Wengen, Verbier, Arosa

Drei ganz unterschiedliche Publikationen zu drei berühmten Fremdenverkehrsorten in den Schweizer Alpen. Ganz im Fokus der Öffentlichkeit steht diese Woche Wengen mit den Lauberhornrennen.

«Arme Berge, was haben die Menschen euch angetan!»

Das fragt sich der Holzschnitzler Hans Eicher aus Wengen, eine der Hauptfiguren im Roman «Flut» von Jakob Wiedmer-Stern (1876–1928). Er kannte das Dorf am Fusse des Lauberhorns, an dem diese Woche wieder die besten Skifahrer um Sieg und Ruhm fahren, bestens. Denn 1904 heiratete Wiedmer, Bäckersohn aus Herzogenbuchsee und Archäologe, Maria Stern, die in Wengen das Hotel Beausite führte. Und schon 1905 veröffentlichte der frische Hoteldirektor im renommierten Huber-Verlag den Roman «Flut». Mit dem Titel sind die Fremden gemeint, die immer zahlreicher in das Bergdorf Stägen kommen, das unschwer als Wengen erkennbar ist. Der Roman erntete zwar Lob von der Kritik, namentlich von Josef Viktor Widmann im «Bund»; er sah im Autor einen neuen Gotthelf. Aber dass die Hoteliers kaum Freude hatten, ist mehr als verständlich. Das Ehepaar Wiedmer-Stern floh denn auch nach Bern, ins Historische Museum, wo er die freiwerdende archäologische Stelle antrat. In einer Brandrede gegen den Tourismus, die Wiedmer einem Journalisten der fiktiven «Landes-Zeitung» in die Feder legte und die Hans Eicher «bös, aber gut!» findet, lesen wir auf Seite 226 in der Neuausgabe – hier zitiert aus www.beausiteparkhotel.ch/geschichte/.

«Wenn auf einem Berg vier Fremde Schinkenbrot gegessen haben, so werden fünf Hotels hinaufgestellt; diese rufen wieder einer Bahn, und die Behörden geben dem Projekt ihren Segen. Die Bahn schleppt dann allerdings hinauf, was das Zeug hält; aber die vier Bergfreunde, die einmal der stolzen Höhe zuliebe hinaufwanderten, sind nicht darunter. Solche Leute wollen Bergluft, nicht Eisenbahnrausch; sie hören lieber das Herdengeläute als polyglottes Geschnatter und den Klatsch der Table d’hôte, ohne den der waschechte Reisepöbel nicht leben kann, und der in seiner Mitte aufgeht wie die Schwämme auf dem Mistbeet. – – –

Und nun der Nutzen für unser Land! Er war bisher, wenigstens materiell, ein gewaltiger; ich brauche bloss den Gebrauch von einheimischen Nahrungsmitteln, die Einnahmen der Bahnen und Schiffe, die Gewerbetreibenden und Handwerker zu nennen. Aber jetzt naht auch der Moment, wo die Gefahr der Überproduktion da ist; wo dort oben fast jeder Bauer, selbst wenn er kaum einen Halbliter von einem Fünfliber abrechnen kann, eine Pension baut und in seiner Unbeholfenheit der Spielball geriebener Dienstboten und gemeiner, rücksichtsloser Gäste wird. Denn gerade auf solche Wirte hat es diese grosse Kategorie unter den Fremden abgesehen; der Mann ist ihnen schutz- und wehrlos preisgegeben, und wagt er es zu mucksen, so kriegt er eins auf die Nase. Sie schreiben ihm vor, was sie essen wollen; sie schreiben ihm vor, wie ihr Zimmer eingerichtet sein soll; sie bestechen seine Dienstboten durch Trinkgeld zu Pflichtverletzungen, und zu guter Letzt diktieren sie ihm auch, wieviel sie zahlen wollen.»

Wie der Tourismus ein Bergdorf flutet, lässt sich im schweren und reich illustrierten Bildband «Chroniques de Verbier» von Marie-Madeleine Gabioud Seite um Seite, Hotel um Hotel, Chalet um Chalet, Bahn um Bahn eindrücklich sehen und lesen. Wir bewundern die ersten Skilifte und die luftigen Gondeln der Télécabine auf die Ruinettes, etwas weniger all die Inszenierungen, Happenings, Infrastrukturen neueren Datums. Mit «l’urbanisation de la montagne» ist das vierte Kapitel betitelt – arme Berge, wie wahr! Ein paar Kapitel weiter hinten fahren Roland Collombin und Philippe Roux tout Schuss, die Freeriders verwandeln den Bec des Rosses in einen Zirkus des Ski extrem. Und dann tauchen auf dieser so grossartigen wie überbauten Sonnenterrasse im Val de Bagnes zahlreiche Berühmtheiten auf, mais bien-sûr! Mir persönlich gefällt am besten, wie der französische Schauspieler, Komiker und Chansonnier Bourvil schüchtern lächelnd auf einem Tellerlift sitzt.

Apropos Berühmtheiten. Im dritten Fremdenverkehrsort in den Schweizer Alpen, die mit frischen Publikationen aufwarten, tummeln sich auch solche, die nicht erkannt werden wollen, jedenfalls nicht von der Polizei. 36 unterschiedlich unterhaltende Kurzkrimis versammelt Andreas Russenberger in «Arosa. Wo auch Gauner Urlaub machen». In «Freunde fürs Leben» geht es allerdings um eine bekannte Figur, die Gaunern das Leben schwer machte: um Sherlock Holmes. Sein Erfinder, der Engländer Arthur Conan Doyle, machte 1894 mit den Brüdern Branger die zweite Skiüberschreitung der Maienfelder Furgga von Davos nach Arosa und beschrieb die Tour in «An Alpine Pass on Ski». Auf dieser Fahrt soll Doyle für Sherlock dessen Freund und Begleiter Doctor John Watson gefunden haben. Manchmal verhelfen die Berge den Menschen zu Geistesblitzen.

Jakob Wiedmer: Flut. Herausgegeben von Felix Müller und mit einem Nachwort von Christian Rohr. Chronos Verlag, Zürich 2025. Fr. 38.-

Marie-Madeleine Gabioud: Chroniques de Verbier. Passé, présent, futur. Éditions Slatkine, Genève 2025. Fr. 77.-

Andreas Russenberger: Arosa. Wo auch Gauner Urlaub machen. Krimis. Gmeiner Verlag, Meßkirch 2025. € 17,00.

Les Fromages de Suisse

Ein französischer Bildband zu zehn bekannten Schweizer Käsen. Mit Rezepten. Viel Freude bei der Zubereitung und beim Essen, beim Anschauen und Lesen.

«Le Gruyère AOP doit son nom à la région de la Gruyère, dans le canton de Fribourg. Aujourd’hui, il est fabriqué dans les cantons de Fribourg, Vaud, Neuchâtel, Jura et dans quelques communes du canton de Berne.»

Entnehmen wir einem neuen französischen Bildband über den Schweizer Käse – ein unerwartetes Buch, wo sich doch unsere westlichen Nachbarn als die Käsenation der Welt verstehen, inklusive den Frischkäse, der seit 1850 in der Normandie aus pasteurisierter Kuhmilch mit etwas Rahm hergestellt – und Petit-suisse genannt wird. Den Gruyère français gibt es zudem auch. Doch der Gruyère AOP mundet besser, mais oui. Er ist schliesslich der beste Käse der Welt. Und kommt erst noch aus einer Berner Gemeinde. Aber nicht aus dem Berner Jura, wie die Übersichtskarte in «Les Fromages de Suisse. Une épopée gourmande» von Stéphane Méjanès suggeriert, sondern aus Vorderfultigen, einem kleinen Dorf im Hügelland zwischen Gürbe und Sense. Nach 2022 gewann die Käserei Vorderfultigen im Herbst 2025 an den World Cheese Awards zum zweiten Mal den Weltmeistertitel; diesmal Pius Hitz mit seinem achtzehn Monate gereiften Greyerzer. Mehr dazu hier: https://berg-kaeserei.ch/

«Les Fromages de Suisse. Une épopée gourmande» tischt drei Gänge auf. Erstens zahlreiche grosse Fotos von Kühen, Käsern und Käserinnen, von Landschaften und Gerichten. Zweitens Geschichten und Informationen zu diesen zehn helvetischen Käsesorten: Appenzeller®, Emmentaler AOP, Étivaz AOP, Gruyère AOP, Raclette du Valais AOP, Sbrinz AOP, Tête de Moine AOP, Tomme Vaudoise, Vacherin fribourgeois AOP, Vacherin Mont-d’Or AOP. Und drittens präsentieren zwölf Köche aus renommierten Restaurants von Belgien, Frankreich und der Schweiz ihre Rezepte. So stellt Lionel Rigolet vom «Comme chez soi» in Bruxelles folgenden Gang zum Nachkochen vor: Filet de sandre grillé, aumônière de soupe du chalet au Gruyère AOP Réserve 12 mois, croquant de Gruyère AOP Classique 10 mois. Da bekommt man ja gleich Hunger.

Den hatten wir am Badeplatz zwischen dem Hafen Vully-les-Lacs und Guévaux am Murtensee, der übrigens für seine Zanderfänge bekannt ist. Dort assen wir am Neujahrsmittag 2026 ein Fondue mit der Hausmischung der Dorfkäserei von Lugnorre. Köstlich!

Stéphane Méjanès: Les Fromages de Suisse. Une épopée gourmande. Éditions Glénat, Grenoble 2025. € 50,00.

Jahreswechsel

Das 150. Jahrbuch des Deutschen Alpenvereins, des Österreichischen Alpenvereins und des Alpenvereins Südtirol sowie Volume 129 of The Alpine Journal bieten gebirgige Lektüre vom Feinsten.

«Uns bietet das kühn hinausgebaute Horn einen wahrhaft phantastischen Anblick dar. Wie ein einziger, dem Gebirge entwachsener Riesenkrystall ragt die blendend beleuchtete Spitze gegen den nächtlich blauen, wolkenlosen Himmel auf. Von dem senkrechten Abbruche, welcher sich auf der Nordseite des Horns noch mehrere Klafter hoch über die weite Aushöhlung erhebt, hängen hunderte von kolossalen Eiszapfen herab, welche in dem grellen Sonnenlichte gleich Edelsteinen funkeln.»

So beschreibt der Geograf Friedrich Simony (1813–1896), Mitbegründer des Österreichischen Alpenvereins am 19. November 1862, den Gipfel des Großvenedigers (3657 m), «eine steil aufgerichtete, nur mit Gefahr zu erklimmende Schneescheide, auf derem höchsten Punkte kaum als 5 – 6 vollkommen schwindelfreie Menschen Platz zu finden vermögen». Der Großvenediger ist der höchste Gipfel der Venedigergruppe in den Hohen Tauern und des Landes Salzburg. Simonys 32seitiger Aufsatz «Aus der Venedigergruppe» erschien 1865 im ersten Jahrbuch des Alpenvereins. Nun liegt die 150. Ausgabe vor: BERG 2026, gemeinsam herausgegeben vom ÖAV mit dem Deutschen Alpenverein und dem Alpenverein Südtirol. Hauptfigur in der Rubrik BergWelten ist wie einst der Großvenediger. Simonys Gipfelwechte ist auf seinem Aquarell von 1856 zu bewundern; allerdings würden sich da kaum Menschen hinaufwagen, so fragil hängt das Schnee- und Eisgebilde über dem Abgrund. Längst ist die Wechte weggeschmolzen, wie viele Gletscher ebenfalls.

Der Jubiläumsband steht im Zeichen des Wandels. In den BergFokus genommen wird die Natur, aber auch der Mensch – und wie er mit seinem Denken und Tun die Landschaft verändert, unter anderem in einem Beitrag von Georg Bayerle (mehr zu ihm hier: https://bergliteratur.ch/alpen-appelle/). In der Rubrik BergSteigen geht es ums Free Solo, das schon auf viel leichteren Routen passiert, als wir denken; um die naturverträgliche Lenkung des Skitourenbooms; um den rasanten Siegeszug des Elektromotors für Mountainbikes; und um Sexismus in den Bergen – Autorin Nadine Regel fordert «Mehr Respekt bitte!». Das BergWissen beschäftigt sich unter anderem mit der Gemse und der Frage, ob sie sich im Zuge des Klimawandels zu einer neuen Art entwickeln könnte.

Flora statt Fauna. Die Titelseiten der Rubriken im «The Alpine Journal 2025. A record of mountain adventure and scientific observation» bilden Alpenblumenaquarelle von Reginald Farrar (1880–1920); der Botaniker, Alpinist und Autor wird auf neun Seiten porträtiert. Weitere Porträts im Jahrbuch des Alpine Club erhalten Tom George Longstaff, der 1899 mit dem Grindelwalder Führer Christian Kaufmann unterwegs war, und Eustace Thomas, ein früher 4000er-Sammler. Diese besonderen Alpengipfel werden in einem andern Kapitel ausführlich bestiegen. Aufschlussreich ist «The Alpine Journal and the Ladies» – keine einfache Beziehung, früher jedenfalls. Meta Brevoort stand am 20. September 1871 als erste Frau auf dem Bietschhorn; sie verfasste einen Bericht über die Tour und publizierte ihn 1872 im Journal, allerdings nicht unter eigenem Namen. Micha Rinn seinerseits nennt die Traversierung aller neun Türme der Drei Zinnen in den Dolomiten «between Heaven and Earth».

Zwischen Himmel und Erde: So malte Friedrich Simony den Großvenediger. Und wir sind schon bald zwischen 2025 und 2026. In diesem Sinne: Es guets Nöis!

Axel Klemmer (Hrsg.): BERG 2026. Alpenvereinsjahrbuch 150. Tyrolia Verlag, Innsbruck 2023, € 25,00.

Adam Butterworth (Editor): The Alpine Journal 2025. Volume 129. The Alpine Club, London 2025; in der Schweiz erhältlich bei www.pizbube.ch, Fr. 38.00.

Skiferien

Auch wenn es an Weihnachten wieder mal grün ist, nicht nur unten, sondern teils auch oben: Skiferien müssen sein, wenn nicht jetzt, dann erst recht im Februar. Mais oui! Drei Publikationen helfen nicht bei der Planung, aber beim gemütlichen Aufenthalt am Chalet oder im Hotelzimmer.

Pizza mit Pommes, wo gab es denn so was?, wunderte sich Frieda.
Beim Skifahren gab es das, wie sie kurz darauf feststellte. Selma erklärte ihnen, wie man die Spitzen der Ski vorne zusammenschob, während man die Enden auseinanderzog. Wenn es aussah wie ein Riesenpizzastück im Schnee, machte man alles richtig. Mit diesem Pizzastück konnte man nämlich supergut bremsen.
«Wenn ihr die Ski parallel haltet, werdet ihr schneller», erklärte Selma und richtete ihre Ski aus wie zwei Pommes, die nebeneinander lagen.
«Aber das lernen wir später. Wir fangen mit Pizza an.»

Selma ist Skilehrerin. Und Frieda ihre Schülerin. Mit dabei in der Skischule sind ihr Bruder, ihre Eltern – und Flinn. Nur: Er wird es nie lernen, das Skifahren. Das Gehen im Schnee, das beherrscht Flinn. Schliesslich zieht er den Schlitten des Weihnachtsmannes. Da er ihn jedoch mal da, mal dort ziehen muss, muss er hin und her reisen, dummerweise auch im Flugzeug. Und jetzt leidet er unter Flugangst. Frieda soll und will ihm helfen. Vielleicht verliert Flinn beim Skifahren die Angst vor Höhe und Geschwindigkeit. Soweit das Starthäuschen im Kinderbuch «Es düst ein Rentier durch den Schnee». Weihnächtliche Winterferien mal ganz anders, und doch vertraut. Geschickt verbinden Smilla Blau (Text) und Susanne Göhlich (Bild) die Klischees von Familienferien im Hotel und im Schnee bzw. auf der Eisbahn oder dem Sessellift mit einem Miturlauber, der sich nicht ganz an die Regeln halten kann. Und eigentlich lieber Pizza und Pommes, noch lieber aber Zimtkekse verspeist.

Gegessen wird ebenfalls in der siebten Ausgabe der Zeitschrift «ski français», die sich den «Vacances au ski» widmet. Im Kapitel «Quand la montagne fond dans l’assiette» teilen sich auf einer seitengrossen Foto Laetitia und Johnny Halliday in Gstaad nicht nur ein Fondue, sondern auch einen Kuss – moitié-moitié der ganz andern Art. Dabei werden in diesem Kapitel nicht Gruyère und Vacherin fribourgeois gerührt, sondern die Käsesorten aus der Savoie, die trotz all der winterlichen Besucher nicht ganz so bekannt sind wie die Skiorte, die insbesondere im Februar be- und überfahren werden. Sehr zu empfehlen, neben einem Raclette au Beaufort des Montagnes, ist das Kapitel «Le mythe des vacances au ski – carte postale ou construction sociale?» Kurze Kostprobe vielleicht? «Les vacances au ski sont l’une des plus grandes légendes hivernales de notre époque postmoderne: un mélange d’effort et de luxe, de nature et de consomation, d’authenticité rêvée et de réalité bien balisée.» So abgegrenzt wie die Pisten, die Bergrestaurants – und die sozialen Schichten: «Aller au ski, c’est faire partie de ceux qui savent.» Also für diejenigen, die das Skifahren so gut beherrschen wie das Avant- und Après-Ski. Und die das nötige Grossgeld haben. Schnee sollte es auch haben.

Hat es wieder mal nicht viel. So hocken wir vor einem Chalet an einem windstillen, sonnigen Platz und lesen ein Buch. Oder auch vor dem Cheminée, wenn Wetter oder Helligkeit nicht mitmachen. Zum Beispiel «Das letzte Fondue. Weihnachtliche Krimigeschichten aus der Schweiz». Dreizehn Geschichten, davon acht extra für diese Anthologie geschrieben, von bekannten Krimiautoren und -autorinnen wie Marcel Huwyler, Gabriela Kasperski, Ina Haller – oder Christoph Simon. Hauptfigur in seiner Story ist sein neuer Serienheld Paul Gertsch, Trödelladenbesitzer in der Berner Länggasse; den ersten Auftritt hat er in «Die geschenkte Leiche». Seine Tochter Alina hat ihm ein frühes Weihnachtsgeschenk gemacht: zwei Nächte im Hotel Blüemlisalp an einem See oberhalb Kandersteg. Es könnte der Oeschinensee sein; allerdings führt dort kein Wanderweg um den See herum, im Winter schon gar nicht. Aber Paul Gertsch unternimmt genau diese Runde zum morgendlichen Training. Kann passieren, und es passiert noch viel mehr Unvorhergesehenes, nicht nur bei Fondue (am 1. Abend) und Raclette (am 2. Abend). Beispielsweise, was Küchengehilfin Rosa (sie muss immer die Fondues anrühren) beim Eislaufen auf dem zugefrorenen See entdeckt. Wenn schon kein Schnee liegt, kann wenigstens auf Schwarzeis gekurvt werden.

Wo Sie auch immer stieben, sitzen oder singen: Frohe Weihnachten!

Smilla Blau, Susanne Göhlich: Es düst ein Rentier durch den Schnee. Fischer Sauerländer, Frankfurt am Main 2025. € 14,00.

Ski français. Tome 7: Vacances au ski. Éditions Glénat, Grenoble 2025. € 20,00.

Miriam Kunz (Hrsg.): Das letzte Fondue. Weihnachtliche Krimigeschichten aus der Schweiz. Atlantis Verlag, Zürich 2025. Fr. 22.90.

Auf nach Grönland!

Expeditionen und Expositionen zur grössten Insel der Welt. Mit im Gepäck für die Hinreise nach Bern bzw. die Rückfahrt: ein Foto-Lese-Band, ein Essay und ein Krimi.

«Auf dem höchsten Punkt des Inlandeises flattert ein Schweizerfähnchen…»

Legende zu einem schwarzweissen Foto, das einen Teilnehmer der Grönlandexpedition des Akademischen Alpenclubs Zürich neben einem Schlitten zeigt, links davon weht ein Fähnlein an zwei umgekehrt in den Schnee gesteckten Skistöcken, das Schweizer Kreuz mehr erahn- als sichtbar. Das Foto findet sich im Buch «Quer durchs ‹Schweizerland›» der beiden Teilnehmer André Roch und Guido Pidermann. Insgesamt sieben Schweizer nahmen an der Expedition vom 26. Juni bis 11. Oktober 1938 teil, «auf kühner Fahrt durchqueren sie mit Ski und Hundeschlitten dieses neue ‹Schweizerland› bis an den Rand des Inlandeises, stossen auf diesem vor bis zu seinem höchsten Punkt und lassen die Schweizerfahne auf 16 unbestiegenen Gipfeln Grönlands flattern», so der Klappentext. «Mit dem ersten Nordlicht (…) sind die Bergsteiger an der Küste zurück, kehren bei den Eskimos von Kungmiut, dem glücklichsten Völklein der Erde, als Gäste ein.»

Mehr zu dem von Schweizern entdeckten und benannten grönländischen Schweizerland im ausgezeichneten Beitrag «Die Schweiz, Grönland und die Wissenschaften. Die Entdeckung der horizontalen Alpen» von Daniel di Falco. Er ist der Mitherausgeber der Begleitpublikation zur Ausstellung «Grönland. Alles wird anders» im ALPS Alpines Museum der Schweiz. Weder die Lektüre noch den Besuch sollte man verpassen. Erst recht nicht, seither Grönland oben auf die weltpolitische Agenda gerutscht ist. Ganz oben auf der Weltkarte ist das Land auf den uns geläufigen kartografischen Ansichten ja ohnehin. Mehr noch: Grönland ist ebenfalls im Bernischen Historischen Museum, gleich vis-à-vis dem ALPS, ein Thema. Die Ausstellung «Grönland in Sicht! Perspektiven auf ein koloniales Erbe» beschäftigt sich mit der Grönland-Sammlung des Museums; Schweizer Expeditionen brachten Anfang des 20. Jahrhunderts Souvenirs mit, die heute als «Grönland-Sammlung» aufbewahrt werden. Diese Sammlung wirft Fragen auf – und gibt Antworten auf unser Verhältnis als Touristen zu Eingeborenen, zur grössten Insel der Welt, zur Arktis überhaupt. Eine eigene Publikation zu dieser Grönlandexposition gibt es nicht, aber die Tafeln in der Ausstellung bieten klugen Lesestoff. Und der im Museumsshop aufgelegte Essay «Invasionen des Privaten» der österreichischen Schriftstellerin Anna Kim – sie wurde als gebürtige Südkoreanerin in Grönland oft für eine Einheimische gehalten – vertieft unsere Kenntnisse zur mehr weissen als grünen Insel; ein Kapitel befasst sich mit dem «Dickicht der Sprachen».

Exakt darum geht es ebenfalls im politischen Grönland-Krimi «Sieben Gräber für den Winter» von Christoffer Petersen. Die Sprachenfrage mischt den Wahlkampf zwischen der Premierministerin und dem Herausforderer auf, zusätzlich zum Verschwinden ihrer Tochter. Der vor kurzem pensionierte Polizist David Maratse muss den Fall klären, in neun Tagen von Sapaat bis Marlunngorneq. Die richtige Lektüre für die Fahrt nach Zürich, wo Françoise Funk-Salamí ihre Grönland-Fotos in der Kunstsammlung Rüegg ausstellt, und vor allem nach Bern ins Museumsviertel. Die Fläche zwischen den beiden Museen heisst Helvetiaplatz. Da passt der Satz auf Seite 176 im Buch von Roch und Pidermann: «Am Sonntag, den 28. August, schon etwas ausgeruht, brechen die Zurückgebliebenen morgens um 5 Uhr auf, die ‹Punta Helvetia› zu besteigen, einen schönen 1400er am rechten Ufer des Sioralikgletschers.»

Daniel Di Falco, Beat Hächler (Hrsg.): Grönland. Alles wird anders. ALPS Alpines Museum der Schweiz, Bern 2024. Fr. 20.-. (im Museum).

Anna Kim: Invasionen des Privaten. Literaturverlag Droschl, Wien 2011; 2. Auflage 2012. Fr. 15.- (im Bernischen Historischen Museum).

Christoffer Petersen: Sieben Gräber für den Winter. Ein Grönland-Krimi. Kampa Verlag, Zürich 2025. Fr. 26.50.

Ausstellungen:
▲ ALPS Alpines Museum der Schweiz, Bern: Grönland. Alles wird anders (bis zum 16. August 2026).
▲ Bernisches Historisches Museum, Bern:  Grönland in Sicht! Perspektiven auf ein koloniales Erbe (bis 31. Mai 2026).
▲ Kunstsammlung Rüegg, Rämistrasse 30, 8001 Zürich (Eingang über Zeltweg): Silap ingerlasia – Wie die Welt sich bewegt. Grönland-Fotos von Françoise Funk-Salamí (bis 14. Februar 2026; Mittwoch bis Freitag, 12–18.30 Uhr, Samstag, 11–17 Uhr; www.kunstsammlung-ruegg.ch).

Veranstaltungen:
Grönland × Grönland. Ein Land, verschiedene Perspektiven. Mittwoch, 21. Januar 1926, 17.30–18.45 Uhr, Start im ALPS. Eine Führung, die die Vergangenheit und Gegenwart Grönlands in den Blick nimmt. Der Rundgang durch das Bernische Historische Museum und das ALPS eröffnet überraschende Zusammenhänge und vielseitige Einblicke. https://alps.museum/veranstaltungen.
Erforschung Grönlands durch Alfred de Quervain. Vortrag von Manuel Gossauer vom Akademischen Alpenclub Bern. Dienstag, 24. Februar 2026, 19.00–21.00 Uhr, im Restaurant Dählhölzli, Bern. Nicht-Mitglieder sind willkommen, werden aber gebeten, sich vorher kurz per E-Mail anzumelden (praesident@aacb.ch).

Mit Ski zum Tag der Berge

Drei Skibücher zum Internationalen Tag der Berge. Mal philosophisch, mal historisch, mal touristisch. Die Piste ist geöffnet.

«La piste est la mise à plat du skieur. Si les visiteurs des stations modernes ne sont sans doute pas les premiers, dans l’histoire des véhiculations humaines, à avoir éprouvé le frisson de la glisse, ils sont en revanche les premiers à avoir planifié ce plaisir en compactant la neige sous le poids des dameuses.»

Eine kurze Worterklärung, bevor wir uns am internationalen Tag der Berge (11. Dezember) mit dem brusttaschentauglichen Buch «Traité de ski alpin par temps chaud» von Laurent Buffet auf die Piste machen. Dass sie, wenigstens am Morgen, so schön und eben gewalzt ist, das haben eben am Abend und oft noch in der Nacht die Dameuses gemacht, die Pistenraupen. Diese Fahrzeuge, im Südtirol nett auch Schneekatzen genannt, fahren im Kapitel auf, das mit «Kurvenführung der Pistenstrecken» überschrieben ist. Wobei dies natürlich mehr mit Gedanken als mit Gelände zu tun hat. Wie alles auf den hundert, mit fünf schwarzweissen Abbildungen illustrierten Seiten in dieser philosophischen Abhandlung zum alpinen Skilauf. Dass Roland Barthes mitkurvt, erstaunt nicht, eher schon Walter Benjamin mit seinem Werk zu Paris und den Passagen. Nun, die Pisten sind ja auch speziell gemachte Wege, um Menschen von A nach B zu bringen, mehrmals am Tag. Zum Vergnügen (hoffentlich) und mit Geschwindigkeit (wenn man’s kann). Wobei Laurent Buffet die Psychoanalyse als Pistenmarkierung hinstellt, was man beim lesenden Fahren vielleicht nicht immer mitkriegt. Das Folgende hingegen schon, kurz vor dem Abschwingen: «Auf der Suche nach einem anderen Leben hinterlässt der Skifahrer weiterhin seine Spuren auf den schmelzenden Schneeflocken.» Die beiden letzten Sätze dann wieder im Original: «On dit que la montagne est dangereuse. Le skier est sans doute le dernier des aventuriers.»

Ob er das wirklich ist, sei mal dahingestellt. Sicher ist: Der Skilauf, insbesondere der alpine, ist eindeutig mehr als einfach über eine schräge weisse Fläche zu gleiten und zu kurven, nicht unbedingt möglichst schnell, aber schon mit Fahrwind. Was der Skilauf historisch und gesellschaftlich mit dem Skiland Schweiz verbindet, erfahren wir im ebenfalls brusttaschengrossen Buch «La civilisation du ski. Une autre histoire de la Suisse». In zehn Kapiteln, vom Aufkommen des Skilaufs am Ende des 19. bis zum Après-Lift im 21. Jahrhundert, schildern Grégory Quin und Jean-Philippe Leresche von der Uni Lausanne und Laurent Tissot von der Uni Neuchâtel eindringlich und überzeugend, wie das Skifahren untrennbar mit der zeitgenössischen Geschichte der Schweiz verbunden ist. Lange Zeit war es als Sport und Freizeitbeschäftigung die Nummer 1 im Land, ein fester Bestandteil des helvetischen «Alpenmythos», der mit Albrecht von Haller einsetzte und mit Vreni Schneider und Pirmin Zurbriggen (sein «Knie der Nation» anno 1985!) Nachfolger fand. Dennoch wird heute die Zukunft dieses nationalen Wintersports aufgrund des Klimawandels und der sozialen und ökologischen Kosten zunehmend in Frage gestellt. Hinter den jüngsten Erfolgen der Schweizer Champions und der Freude am Skifahren verbergen sich allerdings weitreichendere Fragen zum Fortbestand einer echten Skikultur, die dieses tief schürfende Buch anhand ihrer historischen Wurzeln, ihrer Wirtschaftlichkeit, ihrer Technologien, ihrer Politik und ihrer alten und aktuellen Praktiken untersucht. Und das auch mit Tabellen zu Schneetagen, zur Grösse von Skigebieten, zur Anzahl von Skifahrern, Skiclubmitgliedern und verkauften Skis, zu den 230 durchgeführten Weltcuprennen in der Schweiz von 1967 bis 2025 (56 Mal in Adelboden; nur einmal zum Beispiel in Flühli im Entlebuch, ein Slalom 1987, inoffizielles Abschiedsrennen für Erika Hess mit Sieg von Corinne Schmidhauser). Ganz schön das fünfte Kapitel, das sich mit der Vorstellungswelt des Skilaufs beschäftigt, mit Plakaten, Filmen, Büchern. Schade eigentlich, dass «Heidi» zur berühmtesten Figur im Alpenland Schweiz aufstieg, lange bevor der Skilauf Fahrt aufnahm. Das wär doch eine schier göttliche Fügung gewesen, wenn Heidi der Klara aus Frankfurt das Skifahren beigebracht hätte…

Stopp, Querschwung! Es fährt ja Ski, das Heidi, in seinem Land nämlich, in der Ferienregion Heidiland zwischen Walensee und Sarganserland. Insbesondere natürlich im Skigebiet Wangs-Pizol mit dem «schönsten Skiberg der Ostschweiz». Das heisst es im Führer «111 Skipisten, die man in Deutschland, der Schweiz, Österreich & Südtirol gefahren sein muss» vonChristoph Schrahe, Thomas Biersack, Stefan Herbke. Der Führer war vor fünf Jahren erstmals erschienen (https://bergliteratur.ch/fuehrer-fuer-die-wintersaison/) und kurvt nun mit 20 neuen Pisten auf. Das heisst umgekehrt, dass gleichviele nicht mehr unbedingt gefahren werden müssen. Folgende sechs Pisten aus der Schweiz wurden gestrichen: La Dzorniva in Lax, Hockenhorngrat im Lötschental und die Skitour über die Lötschenlücke (letztere verständlicherweise wegen des Bergsturzes von Blatten!), Chälenegg auf der Klewenalp, Mythen-Skisafari und die Abfahrt von Stütze 2 am Säntis. Neu dabei sind vier eidgenössische Strecken: Grindel auf der Firstseite von Grindelwald, Säntisabfahrt nach Wasserauen, der Schwarze Diamant in Arosa und die Standart in Bivio. Insgesamt 32 Must-Runs in Switzerland. Neu dabei sind ebenfalls zwei ganz besondere österreichische Skipisten. Einerseits die Ulli-Maier-Strecke im Salzburger Land (am 29. Januar 1994 starb Ulli Maier wegen Aufpralls an einem Holzpfosten bei einem Super-G in Garmisch-Partenkirchen; die Piste an der Kreuzbodenalm, wo Ulli jeweils trainierte, trägt seit 2019 ihren Namen). Andererseits die Streif in Kitzbühel, neben dem Lauberhorn DIE Abfahrtsstrecke. Jeder «mordu de la vitesse», so eine Bezeichnung von Laurent Buffet, möchte dort mal runterfahren. Und gewinnen bzw. heil unten ankommen. Bonnes descentes, mes amis!

Wenn es denn Schnee hat. Im Weyerli in Bern hat es. Aus dem chemikalienfreien Abriebmaterial der Kunsteisbahn Weyermannshaus entsteht auf dem Abhang im Freibadgelände eine Miniskipiste inklusive eines begehbaren Förderbands. In Betrieb bis am 8. Februar 2026 jeweils am Mittwoch-, Samstag- und Sonntagnachmittag von 13 bis 17 Uhr; www.sportamt-bern.ch/schneespass-im-weyerli/.

Laurent Buffet: Traité de ski alpin par temps chaud. Éditions La Bibliothèque, collection Les Billets, Les Lilas 2025. € 14,00.

Grégory Quin, Laurent Tissot, Jean-Philippe Leresche: La civilisation du ski. Une autre histoire de la Suisse. Savoir Suisse des Presses polytechniques et universitaires romandes, Lausanne 2025. Fr. 17.50.

Christoph Schrahe, Thomas Biersack, Stefan Herbke: 111 Skipisten, die man in Deutschland, der Schweiz, Österreich & Südtirol gefahren sein muss. Überarbeitete Neuauflage. Emons Verlag, Köln 2025, € 19.-

Kinder und Jugendliche zum Berg

Drei neue Bücher für Kinder und Jugendliche, darin Berge gross oder nur am Rande vorkommen. Ausgerechnet das Geschichtsbuch zum Bergsteigen kommt nicht in die Höhe.

«In den Schweizer Alpen ragte ein mächtiger Berg empor, der unerreichbare Gipfel des Mont Blanc.»

Heisst es auf Seite 11 des Buches «Auf in die Berge! Was Menschen in die Höhe treibt» von Katja Seifert, empfohlen ab sechs Jahren. Klar, in vielen Reiseführern zur Schweiz vor allem des 19. Jahrhunderts wurde der Mont Blanc grosszügig zu den helvetischen Bergen gezählt. Mais quand-même, würden die Leute von Chamonix bzw. Courmayeur sagen… Das Buch zu Geschichte und Motivation des Bergsteigens, «reich illustriert mit interessanten Fakten» (so der Waschzettel), löst dieses Versprechen buchstäblich immer wieder ein. Auf Seite 19 befindet sich das Matterhorn «an der Grenze zwischen der Schweiz und Italien», zwei Seiten später lesen wir im Abschnitt zur ersten Frauenbesteigung im Jahr 1871: «Meta gelang wenig später als erster Frau die Matterhorn-Überschreitung von der Schweiz nach Frankreich»; der Nachname von Meta wird zudem mal richtig Brevoort, mal aber auch Bretvoort geschrieben. Es wird noch interessanter: Edmund Hillary und Tenzing Norgay, die Erstbesteiger des Everest, «bezwangen eine 12 Meter hohe Felsstufe, an der zuvor vermutlich Mallory und Irvine gescheitert waren». Nur versuchten die Letztgenannten den Everest von Norden zu besteigen, während Hillary & Tenzing von Süden erfolgreich waren.

Um Unstimmigkeiten, allerdings ganz anderer Art, geht es im Jugendkrimi «Gauner im Berg!» in der Reihe «SOS Seraina, Olivio, Simon» von Frank Kauffmann und Daniel Reichenbach. In ihrem fünften Fall ermittelt das Trio aus Amden und Weesen in den Höhlen des Churfirstengebiets, wo sich die Beute eines jahrzehntealten Uhrendiebstahls verstecken soll. Vielleicht im berühmten Wildmannlisloch, wahrscheinlich aber in einer ganz anderen Höhle. Für Spannung ist also gesorgt, erst recht, als die jugendlichen Detektive mit Hilfe eines richtigen Speläologen den Schatz finden, jedoch in der tiefen Höhle gefangen bleiben, weil der Komplize des Gauners ihnen die Leiter zum Wiederaufstieg abgeschnitten hat. Doch es gibt einen Geheimausgang, der allerdings so schmal ist, dass man nur auf dem Bauch kriechend durchkommt. Da braucht Seraina einen kühlen Kopf – und Mut. Ob sie es schafft?

Und ob es «Der kleine Hasenfuß Leo» schafft, sich an einem Seil über eine tiefe Schlucht zu schwingen? Leo ist ein kleiner Schneeleopard, der mit seiner Familie eine Bergwanderung unternimmt bzw. unternehmen muss. Denn Leo ist ängstlich, da er Probleme mit seinem Gleichgewichtssinn hat. Mit Rat und Tat einer pfiffigen Hummel wird er stabiler und damit mutiger. Er schafft die Tour schliesslich und ist zu Recht stolz auf sich. Die Thematik dieses Kinderbuches von Isolde Fehringer, Klaus Ebenhöh und Daniel Spreitzer dreht sich um Reizverarbeitung, wie dem Begleitschreiben zu entnehmen ist. «Bei den einen funktioniert sie besser, bei den anderen weniger. Kinder mit einer Sensory Processing Disorder beim Gleichgewichtssinn bleiben bei Wanderungen und Touren lieber zu Hause. Dabei täte es ihnen – unter guter Anleitung – sehr gut. Das ist die Message unseres Buches.»

Katja Seifert: Auf in die Berge! Was Menschen in die Höhe treibt. NordSüd Verlag, Zürich 2025. Fr. 29.90.

Frank Kauffmann, Daniel Reichenbach: SOS Seraina, Olivio, Simon. Gauner im Berg! Baeschlin Verlag, Glarus 2025. Fr. 24.-

Isolde Fehringer, Klaus Ebenhöh, Daniel Spreitzer: Der kleine Hasenfuß Leo. Verlag Bibliothek der Provinz, Wien 2024. Fr. 22.90.

Frauen voran!

Zwei neue Bücher und eine neue Veranstaltungsreihe zum Frauenalpinismus. In Bern, am Matterhorn, in den Bergen der Welt.

«Mit jedem Tritt ihrer steigeisenbewehrten Füße an der Nordwestwand des Huandoy Este in der peruanischen Cordillera Blanca gewann Juliana García die wertvolle alpine Erfahrung, die sie brauchte, um zu einer der bedeutendsten Persönlichkeiten in der lateinamerikanischen Kletterszene zu werden.»

So steil steigt das Kapitel über die erste zertifizierte Bergführerin Lateinamerikas im Buch «Höher als der Himmel. Heldinnen der Berge» von Joanna Croston ein. Darin stellt die Direktorin des Banff Centre Mountain Film and Book Festival 20 Alpinistinnen vor. Bekannte wie die Japanerin Junko Tabei, die erste Frau auf dem Everest, wie die Französin Catherine Destivelle, der als erster Frau die Solobegehung der klassischen Nordwandroute in der Eigernordwand gelang, und erst noch im Winter; wie die US-Amerikanerin Lynn Hill, die als erste Person (!) die berühmte Nose am El Capitan frei kletterte. Daneben werden, immer auch mit Porträtfotos und Actionbildern, noch hierzulande unbekannte Bergsteigerinnen porträtiert. So eben Juliana García aus Ecuador. So Sarah Hueniken aus Kanada, professionelle Eiskletterin und Gründerin der Trauma-Selbsthilfegruppe Mountain Muskox. So Wasfia Nazreen aus Bangladesch, die nicht nur auf den Seven Summits, den höchsten Gipfeln der sieben Kontinente stand, sondern auch auf dem K2, dem schwierigsten 8000er. Bestens in die Auswahl hätte ebenfalls Nasim Eshqi gepasst.

Nun, wir können die aus dem Iran geflohene Kletterin und Aktivistin live erleben, am Freitag, 28. November um 18.30 Uhr, im ALPS in Bern. Nasim Eshqi ist eine grossartige Erzählerin und hat vor allem auch etwas zu sagen. Sie setzte sich im Iran für Frauenrechte ein und lebt heute in Italien, wo sie politisches Asyl erhielt. Mit ihrem Auftritt lanciert das ALPS Alpines Museum der Schweiz eine neue Veranstaltungsreihe: «AktivismusAlpinismus» stellt international aktive Menschen vor, die Bergsport mit gesellschaftlichem Auftrag verbinden. An drei Abenden pro Jahr (jeweils November bis April) spricht das ALPS mit internationalen Persönlichkeiten über ihr Engagement – für Umwelt, Inklusion, Safe Spaces, Menschenrechte. Am 18. Februar 2026 stellt Beat Baggenstos sein Projekt ClimbAID vor. Am 23. April spricht Zof Reych über ihren Einsatz für neurodivergente, queere Kletter:innen und über ökologische Spannungen im Boulder-Hotspot Fontainebleu. Durch die Veranstaltungen führt Isabella Helmschrott, ehemalige Geschäftsleiterin von CIPRA Schweiz.

Zurück in die Berge. Und zu einer ganz frühen Pionierin des Bergsteigens, zur Engländerin Lucy Walker (1836–1916). Die Schriftstellerin Andrea Günther hat zu ihr einen biografischen Roman verfasst: «Die Gipfelstürmerin. Lucy Walker, die erste Frau auf dem Matterhorn». Der Hinweis «Roman» ist wichtig, denn dann darf Lucy ihren Lieblingsführer Melchior Anderegg auch mal küssen, und das nicht nur am Berg. Dann darf es auch von Süden einen Besteigungsversuch des Cervino durch Melchior, Lucy und Gefährten geben, obwohl ein solcher nie stattfand. Aber romanhafte Schilderungen geraten dann auf abschüssiges Gelände, wenn sich Fiktion und Fakten vermischen. Wie an der Jungfrau, an der Lucy Walker am 8. Juli 1860 von Süden unterwegs war, während Andrea Günther ihre Heldin auf die damals noch unbegangene Guggiroute von Grindelwald aus schickt. Wie am Strahlhorn, das vom Adlerpass, «wo die Eisfläche ein Ende nahm», über den Nordwestgrat erreicht wurde – dabei gab es damals dort oben nur Eis, wie ein Blick auf die Dufourkarte zeigt. Schade, ein Fachlektorat hätte die alpinistischen Fehltritte vermieden. Trotzdem lohnt sich die Lektüre, weil die Autorin eindringlich schildert, wie die Gipfelstürmerin sich gegen gesellschaftliche Hindernisse durchsetzen musste. Im Berghaus Schwarenbach, wo Lucy Walker 1859 Melchior Anderegg kennenlernte, sagte sie zum Vater und Bruder, aber auch zur Mutter und Tante, die von den bergsteigerischen Ambitionen der jungen Frau nicht viel bis gar nichts hielten: «Bei euch Herren ist anscheinend die Idee fest verankert, dass eine Frau als Kamerad nicht geeignet ist, um Abgründe zu überwinden und auf Eis zu klettern. Wir sollen euch artig vom Tal aus zujubeln und in die Arme schließen, wenn ihr zurückkehrt!»

Joanna Croston: Höher als der Himmel. Heldinnen der Berge. Mit einem Vorwort von Helga Hengge und einer Einleitung von Nandini Purandare. Callweg Verlag, München 2025. € 40,00.

Andrea Günther: Die Gipfelstürmerin. Lucy Walker, die erste Frau auf dem Matterhorn. Roman. Gmeiner Verlag, Meßkirch 2025. € 20,00.   

Veranstaltung im ALPS Alpines Museum der Schweiz in Bern, 28.11.2025, 18.30: Nasim Eshqi: Against Femicide. Das Gespräch wird auf Englisch geführt. Eintritt Fr. 15.- Info und Anmeldung hier: https://alps.museum/veranstaltungen/nasim-eshqi-against-femicide

Prachtsbände

In fünf Wochen ist Weihnachten. Hier drei Fotobände, die sich gut machen unter dem Baum, darunter ein neues Meisterwerk von Robert Bösch.

«Weil er da ist», war die schlichte Antwort von George Mallory 1924 auf die Frage, wieso er den Mount Everest besteigen wolle.
«Weil sie da sind», hätte meine Antwort lauten können auf die Frage, wieso ich diese Bilder machen wollte.
Der Berg war da, die Bilder waren da. Ich musste sie nur erkennen, während Mallory ihn besteigen musste, was er beim Versuch mit seinem Leben bezahlte. Bergsteigen und Fotografie – zwei völlig verschiedene Welten, die beide mein Leben geprägt haben. Während die Intensität und das Können meines Bergsteigens im Verlauf des Lebens bedauerlicherweise, aber naturbedingt nachgelassen haben, begleitet mich die Fotografie nach wie vor und hat mich immer wieder in für mich neue Bereiche weitergehen lassen.

So leitet der Schweizer Fotograf Robert Bösch das Vorwort in seinem jüngsten Bildband «Bilder, die ich gesehen habe – Pictures that I have seen» ein. Es ist dies ein rundum prächtiges Werk, 35 mal 25 Zentimeter gross, 252 Seiten schwer, mit einem schwarzweissen Titelbild, das den ganzen Umschlag füllt. Es zeigt – so liest man hinten im Index zu den 118 Fotos – die Mykerinos-Pyramide bei Kairo; ihre steinigen Kantenlinien könnten fast Felsgrate sein. Eine bildstarke Erinnerung daran, dass der heute 71jährige Bösch die künstlerische Karriere als Bergfotograf begann. Sein erstes Buch «Faszination Schnee. Traumhafte Skitouren zu weissen Gipfeln» – die französische Ausgabe heisst «Ski en liberté» – erschien 1988. Die Faszination Schnee ist geblieben, die Freiheit für den richtigen Bildausschnitt ebenfalls. Aber es ist eine neue Freiheit, die über den gebirgigen Horizont hinausgeht. Zu den Wolken allein, oder zum Schilf am Ägerisee im Zugerland, wo Röbi wohnt. Was für eine fotografische Weite, in die wir mit dem jüngsten Bildband von Bösch eintauchen, Seite für Doppelseite, mal farbig, mal schwarzweiss. Das letzte Foto zeigt einen präzis unscharf festgehaltenen Vogel auf seinem Flug, losgelöst von allem Irdischen. «Meine Bilder stehen für nichts anderes als für sich selbst» lesen wir im Vorwort. Es ist überschrieben mit «Das Meer ist schief».

Das Meer ist da. Immer wieder auf den 65 Duoton-Aufnahmen im Band «Gletscher» des im Mai 2025 verstorbenen brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado. Ein Essay der italienischen Physikerin und Klimaforscherin Elisa Palazzi ergänzt den Bildband. Die meisten Fotos stammen von der Antarktischen Halbinsel, den Südlichen Sandwich-Inseln, von Patagonien, Südgeorgien und vom kanadischen Kluane-Nationalpark aus den Jahren 2005 bis 2011. Heute wird es in diesen unwirtlichen Gegenden anders aussehen, viel Eis ist zu Wasser geworden, und noch viel mehr wird leider abschmelzen, wenn wir die Erde weiter so aufheizen. Salgados Gletscherbuch kann als Schwanengesang auf das scheinbar ewige Eis gesehen werden, obwohl – Schwäne sind auf den Fotos keine zu sehen, Pinguine hingegen schon. Was wird aus ihnen, wenn die Gletscher mal weg sind?

Und was wird aus der Schweizer Berglandschaft, wenn die Bergbauern dort nicht mehr arbeiten und leben? Wenn es ihnen zu mühsam, zu aufwendig, zu wenig ertragsreich geworden ist, wenn der Boden unter den Füssen, den Hufen, den Reifen, ja dem Heimetli wegrutscht? Der Walliser Agronom und Fotograf Raymond Zurschmitten zeigt in «Bergbauern. 12 Porträts aus der Schweiz» mit stimmigen schwarzweissen Fotos Familien in den Alpen und im Jura. Die kurzen Texte geben Auskunft zu Betrieb, Familie, Tierbestand, Arbeiten, Hauptprodukte (leider ohne genaue Angaben, wo man diese kaufen kann), Persönliches und Nachfolgeregelung. «Im Besonderen möchte ich mit diesem Buch Jugendliche und junge Erwachsene inspirieren», schreibt Zurschmitten am Ende seines Vorworts. «Vielleicht können sie sich nach der Lektüre vorstellen, selbst einmal auf einem Bergbetrieb zu arbeiten?»

Robert Bösch: Bilder, die ich gesehen habe – Pictures that I have seen. Christoph Merian Verlag, Basel 2025; signiertes Exemplar direkt bei www.robertboesch.ch. Fr. 130.-

Elisa Palazzi, Lélia Wanick Salgado (Hrsg.): Sebastião Salgado – Gletscher. Prestel Verlag, München 2025. € 45,00.

Raymond Zurschmitten: Bergbauern. 12 Porträts aus der Schweiz. Weber Verlag, Thun/Gwatt 2025. Fr. 49.-

Die Reuss

Der letzte Bildband über die Reuss, diesen urhelvetischen Fluss, erschien 1973. Schön, dass nun ein neuer vorliegt.

«Erhitzt von der Wanderung wage ich es, ins kalte Wasser einzutauchen. Eine Gletscherzunge ragt am anderen Ende des Sees ins Wasser, was der Szene ihren besonderen Reiz gibt. Ich bin allein; der Selbstauslöser der Kamera macht ein Bild von mir, dem See und dem Gletscher. Jahre später, unterdessen mit dem Schreiben dieses Buches beschäftigt, wird mir klar, dass ich damals in der Quelle der Reuss gebadet habe. Oder genauer, in einem von mehreren Quellseen des Flusses. Doch nur hier, im Witenwasserental, fliesst die Reuss direkt aus dem Gletschereis.»

Was für ein Einstieg ins Buch – und ins Wasser natürlich auch! Mehr noch: Mit dem Selbstauslöserbild des Autors beginnt «Die Reuss. In der Mitte der Schweiz und ihrer Geschichte». Nackt schreitet der Historiker und Wasserfachmann Jean-Daniel Blanc auf dem querformatigen Foto in den eiskalten Quellsee dieser Reuss. Auf der nächsten Seite gleich nochmals ein querformatiges Foto, wieder mit einem Gletschersee der Witenwasserenreuss, rechts davon das erste Kapitel mit dem Titel «Reusswasser aus vielen Gletschern» und mit dem oben zitierten Vorspann.

So frisch werden alle elf Kapitel eingeleitet, immer mit querformatigen Fotos des Autors und einem Vorspann, der gleichzeitig als Bildlegende dient. So sieht man beispielsweise im Kapitel «Grenzen, Kriege und immer mehr Brücken» aus der Untersicht eine Betonbrücke, die wir eigentlich alle kennen: «Die unzähligen Zugpassagiere, die täglich über die Brücke fahren, nehmen kaum Notiz von ihr, genauso wenig wie von der Reuss in der Tiefe.» Es ist das Eisenbahnviadukt von Mellingen auf der Strecke Olten-Lenzburg-Zürich. Oder zum Blick von der Halbinsel Isleten auf den Urner See und seine hohen Berge an einem sommerlichen Samstagabend notierte der Reuss-Fachmann: «Eine Idylle, aber vermutlich nicht mehr lang. Auch der Zeltplatz auf der grossen Wiese ist nur provisorisch. Werden hier bald Hotels stehen, Apartmenthäuser? Geniessen wir den Moment!»

Machen wir mit diesem vielfältigen, reichhaltig illustrierten Buch über den 164 Kilometer langen Fluss mitten in der Schweiz, der im Gotthard-Massiv beginnt und im Wasserschloss bei Brugg in die Aare mündet. Die Reuss, nach Rhein, Aare und Rhone der viertlängste Fluss der Schweiz, fliesst durch (oder entlang) sechs Kantone, mal abgesehen von Schwyz und Nidwalden, die am Vierwaldstättersee liegen. Fünf dieser sechs Kantone haben die Farbe Blau im Wappen. Blau wie der Himmel auf dem ersten Foto des Buches «Die Reuss».

Jean-Daniel Blanc: Die Reuss. In der Mitte der Schweiz und ihrer Geschichte. Hier und Jetzt Verlag, Zürich 2025. Fr. 44.-