Mittelmoränen

«Die Spur der Steine» hiess mal ein Film, ich glaube er handete in der DDR, die vom Erdboden verschunden ist wie die Gletscher der Eiszeit. Nur ihre Spuren sind geblieben, «Erratiker», Findlinge, Felsblöcke, Fremdlinge. Ein Thema, das zum Nachdenken anregt, auch über die eigene Lebenswelt. Auch ich (der Blogmaster) wohne auf einer Mittelmoräne.

Mittelmoränen„Die ‚Grosse Flue‘ beim solothurnischen Weiler Steinhof hat ein Volumen von 1200 Kubikmetern und ein Gewicht von rund 3500 Tonnen. Es handelt sich um den mächtigsten Erratiker im schweizerischen Mittelland. Er besteht aus Hornblende-Gneis, wie er im Val de Bagnes vorkommt, und wurde auf der Oberfläche des Rhonegletschers vermutlich in einer Mittelmoräne herangeführt. Wenn wir eine Fliessgeschwindigkeit von 100 m pro Jahr annehmen, dauerte die Reise für die ca. 180 km lange Strecke 1800 Jahre.“

Heisst es in der Legende zum Bild dieses hausgrossen Findlings im Buch „Mittelmoränen. Heute und in der Eiszeit“ von Gerhart Wagner. Heute sind die Felsblöcke geschützt. Für viele Menschen waren sie früher in erster Linie einfach praktisch: als Unterstand, als Orientierungspunkt, als Opfertisch, als Baumarkt. Probleme gab es dann, als Wissenschaftler im 18. Jahrhundert vermehrt nach der Herkunft dieser Steine zu fragen begannen. Man merkte, dass sie fremd waren. Alpengestein auf Mittelland-Hügel, Aaregranit neben Jurakalk, das reimte sich auch geologisch gar nicht. Obwohl man durchaus noch an die Schöpfung glaubte: Gott konnte es ja nicht wirklich gewesen sein, der das Fremdmaterial transportiert hatte, sein Gegenspieler aber auch nicht.

Die Herren waren heillos überfordert mit den erratischen Blöcken – der damals entstandene Begriff leitet sich vom lateinischen „errare“ her, was umherirren und umherstreifen bedeutet. Irgendeine Kraft musste die Steine ja verrückt haben. Verrückte Theorien machten die Runde, von der Sintflut über Schlamm- und Geröllströme bis Vulkanausbrüche wurden viele Vermutungen geäussert und verteidigt. Aber keine Theorie passte wirklich. Im Wallis kam man der Sache näher. Im Sommer 1815 besuchte Jean de Charpentier, Salinendirektor von Bex, das Val da Bagnes, um die dortigen Gletscher zu besichtigen. In Lourtier übernachtete er im Hause von Jean-Pierre Perraudin, Bauer, Zimmermann und vor allem Gemsjäger. Beim abendlichen Gespräch, so schreibt Charpentier später in seinem epochalen Werk «Essai sur les glaciers et sur le terrain erratique du bassin du Rhône» von 1841, habe ihm Perraudin gesagt, dass die Gletscher früher eine viel grössere Ausdehnung gehabt und bis nach Martigny hinab gereicht hätten, „comme le prouvent les blocs de roches qu’on trouve dans les environs de cette ville, et qui sont trop gros pour que l’eau ait pu les y amener.“ Das ist der Schlüsselsatz: „Wie es die Felsblöcke beweisen.“ Und der Schlüssel zur Erkenntnis, dass nur Gletscher die Blöcke aus dem Val de Bagnes hinab ins Rhonetal, ja bis nach Solothurn transportieren konnten. So einfach und gleichzeitig so schwierig, sich das vorzustellen: Die Schweiz als Gletscher, in der sogenannten Eiszeit.

Und die sorgt bis heute für heisse Köpfe. Mit den Mittelmoränen nämlich, welche durch die Gletscher damals entstanden sind. All das steinige Material, das die Eisströme bei ihrem Vorstoss aus den Alpen ins Mittelland mitschleppten und abschliffen, liessen sie liegen. Nahmen es ja nicht zurück, als sie sich wieder ins Gebirge zurückzogen. Kurz vor seiner Pensionierung als Lehrer und Rektor am Gymnasium Bern-Neufeld gelang dem heute 94-jährigen Gerhart Wagner die Entdeckung, dass der bisher rätselhafte Moränenhügel Hüenerbüel bei Bolligen im Worblental bei Bern als Mittelmoräne zwischen eiszeitlichem Aare- und Rhonegletscher erklärt werden kann. Weitere Nachforschungen und Überlegungen führten ihn zur Erkenntnis, dass es im ganzen Land viele weitere Landschaftsformen gibt, die sich auf Mittelmoränen zurückführen lassen. Damit brachte er eingebürgerte Grundvorstellungen der Eiszeitgeologie ins Wanken – auch wenn seine Sichtweise nach wie vor umstritten ist. In seinem nun erschienenen Buch über die Mittelmoränen fasst er die Erkenntnisse der letzten Jahre zusammen und ordnet sein Modell in den aktuellen Diskurs ein. Wer das Buch aufschlägt, wird vertraute und unbekannte Anhöhen mit neuen Augen ansehen. Der Finkenhubel in der Berner Länggasse, nur ein paar Minuten entfernt von meinem Wohn- und Arbeitsort: ein Moränenhügel, aufgeschüttet von einer glazialen Mittelmoräne. Genauso wie der Lindenhof in der Stadt Zürich. Oder der Längswall im Vorfeld des Zmuttgletschers ob Zermatt, der in der Kleinen Eiszeit entstanden ist.

Und genau dorthin gehen wir morgen. Wenn der Schatten des Matterhorns nicht zu mächtig ist, dürfte uns die Novembersonne erwärmen. Aber eigentlich müssten wir nicht so weit fahren, um blauen Himmel zu sehen. Wenn der Wetterbericht stimmt, sollten auch die Mittelland-Höger am Nachmittag nebelfrei werden. Zum Beispiel der Äschiwald-Hügel ob Stettlen im Worblental. Zuerst auf dem Kamm der Mittelmoräne befindet sich ein Findling aus Tschingelkalk, den der Aaregletscher vom Mettenberg ob Grindelwald vor etwa 15‘000 Jahren liegengelassen hat. Seit 2011 heisst dieser Erratiker Wagnerstein.

Gerhart Wagner: Mittelmoränen. Heute und in der Eiszeit. Haupt Verlag, Bern 2014, Fr. 49.-

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