Reinhold Messner wird 75

Zwei neue alpinhistorische Werke von Reinhold Messner. Das eine schaut zurück, das andere zum Glück auch voraus.

12. September 2019

„Er [Willy Merkl] gefällt sich hier in der Rolle eines Paschas, die er oben, wenn es hart auf hart geht, wahrscheinlich wird aufgeben müssen. … Ihr werdet Euch fragen, warum ich Euch das alles mitteile. Nun, weil ich das meinem Tagebuch nicht anvertrauen will. Man weiβ nie, wie Tagebücher in fremde Hände kommen. Balbos Tagebuch z.B. hat Merkl sofort an sich genommen. Andererseits erscheinen mir diese Dinge doch wichtig genug, festgehalten zu werden, falls einmal darüber gerechtet werden sollte, warum die Expedition nicht so abgelaufen ist, wie sie vielleicht wünschenswert gewesen wäre.“

Schrieb der Münchner Willo Welzenbach, einer der besten Alpinisten seiner Zeit, am 22. Juni 1934 seinen Eltern aus dem Basislager am Fusse des Nanga Parbat (8125 m), den er zusammen mit anderen Bergsteigern im Rahmen der Deutschen Himalaya-Expedition 1934 unter der Leitung von Willy Merkl erstbesteigen wollte. Am 10. Juli griff Welzenbach, Erstdurchsteiger zahlreicher Nordwände (so Dent d’Hérens, Gross Fiescherhorn, Grosshorn, Gletscherhorn. Lauterbrunnen Breithorn und Nesthorn), im Lager VII auf 7200 Metern zum letzten Mal zum Stift und kritzelte auf ein Blatt – Ausschnitte: „Wir liegen seit gestern hier, nachdem wir Uli im Abstieg verloren. Sind beide krank. Ein Versuch, nach 6 vorzudringen miβlang wegen allgemeiner Schwäche. […] Wir haben beide seit sechs Tagen nichts Warmes gegessen und fast nichts getrunken. Bitte helft uns bald hier in L. 7.“ Es gab keine Hilfe im tagelangen Höhensturm. Welzenbach starb in der Nacht vom 13. auf den 14. Juli. Insgesamt blieben drei Deutsche und sechs Sherpas oben am Nanga Parbat zurück; zudem war am 8. Juni Alfred „Balbo“ Drexel an einem Lungenödem gestorben.

Nun hat Reinhold Messner – der Nanga Parbat war 1970 sein erster 8000er, und er ist auch so etwas wie sein Schicksalsberg, verlor Reinhold doch beim Abstieg seinen Bruder Günther – ein neues Werk über Willo Welzenbach veröffentlicht. „Der Eispapst. Die Akte Welzenbach“ ist eine Neuaufbereitung einer schon bekannten Geschichte über einen grossartigen Alpinisten, der zuletzt nicht nur am Berg den Kampf verlor, sondern schon vorher mehrmals gegen seinen Konkurrenten Paul Bauer, der als überzeugter Nationalsozialist im Hitler-Deutschland das bessere „Material“ besass. Messner zitiert ausführlich aus den Briefwechseln der Akteure, aus dem Tagebuch und den Tourenberichten von Welzenbach sowie aus anderen Quellen. „Es soll keine wissenschaftliche Arbeit sein, was ich daraus gemacht hae“, schreibt er im Nachsatz, „sondern eine Erzählung, die aus Dokumenten und Briefen schöpft, die zum Glück weiter existieren.“

Ganz ehrlich muss ich sagen, dass Messner schon besser erzählt hat. Denn das kann er. Aber seitenlang Briefe vorzulegen, die typographisch nicht vom Lauftext abgehoben sind, da kommt man beim Lesen so rasch vorwärts wie beim Spuren in knietiefem Schnee. Wer sich also einen besseren und wissenschaftlicheren Überblick über Willos Akte verschaffen will, folge diesen vier Publikationen: Franz Grassler: Dr. Willo Welzenbach. Zu seinem 60. Geburtstag, in: Jahrbuch des Deutschen Alpenvereins 1960; Peter Mierau: Die Deutsche Himalaja-Stiftung von 1936 bis 1998. Ihre Geschichte und ihre Expeditionen, Bergverlag Rother, 1999 (mit einem freundlichen Vorwort von Messner zu Paul Bauer); Peter Mierau: Nationalsozialistische Expeditionspolitik. Deutsche Asien-Expeditionen 1933–1945, Utz-Verlag, 2003. Sowie natürlich Eric Roberts: Willo Welzenbach. Eine biographische Studie mit ausgewählten Schriften, Carta Verlag, 1981.

Bei Roberts findet sich auf Seite 230 ein Foto der Erstdurchsteigung der Nesthorn-Nordwand am 25. Juli 1933 mit folgender Legende: „Alfred Drexel führt bei der Erstbesteigung der Nesthorn Nordwand.“ Was er auch tat, wie im beiliegenden Bericht von Erich Schulze zu lesen ist. Diesen Text hat Messner in seinem Buch aufgenommen, gekürzt und ohne die Kürzungen zu kennzeichnen. Auch das Foto findet sich, im Buch drin und auf der Rückseite des Umschlags, seitenverkehrt und mit dieser Legende: „Seilerster Welzenbach.“ Und hier die zum Foto passende Textpassage in der Gegenüberstellung, wobei die Zeitangabe für den Quergang und das Nichtwahrnehmen der Umgebung bei Schulze ein paar Zeilen weiter oben zu lesen sind. – Original Schulze: „Aber auch diese Minuten äußerster Konzentration gingen vorüber. Wir atmeten auf, als gegen 2 Uhr 30 Min. Drexel nach bewunderungswürdiger Führung die letzten Meter der plattigen, schon minder steilen Felszone überwand und die Firnhänge des Gipfelaufbaus erreichte. Wenige Schritte spurte er in dem bereits weicher werdenden Firn und konnte prachtvoll sichern. Nun erst erreichten ihn die ersten Sonnenstrahlen, die eine Belohnung für die Mühe und Anstrengung der vorübergehenden Stunden waren. In dem lichtüberstrahlten Firn warf seine Gestalt einen langen Schatten. Willo und ich kamen bald nach. Wir gönnten uns die erste Rast, aßen ein wenig.“ – Version Messner: „Minuten äußerster Konzentration sind vergangen, als Drexel die letzten Meter der weniger steilen Felszone und dann die Firnhänge des Gipfelaufbaus erreicht. Er kann endlich sichern, und uns wärmen die ersten Sonnenstrahlen! Für zwanzig Meter Höhenunterschied und fünfzig Meter Quergang nach rechts hat er fast drei Stunden gebraucht. Unser Interesse für die Umwelt ist dabei völlig verschwunden. [Neuer Absatz] Willo und ich gönnen uns die erste Rast, essen ein wenig von unserem Proviant.“ – Fazit der Neufassung: Sonnenstrahlen für Welzenbach und Schulze, obwohl sie noch im Schatten stehen, aber keine Brotzeit für Drexel…

Ein anderes, neues Buch von Reinhold Messner kann ich freilich bestens empfehlen. Es heisst „Mord am Unmöglichen. Spitzenkletterer aus aller Welt hinterfragen die Grenzen des Möglichen.“ Der Titel geht zurück auf einen wegweisenden Artikel von Messner in der Zeitschrift „Alpinismus“ im August 1968: „Direttissima – oder Mord am Unmöglichen.“ Darin forderte er den Verzicht auf technische Hilfsmittel beim Klettern. Im Buch kommt Messner auf diesen Artikel zurück und ergänzt ihn und die Geschichte, die er ausgelöst hat, mit eigenen und fremden Gedanken und Texten. Im zweiten Teil des von Luca Calvi und Alessandro Filippini herausgegebenen Buches kommen 42 Topalpinisten (38 Männer und vier Frauen) aus der ganzen Welt zu Wort, nehmen Stellung zum Unmöglichen bzw. Möglichen sowie zur Zukunft des Alpinismus und des Kletterns. Als leider sozusagen letzte Worte sind dabei auch drei Beiträge von Alpinisten, die seit der Publikation des Buches wie Willo Welzenbach in den Bergen geblieben sind. So von Hansjörg Auer, der am 16. April 2019 von einer Lawine in den Tod gerissen wurde. Ausschnitt aus seinem Beitrag: „Heutzutage sind viele Kletterer und Alpinisten nahezu ausschlieβlich von der Suche nach Schwierigkeiten getrieben. Das ist auch legitim und völlig normal bis zu einem bestimmten Alter. Bei mir war es genauso. Ich habe allerdings über die Jahre gelernt, dass es um etwas anderes geht. Zumindest für mich. Es ist nicht so wichtig, wo man klettert und was man klettert, sondern mit welchen Partnern man klettert und vor allem wie. Der Berg, das Gelände gibt den Weg vor, und wir müssen ihm folgen.“

Und mit diesen schönen Sätzen gehen wir über zum Feiern. Am 17. September wird Reinhold Messner 75 Jahre alt. Tanti auguri!

Reinhold Messner: Der Eispapst. Die Akte Welzenbach. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2019, Fr. 38.-

Reinhold Messner: Mord am Unmöglichen. Spitzenkletterer aus aller Welt hinterfragen die Grenzen des Möglichen. Herausgegeben von Luca Calvi und Alessandro Filippini. Malik Verlag, München 2018, Fr. 38.-

Himmelwärts. Bergführerinnen im Porträt

Ein starkes Buch über starke Frauen.

6. September 2019

„Als ich neulich am Groβglockner, dem höchsten Berg Österreichs, auf der Hütte ankam, sagte der Wirt ganz erstaunt zu mir, eine Bergführerin zu Besuch, so etwas habe er noch nie erlebt! – Ich kramte meinen Bergführerausweis hervor, er schaute mich mit groβen Augen an und hat daraufhin höchstpersönlich mit mir einen Schnaps getrunken (lacht). Du musst als Frau schon selbstsicher sein, sonst wirst du nicht Bergführerin. Doch im Prinzip macht das Geschlecht keinen Unterschied am Berg. Entweder man hat das Gespür für das Bergsteigen, oder man hat es nicht.“

Sagt Käthi Flühmann aus Unterbach bei Meiringen, 55 Jahre alt, Bergführerin seit 1988. Sie machte als zweite Frau das Bergführerpatent in der Schweiz; die erste war Nicole Niquille 1986. Nicht einmal 40 Frauen zählt der Schweizer Bergführerverband heute, neben 1300 Männern. In ihrem jüngsten Werk lässt Daniela Schwegler Bergführerinnen zu Wort kommen. Titel des Buchs über Frauen, die nicht nur buchstäblich vorangehen: „Himmelwärts.“

„Traum Alp“, „Bergfieber“ und „Landluft“: So heissen die Bücher von Daniela Schwegler, in denen sie Älplerinnen, Hüttenwartinnen und Bergbäuerinnen porträtiert hat. Nun also die Bergführerinnen. Zwölf von ihnen, von Nicole Niquille bis zur Aspirantin Caro North, hat die bergsportbegeisterte Autorin begleitet und befragt: Was treibt sie an? Wie haben sie sich ihren Platz in diesem Männerberuf erkämpft? Von welcher Herausforderung träumen sie schon ihr ganzes Leben? Zwölf authentische Lebensgeschichten von Frauen, die ihren Weg gegangen sind und ihn immer noch gehen, mit und ohne Ehemännern und Kindern. Hochspannende Lektüre aus dem Hochgebirge und dem Alltag, allen Frauen empfohlen – und den Männern erst recht. Unabhängig davon, ob sie zu Berge gehen oder nicht.

„Himmelwärts“ erfreut aber nicht nur durch die Porträttexte, sondern auch durch die Fotos von Christian Jaeggi, Ephraim Bieri und Riccardo Götz. Sie zeigen die Bergführerinnen unterwegs, mit und ohne Gäste, im Steilfels führend, im Pulverschnee kurvend und vielleicht auch mal im blumigen Gras liegend: überraschende und erfrischende Aufnahmen, perfekt passend zu diesem Buch über Pionierinnen. Mehr noch: Zu jedem Porträt gibt es einen oft historischen Hintergrundtext, zum Beispiel zur Geschichte des Frauenalpinismus. Und jedes Porträt der zwölf Bergführerinnen wird mit einem eleganten Tourentipp abgerundet. Bei Käthi Flühmann, der Ururenkelin des berühmten Meiringener Bergführers Melchior Anderegg, ist es das Gwächtenhorn (3403 m) im Sustengebiet.

Daniela Schwegler: Himmelwärts. Bergführerinnen im Porträt. Rotpunktverlag, Zürich 2019, Fr. 39.-

Buchtaufe und Gespräch: Am 12. September 2019 um 20.15 Uhr stellt Daniela Schwegler ihr neues Buch in der Transa-Filiale Europaallee in Zürich vor. Mit dabei: die Bergführerinnen Evelyne Binsack, Barbara Leuthold und Angelina Huwiler sowie die Fotografen des Buchs. Moderation: Annette Marti. Bitte bis Donnerstag, 12. September 2019 12.00 Uhr, anmelden unter www.transa.ch/workshops-vortraege/bergfuehrerinnen-portrait/.

Klettergarten Holzegg

Zum ersten Mal im Klettergarten auf der Holzegg. Der schönste Ort zum Klettern, den sie kenne, sagt Christa.

5. September 2019

Die Wand sieht phantastisch aus, fast weisser Kalkfels, geformt wie ein kleiner Berg, eine achtzig Meter hohe Kopie des Grossen Mythen, an dessen Fuss er sich erhebt. In der Seilbahn haben wir Peter Guyer getroffen, den «Mythenpöstler», Doyen des Huderterclubs. Er steige nicht mehr hinauf, sehe fast nichts mehr. Sein Freund vom Hunderterclub, Armin Schelbert, schaffe demnächst die 5000ste Besteigung des Grossen Mythen. Wie wir gönnt sich auch Peter einen Kaffee im Restaurant. Zur Wand sind es ja nur fünf Minuten, den etwas versteckten Einstieg in den Zugangsweg finden wir auf Anhieb.

Es ist ein gewöhnlicher Werktag, doch da klettern schon einige Teams, eine Seilschaft hängt hoch in der Wand. An Wochenenden sei der Klettergarten schon ziemlich überlaufen. Eigentlich frage ich mich, warum wir noch nie hier gewesen sind. Die Anfahrt mit Zug, Bus und Seilbahn ist mit OeV einfach und schnell. René Andermatt, der die Hauptarbeit beim Einrichten geleistet hat, hat mir vor ein paar Jahren fürs Mythenbuch Informationen geliefert. Und erwähnt, dass wir uns eigentlich kennen. Vor dreissig Jahren entstanden die ersten Routen, 2010 bis 2014 haben René und sein Team grosse Arbeit geleistet. Fels geputzt. Über dreissig Routen eingebohrt, zum Teil bis drei Seillängen, mit Abständen wie in der Halle, dazu perfekte Stände mit Ketten und Umlenkkarabinern. Ein kleines Vermögen haben sie wohl investiert. Zur Freude der kletternden Nachwelt.

Und die Freude ist gross, der Fels schön griffig, noch nicht abgespeckt, die Routen, die wir klettern, interessant. Risse, Platten, sehr abwechslungsreich. Klar, wir bleiben im Seniorenbereich! Die Sonne wärmt, in der Tiefe tingeln Kuhglocken auf der Alp, über dem Muotathal sehen wir Rossstock, Kaiserstock, Blüemberg. Berge, die zu unserer eigenen, ganz privaten Geschichte gehören. Glückliche Erinnerungen. Wir klettern für einmal mit Helm, wie empfohlen, da gelegentlich noch ein Griff abbrechen kann oder sonst ein Stein sich lösen. Allerdings hören wir keinen einzigen an diesem Tag. Wahrscheinlich ist der Weg auf den Grossen Mythen gefährlicher, was Steinschlag betrifft.

Die Wand ist durch einen Bergsturz vom Holzeggköpfli entstanden, die riesige Schutthalde hat eine ganze Alp zugedeckt. Der Geologe Albert Heim datiert ihn ins 16. Jahrhundert. Der Malmkalk ist im geologischen Massstab noch frisch gebrochen, wenig verwittert. Nach den paar Stunden Kletterei sind wir so begeistert, dass ich sogar wieder mal einen Blog schreibe …

Zu Beginn meines Kletterlebens, Frühling 1960 glaube ich, bin ich schon einmal zum Klettern auf die Holzegg gekommen. Mit dem Velo die weite Fahrt aus dem Zürcher Oberland ins Alpthal. Köbi, mein Gefährte, baute mit seinem Töffli einen kleinen Unfall, den verbogenen Lenker seines konnten wir von Hand wieder richten. Köbi wanderte kurz darauf nach Neuseeland aus, wo er glaube ich heute noch lebt.

Eine schlaflose Nacht verbrachten wir im Massenlager auf der Holzegg. Eine Gruppe von besoffenen Naturfreunden gröhlte, erzählte schlüpfrige Witze. Ruhig waren nur die Pärchen, die unter Wolldecken kuschelten. Am Morgen waren wir fast froh, dass dicke Wolken um die Mythen strichen, die Felsen noch nass waren vom Regen der Nacht.

Wir unterhielten uns mit zwei  Kletterern der Jugendorganisation der SAC-Sektion Mythen aus Schwyz, die am Nachmittag zum Geissstock wollten. Köbi und ich zogen ab. Zwei Tage später las ich in der Zeitung, dass Klaus Neff und Gebhard Bischof an jenem Tag zu Tode stürzten. So hat der schönste Tag auch seine besinnliche Seite, denn vor den Erinnerungen gibt es kein Entrinnen. Sie sind da, eingeschrieben in die Landschaft, lesbar nur für die Erinnernden.

Oberwalliser Sonnenberge

Ein Muss für Heimwehwalliser und Üsserschwiizer, Fusstouristen und Stubenhocker: der neue Wanderführer von Marco Volken.

27. August 2019

„Es gibt Berge, denen es nicht ganz zum Viertausender reicht, die das Manko aber locker mit anderen Werten wettmachen und eine ungleich gröβere Ausstrahlung und Faszination ausüben als manch einer ihrer höhergestellten Kollegen. In Graubünden etwa der leuchtende Piz Palü (3900 m), im Berner Oberland des düstere Eiger (3970 m). Und im Wallis ganz eindeutig das 3934 Meter hohe Bietschhorn.“

Meint Marco Volken zu Recht. Er weiss es. Erstens als Oberwalliser – die Volkens kommen von Fiesch, die Mama war eine Grichting, und die stammen von Leukerbad. Zweitens als Mitautor des grossen Bildbandes „Die Viertausender der Schweiz“. Drittens als Mitherausgeber der Bergmonografie „Bietschhorn – Erbe der Alpinisten“. Und viertens als Verfasser und Fotograf des Wanderführers „Oberwalliser Sonnenberge. Wandern und Geschichten vom Goms bis zur Gemmi“, vor wenigen Tagen im Zürcher Rotpunktverlag herausgekommen.

Ein durch und durch sonniges Werk! Von den 25 Touren über die 38 Hintergrundtexte bis zu den 203 Volken-Fotos und den vielen historischen Illustrationen – einfach bietschhornwürdig. Dieser Gipfel hat natürlich auch seinen Auftritt, auf zwei Hüttentouren kommen wir ihm ganz und höchst erfreulich nah; dem sehr unsympathischen Stifter der Baltschiederklause übrigens auch. Wo Sonne, ist halt auch Schatten; das ist zwischen dem Sidelhorn ob der Grimsel und dem Schwarzhorn ob der Gemmi nicht anders.

Zwischen diesen Pässen breitet sich eine Landschaft aus, die kaum vielfältiger sein könnte. Sie reicht vom Aletschgletscher, dem grössten der Alpen, bis zur heisstrockenen Felsensteppe, von Lappland bis Sizilien. Die unmittelbare Nähe arktischer und mediterraner Lebensräume fasziniert seit vielen Jahrhunderten Reisende, Literaten, Naturwissenschaftler – und natürlich auch Marco Volken bzw. uns Wanderer, die wir ab sofort mit seinem Führer unterwegs sein werden. Gerade im Herbst, wenn der Himmel tiefblau, die Vier- und Dreitausender schon schneeweiss und die Lärchen goldengelb leuchten. Das rucksacktaugliche Werk weist 312 Seiten auf und umfasst 18 Tages- und 3 Zweitagestouren, 4 Winterwanderungen sowie einen ausführlichen Serviceteil. Auf der Hinfahrt, der Rückfahrt und hoffentlich auch beim Übernachten in einer gemütlichen Unterkunft, dann begleitet von einem Glas aus den Oberwalliser Rebbergen, lesen wir die Geschichten: vom einst wichtigen Hotel Jungfrau und vom „Negerdorf“ in Naters, von unverwirklichten Ingenieurs- und von erlebbaren Gourmetträumen, von den Lötschbergtoten und von Glaubenszeichen am Wegrand.

Vor gut 100 Jahren erschienen die ethnografischen Monografien „Das Goms und die Gomser“, „Am Lötschberg: Land und Volk von Lötschen“ und „Sonnige Halden am Lötschberg“ von Friedrich Gottlieb Stebler (1852–1935); gesuchte Werke, die neu aufgelegt wurden. Marco Volkens „Oberwalliser Sonnenberge“ wird ebenfalls ein Klassiker. Denn: So wie es Gipfel und Gipfel gibt, gibt es auch Bücher und Bücher. Anders gesagt: Hüerugüet!

Marco Volken: Oberwalliser Sonnenberge. Wandern und Geschichten vom Goms bis zur Gemmi. Rotpunktverlag, Zürich 2019, Fr. 39.- www.rotpunktverlag.ch, www.marcovolken.ch

Adieu «Schöne Berge»! Am Sonntag, 1. September 2019, findet die Finissage der Ausstellung «Schöne Berge» im Alpinen Museum der Schweiz statt. Darauf verschwinden die gemalten Gipfel wieder in der Museumssammlung, darunter auch Oberwalliser Sonnenberge wie Aletschhorn, Bietschhorn oder Olmenhorn (dieses spiegelt sich in einem See von Märjelen auf dem Cover des druckfrischen Buches!). Spaziert also ein letztes Mal mit Mitwirkenden durch das aufgehängte Bergpanorama, geniesst die Aussicht bei einer Qigong-Lektion oder beweist beim Panorama-Lotto Gipfel-Kenntnisse; letzteres von 16.15 bis 17.00 Uhr, moderiert vom Verfasser der wöchentlichen Bergbuchtipps. Er freut sich mächtig auf Eure Teilnahme! www.alpinesmuseum.ch/de/veranstaltungen/schoene-berge?article=schoene-berge-grosse-finissage

Pizol – Bilder im Wandel

Wer mit den eigenen Kindern Orte besucht, die man selbst mit Kinderaugen sah, der weiss, dass alle Veränderung auch Anfang ist.
Wer seit Jahrzehnten in die Berge steigt sieht, oft voll Wehmut, wie überall die Gletscher schwinden. So hat jeder und jede seinen oder ihren Ort des Schmerzes und des Neuanfangs. Meiner liegt am Pizol.

20. August 2019

War ich neun, zehn oder elf Jahre alt, als mich mein Grossvater mit auf die Fünf-Seen-Wanderung nahm? Ich weiss es nicht mehr. Sicher aber war es in jener Zeit, als ich schon in Karten von Bergen las, mir sehr genau ihre Höhen merkte und wusste, welche der hohen unter ihnen man auf einem Weg besteigen konnte. Um diese bat ich dann meinen Grossvater: «Können wir nicht einmal dort hinauf?».

Immer höher wollte ich, wie jedes heranwachsende Kind.

Auf der Wildseeluggen, wo  sich der Blick zum Pizol öffnet, hatten wir damals eine Pause gemacht. In meiner Bubenerinnerung umschlossen dunkle, zackige Felstürme einen Gletscher, der sich in weissen Mulden das Hochtal hinabsenkte, bis zu einem See, der uns zu Füssen lag. Seilschaften gingen über die Firnflächen auf die Höchste der Felszacken zu und neben uns machte sich eine Gruppe bereit. Ich sah Steigeisen, Pickel und Seil. Echte Bergsteiger waren es, bewundernd schaute ich zu ihnen auf. Zwischen ihnen und mir lag, wie eine unsichtbare Pforte, der Gletscher. Als wären sie Helden in einem Märchenland, schritten sie auf ihn, und über ihn höher hinaus.

Kinderaugen erscheint alles grösser. Der Pizol war für mich ein hochalpines Ziel, vielleicht für später einmal, wenn ich älter sein würde. In das Heranwachsen, das anderswo geschah, nahm ich ein Erinnerungsbild mit, das blieb. Als Jugendlicher, als Student ging ich Bergsteigen, auch richtig, mit Seil, Pickel und Steigeisen, und hatte den Pizol auch noch mit wallendem Gletscher und dunklen Felsspitzen im Hinterkopf als ich, Jahrzehnte später, zurückkehrte.

2019: Mit meinen beiden Buben, sie sind acht und zehn, planen wir eine Bergtour. Und da kommt mir der Pizol in den Sinn. Das alte Bild, erweitert um das Hörensagen. Gibt es dort nicht mittlerweile einen Steig um den Rest des Gletschers herum? Mit einigen Drahtseilen? Das fänden die beiden total spannend! Und ein neuer Höhenrekord wäre es bestimmt. Letzteres lässt sich rasch in Erfahrung bringen, ich muss sie nur fragen, sie wissen die Höhen aller Gipfel, die sie schon bestiegen haben, auf den Meter genau. Wir sind begeistert und der Plan ist gefasst.

An der Wildseeluggen spielen Wolkenreste um die Grauen Hörner. Der höchste Punkt ist der hinterste, der, an dessen Fuss der Hang, blaugrau, an einer Stelle blankes Eis zeigt.

„ Ist das der Gletscher?», fragen die Buben. Wie im Flug steigen wir über die Flächen, die mit runden Buckeln das Hochtal ansteigen und steinig, dabei rötlich, grünlich, braun, beige, gelb, grau und schwarz sind, jedenfalls alles andere als weiss, wie sie in meiner Erinnerung waren. Vor uns, über uns, zwischen den friedlich ziehenden Nebeln, steigen buntgekleidet Menschen durch die dunklen Felsen.

«Da gehen wir auch hinauf», jauchzen die Buben begeistert und klettern später voll Freude über blockige Felsstufen, hängen die Karabiner ihrer Bandschlingen in die Drahtseile, den Markierungen nach, um immer neue Ecken, zu immer nächsten Stufen.

Der neue Weg umgeht den alten Gletscher in weitem Bogen und es ist schon spät als wir den Gipfel erreichen. Um Sechzehn Uhr fährt die letzte Bahn. Ich rechne. Über den Firn des alten Gletschers wären wir schneller, auch wenn er oben recht steil ist für die weichen Kinderbergschuhe. Die beiden sind noch unsicher auf dem Firn, rutschen leicht und trauen sich nicht recht. Trotzdem biegen wir am Pizolsattel links ab und erreichen, kurz über steiles Geröll, den obersten Schnee. Hier hole ich die dreissig Meter Reepschnur, die ich für alle Fälle mitgenommen habe heraus und binde uns zur Gletscherseilschaft zusammen. Nicht unbedingt der Spalten wegen, die es wohl kaum noch hat, sondern, um die beiden von oben zu halten, sollten sie auf dem ungewohnt geneigten, ausgleitenden Grund ins Rutschen geraten. So gehen wir erst gerade, dann in einem Rechtsbogen um den ausgeaperten Teil herum, die wenigen hundert Meter das Gletscherchen hinab. Da ist es kein schmerzlicher sondern ein glücklicher Moment als ich, am Ende des Seiles gehend, die Seilschaft meiner liebsten Menschen vor mir sehe und mit ihnen zusammen den Pizolgletscher begeh, nun doch noch wie ein echter Bergsteiger.

Was werden die Kinder für Bilder mitnehmen? Sie, die den Pizol gleich besteigen konnten als sie ihn zum ersten Mal sahen? Was wird ihr Leben bringen? Welche Berge, welche Höhen im echten oder übertragenen Sinn? An einem Seelein vorbei, dass es in meiner Kindheit noch nicht gab, steigen wir hinab. Die Generationen, die aufeinander folgen, gemeinsam durch die Landschaft, die in stetem Wandel ist. Was für ein schöner Tag.

Klettern wie wild

Fünf neue Kletterführer für die Schweiz mit insgesamt 1864 Seiten: „Genügend Stoff für ein ganzes Kletterleben“ (Sandro von Känel).

„Etwas verwaist und vergessen döste das kleine Klettergebiet Les Chenevières bis anhin hoch über dem Vallon de St-Imier. Kein Wunder, mit fünf gebohrten Routen und einem alten Sektor mit rostigen Normalhaken war es nicht gerade ein Kletter-Hotspot. Eigentlich schade, denn der Fels ist trotz waagrechter Schichtung erstaunlich fest. Es gibt viele Risse, und die Aussicht vom gemütlichen Grillplatz oberhalb der Felsen ist fantastisch und lädt zu längerem Verweilen ein. Alles gute Gründe, Les Chenevières aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken. In Rücksprache mit den Locals und Erstbegehern setzten wir eine neue Idee gleich in die Tat um: Ein Clean-Climbing Übungsklettergarten.“

Et voilà! Gelesen – aber noch nicht geklettert! – in einem ganz neuen und ziemlich anderen Kletterführer, mit einem ganz originellen, doppeldeutigen Titel: „C(H)lean“. Im Untertitel heisst das 464-seitige Gemeinschaftsprodukt von Schweizer Alpen-Club und Mountain Wilderness Schweiz so: „Klettern mit Friends und Keilen in der Schweiz“. Silvan Schüpbach und Tim Marklowski stellen 64 Gebiete vor, in welchen das Klettern mit mobilen Sicherungsmitteln erlernt und angewendet werden kann. Dabei reicht die Auswahl von Granit bis Kalk und von Plaisir bis Psychoterror. Und das in diesen acht Regionen: Jura-Schwarzwald, Unterwallis, Oberwallis-Domodossola, Berner Oberland, Zentralschweiz, Alpstein-Ostschweiz, Graubünden, Leventina-Locarno und Täler. Also mehr als die halbe CH, um clean zu klettern. Und um sauber zu grillieren…

Klettern boomt, ohne und vor allem an Bohrhaken. So auch im Glarnerland. Auf 348 Seiten warten Samuel Leuzinger und Thomas Wälti mit 516 Gebieten zwischen Klausenpass, Panixerpass und Walensee auf. Ob gemütlich im Klettergarten Urnerboden oder auf einer wilden Tour in den Jegerstöcken, ob in den sonnigen Linien am Brüggler oder in den schattigen Toprouten der Nordgalerie am Walensee – das Glarnerland bietet klettermässig für alle und jederzeit das passende Ziel. Alpin-, Sport- oder Kinderklettern, Bouldern, ja sogar Aid climbing ist möglich; der Führer „Glarnerland“ beschreibt die Reviere mit allen wichtigen Angaben.

Mit den beiden neuen Kletterführern ist der SAC seinem Ziel, dereinst die Klettermöglichkeiten an den Felsen der Schweiz umfassend in gedruckter Form zu erfassen und vorzulegen, ein paar schöne Seillängen näher gekommen. Allerdings gibt’s noch Lücken, insbesondere in der westlichen Schweiz; sie werden gefüllt durch andere Kletterführer.

Zum Beispiel durch die bekannten Führer aus der Edition Filidor. Gerade ist Schweiz plaisir WEST in fünfter Auflage erschienen – und erstmals in zwei Bänden. „Das liegt zum einen daran, dass immer wieder neue Plaisirgebiete entstehen oder alte saniert werden“, schreibt Sandro von Känel in der Einleitung. Zudem wurden die Klettergebiete am Susten- und Furkapass von Ost nach West umverteilt. Gibt zusammen 652 Seiten mit schier unzähligen Seillängen, in der Schweiz und ein bisschen noch in der Haute-Savoie. Die gehört(e) schliesslich ebenfalls zur Schweiz, wenigstens touristisch: „Cook’s Tourist’s Handbook for Switzerland“ von 1884 enthielt selbstverständlich auch die Tour of Mont Blanc.

Hierzulande verbleibt das berühmteste kletternde Brüderpaar, wenn es nicht gerade auch in Griechenland neue Routen eröffnet: Claude und Yves Remy. Unermüdlich sind die beiden kletternd unterwegs, Claude seit letztem Jahr gar als Rentner. Nun legen sie ihr (vorläufiges) Opus magnum vor, mit dem schlichten Titel Haupttitel „Escalades“. Auf 400 Seiten präsentieren sie 6000 Seillängen im Waadtland und Unterwallis, wie gewohnt mit allen nötigen Infos und viel Hintergrundwissen, mit Porträts von Kletterern und tollen Fotos. Nachhaltige Lektüre und Anleitung für unvergessliche Stunden am Steilfels.

Wir bleiben dran, mais bien-sûr!

Silvan Schüpbach, Tim Marklowski: Kletterführer C(H)lean! Klettern mit Friends und Keilen in der Schweiz. D/F. SAC-Verlag/Mountain Wilderness, Bern 2019, Fr. 59.-

Samuel Leuzinger, Thomas Wälti: Kletterführer Glarnerland. Urnerboden, Braunwald, Vorab, Chärpf, Glärnisch, Klöntal, Schilt, Brüggler, Näfels, Gäsi. SAC-Verlag, Bern 2019, Fr. 59.-

Sandro von Känel: Schweiz plaisir WEST, Band 1, Fribourg bis Furkapass; Schweiz plaisir WEST, Band 2, Wallis bis Lac d’Annecy. Edition Filidor, Reichenbach 2019, je Fr. 44.-

Claude et Yves Remy: Escalades. 6000 longueurs pour tous les niveaux. Vaud, Chablais, Bas-Valais, Sanetsch. Coloria Graphic Design, Vevey 2019, Fr. 55.-

Montag, 2. September 2019, 19 Uhr: Vernissage des Kletterführers Glarnerland in den Kletterhallen und Boulderhalle lintharena Näfels. Letztere ist mit 850 m2 Boulderfläche die grösste in der Ostschweiz.

La montagne sous presse

„Die Fernrohre in Grindelwald waren wie Flakgeschütze auf uns gerichtet.“ So erlebte der Eigernordwand-Erstdurchsteiger Wiggerl Vörg die Sensationslust der Reporter und Touristen. Das neue Buch von Yves Ballu beleuchtet an ausgewählten Beispielen und mit ausgezeichnetem Bildmaterial die Geschichte und das Verhältnis von Alpinismus und Journalismus.

12. August 2019

„Wir werden an die Wand gedrängt, und das Trommelfeuer der Fragen ist fast schlimmer als dasjenige des Steinschlags auf dem Eiger.“

Schimpfte der tschechische Kletterer Radovan Kuchař über den Empfang durch die Journalisten nach der ersten tschechischen Durchsteigung der Eigernordwand anfangs September 1961, zusammen mit Zdeno Zibrín. Alpinismus und Journalismus ist eine stotzige Sache. Gerade am Eiger, wo die Reporter (und die Leute) live mitverfolgen konnten, wie die Nordwandhelden durch- und umkamen. „Eine wichtige Aufgabe fällt im Kampfe gegen das Nordwandfieber der Presse zu. Sie sollte darnach trachten, die unersättliche Sensationslust des Publikums nicht zu befriedigen“, erklärte Samuel Brawand, Grindelwalder Bergführer und Erstbegeher des Mittellegigrates am Eiger, im Sommer 1937, als die Belagerung der Wand durch Alpinisten, Journalisten und Touristen nach den ausgeschlachteten Tragödien von 1935 und 1936 wieder voll einsetzte. „Man hat leider schon Bilder publiziert, die zum Pietätlosesten gehören.“ Der Appell von Brawand in der „Neuen Zürcher Zeitung“ nützte gar nichts, die Eigerwand und ihre Begeher blieben gnadenlos im Rampenlicht. „Blonde Münchner Sekretärin Daisy brach ein Tabu an der mörderischen Wand“, titelte zum Beispiel der „Blick“ 1964 über die erste Durchsteigung der Wand durch eine Frau, Daisy Voog. Schlagzeilen wie Steinschlag. Bis heute.

Aber nicht nur am Eiger, mais non! Der Mont Blanc mit dem bösen Nachspiel nach der Erstbesteigung 1786, oder mit der Tragödie 1961, als nur drei von sieben Topalpinisten aus der tagelangen Hölle hoch oben am Freney-Pfeiler lebend herauskamen. Die Erstbesteigung des Matterhorn 1865, mit dem gleichen Verhältnis von tot bzw. am Leben nach Abschluss der Tour. Mon Dieu, gab das zu schreiben und zu publizieren, zu schauen und zu lesen! Immer noch. Und jetzt erst recht, mit diesem Buch des Alpinismushistorikers Yves Ballu: „La montagne sous presse. 200 ans de drames et d’exploits.“

Der Altmeister der französischen Bergpublizistik hat seinen 304-seitigen Bildband in neun Seillängen gegliedert, vom Mont Blanc über den Cervin, die Frauen und Führer bis Unfälle und Tragödien sowie Persönlichkeiten, die es immer wieder auf die Seite 1 von Zeitschriften brachten, wie Maurice Herzog oder Walter Bonatti. Am Schluss ein Ausblick auf die heutige Zeit, mit Catherine Destivelle (Verlegerin des Buches), Alex Honnold, Ueli Steck und Dani Arnold. Im Zentrum steht (natürlich) der höchste Berg der Alpen. Der Eiger und seine Helden haben aber seitenlange Auftritte.

Der Text ist eine Mischung von Kommentar und Zitaten, letztere oft aus unbekannten Publikationen. Das verspricht eine neue Lektüre von vielleicht schon bekannten Geschichten. Und dann – und allein deswegen ist „La montagne sous presse“ eine ganz vorzügliche Publikation – sind da noch die Illustrationen: alte seltene Stiche, vergessene Fotos, Covers von unbekannten Zeitschriften, Ausschnitte aus Zeitungen, Broschüren – eine verblüffende Vielfältigkeit. Dass der „Paris Match“ immer wieder alpinistische Ereignisse gross mit exklusiven Fotos aufzog, ist bekannt. Die Zeichnungen von „Domenica del Corriere“ hat man vielleicht auch schon gesehen. Oder die neckischen Titelbilder von „La Vie Parisienne“ – so am 30. Juli 1921 mit einer Schönheit, die im flatternden, nicht ganz alle Haut bedeckenden Kleid auf einer Zinne steht, die eine behandschuhte Hand am Alpenstock, die andere am Hut, und meint: „Oh! que c’est beau! je crois que j’aperçois la Tour Eiffel.“ Ein Schock jedoch das Titelbild der Zeitschrift „Qui? Police“ vom 15. November 1979, auf dem ein Mann eben das Seil zu seiner Gefährtin mit einem Sackmesser durchgeschnitten hat: „Tuée par son mari durant l’escalade.“

Yves Ballu: La montagne sous presse. 200 ans de drames et d’exploits. Éditions du Mont-Blanc, Chamonix 2018, collection Montagne-Culture. € 45.-

Adolf Traugott von Gersdorfs Schweizer Reise 1786

Ein dickes Buch zum (und vom) deutschen Adeligen, der 1786 die Schweiz bereiste und wichtigster Zeuge der Erstbesteigung des Mont Blanc wurde.

8. August 2019

„Den 8.ten Aug. Dienstags. (…)
Ich zeichnete viel aus, bis ich endlich von vielen sich versammelnden Leute hörte, daß der Herr Doct. Paccard von hier nebst dem jungen Burschen, Jaques Balmat welcher schon heuer im Juny nahe am Montblanc gewesen war und im Schnee übernachtet hatte, gestern zu Mittage weggegangen wäre, (…)
Sie hielten sich zwischen dem Felsen etliche Minuten auf, giengen von da fort um 5h 45m, waren beÿ 2. sehr kleinen durch den Schnee ausstehenden Felsen d. um 6h 12m, giengen von da wieder fort, immer etwas links, und waren auf dem Gipfel des Mont blanc um 6h 23m. so wie ich ihren Weg durch Punkte angezeigt habe. Einer ging von c. an immer wohl 100 Schritte voraus. Sie blieben öfters einen Augenblick stehen.“

Ausschnitt aus einem der wichtigsten Dokumente der Geschichte des Alpinismus. Wer das ganze lesen möchte, hat zwei Möglichkeiten: 1) online auf https://gersdorf.collegium.ethz.ch/page/563; auf S. 569 und 570 die Beschreibung des Erreichens des Gipfels des Mont Blanc durch den Dorfarzt Michel-Gabriel Paccard und den von ihm als Träger engagierten Kristallsucher Jacques Balmat am 8. August 1786 um 18.23 Uhr. 2) auf Papier im Buch „Adolf Traugott von Gersdorfs Schweizer Reise 1786“.

Die aus der sächsischen Oberlausitz stammenden Adligen Adolf Traugott von Gersdorf (1744–1807) und Karl Andreas von Meyer zu Knonow, die sich anfangs August 1786 auf einer Forschungsreise in Chamonix befanden, wurden Augenzeugen der Erstbesteigung des höchsten Gipfels der Alpen. Beide fertigten Zeichnungen der Erstbesteigungsroute an. Gersdorf hielt darüber hinaus einen ausführlichen Bericht in seinem Reisetagebuch fest. Sein gut tausend Seiten umfassendes Reisejournal «Bemerkungen auf einer Reise durch die Schweiz in Gesellschaft meiner Frau und des Herrn von Meyers im Jahre 1786» ist nun erstmals vollständig transkribiert digital zugänglich. Mit dabei sind natürlich die zahlreichen Zeichnungen; sehr interessant sind aus topographisch/kartografischer Sicht die Panoramen samt der Benennung der Gipfelnamen, darunter die Nünenen in der Gantrisch-Kette, einer meiner Kletterberge aus der Jugendzeit.

Das neue Buch mit 440 Seiten, 11 schwarzweissen und 76 farbigen Abbildungen besteht aus zwei Teilen: einerseits gibt es zwei Auszüge aus dem Reisetagebuch (Bern und der Ausflug ins Berner Oberland, Genf und der Ausflug nach Chamonix), anderseits sieben wissenschaftliche Beiträge, die Gersdorfs Schweizerreise aus verschiedenen Perspektiven beleuchten. So geht es um die Landschaftswahrnehmung im Reisetagebuch, um naturgeschichtlichen Wissensaustausch in der Spätaufklärung, um den Berner Theologen, Naturforscher und Reiseschriftsteller Jakob Samuel Wyttenbach, mit dem Gersdorf in engem Kontakt stand, und um die geowissenschaftlichen Objekte der Forschungsreise. Denn Gersdorf sammelte unterwegs ununterbrochen besondere Steine.

Das kostbarste Stück ist die Gesteinsprobe von der Erstbesteigung des Mont Blanc: Michel-Gabriel Paccard nahm das 40 Gramm schwere Stück Chlorit-Flasergneis etwa elf Minuten vor dem Erreichen des Gipfels von Felsklippen, die nordöstlich des Gipfels aus dem Schnee herausragten. Er schenkte es am 9. August Gersdorf – ein ganz besonderes Zeugnis dieser epochalen Erstbesteigung. An der Paccard den Hauptverdienst hat, da er die Besteigung vorgeschlagen, durchgesetzt und auch geführt hat, mit dem Finden der richtigen Route. Allerdings galt bis vor ein paar Jahrzehnten – und leider teils noch immer – Balmat als massgeblicher Erstbesteiger des Mont Blanc. Deshalb weist auch nur er im berühmten Denkmal in Chamonix dem Mont-Blanc-Förderer und -Drittbesteiger de Saussure den Weg durch die gewaltige Gletscherwelt. Umso peinlicher also, dass das Buch über den Mann, der die Erstbesteigung des Mont Blanc vor Ort mitverfolgte, diese so genau wie möglich dokumentierte und der vom Wissenschaftler der beiden Erstbesteiger ein Stück vom höchsten Felsen am Berg geschenkt erhielt, mit diesem Satz beginnt: „Die Erstbesteigung des Montblanc gelang Jacques Balmat (1762–1834) am 8. August 1786.“

Vanja Hug, Martin Schmid, Gerd Folkers (Hg.): Adolf Traugott von Gersdorfs Schweizer Reise 1786. Edition Collegium Helveticum 10. Chronos Verlag, Zürich 2018, Fr. 78.-

Gipfelkreuze – Träume, Triumphe, Tragödien

Hans-Joachim Löwer beschreibt und bebildert 100 besondere Gipfelkreuze in den Alpen, 18 aus der Schweiz.

1. August 2019

„Sie steigen von oben in die steile Rinne, die sich vom Gipfel nach unten zieht. 10, 15 oder 20 Meter tiefer finden sie, was sie suchen. Zwei schlanke, längliche Felsbrocken, die an ihren Enden spitz auslaufen – genau das, was sie brauchen. Sie zerren sie mit bloβen Händen nach oben. Den einen Brocken stecken sie senkrecht in das Steinmanndli und klemmen ihn fest. Den anderen Brocken binden sie waagrecht mit einer Reepschnur daran, die sie im Rucksack dabeihaben. Und fertig ist das Kreuz.“

Das Gipfelkreuz auf dem Bristen (3073 m), dem Wahrzeichen des Urnerlandes. Spontan erbaut im Sommer 2001 von Wildhüter Alois Herger und seinen Gefährten. 2006 hätte es durch ein Kreuz von neun Metern Höhe und fünf Metern Breite ersetzt werden sollen – die Stiftung Landschaftsschutz war dagegen. Auch gegen eine kleinere Variante. 2009 zersplitterte ein Blitz das Kreuz. Seither steht ein ebenso steinerner Nachfolger dort oben. Aber nicht alle Kreuze, welche auf den Gipfeln der Alpen in den letzten 220 Jahren errichtet wurden, sind so schlicht und natürlich.

Wofür steht das Gipfelkreuz überhaupt? Setzt es (noch immer) ein religiöses Zeichen? Zementiert es einen Glauben? Spricht es einen Dank aus? Erinnert es an einen in den Bergen Verunglückten? Trägt es bloss den Gipfelbuchbehälter? Wehrt es das Unwetter ab? Sühnt es eine Tat? Markiert es eine Grenze? Definiert es den Kulminationspunkt? Dient es als Beweis, dass man oben gewesen ist, wenn man die entsprechende Foto zurück ins Tal bringt – ja schon von oben verschickt? Hat es vorab einen touristischen Zweck? Ist es ein Wäscheständer, um die verschwitzen Kleider zu trocknen? Wollen sich Einzelpersonen und Firmen verewigen? Ist es eine verkappte Liftfasssäule? Oder nur ein halb kaputtes Triangulationssignal? Ist es schlicht schön? Oder stört es als religiöses Symbol des Todes und der Macht? Darf und kann es noch Gipfel ohne menschliche Spuren geben? Gehört das Kreuz nicht einfach auf einen Gipfel?

In einem dicken Bildband stellt der Reporter und Buchautor Hans-Joachim Löwer 100 faszinierende Gipfelkreuze aus den Alpen Österreichs (41), Italiens (34, davon 19 im Südtirol), der Schweiz (17) und Deutschlands (6) vor; zwei Kreuze stehen auf der Grenze von Österreich zu Italien (Weisskugel) bzw. zur Schweiz (Piz Buin). Gegliedert ist das Buch in folgende Kapitel – in Klammern jeweils, welches CH-Gipfelkreuz dabei ist: Kraftakte (Bristen); Bastionen (Sassariente, Les Millets, Kaiseregg); Konfrontationen (Piz Buin); Naturgewalten (Rophaien); Tragödien (Schwarzmönch, Böshorn); Gedenken; Gedanken (Tguma, Stecknadelhorn); Gelübde; Traditionen (Augstbordhorn); Talente (Wasserbergfirst, Bietenhorn); Freundschaften (Dent de Savigny, Vanil de l’Ecri, Mändli); Frustrationen; Provokationen (Vanil Noir, Freiheit); Signale.

An die 100 Gipfelkreuze nagelt Löwer spannende, überraschende, bedenkliche, tragische und auch fröhliche Geschichten von gestern und heute, immer illustriert durch sorgfältig ausgewählte Fotos. Zudem gibt er kurz die üblichen Zustiegswege an, mit Zeitangaben und Schwierigkeiten. Ob es die 100 faszinierendsten Kreuze und Geschichten sind, bleibe dahingestellt, da Gipfelkreuze aus den Alpenländern Frankreich, Liechtenstein und Slowenien fehlen. Das Kreuz auf dem Matterhorn, von dem es gar einen grossen Bildband und eine fesselnde Novelle gibt, fehlt eigentlich auch. Und noch zwei kleine Korrekturen: Das gemauerte Kreuz auf dem Mändli zwischen Lungern und Sörenberg steht nicht auf dem Nord- (2059 m), sondern auf dem Südgipfel (2055 m) – dorthin gehen auch die meisten Besteiger, insbesondere im Winter. Auch bei Les Millets ist eine falsche Höhe angegeben: Nicht auf dem Hauptgipfel (1885 m) erhebt sich das Kreuz, sondern auf dem vorgelagerten Westgipfel (1858 m). Damit es vom Tal aus besser sichtbar ist. Und genau darum ging es, als es 1943 bei einem Anlass der katholisch-stockkonservativen Volksmission in Lessoc gezimmert wurde. An einem regnerischen Maisonntag im Jahre 1944 wurde es dann oben aufgestellt, während in der Kirche unten Vikar Auguste Carrel predigte: „Das Kreuz, das auf unseren Bergen aufragt, ist ein Zeichen für das Kreuz, das wir in den Tiefen unserer Herzen befestigen.“ Der Wettergott kümmerte sich nicht um solche Glaubenssätze und zerstörte 1977 das Kreuz aus Holz auf dem Millets-Westgipfel. Seither wacht eines aus Metall, fest verankert in einem Betonsockel, über die Haute Gruyère. Auf der Südseite des Sockels wurde vor einigen Jahren gar eine Bank angeschraubt, ein Behälter fürs Gipfelbuch ist am Stamm angebracht. Braucht es mehr im Leben als einen sonnig-göttlichen Picknickplatz, an dem man erst noch seinen Namen hinterlassen kann?

Hans-Joachim Löwer: Gipfelkreuze – Träume, Triumphe, Tragödien. Athesia Verlag, Bozen 2019, Fr. 41.50. www.hajoloewer.de/bücher

Wild Swim

Freischwimmen im Gebirgsland Schweiz: nie schöner als jetzt. Zwei neue Führer verraten, wo es am coolsten ist.

25. Juli 2019

„Eintauchen: Wandern ist schön, baden schöner, beides zusammen ist am besten. Badevergnügen am Ende der Valle del Salto, oberhalb des Dorfes Maggia.“

Bildlegende aus der zweiten Auflage meines Wanderführers „Gipfelziele im Tessin“ von 2003. Das Bild zeigt das grosse Granitbecken des Riale del Salto, in das mehrere Wasserfälle niederrauschen; in ihrer Gischt bildet sich ein Regenbogen. Im Vordergrund Badegäste, die gleich ins kalte Wasser eintauchen werden oder von dort kommen. In der ersten Auflage des Führers von 1993 ist hingegen ein ganzseitiges Bild eines tiefklaren Wasserbeckens hoch oben in der Valle del Salto drin, vorne liegen Rucksack, Kleider und Schuhe auf glattpoliertem Fels, hinten kreischt die Trägerin dieser Sachen vor Freude und Schreck über das kühle Wasser.

Baden in Bergseen und Flüssen, ja überhaupt abseits von Pools, ist beliebt. Und erfrischend, ja erforderlich bei dieser Hitze. Nur nennt man es heute anders, nämlich Wild Swim oder Wildswimming. Gleich zwei neue Bücher empfehlen uns Freischwimmorte in der Schweiz und in den Ostalpen.

„Die Schweiz: In dieser von Land umgebenen Insel in der Mitte Europas gibt es fast überall kristallklares Wasser. Sie ist voller atemberaubender Teiche in grosser Höhe, voller frisch daherfliessender Wasserläufe an nahezu jeder Ecke, und fjordähnliche Gletschersee sind über das ganze Land verteilt.“ Schreibt Steffan Daniel in der Einleitung zu seinem Bildbandführer „Wild Swim Schweiz/Suisse/Switzerland.“ Er stellt die 99 „schönsten Gegenden zum Schwimmen in der Schweiz“ vor, vom Lac de Joux im Waadtländer Jura bis zur Aua da Val Mora in einem Nebental des Val Müstair, vom Paradiesli am Rhein bei Langwiesen bis zum See am Col du Grand St-Bernard (also dort wird es obercool sein!). Neben einem ganzseitigen Bild finden sich kurze Texte in drei Sprachen, ein Kartenausschnitt und (bade)touristische Infos. Am besten muss es dem Autor am Walensee gefallen haben, denn ihm widmet er gleich zwei Badeplätze.

„Bekanntlich sind die Eidgenossen ja ambitionierte Freiwasserschwimmer: Man denke nur an die Rheinschwimmer in Basel, die Limmatschwimmer in Zürich oder die Aareschwimmer in Bern. Neben diesen traditionsreichen Flussbadestellen bietet die Alpenrepublik aber viele weitere fantastische Spots fürs Wilddipping oder Wildswimming.“ Schreibt Hansjörg Ransmayr in seinem Führer „Wildswimming Alpen. Entdecke die schönsten Bergseen, Bäche und Wasserfälle in Österreich, Deutschland, der Schweiz, Italien und Slowenien.“ Von den 130 Plätzen stammen sechs auf dem Tessin und je drei aus der Zentralschweiz bzw. dem Glarnerland. Die kurzen Texte und Infos können dank QR-Codes für Smartphone und Tablet erweitert werden, insbesondere mit der genauen Ortsangabe. Im Anhang gibt der Autor überlebenswichtige Tipps zum Freiwasserschwimmen, insbesondere zur Schwimmboje und zur Restube-Boje. Auf dem Titelbild ist der Talalpsee in den Glarner Alpen abgebildet (in diesen See tauchen wir auch mit „Wild Swim“). Und neben dem Inhaltsverzeichnis sehen wir ein grosses Bild, auf dem eine Frau im Bikini in ein Granitbecken springt, über dem sich ein Regenbogen im Wasserfallgischt krümmt.

Steffan Daniel: Wild Swim Schweiz/Suisse/Switzerland. Bergli Books, Basel 2019, Fr. 39.90.

Hansjörg Ransmayr: Wildswimming Alpen. Entdecke die schönsten Bergseen, Bäche und Wasserfälle in Österreich, Deutschland, der Schweiz, Italien und Slowenien. Haffmans & Tolkemitt, Berlin 2019, Fr. 35.90.