Mit drei Männern im Schnee

Ganz ohne Material gelingt es selten, auf hohe Berge zu steigen. Diese Feststellung ist uns zwar nicht neu, aber nun präsenter denn je.

© Annette Frommherz

Das Hirschlein, das erlegte, lag abends zuvor gar saftig und zart auf unseren Tellern. Wir nächtigten im Berghaus Sulzfluh in Partnun, von wo aus wir anderntags bis zur Einstiegsstelle des Klettersteiges nur eineinhalb Stunden Aufstieg vor uns haben. Der 750 Meter lange Klettersteig, der 2005 eröffnet wurde, soll uns auf den Gipfel der 2‘817 Meter hohen Sulzfluh bringen. Es liegt Schnee da oben, auch in der Route haben wir einzelne weisse Flecken entdeckt. Weil garstiger Föhnwind vorausgesagt wurde, haben wir genügend warme Kleidung eingepackt. Mein Begleiter allerdings sucht vergeblich nach dem Klettergurt. Auch das Klettersteig-Set lässt sich nicht finden. Die beiden liegen als verschworene Verbündete unnütz im Auto unten und machen auf gemütlichen Sonntag. Gopfertami! Fluchen am Berg, das schickt sich nicht. Für einmal lassen wir es durch. Überhaupt: Ich kann mich nicht erinnern, mein Pendant jemals fluchen gehört zu haben. In den Bergen, das sei hier bestätigt, lernt man sich selbst nach längerem noch besser kennen.
Zu unserem Dilemma gesellen sich zwei Burschen, die wir kurz zuvor überholt haben; der eine Bursch‘ aus Österreich, der andere aus dem Rheintal. Weil ohne Klettersteig-Set selbst ein guter Kletterer nicht in die Wand einsteigen sollte, will mein Partner mich den Beiden anvertrauen. Beinahe wäre es ein Handel unter Männern geworden, hätte ich nicht mein frauliches Veto eingelegt. Der Liebste will alleine um den Berg herum auf den Gipfel stapfen und uns dort in Empfang nehmen.
«Geht es mit dem Tempo?» werde ich als Hinterste gefragt, kaum dass wir die kalten Griffe in die Finger bekommen. Der Berg muss geduldig sein. Erst wurde er mit Metall verbohrt, mit Leitern und Seilen bestückt, und seither stehen die Erwartungsvollen hier an Sommertagen im Stau, um auf den Gipfel zu gelangen. Heute aber, so kurz vor dem Winterbeginn, sind wir die Einzigen. «Alles klar bei dir?» Mir gefällt die Fürsorge, obschon ich in dieser sicher eingerichteten Route weder Höhenangst verspüre noch Zweifel an meiner Kondition hege. «Sollen wir kurz rasten?» werde ich gefragt, und verneine. Lieber möchte ich vorankommen, der Föhnwind ist ab der Hälfte der Wand zu garstig geworden, um länger zu verweilen. Kurz darauf spritzen dunkle Tropfen auf den hellen Fels. Aber die schwarze Wolke zieht über uns hinweg. ‚Panoramica‘ und ‚Deichmann-Steg‘ liegen bereits hinter, also unter uns, als die Burschen voran durch die ‚Klagemauer‘ steigen. Insgesamt 450 Meter Höhendifferenz sind zwischen Ein- und Ausstieg zu bewältigen. Den letzten Abschnitt zum Gipfel erreichen wir ungesichert. Diesmal wird auf mich gewartet, denn der sulzige Schnee und die dadurch rutschigen Stellen sind mir nicht geheuer.
Nur wenige Minuten vor uns erreicht mein Partner von der anderen Seite her den Gipfel. Es ist Ehrensache, dass meine Gipfelküsse zuerst den beiden fürsorglichen Burschen gehören, bevor ich mir denjenigen des Liebsten abhole. Mit der föhnigen Wetterlage sehen wir weit ins Montafon und hinüber nach Rätikon, und das Prättigau liegt zu unseren Füssen. Lange bleiben wir nicht beim Gipfelkreuz, der Wind pfeift böse um unsere Ohren. Gemeinsam steigen wir ab; erst vorsichtig über schneeverwehte, steinige Stellen, später halb rutschend, halb im Schnee einsinkend, talwärts.
Das Radler im Berghaus Sulzfluh nimmt mein Partner auf seine Runde. Schliesslich haben mich die Burschen wieder unversehrt abgeliefert.

2 Kommentare to “Mit drei Männern im Schnee”

  1. Anny sagt:

    Erfrischender Text, obwohl ich keine Klettersteigfreundin bin gluschtet es mich grad in die Route einzusteigen.
    Grüessli

  2. Milo sagt:

    wow sehr schön geschrieben. *Kompliment* :-)
    Der Tag war wirklich so schön wie du in beschreibst. Könnte man gerne wiederholen. hehe.
    Wünsch dir einen schönen Wochenstart.
    Schöne Grüsse aus dem Rheintal

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