Berg- und Flurnamen

Warum heissen die Höger und Halden, wie sie heissen? Ein neues Lexikon nimmt die Namen, insbesondere aus dem Kanton Bern, etymologisch unter die Lupe.

«O sieh, sieh», rief Heidi in großer Aufregung, «auf einmal werden sie [die Berge] rosenrot! Sieh den mit dem Schnee und den mit den hohen spitzigen Felsen! Wie heißen sie, Peter?»
«Berge heißen nicht», erwiderte dieser. […]
«Warum haben die Berge keinen Namen, Großvater?», fragte Heidi wieder.
«Die haben Namen», erwiderte dieser, «und wenn du mir einen so beschreiben kannst, dass ich ihn kenne, so sage ich dir, wie er heißt.»

Die beiden Gesprächsausschnitte stammen aus dem weltweit berühmtesten, am meisten gedruckten und übersetzten Schweizer Buch. Genau genommen sind es zwei Bücher: «Heidis Lehr- und Wanderjahre» (1880) und «Heidi kann brauchen, was es gelernt hat» (1881). Mit ihrem Heidi hat Johanna Spyri (1827–1901) eine mediale Almlawine losgetreten, die noch keineswegs zum Stillstand gekommen ist. Auch nicht rund um Maienfeld im Bündner Rheintal, Hauptschauplatz von Heidi. Da heisst die Autobahnraststätte natürlich Heidiland, da gibt es den Heidihof und die Heidihütte, da nennt sich das Taxi nach dem Mädchen und das Heidi Hotel setzt noch ein Swiss davor. Nur Heidiberg oder Heidihorn sucht man vergebens. Peter hingegen kommt hoch hinauf, bis auf den Petersgrat (3194 m) in den – nein, nicht Bündner, sondern Berner Alpen. Der Solothurner Gletscherforscher Franz Joseph Hugi (1796–1855) gab dem eisigen Grat zwischen Lötschental und Lauterbrunnental den Namen zu Ehren seines Führers Peter Baumann (1800–1853) aus Grindelwald, der ihn am 23. Juli 1829 bei der ersten touristischen Überschreitung begleitet hatte. Hugi seinerseits ist in der helvetischen Gipfelwelt mit dem Hugihorn (3647 m) beim Lauteraarhorn ebenfalls verewigt. Wie einige andere grosse und kleine Persönlichkeiten. Insgesamt erheben sich in der Schweiz 211 Personengipfel, von der Punta Dufour (4634 m) bis hinab zum Monte Diggelmann (534 m).

Der Petersgrat findet sich auch in «Kleines Flurnamenbuch für Wandernde» von Roland Hofer. Und gleich darunter Petersläägi. Um welche Peter es sich dort handelt, steht aber nicht, weil es darin auch nicht um Personen geht, sondern um Berge, Hügel und Hörner, um Löcher, Täler und Schluchten, um Abhänge, Halden und Wände, um Pässe, Sättel und Furggen, und schliesslich um Äbnit, Felder und Böden. Im fünften Kapitel trifft man auf die Erklärung für Läägi: «Subst. schwzd. Läägi f. ‹ebene, flache Lage; flaches Land, Ebene; sanft ansteigende, flache Halde›, Bildung zum Adj. schwzd. läg, lääg ‹liegend, sanft geneigt, fast eben, flach›. Zur Petersläägi steht in Klammern: «Alpgebiet N unterhalb des Rägeboldshore, Adelboden». Auf https://map.geo.admin.ch steht man sofort auf diesem wenig geneigten Feld. Zum Regenbolshorn, so der frühere Name auf der Landeskarte, gibt es keine Erklärung. Zu schier unzähligen anderen Namen in diesem mit Farbfotos illustrierten Nachschlagewerk aber schon, insbesondere aus dem Kanton Bern, und zwar von Aa bis Zybachs Platten. Zu diesen gleich drei Zeilen: «Felsplatten und Wegstück am Weg zur Glecksteinhütte, Grindelwald. Angeblich nach einem Schafhirten namens Zybach benannt. Wer unterwegs gut hinschaut, sieht noch die in die Felsen gehauenen Tritte.»

«Zybachs Blatten» (so die heutige Schreibweise auf der LK!) hatten 1910 einen prominenten Auftritt im sechsten und letzten Band des «Geographisches Lexikon der Schweiz» mit dem Titel «Tavetsch – Zybachsplatte». Der letzte Eintrag also in diesem von 1902 bis 1910 herausgegebenen Monumentalwerk. Monumental auch der sechste Band mit 859 Seiten; ihm sind nämlich Supplement, letzte Ergänzungen und Anhang miteingebunden, was 1328 Seiten und gut 3,4 Kilo ergibt. Wer hätte gedacht, dass diese nach einer Person benannte Passage am Wetterhorn es auf einen Lexikontitel bringt?

Roland Hofer: Kleines Flurnamenbuch für Wandernde. Weber Verlag, Thun/Gwatt 2026. Fr. 29.-

High Noon am Berninapass

Neue Romane von zwei Autorinnen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Aber beide spielen in den Alpen, genauer: im Oberengadin. Am Schluss fahren die Hauptfiguren mit dem Auto über den Berninapass, die einen über den richtigen, der andere vielleicht über einen fiktiven.

«Warum bin ich hier?», fügt er mit einem Blick auf den Tisch hinzu. «Doch bestimmt nicht wegen der Nusstorte.»
«Es gibt Probleme am Arabrena-Stauwerk. Und ich brauch jemanden, der sich da oben auskennt.»

«Ich: Ich muss jetzt auch los. Der Berg ruft!
Ferdinand: Es schüttet. Und der Kaviar ist noch gar nicht da.»

Gesprächsausschnitte aus zwei neuen Romanen, darin die Berge eine zentrale Rolle spielen, heute und morgen.

Seraina Kobler schickt in «Tal der Schwalben» den jungen Energiewissenschaftler Alesch Mastei zurück in seine Bündner Heimat – und voraus in eine leider gar nicht mehr so ferne Zukunft, mit steigenden Meeresspiegeln, anschwellenden Flüchtlingsströmen, fast verschwundenen Gletschern und mit einer zweigeteilten Schweiz: der Metropolitane im Mittelland und dem Restland in den Bergen. Zur alpinen Brache gehört auch das einst mondäne Oberengadin.

Caroline Wahl schickt in «1999 Meter über dem Meer» die junge Kommunikationsfachfrau Samara – sie nennt sich auch Mary, Lena und Teresa – auf einen Selbstfindungstrip nach Bali, Berlin, zu den Eltern irgendwo in Deutschland, nach Oberstdorf und insbesondere nach St. Moritz, wo sie sich als Fotografin inszeniert bzw. inszeniert wird. Am liebsten sitzt die Hauptfigur, wie die Autorin selbst, in einem Cabriolet. Nicht zufällig ist auf dem Cover denn auch Karl Bickels Plakat für die 2. Internationale St. Moritzer Automobilwoche 1930 abgebildet: rote Autos rasen über eine kurvenreiche Passstrasse hoch. Ganz anders Koblers Schwalben, die vor einem unheilvollen, farbigen Himmel gegen einen schwarzen Felsen fliegen, der einer Sphinx oder Kassandra gleichen mag.

Und so wie die Zuckerbäcker aus dem Engadin jeweils wie Schwalben, wie Randulins, aus der Ferne in ihre Heimat zurückkehrten, so macht das auch Alesch, nur halb freiwillig, denn die Chefin des allesbeherrschenden Stromkonzerns schickt ihn zum Arabrena-Gletscher, wo in einem geheimen Labor eine revolutionäre, leider auch hochgefährliche Energiegewinnung getestet wird. Arabrena, das tönt wie Cambrena, und diesen Gletscher gibt es noch, südwestlich des Berninapasses. Arabrena ihrerseits existiert bereits, weiss die künstliche Intelligenz: «eine digitale Wissens- und Ausbildungsplattform, die sich auf die Förderung von erneuerbaren Energien in der Region Naher Osten und Nordafrika konzentriert.» Das nur nebenbei. So wie auch nur am Rande notiert sei, dass sich bei der Beschreibung der Bahnstrecke vom Genfersee nach Bern geografische Unstimmigkeiten eingeschlichen haben. Vielleicht ändern sich ja, wenn das Land in eine Arbeits- und Lebenszone sowie in eine Sperrzone halbiert wird, auch die Verkehrsströme? Jedenfalls ungemütliche Zukunftsaussichten. Hoffen wir, dass es dann noch Leute mit gesundem Menschenverstand gibt, wenn die Gletscher nicht nur schmelzen, sondern in die Luft fliegen, wie der halbfiktive am Berninapass.

Über diesen Pass verlassen Samara und ihr Fritzi, den sie in Berlin erstmals getroffen und dann in St. Moritz wiedergefunden hat, «das süße Dörflein» – und das Buch. Kurz nachdem sie sich in einer einfachen Hirtenhütte, in der über der Tür «1999 Meter» ins Holz geritzt ist, die gegenseitige Liebe gestanden haben. Auf der Landeskarte findet sich die Hütte nicht, muss es auch nicht, ein bisschen Hochstapelei darf sein, wie der ganze Roman ja so gelesen werden kann und muss. «Wie eine junge Hochstaplerin die St. Moritzer High Society an der Nase herumführt», lautet eine erfundene Spiegel-Schlagzeile. Ganz real ist jedoch, dass Caroline Wahl für ihre Romantitel gerne Zahlen wählt: «22 Bahnen» und «Windstärke 17» hiessen ihre ersten beiden Werke – beide verkauf(t)en sich bestens.

Ganz real ist ebenfalls, was Annetta, die Jugendliebe von Alesch, zu den Lebensaussichten in den Bergen sagt; sie will dort oben bleiben – was sie erwartet, gilt freilich auch unten im Tal: «Es wird noch schwerer, hier zu leben. In diesem schnellen Wechsel von zu viel und zu wenig. Hitze, Dürre, zu wenig Wasser, dann zu viel. Kein Schnee oder Berge davon.»

Caroline Wahl: 1999 Meter über dem Meer. Roman. Rowohlt Verlag, Hamburg 2026. € 24,00. Am 19. Oktober 2026 um 20 Uhr im Kaufleuten Zürich stellt Caroline Wahl ihr neues Buch vor. https://kaufleuten.ch/event/caroline-wahl-literatur/

Seraina Kobler: Tal der Schwalben. Roman. Diogenes Verlag, Zürich 2026. € 25,00. Am 14. September 2026 um 18.30 an der Uni Luzern findet die Lesung von Seraina Kobler statt, mit anschliessender Diskussion mit Prof. Dr. Boris Previšić, Direktor des Urner Instituts Kulturen der Alpen, und Prof. Dr. Max Baumgart, Energierechtler am Zug Institute for Blockchain Research. https://www.unilu.ch/agenda/prof-dr-boris-previsic-seraina-kobler-und-prof-dr-max-baumgart-energie-10564/

Wenn der Berg ruft

Schriften und Ausstellungen zum Tourismus in den Bergen. Worauf warten wir noch?

«La montagne continue à être vue comme un problème, alors qu’elle est une opportunité.»

Sagt Giacomo Lombardo, 83 Jahre alt, Bürgermeister des Dorfes Ostana im oberen Valle Po in den Alpen des Piemonts. Und er gibt auch gleich die Rezepte weiter, wie es ihm gelang, das Dorf vor dem Aussterben zu retten. Eines von ihnen ist als Zitat hervorgehoben: «Ici, il y a un moment important, c’est celui du pastis que l’on boit avant le déjeuner. A Ostana, il ne restait même plus un bar pour partager ça, c’était essentiel de recréer des lieux pour que les gens se rencontrent.» Das ganze Gespräch, das die freie Journalistin Sandy Plas mit Giacomo Lombardo führt, ist zu lesen in der Ausgabe Juli/Dezember der Halbjahreszeitschrift «So Good. Pour un monde moins pire»; im Untertitel steht «écologie – féminisme – solidarité – société». Auf dem Titelbild hängt der Cervino kopfüber, darunter stehen diese Schlagzeilen: «La montagne fait sa révolution. 164 pages d’histoires renversantes. Un monde sans ski – Tinder surprise au sommet – La neige, un truc de Blancs ? – Un village italien ressuscité». Sehr lesenswert ebenfalls das Interview mit Fiona Mille, Präsidentin von Mountain Wilderness France; auch hier wieder ein im Text hervorgehobenes Zitat: «À Plateau-des-Petites-Roches, la mairie à racheté des parcelles agricoles pour permettre de développer une agriculture biologique en plus de l’élevage: On ne peut pas passer toute sa vie à manger du reblochon.» Greyerzer vielleicht auch nicht… Apropos Gruyère: Die Tinder-Gipfel-Geschichte spielt in den Freiburger Alpen – aufpassen also, was dort im Gipfelbuch steht bzw. was notiert wird.

Zarte Bande in den Bergen entstehen ebenfalls im Roman «Hotel Sardona». Martin Oesch und Ralph Weibel erzählen die Geschichte eines verfallenden Hotels im Calfeisental im St. Galler Oberland. Drei zerstrittene Geschwister erben das Gebäude, natürlich geht das nicht gut, den Menschen mit Migrationshintergrund, die dort ein Dach überm Kopf gefunden haben, auch nicht. Und da sind noch die Behörden und die Denkmalpflege, die mitreden wollen und müssen, wie das Hotel restauriert werden könnte. «Kann aus den Trümmern der Vergangenheit eine gemeinsame Zukunft entstehen?» Diese Frage liest man auf dem Klappentext. Ich könnte sie beantworten, finde jedoch: selber lesen. Besser noch: hinfahren. Das Postauto vom Bahnhof Bad Ragaz fährt bis zur Endstation Staudamm Gigerwald etwas oberhalb der Haltestelle Restaurant Gigerwald. Dann geht oder ginge es zu Fuss auf der Strasse dem See entlang in einer guten Stunde zum Berghotel St. Martin oder noch gleich weiter in die Sardonahütte SAC.

Der 1863 gegründete Schweizer Alpen-Club hat zu Recht einen Auftritt in der Ausstellung «Tourismus. Reiseziel Schweiz» im Forum Schweizer Geschichte in Schwyz. Wie wurde die Schweiz vom Zwischenhalt adeliger Bildungsreisender zum Sehnsuchtsort, Ferienklassiker und Selfie-Hotspot? Die Ausstellung nimmt die Besucherinnen und Besucher mit auf eine Reise durch die Geschichte des Schweizer Tourismus. Sie zeigt relevante Entwicklungen, die das Reiseland Schweiz geprägt haben, und stellt zugleich die Frage, wohin die Reise künftig geht. Dabei wird deutlich, dass Tourismus weit mehr ist als Erholung. Er ist Wirtschaftsfaktor, Sehnsuchtsmaschine und Spiegel aktueller Debatten über Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Klimawandel. Eine starke Ausstellung, mit clever ausgewählten Zeugnissen und Installationen. Das mittlerweile berühmte Drehkreuz am Steg in Iseltwald steht bereit, wahlweise mit dem Brienzersee oder dem Matterhorn als Hintergrund. Klar, um den Berg der Berge kommt keine Ausstellung zum helvetischen Tourismus herum. Einmal mehr wird aber fälschlicherweise dies behauptet: «Ab dem 19. Jahrhundert erobern britische Alpinisten die Schweizer Gipfel.» Denn: Bis 1800 wurden 24 Schweizer Gipfel erstmals bestiegen, darunter so grosse wie Titlis und Rheinwaldhorn. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kamen weitere 114 Gipfel dazu, die von Schweizer Alpinisten «erobert» wurden, darunter acht Viertausender wie Jungfrau und Piz Bernina; nur bei vier dieser 114 Erstbesteigungen waren Engländer beteiligt. Das Matterhorn gibt es selbstverständlich auch als Souvenir, leider nur in der Ausstellung und nicht im Shop: Die roten Finken mit dem schwarzweissen Foto und der ausgedruckten Schrift «Original Swiss» hätte ich natürlich sofort gekauft, auch wenn der Berg ebenso original italian ist…

Apropos Souvenir: Wer die Ausstellung «Souvenir. Selfies, Kitsch und Gipfelsteine» im ALPS in Bern noch nicht gesehen hat, sollte dies unbedingt nachholen:  https://bergliteratur.ch/everest-lhotse-1956-2026/ Dort findet man Souvenirs, wie man sie noch nie gesehen hat. Sogar bezüglich des Matterhorns.

La montagne fait sa révolution. So Good. Pour un monde moins pire. Juillet/Décembre 2026. € 14,90. www.sogoodstories.com

Martin Oesch, Ralph Weibel: Hotel Sardona. Roman in den Schweizer Alpen. Gmeiner Verlag, Meßkirch 2026. € 16,00.

Forum Schweizer Geschichte Schwyz: Tourismus. Reiseziel Schweiz. Bis 2. Mai 2027. https://www.forumschwyz.ch/tourismus

ALPS: Souvenir. Selfies, Kitsch und Gipfelsteine. Bis Januar 2028. https://alps.museum/ausstellungen/souvenir

Wunderbare Bergtäler

Drei ganz unterschiedliche Bücher zu Tälern in den Schweizer Alpen.

«Schieferblau wird der Nachmittag. Die Almböden still wie Feiertage, am Himmel stehen bauschige Wolken und schläfrig surrende Fliegen kreisen über Kuhfladen. Kein Lüftchen, kein Gräserzittern, nur Sommerstille – bis eine Lawine ins Tal poltert…»

Wunderbarer Einstiegstext in die 13. Szenenfolge, überschrieben mit Dürrenberg, einer Alp hinten im Kiental, am Weg zur Sefinenfurgge. Entnommen dem Buch «Wundersames Kiental. Ein Porträt der 1950er-Jahre». Darin verbindet die Musikerin, Schauspielerin und Autorin Christina Zurbrügg, aufgewachsen in diesem von der Blüemlisalp gekrönten Tal, 100 historische Filmstills von Albert Landtwing mit poetischen Texten zu einem grossartigen literarischen Fotoband. Der Berner Amateurfilmer Landtwing hielt in den 1950er-Jahren das Leben in dem berühmten Bergbauerndorf fest, wo einst Lenin tagte und Dürrenmatt soff. 19 Szenenfolgen zu unterschiedlichen Themen, wobei Chilbi und die Folgen gleich drei einnehmen. Und natürlich kommt auch die steile Postautostrasse hinauf auf die Griesalp zu Wort und Bild:

«Früher war hier das Klipp-Klapp der Maulesel auf dem farnwaldigen Saumpfad, fliegenschweissdampfendes Fell trottete die tauwasserschwammigen Kurven hinauf, auf dem Rücken Proviant und Menschen, Kolonialwaren und Kolonialisten.»

Wir wechseln Tal, Buch und Sprache. Vier italienischsprachige Bündner Südtäler gibt es. Eines von ihnen ist eine Sackgasse, ausser für Wanderer und Bergsteigerinnen. Das Val Calanca – sagenhaft schön und wild. Und voller alter Geschichten, welche die Talbewohnerin Verena Schwarzer in «Val Calanca. Im Tal der Sagen und Legenden» zu neuem Leben erweckt, zusammen mit stimmungsvollen Fotos von Urs Bolz. Ein Buch zum Lesen: zuhause, viel besser aber vor Ort. Denn es ist immer wieder eine Erkundung wert, dieses Tal abseits bekannter Wege. 63 Geschichten, verteilt auf 14 Orte, erzählen vom Grossvaterbaum in Castaneda, vom Mörderbrunnen in Buseno und von der schwarzen Nonne in Cauco, vom Geist eines verlorenen Wanderers, vom Sennentuntschi von Masciadon und von der Nymphe des Ria di Calanca. Dazu gibt das gediegen gemachte Buch kurze Einblicke zu den Schmugglern und Banditen des Tales, zu den Hexen und heiligen Helfern, zu den Schalensteinen.

Wir bleiben in Graubünden, wandern aber über die Pässe Passit, San Bernardino und Valserbärg ins Bündner Oberland, genauer: in die Region zwischen Rheinwaldhorn und Piz Mundaun. Das von Tobias Heinisch und Rita Schmid herausgegebene Buch «Convivenza. Unterwegs in Vals, Lumnezia und Obersaxen Mundaun» stellt diese drei Berggemeinden auf der rechten Seite des Vorderrheins vor; sie haben gemeinsame Grenzen, aber unterschiedliche sprachliche, kulturelle und konfessionelle Wurzeln. Mehrere Autorinnen und Autoren befassen sich mit Sprache, Kunst, Musik, Architektur, Tourismus und Landwirtschaft. Dazu wird in jeder Gemeinde eine aufschlussreiche Wanderung präsentiert. Ganz besonders ist die Fotostrecke «Vischinonzas – Nachbarschaften. Leben mit dem Wolf». Jaromir Kreiliger hat ihn in ganz alltägliche Fotos hineinkopiert, mal in einer Kurve der Alpstrasse, mal mitten im Dorf, dann bei der Talstation eines Sesselliftes oder hinter einem Heuballen, und über die Staumauer des Zervreilasees spazieren gleich drei Wölfe. Was im Buch fehlen, sind eine Übersichtskarte von heute und Winterfotos. Immerhin gibt es in den drei Gemeinden zwei ganz feine Pistenskigebiete. Und für Skitouren sind die Täler dort einfach wunderbar.

Christina Zurbrügg: Wundersames Kiental. Ein Porträt der 1950er-Jahre. Wondrous Kiental. A portrait of the 1950s. Mit Bildern von/With photos by Albert Landtwing. AS Verlag, Zürich 2026. Fr. 29.-

Verena Schwarzer: Val Calanca. Im Tal der Sagen und Legenden. Mit Fotos von Urs Bolz. AS Verlag, Zürich 2026. Fr. 29.80.

Tobias Heinisch, Rita Schmid (Hg.): Convivenza. Unterwegs in Vals, Lumnezia und Obersaxen Mundaun. Mit Fotos von Lucia Degonda. Hier und Jetzt Verlag, Zürich 2026. Fr. 39.-

Hüttenwelten

Vier neue, ganz unterschiedliche Bücher zu touristischen Hütten in den Alpen.

«Ci sono pochi luoghi nelle Alpi dove poter pernottare e godersi un ambiente e un panorama come questo.»

Sagt der Tessiner Hüttenobmann Massimo Gabuzzi in der aktuellen, achten Auflage seines Führers «Capanne e rifugi del Ticino e della Mesolcina» über das 2023 eingeweihte Bivacco Piano della Parete (2726 m), wichtiger Stützpunkt des Gipfeltrekkings Via Alta Crio, das in zehn Tagen Lumino mit Lucomagno verbindet. Der moderne Bau auf einer Ebene hoch oben und hinten in der Val Malvaglia ist die zweithöchste Hütte in den Tessiner Alpen und ziert das Cover von Gabuzzis Bestseller. Nicht die einzige neue alpine Unterkunft darin. Neu sind ebenfalls die Capanna Gambarogno (die Hüttenterrasse bietet eine wunderbare Aussicht auf den Lago Maggiore), die neue Capanna Gesero schier unendlich weit oberhalb von Bellinzona oder die Hütte auf der Alp de Rossiglion im Val Calanca. Sie trägt die Nummer 83 und ist die letzte Capanna im ersten Teil des Führers. Im zweiten listet Gabuzzi weitere 135 Rifugi auf, oft mit vier bis zehn Plätzen wie die elf Gebäude in den Tälern von Lostallo im Misox, bei denen allerdings immer der Hinweis «Nel periodo di caccia alta, riservato ai cacciatori» steht.

Um wilde Tiere, freilich nicht um die Jagd, drehen sich auch zwei Kapitel in einem aussergewöhnlichen Hüttenbuch. Seit 1912 dient die Lidernenhütte der SAC-Sektion Mythen hinten im Riemenstaldner Tal als Ziel und als Ausgangspunkt für kleine und grosse Touren in der Chaiserstock-Kette. Was alles möglich, wer dabei war und ist, wer in der Hütte kocht(e) und wer die Gipfel rund um die Hütte mit (Kletter-)Wegen erschloss, sagt uns Xaver Büeler im gross(formatig)en Werk «Lidernen. Bergheimat und Sehnsuchtsort» auf 320 Seiten mit 257 Fotos. Noch selten ist eine SAC-Hütte so vielfältig vorgestellt worden. Während Baden, Stand-up-Paddeln oder gar Foilen im Alpler oder Spilauer See möglich ist, genügend Wasser vorausgesetzt, liegt die Lidernenhütte (1729 m) für Gletschertouren ein wenig zu tief. Das gilt jedoch wegen des kräftig vorangehenden Gletscherrückgangs ebenfalls für höher gelegene Hütten.

Genau davon lesen wir im zwingend aktuellen Buch «Die letzte Hütte der Alpen». Matthias Ballweg und Bertram Kloss nehmen uns mit auf eine «Reise in die Zukunft unserer Berge» und geben «Antworten auf den Klimawandel zwischen Gletscherschwund und neuer Wildnis». Es ist dies eine so eindringliche wie unangenehme Bestandsaufnahme eines immer mehr von Rissen und Rutschen bedrohten Lebens- und Sportraums. Am Schluss des Buches bewertet eine Tabelle 300 alpine Schutzhütten der Ostalpen und ihre Exposition zu Klimafolgen anhand der fünf Themen Permafrost, Wassermangel, Gletscherschwund, Schneemangel und Biodiversität, jeweils mit den Bewertungen rot (grosse Exponiertheit), orange (hohe Exponiertheit), gelb (Übergang und Unsicherheit) und grün (Stabilität). Für die Sesvennahütte (2258 m) am Rande des Unterengadins gab es fünfmal grün, für die Mannheimer Hütte (2679 m) im Rätikon nur die drei andern Farben.

Ob die beiden genannten Hütten unweit der Schweizer Grenze oder gar die Lidernenhütte zu den «800 plus hauts refuges des Alpes» gehören, kann an dieser Stelle nicht gesagt werden. Denn dieses Hüttenbuch liegt leider nicht ganz vor mir, sondern nur ein paar ausgewählte Seiten der Verlagsvorschau. Was sicher ist: Es sind die Hütten aufgelistet, nicht die Biwaks. Denn bei der höchsten Hütte der Schweiz findet sich die Mönchsjochütte (3656 m), aber weder das Schalijochbiwak SAC (3787 m) noch das Mischabeljochbiwak SAC (3853 m) und schon gar nicht das Solvaybiwak (4003 m) am Hörnligrat des Matterhorns, das ja nur in Notfällen benutzt werden darf. Anthony Felber listet auch die kleinsten Hütten der Alpen auf. Zuoberst steht bei ihm die Capanna Punta Penia (3340 m) mit neun Plätzen; sie liegt auch sonst zuoberst, nämlich auf der Marmolada, dem höchsten Gipfel der Dolomiten. Einen Schlafplatz weniger bietet das Rifugio Camosci (2908 m) vier Meter unterhalb der Cristallina. Weiter oben lässt sich in einem Gebäude des Tessins nirgends nächtigen. Buona notte!

Massimo Gabuzzi: Capanne e rifugi del Ticino e della Mesolcina. Salvioni Edizioni, Bellinzona 2026. Fr. 36.-

Xaver Büeler: Lidernen. Bergheimat und Sehnsuchtsort. Weber Verlag, Thun/Gwatt 2026. Fr. 59.-

Matthias Ballweg, Bertram Kloss: Die letzte Hütte der Alpen. Eine Reise in die Zukunft unserer Berge – Antworten auf den Klimawandel zwischen Gletscherschwund und neuer Wildnis. Bergverlag Rother, Oberhaching 2026. € 28,00.

Anthony Felber: Les 800 plus hauts refuges des Alpes. France, Suisse, Italie, Autriche, Allemagne, Slovénie. Hachette Tourisme, Vanves 2026. € 25,00.

Schmuggellandschaften

Wer wissen möchte, wie früher zwischen Italien und der Schweiz geschmuggelt wurde – und warum so viele Männer, aber auch Frauen – dieser Tätigkeit auf beiden Seiten nachgingen, ja nachgehen mussten, wollten sie nicht verhungern, sollte sich unbedingt in das Heimat- und Wanderbuch «Schmuggellandschaften» vertiefen.

«Dann fassten die zehn Mann die vorbereiteten Ballen. Tredeschin, Riccardo und ein Alter hängten Rucksäcke an den Rücken, worin die Wegzehrung der Schar enthalten war. ‹Ich gehe voran. Ihr zählt bis auf Dreihundert, dann folgt ihr. Ruft zweimal hintereinander ein Käuzchen, heißt dies, der Weg sei frei!›, erklärte Tredeschin. ‹Hört ihr dagegen einen Fuchs bellen wie der, den man jede Nacht in Madesimo vernehmen kann, dann bleibt stehen und wartet auf Anweisungen. Ertönt jedoch der Schrei des röhrenden Rehbocks, dann ist Gefahr im Anzug, und jeder hat sich auf eigene Faust zu retten, so gut er kann. Das Ziel unseres Reisleins kennen alle.›»

Ausschnitt aus dem Jugendroman «Joachim als Grenzwächter», den der Volksschullehrer, Psychotherapeut und Schriftsteller Hans Zulliger 1948 veröffentlichte. Der Geograf, Landschaftsplaner und Buchautor Dominik Siegrist lässt diesen Roman aufleben in der Wanderung vom italienischen Madesimo südlich des Splügenpasses über den Grenzpass Niemet ins bündnerische Innerferrera. Sie ist eingebunden in das überzeugende, tiefgründige, grossartig mit alten und aktuellen Fotos und Abbildungen illustrierte Werk «Schmuggellandschaften. Wege und Geschichten an der Schweizer Südgrenze».

Was die beiden Herausgeber Dominik Siegrist und Franz Ebner mit ihren neun Komplizen und zwei Komplizinnen schildern und zeigen, ist lesenswert und nachvollziehbar zugleich. Ein Lesewanderbuch so gewichtig wie die Ballen, die vor allem nachts über wilde Pfade getragen wurden, verpackt mit allen nötigen (wander-)touristischen Angaben zu den 42 Wanderungen entlang der längsten Grenze der Schweiz mit einem der fünf Nachbarländer, also vom Unterengadin bis ins Unterwallis. Zum Mitnehmen ist das Buch etwas zu schwer, aber man sollte das spannende (Weg-)Stück italo-helvetischer Geschichte ohnehin zuerst zu Hause lesen. Sie erstreckt sich von 1861 bis 1975, ja bis heute, denn dank diesem Werk können wir sie vor Ort und mit leichtem Gepäck erleben; die aufs Handy kopierten Routenbeschreibungen wiegen nicht viel… Und: Wir müssen ja nicht über die Pässe wandern, wir dürfen. Anders die Einheimischen einst: Sie mussten mit dem Schmuggel ihren Lebensunterhalt verdienen, auf beiden Seiten der Grenze, Männer und Frauen.

In seiner Einleitung zu den Schmuggellandschaften Bergell, Avers, Valchiavenna und Val Malenco zitiert Dominik Siegrist eine Frau, die der Forscherin Silvia Pedrini – sie kam in ihren Untersuchungen in Villa di Chiavenna zum Schluss, dass vom 19. Jahrhundert bis in die 1950er Jahre praktisch die gesamte Bevölkerung mit dem Schmuggel zu tun hatte – erzählte: «Stell dir vor, ich habe den Sack auch getragen. Ich war im siebten Monat schwanger. Ich hatte keine richtigen Schuhe, Holzschuhe. Ich versteckte die Waren in der Gerla [Tragkorb] und deckte sie mit Laub zu. Ich hatte Angst. Aber meine Mann sagte, eine schwangere Frau würde niemals verfolgt.»

Dominik Siegrist, Franz Ebner (Hg.): Schmuggellandschaften. Wege und Geschichten an der Schweizer Südgrenze. Rotpunktverlag, Zürich 2026. Fr. 45.-

Draussen und drinnen

Aus Schweizer Verlagen stammen die drei Bücher aus den Bergen, in denen ein Dach über dem Kopf (über)lebenswichtig ist. Es kann aber auch zu dick sein.

«Benvenuto a casa, Maria», grüsst Basilio seine Nichte.
«Buon giorno, Zio.»
«Es freut mich sehr, dass du gekommen bist», fügt der Alte an. Er legt seine Hände auf ihre Schultern und betrachtet sie stolz. «Ich wusste nicht, dass meine Nichte so bezaubernd ist!»
Maria lacht und schüttelt den Kopf. Dann liegen sie sich in den Armen.
«Komm, lass uns nach Hause gehen, ich habe Feuer gemacht.»

Ausschnitt aus «Der letzte Wildheuer. Als das Heu noch den Tessiner Himmel berührte» von Christian E. Besimo. Der Ethnograph aus Leidenschaft forscht im Val Verzasca über die Realitäten damals und heute und hat dazu schon zwei Bücher geschrieben, «Die Kraft der Düra» und «Das schweigende Tal. Eine Spurensuche», in denen der Älpler Matteo im Zentrum steht, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die verbliebenen Spuren der grossartigen alpinen Kulturlandschaft in diesem Tessiner Tal zu dokumentieren und so vor der Vergessenheit zu bewahren. In seinem jüngsten Buch, das Besimo wieder mit eigenen Fotos und Zeichnungen bereichert, heisst die Hauptfigur Basilio. Und wieder lernen wir mit ihm eine Welt kennen, die irgend einmal vergangen sein wird, verschwunden im Bergwald, der die kargen Weiden und wilden Wege überwuchert. Aber wer weiss, hoffentlich werden seine Nichte oder andere Marias die Hütten hoch oben vor dem Einstürzen bewahren.

Zita klopft dreimal an die Tür und schlägt mit den Füssen gegen den vergitterten Abtreter, um diesmal auf anständigere Weise ins Innere zu gelangen.
«Hallo, Entschuldigung, kann ich reinkommen?»
«Natürlich, nur herein.»
«Machen Sie bitte schnell die Tür zu.»
«Ja, pardon, danke. Uff, tut das gut, ein Dach über dem Kopf zu haben.»

Ausschnitt aus «Die Pfeife», der ersten und längsten von sieben Erzählungen im Buch «Tombola» von Jérémie Gindre. Der Genfer Schriftsteller und Künstler lässt seine Figuren an verschiedenen Orten auftreten: Auf dem Plateau de Bure im Massif du Dévoluy, wo sich Zita kurzfristig vor dem Unwetter retten kann, bevor man für eine Rettung wieder nach draussen muss; im Lake District, bei der Mündung des Sankt-Lorenz-Stromes und bei den Niagarafällen; aber auch in der Schweiz, im Solothurner Jura oder Wallis. Titel der Geschichte dort, wahrscheinlich im Val d‘Arpette: «Anleitung zum Verlassen der Hütte». Ob diese hilft, das Leben (wieder) im Griff zu haben? Oder doch wenigstens den Weg draussen zu finden?

«Wo sind wir?»
«Immer noch auf dem Pass, glaub ich.»
«Sollen wir warten, bis jemand kommt?»
«Ich weiss nicht.»
«Wenn’s euch recht ist, gehe ich voraus.»
«Bist zu sicher, dass wir auf dem richtigen Weg sind?»

Ausschnitt aus dem 33. und letzten Kapitel von «Réduit» von Alexander Raschle. Der St. Galler Werber und Schriftsteller lässt während des Kalten Krieges drei junge Männer ihren Wiederholungsdienst in einer geheimen Bunkeranlage auf dem Gotthard absolvieren. Was als Übung beginnt, wird in der Isolation zur Zerreissprobe – der eigentliche Feind lauert nicht draussen, sondern drinnen. Mehr zu den Bunker- und Réduitfantasien in der Schweizer Literatur hier: https://bergliteratur.ch/bergende-berge/. So düster es in einer Hütte mit dicken Steinmauern oder auch im Berginnern sein mag, etwas ist sicher und wäre in der letzten Juliwoche des Sommers 2026 wohl begrüssenswert: die Temperatur.

Christian E. Besimo: Der letzte Wildheuer. Als das Heu noch den Tessiner Himmel berührte. AS Verlag, Zürich 2026. Fr. 29.80. Vernissage am 20. August 2026 in der Kantonsbibliothek Schwyz, 19.00 bis 20.30 Uhr; https://vhsz.ch/thema/buchvernissage-von-christian-e-besimo-der-letzte-wildheuer/; Anmeldung erwünscht.

Jérémie Gindre: Tombola. Verlag die Brotsuppe, Biel/Bienne 2026. Fr. 28.-

Alexander Raschle: Réduit. Orte Verlag, Herisau 2026. Fr. 29.90.

Alpinismusgeschichte(n)

Eine von der Section Genevoise du Club Alpin Suisse zusammengestellte Ausstellung in Versoix widmet sich «161 ans d’alpinisme international à Genève». Enrico Camanni stellt die 30 wichtigen Gipfel der italienischen Alpen und ihre Geschichten vor. Und in «Könige im Wilden Kaiser» wird die Edelweißgilde Kitzbühel porträtiert.

«De 1893 à 1938, la Section genevoise organisa chaque année plusieurs séances de projections de photographies, puis de films sur la montagne, commentés et accompagnées par sa chorale. Ces soirées le plus souvent organisées à la Grande Salle de la Réformation attiraient couramment plusieurs milliers de spectateurs.»

Als ich diese Zeilen über die erfolgreichen, von der Chorgruppe untermalten Foto- und Filmabende der Genfer Sektion des Schweizer Alpen-Clubs las, war ich der einzige Zuschauer. Gut, es war ein Nachmittag unter der Woche und kein Samstag Abend, zudem brannte die Sonne tüchtig auf den Genfersee, so dass es sehr verständlich war, sich eher in Gewässern dieser berühmten Stadt der Bergsteiger aufzuhalten als im Gebäude, wo eine Ausstellung jene feiert. Doch es lohnt sich unbedingt, trotz möglichen meteorologischen Hindernissen bis zum zweiten August 2026 die in Versoix bei Genf gezeigten «161 ans d’alpinisme international à Genève» zu besuchen.

Im Lauf von 161 Jahren haben Genf, die 1865 gegründete Section genevoise du Club Alpin Suisse und die 1918 gegründete Section genevoise du Club Suisse de Femmes Alpinistes eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der Wissenschaften, Künste, Techniken und Praktiken im Zusammenhang mit dem Alpinismus gespielt. Anhand der Archive der Genfer SAC-Sektion und mit Unterstützung des ALPS-Museums in Bern, des Stadtarchivs und der Vereinigung für das industrielle Erbe von Genf beleuchtet diese Ausstellung verschiedene Facetten des Einflusses, den Genfer Wissenschaftler und Künstler, Alpinisten und Alpinistinnen ausgeübt haben. Fotos, Gemälde, Zeichnungen, Journals, Plakate, Pickel, Modelle und Plastiken: eine anregende, gut dokumentierte Mischung, mit Berühmten wie Albert Gos (le peintre du Cervin wurde 1939 Ehrenmitglied der Section genevoise), Felix Valentin Genecand, genannt Tricouni (wie seine von ihm erfundenen Eisenbeschläge für die Sohlen der Bergschuhe), André Roch (der mithalf, den Skiort Aspen zu entwickeln), Yvette Vaucher (das Ausstellungsplakat zeigt sie in der Matterhorn-Nordwand, die sie 1965 als erste Frau durchstieg). Was fehlt, sind Hinweise darauf, dass es in Genf nicht nur die sections genevoises des CAS und des CSFA gab, sondern noch zahlreiche andere alpinistische Vereine. Mehr dazu im Buch «Citadins au sommet. L’alpinisme genevois (1865-1970): un siècle d’histoire culturelle et sportive» von Élodie Le Comte; https://bergliteratur.ch/citadins-au-sommet/

Wie immer nutzen wir den Besuch einer Ausstellung mit der Lektüre von passenden Bergbüchern. In diesem Fall von Alpinismusgeschichte(n). Der bekannte italienische Journalist, Schriftsteller und Historiker Enrico Camanni stellt in «Le Alpi in 30 montagne» die massgeblichen Berge der italienischen Alpen und ihre alpinistische und gesellschaftliche Bedeutung vor. 30 Gipfel, die sich nicht umgehen lassen, von der Argentera über den Adamello bis zum Montasio. Allerdings sind’s ein paar mehr; so erheben sich im Kapitel 26 Pelmo und Civetta. Vier dieser dominanten Berge teilt Italien mit der Schweiz: Monte Rosa, Badile, Bernina und – ist ja wohl klar! Den Monte Bianco seinerseits, Top of Italy, untertitelt Camanni mit «al centro del regno». Wir sehen ihn auf der Fahrt nach Versoix. Also mal auch von den Buchseiten abschweifen.

Wessen Italienisch nicht ganz mithalten kann mit dem König der Alpen, ja nicht mal mit dem Salève, dem auf französischem Territorium liegenden Genfer Hausberg, kann sich in eine hierzulande eher unbekannte Geschichte vertiefen. Die Seilschaft Peter Brandstätter und Nicholas Mailänder würdigt mit «Könige im Wilden Kaiser» die «Edelweißgilde Kitzbühel zwischen Ständestaat, Hakenkreuz und Gipfelkreuz». Eine politisch manchmal heikle Gratkletterei rund um eine Tourismusdestination, die bei uns nur im Winter bekannt ist. Das Cover zeigt, fast wie das Podest bei einem Wettkampf, drei Personen; hier in der Mitte eine Frau, auf ihren Schultern je eine Hand ihrer beiden Seilgefährten. Leider erfahren wir weder Personalien noch Location. Das soll uns aber nicht vom Lesen abhalten, mais non!

161 ans d’alpinisme international à Genève. 21. Mai bis 2. August 2026. Galerie du Boléro, Versoix (ein paar Schritte östlich des Bahnhofs). Entrée libre, Di bis So, 15-18 Uhr.

Enrico Camanni: Le Alpi in 30 montagne. Editori Laterza, Bari 2025, € 20,00.

Peter Brandstätter, Nicholas Mailänder: Könige im Wilden Kaiser. Die Edelweißgilde Kitzbühel zwischen Ständestaat, Hakenkreuz und Gipfelkreuz. Tyrolia Verlag, Innsbruck 2026, € 25,00.

A wie arrampicare

Der Mailänder Bergsportverlag Versante Sud veröffentlicht Kletterführer für ganz Italien, oft auch in deutscher Übersetzung. Jüngst für die Gebiete Adamello, Aostatal und Arco. Andiamo!

«Geringe Schwierigkeiten, bester kompakter, weißer Kalk, ein absolut grandioser Blick über den nördlichen Teil des Gardasees und Nago: Der Sektor A von Belvedere bietet all das und ist deshalb eines der beliebtesten Klettergebiete des ganzen Führers.»

Wenn ein Gelände oder Gebäude Belvedere heisst, sollte der Namen mit dem schönen Ausblick zusammenfallen. Beim Klettergebiet oberhalb des Dorfes Nago fast am Ufer des Lago di Garda stimmt die Übereinstimmung, das dazu gesetzte Foto ebenfalls, wenigstens was die Aussicht betrifft; die Kletterschwierigkeit allerdings scheint ein Grad mehr als «gering» zu sein. Doch es gibt im Sektor A von Belvedere, wie die Zusammenstellung zeigt, wirklich mehrere Routen zwischen 3a und 5c; ideal also für Klettereinsteiger. Könner kommen im Sektor B zu ihren Zügen. Und überhaupt: Wer mit der sechsten, im Mai 2026 gelieferten Auflage des Führers «Klettern in Arco» an die Felsen will, kann sich gleich eine Wohnung am Gardasee mieten: Mario Manica, Antonella Cicogna und Fabio Leoni stellen in 139 Gebieten 6000 Routen vor. Mit 808 Seiten ist der Führer für Arco, Lago di Garda Nord, Sarcatal, Val di Ledro, Judikarische Täler und Rovereto denn auch der dickste aller Führer von Versante Sud Edizioni.

Der Mailänder Bergsportverlag Versante Sud veröffentlicht Kletterführer für ganz Italien, oft auch in deutscher Übersetzung. Ebenfalls im Mai 2026 kam die erste Ausgabe von «Adamello Himmelsleitern» heraus, und zwar Band 2 mit der Ostseite. Paolo Amadio und Nicola Binelli stellen klassische und moderne Routen im Valle del Caffaro, Valle Aperta, Valle di Daone und Valle di Breguzzo vor. Schon mal von diesen Tälern in den italienischen Alpen gehört? Ich jedenfalls nicht. Vom Adamello hingegen schon. Dieser noch fast ringsum vergletscherte Gipfel (3539 m) erhebt sich in Alpi Retiche meridionali, nur 26 km Luftlinie östlich von Tirano im Veltlin und so von der Grenze zur Schweiz. Nur zum Vergleich: Die kürzeste Distanz zwischen der Schweiz und dem Mont Blanc beträgt 18 km. Wer also unbekannte felsige Wege zum Himmel sucht, wird hier sicher fündig. Wie wär’s mit Scoglio di Boazzo beim Lago di Malga Boazzo? Einige der meistens höchst schwierigen Routen dort «gelten längst als Inbegriff für das Klettern auf dem silbernen Tonalit des Adamello».

Wir bleiben in der Nähe der Svizzera – und beim Buchstaben A. Von Arco und Adamello ins «Aostatal», und zwar ins untere Valle d’Aosta, dessen nördliche Seitentäler mit den obersten Dörfern Breuil-Cervinia, Saint-Jacques-des-Allemands und Staffal bis ans Wallis hinauf reichen. Andrea Mettadelli, Paolo Tombini und Nicola Vota widmen sich dem Sportklettern. Also keine steinschlaggefährlichen Anstiege wie in der Südwand des Cervino, keine stundelangen Zustiege über Geröll und Eis wie zum Castor oder Lyskamm, sondern kurze, sichere, bestens gesicherte oder abzusichernde, sonnige oder schattige Routen in Talnähe. Worauf warten wir noch?

Mario Manica, Antonella Cicogna, Fabio Leoni: Klettern in Arco. Arco, Lago di Garda Nord, Sarcatal, Val di Ledro, Judikarische Täler, Rovereto. Versante Sud Edizioni, Milano 2026, € 39,00.

Paolo Amadio, Nicola Binelli: Adamello Himmelsleitern. Band 2: Ostseite. Valle del Caffaro, Valle Aperta, Valle di Daone, Valle di Breguzzo. Versante Sud Edizioni, Milano 2026. € 43,00.

Andrea Mettadelli, Paolo Tombini, Nicola Vota: Aostatal Sportklettern. Band 1: Valchiusella, Canavese, Unteres Aostatal, Valle di Gressoney, Valle di Champrocher, Valtournenche. Versante Sud Edizioni, Milano 2025. € 41,00.

Gipfeltouren mit Frauen

Vier Bergromane von Schriftstellerinnen. Schwierige Anstiege zum Gipfel. Erst recht die Wege zurück ins Tal.

«Ich werde sie euch zeigen», schloss der Bergführer rätselhaft und faltete sein Poster zusammen. «Morgen machen wir einen Gipfel, wenn die Beine mitmachen.»
Ich schaue ihn mit leerem Blick an.
«Machen sie nicht.»
«Es ist ein hübscher Gipfel, Laurence. Wir steigen über die Schlaufe einer Gesteinsfalte hinauf.»

Sieben Zeilen aus dem Roman «Geschichte einer Erhebung» der Genfer Autorin Laurence Boissier (1965–2022). Die 2020 erschienene Originalausgabe heisst gleich: «Histoire d’un soulèvement». Genaugenommen sind es zwei Erhebungen. Diejenige der Alpen, wie sie der Bergführer des Langen und Hohen erzählt, und diejenige der Autorin selbst, die an einer neuntägigen geführten Wanderung teilnimmt und sich anfänglich stärker, dann immer schwächer gegen die Teilnehmer der Wandergruppe, den Bergführer und die Zumutungen bei den Übernachtungen in mehr oder minder komfortablen Unterkünften stellt. Lektüre für alle, die schon mal eine geführte Wanderung erlebten bzw. nie eine solche machen werden.

«He, Ame, komm mal her.»
Lustlos rafft der Junge sich auf. Sie stehen sich gegenüber, da nimmt der Vater seine gelbe Schirmmütze ab und streckt ihm die rechte Hand hin. Die Geste ist so ungewöhnlich und verblüffend, dass Amedeo reflexartig einschlägt.
«Punta Liberté, 3453 Meter über Normalnull. Herzlichen Glückwünsch, Signor Ghisleri.» (…) Der Ingenieur schüttelt dem Jungen jetzt fest und mit einem Ernst die Hand, dass Amedeo errötet.
«So haben das die Bergführer früher bei meinem Vater gemacht. Und er bei mir.»
Der Junge spürt etwas in seinem Hals, ein Schluchzer, befürchtet er.

Dreizehn Zeilen aus dem Roman «Wir gehen mal los» der Piemonteser Autorin Raffaella Romagnolo (Jg. 1971). Die 2019 erschienene Originalausgabe lautet: «Respira con me». Und das macht der sechzehnjährige Amedeo nicht nur auf der (fiktiven) Punta Liberté in den Bergen des Piemonts, sondern auch unterwegs, beim schwindelerregenden Zugang zur geschlossenen Fontanafredda-Hütte, weshalb Vater und Sohn im muffigen Winterraum nächtigen müssen. Und Atem holen muss der Teenager erst recht, als der strenge Herr Vater beim Abstieg von einem wegen des auftauenden Permafrosts ausgelösten Erdrutsches mitgerissen und schwer verletzt wird. Der Rückweg wird für Ame zu einem Weg in eine neue Freiheit. Lektüre für alle, die schon mal auf eine Tour mitgehen mussten bzw. jemanden dazu überredeten.

Sie gelangte nun auf den Grat, der in Richtung des Gipfels führte. Er war breit, aber gegen das Rheintal hin fiel der Fels gut hundert Meter senkrecht ab. Sie sah es nicht, denn der Nebel kam weiß herauf. Aber sie wußte es. Auch hier wäre eine gute Stelle – sie blieb kurz stehen –, aber es würden weitere gute Stellen kommen. Sie wollte zum Gipfel.
Und dann gäbe es ja noch den Rückweg. Vielleicht den steilen hinunter nach Vättis.

Neun Zeilen aus dem Roman «Calanda oder Alvas Antwort» der deutschen, in Sent im Unterengadin lebenden Autorin Angelika Overath (Jg. 1957). Einer niederschmetternden Diagnose setzt Alva einen letzten Aufstieg auf den Calanda entgegen. Schritt für Schritt steigt sie hoch, Gedanke für Gedanke lässt sie ihr abwechslungsreiches Leben vorbeiziehen, Seite für Seite begleiten wir – zusehends besorgt – die Frau auf ihrem schweren Gang. Ob Alva es auf den Churer Hausberg schafft? Und vor allem: auch wieder hinunter? Das sei hier nicht verraten. Lektüre für alle, die schon mal diesen berühmten Bündner bzw. St. Galler Gipfel besteigen wollten, mit oder ohne ärztliche Befunde.

«Wenn ich zurückkomme von der Roten Nadel, bringe ich Ihnen einen Stein mit, einen kleinen roten Stein, den ich vom Gipfel breche.»
«Danke. Ich werde ihn immer aufheben. Aber Sie kommen ja nicht zurück; Sie steigen gleich hinüber ins andere Tal –»
«Ja. Das ist wahr. Das hatte ich vergessen…»

Sieben Zeilen aus der Novelle «Das Joch» der österreichischen Autorin Vicki Baum (1888–1960). Sie wurde und ist bekannt durch ihren Roman «Menschen im Hotel» (1929). Vergessen war leider ihre grossartige alpin-touristische Novelle mit dem doppeldeutigen Titel, 1922 veröffentlicht im Band «Die andern Tage», 1931 wieder aufgelegt als achter und letzter Band von «Romane des Herzens». Nun ist «Das Joch» mit der sommerlich-sinnlichen Geschichte zwischen dem tatendurstigen Florentin und der unglücklich verheirateten Maja in einem Berggasthof in den Dolomiten wieder in einer feinen Ausgabe greifbar. Ob Florentin nach der Erstbesteigung der Roten Nadel den Abstieg schafft. Und Maja den Rückweg in die Unfreiheit? Lektüre für alle Gipfelstürmerinnen und Sommerfrischler. Immer eingedenk der Frage, die sich Laurence in der zweiten Hüttennacht stellt: Auf welche Gipfel muss man noch steigen, um sich selbst zu beweisen?

Laurence Boissier: Geschichte einer Erhebung. Verlag die Brotsuppe, Biel/Bienne 2025. Fr. 28.-
Raffaella Romagnolo: Wir gehen mal los. Diogenes Verlag, Zürich 2026. Fr. 32.-
Angelika Overath: Calanda oder Alvas Antwort. Luchterhand Literaturverlag, München 2026. € 24,00.
Vicki Baum: Das Joch. Atlantis Verlag, Zürich 2026. Fr. 28.50