Wolfszeit

Der wilde Hund ist zurück. Ob wir das wollen oder nicht. Wie damit umgehen? Ein Bildband und ein (juristisches) Handbuch geben Antworten.

«‹Un tempo da lupi›, sagte man im Italienischen, wenn man nebliges, nasses Wetter meint, das man im Deutschen gemeinhin eher den Hunden oder Sauen zuordnen würde. Dieses Wetter ist aber nach jahrhundertealter Erfahrung der Hirten jenes, wo die Wölfe die Viehherden angreifen, und es gilt, besonders wachsam zu sein. ‹Die Zeit der Wölfe› ist aber auch seit den 1990er-Jahren im Sinne der Rückkehr dieser Großraubtiere in weite Teile Europas zu verstehen. Ausgehend von den verbliebenen Restpopulationen und befeuert durch deren enorme Anpassungsfähigkeit und Wanderfreudigkeit, die radikal verbesserten Lebensbedingungen sowie nicht zuletzt die Erfolge eines strengen Artenschutzes, schreibt der Wolf seitdem seine eigene Erfolgsstory.»

So leitet Roland Norer sein neues Wolfsbuch ein. Es heisst: «Leben mit dem Wolf. Anleitung für ein Wolfsmanagement in Europa». Der Professor für Öffentliches Recht und Recht des ländlichen Raums an der Uni Luzern mit den Forschungsschwerpunkten Agrar-, Umwelt- und Raumplanungsrecht hat sich schon einmal ausführlich mit dem Rückkehrer Wolf beschäftigt: https://bergliteratur.ch/der-wolf-ist-da-so-auch-im-alps/. Das neue Buch kommt schlanker, aber nicht abgemagert daher. Es zeigt, so lesen wir auf der Rückseite, «fachlich sinnvolle und rechtlich zulässige Wege auf, wie eine realistische und gesellschaftlich tragfähige Integration in die moderne Kulturlandschaft gelingen kann». Die eigentliche Anleitung erstreckt sich über 74 Seiten, wobei der Herdenschutz den grössten Raum einnimmt. Roland Norer zeigt eindrücklich, was da alles möglich ist, damit der Wolf nicht (zu) böse zubeisst – bzw. was eben nicht möglich ist. Am einfachsten wäre doch, wenn sich der Canis lupus in die Märchenwelt zurückzöge… Illustriert ist das Buch mit triftigen Fotos. Auf dem Cover kommt aber ein grimmiger Wolf daher: Dem möchten wir in freier Wildbahn lieber nicht begegnen.

Dann schon lieber der siebenjährigen Wölfin F18 in der alpinen Höhenstufe im Oberalpgebiet, die Heinrich Haller am 18. Oktober 2022 fotografiert hat und die nun seinen Bildband «Der Wolf. Ein Grenzgänger zwischen Kultur und Natur» schmückt. Überhaupt die Fotos, die Haller, von 1996 bis zu seiner Pensionierung 2019 Direktor des Schweizerischen Nationalparks, in seiner Heimat, aber auch in andern Teilen der Welt gemacht hat. Höchst eindrücklich! Meistens seitengross platziert und mit genauen Legenden versehen. Da vergisst man fast, den Lauftext zu lesen. Was sich aber ebenfalls sehr empfiehlt.

Klar, ein Schosshündchen wird der Vorfahr unserer Hunde nie. Doch mit diesen beiden Büchern lernen wir den Wolf viel besser kennen. Und können die ganze Faszination und Problematik besser einschätzen. Das Märchen seinerseits, das kennen wir ja. Trotzdem noch ein kurzer Ausschnitt:

«Ach, Großmutter, was hast du so große Ohren!».
«Daß ich dich damit gut hören kann!»
«Ach, Großmutter! Was hast du für große Augen!»
«Daß ich dich damit gut sehen kann!»
«Ei, Großmutter, was hast du für haarige große Hände!»
«Daß ich dich damit gut fassen und halten kann!»
«Ach, Großmutter, was hast du für ein so großes Maul und so lange Zähne!»

Roland Norer: Leben mit dem Wolf. Anleitung für ein Wolfsmanagement in Europa. Oekom Verlag, München 2026. € 27,00.

Heinrich Haller: Der Wolf. Ein Grenzgänger zwischen Kultur und Natur. Haupt Verlag, Bern 2025. Fr. 49.-

Mit Barbara im Baselbiet

Das Baselbiet gehört zum Jurabogen. Wir erkunden die Gegend mit Büchern von Barbara Saladin und lernen besondere Juragipfel dort und in Frankreich kennen.

«Der Wisenberg liegt ganz im Süden des Bezirks Sissach, und seine Spitze ist genau 1.001 m ü.M. hoch. Er ist somit der östlichste Juraberg, der die 1.000-Meter-Marke knackt.»

Als ich diese zwei Sätze in Barbara Saladins «Mörderisches Baselbiet» las, wusste ich: nix wie hin! Auch wenn es ja gefährlich sein könnte, schliesslich passieren Verbrechen rund um diesen besonderen Berg. Doch keine Angst: Im Untertitel heisst das Taschenbuch «11 Krimis und 125 Freizeittipps». Der Kurzkrimi «Nachts um den Wisenberg» führt nicht nur zu seinem 24,5 Meter hohen Aussichtsturm (der wirklich ein umwerfendes 360-Grad-Panorama bietet), sondern stellt auch das Bad Ramsach auf seiner Nordwestseite vor und die Wisnerflue südöstlich von ihm. Gut, von dieser Flue könnte man schon runterfallen – oder runtergestossen werden… Wir bleiben auf dem Wisenberg und seinem festen Turm.

Der östlichste Tausender des Jura. Mehr noch: wahrscheinlich auch sein nördlichster 1000er. Und wie heissen die Pendants am anderen Zipfel des Jurabogens? Beim südlichsten dürfte es sich um den Mont Beauvoir (1313 m) südwestlich von Chambéry handeln. Der westlichste Jura-Tausender ist laut Wikipédia der Crêt de Pont (1059 m): «C’est le sommet de plus de 1000 mètres le plus occidental de tout le massif du Jura». Er liegt östlich des Rhoneknies von Lagnieu. Schon mal von diesem Knie oder von diesen Gipfeln im französischen Jura gehört? Ich jedenfalls nicht, bis ich die verwandten Spitzen des Wisenberges suchte. Deshalb: allons-y!

Allerdings erst, wenn wir das Baselbiet näher erkundet haben. Denn es gibt in diesem Juragebiet unterhalb des Rheins und rechts von Lucelle und Birsig noch viel zu entdecken und erwandern. Nicht nur mit den Kurzkrimis sowie mit den beiden Kriminalromanen um den Hofhund Vasco von Barbara Saladin, sondern auch mit ihrem Freizeitführer «Hügel, Täler und alte Gemäuer. 50 Ausflüge und Entdeckungen in der Region Basel». Zu folgenden Bereichen stellt die im Oberbaselbiet lebende Autorin jeweils mehrere Ausflüge und Wanderungen vor: Themenwege, Kraft- , Pflanzen-, historische und geologische Orte, Naturschutzgebiete, Verkehrsmittel, Ruinen, Alte Dorfkerne und Historische Altstädte. Und natürlich Aussichtspunkte. Der Berg oberhalb des Dorfes Wisen – auf der Landeskarte der Schweiz neu Wiseberg geschrieben – bleibt diesmal aussen vor. Dafür geht’s auf die Hinderi Egg (1168 m), den höchsten Punkt des Kantons Basel-Landschaft. Worauf warten wir noch?

Barbara Saladin: Mörderisches Baselbiet. 11 Krimis und 125 Freizeittipps. Gmeiner Verlag, Meßkirch 2018. € 12,80.

Barbara Saladin: Baselbieter Abgründe. Kriminalroman. Aus der Reihe Hofhund Vasco, Band 1. Gmeiner Verlag, Meßkirch 2022. € 14,00.

Barbara Saladin: Baselbieter Fluch. Kriminalroman. Aus der Reihe Hofhund, Vasco Band 2. Gmeiner Verlag, Meßkirch 2024. € 14,00.

Barbara Saladin: Hügel, Täler und alte Gemäuer. 50 Ausflüge und Entdeckungen in der Region Basel. Friedrich Reinhard Verlag, Basel 2025, Fr. 29.80.

Der Berg kam, der Peak ruft

Comic in Elm, Comic in Luzern. Die Fumetto Festival feiert diese eigenständige Kunstform seit 1992, dieses Jahr zum Thema Peak. Eine neue Graphic Novel schildert den verheerenden Bergsturz von Elm.

«Schwerer Bergsturz! Himmelherrgott! Sieht fast so aus, als ob das Schieferwerk betroffen ist, womöglich auch die Werkhütten und Schiefermagazine! Kommt schnell! Wir müssen schauen, was noch zu retten ist.»

Beat Rhyner, Bauer und als Bannleiter verantwortlich für den Gemeindewald von Elm im Glarnerland, steht mit entsetztem Gesicht in der Tür der Wirtschaft zur Meur. Es ist Sonntag, 11. September 1881, 17.15 Uhr. Der erste Bergsturz hat eben Werkhütten, Schiefermagazine und auch die Wirtschaft zum Martinsloch verschüttet. Um 17.32 kommt der zweite, grössere Bergsturz, erfasst mehr Häuser und Menschen. So auch Beat Rhyner, der im zuerst verschütteten Abschnitt helfen wollte. Seine Frau und zwei seiner fünf Kinder sterben nur wenige Meter von ihm entfernt in ihrem Haus, direkt hinter dem Gasthaus zur Meur. Um 17.36 kommt der dritte Bergsturz. Insgesamt zehn Millionen Kubikmeter Felstrümmer erstrecken sich in einem zwei Kilometer langen Schuttstrom das Tal hinunter. 114 Tote; 103 Menschen behält der Berg für immer begraben. 83 vernichtete Gebäude. Der Bergsturz von Elm war etwas kleiner als derjenige von Blatten im Lötschental (2025) und deutlich kleiner als diejenigen von Randa (1991) und Goldau (1806). Aber er war selbstverschuldet: rücksichtsloser Abbau von Schiefer am Tschingelberg.

Das schildert die Graphic Novel «Teufelsberg» von Esther Angst. Die Illustratorin lebt und arbeitet in Rüti im Kanton Glarus, kennt also Land und Leute. Und die Geschichte dieser Katastrophe, dieses einschneidenden Ereignisses im ländlich-industriellen Glarnerland: die Hoffnungen auf Verdienst, und die Gier, mit den damals gesuchten Schieferplatten gutes Geld zu machen. Wie Esther Angst das Alles nun in Bild und Wort umgesetzt hat: grossartig und furios, präzis und prägnant. Da leidet und hofft man mit, da zuckt man zusammen, wenn der ausgehöhlte Berg nach tagelangen Regenfällen zu stürzen beginnt: zuerst nur mit Steinschlag, zuletzt in drei vernichtenden Schlägen.

Schlag auf Schlag, Zeichnung auf Zeichnung, Geschichten in Bild und Wort: Darum geht es im Fumetto Comic Festival Luzern vom 7. bis 15. März 2026. Diese 1992 erstmals durchgeführte Veranstaltung präsentiert jeden Frühling während neun Tagen in Luzern die wichtigsten Comic-KünstlerInnen und Nachwuchstalente aus der ganzen Welt. Das Festival macht mit seinen rund 8 Haupt- sowie 50 Satelliten-Ausstellungen den Comic für Erwachsene, Jugendliche und Kinder erlebbar. Die Ausstellungsorte sind über die ganze Stadt Luzern und Agglomeration verteilt.

Thema in diesem Jahr: PEAK. Und so wurden die ZeichnerInnen eingeladen: „Erzählt uns von Höhepunkten und Gipfelerlebnissen, von steilen Aufstiegen, jähen Abstürzen und Berg- und Talfahrten aller Art. Wir suchen Comics über Baumgrenzen und Basislager, über Après-Ski, Enzian und Edelweiss. Vielleicht wird’s aber auch fantastisch mit Yetis, oder – gar nicht mehr alpin – metaphorisch mit Sisyphos? Ist der Peak längst erreicht, und es geht nur noch bergab – mit Klimakatastrophe, Bergrutsch und Gletscherschmelze? Ob steinig oder sanft, ob Alpenglühen oder globaler Kollaps, vom Fujiyama, Uluru, Rigi oder Pilatus.“

Rekordverdächtige 1647 Einsendungen aus 61 Ländern rund ums Thema PEAK gingen in Luzern ein. Neben der digitalen Präsentation aller Einsendungen zeigt die Ausstellung die Shortlist mit den 50 besten Arbeiten aus drei Alterskategorien im Original. Der Comic von Lawrence Grimm schildert in «Raum & Zeit & Berg» den Berg Fritze auf einer Seite mit zwölf Panels. Das sechste zeigt ihn beim Auseinanderbrechen: «Bloss, es kommt noch schlimmer. Armageddon! Donner! Blitze!»

Esther Angst: Teufelsberg. Baeschlin Verlag, Glarus 2025. Fr. 29.80.

Fumetto Comic Festival Luzern: https://fumetto.ch/exhibitions/peak

Schnee & Ski

Drei neue Bücher zum Thema Skifahren und Schnee. Und eine vielleicht visionäre Skierzählung von Peter Stamm.

«La neige posait problème.»

Wie wahr, dieser Beginn der Geschichte «Le ski» des Genfer Schriftstellers Guillaume Rhis über Familienwinterferien in La Barboleuse in den Waadtländer Alpen. Der Schnee macht zur Zeit in den Schweizer Alpen grosse Probleme, viel grössere als den Eltern des jungen Guillaume, wenn ihr bescheidenes Ferienchalet unter der weissen Dachlast einzustürzen drohte:

«On trouvait dans l‘atelier une échelle centenaire. Quand mon père l’appuyait contre la gouttière, nous autres femme et enfants retenions notre souffle. Maman sécurisait d’une main le vieil outil, le corps raide, inquiète; Papa, le gant prolongé d’une balayette en roseau, jouait avec le danger. Combien de fois la scène s’est-elle répétée tout au long des années 1990?»

Wer immer auch mal mit den Eltern – oder ebenfalls mit Gleichaltrigen – Skiferien genoss (oder auch nicht, kann ja vorkommen…): Das schmale Buch von Rhis findet immer Platz im Gepäck, sei es nur bei einem Tagesausflug, sei es für die Settimana bianca in Cortina d’Ampezzo (die Olympiade dauert ja nur noch bis Sonntag) oder gar in den Monti Sibillini.

Vom Schnee von heute zum «Schnee von morgen» mit Laura Anninger. Im Untertitel heisst das Buch der österreichischen Umwelt- und Wissenschaftsjournalistin «Über das Skifahren in Zeiten des Klimawandels». Sie war in Hörsälen und Gondeln unterwegs, hat mit ganz vielen Leuten gesprochen, die etwas vom Schnee verstehen bzw. von ihm leben, auch wenn sie oft nachhelfen müssen, wenn er nicht wie jetzt in kaum zu bändigenden Massen vom Himmel fällt. Vielleicht müsste man Frau Holle mal klar machen, dass wir sie schon schätzen und dies noch stärker täten, wenn sie mehr Konstanz in ihre Arbeit brächte, nämlich immer wieder ein paar Dezimeter und nicht plötzlich meterweise Schnee. Oder leidet sie eventuell auch unter dem Klimawandel? Möglich wär’s. Doch zurück zu Frau Anninger. Im Kapitel «Schneeschuh, Zipline, Mountainbike. Warum sich Skigebiete neu erfinden müssen» lesen wir:

«Es werden weitere Gebiete geschlossen werden. Anpassung ist immer nur zu einem gewissen Grad möglich. Denn bei all den Bemühungen bleibt Fakt: Skifahren wird in den kommenden Jahrzehnten nur an immer weniger Orten, zu immer höheren Preisen, mit steigendem Einsatz von Energie sowie Wasser und laufenden Eingriffen in den Naturraum möglich sein.»

Düstere Aussichten für den Pistenskilauf. Aber muss er denn überhaupt draussen stattfinden? Genau darum geht es in der hoffnungsvollen Skiliebesgeschichte – der Valentinstag liegt ja noch nicht weit zurück – mit dem Titel «Lieke schreibt…» im  neuem Erzählband «Auf ganz dünnem Eis» des Schweizer Schriftstellers Peter Stamm. Hauptfigur in dieser ersten Erzählung ist ein Schweizer Skilehrer, der nach einem Unfall zuhause nun in Bottrops Skihalle unterrichtet. Ich bin dort auch Ski gefahren. Doch kurven wir mit Peter bzw. seinem Skilehrer, der die erste Abfahrt immer alleine macht:

«Ich fahre los, schwinge über den erst flachen, dann steiler werdenden Hang. Der Fahrtwind lässt meine Augen tränen, die Kälte brennt mir im Gesicht. Ich reiße die Augen auf, ich bin kurz vor der Kurve, ein weiter Schwung. Ich weiß genau, von wo aus ich laufen lassen muss, damit ich die kleine Steigung am Ende der Piste hochkomme. Die Ampel steht auf Grün. Eine Minute Abfahrt, fünf Minuten auf dem Förderband in diesem scheußlichen Tunnel.»

Wesentlich länger, wesentlich anstrengender, ja eigentlich gar nicht vergleichbar, aber halt doch Skisport, wenn auch nicht mit Pisten- oder Tourenskis, sondern mit Langlaufskis. Und erst noch auf dem mythischen Vasaloppet. Jedes Jahr am ersten Sonntag im März wird der Wasalauf zwischen den Orten Sälen und Mora in der schwedischen Landschaft Dalarna über 90 km in klassischer Technik ausgetragen, und das seit 1922. Davon schreibt die deutsche Schriftstellerin Antje Rávik Strubel im Essay «Kein Schnee, nimmermehr. Neunzig Kilometer Mutmaßungen übers Skifahren, das Schreiben und den Tod». Der Rückseitentext startet so: «Ski sind das älteste Fortbewegungsmittel der Menschheit und so geht mit dem Schnee viel mehr verloren als ein Wintersport: eine ganze Sprachwelt und eine existenzielle Erfahrung.» Dazu gleich eine Bemerkung, obwohl es mir als Skisportler schon gefiele, wie wichtig die beiden langen Latten für die Menschen sind. Bevor diese aber auf jenen über den Schnee glitten, wurde schon lange auf Flössen von Insel zu Insel gerudert. Doch mit dieser Laufkorrektur wollen wir die Übersicht über neue Schnee- und Skiliteratur dann doch nicht abschliessen, sondern lieber mit einer wichtigen Skisportlerin:

«Die erste Frau in Hosen war eine Skifahrerin: Kristine Drolsum aus Christiana, dem heutigen Oslo, nähte sich 1896 einen dunkelblauen Skianzug. Er bestand aus Hosen und einer Jacke, die oberhalb der Knie endete. Angesichts der sonst üblichen schweren Röcke war das eine Revolution, die wie andere Revolutionen in jeden Geschichtsunterricht gehört.»

Guillaume Rihs: Ski. Éditions Slatkine, Genève 2026. Fr. 21.45.

Laura Anninger: Schnee von morgen. Über das Skifahren in Zeiten des Klimawandels. Verlag Anton Pustet, Salzburg 2025. € 26,00.

Peter Stamm: Auf ganz dünnem Eis. Erzählungen. S. Fischer Verlag, Frankfurt aM 2025. € 24,00.

Antje Rávik Strubel: Kein Schnee, nimmermehr. Neunzig Kilometer Mutmaßungen übers Skifahren, das Schreiben und den Tod. Residenz Verlag, Salzburg 2025. € 20,00.

Jules Jacot-Guillarmod

Die Biografie von Laurent Tissot lädt dazu ein, neue Seiten des Schweizer Arztes, Alpinisten, Expeditionsbergsteigers, Autors und Fotografs kennenzulernen.

«Liberté des montagnes, heureuse possession de soi-même, bonheur de courir à l’aventure sur les sommets inconnus et déserts, de marcher sur des neiges pures encore, de monter vers les cieux, est-il rien de plus concis et de plus complet que cette belle pensée de Javelle pour définir l’invincible attrait des hautes cimes et pour réduire à néant cette idée saugrenue de Madame de Staël qui s’imagine que nous allons à la montagne pour le plaisir singulier de nous exposer à la mort, quand tout, dans la nature, nous commande d’aimer la vie?»

Das fragt sich eloquent der Neuenburger Arzt und Alpinist, Autor und Abenteurer Jules Jacot-Guillarmod zu Beginn seines Beitrages «Au Mönch (4105 m) par l’arête nord-ouest» im «Jahrbuch des Schweizer Alpenclub» von 1907. Illustriert sind die sieben Seiten mit neun eigenen, allerdings sehr kleinen Fotos; gerade mal 4 auf 4,5 cm. Das zweite zeigt einen Bergsteiger, der auf einem Band an einer fast senkrechten Eiswand steht, die Schulter fest ans Eis gedrückt. Dieses schwindelerregende Foto macht nun den Auftakt in der Biografie «Jules Jacot-Guillarmod, l’explorateur de l’inconnu» von Laurent Tissot, emerierter Geschichtsprofessor der Uni Neuchâtel. Auf dem Titelbild sehen wir den Helden auf einem Pferd reitend, den Kopf mit einem Turban bedeckt; das Foto entstand bei der Rückkehr von der mutigen Expedition zum K2. Jules Jacot-Guillarmod (1868–1925) war der erste Schweizer im Himalaya und Karakorum. Am 18. Juni 1902 notierte er in seinem Journal: «Vu le K2 pour la première fois. Imposant, faisant peur et pourtant plaisir à voir.» JJG machte damals auch das erste Foto des zweithöchsten Gipfels der Welt. Am 10. Juli 1902 erreichte JJG mit Viktor Wessely am Nordostgrat eine Höhe von ca. 6700 m. Mehr zu dieser Expedition und zum Buch dazu hier: https://bergliteratur.ch/jules-jacot-guillarmod-pionier-am-k2/

Selbstverständlich beleuchtet Laurent Tissot die Bergsteigerei von JJG. Aber ausgehend vom täglich geführten Journal und von zahlreichen Fotos schildert Tissot das ganze vielfältige Leben von Jules Jacot-Guillarmod. So eine Reise um das Mittelmeer während der Flitterwochen, eine Weltreise im Rahmen einer Mission des Roten Kreuzes 1919 in Sibirien und das Projekt, Afrika von Kairo bis zum Kap der Guten Hoffnung zu durchqueren, das jedoch aufgrund seines Todes infolge einer Infektion nicht mehr verwirklicht werden konnte.

Die Biografie von Tissot ist mit schwarzweissen Fotos illustriert, die auch für die Geschichte der Fotografie zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Bedeutung sind. Denn Jacot-Guillarmod gehört zu den Amateuren, die das Potenzial dieser Bildtechnologie erkennen und sich daran machen, das Beste daraus zu verwirklichen. Überraschend die Foto eines Bades im Gletscherbach beim Theodulpass – offenbar war Eisbaden schon 1898 en vogue… Fein beobachtet und aufgenommen eine Szene beim Abstieg von der Cheopspyramide 1905: gross die Figur des Führers, vom Touristen nur der Unterarm und die Hand, die gehalten wird. Und dann die Selbstauslöseraufnahme mit seiner Tochter Ginette bei einem Brunnen vor einer schindelbedeckten Alphütte an der Dent de Jaman 1912. Die letzte Aufnahme im neuen Buch zeigt Männer mit Hüten im alten Hafen von Marseille. Ob sie auf ein Schiff warten?

Am 5. Juni 1925 starb Jules Jacot-Guillarmod auf einem französischen Postschiff, das ihn nach Europa hätte zurückbringen sollen, im Golf von Aden (Jemen). In der Hafenstadt Aden wurde er begraben.

Laurent Tissot: Jules Jacot-Guillarmod, l’explorateur de l’inconnu. Postface et choix des photographies de Jean-Christophe Blaser. Infolio éditions, Gollion 2025. Fr. 44.-

Via Grimm

Zwei rucksacktaugliche Bücher, die zum Wandern mit einem wirkungsmächtigen Schweizer Politiker des 20. Jahrhunderts einladen.

«Ausgeträumt und ausgeschlafen, gings nun wieder an die Arbeit, d.h. ans Weitertrippeln. Um 8 Uhr schnürte ich mein Bündel und hinaus gings in die freie Natur. Lachender Sonnenschein durchflutete die liebliche Gegend und an dem azurblauen Himmel war kein Wölkchen zu sehen. Es war wieder ein wohl leichtes, wohltuendes Wandern, ein süßes Durchstreifen von Wald und Feld.»

Notierte Robert Grimm am 20. Juni 1902 in sein Tagebuch. Grimm (1881–1958), berühmt geworden als Organisator der internationalen Sozialistenkonferenzen in Zimmerwald und Kiental, als Führer des Generalstreiks von 1918, als Gemeinde-, Regierungs- und Nationalrat sowie als Direktor der Bern-Lötschberg-Simplon-Bahn, war als junger Buchdrucker auf Gesellenwanderung. Nach seiner Lohnarbeit in der Druckerei der Zeitung «Arbeiterwille» in Graz wanderte und reiste er vom 4. Mai bis 7. Juli 1902 über Triest, Gorizia, Bozen, Chur und Glarus zurück an seinen Geburtsort Wald im Zürcher Oberland. Nicht immer war die «Arbeit» so sonnig wie an jenem Junitag in Villach an der Drau. Auf dem Weg nach Triest regnete es fast ununterbrochen:

«Meine Kleider trieften buchstäblich. Ich war bis auf die Haut durchnässt, es genügten, wenn ich mich an einen Ort hinstellte, 1–2 Minuten, um den trockenen Boden in einen förmlichen See zu verwandeln.»

Robert Grimm führte auf seiner Walz ein Tagebuch, das nun in einer wohlfeilen und gut kommentierten Ausgabe vorliegt: «Von meiner Gesellenwanderung (1900–1902). Aufzeichnungen des bedeutenden Politikers als junger Mann». Er schildert lebendig Freuden und Leiden eines Wandergesellen: ständige Finanzknappheit und Hungerattacken, liebevolle Gastfreundschaft, karge Pennen (Unterkunft, Nachlager) und lästige Polizeikontrollen, gesellige Abende mit andern Waldbrüdern, schöne Landschaften, Dörfer und Städte. Grimms Text ist angereichert mit vielen Hintergrundinformationen, die uns eintauchen lässt in eine Art von Wandern und Reisen, die vielen Lesern und Leserinnen unbekannt sein dürfte. Wanderlektüre der andern Art, und trotzdem kennen wir die ganz unterschiedlichen Gehgefühle, wenn der Himmel sich azurblau bzw. regengrau zeigt. Beide Farben werden wir erleben, wenn wir auf der Via Grimm unterwegs sind.

Die Via Grimm bezeichnet zweierlei. Einerseits die Strecke von Graz nach Wald ZH, auf welcher der junge Grimm 1902 unterwegs war. Andererseits den Weg, den die Robert-Grimm-Gesellschaft von 2019 bis 2022 in mehreren Wanderreisen auf den Spuren von Grimm unternommen hat. 48 Etappen mit insgesamt 230 Std., 860 km, 15‘000 Höhenmeter hoch und 14‘000 hinunter. Dazu ist das rucksacktaugliche Buch «Via Grimm» erschienen. Zu jeder Etappe gibt’s Karte, Höhenprofil, karge Tipps zu Verkehrsverbindungen, Hotels und Gaststätten sowie ein kurzes Zitat aus Grimms Tagebuch. Bei der vierzehnten Etappe von Villach nach Paternion-Feistritz lesen wir:

«Es war wieder ein wohl leichtes, wohltuendes Wandern, ein süßes Durchstreifen von Wald und Feld. Die Sonne stand schon hoch am Firmamente, als ich mich im kühlen Schatten eines Tannenwaldes niederlegte, um ein Mittagsschläfchen zu machen.»

Andreas Berz, Bernard Degen (Hg.): Robert Grimm. Von meiner Gesellenwanderung (1900–1902). Aufzeichnungen des bedeutenden Politikers als junger Mann. Chronos Verlag, Zürich 2025. Fr. 22.-

Fritz Brönnimann: Via Grimm. Wanderungen auf Robert Grimms Spuren. Robert-Grimm-Gesellschaft, Bern und Zürich 2023. Fr. 20.- Erhältlich bei Fritz Brönnimann, Willishalden 3, 3086 Zimmerwald. www.robertgrimm.ch/robertgrimm/via-grimm/index.html.

Hochstuckli, Speer und mehr

Das Bundesamt für Landestopografie swisstopo hat das Sortiment der Schneesportkarten um zehn auf 43 Blätter erweitert. Die frischen sind meist nach Gipfeln bekannt.

«Das Wirtshaus Haggenegg ist besonders den Skifahrern angenehm, im Winter herrscht Sonntags auf dem nahen Hochstuckli chronische Überbevölkerung, an Werktagen kann es aber seine Vorzüge als Skigebiet zeigen.»

Urteilt Annemarie Schwarzenbach im Kapitel «Die Mythen und der Flecken Schwyz» in dem gemeinsam mit Hans Rudolf Schmid verfassten Reiseführer «Das Buch von der Schweiz. Ost und Süd» in der Reihe «Was nicht im ‹Baedeker› steht». Diese Buchreihe gab der Piper Verlag München von 1927 bis 1938 heraus. Die beiden Bände zur Schweiz kamen als Nummern 15 (Ost und Süd) und 16 (Nord und West) 1932 und 1933 heraus und schlossen die Reihe eigentlich ab. Nach 1933 publizierte der Verlag noch überarbeitete bzw. zensurierte Bände; so wurde Annemarie Schwarzenbach als Mitautorin gestrichen. Mit ihr zurück zum Hochstuckli. Sie zählt in ihrem Kapitel noch andere im Winter und Sommer lohnende Schwyzerberge auf, «aber am berühmtesten, und das zu Recht, bleibt doch das Hochstuckli».

Bereits 1909 hatte Martin Gyr im «Ski», dem Jahrbuch des Schweizerischen Ski-Verbandes, das «vielbesuchte» Hochstuckli (1566 m) gerühmt, «das mit seinem Umgelände ein geradezu ideales Skifeld darstellt». Am Schluss seines zehnseitigen skitouristischen Artikels «Einsiedeln, das Sihltal und das Alptal» gibt er noch einen letzten Tipp ab: «Allerdings möchten wir wünschen, dass unsere Sportsfreunde zur Vervollständigung des Bildes immer die Karte und die ortskundigen Leute zu Rate ziehen, wenn sie sich auf einer dieser Touren befinden.»

Seit diesem Winter gibt es gar die Schneesportkarte «Hochstuckli». Natürlich waren die Schwyzerberge schon früher auf speziellen Karten für Skifahrer abgebildet, so beispielweise auf der Skitourenkarte der Südostbahn von 1955 im Massstab 1:75‘000, mit einer grünen Zugskomposition, dem Sessellift Sattel-Mostelberg und dem Namen «Hochstuckli» auf dem Titelblatt; Verkaufspreis 40 Rappen.

Die druckfrische Hochstuckli-Karte (435 S) gehört zu den zwölf ganz neuen speziellen Schneesportkarten des Bundesamtes für Landestopografie swisstopo im Massstab 1:50‘000. Es sind dies folgende Blätter: 426 S Speer, 435 S Hochstuckli, 438 S St. Antönien, 444 S Glaubenberg, 452 S Gastlosen, 460 S Piz Sesvenna, 471 S Les Cornettes de Bise, 476 S Monte Tamaro, 477 S Camoghè, 478 S Piz da la Margna, 493 S Grand Combin und 494 S Monte Rosa. Die beiden ebenfalls neu aufgelegten Blätter 469 S Valposchiavo und 492 S Mont Blanc waren 2018 bzw. 2019 erstmals herausgekommen. Dazu sind ebenfalls die 29 Schneesportkarten in der klassischen Aufteilung der 1:50‘000-Karten erhältlich, von 227 S Appenzell bis 284 S Mischabel. Die Übersicht hier: www.swisstopo.admin.ch/de/informationen-schneesportkarten. Insgesamt umfasst das Schneesportkartensortiment neu 43 statt wie bisher 33 Blätter.

Warum die Neuerung? Die Antwort von Benjamin Fuhrer, Junior Produktmanager bei swisstopo: «Die Absatzmengen der gedruckten Schneesportkarte rechtfertigen eine Produktion im Offsetverfahren mit hohen Auflagen nicht mehr. Daher werden die Schneesportkarten ab der Saison 25/26 neu on Demand im virtuellen Sortiment angeboten. On Demand heisst, jede Karte wird auf Bestellung produziert. So fallen auch sämtliche Lagerkosten weg. Der Wechsel des Druckverfahrens zu LFP hat aber auch zur Folge, dass nur noch das Standardkartenformat angeboten werden kann. Gebiete, welche auf Grund der Formatänderung wegfallen, werden neu auf zusätzlichen Karten angeboten.»

Auf dem Blatt Lachen war auf der Rückseite einst noch die Rigi zu finden; nun wird sie vom Blatt Hochstuckli abgedeckt. Oder die Schneesportkarte Val Verzasca von 2021: Sie zeigte auch die Ski- und Schneeschuhtouren im unteren Val Calanca und in der Valle Morobbia, die eigentlich zum Blatt Roveredo gehören. Jetzt greifen winterliche Sportsfreunde zu den neuen Blättern Monte Tamaro und Camoghè. Ein Zipfel des Misox mit dem Pizzo Paglia (2593 m) wird von keinem Blatt der analogen Schneesportkarte erfasst; digital allerdings auch nicht. Verständlich: So befahrbar die Nordwestflanke dieses aussichtsreichen Gipfels scheint, der Zugang durchs Val Leggia ist den Skifahrern alles andere als angenehm.

swisstopo, Schneesportkarten, 1:50‘000: Preis pro Blatt Fr. 21.- (früher 24.50).

Wenn Berge rutschen

Ein Band mit Erzählungen, ein historischer Roman, eine Ausstellung: Wie gehen wir damit um, wenn die Berge laut, zu laut werden?

«Von der Kirche aus dem 13. Jahrhundert steht immerhin noch der Turm, im Banngebiet jenseits des Walles, der Linthal schützen soll vor Bergrutschen, wie 1881 einer das Dorf Elm unter sich begrub.»

Notierte der in Glarus aufgewachsene Schriftsteller Tim Krohn in seinem jüngsten Buch «Die Stille der Höhe. Erzählungen aus den Bergen», und zwar in der Geschichte «Die Fremde beginnt nach ein paar Kilometern… Knapper Abriss über das Glarnerland, wo es am engsten (und am schönsten) ist.» Es sind dies 16 Erzählungen und zwei Gedichte aus seiner alten Heimat und aus seiner neuen, dem Bündnerland, genauer dem Val Müstair. Denn dort wohnt Krohn jetzt mit seiner Familie; wie es dazu kam, erfahren wir im Nachwort «Unser ideales Heim». Feine Lektüre zu ganz unterschiedlichen Themen. Aber still wird es nicht immer sein in der Höhe, jedenfalls nicht im «Genusssinn», wenn Hubert die Tuba bläst für Edith-Samyra, die nackt im Heustockseelein steht und mit diesem Ritual ihre Trauer um die nepalesische Königsfamilie beenden will. Nicht die einzige wunderbar schräge Geschichte in diesem handlichen Bergbuch.

Ganz im Glarnerland spielt der historische Roman «Kilchenstock. Der drohende Bergsturz» des Glarner Schriftstellers Emil Zopfi. 1928 begann der Kilchenstock über Linthal gefährlich und scheinbar unaufhaltsam zu rutschen. Die Wissenschaftler prognostizierten einen gewaltigen Bergsturz. Musste das Dorf evakuiert werden? Die Dorfbewohner wussten nicht mehr, wem sie vertrauen konnten. Den Fachleuten? Den Politikern? Dem Pfarrer? Gott? Der Wahrsagerin? Dem eigenen Gefühl? Emil Zopfi erzählt eindringlich, wie wir reagieren, wenn der Berg nicht ruft, sondern zu kommen droht bzw. kommt. Sein Roman erschien erstmals 1996 und liegt nun in einer Neuauflage vor, erweitert um ein aktuelles Nachwort, denken wir an Gondo am Simplon, Bondo im Bergell, Brienz an der Albula, Kandersteg und natürlich an Blatten und Ried im Lötschental. Die Erzählung vom Kilchenstock, so Zopfi, «ist ein Lehrstück über das Verhalten von Menschen angesichts einer drohenden Katastrophe. Wird das befürchtete Unglück eintreffen oder bleiben wir verschont? Was können wir tun? Wer hilft uns in dieser Lage? Die Fragen, welche die Linthaler damals bewegten, stellen wir uns heute immer wieder.» Mehr noch: «Die gegenwärtige Weltlage gleicht jener vor hundert Jahren, als der Kilchenstock die Linthaler in Angst und Schrecken versetzte.»

Auf jeden Fall ist «Kilchenstock» die passende Lektüre für den Besuch der Ausstellung «Wenn Berge rutschen» im Raum Biwak von ALPS, dem Alpinen Museum in Bern. Am Beispiel Glarus erfahren Besucherinnen und Besucher von Menschen aus Politik, Tourismus, Landwirtschaft und allgemeiner Bevölkerung, was es heisst, mitten im Wandel durch tauenden Permafrost, Murgänge oder ausbleibendem Schnee zu leben. Das Projekt ist eine Übernahme des Sito Kollektivs und wurde für das ALPS mit aktuellen Fragen und Beispielen aus den Kantonen Bern und Wallis erweitert. Am 22. Januar gibt es zum Museumsbier um 18 Uhr eine Kurzführung zu «Wenn Berge rutschen», am 3. März erzählt Werner Bellwald ab 18 Uhr, wie es sich anfühlt, wenn ein Bergsturz innert Sekunden ein Lebenswerk wegfegt, und am 26. März fragt das Museum ab 18.30 Uhr nach dem Bergsport im Jahr 2050. Müssen wir dann den Bergen fernbleiben?

Wohin sie denn wolle, fragt die Hauptfigur in Tim Krohns Erzählung «Melancholie» eine junge Einheimische aus dem abgeschiedenen Avers: «Nach Zürich oder wenigstens nach Chur. Das Schlimmste ist, ohne Berge kann ich auch nicht sein. Aber von Zürich aus sieht man sie wenigstens.»

Tim Krohn: Die Stille der Höhe. Erzählungen aus den Bergen. Atlantis Verlag, Zürich 2025. Fr. 29.90.

Emil Zopfi: Kilchenstock. Der drohende Bergsturz. AS Verlag, Zürich 2026. Fr. 29.80.

ALPS: Wenn Berge rutschen (bis 19. April 2026). www.alps.museum

Wengen, Verbier, Arosa

Drei ganz unterschiedliche Publikationen zu drei berühmten Fremdenverkehrsorten in den Schweizer Alpen. Ganz im Fokus der Öffentlichkeit steht diese Woche Wengen mit den Lauberhornrennen.

«Arme Berge, was haben die Menschen euch angetan!»

Das fragt sich der Holzschnitzler Hans Eicher aus Wengen, eine der Hauptfiguren im Roman «Flut» von Jakob Wiedmer-Stern (1876–1928). Er kannte das Dorf am Fusse des Lauberhorns, an dem diese Woche wieder die besten Skifahrer um Sieg und Ruhm fahren, bestens. Denn 1904 heiratete Wiedmer, Bäckersohn aus Herzogenbuchsee und Archäologe, Maria Stern, die in Wengen das Hotel Beausite führte. Und schon 1905 veröffentlichte der frische Hoteldirektor im renommierten Huber-Verlag den Roman «Flut». Mit dem Titel sind die Fremden gemeint, die immer zahlreicher in das Bergdorf Stägen kommen, das unschwer als Wengen erkennbar ist. Der Roman erntete zwar Lob von der Kritik, namentlich von Josef Viktor Widmann im «Bund»; er sah im Autor einen neuen Gotthelf. Aber dass die Hoteliers kaum Freude hatten, ist mehr als verständlich. Das Ehepaar Wiedmer-Stern floh denn auch nach Bern, ins Historische Museum, wo er die freiwerdende archäologische Stelle antrat. In einer Brandrede gegen den Tourismus, die Wiedmer einem Journalisten der fiktiven «Landes-Zeitung» in die Feder legte und die Hans Eicher «bös, aber gut!» findet, lesen wir auf Seite 226 in der Neuausgabe – hier zitiert aus www.beausiteparkhotel.ch/geschichte/.

«Wenn auf einem Berg vier Fremde Schinkenbrot gegessen haben, so werden fünf Hotels hinaufgestellt; diese rufen wieder einer Bahn, und die Behörden geben dem Projekt ihren Segen. Die Bahn schleppt dann allerdings hinauf, was das Zeug hält; aber die vier Bergfreunde, die einmal der stolzen Höhe zuliebe hinaufwanderten, sind nicht darunter. Solche Leute wollen Bergluft, nicht Eisenbahnrausch; sie hören lieber das Herdengeläute als polyglottes Geschnatter und den Klatsch der Table d’hôte, ohne den der waschechte Reisepöbel nicht leben kann, und der in seiner Mitte aufgeht wie die Schwämme auf dem Mistbeet. – – –

Und nun der Nutzen für unser Land! Er war bisher, wenigstens materiell, ein gewaltiger; ich brauche bloss den Gebrauch von einheimischen Nahrungsmitteln, die Einnahmen der Bahnen und Schiffe, die Gewerbetreibenden und Handwerker zu nennen. Aber jetzt naht auch der Moment, wo die Gefahr der Überproduktion da ist; wo dort oben fast jeder Bauer, selbst wenn er kaum einen Halbliter von einem Fünfliber abrechnen kann, eine Pension baut und in seiner Unbeholfenheit der Spielball geriebener Dienstboten und gemeiner, rücksichtsloser Gäste wird. Denn gerade auf solche Wirte hat es diese grosse Kategorie unter den Fremden abgesehen; der Mann ist ihnen schutz- und wehrlos preisgegeben, und wagt er es zu mucksen, so kriegt er eins auf die Nase. Sie schreiben ihm vor, was sie essen wollen; sie schreiben ihm vor, wie ihr Zimmer eingerichtet sein soll; sie bestechen seine Dienstboten durch Trinkgeld zu Pflichtverletzungen, und zu guter Letzt diktieren sie ihm auch, wieviel sie zahlen wollen.»

Wie der Tourismus ein Bergdorf flutet, lässt sich im schweren und reich illustrierten Bildband «Chroniques de Verbier» von Marie-Madeleine Gabioud Seite um Seite, Hotel um Hotel, Chalet um Chalet, Bahn um Bahn eindrücklich sehen und lesen. Wir bewundern die ersten Skilifte und die luftigen Gondeln der Télécabine auf die Ruinettes, etwas weniger all die Inszenierungen, Happenings, Infrastrukturen neueren Datums. Mit «l’urbanisation de la montagne» ist das vierte Kapitel betitelt – arme Berge, wie wahr! Ein paar Kapitel weiter hinten fahren Roland Collombin und Philippe Roux tout Schuss, die Freeriders verwandeln den Bec des Rosses in einen Zirkus des Ski extrem. Und dann tauchen auf dieser so grossartigen wie überbauten Sonnenterrasse im Val de Bagnes zahlreiche Berühmtheiten auf, mais bien-sûr! Mir persönlich gefällt am besten, wie der französische Schauspieler, Komiker und Chansonnier Bourvil schüchtern lächelnd auf einem Tellerlift sitzt.

Apropos Berühmtheiten. Im dritten Fremdenverkehrsort in den Schweizer Alpen, die mit frischen Publikationen aufwarten, tummeln sich auch solche, die nicht erkannt werden wollen, jedenfalls nicht von der Polizei. 36 unterschiedlich unterhaltende Kurzkrimis versammelt Andreas Russenberger in «Arosa. Wo auch Gauner Urlaub machen». In «Freunde fürs Leben» geht es allerdings um eine bekannte Figur, die Gaunern das Leben schwer machte: um Sherlock Holmes. Sein Erfinder, der Engländer Arthur Conan Doyle, machte 1894 mit den Brüdern Branger die zweite Skiüberschreitung der Maienfelder Furgga von Davos nach Arosa und beschrieb die Tour in «An Alpine Pass on Ski». Auf dieser Fahrt soll Doyle für Sherlock dessen Freund und Begleiter Doctor John Watson gefunden haben. Manchmal verhelfen die Berge den Menschen zu Geistesblitzen.

Jakob Wiedmer: Flut. Herausgegeben von Felix Müller und mit einem Nachwort von Christian Rohr. Chronos Verlag, Zürich 2025. Fr. 38.-

Marie-Madeleine Gabioud: Chroniques de Verbier. Passé, présent, futur. Éditions Slatkine, Genève 2025. Fr. 77.-

Andreas Russenberger: Arosa. Wo auch Gauner Urlaub machen. Krimis. Gmeiner Verlag, Meßkirch 2025. € 17,00.

Les Fromages de Suisse

Ein französischer Bildband zu zehn bekannten Schweizer Käsen. Mit Rezepten. Viel Freude bei der Zubereitung und beim Essen, beim Anschauen und Lesen.

«Le Gruyère AOP doit son nom à la région de la Gruyère, dans le canton de Fribourg. Aujourd’hui, il est fabriqué dans les cantons de Fribourg, Vaud, Neuchâtel, Jura et dans quelques communes du canton de Berne.»

Entnehmen wir einem neuen französischen Bildband über den Schweizer Käse – ein unerwartetes Buch, wo sich doch unsere westlichen Nachbarn als die Käsenation der Welt verstehen, inklusive den Frischkäse, der seit 1850 in der Normandie aus pasteurisierter Kuhmilch mit etwas Rahm hergestellt – und Petit-suisse genannt wird. Den Gruyère français gibt es zudem auch. Doch der Gruyère AOP mundet besser, mais oui. Er ist schliesslich der beste Käse der Welt. Und kommt erst noch aus einer Berner Gemeinde. Aber nicht aus dem Berner Jura, wie die Übersichtskarte in «Les Fromages de Suisse. Une épopée gourmande» von Stéphane Méjanès suggeriert, sondern aus Vorderfultigen, einem kleinen Dorf im Hügelland zwischen Gürbe und Sense. Nach 2022 gewann die Käserei Vorderfultigen im Herbst 2025 an den World Cheese Awards zum zweiten Mal den Weltmeistertitel; diesmal Pius Hitz mit seinem achtzehn Monate gereiften Greyerzer. Mehr dazu hier: https://berg-kaeserei.ch/

«Les Fromages de Suisse. Une épopée gourmande» tischt drei Gänge auf. Erstens zahlreiche grosse Fotos von Kühen, Käsern und Käserinnen, von Landschaften und Gerichten. Zweitens Geschichten und Informationen zu diesen zehn helvetischen Käsesorten: Appenzeller®, Emmentaler AOP, Étivaz AOP, Gruyère AOP, Raclette du Valais AOP, Sbrinz AOP, Tête de Moine AOP, Tomme Vaudoise, Vacherin fribourgeois AOP, Vacherin Mont-d’Or AOP. Und drittens präsentieren zwölf Köche aus renommierten Restaurants von Belgien, Frankreich und der Schweiz ihre Rezepte. So stellt Lionel Rigolet vom «Comme chez soi» in Bruxelles folgenden Gang zum Nachkochen vor: Filet de sandre grillé, aumônière de soupe du chalet au Gruyère AOP Réserve 12 mois, croquant de Gruyère AOP Classique 10 mois. Da bekommt man ja gleich Hunger.

Den hatten wir am Badeplatz zwischen dem Hafen Vully-les-Lacs und Guévaux am Murtensee, der übrigens für seine Zanderfänge bekannt ist. Dort assen wir am Neujahrsmittag 2026 ein Fondue mit der Hausmischung der Dorfkäserei von Lugnorre. Köstlich!

Stéphane Méjanès: Les Fromages de Suisse. Une épopée gourmande. Éditions Glénat, Grenoble 2025. € 50,00.