Ausgehend von den Sammlungen der Schweizerischen Nationalbibliothek tauchen wir mit der Ausstellung «Seen, Spiegel der Schweiz» in die Geschichte und Mythen der Schweiz ein. Passend dazu ein Krimi und ein Wanderbuch am Wasser.
«Es war nun Abend geworden, und da gelangte ich auf hübschem, stillen Weg oder Seitenweg, der unter Bäumen hinlief, zum See hinaus, wo der Spaziergang endete.»
Das lesen wir auf den letzten Seiten der bekannten Erzählung «Der Spaziergang» von Robert Walser. Sie erschien erstmals 1917 als Buch und 1920 dann in der Sammlung «Seeland» – heute eine gesuchte Rarität auf dem deutschen Buchmarkt. Zum Glück gibt es diesen Prosaband auch als Taschenbuch. Zum Titel äusserte sich Walser am 1. April 1918 in einem Brief an den Verleger Max Rascher:
«Der Titel ‹Seeland› erscheint mir deßhalb denkbar richtig, weil er knapp und straff dasjenige bezeichnet, um das es sich hier handelt, um eine Gegend und um die Erscheinungen derselben. Der Titel ist sinnlich und einfach ich möchte sagen, europäisch oder reinweltlich. ‹Seeland› kann in der Schweiz und überall sein, in Australien, in Holland oder sonstwo.»
Oder doch vor allem in der Schweiz, und bei dem in Biel geborenen und aufgewachsenen Walser natürlich am Bielersee, einem der drei Seen im Seeland; so wird ja die Gegend um Neuenburger-, Murten- und Bielersee bezeichnet. Das Briefzitat findet sich in der Ausstellung «Seen, Spiegel der Schweiz – Lacs, Miroirs helvétiques», die bis zum 5. Juni 2026 in der Schweizerischen Nationalbibliothek in Bern zu sehen ist. Unbedingt zu sehen ist.
«Grosse Wasserflächen und kleine Berggewässer: Die rund 1500 Seen der Schweiz prägen unsere Landschaft ebenso wie unsere Vorstellungswelt. Als ‹Wasserschloss Europas› hat sich die Schweiz um ihre Gewässer herum entwickelt, die wesentlich am wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Wandel des Landes beteiligt waren.»
So leitet die NB online und auf dem Flyer die Seen-Ausstellung ein. Mitten im Raum liegt ein alter Steg vom Ufer des Zürichsees, drum herum sind mit überzeugenden Illustrationen (diese wunderbaren Plakate!) und cleveren Texten verschiedenen Themenbereiche gruppiert, wie Geschichte (Rütlischwur, Morgartenschlacht), Tourismus (Dampfschiffe, Badeanstalten) und Energie (Staumauern). Was vielleicht zu wenig thematisiert wird, sind die neuen Seen, die wegen der Gletscherschmelze entstanden sind und weiter entstehen (der Rossbodensee unter der Blüemlisalp, der Lagh da Caralin am Palü, der auf der LK noch namenlose See am Rhonegletscher). Aber das nur nebenbei. Mit dem grauen Rossbodensee lassen sich auch keine Touristen anlocken wie mit dem blauen Oeschinensee weiter unten. Und Ringelreihen, wie das Männer und Frauen im Strandbad in Weggis machen (auf einem Foto aus einem Tourismusprospekt von 1930), wird in den neuen Seen auf Gletschervorfeldern kaum je möglich sein.
Aber wandern zu bekannten und neuen Schweizer Seen, das ist natürlich möglich. Hier ein Wanderbuch, das über helvetische Ufer hinausläuft, aber schon Robert Walser sah Seeland ja über staatliche Grenzen hinaus. Im handlichen Rother-Wanderführer «Grand Tour Lago Maggiore und Lago d’Orta» präsentiert Tim Shaw 51 Etappen rund um die beiden Seen – entlang der Ufer und über die Gipfel, und das präzis mit allen nötigen Angaben, Tipps und Tracks sowie Fotos, so dass man am liebsten sofort den Rucksack packte. Wir Schweizer sind ja rasch in Locarno oder Stresa. Die einfache Route der Grand Tour Lago Maggiore verläuft auf bequemen Wegen entlang des Seeufers. Für Abenteuerlustige bietet die anspruchsvolle Bergroute im Sommer und Herbst spektakuläre Gipfel und ebensolche Ausblicke auf den Langensee. Es ist problemlos möglich, an vielen Stellen von der Berg- auf die Uferroute zu wechseln und umgekehrt.
Und was lesen wir unterwegs? Ein See-Buch selbstverständlich. Zum Beispiel Christof Gassers Krimi «Drei Seen und ein Todesfall». Welche es sind, steht auf Seite 91: «Eine Viertelstunde später erreichte Marielle ihr Ziel. Der Campingplatz Les 3 Lacs lag am Broye-Kanal, der den Neuenburger- mit dem Murtensee verband. Weiter nördlich lag der Zihlkanal zwischen Neuenburger- und Bielersee.» Und wie heissen die Berge an diesen beiden Kanälen? Jolimont (603 m) über dem Canal de la Thielle und Mont Vully (653 m) über dem Canal de la Broye. An letzterem wird im Krimi gewandert, gejagt und geschossen; wahrscheinlich das Krimidebut für den Wistenlacherberg, wie der Mont Vully auf Deutsch heisst.
Was wäre die Schweiz ohne ihre Berge und Seen? Und ohne all die Bücher, die jene beschreiben und zeigen. Kostbare solche Bücher listet der druckfrische Katalog 287 von Harteveld Rare Books auf, mit 289 Nummern zu Alpen, Alpinismus und Helvetica. Beispielsweise «Unknown Switzerland» von Victor Tissot von 1900, mit dem Matterhorn auf dem Cover – zu kaufen für 150.-; kann auch im Lesesaal der Nationalbibliothek eingesehen werden. Auf Seite 58 steht ein passender Satz zur Ausstellung dortselbst: «Those Swiss lakes blossom all over with legends.» Der Ausstellungstext ergänzt: «In der Schweiz haben alle ihren See.»
Der Berner Alpinist Charles Montandon jedenfalls fand seinen See. Im Beitrag «Ferientage im Urbachtal» im SAC-Jahrbuch von 1893 schrieb er:
«Im Verlaufe des Nachmittags machten wir einen Ausflug auf den leicht erreichbaren Gipfel des Küpfenstockes (2675 m), der eine interessante Aussicht auf die umliegenden Berge, namentlich das Hangendgletscherhorn und das Ewigschneehorn, bietet, und erfrischten uns durch ein Seebad, das uns, in dieser Höhe genommen, einen seltenen Hochgenuß bereitete.»
Nationalbibliothek Bern: Seen, Spiegel der Schweiz – Lacs, Miroirs helvétiques. Bis zum 5. Juni 2026, Mo bis Fr 9-18 Uhr, Eintritt frei. www.nb.admin.ch/de/seen. Am 20. April Führung durch die Ausstellung, am 28. April ein Abend zu Seensuchtsbildern (zusammen mit dem ALPS), am 20. Mai eine literarische Soirée zu Walsers «Seeland».
Tim Shaw: Grand Tour Lago Maggiore und Lago d’Orta. 51 Etappen rund um die Seen – entlang der Ufer und über die Gipfel. Bergverlag Rother, München 2025. Fr. 26.50.
Christof Gasser: Drei Seen und ein Todesfall. Dörlemann Verlag, Reihe Mörderische Tour de Suisse, Zürich 2025. Fr. 22.90.
Harteveld Rare Books, https://harteveld.ch/photos/Harteveld_cat287.png.
























