Das Buch der mystischen Orte

Der Eugen weiss, wo sich das Pilgern zwischen Hallstättersee und Mont Bégo besonders lohnt. Indirekt mit dabei: Pfarrer Martin Nil von Grindelwald.

21. Januar 2020

«Hoch oben, zwischen Piz Curvèr und Piz Toissa, liegt die in katholischen Landen Graubündens berühmte Wallfahrtskirche Ziteil, nach der Sage auf den besondern Wunsch der heiligen Jungfrau hier erbaut. Diese hatte ihren Wunsch einem Hirten geoffenbart und die Baustelle durch drei Blutstropfen bezeichnet. Der Bau wurde begonnen, aber etwas zu weit unten. Hier hatte das Baumaterial keine Ruhe. An einem schönen Morgen fand man es an die bezeichnete Stelle hinaufgerückt und baute dann auch dort. Auch für Nichtkatholiken ist es der Mühe wert, einmal da hinauf zu pilgern.»

Empfiehlt der berühmte Schweizer Kartograf und Reliefbauer Eduard Imhof im 32. „Jahrbuch des Schweizer Alpenclub“ von 1896. Der ebenso berühmte Buchautor und Klettersteigpapst Eugen E. Hüsler schlägt eine Pilgerfahrt nach Ziteil, dem „höchstgelegenen Wallfahrtsort der Ostalpen“, im „Buch der mystischen Orte in den Alpen“ vor. Bei Hüsler aber soll „eine weiβ gekleidete Frau, deren Gesicht durch einen Schleier verhüllt war, zweimal einem kleinen Mädchen, ein paar Tage später dann einem Hirtenjungen, auf Ziteil erschienen sein“. Und zwar mit der gleichen, strengen Botschaft, dass die Leute im Oberhalbstein nicht noch mehr sündigen und die Feldfrüchte verdorren lassen sollen, sonst werde Gott Strafe üben. Eine göttliche Mahnung gegen Food Waste? Wie auch immer: Die Pilgerfahrt nach Ziteil (2427 m) oberhalb von Savognin lohnt sich; im Winter vielleicht noch mehr als im Sommer, weil man dann vom bahnerschlossenen Piz Martegnas auf die Alp Foppa (2001 m) runterkurven kann. Die im Buch nicht berücksichtigte Wallfahrt auf die Rocciamelone (3558 m) mit der höchstgelegenen Kapelle in den Alpen kann im Übrigen ebenfalls nur empfohlen werden.

Hüslers 240 starkes Werk heisst im Untertitel „Von sagenhaften Bergen, verwunschenen Seen und magischen Höhlen“; es stellt insgesamt 100 mystische Orte vor, immer mit Bild, saftigem Text und einem Wandertipp. Für Liechtenstein und die Schweiz hat Eugen 23 Plätze und Gegenden ausgewählt, von den Drei Schwestern über das Martinsloch und Tells Sprung bis zu Blüemlisalp, Matterhorn und Schloss Chillon. Mit dabei auch das berühmteste Gipfeltrio der Alpen.

Und genau dorthin lohnt es sich jetzt (und bis zum 29. März) zu pilgern. Denn im Grindelwald Museum ist die Sonderausstellung „Pfarrer mit Pinsel und Kamera. Martins Nils Grindelwald“ zu sehen. Dieser Martin Nil (1887–1949), Nachfolger des berühmten Gottfried Strasser, war wie dieser weit mehr als nur der Diener Gottes im Gletscherdorf. Er war Alpinist und Fussballspieler, Fotograf und Aquarellist. Das neben der Kirche liegende Museum würdigt Nils weitgefächertes Schaffen in einem hellen Raum in zweiten Stock: schwarzweisse Fotos der Berner Alpen und der Bewohner Grindelwalds, selbst kolorierte Blumenbilder, lichtdurchflutete Aquarelle von Wetterhorn und Eiger, das erste Hüttenbuch der Mittellegihütte (Nil hielt die Bergpredigt am 12. Oktober 1924 bei der Einweihung und steuerte das Frontispitz bei), feine Anekdoten. Darunter der Film über den Pfaffensprung. 1939 hatte Nil am Sonnenhang ob Grindelwald ein Vorsass erwerben können und baute das Ertschfeld in ein Ferienhaus um. Auch nach der Eröffnung der nahe daran vorbeiführenden First-Sesselbahn 1946/47 stieg er lieber zu Fuss in sein Heimetli auf. Einmal aber sprang er zwischen Ertschfeld und Mittelstation Bort vom Lift – die Stelle heisst seither Pfaffensprung. Wenn wir mutiger gewesen wären, als wir jeweils mit Emanuel Balsiger, dem Enkel von Martin Nil, im Ertschfeld unvergessliche Skitourentage verbrachten, dann hätten wir den Sprung auch mal versucht.

Eugen E. Hüsler: Das Buch der mystischen Orte in den Alpen. Von sagenhaften Bergen, verwunschenen Seen und magischen Höhlen. Frederking & Thaler, München 2019, Fr. 42.-

Pfarrer mit Pinsel und Kamera. Martins Nils Grindelwald. Grindelwald Museum, in der Wintersaison bis 29. März 2020, in der Sommersaison bis in der Herbst 2020. Täglich offen ausser Montag und Samstag von 15 bis 18 Uhr.

Schöne Landschaften der Schweiz

Die Schweizer Landschaft ist schön. Über und unter dem Wasser. Drei neue Bildbände beweisen es wieder einmal.

15. Januar 2020

«Dass man runterfallen könnte, daran denke ich nicht. Das gefährlichste am Wildheuten ist, auf dürrem Heu zu stehen: Das ist so rutschig wie Schmierseife. Da fährt man runter wie auf dem Bob.»

Sagt der Wildheuer Toni Herger im Bildband „Die schönsten Landschaften der Schweiz“. Ist natürlich nicht schön, wenn man abstürzen könnte. Doch die Landschaft in der Schweiz ist nun nicht immer flach. Wo sie es ist, gehört sie eher selten zu den schönsten, auch nicht unbedingt zu denjenigen, welche die Stiftung Landschaftschutz Schweiz (SL) alljährlich auszeichnet. Seit 2011 ging die Auszeichnung „Landschaft des Jahres“ an folgende Gegenden:

2011: Val Sinestra GR
2012: Birspark BL/SO
2013: Campagne genevoise GE
2014: Valle di Muggio TI
2015: Innerrhoder Streusiedlung AI
2016: Isenthaler Wildheulandschaft UR (da haben wir ihn, den Toni!)
2017: Energieinfrastrukturlandschaft (welch ein Wort – gleich beim ersten Lesen begriffen?) am Aare-Hagneck-Kanal BE
2018: Paysage sacré – Les abbayes et monastère du bassin de la Sarine FR
2019: Die Moorwälder der Ibergeregg SZ
2020: Die Hangbewässerungslandschaft der Oberwalliser Sonnenberge VS.

Nun hat Raimund Rodewald, SL-Geschäftsleiter seit 1992, einen Bildband veröffentlicht, der die zehn ausgezeichneten Landschaften in Wort und Bild ausführlich und schön präsentiert vorstellt. Nur etwas fehlt auf den 184 Seiten: Bildlegenden! Beim Hagneck-Aare-Kanal mit dem neuen Kraftwerk mag das ja noch knapp angehen. Bei der Sakrallandschaft der Abteien und Klöster im Saane-Becken allerdings nicht. Da würde man schon gerne wissen, welches Kreuz und welche Kapelle da abgebildet sind – man könnte ja in Versuchung kommen, diese schönste Landschaft einmal zu besuchen.

Bleiben wir noch grad in der Romandie. Die Freiburger Fotografen Michel Roggo und Etienne Francey haben den Lac de Morat und den Lac de Neuchâtel erkundet, der erste unter Wasser, der zweite darüber. Das Werk heisst „3 Seen – 3 Lacs“, weil die Region ja als Drei-Seen-Land bekannt ist. Der Bielersee kommt allerdings kaum vor in diesem ausgezeichneten Fotoband. Ça ne fait rien, weil es ohnehin genug zu sehen gibt. Vor allem unter Wasser – Michel Roggo gehört ja zu den besten Unterwasserfotografen. Er fängt seine Landschaften wunderbar ein, all diese Pflanzen und Tiere; und gleichzeitig ist man froh, dass man sich das in der trockenen Stube ansehen darf, ohne vom Hecht beäugt oder vom Wels betastet zu werden. Die Fotos von Etienne Francey ihrerseits bestechen durch erfrischende Details und Farbigkeit. Leicht gruusig freilich dasjenige mit der Silbermöve, die eine Wasserratte verschlingt.

Bleiben wir doch grad beim Essen und am Wasser. Und besuchen Piora, dieses Seitental der oberen Leventina mit seinen Alpen und seinem berühmten Käse, seinem Dutzend Bergseen und seinem Stausee, dem Lago Ritóm, zu dem eine der steilsten Standseilbahn hinauffährt. „Piora“ ist der Titel eines grossformatigen, 300 Seiten starken Buches, das sich der Geschichte und Gegenwart diesen besonderen Alpentales widmet. Wer nicht seitenlange Abhandlungen lesen will bzw. kann, erfeut sich umso mehr an den Fotos von einst und jetzt. Ruderpartien auf dem Lago Ritóm, Kühe und Käsefabrikation, die Porträts der Älplerinnen und Älpler, die Capanna Cadagno, die Gipfelwelt zwischen Föisc und Pizzo dell’Uomo, die Seenlandschaft. Ausklappbar ist eine Luftaufnahme von Piora sowie das Panorama vom Camoghè, das Ernst Buss am 28. Juli 1904 gezeichnet hat. Ein Kapitel stellt kurz den Winter auf Piora vor. Ein Prospekt der Skigruppe des Tessiner Arbeiter-Alpenvereins (UTOE) für Skikurse in Cadagno vom Winter 1936/37 nannte die Hänge in der Val Piora „il più bei campi sciabili del Ticino“.

Raimund Rodewald: Die schönsten Landschaften der Schweiz. Werd & Weber Verlag, Thun 2019, Fr. 49.-
Michel Roggo, Etienne Francey: 3 Seen – 3 Lacs. Werd & Weber Verlag, Thun 2019, Fr. 39.-
Fabrizio Viscontini et al: Piora. Un alpe, una valle, una storia. Salvioni Edizioni, Bellinzona 2019, Fr. 45.-

Alpinismus-Geschichte(n)

Der Alpinismus gehört seit ein paar Wochen zum Unesco-Kulturerbe. In fünf Büchern begegnen wir seiner Geschichte.

9. Januar 2020

« Le mont Aiguille, c’est pointu! Il ne faudra pas moins de vingt bonhommes sérieusement équipés pour en venir à bout. L’organisation est militaire : on repère l’itinéraire, on fait le siège de la montagne comme celui d’un château fort, on installe des échelles, on place des cordes fixes… bref, quatre cent soixante ans avant la conquête de l’Everest, c’est dans le Dauphiné qu’on invente la lourde expédition himalayenne. ‘Antoine ! Que vois-tu depuis là-haut ?’ lui hurle le roi resté en bas. ‘Je vois la mer, Votre Majesté !’ »

Superbe! Wunderbar! Ein Schlüsselmoment in der Geschichte des Alpinismus, die Erstbesteigung des Mont Aiguille (2087 m) am 26. Juni 1492 durch Antoine de Ville und seine Männer. Losgeschickt auf Befehl von König Karl VIII,. der diesen einmaligen Gipfel, ringsum senkrecht abfallend und oben flach wie ein Fussballfeld, erobert sehen wollte. Zufällig oder eben nicht: im gleichen Jahr, in dem Kolumbus nach Amerika segelte. Die Erweiterung des menschlichen Horizontes in der Vertikalen und Horizontalen.

Natürlich sieht man vom Mont Aiguille das Mittelmeer nicht. Aber dass man es sehen könnte: pourquoi pas? Im roten, rucksacktauglichen Buch „La Dent du Piment. Balade épicée dans l’histoire de l’alpinisme“ tauchen immer wieder solch weiterführende Gedanken und Verknüpfungen auf, manchmal nett, da und dort auch weniger. Thomas Vennin peppt die Alpinismusgeschichte sozusagen mit Chilischoten auf, von den Anfängen, als die Berge entstanden, bis zur Rettung der französischen Alpinistin Élisabeth Revol am Nanga Parbat im Januar 2018. Die Aufnahme des Alpinismus in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit durch die UNESCO am 11. Dezember 2019 hätte Vennin bestimmt ebenfalls mit eigenen Worten gewürzt. Dafür blickt er voraus auf die Erstbesteigung des Mont Olympus (21229 m) auf dem Mars durch Reinhold Messner… Dessen Geburtsdatum hat der Autor übrigens falsch notiert: Es nicht der 14., sondern der 17. September. (Ich weiss das genau, weil ich am gleichen Tag Geburtstag habe).

Nicht als Lektüre für unterwegs, sondern auf stabilem Tisch zuhause ist folgendes Werk gedacht: „Haute montagne. Les plus grands noms de l’alpinisme. 100 ans d’histoire avec le GHM“, verfasst von Gilles Modica, Bernard Vaucher, Philippe Brass und David Chambre. Hinter dem Kürzel GHM steht die Groupe de Haute Montagne, 1919 von Jacques de Lépiney, Paul Chevalier und Paul Job gegründet, Alpinisten und Kletterer aus Paris, Mitglieder der Rochassiers. Die GHM sieht sich als Verein, der die Elite der französischen und internationalen Alpinisten vereint; wer auf www.ghm-alpinisme.com/ die Listen der lebenden und verstorbenen Mitgliedern scannt, wird grosse Namen entdecken. Aber nicht alle grössten Alpinisten gehör(t)en zu diesem elitären Club – insofern sollte man den Titel dieses Buchs nicht missverstehen. Es rollt die mehr oder weniger bekannte Geschichte des Alpinismus der letzten hundert Jahre auf, mit Schwergewicht auf französischen Akteuren. Dabei ist die Ikonografie so grossartig wie oft überraschend.

Gilles Modica, einer der Autoren des GHM-Jubiläumsbuches, hat in der Reihe „hommes & montagnes“ der Éditions Glénat einen lesenswerten Reader herausgegeben: „Destins d’alpinistes. Du comte Russell à Benoît Grison“. Darin porträtiert er 25 französische Alpinisten und einen welschen (Louis Spiro), bis auf einen (Serge Coupé) alle verstorben. Viele Namen wird man nicht kennen, ausser zum Beispiel Armand Charlet, den König der Aiguille Verte, oder Édouard Frendo, der einem Pfeiler in der Nordwand der Aiguille du Midi den Namen gegeben hat. Aber Andéol Madier de Champvermeil? An der Aiguille Dibona in den Dauphiné-Alpen hat er zwei schwierige Routen eröffnet. Vielleicht bin ich seinem Namen begegnet bei meiner Besteigung am 11. Juni 1975… Was im Buch von Modica allerdings fehlt, sind Frauen. Hoffentlich schreibt Gilles Modica am zweiten, weiblichen Band von „Destins d’alpinistes“.

In Gender-Fragen geben Pietro Garanzini & Rossella Monaco eine überzeugende Antwort. In „I grandi eroi della montagna. Uomini e donne che si sono distinti sulle vette più alte de mondo, superando i limiti umani” erzählen sie von herausragenden Touren von 22 Alpinisten und 11 Alpinistinnen. Die meisten von ihnen, nämlich neun, stammen logischerweise aus Italien; drei kommen aus der Schweiz (Loulou Boulaz, Erhard Loretan und Marco Pedrini). Manchmal wünschte man sich ein paar biografische Angaben mehr, doch im Zentrum steht immer die besondere Tour, die mit erzählerischen Mitteln wiedergegeben ist. Da kann es halt schon vorkommen, dass Details nicht ganz stimmen. Bei Lucy Walkers Frauenerstbesteigung des Matterhorns jedenfalls war ihr Bruder Horace nicht dabei.

Die Walker Family. Ganz grosse Figuren in der Geschichte des Alpinismus, mit der Pointe Walker, dem höchsten Gipfel der Grandes Jorasses, und dem gleichnamigen Pfeiler in der Nordwand. Und nun also gehört der Alpinismus zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit. Wie es dazu kam, wer die Fäden bzw. Seile spannte, was das bedeutet: Das sagt uns Bernard Debarbieux von der Uni Genf in „L’Unesco au Mont-Blanc“. Und selbstverständlich erklärte er uns in diesem roten, rucksacktauglichen Buch auch, was das eigentlich ist, der Alpinimus.

Thomas Vennin: La Dent du Piment. Balade épicée dans l’histoire de l’alpinisme. Éditions Paulsen-Guérin, Chamonix 2019, € 13.50.
Gilles Modica, Bernard Vaucher, Philippe Brass und David Chambre: Haute montagne. Les plus grands noms de l’alpinisme. 100 ans d’histoire avec le GHM. Éditions du Mont-Blanc, Chamonix 2019, € 45.-
Gilles Modica: Destins d’alpinistes. Du comte Russell à Benoît Grison. Éditions Glénat, Grenoble 2018, € 20.-
Pietro Garanzini & Rossella Monaco: I grandi eroi della montagna. Uomini e donne che si sono distinti sulle vette più alte de mondo, superando i limiti umani. Newton Comton Editori, Roma 2019, € 10.-
Bernard Debarbieux: L’Unesco au Mont-Blanc. Éditions Paulsen-Guérin, Chamonix 2020, € 15.-

Feste & Bräuche in der Schweiz

Ein Buch, das uns bestens durchs Jahr begleitet, über alle Höger hinweg.

4. Januar 2020

«Der Schnee knirscht unter den Kufen, die Pferde schnauben, die Glöckchen bimmeln und bunte Bänder flattern im Fahrtwind… So gleiten die Schlittengespanne durch die Bündner Winterlandschaft. Auf jedem der prächtig bemalten Schlitten findet ein Pärchen Platz. Hinten stehen die Herren in Frack und Zylinder und lenken, vorne sitzen die Damen in reich bestickten Sonntagstrachten. Auf solchen festlichen Fahrten zeigten sich einst frisch verliebte Paare erstmals in der Öffentlichkeit. Einem ganz bestimmten Zweck dient das Holzbrett zwischen Mann und Frau: Man sollte sich nahekommen, aber eben nicht zu nahe…»

Wer möchte da nicht mitgleiten durch verschneite Winterlandschaft, mit dem/der Liebsten? Die Schlittada in Graubünden gehört zu einer der lebendigen Traditionen, die das Bilderbuch „Feste & Bräuche in der Schweiz“ anschaulich und liebevoll, kenntnisreich und humorvoll uns näherbringen. Die Autorin Barbara Piatti und die Illustratorin Yvonne Rogenmoser führen durchs ganze Jahr und die ganze Schweiz, erzählen anschaulich von Festen und Bräuchen, von ihren Ursprüngen, ihren Besonderheiten und ihrem Wandel im Lauf der Zeit. Vom Silvesterchlausen in Appenzell Ausserrhoden am 31. Dezember und 13. Januar bis zu den Weihnachtsbräuchen im Dezember, zum Beispiel den Nünichlingern in Ziefen. Kennt Ihr nicht, nehme ich an, weder den Brauch noch das Dorf (es liegt im Reigoldswilertal im Basler Jura). Und kennt Ihr diese Traditionen: Chinigrosslinun, Bärentag, Bruder Fritschi, Botzerrössli, Blätz, Drapoling, Empaillé, Röllelibutzen, Chrienser Deckel, Greth Schell, Eis-Zwei-Geissebei oder König Rabadan? Letzteres ist allerdings nicht der Dreikönigskuchen vom 6. Januar. Darauf freue ich mich schon heute. Aber ob es mit dem Eislaufen auf dem Doubs klappen wird? Schön wär’s!

Von einem Brauch übrigens habt Ihr bestimmt schon gehört und gelesen: dem Chalandamarz in Graubünden. Seit dem 1945 erstmals aufgelegten Bilderbuch „Schellen-Ursli“ von Selina Chönz und Alois Carigiet kennt man das Austreiben des Winters am 1. März fast auf der ganzen Welt. Wie die Kinder mit den umgehängten Glocken, schön der Grösse nach, um einen Dorfbrunnen herumgehen: Diese Zeichnung bildet das Titelbild des Bilderbuches von Barbara & Yvonne.

Barbara Piatti, Yvonne Rogenmoser: Feste & Bräuche in der Schweiz. NordSüd Verlag, Zürich 2019, Fr. 30.- Gibt es auch in einer englischen Ausgabe.

Aufbruch zu neuen Horizonten

Zum Abschluss des alten Jahres sei auf ein paar ältere Bergbücher hingewiesen. Mit ihnen gelingt der Schritt ins neue aufs Schönste.

28. Dezember 2019

„Wie Tausende andere Skiläufer fuhren wir am 28. Dezember 1933 mit der Strassenbahn nach Mauer. Vielleicht unterschieden wir uns von der Masse der Brettlfahrer durch die gewichtigen Rucksäcke, die wir über die Hochstraβe hinaufbuckelten.“

Und wie sich die beiden Skifahrer unterscheiden! Denn sie wollen von Wien mit Ski bis auf den Mont Blanc. Sepp Brunhuber, bekannt als Pionier des extremen Winteralpinismus und Fast-Erstdurchsteiger der Eigernordwand (er war im Juli 1938 verhindert, weshalb Fritz Kasparek halt Heinrich Harrer mitnahm), und Julia Huber. „Ein Sportmädel, wie ich kein zweites fand. Unerschrocken ist sie auf Skiern, das Turenfahren geht ihr über alles.“ So beschreibt Brunhuber sie im Buch „Wände im Winter“. Auch das Klettern in winterlichen Verhältnissen muss ihr gefallen haben. Denn auf der „Längs-Überschreitung der Alpen auf Skiern“ besteigt das Duo viele grosse Gipfel, so Grossglockner, Kleine Zinne, Marmolata, Weisskugel, Piz Buin. In der Dreischusterhütte in den Sextner Dolomiten wird sechs Wochen verweilt, „Julias skiläuferisches Können erregte die Bewunderung der Gäste und Skilehrer.“ Anfang April 1934 kommen die zwei Skialpinisten in die Schweiz: Silvretta, Weissfluh, Chur, Oberalp-, Furka- und Grimselpass, immer mit Ski oder zu Fuss. Wegen Schlechtwetter müssen sie sechs Tage in einer baufälligen Baracke ob dem Grimselstausee ausharren und fünf in der Lauteraarhütte gut hausen, dann geht’s hoch auf Oberaarhorn, Gross Wannenhorn, Gross Fiescherhorn, Finsteraarhorn und Ebnefluh. Durch die Walliser Alpen gelangen sie nach Courmayeur, und am 23. Mai 1934 um sieben Uhr morgens stehen Julia Huber und Sepp Brunhuber auf dem Mont Blanc. In Courmayeur warten sie drei Wochen auf ihre Velos, worauf sie 1200 km nach Wien zurückradeln: „Dann hielten wir an einer Strassenecke, und das erste Mal nach sechs Monaten trennten wir uns, und Julia fuhr gleich mir, aber in anderer Richtung, nach Hause.“

Den Namen Sepp Brunhuber kannte ich wohl, hatte wahrscheinlich auch schon von seinem 1951 publizierten „Wände im Winter“ gehört. Aber das Buch – mit dem 28-seitigen Kapitel über die Skireise mit der unbekannten Julia Huber – stand nicht in meiner Bergbibliothek. Nun ist es dort, Sepp sei dank! Mit den neuen Bergbüchern, die ich allwöchentlich vorstelle, wächste jene scheinbar unaufhaltbar weiter. Aber es kommen eben immer noch weitere, auch ältere Bücher hinzu. Ein paar ganz schöne vermachte mir Giuseppe C. Negro, Mitglied des SAC Bern. Zum Beispiel auch das von Robert Hänni: „Vom Dachfirst zum Kilimandscharo. Wie Dachdecker Arthur Spöhel allein den Kibo bezwingt“, ebenfalls 1951 herausgekommen. Und, noch eine Gemeinsamkeit: Am Ende eines Jahres begibt sich Spöhel, Tourenleiter des SAC Bern, auf die weite Reise zum höchsten Berg Afrikas.

Etwas weniger hoch war das Ziel des österreichischen Mediziners, Botanikers, Naturwissenschaftlers und Reiseschriftstellers Johann August Schultes anno 1802: der Grossglockner, damals noch nicht der höchste Gipfel Österreichs (das war noch der Ortler). 1800 wurde der Grossglockner (3798 m) erstmals bestiegen. Schultes und seinen Freunden gelang die zweite Besteigung. Darüber verfasste er den vierbändigen Bericht „Reise auf den Glockner“. Die vier Bände verschönern seit diesem Sommer, als ich eine eher kleine, dafür sehr feine Bergbuchsammlung übernehmen durfte, die meinige. Im I. Teil auf Seite 1 lese ich: „Nur mit Mühe konnten wir uns losreissen von dem schönen Admont, das während unseres kurzen Aufenthaltes von fünf Tagen jeden von uns in circäische Netze verstrickt hielt.“ Aufbruch also ebenfalls damals, auch wenn er schwer fiel.

Ja, und dann habe ich mir an Weihnachten noch selbst ein Buchgeschenk gemacht: „The Alpenstock; or Sketches of Swiss Scenery and Manners“ von Charles Joseph La Trobe, 1829 in erster, 1839 in zweiter Auflage erschienen. Bekannt wurde der Engländer La Trobe, auch Latrobe geschrieben, als Lieutenant-Governor von Victoria, einem der sechs heutigen australischen Bundesstaaten. Von 1824 bis 27 wirkte er als Privatlehrer bei der Familie de Pourtalès in Neuenburg, von wo er ausgedehnte Reisen durch die Schweiz und darüber hinaus unternahm, auch auf Berge, so auf Niesen und Stockhorn, gegen Bürglen und Gantrisch; den Gipfel des letzteren jedoch bezeichnete er als „inaccessible“. Auf Seite 188 schreibt er vom Creux du Vent „and its vast crater, rising above the forest.“ Dort oben stossen wir traditioneller Weise aufs Neue Jahr an.

Euch allen, nah und fern: Es guets Nöis!

Film, Foto & Design

Drei in vielerlei Hinsicht schwergewichtige Bildbände. Sie machen sich gut unter dem Weihnachtsbaum. Aber auch sonst.

20. Dezember 2019

– I told you – up!
– I can’t make it
– Yes you can.

Dramatische zweitletzte Szene am Mount Rushmore National Memorial im Film „North by Northwest“ („Der unsichtbare Dritte“) von Alfred Hitchcock aus dem Jahre 1959. Eve Kendall, gespielt von Eva Marie Saint, hängt mit letzter Kraft in der Hand von Roger O. Thornhill alias Cary Grant, der sich nicht weniger prekär mit der andern Hand an einem Griff hält. Fast stürzen beide in die Tiefe, doch der böse Verfolger wird von der Polizei in letzter Sekunde erschossen. Nun müssen sich Roger und Eve nur noch selbst hochhieven, zuerst am Felsen – und dann im Schlafwagen aufs Hochbett. Gerettet!

Seit Oktober 2019 sorgen Eva Marie Saint und Cary Grant am felsigen Denkmal mit den vier US-Präsidentenköpfen wieder für atemberaubende Momente, und zwar auf dem Titelbild eines ganz besonderen Bergbuches: „Dico Vertigo. Dictionnaire de la montagne au cinéma en 500 films.“ Bernard Germain beleuchtet mit Texten, Plakaten und Fotos 500 Bergfilme aus 100 Jahren. Filme, darin die Berge einen wesentlichen Platz einnehmen. Deshalb begegnen wir in diesem 430seitigen alpinen Filmhandbuch auch Regisseuren und Schauspielerinnen, bei denen wir nicht an erster Stelle an Bergkino denken: Chaplin, Marylin, Binoche, Bunuel, Tarantino und eben Hitchcock. Dieses auf Papier gebrachte Kino der Höhe zeigt ein breitgefächertes Programm: Kultfilme wie „Heidi“, „Fitzcarraldo“, „Les Bronzés font du ski“ oder „Premier de cordée“; mythische Dramen wie „Sturz ins Leere“ und „Nordwand“; optimistische Filme wie „La Mélodie du bonheur“; ethnographische Werke wie „Die Ballade von Narayama“. Und natürlich haben berühmte Bergsteiger wie Bonatti, Profit, Edlinger, Destivelle und Honnold ihre Auftritte und Filme. Kurz gesagt: Nicht verpassen!

Diesen Prachtband hier auch nicht: „Berge. Das Magnum Archiv.“ 1947 gründeten die vier Fotografen Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, David Seymour und George Rodger in New York die unabhängige Fotografenagentur Magnum Photos. Von Capa stammt denn auch das einnehmende Titelbild der lesenden und sonnenbadenden Skifahrerin im Jahr 1950, mit dem Matterhorn als stummen Zuschauer. Viermal ist der Zermatter Berg im Fotoband abgebildet, gleich oft wie der Fuji. Den Auftakt machen Werner Bischofs schwarz-weisse Berner-Alpen-Fotos aus den 1940er Jahren, den Schluss bilden Paolo Pellegrin schwarz-weisse Fotos aus den Bergen des Aostatales von 2019 – grossartig beide. Und dazwischen gibt es zahlreiche Entdeckungen zu machen, zum Beispiel die Skibilder aus der iranischen Provinz Alborz von Newsha Tavakolian. Im Vorwort schreibt Herausgeberin Nathalie Herschdorfer: „Dieses Buch nimmt den Leser mit auf eine Reise durch die Magnum Archive und erkundet, wie der Mensch sich die Berge zu eigen gemacht hat.“

Berge und Mensch: Genau darum geht es auch im dritten Buchschwergewicht. „Design from the Alps 1920–2020“ präsentiert einen überraschenden Einblick in das vielfältige Schaffen in der österreichisch-italienischen Alpenregion Tirol – Südtirol – Trentino aus den letzten hundert Jahren. Von den Holzfiguren des Futuristen Fortunato Depero über Möbel von Lois Welzenbacher zu modernen Lampen von Ettore Sottsass, von knapp brauchbaren Firngleitern zu den unbekannten Sarner-Skiern, von Kinderspielzeug über Fototechnik bis zu Fahrrädern, von Robert Fliris FiveFingers-Schuhen mit Vibramsohle zum aktuellen Bergschuh „Olympus Mons Cube“ von La Sportiva, von den Klettersteigkarabinern von Stubai und Salewa bis zu Eric Gotteins Kleiderständern aus Heugabeln: eine breite Lawine an innovativem Produktdesign rollt da auf uns zu. Wer jetzt noch kein Weihnachtsgeschenk hat, wird mit diesem reich illustrierten, auf Deutsch, Italienisch und Englisch verfassten Design-Handbuch bestimmt fündig.

In diesem Sinne: Merry Christmas!

Bernard Germain: Dico Vertigo. Dictionnaire de la montagne au cinéma en 500 films. Éditions Guérin, Chamonix 2019, € 39.50.

Annalisa Cittera, Nathalie Herschdorfer, Pietro Giglio: Berge. Das Magnum Archiv. Prestel Verlag, München 2019, Fr. 65.-

Claudio Larcher, Massimo Martignoni, Ursula Schnitzer: Design from the Alps 1920–2020. Tirol Südtirol Trentino. Kunst Meran / Scheidegger & Spiess, Zürich 2019, Fr. 49.-

Skigeschichte(n)

Nur Ski fahren ist schöner als Ski lesen. Wer’s (nicht) glaubt, kurvt durch Schnee und Seiten.

11. Dezember 2019

„Wollen Sie selbst Ski fahren?“, fragte die Verkäuferin ungläubig. „Ich dachte, das sei ein Sport für Männer.“
„Selbstverständlich möchte ich selbst Ski fahren“, schnaufte Mizzi Kauba. „Aber ich entnehme Ihrer Antwort, dass Sie mir keine passende Kleidungsempfehlung geben können.“

Und natürlich auch keine Ski! Wohin rutschten wir ab, wenn sich die Frauen auf einmal auch der schmalen Bretter bedienten? Wenn möglich gar noch in praktischen Hosen statt in knöchellangem Rock? Schickt sich nicht. Einfach nicht. Da war aber Mizzi Langer-Kauba (1872–1955) ganz anderer Meinung. Die Sportlerin und Alpinistin führte anfangs des 20. Jahrhunderts das erste Sportgeschäft Wiens in der Kaiserstrasse 15; der Schriftzug „Mizzi Langer-Kauba“ belebt noch immer die Fassade. Vor zwei Monaten ist der Roman „Lottes Traum“ von Beate Maly erschienen, darin es genau um das geht: um das Fahrt-Aufnehmens des Skilaufs, vor allem in Wien, und auch für Frauen, aber bitte in neumodischer Bekleidung; um den alpinen Skipionier Mathias Zdarsky, der am 19. März 1905 am Muckenkogel bei Lilienfeld den ersten Torlauf der Skigeschichte organisierte, mit 24 Teilnehmern, darunter Mizzi Langer-Kauba als einzige Frau.

Entdeckt hätte ich diesen historischen Skiroman nie, wenn nicht auf dem Titelbild eine Frau mit Holzski, Stöcken und kurzem Rock über Hosen posierte, darunter ein Foto vom winterlichen Wien. Mizzi ist in diesem 543-seitigen Buch nur eine wichtige Nebenfigur. Als Hauptakteurin kurvt die junge Charlotte Seidl aus dem Berg- und Skiort Mürzzuschlag zwischen Kaiserstrasse, Prater und Lilienfeld, zwischen passender Skiausrüstung, sozialen Schichten und den Blicken angesehener Männer. Ein atmosphärisch und skisporthistorisch schneedichter Roman. Auf die geplante Fortsetzung sind wir so gespannt wie auf den sonnigen Morgen, wenn es in der Nacht geschneit hat.

In der Wartezeit nehmen wir zwei andere flockenfrische Skibücher zur Hand. Zum einen das mit feinen und vielen Fotos, Plakaten und Zeichnungen illustrierte Werk „Une histoire du ski“. Gilles Chappaz & Guillaume Desmurs spuren kraft- und humorvoll in fünf Kapiteln von 1850 („Et le ski devint alpin“) bis heute („La métamorphose permanente“). Ab 1970 wird dem „État de glisse“, den Rennen und dem Freeride allerdings etwas gar viel Platz zum Abheben eingeräumt, während dem weltweiten Skitourismus mit Rummel und Gerammel, mit Carvingwonne und Pistenwahnsinn, mit Liftausbau, aber auch –abbau, nur ein Anfängerhang zugeschoben wird. Tant pis! Machen wir einen eleganten Sprungschwung in Keilhosen mit der US-Amerikanerin Andrea Mead Lawrence, Doppelolympiasiegerin an den Olympischen Winterspielen 1952 in Oslo, dem ehemaligen Christiania. Und hocken wir mit Arnold Lunn nach einem strengen Skitag am sonnigen Hotelfenster in Mürren und lesen zu „skiing“ mit seinen beiden „i“ in der Wortmitte das hier: „Une particularité graphique qui évoque deux traces parallèles dans la neige ou deux ski plantés dans la neige.“ Nice, isn’t it?

Und selbstverständlich haben Arnold Lunn und Mürren ihren Auftritt im jüngsten „Schneehasen“, dem Jahrbuch des Schweizerischen Akademischen Skiclubs SAS, 1924 in Bern gegründet durch den Mürrener Walter Amstutz. Die 40. Ausgabe dieser so wendigen wie trendigen, so traditionellen wie überraschenden Schrift schwingt auf knapp 300 Seiten durch eine Fülle von Themen und Geschichten in Deutsch, Französisch und English. Ein paar markante Passagen mögen und müssen genügen: The History of the Kitzbühel Ski Club and the Hahnenkamm Races; die Skierstbesteigung des Mont Blanc 1904 (also genau in dem Jahr, in dem Lotte Seidl nach Wien kommt); Porträt von Roman Zenhäusern, Olympiasieger und SASler; von Sarah Springmann, ETH-Rektorin und ehemalige Spitzensportlerin; von Ester Ledecká, Doppelolympiasiegerin in zwei verschiedenen Schneesportarten und Siegerin der Abfahrt in Lake Louise vom vergangenen Samstag. Am Berührendsten aber ist der überzeugende Beitrag von Arnold Koller, alt Bundesrat und Mitglied des SAS Fribourg, der sich auch mit 86 Jahren noch „jedes Jahr auf den Winter und besonders das Skifahren freut wie ein kleiner Bub“. Wir wedeln ihm nach, mais bien-sûr!

Beate Maly: Lottes Träume. Blanvalet, München 2019. Fr. 15.90.

Gilles Chappaz & Guillaume Desmurs: Une histoire du ski. Éditions Glénat, Grenoble 2019, € 25.-

Der Schneehase. Edition 40, 2016–2019. Schweizerischer Akademischer Skiclub SAS. Schriftleitung Ivan Wagner. Fr. 79.- Zu beziehen bei: SAS-Verlag c.o. Kessler AG, Forchstrasse 95, 8032 Zürich, Tel. 044 387 87 11, info@kessler.ch.

Zwei Ausstellungen und eine Suchaktion zum Thema Ski & Schnee:

Irans Winter. Abseits der Piste. Ausstellung im Alpinen Museum der Schweiz in Bern (bis 12. April 2020). Biwak#25 lässt Iranerinnen und Iraner über ihre Berge erzählen. Was lockt sie in die Berge? Was entdecken sie in den Bergen? Wie privat ist der öffentliche Raum der Berge im Vergleich zur Stadt? Am Freitag, 13. Dezember 2019 um 19 Uhr, findet ein Skitourenabend mit folgenden Gästen statt: Bergführer Jürg Anderegg, der im Iran regelmässig mit Kunden abseits der Piste unterwegs ist; Filmerin und Fotografin Caroline Fink, die die Ausstellung kuratiert hat; Manfred Heini, passionierter Berggänger, der mit seiner Familie seit knapp zwei Jahren im Iran lebt.

Der grosse Schnee. Ausstellung in der Galerie Luciano Fasciati an der Süsswinkelgasse 25 in Chur (bis 28. Dezember 2019). Basis der Ausstellung bildet das Kinderbuch „Der grosse Schnee“ von Selina Chönz aus dem Jahr 1957, das von Alois Carigiet illustriert wurde. Es werden Originalzeichnungen in Kombination mit zeitgenössischen Arbeiten von Kunstschaffenden wie Judith Albert, Hans Danuser, Ursula Palla, Roman Signer, Jules Spinatsch und Not Vital gezeigt. Am Mittwoch, 11. Dezember 2019 um 19 Uhr, Führung durch die Ausstellung mit der Kunsthistorikerin Seraina Peer. luciano-fasciati.ch

Fundbüro für Erinnerungen. Unter dem Motto „Bring Leben in unsere Sammlung!“ sucht das Alpine Museum der Schweiz in der Bevölkerung Material, Fotos, Filme und Geschichten zum Thema Skifahren. Die Suchaktion mit Start am Internationalen Tag der Berge (11.12.19) kündet gleichzeitig den neuen Ausstellungsraum Fundbüro für Erinnerungen an, der am 15. Februar 2020 eröffnet. Ski-Material und Geschichten anmelden unter: fundbuero.alpinesmuseum.ch

Kirkpatrick, Kurtyka & Hainz

Drei ganz unterschiedliche (Auto)biographien von drei Topalpinisten aus drei Ländern und zwei Generationen. Sie passen perfekt zum Internationalen Tag der Berge am 11. Dezember 2019.

5. Dezember 2019

„Ich weinte auf dem Gipfel des El Capitan, nach meinem Solo der Aurora, als ich dachte, dass dies ein guter Ort für meine Asche sei, und mir ausmalte, wie meine jungen Kinder sie hier verstreuten. Vermutlich hatte ich gehofft, dass mich meine Vorstellungskraft etwas länger am Leben lassen würde.“

Ausschnitt aus einem neuen Buch, das ich allen fest empfehle: Bergsteigern und solchen, die es nie werden wollen. Das Buch heisst „Ungekannte Freuden. Über das Leben, den Tod, das Klettern und alles dazwischen“. Geschrieben – und gezeichnet! – hat es Andy Kirkpatrick, Jahrgang 1971. Dieser verrückte Engländer, der uns seit 2008, seit dem Erstlingswerk „Psychovertical“, sein Leben erzählt. Besser wohl: sein Überleben. Seinen Weg vom Hilfsschüler mit einer erst spät diagnostizierten Legasthenie zum Alpinisten und Schriftsteller, zum Ehemann und Vater. Mit seinen haarsträubenden Touren, den Enttäuschungen und Zweifeln, den Ängsten und Gewissensbissen, der Trauer und immer wieder: der Freude am Leben, am Überleben natürlich auch. Ein Lesegenuss, ein Leseabenteuer für alle. Gerade auch für diejenigen, die mit dem Bergsteigen gar nichts an der Mütze haben.

Sie hat eine Schwäche für die starken osteuropäischen Bergsteiger, die Kanadierin Bernadette McDonald, Autorin und Fachfrau in Sachen Bergliteratur und -film. Nach den preisgekrönten Werken zum polnischen Alpinismus („Klettern für Freiheit“) und zum slowenischen („Der Weg zur Spitze“) legt sie nun die Biografie eines polnischen Ausnahmebergsteigers vor: „Die Kunst der Freiheit. Voytek Kurtyka – Leben und Berge“. Der 72-jährige Kurtyka ist ein ganz besonderer Kerl. Nicht nur ein herausragender Meister seines Fachs (und immer noch am Leben, was bei vielen seiner Gefährten leider nicht mehr der Fall ist), sondern auch ein Exzentriker, ja ein Genie, der es bewundernswert gelang, Leben und Überleben, Egoismus und Kameradschaft zu verknüpfen. Bernadette McDonald versteht es, diesen Mann den Hobby- und Nichtbergsteigerinnen hautnah näher zu bringen. Eine Lesebergtour, die von polnischen Felstürmen über die Hohe Tatra und das Mont-Blanc-Massiv zum Hindukusch, Karakorum und Himalaya führt, Familienleben inklusive.

Und er, er hat sich ganz den Bergen verschrieben, der 1961 in Mühlwald im Südtirol geborene Extremkletterer und Bergführer Christoph Hainz. Nach seinem vergriffenen ersten Buch „Ausstieg in die Senkrechte“ (2005) liegt nun sein zweites Buch vor. Darin erzählt er von seinem Alltag als Berg- und Skiführer und von seinen grossen Tagen am Berg, so von den drei Zinnen über die Eigernordwand bis zur Erstbegehung des Nordpfeilers am Shivling im Himalaya. Der bekannte Alpinhistoriker Jochen Hemmleb, heute in Lana bei Meran zuhause, hat Hainz während der Arbeit an der neuen Autobiographie „Nur der Berg ist mein Boss“ federführend am Schreibtisch begleitet. Entstanden ist so das lesenswerte, mit vielen Fotos illustrierte Portrait eines Allround-Bergsteigers im höchsten Sinne.

Drei ganz unterschiedliche (Auto)biographien von drei Topalpinisten aus drei Ländern und zwei Generationen. Sie passen perfekt zum Internationalen Tag der Berge am 11. Dezember 2019. Denn seit 2015 wird dieser Tag mit „Berge lesen“ gefeiert. Solche „Berge lesen Festivals“ werden an verschiedenen Orten durchgeführt, zum Beispiel im Alpinen Museum der Schweiz in Bern. Oder in der Zentralbibliothek des SAC in der ZB Zürich zum Thema „Fake News im Alpinismus“. Ja, lügen die Alpinisten? Leiden sie unter Lügen? Mehr dazu in Mario Casellas Buch „Die Last der Schatten. Wenn Alpinisten nicht die ganze Wahrheit sagen“ – und eben am Mittwoch, 11. Dezember, 18 Uhr in der ZB Zürich www.sac-cas.ch/de/der-sac/fake-news-im-alpinismus-21310/

Das letzte Wort aber überlassen wir Andy Kirkpatrick, mit der zweiten Strophe seines Gedichtes „Der Berg“:

Der Berg verrät nicht,
betrügt nicht, täuscht nicht.
Sagt nicht ja, wenn er nein meint.
Handelt nicht aus Angst.
Handelt nicht aus Liebe.
Zieht dich nicht rein und wirft dich dann zurück,
lehnt dich nicht ab,
führt dich weder in die Irre
noch nach Hause.

Andy Kirkpatrick: Ungekannte Freuden. Über das Leben, den Tod, das Klettern und alles dazwischen. AS Verlag, Zürich 2019, Fr. 34.90.

Bernadette McDonald: Die Kunst der Freiheit. Voytek Kurtyka – Leben und Berge. AS Verlag, Zürich 2019. Fr. 39.80.

Christoph Hainz mit Jochen Hemmleb: Nur der Berg ist mein Boss. Das Leben des Südtiroler Extremkletterers und Bergführers. Mit einem Vorwort von Frank-Walter Steinmeier, Beiträgen von Thomas Engel und Gerda Schwienbacher sowie einem Nachwort von Hans Kammerlander. Tyrolia-Verlag, Innsbruck 2019, Fr. 39.90

Die schönsten Brockis der Schweiz

Wenn Sie noch kein Weihnachtsgeschenk gefunden haben, dann schenken Sie doch dieses schöne Buch – mit ihm werden die Beschenkten bestimmt fündig. Sie selbst natürlich auch. Am Fusse des Glärnisch so gut wie hinter den 77 Geleisen in Zürich.

27. November 2019

„Kurz hinter Glarus, der selbsternannten kleinsten Hauptstadt der Schweiz, schwingt sich die Strasse zum Klausenpass sanft hinauf, in Richtung eines Weilers mit dem bezaubernden Namen Mitlödi. Fast könnte man sie verpassen: die Abfahrt links herab zum Schweizerhaus. Dort, mitten in den Matten, liegt das Toni-Brocki. Wer sich an das gleichnamige Milchfabrik-Areal in Zürich erinnert fühlt, liegt falsch. Hier lockt die Provinz. Kommt man im Sommer, hört man mit grosser Wahrscheinlichkeit Kuhglocken läuten, Insekten summen, und man schaut zum Glärnisch hoch, der einem wie eine pompöse Theaterkulisse vor der Nase emporwächst. Im Winter bläst der Wind mit der Linth, und es ist kalt, draussen und manchmal auch drinnen. Sollen wir überhaupt rein? Ja, wir sollen!“

Und nicht nur in die Brockenstube von Toni im Gebirgskanton Glarus müssen wir hinein. Nein, auch in die Brocki im Zeughaus Brig, also präzis dorthin, wo im November jeweils die BergBuchBrig stattfindet. Selbstverständlich ebenfalls zu dem in einem Hotel ausgestellten Trödlermarkt in Goldswil, dem Alpinistenwohnort bei Interlaken – Roger Schäli und Stephan Siegrist sind zwar eher in der Eigernordwand anzutreffen. Das Brockenhaus auf dem Brünigpass liegt ohnehin an unserem wintersportlichen Weg: Die Schneeschuhtour über Ochsen und Schafplätz lassen wir mit dem Kauf einer Kuhglocke ausklingen, die Abfahrt vom Gibel feiern wir mit der Anschaffung einer alten Skiausrüstung. Diese Gegenstände hat der Grümpel-Sepp vom Brünig mehrfach auf Lager. Und sie sind im druckfrischen Bildband „Die schönsten Brockis der Schweiz“ abgebildet.

Ein Buch über Brockenstuben also – das erste Buch zu diesem Thema überhaupt. Es kommt zur richtigen Zeit. Nur ein paar Stichworte: Recycling, Zero Waste, Nachhaltigkeit und soziales Engagement. Iris Becher und David Knobel (Text), Sasi Subramaniam (Fotos) präsentieren einundzwanzig besondere Brockenhäuser aus der Deutschschweiz. Ausladende Bilder und einladende Texte führen uns durch Räume voller spannenden Gegenstände und Geschichten. Portraits von Mitarbeitenden geben Einblick ins Engagement und Leben der in den Brockenstuben tätigen Menschen. Im Anhang finden sich Infos über Organisation, Besonderheiten, Öffnungszeiten und Erreichbarkeit der jeweiligen Institution. Ein einleitender Essay führt in Geschichte und Begriffsgeschichte der Brockenstuben ein. Und: Stories von Alex Capus, Tim Krohn und Franz Hohler runden den von Urs Bolz wie gewohnt grossartig gestalteten Bildband ab. Wenn Sie noch kein Weihnachtsgeschenk gefunden haben, dann schenken Sie doch dieses schöne Buch – mit ihm werden die Beschenkten bestimmt fündig. Sie selbst natürlich auch. Am Fusse des Glärnisch so gut wie hinter den 77 Geleisen in Zürich.

Iris Becher und David Knobel (Text), Sasi Subramaniam (Fotos): Die schönsten Brockis der Schweiz. AS Verlag, Zürich 2019, Fr. 48.-

Vernissagen: Am Freitag, 29. November 2019, 18.30 Uhr in der Bärner Brocki am Hofweg 5 in der Lorraine; die Bärner Brocki ist das älteste Brockenhaus der Schweiz, es eröffnete am 1. Dezember 1895 in der Nägeligasse 1 in der Berner Altstadt seine Türen.
Am Samstag, 14. Dezember 2019, 15.30 Uhr, in der Brockenstube Toni in Schweizerhaus, Glarus-Mitlödi.

Und: Am Mittwoch, 27. November 2019, 17–21 Uhr, findet in der Heiteren Fahne an der Dorfstrasse 22/24 in Wabern bei Bern der Alpinflohmi von Mountainwilderness und Public Eye statt. Ein Flohmarkt, auf welchem Privatpersonen gebrauchte Bergsportausrüstung anbieten respektive erwerben können. www.dieheiterefahne.ch/events/662/27-11-2019/alpinflohmi

Der Niesen im Spiegel der Kunst

Den Niesen geniessen, mit einem Prachtsband.

18. November 2019

„Der Niesen erhebt sich von fern betrachtet dreiteilig oder dreiwinklig.“

Das hielt Benedikt Marti 1587 fest in „Kurze Beschreibung des Stockhorns und Niesens, Schweizerberge im Gebiet der Berner, und der auf ihnen wachsenden Pflanzen“, auf Lateinisch allerdings. In beiden Sprachen zu finden in „Niesen und Stockhorn: Bergbesteigungen im 16. Jahrhundert“ von Max A. Bratschi (Ott Verlag 1992). Marti, der sich Aretius nannte, bestieg als einer der Ersten Stockhorn und Niesen, schrieb darüber einen begeisternden Bericht – zu einer Zeit, als die Berge mehrheitlich als gefährliche Zonen galten. Andere SchriftstellerInnen sind ihm gefolgt. Eine kleine Auswahl in zeitlicher Reihenfolge:

„Trois jour après la catastrophe du Cervin, et le jour même où cette sommité fut pour la première fois atteinte par le versant italien, l’auteur de ces lignes faisait sa première ascension dans les Alpes, celle du Niesen, près de Thoune.“

William Augustus Brevoort Coolidge: Les Alpes dans la nature et dans l’histoire. Payot, Lausanne-Paris 1913. Der US-Amerikaner Coolidge verbrachte 33 Saisons hintereinander vor allem in den Westalpen, führte rund 1750 Touren aus, darunter fast 80 Erstbesteigungen und Erstbegehungen. Auf dem Niesen am 17. Juli 1865 war seine Tante Meta Brevoort dabei, der Hund Tschingel noch nicht.

„Einst habe ich Dich den Berg der Berge genannt. Heute nenne ich Dich einfach den Berg. Denn Du bist das Urbild eines solchen. Was im menschlichen Bewusstsein je Berg geheissen hat und heissen wird, ist in Deinem Bilde verkörpert, in Deiner Gestalt gegeben und vollendet.“

Hermann Hiltbrunner: Zwiesprache mit dem Berg, in: Neue Schweizer Bibliothek, Band 47, Schweizer Druck- und Verlagshaus, Zürich um 1940.

„Wohin gehen wir nun?“
Das wollen die sechs Kinder vom Grossvater zu Beginn der Sommerferien wissen. Dieser macht es ganz anschaulich und baut mit seinen Enkeln ein Relief in den Sandkasten und fragt nun die vier Buben und zwei Mädchen:
„Und nun hier, der Kander entlang, ein anderer Bergzug, ungefähr rechtwinklig zum Thunersee?“
„Der Niesen“, schrie Werner.

Gertrud Heizmann: Die Sechs am Niesen. Eine Feriengeschichte für Kinder von 8 bis 12 Jahren. Francke Verlag, Bern 1941. Das Niesen-Buch ist die Fortsetzung von „Sechs am Stockhorn“ (1939).

„Dann am Seeufer in Gunten. Der Wind wirft kleine Wellen auf. Das blaue Geglutsch und Geschwapp sagt mir wenig im Moment, es kommt mir albern vor. Jenseits des Sees, näher jetzt, noch eindrucksvoller, der Niesen. Das Stockhorn, weiter weg, hüllt sich in dunstige Wolken.“

Kurt Marti: Höhenluft, Niesenblicke, in: Högerland. Eins Fussgängerbuch. Luchterhand Literaturverlag, Frankfurt aM 1990.

Der Niesen, Pyramide und Wahrzeichen des Thunersees, war seit dem 16. Jahrhundert immer wieder ein Anziehungspunkt für Literaten – und für bildende Künstler. Die auffällige Form wusste diverse Künstler zu inspirieren, was zu einer Vielzahl von Abbildungen des Niesen führte. Annäherung und Untersuchung der Wahrnehmung unternimmt Matthias Fischer mit Gefährten im Bildband „Der Niesen im Spiegel der Kunst“. In der Neuauflage des Originalwerks von 1999 wird die Auswahl an Darstellungen noch erweitert. Mit 172 Abbildungen illustriert Fischer, wie unterschiedlich der Niesen wahrgenommen wurde, von Diebold Schilling anno 1484/85 über Hodler, Amiet und Klee bis Christian Helmle im Jahr 2015. Grossartig sind die Holzschnitte von Martha Cunz und die Ölbilder von Martha Steller. Etwas mager ist das Kapitel zu den Tourismus-Plakaten. So fehlt das geniale Plakat von Clara Ibach mit dem Wortspiel Niesen und geniessen. Es ist allerdings brandneu, nämlich von 2019.

Matthias Fischer: Der Niesen im Spiegel der Kunst. Mit Textbeiträgen von Rosmarie Hess und Thomas Schmutz. Werd & Weber Verlag, Thun/Gwatt 2019, Fr. 49.-

Buchvernissage am Mittwoch, 27. November 2019, um 18.15 Uhr im Kunstmuseum Thun. Anmeldung bis zum 25. November unter mail@weberag.ch