Brautwerbung auf dem Breithorn

Liebe am Berg – ein altes Thema. Im besprochenen Zermatt-Roman, 1910 erschienen, ist es wörtlich zu nehmen. Zwei Männer, eine Frau. Das klassische Bergdrama-Setting. Unter andern Gipfeln am Breithorn, das heute vor 200 Jahren zum ersten Mal betreten wurde. Von fünf Männern. Also kein Drama.

„As we get on to the arête nearer the top, and the sun acquires more power, the snow becomes softer, the penalty of our late start, and the toil becomes greater; we sink in over our ankles; indeed, Dr. Spencer and I, being heavy men, often bury our knees; but our convoy move bravely on, and in very little more than four hours from the Gandegg Hut, we are on the top.
13,685 feet is Cordelia’s score to-day. She has piled Pelion on Ossa, and Scafell on the Riffelhorn!”

Höhepunkt der Sommerferien in Zermatt: die Besteigung des Breithorns. Heute wie vor gut 100 Jahren. Am 19. August um 1909 erreichte der Konvoi mit Miss Cordelia M. Preston den Gipfel, und mit ihr eigentlicher Zukünftiger George Vaughan sowie sein frischer Nebenbuhler John Templar, der Erzähler der Breithorn-Tour und des ganzen Zermatt-Romans. Dieser beginnt am 1. August mit der Fahrt von Visp auf die Riffelalp, auf der sich Cordelia und John zufällig kennenlernen, und er endet Mitte September, nach einem Abstecher nach Saas-Fee, auf der Station Rotenboden der Gornergratbahn. Genaugenommen noch ein paar Monate später, denn wie dem Postcript zu entnehmen ist, gibt es eine Hochzeit zu feiern – wen Cordelia schliesslich wählt, sei nicht verraten. Titel des Romans: A Snail’s Wooing. Was wörtlich heisst: das Hof machen eines Faulpelzes. Der Untertitel verdeutlicht die Liebesgeschichte: The Story of an Alpine Courtship. Die alpine Brautwerbung findet nun aber nicht nur im Grandhotel auf der Riffelalp statt, sondern auch auf Wanderungen zum Grünsee oder zur Bétempshütte (so hiess früher die Monte-Rosa-Hütte), auf Klettereien am Riffelhorn und auf Bergtouren zum Breithorn und zur Wellenkuppe. Autor Edmund MacKenzine Sneyd-Kynnersley stellt in seinem 1910 veröffentlichten Werk das ganze alpintouristische Potenzial von Zermatt vor; das Matterhorn hat seinen (prominenten) Auftritt wie Dent Blanche, Lyskamm und Dom, aber auch Bietschhorn und Jungfrau werden genannt. Und ausseralpine Berge, wie das bildungsbeflissene Zitat oben beweist: Der Scafell Pike (978 m) im Lake District ist der höchste Hügel Englands, Pelion (1624 m) und Ossa (1978 m) sind griechische Gipfel. Es gibt noch einen Mount Ossa (1617 m) in Tasmanien, aber den meinte der Autor bestimmt nicht.

Erstaunlicherweise ist „A Snail’s Wooing“ in Swissbib, dem Metakatalog der Schweizer Hochschulbibliotheken und der Schweizerischen Nationalbibliothek, nicht enthalten. Mein Exemplar verdanke ich Tony Astill von www.mountaineeringbooks.org, der mich vor einer Zeit fragte: „I expect that you will have this book in your collection“. Natürlich wollte ich es in meiner Sammlung haben! Schliesslich verbrachte ich als Kind und Jugendlicher fast alle Sommerferien im Wallis, zuerst in Saas Fee, dann in Zermatt und zuletzt wieder in Saas Fee. Das Breithorn war wie für Cordelia mein erster Viertausender. Am 29. Juli 1966 erreichte ich mit knapp zwölf Jahren am Seil der Eltern das höchste Schweizer Breithorn (4164 m). Beim Rückweg kletterten wir noch auf das Kleine Matterhorn (3883 m): „Wegen meiner roten Windjacke werde ich eifrig fotografiert“, notierte der Vater ins erste Tourenbuch seines Sohnes.

Höhepunkt der Sommerferien in Zermatt: die Besteigung des Breithorns. Heute wie vor genau 200 Jahren. Am 13. August 1813 um 12.30, nach siebeneinhalb Stunden Aufstieg vom Theodulpass her, standen der französische Reisende Henri Maynard in Begleitung von Bergführer Marie Joseph Couttet aus Chamonix und von Jean-Baptiste Erin, Jean-Jacques Erin und Jean Gras aus dem Valtournenche als erste Menschen auf dem Breithorn. Damit war nach der Jungfrau und dem Finsteraarhorn der dritte 4000er der Schweizer Alpen bestiegen – und der erste in der Gipfelkrone von Zermatt.

Edmund MacKenzie Sneyd-Kynnersley: A Snail’s Wooing. The Story of an Alpine Courtship. MacMillan and Co., London 1910.
www.mountaineeringbooks.org

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