Das Berner Oberland in untergegangenen Büchern

Ein anderes Heidi, ein falsches Oberland, ein böser Fluss und ein unbekanntes Tal: Erkundungen im bergliterarischen Hinterland.

«Am Sonntag gab es ein Festessen. Die Köchin machte zum Schlegel einen mit süβer Butter begossenen Erdäpfelstock. Ein guter grüner Salat paβte ausgezeichnet dazu. Während des Mahles war viel von Annelis Vater die Rede. Das Mägdlein war glücklich. Eifrig hantierte es in seinem Teller mit Gabel und Löffel.
Da lachte die Frau Direktor hell heraus: „Was hast du auch gemacht, Anneli?“
Auf einmal guckten alle nach seinem Teller. Errötend gab es Auskunft und deutete die Berge seines Kartoffelstockes: „Das ist der Eiger, das der Mönch, und hier ist die Jungfrau. Da geht’s nach dem Breithorn, da liegt Mürren, und diese Spitze ist das Schilthorn.“»

Hunger? Heimweh? Bei Anneli natürlich das zweite. Auf Schenkelfleisch am Sonntag hätte das Mürrener Mädchen bei der Fabrikantenfamilie am Zürichsee bestimmt verzichten können. Aber diese Sehnsucht nach den heimatlichen Bergen! Wir kennen das. Die halbe Welt auch. Heidi! Das berühmteste und auflagenstärkste Buch der Schweiz, 1880 erstmals erschienen. Bei Ernst Eschmann (1886–1953) ist aus dem Heidi ein Anneli geworden: „Das Klöppel-Anneli. Eine Geschichte aus dem Berner Oberland“. Die erste Auflage 1928, die vierte 1954, jeweils bebildert von Hans Tomamichel. Ein Jugendroman über ein armes, härzigs, vaterloses Meitli, an dem Feriengäste aus dem fernen Zürich Gefallen finden, so dass es dort einmal ein paar Monate bei seiner gelähmten Freundin und deren Eltern verbringt. Ich glaube, am Schluss heiratet Anneli den Christian, von wo der auch immer kommt – vielleicht vom Züriberg statt vom Allmendhubel? Den Hinweis auf die kulinarische Relief-Inszenierung fand ich in „Volk und Dichtung des Berner Oberlandes“ (1976) des Seminarlehrers Hans Sommer – eine Fundgrube sondergleichen. Und weil sich die Schweizerische Nationalbibliothek nur ein paar Fahrradminuten entfernt von der Muesmatt befindet, wo ich lebe und arbeite, so können solch vergessene Preziosen der schweizerischen bzw. der oberländischen (Berg-)literatur an einem sonnigen Nachmittag angeschaut und teilgelesen werden.

Das Berner Oberland also. DAS Oberland. Dabei gibt es noch acht andere in der Schweiz. Krak Ehler, offenbar ein Pseudonym für Albert Friedenthal (1862–1921), hatte den Überblick nicht ganz, nicht mal über das bekannteste. Denn in seinem 1907 herausgekommenen Bericht „Auch eine Schweizer Reise und anderes“ weilt der Berliner in Meiringen und will anderntags das Berner Oberland besuchen. Dabei liegt Meiringen schon im Oberland. Aber lesen wir selbst in diesem von Paul Haase illustrierten Buch:

«In Meiringen besuchte ich die weit und breit gerühmte Aareschlucht, eine der groβartigsten Unternehmungen der Natur, die man sich denken kann. Mit wildem Geheul schluchzt hier die Aare in der Tiefe, gefesselt durch himmelhohe Felswände. Eine vor mir gehende Miβ sprach zu ihrer Begleiterin, sie wäre simply spellbound; dabei redete sie fortwährend. Ich schlieβe nun, indem ich tief Atem schöpfe, um das nächste Mal die gröβte Sehenswürdigkeit der Schweiz zu schildern, die zu genieβen mir noch bevorstand: das Berner Oberland – beinahe hätte ich geschrieben Berliner Oberland.»

Von der Aareschlucht in die Kanderschlucht. Von nature made zu man made. Bis 1714 floss die Kander unkontrolliert und zu Überschwemmungen führend durch das Glütschbachtal und über die Thuner Allmend in die Aare. Deshalb bohrte man vor 300 Jahren durch den Strättlighügel, der die Kander vom Thunersee abhielt, einen Stollen, der später dann einstürzte, so dass die Kander nun durch eine Schlucht ihr Wasser und Geschiebe in den See entlässt. Der Kanderdurchstich war die erste grössere Gewässerkorrektion in der Schweiz. Er löste Probleme und schuf neue. Erstens kam es nun in Thun selbst zu Überschwemmungen, weil die Abflusskapazität der Aare beim Seeausfluss nicht – wie ursprünglich vorgesehen – vor der Einleitung der Kander in den See vergrössert wurde. Und zweitens erodierten die Flussbette der Kander und der Simme, die zwei Kilometer vor dem Strättlighubel in die Kander einmündet, um beinahe 40 Meter in die Tiefe. Was wiederum Gegenmassnahmen erforderte – und dies noch immer tut. Vom Jahrhundertbauwerk Kanderdurchstich erzählt Hans Schmitter (1913–1988) in „Benz. Eine Geschichte von wilden Wassern und krummen Wegen“. Kurzer Ausschnitt aus dem von Heiner Bauer geschmückten Jugendbuch aus dem Jahre 1960:

«Der Kampf mit der Kander gehörte für die Anwohner am Unterlauf des Bergwassers zum harten Leben wie der Kampf gegen Schnee und Eis, gegen Hitze und Trockenheit. Die Leute litten unter dem Flusse. Was sollten sie aber tun? Kann man sich auflehnen gegen den Blitz, gegen den Frost? Jedes Kind wuβte es: Schneeschmelze und Regen im Frühling – die Kander wird aus ihrem Bette treten. Heftige Gewitterregen im Sommer – sie übersteigt die Ufer, unvermeidlich, unerbittlich.»

Ja, diese Gewässer – im Berner Oberland. Zu dichterischen Höhenflügen anregend, wie der Staubbach bei Lauterbrunnen (Johann Wolfgang Goethe). Zu kriminalliterarischen Abgründen verhelfend, wie die Reichenbachfälle bei Meiringen (Arthur Conan Doyle). Zu ohrwurmigen Liedtexten führend, wie der Louwibach bei Lauenen (Georges «Schöre» Müller) – in seinem Lied geht es natürlich um den See, nicht um den Bach. Ebenfalls im Saanenland angesiedelt hat der in Gsteig geborene Johann Jakob Romang (1831–1884) viele seiner Werke. Auf der Rüschbachbrücke gleich neben dem „Bären“ ist eine Gedenktafel für ihn angebracht. Die Erzählung „Der alte Gemsjäger“, abgedruckt in einem Sammelband von 1864, führt uns der Autor durch das Tschärzistal zum Arnensee hinauf. In seinem Oberlauf heisst der Bach Aigue Courbe, weil er dort noch durch Waadtländer Boden plätschert. Und genau dort kurvte ich am letzten Freitag mit dem Ski zum See hinab, bevor es dann zu Fuss dem Bach entlang nach Feutersoey ging. Lesend wechseln wir nun den Lauf:

«Steigt man dem wildbrausenden Tschärzisbache nach dieses Alpenthal hinan, so hat man oben rechts von sich die zackigen Tschärzisflühe mit ihren braunen malerischen Wänden, weiter unten grüne Tannenwälder und zunächst die Vorsaβen mit ihrem üppigen Graswuchs, ihrer bunten Flora. Links braust in waldigen Schluchten der Tschärzisbach, weiβschäumend von einem Felsblock, der seinen hastigen Lauf hemmen will, an den andern prallend.»

Ernst Eschmann: Das Klöppel-Anneli. Eine Geschichte aus dem Berner Oberland. Orell Füssli, Zürich 1928.

Krak Ehler: Auch eine Schweizer Reise und anderes. Harmonie, Verlagsgesellschaft für Literatur und Kunst, Berlin 1907.

Hans Schmitter: Benz. Eine Geschichte von wilden Wassern und krummen Wegen. Francke, Bern 1960.

Johann Jakob Romang: Der alte Gemsjäger, in: Aus Ost und West. Gesammelte Erzählungen, Novellen und Gedichte. Band 1. Rieder & Simmen 1864.

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