Nées pour skier

In einem eleganten Bildband porträtiert Lucy Paltz 27 Skifahrerinnen aus der halben Welt, viele Französinnen, aber auch eine Schweizerin.

«Quand je m’élance et que je glisse sur la neige, tout s’évanouit: les doutes, le stress, les contrariétés. Il ne reste que l’instant présent, l’envie d’aller vite, la maîtrise de mes trajectoires, l’adrénaline et l’ultra-concentration.»

Sagt die beste aktive Skirennfahrerin der Schweiz. Sie ist im Moment auch diejenige, die das Zwischenklassement im alpinen Skiweltcup anführt, vor der verletzten Mikaela Shiffrin. Die US-Amerikanerin ihrerseits sagt: „Je préfère la notion d’établir des records sportifs plutôt que les battre.“ Leicht gesagt, aber schwierig zu machen. Nun, Mikaela wird die 100 Weltcup-Siege noch einfahren, wenn nicht in diesem Winter, dann im nächsten. Eine Landsfrau von ihr hat im Weltcup zwischen 2004 und 2018 82 mal gewonnen.

Die Schweizerin heisst Lara Gut-Behrami, die zurückgetretene Rennfahrerin Lindsey Vonn. Das Trio gehört zu den 27 Skifahrerinnen aus der halben Welt, die Lucy Paltz im Bildband „Nées pour skier“ porträtiert. Mit Texten, in denen die Skifahrerinnen direkt von ihrem Leben und ihrer Passion sprechen. Mit tollen, oft ganzseitigen Fotos, die die Sportlerinnen bei und neben ihrer Lieblingstätigkeit zeigen. So Federica Brignone, „la reine de la polyvalence“, in voller Montur ausser Helm und Brille, wie sie in der Hocke in ein Schwimmbecken getaucht ist.

Wer ist sonst noch dabei in dieser Buch gewordenen Ode an Wettkämpferinnen und Extremskifahrerinnen, an Pulverschneejägerinnen und Biathletinnen, an Skitourenläuferinnen und Freestylerinnen, an Pionierinnen in Sachen weiblicher Bergsport mit den Gründungen von Sister Summit und Girls on the Top? Die Namen Tessa Worley und Tina Maze dürften noch bekannt sein, vielleicht kennt man auch die ehemalige Kletterweltmeisterin Liv Sanzoz, die heute als Bergführerin arbeitet. Andere Namen waren auch dem Skichronisten und Skibuchsammler neu. Natürlich, was auffällt: Ein solches Buch aus einem französischen Verlag, gesponsert von Rossignol, porträtiert viele Französinnen. Aber dass Lara Gut eine andere Marke fährt, ist gut lesbar.

Was fast in jedem Text vorkommt, ist das, was der Titel dieser eleganten Publikation zum Skilauf und Frauensport sagt: „Nées pour skier“ – zum Skifahren geboren. So Marie Bochet, Gewinnerin von 102 Weltcup-Rennen und acht Goldmedaillen an den Paraolympischen Spielen: „Je suis née par un frais matin d’hiver, un 9 février, comme prédestinée à la neige et au ski.“ Dass ihr links Hand und Unterarm fehlen, hat sie überhaupt nicht vom leidenschaftlichen Skifahren zurückgehalten.

Zum Schluss noch eine traurige Nachricht zu einer Skiläuferin, die ihr Leben ebenfalls diesem Sport geweiht hat; sie ist im Buch nicht porträtiert. Die 1970 geborene US-Amerikanerin Catherine „Kasha“ Rigby galt als eine der besten Telemarkfahrerinnen; so fuhr sie als erste Person mit den Telemarkski vom Cho Oyu (8188 m) ab. Am 13. Februar 2024 löste sie im Skigebiet Brezovica im Kosovo ein Schneebrett aus, das sie mitriss und gegen einen Baum drückte. Dabei zog sie sich schwere innere Verletzungen zu. Obwohl Magnus Wolfe Murray sofort bei ihr war und Wiederbelebungmassnahmen ergriff, konnte er seine Kasha nicht mehr retten. Die beiden waren verlobt, im September dieses Jahres wollten sie heiraten. Geboren zum Skifahren kann leider auch verdammt tragisch enden.

Lucy Paltz: Nées pour skier. Éditions Glénat, Grenoble 2023. € 36,00.

Gipfelsturm und Talliebe

Zwei neue Serien um Rettung und Liebe am Berg und im Tal. Nur lesen ist schöner als fernsehen. Am Valentinstag erst recht.

«Es knackte in ihrem Funkgerät. „Gottverdammt, was tust du?“, schrie Jonas in ihr Ohr. „Bist du okay?“

Sie gab keine Antwort, sondern hob nur den Daumen, wissend, dass er ihren Aufstieg mit dem Fernglas verfolgte. Der Schock hatte ihre Nervosität vertrieben. Sie lauschte auf ihren Herzschlag und atmete wieder ein paar Mal tief ein und aus, um sich zu beruhigen. Dann erst stieg sie weiter, Armlänge und Armlänge, bis sie endlich die Höhe des Vorsprunges erreicht hatte.»

Kurzes Aufschnaufen auch unsererseits. Das war knapp für Lena Veith, Hauptfigur in der Romanserie „Die Bergwacht“ von Sophie Zach. Und der lebensgefährliche Rettungseinsatz am berühmten Jubiläumsgrat an der Zugspitze, dem höchsten Gipfel Deutschlands, ist noch keineswegs vorbei. Denn hinter dem Vorsprung liegt Franz. Ob es der jungen Bergführerin und dem ganzen Team der Bergwacht gelingen wird, den Schwerverletzten heil ins Tal zu bringen?

Aber um Gottes Willen, heute ist doch Valentinstag! Da möchte man andere Passagen lesen, schon auch solche mit Knistern, aber nicht im Funkgerät. Bitte: «Während Ramsauer die Sitzung eröffnete und zunächst ein paar unwichtigere Dinge besprochen wurden, war sich Lena Bens Nähe so deutlich bewusst, dass sie fast versucht war, mit ihrem Stuhl etwas nach hinten wegzurutschen. Es erschien ihr geradezu ungehörig, so nah beieinanderzusitzen. Sie konnte die Wärme spüren, die Bens Körper ausstrahlte, nahm seinen Geruch nach frischer Luft, Holzrauch und irgendetwas Herbem wahr und wagte es nicht, den Kopf zu drehen und ihn anzuschauen. Ihr war heiß.»

Uns auch! Ausgerechnet der unsympathische Ben, den Lena seit der Schulzeit kennt. Und was ist eigentlich mit Jonas, dem Kollegen im Team der Bergwacht im fiktiven Ort Bichlbrunn bei Garmisch-Partenkirchen? Selber lesen und mitfiebern in den beiden erschienenen Bänden „Alpenglühen“ (daraus das erste Zitat) und „Gipfelsturm“ (daraus das zweite). Und sich freuen auf den dritten Band, der allerdings erst in einem Jahr erscheinen wird.

Action am Berg und in der Stube, unterbrochen von idyllischen und herzzerreissenden Szenen. Die Berge, die so unberechenbar wie das Leben sind. Man kennt das von erfolgreichen alpinen TV-Serien. Im ZDF treten die „Die Bergretter“ auf, deren ersten Folgen ab November 2009 unter dem Namen „Die Bergwacht“ ausgestrahlt wurden; 2012 erfolgte die Umbenennung in „Die Bergretter“. Im ORF hilft „Der Bergdoktor“ seit 2008 am Berg wie im Tal; die Arztserie ist eine Neuauflage der gleichnamigen deutsch-österreichischen Fernsehserie „Der Bergdoktor“ (1992–1997). Beide basieren auf Motivvorlagen der erfolgreichen Heftromanserie gleichen Namens. Lesen und fernsehen verstehen sich gut.

Dieser Meinung war offenbar nicht nur der Rowohlt Verlag mit „Die Bergwacht“. Denn ebenfalls im letzten Jahr startete der Ullstein Verlag die Serie „Der Bergretter“ von Vero Adler. Auch sie spielt in Garmisch-Partenkirchen und am Jubiläumsgrat, auch da gibt es alpine Rettungseinsätze sowie Konflikte und Konsolation weiter unten. Hauptfiguren sind Leonhard Gerstorff, Arzt in der Kinder-Rheumaklinik, und Frederika Altenberger, Mitglied der Bergwacht. Finden sich die beiden endlich, oder kommen immer Einsätze sowie Leonhards Exfrau dazwischen? Genau so ist es. Ein dritter Band ist noch nicht angekündigt. Doch so offen soll der Lektüre-Hinweis am Valentinstag nicht enden. Deshalb hier ein Zitat von Seite 250 in Band 2: „Oft lief Leonhard abends mit Frederika durch die erleuchteten Straßen, meist schneite es, und das machte alles noch viel schöner.“ Schön wär’s, diese Bemerkung sei erlaubt, wenn es auch ausserhalb von Romanen wieder mal schneite.

Sophie Zach: Die Bergwacht. Band 1: Alpenglühen; Band 2: Gipfelstürme. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 2023. Der dritte Band, Schneetreiben, erscheint im Januar 2025. Je € 12,00.

Vero Adler: Der Bergretter. Band 1: Zwischen den Gipfeln das Glück; Band 2: Zwischen den Gipfeln die Liebe. Ullstein Verlag, Berlin 2023. Je € 12,00.

Der Schneehase

Der Schweizerische Akademische Skiclub SAS feiert den 100. Geburtstag mit der 41. Edition seiner Publikation „Der Schneehase“. Ein Wurf, wie immer.

«Damit erfolgt der Startschuss!»

Er ertönte gestern Mittwoch Abend im ersten Stock beim Restaurant Du Théâtre in Bern, vor rund 80 bestens gelaunten und gekleideten Skifahrerinnen und Skifahrern, die meisten von ihnen im Blazer, im legendären V-Ausschnitt-Pullover, mit Krawatte oder Foulard, immer aber mit den drei Buchstaben SAS. Der Schweizerische Akademische Skiclub wird hundert Jahre alt, und mit ihm seine Publikation „Der Schneehase“. Und genau diese gab es gestern zu feiern: die Edition 41 für die Jahre 2020 bis 2024. Einmal mehr ein grossartiges Werk: 320 Seiten voller feinen, fundierten, überraschenden Artikeln zur Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Skilaufs, immer passend illustriert. Zum letzten Mal editiert von Ivan Wagner; wer der neue, erst siebte Schriftleiter des „Schneehasen“ sein wird, ist noch halb geheim. Der erste war der SAS-Mitbegründer Walter Amstutz; seine Enkelin Alexandra Gozon sass gestern unter den Gästen. Und erfreute sich wie alle andern am überraschenden Dessert, das in Form eines Schneehäslein im Teller lag.

„Endlich ist der Hasensprung gelungen! Zum ersten Male erscheint der ‚Schneehase‘ in gedruckter Form.“ So leitete Walter Amstutz sein Geleitwort für die Nummer 1 ein; sie deckt die Jahre 1924 bis 1927 ab. Sein Hinweis auf die Form des SAS-Jahrbuchs ist richtig, denn 1925 und 1926 erschien der „Schneehase“ nur in vervielfältigter Version mit wenigen Seiten. In der ersten Ausgabe schreibt Hermann Gurtner, Mitbegründer des Clubs und sein erster Präsident, der SAS sei „ein junges Häslein, dem aber aller Voraussicht nach die Löffel noch wachsen werden. Vor Jahresfrist ist es dem warmen Moosnest entsprungen und hat sich seither in allerhand Hackensprüngen versucht.“ In der zweiten Ausgabe kommt Gurtner auf das Springen zurück: „Schon seit Neujahr hat dieser zweite Schneehase die Löffel gestellt, doch zum Abhüpfen ist er erst heute gekommen, nachdem der Schweizerische Ski-Verband seinen landesväterlichen Segen erteilt hat. Seit dem 6. Januar 1926 sind wir Mitglied des schweizerischen Landesverbandes.“ Der heutige Präsident von Swiss-Ski, Urs Lehmann, ist Mitglied des SAS Zürich. Er hielt gestern Abend eine Ansprache, und im druckfrischen „Schneehasen“ findet sich ein wegweisendes Interview zum Potenzial des SAS. Seine Publikation bezeichnet er als „lebende Legende“.

Daraus hebe ich ein paar Beiträge hervor. Gleich zwei befassen sich mit dem Thema Bergfotografie; Robert Bösch konnte seine klugen Überlegungen gleich mit eigenen Bildern illustrieren. Martin Berthod – Sohn Marc kennen wir als Co-Kommentator der alpinen Männer-Skirennen – befasst sich mit seinem St. Moritz als „Wiege des ‚modernen‘ Wintersports“. Einen neuen Mann am Skimikrofon im Fernsehen kennen wir seit diesem Winter: Beat Feuz; im 41. „Schneehasen“ sehen wir ihn als Kind auf den schmalen Brettern, die die Welt bedeuten – so härzig und gleichzeitig dynamisch. Um alte Skigeschichte geht es im Beitrag über den 1893 gegründeten Czech Ski Club Prague, den ältesten nationalen Skiverband der Welt. Und wo wurde der Slalom erfunden? In Mürren oder doch nicht? Adam Ruck vom Kandahar Ski Club, der am 30. Januar 1924 in Mürren gegründet wurde, beantwortet die Frage. Neben SAS und KSC feiert in diesem Jahr noch eine dritte Skiorganisation ihren 100. Geburtstag: Es ist die FIS, die Fédération Internationale du Ski. 36 Delegierten aus 14 Ländern beschlossen am 2. Februar 1924 in  Chamonix im Rahmen der „Internationalen Wintersportwoche“, die später als I. Olympische Winterspiele anerkannt werden sollte, die Gründung der FIS.

Wenn wir schon am Feiern sind: Bald kann der Skierstbesteigung des Eiger (3967 m) durch den Engländer Arnold Lunn und die Schweizer Fritz Amacher, Walter Amstutz und Willy Richardet am 18. Mai 1924 gedenkt werden. Im Jubiläumsjahrbuch des „Schneehasen“ von 1974 kommt Amstutz in „Die Skiwelt von gestern“ zurück auf die Skipremiere: „Auf unserer Eigertour konnte ich Willy Richardet für die Gründung eines SAS erwärmen. Arnold, Willy und ich unterhielten uns während einer längeren Rast auf dem Eigerjoch über das, was wir gemeinsam tun könnten, um unserem Anliegen Gehör zu verschaffen. Manz Gurtner und ich hatten uns bereits im März anlässlichen unserer täglichen Schildgratabfahrten über die Gründung eines Akademischen Ski Club unterhalten. In den Sommerferien entwarf ich die Statuten, und am 26. November 1924 trafen wir uns zu dritt im Restaurant du Théâtre im 1. Stock in Bern, um die Idee in die Tat umzusetzen.“

Der Schneehase. Edition 41, 2020–2024. Schweizerischer Akademischer Skiclub SAS.  Schriftleitung Ivan Wagner. Fr. 59.- Zu beziehen bei: SAS-Verlag c.o. Kessler AG, Forchstrasse 95, 8032 Zürich, info@kessler.ch.

Schöne Skiliteratur

Tout simplement tout schuss. Mit fünf ganz unterschiedlichen Brettern bzw. Büchern.

«Es waren einmal zwei Schneeschuhläufer.
Der eine konnte hervorragend laufen besaß aber, da er sehr arm war, nur billigste Bindung auf schlechten Brettern.
Der andere konnte überhaupt nicht laufen, höchstens stehen, besaß aber, da er sehr reich war, vorteilhafteste Bindung auf wundervollgeschwungenen Brettern.
Nun sprang der Arme über den Hügel so an die vierzig Meter, brach sich aber der vermaledeiten Bindung wegen den Knöchel.
Der Reiche sah ihm dabei zu und dachte nicht daran zu springen; war vielmehr froh, daß er stand.
Und der Sachverständige sprach:
‚Nur auf die Bindung kommt es an!‘»

So heisst auch dieses Sportmärchen von Ödön von Horváth: „Nur auf die Bindung kommt es an!“. Die 27 Sportmärchen entstanden etwa 1923/24 und wurden erstmals in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht. Zwei von ihnen befassen sich mit dem Wintersport. Das zweite heisst „Sommer und Winter“.

Kurzweilige Lektüre gibt es auch hier: Mit Schuss. Geschichten vom Wintersport und Après-Ski“. Einige der 30 ausgewählten Geschichten kennt man vielleicht, wie „Ein Alpenpass auf Skiern“ von Arthur Conan Doyle: die Beschreibung der zweiten Skitour über die Maienfelder Furgga von Davos nach Arosa im Jahr 1894 und gleichzeitig der Start der englischen Skiliteratur. Den Horváth haben die Herausgeber nicht aufgenommen, dafür Italo Calvino, Ernest Hemingway, Erich Kästner, Tim Krohn, Zara del Buono, um nur ein paar zu nennen. Und John Irving; „Das Wochenende in Aspen“ stammt aus seinem Alterswerk „Der letzte Sessellift“, mit dem ich seit ein paar Wochen fahre. Irgendwie hat der Lift auf Seite 924 angehalten. Bis zur Bergstation sind es noch 156 Seiten. Aber ich hab ja noch etwas Zeit, es verbleibt noch ein Wintermonat.

Gar keinen richtigen Winter gibt es in im kleinen (fiktiven) französischen Alpenskiort im Erstlingsroman „Hors saison“ von Basile Mulciba. Yann, ein junger Mann in den Zwanzigern, bricht sein Medizinstudium ab, um als Saisonarbeiter zu arbeiten. Er wurde von Hans angeworben, der das alte Hotel leitet, das er von seinem Vater geerbt hat, und der wie alle anderen unter den Folgen des fehlenden Schnees zu leiden beginnt. Als sich der Ort langsam leert, beschliessen die beiden Männer zu bleiben. Eindringlich beschreibt Mulciba, wie die Hoffnung auf Schnee immer kleiner wird, dafür die Gefühle der beiden Hauptfiguren zueinander grösser. Aber schneien sollte es schon einmal, sonst wird die Nebensaison ganz zur Hauptsaison, ohne Touristen und mit geschlossenen Läden und Liften.

Um eine Skistation im Vollbetrieb geht es im Roman „Escape to the Swiss Chalet“, dem ersten Roman von Carrie Walker. Die 28jährige Holly Roberts sucht und findet nach der geplatzten Hochzeit in London Trost und Tätigkeit als Koch- und Weingehilfin in einem Luxuschalet in Verbier, und lernt zudem noch Ski fahren. Selbstverständlich – was wäre ein Skiroman ohne Liebesgeschichte? – findet sie im Walliser Skiort auch eine neue Liebe. Nur weiss sie nicht, wem sie das Herz schenken soll, dem smarten Xavier oder smashing Luca. Zum Glück wird neben all den teuren Gerichten und Getränken, Gewändern und Gebäuden auch noch mit einem Brett oder deren zwei gekurvt. Also richtig, nicht nur Après-Ski (wobei das schon sehr zelebriert wird). „Skiing down a mountain was certainly something I never ever saw myself doing, but maybe it wasn’t all freezing cold lifts and wet bums after all. There was something about the fierce concentration needed on the slopes that resulted in pure, unadulterated freedom. (…) There was no time to think about anything else but getting down the mountain safely.“ Wenn die Bindung hält…

Ödön von Horvath: Sportmärchen. Online lesen lassen sie sich hier: https://www.projekt-gutenberg.org/horvath/sportmae/ Zu kaufen gibt‘s ein edles Exemplar im www.sportantiquariat.ch.
Margaux de Weck, Silvia Zanovello (Hg.): Mit Schuss. Geschichten vom Wintersport und Après-Ski. Diogenes Verlag, Zürich 2023. Fr. 19.-
John Irving: Der letzte Sessellift. Diogenes Verlag, Zürich 2023. Fr. 47.-
Basile Mulciba: Hors saison. Éditions Gallimard, Paris 2023. € 19,50.
Carrie Walker: Escape to the Swiss Chalet. Head of Zeus, London 2023. £ 10.-

Im Geheimdienst von James Bond

Mit dem Erinnerungsbuch des Berner Oberländer Stuntman Stefan Zürcher (Berg-)Filme vor und hinter den Kulissen miterleben. Winter und Frühling ebenfalls.

«1969 wurde ein Teil des James Bond-Klassikers „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ im Äbnit und am Winterberg in Heiligenschwendi gedreht. Nach erfolgreicher Flucht von James Bond (George Lazenby) und Tracy (Diana Rigg) im Schneegestöber versteckten sie sich im Bauernhaus der Familie Kämpf im Äbnit. Dort verbrachten James und Tracy die kalte Nacht im Heu. Am nächsten Morgen, als die Truppe von Blofild mit den Skiern vom Winterberg her kam, waren Tracy und James schon wieder weg. Doch schon bald klebten die Verfolger an ihren Fersen.»

Diese Filmgeschichte erzählt Posten 9 des „Eulenweg am Winterberg“ in Heiligenschwendi, einer sonnigen Terrasse hoch über dem Thunersee, besser bekannt für das dortige Berner REHA Zentrum der Inselgruppe als für Verfolgungsjagden auf Ski und Liebesszenen im Heu. Am vergangenen Wochenende stand ich gleich zweimal auf dem Winterberg (1217 m), bei blauem Himmel und besten Schneeverhältnissen. Ohne verfolgt zu werden, zogen wir die ersten Spuren in den Nordhang und vorbei am Äbnithof. Heute ist dort oben alles grün, wie auf der Webcam https://rehabern.roundshot.com/#/ zu bewundern bzw. zu betrauern ist.

Dass „On Her Majesty’s Secret Service” auch am Winterberg in Heiligenschwendi gedreht wurde, war mir nicht bewusst. Einer der Hauptschauplätze ist bekanntlich das Schilthorn (2969 m) ob Mürren, im Film und seither Piz Gloria genannt. Wer mehr wissen möchte zu den Dreharbeiten und insbesondere zu den spektakulären Skiszenen, darf zu diesem Buch greifen: „Stefan Zürcher. Im Geheimdienst von James Bond. Meine Erlebnisse mit Stars und Stunts aus über 50 Jahren Filmgeschäft“, verfasst von Roland Schläfli. Der in Wengen aufgewachsene Zürcher (Jg. 1945) war bei zehn Bond-Filmen mit dabei. Er ist der einzige, der mit jedem Bond-Darsteller gearbeitet hat, ausser mit Sean Connery. Mit ihm drehte er einen andern Film, den Bergfilm-Klassiker „Five Days one Summer“ (1982).

Im neuen Buch erzählt Stefan Zürcher von seiner Arbeit als Stuntman, als Location Finder, als Übersetzer und Koordinator für deutsche und englische Teams, als Produzent von eigenen Werbefilmen. Er war der Experte für Aufnahmen im Schnee: „Szenen im Schnee müssen beim ersten Versuch gelingen, ansonsten muss man viel Zeit aufwenden, um in die Position zurückzukehren und die Spuren im Schnee zu verwischen – oder, noch aufwendiger, um die ganze Crew in eine alternative Location zu transportieren.“ Fast so spannend wie Verfolgungsjagden an einem winterlichen Berg oder in der Wüste sind die Hintergrundgeschichten, wie die atemberaubenden Szenen gedreht wurden – und wo. Eben am braven Winterberg ob Heiligenschwendi. Auf dem Pilz am Rande der Eigernordwand. Auf dem Zweiersessellift in Meiringen-Hasliberg. Nur schade, dass es am Schluss des Buches kein Verzeichnis der Filme gibt, an denen Stefan Zürcher mitgewirkt hat, mit den originalen und den deutschen Titeln. Der Sessellift-Streifen heisst „The Swiss Conspiracy“ bzw. „Per Saldo Mord“. Klickt mal https://alpentower.roundshot.com/#/ an: Ganz oben am Hasliberg ist noch Winter, während auf dem Winterberg der Frühling eingezogen ist. Verrückt, wenn man denkt, dass wir vor fünf Tagen dort und am benachbarten Vesuv Schwünge in den frischen Pulverschnee gezogen haben.

Roland Schläfli: Stefan Zürcher. Im Geheimdienst von James Bond. Meine Erlebnisse mit Stars und Stunts aus über 50 Jahren Filmgeschäft. Weber Verlag, Thun/Gwatt 2023. Fr. 59.-

Fundstücke

Für einmal skihistorische Raritäten. Auf Anfrage gibt es gerne fotografische Kopien.

«Plaisirs d’hiver! Ces mots, en France, évoquent des souvenirs de Cannes, des journées chaudes au Golfe Juan, des soirées de clair de lune où l’Estérel se dessine comme un arc illuminé sur le ciel.

Douceur, parfums, repos, silence, tiédeur qui alanguit et immobilise… Journées de lumière sur des plages de fleurs, joie des yeux qui n’ont vu que les plaines grises et les tristes brouillards des pays du Nord.

Er pourtant cet enchantement du Sud béni lasse inassouvi le besoin d’expansion et de mouvement des corps souples et jeunes. Ils veulent des risques et des dangers, ils aiment les frissons de périls et tempêtes, pour eux les plaisirs de l’hiver sont les plaisirs de la neige, des glissades folles en ski, des descentes vertigineuses à plat ventre sur un skeleton, des virages affolants sur un bob où les corps dans un poudroiement de neige rasent la piste glacée… Pour les jeunes de notre époque où l’on reste jeune très longtemps, la joie de l’hiver commence au dessus de mille mètres.»

Mit diesen die neuen Freuden des Wintersports genau treffenden Sätzen leitet Herausgeber Alexandre Castell (1883–1939) das 1921 in Paris publizierte Buch Les Jeux sur les Cimes.  Souvenirs sportifs“ ein. Mehrere Autoren schreiben über die Berge im Winter, über den Schnee, über die Reise an die Sonne (über dem Nebel in den Bergen und nicht an der Côte d’Azur!), über Bergfilme und Eiskunstlaufen, über den Cresta-Run in St. Moritz – und immer wieder über die weisse Herrlichkeit. Illustriert ist das taschenbuchgrosse Buch mit 16 schwarzweissen Fotos aus den winterlichen Bergen der Schweiz, von Sainte-Croix (im Jura) und Villars über das Berner Oberland (Gstaad, Adelboden, Mürren und Grindelwald) und die Zentralschweiz (Andermatt und Engelberg) bis ins Bündnerland (Arosa, Davos, St. Moritz und Pontresina). Das Frontispiz zeigt einen Skispringer auf dem Jungfraujoch, im Vordergrund Zuschauer, hinten der Mönch; die Foto machte Max Amstutz, der ältere Bruder von Walter Amstutz.

Kurz: ein schönes, kluges, wichtiges Buch zur Geschichte des Wintersportes und des Skilaufs. Insbesondere das Skifahren kam nach dem Ende des Ersten Weltkrieges in Mitteleuropa so richtig in Fahrt, etwas langsamer in Frankreich als in der Schweiz. Wie ich von den „Jeux sur les Cimes“ Kenntnis erhielt, weiss ich nicht mehr. Ich konnte es in der Nationalbibliothek in Bern für den Lesesaal ausleihen und fand dann, es gehörte eigentlich auch in meine Skibibliothek. Bei Harteveld Rare Books in Fribourg fand ich ein zahlbares Exemplar.

Im gleichen Buchantiquariat hatte ich im letzten Jahr eine andere publizistische Rarität erstanden: „Joies et Misères du patrouilleur alpin“. Gezeichnet vom Premier-lieutenant Michel Cuénod, Vorwort von Oberstleutnant de Gautard, Alpinoffizier der 1. Divison, und publiziert 1948 durch Korporal Froesch in seiner Druckerei in Genf. Eine alpinmilitärische Publikation also, in Erinnerung an die Grenzbesetzung im Zweiten Weltkrieg, die Auflage betrug 100, mein Exemplar trägt die Nr. 12 und ist Philippe de Weck gewidmet, „en souvenirs de quelques belles heures passées ensemble sur neige, glace et rocher.“ Ob ohne oder mit Uniform: Was die Alpinsoldaten im Sommer und Winter erlebten, war nicht immer lustig – aber die 24 A4-grossen Blätter mit den Strichzeichnungen von Cuénod sind es. So zeigt das letzte Blatt eine Dreierseilschaft beim Abfahren am Seil von der Tête Blanche gegenüber dem Matterhorn, mit dieser Legende: „Les joies du ski encordé.“ Der mittlere Skifahrer sieht aber alles andere als erfreut aus…

„Auf, zu frohem Treiben in Schnee und Sonne!“ So lautet der Titel des 16-seitigen Kataloges von Sport-Sonderegger St. Gallen für den Winter 1946/47. Ski, Bindungen und Stöcke natürlich, aber auch Felle, Wachse, Lawinen-Schaufel und Ersatzspitze gab es da zu kaufen, und Après-Ski-Schuhe! Bei diesen „wählt vor allem das Auge mit. Aber wie geborgen sind die Füße darin! Kein Wunder, daß sie auch den Alltag erobert haben!“ Schon vor 77 Jahren also die Mode, Sportsachen auch abseits sportlichen Tätigkeiten zu tragen. Was den Katalog aber so besonders macht, sind die Zeichnungen von Franco Barberis (1905–1992). Er war „der Star der Sportkarikaturisten seiner Zeit“, sagt Gregory Germond vom Sportantiquariat in Zürich; in seinem Neuheiten-Newsletter hatte ich den Sonderegger-Katalog entdeckt (und gleich gekauft). Während rund 45 Jahren arbeitete Barberis auch für den „Nebelspalter“; bekannt war er vor allem für seine Sportlerfigur Tschutti. Es macht richtig Spass, in diesem elegant-fröhlichen Katalog zu blättern. Auf Seite fünf sehen wir einen Skifahrer mit kecker Schirmmütze, vorübergebeugt unter grosser Last, während sie locker erhobenen Kopfes dahingleitet. Oben auf der Seite lesen wir: „Rucksäcke, Lunchtaschen anschnallen und dafür sein allfälliges Sorgenbündel abwerfen! Es lockt ja die Freude!“

Skitouren und Skipisten – für mehr als ein Jahr

Drei neue Skiführer für diejenigen, die wenn möglich während zwölf Monaten und in ganz Europa Ski fahren wollen.

«Plötzlich das schöne Wetter, da musste ich hinauf, in die Weite. Und dann der Schnee, der gleisst in der Herbstsonne, der leistungsorientierte Wunsch, im September doch noch skizufahren, um in jedem Monat auf den Brettern gestanden zu haben. War sackstark, den verschneiten Hang hinaufzusteigen, eine einsame Spur hineinzulegen. Und oben die Rundsicht, Gefühl von Schwerelosigkeit. Oben war der Schnee nicht ganz perfekt, doch dann bis zur Mitte schön weich, und Erinnerungen an das Rhythmusgefühl. Die Lockerheit fehlte noch. Zurück zur Wasserscheide die Skis tragen, was macht’s aus?»

Eintrag vom 30. September 1981 im dritten Tourenbuch von Daniel Anker, Chrummfadenfluh (2075 m) in der Stockhorn-Gantrisch-Kette der Berner Voralpen. Meine Heimatberge. Tatsächlich machte ich in diesem Jahr auch noch im Oktober und November je eine Skitour, bei zu wenig bzw. zu viel Schnee. Aber am 12. Dezember 1981 notierte ich dann: „Endlich guter Pulverschnee.“ Die Skisaison konnte weitergehen. Ich schaffte es seither nicht mehr, in einem Jahr in jedem Monat Ski zu fahren. Umso mehr freute mich das Mail von Anna Rösch vom Panico Alpinverlag vom 14. Dezember 2023:

„Hallo Daniel, wie jede Saison gibt es auch diesen Winter wieder neue Skitourenführer von uns. Darunter ist vor allem ‚Skitouren für das ganze Jahr‘ von Andreas Brunner hervorzuheben, der ein dickes Paket an beeindruckenden Skitouren im gesamten Alpenraum geschnürt hat. Ich habe dir den kurzen Pressezettel angehängt und bringe ein Exemplar des Skiführers auf den Weg zu dir. Wenn du Lust hast, das Buch zu besprechen, freuen wir uns sehr! Es ist das Erstlingswerk des Autors und mE mit viel Liebe zum Detail zusammengetragen. Falls du mehr Informationen benötigst, melde dich gerne einfach bei mir! Viele Grüße, Anna.“

Diese Anna kenne ich nicht, den Verlag, in dem sie arbeitet, hingegen schon. Der macht starke Kletter- und Skitourenführer. Und ein solches Werk ist auch dasjenige von Andreas Brunner: „Skitouren für das ganze Jahr. 68 Skitouren von Oktober bis Juni“, inklusive GPS-Tracks, Ausrüstungstipps, Materialpflege, Lawinenwissen, Wetterkunde, Strategie und Planung. Seitenweise (überlebens-)wichtige Ratschläge, damit wir von Juli bis September auch etwas zu tun haben, wenn wir schon nicht auf den Brettern stehen können. Die ausführlich und mit vielen Farbfotos vorgestellten Touren stammen vor allem aus den Ostalpen. Aus den Westalpen dabei sind solche von Saas Fee (Oktober), Monte Rosa (November), Valle Maira (Jänner), Berner Oberland (März), Gran Paradiso (April) und Chamonix (Mai); ein ganz besonderer Tipp ist der Gran Sasso (2912 m) in den Abruzzen (Februar). Den Dom (4546 m) hätte ich allerdings nicht für den März angegeben, sondern für den Juni, da die Ski ohnehin bis fast zur Domhütte SAC (2937 m) getragen werden müssen; auf dem ausgesetzten Hüttenweg durch die Festiflüe wird man froh sein, wenn es keinen Schnee hat. Nicht von ungefähr machten Arnold Lunn und Josef Knubel die erste Skibesteigung des Doms am 18. Juni 1917, mit Abfahrt vom Gipfel.

Weniger anstrengend sind die Aufstiege und Abfahrten (Abstiege gibt es höchstens kurze vom Gipfel zum Skidepot), die Simon Wohlgenannt in „Freeride. Bucket List Vorarlberg“ vorstellt, mit vielen Fotos (oft mit eingezeichneten Verläufen) und genauen Karten. Allen 50 Touren im Montafon, am Arlberg und im Klostertal, im Bregenzerwald und im Kleinwalsertal gemeinsam sind kurze, liftunterstützte Aufstiege und aussergewöhnliche, lohnende Abfahrten. Mit dabei sind die Schwierigkeitsgrade von grün und L (leicht) bis rot und SS (sehr schwierig). Bei den letzteren Touren muss man schon sicher auf den zwei Brettern bzw. auf dem einen Brett stehen. Das Guidebook richtet sich nämlich nicht nur an Variantenskifahrer und Freeriderinnen, sondern auch an Split- und Snowboarderinnen, also an solche Schneesportler, die mit Schneeschuhen und dem Board auf dem Rucksack bzw. mit einem Brett, das sich für den Aufstieg teilen und mit Fellen bekleben lässt, durch verschneite Hänge aufsteigen, um dann locker durch Pulverschnee in die Tiefe zu gleiten. Viele Fotos im Führer zeigen diese Tätigkeit – dieses Gefühl, weswegen wir immer wieder unterwegs sind, auch im Frühherbst, wenn es frisch geschneit hat.

68 Touren im ganzen Jahr, 50 im Vorarlberg. Und jetzt noch „111 Skipisten in Europa, die man gefahren sein muss“. Christoph Schrahe, Jimmy Petterson und Patrick Thorne präsentieren grossartige, legendäre, einzigartige und oft unbekannte Skiabfahren quer durch Europa. Zuoberst auf dem Podest Frankreich mit 18 Pisten, wovon 13 in den Alpen, die andern im Massif central, in den Vogesen und Pyrenäen sowie auf Korsika. An zweiter Stelle mit 17 Abfahrten Italien, wo sich auch im Apennin und auf Sizilien bestens skifahren lässt. Platz drei belegt Norwegen mit sieben Abfahrten. Den vierten teilen sich mit je vier Abfahrten Schweden sowie Österreich und die Schweiz. Viele Abfahrten dieser beiden Alpenländer sind in „111 Skipisten, die man gefahen sein muss“ beschrieben (vgl. https://bergliteratur.ch/fuehrer-fuer-die-wintersaison/). Von Europas grossen Skigebirgen im neuen Führer ist der Jura nicht dabei. Dafür, und das macht auch den Reiz des Führers aus, sind einige wirklich wilde und exotische Skiwinkel zu entdecken, in den baltischen Staaten und Niederlanden, in Osteuropa, auf Zypern. Oder in Portugal, auf dem Torre (1997 m) in der Serra da Estrale. Zu Weihnachten 2023 kriegte ich von Schwägerin und Schwager eine Büchse mit Milchschokolade, auf dem Deckel hinten die beiden Kuppeltürme, das Wahrzeichen auf dem höchsten Gipfel von Festland-Portugal, vorne eine sich in der Luft befindende Skifahrerin im Ami-Look der 1950er Jahre: ein Gefühl von Schwerelosigkeit.

Andreas Brunner: Skitouren für das ganze Jahr. Panico Alpinverlag, Köngen 2024. € 44,80.

Simon Wohlgenannt: Freeride. Bucket List Vorarlberg. Tyrolia Verlag, Innsbruck 2023. € 29,00.

Christoph Schrahe, Jimmy Petterson, Patrick Thorne: 111 Skipisten in Europa, die man gefahren sein muss. Emons Verlag, Köln 2023. € 18,00.

2023 – 2024

Die Jahrbücher des Alpine Club sowie des Deutschen Alpenvereins, des Österreichischen Alpenvereins und des Alpenvereins Südtirol bieten alle Jahre wieder gebirgige Lektüre vom Feinsten.

«Es war so leicht.»

Die Französin Alice Damesme (1894–1974) und die US-Amerikanerin Miriam O’Brien Underhill (1899–1976) machen am 13. August 1932 die erste reine Frauenbesteigung des Matterhorns mit Auf- und Abstieg über den Hörnligrat. Im Buch «Give Me the Hills» schreibt Miriam O’Brien Underhill im Kapitel «Manless climbing» über den Erfolg, als «first women to climb the Matterhorn alone». Ihr Kommentar: «It was as easy as that.» Im Aufstieg hilft sie sogar einer männlichen, führerlosen Dreierseilschaft, die richtige Route zu finden. Und auf dem Gipfel erhalten die beiden Frauen Proviant von andern Alpinisten, denen vor Anstrengung und Höhenkoller der Appetit vergangen ist.

In einem Artikel für «The National Geographic Magazine» vom August 1934 hielt Miriam O’Brien Underhill den Grundsatz des männerlosen Bergsteigens fest: «Bergsteigen ohne Führer besteht grundsätzlich in der Übernahme der ganzen Verantwortung für die Tour, von der Planung bis zur Durchführung. Genau das macht Spass, und ich sah keinen Grund darin, dass dieses Vergnügen den Frauen vorbehalten sein sollte.» An Miriam O’Brien erinnern die 1927 von ihr miteröffnete Via Miriam in der Südwand des Torre Grande (2361 m) der Cinque Torri in den Ampezzaner Dolomiten. Sowie der Miriam Peak (3987 m) in der Wind River Range im US-Bundesstaat Wyoming; Miriam O‘Brien machte die Erstbesteigung 1939 zusammen mit ihrem Mann Robert Underhill, den sie 1932 geheiratet hatte. Nun ist in «The Alpine Journal 2023» ein Beitrag über Miriam O‘Brien zu lesen: Wie sie durch ihre Touren und ihre Schriften den Klettersport in den USA beeinflusste und wie sie auch mit Bergführern oft am scharfen Ende des Seils kletterte.

Überhaupt wartet das neue Jahrbuch des Alpine Club mit lesenswerten Artikeln zum Frauenalpinismus auf. Elaine Astill deckt erstmals die Namen der beiden Engländerinnen auf, die am 19. August 1822 «the First Female Crossing of the Col du Géant» machten; über diesen Pass (3365 m) führte einst die gängigste Verbindung zwischen den Montblanc-Ortschaften Chamonix und Courmayeur. Elizabeth Campell hielt die Überschreitung in genau beschrifteten Aquarellen fest; atemberaubend, wie die achtzehnjährige Tochter Thomasina im roten Rock oberhalb einer Spalte im Gletscherabbruch sich kniend und unangeseilt fortbewegen muss, während hinter ihr ein Führer der Mama die Hand gibt. Bisher ebenfalls namenlos war die Alpinistin, die am 31. August 1877 das Matterhorn bestieg; ihr Ehemann James Curtis Leman schrieb ins Führerbuch von Franz Biner nur «I was accompanied by my wife». Die Ehefrau Jane Margaret, geborene Hart, begleitete ihren Gatten auf mehreren grossen Hochtouren und machte am 28. August 1882 die erste Fauenbesteigung des Mont Pelvoux in den Dauphiné-Alpen. Und dann ist da noch die Genferin Erika Stagni, die die erste Wintertraversierung der Aiguilles du Diable im Februar 1938 unverletzt überlebte, während ihre beiden Begleiter sowie die Retter schlimme Erfrierungen davontrugen; John Wilkinson enthüllt unbekannte Details des Dramas. Tragisch das Ender der Niederländerin Line van den Berg, der zusammen mit der Britin Fay Manners die erste Frauenbegehung der höchst schwierigen Route Phantom Direct an den Grandes Jorasses gelang; am 19. Mai 2023 geriet sie mit ihren beiden Begleitern beim Abstieg vom Grosshorn in den Berner Alpen in eine Lawine.

Zurück ins Leben, zu andern Bergsteigerinnen. Das «Alpenvereinsjahrbuch Berg 2024» bringt unter dem Titel «Die Poesie der Kälte» ein Gespräch mit der Fotografin Monica Dalmasso (mehr zu ihr hier: https://bergliteratur.ch/eine-handvoll-bildbaende/). Als Innsbrucks kühnste Kletterin galt Cenzi Sild, die einst den mächtigen Uschba geschenkt erhielt. Buchstäblich von sich reden macht heute Barbara Babsi Vigl, mit gewagten Besteigungen in Patagonien und Texten dazu. Wir klettern weiter «hart an der Grenze», wie Andi Dick seine Alpinismus-Chronik überschreibt. Da gibt es sehr abenteuerreiche Unternehmungen wie diejenige von Nadia Royo Cremer, Caro North und Capucine Cotteaux, die zusammen mit fünf Wissenschaftlerinnen mit dem Segelboot in sechs stürmischen Wochen nach Grönland schippern, dort in einer Woche eine neue Route am Northern Sun Spire (1517 m) eröffnen und in vier Wochen zurück nach Festlandeuropa segeln. Es gäbe noch viel zu erzählen von «Berg 2024». In Zentrum stehen diesmal die Berchtesgadener Alpen; ihr König ist der Watzmann (2713 m), zu seiner Familie gehören die Frau und die sieben Kinder. Die Watzmann-Überschreitung ist keineswegs leicht, wird aber an Spitzentagen von 300 Leuten angegangen. Zwei junge Bergsteigerinnen werden so zitiert: «Is halt a Klassiker, muss man halt mal g’macht haben.» Wie das Matterhorn auch. Nur dauerte es am Cervino von der Erstbesteigung 1865 bis zum ersten All-Female-Ascent 67 Jahre.

Ed Douglas (Hrsg.): The Alpine Journal 2023. Volume 127. The Alpine Club, London 2023; in der Schweiz erhältlich bei www.pizbube.ch, Fr. 38.00.

Axel Klemmer (Hrsg.): BERG 2024. Alpenvereinsjahrbuch 148. Tyrolia Verlag, Innsbruck 2023, € 20,90.

Besser leben

Mit zwei geschichtlichen Werken den Gang ins Neue Jahr antreten – und bestimmt mit einigen Vorsätzen. Wo kämen wir sonst hin?

«Langsam gegessen ist halb verdaut, denn durch klares Zerkauen der Speisen werden sowohl der Mund- als später auch der Magenspeichel, zwei wichtige Verdauungssäfte, reichlich abgesondert und unter den Speisebrei gemischt, auch wird gleichzeitig der Geschmackssinn früher befriedigt.»

Das ist ein kluger Vorsatz, nicht wahr? Leicht zu befolgen in den nächsten Tagen, weil wir nach der Weihnachtsschlemmerei ohnehin grad nicht soo viel essen mögen. Aber man sollte/kann/darf das Langsamessen selbstverständlich auch an Silvester beherzigen – und im nächsten Jahr sowieso. Als einer der Vorsätze, die wir uns doch immer wieder vornehmen.

Der zitierte Ernährungsstipp lieferte der in Wangen an der Aare geborene Arnold Rikli (1823–1906) in seinem 1895 publizierten Hauptwerk „Die Grundlehren der Naturheilkunde einschliesslich die atmosphärische Cur ‚Es werde Licht‘“. Bis am 28. März 2023 hatte ich noch nie von diesem Naturheilkundler gehört. An jenem sonnigen Dienstag wanderten Hans Peter Müller, Eva Feller und ich von Deitingen über Oliberg, Chnubel und Gensberg nach Wangen, wo Hans Peters Grosseltern gewohnt hatten. Seit dem 12. Februar 2023 gibt es in dem Aare- und Militärstädtchen eine neue Sehenswürdigkeit: den Arnold Rikli Platz zwischen Alte Ösch/Mühlibach und Rotfarbgasse; wir kamen an ihm vorbei auf der Suche nach dem Garten der Grosseltern. Riklis Vater Abraham war ein erfolgreicher Politiker und Besitzer einer Rot-Färberei. Der Junior aber brannte für Naturheilkunde. Mit seiner Familie gründete der Pionier der Lebensreform 1854 in Veldes (heute Bled) in den Julischen Alpen in Slowenien eine eigene Kuranstalt.

Auf Infotafeln am Arnold Rikli Platz erfährt man, wie Rikli seinen Patientinnen und Patienten kombinierte Wasser-Luft-Licht-Therapien verordnete: Sie sollten sich nackt in den Parks an der freien Luft bewegen, turnen und baden. Auch vegetarische Speisen empfahl der Sonnendoktor. Seine Gäste empfing der Gesundheitsapostel stets barfuss und nur minimal bekleidet. Ab 1895 gab es fünf Kurparks; einer hiess Riklikulm, ein anderer Arnoldshöhe. Bekannte Personen wie Franz Kafka und Rudolf Steiner kurten in Veldes. In Riklis Anstalt lernten sich auch der Industriellensohn Henri Oedenkoven, die Pianistin Ida Hofmann und die Brüder Karl und Gusto Gräser kennen, die 1900 einen Weinberg über Ascona besiedelten. Seither heisst dieser Hügel Monte Verità; dort gab es Luft-Licht-Hütten nach Rikli‘schem Vorbild. Wer hätte das vermutet: Der Berg der Wahrheit hat seinen Ursprung an der Aare.

Arnold Rikli hat seinen Auftritt selbstverständlich ebenfalls in „Monte Verità am Säntis. Lebensreform in der Ostschweiz 1900–1950“ von Iris Blum. Fasziniert begann ich im vergangenen Herbst zu lesen, wie um 1900 nicht nur im Tessin, sondern auch in Appenzell Ausserrhoden, St. Gallen und Thurgau Idealistinnen und Reformpädagogen, Vegetarier und Tänzerinnen die Welt, die Gesellschaft und sich selbst verbessern wollten, mit Luft- und Sonnenbädern, fleisch- und alkoholfreien Gaststätten. Um 1900 begann „eine Aufbruchstimmung, die unsere Gesellschaft bis ins 21. Jahrhundert geprägt hat“, liest man auf dem Klappentext des materialreichen, gediegen gemachten und illustrierten Werkes. „Forderungen nach naturnahem Wohnen, veganer Ernährung und alternativen Heilmethoden sind nicht neu – oder hätten Sie gedacht, dass schon 1923 jemand sagen konnte: ‚Alle machen Yoga‘?“ Natürlich nicht. Und so staunt man beim Lesen immer wieder, was vor 100 Jahren gedacht, ausprobiert, empfohlen und verordnet wurde. Ganz einfach: besser, gesünder, freier leben. Hat (leider) nicht immer geklappt. So wenig wie das mit unseren Neujahrsvorsätzen…

Einer von ihnen liesse sich eigentlich gut durchführen – wenn man nicht nur Bücher über Berge lesen und vorstellen tät, sondern auch in den Högern oben wohnte. Ich entdeckte die Empfehlung im sehr empfehlenswerten Buch „Sinneslandschaften der Alpen. Fühlen / Schmecken / Riechen / Hören / Sehen“, herausgegeben von Nelly Valsangiacomo und Jon Mathieu. Im Kapitel über das Fühlen mit dem Titel „Landschaft hautnah“ begegnen wir seitengross und -lang Arnold Rikli; ich glaub, ich muss mal eine Kurreise nach Bled antreten, um an „Riklis Sporttagen“ oder „Rikli-Wanderungen“ teilzunehmen. Das Kapitel über Alpendüfte geht auf die vielgepriesene Heilung durch die Luft in den Alpen ein. Bereits Johann Gottfried Ebel hatte in seiner „Anleitung auf die nützlichste und genussvollste Art die Schweitz zu bereisen“ von 1809 empfohlen: „Tägliche Spaziergänge in reiner Bergluft.“

In diesem Sinne: Alles Gute und Gesunde im Neuen Jahr!

Iris Blum: Monte Verità am Säntis. Lebensreform in der Ostschweiz 1900–1950. VGS Verlagsgenossenschaft St. Gallen, St. Gallen 2022. Fr. 42.- www.gpwb.ch/arnold_rikli

Nelly Valsangiacomo, Jon Mathieu (Hg.): Sinneslandschaften der Alpen. Fühlen / Schmecken / Riechen / Hören / Sehen. Böhlau Verlag, Wien 2022. € 30,00.

Die Katastrophen von Mitholz

Vor 76 Jahren explodierte im Kandertal ein Fels voller Munition. Die ganzen Folgen sind noch nicht ausgestanden, im Gegenteil. Alles dazu in der Ausstellung „Heimat. Auf Spurensuche in Mitholz“ im Alpinen Museum in Bern und in der begleitenden Publikation „Mitholz. Über Heimat nachdenken“.

«Am 19. Dezember 1947 um 23.10 Uhr riss eine Reihe von Explosionen die Menschen in Mitholz aus dem Schlaf. Im Munitionslager der Schweizer Armee oberhalb von Mitholz explodierten Munition und Sprengstoff. Aus den Eingängen schossen Feuer bis zu 70 Meter in die Höhe. Die Öffnungen des Stollens wirkten wie Kanonenrohre und schleuderten die explodierenden Bomben und Granaten sowie Gesteinsbrocken durch das Tal. Einzelne Geschosse und Steine flogen zwei Kilometer weiter bis nach Kandergrund. Kurz nach Mitternacht brachte die grösste Explosion einen Teil der Felswand oberhalb des Munitionslagers zum Einsturz. Eine Wolke aus Rauch und Staub überdeckte das Dorf. Die Katastrophe zerstörte 39 Häuser, neun Menschen kamen ums Leben.» Wandtext im zweiten Saal der Ausstellung „Heimat. Auf Spurensuche in Mitholz“ im Alpinen Museum der Schweiz in Bern.

«Am 25. Februar 2020 erhalten die Bewohnerinnen und Bewohner des Berner Oberländer Dorfs Mitholz eine Nachricht, die ihr Leben verändert: In zehn Jahren sollen sie ihr Heimatdorf für zehn Jahre verlassen. Der Grund sind Räumungsarbeiten im ehemaligen Munitionsdepot unter der Fluh.» Aus dem Flyer zu dieser Ausstellung.

Der Berg ruft. Das kann man immer wieder lesen. Und auch spüren, wie jetzt, wenn es unten grau und kalt ist und oberhalb des Nebels blau und warm. Aber der Berg kommt auch. Das kann man immer wieder lesen. Und auch spüren, wie zum Beispiel einige Bewohner in Schwanden im Glarnerland, die nicht mehr in ihre Häuser zurückkehren können und dürfen, weil am 20. August 2023 nach Starkregen Erdrutsche einen Teil des Dorfes zerstört und beschädigt haben; weitere Rutsche drohen.

Der Berg kommt aber auch, wenn man unsachgemäss mit ihm umgeht. Wenn man tonnenweise Munition und Sprengstoff darin verbunkert und nicht überlegt, dass das alles mal in die Luft fliegen und verheerende Folgen haben könnte. Wie beim Dorf Mitholz im Kandertal, als die Fluh ob der Kurve der Lötschberg-Bahnlinie vor 76 Jahren  auseinanderbrach. Tonnen von Munition und Sprengstoff explodierten, 3500 Tonnen wurden bis Ende 1948 geräumt, etwa gleich viel werden noch im Bahntunnel und unter den Trümmern der Fluh vermutet. Jetzt soll alles geräumt werden. Nach einer zehnjährigen Planungs- und Vorbereitungsphase soll Mitholz während der Munitionsräumung evakuiert werden. 51 Personen müssen, 87 Personen können wegziehen.

Was bedeutet das, die Heimat ungewollt zu verlassen? Was macht überhaupt Heimat aus? Diesen existenziellen Fragen geht die Ausstellung im Alpinen Museum nach. Klug und tief, überraschend und einleuchtend, empathisch und explosiv. Man erlebt dieses Mitholz, dieses wohl schon oft befahrene Dorf zwischen Blausee und Autoverladestation Kandersteg, mit ganz anderen Augen. Man fragt sich plötzlich nach Ursachen, wenn und warum der Berg kommt. Rutscht. Explodiert. Verbrennt. Austrocknet. Aber die Fragen bohren noch tiefer. Wie gehen wir damit um, wenn die Heimat abhanden kommt? Die Ausstellung gibt Antworten auf all diese Fragen. Die begleitende Publikation „Mitholz. Über Heimat nachdenken“ ebenfalls. Wie gefährdet leben wir? Wie gerecht ist die Schweiz? Was machen Häuser mit Menschen? Warum glaubt ein Land an Berge? 65 grossartige Seiten für zehn Einfränkler – an ein besseres Preis/Leistungs-Verhältnis in Sachen (Berg-)Literatur kann ich mich nicht erinnern.

Zurück in die Ausstellung, in den Hodler-Saal. Dort ist das von Kathrin Künzi komponierte Jodellied „Läb wohl Mitholz“ zu hören. 35 Sängerinnen und Sänger aus Mitholz und den Nachbargemeinden haben das Lied in der Kirche Kandergrund gesungen. Die erste Strophe, in der hochdeutschen Fassung:

Wir müssen gehen, Nachbarn, Häuser und Gärten hinter uns lassen. Niemand will gehen und den Holunder, den Rhabarberstrauch und die Rose hier lassen.

PS1. Zur Katastrophe von Mitholz hat Urs Augstburger den Roman „Das Tal der Schmetterlinge“ geschrieben. Der Rückseitentext beginnt so: „Ein geheimes Munitionsdepot fliegt in die Luft, im Bergsee verenden Hunderte von Forellen. Augstburgers Bergdrama handelt von Schuld und Verbrechen des Militärs in den Bergen – und versöhnt mit einer traurig-schönen Liebesgeschichte. Die Wissenschaftlerin Meret Sager soll im Auftrag eines Investors im Berner Oberland ein energieautarkes Dorf planen und bauen.“ Liest sich sehr aktuell. Das Fischsterben im Blausee und Corona ebenfalls. Die ehemalige Zündholzindustrie im Kandertal kommt auch noch vor. Gar viele Themen, manchmal droht man sich zu verlaufen wie in geheimen Felsgängen. Auf Seite 346 passiert es: „Im selben Moment explodierte das Eingangsportal, eine Stichflamme schoss heraus und wuchs zu einem gewaltigen Feuerball, der von der Fluh aufstieg.“

PS2. Einen in die Luft fliegenden Felsberg gibt es ebenfalls im Island-Roman „Kalmann und der schlafende Berg“. Er heisst Heiðarfjall (266 m) und beherbergte von 1957 bis 1970 eine Radarstation der NATO; nach dem Abzug blieben Schadstoffe und Bleibatterien zurück. Der verstorbene Grossvater von Kalmann hatte irgendwie mit diesem geheimnisvollen Berg zu tun. Auf Seite 276 der Romans erwacht der Heiðarfjall: „Der Berg erhob sich vor meinen Augen, richtete sich wie in Zeitlupe auf – oder war es der Riese, der seinerzeit in den Berg einbetoniert worden war, ein Drache vielleicht, der einen Goldschatz bewachte? Der ganze obere Teil des Berges hob ab und flog in die Luft, vom Rumpf losgelöst, ein blendend heller Feuerball.“

Daniel Di Falco, Barbara Keller (Hg.): Mitholz. Über Heimat nachdenken. Alpines Museum der Schweiz, Bern 2022. Fr. 10.-

Urs Augstburger: Das Tal der Schmetterlinge. bilgerverlag, Zürich 2023. Fr. 36.-

Joachim B. Schmidt: Kalmann und der schlafende Berg. Diogenes Verlag, Zürich 2023. Fr. 32.-

Heimat. Auf Spurensuche in Mitholz. Ausstellung im Alpinen Museum in Bern. 19. November 2022 bis 11. August 2024. www.alpinesmuseum.ch/de/ausstellungen/heimat