A wie arrampicare

Der Mailänder Bergsportverlag Versante Sud veröffentlicht Kletterführer für ganz Italien, oft auch in deutscher Übersetzung. Jüngst für die Gebiete Adamello, Aostatal und Arco. Andiamo!

«Geringe Schwierigkeiten, bester kompakter, weißer Kalk, ein absolut grandioser Blick über den nördlichen Teil des Gardasees und Nago: Der Sektor A von Belvedere bietet all das und ist deshalb eines der beliebtesten Klettergebiete des ganzen Führers.»

Wenn ein Gelände oder Gebäude Belvedere heisst, sollte der Namen mit dem schönen Ausblick zusammenfallen. Beim Klettergebiet oberhalb des Dorfes Nago fast am Ufer des Lago di Garda stimmt die Übereinstimmung, das dazu gesetzte Foto ebenfalls, wenigstens was die Aussicht betrifft; die Kletterschwierigkeit allerdings scheint ein Grad mehr als «gering» zu sein. Doch es gibt im Sektor A von Belvedere, wie die Zusammenstellung zeigt, wirklich mehrere Routen zwischen 3a und 5c; ideal also für Klettereinsteiger. Könner kommen im Sektor B zu ihren Zügen. Und überhaupt: Wer mit der sechsten, im Mai 2026 gelieferten Auflage des Führers «Klettern in Arco» an die Felsen will, kann sich gleich eine Wohnung am Gardasee mieten: Mario Manica, Antonella Cicogna und Fabio Leoni stellen in 139 Gebieten 6000 Routen vor. Mit 808 Seiten ist der Führer für Arco, Lago di Garda Nord, Sarcatal, Val di Ledro, Judikarische Täler und Rovereto denn auch der dickste aller Führer von Versante Sud Edizioni.

Der Mailänder Bergsportverlag Versante Sud veröffentlicht Kletterführer für ganz Italien, oft auch in deutscher Übersetzung. Ebenfalls im Mai 2026 kam die erste Ausgabe von «Adamello Himmelsleitern» heraus, und zwar Band 2 mit der Ostseite. Paolo Amadio und Nicola Binelli stellen klassische und moderne Routen im Valle del Caffaro, Valle Aperta, Valle di Daone und Valle di Breguzzo vor. Schon mal von diesen Tälern in den italienischen Alpen gehört? Ich jedenfalls nicht. Vom Adamello hingegen schon. Dieser noch fast ringsum vergletscherte Gipfel (3539 m) erhebt sich in Alpi Retiche meridionali, nur 26 km Luftlinie östlich von Tirano im Veltlin und so von der Grenze zur Schweiz. Nur zum Vergleich: Die kürzeste Distanz zwischen der Schweiz und dem Mont Blanc beträgt 18 km. Wer also unbekannte felsige Wege zum Himmel sucht, wird hier sicher fündig. Wie wär’s mit Scoglio di Boazzo beim Lago di Malga Boazzo? Einige der meistens höchst schwierigen Routen dort «gelten längst als Inbegriff für das Klettern auf dem silbernen Tonalit des Adamello».

Wir bleiben in der Nähe der Svizzera – und beim Buchstaben A. Von Arco und Adamello ins «Aostatal», und zwar ins untere Valle d’Aosta, dessen nördliche Seitentäler mit den obersten Dörfern Breuil-Cervinia, Saint-Jacques-des-Allemands und Staffal bis ans Wallis hinauf reichen. Andrea Mettadelli, Paolo Tombini und Nicola Vota widmen sich dem Sportklettern. Also keine steinschlaggefährlichen Anstiege wie in der Südwand des Cervino, keine stundelangen Zustiege über Geröll und Eis wie zum Castor oder Lyskamm, sondern kurze, sichere, bestens gesicherte oder abzusichernde, sonnige oder schattige Routen in Talnähe. Worauf warten wir noch?

Mario Manica, Antonella Cicogna, Fabio Leoni: Klettern in Arco. Arco, Lago di Garda Nord, Sarcatal, Val di Ledro, Judikarische Täler, Rovereto. Versante Sud Edizioni, Milano 2026, € 39,00.

Paolo Amadio, Nicola Binelli: Adamello Himmelsleitern. Band 2: Ostseite. Valle del Caffaro, Valle Aperta, Valle di Daone, Valle di Breguzzo. Versante Sud Edizioni, Milano 2026. € 43,00.

Andrea Mettadelli, Paolo Tombini, Nicola Vota: Aostatal Sportklettern. Band 1: Valchiusella, Canavese, Unteres Aostatal, Valle di Gressoney, Valle di Champrocher, Valtournenche. Versante Sud Edizioni, Milano 2025. € 41,00.

Gipfeltouren mit Frauen

Vier Bergromane von Schriftstellerinnen. Schwierige Anstiege zum Gipfel. Erst recht die Wege zurück ins Tal.

«Ich werde sie euch zeigen», schloss der Bergführer rätselhaft und faltete sein Poster zusammen. «Morgen machen wir einen Gipfel, wenn die Beine mitmachen.»
Ich schaue ihn mit leerem Blick an.
«Machen sie nicht.»
«Es ist ein hübscher Gipfel, Laurence. Wir steigen über die Schlaufe einer Gesteinsfalte hinauf.»

Sieben Zeilen aus dem Roman «Geschichte einer Erhebung» der Genfer Autorin Laurence Boissier (1965–2022). Die 2020 erschienene Originalausgabe heisst gleich: «Histoire d’un soulèvement». Genaugenommen sind es zwei Erhebungen. Diejenige der Alpen, wie sie der Bergführer des Langen und Hohen erzählt, und diejenige der Autorin selbst, die an einer neuntägigen geführten Wanderung teilnimmt und sich anfänglich stärker, dann immer schwächer gegen die Teilnehmer der Wandergruppe, den Bergführer und die Zumutungen bei den Übernachtungen in mehr oder minder komfortablen Unterkünften stellt. Lektüre für alle, die schon mal eine geführte Wanderung erlebten bzw. nie eine solche machen werden.

«He, Ame, komm mal her.»
Lustlos rafft der Junge sich auf. Sie stehen sich gegenüber, da nimmt der Vater seine gelbe Schirmmütze ab und streckt ihm die rechte Hand hin. Die Geste ist so ungewöhnlich und verblüffend, dass Amedeo reflexartig einschlägt.
«Punta Liberté, 3453 Meter über Normalnull. Herzlichen Glückwünsch, Signor Ghisleri.» (…) Der Ingenieur schüttelt dem Jungen jetzt fest und mit einem Ernst die Hand, dass Amedeo errötet.
«So haben das die Bergführer früher bei meinem Vater gemacht. Und er bei mir.»
Der Junge spürt etwas in seinem Hals, ein Schluchzer, befürchtet er.

Dreizehn Zeilen aus dem Roman «Wir gehen mal los» der Piemonteser Autorin Raffaella Romagnolo (Jg. 1971). Die 2019 erschienene Originalausgabe lautet: «Respira con me». Und das macht der sechzehnjährige Amedeo nicht nur auf der (fiktiven) Punta Liberté in den Bergen des Piemonts, sondern auch unterwegs, beim schwindelerregenden Zugang zur geschlossenen Fontanafredda-Hütte, weshalb Vater und Sohn im muffigen Winterraum nächtigen müssen. Und Atem holen muss der Teenager erst recht, als der strenge Herr Vater beim Abstieg von einem wegen des auftauenden Permafrosts ausgelösten Erdrutsches mitgerissen und schwer verletzt wird. Der Rückweg wird für Ame zu einem Weg in eine neue Freiheit. Lektüre für alle, die schon mal auf eine Tour mitgehen mussten bzw. jemanden dazu überredeten.

Sie gelangte nun auf den Grat, der in Richtung des Gipfels führte. Er war breit, aber gegen das Rheintal hin fiel der Fels gut hundert Meter senkrecht ab. Sie sah es nicht, denn der Nebel kam weiß herauf. Aber sie wußte es. Auch hier wäre eine gute Stelle – sie blieb kurz stehen –, aber es würden weitere gute Stellen kommen. Sie wollte zum Gipfel.
Und dann gäbe es ja noch den Rückweg. Vielleicht den steilen hinunter nach Vättis.

Neun Zeilen aus dem Roman «Calanda oder Alvas Antwort» der deutschen, in Sent im Unterengadin lebenden Autorin Angelika Overath (Jg. 1957). Einer niederschmetternden Diagnose setzt Alva einen letzten Aufstieg auf den Calanda entgegen. Schritt für Schritt steigt sie hoch, Gedanke für Gedanke lässt sie ihr abwechslungsreiches Leben vorbeiziehen, Seite für Seite begleiten wir – zusehends besorgt – die Frau auf ihrem schweren Gang. Ob Alva es auf den Churer Hausberg schafft? Und vor allem: auch wieder hinunter? Das sei hier nicht verraten. Lektüre für alle, die schon mal diesen berühmten Bündner bzw. St. Galler Gipfel besteigen wollten, mit oder ohne ärztliche Befunde.

«Wenn ich zurückkomme von der Roten Nadel, bringe ich Ihnen einen Stein mit, einen kleinen roten Stein, den ich vom Gipfel breche.»
«Danke. Ich werde ihn immer aufheben. Aber Sie kommen ja nicht zurück; Sie steigen gleich hinüber ins andere Tal –»
«Ja. Das ist wahr. Das hatte ich vergessen…»

Sieben Zeilen aus der Novelle «Das Joch» der österreichischen Autorin Vicki Baum (1888–1960). Sie wurde und ist bekannt durch ihren Roman «Menschen im Hotel» (1929). Vergessen war leider ihre grossartige alpin-touristische Novelle mit dem doppeldeutigen Titel, 1922 veröffentlicht im Band «Die andern Tage», 1931 wieder aufgelegt als achter und letzter Band von «Romane des Herzens». Nun ist «Das Joch» mit der sommerlich-sinnlichen Geschichte zwischen dem tatendurstigen Florentin und der unglücklich verheirateten Maja in einem Berggasthof in den Dolomiten wieder in einer feinen Ausgabe greifbar. Ob Florentin nach der Erstbesteigung der Roten Nadel den Abstieg schafft. Und Maja den Rückweg in die Unfreiheit? Lektüre für alle Gipfelstürmerinnen und Sommerfrischler. Immer eingedenk der Frage, die sich Laurence in der zweiten Hüttennacht stellt: Auf welche Gipfel muss man noch steigen, um sich selbst zu beweisen?

Laurence Boissier: Geschichte einer Erhebung. Verlag die Brotsuppe, Biel/Bienne 2025. Fr. 28.-
Raffaella Romagnolo: Wir gehen mal los. Diogenes Verlag, Zürich 2026. Fr. 32.-
Angelika Overath: Calanda oder Alvas Antwort. Luchterhand Literaturverlag, München 2026. € 24,00.
Vicki Baum: Das Joch. Atlantis Verlag, Zürich 2026. Fr. 28.50

SAC-Geschirr aus Langenthal

Wer schon mal in einer SAC-Hütte übernachtete, hat wahrscheinlich aus dem berühmten Porzellangeschirr von Langenthal gegessen. Nun ist zur Geschichte dieser von einem SAC-Mitglied gegründeten Fabrik ein rundum gewichtiges Werk erschienen. Oft so würzig und genussvoll wie eine Gazpacho. Manchmal muss man beim Lesen allerdings etwas fest schneiden, wie bei einem grossen Stück Fleisch mit hartem Rand. Aber im Kopf – welche Wirkung!

«Mit Ehrfurcht sind wir über die Schwelle der Hütte getreten, haben den Schnee vor der Türe weggescharrt und die verschlossenen Läden geöffnet. Alles war uns wohl vertraut, der heimelige Essraum, die kleine, schmucke Küche mit dem blitzblanken Geschirr, die Schlafstätte mit den warmen Holzschuhen und die braunen Esskörbe. Schon einmal, wenn auch in anderer Umgebung, sind wir in diesen Räumen herumgestiefelt. Es war drunten im Tal, in einer grossen Stadt – in der denkwürdigen Landesausstellung in Zürich. So ist diese Musterhütte des S.A.C. nun zur Leutschachhütte geworden. Mochte der Wettergott toben und grollen, wie er wollte, mochten die Lawinen über die Steilhänge brausen, wir fühlten uns geborgen. Im Herd knisterte das Feuer, die Erbsensuppe kochte. Alles schmeckte uns hier oben besser, mundete herrlicher als irgendwo unten im Tal. Selbst das Abwaschen des Geschirrs, welche Arbeit wir sonst lieber unseren Frauen überlassen, nahmen wir willig in Kauf. Warum auch nicht?»

Was für eine Frage! Nun, sie ist von gestern (hoffentlich). Hans Müller stellte sie 1943 im Beitrag «Leutschachhütte» in der SAC-Zeitschrift »Die Alpen». Die Hütte war 1939 als «Clubhütte SAC» an der Landesausstellung in Zürich zu sehen und wurde ein Jahr später an ihren heutigen Standort ins Hochtal westlich von Amsteg transportiert. Beim Geschirr, das die armen Clubisten damals selbst abwaschen mussten, dürfte es sich um solches aus Langenthal gehandelt haben. Arnold Spychiger (1869–1938), Unternehmer, Politiker und SAC-Mitglied, hatte die Porzellanfabrik 1906 in Langenthal gegründet. 2001 lag die «Porzi» am Boden, wie die Swissair; ihre Flugzeuge hatten mit Geschirr abgehoben, auf deren Unterseiten der Stempel «Suisse Langenthal» gut zu sehen war.

Nun hat Oliver Meier die umfassende Geschichte des Unternehmens geschrieben, ein fulminantes Werk, das weit über den Suppentellerrand hinausschaut. Der Historiker und Journalist verknüpft in «Glanz und Elend der Porzellanindustrie. Eine Langenthaler Weltgeschichte» die wirtschafts-, sozial- und kulturhistorischen Perspektiven der Porzellanindustrie und die Bedeutung von Porzellan in der Schweiz vom späten 19. bis ins frühe 21. Jahrhundert. Auf Seite 90 heisst es zu Haushaltware und Hotelporzellan:

«Der auffälligsten Unterschied betrifft die Dicke des Porzellans: 1913 lancierte das Unternehmen eine grobwandige Modellserie, die bald als ‹SAC-› oder ‹Bahnhofgeschirr› zum Volksgut wird. Tatsächlich findet das Geschirr nicht nun in den Hütten des Schweizer Alpen-Clubs, sondern allgemein im Gastgewerbe grosse Verbreitung und trägt viel zur Popularisierung der Porzellanfabrik bei. Es bleibt über achtzig Jahre im Sortiment und geniesst heute Kultstatus.»

Auf dem Cover von Meiers Buch das Titelblatt einer Broschüre der Porzellanfabrik Langenthal von 1928, gezeichnet von Martin Peikert. Mehr zu diesem Zuger Reklamekünstler, bekannt durch seine sinnlichen Plakate zum Tourismus in den Bergen: https://bergliteratur.ch/wintersportplakate/. Zum Mitnehmen für einen gemütlichen Aufenthalt in einer SAC-Hütte ist das Buch etwas zu schwer, nämlich wie drei Suppenteller aus Porzellan. Nur wie eines wiegt hingegen der Kriminalroman «Oberaargauer Labyrinth» von Martin Geiser. Auf Seite 215 lesen wir:

«Die Porzellanfabrik war und ist für jeden Langenthaler ein gewichtiger Teil Kultur- und Wirtschaftsgeschichte der Stadt. Jeder hat irgendeine Verbindung zu dieser Firma, die immerhin weltbekannt war.»

In welche Hütte nehmen wir also den Porzi-Krimi mit? Wie wär’s mit der Cabane de l’A Neuve oberhalb von La Fouly im schweizerischen Montblanc-Massiv? Die bis 1952 Cabane Dufour genannte Hütte feiert 2027 ihren 100. Geburtstag. Vom Bergführer und Buchautor François Perraudin findet sich im Juni-Heft 2018 von «Die Alpen» ein Beitrag zum Charme der Hütte und zum Hüttengipfel Grande Lui:

«Hüttenwartin Martine Gabioud hört das Knacken der Gletscher von ihrer Küche mit dem massiven Holzofen aus. Gleich daneben befinden sich ein Zinkbecken und ein kleiner Arbeitsbereich, wo man Ellbogen an Ellbogen steht, um das Geschirr zu spülen und die dicken, weissen Porzellanteller in die Schränke zu räumen. Jedes Stück hat seinen Platz, sonst bräche das Chaos aus.»

Oliver Meier: Glanz und Elend der Porzellanindustrie. Eine Langenthaler Weltgeschichte. Chronos Verlag, Zürich 2026. Fr. 48.-

Martin Geiser: Oberaargauer Labyrinth. Gmeiner Verlag, Meßkirch 2026. € 16,00.

Spielt der Sport rechts?

Das weiss die jüngste Ausgabe des sporthistorischen Zeitschrift «Les Sports Modernes». 298 Seiten voller Analysen und Geschichten, voller Tore und Torheiten. Gewinner sind die Bergsteiger, die die Fussballer um ein paar Seiten schlagen.

«Worin lag das Faszinierende an der Persönlichkeit Kurt Richters? Es war nicht so sehr sein überdurchschnittliches bergsteigerisches Können, sondern vielmehr die Vollkommenheit, die sich in ihm bündelte. Er hätte auch ebenso gut im Fußball-Punktspielbetrieb mitmachen können.» – «Günter Warmuth wurde am 21.01.1942 geboren. Bevor er 1958 zum Klettern kam, spielte er Fußball.»

Am Freitag, 21. Juli 1967 um 13.30 Uhr steigen Kurt Richter und Günter Warmuth zusammen mit Fritz Eske und Günter Kalkbrenner, alle Mitglieder der Nationalmannschaft „Alpinistik“ der Deutschen Demokratischen Republik DDR, in die Nordwand des Eigers ein. Nach 17 Uhr stürzt die Vierseilschaft zwischen Schwierigem Riss und Hinterstoisser-Quergang ab, nicht wegen Steinschlags, wie die Verantwortlichen in der DDR behaupteten, sondern wohl wegen eines technischen Fehlers, aus Unachtsamkeit und insbesondere wegen ungenügender Seilschaftssicherung. War politischer Druck auf die Sportler mitverantwortlich für deren Tragödie am Eiger? Das fragt sich Rainer Rettner, bester Kenner der Eiger-Geschichte, in seinem Beitrag «Vertikale Propaganda – Die Eiger-Nordwand als Prestigeobjekt der Diktaturen in der NS-Zeit und der DDR». Die beiden obigen Zitate sind dem Artikel «Vor 40 Jahren: Unglück in der Eigernordwand» entnommen, den «Der neue sächsische Bergsteiger», das Mitteilungsblatt des SBB, im September 2007 publizierte.

Rettners Untersuchung findet sich in der vierten Ausgabe der sporthistorischen Zeitschrift «Les Sports Modernes», die sich diesmal diesem Thema widmet: Politique(s). Le sport est-il de droite? «Von oben betrachtet, von der Brücke aus gesehen, aufgrund von Verordnungen und Notwendigkeiten, die eng mit den Interessen seiner Förderer verknüpft sind, hatte man lange geglaubt – oder glauben wollen –, dass der Sport unpolitisch, neutral, weder das eine noch das andere sei, über Konflikten schwebend und sich anmutig den ideologischen Vereinnahmungen entziehend, woher diese auch kommen mögen.» Das fragen sich Grégory Quin und Christophe Jaccoud, directeurs de rédaction, im Editorial. «Mais, qui peut croire encore à ces jeux d’occultation et au mythe de l’‹apolitisme sportif› à l’heure où Donald Trump joue des coudes et s’incruste sur le podium de la Coupe du monde des clubs de football, quand Emmanuel Macron surjoue sa proximité avec des sportives et des sportifs; mais aussi quand des athlètes sont disqualifiés en raison d’une prétendue incertitude quant à leur identité de genre.» In seiner Einleitung zeigt Quin, dass der Sport, «unabhängig davon, ob der Sport politisch rechts (oft) oder links (manchmal) ausgerichtet ist», ein wirkungsvolles Instrument des Zusammenhalts darstellt.

Grégory Quin und Gil Mayencourt schildern auf 25 Seiten, wie das helvetische Turnen sich im Verlauf der Geschichte auf die konservative Seite schlug. Christian Koller, Direktor des Schweizerischen Sozialarchivs, deckt die unbekannte «sportliche Präsenz von Diktaturen in der Schweiz» auf. Werner Bosshard seinerseits, Mitherausgeber der «Clubgeschichte Grasshoppers», rollt den Fall Karl Rappan auf: Murat Yakins Vorvorgänger, der die Schweizer Fussballnationalmannschaft bei den bei Weltmeisterschaftsendrunden von 1938, 1954 und 1962 coachte, hat einen ziemlichen nationalsozialistischen Schatten. Sportgeschichte ist halt nicht immer schön rund.

Das runde Leder wird in den nächsten Wochen für gehörige Schlagzeilen sorgen. Die Schweizer spielen am Samstag, 13. Juni, gegen Katar, die Deutschen am 14. Juni gegen Curaçao. Doch in der aktuellen Ausgabe von «Les Sports Modernes» gewinnt nicht der Fussball, obwohl er ein paar Seiten mehr belegt als das Turnen, sondern das – Bergsteigen! Gut 36 Seiten über Eiger und über «Gipfelbücher im politischen Spannungsfeld sächsischer Bergsteigergeschichte», über «Ideologia e politica ad alta quata» und über «alpinistische Schwindel», wobei da der Fall Cédric Gras abgrundtief hervorsticht.

Christophe Jaccoud, Grégory Quin (Hrsg.): Politique(s). Le sport est-il de droite? Les Sports Modernes n°4, Société, Culture, Temporalité, Territoire. Éditions Alphil-Presses universitaires suisses, Neuchâtel 2026. Fr. 35.- https://www.alphil.com/livres/1489-1856-les-sports-modernes-numero-4-2026.html#/1-format-livre_papier.  Für Mitglieder der Association pour la valorisation des archives et de l’Histoire des sports (AvaHs) ist die Publikation im Jahresbeitrag von Fr. 60.- inbegriffen.

Auf den Spuren von Ella und Annemarie durch Asien

Zwei neue Bücher zum Reisen durch Asien, von Ost nach West, einmal mit dem Auto, einmal zu Fuss. Mit im Gepäck und im Kopf: Annemarie Schwarzenbach und Ella Maillart. Letztere wird bis am 1. November 2026 im Photo Elysée in Lausanne mit der Ausstellung «Récits photographiques» gewürdigt. Nichts wie hin, mit dem Zug, mais bien-sûr.

«Ich weiss nicht, wann das letzte Mal jemand von Indien nach Europa gefahren ist. Aber vielleicht muss man es gerade jetzt versuchen. 15000 Kilometer liegen vor uns. Eine Linie auf der Weltkarte, die uns alle verbindet.»

So endet das Kapitel «Zeit oder Raum», das den Auftakt dieser Reise beschliesst. Mit Edwina, so der Spitzname des schwarzen Hindustan Ambassador, eines massigen Autos made in India, fuhren Andreas Babst, heute NZZ-Korrespondent  für Südostasien in Bangkok, und seine Freundin, die Fotografin Rebecca Conway, von Juni 2024 bis November 2024 von Dehli zurück in die Schweiz, genauer nach Sils Baselgia. Nicht zufällig in dieses Dorf im Oberengadin, wo an einem Haus diese Schiefertafel angebracht wurde: «In Memoriam Annemarie Schwarzenbach 23. Mai 1908 – 15. Nov. 1942.» Sie war auf der Reise vor zwei Jahren von Anfang an dabei, wie im erwähnten Kapitel zu lesen ist: «Annemarie Schwarzenbach und Ella Maillart reisten Anfang Juni 1939 mit ihrem Ford aus der Schweiz Richtung Afghanistan. Aus der Reise entstanden zwei Bücher: Maillarts Der bittere Weg und Schwarzenbachs gesammelte Aufzeichnungen Alle Wege sind offen

Aus der Reise von Andreas Babst und Rebecca Conway entstand ebenfalls ein Buch: «Und vor uns die ganze Welt. Eine Reise über Land von Indien in die Schweiz.» Ich las das Buch in einem Zug – vielleicht müsste man schreiben: in einer Fahrt. Und blieb an Absätzen wie dem folgenden hängen, notiert beim Ronbuk-Kloster am 31. Juli 2024:

«Die Nacht hängt wie ein Samtvorhang über dem tibetischen Plateau, keine Geräusche hier oben, noch nicht. Wir warten, bis der Vorhang sich hebt. Keine Zeit hier oben, nicht wie wir sie messen, in Sekunden, Stunden, Tagen. Der Berg ist ewig. Die anderen Gipfel bilden eine Gasse für den höchsten von ihnen. Das Morgenlicht färbt den Mount Everest violett, dann ein graues Blau. Ich mach ein Foto mit dem Handy und komme mir dumm vor. Der Berg, er duldet uns alle nur.»

Im oben erwähnten Kapitel bemerkt Andreas Babst, dass ihm Schwarzenbachs Buch immer näher gewesen sein. Einem anderen Reisenden war Ella Maillart (1903–1997) näher. Immer wieder erwähnt er sie in seinem Buch, auch dann, wenn er nicht mehr ihren Spuren durch Asiens Gebirge folgt: «Voici au moins un toit comme je les comprends: on peut admirer les étoiles éclatantes avant de s’endormir! Lointaines, cerclées par la yourte, elles sont le fond d’un puits fabuleux…» Und dann setzt der Maillart-Anhänger noch eine Bemerkung hinzu: «Nous aurions été d’accord sur de nombreux sujets.» Er heisst Jérémy Bidé, Franzose, Wanderbegleiter, Skilehrer, Filmemacher. Sein erstes Buch mit dem prägnanten Titel «Fils du vent» beschreibt seine Fussreise «à travers l’Asie centrale, dans les pas des explorateurs d’antan». Der wichtigste dieser Forschungsreisenden von einst ist eben eine sie, nämlich Ella. Mit Jérémy möchte man nur selten mitwandern von Karakol nach Duschanbe, durch die Berge von Kirgistan und Tadschikistan, zu anstrengend, zu gefährlich, zu überwältigend vielleicht auch. Aber mitlesen, mais bien-sûr!

Und mitgehen und miterleben mit Ella Maillart natürlich auch. Deshalb bis am 1. November 2026 unbedingt ihre Ausstellung «Récits photographiques» im Photo Elysée in Lausanne besuchen. Liegt ja nur ein paar Schritte neben dem Bahnhof. Bei der Hinreise beginnen wir mit der Lektüre von Babst oder Bidé, bei der Rückreise vom bitteren Weg. Das Kapitel «Chorassan» setzt so ein:

«Wir rasten den Pass im Süden von Gurgan hinauf und entwichen der Dampfbad-Atmosphäre, die uns während der drei Tage beim Kaspischen Meer so sehr mitgenommen hatte – Menschenkörper sind nicht dazu bestimmt, ständig zu tropfen wie ein Sack mit Quark. Oben auf dem windgepeitschten Pass war es kalt; im Westen zerrissen die Gipfel der Elburskette die Wolken zu Fetzen.»

Andreas Babst: Und vor uns die ganze Welt. Eine Reise über Land von Indien in die Schweiz. Malik Verlag, München 2026. € 22,00.

Jérémy Bidé: Fils du vent. À travers l’Asie centrale, dans les pas des explorateurs d’antan. Éditions Glénat, Grenoble 2026. € 21.50.

Ella Maillart: Der bittere Weg. Mit Annemarie Schwarzenbach unterwegs nach Afghanistan. Lenos Verlag, Basel 2026 (fünfte Auflage). Erste deutsche Auflage 1948 im Orell Füssli Verlag unter dem Titel Auf abenteuerlicher Fahrt durch Iran und Afghanistan. In Lausanne bis am 1. November 2026: https://elysee.ch/expositions/ella-maillart-recits-photographiques/

Schweiz und Europa erlesen!

Zwei Publikationen weisen den Weg zu Leseorten in der Schweiz und in Europa. Bei dieser frühsommerlichen Hitze sitzt man hoffentlich in einer Buchstube oder in der Badi.

«Wer Krimis mag, ist hier goldrichtig: im Schweizer Krimiarchiv in Grenchen. Es umfasst mehr als 2.500 Bücher in allen Landessprachen und ist das historische Gedächtnis des Schweizer Kriminalromans. Zu finden ist das Archiv im Untergeschoss der Grenchner Stadtbibliothek.»

Und dort dürfte es jetzt schön kühl sein! «Gänsehaut im Bibliothekskeller» verspricht jedenfalls Regula Tanner in «Schweiz erlesen! 55 literarische Lieblingsplätze». Ein Buch, auf das wir gewartet haben, ohne es eigentlich zu wissen. Gotthelf, Keller, Dürrenmatt, Frisch, Bichsel – sie alle schufen deutschsprachige Weltliteratur aus der Schweiz heraus. Sie lebten hier, und ihre Wirkungsstätten können wir besuchen, jetzt erst recht mit einem ganz feinen Werk. Gmeiner studio gibt gediegene Bücher zu literarischen Lieblingsplätzen heraus, und nach den Bänden zu Schwaben, Baden, Bayern, Berlin, Hessen und Niedersachsen nun endlich «Schweiz erlesen!». Zu unbedingt besuchenswerten Bücherorten führt uns Regula Tanner, vom Literaturhaus Thurgau am Untersee über das Johanna-Spyri-Museum auf dem Hirzel bis zur Weltliteratur-Bibliothek der Fondation Martin Bodmer am Petit Lac, von der Papiermühle in Basel über den Sasso San Gottardo (dort ist es ebenfalls schön kühl, nicht nur in der Goethe-Ausstellung) bis zum Museo Hermann Hesse in Montagnola. Immer mit klugen Texten und hilfreichen Tipps, immer mit stimmungsvollen Fotos. Dabei wechseln bekannte Orte wie die Nationalbibliothek in Bern (die Nr. 1) oder das Nietzsche-Haus in Sils ab mit unbekannten wie die Bibliothek für Blinde, Seh- und Lesebehinderte in Zürich oder die Speicherbibliothek Schweiz in Büron mit drei Millionen Büchern. Und Krimifans pilgern nicht nur nach Grenchen, sondern erst recht nach Meiringen, ins Sherlock Holmes Museum und natürlich zum grossen Reichenbachfall, wo der «grösste Detektiv der Welt» (so eine Inschrift bei der Talstation der Reichenbachfallbahn) vermeintlich starb.

Sherlock Holmes und sein Erfinder, Arthur Conan Doyle, tauchen selbstverständlich ebenfalls auf im kriminalliterarischen Reiseführer «22 Krimi-Touren in Europa, die man gemacht haben muss» von Marc Voltenauer und Benjamin Amiguet. Die Beiden (wir sind ihnen schon hier begegnet: https://bergliteratur.ch/im-westen-viel-neues/) sind zwei Jahre lang mit dem Wohnmobil durch Europa gereist, um den Spuren von Krimiautorinnen und -autoren sowie den Orten, aus denen sich ihre Welten zusammensetzen, zu folgen. Die Reise führte sie durch 19 Länder, aus denen 22 Routen entstanden sind. Von dieser Krimireise haben Voltenauer und Amiguet Interviews mit den SchriftstellerInnen sowie Videos mitgebracht, in denen diese ihre Favoriten und Reisetipps (Bars, Restaurants, Sehenswürdikgieten etc.) mitteilen – zu entdecken auf der eigens dafür eingerichteten Website. In der Schweiz führte die Spurensuche von Zürich über Basel in die Romandie und durchs Wallis nach Bellinzona. In Bern besuchte das Duo Christine Brand: https://22ipe.com/sui5ax/christine-brand-berne/ Im französischen Original «22 itinéraires autour du polar en Europa à ne pas manquer», das ich in Annecy kaufte, heisst es bei den fünf aufgeführten Brand-Krimis jeweils «pas encore traduit en français». Immerhin ist beim Ortstermin Kornhausbrücke ein Ausschnitt aus «Die Patientin» übersetzt: «Alors qu’elle traverse le pont de Kornhaus à bord du tram numéro 9, avec les montagnes enneigées de l’Eiger, du Mönch et de la Jungfrau si proches qu’on pourrait les toucher, elle devient soudain nerveuse – et, dans la même seconde, elle s’en veut terriblement d’être nerveuse.»

Regula Tanner: Schweiz erlesen! 55 literarische Lieblingsplätze. Gmeiner studio, Meßkirch 2026. Fr. 36.90.

Marc Voltenauer und Benjamin Amiguet: 22 Krimi-Touren in Europa, die man gemacht haben muss. Emons Verlag, Köln 2026. € 22,00.

Samivel

Paul Gayet-Tancrède alias Samivel (1907–1992) ist ein französischer Schriftsteller, Dichter, Grafiker, Illustrator, Filmemacher, Fotograf, Entdecker und Umweltschützer. Im Deutschen kannte man ihn fast nur als Zeichner und Autor. Vielleicht ändert sich das mit einer grossen illustrierten Biografie.

«C’est bizarre… mais depuis le début de la course, j’ai l’impression d’avoir oublié quelque chose…»

Das ist die Legende zu einer Zeichnung, auf der wir in tief verschneiter Landschaft einen Mann sehen, der mit Rucksack und Skistöcken aufsteigt und sich, den Kopf zur Seite drehend, plötzlich die oben gestellte Frage stellt. Natürlich hat der arme Kerl etwas vergessen: nämlich die Ski! Zum Glück für ihn dürfte es sich um Frühlingsschnee handeln, da er offenbar nicht einsinkt, noch nicht einsinkt beim Aufstieg. Beim Abstieg dann, mon Dieu… Das Besondere an der Zeichnung ist aber nicht die bizarre Situation – klar, wer hat nicht schon wichtige Ausrüstungsgegenstände vergessen, aber wenn man am Beginn einer Skitour merkt, dass das wichtigste Gerät fehlt, wird man ja kaum starten, n’est-ce pas? – also, nochmals, das Besondere an der 1928 gemachten Zeichnung ist die Signatur unten rechts: Samivel.

Unter diesem erstmals hingesetzten Pseudonym ist der französische Schriftsteller, Dichter, Grafiker, Illustrator, Filmemacher, Fotograf, Entdecker und Umweltschützer Paul Gayet-Tancrède (1907–1992) sehr bekannt – in Frankreich. Im Deutschen kannte man ihn fast nur als Zeichner und Autor, in den 1930er sowie in 1950er und 1960er Jahren. Hoffentlich ändert sich das mit der grossen illustrierten Biografie «Samivel» von Sophie Cuenot. Auf 240 Seiteen lernen wir einen wunderbar kreativen und weitsichtigen Mann kennen. Gerade seine Illustrationen zum Tourismus in den Bergen mit der in feinen Humor gezeichnete Kritik haben nichts von ihrer Gültigkeit verloren, die Aquarelle leuchten so romantisch wie einst, und Dohlen leiten die neun Kapitel des Buches ein.

Diese schwarzen Bergvögel haben Samivel ein Leben lang begleitet. Sein zweites Buch heisst «Sous l’oeil des choucas… ou les plaisirs de l’Alpinisme» (1932). Und Dohlen spielen die Hauptrolle in «La première fois» aus dem Novellenband «Contes à pic» (1951). «Taches noires» bewegen sich am 14. Juli 1865 über den Hörnligrat. Diese schwarzen Flecken sind nicht Dohlen, sondern – da muss Queue-Courte noch ein wenig näher heranfliegen – Menschen. Die Erstbesteigungsgeschichte des Matterhorns ist, und das macht das Geniale an dieser Novelle aus, aus der Perspektive von Queue-Courte erzählt, dem neugierigsten und mutigsten Mitglied der Dohlenkolonie, die oben in der Ostwand nistet. Auf einem Flug erspäht Queue-Courte – was übersetzt Kurz-Schwanz heisst, weil der Träger bei einem der berüchtigten Matterhorn-Gewitter zu spät die sichere Höhle aufsuchte – Menschen an seinem Berg. Und er fragt sich, warum sie so langsam aufsteigen würden, bis er merkt, dass sie keine Flügel haben. «Tiens! Un choucas!» hört er Whymper sagen, darauf die Antwort von Croz: «Il sera plus vite que nous au sommet.» Als Queue-Courte später sieht, wie die vier ausgleitenden und mitgerissenen Menschen im Abgrund verschwinden, flüchtet er angsterfüllt in sein Loch hoch oben, «parce qu’il avait tout à coup compris que les hommes n’ont vraiment pas d’ailes.»

Mit der neuen Samivel-Biografie lässt sich ein grossartiges, aktuelles Werk kennenlernen. Sie erscheint als 50. Band der Collection Texte&Images im Verlag Guérin-Paulsen, wie immer im roten quadratischen Textileinband. Ich kaufte das Buch in der Procure-Buchhandlung Librairie d’Étincelles an der Rue Jean-Jacques Rousseau in der Altstadt von Annecy. Eine sehr empfehlenswerte Adresse. Und: «Samivel» war nicht der einzige Kauf, mais non.

Sophie Cuenot: Samivel. Guérin – Éditions Paulsen, Chamonix 2026. € 56,00.

Wanderbücher und -führer

Seit 2016 findet der Tag des Wanderns in Deutschland jeweils am 14. Mai statt. Grund genug für einen kurzen Gang mit neueren und druckfrischen Wanderbüchern und -führern.

«Seitenwege, Feldwege, Fluchtwege, Grenzwege, Uferwege, Dorfwege, Holzwege, Deichwege, Geheimwege, Bergwege, Forstwege, Wirtschaftswege, Umwege.»

Diese dreizehn Wege listet Walter K. H. Hoffmann unter dem Stichwort «Wege» in seinem ABC-Buch «Vom Spazieren, Gehen, Reisen, Unterwegssein» auf. Natürlich warten da noch ein paar Wege mehr zwischen Abwege und Zollwege, Gehwege und Schleichwege zum Beispiel, oder auch Skiwege. Doch nun seien die Wanderschuhe geschnürt, und auf geht’s. Von Abkürzung über Fremdgehen, Jakobsweg(e), Längster Weg, Rousseau (klar, der geht immer mit!) und Wiedergänger bis Zu guter Letzt: Zu 110 Stichworten hat sich Hoffmann seine Gedanken gemacht. Sie «sind wie Wolken, die im Kopf vorüberziehen», wie es im Untertitel heisst. Wir nehmen sie mit auf unserem Büchergang zum 14. Mai 2026, dem Welttag des Wanderns. Er wurde 2016 vom Deutschen Wanderverband ins Leben gerufen und bezieht sich auf das Gründungsdatum des Deutschen Wanderverbandes am 14. Mai 1883.

Bevor wie losstiefeln, sei noch etwas Ballast in den Rucksack gepackt, gedanklicher Art selbstverständlich. In der ersten Nummer des letzten Jahres befasst sich «traverse. Zeitschrift für Geschichte» mit dem Thema «Zu Fuss». Sieben Beiträge zu ganz unterschiedlichen Aspekten, beispielsweise zur Spaziergangskultur in Basel von 1795 bis 1820 oder zur Eroberung der Schweiz durch das Wandern von 1910 bis 1960. Im Vorwort werden vier Forschungsachsen skizziert. Erstens Untersuchungen der eingeschränkten und eng abgegrenzten Räume des Zufussgehens; zweitens Fragen rund um die körperlichen Voraussetzungen des Zufussgehens; drittens die Geschlechterperspektiven in der historischen Forschung; und viertens die soziale und gesellschaftliche Frage in der Fussmobilität gestern und heute: Wer darf oder muss(te) zu Fuss gehen?

Viele von uns können. Stellt sich aber vielleicht die Frage: wohin? Drei Vorschläge. In der Reihe Lonely Planet Reisebildbände warten «Legendäre Küstenwanderungen in Europa. Die schönsten Küstenwege von den Shetlands bis Sardinien» auf Klippenläuferinnen und Strandläufer. Wie immer bei solchen Bildbandführern hinken die (wander-)touristischen Infos sanft hinter den Bildstrecken nach. Die Fotos aber machen schon gluschtig, vielleicht nicht den ganzen langen Meeresweg abzulaufen, sondern bloss eine Teilstrecke. Allerdings mangelt es ein bisschen an der Übersicht, wo die Wanderungen überhaupt verlaufen. So fehlt beim Titel «Göttliche Wege: Il Sentiero degli Dei» die genaue geografische Lokalisation. Ich sage nur: unbedingt machen, aber nicht wie vorgeschlagen mit Start in Bomerano oben am Berg, sondern in Praiano unten am Wasser, und dann vom Zielort Positano mit dem Schiff den Rückweg machen und hochschauen zur grün-felsigen Mittelmeerküste, wo man eben durchgegangen ist.

Wir bleiben grad in südlichen Gefilden, genauer: auf der Alpensüdseite, noch präziser: in der seit 1966 geschlossenen Schokoladefabrik Cima Norma in Dangio, einem der Ausgangspunkte für die Besteigung des höchsten Tessiner Gipfels, der Adula (3402 m), zu deutsch Rheinwaldhorn. In seinem vorzüglichen Wanderbuch «Rund um die Adula. Wanderungen zwischen Bleniotal, Calancatal und Misox» behandelt Bernhard Herold die Cima Norma, wo 2028 ein Vier-Sterne-Hotel entstehen soll; eine der 21 aromatischen Hintergrundgeschichten. Hauptbestandteil des rucksacktauglichen Werkes sind die 19 ein- bis mehrtägigen Wanderungen rund um den berühmten Berg zwischen den Kantonen TI-GR, in der würzigen Sackgasse des Val Calanca sowie im appetitanregenden Misox, das ja leider meist fastfoodig durchfahren wird. Wir kosten alle wichtigen (wander-)touristischen Infos, mit Varianten und Kombinationsmöglichkeiten, mit Fotos und Routenskizzen. Da schmeckt jede Zeile, nur wandern und essen muss man selbst. Diesbezüglich war meine erste Erfahrung mit dem Bleniotal etwas bitter: 1975 war ich als Rekrut sechs Wochen in der Schokoladefabrik Cima Norma einquartiert.

Und wenn wir schon auch auf Bündner Wegen unterwegs sind. Wie wär’s mal mit dem Unter- statt dem Oberengadin? Regula Bücheler führt uns in «Unterengadin. Wandern in der Engiadina Bassa» auf 28 ein- bis mehrtägigen Wanderungen entlang dem Inn und in seine versteckten Seitentäler. Zu jedem Kapitel behandelt sie ein wichtiges Hintergrundthema, zu allen Touren gibt sie die richtigen Tipps. Nichts wie hin: auf dem Bahnweg durch den Tunnel an die Unterengadiner Sonne!

Walter K. H. Hoffmann: Vom Spazieren, Gehen, Reisen, Unterwegssein. Vorwort von Thomas Widmer. Transhelvetica/Passaport, Zürich 2025. Fr. 31.90.

Tiphaine Robert, Anja Rathmann-Lutz, Marion Ferri (Hg.): Zu Fuss | À Pied. Traverse. Zeitschrift für Geschichte – Revue d’histoire, Band 2025/1. Chronos Verlag, Zürich. Fr. 28.-

Lonely Planet: Legendäre Küstenwanderungen in Europa. Die schönsten Küstenwege von den Shetlands bis Sardinien. Mairdumont, Ostfildern 2026. € 33,00.

Bernhard Herold: Rund um die Adula. Wanderungen zwischen Bleniotal, Calancatal und Misox. Rotpunktverlag, Zürich 2026. Fr. 39.- Die Buchvernissage findet am 5. Juni 2026 um 17 Uhr in San Vittore im Museo Moesano statt. Davor gibt es eine optionale kurze Wanderung aus dem Wanderführer, Treffpunkt um 11:05 Uhr bei der Postautohaltestelle Lumino, Paese. Informationen zum Anlass: https://eventfrog.ch/de/p/fuehrungen-vortraege/podium/buchvernissage-rund-um-die-adula-7452629573089367983.html

Regula Bücheler: Unterengadin. Wandern in der Engiadina Bassa. Rotpunktverlag, Zürich 2026. Fr. 39.-

Unterwegs mit Heinz und Ruedi

Zwei unterschiedliche Bücher von nicht mehr ganz jungen Männern. Heinz Egli umwandert die Schweiz, Ruedi Horber besteigt Gipfel vor der Haustüre und weit weg, bespricht Politik und Wirtschaft, befragt Frauen und Männer.

«Heute ist ein eigenartiger Tag im Gemisch von Zivilisation und Natur. Entlang von Straßen, schönen Rebbergen, durch Siedlungsgebiete, hohes Gras mit Jucken an Unterarmen und Beinen und quer durch einen ausgetrockneten Kanal und das anliegende Kieswerk. Den Tipp eines Einheimischen, ‹noch kurz› den nahegelegenen Genfer Hausberg Mont Salève zu besuchen, muss ich trotz propagierter schöner Aussicht auf irgendwann aufschieben. Wo käme ich da hin, jeden nahe gelegenen Berg zu erklimmen?»

Tja, wo wäre er hingekommen, der Heinz Egli (Jahrgang 1965), wenn er auf seiner Umwanderung der Schweiz noch jeden Gipfel am Weg mitgenommen hätte? Das machte im Sommer 1992 Andrea Vogel; er umrundete damals auf seiner Grenz-Tour in 83 Tagen die Schweiz, wobei er 1882 Kilometer zurücklegte, 148‘000 Höhenmeter überwand und 151 Gipfel bestieg, auf den schwierigen Etappen begleitet von Seilpartnern. Anders Heinz Egli: Er war alleine unterwegs mit seinem hellblauen Zelt, wenn möglich immer nahe an der Grenze, aber nicht darauf, wenn das Terrain nicht wanderbar war. Deshalb ist sein Rundweg auch viel länger, nämlich 3000 Kilometer, während die Höhenmeter nur 2000 Meter mehr aufweisen. Am 25. März 2022 war der Heinz in St. Luzisteig an der Grenze zu Liechtenstein gestartet, am 14. Oktober 2022 kehrte er dorthin zurück, mit 133 Etappen in den Beinen und im Kopf. Die 44. Etappe führte von Soral unweit des westlichsten Punktes der Schweiz in der Rhone nach Annemasse, am Salève entlang statt über ihn. Über seinen helvetischen Rundweg hat Heinz Egli das Buch mit einem etwas langen Titel verfasst – nun, der Weg war ja auch lang: «Meine größte Grenzerfahrung. Die Umwanderung der Schweiz entlang dem Kulturerbe Landesgrenze. Einfach spektakulär». 240 Seiten, zahlreiche Fotos und Karten, noch mehr Erlebnisse, Kenntnisse und Tipp, Ein- und Aussichten. Auf Seite 178 die Legende zum Bild vom Grenzgänger mit ausgestreckten Armen: «Erhabenes Gefühl über dem Valle Bodengo.» Wo das wohl ist?

Den Genfer Hausberg liess Heinz Egli also rechts liegen. Ruedi Horber (Jahrgang 1951) hingegen kennt den Berner Hausberg Gurten auswendig. Er schreibt zu ihm: «Mein Haus- und Trainingsberg, wohl über 1000-mal hinauf oder rund um den Gurten gejoggt, aber auch einige gemütliche Anlässe im Bergrestaurant.» Zum Beispiel die Vernissage seines neuen Buches am 25. April 2026: «Polit-Bergbuch mit 30 Interviews. Staat, Wirtschaft, Gesellschaft und Berge». Im Anhang stellt der ehemalige Volkswirtschaftler im Bundesamt für Landwirtschaft und beim Schweizerischen Gewerbeverband sowie fleissige Leserbriefschreiber seine 75 schönsten Gipfel vor, vom Stromboli (926 m) über Kubas höchsten Gipfel Pico Turquino, die Chrummfadenflue («mein meistbestiegener Berg») und Marokkos höchsten Gipfel Toubkal bis zum Huayna Potosí (6088 m) – eine eindrückliche Liste! Ebenfalls im Buch neben 75 Beiträgen zu ganz verschiedenen Themen (25 davon sind Bergen gewidmet): Kurzinterviews mit 30 Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Berg- und Laufsport (leider ohne Seitenangabe im Inhaltsverzeichnis). Und: Auf Seite 139 listet Ruedi «zehn bekannte Schweizer Hausberge» auf, darunter den Mont Salève.

Heinz Egli: Meine größte Grenzerfahrung. Die Umwanderung der Schweiz entlang dem Kulturerbe Landesgrenze. Einfach spektakulär. Novum Verlag, Zürich 2025; (signiertes) Exemplar direkt bei heinz.egli@sunrise.ch. Fr. 38.50.

Ruedi Horber: Polit-Bergbuch mit 30 Interviews. Staat, Wirtschaft, Gesellschaft und Berge. Eigenverlag, Niederscherli 2026; (signiertes) Exemplar direkt bei r.horber@gmx.ch. Fr. 30.-

Everest-Lhotse 1956 – 2026

Das unter Hans-Rudolf Keusen geschaffene Jubiläumsbuch «Everest-Lhotse. Aus den Tagebüchern der Schweizer Expedition 1956. Eine Spurensuche» lässt mit den vier erhaltenen Tagebüchern, mit der Expeditionspost und mit zahlreichen erstmals gezeigten (Farb-)Fotos die Erfolge (Erstbesteigung des Lhotse, Zweit- und Drittbesteigung des Everest im Mai 1956) und die Spannungen (die gab es!) hautnah lebendig werden.

«An Sonntagen wird in der Schweiz geschossen u. hier gesprengt. Mit Tuchel u. Ere steige ich etwas ab, um gefährlich gewordene Eistürme zu sprengen. Das Experiment ist wiederum gelungen. Vom Hin- u. Hergehen bin ich aber müde geworden. Ich bin froh, dass ich nicht mit Tuchel nach Lager III steigen muss. Ich verbringe wieder einmal die Nacht ganz allein im Lager.»

Notierte Fritz Luchsinger, der Ende März 1956 noch fast an einer akuten Blinddarmentzündung gestorben war, am Sonntag, 29. April, in sein Tagebuch. Das tat am gleichen Tag auch Ernst Reiss, genannt Ere. Die beiden Teilnehmer der Schweizer Everest-Lhotse Expedtion 1956 werden am 18. Mai als Erste auf dem Lhotse (8516 m) stehen, dem vierthöchsten Gipfel der Welt:

«Weiter geht unser Aufstieg am nächsten Tag zu Lager II, wo wir auf der Route mit der Eisaxt erneut erhebliche Wegverbesserungen treffen. Hier in diesem Lager stossen wir auf den Arzt Edi Leuthold u. auf Fritz Luchsinger, der noch gestern im Spätnachmittag nach Lager II aufgestiegen ist. Leider ist die Stimmung der Sherpas hier nicht gut, da die anwesenden Sahibs mit Fr. Müller zusammen irgendwelche Sonderleisten für diesen Tag verlangten. Uriken, einer der Besten, bemerkt sogar, dass alle hier anwesenden Sherpas einen Rückzug aus den Cwm in Betracht ziehen, falls wir weiter auf unseren Forderungen beharren. Tuchel, unser Leiter, schlichtet diese ernste Meinungsverschiedenheit. – Man darf mit diesen Sherpas schon nicht umgehen wie mit Rekruten!»

Ob Berufsoffizier Luchsinger den Tagebuch-Seitenhieb seines Lhotse-Seilpartners kannte? Insgesamt elf Sahibs, so wurden die Herren aus der Schweiz bezeichnet, nahmen an der Expedition vor 70 Jahren teil. Dabei gab es nicht nur alpintechnische Schwierigkeiten wie der gefährliche Khumbu-Eisbruch mit seinen labilen Türmen hinauf ins West Cwm, ins riesige Becken unter Everest, Lhotse und Nuptse. Sondern manchmal auch Schwierigkeiten mit den Sherpas, vor allem zwischenmenschlicher und sprachlicher Art. Davon ist aber im Tagebuch von Expeditionsleiter Albert Eggler, Tuchel genannt, wenig zu lesen, jedenfalls nicht am 29. April:

«Mit Luchsinger und Reiss nehme ich am Weg I–II mehrere Sprengungen vor. Die Route wird teilweise verlegt. – Abends steigen wir ins Lager III. – Das Wetter ist immer noch gut.»

Die Teilnehmer dieser von Schweizerischen Stiftung für Alpine Forschung ins Everest-Gebiet entsandten Expedition mussten ein Tagebuch führen. Vier Tagebücher haben sich zum Glück erhalten und bilden nun das Rückgrat des von der Stiftung herausgegebenen Jubiläumsbuchs. Das vierte Tagebuch stammt von Hansrudolf von Gunten; er stand am 24. Mai 1956 zusammen mit Dölf Reist auf dem Everest. Ein Tag zuvor war Jürg Marmet und Ernst Schmied die zweite Besteigung des höchsten Gipfels der Welt gelungen. Am 29. April schrieb von Gunten in sein Tagebuch:

«Wolfgang und ich steigen heute ins Lager 1 auf. Die Hitze ist ziemlich gross und wir kommen langsam vorwärts. Zudem habe ich die Dummheit begangen, mich mit einer Sauerstofflasche zusätzlich zu beladen, was sich in der Nähe des Lagers zu rächen beginnt. Lager 1 hat sich inzwischen ziemlich stark verändert. Grosse Spalten haben sich mit Krachen geöffnet, so dass alle Zelte verstellt werden mussten.»

Die erste Besteigung des Lhotse und die Zweit- und Drittbesteigung des Everest: ein alpinistischer Meilenstein. Ihn würdigten 1956 Albert Eggler in «Gipfel über den Wolken», Jörg Wyss 1958 mit dem SJW-Heft «Mt. Everest und Lhotse. Die Erlebnisse der schweizerischen Himalayaexpedition 1956» und Oswald Oelz 2006 mit dem schwarzweissen Bildband «Everest – Lhotse. Schweizer am Everest 1952 und 1956».

Das neue, unter der Leitung von Hans-Rudolf Keusen entstandene Buch «Everest-Lhotse. Aus den Tagebüchern der Schweizer Expedition 1956. Eine Spurensuche» veröffentlicht erstmals Auszüge aus den Tagebüchern und aus der Expeditionspost. Persönliche Stimmen der Teilnehmer, eingebettet in den sorgfältig rekonstruierten Kontext, lassen Erfolge wie Spannungen lebendig werden – zusammen mit zahlreichen erstmals veröffentlichten Fotos, insbesondere auch Farbfotos. So erscheint diese wichtige Expedition rundum in einem neuen Licht. Karten, Eckdaten der Expedition vom 29. Januar bis zum 8. Juli sowie die Zusammenstellung der umfangreichen Expeditionspost weisen zudem den Weg.

Die Vernissage findet am 8. Mai 2026 im ALPS in Bern statt. Sie ist leider schon ausgebucht. Aber der Gang an den Helvetiaplatz lohnt sich trotzdem. Denn die neue Fundbüro-Ausstellung «Souvenir. Selfies, Kitsch und Gipfelsteine» ist clever, vielschichtig, unterhaltsam, überraschend. Nicht zuletzt mit zwei Steinen vom Gipfel des Everest, die Jürg Marmet und Dölf Reist je in ihren Rucksack gesteckt haben. Und mit dem Ernst Reiss gewidmeten Souvenirteller aus Holz zur Erinnerung an seine Erstbesteigung des Lhotse.

Hans-Rudolf Keusen, Daniel Anker, Françoise Funk-Salamì, Christine Kopp: Everest-Lhotse. Aus den Tagebüchern der Schweizer Expedition 1956. Eine Spurensuche. AS Verlag, Zürich 2026. Fr. 48.-