Seen, Spiegel der Schweiz

Ausgehend von den Sammlungen der Schweizerischen Nationalbibliothek tauchen wir mit der Ausstellung «Seen, Spiegel der Schweiz» in die Geschichte und Mythen der Schweiz ein. Passend dazu ein Krimi und ein Wanderbuch am Wasser.

«Es war nun Abend geworden, und da gelangte ich auf hübschem, stillen Weg oder Seitenweg, der unter Bäumen hinlief, zum See hinaus, wo der Spaziergang endete.»

Das lesen wir auf den letzten Seiten der bekannten Erzählung «Der Spaziergang» von Robert Walser. Sie erschien erstmals 1917 als Buch und 1920 dann in der Sammlung «Seeland» – heute eine gesuchte Rarität auf dem deutschen Buchmarkt. Zum Glück gibt es diesen Prosaband auch als Taschenbuch. Zum Titel äusserte sich Walser am 1. April 1918 in einem Brief an den Verleger Max Rascher:

«Der Titel ‹Seeland› erscheint mir deßhalb denkbar richtig, weil er knapp und straff dasjenige bezeichnet, um das es sich hier handelt, um eine Gegend und um die Erscheinungen derselben. Der Titel ist sinnlich und einfach ich möchte sagen, europäisch oder reinweltlich. ‹Seeland› kann in der Schweiz und überall sein, in Australien, in Holland oder sonstwo.»

Oder doch vor allem in der Schweiz, und bei dem in Biel geborenen und aufgewachsenen Walser natürlich am Bielersee, einem der drei Seen im Seeland; so wird ja die Gegend um Neuenburger-, Murten- und Bielersee bezeichnet. Das Briefzitat findet sich in der Ausstellung «Seen, Spiegel der Schweiz – Lacs, Miroirs helvétiques», die bis zum 5. Juni 2026 in der Schweizerischen Nationalbibliothek in Bern zu sehen ist. Unbedingt zu sehen ist.

«Grosse Wasserflächen und kleine Berggewässer: Die rund 1500 Seen der Schweiz prägen unsere Landschaft ebenso wie unsere Vorstellungswelt. Als ‹Wasserschloss Europas› hat sich die Schweiz um ihre Gewässer herum entwickelt, die wesentlich am wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Wandel des Landes beteiligt waren.»

So leitet die NB online und auf dem Flyer die Seen-Ausstellung ein. Mitten im Raum liegt ein alter Steg vom Ufer des Zürichsees, drum herum sind mit überzeugenden Illustrationen (diese wunderbaren Plakate!) und cleveren Texten verschiedenen Themenbereiche gruppiert, wie Geschichte (Rütlischwur, Morgartenschlacht), Tourismus (Dampfschiffe, Badeanstalten) und Energie (Staumauern). Was vielleicht zu wenig thematisiert wird, sind die neuen Seen, die wegen der Gletscherschmelze entstanden sind und weiter entstehen (der Rossbodensee unter der Blüemlisalp, der Lagh da Caralin am Palü, der auf der LK noch namenlose See am Rhonegletscher). Aber das nur nebenbei. Mit dem grauen Rossbodensee lassen sich auch keine Touristen anlocken wie mit dem blauen Oeschinensee weiter unten. Und Ringelreihen, wie das Männer und Frauen im Strandbad in Weggis machen (auf einem Foto aus einem Tourismusprospekt von 1930), wird in den neuen Seen auf Gletschervorfeldern kaum je möglich sein.

Aber wandern zu bekannten und neuen Schweizer Seen, das ist natürlich möglich. Hier ein Wanderbuch, das über helvetische Ufer hinausläuft, aber schon Robert Walser sah Seeland ja über staatliche Grenzen hinaus. Im handlichen Rother-Wanderführer «Grand Tour Lago Maggiore und Lago d’Orta» präsentiert Tim Shaw 51 Etappen rund um die beiden Seen – entlang der Ufer und über die Gipfel, und das präzis mit allen nötigen Angaben, Tipps und Tracks sowie Fotos, so dass man am liebsten sofort den Rucksack packte. Wir Schweizer sind ja rasch in Locarno oder Stresa. Die einfache Route der Grand Tour Lago Maggiore verläuft auf bequemen Wegen entlang des Seeufers. Für Abenteuerlustige bietet die anspruchsvolle Bergroute im Sommer und Herbst spektakuläre Gipfel und ebensolche Ausblicke auf den Langensee. Es ist problemlos möglich, an vielen Stellen von der Berg- auf die Uferroute zu wechseln und umgekehrt.

Und was lesen wir unterwegs? Ein See-Buch selbstverständlich. Zum Beispiel Christof Gassers Krimi «Drei Seen und ein Todesfall». Welche es sind, steht auf Seite 91: «Eine Viertelstunde später erreichte Marielle ihr Ziel. Der Campingplatz Les 3 Lacs lag am Broye-Kanal, der den Neuenburger- mit dem Murtensee verband. Weiter nördlich lag der Zihlkanal zwischen Neuenburger- und Bielersee.» Und wie heissen die Berge an diesen beiden Kanälen? Jolimont (603 m) über dem Canal de la Thielle und Mont Vully (653 m) über dem Canal de la Broye. An letzterem wird im Krimi gewandert, gejagt und geschossen; wahrscheinlich das Krimidebut für den Wistenlacherberg, wie der Mont Vully auf Deutsch heisst.

Was wäre die Schweiz ohne ihre Berge und Seen? Und ohne all die Bücher, die jene beschreiben und zeigen. Kostbare solche Bücher listet der druckfrische Katalog 287 von Harteveld Rare Books auf, mit 289 Nummern zu Alpen, Alpinismus und Helvetica. Beispielsweise «Unknown Switzerland» von Victor Tissot von 1900, mit dem Matterhorn auf dem Cover – zu kaufen für 150.-; kann auch im Lesesaal der Nationalbibliothek eingesehen werden. Auf Seite 58 steht ein passender Satz zur Ausstellung dortselbst: «Those Swiss lakes blossom all over with legends.» Der Ausstellungstext ergänzt: «In der Schweiz haben alle ihren See.»

Der Berner Alpinist Charles Montandon jedenfalls fand seinen See. Im Beitrag «Ferientage im Urbachtal» im SAC-Jahrbuch von 1893 schrieb er:

«Im Verlaufe des Nachmittags machten wir einen Ausflug auf den leicht erreichbaren Gipfel des Küpfenstockes (2675 m), der eine interessante Aussicht auf die umliegenden Berge, namentlich das Hangendgletscherhorn und das Ewigschneehorn, bietet, und erfrischten uns durch ein Seebad, das uns, in dieser Höhe genommen, einen seltenen Hochgenuß bereitete.»

Nationalbibliothek Bern: Seen, Spiegel der Schweiz – Lacs, Miroirs helvétiques. Bis zum 5. Juni 2026, Mo bis Fr 9-18 Uhr, Eintritt frei. www.nb.admin.ch/de/seen. Am 20. April Führung durch die Ausstellung, am 28. April ein Abend zu Seensuchtsbildern (zusammen mit dem ALPS), am 20. Mai eine literarische Soirée zu Walsers «Seeland».

Tim Shaw: Grand Tour Lago Maggiore und Lago d’Orta. 51 Etappen rund um die Seen – entlang der Ufer und über die Gipfel. Bergverlag Rother, München 2025. Fr. 26.50.

Christof Gasser: Drei Seen und ein Todesfall. Dörlemann Verlag, Reihe Mörderische Tour de Suisse, Zürich 2025. Fr. 22.90.

Harteveld Rare Books, https://harteveld.ch/photos/Harteveld_cat287.png.

Rebellinnen zu Fuss

Zwei Bücher zu Frauen, die wanderten und darüber schrieben. Keine Selbstverständlichkeit, früher schon gar nicht.

«Ein oder zwei aus der Gruppe, die sich nicht für den besseren Halt Nägel in die Schuhsohlen hatten schlagen lassen, mussten sich beim Abstieg wiederholt hinsetzen und hinunterrutschen; Heide und Moos sind ohne Nägel so rutschig, dass man, wenn der Weg nicht absolut eben ist, unmöglich aufrecht gehen, geschweige denn sicher wandern kann. […]
Nie in meinem Leben habe ich eine ansprechendere Exkursion erlebt; diese Kraxelei war genau das Richtige für mich. Ich finde wenig Vergnügen an einer Wanderung, die geradeaus über ebenes Gelände führt. Einen schönen, stolzen, erhabenen felsigen Berg finde ich viel reizvoller als einen schönen formalen, künstlich angelegten Garten oder Park.»

Das schrieb die englische Lehrerin, Briefschreiberin und Gouvernante aus Lancashire, Ellen Weeton (1776–1850), am 8. Juli 1810 ihrer Freundin Miss Winkley über eine kurz zuvor im Lake District unternommene Wanderung. Eine mutige Einschätzung, ja ein Bekenntnis: lieber Berge besteigen als durch einen englischen Park flanieren, und das vor über 200 Jahren! Ellen Weetons Briefe wurden 1936 in «Miss Weeton: a Journal of a Governess» publiziert. Heute sind Ausschnitte zu lesen im 2020 erschienenen Buch «Wanderers. A History of Women Walking» von Kerry Andrew. Die deutsche Übersetzung lautet aufgemotzt «Frauen, die wandern, sind nie allein. Unterwegs mit berühmten Denkerinnen – von Anaïs Nin bis Virginia Woolf». Zum Glück erstreckt sich der Weg nicht von Woolf bis Nin (das wäre die richtige Reihenfolge), sondern beginnt bereits mit Elizabeth Carter (1717–1804), einer Dichterin, Schriftstellerin und Übersetzerin. Und eben Wanderin, die lieber alleine unterwegs war, da die BegleiterInnen ihr Tempo meistens nicht mitmachten. Insgesamt stellt Kerry Andrew zehn englischsprachige Autorinnen vor, die zu Fuss unterwegs waren. Die jüngste ist Cheryl Strayed. Im Anhang finden sich Kurzbios von andern schreibenden und wandernden Frauen, meistens aus Grossbritannien und den USA.

Anneke Lubkowitz ihrerseits ist vor allem mit deutschen Frauen unterwegs, von Sophie von La Roche über Annette von Droste-Hülshoff (ein paar Zeilen mehr zu ihr hier: https://bergliteratur.ch/faszination-bergwaelder/) bis Else Lasker-Schüler und Emmy Hennings. Mitwandern in «Rebellinnen zu Fuss. Auf den Spuren von elf literarischen Wanderinnen» tun aber auch eine US-Amerikanerin (Octavia Butler), eine Französin (Simone de Beauvoir), eine Schweizerin (Annemarie Schwarzenbach – wer denn sonst…) und eine Engländerin (Mary Shelley); die Autorin des Frankensteins fehlt erstaunlicherweise bei Andrews. Während diese die Wanderinnen mit Zitaten oft zu Wort kommen lässt, versetzt Lubkowitz die Porträtierten in den eigenen sehr unterhaltsamen und informativen Wandertext, darin sie noch zahlreichen anderen Frauen begegnet, so Jane Austen bei einem kleinen Exkurs über Gummistiefel, wo die heutige Autorin zum Schluss kommt, «dass die Romantik aufhört, wo der Gummischuh anfängt».

Wahrscheinlich kümmerten sich die Ladies und Damen einst kaum um solche Fragen, sondern waren froh, wenn sie überhaupt losstiefeln durften und konnten, auf und davon, auf Schuhen, mit denen frau gehen konnte, davon von all den gesellschaftlichen, familiären Bindungen und Verpflichtungen. Nicht immer ging das. Ellen Weeton träumte vom Plan, Wales zu Fuss zu durchqueren. «Wenn ich allerdings an die vielen Belästigungen denke, die eine Frau alleine zu befürchten hat, halte ich ihn für undurchführbar», schrieb sie ihrer Freundin Miss Whitehead. «Ich darf nicht daran denken, einen solchen Plan in die Tat umzusetzen. Wenn ich doch nur ein Mann wäre!»

Kerri Andrews: Frauen, die wandern, sind nie allein. Unterwegs mit berühmten Denkerinnen – von Anaïs Nin bis Virginia Woolf. Goldmann Verlag, München 2024. Fr. 21.90.

Anneke Lubkowitz: Rebellinnen zu Fuss. Auf den Spuren von elf literarischen Wanderinnen. Kein & Aber Verlag, Zürich 2025. Fr. 34.-

Steinadler

Was fliegt in und über die Alpen. 78 Bergvögel aller Art, allen voran der Steinadler. Und manchmal auch ein Ballon.

«Ich habe es gesehen, wie manche in eine Art Glücksrausch, in ein Gefühl unaussprechlicher Seligkeit verfallen. Manche lachen, andere weinen, wieder andere werden stumm. Es ist schwer, den Geist zur wissenschaftlichen Beobachtung zu sammeln. Man darf fast sagen: vor Staunen und Entzücken steht der Verstand einem still. Die paar Stunden sind verronnen wie ebenso viele Minuten. Wir haben auf manches Einzelne genau geachtet, aber in einer Art Sinnesbetäubung durch die Pracht habe ich trotz Vorsatz noch viel mehr zu beobachten übersehen. Das Entzücken lähmt. Ich glaube, der Dichter ist einmal im Ballon gefahren, der den Adler hoch in den Lüften sagen lässt: ‹Ach währte doch immer das stolze Glück, ach müsst’ ich doch nimmer zur Erde zurück!›»

Der (erfüllte) Traum des Menschen vom Fliegen, hier nicht zufällig mit dem Adler in Verbindung gebracht. Wir denken vielleicht eher an Rotmilane, die wir ja im Mittelland ziemlich häufig sehen, wie sie ihre Kreise ziehen: So sollte man fliegen können, so elegant, so kraftvoll und leicht zugleich. Der oben zitierte Text stammt vom berühmten Schweizer Geologen Albert Heim. Er nahm an der ersten Ballonfahrt über die Alpen teil, die am 3. Oktober 1898 unter der Leitung von Eduard Spelterini stattfand; nach fünfeinhalb Stunden Flug von Sitten über das Diablerets-Massiv landete die «Wega» auf einer Wiese bei Besançon. Das nach der Fahrt veröffentlichte Werk «Die Fahrt der ‹Wega› über Alpen und Jura am 3. Oktober 1898» hebt ab mit einem Gedicht, darin diese Doppelzeile mitschwingt: «Wie oft im Traume flog ich adlergleich/Ob deinen Kämmen, Gipfeln, Thälern hin.»

Der Adler, immer wieder. Gemeint ist der Adler der Alpen, also der Steinadler. Er ist der weltweit häufigste Grossadler, 98% des Alpenbestandes fliegt in der Schweiz. Grund genug, den grossartigen, weitgefächerten und höchst informativen Bildband «Der Steinadler. Eine Rückeroberung im Alpenraum» über den König bzw. die Königin der Lüfte (die Weibchen sind noch grösser als die Männchen!) zu studieren. Das Buch von David Jenny, Serge Denis und Heinrich Haller (letzterer war während 23 Jahren Direktor des Schweizerischen Nationalparks) gliedert sich in die Kapitel Geschichte, Körperbau, Verbreitung/Lebensraum/Nahrungsgrundlage, Jagdverhalten/Ernährung und Sozialverhalten. Alle illustriert mit alten und aktuellen Fotos, mit Tabellen und Karten sowie mit Zeichnungen von Lea Gredig. Von all den vielen Themen seien nur noch drei hervorgehoben. Die häufigste und liebste Speise des Steinadlers ist das Murmeltier. Der gefährlichste Feind des Adlers ist der Mensch, der mit Bleischrot jagt (und der Adler dann ein damit geschossenes Tier findet und isst), der Hochspannungsleitungen baut, der auf einem Gleitschirmflug die Horste stört. Und: Die helvetischen Steinadlerpaare horsten und jagen vor allem in den Hochalpen, weniger in der Voralpen, aber fünf Paare leben im Jura. Der Bildband ist Carl Stemmler, dem Pionier der Schweizer Steinadlerforschung gewidmet; sein Museum befindet sich in der Altstadt von Schaffhausen: https://allerheiligen.ch/besuchen/museum-stemmler/.

In den Alpen fliegt ja nicht nur der Steinadler. Wer die alpine Vogelwelt kennenlernen möchte, greift zum BirdLife-Feldführer «Bergvögel der Alpen». 78 tauchen darin auf, vom Alpenbirkenzeisig über Felsenschwalbe, Gänsegeier und Steinschmätzer bis zum Zitronenzeisig; der Rotmilan spreizt seine Schwanzfedern ebenfalls aus. Die wissenschaftlich detailgetreu gezeichneten Vogelbilder und die präzisen Texte helfen beim Erkennen von Vogelarten auf Wanderungen und Bergtouren. Bei Ballonfahrten natürlich auch.

Albert Heim, Julius Maurer, Eduard Spelterini: Die Fahrt der ‹Wega› über Alpen und Jura am 3. Oktober 1898. Benno Schwabe Verlagsbuchhandlung, Basel 1898. https://www.e-rara.ch/zut/content/titleinfo/5488323.

David Jenny, Serge Denis, Heinrich Haller: Der Steinadler. Eine Rückeroberung im Alpenraum. Haupt Verlag, Bern 2025. Fr. 48.-

Bergvögel der Schweiz. BirdLife Schweiz, 2025. https://www.birdlife.ch/de/content/neuer-bergvogelfuehrer-die-voegel-unserer-alpen-kennen-und-schuetzen

Falätscha. Vom Schweigen in den Bergen

Das Safiental, insbesondere die Alp Falätscha oberhalb des Turrahus, ist Schauplatz eines wuchtigen Romans um Schuld und Sühne, um Recht und Gerechtigkeit. Im Mittelpunkt des Geschehens der Kommissar Jon Calonder, der als Gymnasiast einen Sommer lang als Knecht auf einem Hof in diesem so ganz besonderen Tal arbeitete, wie der Autor Stefan Gartmann ebenfalls.

Calonder sah die Frau an. »Da wäre noch etwas, das ich nicht verstehe. Etwas Persönliches.«
»Was denn?«
»Sie leben hier im Einklang mit der Natur, in einer Welt, die manche als heil bezeichnen würden. Plötzlich platzt die Polizei in diese Idylle, gräbt unweit der Hütte, in der Sie hausen, das Skelett eines Mannes aus, der vor achtundzwanzig Jahren hier ermordet worden ist. Aber Sie scheint das nicht zu berühren.«
Nachdenklich richtete die Sennerin den Blick auf die andere Talseite, als suchte sie in den zerklüfteten Flanken der Berge nach Worten, mit denen sich ausdrücken liess, was sie fühlte angesichts des Verbrechens, das hier, auf ihrer Alp, einst begangen worden war. »Sehen Sie«, sagte sie nach einer Weile ruhig. »Es ist streng hier oben. Streng, aber schön. Karin, Severin und ich werden heute Abend miteinander reden. Über diesen Tag und über das, was hier vor achtundzwanzig Jahren geschehen ist. Aber schon morgen werden wir uns wieder unserem gewohnten Alltag widmen. Den Tieren, dem Melken, dem Käsen. Ich möchte nicht herzlos erscheinen. Aber wir haben uns auf diesen Sommer gefreut; und ich werde nicht zulassen, dass ein Ereignis aus der Vergangenheit, und mag es noch so tragisch sein, unsere gemeinsame Zeit hier überschattet.«

Ein kleiner, bezeichnender Ausschnitt aus einem ganz grossen Roman, der hauptsächlich im Safiental spielt, diesem langen, tief eingeschnittenen Seitental des Vorderrheintales, das sich aus der Rheinschlucht bis zum Bärenhorn erstreckt, mit dem Gasthaus Turrahus zuhinterst und der Alp Falätscha eine gute halbe Stunde weiter oben. Die beiden Hauptschauplätze im (Kriminal-)Roman «Falätscha. Vom Schweigen in den Bergen» von Stefan Gartmann, der als Gymnasiast einen Sommer lang als Knecht auf einem Hof in diesem so ganz besonderen Tal arbeitete, wie seine Hauptfigur ebenfalls, der Churer Kriminalkommissar Jon Calonder. Er muss den Mord an einem Zusenn untersuchen, der sich verjährt hätte, wenn nicht einer, der damals auf der Alp Falätscha dabei gewesen war, sein Schweigen gebrochen hätte, kurz vor der Verjährung dieses Verbrechens.

Wie – und vor allem: warum – es dazu kam, enthüllt Stefan Gartmann auf 650 Seiten. Schritt um Schritt, Gespräch um Gespräch, Frage um Frage. Und die Antworten fallen nicht leicht, die Fragen eigentlich auch nicht. Die Berge, sie schweigen. Die Menschen, die dort wohnen, haben bisher auch geschwiegen. Weil sie mussten, weil sie wollten, weil das Leben, das Überleben in dieser rauen Natur vorrangig war. Aber nun wurde dieses Skelett eines bösen Mannes ausgegraben, dessen Verschwinden vor 28 Jahren niemand im Tal nachgetrauert hat. Ausser seine Mutter, und ihr verspricht Jon Calonder, dass er den Mörder ihres Sohnes findet. Was es auch kostet, was für alte Wunden aufgerissen, was für familiäre Geheimnisse ausgegraben werden.

Nochmals ein Ausschnitt aus diesem wuchtigen, grossartigen Roman um Schuld und Sühne im Safiental, um Gerechtigkeit und Recht, um Gut und Böse, um Liebe und Last in den Bergen; nun ja, im Tal auch:

»Sie sind Ermittler, und es ist Ihre Aufgabe, Verbrechen aufzuklären. Wenn Sie den Mörder vom Hitsch unbedingt finden müssen, dann suchen Sie weiter nach ihm; geht es Ihnen aber um Gerechtigkeit, dann sollten Sie die Vergangenheit ruhen lassen.«
»Das haben Sie mir schon einmal nahegelegt.«
Der alte Kauz schaute Calonder an: »Ja«, meinte er. »Aber offenbar hören Sie nicht auf mich.«
»Wie Sie schon sagten, ich bin Ermittler.«
»Können Sie denn nicht für einmal Mensch sein?«
»Ich versuche, beides zu sein. Mensch und Ermittler.«
Das Männlein schüttelte den Kopf. »Das wird in diesem Fall nicht möglich sein«, sagte es, und seine Worte klangen wie eine düstere Prophezeiung.
»Was macht Sie da so sicher?«
»Ich weiss Dinge, die Sie nicht wissen.«
»Warum erzählen Sie mir diese Dinge dann nicht?«
»Weil ich nicht mit ansehen will, wie der Hitsch über seinen Tod hinaus den Frieden im Tal zerstört.«

Stefan Gartmann: Falätscha. Vom Schweigen in den Bergen. Bilgerverlag, Zürich 2026. Fr. 40.-

Buchpremiere «Falätscha» am Dienstag, 24. März 2026, um 19.30 im Literaturhaus Graubünden in der Werkstatt Chur an der Unteren Gasse 9.

Schnee von heute

Der Winter ist nochmals zurückgekommen, kurz vor dem astronomischen Frühlingsbeginn. Da lohnt sich ein Blick auf neue Schneepublikationen.

«Ich blieb meinem Partner Rossignol treu, weil ich mir sagte: Geld darf nicht der Grund für einen Wechsel sein, auch weil ich überzeugt war von meinen Ski. Meine Treue bezahlte sich aus, ebenso bei Subaru.»

Sagt die Schweizer Skilegende Bernhard Russi im Tamedia-Interview vom 27. Februar 2026. Gibt man allerdings auf Google die Stichworte «Bernhard Russi Skimarke» ein, so erhält man automatisch folgende Antwort von KI: «Bernhard Russi, der Schweizer Olympiasieger und Weltmeister der 1970er-Jahre, fuhr während seiner aktiven Karriere hauptsächlich Skier der österreichischen Marke Kneissl. Er war eines der Aushängeschilder für Kneissl und feierte auf diesen Skiern seine größten Erfolge, darunter den Abfahrts-Olympiasieg 1972.» Schaut man sich die dazugehörenden Fotos an – von Russis Abfahrts-Siegen 1970 an der WM in Gröden und 1972 an der Olympiade in Sapporo – so sieht man deutlich das rote R im weissen Kreis in der Spitze der Lauffläche.

R wie Rossignol. Loïc Meillard und Federica Brignone fahren Rossignol. Hätten sie in den 1960er Jahren Skirennen bestritten, wären sie sicher auf dem französischen Rossignol Strato gestanden. Wie einst Jean-Claude Killy oder Henri Duvillard. Der Rossignol Strato war der «roi de la neige», wie einer Reklame von 1969 zu entnehmen ist. Er war im Salon de Grenoble im Januar 1965 erstmals vorgestellt und dann zehn Jahre lang produziert worden: «Le premier ski à avoir passé la barre symbolique du million paires vendues au monde.» Das Porträt zu diesem legendären Ski findet sich in der achten Ausgabe von «Ski français», die sich Ikonen widmet. So auch beispielhaften Momenten im alpinen Skirennsport, vom Sieg von Christine und Marielle Goitschel im Slalom an der Olympiade in Innsbruck 1964 bis zum 100. Weltcupsieg von Mikaela Shiffrin, im Slalom von Sestrières am 23. Februar 2025. Eine Skifahrerin oder ein Skifahrer aus der Schweiz tauchen da nicht auf. Immerhin, bei drei ausgewählten Skisportlern, die in ihrer Spezialdisziplin alles und mehr geben, brettert der Walliser Steilwandfahrer Jérémie Heitz mit Vollspeed weisse Wände hinunter. Im Kapitel über Pisten, die man wenigstens einmal im Leben befahren haben sollte, sind nur solche aus französischen Bergen aufgenommen worden. Deshalb figuriert die Mur suisse im Skigebiet Les Portes du Soleil nicht auf dieser Liste, das Lauberhorn oder die Streiff ebenfalls nicht.

Tant pis. Wir bleiben mit dem Bergführer François Matet aus Sallanches grad in seiner Haute Savoie und gehen mit ihm auf «Ski de randonnée du Mont-Blanc au Léman», in die Gebiete Aravis, Bornes, Chablais und Haut Giffre. Ein handlicher Führer in zwei Sprachen mit vielen Fotos und 75 Touren für Anfänger und Könner. Eine solche Tour im Haut Giffre stellte ich im Februar 1992 in der Zeitschrift «Bergsteiger» vor: «Eine Tour auf die westlichsten Berge der Schweiz. Über die Tête de Bossetan (2404,5 m) verläuft die Grenze zu Frankreich, während der Gipfelanstieg zu den Dents Blanches (2706 m) in der Schweiz liegt. Für Deutschsprachige ein Geheimtip; die französischen Skibergsteiger hingegen schätzen diese trotz aller Lifte immer noch sehr lohnende Tourenregion.» Nebenbei: Die beiden Gipfel gehören zweifellos zu den westlichsten der Schweizer Alpen, doch im Jura erheben sich ja noch andere helvetische Höger.

Dass man manchmal nicht alles überblickt, erlebte ich grad im Taschenbuch mit dem aktuellen Titel «1926. Ein Jahr am Rand der Zeit» von Hans Ulrich Gumbrecht; es erschien 1997 unter dem Titel «In 1926. Living at the Edge of Time» und 2001 erstmals auf Deutsch. Auf dem Cover das ikonische Gemälde «St. Moritz» von Tamara da Lempicka von 1929; es zeigt eine rot gekleidete Frau in winterlicher Landschaft, wohl eine Skifahrerin, denn sie stützt sich auf einen Stock. Auf der Rückseite heisst es: «Eine faszinierende Zeitreise in das Jahr 1926. Skifahren, Jazz, Boxen, Stierkampf, Sechstagerennen, Straßenkampf, Büroarbeit, Nachtclubs.» Nur: Bis jetzt fand ich keinen Schneefleck zum Stichwort Skifahren, nicht mal unter demjenigen zum Bergsteigen. Dabei waren die 1920er Jahre DIE grosse Zeit der Entdeckung des winterlichen Gebirges. Die Skiliteratur (in jeglicher Form) kam damals so richtig in Schuss.

Beispielweise mit Henry Hoek. Kurzer Ausschnitt aus «Schnee, Sonne und Ski. Ein Buch über den Frühling im Hochgebirge» von 1926: «Ende März. Noch ist Winter in den Bergen. Tief verschneit liegen sie unter Schnee. Und doch ist der Frühling schon in der Luft, er ist in der Form der Wolken, in der Farbe des Himmels, in dem Glanz der Schneedecke, im Knospen der Erlen am Bach und dem zarten Duft der Tannen auf sonnigem Hang.» Und noch ein Zitat, diesmal zu den Ski selbst: «Da kam dieser neue Sport, der ganz auf Geschwindigkeit und Raumüberwinden eingestellt ist, der seiner innersten ‹Idee› nach Raumhunger und Schnelligkeitsdurst ist, und der als Gerät nur zweier Bretter bedarf.»

Ski français. Tome 8: Icônes. Éditions Glénat, Grenoble 2026. € 20,00.

François Matet: Ski de randonnée du Mont-Blanc au Léman. Tome 2: 75 itinéraires/volume 2: 75 ski touring routes. Aravis, Bornes, Chablais, Haut Giffre. JMEditions, Chamonix 2026. € 28,50.

Hans Ulrich Gumbrecht: 1926. Ein Jahr am Rand der Zeit. Suhrkamp Verlag, Berlin 2025. € 20,00.

Wolfszeit

Der wilde Hund ist zurück. Ob wir das wollen oder nicht. Wie damit umgehen? Ein Bildband und ein (juristisches) Handbuch geben Antworten.

«‹Un tempo da lupi›, sagte man im Italienischen, wenn man nebliges, nasses Wetter meint, das man im Deutschen gemeinhin eher den Hunden oder Sauen zuordnen würde. Dieses Wetter ist aber nach jahrhundertealter Erfahrung der Hirten jenes, wo die Wölfe die Viehherden angreifen, und es gilt, besonders wachsam zu sein. ‹Die Zeit der Wölfe› ist aber auch seit den 1990er-Jahren im Sinne der Rückkehr dieser Großraubtiere in weite Teile Europas zu verstehen. Ausgehend von den verbliebenen Restpopulationen und befeuert durch deren enorme Anpassungsfähigkeit und Wanderfreudigkeit, die radikal verbesserten Lebensbedingungen sowie nicht zuletzt die Erfolge eines strengen Artenschutzes, schreibt der Wolf seitdem seine eigene Erfolgsstory.»

So leitet Roland Norer sein neues Wolfsbuch ein. Es heisst: «Leben mit dem Wolf. Anleitung für ein Wolfsmanagement in Europa». Der Professor für Öffentliches Recht und Recht des ländlichen Raums an der Uni Luzern mit den Forschungsschwerpunkten Agrar-, Umwelt- und Raumplanungsrecht hat sich schon einmal ausführlich mit dem Rückkehrer Wolf beschäftigt: https://bergliteratur.ch/der-wolf-ist-da-so-auch-im-alps/. Das neue Buch kommt schlanker, aber nicht abgemagert daher. Es zeigt, so lesen wir auf der Rückseite, «fachlich sinnvolle und rechtlich zulässige Wege auf, wie eine realistische und gesellschaftlich tragfähige Integration in die moderne Kulturlandschaft gelingen kann». Die eigentliche Anleitung erstreckt sich über 74 Seiten, wobei der Herdenschutz den grössten Raum einnimmt. Roland Norer zeigt eindrücklich, was da alles möglich ist, damit der Wolf nicht (zu) böse zubeisst – bzw. was eben nicht möglich ist. Am einfachsten wäre doch, wenn sich der Canis lupus in die Märchenwelt zurückzöge… Illustriert ist das Buch mit triftigen Fotos. Auf dem Cover kommt aber ein grimmiger Wolf daher: Dem möchten wir in freier Wildbahn lieber nicht begegnen.

Dann schon lieber der siebenjährigen Wölfin F18 in der alpinen Höhenstufe im Oberalpgebiet, die Heinrich Haller am 18. Oktober 2022 fotografiert hat und die nun seinen Bildband «Der Wolf. Ein Grenzgänger zwischen Kultur und Natur» schmückt. Überhaupt die Fotos, die Haller, von 1996 bis zu seiner Pensionierung 2019 Direktor des Schweizerischen Nationalparks, in seiner Heimat, aber auch in andern Teilen der Welt gemacht hat. Höchst eindrücklich! Meistens seitengross platziert und mit genauen Legenden versehen. Da vergisst man fast, den Lauftext zu lesen. Was sich aber ebenfalls sehr empfiehlt.

Klar, ein Schosshündchen wird der Vorfahr unserer Hunde nie. Doch mit diesen beiden Büchern lernen wir den Wolf viel besser kennen. Und können die ganze Faszination und Problematik besser einschätzen. Das Märchen seinerseits, das kennen wir ja. Trotzdem noch ein kurzer Ausschnitt:

«Ach, Großmutter, was hast du so große Ohren!».
«Daß ich dich damit gut hören kann!»
«Ach, Großmutter! Was hast du für große Augen!»
«Daß ich dich damit gut sehen kann!»
«Ei, Großmutter, was hast du für haarige große Hände!»
«Daß ich dich damit gut fassen und halten kann!»
«Ach, Großmutter, was hast du für ein so großes Maul und so lange Zähne!»

Roland Norer: Leben mit dem Wolf. Anleitung für ein Wolfsmanagement in Europa. Oekom Verlag, München 2026. € 27,00.

Heinrich Haller: Der Wolf. Ein Grenzgänger zwischen Kultur und Natur. Haupt Verlag, Bern 2025. Fr. 49.-

Mit Barbara im Baselbiet

Das Baselbiet gehört zum Jurabogen. Wir erkunden die Gegend mit Büchern von Barbara Saladin und lernen besondere Juragipfel dort und in Frankreich kennen.

«Der Wisenberg liegt ganz im Süden des Bezirks Sissach, und seine Spitze ist genau 1.001 m ü.M. hoch. Er ist somit der östlichste Juraberg, der die 1.000-Meter-Marke knackt.»

Als ich diese zwei Sätze in Barbara Saladins «Mörderisches Baselbiet» las, wusste ich: nix wie hin! Auch wenn es ja gefährlich sein könnte, schliesslich passieren Verbrechen rund um diesen besonderen Berg. Doch keine Angst: Im Untertitel heisst das Taschenbuch «11 Krimis und 125 Freizeittipps». Der Kurzkrimi «Nachts um den Wisenberg» führt nicht nur zu seinem 24,5 Meter hohen Aussichtsturm (der wirklich ein umwerfendes 360-Grad-Panorama bietet), sondern stellt auch das Bad Ramsach auf seiner Nordwestseite vor und die Wisnerflue südöstlich von ihm. Gut, von dieser Flue könnte man schon runterfallen – oder runtergestossen werden… Wir bleiben auf dem Wisenberg und seinem festen Turm.

Der östlichste Tausender des Jura. Mehr noch: wahrscheinlich auch sein nördlichster 1000er. Und wie heissen die Pendants am anderen Zipfel des Jurabogens? Beim südlichsten dürfte es sich um den Mont Beauvoir (1313 m) südwestlich von Chambéry handeln. Der westlichste Jura-Tausender ist laut Wikipédia der Crêt de Pont (1059 m): «C’est le sommet de plus de 1000 mètres le plus occidental de tout le massif du Jura». Er liegt östlich des Rhoneknies von Lagnieu. Schon mal von diesem Knie oder von diesen Gipfeln im französischen Jura gehört? Ich jedenfalls nicht, bis ich die verwandten Spitzen des Wisenberges suchte. Deshalb: allons-y!

Allerdings erst, wenn wir das Baselbiet näher erkundet haben. Denn es gibt in diesem Juragebiet unterhalb des Rheins und rechts von Lucelle und Birsig noch viel zu entdecken und erwandern. Nicht nur mit den Kurzkrimis sowie mit den beiden Kriminalromanen um den Hofhund Vasco von Barbara Saladin, sondern auch mit ihrem Freizeitführer «Hügel, Täler und alte Gemäuer. 50 Ausflüge und Entdeckungen in der Region Basel». Zu folgenden Bereichen stellt die im Oberbaselbiet lebende Autorin jeweils mehrere Ausflüge und Wanderungen vor: Themenwege, Kraft- , Pflanzen-, historische und geologische Orte, Naturschutzgebiete, Verkehrsmittel, Ruinen, Alte Dorfkerne und Historische Altstädte. Und natürlich Aussichtspunkte. Der Berg oberhalb des Dorfes Wisen – auf der Landeskarte der Schweiz neu Wiseberg geschrieben – bleibt diesmal aussen vor. Dafür geht’s auf die Hinderi Egg (1168 m), den höchsten Punkt des Kantons Basel-Landschaft. Worauf warten wir noch?

Barbara Saladin: Mörderisches Baselbiet. 11 Krimis und 125 Freizeittipps. Gmeiner Verlag, Meßkirch 2018. € 12,80.

Barbara Saladin: Baselbieter Abgründe. Kriminalroman. Aus der Reihe Hofhund Vasco, Band 1. Gmeiner Verlag, Meßkirch 2022. € 14,00.

Barbara Saladin: Baselbieter Fluch. Kriminalroman. Aus der Reihe Hofhund, Vasco Band 2. Gmeiner Verlag, Meßkirch 2024. € 14,00.

Barbara Saladin: Hügel, Täler und alte Gemäuer. 50 Ausflüge und Entdeckungen in der Region Basel. Friedrich Reinhard Verlag, Basel 2025, Fr. 29.80.

Der Berg kam, der Peak ruft

Comic in Elm, Comic in Luzern. Die Fumetto Festival feiert diese eigenständige Kunstform seit 1992, dieses Jahr zum Thema Peak. Eine neue Graphic Novel schildert den verheerenden Bergsturz von Elm.

«Schwerer Bergsturz! Himmelherrgott! Sieht fast so aus, als ob das Schieferwerk betroffen ist, womöglich auch die Werkhütten und Schiefermagazine! Kommt schnell! Wir müssen schauen, was noch zu retten ist.»

Beat Rhyner, Bauer und als Bannleiter verantwortlich für den Gemeindewald von Elm im Glarnerland, steht mit entsetztem Gesicht in der Tür der Wirtschaft zur Meur. Es ist Sonntag, 11. September 1881, 17.15 Uhr. Der erste Bergsturz hat eben Werkhütten, Schiefermagazine und auch die Wirtschaft zum Martinsloch verschüttet. Um 17.32 kommt der zweite, grössere Bergsturz, erfasst mehr Häuser und Menschen. So auch Beat Rhyner, der im zuerst verschütteten Abschnitt helfen wollte. Seine Frau und zwei seiner fünf Kinder sterben nur wenige Meter von ihm entfernt in ihrem Haus, direkt hinter dem Gasthaus zur Meur. Um 17.36 kommt der dritte Bergsturz. Insgesamt zehn Millionen Kubikmeter Felstrümmer erstrecken sich in einem zwei Kilometer langen Schuttstrom das Tal hinunter. 114 Tote; 103 Menschen behält der Berg für immer begraben. 83 vernichtete Gebäude. Der Bergsturz von Elm war etwas kleiner als derjenige von Blatten im Lötschental (2025) und deutlich kleiner als diejenigen von Randa (1991) und Goldau (1806). Aber er war selbstverschuldet: rücksichtsloser Abbau von Schiefer am Tschingelberg.

Das schildert die Graphic Novel «Teufelsberg» von Esther Angst. Die Illustratorin lebt und arbeitet in Rüti im Kanton Glarus, kennt also Land und Leute. Und die Geschichte dieser Katastrophe, dieses einschneidenden Ereignisses im ländlich-industriellen Glarnerland: die Hoffnungen auf Verdienst, und die Gier, mit den damals gesuchten Schieferplatten gutes Geld zu machen. Wie Esther Angst das Alles nun in Bild und Wort umgesetzt hat: grossartig und furios, präzis und prägnant. Da leidet und hofft man mit, da zuckt man zusammen, wenn der ausgehöhlte Berg nach tagelangen Regenfällen zu stürzen beginnt: zuerst nur mit Steinschlag, zuletzt in drei vernichtenden Schlägen.

Schlag auf Schlag, Zeichnung auf Zeichnung, Geschichten in Bild und Wort: Darum geht es im Fumetto Comic Festival Luzern vom 7. bis 15. März 2026. Diese 1992 erstmals durchgeführte Veranstaltung präsentiert jeden Frühling während neun Tagen in Luzern die wichtigsten Comic-KünstlerInnen und Nachwuchstalente aus der ganzen Welt. Das Festival macht mit seinen rund 8 Haupt- sowie 50 Satelliten-Ausstellungen den Comic für Erwachsene, Jugendliche und Kinder erlebbar. Die Ausstellungsorte sind über die ganze Stadt Luzern und Agglomeration verteilt.

Thema in diesem Jahr: PEAK. Und so wurden die ZeichnerInnen eingeladen: „Erzählt uns von Höhepunkten und Gipfelerlebnissen, von steilen Aufstiegen, jähen Abstürzen und Berg- und Talfahrten aller Art. Wir suchen Comics über Baumgrenzen und Basislager, über Après-Ski, Enzian und Edelweiss. Vielleicht wird’s aber auch fantastisch mit Yetis, oder – gar nicht mehr alpin – metaphorisch mit Sisyphos? Ist der Peak längst erreicht, und es geht nur noch bergab – mit Klimakatastrophe, Bergrutsch und Gletscherschmelze? Ob steinig oder sanft, ob Alpenglühen oder globaler Kollaps, vom Fujiyama, Uluru, Rigi oder Pilatus.“

Rekordverdächtige 1647 Einsendungen aus 61 Ländern rund ums Thema PEAK gingen in Luzern ein. Neben der digitalen Präsentation aller Einsendungen zeigt die Ausstellung die Shortlist mit den 50 besten Arbeiten aus drei Alterskategorien im Original. Der Comic von Lawrence Grimm schildert in «Raum & Zeit & Berg» den Berg Fritze auf einer Seite mit zwölf Panels. Das sechste zeigt ihn beim Auseinanderbrechen: «Bloss, es kommt noch schlimmer. Armageddon! Donner! Blitze!»

Esther Angst: Teufelsberg. Baeschlin Verlag, Glarus 2025. Fr. 29.80.

Fumetto Comic Festival Luzern: https://fumetto.ch/exhibitions/peak

Schnee & Ski

Drei neue Bücher zum Thema Skifahren und Schnee. Und eine vielleicht visionäre Skierzählung von Peter Stamm.

«La neige posait problème.»

Wie wahr, dieser Beginn der Geschichte «Le ski» des Genfer Schriftstellers Guillaume Rhis über Familienwinterferien in La Barboleuse in den Waadtländer Alpen. Der Schnee macht zur Zeit in den Schweizer Alpen grosse Probleme, viel grössere als den Eltern des jungen Guillaume, wenn ihr bescheidenes Ferienchalet unter der weissen Dachlast einzustürzen drohte:

«On trouvait dans l‘atelier une échelle centenaire. Quand mon père l’appuyait contre la gouttière, nous autres femme et enfants retenions notre souffle. Maman sécurisait d’une main le vieil outil, le corps raide, inquiète; Papa, le gant prolongé d’une balayette en roseau, jouait avec le danger. Combien de fois la scène s’est-elle répétée tout au long des années 1990?»

Wer immer auch mal mit den Eltern – oder ebenfalls mit Gleichaltrigen – Skiferien genoss (oder auch nicht, kann ja vorkommen…): Das schmale Buch von Rhis findet immer Platz im Gepäck, sei es nur bei einem Tagesausflug, sei es für die Settimana bianca in Cortina d’Ampezzo (die Olympiade dauert ja nur noch bis Sonntag) oder gar in den Monti Sibillini.

Vom Schnee von heute zum «Schnee von morgen» mit Laura Anninger. Im Untertitel heisst das Buch der österreichischen Umwelt- und Wissenschaftsjournalistin «Über das Skifahren in Zeiten des Klimawandels». Sie war in Hörsälen und Gondeln unterwegs, hat mit ganz vielen Leuten gesprochen, die etwas vom Schnee verstehen bzw. von ihm leben, auch wenn sie oft nachhelfen müssen, wenn er nicht wie jetzt in kaum zu bändigenden Massen vom Himmel fällt. Vielleicht müsste man Frau Holle mal klar machen, dass wir sie schon schätzen und dies noch stärker täten, wenn sie mehr Konstanz in ihre Arbeit brächte, nämlich immer wieder ein paar Dezimeter und nicht plötzlich meterweise Schnee. Oder leidet sie eventuell auch unter dem Klimawandel? Möglich wär’s. Doch zurück zu Frau Anninger. Im Kapitel «Schneeschuh, Zipline, Mountainbike. Warum sich Skigebiete neu erfinden müssen» lesen wir:

«Es werden weitere Gebiete geschlossen werden. Anpassung ist immer nur zu einem gewissen Grad möglich. Denn bei all den Bemühungen bleibt Fakt: Skifahren wird in den kommenden Jahrzehnten nur an immer weniger Orten, zu immer höheren Preisen, mit steigendem Einsatz von Energie sowie Wasser und laufenden Eingriffen in den Naturraum möglich sein.»

Düstere Aussichten für den Pistenskilauf. Aber muss er denn überhaupt draussen stattfinden? Genau darum geht es in der hoffnungsvollen Skiliebesgeschichte – der Valentinstag liegt ja noch nicht weit zurück – mit dem Titel «Lieke schreibt…» im  neuem Erzählband «Auf ganz dünnem Eis» des Schweizer Schriftstellers Peter Stamm. Hauptfigur in dieser ersten Erzählung ist ein Schweizer Skilehrer, der nach einem Unfall zuhause nun in Bottrops Skihalle unterrichtet. Ich bin dort auch Ski gefahren. Doch kurven wir mit Peter bzw. seinem Skilehrer, der die erste Abfahrt immer alleine macht:

«Ich fahre los, schwinge über den erst flachen, dann steiler werdenden Hang. Der Fahrtwind lässt meine Augen tränen, die Kälte brennt mir im Gesicht. Ich reiße die Augen auf, ich bin kurz vor der Kurve, ein weiter Schwung. Ich weiß genau, von wo aus ich laufen lassen muss, damit ich die kleine Steigung am Ende der Piste hochkomme. Die Ampel steht auf Grün. Eine Minute Abfahrt, fünf Minuten auf dem Förderband in diesem scheußlichen Tunnel.»

Wesentlich länger, wesentlich anstrengender, ja eigentlich gar nicht vergleichbar, aber halt doch Skisport, wenn auch nicht mit Pisten- oder Tourenskis, sondern mit Langlaufskis. Und erst noch auf dem mythischen Vasaloppet. Jedes Jahr am ersten Sonntag im März wird der Wasalauf zwischen den Orten Sälen und Mora in der schwedischen Landschaft Dalarna über 90 km in klassischer Technik ausgetragen, und das seit 1922. Davon schreibt die deutsche Schriftstellerin Antje Rávik Strubel im Essay «Kein Schnee, nimmermehr. Neunzig Kilometer Mutmaßungen übers Skifahren, das Schreiben und den Tod». Der Rückseitentext startet so: «Ski sind das älteste Fortbewegungsmittel der Menschheit und so geht mit dem Schnee viel mehr verloren als ein Wintersport: eine ganze Sprachwelt und eine existenzielle Erfahrung.» Dazu gleich eine Bemerkung, obwohl es mir als Skisportler schon gefiele, wie wichtig die beiden langen Latten für die Menschen sind. Bevor diese aber auf jenen über den Schnee glitten, wurde schon lange auf Flössen von Insel zu Insel gerudert. Doch mit dieser Laufkorrektur wollen wir die Übersicht über neue Schnee- und Skiliteratur dann doch nicht abschliessen, sondern lieber mit einer wichtigen Skisportlerin:

«Die erste Frau in Hosen war eine Skifahrerin: Kristine Drolsum aus Christiana, dem heutigen Oslo, nähte sich 1896 einen dunkelblauen Skianzug. Er bestand aus Hosen und einer Jacke, die oberhalb der Knie endete. Angesichts der sonst üblichen schweren Röcke war das eine Revolution, die wie andere Revolutionen in jeden Geschichtsunterricht gehört.»

Guillaume Rihs: Ski. Éditions Slatkine, Genève 2026. Fr. 21.45.

Laura Anninger: Schnee von morgen. Über das Skifahren in Zeiten des Klimawandels. Verlag Anton Pustet, Salzburg 2025. € 26,00.

Peter Stamm: Auf ganz dünnem Eis. Erzählungen. S. Fischer Verlag, Frankfurt aM 2025. € 24,00.

Antje Rávik Strubel: Kein Schnee, nimmermehr. Neunzig Kilometer Mutmaßungen übers Skifahren, das Schreiben und den Tod. Residenz Verlag, Salzburg 2025. € 20,00.

Jules Jacot-Guillarmod

Die Biografie von Laurent Tissot lädt dazu ein, neue Seiten des Schweizer Arztes, Alpinisten, Expeditionsbergsteigers, Autors und Fotografs kennenzulernen.

«Liberté des montagnes, heureuse possession de soi-même, bonheur de courir à l’aventure sur les sommets inconnus et déserts, de marcher sur des neiges pures encore, de monter vers les cieux, est-il rien de plus concis et de plus complet que cette belle pensée de Javelle pour définir l’invincible attrait des hautes cimes et pour réduire à néant cette idée saugrenue de Madame de Staël qui s’imagine que nous allons à la montagne pour le plaisir singulier de nous exposer à la mort, quand tout, dans la nature, nous commande d’aimer la vie?»

Das fragt sich eloquent der Neuenburger Arzt und Alpinist, Autor und Abenteurer Jules Jacot-Guillarmod zu Beginn seines Beitrages «Au Mönch (4105 m) par l’arête nord-ouest» im «Jahrbuch des Schweizer Alpenclub» von 1907. Illustriert sind die sieben Seiten mit neun eigenen, allerdings sehr kleinen Fotos; gerade mal 4 auf 4,5 cm. Das zweite zeigt einen Bergsteiger, der auf einem Band an einer fast senkrechten Eiswand steht, die Schulter fest ans Eis gedrückt. Dieses schwindelerregende Foto macht nun den Auftakt in der Biografie «Jules Jacot-Guillarmod, l’explorateur de l’inconnu» von Laurent Tissot, emerierter Geschichtsprofessor der Uni Neuchâtel. Auf dem Titelbild sehen wir den Helden auf einem Pferd reitend, den Kopf mit einem Turban bedeckt; das Foto entstand bei der Rückkehr von der mutigen Expedition zum K2. Jules Jacot-Guillarmod (1868–1925) war der erste Schweizer im Himalaya und Karakorum. Am 18. Juni 1902 notierte er in seinem Journal: «Vu le K2 pour la première fois. Imposant, faisant peur et pourtant plaisir à voir.» JJG machte damals auch das erste Foto des zweithöchsten Gipfels der Welt. Am 10. Juli 1902 erreichte JJG mit Viktor Wessely am Nordostgrat eine Höhe von ca. 6700 m. Mehr zu dieser Expedition und zum Buch dazu hier: https://bergliteratur.ch/jules-jacot-guillarmod-pionier-am-k2/

Selbstverständlich beleuchtet Laurent Tissot die Bergsteigerei von JJG. Aber ausgehend vom täglich geführten Journal und von zahlreichen Fotos schildert Tissot das ganze vielfältige Leben von Jules Jacot-Guillarmod. So eine Reise um das Mittelmeer während der Flitterwochen, eine Weltreise im Rahmen einer Mission des Roten Kreuzes 1919 in Sibirien und das Projekt, Afrika von Kairo bis zum Kap der Guten Hoffnung zu durchqueren, das jedoch aufgrund seines Todes infolge einer Infektion nicht mehr verwirklicht werden konnte.

Die Biografie von Tissot ist mit schwarzweissen Fotos illustriert, die auch für die Geschichte der Fotografie zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Bedeutung sind. Denn Jacot-Guillarmod gehört zu den Amateuren, die das Potenzial dieser Bildtechnologie erkennen und sich daran machen, das Beste daraus zu verwirklichen. Überraschend die Foto eines Bades im Gletscherbach beim Theodulpass – offenbar war Eisbaden schon 1898 en vogue… Fein beobachtet und aufgenommen eine Szene beim Abstieg von der Cheopspyramide 1905: gross die Figur des Führers, vom Touristen nur der Unterarm und die Hand, die gehalten wird. Und dann die Selbstauslöseraufnahme mit seiner Tochter Ginette bei einem Brunnen vor einer schindelbedeckten Alphütte an der Dent de Jaman 1912. Die letzte Aufnahme im neuen Buch zeigt Männer mit Hüten im alten Hafen von Marseille. Ob sie auf ein Schiff warten?

Am 5. Juni 1925 starb Jules Jacot-Guillarmod auf einem französischen Postschiff, das ihn nach Europa hätte zurückbringen sollen, im Golf von Aden (Jemen). In der Hafenstadt Aden wurde er begraben.

Laurent Tissot: Jules Jacot-Guillarmod, l’explorateur de l’inconnu. Postface et choix des photographies de Jean-Christophe Blaser. Infolio éditions, Gollion 2025. Fr. 44.-