Die Zündholzindustrie im Frutigland

Im Berner Oberland wurde einst die Hälfte aller Schweizer Zündhölzer hergestellt. Eine leuchtend gemachte Schrift erinnert an diese ungesunde Blütezeit.

1. März 2021

«Müde, aber voll innerer Freude trampelten wir beim flackernden Laternenschein der Concordiahütte zu.»

Der letzte Satz im Bericht „Die Fiescherwand. Erste Ersteigung“ von Walter Amstutz, abgedruckt in der SAC-Zeitschrift „Die Alpen“ von 1927. Uns interessiert aber nicht diese erste Durchsteigung der Fiescherwand über den Nordpfeiler zum nordwestlichen Vorgipfel (3801 m) des Grossen Fiescherhorns (4049 m) am 3. August 1926 durch Amstutz und Pierre von Schumacher, eine Route, die der SAC-Führer „Jungfrau Region“ mit SS+ (sehr schwierig plus) einstuft. Sondern wir fragen uns, ob der Verfasser damals schon ganz bewusst die Kerze in der Laterne angezündet hat, vielleicht gar auf die Zündholzmarke geschaut hat. Denn 1928 wird seine Dissertation „Die schweizerische Zündholz-Fabrikation“ gedruckt. Dass Amstutz, Skierstbesteiger des Eiger, Mitbegründer des Schweizerischen Akademischen Ski-Clubs, erster Kurdirektor von St. Moritz, ein Dr. rer. pol. war, das wusste ich. Aber den Titel seiner Doktorarbeit kannte ich nicht, bis ich die 2020 publizierte Schrift „Die Zündholzindustrie im Frutigland“ zur Hand nahm und das Literaturverzeichnis anschaute.

Was für ein alltäglicher Gegenstand: Zünd- oder Streichhölzer! Laut Wikipedia erfand der englische Apotheker John Walker 1826 das erste echte Streichholz mit Reibungszündung. Vier Jahre später kamen mit den Phosphorstreichhölzern die ersten zuverlässigen Streichhölzer auf den Markt. Diese waren allerdings wegen der leichten Entzündbarkeit nicht ungefährlich; noch gefährlicher und vor allem ungesunder war die Produktion mit dem weissen Phosphor, unter der die Arbeiter leiden mussten. Die erste Zündholzfabrik in der Schweiz gründete der Deutsche Johann Friedrich Kammerer in Zürich-Riesbach. Von dort verbreitete sich die neue Industrie schnell, insbesondere in Gegenden mit grosser Armut und ohne grosse Verdienstmöglichkeiten, so dass genügend Leute bereit waren, zu mickrigen Löhnen die giftige Arbeit zu machen. So eine Gegend war das Frutigland, das von 1827 bis 1850 von Dorfbrand, Überschwemmungen und Hungersnöten heimgesucht wurde. Die erste Zündholzfabrik wurde 1850 in Frutigen gegründet. Innert 30 Jahren entstanden über 20 Fabriken in Frutigland, das zu einem Zündholzzentrum der Schweiz wurde, wie die neue Schrift schreibt: „Jahrzehntelang stammte rund die Hälfte der Gesamtproduktion aus Frutiger Betrieben.“

Im ersten Teil von „Die Zündholzindustrie im Frutigland“ lesen, wie erbärmlich ein Arbeitstag in der Fabrik um 1860 war, gerade auch für Kinder; warum Zündhölzchen überhaupt brennen; wie sie verpackt wurden und wie die Phosphorzündhölzchen von den Sicherheitszündhölzchen abgelöst wurden. Letztere werden auch Schwedenzündhölzchen genannt. Denn die „Svenska Tändsticks AB“ strebte mit ihren sichereren und billigeren Produkten das Weltmonopol an. Mit ein Grund, warum die Zündholzindustrie im Frutigland bis auf einen Hersteller erlosch. Andere Gründe sind das Aufkommen der Gasfeuerzeuge und neuer Lichtquellen mit Batterien. Der zweite Teil der Schrift widmet sich den einzelnen Fabriken. Eine Seite versammelt die Firmenlogos; eine Gämse bildet dasjenige von Ferdinand Gehring in Reinisch. Auch auf den Zündholzschächtelchen zeigt sich immer wieder Alpines. Vor allem die Zündwarenfabrik Kandergrund spielte mit dem Sujet: Blüemlisalp, Balmhorn-Altels oder Eiger & Mönch sind wechselnd abgebildet. Und Alpinisten, die sich eine Pfeife anzünden.

Walter Amstutz war der Schriftleiter des SAS-Jahrbuches „Der Schneehase“. In der Ausgabe von 1929 findet sich – kurz nach Vorstellung der Amstutz-Feder (sie diente der flexiblen Fixierung der Ferse auf dem Ski) – der Bericht über die fünften internationalen Universitäts-Skiwettkämpfe vom 8. bis 10. Februar 1929 in Mürren. Der Text ist illustriert mit Actionfotos der Rennläufer (Amstutz gewann Slalom und Abfahrt bei den Alt-Herren mit abgeschlossenem Studium bis 32 Jahre) sowie mit Zeichnungen. Auf einer sehen wir „das hohe Kampfgericht“, darunter bekannte Skigrössen wie Arnold Lunn, Christoph Iselin, Henry Hoek – und Walter Amstutz. In seinem Mund steckt eine Pfeife.

Hans Egli, Ruedi Egli: Die Zündholzindustrie im Frutigland. Kulturgutstiftung Frutigland, Frutigen 2020, Fr. 20.- Erhältlich in regionalen Geschäften sowie unter info@kulturgutstiftung.ch.

Im Herbst 2020 hätte das Zündhölzlimuseum in der ehemaligen Zündhölzlifabrik Kanderbrück eröffnet werden sollen. Die Corona-Vorschriften liessen dies nicht zu. Sobald als möglich wird die Einweihung mit einem Zündhölzlifest stattfinden. Infos unter www.kulturgutstiftung.ch.

Bergromane, erster Gang

Vier Bergromane aus England, Österreich und der Schweiz, in denen die Knoten zwischen Gegenwart und Vergangenheit aufgedeckt und gelöst werden.

23. Februar 2021

«Was machst du im Berg- und Skisportgeschäft?», erkundigte sich Moritz.
«Ich brauche neue Skihosen, meine sind alt und löchrig.»
«Sag bloβ, dass du Skifahren kannst?» Karo war sichtlich beeindruckt.
«Meine Mutter hat es mir und meinem Bruder beigebracht, als wir noch sehr klein waren.»
«Das stelle ich mir groβartig vor», schwärmte Karo.
«Ist es in den Bergen nicht sehr gefährlich?», fragte Edith. «Ständig liest man von Menschen, die von Lawinen verschüttet werden oder beim Klettern von Felswänden stürzen.»
«Wo liest du solche Schauergeschichten?», fragte Elsa belustigt.

In Bergromanen vielleicht! Was wäre ein Bergroman – wir haben es grad letzte Woche erfahren – ohne Drama? Und ohne Liebesgeschichte natürlich auch. Die folgenden vier Romane jedenfalls umklettern oder umkurven diese Themen nicht. Obwohl in „Elsas Glück“, dem zweiten Band der Sonnstein-Saga der Wiener Autorin Beate Maly, keine Lawine und kein Körper niederstürzt, geht es immer wieder dramatisch zu und her, allerdings mehr in gesellschaftlicher und familiärer Hinsicht. Hauptfigur Elsa Sonnstein studiert Psychologie und Pädagogik im Wien der Zwischenkriegszeit. Ihre Mutter Lotte hat in „Lottes Träume“ die Wintersportmode für Frauen mitrevolutioniert (mehr dazu hier: https://bergliteratur.ch/skigeschichten-2/). Die Tochter ihrerseits will das Erziehungswesen erneuern und vor allem sozial benachteiligten Kindern mit dem Skilauf zu Freude und Fahrt verhelfen. Vielleicht hilft ihr bei diesem Engagement Mitstudent Moritz? Oder gar der Linksaktivist Otto? Ein dichter Roman aus einer spannungsgeladenen Zeit. Wir Leser warten auf die Fortsetzung – wird ein Kind von Elsa die Hauptfigur im dritten Band der Sonnstein-Saga werden. Oder gar Elsas Bruder Conrad, der sich zum berühmten Skilehrer Hannes Schneider nach St. Anton am Arlberg abgesetzt hat? Conrads Lebensmotto lautet: „Das Einzige, was mich immer fasziniert hat, waren die Berge. Im Sommer wie im Winter.“

«Der ewige Schnee ist auch nicht mehr, was er mal war», witzelte Meret.
«Hat alles zwei Seiten. Als Skibauer ist die Erwärmung für mich katastrophal, als Cavacristallas eröffnet sie mir neue Gebiete, die von Strahlern verschont geblieben sind.»

Niculan Cavegn ist Bergler, Skibauer und Strahler. Meret Benedikt Städterin und Umweltwissenschaftlerin, kurz vor dem grossen, auch wirtschaftlich erfolgreichen Durchbruch. Die beiden treffen sich am Beginn der Coronakrise in Disentis beim Begräbnis von Merets Vater. Niculan hat Vinzenz Benedikt gefunden, den der abschmelzende Gletscher 36 Jahre nach seinem Verschwinden gefunden hat. Was war damals passiert? Bergunfall oder mehr? Und wer war involviert? Corsin Cavegn, der Vater von Niculan? Ein Familiendrama über drei Generationen, das Urs Augstburger in „Das Dorf der Nichtschwimmer“ erzählt. Vielschichtig, stimmungsvoll, hautnah eingebettet in die atemberaubende und eisverlierende Bergwelt des Bündner Oberlandes. Tiefer und tiefer bis zum Boden des Rucksacks graben die Figuren in ihrem verstrickten Leben, das mitbestimmt wird vom Kloster, der Herrschaft über Disentis. „Bergroman“ nennt Augstburger sein jüngstes Werk, doch „Skiroman“ trifft auch nicht daneben. Niculan bezeichnet seinen neuen, magischen Ski mit „Engiu“. Das ist romanisch und heisst: abwärts. Bergsteigen und Skifahren ist ein ewiges Auf und Ab.

«Berge sind Freiheit, sind Weite, verspiele Grenzenlosigkeit. Steigt man neben dem Waldweg in die Höhe, so hebt einen jeder Schritt empor oder lässt einen jäh, vielleicht rutschend, vielleicht springend, tiefer gleiten.»

So beginnt der Bergroman „Topografie des Fliegens“ von Tobias Ibele. Begeher von www.bergliteratur.ch kennen den Namen bestens: Der Autor gehört zur Seilschaft wie Anker und Zopfi. Seit November 2020 schreibt Geologe Tobias Ibele tiefschürfende Beiträge über Berge und Steine. In seinem belletristischen Erstlingswerk geht es auch um Geologie, im engeren und ferneren Sinne. Beim Entsorgen eines Kartons seiner verstorbenen Mutter stösst der Erdwissenschaftler Markus auf Bergliteratur eines Unbekannten. Immer mehr versinkt der Markus in diesem Schreibgebirge, kommt sich und seiner Vergangenheit näher, entfernt sich zugleich aber von Familie und Arbeit. Das Leben und die Schriften von Johann Jakob Weilenmann, dem berühmten Alpinisten aus dem 19. Jahrhunderts, dienen als Seilknoten zwischen den Schichten und Handlungsebenen. Ein sehr gelungenes Debut! Eine Stelle von Seite 139: „Schau“, sagte ich, „da kommen wir gut hinauf.“ – „Ja, antwortete sie wägend, „sieht machbar aus.“

«She stopped thinking and she started to climb.»

Ein kurzer Satz im 322seitigen Roman „Black Car Burning“ von Helen Mort, die sich mit preisgekrönten Klettergedichten einen Namen gemacht hat. Ihr erster Roman – der Titel bezieht sich auf eine höchst schwierige und gefährliche Kletterroute – spielt in Sheffield und im nahen Klettermekka Peak District. Und wieder, wie schon in den drei andern vorgestellten Büchern, wird eine Gegenwartsgeschichte erzählt – hier Jugendliche zwischen Frust und Fels, Abhängen und Aufwärtsschieben – und gleichzeitig eine Vergangenheit ausgegraben, der sich die Protagonisten stellen müssen, so gut und auch so schlecht wie in einer heiklen Passage am Berg. In Sheffield ist es das Zuschauerunglück im Hillsborough-Fussballstadion am 15. April 1989 mit 96 Toten und 766 Verletzten. Der Vergangenheit kann man weder davonklettern noch davonkurven.

Beate Maly: Elsas Glück. Blanvalet, München 2020, Fr. 18.-
Urs Augstburger: Das Dorf der Nichtschwimmer. Bergroman. Bilgerverlag, Zürich 2020, Fr. 34.-
Tobias Ibele: Topografie des Fliegens. Bucher Verlag, Hohenems 2020, Fr. 26.-
Helen Mort: Black Car Burning. Vintage, London 2020, £ 9.-

Wetterhorn und Zugspitze

Zwei neue Bergmonografien. Zwei hohe Warten über Grindelwald und Garmisch-Partenkirchen.

16. Februar 2021

Und mit einem Mal erglühten die Kuppen im Morgenglanz – „aber du hast ja ganz kalte Hände!“ Er umschloβ ihre Rechte und schlang den Arm um ihre Schultern.
„Ich habe nicht gewuβt, daβ unsere Berge so schön sind“, sagte sie leise. „Darf ich einmal mit dir auf das Wetterhorn?“ Zage hob sie das Gesicht über seine Achseln und vor seinen glühenden Blicken senkte sie es wieder.
„Gerne werde ich dich einmal mitnehmen“, sagte er leise bebend, „und dir unsere Berge zeigen.“

Auf den ersten Seiten von Johannes Jegerlehners „Bergführer Melchior. Ein Jungfrau-Roman“ geht Melchior mit Sabine, der jungen hübschen Einheimischen von Wengen, über die verschneite Kleine Scheidegg. Die Abfahrt auf Ski nach Grindelwald unterbrechen sie in einer Alphütte und erleben gemeinsam den Sonnenaufgang. Ob die beiden Hauptfiguren Frau und Mann werden, sei hier nicht verraten. Das Wetterhorn jedenfalls besteigt Melchior mit Isabel, der reiferen, aparten amerikanischen Touristin; es ist ihre erste Hochtour. Mehr noch: Mit ihr macht er gar die erste Begehung des Mittellegigrates am Eiger. Aber dann passiert ein Unglück – was wäre ein Bergroman ohne Drama? Ohne Liebesgeschichte(n) natürlich auch! Und was wäre ein ankersches Bergbuch ohne Bergliteratur?

Ankers erste Bergmonografie porträtierte 1996 die Jungfrau, seine 14. und wohl letzte die Haslijungfrau: „Wetterhorn – Hohe Warte über Grindelwald und Rosenlaui“. Tja, die Namen der Berg sind manchmal so labil wie ihr Fels und Eis. Fünf verschiedene Namen trug der 3690 Meter hohe Eckpfeiler der Berner Alpen: Haslijungfrau, Nördliches Wetterhorn, Vorderstes Wetterhorn, WetterArhorn und einfach Wetterhorn. Letzterer ist geblieben. Aber hinter ihm stehen die beiden andern Wetterhörner, das Mittelhorn und Rosenhorn. Und auf seiner Nordseite wuchtet sich das Scheideggwetterhorn gewaltig empor. Fast so kompliziert wie die Geschichte mit Melchior, Sabine und Isabel. Aber keine Angst: Das Buch führt chronologisch, sauber geordnet und reich illustriert durch alle Jahrhunderte und Jahreszeiten, Besteigungen und Begräbnisse, Lobpreisungen und Liebesgeschichten, Berghütten und Bergbahnen.

Mit dabei sind Ferdinand Hodler (der berühmteste Bergmaler der Schweiz begann sein Oeuvre mit einem Gemälde des Wetterhorns) und Emil Zopfi (das Wetterhorn war der Berg seiner Schwiegermutter), Johann Jaun (stand als Erster auf allen drei Wetterhörnern 1844/1845) und Henry Hoek (machte und beschrieb die Skierstbesteigung 1903), Martin Rickenbacher (erklärt den Höhenschwund der hohen Warte) und Elise Brunner (für das erste Ehrenmitglied der SAC-Sektion Bern erinnerten die Wetterhörner „an drei liebliche, in untadelhaftes Weiss gekleidete Schwestern“). Auf Seite 262 werden kurz noch andere Wetterberge vorgestellt, so die drei Wetterspitzen im Wettersteingebirge zwischen Bayern und Tirol. Der höchste Gipfel des Wettersteins ist auch der höchste von Deutschland: die Zugspitze (2962 m).

Das Wetterhorn ist die 22. Bergmonografie des AS Verlages. Die 21. widmet sich der „Zugspitze – Berg der Kontraste.“ Autor Stefan König kennt ihn bestens. Erstens wohnt er nur 45 Kilometer nördlich von Garmisch-Partenkirchen, der Tourismusmetropole am Fusse der Zugspitze. Und zweitens hat er 2008 den Roman „Auf dem hohen Berg“ über den fiktiven Wetterwart Anselm Straub veröffentlicht, der dort oben den Winter 1906/1907 verbrachte, in völliger Abgeschiedenheit. Bis er vor seiner Wetterwarte eine total erschöpfte Frau im Neuschnee findet: die 42jährige Grosskaufmannswitwe Lidia von Berneis aus Dresden. Doch vom Gipfel gibt es kein Zurück mehr, und Bahnen gab es damals noch nicht. Was wäre ein Bergroman ohne Liebesgeschichte?

Nun ist Stefan König zu seinem mächtigen Hausberg zurückgekehrt und beleuchtet, beschreibt und begreift ihn von allen Seiten, mit starken Texten und Fotos, spannenden Geschichten und klugen Exkursen. Zur Zugspitze, die 1820 offiziell erstmals bestiegen wurde, gibt es ja schon ein paar Bücher. Das jüngste ist das beste und schönste.

Eine der Geschichten befasst sich mit Ödön von Horváth, der 1926 das Theaterstück „Revolte auf Côte 3018“ schrieb, das sich mit dem Bergbahnbau an der Zugspitze befasst. Das Stück beginnt so:

Côte 2735.
Breiter Gratrücken. Gletscher ringsum. Rechts Arbeiterbaracke Nummer vier der Bergbahn A. G. Links Quelle und primitive Bank. An einer Leine hängt bunt geflickte Wäsche.
Spätnachmittag. Herbst. Windstill.
Veronikas Stimme tönt aus der Baracke; sie singt vor sich hin.
Karl tritt aus der Baracke mit zwei Eimern, die er an der Quelle füllt, streckt sich, gähnt; horcht auf, grinst, pfeift Veronikas Melodie mit und verschwindet wieder in der Baracke.
Schulz ein blasses, schmales Kerlchen mit Sommersprossen, steigt aus dem Tal empor; sieht sich forschend um: niemand – Er lauscht Veronikas Gesang; Karl pfeift; plötzlich verstummt alles; Stille.

Veronika lacht hellauf und stürzt aus der Baracke, hält in der Türe: Ausgrutscht! Ausgrutscht! – Du bist mir so aner, so von hinten – so a ganz Rabiater – Sie erblickt Schulz, schrickt etwas zusammen; mustert ihn mißtrauisch.

Schulz verbeugt sich leicht; er lispelt ein wenig: Guten Tag! Verzeihen Sie, Fräulein: dies hier, dies gehört doch zum Bergbahnbau?

Veronika Ja.

Schulz Dies ist doch Baracke Nummer vier?

Veronika Ja. Ab in die Baracke.

Schulz allein: Hm. Er lauscht.

Stille.

Daniel Anker: Wetterhorn – Hohe Warte über Grindelwald und Rosenlaui. AS Verlag, Zürich 2021, Fr. 49.80.

Stefan König: Zugspitze – Berg der Kontraste. AS Verlag, Zürich 2020, Fr. 39.80.

Berge und Steine 4: Abtauchen

Als Geologe kartiere ich nicht nur das Hochgebirge. Wo keine Täler ins Gestein erodiert sind, tauche ich entlang von Bohrungen in die Tiefe. Und durchstreife dabei ganz andere Welten. Parallelwelten?

9. Februar 2021

Neben dem Aufarbeiten der Beobachtungen des Sommers, beschäftigt mich derzeit fast täglich das Beschreiben von Bohrkernen aus Tiefbohrungen der nagra. Um den Schichtaufbau besser zu verstehen, führt die nationale Genossenschaft für Endlagerung rund um die drei Standortgebiete für ein mögliches Tiefenlager Kernbohrungen durch. Entlang vertikaler, bis eineinhalb Kilometer langer Linien, gewinnt sie damit eine rund zwölf Zentimeter dicke Punktinformation zu jedem Horizont. Die Bohrkerne werden in eine Lagerhalle im unteren Aaretal gebracht, wo ein paar Kollegen und ich sie uns anschauen und bestimmen. Aus der vertikalen Linie von Punktergebnissen schaffen wir ein geologisches Profil der Schichtenreihe. Wir teilen die Linie in Abschnitte und geben den Abschnitten ihre Namen. Namen, die sie dort haben, wo die Gesteine an die Oberfläche ausstreichen und wir sie aus Aufschlüssen kennen. So reisen wir, wenn wir Zentimeter für Zentimeter die Bohrkerne entlang das Gestein unter die Lupe nehmen, in die Abfolge der nacheinander ineinander sich wandelnden, wieder und wieder sich verändernden Landschaften, die einmal waren und dann nach und nach vergingen.

Stunden, tagelang bewege ich mich durch den Grund eines offenen Meeres an dem feine Kalkschlämme sich über Schwammmatten legten. Bis ich eines Tages erst kleine, grün leuchtende Glaukonite, dann in dunklen Schlieren Tone darin finde. Sie zeigen Land an, dass, da ich mich die Bohrkerne entlang nach unten arbeite, vorher einmal in der Nähe des Meeres war. Meine Arbeitsstunden in die Tiefe gehen in der Zeit zurück. Die Jahre, Jahrmillionen des tonigen Meeresgrundes mit seinen schneckenförmigen Ammoniten führen mich, Stunden später auf einen Hardgrund. Eine ehemalige krustige Oberfläche, vielleicht unter einem mesozoischen Himmel, vielleicht auch nur bei Ebbe zwischen Wellen kurz entblösst. Es ist ein Kalkstein, der sich aus Sanden entwickelte, die einmal ein Korallenriff überschütteten, bevor sie im tiefen Wasser abnahmen, wie Starkregen, der vertöpfelt, Salzwasser, das nach dem körnigen Schauer ruhiger und flacher, vielen kalkschalenbildenden Tieren Heimat wurde, ehe die Ebbe dem Sediment am Boden rhythmisch den Blick zum Himmel öffnete. Doch während meine Arbeitszeit voranschreitet, gehe ich in der Erdzeit zurück. Das mit dem Korallenriff, das vorher war, erkunden meine Hände, meine Lupe erst Tage später. Am Bohrkern, dem schönen, geschliffenen Stein, fahren sie dabei sachte entlang. Voller Muster und Farben ist er, Girlanden in Ocker, rot, weiss und braun. Und manchmal Drusen, ausgekleidet mit Kristallen.

Die Steine reden nicht, sie erzählen. Von sich, wie sie sind. Ihre Unterwasserwelten sind mir bald vertrauter als die Menschenwelt, die immer mehr hinter Masken verschwindet. In der kaum noch jemand redet. So ziehe auch ich mich zurück und bin, reise mit den Steinen durch die Erdgeschichte. Eine Erinnerung kommt mir dabei an die Zeit, in der wir noch zu zweit arbeiteten und Peter J, der um zwanzig Jahre ältere, erfahrenere Geologe, nach einer Pause, in der ich Notizen aufschrieb, so, sagte, so muss man sich das vorstellen, und mir sein Handy hinhielt. Auf dem Bildschirm sah ich das Foto einer Flusslandschaft aus der Luft. Die Wolga, fuhr er fort, irgendwo hat es Rinnen, da und dort, er zeigte auf Flussarme, aber die meisten Flächen sind die dazwischen, die mit den tonigen Überflutungssedimenten. Nur in den wenigen Rinnen ist der Schilfsandstein tatsächlich ein Sandstein. So ging es immer wieder. Wir hatten beobachtet und diskutiert, ich schrieb es auf und er fand am Handy eine Bild dazu. Von irgendwo auf der Welt. Ich sah Deltas, Lagunen, tropische Strände. Auch wenn ich nun allein arbeite, kann ich tagelang, wochenlang die Meeresböden durchsteigen, mit meinen Fingerkuppen, der Lupe, Zentimeter für Zentimeter die Bohrkerne entlang. Muscheln, „storm-beds“, Strömungsanzeiger, Kalkschlämme, Wurmbauten, Untiefen im warmen, glasklar türkisblauen Wasser.

 

So sind diese stillen Tage auf andere Art intensiv. Früh stehe ich auf, verlasse das Haus und das Bergtal im Dunkeln und komme spät, wieder im Dunkeln, zurück, liege zuhause bald still im warmen Nest und sehe, wenn ich die Augen schliesse, vor mir die Sedimentstrukturen des Tages. Die dunklen Peloide in den hellgelben Kalksteinen, die schlierigen Sandfahnen, die den Opalinuston durchwehen. Zwischen den verschwundenen Landschaften der Erdgeschichte und meinem traumumsponnenen Bett, sitze ich jeweils ein paar Stunden in Zügen durch die Städte, durch eine graue, sich in sich zurückziehende Welt, die, wie die alten Landschaften, langsam verschwindet. Kaum noch wahrnehmbare Menschen…

Cortina, Toggenburg & Mammoth Mountain

Passende Lektüre zur Ski-Weltmeisterschaft in Cortina d’Ampezzo. Auch für Nicht-SkifahrerInnen.

8. Februar 2021

«Cortina d’Ampezzo 1224 (mit Trecroci 1820 m und Pocol 1543 m).
Erster Wintersportplatz der Dolomiten, internationales Publikum, Rodel- und Bobsleigh-Naturbahn auf der Dolomitenstraβe, 5½ km. Groβer Eisplatz, Skisprungschanze, Skihochturen, vorzügliches Skiterrain, markierte Skiwege, autorisierte Skiführer, Skiunterricht. Gute Schneeverhältnisse, herrliches Dolomitenpanorama, Postautomobil-Verbindung mit Schnellzugsstation Toblach. Komfortable Hotels mit Zentralheizung und elektrischer Beleuchtung.»

Anzeige in „Ski-Chronik“ von 1913, dem fünften Jahrgang des Jahrbuches des Deutschen und Österreichischen Ski-Verbandes. Gestern Sonntag, 7. Februar 2021, ging in Cortina d’Ampezzo die Eröffnungsfeier der 46. Alpinen Skiweltmeisterschaft über die Bühne; sie dauert bis zum 21. Februar. Bereits 1932 und 1941 fanden diese Rennen im berühmten italienischen Wintersportort statt. Und 1956 war Cortina Austragungsort der Olympischen Winterspiele. Der Österreicher Toni Sailer gewann alle drei alpinen Skirennen und dazu auch die nur für die Weltmeisterschaftswertung geltende Goldmedaille in der Kombination. Bei den Damen siegten die Schweizerinnen Madeleine Berthod (Abfahrt und Kombination) und Renée Coillard (Slalom). Hans Forrer aus Wildhaus wurde 13. in der Abfahrt auf der Piste „Olimpia Tofana“, trotz eines Sturzes bei der Waldausfahrt. Im gleichen Jahr gewann Forrer in sämtlichen Disziplinen an den Ostschweizer-Skiverbands-Meisterschaften. Ein kleiner Toni Sailer aus dem Toggenburg also.

Wer sich für den Anfang des Skilaufs zwischen Churfirsten und Alpstein interessiert, darf das „Toggenburger Jahrbuch 2021“ zur Hand nehmen. Auf dem Titelbild das dynamische und geniale Werbeplakat von Martin Peikert für die „Schweiz. Skirennen Unterwasser“ vom 3. bis 5. März 1939: ein Rennläufer in voller Fahrt, gezeichnet von oben, wie mit einer Drohne fotografiert. Im Innern sind weitere feine Abbildungen zu sehen, zum Beispiel die Skimarken „Säntis“ oder „Toggenburg“. In einem anderen Jahrbuch-Text wird an den Unternehmer Peter Kauf erinnert, der mit seinen Hemden bekannt wurde und bei der Skilift Girlen AG in Ebnat-Kappel tatkräftig mithalf. Den ersten Girlen-Riesenslalom hatte am Neujahrstag 1968 Edi Bruggmann gewonnen (vier Jahre später holte er sich an der Olympiade von Sapporo in der gleichen Disziplin die Silbermedaille), den letzten Slalom Vreni Schneider im März 1993.

Im gleichen Jahr hatte die Elmerin den Weltcup-Slalom von Cortina d’Ampezzo gewonnen, ein Jahr später holte sie sich in Mammoth Mountain den Sieg. Insgesamt stand Vreni Schneider 34 Mal in einem Weltcup-Slalom zuoberst auf dem Podest. Mammoth Mountain in der Eastern Sierra zählt zu den besten Skigebieten Kaliforniens und ist dasjenige mit den grössten Schneefällen. Die Skisaison dauert von November bis Juni. Dass man dort so gut skifahren kann, ist einem Mann – und einer Frau – zu verdanken. Der Hydrograph Dave McCoy kaufte 1941 den Übungslift des Eastern Sierra Ski Club und baute in den Folgejahren mit unermüdlicher Schaffenskraft, tatkräftig unterstützt von seiner Frau Roma, die Mammoth Mountain Skiarena weiter aus. Der erste richtige Lift lief 1955, 1966 folgten zwei Gondelbahnen.

Die Kalifornierin Robin Morning hat nach ihrem Bildband „Tracks of Passion. Eastern Sierra Skiing, Dave McCoy & Mammoth Mountain“ (2008) die Geschichte des skibegeisterten Ehepaares aufgezeichnet – die richtige Lektüre für einen romantischen Abend am Kaminfeuer der Lodge. „For the Love of It. The Mammoth Legacy of Roma & Dave McCoy“ erhielt vor kurzem den Skade Award der International Skiing History Association. „The highlight for me is“, schrieb mir Robin, „that before Dave passed away in February 2020, I was able to share a finished copy with Roma and him (at the time, 99 and 104 years old respectively). Dave cradled the book in his hands as he examined the cover and his eyes lit up as he thumbed through the pages. Roma just smiled.“

Robin Morning fuhr Rennen für Dave McCoy und sein Mammoth Ski Team. Von 1965 bis 1968 war sie Mitglied der US-Nationalmannschaft und wurde 1968 in das olympische Skiteam der USA berufen. Am Tag vor den Eröffnungsfeierlichkeiten in Grenoble brach sie sich bei einer Trainingsabfahrt das Bein. In Cortina d’Ampezzo, das bei den Damen die Rangliste mit den häufigsten Weltcuprennen (174) anführt, ist Robin Morning nicht gestartet: Erst seit dem Winter 1974/75 veranstaltet der „erste Wintersportplatz der Dolomiten“ Weltcupskirennen.

Wer sich nun aber für Skirennen nicht richtig erwärmen kann, aber in Cortina trotzdem dabei sein möchte, dem oder der kann ich nur das folgende Buch empfehlen: „Cortina. Dicono di lei. Le Dolomiti nella Letteratura“. Ein literarischer Reader zur Perle der Dolomiten, mit clever arrangierten Zitaten von Ernest Hemingway, Dino Buzzati, Antonia Pozzi und zahlreichen andern SchriftstellerInnen. Sie werden teils näher vorgestellt, so etwa die Alpinistin, Skiläuferin und Partisanin Giovanna Zangrandi. Ihrem Namen und ihren Büchern bin ich noch nie begegnet. Auch Milena Milani ist eine Lektüre wert; nur ein Satz aus ihrem auch ins Deutsche übersetzten Roman „La ragazza di nome Julius“ sei hier wiedergegeben: „La Tofana era una delle mie passione.“

Toggenburger Jahrbuch 2021. Toggenburger Verlag, Schwellbrunn 2020, Fr. 34.-

Robin Morning: For the Love of It. The Mammoth Legacy of Roma & Dave McCoy. Blue Ox Press, Mammoth Lakes 2020, $ 20.- Erhältlich bei www.blueoxpress.com, www.amazon.com und natürlich vor Ort.

Cortina. Dicono di lei. Le Dolomiti nella Letteratura. Testi a cura di Lorenzo Notte. Elleboro Editore, Bologna 2019, € 15.-

Noch zwei weitere Hinweise zur Geschichte des Skilaufs:

La grande histoire du ski auf RTS 2, mit atemberaubenden Aufnahmen und fundierten Gesprächspartnern: https://pages.rts.ch/docs/sur-les-docs/11807191-la-grande-histoire-du-ski.html

LET IT SNOW! Una mostra dedicata alla cultura sportiva invernale. Diese Ausstellung im Museo di Leventina in Giornico ist bis zum 24. Oktober 2021 verlängert worden.

Le goût de l’hiver – et du chocolat

Un peu de chocolat? Mais bien-sûr! Die Schoki lassen wir im Mund schmelzen, während wir zwei geschmackvolle neue Publikationen zur Hand nehmen.

1. Februar 2021

«An Feinheit und Kraft des Aromas unerreicht.»

Werbezeile aus der ganzseitigen Schokolade-Reklame von Lindt & Sprüngli in „Ski. Jahrbuch des Schweiz. Ski-Verbandes“ von 1908. Themen in diesem vierten Jahrgang waren unter anderen „Eine Besteigung der Bürglen im Gantrischgebiet“, „Die Entwicklung des Skikjöring in St. Moritz“, „Verzeichnis der Skihütten in der Schweiz“ sowie „Die Schweizer am II. internationalen Skirennen in Chamonix“. Diese gewannen am 3. und 4. Januar 1908 den internationalen Patrouillenlauf und bei den internationalen Amateurrennen sowohl das Springen wie den Dauerlauf. Am vergangenen Wochenende wurde Ramon Zenhäusern zweimal Zweiter in den beiden Weltcup-Slaloms in Chamonix; dank fulminanten zweiten Läufen fuhren Luca Aerni am Samstag noch auf den vierten Platz und Sandro Simonet gestern Sonntag gar auf den dritten. Ob die Skirennläufer, einst und heute, mit Schokolade Power und Souplesse erhöht haben?

Gut möglich. Schaut man sich jedenfalls die Reklamen an, die der Bildband „Choc! Suchard fait sa pub. 130 ans d’affiches chocolatières“ versammelt hat, fällt auf, dass Berge und Bergsport beliebte Sujets bilden. Besonders gefällt das grosse Milka-Plakat von 1910, auf dem ein Knabe mit roter Jacke und Zipfelmütze auf einer Tafel Milchschokolade über Schnee hinabgleitet – Wassersurfer werden freilich einwenden, dass der Schnee mehr einer Welle gleicht. Tant mieux, wird sich die lila Kuh sagen, die vor dem Panorama der Berner Alpen steht und dafür wirbt: „La più delicata tentazione da quando esiste il cioccolato.“

Die Schokoladenindustrie ist einer der werbetechnisch dynamischsten Zweige der Lebensmittelindustrie. Suchard, 1826 in Neuchâtel gegründet, ist da keine Ausnahme. Parallel zur weltweiten kommerziellen Expansion entwickelte sich schnell eine intensive Werbetätigkeit. Der Bildband und die Ausstellung im Musée d’Art et d’Histoire in Neuenburg beleuchten die Schokoladenwerbung von Suchard von 1860 bis 1990. Die Autoren untersuchen das idealisierte Bild der Berge, aber auch die klischeehafte Darstellung von Frauen und Kindern. Sie analysieren die bekanntesten Motive wie die Milka-Kuh oder den Suchard-Express und hinterfragen gleichzeitig den Stellenwert des kostbaren exotischen Rohstoffs Kakao, der für die Herstellung von Schokolade notwendig ist. Immer aber geht es auch um Geschmack, sowohl des Produktes wie seiner Anpreisung.

„Neige et glace. Le goût de l’hiver“ lautet der Titel der aktuellen Nummer der französischen Vierteljahresschrift «L’Alpe». Auf der Coverfoto von Eric Franceschi eine Jugendliche, die in dichtem Schneefall eine Eisscheibe mit eingelagerten welken Blättern vors Gesicht hält – die Scheibe erinnert an ein Stück weisser Schokolade, oder, aktueller, an eine Maske. Auch im Innern, wie immer, sorgfältig ausgewählte Illustrationen zum Thema, beispielweise auf einer Doppelseite links Albert Ankers Gemälde „Sonntagnachmittag“ und rechts Cuno Amiets „Schneelandschaft“ mit dem einsamen Skiläufer in der weissen Einöde. Très amusant zu lesen ist das Exklusivinterview mit der „Schneekönigin“ von Christian Andersen. Etwas traurig stimmt der Bericht zur Snowstalgie. Dieser Winter mit – leider nur vorübergehend – viel Schnee bis in die Niederungen dürfte ja eine Ausnahme sein. Vor gut 100 Jahren entdeckten die Städter, dass die kalte Jahreszeit in den Bergen wunderbar warm sein kann. Die Pariser Zeitung „Le Petit Journal“ unterstrich an Weihnachten 1923 auf der Titelseite, ein paar Wochen vor der ersten Winterolympiade in Chamonix, diesen Wechsel in der Wahrnehmung des Winters. Was gab es nun plötzlich Schmackhafteres, als draussen an der Sonne mit Mütze, aber ohne Handschuhe, eine heisse Schokolade zu schlürfen?

Chantal Lafontant Vallotton (Dir.), avec la ollaboration de Vincent Callet-Molin, Lisa Laurenti, Philippe Lüscher et Maelle Tappy: Choc! Suchard fait sa pub. 130 ans d’affiches chocolatières. Éditions Livreo-Alphil/Musée d’art et d’histoire de Neuchâtel, Neuchâtel 2020, Fr. 39.-

Das Musée d’art et d’histoire de Neuchâtel zeigt bis zum 7. März 2021 die Ausstellung «Choc! Suchard fait sa pub»; www.mahn.ch/fr/expositions.

L’Alpe, N° 91: Neige et glace. Le goût de l’hiver. Hiver 2021, Fr. 26.00.

Passend dazu die Ausstellung «Winter» im Lötschentaler Museum in Kippel (bis 28. März 2021). Sie ist in fünf Themen gegliedert:
Winter früher – Schnee als Produktionshemmnis
Der neue Winter – Schnee als Produktionsfaktor
Die weisse Gefahr – Schnee als Bedrohung
Erstarrte Natur – Schnee als Metapher
Klimawandel – Schnee als Mangelware.
www.loetschentalermuseum.ch/sonderausstellungen/

Le Léman

Léman mon amour: Ob rund um den See bzw. darauf oder vom Cervin her gespiesen – der grösste See der Alpen ist immer auch eine Buchreise wert.

25. Januar 2021

«Ich möchte gern denen, die Geschmack und Gefühl haben, sagen: Geht nach Vevey, seht das Land, betrachtet die Gegenden, fahrt auf dem See und sagt, ob die Natur nicht dies schöne Land für eine Julie, eine Clara und einen St. Preux geschaffen hat; aber suchet sie nicht dort.»

Empfahl der Genfer Jean-Jacques Rousseau in seinen „Bekenntnissen“, die 1782, vier Jahre nach seinem Tod, veröffentlicht wurden. Eine vergebliche Empfehlung. Denn die Leser seines Briefromans „Julie oder Die neue Héloïse. Briefe zweier Liebenden aus einer kleinen Stadt am Fuβe der Alpen“, der 1761 erstmals herausgekommen war und unzählige Auflagen in mehreren Sprachen erlebte, machten genau das. Die Schauplätze des Romans, Vevey und Clarens an der schweizerischen Riviera sowie Meillerie drüben am französischen Ufer, sie wurden Wallfahrtsorte. Und blieben es. Wer am und auf dem Léman unterwegs war und ist, begegnet dauernd Büchern. Es gibt kaum eine andere Gegend in den Alpen, über die und in der so viel geschrieben und publiziert wurde.

Im November 2020 erschien ein neues Werk über den wasserreichsten und zweitgrössten See Mitteleuropas – der Balaton (Plattensee) in Ungarn ist 14 km² grösser. Lagus Lemanus. Lago di Losanna. Genfersee. Lake of Geneva. Oder einfach Le Léman: Das Wort „See“ braucht‘s gar nicht, so wie man auch nur sagt: der Atlantik. Und so lautet denn auch nicht zufällig der Titel des Photobandes von Claude Dussez und Vincent Guignet mit Texten von Blaise Hofmann: „Léman. Bien plus qu’un lac“. Eine ganze Welt natürlich. Aus Wasser und Land. Aus Wolken und Bäumen. Aus Menschen und Tieren. Aus Fischern und Schwimmern. Aus Schiffen und Schlössern. Aus Schwarz und Weiss. Mais oui. Kein Blau auf den 240 Seiten. Kein Grün der Reben. Und trotzdem sozusagen farbig. Ein grossartiges, vielschichtiges Porträt des grössten See Frankreichs und der Schweiz. So sehenswert die Fotos, so lesenswert die zehn Wortbeiträge. Im ersten, mit „Lémanitude“ überschrieben, lesen wir: „Le Léman est à votre image. En amont, le passé. En aval, l’avenir. L’eau coule sans jamais s’arrêter. Vous ne vous baignerez jamais deux fois dans le même lac.“

Und wenn wir schon am Seebaden bzw. Buchschauen sind: Ebenfalls im November 2020 kam ein weiterer Bildband mit dem Ziel Léman heraus. In „La voix des eaux. Des Alpes au Léman“ geht die Autorin und Fotografin Claude Bernhard den Gewässern des Wallis nach, von der Quelle der Rhone bis zur Mündung in den grossen See; sie fliesst ab Branson etwas östlich des Rhoneknies zwischen den Kantonen Wallis und Waadt. Das Buch behandelt vieles, was mit dem Walliser Wasser zusammenrinnt, ebenfalls mit historischen Fotos. Gletscher und Seen, Suonen und Grotten, Wasserfälle und Thermalbäder. Verblüffend sind die unterirdischen Fotos, aber darauf hat sich Madame Claude auch spezialisiert. Die Gletschergrotten und vor allem la grotte des Crêtes de Vaas, die längste Gipshöhle der Alpen; sie versteckt sich am rechten Rhoneufer zwischen Siders und Sitten und kann nur von Spezialisten besichtigt werden. Und dann gibt oder gab es da noch das Kettle Hole unterhalb des Glacier du Mont Miné; den Toteissee hat die Fotografin zu jenem Zeitpunkt aus der Luft aufgenommen, als er kreisrund und blau war – eine phantastisches Bild. Das Motto des Buches – und damit gleiten wir zurück zu berühmten Autoren – stammt aus Rainer Marias Rilkes Zyklus „Les Quatrains valaisans“; die Walliser Vierzeiler entstanden im Spätsommer 1924 in französischer Sprache. Zwei Zeilen seien hier nur zitiert: „Les bruits épars, quittant le jour, se rangent/et rentrent tous dans la voix des eaux.“

Claude Dussez, Vincent Guignet (photographies), Blaise Hofmann (textes): Léman. Bien plus qu’un lac. Éditions Glénat, Grenoble 2020, Fr. 60.-

Sicher bis zum 15. August 2021 ist im Musée du Léman in Nyon die Ausstellung „Léman. Bien plus qu’un lac“ zu sehen; www.museeduleman.ch. Ein sehr guter Grund, wieder mal eine Reise an den Genfersee, pardon: an den Lago di Losanna zu planen. Und falls das Museum wegen Corona geschlossen ist, ein Spaziergang durch Nyon mit dem römischen Forum, dem Schloss und den Spuren von Tintin lohnt sich allemal, auch im Winter. Zudem ging der Wakkerpreis 2021 des Schweizer Heimatschutzes an den Nachbarsort Prangins. En route, mes amis!

Claude Bernhard: La voix des eaux. Des Alpes au Léman/The Voice of Water. From the Alps to Lake Geneva. Éditions Slatkine, Genève 2020, Fr. 48.-

Bergsteiger. Auf den Spuren grosser Alpinisten

Ein grosses Buch zur Geschichte der Bergbegeisterung und des Alpinismus in verkleinerter Neuauflage.

18. Januar 2021

«Vom Pioniergeist des Bergsteigens bis zum alpinen Extremsport von heute: über 100 weltbekannte Bergmenschen in einem Buch.»

Fett und gross gedruckter Rückseitentext des Bildbandes „Bergsteiger. Auf den Spuren grosser Alpinisten“ von Ed Douglas. Ein (fast) unveränderter Nachdruck der Erstausgabe von 2012. In der NZZ vom 18. Januar 2013 stellte ich das Buch unter dem Titel „Hoch hinaus. Eine Geschichte des Alpinismus“ so vor:

«Kennen Sie den ersten Bergsteiger? Ist’s der Südtiroler Reinhold Messner? Nein, da sind schon andere vor ihm auf die Berge gestiegen – und haben darüber Bücher veröffentlicht. Zum Beispiel der vor kurzem verstorbene Franzose Maurice Herzog, Erstbesteiger der Annapurna im Jahre 1950; eigentlich schrieb er nur ein Buch über diese Expedition, dafür verkaufte es sich millionenfach. Der Engländer Edward Whymper, 1865 Sieger des Matterhorns, war ebenfalls bestsellertüchtig – und keineswegs der erste Alpinist. So wenig wie sein Landsmann Albert Smith, der seine Besteigung des Mont Blanc von 1851 gnadenlos vermarktete.
Doch war es vielleicht der Solothurner Naturforscher Franz Josef Hugi? Ja, in gewisser Weise schon. Er war nämlich der erste Bergsteiger, der sich im Winter freiwillig in die vergletscherten Hochalpen hinauf wagte. Am 12. Januar 1832 erreichten er und seine Führer den Stahleggpass (3332 m) oberhalb Grindelwald, an Hugi erinnern heute Hugisattel und Hugihorn. Aber der Erste, der in der Höhe herumstiefelte, war auch er nicht. Am 26. Juni 1492 kletterten Antoine de Ville und seine Gehilfen auf den 2087 Meter hohen, noch immer unzugänglich scheinenden Mont Aiguille unweit Grenoble. Die Geburtsstunde des Alpinismus? Wahrscheinlich die erste schwere Bergtour.
Auf die Berge wurde freilich noch viel früher gestiegen: Der Mönch En-no-gyoja bestieg anno 663 den Fuji (3776 m) in Japan – die erste bekannt gewordene Besteigung eines Gipfels. Und doch: „Der erste bekannte Bergsteiger der Welt“, so schreibt der englische Journalist und Alpinist Ed Douglas in seinem gewichtigen Bildband „Bergsteiger. Auf den Spuren großer Alpinisten“, war der Ötzi. Also Messners 5000 Jahre alter Vorfahre, dessen Leiche am 19. September 1991 an der Grenze von Südtirol gefunden wurde.
Spannend, die Geschichte des Bergsteigens, die uns Douglas, früher Herausgeber des renommierten „Alpine Journal“, da auf 360 grossformatigen Seiten mit 800 Fotografien, Illustrationen, Karten und Tabellen ausbreitet. Die Führer durch 5000 Jahre Alpininstikgeschichte sind 100 Alpinisten und Alpenkenner (17 aus der Schweiz) sowie nur 10 Alpinistinnen, die näher vorgestellt sind. Reine Kletterer wie der ebenfalls kürzlich verstorbene Patrick Edlinger kommen leider gar nicht vor; ein Clarence King, Vater des amerikanischen Bergsteigens, ebenfalls nicht.
Aber halten wir uns an das, was vorliegt. Und das ist viel, insbesondere bildmässig: ein Schwelgen in bekannten und noch kaum gesehenen Helgen. In den Texten selbst sind Doppelspurigkeiten nicht zu übersehen, was freilich weniger stört als die Übersetzung, die zwischen Erstbesteigung (eines Gipfels), Erstdurchsteigung (einer Wand) und Erstbegehung (einer Route) nicht zu unterscheiden weiss. Im Englischen heisst es halt einfach „first ascent“. Patzer gibt es auch beim Porträt von Oscar Eckenstein; so wird er mit Jules Jacot Guillarmod verwechselt. Fehltritte wird es immer geben, gerade beim Bergsteigen. Die Geschichte des Alpinismus ist nachvollziehbar aufbereitet, mit vielen Einschüben zum Leben in den Bergen, zu sechs legendären Gipfeln (aus der Schweiz ist es nicht der Eiger!), zur Entwicklung wichtiger Ausrüstung wie Seil und Pickel sowie zu den Bergen in Malerei, Fotografie, Film und Literatur. Vor allem aus englischer Sicht – of course!
Übrigens: Das Vorwort stammt von Gerlinde Kaltenbrunner, die als erste Frau alle 14 Achttausender ohne künstlichen Sauerstoff bestieg. Früher war es immer Messner gewesen, der die Vorworte zu Bergbüchern schrieb. Offenbar hat er eine Nachfolgerin gefunden.»

Wie gesagt, ein unveränderter Nachdruck. Die Fehltritte – es gibt mehr als die erwähnten – sind nicht korrigiert. Einzig auf der letzten Doppelseite werden David Lama und Ueli Steck als verstorben gemeldet. Und Alex Honold wurde neu aufgenommen; ins Personenregister hat er es aber nicht geschafft. Ja, und noch etwas ist anders: das Format. Statt 31 x 26 cm neu 26 x 22 cm. So haben die „Bergsteiger“ besser Platz im Büchergestell.

Ed Douglas: Bergsteiger. Auf den Spuren großer Alpinisten. In Zusammenarbeit mit The Alpine Club und Royal Geographical Society. Dorling Kindersley Verlag, München 2020, € 30.-.

Das Alpenbuch

Ein neues Alpenbuch aus Hamburg vermittelt auf vergnügliche und überraschende Art ein tieferes Verständnis für das berühmte Gebirge. Allerdings mit ein paar Stolpersteinen.

13. Januar 2021

«TRIGLAV 2864 m. Was das Matterhorn für die Alpen insgesamt darstellt, ist der Triglav für Slowenien. Als bekanntestes Wahrzeichen des östlichsten Alpenlandes befindet sich dessen höchster Berg unter anderem auf der Nationalflagge und sogar auf den slowenischen 50-Cent-Münzen. Bis zur Unabhängigkeit Sloweniens 1991 war der Triglav auch die höchste Erhebung Jugoslawiens.»

Hätten Sie gewusst, nicht wahr? Vielleicht waren Sie sogar mal bei der roten Metalltonne zuoberst auf dem Gipfel. Aber kennen Sie die andern höchsten Erhebungen der acht Alpenstaaten auch? Da sind die Schweiz (Dufourspitze) und ihre fünf Nachbarn (Mont Blanc/Monte Bianco, Zugspitze, Grossglockner und Vorder Grauspitz). Macht sechs bzw. sieben höchste Punkte. Der achte (und kleinste) Alpenstaat geht in diesem Umfeld gerne vergessen, obwohl er dort liegt, wo die Mittelmeerwellen gegen den Alpenwall klatschen: das Fürstentum Monaco! Sein höchster Punkt ist leider nicht der Mont Agel (1148 m), auf dessen Ausläufer die Hochhäuser von Monaco und Monte Carlo stehen, sondern der Chemin des Révoires, 164 Meter über der Küste. Und Monaco nimmt nur 0,001 % Prozent der alpinen Gesamtfläche ein. Auf Platz eins in diesem Ranking thront Österreich (29 %), knapp vor Italien (27 %) und deutlich vor Frankreich (21 %). Und die Schweiz? Bloss 13 %. Dafür stehen im alpinen Helvetien die meisten 4000er. Und dort ist auch am häufigsten grosse Bergliteratur entstanden, wie die entsprechende Doppelseite in „Das Alpenbuch. Zahlen, Fakten und Geschichten in über 1000 Infografiken, Karten und Illustrationen“ zeigt: Von den 12 vorgestellten Büchern zwischen der neuen Heloise (1761) und dem finsteren Tal (2010) spielen gleich sieben in der Schweiz.

284 Seiten mit hunderten Infografiken und Illustrationen, Tabellen und Karten vermitteln in diesem Alpenbuch aus dem alpenfernen Hamburg auf erfrischende Art Facts and Figures zum gesamten Alpenraum. Eben inklusive Slowenien und den beiden Kleinstaaten, die sonst in solchen Büchern oft aussen vor liegen. Behandelt wird alles, von Geografie bis zu Kulinarik, von Skijöring bis zu Mythen und Legenden, von Tieren über Naturschutz bis zu Bergsport, von Verkehrsröhren bis zu Salzbergen. Ein Buch für alle, die sich für die Berge im Allgemeinen und für die Alpen im Besonderen interessieren – ob sie nun die höchsten Kanzeln der Alpenstaaten erklettern oder lieber von der Plage du Larvotto an der Avenue Princesse Grace auf das Ende (oder den Anfang) des Alpenbogens hochblinzeln.

Wie es auf der Rückseite des A4 grossen und 1,2 kg schweren Buches heisst, entstand es in Kooperation mit den Alpenvereinen aus Deutschland, Österreich und Südtirol. Und da erstaunt es doch, dass einige Stolpersteine nicht vermieden wurden. Ein paar Beispiele:
– Bei der Angabe der Sprache, die im Alpenland Italien gesprochen wird, steht nur „Italienisch“. Da werden sich die Bewohner von Meran und Courmayeur doch etwas wundern.
– Die Cascade de Pissevache rauscht im Wallis und nicht in Frankreich.
– Der Rheinfall, der Lac de Neuchâtel und der Kanton Basel-Land (mit dem Burgermeisterli-Schnaps) liegen nicht in den Alpen.
– Die meisten Viertausender erheben sich nicht im Mont Blanc-Massiv, sondern in den Walliser Alpen.
Also mit eingeschalteter Stirnlampe von der Côte d’Azur über die Rothörner und Corni Neri bis zum Schneeberg unweit Wien (höchster Berg Niederösterreichs, östlichster und nördlichster Zweitausender der Alpen) lesend gehen.

Das Alpenbuch. Zahlen, Fakten und Geschichten in über 1000 Infografiken, Karten und Illustrationen. Herausgegeben von Lana Bragin und Stefan Spiegel. Marmota Maps, Hamburg 2020, Fr. 48.-

BERG 2021

Das neue Jahr mit dem neuen Alpenvereinsjahrbuch beginnen – ma certo! Gerade im 2021 mit dem Schwerpunkt Karnischer Kamm.

4. Januar 2021

«I bintsch a glickseligis nais johr, s’òlte is gor unt s’naje is do.
A vrischis, a gesunts unt a lòngis lebm unt òlbm gearn gebm.»

Verstanden? Aber gewiss doch, liebi Bärgfründe. Wenigstens der Spur nach. Zur Sicherheit sei dieser Neujahrswunsch auf Plodarisch hier noch auf Hochdeutsch wiedergegeben: „Ich wünsche ein glückliches neues Jahr, das alte ist um, das neue ist da. Ein neues, gesundes und langes Leben und alleweil gerne geben.“ Klar, machen wir. Hoffen wir, gerade auf ein gesundes Leben. Aber um Gottes Willen, was ist denn das für eine Sprache: Plodarisch? Dieses deutsche Idiom, verwandt mit dem Zahrischen und dem Tischlbongarischen, wird in der Sprachinsel Sappada-Plodn gesprochen, einer von vier deutschsprachigen Enklaven auf der italienischen Seite der Karnischen Alpen. Die drei andern sind Sauris-Zahre, Timau-Tischlbong und Val Canale-Kanaltal. Nachzulesen ist der Beitrag über die deutschen Sprachgemeinschaften in Friaul-Julisch Venetien, einer der 20 Regionen von Italien, im Alpenvereinsjahrbuch BERG 2021. Haupthemen im frischen Jahrgang: der Karnische Kamm und das Wandern.

Wandern ist einer der bevorzugten Freizeitbeschäftigungen von Österreichern, Deutschen und Schweizern. Der Soziologe Hartmut Rosa erklärt im Gespräch die grundlegende Resonanzerfahrung, die das Gehen in der Natur ermöglicht. Weitere Beiträge widmen sich den gesundheitlichen Aspekten des Wanderns, folgen der dreimonatigen Wanderung von Joseph Kyselak durch die Ostalpen anno 1825 oder beleuchten Wanderwege unter E-Bike-Strom knapp 200 Jahre später.

Die Rubrik BergMenschen bringt neben einem Porträt der bayerischen Bergsteigerlegende Hermann Huber (der langjährige Chef von Salewa feierte 2020 seinen 90. Geburtstag) auch eines mit Andrea Eisenhut. Die erste deutsche Meisterin im Sportklettern (1991) klettert auch mit 60 Jahren noch im 10. Grad und hat in den letzten Jahren zahlreiche schwierige Alpinrouten erschlossen. Mit Christoph Ransmayr steht einer der großen Erzähler der Gegenwart im Blickpunkt der Rubrik BergKultur. Warum haben unverfügte Räume wie Gebirge, Meere und Wüsten in seinem Werk eine so zentrale Bedeutung? In BergWissen geht es unter anderem um das im Zuge des Klimawandels wachsende Risiko von Steinschlag auf alpinen Wegen, und wie man es beurteilen und mit ihm umgehen kann.

Aufgepasst also, liebe Bergwanderer, wenn Ihr in diesem Jahr den Karnischen Höhenweg unter die Füsse nehmen wollt (sofern denn ein Wandern im Ausland wegen der Coronapandemie überhaupt möglich ist). Auf der Höh muss ja kaum mit herabfallenden Steinen gerechnet werden. Aber der Weg (er dauert eine knappe Woche) quert auch abschüssige Hänge. Und wer unterwegs gar noch den Monte Coglians/die Hohe Warte (2780 m), den höchsten Gipfel der Karnischen Alpen, erklimmen will, muss auf der Normalroute durch die Südseite mit losem Fels umgehen können. Die zahlreichen Totentafeln auf dem Gipfel scheinen eine klare Sprache zu sprechen. Am 18. Juli 2013 fotografierte ich unter anderem eine zweisprachige Erinnerungsplakette: „A Davide fra la sŏs monts“.

BERG 2021. Alpenvereinsjahrbuch, herausgegeben vom Deutscher Alpenverein (DAV), Österreichischer Alpenverein (OeAV) und Alpenverein Südtirol (AVS). Redaktion Anette Köhler und Axel Klemmer. Tyrolia-Verlag, Innsbruck 2020, € 20.90.