Fallätsche

Microadventure am Uetliberg. Direttissima durch den Erosionstrichter ob Leimbach.

Ein paar Schritte und die Zivilisation liegt hinter mir. Von der Sihltalstrasse in Leimbach führt ein Trampelweg dem Rutschbach direkt hinauf zur Fallätsche. Der Name des Bachs kündigt schon an, was kommt. Rutschiges Gelände, Sandsteinbänke, dazwischen Lehm- und Mergelschichten und zuoberst eine Bank Nagelfluh. Geologisch und botanisch interessantes Gelände, eine Welt für sich.

Vorderhand kämpfe ich mich fast wie durch Tropenwald-Dickicht – es ist ja auch ein Tropentag, der letzte dieses heissen Sommers wohl. Trotz Trockenheit ist die Vegetation üppig, meterhohe Gräser, Schachtelhalm, Dornengebüsch, Nadel- und Laubhölzer und Eiben, der Uetliberg ist einer der grössten Eibenstandorte Europas. Der Weg wird zum Bachbett, Sandsteinsstufen folgen sich, müssen auf erdigen Tritten umgangen werden. Höher oben kraxle ich dann nur noch auf allen Vieren, klammere mich an Wurzeln, Grasbüschel, Bäumchen oder einfach mit den Fingern in den Dreck. Fühle mich wie als Bub, als ich so oft und so einsam durch die Tobel und Höhlen des Zürcher Oberlandes streifte und deren Steilhänge hochkraxelte. Im Alter wird man wieder zum Kind, wird mir wieder einmal bewusst, geradezu körperlich. Und wie ein Kind geniesse ich die spielerische Kraxelei. Harmlos ist’s wohl nicht. Man könnte tatsächlich abrutschen, abstürzen, wäre nicht der Erste, der hier in Bergnot gerät oder gar zu Tode kommt. Letzte Nacht übrigens träumte ich vom Klettern, eine blockige Felswand hinauf, die plötzlich hinter mir zusammenstürzte. Ich erreichte aber das Ende der Route, ohne Angst.

Froh bin ich doch um die Trockenheit. Bei Nässe wäre die Route fast selbstmörderisch. Die rutschigen Tritte mit Laub bedeckt, das ich wegwische, bevor ich draufstehe. So wie man die Stufen in einer Eiswand putzt.

Eigentlich wollte ich zur so genannten Glecksteinhütte, die spektakulär auf einem Felsen thront, oft schon habe ich sie gesehen vom Teehüttli aus und dabei gedacht: da will ich mal hin. Nun bin ich da, finde sie aber nicht. Dafür unverhofft unter einem Überhang ein Bänklein und eine angekettete Gamelle mit Wandbuch, deponiert von einem Martin Mezger, vielleicht jenem, den ich kenne. Theologe war er, lebte im Glarnerland. Aber vielleicht gibt es mehrere Martin Mezger. Jedenfalls sei es schon das zweite Büchlein seit 2015, im ersten hätten sich zweihundert Leute eingeschrieben. Es gibt also offensichtlich einen inoffiziellen Fallätsche-Fanclub, zu dem ich nun auch gehöre, nach pflichtgemässem Eintrag.

Dann klettere ich weiter hoch, Trittspuren folgend, und erreiche sozusagen in Direttissima den Grat, begegne wieder Menschen, Wanderinnen mit Stöcken. Eine runde Stunde hat mein Mikroabenteuer oder Microadventure gedauert. Ich habe aber noch nicht genug von der eigenartigen Fallätschenwelt, steige ab zum Teehüsli und weiter unten, bei der Bristenstöcklihütte, die schwer am Abrutschen ist, quere ich wieder hinein in den grossen Trichter. Stehe plötzlich vor einem Hüttli, von dem ich noch nie gehört habe. «Felsenkammer» heisst es und gehört einem Club aus Leimbach mit etwa achtzig Mitgliedern, errichtet vor über hundert Jahren. Es gibt noch viele Hüttli am Uetliberg, fünf soll es allein in der Fallätsche geben. Hüttenromantik und Bergsehnsucht wird hier zelebriert. Abenteuerwelt vor der Haustür, Naturerlebnis ohne weite Reisen. Früher konnte man sich das auch gar nicht leisten. Es war die Zeit der Bergvagabunden und Wandervögel, der Knickerbocker und roten Socken. Aber auch besser betuchte Mitglieder des Akademischen Alpen-Clubs sollen an den Sandsteinklippen trainiert haben, ich weiss von Kletterern, die in den Sechzigerjahren hier mit Seil, Haken und Leiterli das technische Klettern übten. Fallätsche kommt ja von falaise, Felsen.

Am Schluss bin ich wieder auf dem Pfad beim Rutschbach, und da erinnere ich mich wieder an meine Jugendzeit. Für die Wanderungen, die nach einer Rundtour am Schluss wieder ein Stück weit der Anfangsroute folgten, hatte ich für mich den Begriff «Teppichklopferlauf» kreiert. Zeichnet man die Route auf, so gleicht sie einem Teppichklopfer mit Stiel. Nach einer Stunde und vierzig Minuten bin ich wieder am Ausgangspunkt, Bahnhof Leimbach. Leicht verschwitzt und glücklich.

4 Kommentare to “Fallätsche”

  1. Urs Steiner sagt:

    „Microadventure“ gefällt mir. Nun habe ich auch eine gute Bezeichnung für meine Tüürli mit dem bike, kajak oder zu fuss und es tönt auch etwas jünger. Kürzlich war ich zum ersten Mal im Leben auf dem Uetliberg/Planetenweg. Das Entdecken hört nie auf, auch wenn die Distanzen kürzer werden. Danke für den Text.

  2. René Edward Knupfer sagt:

    Fallätsche-Direttissima im Winter, in Eis und Schnee ! Ein echtes Bergabenteuer ! Verreckt alpin !

  3. Lieber Emil, schön, dass Du die Direttissima Nord durch die Fallätsche und das Büchlein entdeckt hast! Deine Vermutung stimmt: Der M.M. von Linthal und der M.M. von der Fallätsche sind identisch. Jetzt halt Üetli statt Tödi … Aber ich geniesse die Petites Fugues, Deine Microadventures, vor den Toren der Stadt sehr. Falls Du die Glecksteinhütte immer noch suchst oder das Fallätscheabenteuer Deine Lust auf mehr geweckt hat: http://www.trampelpfade-am-uetliberg.ch. Alles Gute, auch an Christa, und frohes Unterwegssein! Martin (Uto869)

  4. Beda Senn sagt:

    Wie man die grosse Welt doch immer auch im Kleinen findet und entdecken kann. Danke, Emil, für den eindrücklichen Text von diesem mikroabenteuerlichen Teppichklopferlauf!
    Übrigens: die nächste WortErosionen im Teehüttli sind am 10. November.
    http://www.bedasenn.ch/worterosionen

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