Schnee & Ski

Drei neue Bücher zum Thema Skifahren und Schnee. Und eine vielleicht visionäre Skierzählung von Peter Stamm.

«La neige posait problème.»

Wie wahr, dieser Beginn der Geschichte «Le ski» des Genfer Schriftstellers Guillaume Rhis über Familienwinterferien in La Barboleuse in den Waadtländer Alpen. Der Schnee macht zur Zeit in den Schweizer Alpen grosse Probleme, viel grössere als den Eltern des jungen Guillaume, wenn ihr bescheidenes Ferienchalet unter der weissen Dachlast einzustürzen drohte:

«On trouvait dans l‘atelier une échelle centenaire. Quand mon père l’appuyait contre la gouttière, nous autres femme et enfants retenions notre souffle. Maman sécurisait d’une main le vieil outil, le corps raide, inquiète; Papa, le gant prolongé d’une balayette en roseau, jouait avec le danger. Combien de fois la scène s’est-elle répétée tout au long des années 1990?»

Wer immer auch mal mit den Eltern – oder ebenfalls mit Gleichaltrigen – Skiferien genoss (oder auch nicht, kann ja vorkommen…): Das schmale Buch von Rhis findet immer Platz im Gepäck, sei es nur bei einem Tagesausflug, sei es für die Settimana bianca in Cortina d’Ampezzo (die Olympiade dauert ja nur noch bis Sonntag) oder gar in den Monti Sibillini.

Vom Schnee von heute zum «Schnee von morgen» mit Laura Anninger. Im Untertitel heisst das Buch der österreichischen Umwelt- und Wissenschaftsjournalistin «Über das Skifahren in Zeiten des Klimawandels». Sie war in Hörsälen und Gondeln unterwegs, hat mit ganz vielen Leuten gesprochen, die etwas vom Schnee verstehen bzw. von ihm leben, auch wenn sie oft nachhelfen müssen, wenn er nicht wie jetzt in kaum zu bändigenden Massen vom Himmel fällt. Vielleicht müsste man Frau Holle mal klar machen, dass wir sie schon schätzen und dies noch stärker täten, wenn sie mehr Konstanz in ihre Arbeit brächte, nämlich immer wieder ein paar Dezimeter und nicht plötzlich meterweise Schnee. Oder leidet sie eventuell auch unter dem Klimawandel? Möglich wär’s. Doch zurück zu Frau Anninger. Im Kapitel «Schneeschuh, Zipline, Mountainbike. Warum sich Skigebiete neu erfinden müssen» lesen wir:

«Es werden weitere Gebiete geschlossen werden. Anpassung ist immer nur zu einem gewissen Grad möglich. Denn bei all den Bemühungen bleibt Fakt: Skifahren wird in den kommenden Jahrzehnten nur an immer weniger Orten, zu immer höheren Preisen, mit steigendem Einsatz von Energie sowie Wasser und laufenden Eingriffen in den Naturraum möglich sein.»

Düstere Aussichten für den Pistenskilauf. Aber muss er denn überhaupt draussen stattfinden? Genau darum geht es in der hoffnungsvollen Skiliebesgeschichte – der Valentinstag liegt ja noch nicht weit zurück – mit dem Titel «Lieke schreibt…» im  neuem Erzählband «Auf ganz dünnem Eis» des Schweizer Schriftstellers Peter Stamm. Hauptfigur in dieser ersten Erzählung ist ein Schweizer Skilehrer, der nach einem Unfall zuhause nun in Bottrops Skihalle unterrichtet. Ich bin dort auch Ski gefahren. Doch kurven wir mit Peter bzw. seinem Skilehrer, der die erste Abfahrt immer alleine macht:

«Ich fahre los, schwinge über den erst flachen, dann steiler werdenden Hang. Der Fahrtwind lässt meine Augen tränen, die Kälte brennt mir im Gesicht. Ich reiße die Augen auf, ich bin kurz vor der Kurve, ein weiter Schwung. Ich weiß genau, von wo aus ich laufen lassen muss, damit ich die kleine Steigung am Ende der Piste hochkomme. Die Ampel steht auf Grün. Eine Minute Abfahrt, fünf Minuten auf dem Förderband in diesem scheußlichen Tunnel.»

Wesentlich länger, wesentlich anstrengender, ja eigentlich gar nicht vergleichbar, aber halt doch Skisport, wenn auch nicht mit Pisten- oder Tourenskis, sondern mit Langlaufskis. Und erst noch auf dem mythischen Vasaloppet. Jedes Jahr am ersten Sonntag im März wird der Wasalauf zwischen den Orten Sälen und Mora in der schwedischen Landschaft Dalarna über 90 km in klassischer Technik ausgetragen, und das seit 1922. Davon schreibt die deutsche Schriftstellerin Antje Rávik Strubel im Essay «Kein Schnee, nimmermehr. Neunzig Kilometer Mutmaßungen übers Skifahren, das Schreiben und den Tod». Der Rückseitentext startet so: «Ski sind das älteste Fortbewegungsmittel der Menschheit und so geht mit dem Schnee viel mehr verloren als ein Wintersport: eine ganze Sprachwelt und eine existenzielle Erfahrung.» Dazu gleich eine Bemerkung, obwohl es mir als Skisportler schon gefiele, wie wichtig die beiden langen Latten für die Menschen sind. Bevor diese aber auf jenen über den Schnee glitten, wurde schon lange auf Flössen von Insel zu Insel gerudert. Doch mit dieser Laufkorrektur wollen wir die Übersicht über neue Schnee- und Skiliteratur dann doch nicht abschliessen, sondern lieber mit einer wichtigen Skisportlerin:

«Die erste Frau in Hosen war eine Skifahrerin: Kristine Drolsum aus Christiana, dem heutigen Oslo, nähte sich 1896 einen dunkelblauen Skianzug. Er bestand aus Hosen und einer Jacke, die oberhalb der Knie endete. Angesichts der sonst üblichen schweren Röcke war das eine Revolution, die wie andere Revolutionen in jeden Geschichtsunterricht gehört.»

Guillaume Rihs: Ski. Éditions Slatkine, Genève 2026. Fr. 21.45.

Laura Anninger: Schnee von morgen. Über das Skifahren in Zeiten des Klimawandels. Verlag Anton Pustet, Salzburg 2025. € 26,00.

Peter Stamm: Auf ganz dünnem Eis. Erzählungen. S. Fischer Verlag, Frankfurt aM 2025. € 24,00.

Antje Rávik Strubel: Kein Schnee, nimmermehr. Neunzig Kilometer Mutmaßungen übers Skifahren, das Schreiben und den Tod. Residenz Verlag, Salzburg 2025. € 20,00.

Jules Jacot-Guillarmod

Die Biografie von Laurent Tissot lädt dazu ein, neue Seiten des Schweizer Arztes, Alpinisten, Expeditionsbergsteigers, Autors und Fotografs kennenzulernen.

«Liberté des montagnes, heureuse possession de soi-même, bonheur de courir à l’aventure sur les sommets inconnus et déserts, de marcher sur des neiges pures encore, de monter vers les cieux, est-il rien de plus concis et de plus complet que cette belle pensée de Javelle pour définir l’invincible attrait des hautes cimes et pour réduire à néant cette idée saugrenue de Madame de Staël qui s’imagine que nous allons à la montagne pour le plaisir singulier de nous exposer à la mort, quand tout, dans la nature, nous commande d’aimer la vie?»

Das fragt sich eloquent der Neuenburger Arzt und Alpinist, Autor und Abenteurer Jules Jacot-Guillarmod zu Beginn seines Beitrages «Au Mönch (4105 m) par l’arête nord-ouest» im «Jahrbuch des Schweizer Alpenclub» von 1907. Illustriert sind die sieben Seiten mit neun eigenen, allerdings sehr kleinen Fotos; gerade mal 4 auf 4,5 cm. Das zweite zeigt einen Bergsteiger, der auf einem Band an einer fast senkrechten Eiswand steht, die Schulter fest ans Eis gedrückt. Dieses schwindelerregende Foto macht nun den Auftakt in der Biografie «Jules Jacot-Guillarmod, l’explorateur de l’inconnu» von Laurent Tissot, emerierter Geschichtsprofessor der Uni Neuchâtel. Auf dem Titelbild sehen wir den Helden auf einem Pferd reitend, den Kopf mit einem Turban bedeckt; das Foto entstand bei der Rückkehr von der mutigen Expedition zum K2. Jules Jacot-Guillarmod (1868–1925) war der erste Schweizer im Himalaya und Karakorum. Am 18. Juni 1902 notierte er in seinem Journal: «Vu le K2 pour la première fois. Imposant, faisant peur et pourtant plaisir à voir.» JJG machte damals auch das erste Foto des zweithöchsten Gipfels der Welt. Am 10. Juli 1902 erreichte JJG mit Viktor Wessely am Nordostgrat eine Höhe von ca. 6700 m. Mehr zu dieser Expedition und zum Buch dazu hier: https://bergliteratur.ch/jules-jacot-guillarmod-pionier-am-k2/

Selbstverständlich beleuchtet Laurent Tissot die Bergsteigerei von JJG. Aber ausgehend vom täglich geführten Journal und von zahlreichen Fotos schildert Tissot das ganze vielfältige Leben von Jules Jacot-Guillarmod. So eine Reise um das Mittelmeer während der Flitterwochen, eine Weltreise im Rahmen einer Mission des Roten Kreuzes 1919 in Sibirien und das Projekt, Afrika von Kairo bis zum Kap der Guten Hoffnung zu durchqueren, das jedoch aufgrund seines Todes infolge einer Infektion nicht mehr verwirklicht werden konnte.

Die Biografie von Tissot ist mit schwarzweissen Fotos illustriert, die auch für die Geschichte der Fotografie zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Bedeutung sind. Denn Jacot-Guillarmod gehört zu den Amateuren, die das Potenzial dieser Bildtechnologie erkennen und sich daran machen, das Beste daraus zu verwirklichen. Überraschend die Foto eines Bades im Gletscherbach beim Theodulpass – offenbar war Eisbaden schon 1898 en vogue… Fein beobachtet und aufgenommen eine Szene beim Abstieg von der Cheopspyramide 1905: gross die Figur des Führers, vom Touristen nur der Unterarm und die Hand, die gehalten wird. Und dann die Selbstauslöseraufnahme mit seiner Tochter Ginette bei einem Brunnen vor einer schindelbedeckten Alphütte an der Dent de Jaman 1912. Die letzte Aufnahme im neuen Buch zeigt Männer mit Hüten im alten Hafen von Marseille. Ob sie auf ein Schiff warten?

Am 5. Juni 1925 starb Jules Jacot-Guillarmod auf einem französischen Postschiff, das ihn nach Europa hätte zurückbringen sollen, im Golf von Aden (Jemen). In der Hafenstadt Aden wurde er begraben.

Laurent Tissot: Jules Jacot-Guillarmod, l’explorateur de l’inconnu. Postface et choix des photographies de Jean-Christophe Blaser. Infolio éditions, Gollion 2025. Fr. 44.-

Via Grimm

Zwei rucksacktaugliche Bücher, die zum Wandern mit einem wirkungsmächtigen Schweizer Politiker des 20. Jahrhunderts einladen.

«Ausgeträumt und ausgeschlafen, gings nun wieder an die Arbeit, d.h. ans Weitertrippeln. Um 8 Uhr schnürte ich mein Bündel und hinaus gings in die freie Natur. Lachender Sonnenschein durchflutete die liebliche Gegend und an dem azurblauen Himmel war kein Wölkchen zu sehen. Es war wieder ein wohl leichtes, wohltuendes Wandern, ein süßes Durchstreifen von Wald und Feld.»

Notierte Robert Grimm am 20. Juni 1902 in sein Tagebuch. Grimm (1881–1958), berühmt geworden als Organisator der internationalen Sozialistenkonferenzen in Zimmerwald und Kiental, als Führer des Generalstreiks von 1918, als Gemeinde-, Regierungs- und Nationalrat sowie als Direktor der Bern-Lötschberg-Simplon-Bahn, war als junger Buchdrucker auf Gesellenwanderung. Nach seiner Lohnarbeit in der Druckerei der Zeitung «Arbeiterwille» in Graz wanderte und reiste er vom 4. Mai bis 7. Juli 1902 über Triest, Gorizia, Bozen, Chur und Glarus zurück an seinen Geburtsort Wald im Zürcher Oberland. Nicht immer war die «Arbeit» so sonnig wie an jenem Junitag in Villach an der Drau. Auf dem Weg nach Triest regnete es fast ununterbrochen:

«Meine Kleider trieften buchstäblich. Ich war bis auf die Haut durchnässt, es genügten, wenn ich mich an einen Ort hinstellte, 1–2 Minuten, um den trockenen Boden in einen förmlichen See zu verwandeln.»

Robert Grimm führte auf seiner Walz ein Tagebuch, das nun in einer wohlfeilen und gut kommentierten Ausgabe vorliegt: «Von meiner Gesellenwanderung (1900–1902). Aufzeichnungen des bedeutenden Politikers als junger Mann». Er schildert lebendig Freuden und Leiden eines Wandergesellen: ständige Finanzknappheit und Hungerattacken, liebevolle Gastfreundschaft, karge Pennen (Unterkunft, Nachlager) und lästige Polizeikontrollen, gesellige Abende mit andern Waldbrüdern, schöne Landschaften, Dörfer und Städte. Grimms Text ist angereichert mit vielen Hintergrundinformationen, die uns eintauchen lässt in eine Art von Wandern und Reisen, die vielen Lesern und Leserinnen unbekannt sein dürfte. Wanderlektüre der andern Art, und trotzdem kennen wir die ganz unterschiedlichen Gehgefühle, wenn der Himmel sich azurblau bzw. regengrau zeigt. Beide Farben werden wir erleben, wenn wir auf der Via Grimm unterwegs sind.

Die Via Grimm bezeichnet zweierlei. Einerseits die Strecke von Graz nach Wald ZH, auf welcher der junge Grimm 1902 unterwegs war. Andererseits den Weg, den die Robert-Grimm-Gesellschaft von 2019 bis 2022 in mehreren Wanderreisen auf den Spuren von Grimm unternommen hat. 48 Etappen mit insgesamt 230 Std., 860 km, 15‘000 Höhenmeter hoch und 14‘000 hinunter. Dazu ist das rucksacktaugliche Buch «Via Grimm» erschienen. Zu jeder Etappe gibt’s Karte, Höhenprofil, karge Tipps zu Verkehrsverbindungen, Hotels und Gaststätten sowie ein kurzes Zitat aus Grimms Tagebuch. Bei der vierzehnten Etappe von Villach nach Paternion-Feistritz lesen wir:

«Es war wieder ein wohl leichtes, wohltuendes Wandern, ein süßes Durchstreifen von Wald und Feld. Die Sonne stand schon hoch am Firmamente, als ich mich im kühlen Schatten eines Tannenwaldes niederlegte, um ein Mittagsschläfchen zu machen.»

Andreas Berz, Bernard Degen (Hg.): Robert Grimm. Von meiner Gesellenwanderung (1900–1902). Aufzeichnungen des bedeutenden Politikers als junger Mann. Chronos Verlag, Zürich 2025. Fr. 22.-

Fritz Brönnimann: Via Grimm. Wanderungen auf Robert Grimms Spuren. Robert-Grimm-Gesellschaft, Bern und Zürich 2023. Fr. 20.- Erhältlich bei Fritz Brönnimann, Willishalden 3, 3086 Zimmerwald. www.robertgrimm.ch/robertgrimm/via-grimm/index.html.

Hochstuckli, Speer und mehr

Das Bundesamt für Landestopografie swisstopo hat das Sortiment der Schneesportkarten um zehn auf 43 Blätter erweitert. Die frischen sind meist nach Gipfeln bekannt.

«Das Wirtshaus Haggenegg ist besonders den Skifahrern angenehm, im Winter herrscht Sonntags auf dem nahen Hochstuckli chronische Überbevölkerung, an Werktagen kann es aber seine Vorzüge als Skigebiet zeigen.»

Urteilt Annemarie Schwarzenbach im Kapitel «Die Mythen und der Flecken Schwyz» in dem gemeinsam mit Hans Rudolf Schmid verfassten Reiseführer «Das Buch von der Schweiz. Ost und Süd» in der Reihe «Was nicht im ‹Baedeker› steht». Diese Buchreihe gab der Piper Verlag München von 1927 bis 1938 heraus. Die beiden Bände zur Schweiz kamen als Nummern 15 (Ost und Süd) und 16 (Nord und West) 1932 und 1933 heraus und schlossen die Reihe eigentlich ab. Nach 1933 publizierte der Verlag noch überarbeitete bzw. zensurierte Bände; so wurde Annemarie Schwarzenbach als Mitautorin gestrichen. Mit ihr zurück zum Hochstuckli. Sie zählt in ihrem Kapitel noch andere im Winter und Sommer lohnende Schwyzerberge auf, «aber am berühmtesten, und das zu Recht, bleibt doch das Hochstuckli».

Bereits 1909 hatte Martin Gyr im «Ski», dem Jahrbuch des Schweizerischen Ski-Verbandes, das «vielbesuchte» Hochstuckli (1566 m) gerühmt, «das mit seinem Umgelände ein geradezu ideales Skifeld darstellt». Am Schluss seines zehnseitigen skitouristischen Artikels «Einsiedeln, das Sihltal und das Alptal» gibt er noch einen letzten Tipp ab: «Allerdings möchten wir wünschen, dass unsere Sportsfreunde zur Vervollständigung des Bildes immer die Karte und die ortskundigen Leute zu Rate ziehen, wenn sie sich auf einer dieser Touren befinden.»

Seit diesem Winter gibt es gar die Schneesportkarte «Hochstuckli». Natürlich waren die Schwyzerberge schon früher auf speziellen Karten für Skifahrer abgebildet, so beispielweise auf der Skitourenkarte der Südostbahn von 1955 im Massstab 1:75‘000, mit einer grünen Zugskomposition, dem Sessellift Sattel-Mostelberg und dem Namen «Hochstuckli» auf dem Titelblatt; Verkaufspreis 40 Rappen.

Die druckfrische Hochstuckli-Karte (435 S) gehört zu den zwölf ganz neuen speziellen Schneesportkarten des Bundesamtes für Landestopografie swisstopo im Massstab 1:50‘000. Es sind dies folgende Blätter: 426 S Speer, 435 S Hochstuckli, 438 S St. Antönien, 444 S Glaubenberg, 452 S Gastlosen, 460 S Piz Sesvenna, 471 S Les Cornettes de Bise, 476 S Monte Tamaro, 477 S Camoghè, 478 S Piz da la Margna, 493 S Grand Combin und 494 S Monte Rosa. Die beiden ebenfalls neu aufgelegten Blätter 469 S Valposchiavo und 492 S Mont Blanc waren 2018 bzw. 2019 erstmals herausgekommen. Dazu sind ebenfalls die 29 Schneesportkarten in der klassischen Aufteilung der 1:50‘000-Karten erhältlich, von 227 S Appenzell bis 284 S Mischabel. Die Übersicht hier: www.swisstopo.admin.ch/de/informationen-schneesportkarten. Insgesamt umfasst das Schneesportkartensortiment neu 43 statt wie bisher 33 Blätter.

Warum die Neuerung? Die Antwort von Benjamin Fuhrer, Junior Produktmanager bei swisstopo: «Die Absatzmengen der gedruckten Schneesportkarte rechtfertigen eine Produktion im Offsetverfahren mit hohen Auflagen nicht mehr. Daher werden die Schneesportkarten ab der Saison 25/26 neu on Demand im virtuellen Sortiment angeboten. On Demand heisst, jede Karte wird auf Bestellung produziert. So fallen auch sämtliche Lagerkosten weg. Der Wechsel des Druckverfahrens zu LFP hat aber auch zur Folge, dass nur noch das Standardkartenformat angeboten werden kann. Gebiete, welche auf Grund der Formatänderung wegfallen, werden neu auf zusätzlichen Karten angeboten.»

Auf dem Blatt Lachen war auf der Rückseite einst noch die Rigi zu finden; nun wird sie vom Blatt Hochstuckli abgedeckt. Oder die Schneesportkarte Val Verzasca von 2021: Sie zeigte auch die Ski- und Schneeschuhtouren im unteren Val Calanca und in der Valle Morobbia, die eigentlich zum Blatt Roveredo gehören. Jetzt greifen winterliche Sportsfreunde zu den neuen Blättern Monte Tamaro und Camoghè. Ein Zipfel des Misox mit dem Pizzo Paglia (2593 m) wird von keinem Blatt der analogen Schneesportkarte erfasst; digital allerdings auch nicht. Verständlich: So befahrbar die Nordwestflanke dieses aussichtsreichen Gipfels scheint, der Zugang durchs Val Leggia ist den Skifahrern alles andere als angenehm.

swisstopo, Schneesportkarten, 1:50‘000: Preis pro Blatt Fr. 21.- (früher 24.50).

Wenn Berge rutschen

Ein Band mit Erzählungen, ein historischer Roman, eine Ausstellung: Wie gehen wir damit um, wenn die Berge laut, zu laut werden?

«Von der Kirche aus dem 13. Jahrhundert steht immerhin noch der Turm, im Banngebiet jenseits des Walles, der Linthal schützen soll vor Bergrutschen, wie 1881 einer das Dorf Elm unter sich begrub.»

Notierte der in Glarus aufgewachsene Schriftsteller Tim Krohn in seinem jüngsten Buch «Die Stille der Höhe. Erzählungen aus den Bergen», und zwar in der Geschichte «Die Fremde beginnt nach ein paar Kilometern… Knapper Abriss über das Glarnerland, wo es am engsten (und am schönsten) ist.» Es sind dies 16 Erzählungen und zwei Gedichte aus seiner alten Heimat und aus seiner neuen, dem Bündnerland, genauer dem Val Müstair. Denn dort wohnt Krohn jetzt mit seiner Familie; wie es dazu kam, erfahren wir im Nachwort «Unser ideales Heim». Feine Lektüre zu ganz unterschiedlichen Themen. Aber still wird es nicht immer sein in der Höhe, jedenfalls nicht im «Genusssinn», wenn Hubert die Tuba bläst für Edith-Samyra, die nackt im Heustockseelein steht und mit diesem Ritual ihre Trauer um die nepalesische Königsfamilie beenden will. Nicht die einzige wunderbar schräge Geschichte in diesem handlichen Bergbuch.

Ganz im Glarnerland spielt der historische Roman «Kilchenstock. Der drohende Bergsturz» des Glarner Schriftstellers Emil Zopfi. 1928 begann der Kilchenstock über Linthal gefährlich und scheinbar unaufhaltsam zu rutschen. Die Wissenschaftler prognostizierten einen gewaltigen Bergsturz. Musste das Dorf evakuiert werden? Die Dorfbewohner wussten nicht mehr, wem sie vertrauen konnten. Den Fachleuten? Den Politikern? Dem Pfarrer? Gott? Der Wahrsagerin? Dem eigenen Gefühl? Emil Zopfi erzählt eindringlich, wie wir reagieren, wenn der Berg nicht ruft, sondern zu kommen droht bzw. kommt. Sein Roman erschien erstmals 1996 und liegt nun in einer Neuauflage vor, erweitert um ein aktuelles Nachwort, denken wir an Gondo am Simplon, Bondo im Bergell, Brienz an der Albula, Kandersteg und natürlich an Blatten und Ried im Lötschental. Die Erzählung vom Kilchenstock, so Zopfi, «ist ein Lehrstück über das Verhalten von Menschen angesichts einer drohenden Katastrophe. Wird das befürchtete Unglück eintreffen oder bleiben wir verschont? Was können wir tun? Wer hilft uns in dieser Lage? Die Fragen, welche die Linthaler damals bewegten, stellen wir uns heute immer wieder.» Mehr noch: «Die gegenwärtige Weltlage gleicht jener vor hundert Jahren, als der Kilchenstock die Linthaler in Angst und Schrecken versetzte.»

Auf jeden Fall ist «Kilchenstock» die passende Lektüre für den Besuch der Ausstellung «Wenn Berge rutschen» im Raum Biwak von ALPS, dem Alpinen Museum in Bern. Am Beispiel Glarus erfahren Besucherinnen und Besucher von Menschen aus Politik, Tourismus, Landwirtschaft und allgemeiner Bevölkerung, was es heisst, mitten im Wandel durch tauenden Permafrost, Murgänge oder ausbleibendem Schnee zu leben. Das Projekt ist eine Übernahme des Sito Kollektivs und wurde für das ALPS mit aktuellen Fragen und Beispielen aus den Kantonen Bern und Wallis erweitert. Am 22. Januar gibt es zum Museumsbier um 18 Uhr eine Kurzführung zu «Wenn Berge rutschen», am 3. März erzählt Werner Bellwald ab 18 Uhr, wie es sich anfühlt, wenn ein Bergsturz innert Sekunden ein Lebenswerk wegfegt, und am 26. März fragt das Museum ab 18.30 Uhr nach dem Bergsport im Jahr 2050. Müssen wir dann den Bergen fernbleiben?

Wohin sie denn wolle, fragt die Hauptfigur in Tim Krohns Erzählung «Melancholie» eine junge Einheimische aus dem abgeschiedenen Avers: «Nach Zürich oder wenigstens nach Chur. Das Schlimmste ist, ohne Berge kann ich auch nicht sein. Aber von Zürich aus sieht man sie wenigstens.»

Tim Krohn: Die Stille der Höhe. Erzählungen aus den Bergen. Atlantis Verlag, Zürich 2025. Fr. 29.90.

Emil Zopfi: Kilchenstock. Der drohende Bergsturz. AS Verlag, Zürich 2026. Fr. 29.80.

ALPS: Wenn Berge rutschen (bis 19. April 2026). www.alps.museum

Wengen, Verbier, Arosa

Drei ganz unterschiedliche Publikationen zu drei berühmten Fremdenverkehrsorten in den Schweizer Alpen. Ganz im Fokus der Öffentlichkeit steht diese Woche Wengen mit den Lauberhornrennen.

«Arme Berge, was haben die Menschen euch angetan!»

Das fragt sich der Holzschnitzler Hans Eicher aus Wengen, eine der Hauptfiguren im Roman «Flut» von Jakob Wiedmer-Stern (1876–1928). Er kannte das Dorf am Fusse des Lauberhorns, an dem diese Woche wieder die besten Skifahrer um Sieg und Ruhm fahren, bestens. Denn 1904 heiratete Wiedmer, Bäckersohn aus Herzogenbuchsee und Archäologe, Maria Stern, die in Wengen das Hotel Beausite führte. Und schon 1905 veröffentlichte der frische Hoteldirektor im renommierten Huber-Verlag den Roman «Flut». Mit dem Titel sind die Fremden gemeint, die immer zahlreicher in das Bergdorf Stägen kommen, das unschwer als Wengen erkennbar ist. Der Roman erntete zwar Lob von der Kritik, namentlich von Josef Viktor Widmann im «Bund»; er sah im Autor einen neuen Gotthelf. Aber dass die Hoteliers kaum Freude hatten, ist mehr als verständlich. Das Ehepaar Wiedmer-Stern floh denn auch nach Bern, ins Historische Museum, wo er die freiwerdende archäologische Stelle antrat. In einer Brandrede gegen den Tourismus, die Wiedmer einem Journalisten der fiktiven «Landes-Zeitung» in die Feder legte und die Hans Eicher «bös, aber gut!» findet, lesen wir auf Seite 226 in der Neuausgabe – hier zitiert aus www.beausiteparkhotel.ch/geschichte/.

«Wenn auf einem Berg vier Fremde Schinkenbrot gegessen haben, so werden fünf Hotels hinaufgestellt; diese rufen wieder einer Bahn, und die Behörden geben dem Projekt ihren Segen. Die Bahn schleppt dann allerdings hinauf, was das Zeug hält; aber die vier Bergfreunde, die einmal der stolzen Höhe zuliebe hinaufwanderten, sind nicht darunter. Solche Leute wollen Bergluft, nicht Eisenbahnrausch; sie hören lieber das Herdengeläute als polyglottes Geschnatter und den Klatsch der Table d’hôte, ohne den der waschechte Reisepöbel nicht leben kann, und der in seiner Mitte aufgeht wie die Schwämme auf dem Mistbeet. – – –

Und nun der Nutzen für unser Land! Er war bisher, wenigstens materiell, ein gewaltiger; ich brauche bloss den Gebrauch von einheimischen Nahrungsmitteln, die Einnahmen der Bahnen und Schiffe, die Gewerbetreibenden und Handwerker zu nennen. Aber jetzt naht auch der Moment, wo die Gefahr der Überproduktion da ist; wo dort oben fast jeder Bauer, selbst wenn er kaum einen Halbliter von einem Fünfliber abrechnen kann, eine Pension baut und in seiner Unbeholfenheit der Spielball geriebener Dienstboten und gemeiner, rücksichtsloser Gäste wird. Denn gerade auf solche Wirte hat es diese grosse Kategorie unter den Fremden abgesehen; der Mann ist ihnen schutz- und wehrlos preisgegeben, und wagt er es zu mucksen, so kriegt er eins auf die Nase. Sie schreiben ihm vor, was sie essen wollen; sie schreiben ihm vor, wie ihr Zimmer eingerichtet sein soll; sie bestechen seine Dienstboten durch Trinkgeld zu Pflichtverletzungen, und zu guter Letzt diktieren sie ihm auch, wieviel sie zahlen wollen.»

Wie der Tourismus ein Bergdorf flutet, lässt sich im schweren und reich illustrierten Bildband «Chroniques de Verbier» von Marie-Madeleine Gabioud Seite um Seite, Hotel um Hotel, Chalet um Chalet, Bahn um Bahn eindrücklich sehen und lesen. Wir bewundern die ersten Skilifte und die luftigen Gondeln der Télécabine auf die Ruinettes, etwas weniger all die Inszenierungen, Happenings, Infrastrukturen neueren Datums. Mit «l’urbanisation de la montagne» ist das vierte Kapitel betitelt – arme Berge, wie wahr! Ein paar Kapitel weiter hinten fahren Roland Collombin und Philippe Roux tout Schuss, die Freeriders verwandeln den Bec des Rosses in einen Zirkus des Ski extrem. Und dann tauchen auf dieser so grossartigen wie überbauten Sonnenterrasse im Val de Bagnes zahlreiche Berühmtheiten auf, mais bien-sûr! Mir persönlich gefällt am besten, wie der französische Schauspieler, Komiker und Chansonnier Bourvil schüchtern lächelnd auf einem Tellerlift sitzt.

Apropos Berühmtheiten. Im dritten Fremdenverkehrsort in den Schweizer Alpen, die mit frischen Publikationen aufwarten, tummeln sich auch solche, die nicht erkannt werden wollen, jedenfalls nicht von der Polizei. 36 unterschiedlich unterhaltende Kurzkrimis versammelt Andreas Russenberger in «Arosa. Wo auch Gauner Urlaub machen». In «Freunde fürs Leben» geht es allerdings um eine bekannte Figur, die Gaunern das Leben schwer machte: um Sherlock Holmes. Sein Erfinder, der Engländer Arthur Conan Doyle, machte 1894 mit den Brüdern Branger die zweite Skiüberschreitung der Maienfelder Furgga von Davos nach Arosa und beschrieb die Tour in «An Alpine Pass on Ski». Auf dieser Fahrt soll Doyle für Sherlock dessen Freund und Begleiter Doctor John Watson gefunden haben. Manchmal verhelfen die Berge den Menschen zu Geistesblitzen.

Jakob Wiedmer: Flut. Herausgegeben von Felix Müller und mit einem Nachwort von Christian Rohr. Chronos Verlag, Zürich 2025. Fr. 38.-

Marie-Madeleine Gabioud: Chroniques de Verbier. Passé, présent, futur. Éditions Slatkine, Genève 2025. Fr. 77.-

Andreas Russenberger: Arosa. Wo auch Gauner Urlaub machen. Krimis. Gmeiner Verlag, Meßkirch 2025. € 17,00.

Les Fromages de Suisse

Ein französischer Bildband zu zehn bekannten Schweizer Käsen. Mit Rezepten. Viel Freude bei der Zubereitung und beim Essen, beim Anschauen und Lesen.

«Le Gruyère AOP doit son nom à la région de la Gruyère, dans le canton de Fribourg. Aujourd’hui, il est fabriqué dans les cantons de Fribourg, Vaud, Neuchâtel, Jura et dans quelques communes du canton de Berne.»

Entnehmen wir einem neuen französischen Bildband über den Schweizer Käse – ein unerwartetes Buch, wo sich doch unsere westlichen Nachbarn als die Käsenation der Welt verstehen, inklusive den Frischkäse, der seit 1850 in der Normandie aus pasteurisierter Kuhmilch mit etwas Rahm hergestellt – und Petit-suisse genannt wird. Den Gruyère français gibt es zudem auch. Doch der Gruyère AOP mundet besser, mais oui. Er ist schliesslich der beste Käse der Welt. Und kommt erst noch aus einer Berner Gemeinde. Aber nicht aus dem Berner Jura, wie die Übersichtskarte in «Les Fromages de Suisse. Une épopée gourmande» von Stéphane Méjanès suggeriert, sondern aus Vorderfultigen, einem kleinen Dorf im Hügelland zwischen Gürbe und Sense. Nach 2022 gewann die Käserei Vorderfultigen im Herbst 2025 an den World Cheese Awards zum zweiten Mal den Weltmeistertitel; diesmal Pius Hitz mit seinem achtzehn Monate gereiften Greyerzer. Mehr dazu hier: https://berg-kaeserei.ch/

«Les Fromages de Suisse. Une épopée gourmande» tischt drei Gänge auf. Erstens zahlreiche grosse Fotos von Kühen, Käsern und Käserinnen, von Landschaften und Gerichten. Zweitens Geschichten und Informationen zu diesen zehn helvetischen Käsesorten: Appenzeller®, Emmentaler AOP, Étivaz AOP, Gruyère AOP, Raclette du Valais AOP, Sbrinz AOP, Tête de Moine AOP, Tomme Vaudoise, Vacherin fribourgeois AOP, Vacherin Mont-d’Or AOP. Und drittens präsentieren zwölf Köche aus renommierten Restaurants von Belgien, Frankreich und der Schweiz ihre Rezepte. So stellt Lionel Rigolet vom «Comme chez soi» in Bruxelles folgenden Gang zum Nachkochen vor: Filet de sandre grillé, aumônière de soupe du chalet au Gruyère AOP Réserve 12 mois, croquant de Gruyère AOP Classique 10 mois. Da bekommt man ja gleich Hunger.

Den hatten wir am Badeplatz zwischen dem Hafen Vully-les-Lacs und Guévaux am Murtensee, der übrigens für seine Zanderfänge bekannt ist. Dort assen wir am Neujahrsmittag 2026 ein Fondue mit der Hausmischung der Dorfkäserei von Lugnorre. Köstlich!

Stéphane Méjanès: Les Fromages de Suisse. Une épopée gourmande. Éditions Glénat, Grenoble 2025. € 50,00.

Jahreswechsel

Das 150. Jahrbuch des Deutschen Alpenvereins, des Österreichischen Alpenvereins und des Alpenvereins Südtirol sowie Volume 129 of The Alpine Journal bieten gebirgige Lektüre vom Feinsten.

«Uns bietet das kühn hinausgebaute Horn einen wahrhaft phantastischen Anblick dar. Wie ein einziger, dem Gebirge entwachsener Riesenkrystall ragt die blendend beleuchtete Spitze gegen den nächtlich blauen, wolkenlosen Himmel auf. Von dem senkrechten Abbruche, welcher sich auf der Nordseite des Horns noch mehrere Klafter hoch über die weite Aushöhlung erhebt, hängen hunderte von kolossalen Eiszapfen herab, welche in dem grellen Sonnenlichte gleich Edelsteinen funkeln.»

So beschreibt der Geograf Friedrich Simony (1813–1896), Mitbegründer des Österreichischen Alpenvereins am 19. November 1862, den Gipfel des Großvenedigers (3657 m), «eine steil aufgerichtete, nur mit Gefahr zu erklimmende Schneescheide, auf derem höchsten Punkte kaum als 5 – 6 vollkommen schwindelfreie Menschen Platz zu finden vermögen». Der Großvenediger ist der höchste Gipfel der Venedigergruppe in den Hohen Tauern und des Landes Salzburg. Simonys 32seitiger Aufsatz «Aus der Venedigergruppe» erschien 1865 im ersten Jahrbuch des Alpenvereins. Nun liegt die 150. Ausgabe vor: BERG 2026, gemeinsam herausgegeben vom ÖAV mit dem Deutschen Alpenverein und dem Alpenverein Südtirol. Hauptfigur in der Rubrik BergWelten ist wie einst der Großvenediger. Simonys Gipfelwechte ist auf seinem Aquarell von 1856 zu bewundern; allerdings würden sich da kaum Menschen hinaufwagen, so fragil hängt das Schnee- und Eisgebilde über dem Abgrund. Längst ist die Wechte weggeschmolzen, wie viele Gletscher ebenfalls.

Der Jubiläumsband steht im Zeichen des Wandels. In den BergFokus genommen wird die Natur, aber auch der Mensch – und wie er mit seinem Denken und Tun die Landschaft verändert, unter anderem in einem Beitrag von Georg Bayerle (mehr zu ihm hier: https://bergliteratur.ch/alpen-appelle/). In der Rubrik BergSteigen geht es ums Free Solo, das schon auf viel leichteren Routen passiert, als wir denken; um die naturverträgliche Lenkung des Skitourenbooms; um den rasanten Siegeszug des Elektromotors für Mountainbikes; und um Sexismus in den Bergen – Autorin Nadine Regel fordert «Mehr Respekt bitte!». Das BergWissen beschäftigt sich unter anderem mit der Gemse und der Frage, ob sie sich im Zuge des Klimawandels zu einer neuen Art entwickeln könnte.

Flora statt Fauna. Die Titelseiten der Rubriken im «The Alpine Journal 2025. A record of mountain adventure and scientific observation» bilden Alpenblumenaquarelle von Reginald Farrar (1880–1920); der Botaniker, Alpinist und Autor wird auf neun Seiten porträtiert. Weitere Porträts im Jahrbuch des Alpine Club erhalten Tom George Longstaff, der 1899 mit dem Grindelwalder Führer Christian Kaufmann unterwegs war, und Eustace Thomas, ein früher 4000er-Sammler. Diese besonderen Alpengipfel werden in einem andern Kapitel ausführlich bestiegen. Aufschlussreich ist «The Alpine Journal and the Ladies» – keine einfache Beziehung, früher jedenfalls. Meta Brevoort stand am 20. September 1871 als erste Frau auf dem Bietschhorn; sie verfasste einen Bericht über die Tour und publizierte ihn 1872 im Journal, allerdings nicht unter eigenem Namen. Micha Rinn seinerseits nennt die Traversierung aller neun Türme der Drei Zinnen in den Dolomiten «between Heaven and Earth».

Zwischen Himmel und Erde: So malte Friedrich Simony den Großvenediger. Und wir sind schon bald zwischen 2025 und 2026. In diesem Sinne: Es guets Nöis!

Axel Klemmer (Hrsg.): BERG 2026. Alpenvereinsjahrbuch 150. Tyrolia Verlag, Innsbruck 2023, € 25,00.

Adam Butterworth (Editor): The Alpine Journal 2025. Volume 129. The Alpine Club, London 2025; in der Schweiz erhältlich bei www.pizbube.ch, Fr. 38.00.

Skiferien

Auch wenn es an Weihnachten wieder mal grün ist, nicht nur unten, sondern teils auch oben: Skiferien müssen sein, wenn nicht jetzt, dann erst recht im Februar. Mais oui! Drei Publikationen helfen nicht bei der Planung, aber beim gemütlichen Aufenthalt am Chalet oder im Hotelzimmer.

Pizza mit Pommes, wo gab es denn so was?, wunderte sich Frieda.
Beim Skifahren gab es das, wie sie kurz darauf feststellte. Selma erklärte ihnen, wie man die Spitzen der Ski vorne zusammenschob, während man die Enden auseinanderzog. Wenn es aussah wie ein Riesenpizzastück im Schnee, machte man alles richtig. Mit diesem Pizzastück konnte man nämlich supergut bremsen.
«Wenn ihr die Ski parallel haltet, werdet ihr schneller», erklärte Selma und richtete ihre Ski aus wie zwei Pommes, die nebeneinander lagen.
«Aber das lernen wir später. Wir fangen mit Pizza an.»

Selma ist Skilehrerin. Und Frieda ihre Schülerin. Mit dabei in der Skischule sind ihr Bruder, ihre Eltern – und Flinn. Nur: Er wird es nie lernen, das Skifahren. Das Gehen im Schnee, das beherrscht Flinn. Schliesslich zieht er den Schlitten des Weihnachtsmannes. Da er ihn jedoch mal da, mal dort ziehen muss, muss er hin und her reisen, dummerweise auch im Flugzeug. Und jetzt leidet er unter Flugangst. Frieda soll und will ihm helfen. Vielleicht verliert Flinn beim Skifahren die Angst vor Höhe und Geschwindigkeit. Soweit das Starthäuschen im Kinderbuch «Es düst ein Rentier durch den Schnee». Weihnächtliche Winterferien mal ganz anders, und doch vertraut. Geschickt verbinden Smilla Blau (Text) und Susanne Göhlich (Bild) die Klischees von Familienferien im Hotel und im Schnee bzw. auf der Eisbahn oder dem Sessellift mit einem Miturlauber, der sich nicht ganz an die Regeln halten kann. Und eigentlich lieber Pizza und Pommes, noch lieber aber Zimtkekse verspeist.

Gegessen wird ebenfalls in der siebten Ausgabe der Zeitschrift «ski français», die sich den «Vacances au ski» widmet. Im Kapitel «Quand la montagne fond dans l’assiette» teilen sich auf einer seitengrossen Foto Laetitia und Johnny Halliday in Gstaad nicht nur ein Fondue, sondern auch einen Kuss – moitié-moitié der ganz andern Art. Dabei werden in diesem Kapitel nicht Gruyère und Vacherin fribourgeois gerührt, sondern die Käsesorten aus der Savoie, die trotz all der winterlichen Besucher nicht ganz so bekannt sind wie die Skiorte, die insbesondere im Februar be- und überfahren werden. Sehr zu empfehlen, neben einem Raclette au Beaufort des Montagnes, ist das Kapitel «Le mythe des vacances au ski – carte postale ou construction sociale?» Kurze Kostprobe vielleicht? «Les vacances au ski sont l’une des plus grandes légendes hivernales de notre époque postmoderne: un mélange d’effort et de luxe, de nature et de consomation, d’authenticité rêvée et de réalité bien balisée.» So abgegrenzt wie die Pisten, die Bergrestaurants – und die sozialen Schichten: «Aller au ski, c’est faire partie de ceux qui savent.» Also für diejenigen, die das Skifahren so gut beherrschen wie das Avant- und Après-Ski. Und die das nötige Grossgeld haben. Schnee sollte es auch haben.

Hat es wieder mal nicht viel. So hocken wir vor einem Chalet an einem windstillen, sonnigen Platz und lesen ein Buch. Oder auch vor dem Cheminée, wenn Wetter oder Helligkeit nicht mitmachen. Zum Beispiel «Das letzte Fondue. Weihnachtliche Krimigeschichten aus der Schweiz». Dreizehn Geschichten, davon acht extra für diese Anthologie geschrieben, von bekannten Krimiautoren und -autorinnen wie Marcel Huwyler, Gabriela Kasperski, Ina Haller – oder Christoph Simon. Hauptfigur in seiner Story ist sein neuer Serienheld Paul Gertsch, Trödelladenbesitzer in der Berner Länggasse; den ersten Auftritt hat er in «Die geschenkte Leiche». Seine Tochter Alina hat ihm ein frühes Weihnachtsgeschenk gemacht: zwei Nächte im Hotel Blüemlisalp an einem See oberhalb Kandersteg. Es könnte der Oeschinensee sein; allerdings führt dort kein Wanderweg um den See herum, im Winter schon gar nicht. Aber Paul Gertsch unternimmt genau diese Runde zum morgendlichen Training. Kann passieren, und es passiert noch viel mehr Unvorhergesehenes, nicht nur bei Fondue (am 1. Abend) und Raclette (am 2. Abend). Beispielsweise, was Küchengehilfin Rosa (sie muss immer die Fondues anrühren) beim Eislaufen auf dem zugefrorenen See entdeckt. Wenn schon kein Schnee liegt, kann wenigstens auf Schwarzeis gekurvt werden.

Wo Sie auch immer stieben, sitzen oder singen: Frohe Weihnachten!

Smilla Blau, Susanne Göhlich: Es düst ein Rentier durch den Schnee. Fischer Sauerländer, Frankfurt am Main 2025. € 14,00.

Ski français. Tome 7: Vacances au ski. Éditions Glénat, Grenoble 2025. € 20,00.

Miriam Kunz (Hrsg.): Das letzte Fondue. Weihnachtliche Krimigeschichten aus der Schweiz. Atlantis Verlag, Zürich 2025. Fr. 22.90.

Auf nach Grönland!

Expeditionen und Expositionen zur grössten Insel der Welt. Mit im Gepäck für die Hinreise nach Bern bzw. die Rückfahrt: ein Foto-Lese-Band, ein Essay und ein Krimi.

«Auf dem höchsten Punkt des Inlandeises flattert ein Schweizerfähnchen…»

Legende zu einem schwarzweissen Foto, das einen Teilnehmer der Grönlandexpedition des Akademischen Alpenclubs Zürich neben einem Schlitten zeigt, links davon weht ein Fähnlein an zwei umgekehrt in den Schnee gesteckten Skistöcken, das Schweizer Kreuz mehr erahn- als sichtbar. Das Foto findet sich im Buch «Quer durchs ‹Schweizerland›» der beiden Teilnehmer André Roch und Guido Pidermann. Insgesamt sieben Schweizer nahmen an der Expedition vom 26. Juni bis 11. Oktober 1938 teil, «auf kühner Fahrt durchqueren sie mit Ski und Hundeschlitten dieses neue ‹Schweizerland› bis an den Rand des Inlandeises, stossen auf diesem vor bis zu seinem höchsten Punkt und lassen die Schweizerfahne auf 16 unbestiegenen Gipfeln Grönlands flattern», so der Klappentext. «Mit dem ersten Nordlicht (…) sind die Bergsteiger an der Küste zurück, kehren bei den Eskimos von Kungmiut, dem glücklichsten Völklein der Erde, als Gäste ein.»

Mehr zu dem von Schweizern entdeckten und benannten grönländischen Schweizerland im ausgezeichneten Beitrag «Die Schweiz, Grönland und die Wissenschaften. Die Entdeckung der horizontalen Alpen» von Daniel di Falco. Er ist der Mitherausgeber der Begleitpublikation zur Ausstellung «Grönland. Alles wird anders» im ALPS Alpines Museum der Schweiz. Weder die Lektüre noch den Besuch sollte man verpassen. Erst recht nicht, seither Grönland oben auf die weltpolitische Agenda gerutscht ist. Ganz oben auf der Weltkarte ist das Land auf den uns geläufigen kartografischen Ansichten ja ohnehin. Mehr noch: Grönland ist ebenfalls im Bernischen Historischen Museum, gleich vis-à-vis dem ALPS, ein Thema. Die Ausstellung «Grönland in Sicht! Perspektiven auf ein koloniales Erbe» beschäftigt sich mit der Grönland-Sammlung des Museums; Schweizer Expeditionen brachten Anfang des 20. Jahrhunderts Souvenirs mit, die heute als «Grönland-Sammlung» aufbewahrt werden. Diese Sammlung wirft Fragen auf – und gibt Antworten auf unser Verhältnis als Touristen zu Eingeborenen, zur grössten Insel der Welt, zur Arktis überhaupt. Eine eigene Publikation zu dieser Grönlandexposition gibt es nicht, aber die Tafeln in der Ausstellung bieten klugen Lesestoff. Und der im Museumsshop aufgelegte Essay «Invasionen des Privaten» der österreichischen Schriftstellerin Anna Kim – sie wurde als gebürtige Südkoreanerin in Grönland oft für eine Einheimische gehalten – vertieft unsere Kenntnisse zur mehr weissen als grünen Insel; ein Kapitel befasst sich mit dem «Dickicht der Sprachen».

Exakt darum geht es ebenfalls im politischen Grönland-Krimi «Sieben Gräber für den Winter» von Christoffer Petersen. Die Sprachenfrage mischt den Wahlkampf zwischen der Premierministerin und dem Herausforderer auf, zusätzlich zum Verschwinden ihrer Tochter. Der vor kurzem pensionierte Polizist David Maratse muss den Fall klären, in neun Tagen von Sapaat bis Marlunngorneq. Die richtige Lektüre für die Fahrt nach Zürich, wo Françoise Funk-Salamí ihre Grönland-Fotos in der Kunstsammlung Rüegg ausstellt, und vor allem nach Bern ins Museumsviertel. Die Fläche zwischen den beiden Museen heisst Helvetiaplatz. Da passt der Satz auf Seite 176 im Buch von Roch und Pidermann: «Am Sonntag, den 28. August, schon etwas ausgeruht, brechen die Zurückgebliebenen morgens um 5 Uhr auf, die ‹Punta Helvetia› zu besteigen, einen schönen 1400er am rechten Ufer des Sioralikgletschers.»

Daniel Di Falco, Beat Hächler (Hrsg.): Grönland. Alles wird anders. ALPS Alpines Museum der Schweiz, Bern 2024. Fr. 20.-. (im Museum).

Anna Kim: Invasionen des Privaten. Literaturverlag Droschl, Wien 2011; 2. Auflage 2012. Fr. 15.- (im Bernischen Historischen Museum).

Christoffer Petersen: Sieben Gräber für den Winter. Ein Grönland-Krimi. Kampa Verlag, Zürich 2025. Fr. 26.50.

Ausstellungen:
▲ ALPS Alpines Museum der Schweiz, Bern: Grönland. Alles wird anders (bis zum 16. August 2026).
▲ Bernisches Historisches Museum, Bern:  Grönland in Sicht! Perspektiven auf ein koloniales Erbe (bis 31. Mai 2026).
▲ Kunstsammlung Rüegg, Rämistrasse 30, 8001 Zürich (Eingang über Zeltweg): Silap ingerlasia – Wie die Welt sich bewegt. Grönland-Fotos von Françoise Funk-Salamí (bis 14. Februar 2026; Mittwoch bis Freitag, 12–18.30 Uhr, Samstag, 11–17 Uhr; www.kunstsammlung-ruegg.ch).

Veranstaltungen:
Grönland × Grönland. Ein Land, verschiedene Perspektiven. Mittwoch, 21. Januar 1926, 17.30–18.45 Uhr, Start im ALPS. Eine Führung, die die Vergangenheit und Gegenwart Grönlands in den Blick nimmt. Der Rundgang durch das Bernische Historische Museum und das ALPS eröffnet überraschende Zusammenhänge und vielseitige Einblicke. https://alps.museum/veranstaltungen.
Erforschung Grönlands durch Alfred de Quervain. Vortrag von Manuel Gossauer vom Akademischen Alpenclub Bern. Dienstag, 24. Februar 2026, 19.00–21.00 Uhr, im Restaurant Dählhölzli, Bern. Nicht-Mitglieder sind willkommen, werden aber gebeten, sich vorher kurz per E-Mail anzumelden (praesident@aacb.ch).