Wunderbare Bergtäler

Drei ganz unterschiedliche Bücher zu Tälern in den Schweizer Alpen.

«Schieferblau wird der Nachmittag. Die Almböden still wie Feiertage, am Himmel stehen bauschige Wolken und schläfrig surrende Fliegen kreisen über Kuhfladen. Kein Lüftchen, kein Gräserzittern, nur Sommerstille – bis eine Lawine ins Tal poltert…»

Wunderbarer Einstiegstext in die 13. Szenenfolge, überschrieben mit Dürrenberg, einer Alp hinten im Kiental, am Weg zur Sefinenfurgge. Entnommen dem Buch «Wundersames Kiental. Ein Porträt der 1950er-Jahre». Darin verbindet die Musikerin, Schauspielerin und Autorin Christina Zurbrügg, aufgewachsen in diesem von der Blüemlisalp gekrönten Tal, 100 historische Filmstills von Albert Landtwing mit poetischen Texten zu einem grossartigen literarischen Fotoband. Der Berner Amateurfilmer Landtwing hielt in den 1950er-Jahren das Leben in dem berühmten Bergbauerndorf fest, wo einst Lenin tagte und Dürrenmatt soff. 19 Szenenfolgen zu unterschiedlichen Themen, wobei Chilbi und die Folgen gleich drei einnehmen. Und natürlich kommt auch die steile Postautostrasse hinauf auf die Griesalp zu Wort und Bild:

«Früher war hier das Klipp-Klapp der Maulesel auf dem farnwaldigen Saumpfad, fliegenschweissdampfendes Fell trottete die tauwasserschwammigen Kurven hinauf, auf dem Rücken Proviant und Menschen, Kolonialwaren und Kolonialisten.»

Wir wechseln Tal, Buch und Sprache. Vier italienischsprachige Bündner Südtäler gibt es. Eines von ihnen ist eine Sackgasse, ausser für Wanderer und Bergsteigerinnen. Das Val Calanca – sagenhaft schön und wild. Und voller alter Geschichten, welche die Talbewohnerin Verena Schwarzer in «Val Calanca. Im Tal der Sagen und Legenden» zu neuem Leben erweckt, zusammen mit stimmungsvollen Fotos von Urs Bolz. Ein Buch zum Lesen: zuhause, viel besser aber vor Ort. Denn es ist immer wieder eine Erkundung wert, dieses Tal abseits bekannter Wege. 63 Geschichten, verteilt auf 14 Orte, erzählen vom Grossvaterbaum in Castaneda, vom Mörderbrunnen in Buseno und von der schwarzen Nonne in Cauco, vom Geist eines verlorenen Wanderers, vom Sennentuntschi von Masciadon und von der Nymphe des Ria di Calanca. Dazu gibt das gediegen gemachte Buch kurze Einblicke zu den Schmugglern und Banditen des Tales, zu den Hexen und heiligen Helfern, zu den Schalensteinen.

Wir bleiben in Graubünden, wandern aber über die Pässe Passit, San Bernardino und Valserbärg ins Bündner Oberland, genauer: in die Region zwischen Rheinwaldhorn und Piz Mundaun. Das von Tobias Heinisch und Rita Schmid herausgegebene Buch «Convivenza. Unterwegs in Vals, Lumnezia und Obersaxen Mundaun» stellt diese drei Berggemeinden auf der rechten Seite des Vorderrheins vor; sie haben gemeinsame Grenzen, aber unterschiedliche sprachliche, kulturelle und konfessionelle Wurzeln. Mehrere Autorinnen und Autoren befassen sich mit Sprache, Kunst, Musik, Architektur, Tourismus und Landwirtschaft. Dazu wird in jeder Gemeinde eine aufschlussreiche Wanderung präsentiert. Ganz besonders ist die Fotostrecke «Vischinonzas – Nachbarschaften. Leben mit dem Wolf». Jaromir Kreiliger hat ihn in ganz alltägliche Fotos hineinkopiert, mal in einer Kurve der Alpstrasse, mal mitten im Dorf, dann bei der Talstation eines Sesselliftes oder hinter einem Heuballen, und über die Staumauer des Zervreilasees spazieren gleich drei Wölfe. Was im Buch fehlen, sind eine Übersichtskarte von heute und Winterfotos. Immerhin gibt es in den drei Gemeinden zwei ganz feine Pistenskigebiete. Und für Skitouren sind die Täler dort einfach wunderbar.

Christina Zurbrügg: Wundersames Kiental. Ein Porträt der 1950er-Jahre. Wondrous Kiental. A portrait of the 1950s. Mit Bildern von/With photos by Albert Landtwing. AS Verlag, Zürich 2026. Fr. 29.-

Verena Schwarzer: Val Calanca. Im Tal der Sagen und Legenden. Mit Fotos von Urs Bolz. AS Verlag, Zürich 2026. Fr. 29.80.

Tobias Heinisch, Rita Schmid (Hg.): Convivenza. Unterwegs in Vals, Lumnezia und Obersaxen Mundaun. Mit Fotos von Lucia Degonda. Hier und Jetzt Verlag, Zürich 2026. Fr. 39.-

Hüttenwelten

Vier neue, ganz unterschiedliche Bücher zu touristischen Hütten in den Alpen.

«Ci sono pochi luoghi nelle Alpi dove poter pernottare e godersi un ambiente e un panorama come questo.»

Sagt der Tessiner Hüttenobmann Massimo Gabuzzi in der aktuellen, achten Auflage seines Führers «Capanne e rifugi del Ticino e della Mesolcina» über das 2023 eingeweihte Bivacco Piano della Parete (2726 m), wichtiger Stützpunkt des Gipfeltrekkings Via Alta Crio, das in zehn Tagen Lumino mit Lucomagno verbindet. Der moderne Bau auf einer Ebene hoch oben und hinten in der Val Malvaglia ist die zweithöchste Hütte in den Tessiner Alpen und ziert das Cover von Gabuzzis Bestseller. Nicht die einzige neue alpine Unterkunft darin. Neu sind ebenfalls die Capanna Gambarogno (die Hüttenterrasse bietet eine wunderbare Aussicht auf den Lago Maggiore), die neue Capanna Gesero schier unendlich weit oberhalb von Bellinzona oder die Hütte auf der Alp de Rossiglion im Val Calanca. Sie trägt die Nummer 83 und ist die letzte Capanna im ersten Teil des Führers. Im zweiten listet Gabuzzi weitere 135 Rifugi auf, oft mit vier bis zehn Plätzen wie die elf Gebäude in den Tälern von Lostallo im Misox, bei denen allerdings immer der Hinweis «Nel periodo di caccia alta, riservato ai cacciatori» steht.

Um wilde Tiere, freilich nicht um die Jagd, drehen sich auch zwei Kapitel in einem aussergewöhnlichen Hüttenbuch. Seit 1912 dient die Lidernenhütte der SAC-Sektion Mythen hinten im Riemenstaldner Tal als Ziel und als Ausgangspunkt für kleine und grosse Touren in der Chaiserstock-Kette. Was alles möglich, wer dabei war und ist, wer in der Hütte kocht(e) und wer die Gipfel rund um die Hütte mit (Kletter-)Wegen erschloss, sagt uns Xaver Büeler im gross(formatig)en Werk «Lidernen. Bergheimat und Sehnsuchtsort» auf 320 Seiten mit 257 Fotos. Noch selten ist eine SAC-Hütte so vielfältig vorgestellt worden. Während Baden, Stand-up-Paddeln oder gar Foilen im Alpler oder Spilauer See möglich ist, genügend Wasser vorausgesetzt, liegt die Lidernenhütte (1729 m) für Gletschertouren ein wenig zu tief. Das gilt jedoch wegen des kräftig vorangehenden Gletscherrückgangs ebenfalls für höher gelegene Hütten.

Genau davon lesen wir im zwingend aktuellen Buch «Die letzte Hütte der Alpen». Matthias Ballweg und Bertram Kloss nehmen uns mit auf eine «Reise in die Zukunft unserer Berge» und geben «Antworten auf den Klimawandel zwischen Gletscherschwund und neuer Wildnis». Es ist dies eine so eindringliche wie unangenehme Bestandsaufnahme eines immer mehr von Rissen und Rutschen bedrohten Lebens- und Sportraums. Am Schluss des Buches bewertet eine Tabelle 300 alpine Schutzhütten der Ostalpen und ihre Exposition zu Klimafolgen anhand der fünf Themen Permafrost, Wassermangel, Gletscherschwund, Schneemangel und Biodiversität, jeweils mit den Bewertungen rot (grosse Exponiertheit), orange (hohe Exponiertheit), gelb (Übergang und Unsicherheit) und grün (Stabilität). Für die Sesvennahütte (2258 m) am Rande des Unterengadins gab es fünfmal grün, für die Mannheimer Hütte (2679 m) im Rätikon nur die drei andern Farben.

Ob die beiden genannten Hütten unweit der Schweizer Grenze oder gar die Lidernenhütte zu den «800 plus hauts refuges des Alpes» gehören, kann an dieser Stelle nicht gesagt werden. Denn dieses Hüttenbuch liegt leider nicht ganz vor mir, sondern nur ein paar ausgewählte Seiten der Verlagsvorschau. Was sicher ist: Es sind die Hütten aufgelistet, nicht die Biwaks. Denn bei der höchsten Hütte der Schweiz findet sich die Mönchsjochütte (3656 m), aber weder das Schalijochbiwak SAC (3787 m) noch das Mischabeljochbiwak SAC (3853 m) und schon gar nicht das Solvaybiwak (4003 m) am Hörnligrat des Matterhorns, das ja nur in Notfällen benutzt werden darf. Anthony Felber listet auch die kleinsten Hütten der Alpen auf. Zuoberst steht bei ihm die Capanna Punta Penia (3340 m) mit neun Plätzen; sie liegt auch sonst zuoberst, nämlich auf der Marmolada, dem höchsten Gipfel der Dolomiten. Einen Schlafplatz weniger bietet das Rifugio Camosci (2908 m) vier Meter unterhalb der Cristallina. Weiter oben lässt sich in einem Gebäude des Tessins nirgends nächtigen. Buona notte!

Massimo Gabuzzi: Capanne e rifugi del Ticino e della Mesolcina. Salvioni Edizioni, Bellinzona 2026. Fr. 36.-

Xaver Büeler: Lidernen. Bergheimat und Sehnsuchtsort. Weber Verlag, Thun/Gwatt 2026. Fr. 59.-

Matthias Ballweg, Bertram Kloss: Die letzte Hütte der Alpen. Eine Reise in die Zukunft unserer Berge – Antworten auf den Klimawandel zwischen Gletscherschwund und neuer Wildnis. Bergverlag Rother, Oberhaching 2026. € 28,00.

Anthony Felber: Les 800 plus hauts refuges des Alpes. France, Suisse, Italie, Autriche, Allemagne, Slovénie. Hachette Tourisme, Vanves 2026. € 25,00.

Schmuggellandschaften

Wer wissen möchte, wie früher zwischen Italien und der Schweiz geschmuggelt wurde – und warum so viele Männer, aber auch Frauen – dieser Tätigkeit auf beiden Seiten nachgingen, ja nachgehen mussten, wollten sie nicht verhungern, sollte sich unbedingt in das Heimat- und Wanderbuch «Schmuggellandschaften» vertiefen.

«Dann fassten die zehn Mann die vorbereiteten Ballen. Tredeschin, Riccardo und ein Alter hängten Rucksäcke an den Rücken, worin die Wegzehrung der Schar enthalten war. ‹Ich gehe voran. Ihr zählt bis auf Dreihundert, dann folgt ihr. Ruft zweimal hintereinander ein Käuzchen, heißt dies, der Weg sei frei!›, erklärte Tredeschin. ‹Hört ihr dagegen einen Fuchs bellen wie der, den man jede Nacht in Madesimo vernehmen kann, dann bleibt stehen und wartet auf Anweisungen. Ertönt jedoch der Schrei des röhrenden Rehbocks, dann ist Gefahr im Anzug, und jeder hat sich auf eigene Faust zu retten, so gut er kann. Das Ziel unseres Reisleins kennen alle.›»

Ausschnitt aus dem Jugendroman «Joachim als Grenzwächter», den der Volksschullehrer, Psychotherapeut und Schriftsteller Hans Zulliger 1948 veröffentlichte. Der Geograf, Landschaftsplaner und Buchautor Dominik Siegrist lässt diesen Roman aufleben in der Wanderung vom italienischen Madesimo südlich des Splügenpasses über den Grenzpass Niemet ins bündnerische Innerferrera. Sie ist eingebunden in das überzeugende, tiefgründige, grossartig mit alten und aktuellen Fotos und Abbildungen illustrierte Werk «Schmuggellandschaften. Wege und Geschichten an der Schweizer Südgrenze».

Was die beiden Herausgeber Dominik Siegrist und Franz Ebner mit ihren neun Komplizen und zwei Komplizinnen schildern und zeigen, ist lesenswert und nachvollziehbar zugleich. Ein Lesewanderbuch so gewichtig wie die Ballen, die vor allem nachts über wilde Pfade getragen wurden, verpackt mit allen nötigen (wander-)touristischen Angaben zu den 42 Wanderungen entlang der längsten Grenze der Schweiz mit einem der fünf Nachbarländer, also vom Unterengadin bis ins Unterwallis. Zum Mitnehmen ist das Buch etwas zu schwer, aber man sollte das spannende (Weg-)Stück italo-helvetischer Geschichte ohnehin zuerst zu Hause lesen. Sie erstreckt sich von 1861 bis 1975, ja bis heute, denn dank diesem Werk können wir sie vor Ort und mit leichtem Gepäck erleben; die aufs Handy kopierten Routenbeschreibungen wiegen nicht viel… Und: Wir müssen ja nicht über die Pässe wandern, wir dürfen. Anders die Einheimischen einst: Sie mussten mit dem Schmuggel ihren Lebensunterhalt verdienen, auf beiden Seiten der Grenze, Männer und Frauen.

In seiner Einleitung zu den Schmuggellandschaften Bergell, Avers, Valchiavenna und Val Malenco zitiert Dominik Siegrist eine Frau, die der Forscherin Silvia Pedrini – sie kam in ihren Untersuchungen in Villa di Chiavenna zum Schluss, dass vom 19. Jahrhundert bis in die 1950er Jahre praktisch die gesamte Bevölkerung mit dem Schmuggel zu tun hatte – erzählte: «Stell dir vor, ich habe den Sack auch getragen. Ich war im siebten Monat schwanger. Ich hatte keine richtigen Schuhe, Holzschuhe. Ich versteckte die Waren in der Gerla [Tragkorb] und deckte sie mit Laub zu. Ich hatte Angst. Aber meine Mann sagte, eine schwangere Frau würde niemals verfolgt.»

Dominik Siegrist, Franz Ebner (Hg.): Schmuggellandschaften. Wege und Geschichten an der Schweizer Südgrenze. Rotpunktverlag, Zürich 2026. Fr. 45.-

Draussen und drinnen

Aus Schweizer Verlagen stammen die drei Bücher aus den Bergen, in denen ein Dach über dem Kopf (über)lebenswichtig ist. Es kann aber auch zu dick sein.

«Benvenuto a casa, Maria», grüsst Basilio seine Nichte.
«Buon giorno, Zio.»
«Es freut mich sehr, dass du gekommen bist», fügt der Alte an. Er legt seine Hände auf ihre Schultern und betrachtet sie stolz. «Ich wusste nicht, dass meine Nichte so bezaubernd ist!»
Maria lacht und schüttelt den Kopf. Dann liegen sie sich in den Armen.
«Komm, lass uns nach Hause gehen, ich habe Feuer gemacht.»

Ausschnitt aus «Der letzte Wildheuer. Als das Heu noch den Tessiner Himmel berührte» von Christian E. Besimo. Der Ethnograph aus Leidenschaft forscht im Val Verzasca über die Realitäten damals und heute und hat dazu schon zwei Bücher geschrieben, «Die Kraft der Düra» und «Das schweigende Tal. Eine Spurensuche», in denen der Älpler Matteo im Zentrum steht, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die verbliebenen Spuren der grossartigen alpinen Kulturlandschaft in diesem Tessiner Tal zu dokumentieren und so vor der Vergessenheit zu bewahren. In seinem jüngsten Buch, das Besimo wieder mit eigenen Fotos und Zeichnungen bereichert, heisst die Hauptfigur Basilio. Und wieder lernen wir mit ihm eine Welt kennen, die irgend einmal vergangen sein wird, verschwunden im Bergwald, der die kargen Weiden und wilden Wege überwuchert. Aber wer weiss, hoffentlich werden seine Nichte oder andere Marias die Hütten hoch oben vor dem Einstürzen bewahren.

Zita klopft dreimal an die Tür und schlägt mit den Füssen gegen den vergitterten Abtreter, um diesmal auf anständigere Weise ins Innere zu gelangen.
«Hallo, Entschuldigung, kann ich reinkommen?»
«Natürlich, nur herein.»
«Machen Sie bitte schnell die Tür zu.»
«Ja, pardon, danke. Uff, tut das gut, ein Dach über dem Kopf zu haben.»

Ausschnitt aus «Die Pfeife», der ersten und längsten von sieben Erzählungen im Buch «Tombola» von Jérémie Gindre. Der Genfer Schriftsteller und Künstler lässt seine Figuren an verschiedenen Orten auftreten: Auf dem Plateau de Bure im Massif du Dévoluy, wo sich Zita kurzfristig vor dem Unwetter retten kann, bevor man für eine Rettung wieder nach draussen muss; im Lake District, bei der Mündung des Sankt-Lorenz-Stromes und bei den Niagarafällen; aber auch in der Schweiz, im Solothurner Jura oder Wallis. Titel der Geschichte dort, wahrscheinlich im Val d‘Arpette: «Anleitung zum Verlassen der Hütte». Ob diese hilft, das Leben (wieder) im Griff zu haben? Oder doch wenigstens den Weg draussen zu finden?

«Wo sind wir?»
«Immer noch auf dem Pass, glaub ich.»
«Sollen wir warten, bis jemand kommt?»
«Ich weiss nicht.»
«Wenn’s euch recht ist, gehe ich voraus.»
«Bist zu sicher, dass wir auf dem richtigen Weg sind?»

Ausschnitt aus dem 33. und letzten Kapitel von «Réduit» von Alexander Raschle. Der St. Galler Werber und Schriftsteller lässt während des Kalten Krieges drei junge Männer ihren Wiederholungsdienst in einer geheimen Bunkeranlage auf dem Gotthard absolvieren. Was als Übung beginnt, wird in der Isolation zur Zerreissprobe – der eigentliche Feind lauert nicht draussen, sondern drinnen. Mehr zu den Bunker- und Réduitfantasien in der Schweizer Literatur hier: https://bergliteratur.ch/bergende-berge/. So düster es in einer Hütte mit dicken Steinmauern oder auch im Berginnern sein mag, etwas ist sicher und wäre in der letzten Juliwoche des Sommers 2026 wohl begrüssenswert: die Temperatur.

Christian E. Besimo: Der letzte Wildheuer. Als das Heu noch den Tessiner Himmel berührte. AS Verlag, Zürich 2026. Fr. 29.80. Vernissage am 20. August 2026 in der Kantonsbibliothek Schwyz, 19.00 bis 20.30 Uhr; https://vhsz.ch/thema/buchvernissage-von-christian-e-besimo-der-letzte-wildheuer/; Anmeldung erwünscht.

Jérémie Gindre: Tombola. Verlag die Brotsuppe, Biel/Bienne 2026. Fr. 28.-

Alexander Raschle: Réduit. Orte Verlag, Herisau 2026. Fr. 29.90.

Alpinismusgeschichte(n)

Eine von der Section Genevoise du Club Alpin Suisse zusammengestellte Ausstellung in Versoix widmet sich «161 ans d’alpinisme international à Genève». Enrico Camanni stellt die 30 wichtigen Gipfel der italienischen Alpen und ihre Geschichten vor. Und in «Könige im Wilden Kaiser» wird die Edelweißgilde Kitzbühel porträtiert.

«De 1893 à 1938, la Section genevoise organisa chaque année plusieurs séances de projections de photographies, puis de films sur la montagne, commentés et accompagnées par sa chorale. Ces soirées le plus souvent organisées à la Grande Salle de la Réformation attiraient couramment plusieurs milliers de spectateurs.»

Als ich diese Zeilen über die erfolgreichen, von der Chorgruppe untermalten Foto- und Filmabende der Genfer Sektion des Schweizer Alpen-Clubs las, war ich der einzige Zuschauer. Gut, es war ein Nachmittag unter der Woche und kein Samstag Abend, zudem brannte die Sonne tüchtig auf den Genfersee, so dass es sehr verständlich war, sich eher in Gewässern dieser berühmten Stadt der Bergsteiger aufzuhalten als im Gebäude, wo eine Ausstellung jene feiert. Doch es lohnt sich unbedingt, trotz möglichen meteorologischen Hindernissen bis zum zweiten August 2026 die in Versoix bei Genf gezeigten «161 ans d’alpinisme international à Genève» zu besuchen.

Im Lauf von 161 Jahren haben Genf, die 1865 gegründete Section genevoise du Club Alpin Suisse und die 1918 gegründete Section genevoise du Club Suisse de Femmes Alpinistes eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der Wissenschaften, Künste, Techniken und Praktiken im Zusammenhang mit dem Alpinismus gespielt. Anhand der Archive der Genfer SAC-Sektion und mit Unterstützung des ALPS-Museums in Bern, des Stadtarchivs und der Vereinigung für das industrielle Erbe von Genf beleuchtet diese Ausstellung verschiedene Facetten des Einflusses, den Genfer Wissenschaftler und Künstler, Alpinisten und Alpinistinnen ausgeübt haben. Fotos, Gemälde, Zeichnungen, Journals, Plakate, Pickel, Modelle und Plastiken: eine anregende, gut dokumentierte Mischung, mit Berühmten wie Albert Gos (le peintre du Cervin wurde 1939 Ehrenmitglied der Section genevoise), Felix Valentin Genecand, genannt Tricouni (wie seine von ihm erfundenen Eisenbeschläge für die Sohlen der Bergschuhe), André Roch (der mithalf, den Skiort Aspen zu entwickeln), Yvette Vaucher (das Ausstellungsplakat zeigt sie in der Matterhorn-Nordwand, die sie 1965 als erste Frau durchstieg). Was fehlt, sind Hinweise darauf, dass es in Genf nicht nur die sections genevoises des CAS und des CSFA gab, sondern noch zahlreiche andere alpinistische Vereine. Mehr dazu im Buch «Citadins au sommet. L’alpinisme genevois (1865-1970): un siècle d’histoire culturelle et sportive» von Élodie Le Comte; https://bergliteratur.ch/citadins-au-sommet/

Wie immer nutzen wir den Besuch einer Ausstellung mit der Lektüre von passenden Bergbüchern. In diesem Fall von Alpinismusgeschichte(n). Der bekannte italienische Journalist, Schriftsteller und Historiker Enrico Camanni stellt in «Le Alpi in 30 montagne» die massgeblichen Berge der italienischen Alpen und ihre alpinistische und gesellschaftliche Bedeutung vor. 30 Gipfel, die sich nicht umgehen lassen, von der Argentera über den Adamello bis zum Montasio. Allerdings sind’s ein paar mehr; so erheben sich im Kapitel 26 Pelmo und Civetta. Vier dieser dominanten Berge teilt Italien mit der Schweiz: Monte Rosa, Badile, Bernina und – ist ja wohl klar! Den Monte Bianco seinerseits, Top of Italy, untertitelt Camanni mit «al centro del regno». Wir sehen ihn auf der Fahrt nach Versoix. Also mal auch von den Buchseiten abschweifen.

Wessen Italienisch nicht ganz mithalten kann mit dem König der Alpen, ja nicht mal mit dem Salève, dem auf französischem Territorium liegenden Genfer Hausberg, kann sich in eine hierzulande eher unbekannte Geschichte vertiefen. Die Seilschaft Peter Brandstätter und Nicholas Mailänder würdigt mit «Könige im Wilden Kaiser» die «Edelweißgilde Kitzbühel zwischen Ständestaat, Hakenkreuz und Gipfelkreuz». Eine politisch manchmal heikle Gratkletterei rund um eine Tourismusdestination, die bei uns nur im Winter bekannt ist. Das Cover zeigt, fast wie das Podest bei einem Wettkampf, drei Personen; hier in der Mitte eine Frau, auf ihren Schultern je eine Hand ihrer beiden Seilgefährten. Leider erfahren wir weder Personalien noch Location. Das soll uns aber nicht vom Lesen abhalten, mais non!

161 ans d’alpinisme international à Genève. 21. Mai bis 2. August 2026. Galerie du Boléro, Versoix (ein paar Schritte östlich des Bahnhofs). Entrée libre, Di bis So, 15-18 Uhr.

Enrico Camanni: Le Alpi in 30 montagne. Editori Laterza, Bari 2025, € 20,00.

Peter Brandstätter, Nicholas Mailänder: Könige im Wilden Kaiser. Die Edelweißgilde Kitzbühel zwischen Ständestaat, Hakenkreuz und Gipfelkreuz. Tyrolia Verlag, Innsbruck 2026, € 25,00.

A wie arrampicare

Der Mailänder Bergsportverlag Versante Sud veröffentlicht Kletterführer für ganz Italien, oft auch in deutscher Übersetzung. Jüngst für die Gebiete Adamello, Aostatal und Arco. Andiamo!

«Geringe Schwierigkeiten, bester kompakter, weißer Kalk, ein absolut grandioser Blick über den nördlichen Teil des Gardasees und Nago: Der Sektor A von Belvedere bietet all das und ist deshalb eines der beliebtesten Klettergebiete des ganzen Führers.»

Wenn ein Gelände oder Gebäude Belvedere heisst, sollte der Namen mit dem schönen Ausblick zusammenfallen. Beim Klettergebiet oberhalb des Dorfes Nago fast am Ufer des Lago di Garda stimmt die Übereinstimmung, das dazu gesetzte Foto ebenfalls, wenigstens was die Aussicht betrifft; die Kletterschwierigkeit allerdings scheint ein Grad mehr als «gering» zu sein. Doch es gibt im Sektor A von Belvedere, wie die Zusammenstellung zeigt, wirklich mehrere Routen zwischen 3a und 5c; ideal also für Klettereinsteiger. Könner kommen im Sektor B zu ihren Zügen. Und überhaupt: Wer mit der sechsten, im Mai 2026 gelieferten Auflage des Führers «Klettern in Arco» an die Felsen will, kann sich gleich eine Wohnung am Gardasee mieten: Mario Manica, Antonella Cicogna und Fabio Leoni stellen in 139 Gebieten 6000 Routen vor. Mit 808 Seiten ist der Führer für Arco, Lago di Garda Nord, Sarcatal, Val di Ledro, Judikarische Täler und Rovereto denn auch der dickste aller Führer von Versante Sud Edizioni.

Der Mailänder Bergsportverlag Versante Sud veröffentlicht Kletterführer für ganz Italien, oft auch in deutscher Übersetzung. Ebenfalls im Mai 2026 kam die erste Ausgabe von «Adamello Himmelsleitern» heraus, und zwar Band 2 mit der Ostseite. Paolo Amadio und Nicola Binelli stellen klassische und moderne Routen im Valle del Caffaro, Valle Aperta, Valle di Daone und Valle di Breguzzo vor. Schon mal von diesen Tälern in den italienischen Alpen gehört? Ich jedenfalls nicht. Vom Adamello hingegen schon. Dieser noch fast ringsum vergletscherte Gipfel (3539 m) erhebt sich in Alpi Retiche meridionali, nur 26 km Luftlinie östlich von Tirano im Veltlin und so von der Grenze zur Schweiz. Nur zum Vergleich: Die kürzeste Distanz zwischen der Schweiz und dem Mont Blanc beträgt 18 km. Wer also unbekannte felsige Wege zum Himmel sucht, wird hier sicher fündig. Wie wär’s mit Scoglio di Boazzo beim Lago di Malga Boazzo? Einige der meistens höchst schwierigen Routen dort «gelten längst als Inbegriff für das Klettern auf dem silbernen Tonalit des Adamello».

Wir bleiben in der Nähe der Svizzera – und beim Buchstaben A. Von Arco und Adamello ins «Aostatal», und zwar ins untere Valle d’Aosta, dessen nördliche Seitentäler mit den obersten Dörfern Breuil-Cervinia, Saint-Jacques-des-Allemands und Staffal bis ans Wallis hinauf reichen. Andrea Mettadelli, Paolo Tombini und Nicola Vota widmen sich dem Sportklettern. Also keine steinschlaggefährlichen Anstiege wie in der Südwand des Cervino, keine stundelangen Zustiege über Geröll und Eis wie zum Castor oder Lyskamm, sondern kurze, sichere, bestens gesicherte oder abzusichernde, sonnige oder schattige Routen in Talnähe. Worauf warten wir noch?

Mario Manica, Antonella Cicogna, Fabio Leoni: Klettern in Arco. Arco, Lago di Garda Nord, Sarcatal, Val di Ledro, Judikarische Täler, Rovereto. Versante Sud Edizioni, Milano 2026, € 39,00.

Paolo Amadio, Nicola Binelli: Adamello Himmelsleitern. Band 2: Ostseite. Valle del Caffaro, Valle Aperta, Valle di Daone, Valle di Breguzzo. Versante Sud Edizioni, Milano 2026. € 43,00.

Andrea Mettadelli, Paolo Tombini, Nicola Vota: Aostatal Sportklettern. Band 1: Valchiusella, Canavese, Unteres Aostatal, Valle di Gressoney, Valle di Champrocher, Valtournenche. Versante Sud Edizioni, Milano 2025. € 41,00.

Gipfeltouren mit Frauen

Vier Bergromane von Schriftstellerinnen. Schwierige Anstiege zum Gipfel. Erst recht die Wege zurück ins Tal.

«Ich werde sie euch zeigen», schloss der Bergführer rätselhaft und faltete sein Poster zusammen. «Morgen machen wir einen Gipfel, wenn die Beine mitmachen.»
Ich schaue ihn mit leerem Blick an.
«Machen sie nicht.»
«Es ist ein hübscher Gipfel, Laurence. Wir steigen über die Schlaufe einer Gesteinsfalte hinauf.»

Sieben Zeilen aus dem Roman «Geschichte einer Erhebung» der Genfer Autorin Laurence Boissier (1965–2022). Die 2020 erschienene Originalausgabe heisst gleich: «Histoire d’un soulèvement». Genaugenommen sind es zwei Erhebungen. Diejenige der Alpen, wie sie der Bergführer des Langen und Hohen erzählt, und diejenige der Autorin selbst, die an einer neuntägigen geführten Wanderung teilnimmt und sich anfänglich stärker, dann immer schwächer gegen die Teilnehmer der Wandergruppe, den Bergführer und die Zumutungen bei den Übernachtungen in mehr oder minder komfortablen Unterkünften stellt. Lektüre für alle, die schon mal eine geführte Wanderung erlebten bzw. nie eine solche machen werden.

«He, Ame, komm mal her.»
Lustlos rafft der Junge sich auf. Sie stehen sich gegenüber, da nimmt der Vater seine gelbe Schirmmütze ab und streckt ihm die rechte Hand hin. Die Geste ist so ungewöhnlich und verblüffend, dass Amedeo reflexartig einschlägt.
«Punta Liberté, 3453 Meter über Normalnull. Herzlichen Glückwünsch, Signor Ghisleri.» (…) Der Ingenieur schüttelt dem Jungen jetzt fest und mit einem Ernst die Hand, dass Amedeo errötet.
«So haben das die Bergführer früher bei meinem Vater gemacht. Und er bei mir.»
Der Junge spürt etwas in seinem Hals, ein Schluchzer, befürchtet er.

Dreizehn Zeilen aus dem Roman «Wir gehen mal los» der Piemonteser Autorin Raffaella Romagnolo (Jg. 1971). Die 2019 erschienene Originalausgabe lautet: «Respira con me». Und das macht der sechzehnjährige Amedeo nicht nur auf der (fiktiven) Punta Liberté in den Bergen des Piemonts, sondern auch unterwegs, beim schwindelerregenden Zugang zur geschlossenen Fontanafredda-Hütte, weshalb Vater und Sohn im muffigen Winterraum nächtigen müssen. Und Atem holen muss der Teenager erst recht, als der strenge Herr Vater beim Abstieg von einem wegen des auftauenden Permafrosts ausgelösten Erdrutsches mitgerissen und schwer verletzt wird. Der Rückweg wird für Ame zu einem Weg in eine neue Freiheit. Lektüre für alle, die schon mal auf eine Tour mitgehen mussten bzw. jemanden dazu überredeten.

Sie gelangte nun auf den Grat, der in Richtung des Gipfels führte. Er war breit, aber gegen das Rheintal hin fiel der Fels gut hundert Meter senkrecht ab. Sie sah es nicht, denn der Nebel kam weiß herauf. Aber sie wußte es. Auch hier wäre eine gute Stelle – sie blieb kurz stehen –, aber es würden weitere gute Stellen kommen. Sie wollte zum Gipfel.
Und dann gäbe es ja noch den Rückweg. Vielleicht den steilen hinunter nach Vättis.

Neun Zeilen aus dem Roman «Calanda oder Alvas Antwort» der deutschen, in Sent im Unterengadin lebenden Autorin Angelika Overath (Jg. 1957). Einer niederschmetternden Diagnose setzt Alva einen letzten Aufstieg auf den Calanda entgegen. Schritt für Schritt steigt sie hoch, Gedanke für Gedanke lässt sie ihr abwechslungsreiches Leben vorbeiziehen, Seite für Seite begleiten wir – zusehends besorgt – die Frau auf ihrem schweren Gang. Ob Alva es auf den Churer Hausberg schafft? Und vor allem: auch wieder hinunter? Das sei hier nicht verraten. Lektüre für alle, die schon mal diesen berühmten Bündner bzw. St. Galler Gipfel besteigen wollten, mit oder ohne ärztliche Befunde.

«Wenn ich zurückkomme von der Roten Nadel, bringe ich Ihnen einen Stein mit, einen kleinen roten Stein, den ich vom Gipfel breche.»
«Danke. Ich werde ihn immer aufheben. Aber Sie kommen ja nicht zurück; Sie steigen gleich hinüber ins andere Tal –»
«Ja. Das ist wahr. Das hatte ich vergessen…»

Sieben Zeilen aus der Novelle «Das Joch» der österreichischen Autorin Vicki Baum (1888–1960). Sie wurde und ist bekannt durch ihren Roman «Menschen im Hotel» (1929). Vergessen war leider ihre grossartige alpin-touristische Novelle mit dem doppeldeutigen Titel, 1922 veröffentlicht im Band «Die andern Tage», 1931 wieder aufgelegt als achter und letzter Band von «Romane des Herzens». Nun ist «Das Joch» mit der sommerlich-sinnlichen Geschichte zwischen dem tatendurstigen Florentin und der unglücklich verheirateten Maja in einem Berggasthof in den Dolomiten wieder in einer feinen Ausgabe greifbar. Ob Florentin nach der Erstbesteigung der Roten Nadel den Abstieg schafft. Und Maja den Rückweg in die Unfreiheit? Lektüre für alle Gipfelstürmerinnen und Sommerfrischler. Immer eingedenk der Frage, die sich Laurence in der zweiten Hüttennacht stellt: Auf welche Gipfel muss man noch steigen, um sich selbst zu beweisen?

Laurence Boissier: Geschichte einer Erhebung. Verlag die Brotsuppe, Biel/Bienne 2025. Fr. 28.-
Raffaella Romagnolo: Wir gehen mal los. Diogenes Verlag, Zürich 2026. Fr. 32.-
Angelika Overath: Calanda oder Alvas Antwort. Luchterhand Literaturverlag, München 2026. € 24,00.
Vicki Baum: Das Joch. Atlantis Verlag, Zürich 2026. Fr. 28.50

SAC-Geschirr aus Langenthal

Wer schon mal in einer SAC-Hütte übernachtete, hat wahrscheinlich aus dem berühmten Porzellangeschirr von Langenthal gegessen. Nun ist zur Geschichte dieser von einem SAC-Mitglied gegründeten Fabrik ein rundum gewichtiges Werk erschienen. Oft so würzig und genussvoll wie eine Gazpacho. Manchmal muss man beim Lesen allerdings etwas fest schneiden, wie bei einem grossen Stück Fleisch mit hartem Rand. Aber im Kopf – welche Wirkung!

«Mit Ehrfurcht sind wir über die Schwelle der Hütte getreten, haben den Schnee vor der Türe weggescharrt und die verschlossenen Läden geöffnet. Alles war uns wohl vertraut, der heimelige Essraum, die kleine, schmucke Küche mit dem blitzblanken Geschirr, die Schlafstätte mit den warmen Holzschuhen und die braunen Esskörbe. Schon einmal, wenn auch in anderer Umgebung, sind wir in diesen Räumen herumgestiefelt. Es war drunten im Tal, in einer grossen Stadt – in der denkwürdigen Landesausstellung in Zürich. So ist diese Musterhütte des S.A.C. nun zur Leutschachhütte geworden. Mochte der Wettergott toben und grollen, wie er wollte, mochten die Lawinen über die Steilhänge brausen, wir fühlten uns geborgen. Im Herd knisterte das Feuer, die Erbsensuppe kochte. Alles schmeckte uns hier oben besser, mundete herrlicher als irgendwo unten im Tal. Selbst das Abwaschen des Geschirrs, welche Arbeit wir sonst lieber unseren Frauen überlassen, nahmen wir willig in Kauf. Warum auch nicht?»

Was für eine Frage! Nun, sie ist von gestern (hoffentlich). Hans Müller stellte sie 1943 im Beitrag «Leutschachhütte» in der SAC-Zeitschrift »Die Alpen». Die Hütte war 1939 als «Clubhütte SAC» an der Landesausstellung in Zürich zu sehen und wurde ein Jahr später an ihren heutigen Standort ins Hochtal westlich von Amsteg transportiert. Beim Geschirr, das die armen Clubisten damals selbst abwaschen mussten, dürfte es sich um solches aus Langenthal gehandelt haben. Arnold Spychiger (1869–1938), Unternehmer, Politiker und SAC-Mitglied, hatte die Porzellanfabrik 1906 in Langenthal gegründet. 2001 lag die «Porzi» am Boden, wie die Swissair; ihre Flugzeuge hatten mit Geschirr abgehoben, auf deren Unterseiten der Stempel «Suisse Langenthal» gut zu sehen war.

Nun hat Oliver Meier die umfassende Geschichte des Unternehmens geschrieben, ein fulminantes Werk, das weit über den Suppentellerrand hinausschaut. Der Historiker und Journalist verknüpft in «Glanz und Elend der Porzellanindustrie. Eine Langenthaler Weltgeschichte» die wirtschafts-, sozial- und kulturhistorischen Perspektiven der Porzellanindustrie und die Bedeutung von Porzellan in der Schweiz vom späten 19. bis ins frühe 21. Jahrhundert. Auf Seite 90 heisst es zu Haushaltware und Hotelporzellan:

«Der auffälligsten Unterschied betrifft die Dicke des Porzellans: 1913 lancierte das Unternehmen eine grobwandige Modellserie, die bald als ‹SAC-› oder ‹Bahnhofgeschirr› zum Volksgut wird. Tatsächlich findet das Geschirr nicht nun in den Hütten des Schweizer Alpen-Clubs, sondern allgemein im Gastgewerbe grosse Verbreitung und trägt viel zur Popularisierung der Porzellanfabrik bei. Es bleibt über achtzig Jahre im Sortiment und geniesst heute Kultstatus.»

Auf dem Cover von Meiers Buch das Titelblatt einer Broschüre der Porzellanfabrik Langenthal von 1928, gezeichnet von Martin Peikert. Mehr zu diesem Zuger Reklamekünstler, bekannt durch seine sinnlichen Plakate zum Tourismus in den Bergen: https://bergliteratur.ch/wintersportplakate/. Zum Mitnehmen für einen gemütlichen Aufenthalt in einer SAC-Hütte ist das Buch etwas zu schwer, nämlich wie drei Suppenteller aus Porzellan. Nur wie eines wiegt hingegen der Kriminalroman «Oberaargauer Labyrinth» von Martin Geiser. Auf Seite 215 lesen wir:

«Die Porzellanfabrik war und ist für jeden Langenthaler ein gewichtiger Teil Kultur- und Wirtschaftsgeschichte der Stadt. Jeder hat irgendeine Verbindung zu dieser Firma, die immerhin weltbekannt war.»

In welche Hütte nehmen wir also den Porzi-Krimi mit? Wie wär’s mit der Cabane de l’A Neuve oberhalb von La Fouly im schweizerischen Montblanc-Massiv? Die bis 1952 Cabane Dufour genannte Hütte feiert 2027 ihren 100. Geburtstag. Vom Bergführer und Buchautor François Perraudin findet sich im Juni-Heft 2018 von «Die Alpen» ein Beitrag zum Charme der Hütte und zum Hüttengipfel Grande Lui:

«Hüttenwartin Martine Gabioud hört das Knacken der Gletscher von ihrer Küche mit dem massiven Holzofen aus. Gleich daneben befinden sich ein Zinkbecken und ein kleiner Arbeitsbereich, wo man Ellbogen an Ellbogen steht, um das Geschirr zu spülen und die dicken, weissen Porzellanteller in die Schränke zu räumen. Jedes Stück hat seinen Platz, sonst bräche das Chaos aus.»

Oliver Meier: Glanz und Elend der Porzellanindustrie. Eine Langenthaler Weltgeschichte. Chronos Verlag, Zürich 2026. Fr. 48.-

Martin Geiser: Oberaargauer Labyrinth. Gmeiner Verlag, Meßkirch 2026. € 16,00.

Spielt der Sport rechts?

Das weiss die jüngste Ausgabe des sporthistorischen Zeitschrift «Les Sports Modernes». 298 Seiten voller Analysen und Geschichten, voller Tore und Torheiten. Gewinner sind die Bergsteiger, die die Fussballer um ein paar Seiten schlagen.

«Worin lag das Faszinierende an der Persönlichkeit Kurt Richters? Es war nicht so sehr sein überdurchschnittliches bergsteigerisches Können, sondern vielmehr die Vollkommenheit, die sich in ihm bündelte. Er hätte auch ebenso gut im Fußball-Punktspielbetrieb mitmachen können.» – «Günter Warmuth wurde am 21.01.1942 geboren. Bevor er 1958 zum Klettern kam, spielte er Fußball.»

Am Freitag, 21. Juli 1967 um 13.30 Uhr steigen Kurt Richter und Günter Warmuth zusammen mit Fritz Eske und Günter Kalkbrenner, alle Mitglieder der Nationalmannschaft „Alpinistik“ der Deutschen Demokratischen Republik DDR, in die Nordwand des Eigers ein. Nach 17 Uhr stürzt die Vierseilschaft zwischen Schwierigem Riss und Hinterstoisser-Quergang ab, nicht wegen Steinschlags, wie die Verantwortlichen in der DDR behaupteten, sondern wohl wegen eines technischen Fehlers, aus Unachtsamkeit und insbesondere wegen ungenügender Seilschaftssicherung. War politischer Druck auf die Sportler mitverantwortlich für deren Tragödie am Eiger? Das fragt sich Rainer Rettner, bester Kenner der Eiger-Geschichte, in seinem Beitrag «Vertikale Propaganda – Die Eiger-Nordwand als Prestigeobjekt der Diktaturen in der NS-Zeit und der DDR». Die beiden obigen Zitate sind dem Artikel «Vor 40 Jahren: Unglück in der Eigernordwand» entnommen, den «Der neue sächsische Bergsteiger», das Mitteilungsblatt des SBB, im September 2007 publizierte.

Rettners Untersuchung findet sich in der vierten Ausgabe der sporthistorischen Zeitschrift «Les Sports Modernes», die sich diesmal diesem Thema widmet: Politique(s). Le sport est-il de droite? «Von oben betrachtet, von der Brücke aus gesehen, aufgrund von Verordnungen und Notwendigkeiten, die eng mit den Interessen seiner Förderer verknüpft sind, hatte man lange geglaubt – oder glauben wollen –, dass der Sport unpolitisch, neutral, weder das eine noch das andere sei, über Konflikten schwebend und sich anmutig den ideologischen Vereinnahmungen entziehend, woher diese auch kommen mögen.» Das fragen sich Grégory Quin und Christophe Jaccoud, directeurs de rédaction, im Editorial. «Mais, qui peut croire encore à ces jeux d’occultation et au mythe de l’‹apolitisme sportif› à l’heure où Donald Trump joue des coudes et s’incruste sur le podium de la Coupe du monde des clubs de football, quand Emmanuel Macron surjoue sa proximité avec des sportives et des sportifs; mais aussi quand des athlètes sont disqualifiés en raison d’une prétendue incertitude quant à leur identité de genre.» In seiner Einleitung zeigt Quin, dass der Sport, «unabhängig davon, ob der Sport politisch rechts (oft) oder links (manchmal) ausgerichtet ist», ein wirkungsvolles Instrument des Zusammenhalts darstellt.

Grégory Quin und Gil Mayencourt schildern auf 25 Seiten, wie das helvetische Turnen sich im Verlauf der Geschichte auf die konservative Seite schlug. Christian Koller, Direktor des Schweizerischen Sozialarchivs, deckt die unbekannte «sportliche Präsenz von Diktaturen in der Schweiz» auf. Werner Bosshard seinerseits, Mitherausgeber der «Clubgeschichte Grasshoppers», rollt den Fall Karl Rappan auf: Murat Yakins Vorvorgänger, der die Schweizer Fussballnationalmannschaft bei den bei Weltmeisterschaftsendrunden von 1938, 1954 und 1962 coachte, hat einen ziemlichen nationalsozialistischen Schatten. Sportgeschichte ist halt nicht immer schön rund.

Das runde Leder wird in den nächsten Wochen für gehörige Schlagzeilen sorgen. Die Schweizer spielen am Samstag, 13. Juni, gegen Katar, die Deutschen am 14. Juni gegen Curaçao. Doch in der aktuellen Ausgabe von «Les Sports Modernes» gewinnt nicht der Fussball, obwohl er ein paar Seiten mehr belegt als das Turnen, sondern das – Bergsteigen! Gut 36 Seiten über Eiger und über «Gipfelbücher im politischen Spannungsfeld sächsischer Bergsteigergeschichte», über «Ideologia e politica ad alta quata» und über «alpinistische Schwindel», wobei da der Fall Cédric Gras abgrundtief hervorsticht.

Christophe Jaccoud, Grégory Quin (Hrsg.): Politique(s). Le sport est-il de droite? Les Sports Modernes n°4, Société, Culture, Temporalité, Territoire. Éditions Alphil-Presses universitaires suisses, Neuchâtel 2026. Fr. 35.- https://www.alphil.com/livres/1489-1856-les-sports-modernes-numero-4-2026.html#/1-format-livre_papier.  Für Mitglieder der Association pour la valorisation des archives et de l’Histoire des sports (AvaHs) ist die Publikation im Jahresbeitrag von Fr. 60.- inbegriffen.

Auf den Spuren von Ella und Annemarie durch Asien

Zwei neue Bücher zum Reisen durch Asien, von Ost nach West, einmal mit dem Auto, einmal zu Fuss. Mit im Gepäck und im Kopf: Annemarie Schwarzenbach und Ella Maillart. Letztere wird bis am 1. November 2026 im Photo Elysée in Lausanne mit der Ausstellung «Récits photographiques» gewürdigt. Nichts wie hin, mit dem Zug, mais bien-sûr.

«Ich weiss nicht, wann das letzte Mal jemand von Indien nach Europa gefahren ist. Aber vielleicht muss man es gerade jetzt versuchen. 15000 Kilometer liegen vor uns. Eine Linie auf der Weltkarte, die uns alle verbindet.»

So endet das Kapitel «Zeit oder Raum», das den Auftakt dieser Reise beschliesst. Mit Edwina, so der Spitzname des schwarzen Hindustan Ambassador, eines massigen Autos made in India, fuhren Andreas Babst, heute NZZ-Korrespondent  für Südostasien in Bangkok, und seine Freundin, die Fotografin Rebecca Conway, von Juni 2024 bis November 2024 von Dehli zurück in die Schweiz, genauer nach Sils Baselgia. Nicht zufällig in dieses Dorf im Oberengadin, wo an einem Haus diese Schiefertafel angebracht wurde: «In Memoriam Annemarie Schwarzenbach 23. Mai 1908 – 15. Nov. 1942.» Sie war auf der Reise vor zwei Jahren von Anfang an dabei, wie im erwähnten Kapitel zu lesen ist: «Annemarie Schwarzenbach und Ella Maillart reisten Anfang Juni 1939 mit ihrem Ford aus der Schweiz Richtung Afghanistan. Aus der Reise entstanden zwei Bücher: Maillarts Der bittere Weg und Schwarzenbachs gesammelte Aufzeichnungen Alle Wege sind offen

Aus der Reise von Andreas Babst und Rebecca Conway entstand ebenfalls ein Buch: «Und vor uns die ganze Welt. Eine Reise über Land von Indien in die Schweiz.» Ich las das Buch in einem Zug – vielleicht müsste man schreiben: in einer Fahrt. Und blieb an Absätzen wie dem folgenden hängen, notiert beim Ronbuk-Kloster am 31. Juli 2024:

«Die Nacht hängt wie ein Samtvorhang über dem tibetischen Plateau, keine Geräusche hier oben, noch nicht. Wir warten, bis der Vorhang sich hebt. Keine Zeit hier oben, nicht wie wir sie messen, in Sekunden, Stunden, Tagen. Der Berg ist ewig. Die anderen Gipfel bilden eine Gasse für den höchsten von ihnen. Das Morgenlicht färbt den Mount Everest violett, dann ein graues Blau. Ich mach ein Foto mit dem Handy und komme mir dumm vor. Der Berg, er duldet uns alle nur.»

Im oben erwähnten Kapitel bemerkt Andreas Babst, dass ihm Schwarzenbachs Buch immer näher gewesen sein. Einem anderen Reisenden war Ella Maillart (1903–1997) näher. Immer wieder erwähnt er sie in seinem Buch, auch dann, wenn er nicht mehr ihren Spuren durch Asiens Gebirge folgt: «Voici au moins un toit comme je les comprends: on peut admirer les étoiles éclatantes avant de s’endormir! Lointaines, cerclées par la yourte, elles sont le fond d’un puits fabuleux…» Und dann setzt der Maillart-Anhänger noch eine Bemerkung hinzu: «Nous aurions été d’accord sur de nombreux sujets.» Er heisst Jérémy Bidé, Franzose, Wanderbegleiter, Skilehrer, Filmemacher. Sein erstes Buch mit dem prägnanten Titel «Fils du vent» beschreibt seine Fussreise «à travers l’Asie centrale, dans les pas des explorateurs d’antan». Der wichtigste dieser Forschungsreisenden von einst ist eben eine sie, nämlich Ella. Mit Jérémy möchte man nur selten mitwandern von Karakol nach Duschanbe, durch die Berge von Kirgistan und Tadschikistan, zu anstrengend, zu gefährlich, zu überwältigend vielleicht auch. Aber mitlesen, mais bien-sûr!

Und mitgehen und miterleben mit Ella Maillart natürlich auch. Deshalb bis am 1. November 2026 unbedingt ihre Ausstellung «Récits photographiques» im Photo Elysée in Lausanne besuchen. Liegt ja nur ein paar Schritte neben dem Bahnhof. Bei der Hinreise beginnen wir mit der Lektüre von Babst oder Bidé, bei der Rückreise vom bitteren Weg. Das Kapitel «Chorassan» setzt so ein:

«Wir rasten den Pass im Süden von Gurgan hinauf und entwichen der Dampfbad-Atmosphäre, die uns während der drei Tage beim Kaspischen Meer so sehr mitgenommen hatte – Menschenkörper sind nicht dazu bestimmt, ständig zu tropfen wie ein Sack mit Quark. Oben auf dem windgepeitschten Pass war es kalt; im Westen zerrissen die Gipfel der Elburskette die Wolken zu Fetzen.»

Andreas Babst: Und vor uns die ganze Welt. Eine Reise über Land von Indien in die Schweiz. Malik Verlag, München 2026. € 22,00.

Jérémy Bidé: Fils du vent. À travers l’Asie centrale, dans les pas des explorateurs d’antan. Éditions Glénat, Grenoble 2026. € 21.50.

Ella Maillart: Der bittere Weg. Mit Annemarie Schwarzenbach unterwegs nach Afghanistan. Lenos Verlag, Basel 2026 (fünfte Auflage). Erste deutsche Auflage 1948 im Orell Füssli Verlag unter dem Titel Auf abenteuerlicher Fahrt durch Iran und Afghanistan. In Lausanne bis am 1. November 2026: https://elysee.ch/expositions/ella-maillart-recits-photographiques/