Bergkrimis, 2. Seillänge

Alpenkrimis stauen sich in den Gestellen wie die Autos am Gotthard und die Alpinisten am Matterhorn. Gleich sechs von ihnen stellen den Bergtourismus ins Zentrum, mit mehr oder weniger schlimmen Folgen. Denn Erschliessung und Erschiessung reimt sich verhängnisvoll.

„Wanderhalle?“ War Cyprian im falschen Film?
„Warum soll ein beliebter Sport nicht indoor abbildbar sein?“, gab Bachlinger ungerührt zurück, „bei Ski- und Kletterhallen klappt’s ja auch. Bergwandern ohne Berg, wohnortnah, wetterunabhängig, sieben-vierundzwanzig-dreihundertsechzig Grad. Das ist Nachhaltigkeit par excellence. Bergtourismus ohne Touristen am Berg, die nur unser Kapitel, die Landschaft, abnützen.“

Ausschnitt aus dem Gespräch unter Bergtourismusexperten im Alpenkrimi „Tod im Sommerloch“ von Andi Dick. Das Sommerloch ist aber nicht nur das Gegenteil zum Winterhoch, wenn der Skitourismus so richtig brummt. Oder dies jedenfalls tat, als es noch richtig Schnee bis in die Niederungen gab. Das Sommerloch ist auch ein Loch im Gebirge, darin Menschen verschwinden können, mehr oder minder freiwillig. Denn wie immer, wenn es um grosse Geschäfte und Gefühle, um Zank und Zukunft geht, schrecken Personen nicht vor bösen Taten zurück. Schon gar nicht, wenn einer der Tourismuspromotoren provozierend in die Runde fragt: „Wollt ihr den totalen Berg?“ Ja, wollen wir das? Anders gesagt, mit den Fragen auf der Buchrückseite: „Was ist das gröβere Verbrechen? Einen Skilift sprengen? Oder ihn bauen?“ Zwischen Erschliessung und Erschiessung versteckt sich nur ein dünner Buchstabe.

Der Bergtourismus und seine ganz unterschiedlichen Folgen für Berg und Bewohner bzw. Touristen ist das vorherrschende Thema in sechs neuen Alpenkrimis. Nicht alle sind so frisch und frech, forsch und fesselnd wie „Tod im Sommerloch“. Aber unterhaltend allemal, und erhellend ebenfalls. Hier fünf Abschnitte:

Zupacken müsse man, nicht Zaudern und Zagen.
Der Alpentourismus müsse ganz neu erfunden werden. Was man heute noch hätschele und pflege, sei ein Auslaufmodell.
Das Goms müsse vorangehen, Münster an vorderster Front.
Mit grosser Kelle müsse man anrichten, von allem Anfang an. Nicht mit dem Löffelchen. Sonst habe man gegen die Konkurrenz keine Chance.
„Klotzen, nicht kleckern“, rief Z’Blatten. (…)
Das Gommer Highland Resort sei das Herzstück eines neuen Tourismusmodells. Jawohl: des Gommer Modells.
Kaspar Wolfensberger: Gommer Sommer, S. 164.

„Das Engadin soll noch attraktiver werden für italienische Skifahrer. Vielleicht hast du schon davon gehört, Claudio.“
Ich schüttle den Kopf. Nein, das habe ich nicht.
„Die Italiener sollen bereits in Plaun da Lej am Silsersee die Möglichkeit haben, mit einer Seilbahn in die Höhe zu fahren. Unterhalb des Piz Lagrev gibt es fantastische Hänge, die nur darauf warten, erschlossen zu werden. Wie findest du das?“ Vanessa nimmt einen Schluck Cognac. „Du befasst sich doch mit Tourismuskonzepten.“
„Ich bin eher für eine langsame Entwicklung.“ (…)
„Der obere Teil des Tales würde gestärkt, Maloja und Sils könnten neben St. Moritz zu einem zweiten Zentrum werden. Zum neuen Resort würde als Attraktion das Heidi-Dorf Grevasalvas gebaut. Geplant ist auf dem Berg auch ein Studienzentrum für höheres Bewusstsein.“
Daniel Badraun: Krähenyeti, S. 67.

„Bald kommen die Russen wieder, mit prall gefüllten Taschen und schönen Frauen. Dann rollt der Rubel da oben.“
Studer blickte auf. „Russen sagen Sie. Die gehen doch nach Zermatt oder Kitzbühel.“
Gwerder schüttelte den Kopf. „Haben Sie eine Ahnung. Der Adam Zogg hat Beziehungen bis in den Ural. Es gibt dort ein ambitioniertes Skigebiet, das sich noch im Aufbau befindet. Der Tross rund um den Oligarchen Juri Boskow, der das Skigebiet dort aufbaut, trifft sich zweimal im Jahr mit Zogg. (…) Zogg empfing ihn mit offenen Armen. Die beiden verstanden sich auf Anhieb und streben eine Partnerschaft an. Zwei Luxus-Resorts, ein Skipass. (…) Wenn Sie eine Saisonkarte in Riggen kaufen, können Sie damit zwei Mal pro Saison in den Ural fliegen und umgekehrt.“
Ralf Weber: Gipfelblut, S. 49f.

„Investieren gegen den Stillstand! Im Arlberg-Gebiet verbinden neue Lifte, die insgesamt fünfundvierzig Millionen Euro gekostet haben, die benachbarten Orte zu einem Giga-Skigebiet. Neunundneunzig Lifte! Und in Sölden befördert eine neue Gondelbahn viertausendfünfhundert Skifahrer pro Stunde auf den Gipfel.“
„Aber das ist doch ein absolutes Horrorszenario“, sage ich und bemühe mich noch um einen gemäβigten Tonfall, auch wenn mir das zunehmend schwerfällt. „Dieser Massentourismus ist doch grauenhaft. Und verheerend für unsere Umwelt. Denk doch nur an diese armen Stadtmenschen, die hierherkommen, um in den Berge Ruhe und Erholung zu suchen, und sich stattdessen plötzlich auf einem künstlich beschneiten Ballermann wiederfinden!“
Marc Girardelli, Michaela Grünig: Mordsschnee, S. 130f.

„Salut, ça va?“
„Très bien. J’étais libre aujourd’hui, j’en ai profité. Une poudreuse d’enfer.“
„J’ai pas bougé de la cabine de contrôle de la journée… Mais, je t’ai pas vu.“
Jérôme fait signe au serveur et commenda une tournée de bières.
„J’étais à Anzeinde en peau de phoque. J’aime pas aller skier en station le week-end, trop de monde, ça fait chier de faire la queue, et de partager les pistes avec tous ces connards de citadins.“
„Et moi“, ajoute Cédric, „j’ai passé ma journée sur le parking a faire la circulation pour ces abrutis de touristes.“
Marc Voltenauer: Qui a tué Heidi? S. 37.

„Sehen Sie es nicht als Problem, dass die Gäste, die alles inklusive haben, auβerhalb ihrer Karte natürlich nicht noch was dazubuchen?“, fragte Irmi.
„Selbst wenn das so wäre – es gibt genug Betriebe, die nicht bei der CoolCard dabei sind. Deren Gäste könnten alle bei Skydreams buchen. Tun sie aber nicht. Vielleicht weil Danners Firma zu teuer war und Danner zu wenig engagiert, zu arrogant gewesen ist. Wir ziehen uns diesen Schuh nicht an. In der weiten TL…“
„Bitte wo?“, fragte Kathi dazwischen.
„TL, Touristic Landscape. Der Tourismus ist ein weites Feld, das jeder beackern kann, wenn er professionell genug ist.“
Nicola Förg: Scharfe Hunde, S. 99f.

Der Geschäftsführer der Cool GmbH ist natürlich einer, ein scharfer Hund. Wie der Z’Blatten, der Zogg. Nicht alle überleben Buchungsgefälle und Buchseiten. Ihre Angestellten ebenfalls nicht immer. Touristen ergeht es manchmal nicht besser. Denn auch ein Alpenkrimi lebt schliesslich nicht von (originellen) Tourismuskonzepten allein.

Wie aber Alpenkrimis direkt tourismusfördernd sein können, enthüllt Katharina Löffler in der literaturwissenschaftlichen Arbeit „Allgäu reloaded. Wie Regionalkrimis Räume neu erfinden“. Darin geht es auch darum, wie im Allgäu Gemeinden, Unternehmen, Tourismus- und Heimatverbände den literarischen Erfolg mit Krimitourismus an Originalschauplätzen für sich nutzbar machen. Insbesondere mit der höchst erfolgreichen Reihe um Kommissar Kluftinger des Autorenduos Volker Klüpfel und Michael Kobr. Band neun „Himmelhorn“ wurde vor ziemlich genau einem Jahr an dieser Stelle vorgestellt, Band zehn „Kluftinger“ ist vor ein paar Wochen erschienen. Der erste expliziert als „Allgäu-Krimi“ bezeichnete Roman war allerdings „Schussfahrt“ von Nicola Förg. Und diese verhängnisvolle Schussfahrt fand, so aufgestellt sind wir noch nicht, draussen statt und nicht in einer Halle. Aber wer weiss?

PS: Schön, dass Literatur immer noch den Fremdenverkehr ankurbelt, auch Jahrhunderte nach Rousseau, Schiller und Byron. Wer sich für den Tourismus von einst und heute interessiert, wird am kommenden Wochenende die Qual der Wahl haben.
1) In Bergün an der Bahnlinie Chur – St. Moritz findet das zweite Bergfahrt Festivall statt, eine überraschende und überzeugende, vielgestaltige und vieltönende Entdeckungsreise in die Welt der alpinen Kultur. Vom 1. bis 3. Juni. www.bergfahrtfestival.ch
2) In Spiez an der Bahnlinie Bern – Interlaken bzw. Bern – Brig findet die Spiezer Tagung ’18 statt, und zwar zu diesem Thema: „Die grosse Welt kommt in die Berge. Die Entstehung des Tourismus im Berner Oberland.“ Da sprechen Fachleute über Bäder und Bahnen, über Hotels und Wilderness, über Touristen und über diese ganz besondere Form der Reisenden, die Alpinisten. Ihre Berichte von Erstbesteigungen und Erstbegehungen lesen sich oft wie Krimis. 1. und 2. Juni. www.spiezertagung.ch

Daniel Badraun: Krähenyeti. Gmeiner, Messkirch 2017, € 12.-, www.gmeiner-verlag.de
Andi Dick: Tod im Sommerloch. Panico, Köngen 2017, € 13.-, www.panico.de
Nicola Förg: Scharfe Hunde. Pendo, München 2017, € 15.-, www.piper.de
Marc Girardelli, Michaela Grünig: Mordsschnee. Emons, Köln 2017, € 12.-, www.emons-verlag.de
Marc Voltenauer: Qui a tué Heidi? Slatkine, Genève 2017, € 22.-, www.slatkineetcompagnie.com
Ralf Weber: Gipfelblut. Gmeiner, Messkirch 2017, € 12.-, www.gmeiner-verlag.de
Kaspar Wolfensberger: Gommer Sommer. Bilgerverlag, Zürich 2016, Fr. 34.-, www.bilgerverlag.ch
Katharina Löffler: Allgäu reloaded. Wie Regionalkrimis Räume neu erfinden. Transcript, Bielefeld 2017, € 45.-, www.transcript-verlag.de

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