche Grenzen hinaus. Im handlichen Rother-Wanderführer «Grand Tour Lago Maggiore und Lago d’Orta» präsentiert Tim Shaw 51 Etappen rund um die beiden Seen – entlang der Ufer und über die Gipfel, und das präzis mit allen nötigen Angaben, Tipps und Tracks sowie Fotos, so dass man am liebsten sofort den Rucksack packte. Wir Schweizer sind ja rasch in Locarno oder Stresa. Die einfache Route der Grand Tour Lago Maggiore verläuft auf bequemen Wegen entlang des Seeufers. Für Abenteuerlustige bietet die anspruchsvolle Bergroute im Sommer und Herbst spektakuläre Gipfel und ebensolche Ausblicke auf den Langensee. Es ist problemlos möglich, an vielen Stellen von der Berg- auf die Uferroute zu wechseln und umgekehrt.

Und was lesen wir unterwegs? Ein See-Buch selbstverständlich. Zum Beispiel Christof Gassers Krimi «Drei Seen und ein Todesfall». Welche es sind, steht auf Seite 91: «Eine Viertelstunde später erreichte Marielle ihr Ziel. Der Campingplatz Les 3 Lacs lag am Broye-Kanal, der den Neuenburger- mit dem Murtensee verband. Weiter nördlich lag der Zihlkanal zwischen Neuenburger- und Bielersee.» Und wie heissen die Berge an diesen beiden Kanälen? Jolimont (603 m) über dem Canal de la Thielle und Mont Vully (653 m) über dem Canal de la Broye. An letzterem wird im Krimi gewandert, gejagt und geschossen; wahrscheinlich das Krimidebut für den Wistenlacherberg, wie der Mont Vully auf Deutsch heisst.

Was wäre die Schweiz ohne ihre Berge und Seen? Und ohne all die Bücher, die jene beschreiben und zeigen. Kostbare solche Bücher listet der druckfrische Katalog 287 von Harteveld Rare Books auf, mit 289 Nummern zu Alpen, Alpinismus und Helvetica. Beispielsweise «Unknown Switzerland» von Victor Tissot von 1900, mit dem Matterhorn auf dem Cover – zu kaufen für 150.-; kann auch im Lesesaal der Nationalbibliothek eingesehen werden. Auf Seite 58 steht ein passender Satz zur Ausstellung dortselbst: «Those Swiss lakes blossom all over with legends.» Der Ausstellungstext ergänzt: «In der Schweiz haben alle ihren See.»

Der Berner Alpinist Charles Montandon jedenfalls fand seinen See. Im Beitrag «Ferientage im Urbachtal» im SAC-Jahrbuch von 1893 schrieb er:

«Im Verlaufe des Nachmittags machten wir einen Ausflug auf den leicht erreichbaren Gipfel des Küpfenstockes (2675 m), der eine interessante Aussicht auf die umliegenden Berge, namentlich das Hangendgletscherhorn und das Ewigschneehorn, bietet, und erfrischten uns durch ein Seebad, das uns, in dieser Höhe genommen, einen seltenen Hochgenuß bereitete.»

Nationalbibliothek Bern: Seen, Spiegel der Schweiz – Lacs, Miroirs helvétiques. Bis zum 5. Juni 2026, Mo bis Fr 9-18 Uhr, Eintritt frei. www.nb.admin.ch/de/seen. Am 20. April Führung durch die Ausstellung, am 28. April ein Abend zu Seensuchtsbildern (zusammen mit dem ALPS), am 20. Mai eine literarische Soirée zu Walsers «Seeland».

Tim Shaw: Grand Tour Lago Maggiore und Lago d’Orta. 51 Etappen rund um die Seen – entlang der Ufer und über die Gipfel. Bergverlag Rother, München 2025. Fr. 26.50.

Christof Gasser: Drei Seen und ein Todesfall. Dörlemann Verlag, Reihe Mörderische Tour de Suisse, Zürich 2025. Fr. 22.90.

Harteveld Rare Books, https://harteveld.ch/photos/Harteveld_cat287.png.

Rebellinnen zu Fuss

Zwei Bücher zu Frauen, die wanderten und darüber schrieben. Keine Selbstverständlichkeit, früher schon gar nicht.

«Ein oder zwei aus der Gruppe, die sich nicht für den besseren Halt Nägel in die Schuhsohlen hatten schlagen lassen, mussten sich beim Abstieg wiederholt hinsetzen und hinunterrutschen; Heide und Moos sind ohne Nägel so rutschig, dass man, wenn der Weg nicht absolut eben ist, unmöglich aufrecht gehen, geschweige denn sicher wandern kann. […]
Nie in meinem Leben habe ich eine ansprechendere Exkursion erlebt; diese Kraxelei war genau das Richtige für mich. Ich finde wenig Vergnügen an einer Wanderung, die geradeaus über ebenes Gelände führt. Einen schönen, stolzen, erhabenen felsigen Berg finde ich viel reizvoller als einen schönen formalen, künstlich angelegten Garten oder Park.»

Das schrieb die englische Lehrerin, Briefschreiberin und Gouvernante aus Lancashire, Ellen Weeton (1776–1850), am 8. Juli 1810 ihrer Freundin Miss Winkley über eine kurz zuvor im Lake District unternommene Wanderung. Eine mutige Einschätzung, ja ein Bekenntnis: lieber Berge besteigen als durch einen englischen Park flanieren, und das vor über 200 Jahren! Ellen Weetons Briefe wurden 1936 in «Miss Weeton: a Journal of a Governess» publiziert. Heute sind Ausschnitte zu lesen im 2020 erschienenen Buch «Wanderers. A History of Women Walking» von Kerry Andrew. Die deutsche Übersetzung lautet aufgemotzt «Frauen, die wandern, sind nie allein. Unterwegs mit berühmten Denkerinnen – von Anaïs Nin bis Virginia Woolf». Zum Glück erstreckt sich der Weg nicht von Woolf bis Nin (das wäre die richtige Reihenfolge), sondern beginnt bereits mit Elizabeth Carter (1717–1804), einer Dichterin, Schriftstellerin und Übersetzerin. Und eben Wanderin, die lieber alleine unterwegs war, da die BegleiterInnen ihr Tempo meistens nicht mitmachten. Insgesamt stellt Kerry Andrew zehn englischsprachige Autorinnen vor, die zu Fuss unterwegs waren. Die jüngste ist Cheryl Strayed. Im Anhang finden sich Kurzbios von andern schreibenden und wandernden Frauen, meistens aus Grossbritannien und den USA.

Anneke Lubkowitz ihrerseits ist vor allem mit deutschen Frauen unterwegs, von Sophie von La Roche über Annette von Droste-Hülshoff (ein paar Zeilen mehr zu ihr hier: https://bergliteratur.ch/faszination-bergwaelder/) bis Else Lasker-Schüler und Emmy Hennings. Mitwandern in «Rebellinnen zu Fuss. Auf den Spuren von elf literarischen Wanderinnen» tun aber auch eine US-Amerikanerin (Octavia Butler), eine Französin (Simone de Beauvoir), eine Schweizerin (Annemarie Schwarzenbach – wer denn sonst…) und eine Engländerin (Mary Shelley); die Autorin des Frankensteins fehlt erstaunlicherweise bei Andrews. Während diese die Wanderinnen mit Zitaten oft zu Wort kommen lässt, versetzt Lubkowitz die Porträtierten in den eigenen sehr unterhaltsamen und informativen Wandertext, darin sie noch zahlreichen anderen Frauen begegnet, so Jane Austen bei einem kleinen Exkurs über Gummistiefel, wo die heutige Autorin zum Schluss kommt, «dass die Romantik aufhört, wo der Gummischuh anfängt».

Wahrscheinlich kümmerten sich die Ladies und Damen einst kaum um solche Fragen, sondern waren froh, wenn sie überhaupt losstiefeln durften und konnten, auf und davon, auf Schuhen, mit denen frau gehen konnte, davon von all den gesellschaftlichen, familiären Bindungen und Verpflichtungen. Nicht immer ging das. Ellen Weeton träumte vom Plan, Wales zu Fuss zu durchqueren. «Wenn ich allerdings an die vielen Belästigungen denke, die eine Frau alleine zu befürchten hat, halte ich ihn für undurchführbar», schrieb sie ihrer Freundin Miss Whitehead. «Ich darf nicht daran denken, einen solchen Plan in die Tat umzusetzen. Wenn ich doch nur ein Mann wäre!»

Kerri Andrews: Frauen, die wandern, sind nie allein. Unterwegs mit berühmten Denkerinnen – von Anaïs Nin bis Virginia Woolf. Goldmann Verlag, München 2024. Fr. 21.90.

Anneke Lubkowitz: Rebellinnen zu Fuss. Auf den Spuren von elf literarischen Wanderinnen. Kein & Aber Verlag, Zürich 2025. Fr. 34.-

Steinadler

Was fliegt in und über die Alpen. 78 Bergvögel aller Art, allen voran der Steinadler. Und manchmal auch ein Ballon.

«Ich habe es gesehen, wie manche in eine Art Glücksrausch, in ein Gefühl unaussprechlicher Seligkeit verfallen. Manche lachen, andere weinen, wieder andere werden stumm. Es ist schwer, den Geist zur wissenschaftlichen Beobachtung zu sammeln. Man darf fast sagen: vor Staunen und Entzücken steht der Verstand einem still. Die paar Stunden sind verronnen wie ebenso viele Minuten. Wir haben auf manches Einzelne genau geachtet, aber in einer Art Sinnesbetäubung durch die Pracht habe ich trotz Vorsatz noch viel mehr zu beobachten übersehen. Das Entzücken lähmt. Ich glaube, der Dichter ist einmal im Ballon gefahren, der den Adler hoch in den Lüften sagen lässt: ‹Ach währte doch immer das stolze Glück, ach müsst’ ich doch nimmer zur Erde zurück!›»

Der (erfüllte) Traum des Menschen vom Fliegen, hier nicht zufällig mit dem Adler in Verbindung gebracht. Wir denken vielleicht eher an Rotmilane, die wir ja im Mittelland ziemlich häufig sehen, wie sie ihre Kreise ziehen: So sollte man fliegen können, so elegant, so kraftvoll und leicht zugleich. Der oben zitierte Text stammt vom berühmten Schweizer Geologen Albert Heim. Er nahm an der ersten Ballonfahrt über die Alpen teil, die am 3. Oktober 1898 unter der Leitung von Eduard Spelterini stattfand; nach fünfeinhalb Stunden Flug von Sitten über das Diablerets-Massiv landete die «Wega» auf einer Wiese bei Besançon. Das nach der Fahrt veröffentlichte Werk «Die Fahrt der ‹Wega› über Alpen und Jura am 3. Oktober 1898» hebt ab mit einem Gedicht, darin diese Doppelzeile mitschwingt: «Wie oft im Traume flog ich adlergleich/Ob deinen Kämmen, Gipfeln, Thälern hin.»

Der Adler, immer wieder. Gemeint ist der Adler der Alpen, also der Steinadler. Er ist der weltweit häufigste Grossadler, 98% des Alpenbestandes fliegt in der Schweiz. Grund genug, den grossartigen, weitgefächerten und höchst informativen Bildband «Der Steinadler. Eine Rückeroberung im Alpenraum» über den König bzw. die Königin der Lüfte (die Weibchen sind noch grösser als die Männchen!) zu studieren. Das Buch von David Jenny, Serge Denis und Heinrich Haller (letzterer war während 23 Jahren Direktor des Schweizerischen Nationalparks) gliedert sich in die Kapitel Geschichte, Körperbau, Verbreitung/Lebensraum/Nahrungsgrundlage, Jagdverhalten/Ernährung und Sozialverhalten. Alle illustriert mit alten und aktuellen Fotos, mit Tabellen und Karten sowie mit Zeichnungen von Lea Gredig. Von all den vielen Themen seien nur noch drei hervorgehoben. Die häufigste und liebste Speise des Steinadlers ist das Murmeltier. Der gefährlichste Feind des Adlers ist der Mensch, der mit Bleischrot jagt (und der Adler dann ein damit geschossenes Tier findet und isst), der Hochspannungsleitungen baut, der auf einem Gleitschirmflug die Horste stört. Und: Die helvetischen Steinadlerpaare horsten und jagen vor allem in den Hochalpen, weniger in der Voralpen, aber fünf Paare leben im Jura. Der Bildband ist Carl Stemmler, dem Pionier der Schweizer Steinadlerforschung gewidmet; sein Museum befindet sich in der Altstadt von Schaffhausen: https://allerheiligen.ch/besuchen/museum-stemmler/.

In den Alpen fliegt ja nicht nur der Steinadler. Wer die alpine Vogelwelt kennenlernen möchte, greift zum BirdLife-Feldführer «Bergvögel der Alpen». 78 tauchen darin auf, vom Alpenbirkenzeisig über Felsenschwalbe, Gänsegeier und Steinschmätzer bis zum Zitronenzeisig; der Rotmilan spreizt seine Schwanzfedern ebenfalls aus. Die wissenschaftlich detailgetreu gezeichneten Vogelbilder und die präzisen Texte helfen beim Erkennen von Vogelarten auf Wanderungen und Bergtouren. Bei Ballonfahrten natürlich auch.

Albert Heim, Julius Maurer, Eduard Spelterini: Die Fahrt der ‹Wega› über Alpen und Jura am 3. Oktober 1898. Benno Schwabe Verlagsbuchhandlung, Basel 1898. https://www.e-rara.ch/zut/content/titleinfo/5488323.

David Jenny, Serge Denis, Heinrich Haller: Der Steinadler. Eine Rückeroberung im Alpenraum. Haupt Verlag, Bern 2025. Fr. 48.-

Bergvögel der Schweiz. BirdLife Schweiz, 2025. https://www.birdlife.ch/de/content/neuer-bergvogelfuehrer-die-voegel-unserer-alpen-kennen-und-schuetzen

Falätscha. Vom Schweigen in den Bergen

Das Safiental, insbesondere die Alp Falätscha oberhalb des Turrahus, ist Schauplatz eines wuchtigen Romans um Schuld und Sühne, um Recht und Gerechtigkeit. Im Mittelpunkt des Geschehens der Kommissar Jon Calonder, der als Gymnasiast einen Sommer lang als Knecht auf einem Hof in diesem so ganz besonderen Tal arbeitete, wie der Autor Stefan Gartmann ebenfalls.

Calonder sah die Frau an. »Da wäre noch etwas, das ich nicht verstehe. Etwas Persönliches.«
»Was denn?«
»Sie leben hier im Einklang mit der Natur, in einer Welt, die manche als heil bezeichnen würden. Plötzlich platzt die Polizei in diese Idylle, gräbt unweit der Hütte, in der Sie hausen, das Skelett eines Mannes aus, der vor achtundzwanzig Jahren hier ermordet worden ist. Aber Sie scheint das nicht zu berühren.«
Nachdenklich richtete die Sennerin den Blick auf die andere Talseite, als suchte sie in den zerklüfteten Flanken der Berge nach Worten, mit denen sich ausdrücken liess, was sie fühlte angesichts des Verbrechens, das hier, auf ihrer Alp, einst begangen worden war. »Sehen Sie«, sagte sie nach einer Weile ruhig. »Es ist streng hier oben. Streng, aber schön. Karin, Severin und ich werden heute Abend miteinander reden. Über diesen Tag und über das, was hier vor achtundzwanzig Jahren geschehen ist. Aber schon morgen werden wir uns wieder unserem gewohnten Alltag widmen. Den Tieren, dem Melken, dem Käsen. Ich möchte nicht herzlos erscheinen. Aber wir haben uns auf diesen Sommer gefreut; und ich werde nicht zulassen, dass ein Ereignis aus der Vergangenheit, und mag es noch so tragisch sein, unsere gemeinsame Zeit hier überschattet.«

Ein kleiner, bezeichnender Ausschnitt aus einem ganz grossen Roman, der hauptsächlich im Safiental spielt, diesem langen, tief eingeschnittenen Seitental des Vorderrheintales, das sich aus der Rheinschlucht bis zum Bärenhorn erstreckt, mit dem Gasthaus Turrahus zuhinterst und der Alp Falätscha eine gute halbe Stunde weiter oben. Die beiden Hauptschauplätze im (Kriminal-)Roman «Falätscha. Vom Schweigen in den Bergen» von Stefan Gartmann, der als Gymnasiast einen Sommer lang als Knecht auf einem Hof in diesem so ganz besonderen Tal arbeitete, wie seine Hauptfigur ebenfalls, der Churer Kriminalkommissar Jon Calonder. Er muss den Mord an einem Zusenn untersuchen, der sich verjährt hätte, wenn nicht einer, der damals auf der Alp Falätscha dabei gewesen war, sein Schweigen gebrochen hätte, kurz vor der Verjährung dieses Verbrechens.

Wie – und vor allem: warum – es dazu kam, enthüllt Stefan Gartmann auf 650 Seiten. Schritt um Schritt, Gespräch um Gespräch, Frage um Frage. Und die Antworten fallen nicht leicht, die Fragen eigentlich auch nicht. Die Berge, sie schweigen. Die Menschen, die dort wohnen, haben bisher auch geschwiegen. Weil sie mussten, weil sie wollten, weil das Leben, das Überleben in dieser rauen Natur vorrangig war. Aber nun wurde dieses Skelett eines bösen Mannes ausgegraben, dessen Verschwinden vor 28 Jahren niemand im Tal nachgetrauert hat. Ausser seine Mutter, und ihr verspricht Jon Calonder, dass er den Mörder ihres Sohnes findet. Was es auch kostet, was für alte Wunden aufgerissen, was für familiäre Geheimnisse ausgegraben werden.

Nochmals ein Ausschnitt aus diesem wuchtigen, grossartigen Roman um Schuld und Sühne im Safiental, um Gerechtigkeit und Recht, um Gut und Böse, um Liebe und Last in den Bergen; nun ja, im Tal auch:

»Sie sind Ermittler, und es ist Ihre Aufgabe, Verbrechen aufzuklären. Wenn Sie den Mörder vom Hitsch unbedingt finden müssen, dann suchen Sie weiter nach ihm; geht es Ihnen aber um Gerechtigkeit, dann sollten Sie die Vergangenheit ruhen lassen.«
»Das haben Sie mir schon einmal nahegelegt.«
Der alte Kauz schaute Calonder an: »Ja«, meinte er. »Aber offenbar hören Sie nicht auf mich.«
»Wie Sie schon sagten, ich bin Ermittler.«
»Können Sie denn nicht für einmal Mensch sein?«
»Ich versuche, beides zu sein. Mensch und Ermittler.«
Das Männlein schüttelte den Kopf. »Das wird in diesem Fall nicht möglich sein«, sagte es, und seine Worte klangen wie eine düstere Prophezeiung.
»Was macht Sie da so sicher?«
»Ich weiss Dinge, die Sie nicht wissen.«
»Warum erzählen Sie mir diese Dinge dann nicht?«
»Weil ich nicht mit ansehen will, wie der Hitsch über seinen Tod hinaus den Frieden im Tal zerstört.«

Stefan Gartmann: Falätscha. Vom Schweigen in den Bergen. Bilgerverlag, Zürich 2026. Fr. 40.-

Buchpremiere «Falätscha» am Dienstag, 24. März 2026, um 19.30 im Literaturhaus Graubünden in der Werkstatt Chur an der Unteren Gasse 9.

Schnee von heute

Der Winter ist nochmals zurückgekommen, kurz vor dem astronomischen Frühlingsbeginn. Da lohnt sich ein Blick auf neue Schneepublikationen.

«Ich blieb meinem Partner Rossignol treu, weil ich mir sagte: Geld darf nicht der Grund für einen Wechsel sein, auch weil ich überzeugt war von meinen Ski. Meine Treue bezahlte sich aus, ebenso bei Subaru.»

Sagt die Schweizer Skilegende Bernhard Russi im Tamedia-Interview vom 27. Februar 2026. Gibt man allerdings auf Google die Stichworte «Bernhard Russi Skimarke» ein, so erhält man automatisch folgende Antwort von KI: «Bernhard Russi, der Schweizer Olympiasieger und Weltmeister der 1970er-Jahre, fuhr während seiner aktiven Karriere hauptsächlich Skier der österreichischen Marke Kneissl. Er war eines der Aushängeschilder für Kneissl und feierte auf diesen Skiern seine größten Erfolge, darunter den Abfahrts-Olympiasieg 1972.» Schaut man sich die dazugehörenden Fotos an – von Russis Abfahrts-Siegen 1970 an der WM in Gröden und 1972 an der Olympiade in Sapporo – so sieht man deutlich das rote R im weissen Kreis in der Spitze der Lauffläche.

R wie Rossignol. Loïc Meillard und Federica Brignone fahren Rossignol. Hätten sie in den 1960er Jahren Skirennen bestritten, wären sie sicher auf dem französischen Rossignol Strato gestanden. Wie einst Jean-Claude Killy oder Henri Duvillard. Der Rossignol Strato war der «roi de la neige», wie einer Reklame von 1969 zu entnehmen ist. Er war im Salon de Grenoble im Januar 1965 erstmals vorgestellt und dann zehn Jahre lang produziert worden: «Le premier ski à avoir passé la barre symbolique du million paires vendues au monde.» Das Porträt zu diesem legendären Ski findet sich in der achten Ausgabe von «Ski français», die sich Ikonen widmet. So auch beispielhaften Momenten im alpinen Skirennsport, vom Sieg von Christine und Marielle Goitschel im Slalom an der Olympiade in Innsbruck 1964 bis zum 100. Weltcupsieg von Mikaela Shiffrin, im Slalom von Sestrières am 23. Februar 2025. Eine Skifahrerin oder ein Skifahrer aus der Schweiz tauchen da nicht auf. Immerhin, bei drei ausgewählten Skisportlern, die in ihrer Spezialdisziplin alles und mehr geben, brettert der Walliser Steilwandfahrer Jérémie Heitz mit Vollspeed weisse Wände hinunter. Im Kapitel über Pisten, die man wenigstens einmal im Leben befahren haben sollte, sind nur solche aus französischen Bergen aufgenommen worden. Deshalb figuriert die Mur suisse im Skigebiet Les Portes du Soleil nicht auf dieser Liste, das Lauberhorn oder die Streiff ebenfalls nicht.

Tant pis. Wir bleiben mit dem Bergführer François Matet aus Sallanches grad in seiner Haute Savoie und gehen mit ihm auf «Ski de randonnée du Mont-Blanc au Léman», in die Gebiete Aravis, Bornes, Chablais und Haut Giffre. Ein handlicher Führer in zwei Sprachen mit vielen Fotos und 75 Touren für Anfänger und Könner. Eine solche Tour im Haut Giffre stellte ich im Februar 1992 in der Zeitschrift «Bergsteiger» vor: «Eine Tour auf die westlichsten Berge der Schweiz. Über die Tête de Bossetan (2404,5 m) verläuft die Grenze zu Frankreich, während der Gipfelanstieg zu den Dents Blanches (2706 m) in der Schweiz liegt. Für Deutschsprachige ein Geheimtip; die französischen Skibergsteiger hingegen schätzen diese trotz aller Lifte immer noch sehr lohnende Tourenregion.» Nebenbei: Die beiden Gipfel gehören zweifellos zu den westlichsten der Schweizer Alpen, doch im Jura erheben sich ja noch andere helvetische Höger.

Dass man manchmal nicht alles überblickt, erlebte ich grad im Taschenbuch mit dem aktuellen Titel «1926. Ein Jahr am Rand der Zeit» von Hans Ulrich Gumbrecht; es erschien 1997 unter dem Titel «In 1926. Living at the Edge of Time» und 2001 erstmals auf Deutsch. Auf dem Cover das ikonische Gemälde «St. Moritz» von Tamara da Lempicka von 1929; es zeigt eine rot gekleidete Frau in winterlicher Landschaft, wohl eine Skifahrerin, denn sie stützt sich auf einen Stock. Auf der Rückseite heisst es: «Eine faszinierende Zeitreise in das Jahr 1926. Skifahren, Jazz, Boxen, Stierkampf, Sechstagerennen, Straßenkampf, Büroarbeit, Nachtclubs.» Nur: Bis jetzt fand ich keinen Schneefleck zum Stichwort Skifahren, nicht mal unter demjenigen zum Bergsteigen. Dabei waren die 1920er Jahre DIE grosse Zeit der Entdeckung des winterlichen Gebirges. Die Skiliteratur (in jeglicher Form) kam damals so richtig in Schuss.

Beispielweise mit Henry Hoek. Kurzer Ausschnitt aus «Schnee, Sonne und Ski. Ein Buch über den Frühling im Hochgebirge» von 1926: «Ende März. Noch ist Winter in den Bergen. Tief verschneit liegen sie unter Schnee. Und doch ist der Frühling schon in der Luft, er ist in der Form der Wolken, in der Farbe des Himmels, in dem Glanz der Schneedecke, im Knospen der Erlen am Bach und dem zarten Duft der Tannen auf sonnigem Hang.» Und noch ein Zitat, diesmal zu den Ski selbst: «Da kam dieser neue Sport, der ganz auf Geschwindigkeit und Raumüberwinden eingestellt ist, der seiner innersten ‹Idee› nach Raumhunger und Schnelligkeitsdurst ist, und der als Gerät nur zweier Bretter bedarf.»

Ski français. Tome 8: Icônes. Éditions Glénat, Grenoble 2026. € 20,00.

François Matet: Ski de randonnée du Mont-Blanc au Léman. Tome 2: 75 itinéraires/volume 2: 75 ski touring routes. Aravis, Bornes, Chablais, Haut Giffre. JMEditions, Chamonix 2026. € 28,50.

Hans Ulrich Gumbrecht: 1926. Ein Jahr am Rand der Zeit. Suhrkamp Verlag, Berlin 2025. € 20,00.