Alpenwanderer Dominik Siegrist

„Ich möchte meine Berge sehen“: So heisst ein neues Buch zu den Schweizer Alpen. Dominik Siegrist hat die ganzen Alpen gesehen, auf dem langen Marsch von Wien nach Nizza.

11. Oktober 2019

Herr Siegrist, vor 26 Jahren haben Sie die Alpen schon einmal durchquert. Was hat sich seitdem verändert?
Dominik Siegrist: Das Auffälligste sind die Gletscher. Wie sehr das Eis in den vergangenen Jahren zurückgegangen ist – das ist schon extrem.

Ausschnitt aus dem Interview mit dem Geografen Dominik Siegrist (*1957), befragt von der Tageszeitung „Die Welt“ zur zweiten Durchquerung des gesamten Alpenbogens vom 3. Juni bis 29. September 2017. Das Interview beschliesst sein Buch „Alpenwanderer. Eine dokumentarische Fuβreise von Wien nach Nizza“. Siegrist, Leiter des Instituts für Landschaft und Freiraum und Professor für naturnahen Tourismus und Pärke an der HSR Hochschule für Technik Rapperswil, wanderte 1992 schon einmal von Wien nach Nizza, als Teil der Gruppe TransALPedes. „Wir wollten damals“, so schreibt er heute, „ein Zeichen setzen gegen die Zerstörung der Alpen, gegen den Massentourismus, die Betonierung der Berge.“ Nun, mit „whatsalp Wien-Nice 2017“, ging es darum, die ökologischen, sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Veränderungen festzuhalten, den Zustand der Alpen zu dokumentieren.

Mit Dominik wandern wir mit vom Stephansplatz in Wien bis zur Promenade des Anglais: 119 Tage mit 93 Wander- und 26 Ruhetagen, 1800 Kilometer zu Fuss und selten in flachen Alpentälern mit dem Radl, 75‘000 Höhenmeter auf und ab, begleitet von insgesamt 200 Mitwanderern, zahlreichen Leuten begegnend, unzählige Eindrücke erlebend. Schön gebündelt und sauber Schuhe, Rucksack und Themen geschnürt: Hochspannend und tiefschürfend erzählt Siegrist von dieser Fussreise durch das Gebirge, das wie kein anderes auf der Welt von Menschen beeinflusst wird. Und trotzdem immer noch Natur pur zeigt – einfach mit weniger Eis und mehr Geröll. Im Jahr 2042, so gibt Siegrist im Interview bekannt, will eine Gruppe Jugendlicher, die mit whatsalp abschnittsweise mitwanderten, die Alpendurchquerung wiederholen. Sie werden wieder eine stark veränderte Alpenlandschaft antreffen.

In einem anderen Alpenbuch, ebenfalls jüngst im Berner Haupt Verlag herausgekommen, verfasste Dominik Siegrist das Kapitel „Vom alpinen Naturraum zur Kulturlandschaft – eine Reise vom Säntis zur Adula“. Andere Kapitel befassen sich mit der Geologie, dem Wasser, den Bergwäldern, der Fauna und der Flora in den Schweizer Alpen. Der Herausgeber heisst Franz Ebner, der Titel „Ich möchte meine Berge sehen. Von der Vielfalt und Schönheit der Alpen.“ Illustriert ist das Buch mit eher wenigen, dafür starken Farbfotos. Die meisten doppelseitigen Aufnahmen sowie das Coverbild (mit Piz Palü und Piz Bernina) stammen von Marco Volken. Ein Bild zeigt Kistenstöckli und Piz d’Artgas im Bündner Oberland – eine rötlich-braun-graue Gebirgslandschaft, mit ein paar allerkleinsten weissen Flecken. Ob die Alpen in der Mitte unseres Jahrhunderts vor allem so aussehen werden?

Dominik Siegrist: Alpenwanderer. Eine dokumentarische Fuβreise von Wien nach Nizza. Haupt Verlag, Bern 2019, Fr. 29.-

Franz Ebner (Hrsg.): Ich möchte meine Berge sehen. Von der Vielfalt und Schönheit der Alpen. Mit Beiträgen von Hanspeter Baumgartner, Peter Brang, Constanze Conradin und Sonja Hassold, Mark Feldmann, Bruno Schädler, Dominik Siegrist, Urs Tester. Haupt Verlag, Bern 2019, Fr. 44.-

Doppelvernissage «Alpen» zu den beiden vorgestellten Büchern am Montag, 28. Oktober 2019, um 19.00 Uhr in der Buchhandlung Haupt am Falkenplatz 14 in Bern. Eintritt frei, Platzreservation empfohlen unter www.haupt.ch/Events/Doppelvernissage-Alpen.html.

Bergkrimis, zweite Staffel

Fünf neue Bergkrimis zum Thema Mord im Gebirge. Das gilt für Alpinisten und Kletterer so bös wie für den Wolf.

4. Oktober 2019

„War dort oben vielleicht irgendetwas geschehen, was hatte vertuscht werden müssen?“

Das ist die Frage, die sich in Bergkrimis immer wieder stellt. Was passierte genau dort oben? Übrigens nicht nur in Bergkrimis, auch sonst natürlich eine Frage, auf die sich manchmal keine eindeutigen Antworten finden lassen. Alpine Kriminalromane aber leben davon, dass die Ermittler und mit ihnen die Leserinnen und Leser genau wissen wollen, wie und warum dort oben etwas Unerfreuliches, das heisst meist Tödliches geschehen ist.

Dort oben also: In unserem ersten Fall am Everest. Warum konnte Klara Engelmann nicht gerettet werden? Und warum starb ihr Sherpa Nima Rita zehn Jahre später als Obdachloser in Stockholm? „Millennium“-Journalist Mikeal Blomkvist findet es heraus, nicht alleine, sondern mit Hilfe der Polizei. Und mit Hilfe seiner Freundin Lisbeth Salander. Blomkvist & Salander, das Duo, mit dem Stieg Larsson in drei Romanen everesthohe Auflagen erreichte. Nach dem Tod von Larsson setzte David Lagercrantz die Millenium-Reihe fort. Nun kam sein dritter Band heraus: „Vernichtung“, darin die Geschehnisse am höchsten Berg der Welt eine Schlüsselstelle bilden. Da kennt sich Lagercrantz aus: Sein erstes Buch schrieb er zusammen mit dem schwedischen Bergsteiger Göran Kropp über dessen Solotour auf den Everest 1996.

„Möglicherweise hatte Thomas Lippmann aus Wut über Stefan Schüppels Schwärmerei für seine eigene Verlobte Heike aus der Kletterwand gerissen.“

Dort oben zum zweiten. Wobei: Weit oben ist dieser Tatort gar nicht, nicht mal 400 Meter über Meer ist die Zyklopenmauer, wo das Unglück passierte, das einen Toten und einen Verletzten forderte. Abstürzen, freiwillig oder nicht, das kann man an den schier unzähligen Felsen des Elbsandsteingebirges in Ostdeutschland allerdings schon. Und wenn dann noch die falsche Ausrüstung, nämlich ein neues Westseil eingesetzt wird, kann Unvorhergesehenes passieren. Aber warum geht dann an der gleichen Stelle in der Nähe der berühmten Sehenswürdigkeit Kuhstall das Leben von Unternehmer Schüppel zu Ende? Thea Lehmann, in Oberbayern aufgewachsen und mit einem Sachsen verheiratet, verfasste bisher fünf Krimis, die in der Sächsischen Schweiz spielen. „Tatort Kuhstall“ ist ein knotenstarker Bergkrimi, am schönsten zu lesen auf dem Malerweg durch die Sächsische Schweiz oder in der Kuhstallbar auf der Mägisalp in der helvetischen. Lehmanns jüngster Band heisst „Tödliches Schweigen im Sandstein“. Fels also auch da.

„Da, sehen Sie“, rief der Mann plötzlich. „Da klettert einer!“
„Wo?“
„Na, da!“

Dort oben zum dritten, in einer Szene aus dem 12. Band von Jörg Maurers Krimireihe um Kommissar Hubertus Jennerwein. Wieder ein ganz besonderer Titel: „Am Tatort bleibt man ungern liegen“. Lässt sich freilich oft nicht vermeiden, jedenfalls nicht für das Opfer. Diesmal erwischt es Alina Rusche, Putzfrau in der KurBank in Garmisch-Partenkirchen. Dort putzte sie auch den Schliessfachraum, wo nicht nur Geld gehortet wird, sondern auch (tödliche) Geheimnisse. Wie immer bei Maurer werden noch andere Schauplätze aufgestellt – und Figuren. Witzig im jüngsten Fall: der kleine Dicke und der grosse Hagere, die sich in den bayrischen Kurort verirren. Hier ein kurzer Dialog zwischen den beiden berühmten Helden der Weltliteratur. Der Ritter Don Quijote zu seinem Diener Sancho: „Betrachte die ehrwürdigen Alpen! Sind sie nicht herrlich!? Es ist wahrlich ein Bollwerk der Natur, das sich wuchtig in unermessliche Höhen schwingt, Wind und Wetter trotzend, den Göttern so nah!“ – „Es ist ein Steinhaufen, Herr, der einfach im Weg rumsteht. Eine Ansammlung von Kalk, Lehm und Muschelschalen, nichts weiter. Ein Hindernis für jeden Wanderer.“

„In diesem Moment durchbrach ein schauriges Heulen die Stille. Ein Wolf! Amalia führ zusammen. Dabei stieβ sie an einen Ast des Baumes hinter sich, der mit einem deutlich vernehmbaren Knacken brach. Schnee rieselte auf sie herab. Frau Acherer richtete sich auf und sah genau in ihre Richtung. Konnte sie sie sehen?“

Dort oben zum vierten. In einem tief verschneiten Wald im Pustertal im Südtirol. Zwei Skitourengeherinnen, die Fotografin Amalia Engl und die Hoteldirektorin Sieglinde Acherer. Und schon kommt es zum Showdown im Tiefschnee. Wer gewinnt, sei nicht verraten. Vielleicht gar Felix, der Noch- bzw. Wiederfreund von Amalia? Was wäre ein Roman ohne Liebesgeschichte? Und ein Krimi ohne Tote(r)? Hier erwischt es gleich zu Beginn die Wildtierbiologin Celina auf einer abendlichen Skitour. Ihre Leiche sieht so aus, als wäre sie von einem Wolf angefallen worden. Pro und contra Wolf: das Hauptthema in „Die Bildermacherin und der böse Wolf“ von Christiane Omasreiter und Kathrin Scheck. Und passend zur heutigen Bewilligung des Bundesamtes für Umwelt, dass aus dem Rudel am Piz Beverin im Bündnerland vier Wölfe geschossen werden sollen. Oder müssen?

„Auf der anderen Seite des Felsen kam das Tier wieder zum Vorschein: ein mittelgrosser schlanker Vierbeiner mit eher kurzer Rute, der sich zügig in Richtung des Passo Grigio bergauf bewegte.
Ein Wolf!, begriff Kauz plötzlich. Das gibt’s doch nicht!“

Dort oben zum Fünften. Auf einer Herbstwanderung hinten im Walliser Binntal entdeckt der Wahlgommer und Expolizist Alois Walpen, genannt Kauz, das Tier, das seit Jahren für ziemliche Unruhe sorgt, auch in der Schweiz und gerade im Wallis. Mussten wegen des Wolfs auch ein Wildhüter und ein Journalist sterben? Oder hat der Doppelmord ganz andere Gründe? „Gommer Herbst“ heisst der dritte Band von Kaspar Wolfensberger um den Ermittler Kauz, am besten zu lesen vor und nach einem feinen Essen mit Hirschschnitzel, Rehrücken oder Gemspfeffer. 2016 erschien „Gommer Sommer“, 2017 „Gommer Winter“. Nun freuen wir uns schon auf den vierten Band. Denn Wolfensberger schreibt packend, spannend, überzeugend. Bettet die Handlungen geschickt ins Goms ein und macht für diese unvergleichliche Landschaft nebenbei noch Reklame wie Thea Lehmann für die Sächsische Schweiz. Oder, mais bien-sûr, wie Jean-Luc Bannalec mit seinen Dupin-Krimis für die Bretagne.

David Lagercrantz nach Stieg Larsson: Vernichtung. Heyne Verlag, München 2019, Fr. 34.-
Thea Lehmann: Tatort Kuhstall. Saxophon Verlag, Dresden 2018, Fr. 17.-
Jörg Maurer: Am Tatort bleibt man ungern liegen. Fischer Verlag, Frankfurt aM 2019, Fr. 26.-
Christiane Omasreiter, Kathrin Scheck: Die Bildermacherin und der böse Wolf. Athesia Verlag, Bozen 2019, Fr. 24.-
Kaspar Wolfensberger: Gommer Herbst. Bilgerverlag, Zürich 2019, Fr. 38.-

Kaspar Wolfensbergers »Gommer Herbst« wird am 31. Oktober 2019 um 18.15 Uhr im GZ Hottingen in Zürich an einem Walliser Buchfest gefeiert (mit Franziskus Abgottspon, Martin Nanzer und Walliser Jägern und Köchen etc.). Anmeldung an bilger@bilgerverlag.ch.

Rother Wanderführer Schweiz

Wer wandert, nimmt die roten Rother Wanderführer mit. Neu auch für den Aargau.

30. September 2019

„Gewiss: Im schweizerischen Mittelland gibt es unzählige erratische Blöcke, aber nur der Erdmannlistein bei Wohlen kann von sich behaupten, sogar einen eigenen Bahnhof zu haben.“

So leitet Jürg Schrammel die blaue Tour 41 „Erdmannlistein – Boswil – Wohlen“ in seinem eben erschienen Rother Wanderführer „Aargau mit Basel und Luzerner Mittelland“ ein. Der Führer präsentiert mit allen nötigen (wander)touristischen Infos 55 Touren zwischen Basel und Luzern: aussichtsreiche Gratwandrungen, gemütliche Spaziergänge an See- und Flussufern, Streifzüge durch historische Ortskerne. Die Vorschläge reichen von 1 Std. 45 Min. bis zu 8 Stunden; ja, der Reussuferweg von Sins nach Brugg dauert gar drei Tage. Von der Schwierigkeit her sind die allermeisten Touren blau; immerhin stellt der aus dem Aargau stammende Autor zwölf rote und vier schwarze vor, so die Walhalla an der Lägern.

Mit dem Band „Aargau“ schliesst die insgesamt 370 Titel umfassende Reihe der roten Rother Wanderführer eine grosse Lücke in der Schweiz. 22 Bände decken nun fast das ganze Land ab. Zu den erfolgreichsten gehören, nicht weiter verwunderlich, „Oberengadin“, „Berner Oberland Ost“, „Vierwaldstättersee“ und „Oberwallis“; letzterer kommt demnächst in aktualisierter Auflage heraus. In vollständig neu bearbeiteter Auflage erschien eben der Band „Glarnerland“. Das gilt auch für „Ossola“; dort führt aber nur eine Tour kurz durch die Schweiz. Im Weiteren bietet der Rother Verlag andere Führer für die Schweiz an, so die meist grünen Wanderbücher und die blauen Skitourenführer.

Hier erhält man einen guten Überblick über die roten Bände:
www.google.com/maps/d/viewer?mid=1FU0uooNn12OoVu2XFT1pioaN3Vs&ll=46.674188626174775%2C7.07528637283292&z=10. Drei grössere weisse Flecken fallen da auf: das untere Toggenburg zwischen Wattwill und Uzwil, das Reusstal zwischen Rotkreuz und Bremgarten (wird aber mit der dreitägigen Reussufertour aus dem neuen Band „Aargau“ durchschritten). Und, wirklich auffällig nicht rot eingefärbt: das welsche Mittelland zwischen Lac de la Gruyère und Lac de Neuchâtel, Murten- und Genfersee. An allen vier Seen führen zwar rote Routen aus verschiedenen Rother Wanderführern entlang. Aber sonst? Die grosse Leere. Was vielleicht auch daran liegen mag, dass deutschsprachige Benützer von Führern nicht allzu gern in die Romandie reisen; Band „Gruyère – Diablerets“ von 2006 kriecht immer noch in der ersten Auflage am Moléson und am Oldenhorn herum. Ein anderer Grund könnte die Ebene der Broye sein, die in Lac de Morat mündet: Das Flachland dort und seine hügeligen Ränder sind das grösste wanderwegfreie Gebiet der Schweiz, ausser natürlich den vergletscherten Regionen in den Alpen. Dabei gäbe es im Gebiet zwischen den vier erwähnten Seen einiges zu erwandern und zu erleben. Auch erratische Blöcke; so den 267 Tonnen schweren, 300 Millionen alten, 5 Meter hohen und erkletterbaren Findling Pierre à Cambot bei Romanel-sur-Lausanne.

Jürg Schrammel: Aargau mit Basel und Luzerner Mittelland. Rother Wanderführer, München 2019, Fr. 21.90.

Die grosse Welt kommt in die Berge

Ein schönes Buch zur schönsten Ferienregion der Welt. Letzteres fanden jedenfalls viele Touristen und Alpinisten, als sie das Berner Oberland als «Playground of the World» entdeckten.

25. September 2019

«There was the magnificent group of the great Oberland peaks, beginning with the Finsteraarhorn almost within touch und with the Eiger and the Schreckhorn parting it in the centre by a Royal Gateway through which a glimpse of the quiet chalets and meadows of Grindelwald could be caught. (…) One missed the beautiful Weisshorn, hidden as it was behind the huge mass of the Aletschhorn; but one cannot have everything in this world, and what we had then before us was more than worth the journey out from England to see.»

Richtig! Man kann nicht alles haben in dieser Welt. Aber schon einiges. Besonders wenn frau so zäh und entdeckungsfreudig ist wie die Engländerin Margaret Anne Jackson (1843–1906), die im Januar 1888 ein paar mutige und fürchterlich kalte Wintererstbesteigungen mit den Führern Ulrich Almer, Emil Boss und Johann Kaufmann rund um Grindelwald unternahm und bei der Überschreitung der Jungfrau böse Erfrierungen erlitt. Kein Wort davon aber in ihrem Bericht voller Wärme und Witz; «A Winter Quartette» erschien im Februar-Heft 1889 des «Alpine Journal» unter dem Namen «Mrs. E. P. Jackson» – Edward Patton war der 1881 verstorbene Ehemann von Margaret Anne. Schlimmer noch: Auch bei all ihren Ersttouren heisst es in den SAC-Führern bis heute «Mrs. E. P. Jackson». Am 11. Januar 1888 also bewunderte sie vom Grossen Fiescherhorn (4049 m) die Aussicht auf die grossen Berner Oberländer Berge. Das macht sie auch am Ende des Kapitels «Von Meyer zu Heckmair, von Studer zu Steck. Der Bergsport im Berner Oberland». Es ist abgedruckt in dem vor einer Woche in Spiez präsentierten Buch «Die grosse Welt kommt in die Berge. Die Entstehung des Tourismus im Berner Oberland»; es geht auf die gleichnamige, im letzten Jahr von der Stiftung Schloss Spiez veranstaltete Tagung zurück.

Acht Kapitel beleuchten aus unterschiedlicher Perspektive, wie der heute wichtigste Wirtschaftszweig das Berner Oberland in Beschlag nahm. Aurélie Luther lotet die geistesgeschichtlichen Ursachen aus. Fred Kaspar taucht in die Geschichte des Bädertourismus ein. Hans-Ulrich Schiedt reist zuerst zu Fuss und allein, dann zu Pferd, per Schiff und mit immer mehr Gästen nach Thun und Interlaken. Quirinus Reichen rattert mit Bahnen zuletzt aufs Brienzer Rothorn und gegen die Jungfrau hoch. Roland Flückiger-Seiler logiert anfänglich in der «little châlet inn», bald aber schon im «Royal Hotel Winter Palace» und gerne auch im «Grand Hotel Spiezerhof». Daniel Anker klettert mit Büchern, die für den alpinen Tourismus entscheidend waren, auf den Eiger und darüber hinaus. Und Laurent Tissot, der Grandseigneur der Tourismusgeschichte, heftet sich auf die Spuren von Jemima Morrell, die 1863 mit der legendären ersten organisierten Schweizerreise des noch legendäreren Thomas Cook das Berner Oberland besuchte; mehr dazu unter https://bergliteratur.ch/miss-jemima/ – und mehr zu Cook aktuell in den News. Ja, in diesen Tagen und kommenden Monaten haben einige Touristen und Tourismusleute keine so sonnigen Aussicht wie weiland Margaret Anne Jackson auf dem Grossen Fiescherhorn.

Die grosse Welt kommt in die Berge. Die Entstehung des Tourismus im Berner Oberland. Herausgegeben von Annelies Hüssy und Quirinus Reichen. Sonderausgabe der Berner Zeitschrift für Geschichte in Kooperation mit der Stiftung Schloss Spiez. Hier und Jetzt Verlag, Baden 2019, Fr. 39.-

Reinhold Messner wird 75

Zwei neue alpinhistorische Werke von Reinhold Messner. Das eine schaut zurück, das andere zum Glück auch voraus.

12. September 2019

„Er [Willy Merkl] gefällt sich hier in der Rolle eines Paschas, die er oben, wenn es hart auf hart geht, wahrscheinlich wird aufgeben müssen. … Ihr werdet Euch fragen, warum ich Euch das alles mitteile. Nun, weil ich das meinem Tagebuch nicht anvertrauen will. Man weiβ nie, wie Tagebücher in fremde Hände kommen. Balbos Tagebuch z.B. hat Merkl sofort an sich genommen. Andererseits erscheinen mir diese Dinge doch wichtig genug, festgehalten zu werden, falls einmal darüber gerechtet werden sollte, warum die Expedition nicht so abgelaufen ist, wie sie vielleicht wünschenswert gewesen wäre.“

Schrieb der Münchner Willo Welzenbach, einer der besten Alpinisten seiner Zeit, am 22. Juni 1934 seinen Eltern aus dem Basislager am Fusse des Nanga Parbat (8125 m), den er zusammen mit anderen Bergsteigern im Rahmen der Deutschen Himalaya-Expedition 1934 unter der Leitung von Willy Merkl erstbesteigen wollte. Am 10. Juli griff Welzenbach, Erstdurchsteiger zahlreicher Nordwände (so Dent d’Hérens, Gross Fiescherhorn, Grosshorn, Gletscherhorn. Lauterbrunnen Breithorn und Nesthorn), im Lager VII auf 7200 Metern zum letzten Mal zum Stift und kritzelte auf ein Blatt – Ausschnitte: „Wir liegen seit gestern hier, nachdem wir Uli im Abstieg verloren. Sind beide krank. Ein Versuch, nach 6 vorzudringen miβlang wegen allgemeiner Schwäche. […] Wir haben beide seit sechs Tagen nichts Warmes gegessen und fast nichts getrunken. Bitte helft uns bald hier in L. 7.“ Es gab keine Hilfe im tagelangen Höhensturm. Welzenbach starb in der Nacht vom 13. auf den 14. Juli. Insgesamt blieben drei Deutsche und sechs Sherpas oben am Nanga Parbat zurück; zudem war am 8. Juni Alfred „Balbo“ Drexel an einem Lungenödem gestorben.

Nun hat Reinhold Messner – der Nanga Parbat war 1970 sein erster 8000er, und er ist auch so etwas wie sein Schicksalsberg, verlor Reinhold doch beim Abstieg seinen Bruder Günther – ein neues Werk über Willo Welzenbach veröffentlicht. „Der Eispapst. Die Akte Welzenbach“ ist eine Neuaufbereitung einer schon bekannten Geschichte über einen grossartigen Alpinisten, der zuletzt nicht nur am Berg den Kampf verlor, sondern schon vorher mehrmals gegen seinen Konkurrenten Paul Bauer, der als überzeugter Nationalsozialist im Hitler-Deutschland das bessere „Material“ besass. Messner zitiert ausführlich aus den Briefwechseln der Akteure, aus dem Tagebuch und den Tourenberichten von Welzenbach sowie aus anderen Quellen. „Es soll keine wissenschaftliche Arbeit sein, was ich daraus gemacht hae“, schreibt er im Nachsatz, „sondern eine Erzählung, die aus Dokumenten und Briefen schöpft, die zum Glück weiter existieren.“

Ganz ehrlich muss ich sagen, dass Messner schon besser erzählt hat. Denn das kann er. Aber seitenlang Briefe vorzulegen, die typographisch nicht vom Lauftext abgehoben sind, da kommt man beim Lesen so rasch vorwärts wie beim Spuren in knietiefem Schnee. Wer sich also einen besseren und wissenschaftlicheren Überblick über Willos Akte verschaffen will, folge diesen vier Publikationen: Franz Grassler: Dr. Willo Welzenbach. Zu seinem 60. Geburtstag, in: Jahrbuch des Deutschen Alpenvereins 1960; Peter Mierau: Die Deutsche Himalaja-Stiftung von 1936 bis 1998. Ihre Geschichte und ihre Expeditionen, Bergverlag Rother, 1999 (mit einem freundlichen Vorwort von Messner zu Paul Bauer); Peter Mierau: Nationalsozialistische Expeditionspolitik. Deutsche Asien-Expeditionen 1933–1945, Utz-Verlag, 2003. Sowie natürlich Eric Roberts: Willo Welzenbach. Eine biographische Studie mit ausgewählten Schriften, Carta Verlag, 1981.

Bei Roberts findet sich auf Seite 230 ein Foto der Erstdurchsteigung der Nesthorn-Nordwand am 25. Juli 1933 mit folgender Legende: „Alfred Drexel führt bei der Erstbesteigung der Nesthorn Nordwand.“ Was er auch tat, wie im beiliegenden Bericht von Erich Schulze zu lesen ist. Diesen Text hat Messner in seinem Buch aufgenommen, gekürzt und ohne die Kürzungen zu kennzeichnen. Auch das Foto findet sich, im Buch drin und auf der Rückseite des Umschlags, seitenverkehrt und mit dieser Legende: „Seilerster Welzenbach.“ Und hier die zum Foto passende Textpassage in der Gegenüberstellung, wobei die Zeitangabe für den Quergang und das Nichtwahrnehmen der Umgebung bei Schulze ein paar Zeilen weiter oben zu lesen sind. – Original Schulze: „Aber auch diese Minuten äußerster Konzentration gingen vorüber. Wir atmeten auf, als gegen 2 Uhr 30 Min. Drexel nach bewunderungswürdiger Führung die letzten Meter der plattigen, schon minder steilen Felszone überwand und die Firnhänge des Gipfelaufbaus erreichte. Wenige Schritte spurte er in dem bereits weicher werdenden Firn und konnte prachtvoll sichern. Nun erst erreichten ihn die ersten Sonnenstrahlen, die eine Belohnung für die Mühe und Anstrengung der vorübergehenden Stunden waren. In dem lichtüberstrahlten Firn warf seine Gestalt einen langen Schatten. Willo und ich kamen bald nach. Wir gönnten uns die erste Rast, aßen ein wenig.“ – Version Messner: „Minuten äußerster Konzentration sind vergangen, als Drexel die letzten Meter der weniger steilen Felszone und dann die Firnhänge des Gipfelaufbaus erreicht. Er kann endlich sichern, und uns wärmen die ersten Sonnenstrahlen! Für zwanzig Meter Höhenunterschied und fünfzig Meter Quergang nach rechts hat er fast drei Stunden gebraucht. Unser Interesse für die Umwelt ist dabei völlig verschwunden. [Neuer Absatz] Willo und ich gönnen uns die erste Rast, essen ein wenig von unserem Proviant.“ – Fazit der Neufassung: Sonnenstrahlen für Welzenbach und Schulze, obwohl sie noch im Schatten stehen, aber keine Brotzeit für Drexel…

Ein anderes, neues Buch von Reinhold Messner kann ich freilich bestens empfehlen. Es heisst „Mord am Unmöglichen. Spitzenkletterer aus aller Welt hinterfragen die Grenzen des Möglichen.“ Der Titel geht zurück auf einen wegweisenden Artikel von Messner in der Zeitschrift „Alpinismus“ im August 1968: „Direttissima – oder Mord am Unmöglichen.“ Darin forderte er den Verzicht auf technische Hilfsmittel beim Klettern. Im Buch kommt Messner auf diesen Artikel zurück und ergänzt ihn und die Geschichte, die er ausgelöst hat, mit eigenen und fremden Gedanken und Texten. Im zweiten Teil des von Luca Calvi und Alessandro Filippini herausgegebenen Buches kommen 42 Topalpinisten (38 Männer und vier Frauen) aus der ganzen Welt zu Wort, nehmen Stellung zum Unmöglichen bzw. Möglichen sowie zur Zukunft des Alpinismus und des Kletterns. Als leider sozusagen letzte Worte sind dabei auch drei Beiträge von Alpinisten, die seit der Publikation des Buches wie Willo Welzenbach in den Bergen geblieben sind. So von Hansjörg Auer, der am 16. April 2019 von einer Lawine in den Tod gerissen wurde. Ausschnitt aus seinem Beitrag: „Heutzutage sind viele Kletterer und Alpinisten nahezu ausschlieβlich von der Suche nach Schwierigkeiten getrieben. Das ist auch legitim und völlig normal bis zu einem bestimmten Alter. Bei mir war es genauso. Ich habe allerdings über die Jahre gelernt, dass es um etwas anderes geht. Zumindest für mich. Es ist nicht so wichtig, wo man klettert und was man klettert, sondern mit welchen Partnern man klettert und vor allem wie. Der Berg, das Gelände gibt den Weg vor, und wir müssen ihm folgen.“

Und mit diesen schönen Sätzen gehen wir über zum Feiern. Am 17. September wird Reinhold Messner 75 Jahre alt. Tanti auguri!

Reinhold Messner: Der Eispapst. Die Akte Welzenbach. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2019, Fr. 38.-

Reinhold Messner: Mord am Unmöglichen. Spitzenkletterer aus aller Welt hinterfragen die Grenzen des Möglichen. Herausgegeben von Luca Calvi und Alessandro Filippini. Malik Verlag, München 2018, Fr. 38.-

Himmelwärts. Bergführerinnen im Porträt

Ein starkes Buch über starke Frauen.

6. September 2019

„Als ich neulich am Groβglockner, dem höchsten Berg Österreichs, auf der Hütte ankam, sagte der Wirt ganz erstaunt zu mir, eine Bergführerin zu Besuch, so etwas habe er noch nie erlebt! – Ich kramte meinen Bergführerausweis hervor, er schaute mich mit groβen Augen an und hat daraufhin höchstpersönlich mit mir einen Schnaps getrunken (lacht). Du musst als Frau schon selbstsicher sein, sonst wirst du nicht Bergführerin. Doch im Prinzip macht das Geschlecht keinen Unterschied am Berg. Entweder man hat das Gespür für das Bergsteigen, oder man hat es nicht.“

Sagt Käthi Flühmann aus Unterbach bei Meiringen, 55 Jahre alt, Bergführerin seit 1988. Sie machte als zweite Frau das Bergführerpatent in der Schweiz; die erste war Nicole Niquille 1986. Nicht einmal 40 Frauen zählt der Schweizer Bergführerverband heute, neben 1300 Männern. In ihrem jüngsten Werk lässt Daniela Schwegler Bergführerinnen zu Wort kommen. Titel des Buchs über Frauen, die nicht nur buchstäblich vorangehen: „Himmelwärts.“

„Traum Alp“, „Bergfieber“ und „Landluft“: So heissen die Bücher von Daniela Schwegler, in denen sie Älplerinnen, Hüttenwartinnen und Bergbäuerinnen porträtiert hat. Nun also die Bergführerinnen. Zwölf von ihnen, von Nicole Niquille bis zur Aspirantin Caro North, hat die bergsportbegeisterte Autorin begleitet und befragt: Was treibt sie an? Wie haben sie sich ihren Platz in diesem Männerberuf erkämpft? Von welcher Herausforderung träumen sie schon ihr ganzes Leben? Zwölf authentische Lebensgeschichten von Frauen, die ihren Weg gegangen sind und ihn immer noch gehen, mit und ohne Ehemännern und Kindern. Hochspannende Lektüre aus dem Hochgebirge und dem Alltag, allen Frauen empfohlen – und den Männern erst recht. Unabhängig davon, ob sie zu Berge gehen oder nicht.

„Himmelwärts“ erfreut aber nicht nur durch die Porträttexte, sondern auch durch die Fotos von Christian Jaeggi, Ephraim Bieri und Riccardo Götz. Sie zeigen die Bergführerinnen unterwegs, mit und ohne Gäste, im Steilfels führend, im Pulverschnee kurvend und vielleicht auch mal im blumigen Gras liegend: überraschende und erfrischende Aufnahmen, perfekt passend zu diesem Buch über Pionierinnen. Mehr noch: Zu jedem Porträt gibt es einen oft historischen Hintergrundtext, zum Beispiel zur Geschichte des Frauenalpinismus. Und jedes Porträt der zwölf Bergführerinnen wird mit einem eleganten Tourentipp abgerundet. Bei Käthi Flühmann, der Ururenkelin des berühmten Meiringener Bergführers Melchior Anderegg, ist es das Gwächtenhorn (3403 m) im Sustengebiet.

Daniela Schwegler: Himmelwärts. Bergführerinnen im Porträt. Rotpunktverlag, Zürich 2019, Fr. 39.-

Buchtaufe und Gespräch: Am 12. September 2019 um 20.15 Uhr stellt Daniela Schwegler ihr neues Buch in der Transa-Filiale Europaallee in Zürich vor. Mit dabei: die Bergführerinnen Evelyne Binsack, Barbara Leuthold und Angelina Huwiler sowie die Fotografen des Buchs. Moderation: Annette Marti. Bitte bis Donnerstag, 12. September 2019 12.00 Uhr, anmelden unter www.transa.ch/workshops-vortraege/bergfuehrerinnen-portrait/.

Klettergarten Holzegg

Zum ersten Mal im Klettergarten auf der Holzegg. Der schönste Ort zum Klettern, den sie kenne, sagt Christa.

5. September 2019

Die Wand sieht phantastisch aus, fast weisser Kalkfels, geformt wie ein kleiner Berg, eine achtzig Meter hohe Kopie des Grossen Mythen, an dessen Fuss er sich erhebt. In der Seilbahn haben wir Peter Guyer getroffen, den «Mythenpöstler», Doyen des Huderterclubs. Er steige nicht mehr hinauf, sehe fast nichts mehr. Sein Freund vom Hunderterclub, Armin Schelbert, schaffe demnächst die 5000ste Besteigung des Grossen Mythen. Wie wir gönnt sich auch Peter einen Kaffee im Restaurant. Zur Wand sind es ja nur fünf Minuten, den etwas versteckten Einstieg in den Zugangsweg finden wir auf Anhieb.

Es ist ein gewöhnlicher Werktag, doch da klettern schon einige Teams, eine Seilschaft hängt hoch in der Wand. An Wochenenden sei der Klettergarten schon ziemlich überlaufen. Eigentlich frage ich mich, warum wir noch nie hier gewesen sind. Die Anfahrt mit Zug, Bus und Seilbahn ist mit OeV einfach und schnell. René Andermatt, der die Hauptarbeit beim Einrichten geleistet hat, hat mir vor ein paar Jahren fürs Mythenbuch Informationen geliefert. Und erwähnt, dass wir uns eigentlich kennen. Vor dreissig Jahren entstanden die ersten Routen, 2010 bis 2014 haben René und sein Team grosse Arbeit geleistet. Fels geputzt. Über dreissig Routen eingebohrt, zum Teil bis drei Seillängen, mit Abständen wie in der Halle, dazu perfekte Stände mit Ketten und Umlenkkarabinern. Ein kleines Vermögen haben sie wohl investiert. Zur Freude der kletternden Nachwelt.

Und die Freude ist gross, der Fels schön griffig, noch nicht abgespeckt, die Routen, die wir klettern, interessant. Risse, Platten, sehr abwechslungsreich. Klar, wir bleiben im Seniorenbereich! Die Sonne wärmt, in der Tiefe tingeln Kuhglocken auf der Alp, über dem Muotathal sehen wir Rossstock, Kaiserstock, Blüemberg. Berge, die zu unserer eigenen, ganz privaten Geschichte gehören. Glückliche Erinnerungen. Wir klettern für einmal mit Helm, wie empfohlen, da gelegentlich noch ein Griff abbrechen kann oder sonst ein Stein sich lösen. Allerdings hören wir keinen einzigen an diesem Tag. Wahrscheinlich ist der Weg auf den Grossen Mythen gefährlicher, was Steinschlag betrifft.

Die Wand ist durch einen Bergsturz vom Holzeggköpfli entstanden, die riesige Schutthalde hat eine ganze Alp zugedeckt. Der Geologe Albert Heim datiert ihn ins 16. Jahrhundert. Der Malmkalk ist im geologischen Massstab noch frisch gebrochen, wenig verwittert. Nach den paar Stunden Kletterei sind wir so begeistert, dass ich sogar wieder mal einen Blog schreibe …

Zu Beginn meines Kletterlebens, Frühling 1960 glaube ich, bin ich schon einmal zum Klettern auf die Holzegg gekommen. Mit dem Velo die weite Fahrt aus dem Zürcher Oberland ins Alpthal. Köbi, mein Gefährte, baute mit seinem Töffli einen kleinen Unfall, den verbogenen Lenker seines konnten wir von Hand wieder richten. Köbi wanderte kurz darauf nach Neuseeland aus, wo er glaube ich heute noch lebt.

Eine schlaflose Nacht verbrachten wir im Massenlager auf der Holzegg. Eine Gruppe von besoffenen Naturfreunden gröhlte, erzählte schlüpfrige Witze. Ruhig waren nur die Pärchen, die unter Wolldecken kuschelten. Am Morgen waren wir fast froh, dass dicke Wolken um die Mythen strichen, die Felsen noch nass waren vom Regen der Nacht.

Wir unterhielten uns mit zwei  Kletterern der Jugendorganisation der SAC-Sektion Mythen aus Schwyz, die am Nachmittag zum Geissstock wollten. Köbi und ich zogen ab. Zwei Tage später las ich in der Zeitung, dass Klaus Neff und Gebhard Bischof an jenem Tag zu Tode stürzten. So hat der schönste Tag auch seine besinnliche Seite, denn vor den Erinnerungen gibt es kein Entrinnen. Sie sind da, eingeschrieben in die Landschaft, lesbar nur für die Erinnernden.

Oberwalliser Sonnenberge

Ein Muss für Heimwehwalliser und Üsserschwiizer, Fusstouristen und Stubenhocker: der neue Wanderführer von Marco Volken.

27. August 2019

„Es gibt Berge, denen es nicht ganz zum Viertausender reicht, die das Manko aber locker mit anderen Werten wettmachen und eine ungleich gröβere Ausstrahlung und Faszination ausüben als manch einer ihrer höhergestellten Kollegen. In Graubünden etwa der leuchtende Piz Palü (3900 m), im Berner Oberland des düstere Eiger (3970 m). Und im Wallis ganz eindeutig das 3934 Meter hohe Bietschhorn.“

Meint Marco Volken zu Recht. Er weiss es. Erstens als Oberwalliser – die Volkens kommen von Fiesch, die Mama war eine Grichting, und die stammen von Leukerbad. Zweitens als Mitautor des grossen Bildbandes „Die Viertausender der Schweiz“. Drittens als Mitherausgeber der Bergmonografie „Bietschhorn – Erbe der Alpinisten“. Und viertens als Verfasser und Fotograf des Wanderführers „Oberwalliser Sonnenberge. Wandern und Geschichten vom Goms bis zur Gemmi“, vor wenigen Tagen im Zürcher Rotpunktverlag herausgekommen.

Ein durch und durch sonniges Werk! Von den 25 Touren über die 38 Hintergrundtexte bis zu den 203 Volken-Fotos und den vielen historischen Illustrationen – einfach bietschhornwürdig. Dieser Gipfel hat natürlich auch seinen Auftritt, auf zwei Hüttentouren kommen wir ihm ganz und höchst erfreulich nah; dem sehr unsympathischen Stifter der Baltschiederklause übrigens auch. Wo Sonne, ist halt auch Schatten; das ist zwischen dem Sidelhorn ob der Grimsel und dem Schwarzhorn ob der Gemmi nicht anders.

Zwischen diesen Pässen breitet sich eine Landschaft aus, die kaum vielfältiger sein könnte. Sie reicht vom Aletschgletscher, dem grössten der Alpen, bis zur heisstrockenen Felsensteppe, von Lappland bis Sizilien. Die unmittelbare Nähe arktischer und mediterraner Lebensräume fasziniert seit vielen Jahrhunderten Reisende, Literaten, Naturwissenschaftler – und natürlich auch Marco Volken bzw. uns Wanderer, die wir ab sofort mit seinem Führer unterwegs sein werden. Gerade im Herbst, wenn der Himmel tiefblau, die Vier- und Dreitausender schon schneeweiss und die Lärchen goldengelb leuchten. Das rucksacktaugliche Werk weist 312 Seiten auf und umfasst 18 Tages- und 3 Zweitagestouren, 4 Winterwanderungen sowie einen ausführlichen Serviceteil. Auf der Hinfahrt, der Rückfahrt und hoffentlich auch beim Übernachten in einer gemütlichen Unterkunft, dann begleitet von einem Glas aus den Oberwalliser Rebbergen, lesen wir die Geschichten: vom einst wichtigen Hotel Jungfrau und vom „Negerdorf“ in Naters, von unverwirklichten Ingenieurs- und von erlebbaren Gourmetträumen, von den Lötschbergtoten und von Glaubenszeichen am Wegrand.

Vor gut 100 Jahren erschienen die ethnografischen Monografien „Das Goms und die Gomser“, „Am Lötschberg: Land und Volk von Lötschen“ und „Sonnige Halden am Lötschberg“ von Friedrich Gottlieb Stebler (1852–1935); gesuchte Werke, die neu aufgelegt wurden. Marco Volkens „Oberwalliser Sonnenberge“ wird ebenfalls ein Klassiker. Denn: So wie es Gipfel und Gipfel gibt, gibt es auch Bücher und Bücher. Anders gesagt: Hüerugüet!

Marco Volken: Oberwalliser Sonnenberge. Wandern und Geschichten vom Goms bis zur Gemmi. Rotpunktverlag, Zürich 2019, Fr. 39.- www.rotpunktverlag.ch, www.marcovolken.ch

Adieu «Schöne Berge»! Am Sonntag, 1. September 2019, findet die Finissage der Ausstellung «Schöne Berge» im Alpinen Museum der Schweiz statt. Darauf verschwinden die gemalten Gipfel wieder in der Museumssammlung, darunter auch Oberwalliser Sonnenberge wie Aletschhorn, Bietschhorn oder Olmenhorn (dieses spiegelt sich in einem See von Märjelen auf dem Cover des druckfrischen Buches!). Spaziert also ein letztes Mal mit Mitwirkenden durch das aufgehängte Bergpanorama, geniesst die Aussicht bei einer Qigong-Lektion oder beweist beim Panorama-Lotto Gipfel-Kenntnisse; letzteres von 16.15 bis 17.00 Uhr, moderiert vom Verfasser der wöchentlichen Bergbuchtipps. Er freut sich mächtig auf Eure Teilnahme! www.alpinesmuseum.ch/de/veranstaltungen/schoene-berge?article=schoene-berge-grosse-finissage

Pizol – Bilder im Wandel

Wer mit den eigenen Kindern Orte besucht, die man selbst mit Kinderaugen sah, der weiss, dass alle Veränderung auch Anfang ist.
Wer seit Jahrzehnten in die Berge steigt sieht, oft voll Wehmut, wie überall die Gletscher schwinden. So hat jeder und jede seinen oder ihren Ort des Schmerzes und des Neuanfangs. Meiner liegt am Pizol.

20. August 2019

War ich neun, zehn oder elf Jahre alt, als mich mein Grossvater mit auf die Fünf-Seen-Wanderung nahm? Ich weiss es nicht mehr. Sicher aber war es in jener Zeit, als ich schon in Karten von Bergen las, mir sehr genau ihre Höhen merkte und wusste, welche der hohen unter ihnen man auf einem Weg besteigen konnte. Um diese bat ich dann meinen Grossvater: «Können wir nicht einmal dort hinauf?».

Immer höher wollte ich, wie jedes heranwachsende Kind.

Auf der Wildseeluggen, wo  sich der Blick zum Pizol öffnet, hatten wir damals eine Pause gemacht. In meiner Bubenerinnerung umschlossen dunkle, zackige Felstürme einen Gletscher, der sich in weissen Mulden das Hochtal hinabsenkte, bis zu einem See, der uns zu Füssen lag. Seilschaften gingen über die Firnflächen auf die Höchste der Felszacken zu und neben uns machte sich eine Gruppe bereit. Ich sah Steigeisen, Pickel und Seil. Echte Bergsteiger waren es, bewundernd schaute ich zu ihnen auf. Zwischen ihnen und mir lag, wie eine unsichtbare Pforte, der Gletscher. Als wären sie Helden in einem Märchenland, schritten sie auf ihn, und über ihn höher hinaus.

Kinderaugen erscheint alles grösser. Der Pizol war für mich ein hochalpines Ziel, vielleicht für später einmal, wenn ich älter sein würde. In das Heranwachsen, das anderswo geschah, nahm ich ein Erinnerungsbild mit, das blieb. Als Jugendlicher, als Student ging ich Bergsteigen, auch richtig, mit Seil, Pickel und Steigeisen, und hatte den Pizol auch noch mit wallendem Gletscher und dunklen Felsspitzen im Hinterkopf als ich, Jahrzehnte später, zurückkehrte.

2019: Mit meinen beiden Buben, sie sind acht und zehn, planen wir eine Bergtour. Und da kommt mir der Pizol in den Sinn. Das alte Bild, erweitert um das Hörensagen. Gibt es dort nicht mittlerweile einen Steig um den Rest des Gletschers herum? Mit einigen Drahtseilen? Das fänden die beiden total spannend! Und ein neuer Höhenrekord wäre es bestimmt. Letzteres lässt sich rasch in Erfahrung bringen, ich muss sie nur fragen, sie wissen die Höhen aller Gipfel, die sie schon bestiegen haben, auf den Meter genau. Wir sind begeistert und der Plan ist gefasst.

An der Wildseeluggen spielen Wolkenreste um die Grauen Hörner. Der höchste Punkt ist der hinterste, der, an dessen Fuss der Hang, blaugrau, an einer Stelle blankes Eis zeigt.

„ Ist das der Gletscher?», fragen die Buben. Wie im Flug steigen wir über die Flächen, die mit runden Buckeln das Hochtal ansteigen und steinig, dabei rötlich, grünlich, braun, beige, gelb, grau und schwarz sind, jedenfalls alles andere als weiss, wie sie in meiner Erinnerung waren. Vor uns, über uns, zwischen den friedlich ziehenden Nebeln, steigen buntgekleidet Menschen durch die dunklen Felsen.

«Da gehen wir auch hinauf», jauchzen die Buben begeistert und klettern später voll Freude über blockige Felsstufen, hängen die Karabiner ihrer Bandschlingen in die Drahtseile, den Markierungen nach, um immer neue Ecken, zu immer nächsten Stufen.

Der neue Weg umgeht den alten Gletscher in weitem Bogen und es ist schon spät als wir den Gipfel erreichen. Um Sechzehn Uhr fährt die letzte Bahn. Ich rechne. Über den Firn des alten Gletschers wären wir schneller, auch wenn er oben recht steil ist für die weichen Kinderbergschuhe. Die beiden sind noch unsicher auf dem Firn, rutschen leicht und trauen sich nicht recht. Trotzdem biegen wir am Pizolsattel links ab und erreichen, kurz über steiles Geröll, den obersten Schnee. Hier hole ich die dreissig Meter Reepschnur, die ich für alle Fälle mitgenommen habe heraus und binde uns zur Gletscherseilschaft zusammen. Nicht unbedingt der Spalten wegen, die es wohl kaum noch hat, sondern, um die beiden von oben zu halten, sollten sie auf dem ungewohnt geneigten, ausgleitenden Grund ins Rutschen geraten. So gehen wir erst gerade, dann in einem Rechtsbogen um den ausgeaperten Teil herum, die wenigen hundert Meter das Gletscherchen hinab. Da ist es kein schmerzlicher sondern ein glücklicher Moment als ich, am Ende des Seiles gehend, die Seilschaft meiner liebsten Menschen vor mir sehe und mit ihnen zusammen den Pizolgletscher begeh, nun doch noch wie ein echter Bergsteiger.

Was werden die Kinder für Bilder mitnehmen? Sie, die den Pizol gleich besteigen konnten als sie ihn zum ersten Mal sahen? Was wird ihr Leben bringen? Welche Berge, welche Höhen im echten oder übertragenen Sinn? An einem Seelein vorbei, dass es in meiner Kindheit noch nicht gab, steigen wir hinab. Die Generationen, die aufeinander folgen, gemeinsam durch die Landschaft, die in stetem Wandel ist. Was für ein schöner Tag.

Klettern wie wild

Fünf neue Kletterführer für die Schweiz mit insgesamt 1864 Seiten: „Genügend Stoff für ein ganzes Kletterleben“ (Sandro von Känel).

„Etwas verwaist und vergessen döste das kleine Klettergebiet Les Chenevières bis anhin hoch über dem Vallon de St-Imier. Kein Wunder, mit fünf gebohrten Routen und einem alten Sektor mit rostigen Normalhaken war es nicht gerade ein Kletter-Hotspot. Eigentlich schade, denn der Fels ist trotz waagrechter Schichtung erstaunlich fest. Es gibt viele Risse, und die Aussicht vom gemütlichen Grillplatz oberhalb der Felsen ist fantastisch und lädt zu längerem Verweilen ein. Alles gute Gründe, Les Chenevières aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken. In Rücksprache mit den Locals und Erstbegehern setzten wir eine neue Idee gleich in die Tat um: Ein Clean-Climbing Übungsklettergarten.“

Et voilà! Gelesen – aber noch nicht geklettert! – in einem ganz neuen und ziemlich anderen Kletterführer, mit einem ganz originellen, doppeldeutigen Titel: „C(H)lean“. Im Untertitel heisst das 464-seitige Gemeinschaftsprodukt von Schweizer Alpen-Club und Mountain Wilderness Schweiz so: „Klettern mit Friends und Keilen in der Schweiz“. Silvan Schüpbach und Tim Marklowski stellen 64 Gebiete vor, in welchen das Klettern mit mobilen Sicherungsmitteln erlernt und angewendet werden kann. Dabei reicht die Auswahl von Granit bis Kalk und von Plaisir bis Psychoterror. Und das in diesen acht Regionen: Jura-Schwarzwald, Unterwallis, Oberwallis-Domodossola, Berner Oberland, Zentralschweiz, Alpstein-Ostschweiz, Graubünden, Leventina-Locarno und Täler. Also mehr als die halbe CH, um clean zu klettern. Und um sauber zu grillieren…

Klettern boomt, ohne und vor allem an Bohrhaken. So auch im Glarnerland. Auf 348 Seiten warten Samuel Leuzinger und Thomas Wälti mit 516 Gebieten zwischen Klausenpass, Panixerpass und Walensee auf. Ob gemütlich im Klettergarten Urnerboden oder auf einer wilden Tour in den Jegerstöcken, ob in den sonnigen Linien am Brüggler oder in den schattigen Toprouten der Nordgalerie am Walensee – das Glarnerland bietet klettermässig für alle und jederzeit das passende Ziel. Alpin-, Sport- oder Kinderklettern, Bouldern, ja sogar Aid climbing ist möglich; der Führer „Glarnerland“ beschreibt die Reviere mit allen wichtigen Angaben.

Mit den beiden neuen Kletterführern ist der SAC seinem Ziel, dereinst die Klettermöglichkeiten an den Felsen der Schweiz umfassend in gedruckter Form zu erfassen und vorzulegen, ein paar schöne Seillängen näher gekommen. Allerdings gibt’s noch Lücken, insbesondere in der westlichen Schweiz; sie werden gefüllt durch andere Kletterführer.

Zum Beispiel durch die bekannten Führer aus der Edition Filidor. Gerade ist Schweiz plaisir WEST in fünfter Auflage erschienen – und erstmals in zwei Bänden. „Das liegt zum einen daran, dass immer wieder neue Plaisirgebiete entstehen oder alte saniert werden“, schreibt Sandro von Känel in der Einleitung. Zudem wurden die Klettergebiete am Susten- und Furkapass von Ost nach West umverteilt. Gibt zusammen 652 Seiten mit schier unzähligen Seillängen, in der Schweiz und ein bisschen noch in der Haute-Savoie. Die gehört(e) schliesslich ebenfalls zur Schweiz, wenigstens touristisch: „Cook’s Tourist’s Handbook for Switzerland“ von 1884 enthielt selbstverständlich auch die Tour of Mont Blanc.

Hierzulande verbleibt das berühmteste kletternde Brüderpaar, wenn es nicht gerade auch in Griechenland neue Routen eröffnet: Claude und Yves Remy. Unermüdlich sind die beiden kletternd unterwegs, Claude seit letztem Jahr gar als Rentner. Nun legen sie ihr (vorläufiges) Opus magnum vor, mit dem schlichten Titel Haupttitel „Escalades“. Auf 400 Seiten präsentieren sie 6000 Seillängen im Waadtland und Unterwallis, wie gewohnt mit allen nötigen Infos und viel Hintergrundwissen, mit Porträts von Kletterern und tollen Fotos. Nachhaltige Lektüre und Anleitung für unvergessliche Stunden am Steilfels.

Wir bleiben dran, mais bien-sûr!

Silvan Schüpbach, Tim Marklowski: Kletterführer C(H)lean! Klettern mit Friends und Keilen in der Schweiz. D/F. SAC-Verlag/Mountain Wilderness, Bern 2019, Fr. 59.-

Samuel Leuzinger, Thomas Wälti: Kletterführer Glarnerland. Urnerboden, Braunwald, Vorab, Chärpf, Glärnisch, Klöntal, Schilt, Brüggler, Näfels, Gäsi. SAC-Verlag, Bern 2019, Fr. 59.-

Sandro von Känel: Schweiz plaisir WEST, Band 1, Fribourg bis Furkapass; Schweiz plaisir WEST, Band 2, Wallis bis Lac d’Annecy. Edition Filidor, Reichenbach 2019, je Fr. 44.-

Claude et Yves Remy: Escalades. 6000 longueurs pour tous les niveaux. Vaud, Chablais, Bas-Valais, Sanetsch. Coloria Graphic Design, Vevey 2019, Fr. 55.-

Montag, 2. September 2019, 19 Uhr: Vernissage des Kletterführers Glarnerland in den Kletterhallen und Boulderhalle lintharena Näfels. Letztere ist mit 850 m2 Boulderfläche die grösste in der Ostschweiz.