Skitour auf den Züriberg

Mikroabenteuer ist ein ultimativ-urbaner Trend. Warum also in die Ferne schweifen? – Das Abenteuer beginnt gleich hinter dem Haus. Nicht der Montblanc ist mein Ziel, sondern der Züriberg.

Also los, weg aus dem Schaukelstuhl, mit dem Lift in den Keller, die Felle auf die Ski gezogen, gleich hinterm Haus in die Bindung getreten, den Hang hinauf und durch den Friedhof. Zwei Friedhofsarbeiter winken mir zu, lachen. Ich begehe also keinen Frevel, wenn ich meine Spur den Grabfeldern entlang ziehe. Dann das Rupperweglein hoch, wo Christa als Kind schon schlittelte. Man nannte es so, weil es so ruppig rüttelte mit dem Schlitten über die den gefrorenen Höcker hinweg. Auch heute vergnügen sich ein paar Mütter mit Kindern. Schön ist es doch, dass wieder einmal Schnee liegt bis in die Stadt. Die Ziegelhütte rechts liegen gelassen, die Hüttenkopfstrasse hinauf bis zum Gedenkstein für den Sturmwind Lothar, der hier gewütet hat, 1999. 200 Jahre zuvor wüteten in diesem Wald russische, österreichische, französische Truppen.
Doch jetzt ist alles friedlich, eine Frau mit Hund, ein Jogger in buntem Outfit, zwei rüstige Damen in strammem Schritt. Schwarzweiss die Welt, durch die ich hinaufsteige auf Waldstrassen, die mit Buchennüssen übersät sind. «Reiner weisser Schnee o schneie …» Das Gedicht von Gottfried Keller fällt mir ein. Vielleicht ist es ihm auf einem Spaziergang am Züriberg eingefallen. «Decke beide Gräber zu…», heisst es da. Hier sind es mehr als zwei, es sind tausende, Tausende Namenloser haben hier ihr Leben gelassen haben in den Schlachten bei Zürich. Wozu? Für nichts als die Machtspiele von Mächtigen. Die Welt hat nichts gelernt.
«Letziweg», «Batteriestrasse», «Massénastrasse». Namen erinnern an das Schlachten, an den französischen General, der die Koalition der Russen und Österreicher mit Kriegslist besiegte. Ich kehre ein Stück vor dem grossen Schlachtendenkmal um, bei einem Gedenkstein, der auch einem General gilt, einem schweizerischen, der nie eine Schlacht geschlagen hat. Adolf Hanslin, mein General, abgestürzt mit dem Helikopter, als ich in seiner Truppe diente, vor allem mit Jassen in irgend einer Landbeiz.
Ich ziehe die Felle ab, fotografiere den Gedenkstein. Ein in Gedanken versunkener Wanderer ganz in Schwarz lächelt mir zu. «Skitour auf den Züriberg», sage ich.
«Ja, man muss es benutzen, wenn’s schon mal Schnee hat.»
Früher war’s noch anders. Auch Max Frisch vergnügte sich auf Brettern am Züriberg, einfach auf der andern Seite, auf der «besseren». Die Ski, die ich von meinem Vater übernommen hatte, sahen genau gleich aus, richtige Bretter noch aus Eschenholz, keine Kanten, die Gleitfläche rot lackiert. Ich war mit ihnen immerhin auf dem Gemsfairen, meiner zweite Skitour. Bin also bescheidener geworden, altersbedingt. Aber den Gemsfairen würde ich wohl noch immer schaffen. Wer weiss?
Jetzt sause ich einfach mal die Waldstrassen hinab, schwinge im schönsten Tangotakt, manchmal sogar im Pulverschnee neben der festgefahrenen Piste. Die Mütter mit Kindern sind verschwunden, es ist schon etwas dämmrig geworden als ich durch den Friedhof kurve und den letzten Hang hinab bis vors Haus.
«A microadventure is an adventure that is short, simple, local, cheap – yet still fun, exciting, challenging, refreshing and rewarding», erklärt mir das Netz. Alastair Humphreys, ein britischer Autor und Abenteurer soll den Begriff geprägt haben, sein Buch «Microadventures» soll ein Bestseller sein. Ich brauche es nicht zu lesen, ich weiss ja, wie es geht.
Nach einer Stunde sitze ich wieder in der warmen Stube im Schaukelstuhl bei Tee und Birnbrot.

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