Bärnbiet

Ob weit- oder kurzwandern, ob flanieren oder dinieren: im grossen Kanton Bern geht alles bestens. Vier Publikationen kennen die Wege.

21. Mai 2022

«Bärnbiet, Bärnbiet, du my liebi Heimat.
Schöner, schöner cha’s ja niene sy.
I ha geng chly Fröid gha dranne,
Dass i o ne Bärner bi.»

Jakob Ummel, geboren 1895 in Ittigen bei Bern, 1992 gestorben in Kühlewil ob Kehrsatz bei Bern, war Sänger und Komponist von Jodelliedern. Sein bekanntestes Lied ist „Bernbiet“. Den hier zitierten Refrain dieser heimlichen Hymne des Kantons Bern singe ich manchmal auf einem (Berner) Gipfel, aber nur den Text; das Jodeln misslingt jedesmal gründlich. Doch nun jodeln wir in anderen Tönen: mit vier neuen Publikationen, die uns das Bernbiet schön erschliessen.

Im April 2022 wurde die Via Berna eröffnet, ein 300 Kilometer langer, durchgehend markierter Fernwanderweg mit der Nummer 38. Er führt von Bellelay im Berner Jura über Biel, Bern und Thun bis auf den Sustenpass, in zwanzig Etappen mit Längen von 10 bis 24 Kilometern. Die von den Berner Wanderwegen erarbeitete Route ist schweizweit der erste Weg, der die Vorgaben des europäischen Labels „Leading Quality Trails“ erfüllt. Die Kriterien betreffen unter anderem landschaftliche Abwechslung, Signalisation, Wegunterhalt, Anbindung an den öffentlichen Verkehr, Einkehr- und Unterkunftsmöglichkeiten. Die Via Berna wandert jetzt also mit im exklusiven Angebot wie bereits der Moselsteig oder der Donauberglandweg in Deutschland; hier die Übersicht www.era-ewv-ferp.org/de/lqt/. Das Wandermagazin Schweiz gab eine Spezialausgabe „Via Berna. In 20 Etappen durch den Kanton Bern“ heraus; mit www.viaberna.ch ist man ebenfalls dabei.

Einen eigenen Bernerweg publizierte der Berner Journalist und Buchautor Peter Krebs. Im „Anzeiger Region Bern“ veröffentlichte er 2020 Woche für Woche „La Grande Boucle de Berne“, einen ausgedehnten Weitwanderweg rund um die Hauptstadt mit Start und Ziel in Laupen. 2021 erschien das gleichnamige Buch, 270 Seiten mit vielen starken Fotos. Die 25 Etappen verlaufen auch mal jenseits der Kantonsgrenze und zuweilen abseits markierter Wanderwege. Aber man findet sich immer zurecht, denn der Wegverlauf ist in elektronischer Form bei Schweiz Mobil hinterlegt. Allerdings, und das ist Besondere an diesem Führer: Peter Krebs schreibt so erfrischend und die Hintergrundtexte sind so spannend, dass sich die grosse Berner Rundfahrt ebenfalls bestens beim Baden im Marzili, am Neuenburgersee (ein Stück dieses grössten Binnensees der Schweiz gehört ja zu BE), an der Emme oder an der Suld im gleichnamigen Tal im Berner Oberland absolvieren lässt.

Im Suldtal rauscht mächtig das Wasser der Suld und des Latrejebachs; letzterer bildet einen der beiden Pochtenfälle im Berner Oberland. Der andere tost bei der Griesalp im benachbarten Kiental. Derjenige im Suldtal hat die Nummer 73 (von insgesamt 80) erhalten im Buch „Glücksorte im Berner Oberland“ von Blanca Burri und Sabine Reber, herausgekommen in der Reihe „Fahr hin & werd glücklich“ des Düsseldorfer Droste Verlages. Das können wir mit den beiden Begleiterinnen tatsächlich werden, auch wenn die Orientierung nicht ganz easy fällt (so fehlt ein thematisches Inhaltsverzeichnis), auch wenn zuweilen ein falscher Ton erklingt (die Mönchsjochhütte ist nicht die „höchste Berghütte der Welt“; allein in der Schweiz liegen drei Hütten höher). Doch selbst für jemanden, der das Oberland gut zu kennen glaubt, hält der Führer Überraschendes bereit, so das Berghotel „Zur Sau“ in Abländschen, die Cholerenschlucht bei Adelboden oder die Permakulturgärten auf der Schweibenalp. Unbekannte Ecken im Mekka des Alpentourismus.

Ein paar Schritte weniger berühmt als das Berner sind Bündner, St. Galler und Züri Oberland. Doch wer kennt schon das Freiburger oder Urner Oberland, vom Zuger Oberland ganz zu schweigen? Das Solothurner Oberland ging gar ganz bachab. Das Waadtländer Oberland hingegen ist als Pays d’Enhaut ein Begriff und grenzt im Saanenland an das mit Abstand grösste Oberland des Landes, das Oberland bernois mit 2960 km2. Zusammengezählt umfassen die neun Oberländer 6742 km2 der Schweiz, also rund einen Sechstel der Landesfläche. Da lässt es sich gut wandern, zwischen Thun und Gemmi, Gstaad und Susten erst recht. Der Band „Berner Oberland“ aus der Schnapszahl-Wanderführer-Reihe von Jochen Ihle und Toni Kaiser in den Solothurner Rothus Medien stellt 55 Klassiker vor, mit den nötigen (wander)touristischen Infos, mit Kärtchen und farbigen Fotos. Leider sind nicht ganz alle Touren öV-tauglich, und zur Eigernordwand gäbe es anstatt der Fake-News-durchsetzten „Die Weisse Spinne“ empfehlenswertere Rucksacklektüre. Singen liegt aber drin, zum Beispiel mit dem Vogel-Lisi: „Ds Bärner Oberland isch sch-ö-ön.“

Via Berna. In 20 Etappen durch den Kanton Bern. Spezialausgabe Wandermagazin Schweiz. Rothus Medien, Solothurn 2022, Fr. 14.80.

Peter Krebs: La Grande Boucle de Berne. In 25 Etappen um die Hauptstadt. Scribentes Media, Belp 2021. Fr. 24.90.

Blanca Burri, Sabine Reber: Glücksorte im Berner Oberland. Droste Verlag, Reihe „Fahr hin & werd glücklich“, Düsseldorfer 2022, € 15,00.

Jochen Ihle, Toni Kaiser: Die 55 schönsten Wanderungen im Berner Oberland. Rothus Medien, Solothurn 2022, Fr. 18.90.

Im Westen viel Neues

Die Alpen der Romandie und von Frankreich locken mit neuen Führern für Wandernde und Sich-Wundernde, für Eisspezialisten und Bergseetaucher

29. April 2022

«Le Moléson und La Berra, Vanil Noir und Kaiseregg: Freiburger Wanderer müssen diese Gipfel einmal im Leben bestiegen haben. Seit 2012 gibt es eine fünfte Muß-Tour. Sie geht allerdings auf keinen Berg, sondern rund um einen See, den Lac de la Gruyère.»

So beginnt die zweite Tour in einem Führer, der jahrelang vergriffen war und nun zu neuer Frische und mit neuen Touren auferstanden ist. Vor 16 Jahren erschien der Rother Wanderführer „Gruyère – Diablerets. Freiburger und Waadtländer Alpen“ von Ralph Schnegg und Daniel Anker; er kam auch in einer französischen Ausgabe heraus, die sich etwas besser verkaufte. Nun liegt eine von Bernd Jung gemachte Neuausgabe vor; er betreut seit zwei Jahren meine sechs Rother Wanderführer zur Schweiz und bringt sie mit neuen Touren und Fotos heraus. Insgesamt warten nun 60 Touren zwischen Fribourg und Martigny auf entdeckungsfreudige Spazier- und BergtourengängerInnen. Die Wanderung um den Lac de la Gruyère, die Nr. 1 (Länge), Nr. 2 (Fläche) und Nr. 3 (Volumen) der schweizerischen Stauseen, ist 44 km lang; sie kann zum Glück auf zwei oder drei Etappen verteilt werden. Vier Tage dauert die Tour des Muverans, die von Bernd ausgeheckte Tour des Muverans spezial gar fünf Tage. En route, mes amis, der Führer passt in Hand- und Rucksackdeckeltaschen!

Dass der Grand Muveran (3051 m), einer der sechs Dreitausender der Waadtländer Alpen, im Buch „111 Orte in den Waadtländer Alpen, die man gesehen haben muss“ von Benjamin Amiguet und Marc Voltenauer auftaucht, versteht sich von selbst. Denn Voltenauers erster Krimi heisst „Le dragon du Muveran“ (2015) und ist in den Waadtländer Alpen angesiedelt; seit 2021 ist er unter dem Titel „Das Licht in dir ist Dunkelheit“ im Emons-Verlag auf Deutsch erhältlich. Der zweite Krimi „Qui a tué Heidi?“ wird im Herbst 2022 auf Deutsch vorliegen. Er spielt, wie auch der vierte Krimi „Les protégés de Sainte Kinga“, in dieser Gebirgslandschaft; mehr dazu hier: https://bergliteratur.ch/schaurige-orte-in-der-schweiz/. Kurz: Monsieur Voltenauer kennt sich in den Alpes vaudoises bestens aus, Benjamin Amiguet übrigens auch; er ist für die Vertriebsleitung des öffentlichen Verkehrs im Chablais verantwortlich. Das merkt man bei den Infos zu den 111 sehenswerten Orten, welche das Duo vorstellt: Die Anreise per öV wird fast immer genau angegeben. Ich kenne mich ja ein wenig in der Bergwelt zwischen L’Étivaz und Leysin aus. Aber all die kaum bekannten, unbedingt besuchenswerten Orte, die da mit viel Kenntnis und Verve vorgestellt werden: chapeau! Ich nenne nur drei: Le Temple du Polar in Bex (Nr. 19), die militärische Schutzhütte A97 an der Pointe de Martinets (Nr. 34) und die Gorges de Vuargny bei Aigle (Nr. 109); dort gab es bereits Ende des 19. Jahrhunderts ein Wasserkraftwerk an der Grande Eau.

Wasser also. In höheren Lagen Schnee und Eis. Wer sich darin wohl fühlt wie ein Fisch bzw. wie François Damilano, wird sich freuen an der dritten Auflage des zweiten Bandes zu den vereisten Anstiegen im Mont-Blanc-Massiv: „Neige, Glace et Mixte“. Darin beschreibt der Bergführer, Autor und Filmer aus Chamonix alle Routen rund um den Glacier du Géant sowie auf der Nordseite der Aiguilles de Chamonix. Auf dem Cover klettert Marion Poitevin am scharfen Ende des Seils im Extremklassiker „Beyond good and evil“ an der Aiguille des Pèlerins – eine dünne Schicht Eis auf glatten, senkrechten Granitplatten. Kein Weg für Angsthasen und Gfrörlis. Da gefällt mir der sonnige Normalweg auf den Grand Flambeau (3559 m) schon besser. Am Ende seines langen Nordgrates wartet übrigens La Vierge; eine Jungfrau erhebt sich also nicht nur im Oberland bernois. Insgesamt sind es auf 237 Seiten 507 eisige Routen mit genauen Angaben des Verlaufs (aufs Fotos eingezeichnet), der Schwierigkeiten, der Erstbegeher. Auf geht‘s, Bärgfründe, auch dieser Führer passt bequem in Rucksackdeckeltaschen!

Wir bleiben im vierten Führer ebenfalls etwas am Wasser. Paul und Helen Webster nehmen uns in der Wild-Guide-Reihe mit in die „Französischen Alpen“ und versprechen, wie es im Untertitel heisst, „Einsamkeit, Abenteuer und das gute Leben“. In 17 Regionen vom Chablais am Lac Léman bis hinunter ins Mercantour warten 850 Tipps zum Erleben und Eintauchen, Einkehren und Übernachten. Also Gebirgsseen, Flüsse, Wasserfälle und heisse Quellen, Gletscher, Canyons, Schluchten und Klettertouren, Ruinen, Hinkelsteine und heilige Stätten, versteckte Festungen, Tunnel und Höhlen, Fahrradrouten, Pässe und Panoramastrassen, Hofläden, Märkte und Bergdörfer, Unterkünfte, Restaurants und Picknickplätze. Die Navigation im Führer ist etwas gewöhnungsbedürftig, die Übersichtskarten zu den Regionen sind zu klein und vor allem schlecht lesbar – schade. Trotzdem: Der Lac de Saint-André in der Chartreuse lockt zur einem Rundspaziergang von einer knappen halben Stunde; da liegt ein Abstecher zum Croix de Saint-André (398 m) allemal drin. Bonnes balades, zu diesem Kreuz wie zu denjenigen auf den Freiburger Gipfeln.

Bernd Jung, Daniel Anker: Gruyère – Diablerets. Freiburger und Waadtländer Alpen. 60 Touren mit GPS-Tracks. Rother Wanderführer 2022, € 17,00.

Benjamin Amiguet, Marc Voltenauer: 111 Orte in den Waadtländer Alpen, die man gesehen haben muss. Emons Verlag, Köln 2022, € 18,00.

François Damilano: Neige, Glace et Mixte. Le topo du massif du Mont-Blanc. Tome 2. Géant – Vallée Blanche, Envers des Aiguilles, Aiguilles de Chamonix. Troisième édition. JMEditions, Chamonix 2021, € 28,50.

Paul und Helen Webster: Wild Guide Französische Alpen. Einsamkeit, Abenteuer und das gute Leben. Haffmans & Tolkemitt, Berlin 2022. € 25,00.

Berge von Kunst

Die Berge rufen mit Kunst. Mit Büchern und Ausstellungen. Nichts wie hin!

25. April 2022

«Es gibt Alpentäler, die fallen ein wenig aus dem Rahmen. Sie überraschen, weil sie Menschen und Kultur beherbergen, wie man sie so in dieser Abgeschiedenheit nicht erwartet. Safien im Naturpark Beverin in Graubünden ist so ein Tal: wild, strukturschwach, abgelegen und trotzdem erfrischend innovativ.»

Und in diesem Jahr unbedingt aufzusuchen, vom 2. Juli bis 23. Oktober. Denn dann findet zum vierten Mal seit 2016 die Art Safiental statt, die diesmal unter dem Motto „Learning from earth“ über die Bühnen geht in diesem 30 Kilometer langen Seitental des Vorderrheintales. Auf der Website von Art Safiental heisst es: „Die Ausstellung versammelt 15 Kunstprojekte in einer Zeit der planetaren Krise. Von der Wirtschaftskrise, Pandemie, Krieg bis zur Klimakrise ist es offensichtlich, dass die Menschheit und ihre Lebensweise auf dem Planeten Erde gefährdet ist. Die im Safiental gezeigten Werke und Projekte sind Kommentare und Vorschläge, die sich kritisch mit der Gegenwart auseinandersetzen und Alternativen zu aktuellen Entwicklungen und Umwälzungen vorschlagen. Sie denken darüber nach, was unsere Beziehung zur Erde ist und was wir von ihr lernen können.“ Liest sich vielversprechend, nicht wahr?

Das Safiental habe ich nicht als Ort für Kunst kennengelernt, sondern als solcher für Skitouren. Auf dem Schlüechtli (2282 m) oberhalb Tenna zog ich schon ein paar Mal die Felle von den Ski. Im Jahr 2018 hätte ich jedoch unbedingt mal im Sommer dort oben stehen müssen, neben der blauen Frauenfigur, die seitlich auf dem Gipfel lag, den Kopf aufs Gras gelegt: „Transparent Earth“, eine Arbeit von Lita Albuquerque. Grossartig! Nun kenne ich immerhin die doppelseitige Foto im Buch „Berge von Kunst. 20 überraschende Orte internationaler Kunst in den Alpen“ von Ute Watzl.

In diesem Bildband nimmt uns die freie Journalisten aus München, die während vieler Jahren in der Redaktion eines Kunstmagazins arbeitete, mit zu alpinen Kunstorten in der Schweiz (8), in Italien (5), Deutschland (4) und Österreich (3). Orte, wo periodisch Kunst inszeniert wird, wie eben im Safiental oder an der Biennale Bergell, Orte aber auch, wo Kunst dauerhaft ausgestellt ist, wie im Schloss Tarasp, im Parkin Not dal Mot in Sent oder im Hotel Castell in Zuoz. Starke Fotos und Texte machen aus dem Bildband von Ute Watzl ein Muss für alle kunstsinnigen Bergreisenden und Berglerinnen.

Es gibt also viel zu sehen, im Sommer und Herbst 2022. Allerdings auch schon jetzt. Denn im Juni schliessen zwei diese Ausstellungen: einerseits „Alpensinfonie. Der Berg in der Kunst“ im Hans Erni Museum im Verkehrshaus der Schweiz in Luzern, andererseits „Raphael Ritz. Aujourd’hui“ im Centre d’exposition du Pénitencier der kantonalen Museen in Sitten. Die Ausstellung in Luzern spannt den Bogen von der zunehmenden Erforschung der Gebirge im 18. Jahrhundert über die touristische Erschliessung im 19. Jahrhundert bis zur wachsenden Bedrohung im 20. und 21. Jahrhundert. Mit Werken von Hans Erni logischerweise, von Ferdinand Hodler (mal nicht Léman oder Jungfrau, sondern die Sulegg!), von Cuno Amiet, Heinrich Danioth, Jules Spinatsch, Caspar Wolf, Andy Warhol und vielen anderen Künstlern. Dazu hat Kurator Heinz Strahlhut eine informative Publikation herausgegeben. Und welcher Berg wird am häufigsten gezeigt, auf alten und neuen Gemälden? Pilatus oder Rigi, die berühmten Luzerner Hausberge? Nein! Das Matterhorn? Fehlt in der Ausstellung; im Verkehrshaus aber steht ein künstliches Horu, darin man eine virtuelle Besteigung des Berges der Berge mitmachen kann. Der meistgemalte Berg in „Alpensinfonie“ ist, nicht ganz erstaunlich, das Wetterhorn.

In Sion schliesslich ist Raphael Ritz (1829-1894) zu entdecken. Das Kunstmuseum Wallis konserviert die umfangreichste Sammlung der Gemälde dieses bedeutenden Walliser Künstlers. Die Ausstellung im ehemaligen Gefängnis zwischen Altstadt und dem Valère-Hügel wirft einen neuen Blick auf dessen Werk, indem es dieses in Dialog mit einer Klangwanderung und zeitgenössischen Fotografien setzt. Bekannt ist das Gemälde von Ritz, das Ingenieure im Gebirge zeigt; zwei von ihnen erholen sich von ihrer Arbeit an einem wärmenden Feuer, das ein Gehilfe unterhält, während im Hintergrund zwei geheimnisvolle Figuren auf besseres Wetter zu warten scheinen. Ebenso vielschichtig ist „Touristen auf dem Pic d’Arzinol“ von 1879: ein Mann und zwei Frauen in städtischer Kleidung studieren eine Karte, während vier Führer und Träger schlafen, trinken oder in eine Richtung zeigen, wo wohl Gämsen oder Kristalle zu finden sind.

Und was lesen wir auf den Fahrten zu den Kunst-Bergen, ausser den drei Büchern, die sich damit befassen? Ein Tipp: „Schatten im Silsersee. Historischer Kriminalroman“ von Christine Neumeyer; sie begleitet Giovanni Segantini (1858–1899) in seinem wichtigen Jahr 1894, beim Umzug von Savognin nach Maloja, und untermalt dieses mit einer fiktiven Krimihandlung. Nun, Krimi- und Thriller-LeserInnen, die gerne atemberaubender Action folgen, werden enttäuscht sein. Aber wer einen Lebensabschnitt des berühmten Bergmalers Segantini miterleben möchte, sollte das Buch auf die Kunstreise in die bündnerischen Alpentäler mitnehmen.

Ute Watzl: Berge von Kunst. 20 überraschende Orte internationaler Kunst in den Alpen. AS Verlag, Zürich 2022, Fr. 42.80.

Heinz Strahlhut (Hg): Alpensinfonie. Der Berg in der Kunst. Hans Erni Museum, Luzern 2021, Fr. 12.- Erhältlich im Shop des Verkehrshauses der Schweiz.

Céline Eidenbenz (Hg.): Raphael Ritz. Schöpfer eines exotischen Wallis. Scheidegger & Spiess, Zürich 2021; in Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum Wallis. Fr. 48.-

Christine Neumeyer: Schatten im Silsersee. Historischer Kriminalroman. Emons Verlag, Köln 2022, € 12,00.

Art Safiental, 2. Juli – 23. Oktober 2022, https://artsafiental.ch.

Alpensinfonie. Der Berg in der Kunst. Sonderausstellung im Hans Erni Museum im Verkehrshaus in Luzern, 17. März 2021 – 19. Juni 2022.

Raphael Ritz. Heute. Ausstellung im Kunstmuseum Le Pénitencier in Sitten, 16. Oktober 2021 – 5. Juni 2022.

Das Herz der Höhe

Sich mit dem eigenen Tun zu befassen, kann nie schaden. Gerade weil und wenn sich der Puls dabei beschleunigt.

19. April 2022

«Die einen – die wissenschaftlich interessierten Bergreisenden – wollten auf die hohen Berge hinaufkommen, wussten aber nicht, wie man das macht. Die theoretische Neugierde gab ihnen das Ziel vor; doch sie verfügten über keine Methode und keine Technik, dieses Ziel zu erreichen.
Die anderen aber – die Einheimischen, die Bergler, die Bewohner der Alpentäler – hatten keineswegs das Ziel, die allerhöchsten Bergspitzen zu erreichen, denn diese lagen außerhalb ihres Interessengebietes. Doch sie verfügten über die Methode und die Technik, hinaufzukommen – vom Orientierungsvermögen bis hin zur Kenntnis der Seilknoten, von der richtigen Einschätzung des Wetters bis hin zum Einsatz der Steigeisen und der Axt beim Aushauen der Eisstufen. […]
So gelang am Ende – über den Interessenausgleich des Zugeständnisses des jeweils erstrebten Beute – eine Kooperation, die die Entstehung des frühen Alpinismus in der Zeit um 1800 ermöglichte.»

Ausschnitt aus dem grundlegenden Werk „Das Herz der Höhe. Eine Kultur- und Seelengeschichte des Bergsteigens“ des deutschen Volkskundlers Martin Scharfe. Darin wirft der Professor für Europäische Ethnologie und Kulturforschung an der Universität Marburg von 1985 bis 2001 einen neuen Blick auf die Geschichte des Alpinismus, insbesondere auf seine Entstehung und Verbreitung vom Ende des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Das Neue dabei: Scharfe brilliert nicht mit neuen Fakten, sondern mit einer neuen Lesart der alten Schriften. Beispielsweise in den Texten von Joseph Zumstein und Ludwig Freiherr von Welden zu ihren Erstbesteigungen von Zumsteinspitze und Ludwigshöhe am Monte Rosa 1820 und 1822; Gipfel, welche die beiden Forscher mit Hilfe von Locals ersteigen konnten. Alle an diesen Hochtouren Beteiligten machten gute Beute: die einen Erkenntnisse zur Höhe, Topografie etc., die andern Lohn für Führer- und Trägerdienste. Eine Win-Win-Situation für alle.

In seinem 429-seitigen, mit 122 Abbildungen illustrierten Werk – es setzt sich zusammen aus 20 überarbeiteten Texten und Vorträgen – skizziert Martin Scharfe im ersten Kapitel drei Epochen der Seelen- und Leibgeschichte des Alpinismus:

1. Zeit des heißen Herzens: Von 1780 bis 1830 war es notwendig, ja erwünscht, „selbst die extremsten Emotionen zu äußern und zu kommunizieren: Emphase wie Euphorie, Angst wie Entsetzen. Der Leib war noch nicht zum Körper instrumentalisiert, also noch offen für eigentümliche Sinneserfahrungen.“ Und das schlug sich in den Texten der ersten Bergsteiger nieder, manchmal versteckt, aber mit Scharfes Blick dringen wir in ihr Herz und Seele vor.

2. Zeit des kalten Herzens: Von etwa 1830 bis vor kurzem sei der Alpinist frei von Leidenschaften und Gewissensbissen gewesen, „die Seele kennt keine Schrecken mehr, der Leib, der nur Körper ist, keine Leiden.“ Mit einem maskulinen Panzer hätten die Bergsteiger die letzten Ziele erreichen wollen.

3. Zeit des temperierten Herzens: Seit einigen Jahrzehnten häuften sich die Berichte über neues Leib-Spüren und neues Nach-Innen-Hören. Zudem, so der Historiker zur dritten und gegenwärtigen Phase des Alpinismus, werde das Frauen-Bergsteigen immer selbstverständlicher, werde über das By-fair-means wie Höhenbergsteigen ohne künstlichen Sauerstoff vermehrt nachgedacht, werden ökologische Fragen auch beim Bergsport aufgeworfen.

Andere, immer gut dokumentierte Kapitel befassen sich eingehend mit der Geschichte der älteren alpinen Ausrüstung, mit den Blicken vom Berg und auf den Gletscher, mit der Geschichte der Berg- und Gipfelzeichen (zum Beispiel mit dem Kruzifix inklusive Blitzableiter). Das 18. Kapitel aber rollt allen davon: dasjenige über die Erfahrungen mit den Alpen in der Frühzeit des Automobils. Darin setzt sich Martin Scharfe sozusagen in die 6-PS Voiturette von Charles L. Freeston, der als wohl erster Menschen zwischen 1893 und 1910 über hundert Alpenpässe systematisch abfuhr und darüber in „Die Hochstraßen der Alpen“ berichtete. In diesem Führer preist der Engländer die neue Freiheit und den neuen Genuss, wenn man im Automobil die Baumgrenze hinter sich lasse, „bis man sich um Ecken und Kurven schwingt und mit einem letzten Ruck eine Höhe von beinahe 3000 m über dem Meeresspiegel erreicht!“. Das Herz in der Höhe, buchstäblich ganz anders erfahren.

Ein Tipp noch, bevor wir losgehen zur nächsten (Lese-)tour: Ein sehr empfehlenswerter Einstieg in die Alpinismus- und Bergtourismus-Geschichte von Martin Scharfe ist sein Buch „Bilder aus den Alpen. Eine andere Geschichte des Bergsteigens“ (Böhlau Verlag, Wien 2013, Fr. 32.90). https://bergliteratur.ch/eine-andere-geschichte-des-bergsteigens/

Martin Scharfe: Das Herz der Höhe. Eine Kultur- und Seelengeschichte des Bergsteigens. Schwabe Verlag, Berlin 2021. Fr. 68.-

Zwischen Italien und der Schweiz

Auf der Staatsgrenze im Oberwallis und im Misox befinden sich zahlreiche oft unbekannte Pässe und Berge. Jenseits der Grenze erst recht. Zwei Bücher zeigen diese Gebirge und ihre Geschichten.

12. April 2022

– Aber sicher wohne ich im Paradies, sagte er, hast du gesehen, wie schön der Pizzo Garibaldi ist? Wir nennen ihn… – und er nannte einen Dialektnamen, den ich vergessen habe.
– Pizzo Garibaldi?
– Ja, diese Pyramide da, direkt vor uns.
– Aha, sagte ich, das Seehorn, und im Geheimen dachte ich, dass drei Namen für den gleichen Berg etwas zu viel seien.

Kurzes, von mir ins Deutsche übersetztes Gespräch zwischen Alberto Paleari, italienischer Bergführer und Buchautor, mit einem einheimischen Bergbauern im Weiler Chiezzo oberhalb der Simplon-Bahnstation Iselle di Trasquera. Dass das ganz in der Schweiz liegende Seehorn (2437 m) auch nach dem italienischen Freiheitskämpfer Giuseppe Garibaldi (1807–1882) genannt wird, wusste nicht einmal Paleari, obwohl er sich in den Bergen rund um den Simplon bestens auskennt; an den hohen Zinnen und in der tiefen Gondoschlucht hat er mehrere schwierigste Routen eröffnet. Tatsächlich steht in der Schweiz schon halbwegs eine Cima Garibaldi (2834 m), nämlich auf der Staatsgrenze oberhalb des Stilfersjochs; sie wird auch Piz da las Treis Linguas/Dreisprachenspitze genannt. Gipfel haben halt manchmal mehr als einen Namen, gerade wenn sie auf einer politischen, sprachlichen oder geografischen Grenze liegen (was beim Seehorn allerdings nicht der Fall ist). In den Freiburger Alpen gibt es gar ein Horn mit vier bzw. sechs Namen: Vanil d’Arpille, Maischüpfenspitz, Petit Brun/Kleiner Brunnen, Gross Morbenfluh/Grand Morbeau.

Doch zurück zum Simplon. Im Buch „Sul confine. In cammino tra Italia e Svizzera dal Sempione alla Formazza“ nimmt uns Paleari mit auf eine Passwanderung vom Simplon zum Nufenen, mit insgesamt 46 Übergängen: 32 auf der Landesgrenze, 11 ganz in Italien und 3 ganz in der Schweiz. Der tiefste ist der Simplon, der höchste der Strahlgrätpass (3111 m) zwischen Turbhorn und Angelo delle Tre Valli – eine kaum bekannte Ecke des Wallis, nicht wahr? Und dies macht das mit einigen schwarzweissen Fotos illustrierte Buch auch so spannend: Da kommen wir lesend zu Gegenden und Geschichten, zu denen wir gehend kaum hingelangten. Oder doch, im nächsten Sommer? Der Colle Marani (3050 m) am Weg von Heiligkreuz auf die Alpe Devero ist eine hochalpine Herausforderung für BergwandererInnen. Und er passt perfekt zum Pizzo Garibaldi: Die nördlich vom Sattel liegende Punta ehrt den italienischen Bergführer Lorenzo Marani (1855–1933), die südliche ihren Erstbesteiger, den italienischen Alpinisten Riccardo Gerla (1861–1927).

Auf der 800 Kilometer langen Grenze zwischen den beiden Ländern befinden sich zahlreiche nach Personen genannte Gipfel, denken wir nur an die dritt- und vierthöchsten der Schweiz, die Zumsteinspitze (4563 m) und die Punta Gnifetti/Signalkuppe (4554 m). Nicht ganz so hoch und berühmt ist die Punta Michele (2515 m) auf dem Kamm zwischen dem schweizerischen und dem italienischen Mesolcina. Dass es überhaupt eines in Italien gibt, war mir nicht bekannt. Bis ich dieses Buch mit dem etwas langen Untertitel kaufte: „La Mesolcina meridionale italiana. Per baite abbandonate e sentieri perduti, escursioni e toponomastica dialettale, tra alto Lario e Val Chiavenna“. Das gut 400seitige und gut ein Kilo schwere Buch, mit (leider teils etwas unscharfen) Fotos, Zeichnungen und Routenskizzen, ermöglicht abenteuerliche Exkursionstouren durch das Gebirgsland zwischen dem mittleren Misox und dem Tal, das sich von Chiavenna zum Lago di Como erstreckt. Ein schier unzugängliches Land, voller geheimer und oft verlassener Wege und Bauten. In jahrelanger Forschungs- und Erkundungsarbeit hat sich Bruno Mazzoleni durch all die Fels- und Gras- und Waldwildnis sowie durch all die dialektalen Bezeichnungen gearbeitet. Es ist nicht immer ganz leicht, ihm zu folgen. Aber wer im Tessin schon alle Pfade und Pizzi erkundet hat (oder auch nicht), wird mit diesem Führer absolut faszinierendes Neuland kennenlernen. Die Punta Michele, so genannt nach dem Erstbesteiger Michele Chiesa, Rechtsanwalt und langjähriger Präsident der Sezione Como CAI, heisst im Dialekt Scima du Caürga.

Alberto Paleari: Sul confine. In cammino tra Italia e Svizzera dal Sempione alla Formazza. Monte Rosa edizioni, Gignese 2021. € 18.50.

Bruno Mazzoleni: La Mesolcina meridionale italiana. Per baite abbandonate e sentieri perduti, escursioni e toponomastica dialettale, tra alto Lario e Val Chiavenna. Mit einer topografischen Karte im Massstab 1:20’000. Beno Editore, Montagna in Valtellina 2021, € 25,00.

Liebes- und andere Händel in den Bergen

Nur Berglesen ist schöner als Bergsteigen. Mit diesen fünf Büchern sowieso.

7. April 2022

– On dirait qu’il y a eu une époque bénie, un âge d’or du roman d’alpinisme : Frison-Roche en France, Ramuz en Suisse, Rigoni Stern en Italie… Et puis plus rien.
– Plus rien, tu exagères, répliqua enfin Sylvain.

Und wie er übertreibt! Keine guten Bergsteigerromane seit Frison-Roche und Ramuz? Wobei Letzterer eigentlich nicht Alpinismusromane schrieb, sondern Bergromane. Nicht ganz das Gleiche. Aber wir wollen nicht schon in der ersten Seillänge quengeln, es reicht, wenn das Seil krangelt… Also nichts mehr seit Jahrzehnten? Wie wär’s mit Arno Camenisch, Peter Weibel oder Emil Zopfi, um nur drei heutige deutschsprachige Autoren aus der Schweiz zu nennen. Scheint man halt in Frankreich nicht zu kennen.

Das zitierte Gespräch zwischen Jean-Christophe Rufin und Sylvain Tesson findet sich in der Einleitung zum Berg(steigen)roman „Les Flammes de Pierre“ von Rufin. Die Einleitung, die von einer schwierigen Kletterei auf die Aiguille de la République ob Chamonix durch den Autor und seine Freunde handelt, dient als Rahmenerzählung, aus der heraus sich die Geschichte von Rémy und Laure entwickelt, eine im Montblanc-Massiv und in Paris spielende Liebesgeschichte zwischen einem einheimischen Bergführer und Skilehrer und einer Touristin. Ein urklassisches Thema, das Rufin, Mitglied des Académie française, da für seinen ersten Bergroman gewählt hat, und er macht seine Sache natürlich elegant und eloquent, schliesslich kennt er sich mit Schreiben und Steigen bestens aus. Mit dem Ende bin ich allerdings gar nicht verstanden; nimmt mich wunder, wie es Euch damit geht.

Apropos Jean-Christophe Rufin: Für „Montagnes humaines“ hat er Texte anderer Bergautoren ausgewählt (Dino Buzzati, Tita Piaz, Joseph Kessel und Roger Frison-Roche). Den Hauptteil des Buches bildet ein spannendes Gespräch mit Fabrice Lardreau übers Bergsteigen und Klettern, über den Werdegang (Rufin war Vizepräsident von Médecins sans frontières) und den Bestseller zum Jakobsweg („Immortelle Randonnée“). Am Schluss sagt er zu den Gründen, weshalb er schreibe und steige: „J’ai écrit un roman sur la montagne, dans lequel je mets en scène à peu près toutes les raisons possibles de se livrer à ces activités. En réalité, il n’y a pas de raison pour aller en montagne ou pour écrire, si ce n’est le plaisir qu’on en tire.“

Das Vergnügen, der Spass, die Freude ist auch bei den LeserInnen. Und das ebenfalls bei folgenden Titeln. Darin es, nicht ganz überraschend, nochmals um das Verhältnis, um die Beziehung von Einheimischen und Auswärtigen geht. Zum Beispiel im Roman „Über den Gipfeln wohnt das Glück“ von Gabriele Thaler. Mit gebrochenem Herzen kehrt die Tirolerin Theresa in ihr Heimatdorf zurück, dessen Idylle durch ein grossspuriges Hotel- und Pistenskiprojekt fremder Investoren bedroht ist. Wird ihr die aufkeimende Liebe zum Einsiedler Robert helfen, das Dorf in ihrem Sinn zu retten? Einige Dorfbewohner haben nämlich durchaus grosses (finanzielles) Interesse am Ausbau. Auch hier sei das Ende nicht verraten, ebenfalls nicht bei zwei weiteren Büchern.

„Alpentroll“ von Erika Sommer ist mit Kriminalroman betitelt, aber für einen Krimi fehlen dann doch ein paar Abgründe. Gut zu lesen ist das Buch trotzdem, am besten bei einem Aufenthalt in Disentis, im Hotel Medelina in Curaglia oder in einer anderen Unterkunft im Val Medel. In diesem Tal am Lukmanierpass erhitzen sich die Gemüter wegen Projekten zur Förderung eines naturnahen Tourismus bzw. für einen grossangelegten Windpark. Im Mittelpunkt steht der Ich-Erzähler, Historiker und Rentner Fridolin Berger aus Basel, dem es im Passtal gut gefällt, erst recht, als er im fiktiven Hotel Piz Cuschletta die Einheimische Luisa kennenlernt. Das sei hier verraten. Aber nicht, wie sich der Alpentroll mit den Windrädern herumschlägt.

Zuletzt möchte ich Euch noch die Geschichte „Aenneli von Siebenthal“ ans Herz legen, die so beginnt: „Der Kurort Weißenburg im Simmenthal ist das schweizerische Nizza.“ Davon ist heute gar nichts mehr zu spüren, die prächtige Hotelanlage ist schon lange verschwunden. Aber einst traf sich die Welt zum Lauwassertrinken am Buuschebach, und davon erzählt Alfred Hartmann (1814–1897). Grossartig die Szene, wie sich der adelige Verehrer von Aenneli todesmutig an ein über die Schlucht gespanntes Seil hängt und dann von einem jungen Simmentaler gerettet werden muss; heute gibt es dort eine schmale Hängebrücke – nichts für schwindelanfällige Touristen. Hartmanns „Kiltabend-Geschichten“ wurden früher fleissig gelesen und sind nun in einer fein editierten Ausgabe neu greifbar. Neben Aenneli habe ich „Karlidürsen Joggi’s Liseli“ mit grossem Pläsir erlebt.

Jean-Christophe Rufin: Les Flammes de Pierre. Roman. Éditions Gallimard, Paris 2021, € 21,00.
Jean-Christophe Rufin: Montagnes humaines. Entretiens avec Fabrice Lardreau. Arthaud, Paris 2021, Collection Versant intime, € 13,00.
Gabriele Thaler: Über den Gipfeln wohnt das Glück. Roman. Heyne Verlag, München 2021, € 10,00.
Erika Sommer: Alpentroll. Kriminalroman. Gmeiner Verlag, Meßkirch 2022, € 14,00.
Alfred Hartmann: Kiltabend-Geschichten. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Jesko Reiling in Zusammenarbeit mit Eveline Wermelinger. Chronos Verlag, Zürich 2021, Fr. 48.-

Frühlingsschnee

Nie ist Schnee erfrischender und überraschender als dann, wenn die Schneeglöckchen ausgeläutet haben.

31. März 2022

Schneefest
Schneefracht
schneegedämpft
schneegetönt
Schneegewirbel
Schneegier
Schneehaupt
Schneehelle
schneeher

Neun Schneewörter, die der Berner Schriftsteller und Pfarrer Kurt Marti (1921–2017) auf ein weisses Blatt getippt hat, inklusive Quelle; Schneegewirbel und Schneehaupt zum Beispiel stammen vom deutschen Lyriker und Hörspielautor Günther Eich. Während Jahrzehnten hat Marti rund 5000 Wörter gesammelt und in thematischen Rubriken angeordnet. 2021 ist die Sammlung unter dem Titel „Wortwarenladen“ als Buch herausgekommen. Martis Schneewörter-Seite hängt in der Ausstellung „Schnee. Das weisse Wunder“ in der Schweizerischen Nationalbibliothek in Bern. Die Ausstellung zeichnet die Geschichte des Schnees nach, von den ersten bis zu den immer mehr fehlenden Flocken. Immerhin ist in den nächsten Tagen Schneefall bis in die Niederungen angesagt; die Skitourenleute freuts, die Frühlingsblumenfreunde weniger. SchneeleserInnen stapfen ihrerseits am Dienstag, 5. April, ins Alpine Museum in Bern: Unter dem Titel „Das grosse Schmelzen“ findet ein Leseabend statt, so mit Ausschnitten aus dem erotisch angehauchten, in Adelboden angesiedelten Werk „Frühling im Schnee. Ein Roman von jungem Skivolk“ (Verlag A. Francke AG, Bern 1934) der Bernerin Susy Maync – und mit Glühwein. Nicht verpassen!

Wenn wir schon am Lesen von skiliterarischen Büchern sind: Da passt der in den französischen Alpen spielende Thriller „Das Chalet. Mit dem Schnee kommt der Tod“ von Ruth Ware bestens dazu. Mitarbeiter eines Social-Media-Unternehmens haben sich für eine Auszeit in einem Luxus-Chalet eingemietet, aber schon bald beginnt das Unheil, mit anhaltendem Schneefall und mit dem Verschwinden bzw. Todesfall von Mitgliedern der Gruppe. Die Situation kennt man aus andern Kriminalromanen. Das Besondere an diesem Krimi ist aber, dass er von zwei Frauen erzählt wird, einer Mitarbeiterin der Chaletvermietung und einer ehemaligen Angestellten des Unternehmens. Dass sich ihre Spuren am Schluss kreuzen, ist unvermeidlich. Seite 366: „Ich muss sie einholen. Unbedingt. Dann, nur hundert Meter weiter, höre ich es – das Zischen von Skiern auf Schnee. Jemand fährt vor mir eine enge Kurve, wirbelt dabei mit den Hinterenden der Skier den Schnee auf.“ Verdammt spannend!

Schnee als tödliche Gefahr, als touristische Attraktion, als verräterische Fluchtunterlage. Dem positiven Schnee ist das kleine Buch „La neige à l’affiche en Suisse“ gewidmet. Jean-Charles Giroud stellt in Zusammenarbeit mit Robert Bolognesi Schweizer Plakate vor, auf denen die weisse Materie ganz unterschiedlich abgebildet ist: Von Skifahrern, die Spuren hinterlassen (auch im Frühling, ja gar im Sommer), über die Appenzeller Käser, die auf einer Bank im Schnee hocken, bis zum Kellner, der auf einem Tablett ein ganz berühmtes Süssgetränk skifahrend balanciert. Eine überraschende und klug kommentierte Auswahl. Erfrischend wie Neuschnee!

Kurt Marti: Wortwarenladen. Engeler Verlag, Schupfart 2021, Fr. 18.-
Ruth Ware: Das Chalet. Mit dem Schnee kommt der Tod. dtv, München 2021, € 18,00.
Jean-Charles Giroud, Robert Bolognesi: La neige à l’affiche en Suisse. Edition le vent des cimes, Sion 2021, Fr. 25.- www.leventdescimes.ch/publications

Schnee, La Neige, Neve, Naiv. Der weisse Wunder, Le miracle blanc, Il miracolo bianco, La miracla alva. Ausstellung in der Schweizerischen Nationalbibliothek in Bern, bis am 1. Juli 2022. www.nb.admin.ch/snl/de/home/ausstellungen-va/ausstellungen-past/schnee.html

Das grosse Schmelzen. Ein Leseabend der NB und des Alpinen Museums der Schweiz anlässlich der Ausstellungen «Schnee» und «Das Skivirus». 5. April 2022, 18.00 – 19.30 Uhr im Alpinen Museum. Fr 15.- (inkl. Ausstellungseintritt und Glühwein). Anmeldung: 031 350 04 42 oder booking@alpinesmuseum.ch

WasserRauschen am WeltwasserTag

Nur Wasserwandern ist schöner als Trockensitzen. Bachauf oder bachab.

22. März 2022

«Aefligengiesse, Bösbach, Chummgrabebach, Fabrikkanal, Holländergräblibach, Milchbrunnegräblibach, Mülikanal, Pfaffenbühlbächlein, Teufegrabebach, Zwüschebächgrabebach».

Gerade mal zehn von 338 Fliessgewässern, die im Index meines jüngsten Buches aufgeführt sind. Es heisst „WasserRauschen. Von der Aare zur Birs. 51 Wanderungen an bernischen Fliessgewässern“ und stellt 48 Halb- und Tagestouren sowie drei Halb- und Ganzwochentrekkings für Klein und Gross, Spaziergänger und Flussläufer vor, zu allen Jahreszeiten, im ganzen Kanton Bern: vom Oberaargletscher bis zur Combe de Biaufond, darin La Ronde als einziger Berner Bach Richtung Mittelmeer gurgelt. Mit dabei sind alle wichtigen hydrologischen, (wander)touristischen und literarischen Infos sowie 51 Tourenkärtchen und 229 Farbfotos.

Und so beginnt der Führer – und irgendwie auch mein Leben als Wasserwanderer:

„Positiv an der im März 2020 in die Schweiz hereingebrochenen Welle der Corona-Epidemie war, dass auf einmal das Naheliegende zum Ziel wurde. Zum Spaziergang-, Wander-, ja Ferienziel. Die Entdeckung der bisher oft übersehenen Heimat. Aigue Courbe statt Arno, Dorfbach statt Donau, Engstlige statt Elbe, Gornerewasser statt Guadalquivir, Sense statt Seine, Trüebbach statt Tejo – um bei Fliessgewässern zu bleiben.

Klar wie Quellwasser: Ich ging schon immer gerne Bächen und Flüssen entlang. Wollte wissen, woher das Wasser kommt. Wohin es geht. Wie es fliesst. Ob es möglich ist, seinem Lauf zu folgen. Von der Quelle zur Mündung. Oder umgekehrt. Was daran liegen mag, dass ich an der Gürbe in Belp aufgewachsen bin, Parkweg 4 im ersten Stock eines Blocks mit vier Wohnungen, mit dem Fenster in Richtung einer kleinen Schwelle. Wasserrauschen Tag und Nacht. Als ich mich einmal fragte, warum ich mich am Meer so wohl fühle, und zwar direkt am Wasser, wenn das Geräusch der Wellen hörbar ist, kam ich zum Schluss, es muss am stetigen Rauschen der Gürbe liegen. Dass in diesen schwierigen Corona-Zeiten ein Aufenthalt am Meer nicht mehr in Reichweite lag, fand ich übrigens schade. Aber ich fand ja Wasserfreuden in der Schweiz, alleine im Kanton Bern mehr als erwartet. Und die Schweiz hatte es noch gut: In andern Ländern war der Lockdown so streng, dass sogar das Herumreisen im eigenen Land verboten war.

Allein in der Gemeinde Bern fliessen Glasbach und Gäbelbach, Sulgenbach und Stadtbach. Sie münden alle in die Aare. Ein Fluss, an dem ich ebenfalls gross geworden bin. Flussbaden im Aarebad Muri bei Bern. Die runde Plakette des Saisonabonnements nähte die Mutter jeden Sommer an die Badehosen. Sobald ich einigermassen schwimmen konnte, nahmen mich die Eltern mit in die Aare, zuerst nur von einem Stägli zum nächsten und nur knapp vom Ufer entfernt, später von weiter oben, von einem Sporen zurück ins Schwimmbad. Die schöne, grüne, grosse Aare. Hautnass erlebt.

Gürbe und Aare. Die Giesse sozusagen dazwischen, an der das Schwimmbad von Belp liegt. Das Bächlein am Belpberg, das ich staute und umleitete, stundenlang. Genauso wie die Bäche an Picknickplätzen in Zermatt. Ein Zeitvertreib, dem ich kaum entsagen kann, wenn sich eine Gelegenheit bietet. Als Eva Feller und ich mit unserer jüngeren Tochter Andrea Mitte Juni 2020 – also zur Zeit der Schneeschmelze, wenn der Gamchibach nicht mehr rauscht, sondern tost – die Griesschlucht im Kiental aufsuchten, leitete ich im verlandeten Tschingelsee schnell einen Bacharm um.“

Die Griesschlucht. Eine der vielen Bachwanderungen, die ich 2020 und 2021 unternahm. Als sich ein Wanderführer zu Fliessgewässern im Kanton Bern immer mehr abzeichnete.“

Und jetzt liegt er vor. Passend zum Weltwassertag, der seit 1993 alljährlich am 22. März begangen wird. Das Motto im Jahr 2022: „Unser Grundwasser: der unsichtbare Schatz.“ Mehr dazu in der Wanderung 29 „Unteraar am Berg von Belp“: In knapp sechs Stunden von Toffen über den Belpberg zur Quelle der Belper Giesse und ihr entlang durchs Belpmoos Richtung Bern, mit oder ohne Erfrischungsbad im Giessenseeli. Viel Spass!

Daniel Anker: WasserRauschen. Von der Aare zur Birs. 51 Wanderungen an bernischen Fliessgewässern. AS Verlag, Zürich 2022. Fr. 42.80.

Graubünden in 100 und mehr Geschichten

Graubünden: immer eine Lektüre und eine Reise wert.

15. März 2022

«Heidi steht symbolstark für wichtige relevante und aktuelle Werte der Schweiz: für Berge, Natur und ein gesundes Klima, für Gesundheit, Lebensfreude, Nächstenliebe und Empathie. Über 60 Millionen Bücher in etwa 70 Sprachen, 14 Spielfilme, 8 Anime-Filme, sieben TV-Serien und viele Musicals haben Heidi zur weltweit bekanntesten Schweizer Ikone gemacht.»

Nur richtig also, dass „Heidi – Weltstar aus Graubünden“ die Nummer 1 trägt im gewichtigen Werk „Graubünden in 100 Geschichten“. 67 Autorinnen und Autoren befassen sich in zwölf Kapiteln mit dem flächenmässig grössten Kanton der Schweiz, seiner Geschichte und seinen Leuten, seiner Seele, seinen hellen und dunklen Seiten. Bekannte und unbekannte, vergessene und zukünftige, noch nie gehörte und immer wieder gern gelesene Geschichten und Gespräche wechseln in bunter und unterhaltsamer Folge, fein orchestriert und illustriert. Schellerursli steht neben Arno Camenisch, Gian und Giachen treten neben Carlo (Janka) und Dario (Cologna) auf; letztere sind zwar mittlerweile abgetreten. Die Skiakrobatin Mia Engi aus Tschiertschen drehte Salti auf weissen Hängen, die Diplomatin Livia Leu aus Arosa koordiniert Schweizer Angelegenheiten auf den Parketts der Welt. Die 100. Nummer malen die hochkarätigen Künstler Alberto Giacometti und Gerhard Richter. Dann folgen noch ein paar Reiseideen für Sehnsuchtsorte wie Davos oder Engadin. Den Abschluss bilden Chronologie und Literaturverzeichnis.

Ein Pionier, der bestens ins Kapitel „Bündner Held*innen“ gepasst hätte, ist der in Antwerpen geborene Forstingenieur, Lawinenexperte, Glaziologe, Hydrologe, Gebirgstopograf und Alpinist Johann Wilhelm Fortunat Coaz. Zu ihm ist folgende Schrift neu herausgekommen: „Nutzen und schützen. Johann Coaz (1822–1918), der Wald und die Anfänge der schweizerischen Umweltpolitik“. Damit ist der Fokus klar. Über zwei Jahrzehnte engagierte sich Coaz als Forstinspektor für den Bündner Wald. Nachdem er zum ersten eidgenössischen Oberforstinspektor gewählt wurde, setzte er eine nachhaltige Forstpolitik auf nationaler Ebene um. Etwas schade, dass die andern Tätigkeitsfelder von Coaz in dieser Biografie teils nur angeschnitten werden, insbesondere seine Arbeit als Ingenieur-Topograf für die Dufour-Karte, zu deren Bündner Blätter er Grundlagen schuf. Dabei bestieg er, alleine und mit seinen Helfern, 32 Bündner Gipfel als erster, darunter den Piz Bernina und den Piz Kesch. Einen Piz Coaz hätte Johann, erster Präsident der 1864 gegründeten Sektion Rätia des Schweizer Alpen-Clubs, also mehr als verdient; allerdings war ihm selbst das Benennen von Gipfeln nach Personen zuwider. Dass 1926 im Val Roseg die Coaz-Hütte eröffnet wurde, erlebte er nicht mehr.

Verweilen wir doch noch grad ein paar sonnige Tage in der Ferienecke der Schweiz, zuerst in Davos und dann in Sils-Maria. Das machten vor uns zum Beispiel Arthur Conan Doyle, Thomas Mann, Erich Kästner und Friedrich Nietzsche, um nur vier von hunderten von Schriftstellern und Philosophen zu nennen, die dort oben Musse und Musen suchten und fanden. In „Zauberberge. Als es die Dichter und Denker auf die Schweizer Gipfel zog“ heftete sich Andreas Lesti an die erwähnten Berühmtheiten, recherchiert ihre Spuren und die eigene Befindlichkeit, zuweilen stolpernd, aber das kann passieren, wenn die Sonne von St. Moritz zu hell strahlt und Schneekristalle wie Champagnerbläschen perlen. Mit dabei auf Lestis Reise ist in Gedanken und Schriften Theodor W. Adorno aus Frankfurt aM, der jeweils im Waldhaus in Sils-Maria logierte. 1969 wechselte er Ort und Hotel, was ihm allerdings nicht gut bekam: Nach dem Ausflug nach Trockener Steg und zur Gandegghütte ob Zermatt streikte sein Herz, und er starb nach einem Herzinfarkt im Spital Visp. Wäre er nur wieder ins Graubünden gereist…

Peter Röthlisberger (Hrsg.): Graubünden in 100 Geschichten. Somedia Buchverlag, Glarus/Chur 2021, Fr. 45.00.

Karin Fuchs, Paul Eugen Grimm, Martin Stuber: Nutzen und schützen. Johann Coaz (1822–1918), der Wald und die Anfänge der schweizerischen Umweltpolitik. Herausgegeben vom Institut für Kulturforschung Graubünden. Hier und Jetzt Verlag, Zürich 2021, Fr. 49.00.
Buchpräsentation am 21. März 2022 von 18.00 bis 20.00 Uhr im Uristier Saal an der Dätwylerstrasse in Altdorf; eine Veranstaltung des Urner Instituts Kulturen der Alpen. Anmeldung unter veranstaltungen@kulturen-der-alpen.ch.
«messen, regeln, ordnen – unterwegs im 19. Jahrhundert mit Johann Coaz»: Sonderausstellung im Rätischen Museum in Chur noch bis zum 27. März 2022: https://raetischesmuseum.gr.ch/de/ausstellungen/sonderausstellung/Seiten/vorschau_coaz.aspx
Coaz als Topograf und Alpinist: Martin Rickenbacher hielt dazu einen Vortrag im Rahmen der Ausstellung im Rätischen Museum in Chur: www.martinrickenbacher.ch/referate/220301_Chur_RM_Coaz.pdf

Andreas Lesti: Zauberberge. Als es die Dichter und Denker auf die Schweizer Gipfel zog. Bergwelten Verlag, Salzburg 2022, € 20,00.
Vier Davoser Museen ergründen bis zum 30. Oktober 2022 den Mythos Davos aus unterschiedlichen Perspektiven. Das Kirchner Museum fokussiert auf Kunst und Literatur. Von sportlichen Pioniertaten erzählt das Wintersportmuseum. Hochkarätige Exponate zeigen die Geschichte des Bob- und Schlittensports, des Eislaufens, des Skisports und natürlich des Eishockeys. Das Medizinmuseum nimmt Thomas Manns Erzählungen zum Ausgangspunkt und präsentiert die beschriebenen medizinischen Geräte. Das Heimatmuseum zeigt Alltagsgegenstände von Alexander Spengler und Willem Jan Holsboer sowie ein Modell des Sanatoriums «Berghof». www.davos.ch/mythos

Echo der Berge

Der Ruf der Berge hallt unüberhörbar. Durch Thriller, Geschichten- und Bilderbuch. Ohren auf!

10. März 2022

«Nehmen Sie den Verband ab!»
Ihre Stimme klang scharf und schneidend … und plötzlich war mein Kopf voller Echos. Sie prallten von meinem Schädel ab, fremd und geheimnisvoll, als ob ich mir einbildete, im Nebel auf einem Gletscher jemanden schreien zu hören. Aber war es überhaupt Einbildung? Denn jetzt sah ich es auch: wild umherjagende Schneefetzen, hohe Mauern aus unnachgiebigem Eis und eine Höhle voller Dunkelheit, die sich zu meinen Füßen öffnete. Der Wind, der aus der Tiefe nach oben drang, war eisig kalt.
Und er brachte etwas mit.

Ein eher kurzes Zitat von Seite 225 aus dem 717seitigen Hochland-Thriller „Echo“ des Niederländers Thomas Olde Heuvelt. Darin geht es um die verunglückte Besteigung eines verdammten Gipfels in den Walliser Alpen und die verheerenden Folgen, erzählt auf versetzten Zeitebenen und aus verschiedenen Perspektiven, insbesondere des überlebenden Nick und seines Freundes Sam Avery, der aber (zum Glück) nicht mit am Berg war. Nick und sein Berggefährte Augustin erkletterten den geheimnisvollen Mont Maudit zwischen Val de Moiry und Val d’Hérens, nicht zu finden auf der Karte, aber mit verbotenem Zugang. Allen, die diesen Berg zu besteigen versuchten, brachte er Verderben, nicht nur den Alpinisten selbst, sondern auch den Leuten, die dann mit ihnen in Kontakt kamen. So auch der Ärztin, die Nick aufforderte, den Verband abzunehmen; hätte sie besser nicht gemacht… Der Patient hatte sich bei einem Sturz während des Abstiegs vom Schreckenshorn lebensgefährlich verletzt, und nun geht von ihm eine ganz ungewöhnliche Lebensgefahr aus, die zu allem Übel noch im winterlichen Dorf Grimentz am Ausgang des Val de Moiry ins Val d’Anniviers für Unruhe sorgt. Kurz: allenthalben und allenorts ein Trauma, ja bis nach Amsterdam. Deshalb mein Ratschlag: beim Schild „Accès interdit“ nicht weitergehen, überhaupt keine verwunschenen Gipfel anpeilen, Grimentz nur in einem sonnigen Sommer besuchen. Und immer gut überlegen, wie man in die Berge ruft. Das Echo kann tödlich sein. Bis man allerdings auf Seite 717 alle Passagen überwunden hat, die spannenden, zähen und alpintechnisch teils auch heiklen (wenigstens in der Übersetzung), hat sich der Widerhall schon etwas verflüchtigt.

Zur Abwechslung und zur Ergänzung empfehlen sich zwei andere Bücher, darin das Echo hörbar ist. Da ist zum einen das gut hundertseitige Buch der seit 1989 in der Schweiz lebenden Russin Maria Thorgevskaja mit Geschichten aus dem Klöntal im Glarnerland: „Wo Berge das Sagen haben.“ Darin erfahren wir, wie ein Berg uns Menschen sieht, was er von uns hält, die wir unter allerlei Vorwand und mit allerlei Gerät an ihm herumkraxeln. Wie er einmal zwei Engländerinnen rettete, wie er fast seinen See verlor, wie er Malern Modell gestanden ist und heute zum Hintergrund bei Selfies verkleinert wurde. Und ganz am Schluss des rucksacktauglichen Buches tauchen ein paar philosophische Gedanken zum Echo auf: „Ausser mir lebte nur das Echo schon seit immer und ewig hier. Es war sehr einsam. Von Natur her was es schrecklich geschwätzig, bereit jedes Gespräch aufzunehmen und weiterzuspinnen. Aber es gab da absolut niemanden, mit dem man hätte schwatzen können.“

Oder doch? Echo ist ein schüchternes, kleines Wesen mit übergrossen Ohren, im Kinderbuch „Das kleine Echo“ von Al Rodin. Immer versteckt es sich in den dunklen Winkeln einer Höhle. Gern würde es wie die anderen Geschöpfe spielen und lachen. Doch Echo ahmt immer nur die Laute der Anderen nach. Bis eines Tages der Junge Max auftaucht. Als er bei der Schatzsuche in Gefahr gerät, nimmt Echo allen Mut zusammen und spricht das erste eigene Wort: eine Aufforderung, die in der Höhle widerhallt, hallt, hallt…

Thomas Olde Heuvelt: Echo. Heyne Verlag, München 2021, € 17,00.

Maria Thorgevskaja: Wo Berge das Sagen haben. Klöntaler Geschichten. Aus dem Russischen von Dan Wiener. Baeschlin Verlag, Glarus 2021, Fr. 29.80.

Al Rodin: Das kleine Echo. Aus dem Englischen von Thomas Bodmer. NordSüd Verlag, Zürich 2022, Fr. 19.90.