Frauen am Berg

Eine Ausstellung, ein Fundbüro und ein Postkartenbuch: A Women’s Place is on top. Ab sofort im Alpinen Museum der Schweiz in Bern – und überhaupt.

5. Dezember 2021

«Eine liebere, bessere Kameradin kann ich mir nicht denken am Berg.»

Notierte der Alpinist, Skipionier und Führerautor Eugen Wenzel (1900–1989) auf Seite 129 in sein Tourenbuch 2 1923–1926; im Hauptberuf wurde er Buchhalter im Haute Couture Geschäft seiner Frau an der Brandschenkenstrasse in Zürich. Rosa Wenzel-Hofer (1906–1998), die ihren Mann auch auf den schweren Fahrten sommers und winters begleitete, ist auf seinen Fotos immer wieder zu sehen; so in den Berichten, die er in „Die Alpen“, der Zeitschrift des Schweizer Alpen-Clubs, veröffentlichte. 1500 Stereoglasdias, 200 Farbdias und sechs Tourenbücher sind in der Sammlung des Alpinen Museum der Schweiz enthalten. Seit dieser Woche hat Rösli, wie Eugen seine Lebensgefährtin nannte, ihren grossen Auftritt: Auf dem Titelbild von „A Women’s Place“, dem Postkartenbuch zu „Frauen am Berg“, dem Fundbüro für Erinnerungen N° 2, macht die modisch gekleidete Rosa Wenzel einen atemberaubenden Sprung auf einem Felsgrat am Fergenkegel in der Silvretta, um 1930 perfekt ins Szene gesetzt und fotografiert von ihrem besten Kameraden.

„Frauen am Berg“ also, die neue Ausstellung zum Anschauen und Mitmachen am Helvetiaplatz in Bern. Das freute hoffentlich Helvetia, ganz sicher aber Rosa. Das partizipative Sammlungsprojekt „Fundbüro für Erinnerungen“ – N° 1 war dem Skifahren gewidmet – zeigt Objekte und Fotos von Bergsteigerinnen aus der Sammlung des Alpinen Museums und befragt Bergführerinnen und Expeditionsteilnehmerinnen, Alpinistinnen und Sportkletterinnen nach ihren Geschichten. Eine von ihnen ist die Bernerin Heidi Lüdi, die 1982 als erste Schweizerin mit American Women’s Himalayan Expeditions auf der Ama Dablam (6814 m) stand; sie schenkte dem Museum zahlreiche Ausrüstungsgegenstände, sie ziert das Auftaktbild zu „Frauen am Berg“, aufgenommen auf einer Skitour am Pik Juchina in Kirgistan, 1974. Und sie war dabei an der Vernissage von „Frauen am Berg“ und „A Woman’s Place“ am Freitag, 3. Dezember 2021. Genauso wie Nicole Niquille, die erste Bergführerin der Schweiz, wie Rita Christen, seit Herbst 2020 Präsidentin des Schweizer Bergführerverbandes. Oder wie Trudi Wyss; von ihrem Schwiegervater Rudolf Wyss ist im Postkartenbuch ein ganz besonderes Foto zu sehen: Ein Bergführer kontrolliert etwas überheblich den Seilknoten einer Alpinistin, aber sie lässt sich davon nicht einschüchtern.

Diese Postkarte, und 39 andere, könnte man heraustrennen und verschicken – eine schöne Idee, gerade jetzt: zum Beispiel diejenige von Nicole Niquille mit einer Ampulle… Aber es wäre sehr schade für die rundum geglückte Publikation mit klugen Texten sowie fein ausgewählten Fotos und arrangierten Fundstücken aus der Sammlung. Wer die Postkarten verschicken will, kauft besser gleich zwei dieser Postkartenbücher! Und wünscht mit Rosa einen sicheren Sprung ins Neue Jahr.

Ich habe Rosa Wenzel auf Umwegen noch kennengelernt. In einem Artikel für „Die Alpen“ von 1993 über eine Skitour auf den Pizzo Stella (3163 m) zuhinterst in der Valle di Lei, einem Seitental des Avers, hatte ich Text und Fotos mit dem Bericht von Eugen Wenzel aus dem Jahre 1936 verwoben. Daraufhin schrieb mir Rosa Wenzel auf dem Papier des Hotels „Post“ in Bivio, wo sie immer wieder logierte und auch ihren 90. Geburtstag feierte, einen Brief: „Die Skifahrerin auf dem Bild von Eugen Wenzel bin ich.“

A Woman’s Place. Fundstücke von Bergsteigerinnen aus der Sammlung. Ein Postkartenbuch. Mit Beiträgen von Rita Christen, Rebecca Etter, Beat Hächler, Monika Hofmann, Michelle Huwiler, Anita Mischler und Ingrid Runggaldier. Alpines Museum der Schweiz / Scheidegger & Spiess, Bern / Zürich 2021, Fr. 24.-

Fundbüro für Erinnerungen, № 2: „Frauen am Berg“. Alpines Museum der Schweiz in Bern, 4. Dezember 2021 bis Oktober 2023. Frauen sollen ihre Berggeschichten mitteilen: direkt im Untergeschoss des Museums oder auf www.e-fundbuero.ch/de/fb2/ Am Donnerstag, 20. Januar 2022, 17.30 bis 19 Uhr, erzählt Sophie Lavaud von ihren elf Achttausendern. Und auch, wie sie die restlichen drei noch besteigen will.

Voyage gourmand dans les Alpes

Ein feines, dickes Buch, das nach Berghütte und Kaminfeuer duftet, aber nicht nur…

26. November 2021

«Ma journée idéale à Zermatt commence par un café à une table du Zum See dès l’ouverture, suivi par une petite randonnée de deux heures jusqu’au Chalet-Étoile, à Cervinia, pour un déjeuner de pâtes. Retour en fin de journée à ma pension préférée, l’Alpenblick, avant de ressortir pour une fondue au Whymper Stube (du nom d’Edward Whymper, alpiniste, premier ascensionniste du Cervin, et écrivain.»

Wer kriegte da nicht Hunger, wer käme da nicht mit? Wenigstens im Winter und Frühling, wenn auf den Pisten bis Zermatt und Breuil-Cervinia gefahren werden kann. Denn ohne Ski dürfte die kleine Wanderung, immerhin über den fast 3330 Meter hohen Theodulpass, kaum in zwei Stunden zu machen sein. Und die Seilbahnverbindung „Alpine Crossing“ mit dem erstmaligen Abschnitt Klein Matterhorn – Testa Grigia nimmt erst Ende 2022 den Betrieb auf; dann werden wir ohne Ski- oder Bergschuhe zwischen den Gourmetdörfern dies- und jenseits des Matterhorns hin und her pendeln können. Etwas körperliche Bewegung tut allerdings gut. Wenigstens wenn wir all die feinen Speisen essen möchten, die uns die kanadische Journalistin Meredith Erickson in ihrem 360-seitigen Buch „Voyage gourmand dans les Alpes“ auftischt. Zum Beispiel die Foie de veau à la poêle avec du rösti im Restaurant Zum See; wie das Gericht zubereitet werden muss, erfahren wir natürlich Gang für Gang.

Sechs Jahre lang reiste Meredith Erickson durch die Alpen von Italien, Österreich, Frankreich und der Schweiz, mit dem Auto, zu Fuss, auf Ski und mit Seilbahnen, um ein Gourmet-Inventar zu erstellen, Restaurants zu testen und Rezepte zu finden. Slowenien und Liechtenstein liess sie aussen vor, von Deutschland serviert sie die Saucisse blanche de Munich, inklusive Thomy-Senf! Die besten Macaronis du berger (Älplermakkaronen) ass sie im Hotel Alpenland in Lauenen, die besten Nussgipfel beim Gässli-Beck in Habkern. Die Rezepte dazu auf den Seiten 236 und 239; dort noch gleich der Tipp, wie man gewöhnliche Gipfeli vom Vortag in frische Nussgipfel verwandeln kann.

Vom vielen Schlemmen und Kochen, Probieren und Dekantieren fielen ein paar geografische, touristische und geschichtliche Sachen sozusagen zwischen die Pfannen, Teller und Gläser. In der Schweiz gibt es nicht nur neun Alpenkantone (Glarus und Unterwalden zum Beispiel gingen vergessen), es gibt sechs (und nicht fünf) Messner Mountain Museums, und Alfred Wills bestieg das Wetterhorn nicht erst 1865, sondern schon 1854. Zudem hätten ein paar Bildlegenden mehr nicht geschadet. Trotzdem: ein appetitanregendes Buch mit 75 Rezepten und vielen Farbfotos. Und wenn wir all die Antipasti valdôtains im Les Neiges d’antan in Cervinia verspeist haben, begleitet von einem Torrette oder Fumin aus dem Alta Valle d’Aosta und zuletzt noch von einem Gläschen „Schnapps à l’arolle“, brechen wir auf zu einem kleinen Verdauungsspaziergang. Bon appétit et bonne balade!

Meredith Erickson (Text), Christina Holmes (Foto): Voyage gourmand dans les Alpes. Italie – Autriche – Suisse – France. Recettes, rencontres et adresses incontournables. Éditions Glénat, Grenoble 2021, € 39,00.

Alte Alpinisten

Zwei Bücher mit zwölf Biographien grosser Alpinisten.

17. November 2021

«Ich bleibe Bergsteiger bis zu meinem Tod.»

Finaler Satz von Oswald Oelz in dritten Kapitel des neuen Buches von Ulrich Remanofsky mit dem munteren Titel: „Die wilden Alten. Zehn Extrembergsteiger – ein Leben lang am Limit“. Das Cover zeigt den Schweizer Marcel Remy, geboren am 6. Februar 1923, am scharfen Ende des Seils im schwierigen Klettergebiet Saint-Loup. Neben diesem uralten Sportkletterer porträtiert Remanofsky, mit Jahrgang 1943 selbst nicht mehr der Jüngste, folgende alten Alpinisten: die beiden Söhne Claude und Yves von Marcel Remy, Bernd Arnold, Peter Habeler, Pit Schubert, Walter Spitzenstätter, Manfred Sturm, Otti Wiedmann und eben Oswald Oelz. Wie man das schafft, zwischen Eintreten ins Rentenalter und Abtreten noch dermassen Auftreten zu können, zeigt Remanofsky in eindrücklichen Porträts. Habeler zum Beispiel, der mit fast 75 Jahren noch locker durch die Eigernordwand klettert. Marcel Remy, der sich noch sicher in der Senkrechten bewegt, wenn andere längst ins Waagrechte verschwunden sind. Gleichzeitig erinnern sich die Alten gerne an frühere wilde grosse Touren – auch das gehört selbstverständlich zum Älterwerden, und dem wird in diesem Buch auch unterhaltsam nachgelebt. Wie immer bei einer Auswahl kann diese befragt werden: warum nur schweizerische, deutsche und österreichische Bergsteigern, warum nur Männer? Oder gibt es keine weiblichen wilden Alten? Doch: Martine Rollande (Jg. 1949), um nur einen Namen zu nennen. Catherine Destivelle, Lynn Hill und Nives Meroi haben zwar grad die Schwelle von 60 überklettert, aber dann gehört frau noch nicht zur alten Garde, mais non!

Fredy Hächler hingegen tut es mit Jahrgang 1932. Am 18. Juli 1959 erreichte er zusammen mit Alois Strickler (1924–2019) den Gipfel des Matterhorns, nach der 13. Durchsteigung der Nordwand. „Wenn du auf dem Gipfel oben ankommst, bist du nicht mehr derselbe Mensch, der unten eingestiegen ist, und dies für dein ganzes restliches Leben.“ So wird Hächler im Buch zitiert, das Bruno Bollinger über ihn und Strickler geschrieben hat. „Eine besondere Seilschaft“ schildert ausführlich und mit vielen zeitgenössischen Abbildungen das Leben der zwei Spitzenbergsteiger. Wilde Zeiten haben beide Schweizer erlebt, im Fels wie auf dem Wasser. Strickler war der zweite Alpinist, der die sechs klassischen Nordwände (Grandes Jorasses, Dru, Matterhorn, Eiger, Badile und Grosse Zinne) durchstieg, die Gaston Rébuffat von 1945 bis 1952 gemacht hatte und 1954 im Buch „Étoiles et tempêtes“ verewigte. Und die auch bei jungen Bergsteigern immer noch für Herausforderungen sorgen. Den Einstieg zur Doppelbiographie markiert ein Zitat von Alois Strickler: „Schwierige Touren machen viele, die Kunst ist dabei alt zu werden.“

Erhard Loretan konnte das leider nicht erleben. Bei der Ausübung seines Berufes als Bergführer stürzte er am 28. April 2011 am Gross Grünhorn in den Berner Alpen zu Tode. Es war sein 52. Geburtstag. Zu Ehren von Erhard Loretan finden im Alpinen Museum in Bern und im Musée gruérin in Bulle Gedenkveranstaltungen statt. Im Zentrum stehen seine bisher kaum veröffentlichten Filme. Mit dabei sind Renata Loretan, die Mutter von Erhard, sowie Berggefährte Jean Troillet, mit Jahrgang 1948 ein ziemlich wilder Alter.

Ulrich Remanofsky: Die wilden Alten. Zehn Extrembergsteiger – ein Leben lang am Limit. Alpinverlag, Bad Häring 2021, € 13.00 www.alpinverlag.at

Bruno Bollinger: Eine besondere Seilschaft. Alois Strickler – ein lebenslang leidenschaftlicher Kletterer. Fredy Hächler – ein lebenslang leidenschaftlicher Abenteurer. Munggenverlag, Erstfeld 2020, Fr. 40.00 www.munggenverlag.ch

Hommage an Erhard Loretan: Höher, schneller, leichter. Mittwoch, 17. 11. 2021, 18.30 Uhr, Alpines Museum der Schweiz. Mittwoch, 24. 11. 2021, 19.30 Uhr, Musée gruérien in Bulle (leider je ausgebucht).

Helvetische Abgründe

Vier neue Schweizer Krimis, mehr oder weniger alpin angehaucht.

10. November 2021

«Elle ne vit pas le fil de métal tendu au travers du chemin. Elle sentit plus qu’elle ne vit sa chaussure de course empêchée d’aller plus loin, son pied d’appel pris par le filin, comme un renard au collet, puis libéré brutalement. Instinctivement, dans son vol plané, elle tendit les paumes vers l’avant, mais ses mains ne rencontrèrent que le vide.»

Die erste Tote im ersten Krimi der Westschweizerin Emmanuelle Robert, ein vielversprechendes, hochspannendes Debut. Mit einem leichten Nachteil: Auf all den Schwindel erregenden Wegen hoch über dem Lac Léman, zum Beispiel auf dem Gratweg vom Rochers de Naye hinab zur Grande Chaux de Naye, werden wir nach der Lektüre von „Malatraix“ noch stärker als bisher auf den Boden blicken. Schon immer durften wir dort nicht stolpern, aber wenn jetzt plötzlich noch ein Draht quer über den Weg gespannt wäre, dann würde es wirklich gefährlich. Trailrunnerin Catherine „Kate“ Humair hatte an jenem Freitag Abend im September 2020 keine Chance mehr. Nun, zur Beruhigung: Der Mörder, der die Waadtländer und Walliser Berglauf-Community brutal verunsicherte (und dezimierte), wird zuletzt eliminiert. Wer’s ist, verrate ich natürlich nicht.

Rochers de Naye, Pléiades, Pic Chaussy, Cape au Moine und Malatraix: In diese fünf Bergkapitel ist Roberts Kriminalroman aufgeteilt. Letztgenannter Gipfel ist eine bewaldete Felskuppe (1767 m) schier senkrecht über Villeneuve. Von 1844 bis 1932 war mit „Malatrait“ auf der Landeskarte der Schweiz ein gipfelähnlicher Grasbalkon weiter oben auf rund 1930 Metern bezeichnet – einer der schönsten Panoramapunkte am Lac Léman. Dort oben findet dann auch der Show-down statt, so viel darf ich schon verraten. Und vielleicht noch das: Zwischen den Zeilen ist der buchstäblich atemberaubende Trailrunning-Krimi „Malatraix“ auch ein Matterhorn-Roman.

Machen wir grad noch eine Runde in der Romandie. Genauer: im Val Nendaz, im Skigebiet Quatre Vallées, dem grössten der Schweiz. Dort spielt „Black Justice 2.0“ von Nicolas Feuz, ein Ski(lager)krimi aus heutiger Zeit mit (digitaler) Realität, aufgeteilt in die zehn FIS-Regeln. Falls Ihr diese, liebe Bärg- und Schifründe, nicht mehr ganz präsent haben solltet, hier sind sie: https://de.wikipedia.org/wiki/FIS-Regeln. Der neue Jugendkrimi von Feuz erschien in der Collection „Frissons suisses“ der Éditions Auzou in Paris. Diese Reihe für LeserInnen zwischen zehn und zwölf Jahren begründete Feuz zusammen mit seinem Schweizer Kollegen Marc Voltenauer, der auf www.bergliteratur.ch auch schon ein paar Kurven hinlegte.

Vom Wallis hinüber ins Berner Oberland, für Trailrunners ein lockerer Lauf. Locker gibt sich ebenfalls Luke Mischler, einer der Promotoren von „Honeymoon-Alp“ auf der Bussalp oberhalb von Grindelwald, bei der Vorstellung seines Projektes: „Feiern und Flittern am gleichen Ort. Rauschende Feste, romantische Nächte, verbunden mit dem atemberaubenden Ausblick auf die drei Natur-Trauzeugen Eiger, Mönch und Jungfrau.“ Das arme Dreigestirn, nun muss es noch eine weitere Funktion übernehmen… Allerdings werden sie eher Zeugen, wie die erste Hochzeitsfeier ziemlich bachab geht – Gäste landen mit einer Magen-Darm-Grippe im Spital; eine Person war an der gleichen Krankheit ein paar Wochen früher gar gestorben. Irgendetwas muss ziemlich faul sein auf der sonnenverwöhnten Bussalp. Bernhard Schmutz lässt im Umweltkrimi „Schweizer Wasser“ das ungewöhnliche Duo Lisa und Wim ermitteln. Und wir LeserInnen werden in Zukunft auf der Bussalp, nach der Ski- oder Schlittelabfahrt vom Faulhorn, den Durst nicht mit Bergwasser, sondern mit Weissem von Villeneuve (oder einer anderen Waadtländer Appellation) löschen. Und dazu etwas essen – aber sicher keine Pilze.

Jedenfalls nicht nach der Lektüre des Kurzkrimis „Der Feinschmecker“ von Adelheid Blättler-Schmid. Er wird aufgetischt in „Berner Krimis“, einer Anthologie mit kriminellen Stories von 37 Autorinnen und Autoren des Berner Schriftstellerinnen und Schriftsteller Vereins, der heuer sein 80. Jubiläum feiert. Gourmet Hans Kampe befindet sich auf der Heimfahrt von einer Wanderung mit Pilzkenner Nolde, freut sich schon aufs frische Pilzgericht – und darüber, wie der Ausflug verlaufen ist: „Ganz sanft war sein Geschäftsfreund runtergestürzt – nein – man konnte nicht mal von einem Sturz sprechen. Es war in seiner Erinnerung nur wie ein lautloses Hinabgleiten gewesen und ihm wirklich so vorgekommen, als sei Nolde, den man als Leichtgewicht bezeichnen konnte, nur ein bisschen gestolpert. Mehr als ein sanftes Stupsen mit der Hand hatte es nicht gebraucht.“

Emmanuelle Robert: Malatraix. Éditions Slatkine, Genève 2021, Fr. 30.-
Nicolas Feuz: Frissons suisses. Black Justice 2.0. Mit Illustrationen von Julia Wytrazek. Éditions Auzou, Paris 2021, Fr. 14.-
Bernhard Schmutz: Schweizer Wasser. Gmeiner Verlag, Meßkirch 2021, Fr. 23.-
Berner Krimis. Eine Anthologie des Berner Schriftstellerinnen und Schriftsteller Vereins. Tredition, Hamburg 2021, Fr. 19.-

Vernissage Berner Krimis mit Marathonlesung: Mittwoch, 17. November 2021, 19 Uhr in der Casa d’Italia in der Berner Länggasse.

Le Salève de A à Z

Und wieder ein neues Buch zum Salève, den französischen Hausberg von Genf. Uetliberg, Gurten, St. Chrischona und Freudenberg schauen neidisch zur Léman-Metropole.

4. November 2021

«Самой красивой прогулкой за все время моего пребывания была прогулка по Салеве. Внизу – море тумана; в Женеве везде темно, а на горе – великолепное солнце; снег; маленькие санки, хороший русский зимний день.»

Das schrieb Wladimir Iljitsch Lenin 1904 seiner Mutter in einem Brief. Seit 1895 hatte sich der Revolutionär und spätere Begründer der Sowjetunion verschiedene Male in der Schweiz aufgehalten, so auch immer wieder in Genf. Dort nahm er jeweils das Tram nach Veyrier und wanderte über den steilen Pfad des Pas-de-l’Échelle auf den Salève, den Genfer Hausberg. Manchmal erreichte er die Höhe auch per Zahnradbahn. Lenins Wanderungen sind erwähnt im druckfrischen Buch „Le Salève de A à Z. Dictionnaire d’une montagne modeste et géniale“ von Dominique Ernst. Vor sechs Jahren hatte der Autor, ebenfalls in den Éditions Slatkine de Genève, das Buch „Le Salève – des histoires et des hommes“ herausgegeben. Mehr dazu hier: https://bergliteratur.ch/le-saleve/

Der 19 Kilometer lange und die Genfer Landschaft um 800 Meter überragende Bergrücken mit den Petit (899 m) und Grand Salève (1309 m) sowie dem Grand Piton (1379 m) gehört politisch zu Frankreich, gesellschaftlich, touristisch und psychologisch freilich zu Genf. Bergsportlich erst recht. Aufregend sind die Pfade in der eigentlichen Westflanke des Grand Salève. Nicht nur der Sentier des Etiollets, sondern auch seine Fortsetzung, der Sentier des Etournelles. Wer auf diesem ausgesetzten und nur an den allernötigsten Stellen versicherten Weg nicht hundertprozentig trittsicher und schwindelfrei ist, wird es bereuen, dass die Freizeitaktivität nicht auf die Genfer Seepromenade mit dem 145 Meter hochschiessenden Jet d’Eau beschränkt worden ist. Eine Abzweigung vom Etournelles-Pfad führt noch auf den Felsturm der Sphinx: Da wird man dann definitiv (zu) viel Luft unter den Wanderschuhsohlen haben.

Im Innern der Sphinx versteckt sich die gleichnamige Höhle, auch Grotte de Mule genannt. Bekannter ist jedoch das Trou de la Tine, wo der Sentier des Etournelles in den Salève-Höhenweg, den Sentier de la Corraterie, mündet. Eine riesige Höhle im obersten Felsband, deren Decke eingestürzt ist: Wenn man innen steht, hat man einen Triumphbogen vor sich, von dem Kletterer manchmal im Freien abseilen. Der Genfer Naturforscher und Alpinismuspionier Horace Bénédict de Saussure hat das Trou de la Tine um 1760 entdeckt. Er steht oben in der langen Liste grosser Alpinisten, die am Salève ihre ersten Touren gemacht haben. „Das erste Mal, dass ich zu diesem einzigartigen Ort kam und in diesen Riss eindrang, empfand ich eine Erregung, der ich mich kaum wehren konnte. Ich war allein, sehr jung und kaum gewöhnt an ein solches Spektakel. Diese jähen Felsen, diese angehäuften Blöcke davor lösten Vorstellungen von Zerstörung und Ruinen aus. Diese tiefe Einsamkeit wurde nur von Raben gestört, die in diesen Felsen nisteten und die in Angst um ihre Jungen eine Front gegen mich machten, wobei sie hässliche Krächzlaute ausstiessen, welche das Echo vertausendfachten.“

Lenin und de Saussure, Ella Maillart und Alexandra David-Néel, Voltaire und Rousseau, der fast Everest-Erstbesteiger Raymond Lambert: Sie alle fanden Aufnahme im 328-seitigen Lexikon. Auch Mary Shelley ist drin mit ihrem weltberühmt gewordenen Roman „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“. Allerdings nicht unter dem Stichwort „Shelley“, sondern unter „Frankenstein“. Leider gibt es keinen Index, der das neue Salève-Buch von Dominique Ernst detailreich erschliesst. So findet man den Fakt, dass die Asche des in Genf gestorbenen Schriftstellers Robert Musil auf dem Salève verstreut wurde, nur unter „Fragments de littérature“ und nicht auch unter „Musil, Robert“.

Aber wir wollen den Hinweis auf dieses neue Salève-Werk nicht mit einer Kritik beenden. Sondern mit dem, was Lenin seiner Mutter schrieb: «La plus belle promenade de mon séjour a été sur le Salève. En bas il y a la mer de brouillard; partout dans Genève, il fait sombre et sur la montagne il y a un soleil magnifique; de la neige; des petits traîneaux, une bonne journée d’hiver russe.»

Dominique Ernst: Le Salève de A à Z. Dictionnaire d’une montagne modeste et géniale. Éditions Slatkine, Genève 2021, Fr. 33.-

Piz Bernina & Piz Palü

Zwei neue Bergromane zu den beiden berühmtesten Gipfeln des Engadins. Als Routenführer taugen sie nur bedingt. Müssen sie ja auch nicht.

30. Oktober 2021

Der Schauspieler machte eine Geste hinauf zu den Gipfeln, die das Grand Arnold wie ewige Wächter umstanden. «Wenn ich hinaufsteige, würdest du mir Gesellschaft leisten?»
«Wo soll es denn hingehen?» Corinne sah in an. Die Sonne verwandelte sein Haar in eine leuchtende Corona.
O.W. blinzelte vergnügt. «Was hältst du davon, wenn wir unser Glück noch einmal auf dem Piz Palü versuchen?»

«Da ist er, der Piz Bernina.» Katharina drehte sich Selma zu: «Das ist die Westseite. Von der Diavolezza aus sahen wir die Ostseite.»
«Von hier sieht er viel mächtiger und gefährlicher aus», entgegnete Selma. «Habe ich wirklich gesagt, dass ich mitkomme?»
«Hast du», sagte Julia lachend.
«Na toll», murmelte Selma und betrachtete den imposanten Biancograt, den weissen Firn, die Himmelsleiter. Es sah aus, als würde der Grat auf einer fast senkrechten Felswand thronen. Ihr wurde etwas schwindelig.

Und auch. Immer wieder Bernina und Palü. Zum Beispiel die Romane „Der König der Bernina“ und „Der Todesweg auf den Piz Palü“. Oder der Film „Die weisse Hölle vom Piz Palü“. Klar, liegen schon ein paar Jahrzehnte zurück. In diesem Jahr aber gab es frisch wie der erste Herbstschnee auf dem Piz della Palù (erhebt sich ebenfalls auf der Grenze Graubünden-Lombardei): die Romane „Piz Palü“ von Marie Brunntaler und „Gipfelkuss. Die Reporterin am Piz Bernina“ von Philipp Probst.

Die Reporterin Selma Legrand-Hedlund kennen wir bestens, da wir sie schon zum „Alpsegen“ am Lauenensee begleitet und in Engelberg mit ihr „Wölfe“ entdeckt haben. Diesmal geht es ganz hoch hinaus: Auf dem König der Ostalpen soll Selma den Hochzeits-Gipfelkuss eines Promipaars fotografieren. Die Deutsche Julia wird den Gipfel über den Biancograt erreichen, ihr Verlobter, der Italiener Stefano, über den Spallagrat. Wenn das nur gut kommt! Natürlich geht das gut, wenigstens bis zum Gipfelkuss. Was nachher kommt, gehört mehr zur fiktiven als zur realen Bergliteratur. Mehr möchte, darf ich Euch nicht verraten. Oder soviel: Nach Gstaad, Engelberg und Pontresina schickte der Autor seine Heldin. Wie wär’s in Band 4 mit Zermatt, Grindelwald oder Montreux? Oder mit einem Dorf, in dem meines Wissens noch nie ein Bergroman angesiedelt wurde: Viano. Eine Wiese südlich des Ortes heisst Palü. Von dort erblick man den gleichnamigen Piz.

„Piz Palü“ also. Hotelroman und Bergkrimi in einem. Spielt irgendwo zwischen Pontresina und dem berühmten Berg, mit Diavolezza und Lago Bianco. Bei den alpinistischen Szenen gibt es einen Seilsalat, um es mal so zu sagen. Bei den Schweizer Weinen macht die Autorin ebenfalls ein kleines Durcheinander, wenn ein Marsanne blanche als typischer Wein des Tessins kredenzt wird. Wir stossen trotzdem an auf dieses flott erzählte Stück kitschiger Bergliteratur. Welche Berge auf dem Cover abgebildet sind, konnte ich nicht herausfinden. Sicher nicht Palü oder Bernina. Aber vielleicht der Piz Zupò, der höchste Gipfel der Lombardei. Zu ihm erschien 1898 im Verlag des Rauhen Hauses in Hamburg ein Roman von Anna Weidenmüller: „Piz Zupô. Eine Geschichte aus dem Touristenleben der vornehmen Welt im obern Engadin.“ Muss ich mal lesen. Zum Beispiel auf der Fahrt ins Oberwallis ans Multimedia-Festival BergBuchBrig.

Marie Brunntaler: Piz Palü. Eisele Verlag, München 2021, Fr. 30.-

Philipp Probst: Gipfelkuss. Die Reporterin am Piz Bernina. Orte Verlag, Schwellbrunn 2021, Fr. 38.-

BergBuchBrig. Das Multimedia-Festival Natur, Kultur, Freizeit und Abenteuer in den Bergen findet vom 3. bis zum 7. November statt. www.bergbuchbrig.ch.

Engiadina by Robert Bösch

Mit dem Engadin verbindet Robert Bösch eine lebenslange Beziehung als Alpinist und Fotograf. Nun zeigt er in einem grossformatigen Bildband sein «Engiadina».

15. Oktober 2021

«Das Engadin ist ein in Jahrtausenden aus Stein, Luft, Wasser, Eis und Licht geformtes alpines Landschafts-Klischee. Und das wollte ich mit meinen Bildern nicht zeigen. Für mich muss Fotografie über das hinausgehen, was ich sehe, was einfach schön ist, was ich auch mit dem Handy festhalten kann. Fotografieren bedeutet für mich, Bilder zu kreieren, die erst entstehen durch mich, durch meine Kamera, durch den von mir festgelegten Ausschnitt und Moment.»

Schreibt der bekannte Schweizer Fotograf Robert Bösch in seinem jüngsten Werk „Engiadina“. Ein rundum beeindruckendes Buch: Format 38 x 27 x 3 cm, 264 Seiten, ganz feines Papier (für die Insider: Lessebo Rough White 150 g/m2 und Freelife Merida Graphite 140 g/m2), die Texte „Wo die Götter Täler drehen“ von Bösch und „Engiadina – das Tal der Lärchen“ von Angelika Affentranger-Kirchrath, in Deutsch und Englisch. Und das Wichtigste natürlich: 112 grossformatige schwarzweisse und farbige Fotografien. Nochmals der Künstler: „Ich wollte Bilder zeigen, die ich entdeckt habe und denen ich erst mit meiner Kamera eine Existenz verlieh. Bilder, die, so hoffe ich zumindest, als Gesamtes die Atmosphäre dieser einmaligen Gebirgslandschaft wiedergeben.“

Das erste Bild als Einstieg ins Buch: Ein um 90 Grad gedrehtes, schwarzweisses Foto des Silsersees, in dem sich das frisch verschneite Gebirge spiegelt. Das zweite Bild: ein im Nebel kaum sichtbarer Berg auf einer randlosen Doppelseite. Das dritte Bild, nach den beiden Texten: ein seitengrosser blauer Himmel, heller gegen unten. Das vierte Bild: nochmals dieses blaue Himmelszelt, mit einer gelben, halb gezeigten Lärche im linken Drittel. So grandios, überraschend und stimmig beginnt Robert Bösch seine Bilderreise durchs Engadin. Sein Engadin, zu dem er eine über vierzigjährige Beziehung hat, als Alpinist, als Fotograf, als zeitweiliger Bewohner eines Hauses in Maloja, diesem so ganz besonderen Dorf am Übergang vom Engadin ins Bergell, unweit des Pass Lunghin, der Wasserscheide zwischen Nordsee, Mittelmeer und Schwarzem Meer. Auf den Seiten 210-211 stehen wir am Rande des vielfarbig-felsigen Passgeländes und sehen, wohin die Regentropfen fliessen werden, die sich in den Wolken am oberen Bildrand ankünden.

La bella Engiadina da Robert Bösch: Er nimmt uns mit auf eine fotografische Tour durchs Engadin, wie man sie noch nie gesehen hat. Dabei ist dieses Hochgebirgstal so oft fotografiert, gemalt und beschrieben worden wie kaum eine andere Landschaft in der Schweiz. Albert Steiner, Giovanni Segantini, Jakob Christoph Heer, um nur drei Namen zu nennen. Ein neues, ein anderes Engadin entsteht vor unseren Augen, ein wildes, ursprüngliches und gebirgiges. Die Lärchen im Schneefall, immer wieder aufgenommen, bis hin zu fast abstrakten Aufnahmen. Variationen desselben Sujets, das wir von andern Bildgestaltern kennen. Die letzten Gletscher, urwüchsig noch, zerrissen – und chancenlos im Klimawandel. Auch die Gletscherabdeckung auf der Diavolezza (Seiten 170-171) wird ihn nicht aufhalten können. Der Biancograt aber, der kurvt noch firnig gegen den Piz Bernina hoch, immer wieder. Das letzte Bild im Buch: nochmals der Biancograt, schwarzweiss, aber unscharf aufgenommen. Mir persönlich gefällt das Bild mir der herbstlichen Lärche vor blauem Himmel besser.

Robert Bösch: Engiadina. Mit Texten von Robert Bösch und Angelika Affentranger-Kirchrath (deutsch und englisch). Edition Robert Bösch, Oberägeri 2021. Fr. 150.- Bestellen bei: info@robertboesch.ch. Weitere Infos unter www.robertboesch.ch.

Ausstellung zum Buch „Engiadina“ vom 4. November bis 18. Dezember 2021 in der Galerie Petra Gut Contemporary an der Nüschelerstrasse 31 in 8001 Zürich. Öffnungszeiten: Mo – Fr 11:00 – 18:00, Sa 11:00 – 16:00. Vernissage am Mittwoch, 3. November. Anmeldung unter https://petragut.com/de.

Wanderungen mit Robert Walser

Der Klassiker einer literarischen Freundschaft in erweiterter Neuausgabe, ergänzt mit einer feinen Ausstellung im Robert Walser-Zentrum Bern.

8. Oktober 2021

«Wir machen den Weg Herisau–Wil, ständig plaudernd, in dreieinhalb Stunden. Uns ist, als hätten wir Rollschuhe an, so leicht traben wir vorwärts. Manchmal macht mich Robert auf eine besonders schöne Wiese oder auf Wolkenzüge, barocke Herrschaftshäuser aufmerksam. Er läßt sich auch ohne Widerstand fotografieren. Ich bin baff. Es macht ihn glücklich und lustig, daß wir die sechsundzwanzig Kilometer so schnell hinter uns gebracht haben, nur mit einem Vermouth als ‹Benzin›.»

Die waren ziemlich zwäg, die zwei Herren, die am 23. April 1939 die 26 Kilometer von Herisau nach Wil in 3 Std. und 30 Min. zurücklegten. Macht 7,4 km pro Stunde. Man rechnet mit 4 bis 5 km pro Stunde in flachem Gelände; der offizielle Stundenschritt der Schweiz liegt gar bei nur 4,2 km/h. Kein Wunder, dass die beiden glaubten, mit Rollschuhen unterwegs zu sein. Und erst noch Zeit fanden, die Gegend zu bewundern, ja Fotos zu machen. Gut, vielleicht wurde nur die reine Marschzeit berechnet. Trotzdem: Auch wenn die Leute früher an weites Gehen gewohnt waren, an diesen Schnellwanderern kam und kommt niemand vorbei, weder auf dem Land und schon gar nicht in der Literatur. Dabei waren sie keine Jungspunde mehr, im Gegenteil.

Carl Seelig, geboren am 11. Mai 1894, Sohn einer wohlhabenden Zürcher Seidenfabrikantenfamilie, Schriftsteller, Übersetzer, Mäzen – und Vormund von Robert Walser, geboren am 15. April 1878, Dichter und seit 1933 Insasse in der psychiatrischen Klinik von Herisau. Er war also 61 Jahre alt auf dieser sechsten Wanderung mit Carl Seelig. Insgesamt machten die beiden 44 Tageswanderungen, meistens von Herisau, oft auch dorthin zu Fuss zurückkehrend. Die erste Wanderung am 26. Juli 1936, die letzte an Weihnachten 1955. Am 25. Dezember 1956 bricht Walser alleine zu einer Wanderung auf, von der er nicht zurückkommt: Er stirbt an einem Herzschlag beim Abstieg von der Wachtenegg in den Sattel gegen den Rosenberg hin. „Der Tote, der an der Schneehalde liegt, ist ein Dichter, dessen Entzücken der Winter mit seinem leichten, lustigen Flockentanz war – ein echter Dichter, der sich wie ein Kind nach einer Welt der Stille, der Reinheit und der Liebe gesehnt hat.“

Der drittletzte Satz in einem Buch, dank dem Robert Walser lebendig blieb, bis heute: „Wanderungen mit Robert Walser“ von Carl Seelig. 1957 erschien es erstmals im St. Galler Tschudi-Verlag. Seit 1977 in sechzehn Folgeauflagen im Suhrkamp Verlag, jeweils mit neuen Texteingriffen in schweizerische Sprachgepflogenheiten. Nun liegt das Buch wieder im Originaltext der Erstausgabe vor. Ergänzt mit einem Glossar; mit einem Literaturverzeichnis; mit einer Übersicht zu den Wanderungen; mit einem weisen Nachwort; mit einer Zeittafel zu Carl Seelig (er stirbt am 15. Februar 1962 in Zürich nach missglücktem Einstieg in eine fahrende Strassenbahn); mit einem Register zu all den Personen, die in den von Seelig wiedergegeben Gesprächen zwischen ihm und seinem Wanderpartner erwähnt werden; mit Fotos, die Seelig von Walser gemacht hat. So am 23. April 1939: Walser im Anzug, mit Gilet und Krawatte, in Lederschuhen, in der Hand Hut und Regenschirm – von Müdigkeit nicht die geringste Spur.

Mehr noch: Die Neuausgabe von Carl Seeligs „Wanderungen mit Robert Walser“ ist ein wunderbar gemachtes Buch, das man gerne zur Hand nimmt, das man gerne aufschlägt, in dem man gerne versinkt. Zum Beispiel auf der Fahrt nach Herisau, um den Robert Walser-Pfad zu begehen. Oder jetzt nach Bern, ins Robert Walser-Zentrum an der Marktgasse 45: Dort inszeniert seit dem 3. September 2021 eine Ausstellung mit einem grossartigen Holzrelief und einer zimmerfüllenden Panoramafotografie den ostschweizerischen Raum zwischen Säntis, Bodensee und Herisau, in dem wir den beiden nimmermüden Herren und ihren stundenlangen Wanderungen und Gesprächen folgen.

Carl Seelig: Wanderungen mit Robert Walser. Hrsg. von Lukas Gloor, Reto Sorg und Peter Utz. Bibliothek Suhrkamp, Band 1521. Suhrkamp Verlag, Berlin 2021, Fr. 33.-

Robert Walser-Zentrum Bern: www.robertwalser.ch
Robert Walser-Pfad in Herisau: www.herisau.ch/_docn/3082604/RobertWalser-Pfad.pdf

Vom Monte Rosa in die Calanques

Fünf neue Romane, in denen Berge und Schicksale unentrinnbar verbunden sind. Wir folgen ihnen auf einer Lesereise, von 4000 bis null Meter.

1. Oktober 2021

«‹Steigen wir schon wieder ab?›
‹Ja, aber jetzt gehst du vor.›
‹Ich würde gern noch ein bisschen bleiben.›
‹Nächstes Mal. Und jetzt nicht vergessen: das Gewicht nach hinten verlagern und die Fersen fest aufsetzen.›
‹Warte›, sagte Silvia. Und ehe sie die Fersen fest aufsetzte, gab sie ihm einen Kuss mitten auf den Mund, diesem Despoten ihrer Seilschaft, trotz störender Steigeisen und des sich verheddernden Seils – dort, wo der Schnee von Rodano mit dem der Po-Ebene verschmolz.»

Unvergesslicher Gipfelkuss auf dem Felikhorn (4086 m), diesem nicht zu den offiziellen 4000ern zählenden Gipfel zwischen dem Castor und dem Liskamm West, 180 Meter jenseits der Staatsgrenze zur Schweiz ganz in Italien liegend. Doch bevor ich Euch, liebe Leserinnen und Leser von neuen Bergromanen, mit weiteren geografischen, ja vielleicht alpinistischen Details aufhalte, wollt Ihr doch sicher wissen, wer sich – in „Das Glück des Wolfes“ von Paolo Cognetti – auf der Wasser- bzw. eben Schneescheide zwischen Po und Rhone denn küsst. Silvia, 27 Jahre alt und Gehilfin im Rifugio Quintino Sella grad unterhalb des Felikhorns, und Fausto, 40 Jahre alt und vorübergehend als Koch tätig, zuerst im Dorfrestaurant von Fontana Fredda, wo im Winter ein kleines Skigebiet Arbeit bringt, im Sommer bei den Holzarbeitern, welche die von einem Sturm beschädigten Lärchen und Tannen für den Verkauf bereit machen. Zwei sympathische Personen auf der Suche nach sich selbst, nach einem Gegenüber, nach den Bergen, nach Einkommen auch. Sie finden sich, sie lieben sich, aber bleiben sie auch zusammen? Vielleicht so wie Babette und Santorso, die beiden wichtigsten Nebenfiguren in diesem neuen Roman von Cognetti. Er erscheint am 4. Oktober 2021 auf Deutsch, Ende des Monats dann auch in der Originalsprache.

«Die Welt stand still, und er war im Auto auf dem Weg nach Graubünden, es war ein Morgen und der Walensee zog vorüber, bald erreichte er Chur und auf der Autobahn nach Chur sah er über die Wälder hinweg in die Surselva, rechts auf dem Hügel der Kirchturm von Tamins, und der Wald breitete sich aus wie ein grosses Feld, dort hinten lag die Surselva, er liebte diesen Blick, das war in ihm jedes Mal, als komme er heim.»

Aber es ist kein schönes Heimkommen, jedenfalls diesmal nicht, nicht im jüngsten Buch von Arno Camenisch, das mit diesen Sätzen beginnt. Camenisch berichtet in „Der Schatten über dem Dorf“ aus seinem Heimatdorf Tavanasa im Bündner Oberland, das am 27. August 1976 von einer schrecklichen Tragödie heimgesucht wurde, eineinhalb Jahre, bevor der Erzähler auf die Welt kam. Wie geht ein Dorf mit einem so schlimmen Verlust um? In einem berührenden Ton und mit grosser Klarheit erzählt Camenisch vom Leben und vom Tod und von den Menschen, die von uns gingen und die wir weiter im Herzen tragen. Und gleichzeitig blickt er glücklich in seine Kindheit zurück, zu den Eltern, den Grosseltern. Personen, die wir aus andern Büchern von Camenisch kennen. „Der Schatten über dem Dorf“ ist sein persönlichstes Werk. Der Camenisch-Sound ist fein hörbar, aber wie um sich abzuschirmen, ist es fast immer im Hochdeutschen geschrieben und weniger durchsetzt mit dialektalen und romanischen Ausdrücken. Und so hört es auf, bei der Abreise des Autors aus seinem Heimatdorf: „Von hinten sah man die Rücklichter, wie sie immer kleiner wurden und schliesslich verschwanden.“

«Der Postillon spannt die Pferde aus, schweissbedeckt sind sie und widerspenstig, mit Schimpfwörtern und Schlägen treibt er sie zum Stall. Ihr Geruch erinnert Frau Veraguth an die Kindheit im Veltlin, das Gestüt ihrer Eltern, die heimische Villa, die Landarbeiter in den Weinbergen. Eine Weile steht sich allein in der Nacht. Es ist kalt, nur ein kleiner Wind weht. Von der Höhe dringt das Rauschen des Föhnsturms in den Wäldern herab, kein Stern leuchtet über den schroffen Spitzen der Felsberge.
Vor der Nachtfahrt über den See fürchtet sie sich. Schon einmal hat sie einen Föhnsturm auf einem Schiff erlebt, hat Todesangst ausgestanden.»

Eine Passage auf Seite 35 im neuen Buch von Emil Zopfi: „Der Untergang des Delphin. Die «Titanic vom Walensee»“ – und da wir den Titel gelesen haben, wissen wir, dass Frau Veraguth die Nachtfahrt über den Walensee vom 16. auf den 17. Dezember 1850 nicht überleben wird. Mit ihr werden andere Passagiere und die Besatzung, insgesamt 13 Personen, im fürchterlichen Föhnsturm untergehen, mitsamt dem Dampfboot, das bei solchen Verhältnissen gar nicht hätte fahren dürfen. In seinem historischen Roman rollt Zopfi diese besondere Nacht eindrücklich auf, aber auch die allgemeinen Zeitumstände wie den Nachtpostdienst. Und gleichzeitg versetzt er sich einfühlsam in die Opfer, verknotet das, was man von ihnen weiss, geschickt mit seiner Intuition. Mit den Folgen, die der Untergang des Delphin auslöste, vollendet Zopfi sein starkes Werk. Es ist am schönsten anzulesen bei der Fahrt von Walenstadt nach Weesen, zum Beispiel mit der MS Churfirsten (diese Strecke wird am Sonntag, 24. Oktober, in diesem Jahr zum letzten Mal bedient). Doch nach Quinten fährt immer ein Schiff, auch nachts. Zur Einstimmung ein (gebirgiges) Zitat mit dem Heizer Ueli Wolfensberger: „Ueli hört das Rauschen hoch in den Wäldern und Felsen, wie ein ferner Wasserfall klingt es. Kurfürsten heissen die Berge, wilde Felsgebilde, über deren Zacken sich in klaren Nächten ein weiter Sternenhimmel spannt. Versteinerte Fürsten sollen es sein, hat jemand erzählt, die sieben Kurfürsten, die einst den Kaiser wählten. Jetzt sind die Berge von der Nacht verschluckt, mitsamt den Sternen. Das Rauschen des Sturmwinds in der Höhe weckt in Ueli ein bedrückendes Gefühl.“

«Und dann ist da noch ein einzelner Herr, sehr attraktiv und gepflegt, der mir ein Lächeln schenkt. Nach dem Start lösche ich das Innenlicht, damit die Gäste die Sterne am Himmel und die Lichter im Tal genießen können. Es ist eine wunderbar klare Nacht. Viele Sterne, viele Lichter. Fast schon eine Überdosis Romantik.
Und dann gibt es keinen Knall, keinen Ruck, keinen Funken. Nichts.
Die Bahn steht einfach still.
Bleibt an Ort und Stelle stehen.
Die Seilbahn ist gestorben, mausetot.»

Aber nicht schon wieder, non-de-Dieu! Nicht schon wieder Tote bei einer Fahrt! Diesmal beträfe es die berühmte Cabrioseilbahn aufs Stanserhorn. Dort arbeitet die fünfundfünfzig Jahre alte Judith in „Paris. Ein Stanserhorn-Roman“ von Blanca Imboden. Die Arbeit an diesem Aussichtsberg hoch über dem Vierwaldstättersee gefällt ihr bestens, etwas weniger das Heimkommen ins traute Heim, wo Guido wartet, wenn er nicht auf einem tierärztlichen Einsatz ist. Denn erstens will es mit der immer wieder verschobenen Hochzeitsreise nach Paris nicht klappen. Und zweitens, man ahnt es, schaut der Ehemann abends nicht nur nach kranken Tieren. Zum Glück gibt es da den Französischlehrer, der sich freilich als charmante, aber nicht ganz vertrauensvolle Person zeigt. Kurzerhand reist Judith alleine in die Stadt der Liebe. Und findet diese später in den Bergen, in ihrer Bahn. Mehr verrate ich nicht. Selber lesen – Ihr wisst schon wo, liebe BergromanleserInnen. Etwas Französisch lernen wir in diesem Buch nebenbei auch.

«Tandis que Lucie choisit son infusion, Yann s’interroge. Comment une fille aussi bien a-t-elle pu tomber dans les rets [Fänge] d’un séducteur notoire comme Marc ?
– Alors, quels rêves caressez-vous ?
– Mon rêve ? C’est de retourner dans les Calanques.
– Marc doit être ravi. Mais cette fois, vous n’avez plus besoin d’un chaperon [Anstandsdame].
– Pas avec Marc. Avec vous.
– C’est und blague ?
– Non.»

Und zum Schluss unserer Lesereise mit neuen bergweltlichen Werken „La possibilité du vide“ von Yves Ballu. Ein Kletter-, Berg- und Arztroman, mit einer Liebesgeschichte, mais bien-sûr. Was lässt sich machen bei tödlicher Krebsdiagnose, die sich allerdings als falsch herausstellt? Der einem Showdown gleichende Rettungsversuch findet in den Calanques statt, in einer Route des berühmten Georges Livanos. Der Roman fragt auch danach, ob sich die Freundschaft der Seilschaft auf den Alltag überträgt. Und darüber, ob Liebe beim Klettern mit hoch steigt? Ich frage mal Silvia und Fausto.

Paolo Cognetti: Das Glück des Wolfes. Roman. Penguin Verlag, München 2021. Fr. 31.-

Arno Camenisch: Der Schatten über dem Dorf. Engeler-Verlag, Schupfart 2021. Fr. 25.-

Emil Zopfi: Der Untergang des Delphin. Die «Titanic vom Walensee». Historischer Roman. AS Verlag, Zürich 2021. Fr. 30.-
Emil Zopfi liest aus seinem Walensee-Roman, begleitet vom Musiker und Instrumentenbauer Sigfried Jud:
Montag, 4. Oktober 2021, 20 Uhr: Röslischüür, Röslistrasse 9, 8006 Zürich. Anmeldung bis 2. Oktober bei: christine.nipkow@bluewin.ch.
Donnerstag, 28. Oktober 2021, 19.30 Uhr: Landesbibliothek Glarus.

Blanca Imboden: Paris. Ein Stanserhorn-Roman. Wörterseh Verlag, Lachen 2021. Fr. 25.-

Yves Ballu: La possibilité du vide. Roman. Éditions Glénat, Grenoble 2021. € 20.-

Berg, Breakfast & Bergland

Ein Essay und ein Roman zum Leben, Überleben und Ferien machen in den Bergen. Im Südtirol und überhaupt. Spitze!

24. September 2021

«Der eingerichtete Berg mit breiten, gut gesicherten Wegen, mit Beschilderungen, Kletterhaken, Drahtgeländern, Aussichtspunkten und Gipfelkreuzen, mit Ruhebänklein, Unterständen und Gaststätten, mit Kinderspielplätzen, Seilbahnen, Skiliften, Abfahrtspisten und Rodelbahnen, Bike-Trails, abgesprengten Kuppen, umgepflügten Gletschern, künstlichen Seen und Beschneiungsanlagen, mit Konzertbühnen, Erlebnispfaden und anderen Attraktionen, garniert mit Plastik- oder Holzskulpturen jener alpinen Tierwelt, die vor dem Trubel längst Reißaus genommen hat, hat mit seinem Urzustand in etwa so viel gemeinsam wie ein überzüchteter Mops mit einem Wolf.»

Klasse, nicht wahr? Schonungslos und humorvoll auf den Punkt gebracht. Ein Lesevergnügen, bei dem die Lachfalten einfrieren, weil uns der Spiegel vorgehalten wird. Ich könnte und möchte noch viel mehr zitieren aus einem Buch über den Bergtourismus, ja überhaupt über den Tourismus und das Reisen, welches das Thema auf eine gleichzeitig lockere und tiefschürfende Art rüberbringt. „Berg and Breakfast. Ein Panorama der touristischen Sehnsüchte und Ernüchterungen“: So heisst das Buch der gebürtigen Südtirolerin Selma Mahlknecht, die heute in Zernez in Graubünden lebt und als Schriftstellerin, Drehbuchautorin, Regisseurin, Liedermacherin und Lehrerin arbeitet.

Am Samstag, 18. September 2021, wurde Selma Mahlknecht im Palazzo Labia in Venedig für ihr Buch „Berg and Breakfast“ mit dem Anerkennungspreis des Premio Mario Rigoni Stern ausgezeichnet. Das Buch sei, so die Begründung der Jury, „eine Reflexion über ökologische Nachhaltigkeit, in der Hoffnung, dass das Bewusstsein für den Wert der Umwelt wächst und dass wir beginnen, über alternative Tourismus- und Lebensmodelle nachzudenken“. Die Autorin liefere „interessante Perspektiven auf die vielen Dimensionen des Bergtourismus“, und sie leite den Blick „in intelligenter Weise und gut dokumentiert“ auf die „stereotypen Bilder“, die wir von den Bergen hätten. Ein Beispiel noch – zum Skifahren, weil der nächste Winter, der kommt vielleicht: „An den Anblick weißer Bänder auf gelbbraunen Berghängen haben wir uns zunehmend gewöhnt. Und Hans aufs Herz: Echter Schnee ist gar nicht so toll. Er fällt unkontrolliert auch dahin, wo man ihn nicht haben will, er muss aufwendig geräumt werden, und am Ende gibt es eine Lawine. Dann doch lieber menschengemachter Schnee, der punktgenau dort eingesetzt wird, wo er Spaß macht. Blöd nur, dass es durch den Klimawandel immer wärmer wird.“ Ja, wirklich blöd. Umso besser, dass es Bücher gibt, die uns unterhaltend und ohne Mahnfinger daran erinnern, dass wir nicht ganz unschuldig sind an diesem Wandel.

Und dann, liebe Bärgfründe, möchte ich Euch noch ein anderes Bergbuch ans Herz legen, einen Roman, der in einem Seitental im Südtirol spielt, also dort, wo Selma Mahlknecht herkommt und in ihrem Buch auch immer wieder darauf zurückkommt. Der Titel des Romandebüts der tschechischen, in Deutschland lebenden Journalistin und Autorin Jarka Kubsova ist so schlicht wie überzeugend: „Bergland“. Erzählt wird die bewegende Geschichte einer Bauernfamilie über vier Generationen: vom Überleben nach dem Zweiten Weltkrieg bis zum Überleben im Zeitalter der mechanisierten Landwirtschaft und des scheinbar rustikalen Hoftourimus. Die Hauptfiguren sind Rosa und Franziska, die versuchen, mit der Natur und nicht gegen die Zeit zu gehen, die zu scheitern drohen auf diesem abschüssigen Hof hoch oben in den Bergen, und die es doch schaffen zu bleiben. Jarka Kubsova erzählt diese Geschichte aus den Bergen nicht linear, sondern kunstvoll verteilt auf verschiedenen Zeitebenen, so dass sich nach und nach ein Rundum-Panorama alpin-agrokultureller Bedürfnisse und Zwänge sowie touristischer Sehnsüchte und Ernüchterungen ergibt. Und das, ganz wichtig, die Lesefreude keineswegs trübend, sondern vorantreibend wie eine Herde Schafe. Klasse!

Selma Mahlknecht: Berg and Breakfast. Ein Panorama der touristischen Sehnsüchte und Ernüchterungen. Mit Illustrationen von Armin Barducci. Edition Raetia, Bozen 2021. € 20.00.

Jarka Kubsova: Bergland. Roman. Wunderraum Verlag, München 2021. € 20.00.