Traum bleibt Traum

Gestern ein Versuch an meiner Traumroute. Oder besser gesagt, ein Besüchlein. Na ja, es gibt halt Grenzen. Ich träume also weiter.

100525_0177_amden_zopfiWenn ich keinen Schlaf finde, stelle ich mir oft eine Kletterroute vor, eine ganz bestimmte. Ich kenne sie gut, habe sie früher oft geklettert, sie ist nicht lang, zwanzig Meter vielleicht, aber schwierig (für mein Niveau). Vor meinem inneren Auge lasse ich den Fels vorüberziehen, ich arbeite mich Griff um Tritt höher, hänge die Haken ein, packe energisch den Klemmgriff der Schlüsselstelle links, übergreife mit der Rechten in den Untergriff, spreize in den Halbmondtritt hinüber, finde mit der Linken das entscheidende Zweifingerloch … Vielleicht bin ich jetzt eingeschlafen, oder auch schon früher, unten bei der überhängenden Schuppe … bin kletternd ins Traumland des Unbewussten hinübergeglitten. Mein Einschlafritual funktioniert nicht immer, aber immer nur bei dieser einen Route, auch wenn ich es mit andern auch schon versucht habe. Warum, das ist mir selber ein Rätsel. Vielleicht, weil ich diese Route in Wirklichkeit schon einige Jahre nicht mehr klettere. Ich schaffe sie nur noch im Traum. Das heisst, ich träume immer noch davon, sie eines Tages doch wieder zu versuchen, wer weiss, es könnte ja ein Wunder geschehen. Letzthin war ich so weit, also fest entschlossen, doch es tummelten sich schon ein paar Junge am Einstieg, und da wollte ich keine peinliche Vorführung riskieren. Es ist schon so, einmal ist es zu kalt, dann wieder zu heiss, dann hat es zu viele Zuschauer oder es hat kürzlich geregnet und ein Wasserstreifen zieht über die Route herab. Oder dann bin ich gerade nicht in Form. Na ja, ich klettere sie nun halt im Traum, meine Traumroute.

Als ich ein junger Kletterer war, gab es noch keine Kletterhallen, und wenn es im Spätherbst einschneite in den Bergen, dann war für ein paar Monate aus mit Klettern. Eine grosse Leidenszeit begann, denn ich war damals (schon) süchtig nach Bergen und Felsen. Lag ich im Bett, dann liess ich die Traumrouten des vergangenen Sommers wie Filme vor dem inneren Auge vorbeiziehen, um sie wieder und immer wieder zu erleben. Später begann ich dann, diese Bilder aufzuschreiben, kleine Erlebnisberichte entstanden und ein verständnisvoller Redaktor des Infoblättchens meiner Alpen-Club-Sektion druckte sie ab. Selbst bei der Zeitschrift «Die Alpen» des SAC kam ich einmal zu Ehren mit einem Bericht über eine wilde Klettertour in den Salbittürmen. Im Grunde genommen haben mich meine Träumereien zur Schriftstellerei geführt. Heute scherze ich gelegentlich, wenn es damals schon Kletterhallen gegeben hätte, wäre ich nie Schriftsteller geworden, aber vielleicht ein Vorläufer von Ueli Steck & Co. Ich hätte ja dann im Winter trainiert, statt geträumt und geschrieben.

Der irisch-amerikanische Schriftsteller Frank McCourt erzählt in seiner Autobiografie, wie er als mausarmer Einwandererbub in New York abends in seiner kalten und dunklen Kammer unter die Bettdecke kroch und sich mit «Kino im Kopf» die Zeit vertrieb. Genau so wie ich mit meinen Kletterträumen. Bestätigt hat mich auch der deutsche Schriftsteller Martin Walser mit der Aussage: «Schreibend antworten wir auf einen Mangel.»

Nun, vielleicht werde ich meine Traumroute doch nochmal versuchen, wenn alles stimmt, Temperatur und körperliche Form und auch alles andere. Ich hoffe einfach, dass ich dann an der Schlüsselstelle nicht einschlafe.

 

P.S.

Gestern stimmte einfach alles, also fast alles. Die Route trocken, keine Zuschauer, vielleicht ein bisschen zu heiss schon. «Ein kleines Besüchlein», meinte meine Partnerin. Also los. Eben hatte sich eine Wolke vor die Sonne geschoben. Doch schon beim zweiten Haken schaffte ich das Übergreifen nicht und hing. Irgendwie sah die Stelle doch etwas anders aus als in meinen Träumen. Bei der Schlüsselstelle brannte dann die Sonne wieder auf die Wand, keine Chance, den Zangengriff zu halten. Also ab. Na ja, ich habe die Route schon hundertmal geschafft. Das ist halt schon Jahre her. Aber wie sagt man so schön: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Ich aber vielleicht doch schon ein bisschen früher …

(Foto Marco Volken)

 

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