Eine von der Section Genevoise du Club Alpin Suisse zusammengestellte Ausstellung in Versoix widmet sich «161 ans d’alpinisme international à Genève». Enrico Camanni stellt die 30 wichtigen Gipfel der italienischen Alpen und ihre Geschichten vor. Und in «Könige im Wilden Kaiser» wird die Edelweißgilde Kitzbühel porträtiert.
«De 1893 à 1938, la Section genevoise organisa chaque année plusieurs séances de projections de photographies, puis de films sur la montagne, commentés et accompagnées par sa chorale. Ces soirées le plus souvent organisées à la Grande Salle de la Réformation attiraient couramment plusieurs milliers de spectateurs.»
Als ich diese Zeilen über die erfolgreichen, von der Chorgruppe untermalten Foto- und Filmabende der Genfer Sektion des Schweizer Alpen-Clubs las, war ich der einzige Zuschauer. Gut, es war ein Nachmittag unter der Woche und kein Samstag Abend, zudem brannte die Sonne tüchtig auf den Genfersee, so dass es sehr verständlich war, sich eher in Gewässern dieser berühmten Stadt der Bergsteiger aufzuhalten als im Gebäude, wo eine Ausstellung jene feiert. Doch es lohnt sich unbedingt, trotz möglichen meteorologischen Hindernissen bis zum zweiten August 2026 die in Versoix bei Genf gezeigten «161 ans d’alpinisme international à Genève» zu besuchen.
Im Lauf von 161 Jahren haben Genf, die 1865 gegründete Section genevoise du Club Alpin Suisse und die 1918 gegründete Section genevoise du Club Suisse de Femmes Alpinistes eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der Wissenschaften, Künste, Techniken und Praktiken im Zusammenhang mit dem Alpinismus gespielt. Anhand der Archive der Genfer SAC-Sektion und mit Unterstützung des ALPS-Museums in Bern, des Stadtarchivs und der Vereinigung für das industrielle Erbe von Genf beleuchtet diese Ausstellung verschiedene Facetten des Einflusses, den Genfer Wissenschaftler und Künstler, Alpinisten und Alpinistinnen ausgeübt haben. Fotos, Gemälde, Zeichnungen, Journals, Plakate, Pickel, Modelle und Plastiken: eine anregende, gut dokumentierte Mischung, mit Berühmten wie Albert Gos (le peintre du Cervin wurde 1939 Ehrenmitglied der Section genevoise), Felix Valentin Genecand, genannt Tricouni (wie seine von ihm erfundenen Eisenbeschläge für die Sohlen der Bergschuhe), André Roch (der mithalf, den Skiort Aspen zu entwickeln), Yvette Vaucher (das Ausstellungsplakat zeigt sie in der Matterhorn-Nordwand, die sie 1965 als erste Frau durchstieg). Was fehlt, sind Hinweise darauf, dass es in Genf nicht nur die sections genevoises des CAS und des CSFA gab, sondern noch zahlreiche andere alpinistische Vereine. Mehr dazu im Buch «Citadins au sommet. L’alpinisme genevois (1865-1970): un siècle d’histoire culturelle et sportive» von Élodie Le Comte; https://bergliteratur.ch/citadins-au-sommet/
Wie immer nutzen wir den Besuch einer Ausstellung mit der Lektüre von passenden Bergbüchern. In diesem Fall von Alpinismusgeschichte(n). Der bekannte italienische Journalist, Schriftsteller und Historiker Enrico Camanni stellt in «Le Alpi in 30 montagne» die massgeblichen Berge der italienischen Alpen und ihre alpinistische und gesellschaftliche Bedeutung vor. 30 Gipfel, die sich nicht umgehen lassen, von der Argentera über den Adamello bis zum Montasio. Allerdings sind’s ein paar mehr; so erheben sich im Kapitel 26 Pelmo und Civetta. Vier dieser dominanten Berge teilt Italien mit der Schweiz: Monte Rosa, Badile, Bernina und – ist ja wohl klar! Den Monte Bianco seinerseits, Top of Italy, untertitelt Camanni mit «al centro del regno». Wir sehen ihn auf der Fahrt nach Versoix. Also mal auch von den Buchseiten abschweifen.
Wessen Italienisch nicht ganz mithalten kann mit dem König der Alpen, ja nicht mal mit dem Salève, dem auf französischem Territorium liegenden Genfer Hausberg, kann sich in eine hierzulande eher unbekannte Geschichte vertiefen. Die Seilschaft Peter Brandstätter und Nicholas Mailänder würdigt mit «Könige im Wilden Kaiser» die «Edelweißgilde Kitzbühel zwischen Ständestaat, Hakenkreuz und Gipfelkreuz». Eine politisch manchmal heikle Gratkletterei rund um eine Tourismusdestination, die bei uns nur im Winter bekannt ist. Das Cover zeigt, fast wie das Podest bei einem Wettkampf, drei Personen; hier in der Mitte eine Frau, auf ihren Schultern je eine Hand ihrer beiden Seilgefährten. Leider erfahren wir weder Personalien noch Location. Das soll uns aber nicht vom Lesen abhalten, mais non!
161 ans d’alpinisme international à Genève. 21. Mai bis 2. August 2026. Galerie du Boléro, Versoix (ein paar Schritte östlich des Bahnhofs). Entrée libre, Di bis So, 15-18 Uhr.
Enrico Camanni: Le Alpi in 30 montagne. Editori Laterza, Bari 2025, € 20,00.
Peter Brandstätter, Nicholas Mailänder: Könige im Wilden Kaiser. Die Edelweißgilde Kitzbühel zwischen Ständestaat, Hakenkreuz und Gipfelkreuz. Tyrolia Verlag, Innsbruck 2026, € 25,00.




























