Drei ganz unterschiedliche Bücher zu Tälern in den Schweizer Alpen.
«Schieferblau wird der Nachmittag. Die Almböden still wie Feiertage, am Himmel stehen bauschige Wolken und schläfrig surrende Fliegen kreisen über Kuhfladen. Kein Lüftchen, kein Gräserzittern, nur Sommerstille – bis eine Lawine ins Tal poltert…»
Wunderbarer Einstiegstext in die 13. Szenenfolge, überschrieben mit Dürrenberg, einer Alp hinten im Kiental, am Weg zur Sefinenfurgge. Entnommen dem Buch «Wundersames Kiental. Ein Porträt der 1950er-Jahre». Darin verbindet die Musikerin, Schauspielerin und Autorin Christina Zurbrügg, aufgewachsen in diesem von der Blüemlisalp gekrönten Tal, 100 historische Filmstills von Albert Landtwing mit poetischen Texten zu einem grossartigen literarischen Fotoband. Der Berner Amateurfilmer Landtwing hielt in den 1950er-Jahren das Leben in dem berühmten Bergbauerndorf fest, wo einst Lenin tagte und Dürrenmatt soff. 19 Szenenfolgen zu unterschiedlichen Themen, wobei Chilbi und die Folgen gleich drei einnehmen. Und natürlich kommt auch die steile Postautostrasse hinauf auf die Griesalp zu Wort und Bild:
«Früher war hier das Klipp-Klapp der Maulesel auf dem farnwaldigen Saumpfad, fliegenschweissdampfendes Fell trottete die tauwasserschwammigen Kurven hinauf, auf dem Rücken Proviant und Menschen, Kolonialwaren und Kolonialisten.»
Wir wechseln Tal, Buch und Sprache. Vier italienischsprachige Bündner Südtäler gibt es. Eines von ihnen ist eine Sackgasse, ausser für Wanderer und Bergsteigerinnen. Das Val Calanca – sagenhaft schön und wild. Und voller alter Geschichten, welche die Talbewohnerin Verena Schwarzer in «Val Calanca. Im Tal der Sagen und Legenden» zu neuem Leben erweckt, zusammen mit stimmungsvollen Fotos von Urs Bolz. Ein Buch zum Lesen: zuhause, viel besser aber vor Ort. Denn es ist immer wieder eine Erkundung wert, dieses Tal abseits bekannter Wege. 63 Geschichten, verteilt auf 14 Orte, erzählen vom Grossvaterbaum in Castaneda, vom Mörderbrunnen in Buseno und von der schwarzen Nonne in Cauco, vom Geist eines verlorenen Wanderers, vom Sennentuntschi von Masciadon und von der Nymphe des Ria di Calanca. Dazu gibt das gediegen gemachte Buch kurze Einblicke zu den Schmugglern und Banditen des Tales, zu den Hexen und heiligen Helfern, zu den Schalensteinen.
Wir bleiben in Graubünden, wandern aber über die Pässe Passit, San Bernardino und Valserbärg ins Bündner Oberland, genauer: in die Region zwischen Rheinwaldhorn und Piz Mundaun. Das von Tobias Heinisch und Rita Schmid herausgegebene Buch «Convivenza. Unterwegs in Vals, Lumnezia und Obersaxen Mundaun» stellt diese drei Berggemeinden auf der rechten Seite des Vorderrheins vor; sie haben gemeinsame Grenzen, aber unterschiedliche sprachliche, kulturelle und konfessionelle Wurzeln. Mehrere Autorinnen und Autoren befassen sich mit Sprache, Kunst, Musik, Architektur, Tourismus und Landwirtschaft. Dazu wird in jeder Gemeinde eine aufschlussreiche Wanderung präsentiert. Ganz besonders ist die Fotostrecke «Vischinonzas – Nachbarschaften. Leben mit dem Wolf». Jaromir Kreiliger hat ihn in ganz alltägliche Fotos hineinkopiert, mal in einer Kurve der Alpstrasse, mal mitten im Dorf, dann bei der Talstation eines Sesselliftes oder hinter einem Heuballen, und über die Staumauer des Zervreilasees spazieren gleich drei Wölfe. Was im Buch fehlen, sind eine Übersichtskarte von heute und Winterfotos. Immerhin gibt es in den drei Gemeinden zwei ganz feine Pistenskigebiete. Und für Skitouren sind die Täler dort einfach wunderbar.
Christina Zurbrügg: Wundersames Kiental. Ein Porträt der 1950er-Jahre. Wondrous Kiental. A portrait of the 1950s. Mit Bildern von/With photos by Albert Landtwing. AS Verlag, Zürich 2026. Fr. 29.-
Verena Schwarzer: Val Calanca. Im Tal der Sagen und Legenden. Mit Fotos von Urs Bolz. AS Verlag, Zürich 2026. Fr. 29.80.
Tobias Heinisch, Rita Schmid (Hg.): Convivenza. Unterwegs in Vals, Lumnezia und Obersaxen Mundaun. Mit Fotos von Lucia Degonda. Hier und Jetzt Verlag, Zürich 2026. Fr. 39.-




























