Auf Pirsch

Die Jagd fasziniert und provoziert. Sie ist Teil des vielfältigen Beziehungsgeflechts, das Mensch und Tier verbindet. Auf geht’s zur Lese-Jagd.

«‹Das war saugut›, lobte Alma am nächsten Tag ihre Rotte. Die Jagdhütte sei weg, die Jäger ihrer Basis im Wald beraubt, und mit Garantie würde nie jemand auf die Idee kommen, dass es vorsätzliche Brandstiftung war. Allerdings warnte Alma gleichzeitig vor allzu früher Euphorie: ‹Meine liebe Rotte, das war erst der Anfang.›»

Denn die Wildschweine wollten für alle Menschen die weissen Haie des Waldes werden. Aus so einfachem wie plausiblem Grund: Ein Jäger hatte an einem frühen Novembervormittag im Oberbaselbiet den Keiler Franz, den Herrscher des Waldes, erlegt. Und das wollte sich seine Rotte nicht gefallen lassen. Ein junges Mitglied sprach von „Schweinerei“, worauf ihn Leitbache Alma böse zurechtwies: „Pass deine Sprache an, Bürschchen. Das ist keine Schweinerei, das ist höchstens eine Menscherei!“ Barbara Saladin verfasste die überraschende Jagdgeschichte „Die Rotte“ für den blutfrischen Sammelband „MordsSchweiz“, den sie zusammen mit Paul Ott für das Schweizer Krimifestival herausgab, das am 17. und 18. September 2021 in Grenchen über die Bühne gehen wird.

Nicht die einzige lesenswerte der 25 Stories, die zu einem knappen Drittel im mörderischsten Kanton der Schweiz spielen – das Erbe von Glauser, Dürrenmatt & Co. halt. Doch die Jagd nach dem Verbrechen findet nicht nur in Bern, Spiez und Liebefeld statt, sondern auch am Lago Maggiore, auf der Moosalp, in Züri natürli und auf dem Matterhorn, dem richtigen, wobei der Titel vorsichtshalber und passenderweise „Matterhörnli“ heisst, weil das Rumklettern am Berg der Berge doch etwas zu locker vom Hocker geht.

Aber begeben wir uns noch richtig auf Pirsch. Mit dem Jagdroman „Tod am Steinernen Meer“ von Markus Bennemann. Das Steinerne Meer ist, so weiss es Wikipedia, ein verkarsteter Gebirgsstock mit ausgeprägten Hochflächenbildungen in den Nördlichen Kalkalpen. Und die Berchtesgadener Anomalie, die in diesem Krimi auch eine Rolle spielt, ist ein Phänomen der Geomagnetik. Die Hauptfigur in diesem gebirgig-geologisch-erotischen Jagdkrimi heisst Diana – wie denn sonst? Sie ist die Göttin der Jagd. Und, auch wenn das vielleicht auf den ersten und zweiten Blick nicht zusammengeht: des Mondes und der Geburt sowie die Beschützerin der Frauen und Mädchen. Item, diese Diana am Steinernen Meer hat es knüppeldick hinter den Löffelohren.

Wenn wir am Jagen sind: Der Schweizer Schriftsteller Meinrad Inglin war ein eingefleischter Jäger. In der Kurzgeschichte „Ein Jäger erzählt“ aus „Verhexte Welt. Geschichten und Märchen“ (1958) lässt er einen alten Jäger ein paar haarsträubende Geschehnisse schildern. Auf www.meinradinglin.ch/html/mainframe/themen/jaeger.html findet sich mehr zu diesem die Geister scheidenden Thema. Apropos Inglin: Der Limmat Verlag bringt im September 21 eine Auswahl aus seinen Erzählungen unter dem in diesem Jahr einem Volltreffer gleichenden Titel heraus – „Schneesturm im Hochsommer“.

Damit bleibt mir nur noch die edle Aufgabe, auf die neue Biwak-Ausstellung im Alpinen Museum der Schweiz zu zielen: „Auf Pirsch. Vom Handwerk der Jagd“. Sie macht sich auf die Spuren von Jägerinnen und Jägern und fragt, was sie antreibt, wie ihre Beziehung zum gejagten Tier ist und weshalb man heute überhaupt noch jagen soll. Guter Grund, Fährte aufzunehmen – für die Menschen so gut wie für die Wildschweine.

Paul Ott, Barbara Saladin (Hrsg.): MordsSchweiz. Krimis zum Schweizer Krimifestival. Gmeiner Verlag, Messkirch 2021. € 14.00. Alle Infos, Broschüre zum Download, Teilnehmende: https://krimifestival.ch/programm

Markus Bennemann: Tod am Steinernen Meer. Gmeiner Verlag, Messkirch 2021. € 12.00.

Meinrad Inglin: Schneesturm im Hochsommer. Erzählungen. Herausgegeben von Ulrich Niederer. Mit einem Nachwort von Usama Al Shahmani. Limmat Verlag, Zürich 2021. Fr. 28.00

Biwak#28 im Alpinen Museum der Schweiz in Bern: Auf Pirsch. Vom Handwerk der Jagd. 26. August 2021 bis 2. Januar 2022. Vernissage am Mittwoch, 25. August 2021, 18.30 Uhr im Yehud Menuhin Forum, Helvetiaplatz 6, Bern. Der Eintritt ist frei, die Platzzahl beschränkt. Anmeldung bitte unter: booking@alpinesmuseum.ch oder 031 350 04 42.

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