Neige, Glace et Mixte

François Damilano hat sein Standardwerk für eisige Anstiege im Mont-Blanc-Massiv überarbeitet: ein Muss für alle, die es steil und kalt mögen.

18. Januar 2019

La Ginat. IV 5. Jean Ginat, Gilles Modica, Jean-Pierre Simond et Jean-Marc Troussier, 24 juillet 1978. Jean Ginat trouva la mort au cours de la descente sur le versant Talèfre. Parcours solo de Ueli Steck en 2h08, janvier 2010.

Das ist sozusagen Vers 233 der Bibel. Aber nicht derjenigen von Luther oder, zur Zeit sehr aktuell, von Zwingli. Sondern derjenigen von Damilano, ebenfalls sehr angesagt. Allerdings nicht für religiöse Fragen und Antworten. Sondern für bergsportliche Aktivitäten, und das im Mekka. Also in Chamonix. Und was macht man dort, wenn man nicht die steilsten Hänge hinunterkurvt? Man klettert die noch viel steileren Wände hoch, wenn möglich im Eis. Und was nimmt man mit neben Ankerpickeln, Steigeisen, Seil und dem ganzen restlichen Material? Den Führer von François Damilano, Bergführer und Führerautor. Sein erster Band von „Neige, Glace et Mixte“ in der Reihe „Le topo du massif du Mont-Blanc“ liegt neu in der dritten Auflage vor und umfasst alle Eis- und gemischten Eis/Fels-Routen zwischen dem schweizerischen Plateau du Trient und der Dent du Géant. Es sind dies auf 356 Seiten 772 Routen mit genauen Angaben des Verlaufs (aufs Fotos eingezeichnet), der Schwierigkeiten, der Erstbegeher.

Eben: Die Bibel für alle, die im östlichen Mont-Blanc-Massiv steil hochkommen wollen. Und die die Übersicht behalten wollen. Zum Beispiel in der Nordwand des tiefsten Viertausenders der Alpen, der Droites (4000 m). Der Playground für Spezialisten der Eisvertikalen: 1000 Meter hoch, 500 Meter breit, durchzogen von den Routen 225 bis 247, erstmals durchstiegen von Philippe Cornuau und Maurice Davaille vom 5. bis 10. September 1955. Diese Route wird aber, so weiss Damilano, kaum noch ganz begangen; man kombiniert sie unten mit der Messner-Führe und oben mit der Ginat. Voilà! So wird Ueli Steck vor neun Jahren hochgerannt sein. Ein anderer berühmter Schweizer Alpinist hat in der Droites-Nordwand ebenfalls seine Spuren hinterlassen: Erhard Loretan. Mit Pierre Morand eröffnete er am 4./5. August 1978 den Éperon helvétique (Nummer 235, gleich rechts der Ginat). Und nebenan verlockt schon die Colton-Brooks. Anders gesagt: Für Neurouten-Sucher ist es in dieser berühmten Wand etwas eng geworden.

Doch: Es gibt Abhilfe, das heisst Auswege nach oben. In der Südwestwand der Pointe Isabella (3761 m) hat François keinen einzigen roten Strich gezogen. Avis aux amateurs! Den Namen erhielt die Spitze übrigens von Isabella Straton, einer englischen Alpinistin; im Sommer 1875 machte sie die erste Besteigung mit den Führern Jean-Estéril und Pierre Charlet. Am 31. Januar 1876 gelingt ihr mit Jean-Estéril und Sylvain Couttet, Michel Balmat und Gaspard Simond die erste Winterbesteigung des Mont-Blanc. Im November des gleichen Jahres heiraten Isabella und Jean-Estéril. Schnee, Eis und Fels können also auch schön warm geben.

François Damilano: Neige, Glace et Mixte. Le topo du massif du Mont-Blanc. Tome 1 – du bassin du Trient au bassin du Géant. Troisième édition. JMEditions, Chamonix 2018, € 29.50. www.jmeditions.fr

Und: Über den Eiskletterpionier, Bergführer, Führerautor und Filmer François Damilano ist eine dicke Biografie von Cédric Sapin-Defour erschienen: Les sept vies de François Damilano (Éditions Guérin 2018, € 39.50).

Höher und höher

Zahlen und Berge beim Ruedi Horber und Groupe Alpin Genevois. Aber beim Panorama-Lotto im Alpinen Museum in Bern geht es nur Gipfel.

7. Januar 2019

„Ankunft um 22 Uhr auf einem Voralpengipfel bei Vollmond, dann ein ausgiebiges Fondue im Freien um Mitternacht, und das alles im kalten Winter: Dazu braucht es schon eine gehörige Portion Selbstüberwindung und Abenteuerlust. Nun, wir fühlen uns überhaupt nicht mondsüchtig, als wir unter der kundigen Führung von Walter, einem älteren Tourenleiter des SAC Bern, am Freitagabend des 29. Februar 1980, also an einem ganz speziellen Datum, zu zehnt der Hengstkurve im Gantrischgebiet zusteuern.“

FIGUGEGL – Fondue isch guet u git e guete Luun, auch in den Berner Voralpen und erst recht an einem 29. Februar! Hier auf dem Westgipfel (2044 m) der Alpiglemären zubereitet von Ruedi Horber, Alpinist und Volkswirtschaftler, geboren in Zug und seit 1976 in der Nähe von Bern wohnend. Mitarbeiter in der Bundesverwaltung, dann im Schweizerischen Gewerbeverband, nun Pensionär mit einigen Mandaten. Und Verfasser eines kleinen, aber feinen Bergbuches: In „Höher und höher“ stellt Horber seine 90 attraktivsten Gipfel vom Gran Cratere (391 m) der Liparischen Inseln bis zum Huayna Potosí (6088 m) in Bolivien vor. Gipfel, die er alle ein bis mehrmals bestiegen hat; auf der Chrummfadenflue, wie die Alpiglenmären ebenfalls in der Gantrisch-Kette liegend, war er 88 Mal – bei Redaktionsschluss des Buches. Im Anhang sind noch kurze Berichte zu ein paar verfehlten Gipfelzielen wie der Volcán Calbuco (2015 m) in Chile oder die Pointe Isabelle (3761 m) im Mont-Blanc-Massiv zu lesen. Ein paar neue Ziele sind auch aufgeführt, darunter der Ätna. Diesen höchsten Vulkan Europas muss der Vulkanliebhaber Ruedi ja unbedingt noch besteigen – hoffen wir, dass er sich mal ohne Aschewolken zeigt. Jeder Berg wird auf einer Doppelseite beschrieben, inklusive ein paar Stichworten. So erfahren wir, dass die Besteigung des Volcán Antuco (2979 m) durch Eduard Poeppig im Jahre 1829 die Geburtsstunde des Bergsports in Chile war. Auch für Ruedi Horber war es der erste Vulkan – am 5. Januar 1995.

Um Zahlen geht es ebenfalls in diesem Buch „Sur les traces du GAG. 40 récits pour 40 ans d’histoire de la Section carougeoise du Club Alpin Suisse“. Der GAG, das ist le Groupe Alpin Genevois, gegründet im Januar 1977 von Mitgliedern der altehrwürdigen Section genevoise des Club Alpin Suisse. Die Spaltung kam zustande, weil die abtrünnigen Mitglieder wollten, dass auch Frauen Mitglieder des SAC werden und auf Touren mitkommen konnten. Das war eben vor über 40 Jahren noch nicht möglich. Die kleine Revolution am Fusse des Salève hat auch dazu beigetragen, dass der SAC und der SFAC, der Schweizerische Frauen-Alpen-Club, auf das Jahr 1980 fusionierten. Der GAG macht seither ebenfalls wieder mit im Schosse des SAC. Im Jubiläumsbuch beschreiben 40 Mitglieder des GAG, wie sie zum Bergsport gefunden haben, wie sie ihn betreiben und was ihnen der GAG bedeutet. Prominentestes Mitglied ist sicher Michel Piola; seine unzähligen Neurouten finden wir auf der ganzen Welt, so auch in den Berner Alpen, insbesondere in der Eiger-Nordwand.

Eiger, Alpiglemären und Chrummfadenflue: Diese drei Gipfel sind dabei an einem ganz besonderen Abend im Alpinen Museum der Schweiz in Bern. Am 12. Januar 2019 führt das alps das erste Mal ein Panorama-Lotto durch: Statt Zahlen werden 90 Gipfelnamen aus den Berner, Walliser und Bündner gezogen, statt Nummernfeldern Bergspitzen in Alpenpanoramen abgedeckt. Das Restaurant „las alps“ serviert dazu Ghacktes, Hörnli und Gipfelwein. Ein Spielabend für echte Peakfinder und alle, die es noch werden möchten.

Ruedi Horber: Höher und höher. Meine 90 attraktivsten Gipfel vom kleinen Hügel bis zum Sechstausender. Eigenverlag, Niederscherli 2018, Fr. 32.- Zu bestellen bei: r.horber@gmx.ch

Sur les traces du GAG. 40 récits pour 40 ans d’histoire de la Section carougeoise du Club Alpin Suisse. Eigenverlag, Carouge 2017-2018, www.cas-le-gag.ch

Alpenpanorama-Lotto im Alpinen Museum in Bern, Samstag, 12. Januar 2019, 18 Uhr. Anmeldeschluss am Dienstag, 8. Januar: booking@alpinesmuseum.ch (bitte angeben: mit oder ohne Essen? vegan oder Fleisch?). Kosten: pro Lotto-Karte Fr. 10.- (gültig für alle Spielgänge); Ghackets und Hörnli Fr. 15.-. www.alpinesmuseum.ch

Spektakuläre Bergwelten

Extremer Bergsport heute mit extrem starken Aufnahmen: Damit geht’s voll hinauf ins neue Berg(buch)jahr.

3. Januar 2019

«WAS TUE ICH EIGENTLICH HIER?», scheint sich Renan Ozturk zu fragen, als er am Morgen des zehnten Tages der Expedition seine luftige, 5800 Meter hoch gelegene Behausung öffnet. Das am Vorabend bei stürmischem Wetter errichtete Camp 4 befindet sich in der Nordwestwand des Meru-Mittelgipfels (6310 m) im Garwhal-Massiv des indischen Himalaja. Im Oktober 2011 gelingt den US-amerikanischen Alpinisten Conrad Anker, Jimmy Chin und Renan Ozturk eine neue Route; sie wird Shark’s Fin („Haiflosse“) genannt. Ein Beweis dafür – so es denn einen braucht –, dass die Fotografen dieses Bildbands zum grössten Teil selbst begeisterte Abenteurer sind.

Jimmy Chin ist einer der siebzehn Fotografen des ebenso grossartigen wie –formatigen Bildbandes „Spektakuläre Bergwelten“. Herausgeber, Textautor und Fotograf Guillaume Vallot hat für sieben Kapitel, vom Einstieg über Fels und Eis bis zum Abheben in die Luft, 93 Fotos ausgewählt, wovon knapp die Hälfte doppelseitig abgebildet sind. Atemberaubende Fotos von bergsportlichen Aktivitäten auf der ganzen Welt. Hochtouren und Höhenbergsteigen, Eis- und Felsklettern, Steilabfahrten und Gleitschirmflüge, Base Jumping und Slacklining – immer eingefangen zu einem ganz besonderen Zeitpunkt an einem richtigen und wichtigen Ort. Nun gekonnt in Szene und auf 160 Seiten gesetzt und mit genauen und ausführlichen Legenden versehen. Damit wir Stubenhocker und Vielleicht-Höseler noch mehr feuchte Hände und weiche Knie kriegen, wenn wir den Extremskifahrer Cody Townsend sehen, wie er gleich einen knapp skibreiten Riss in den Chugach Mountains an der Westküste Alaskas durchfahren wird. Nach dem Bravourstück, das eher nach freiem Fall als nach Skifahren aussieht, meinte Cody: „Noch nie im Leben habe ich ein so furchterregendes Ding durchgezogen.“

Das ist ja genau das, was gute Bergpublikationen ausmacht: Wir können mitkurven und mitklettern, mitjauchzen und mitjammern, mitfiebern und mitfrieren, ohne dass die Finger oder Zehen gefühllos werden, um nur einen Berührungspunkt weiter auszudrücken. Guillaume Vallot nimmt uns mit seinem spektakulären Bildband mit auf eine solche Reise in die Berge.

Und ich selbst freue mich, Euch fürderhin mit „Ankers Buch der Woche“ auf bergpublizistische Ausflüge mitzunehmen. Vom Mont Vully am Murtensee (seine Welse können es nicht ganz mit Haien aufnehmen…) bis auf die höchsten und hintersten Gipfel der Welt.

Guillaume Vallot: Spektakuläre Bergwelten. AS Verlag, Zürich 2018, Fr. 65.-

Bergkrimis, vierte und letzte Seillänge 2018

Draussen an der Sonne oder drinnen am Kaminfeuer des Chalet in den Bergen einen winterlichen Bergkrimi lesen. Wann, wenn nicht jetzt? Viel Spass und alles Gute!

28. Dezember 2018

„Drauβen empfing Annabelle ein kühler, bedeckter Morgen. Blassgrau hing der Himmel über den Berggipfeln. Die Helligkeit hatte etwas seltsam Milchiges, hinter den diesigen Wolkenschleiern konnte man die Sonne nur ahnen. Auch die Spitze des Drachensteins hüllte sich in dunstigen Nebel. Als sei nichts gewesen, ragte der Hausberg hoch über dem Dorf auf; als hätte er nicht wie flüssige Lava geglüht am vorherigen Abend und damit, laut Sepp, ein böses Vorzeichen nach Puxdorf geschickt.“

Böse Vorzeichen zuhauf in diesem (fiktiven) Dorf in den bayerischen Alpen. Nicht nur von den tief verschneiten Bergen, die in der Abendsonne hell aufleuchten. Und das ausgerechnet während der Festtage am Jahresende. Vom 19. bis zum 31. Dezember spielt der vierzehnte Roman von Ellen Berg mit dem wenig weihnächtlichen Titel „Ich küss dich tot“. Der Untertitel liest sich auch nicht feierlich: „(K)ein Familienroman“. Noch schlimmer: Auf der Rückseite des 400seitigen Taschenbuch steht „Endlich wird gemordet!“ Und wie! Wenn ich richtig gezählt habe, müssen vier allerdings nicht eben sympathische Männer und Frauen in den Schnee beissen. Annabelle zum Glück nicht, schliesslich ist sie die Hauptperson in diesem winterlich-bös-kitschigen Familien-, Dorf-, Liebes- und Hotelroman, der nebenbei auch noch als Bergkrimi daherkommt. Der fünfte Mord passiert fast auf einer Wanderung. Wäre es soweit gekommen, hätte es kein Happy-End gegeben zwischen Annabelle und – nein, verrat ich nicht, den Namen des Märchenprinzen. Nur so viel: Sepp ist es nicht.

„Es musste die ganze Nacht geschneit haben. Bei jedem Schritt versanken Eleanors Stiefel tief im Schnee, und obschon er noch frisch und locker lag, machte er das Gehen beschwerlich. Margrit war zielstrebig auf die Treppe zugegangen, stieg behutsam hinunter und zerstörte dabei die Stufen aus Schnee, die sich darübergelegt hatten. ‚Irgendwo hier muss der Weg sein‘, murmelte Eleanor, als sie unten ankam.“

Aber wo? Viel Zeit haben die Cousinen Eleanor und Margrit nämlich nicht, aus diesem verwunschenen, bis vor kurzem leer gestandenen Hotel „Bel Veder“ auf der (fiktiven) Finsteralp im Berner Oberland zu fliehen. Ihr Cousin Victor ist den beiden auf der Spur. Aber will er ihnen Böses oder Gutes? Die Fliehenden wissen es nicht, die Leser auch nicht. Ob sie davonkommen, erzähle ich freilich auch in diesem Fall nicht. Mit „Bel Veder“ hat Mirko Beetschen eine klassische Gothic Novel verfasst. Also ein Werk der Gattung, die Horace Walpole 1764 mit „The Castle of Otranto“ begründete. Die architektonische Hauptrolle in diesem neuen Schauerroman spielt das Hotel, in das sich die Verwandten begeben, um das Testament des Hotelgründers anzuhören. Wer erbt es, ja, wer will diesen geheimnisvollen riesigen Kasten überhaupt erben? Victor sicher, noch mehr seine Verlobte Claire. Vielleicht auch Allan, der Bewunderer der Hauptfigur Eleanor. Aber Allan fällt auf einer Wanderung im Hotelgelände in eine Schlucht, aus einem Moment der Unachtsamkeit oder weil… Genau das passiert ja immer wieder in einem Bergkrimi.

„In diesem Moment gab ihm der Startrichter das Zeichen, sich fertig zu machen. Und plötzlich fühlte Marc, wie der ganze Stress von ihm abfiel. Fast so unbekümmert wie als Teenager rutschte er zur Startlinie vor. Was hatte er schon zu verlieren? Er besaβ doch bereits alles, was er zum Leben braucht.“

Wirklich? Hatte der Schweizer Skirennfahrer Marc Gassmann alles? Aber was ist denn mit seiner Off/On-Freundin Andrea Brunner? Und mit dem Sieg auf der Oympia-Abfahrt in Pyeongchang im Februar 2018? Für die er gleich starten wird – drei, zwei eins, go. Kein ungefährliches Unterfangen, solche Abfahrtsrennen. Doch auf Marc und Andrea warten in der Schweiz und in Südkorea noch ganz andere Abenteuer, wirklich lebensgefährliche. In „Eiskalte Spiele“, dem dritten Skikrimi von Marc Girardelli & Michaela Grünig, geht es um Doping im Leistungssport, und da wird so geheim wie gemein gehandelt.

„Geschafft. Geschafft? Jennerwein fasste den Spitzstichel fester, den er immer noch in der Hand hielt. Dann bekam er einen Schlag auf den Kopf, der ihn zu Boden schleuderte. Die Wand! Die Rückwand der Hütte brach krachend auf und neigte sich nach auβen! Als er nach oben blickte, sah er, dass das Dach halb weggesprengt worden war. Werkzeuge, Bretter, altes Gerümpel aus dem Speicher stürzten auf ihn herunter. Ein Ski kam mit der Spitze voraus auf ihn zu.“

Nein! Doch nicht das Ende von Kommissar Hubertus Jennerwein? In seiner alten Hütte oben am Berg will er am ersten Weihnachtsfeiertag mit seinem Team endlich einmal gemütlich zusammensitzen, ohne Verbrechen und Verbrecher. Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt, ganz anders. Bei Jörg Maurer sowieso. Auch in seinem elften Alpenkrimi mit Jennerwein & Co., passend zum Jahresende mit dem nicht ganz warmherzigen Titel „Im Schnee wird nur dem Tod nicht kalt“. Mehr möchte ich wirklich nicht preisgeben, nur die Empfehlung, wie immer bei Maurer: lesen! Diesmal aber vielleicht nicht in einer Hütte. Was da alles passieren kann – mein Gott! Nur ein kurzes Zitat soll noch angefügt werden. Der drittletzte Satz lautet: „Na dann: auf ein Neues.“ Ein neues Werk von Maurer. Ein neues Buch der Woche von Anker. Vor allem aber:

Es guets Nöis!

Ellen Berg: Ich küss dich tot. (K)ein Familienroman. Aufbau Verlag, Berlin 2018, Fr. 17.-
Mirko Beetschen: Bel Veder. Zytglogge Verlag, Basel 2018, Fr. 32.-
Marc Girardelli & Michaela Grünig: Eiskalte Spiele. Emons Verlag, Köln 2018, Fr. 17.-
Jörg Maurer: Im Schnee wird nur dem Tod nicht kalt. Fischer Verlag, Frankfurt aM 2018, Fr. 25.-

Stein und Wein

Wer noch ein passendes Geschenk zu oder statt dem Weihnachts-wein sucht – hier ist es. Auch für Gipfelstürmer geeignet, die wissen wollen, nach welchem Stein ihr Anstossgetränk schmeckt.

20. Dezember 2018

„Was mich aber persönlich an diesem Buch am meisten fasziniert, ist die Tatsache, dass die Autoren den Mut hatten, Neuland zu betreten und so weit wie möglich jenes Rätsel zu entschlüsseln, das uns Weinfreaks am meisten interessiert: Wie manifestiert sich das Gestein, in dem die Rebe wurzelt, schlussendlich im fertigen Produkt, dem Wein?“

Fragt sich Thomas Vaterlaus, Chefredaktor der Weinzeitschrift VINUM, im Vorwort zum Buch „Stein und Wein. Entdeckungsreisen durch die schweizerischen Rebbaugebiete“. Genaugenommen sind es elf Bücher, nämlich das dicke Hauptbuch und die zehn schlanken Regionalhefte, fein zusammengehalten durch einen kräftigen Schuber, auf dem der herbstfarbige Rebberg von Chamoson unter den sonnenerwärmten Kalkwänden der Routia leuchtet, überragt und beschützt vom Haut de Cry. Thomas kredenzt die Antwort gleich selbst: „Nach dem Lesen dieses Buches sehen wir diesbezüglich klarer. In überzeugender Manier wird beispielsweise dargelegt, in welchen Nuancen sich ein Pinot Noir, der in Fläsch auf Kalkschutt wächst, von einem Pinot im benachbarten Jenins, wo eher Sand und Ton dominiert, unterscheidet. Oder warum Sorten wie Petite Arvine und Gamay im Wallis von Dorf zu Dorf unterschiedliche sensorische Eigenschaften aufweisen.“

Unter der Gesamtleitung von Rainer Kündig haben sich 64 Autorinnen und Autoren – Geologen, Weinspezialisten und Winzer – zusammengefunden, um während zehn Jahren den Stein im Wein zu erforschen und einem breiteren Publikum in einem vorzüglichen Werk näherzubringen. Einerseits im Hauptband, darin es ausführlich und mit vielen Fotos, Grafiken und Karten um Terroir, Tiefe und Topografie, um Boden und Untergrund, um Wasser und Wein geht, assembliert von erfrischenden Cartoons von Peter Hürzeler. Andererseits in zehn Heften zu den önogeologischen Regionen der Schweiz. Was seinerseits eine Neuheit ist. So wird das Chablais, weinbaupolitisch zum Waadtland gehörend, geologisch zum eigenständigen Weinbaugebiet. Und dass man in Zukunft auch von den Gebieten „Alpenrandseen“, „Alpenrhein“ oder „Mitteland“ wird sprechen müssen, zeigt, wie tiefgründig sich das Buch „Stein und Wein“ mit dem Schweizer Wein beschäftigt hat. Kurz: das Standardwerk zur Geologie des Weines, ja zum Schweizer Wein überhaupt. Und solange es noch keine Hors-Sol-Weine gibt, wird es dies auch bleiben.

Gut drei Kilo schwer ist der Schuber. Also schwerer als zwei Flaschen Anker-Wein vom Weingut Hämmerli in Ins (der weisse Blanc de Noir bzw. die rote Assemblage mit 70% Gamaret und 30% Cabernet Dorsa), beide gereift am sonnigen Hangfuss eines Molassehügels. Oder wie wär’s mit einem Pinot Noir de Mur vom Cru de l’Hôpital in Môtier am Murtensee, der auf tonreicherem Untergrund als die übrigen Böden des Mont Vully gedeiht. Der 2017er hat den 21. Platz der Top 100 Schweizerweine der „Schweizerischen Weinzeitung“ erhalten. A votre santé et Joyeux Noël!

Stein und Wein. Entdeckungsreisen durch die schweizerischen Rebbaugebiete. 1 Hauptbuch und 10 Regionalhefte in Schuber, Gesamtumfang 612 Seiten, zahlreiche Abbildungen, Karten und Grafiken in Farbe. AS Verlag, Zürich 2018, Fr. 98.-

Berge lesen, mit Christoph und Alena

Seit 2003 gibt es den Uno-Welttag der Berge. Motto in diesem Jahr: Berge lesen. Das machen wir ja wöchentlich. Heute aber erst recht.

11. Dezember 2018

„Weshalb wir eigentlich heraufgeklettert waren, weiss ich nicht.“

Ein Geständnis? Eine Koketterie? Ein sprachlicher Misstritt? Jedenfalls ein Satz so auffällig wie ein erratischer Block auf grüner Matte, erst recht in einem Bergbuch aus dem Goldenen Zeitalter des Alpinismus, das die Schönheit der Berge und des Bergsteigens beschreibt und besingt. Zugegeben: Der Autor relativiert sein Nichtwissen gleich in den folgenden Sätzen: „Freunden von Kletterpartieen ist sie zu empfehlen, andre mögen sie besser bei Seite liegen lassen. Ohnehin wird sich nur ein schwindelfreier Kopf sich auf ihr wohlfühlen.“ Auf ihr? Ja, auf der obersten, schmalen Spitze des Hangendgletscherhorns (3292 m) in den östlichen Berner Alpen, auf die am 15. August 1863 diese Personen hinaufgeklettert waren: Christoph Aeby, Professor für Anatomie und Anthropologie in Bern, Rudolf Gerwer, Pfarrer in Grindelwald, die Bergführer Peter Michel und Peter Inaebnit aus Grindelwald sowie ein leider nicht namentlich genannter Hirte von der Urnenalp, also von dort, wo seit 1895 die Gaulihütte SAC steht. Dieser führte das Quartett auf seinen Hausberg. Die vier Alpinisten umrundeten vom 12. bis 16. August erstmals die ganze Wetterhorn-Gruppe, mit Start und Ziel in Grindelwald. Aeby verfassten den Bericht für das Buch „Das Hochgebirge von Grindelwald. Naturbilder aus der Schweizerischen Alpenwelt“. Es liest sich so frisch, als wäre es gestern erschienen und nicht 1865 im Verlag von Karl Baedeker in Koblenz.

Erst recht heute, am Internationalen Tag der Berge, mit dem Motto „Berge lesen“. Das machen wir doch gleich mit Christoph Aeby, und zwar beim Aufstieg über den Oberen Grindelwaldgletscher zum Lauteraarsattel: „Mit unendlichem Behagen schritten wir über diesen prachtvollen Teppich, der vom Fusse der Wetterhörner und des Berglistockes bis hoch an die dunkeln Flanken der Schreckhörner sich ausbreitete. Da haftete kein Flecken, kein hässlicher Moränenschutt, und mit funkelndem Glanze wurde das Sonnenlicht wie von unzähligen Brillanten zurückgeworfen. Ringsum aber starrten die hohen Zinnen und Spitzen in wechselnden kühnen Formen und gaben ein Bild voll Pracht und Majestät, wie der sie nicht zu ahnen vermag, der unsre Gebirgswelt nur auf bequemen Touristenwegen zu begehen pflegt. Was ist Anstrengung und selbst Gefahr gegen solchen Genuss!“

Klasse, nicht wahr? Vor allem der letzte Satz: Da fragt sich der Autor nicht, warum er Berge besteigt. Anstrengung, Gefahr und Genuss bilden sozusagen eine Seilschaft. An die wir uns einbinden können, als Touristen und Leser. Berge lesen, eben. Davon schreibt Alena Stauffacher in ihrer 2016 eingereichten Masterarbeit an der Uni Bern: „Literarische Berggänger. Bergwanderer und Bergsteiger in Schweizer Erzählungen des 20. und 21. Jahrhunderts“. Folgende Werke hat sie ausgewählt und untersucht: „Antwort aus der Stille“ von Max Frisch, „Die Furggel“ und „Drei Männer im Schnee“ von Meinrad Inglin, „LOS“ von Klaus Merz, „Niedergang“ von Roman Graf und – natürlich – „Bergfahrt“ von Ludwig Hohl. Dazu wurden weitere Werke beigezogen, wie „Es gibt kein Nachher“ von Alfred Graber, „Die Wand der Sila“ von Emil Zopfi oder „Ein grosses, weisses Auge“ von Franz Hohler. Anregende Bergliteratur, sowohl sekundär wie primär. In beiden finden wir Antworten, warum sie bzw. wir hinaufklettern.

Christoph Aeby, Edmund von Fellenberg, Rudolf Gerwer: Das Hochgebirge von Grindelwald. Naturbilder aus der Schweizerischen Alpenwelt. Verlag von Karl Baedeker, Koblenz 1865.

Alena Stauffacher: Literarische Berggänger. Bergwanderer und Bergsteiger in Schweizer Erzählungen des 20. und 21. Jahrhunderts. Masterarbeit am Institut für Germanistik der Uni Bern, 2016.

«O Switzerland!»

Eine wunderbare Zusammenstellung von ganz verschiedenen Personen aus verschiedenen Zeiten, die die Schweiz bereist haben. Dabei stehen die Berge natürlich ganz oben. Wie am 11.12.18 auch.

4. Dezember 2018

„Ich sage: Es macht mir Freude, auf einem Gipfel oder auf halber Höhe eines Berges zu stehen, und es ist für mich ein Vergnügen, zu klettern, selbst wenn niemand sonst klettern würde und nie ein Mensch davon etwas zu sehen oder zu hören bekäme. Und ich bekomme zur Antwort: Das glauben wir nicht! Da hört natürlich jeder Versuch der Verständigung auf. Es ist so, als ob ich äuβerte, daβ ich gerne Oliven esse, und jemand versichert mir: Das tust du nur, weil du es für vornehm hältst. Meine Antwort würde ganz einfach die sein, weiter Oliven zu essen, und ich hoffe, die Antwort der Bergsteiger wird sein, daβ sie weiter Berge besteigen.“

Der Mann, der diesen frechen Vergleich zwischen Berge besteigen und Oliven essen zog, ging gerne auf die Berge. Vor allem in der Schweiz. Und wenn möglich als erster. Was ihm auch bestens gelang im Goldenen Zeitalter des Alpinismus von 1855 bis 1865. Der Engländer Leslie Stephen (1842–1904), Nicht-Bergsteigern bekannt als Vater von Virginia Woolf, stand als Erster auf Bietschhorn, Rimpfischhorn, Alphubel, Blüemlisalphorn, Schreckhorn, Monte Disgrazia und Zinalrothorn. Er veröffentlichte 1871 ein Buch, dessen Titel zum Programm für bergsportliche Aktivitäten in den Alpen wurde: „The Playground of Europe“. Das Werk wurde immer wieder neu und verändert aufgelegt, in mehrere Sprachen übersetzt, im Deutschen gleich in zwei verschiedenen Versionen; hier zitiert aus der Übersetzung von Henry Hoek von 1942.

Mehrere Textauszüge aus Stephens Klassiker finden sich in einem neuen Buch, das aus solchen besteht: „«O Switzerland!» Reiseberichte von 57 v. Chr. bis heute“. Ashley Curtis, 1959 in Kalifornien geboren und seit 2013 Schweizer mit Wohnsitz im Berner Oberland und den Walliser Alpen, hat die so vielfältige wie überraschende Zusammenstellung besorgt. Tolkien und Tolstoi, Petrarca und Prince, Julius Caesar und Arthur Conan Doyle, Eliza Cole und Elizabeth Robins Pennel und viele mehr schreiben über Geld und Kriege, Armut und Berge, Feste und Gefängnisse, Wölfe und Flöhe. «O Switzerland!» versammelt über 450 Berichte von über 200 Reisenden aus vielen verschiedenen Ländern, klug und humorvoll geordnet in 20 Kapiteln, illustriert mit schwarz-weissen Abbildungen sowie versehen mit Kurzbiografien der Autoren und Autorinnen.

Das letzte Kapitel ist dem Alpinismus gewidmet. Und da werden nicht nur Befürworter des Bergsteigens zitiert, wie Leslie Stephen oder Janet Adam Smith (1905–1999), schottische Schriftstellerin und Vizepräsidentin des Alpine Club: „Hier, auf dem höchsten Punkt des Monte Rosa, überfiel mich erneut der Freudentaumel, der einer der Gründe ist, warum wir bergsteigen.“ Auf der gegenüberliegenden Seite kommt Charles Dickens (1812–1870) zu Wort, der das Bergsteigen offenbar nicht ganz begriff und der über den internationalen Tag der Berge am 11. Dezember wohl nur den Kopf schüttelte:

„Das Erklimmen solcher Höhen wie Schreckhorn, Eiger und Mönch trug so viel zum Fortschritt der Wissenschaft bei, wie es ein Club junger Herren täte, die auf alle Wetterhähne auf allen Kirchturmspitzen im Vereinigten Königreich steigen würden.“

Ashley Curtis (Hrsg.): «O Switzerland!» Reiseberichte von 57 v. Chr. bis heute. Bergli Books, Basel 2018, Fr. 29.80, www.bergli.ch. Auch in Englisch erhältlich: “O Switzerland!” Travelers’ Accounts, 57 BCE to the Present.

Am Dienstag, 11. Dezember 2018, wird der internationale Tag der Berge gefeiert. Auf zwei Veranstaltungen sei besonders hingewiesen:

«Holz im Kopf» im Alpinen Museum. Gemeinsam mit Cipra, Mountain Wilderness, dem Schweizer Alpen-Club und der Swiss Academy of Arts and Sciences führt das Alpine Museum in Bern eine besondere Veranstaltung durch. Im Pecha Kucha-Format erzählen acht Menschen von ihrer Beziehung zum Bergholz. Pecha was? Das ist eine rasante Präsentationsform mit klaren Regeln: Die Vortragenden präsentieren 20 Bilder, und jedes wird genau 20 Sekunden gezeigt. Für jede Präsentation stehen also exakt 6 Minuten und 40 Sekunden zur Verfügung.
18.30 Uhr Apéro riche im Restaurant las alps, offeriert von Coop Pro Montagna und dem Bundesamt für Raumentwicklung; 19.30 Uhr der Beginn Pecha Kucha «Holz im Kopf»; für die Zwischentöne sorgt der Perkussionist Prosper NKouri. www.alpinesmuseum.ch

«Von Meyer zu Heckmair, von Studer zu Steck». Zum Bergsport im Berner Oberland – in der Zentralbibliothek Zürich. Hätten die Bergsteiger den Pickel nicht zuweilen gegen den Stift ausgetauscht, hätte das Bergsteigen kaum diese grosse touristische Wirkung entfaltet. Mit bergsportlichen Büchern im Kopf und Rucksack kamen immer Alpinisten und Touristen ins Berner Oberland. Anhand von besonderen Publikationen – vom Bericht über die Erstbesteigung der Jungfrau 1811 über Leslie Stephens „The Playground of Europe“ bis zu Ueli Stecks erstem Buch „Solo“ – zeigt Daniel Anker vorlesend, wie sich der Bergsport rund um Eigernordwand, Chuenisbärgli und Blüemlisalp entwickelt und etabliert hat.
18 Uhr im Hermann Escher-Saal in der Zentralbibliothek Zürich am Zähringerplatz 6. Im Anschluss an die Lesung gibt es einen Apero. www.facebook.com/Zentralbibliothek.Zuerich/videos/289996948298103

Bergblick aus Ferienhäusern und Hütten

Ein Bildband und ein Führer stellen besondere Unterkünfte vor, vom vordersten Hang im Tessin bis zum Ende der Welt. Hier und dort können wir ruhig überweihnachten.

29. November 2018

DIESE UNTERKUNFT IST NICHT FÜR JEDEN GEEIGNET … aber für Liebhaber der Berge, die die Stille lieben und auf «Luxus» verzichten können. Angesichts der Lage wird um einen Aufenthalt von mehr als 2/3 Nächten gebeten.

Heisst es beim Ferienhaus Da Velio auf https://albergodiffusopaluzza.it. Das Albergo Diffuso La Marmotte in Paluzza, einem Dorf im nördlichen Teil der italienischen Region Friaul – Julisch Venetien, bietet seinen Gästen 22 Apartments und Häuser an, verstreut über die ganze Gemeinde. Das Haus Da Velio liegt in Faas, 11 km vom Zentrum von Paluzza entfernt, auf 1300 Meter über dem Mittelmeer. Es hat Platz für zwei Personen und bildet, so heisst es auf der Website, „die perfekte Kombination zwischen Natur und Architektur mit einer atemberaubenden Aussicht“. Allerdings ist das zweistöckige Haus mit dem grossen Panoramafenster im Winter nur mit Schneeschuhen oder Tourenskis erreichbar – ein idealer Ort also, um dem Weihnachts- und Silvesterrummel zu entfliehen.

Mehr noch: Die Casa Da Velio hat es als „Scheune 2.0“ in den opulenten Bildband „Bergblick“ geschafft, der auf 248 Seiten und mit 221 Abbildungen 31 Ferienhäuser auf fünf Kontinenten ausführlich vorstellt. Es sind architektonisch besondere und einzigartig eingerichtete Häuser inmitten von meist unberührter Natur. 18 befinden sich in Europa, wobei je vier in Italien und Spanien sowie je zwei in Norwegen, Österreich und der Schweiz; 13 verstecken sich in der restlichen Welt. Im Anhang wird noch auf 18 weitere Domizile verwiesen, die auch eine eindrucksvolle Architektur und Lage bieten. Das Schöne ist: Diese Ferienhäuser kann man mieten, nicht immer ganz günstig, aber man gönnt sich ja sonst nichts. Und wenn man es vielleicht nicht nach Paluzza im Valle del But oder ins kalifornische Death Valley schafft, so gibt das Buch über die Ferienhäuser doch ein passendes Weihnachtsgeschenk her.

Wer nun die anstehenden Ferientage an einem besonderen und wohl eher zugänglichen Ort verbringen möchte, greife zur sechsten Auflage des Hüttenführers „Capanne e rifugi del Ticino e della Mesolcina“. Massimo Gabuzzi stellt auf 288 Seiten 77 grössere und 135 kleinere Unterkünfte vor, von den beiden Adulahütten am Dach des Tessins bis zum Rifugio Palazi im unteren Calancatal. Aber aufgepasst: Letzteres ist geschlossen, den Schlüssel muss man sich in der Gemeinde San Vittore besorgen (die Telefonnummer steht im Führer). Viele Hütten im Tessin und Misox sind architektonisch besonders, ob alt oder neu. Und etwas bieten sie garantiert: einen unvergesslichen Bergblick, zu jeder Jahres- und Tageszeit.

Sebastiaan Bedaux: Bergblick. Die spektakulärsten Ferienhäuser auf fünf Kontinenten. Sieveking Verlag, München 2018, € 44.-, www.sieveking-verlag.de

Massimo Gabuzzi: Capanne e rifugi del Ticino e della Mesolcina. Salvioni Edizioni, Bellinzona 2018, Fr. 36.-, www.salvioni.ch

Mountains by Robert Bösch

Robert Bösch hat mit seinen Fotobüchern zum Tourenskilauf, zum Bergsteigen und Klettern, zum Gleitschirmfliegen und Mountainbiken, ja einfach zum Thema Berg, immer gültige Massstäbe gesetzt. Das ist mit seinem jüngsten Werk nicht anders: Mountains – Bilder zwischen Kunst und Action.

21. November 2018

»Mountains« ist das Buch des Fotografen Robert Bösch.
»Mountains« ist nicht das Buch des Bergsteigers Robert Bösch.
Doch ohne den Bergsteiger hätte der Fotograf dieses Buch nicht realisieren können.

Mit diesen drei Zeilen leitet Röbi Bösch sein jüngstes Buch ein. Es heisst schlicht „Mountains“. Ein in jeder Hinsicht grosses und gewichtiges Werk. Schon nur in der Hand: 29,5 mal 37,5 Zentimeter gross, 3,8 Kilo schwer, 336 Seiten dick, Hardcover auf Leinenband – ein Prachtsband! Mit einer Einleitung vom Meister himself, mit einem Rückseitenlob von Reinhold Messner, mit je zweiseitigen Textbeiträgen von Melissa Arnot, Nina Caprez (stark ihr Bericht über die Route „Divine Providence“ am Mont Blanc!), Hanspeter Eisendle, Severin Häberling, Steve House, Robert Jasper, Beat Kammerlander, Ueli Kestenholz, Chrigel Maurer, Oswald Oelz, Harald Philipp und Babsi Zangerl. Nur einer fehlt: Ueli Steck. Mit ihm war Röbi unzählige Male unterwegs, ihn hat er wieder und wieder fotografiert, ihm ist „Mountains“ gewidmet. Und ihn sehen wir häufig auf den Fotos, so auch auf dem Titelbild.

In sieben Kapitel hat Robert Bösch sein Masterpiece unterteilt: Fels und Eis, Schnee, Luft, Wasser, Trail, Fels, Berge der Welt. Und hier sind nun die fotografischen Meisterwerke zu sehen, bekannte und noch mehr unbekannte, in Farbe und schwarzweiss, ein- und doppelseitig. Atem beraubend und Puls beschleunigend. Auf den Punkt gebracht. Das Essentielle all dieser Bergsportarten perfekt festgehalten. Und die Berge allein ebenfalls. Stimmig, vielfältig, überraschend. Auch die Familie kurvt durch den Tiefschnee: Ehefrau Corinna, die Söhne Cyrill und Andri. Und im letzten Kapitel sehen wir den Fotografen in der Yerupaja-Westwand in den peruanischen Anden, 1983, fotografiert von Roland Descloux.

Fünf Jahre später erschien Böschs erstes Buch: „Faszination Schnee. Traumhafte Skitouren zu weissen Gipfeln“. Ich stellte es vor im Skitouren-Tipp „Fast schnurgerade auf die Chrummenfadenflue“ in der Freizeit-Beilage der „Berner Zeitung“ vom 5. Januar 1989. Ausschnitt: „Die Fotos zeigen den Tourenskilauf in seiner ganzen Dimension, vom Aufstieg in sonnigen Flanken (dann zücken auch die Hobby-Fotografen die Kamera) bis zur Abfahrt im flockigen Pulverschnee (dann machen sie’s schon weniger), vom Kartenlesen im Schneegestöber bis zum Aufbruch vor der Hütte mitten in der Nacht (dann lassen sie es bleiben).“ Titel meiner ersten Besprechung eines Bildbandes von Robert Bösch: „Die Kamera blieb nicht im Rucksack.“

Robert Bösch: Mountains. National Geographic Verlag, München 2018, Fr. 125.- www.robertboesch.ch

Donnerstag, 22. November 2018, 18 – 21 Uhr: Ausstellungseröffnung und Buchvernissage „Mountains – Das Bild vom Berg“. Bildhalle, Stauffacherquai 56, 8004 Zürich, www.bildhalle.ch

Sonntag, 2. Dezember 2018, 17 Uhr: Vortrag von Robert Bösch zu seinem Buch „Mountains – Mein Leben zwischen Berg und Bild“. Saal Maienmatt, Alosenstrasse, 6315 Oberägeri, www.robertboesch.ch

Der Medaillen-Schneider

Schweizer Sport- und Skigeschichte hautnah: mit zwei Büchern über Goldmedaillen-Gewinner und mit einem Basar voller Berg- und Skibücher, Karten und Panoramen.

13. November 2018

„Ich dachte, ich müsste schneller skifahren und nicht einfach einen anderen Anzug anziehen.“

Sagt der Schweizer Abfahrtsolympiasieger und -weltmeister Bernhard Russi im Buch, darin es eben genau um das geht: Wie rundum passende Bekleidung Sportler schneller machen können. Und da ist ein anderer Schweizer ab 1972 allen davon gefahren: der 1932 geborene Hans Hess. Ob Ski alpin oder Skisprung, Eislauf oder Segeln, Rad- oder Motorradfahren: Für dreissig, insbesondere aerodynamische Sportarten hat der unermüdliche Tüftler die richtige Bekleidung hergestellt. Und richtig meinte meistens schneller, mit weniger Luftwiderstand. Die Presse feierte ihn als „Hexenmeister“, „Anzugprofessor“ oder „schnellsten Schneider der Welt“. Nun hat die Journalistin Ines Rütten ein spannendes, mehrschichtiges Buch über Hans Hess verfasst: die Biografie über einen Schneider, der (Schweizer) Sportgeschichte geschrieben hat.

Bernhard Russi ist nicht der einzige Sportler, der für „Der Medaillen-Schneider. Wie Hans Hess Athleten aus aller Welt zu Gold verhalf“ ein Interview gegeben hat. Weitere stammen von Marie-Theres Nadig und Walter Steiner, von den Crazy Canucks, den verückten kanadischen Skirennfahrern, vom Radrennfahrer Daniel Gisiger und vom Seitenwagenpilot Rolf Biland. Alle standen sie mehrmals zuoberst auf dem Podest, und das eben nicht nur wegen ihres Könnens, sondern auch dank des richtigen Anzugs aus dem Atelier von Hans Hess im thurgauischen Aadorf. Unvergesslich sind die Skiweltmeisterschaften 1987 von Crans-Montana, als die Schweiz acht von zehn Goldmedaillen gewann. Erika Hess, Vreni Schneider und Maria Walliser, Peter Müller und Pirmin Zurbriggen siegten in den hautengen, roten und mit gelben Streifen versetzten Anzügen. Ein Foto zeigt Hans Hess strahlend neben den ebenso strahlenden Athleten. Den vielleicht berühmtesten Dress entwarf der „Pionier im Bereich moderner Sportbekleidung“ (Wikipedia) ein paar Jahre später, nämlich den knallgelben Dress im Käse-Look; er war der letzte von ihm entwickelte Anzug vor Beendigung seiner Tätigkeit im Jahr 1994. Im Käse-Dress gewann Urs Lehmann, heute Präsident von Swiss-Ski, 1993 die Abfahrt der Ski-WM im japanischen Morioka. Lehmann schrieb natürlich das Vorwort zum Medaillen-Schneider.

Und zu einem zweiten Buch zur Schweizer Skigeschichte ebenfalls. In „Ski Alpin. Gold für die Schweiz“ porträtieren Initiant und Projektleiter Heinz Egli und Autor Lars Wyss die 47 Sieger an Weltmeisterschaften und Olympiaden. Und das rückblickend von den olympischen Winterspielen in Pyeongchang 2018 bis zur ersten Skiweltmeisterschaft überhaupt, die 1931 in Mürren stattfand, wo die Schweiz zweimal Gold gewann (Walter Prager in der Abfahrt, David Zogg im Slalom). Dabei sind die Porträts der Skirennfahrerinnen und Skirennfahrer von heute um einige Tore bzw. Seiten länger als diejenigen von vorgestern. Gerade von Madeleine Berthod (Jg. 1931) und von Renée Colliard (Jg. 1933), die an der Winterolympiade von Cortina d’Ampezzo 1956 Gold in der Abfahrt bzw. im Slalom holten, würde man aber gern ein bisschen mehr erfahren und sehen.

Buchmässig sind wir also bereit für die Skiwettkämpfe des kommenden Winters, ob im eng anliegenden Dress oder im weit geschnittenen Anorak spielt beim Blättern und Lesen keine grosse Rolle. Wenn der Schnee weiterhin nicht so richtig fallen will, so könnten wir uns auf die Piste nach weiteren (Ski)büchern machen, und zwar am nächsten Freitag und Samstag in der Zentralbibliothek Zürich. Dort hat der Schweizer Alpen-Club seine Bibliothek integriert. Um aber Platz für den ständig wachsenden Bergbücherberg zu schaffen, hat die Bibliothekskommission des SAC doppelte Exemplare ausgeschieden. Die rund 1000 Doubletten werden nun zu einem sehr bescheidenen Preis zum Kauf angeboten; manche werden gar gratis abgegeben. Wer also einen dieser ausgezeichneten Clubführer von Heinrich Dübi, Marcel Kurz oder Maurice Brandt mit vergessenen Routen und zahlreichen Literaturangaben konsultieren, wer eines der wunderbaren Panoramas, die einst den SAC-Jahrbüchern beilagen, aufklappen und an die Wand hängen möchte, sollte in die Zentralbibliothek nach Zürich stöckeln.

Ines Rütten: Der Medaillen-Schneider. Wie Hans Hess Athleten aus aller Welt zu Gold verhalf. AS Verlag 2018, Fr. 39.80.

Lars Wyss, Heinz Egli: Ski Alpin. Gold für die Schweiz. Die Sieger. Weber Verlag 2018, Fr. 49.-

Buchvernissage mit Hans Hess: Dienstag, 13. November, um 19 Uhr im Rotfarbkeller im Areal Rotfarb an der Hauptstrasse 47 im thurgauischen Aadorf.

Berg-Bücher-Basar: Freitag, 16. November 2018, 14-17 Uhr; Samstag, 17. November, 9-17 Uhr, im Seminarraum C der Zentralbibliothek Zürich am Zähringerplatz 6 in Zürich.

Interviwagt