150 Jahre Johannes Jegerlehner

Als Johannes Jegerlehner, Autor von Werken wie „Bergluft“ oder „Bergführer Melchior. Ein Jungfrau-Roman“, am 17. März 1937 verstorben war, reimte die St. Galler „Volksstimme“ im Nachruf: „Kein Dichter ist zwar Jegerlehner/Doch findet viel Verleger jener.“ Am 9. April 2021 gedenken wir seines 150. Geburtstages.

«Ein herzliches Glückauf zur Halbjahrhundertwende und wärmste Segenswünsche zu erfolgreichem Wirken in der vollen Kraft der Reife von Ihrem ergebenen R.v.Tavel.
6. IV. 1921 auf d.Abreise begriffen.»

Postkarte des bekannten Berner Mundartschriftstellers Rudolf von Tavel an: Herrn Dr. Johannes Jegerlehner, Bern, Rabbenthalstrasse 39a. Die Karte musste nach Miège s/Sierre nachgeschickt werden, wo Jegerlehner, einst ein vielgelesener (Berg-)schriftsteller, Märchen- und Sagensammler, am 9. April 1921 seinen 50. Geburtstag feierte. Heute gedenken wir seines 150.

Die Postkarte mit der Gratulation von Autor zu Autor fand Beat Hodler zufällig im Mai 2020 auf einer Strasse in seinem Schosshaldenquartier in Bern. Die Schwiegertochter von Johannes Jegerlehner, bei der dessen Nachlass lagerte, war gestorben. Offenbar wussten die Erben und/oder die mit der Räumung der Wohnung Beauftragten nicht, was mit dem Jegerlehnerschen Schriftgut und Archiv zu machen sei. Deshalb wurde es kurzerhand in Säcken und Schachteln auf und neben einem Trottoirmäuerchen deponiert. Wenn dieses Erbe niemand gesehen und gemerkt hätte, was da Einmaliges liegt, wäre es im Abfall gelandet. Beat Hodler rettete vom Nachlass von Johannes Jegerlehner so viel als möglich. Nun soll er im Schweizerischen Literaturarchiv eine würdige Bleibe finden.

Und wir würdigen Johannes Jegerlehner an seinem 150. Geburtstag mit ein paar Zitaten aus seinem breiten und breit gefächerten Werk. Mehr zu diesem einstigen Erfolgsschriftsteller aus Thun im Literaturwanderbuch „Dies Land ist maßlos und ist sanft. Literarische Wanderungen im Wallis“ (Rotpunktverlag, 2006) sowie auf Wikipedia und www.bergliteratur.ch.

Ein Adler im Käfig, das ist wie ein Bergsenn in der Stadt.
Johannes Jegerlehner: Bergluft. Eine Erzählung aus der Schweizer Hochgebirgssommerfrische. Mit Zeichnungen von Hans Beat Wieland. G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung, Berlin 1920.

Ob man in Basel oder am Bodan, auf Genfer Erde oder im Tessin die Schweiz betritt, alle Wege führen ins Gebirge, in die lauter wie Silber strahlende Hochalpenwelt.
Johannes Jegerlehner: Die Schweiz. Eine Wanderung durch das Gesamtgebiet der Schweiz. 236 der schönsten Landschaftsbilder in Tiefdruck. Union Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 1925.

Mit dem Abendzug bist du angekommen und rammelst in der Frühe die Balken auf. Es ist nicht zu schildern. Weissglut schlägt dir entgegen. Die Eigerwand, schaurig und überwältigend zugleich, starrt vor dir in ihrem jähen, himmelhohen Sturz.
Johannes Jegerlehner: Das Berner Oberland. Velhagen & Klasing, Bielefeld 1930.

„Im Tessin reden wir Italienisch.“
„Domodossola – Maloja – Servola – Polenta.“
„Sehen Sie, das klingt ja wie ein Sonett.“ Das Fräulein kicherte und stöckelte auf den Zoccoli *) um eine Ecke weiter. „Ein Stück Kuchen, Herr Adjutant?“
„No, un cafè negro,“ erwiderte Schwarzpeter schroff.
„Negro? Die Neger sind in Afrika.“ Und weg war sie.
*) Holzschuhe [Anmerkung unten auf der Seite]
Johannes Jegerlehner: Grenzwacht der Schweizer. G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung, Berlin 1915.

Berauscht von dem Likör und dem vorher genossenen Wein, dem Duft ihres üppigen Haares und der begehrenden Zärtlichkeit, schlang er beide Arme um das Mädchen, sank und sank, ohne Halt unter den Füssen in ein fernes unheimisches Land, wo keine Wünsche mehr aufsteigen, weil sie alle, bevor sie sich melden, gestillt werden.
Johannes Jegerlehner: Unter der roten Fluh. Roman aus den Walliser Alpen. Grote’sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 1923.

Lord Douglas jammert leise, er erfriere. Nein, nein, verbessert er rasch, er habe nicht kalt. Nur auf der Stirne Hadows rinnen die Schweisstropfen.
„Nochmals den Kognak“, heischt Michel Croz. Ich packe aus meinem Tornister das Fläschchen aus, das noch halb gefüllt ist, es wandert von Mund zu Mund, Michel Croz trinkt den Rest und schleudert das leere Gefäss in die kristallklare Luft.
„Wie tief – wie tief!“ sagte Lord Douglas, „man hört nicht einmal ein leises Splittern.“
Johannes Jegerlehner: Die Todesfahrt auf das Matterhorn. Grote’sche Verlagsbuchhandlung, Berlin 1928.

„Ich steige noch rasch dem Mannli über den Buckel hinauf“, sagte Domi im halben Nachmittag zu Walter. „Begleitest du mich?“ Walter lachte abenteuerfroh. „Wenn du einen vernünftigen Trott gestattest, gerne. Ich bin kein Heuschreck und habe nicht deine geflügelten Beine.“
Johannes Jegerlehner: Kampf um den Gletscherwald. Eine Erzählung für die Jugend. Morgarten-Verlag, Zürich 1935, illustriert mit neun Zeichnungen von Sohn Hans Jegerlehner.

Ein breiter Wasserstrahl zischte säulengerade aus einem Gletscherschrunde und zerstäubte klatschend auf den untersten Hüttendächern. Jetzt noch einer und wieder einer, jeder höher und wuchtiger. Am Rande des Gletschers wälzte sich eine braune Wasserschlange heran, auf der silberne Schaumkronen tanzten. Klaus zog die Brauen zusammen und faßte das Kirchlein ins Auge. Er hatte den Knecht hinunter gesandt, damit er den Strang ziehe, wenn der See komme. Nun schellte das Glöcklein in schrillen, heftigen Schlägen, die rasch schwächer und schwächer wurden und im wilden Gebrüll der vorbeistürmenden Wogen erstarben. „Vater, kommt, hier sind wir nicht sicher“, flehte die Tochter und zerrte an seinem Arm.
Johannes Jegerlehner: Das verlassene Dorf. Huber Verlag, Frauenfeld 1917 (zusammen mit der Erzählung Der Hackbrettler; Reihe Schweizerische Erzähler, Band 8); das Titelbild stammt vom bekannten Plakatmaler Emil Cardinaux.

Jeder Baum in seiner Art und Urwüchsigkeit ist Kraft und Schönheit. Keiner gleich wie der andere, alle aber Kämpen voller Narben, Wunden und Siege. Hellgrün und sonnetrunken die Lärche, düster und weltabgekehrt das Gros der Arven. Stürme zausen das Geäst, acht Monate starren sie im eisigen Frost. Sie stöhnen, wenn die Äste brechen, der Blitz die Krone zerspellt und treiben wieder neue Sprossen. Wo die Tannen längst den Geist aufgegeben hätten, erheben sie das Haupt zur stolzen Wucht und Erhabenheit.
Johannes Jegerlehner: Der Aletschwald als Nationalpark, in: Schweizerische Zeitschrift für Forstwesen, 1933.

Sobald einer der drei Stummen, die man als Schutzengel des Dorfes hoch in Ehren hielt, starb, wurde ein anderer geboren, so dass man bis in die jüngste Zeit hinein im Dorfe immer drei Stumme zählte, nicht einen weniger und nicht einen mehr, während in den Nachbardörfern die Stummen zur Seltenheit geworden sind.
Neulich ist wieder einer der drei Stummen gestorben, und die Leute von Issert glauben, es werde bald wieder einer geboren werden. Sie glauben es nicht nur, sie sind dessen ganz sicher; der dritte Stumme muss ersetzt werden, sonst wird der Wildbach wieder anschwellen, und die Geister werden Macht über ihn gewinnen und dann wehe dem Dorfe!
Johannes Jegerlehner: Die drei Stummen von Issert, in: Was die Sennen erzählen. Märchen und Sagen aus dem Wallis. A. Francke, Bern 1907.

„Juhei, da bin ich!“
Heiri Schmidlehn setzte sich quer auf die First des im Winkel abgebogenen Wehrganges, der das Schloß schirmte, und blickte gen Mittag zu den Eisbergen hinüber, die glänzten, in die Nähe rückten und ihre dicken Schneepelze lockerten, sonst aber so wenig als um den Winter, sich um den Lenz zu kümmern schienen.
Johannes Jegerlehner: Die Schlossberger. Geschichte einer Jugend. Grote’sche Verlagsbuchhandlung, Berlin 1920. Jegerlehner wurde am 9. April 1871 als Sohn des Gefangenenwärters auf Schloss Thun geboren.

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