Wanderlust

Nachdem der Wanderstock zur Pflichtausrüstung jeden Spaziergängers erklärt worden ist, gehört nun auch das Buch im Rucksack zum Tagesbefehl in Sachen Wanderlust. Die Gedanken der Dichter und Denker mögen noch so schwer sein, am Rücken tragen sie sich leicht. Hier die Rezension der neuesten Pflichtlektüre für Wanderer und Wanderinnen.

Das Wandern ist des Müllers Lust,
   Das Wandern!
Das muss ein schlechter Müller sein,
Dem niemals fiel das Wandern ein,
   Das Wandern.

Das kennen wir doch, dieses Gedicht, dieses Lied! Könnten gleich mitsingen, jedenfalls die erste Strophe. Die vier andern schon weniger. Und den Namen des Dichters? Kennen wir kaum. Dabei ist es ganz einfach: gleich wie derjenige, der da gerne wandert. Müller also, Wilhelm Müller, geboren am 7. Oktober 1794 in Dessau, gestorben ebenda am 1. Oktober 1827.

„Wanderschaft“ heisst das Gedicht. „Wanderlust“ das Buch, worin das Lied aktuell zu finden, zu lesen und zu singen ist. Zusammen mit andern 30 Texten zum Thema, ausgewählt von Daniel Kampa für den Diogenes Verlag. „Ein Buch für jeden Rucksack“ – wie ein Kleber auf dem Umschlag verspricht. Und so machen wir uns mit Robert Walser auf den Weg, natürlich mit einem der Schriftsteller, der ein Leben lang hin und her, weit und lang gewandert ist und schliesslich auf einer Wanderung liegen blieb. Erfreuen uns mit Joseph von Eicherdorff an romantischen Wäldern, überleben mit Alfred Andersch ganz knapp eine Wildnistour im hohen Norden, begegnen ganz kurz dem hier auch schon vorgestellten „Lenz“ von Georg Büchner, planen mit Remco Campert eine Fussreise nach Paris. Arnold Kübler hat sie gemacht und darüber ein Buch geschrieben, doch in diesem Lesebuch wandert er nicht mit. Mehr als die Hälfte der ausgewählten Autoren werden bei Diogenes verlegt, was weiter nicht erstaunt. Die Angaben zu ihnen, zu den Erstausgaben der Texte und zum jeweiligen Kontext sind etwas mager geraten, doch vielleicht dachte sich der Verlag, 288 Seiten sind für den Rucksack genug. Mit Doris Dörrie ist übrigens auch eine Frau mit von Partie; auf ihrem Inkapfad will man eher lesend gehen als umgekehrt.

Gehört nicht beides sowieso irgendwie zusammen? Erst recht heute am 23. April, am Welttag des Buches! „Alle meine Romane sind mir beim Gehen eingefallen“, sagt Georges Simenon; also muss er viel gegangen sein. „Der richtige Spaziergänger ist wie ein Leser, der ein Buch nur zu seinem Zeitvertreib und Vergnügen liest“, doziert Franz Hessel im Aufsatz „Die Kunst spazieren zu gehen.“ Und was schreibt Max Frisch „Vom Wandern“? So der Titel eines Essay, der am 11. Oktober 1936 in der Neuen Zürcher Zeitung erstmals erschien: „Man muss gepilgert sein, […] weil die Landschaft nicht wie ein schlechtes Buch ist, wo man die mittleren Seiten einfach überschlagen kann und das Ende dennoch begreift, nein, man muss ihre leisen Übergänge mitmachen.“

Wandern und lesen: Darüber liesse sich ein Buch schreiben. Da müsste auch folgende Szenerie Platz finden. „Nahe bei Vevey liegt Clarens, und gerade hinüber Meillerie, die Szenen von Rousseaus Heloïse“, schrieb 1779 der Engländer William Coxe in „Sketches of the Natural, Civil and Political State of Switzerland“, 18 Jahre nach Erscheinen des Briefromans „Julie ou La nouvelle Héloïse“ des Genfers Jean-Jacques Rosseau. „Ich nahm deswegen aus Lausanne diesen Roman aus einer Lehnbibliothek mit und verglich die Landschaft, wie ich sie fand, mit den Gemälden dieses berühmten Schriftstellers. Kleinigkeiten kann man prächtig ausstaffieren; aber kein Pinsel, soviel Seele er auch hat, wird die wunderbaren und hohen Werke der Natur erreichen; und auch Rousseaus Farben unterliegen der Schönheit dieser Landschaft. Ich las mit Aufmerksamkeit die vornehmsten Stellen dieses außerordentlichen Werks; und nun, da ich das Theater ganz vor meinen Augen sah, stiegen im Durchlesen Empfindungen in mir auf, die ich zuvor nie gefühlt hatte.“

Nach dermassen hohen Gefühlen wollen wir mit Wilhelm Busch die Wanderung beschliessen, so wie es „Wanderlust“ vorgibt:

Nun gut. Du musst ja doch verreisen.
So fülle denn den Wanderschlauch.
Vielleicht vernimmst du neue Weisen,
Und Hühneraugen kriegst du auch.

Wanderlust. Ein Lesebuch, Diogenes Verlag, Zürich 2012, Fr. 15.90.

Kommentar abgeben